The last Song [Nimue & Shio]

    • Kyle

      Ihre Worte prallten an mir ab als wären sie nicht von Bedeutung. Ich wich keinen Millimeter zurück. Meine Mundwinkel zuckten gefährlich. "Du redest verdammt nochmal zu viel, dafür das du niemanden kontrollieren willst." Ich machte ebenfalls einen Schritt auf sie zu, sodass der Raum zwischen uns noch kleiner wurde. Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust und sah ihr tief in die Augen. "Weißt du was das Lustige an der Ganzen Sache ist? Das du dieses Spiel genau so mitspielst wie ich und es anscheinend noch genießt."
      Kurz blickte ich auf ihre Lippen, dann löste ich meinen Blick wieder und sah ihr wieder in die Augen. Mein Grinsen wurde stärker und ich bewegte mich noch ein Stück mehr auf sie zu. Nun war da nur noch diese aufgeladene Spannung, die einen Platz fand. "Mir geht es hier nicht um dieses blöde Bier. Du mischt dich hier in Sachen ein die dich nichts angehen und versuchst auch noch Punkte bei meinem Bruder zu sammeln. Für was? Einen Job als Fotografin oder steckt da noch mehr dahinter?" Ich suchte in ihrem Blick nach Antworten, doch vergeblich. Sie war genauso stur wie ich und das reizte mich. Ich atmete spürbar aus und beugte mich soweit nach vorne, das sich unsere Lippen leicht berührten. Ich hielt inne, zögerte nicht. Ein kehliges trockenes Lachen kam aus meinen Mund. Dann zog ich mich soweit zurück, das sie es immer noch spüren konnte. Es war pure Absicht. Nicht das ich gekniffen hätte. Nein ich wollte sie ebenfalls testen. Meine Augen trafen ihre wieder mit voller Wucht.
      "Du denkst, ich wäre der Typ, der sich von Impulsen treiben lässt. Der Typ, der sich irgendwas nimmt, nur weil es direkt vor ihm steht." Ich schüttelte vorsichtig den Kopf. "Da irrst du dich gewaltig. Ich entscheide selbst, wann etwas passiert… und wann nicht."
      Ich ließ die Worte kurz zwischen uns hängen, bis ich weitersprach. "Und gerade eben?" Mein Blick wurde einen Hauch schärfer. "Das wäre viel zu einfach gewesen." Ich hätte sie küssen können, doch ich tat es nicht. Auch wenn sie mich fast dazu gebracht hätte. Doch ich wollte ihr zeigen das ich ebenfalls die Kontrolle behielt. Ein schiefes Grinsen huschte über meine Lippen.
      "Du willst dieses Spiel weiterspielen? Dann spiel es richtig." Meine Stimme sank noch ein wenig. " Also hör auf, so zu tun, als hättest du die Regeln gemacht." ich wich keinen einzigen Schritt zurück. Ganz im Gegenteil ich blieb dort stehen und ließ die Spannung die zwischen uns herrschte bewusst stehen. "So und was jetzt? Willst du mich weiter analysieren… oder traust du dich, mitzuhalten?"
    • Grace

      In diesem Moment hatte ich keine Kamera in der Hand. Kein kleines Click des Auslösers, kein schützendes Gehäuse aus Magnesiumlegierung, kein technisches Werkzeug, das sich als Puffer zwischen uns schieben konnte. Da war nur er und diese aufgeladene, viel zu dichte Stille, in der man das Ticken der Uhr in der Küche wie Hammerschläge hörte.
      Der Impuls war für den Bruchteil eines Augenblicks da, aber ich wich nicht zurück. Ich musste mich zusammenreißen, oder ich hätte in seinen Augen verloren. Kein Zucken, kein nervöser Atemaussetzer auch nicht, als sich unsere Lippen für den Bruchteil einer Sekunde ganz leicht berührten. Ein flüchtiger Kontakt, eine elektrische Entladung, die sofort wieder abriss, als er den Rückzug antrat. Und doch... das war keine Leidenschaft, sondern Absicht, eiskaltes Kalkül und pure Provokation. Er wollte sehen, wie mein Fokus verrutscht. Er setzte seine physische Präsenz wie ein zu grelles Blitzlicht ein, um mich zu blenden und aus der Rolle der Beobachterin zu drängen. Klassischer Move. Nähe, Rückzug… Kontrolle zurückholen. Doch ich ließ mir nichts anmerken. Nicht einmal ein Blinzeln. Mein Blick blieb in seinem verankert, während ich die Hitze wahrnahm, die von ihm ausging eine Intensität, die ich normalerweise nur durch einen Sucher filterte. Genug verharrt und ausgehalten. Schließlich hob ich ganz langsam eine Augenbraue. "Ah…", ich machte einen leisen, fast nüchternen Atemzug. "So bekommst du normalerweise deine Fangirls rum? Ein bisschen vornüberbeugen, kurz die Luft anhalten und dann der dramatische Rückzug?" Ich machte eine kleine Pause und neigte den Kopf nur minimal. "Ehrlich? Das reicht schon?" Keine Schärfe, kein offensichtlicher Spott. Nur diese ehrliche, fast schon geschäftsmäßige Verwunderung. Ich machte einen kleinen Schritt zur Seite, entzog mich der direkten Linie zwischen uns, ohne wirklich Abstand zu schaffen. "Ich hatte ja mit mehr gerechnet", fügte ich beiläufig hinzu und verschränkte locker die Arme vor der Brust. Meine Kamera fehlte mir, ehrlich. "Ein bisschen mehr… Substanz. Stattdessen bekomme ich kalkulierte Nähe und einen Rückzieher im letzten Moment. Und du nennst das wirklich Kontrolle?" Ich schmunzelte amüsiert, stieß mich wieder von der Arbeitsplatte ab und ging langsam auf ihn zu. Nicht hastig, nicht zögernd, sondern ganz bewusst. "Du hältst dich für furchtbar kontrolliert, hm?", meine Stimme war leise, aber messerscharf in ihrer Präzision. Ich schloss die letzte minimale Distanz wieder, bis ich den herben Geruch von Leder und Tabak, der an ihm haftete, fast schmecken konnte. Bah, was für eine fürchterliche Kombination! "Interessant… dafür hast du gerade ziemlich viel Energie darauf verwendet, mir etwas beweisen zu wollen. Und nein, ich sammle keine Punkte bei deinem Bruder. Ich arbeite. Und du bist zufällig das anspruchsvollste Motiv im Raum. Was dich wahrscheinlich mehr nervt, als dir lieb ist." Ich hob langsam die Hand und legte zwei Finger ganz leicht gegen seine Brust, genau dort, wo sein Herz unter dem Stoff schlagen musste. Kein Druck und kein tieferer Sinn... nur echter Kontakt. "Du hast recht, Miller. Du entscheidest, wann etwas passiert." Ein winziger Beat, in dem meine Finger an Ort und Stelle blieben, bevor ich sie wieder sinken ließ. "Aber du verwechselst Kontrolle mit Vermeidung. Das eben war nicht Stärke, das ist weglaufen. Das war eine Sicherheitsmaßnahme, weil du Angst hast, dass ein echter Impuls deine ganze mühsame Fassade einreißen könnte. Und glaub mir... ich erkenne den Unterschied zwischen einem echten Augenblick und einer strategischen Entscheidung." Ich trat einen halben Schritt zurück. Ganz entschieden, um Raum für den nächsten Schlag zu schaffen. "Du willst dieses Spiel weiterspielen? Dann hör auf, ständig zu testen, ob ich einknicke. Das wird nicht passieren. Bloody hell, Kyle, ich analysiere dich nicht einmal. Ich beobachte nur." Ich trat wieder einen minimalen Schritt näher. Mit dem Abstand spielen konnte ich auch. Das bedeutete wohl Gleichstand. Mal wieder. "Großer Unterschied." Für einen Moment herrschte eine dichte Stille, die so greifbar war wie die Ruhe vor dem Sturm. Ich ließ die Provokation in seinen Augen ins Leere laufen, während ich ihn wie ein überbelichtetes Negativ beäugte. "Und mithalten? Kyle… ich bin schon längst im Spiel. Also spar dir die Showeinlagen für die Bühne." Ich griff nach der Bierflasche auf dem Tresen, ohne unseren erneuten Starr-Wettbewerb zu unterbrechen. "Geh lieber wieder zurück nach oben." Ich drückte ihm die Flasche genau dort gegen die Brust, wo gerade eben meine Finger waren. "Deine Jungs warten und dein alkoholfreies Bier wird noch warm."

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    • Kyle

      Sie dachte wirklich sie hätte alles im Griff und würde dieses Spiel für sich entscheiden. Doch sie machte einen gewaltigen Fehler. Sie unterschätzte mich. Ein amüsiertes Lachen kam laut aus meinem Mund. "Bist du endlich fertig?" Meine Augen hielten ihren stand. Die Flasche die sie gegen meine Brust drückte nahm ich ihr aus der Hand. Ich war müde und erschöpft. Nicht wegen unserem Wortgefecht, sondern weil mir die letzten Tage noch in den Knochen steckten. Ich setzte die Flasche an meinem Mund an und trank den letzten Schluck auf ex aus. Mit meiner Handfläche wischte ich mir über den Mund und stellte die nun leere Flasche auf der Theke ab.
      Wir standen noch immer dicht voreinander und mein Herzschlag beruhigte sich kein bisschen. "Ach Grace. Du weißt gar nicht wie falsch du mit allem liegst." Ich blickte sie abschätzig an. "Du sitzt hier immer noch am kleineren Hebel und du arbeitest nicht nur für meinen Bruder, sondern auch für mich. Also pass auf wie weit du dich aus dem Fenster lehnst. Ich kann dem Ganzen schnell ein Ende bereiten und dann war es das." Meine Arme verschränkte ich wieder vor meiner Brust und lächelte sie mit einem siegessicheren Grinsen an. Ich übte meine Macht aus. "Du spielst ein gefährliches Spiel, Grace." Etwas in meinen Augen flackerte auf. "Und wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich schnell." Ich ging weiter auf sie zu und drängte sie an die Küchentheke, sodass nur noch ein Blatt Papier zwischen uns passte. Ich legte meine Hände rechts und links neben sie auf die Theke und ich war wieder nur in paar Millimeter von ihren Lippen entfernt. "Spiel nur weiter diese unnahbare, alles im Griff habende Frau. Eines Tages wirst du die Kontrolle verlieren." Ihr Atem war auf meiner Haut zu spüren und ich gab nicht nach und blieb so vor ihr stehen. Meine Finger krallten sich in die Theke und mein Herz sprang mir beinahe aus der Brust. "Und glaub mir eins. Ich bin nicht wie mein Bruder. Ganz im Gegenteil. Ich spiele nicht fair und verliere auch nicht gerne." Ich beobachte jede noch so kleine Regung in ihrem Gesicht, suchte nach einem Riss in ihrer scheinbar perfekten Maske. Doch sie blieb stur. Verdammt, sie machte es mir nicht gerade leicht. Aber genau daran lag der Reiz. Früher oder später würde ich sie noch dazu bekommen, dass sie ihre Kontrolle verliert und einen Fehler nach dem anderen begeht. Und dann werde ich sie damit aufziehen und am Ende herzlich darüber lachen. "Also sag mir Grace. Was ist dein nächster Zug?" Ehe ich eine Antwort von ihr bekam, hörte ich Schritte auf der Metalltreppe. Mein Kopf ging schlagartig dorthin und ich sah in die amüsierten Gesichter von Phil und Vince. "Seit ihr endlich fertig? Ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie aufgeladen die Stimmung hier unten ist. Man kann förmlich die Funken sehen die sprühen", sprach Vince zu uns. "Warum tut ihr uns nicht den Gefallen und nehmt euch ein Zimmer?" Phil grinste mich an. Ich schluckte und sah ihr nochmal in die Augen, bevor ich den Abstand zu ihr wieder vergrößerte und mich auf dem Weg zur Treppe machte. "Hört auf so einen Müll zu erzählen. Wir haben uns nur nett unterhalten mehr nicht." Es war gelogen das wusste ich, aber ich war irgendwie dankbar das die Jungs aufgetaucht sind. Denn diese Spannung zwischen uns war beinahe unerträglich für mich geworden. "Wir wollten eigentlich nur nachsehen ob die Wohnung noch steht, oder ob sie verwüstet ist. Aber anscheinend ist noch alles heil geblieben." Vince sah sich im Wohnraum um. "Und ich wollte uns noch eins von dem leckeren alkoholfreien Bier holen.", sagte Phil und zwinkerte Grace zu. Er fand das Ganze wohl ebenfalls witzig, so wie sie. Verräter
      Ohne ihr einen weiteren Blick zu würdigen oder auf eine Antwort zu warten, ging ich mit den Jungs wieder nach oben. Wir verbachten den restlichen Abend damit einfach zu entspannen. Sie stellen mir keine weiteren Fragen über Grace. Was auch gut so war. Denn ich hatte keine Lust noch einen weiteren Gedanken an sie zu verschwenden.
    • Grace

      Ich hörte ihm einfach nur zu. Sein amüsiertes Lachen hallte in der modernen Küche wider, doch für mich klang es eher wie das Pfeifen eines Teekessels, der unter zu viel Druck stand. Je mehr er beteuerte, dass ich falsch läge, desto mehr zementierte er meine Vermutungen. Jedes Wort über Machtgefälle und gefährliche Spiele war wie eine Bestätigung auf einen Neonlichtschild. Er versuchte so krampfhaft, die Oberhand zu behalten, dass er gar nicht merkte, wie sehr er mir dabei sein Innerstes offenbarte. Obwohl ich ihn erst seit kurzem kannte, konnte ich seine Züge bereits erahnen wie die Entwicklung eines Fotos im Dunkelkammerbad. "Wenn ich so falsch liege, Miller... warum versuchst du dann trotzdem krampfhaft, immer noch einen draufzusetzen?", fragte ich leise während ich versuchte meinen Atem weiter ruhig zu halten.
      Als er wieder mit den Drohungen anfing, dass ich mich verbrennen würde, konnte ich einfach nicht anders. Ich musste ihn etwas entgegensetzen. "Und wieder beginnst du mit überdramatischen Metaphern, weil dir die schlagkräftigen Argumente ausgehen." Natürlich machte es die Situation keinen Deut besser, im Gegenteil. Sie nahm viel zu viel Fahrt auf. Er drängte mich gegen die Theke, bis nur noch ein Windhauch zwischen uns passte. In meinem Kopf blitzte kurz die Frage auf, in was für einem verrückten Filmstreifen ich hier eigentlich gelandet war. Rockstar-Drama, Drohungen im Millimeterabstand... fehlte nur noch der passende Soundtrack. Aber ich fing mich sofort wieder. Mein Job war es, diesem Kerl zu helfen, sich selbst zu helfen. Er hatte einen liebenden Bruder und Freunde, die trotz allem zu ihm hielten , er konnte also kein hoffnungsloser Fall sein. Deshalb durfte ich jetzt nicht weichen. Nicht eine Sekunde. Nicht einen gottverdammten Millimeter. Seine Worte hallten in meinen Kopf wieder, während ich langsam glaubte ein Schimmern in seinen Augen zu sehen was vorher nicht da gewesen war. Alles im Griff?, dachte ich ironisch. Hat er mal mein Zimmer gesehen? Gott, nein... besser nicht, ich will ihn da gar nicht haben. Nicht wenn er sich krampfhaft verhält wie der letzte Bugger. Wenn ich wirklich alles im Griff hätte, wäre ich niemals in diesem Job gelandet. Aber das würde ich ihm sicher nicht auf die Nase binden.
      Jedes Fangirl aus der Meute, jede teure Club-Bekanntschaft wäre bei diesem Blick weich geworden. Und ohne meinen Dickschädel und das Bewusstsein für meine Rolle und seine dreckigen Maschen... vielleicht wäre ich es auch. Irgendwo anders, wenn wir nur zwei Fremde wären. Aber das waren wir seit dieser Nacht in der Gasse nicht mehr. Was für eine Scheiße das alles war! Und doch wusste ich: Ich hätte auch jetzt nicht anders gehandelt. Tja.. du bist ein hoffnungsloser Fall Grace.
      Ich sah, wie sich seine Finger fast weiß in die Theke krallten. Sein Brustkorb hob und senkte sich hastig, sein Herzschlag schien gegen die Stille im Raum zu hämmern. Einen Moment lang fragte ich mich, ob ich zu weit gegangen war. Immerhin war der Panorama-Prinz erst heute aus dem Krankenhaus gekommen. "Nicht fair spielen…", murmelte ich leise vor mich hin, während er noch so nah war. "Du spielst gar nicht, Kyle. Du reagierst doch nur. Schlussendlich bist du gar nicht so unberechenbar, wie du denkst."
      Als Phil und Vince auftauchten und die Spannung mit ihren Sprüchen wie eine Seifenblase zerplatzen ließen, schenkte ich Phil ein dankbares Schmunzeln. Ich zuckte lässig mit den Schultern und warf Kyle einen letzten Blick zu, während er sich zum Gehen wandte. "Trotzdem... Zitronenlimonade schmeckt wesentlich besser."
      Ich blieb allein in der Küche zurück, das Echo ihrer Schritte auf der Metalltreppe noch im Ohr. Ich hob meine Hand und betrachtete sie kurz. Sie war vollkommen ruhig. Kein Zittern, kein Verrat meines Nervensystems. Aber mein Brustkorb fühlte sich eng an, als hätte er die gesamte Luft aus der Küche mit nach oben genommen. Er glaubte, er übe Macht aus, indem er mich physisch bedrängte, doch was er nicht begriff: Jedes Mal, wenn er mir so nah kam, gab er mir mehr Material. Ich sah den Riss in seiner Maske längst, auch wenn er verzweifelt versuchte, meinen zu finden. Sein Herzschlag war so laut gewesen, dass ich ihn fast durch den Stoff seines Shirts hätte zählen können. Er spielte nicht fair? Das war mir bewusst. Aber wer nach den Regeln spielt, macht im Showgeschäft sowieso keine Karriere.
      Später am Abend, als das Loft endlich zur Ruhe gekommen war, lag ich in meinem Bett. Ich zog das zerknitterte Foto meiner Eltern hervor und betrachtete ihre verschwommenen Gesichter im schwachen Schein der Nachttischlampe. "Ihr wisst ja gar nicht, was ich alles auf mich nehme, nur um euch zu finden...", murmelte ich heiser vor mich hin. "Ich hoffe, ihr seid wenigstens stolz auf mich." Ich wusste selbst nicht, ob dieser verrückte Babysitter-Job für einen egozentrischen Rockstar etwas war, worauf man stolz sein konnte, aber es war mein Weg. Gerade sogar, mein einziger Weg.


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      Der Wecker war gnadenlos, und mein Spiegelbild sah heute Morgen eher nach einem verwackelten Schnappschuss als nach einem Hochglanzcover aus. Aber mein ausgeprägter Kaffee-Instinkt siegte über die bleierne Müdigkeit in meinen Knochen.
      Nachdem ich mir genug eiskaltes Wasser ins Gesicht gepeischt hatte, um meine Lebensgeister halbwegs zu sortieren, begann ich mit der täglichen Routine. Ich teilte mein Haar mit flinken Fingern und flocht es geübt zu einem voluminösen Dutch Braid, der im Nacken begann und sich wie ein ordentliches Band über den Hinterkopf zog. Ein paar lose Strähnen hangen mir ins Gesicht aber zum Glück war das hier kein einfacher Büro Job wo es auf perfekte Präzision ankam.
      Ich schlüpfte in meine ausgewaschene High-Waisted Jeans und das schlichte, beige Cami-Top. Zum Schluss griff ich nach meiner schwarzen schwarzen Strickjacke. Sie war wie eine vertraute Rüstung, die ich fast immer trug. Mit meiner Kamera gab sie mir all die Sicherheit, die man brauchte wenn man gleich in eine Löwenhöhle spazierte. Ein bisschen Schmuck, ein bisschen Lippbalm. Ein kurzer Check im Spiegel und... Fertig.
      In der Küche herrschte bereits geschäftiges Treiben, als ich die Treppe hinunterschlich. Martha hielt mitten in der Bewegung inne, den Aufwaschlappen noch in der Hand, und starrte fassungslos auf die blitzblanke Marmorplatte, die ich gestern Abend noch gewischt hatte. Ihr Blick wanderte zu den ordentlich weggeschichteten Gläsern und zurück zu mir. "Woah! Ich komme immer noch in Frieden. Und... mit tatkräftiger Unterstützung", sagte ich lächelnd und griff mir direkt ein Schneidebrett, um mit den Obst fürs Frühstück kurzen Prozess zu machen. Martha blinzelte ungläubig, fast so, als suchte sie nach der versteckten Kamera. "Das ist… Ordnung? In dieser Küche? Um diese Uhrzeit? Und eine jung Frau die vollständig bekleidet und... noch Herrin ihrer Sinne ist..." Ich kicherte los, ihr Blick war einmalig! "Ein seltenes Phänomen, ich weiß", bestätigte ich und ließ das Messer mit präzisen Schnitten durch das Obst gleiten. "Betrachten Sie es als visuelle Schadensrückzahlung. Wenn der Tiger oben gleich die Augen aufschlägt, soll er wenigstens nicht über seine eigenen Fehltritte von gestern stolpern. Das verdirbt nur die Belichtung." Martha lachte leise und schüttelte den Kopf, während sie anfing, den restlichen Tisch zu decken. Die Omletts und Würstchen hatte sie schon in einer Pfanne. "Ein Wunder ist das, Schätzchen. Normalerweise sieht es hier morgens aus, als hätte eine Rockband eine Schlacht mit Pizzakartons geschlagen. Dass Sie freiwillig vor dem ersten Kaffee mithelfen... ist einfach ungewohnt aber... es ist einmal eine willkommene Abwechslung." Ich füllte die Obstschalen mit einer Akribie, die wohl nur jemand besaß, der sein Leben damit verbrachte, Bildkompositionen zu perfektionieren. Martha beobachtete mich dabei mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Sie schien auch sichtlich froh über die Verstärkung an der Front zu sein. "Ist der Kaffee stark genug, um Tote aufzuwecken?", fragte ich und prüfte die Temperatur der Kanne. "Ich habe das Gefühl, wir werden heute jedes Milligramm Koffein brauchen."
    • Kyle

      Und doch lag ich noch lange wach und meine Gedanken kreisten um sie. Wie kann sie es wagen einfach so in mein Leben zu stolpern, die Heldin spielen und dann in mein Haus einzudringen und mir Vorträge zu halten? Ich konnte es mir nicht erklären. Was hat Tom da nur angestellt? Will er sich an mir rächen oder was auch immer. Warum zum Teufel gerade sie?
      Ich stöhnte auf, schlug mir das Kissen auf mein Gesicht. Sie wird jetzt ruhig schlafen mit einem Lächeln auf ihren Lippen und sich neue Methoden überlegen wie sie mich auf die Palme bringt. Ihr Zimmer lag nicht unweit von meinem entfernt.. Nein es war nicht schlau. Es wäre zu leicht und ich durfte meine Maske nicht verlieren. Es reichte schon das mein Herz so verräterisch geschlagen hat, als ich ihr vorhin so nahe war. Ich musste sie loswerden. Sie durfte nicht so tief in mein Inneres blicken. Also brauchte ich einen Plan. Einen gut durchdachten Plan.

      Keine Ahnung wann ich die Nacht endlich eingeschlafen war, aber ich fühlte mich heute morgen dermaßen gerädert, das ich kaum Lust hatte aufzustehen. Ein Klopfen ließ mich aufschrecken. "Was ist denn?" Die Tür öffnete sich und Tom stand geschniegelt und gebügelt im Türrahmen. "Dir auch einen guten Morgen kleiner Bruder." Ich wischte mir mit der Hand über mein Gesicht. "Denkst du dran das wir um 12 Uhr im Studio sein müssen. Wir haben einiges nachzuholen." Ich rieb mir meine verschlafenen Augen und richtete mich auf. "Kann ich erst Mal munter werden?" Tom verschränkte die Arme vor der Brust und musterte mich. "Andere in dem Haus sind schon seit Stunden wach und Vince und Phil sind auch schon unterwegs." Ich streckte mich und warf die Decke zur Seite. "Ich bin eben nicht so ein Frühaufsteher wie du. Also gib mir ein paar Minuten dann bin ich soweit." Tom warf mir noch einen warnenden Blick zu und ging dann wieder aus der Tür. "Nicht mal die Tür kann er hinter sich zu machen." Ich erhob mich von meinem Bett und trottete ins Bad. Nachdem ich mich frisch gemacht hatte und mir ein lockeres schwarzes Shirt, eine enge zerrissene Skinny Jeans und meine Chucks angezogen hatte, ging ich nach unten. Der Duft von frisch gekochten Kaffee drang in meine Nase. Genau das was ich jetzt brauchte. Tom stand mit seinem Handy am Ohr am Fenster und schien mit irgend jemanden zu diskutieren. Mein Weg ging augenblicklich in Richtung offener Küche, wo schon ein voller Tisch mit Frühstück und Kaffee auf mich wartete. Ich schenkte mir eine Tasse ein, führte sie zu meinem Mund, aber hielt dann plötzlich in der Bewegung inne, als ich den blonden Haarschopf vor mir sitzen sah. Sie hatte ich ja ganz vergessen.. Ich nippte an meinem Kaffee und setzte mich an den Tisch. "Morgen", murmelte ich vor mich hin. Ich versuchte sie nicht weiter anzusehen oder zu beachten. Stattdessen nahm ich mir ein Brötchen, Käse und etwas Obst.
      "Ja wir hören uns. Danke." Ich sah auf als Tom zum Tisch rüber kam und sein Handy etwas zu unsanft auf den Tisch legte. "Ich hasse Presseleute." Er ließ den Kopf auf den Tisch fallen und ich klopfte ihn aufmunternd auf die Schulter. "Wird schon alles." Tom hob den Kopf und sah mich ernster an. "Du weißt schon wie furchtbar anstrengend diese Woche für mich war, nach deinem Zusammenbruch nach der Show? Mein Telefon klingelte ununterbrochen, ich bekam jeden Tag unzählige Emails und ich musste jeden eine verdammte Lüge auftischen. Und du sagst einfach: ´wird schon alles´. Einfach so locker flockig daher gesagt, ohne groß darüber nachzudenken." Er richtete sich wieder auf und funkelte mich an. "Wow Kyle.. einfach wow. Genau das habe ich jetzt gebraucht." Ich schluckte schwer und fühlte mich gerade ein wenig unwohl und Grace konnte das ganze Schauspiel gerade live mit anhören. Super... Ich sah meinen Bruder entschuldigend an. "Tut mir leid.. und das meine ich ehrlich." Tom schüttelte den Kopf. "Schon gut. Vielleicht habe ich überreagiert. Ich bin froh das wir jetzt wieder weiter machen können, zwar nicht in dem schnellen Tempo wie vorher, aber immerhin können wir wieder proben." Er hatte verdammt nochmal recht mit dem was er sagte. Ich konnte mich glücklich schätzen, das es mir vorerst wieder so gut geht, das ich singen kann.
      Tom sah zu Grace und lächelte sie an. "Ich entschuldige mich dafür das sie das mit anhören mussten." Mein Blick ging auch automatisch zu ihr. Sie genoß es doch das sie mich so gesehen hat. So ungeschminkt.. Ich trank meinen Kaffee weiter bevor er kalt wurde und aß brav mein Brötchen fertig. Tom tat es mir gleich und räumte dann die Sachen in die Spüle. "Ach ja Ms. Wilson wird uns übrigens begleiten. Schließlich wollen wir der Presse ja ein paar Fotos präsentieren von deiner ´kreativen Pause´." Ich verschluckte mich fast an dem letzten Schluck vom Kaffee und blickte ihr jetzt so richtig in die Augen. "Welch Freude." Mein Mundwinkel zuckte. Das kann ja heiter werden.

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    • Grace

      Der Morgen im Loft hatte fast schon etwas Idyllisches. Ich saß zusammen mit Martha am Küchentisch, das erste weiche Licht der Stadt fiel durch die riesigen Fensterfronten und tauchte alles in ein friedliches Grau-Blau. Wir frühstückten in aller Ruhe, unterhielten uns gedämpft über belanglose Dinge, während der Duft von frischem Kaffee die letzte Schwere aus meinen Gliedern vertrieb. Es war ein seltener Moment der Normalität, bevor der Rockstar-Zirkus wieder seine Pforten öffnete.
      Als Tom den Wohnraum betrat, wirkte er bereits so fokussiert, als hätte er die To-do-Liste des Tages schon dreimal im Kopf abgearbeitet. "Guten Morgen, Mr. Miller.", grüßte ich ihn freundlich und stellte ihn ein Tasse mit frischen Kaffee hin. "Was steht heute auf dem Plan? Was kann ich tun, um den Ablauf zu unterstützen?" Nachdem wir kurz die Eckdaten für das Studio besprochen hatten, nutzte ich die Zeit, um mein Equipment vorzubereiten. Ich prüfte die Akkus, reinigte die Objektive und verstaute alles akribisch in meiner Tasche. Ordnung war in diesem Job so unerlässlich wie der Fokus. Ich stellte die Tasche griffbereit an den Ausgang und holte mir dann eine zweite Tasse Kaffee.
      Ich hatte sie gerade zur Hälfte geleert, als das vertraute Stapfen auf der Treppe die nicht mehr ganz so morgendliche Stille zerriss. Kyle. Er wirkte gerädert, seine Haare ein kontrolliertes Chaos, aber die Klamotten saßen bereits wieder wie eine Uniform. "Guten Morgen", erwiderte ich auf sein Murmeln. Meine Stimme war ruhig und tatsächlich gut gelaunt. Ich verkniff mir jeden Kommentar über Zitronen, Tiger oder Panorama-Prinzen. Trotz allem, was gestern Abend zwischen uns vorgefallen war, war er immer noch ein Patient, der gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ein friedlicher Morgen war wahrscheinlich das Beste für uns alle... und für seinen Blutdruck.
      Als Tom anfing, über den Stress der letzten Woche zu sprechen und das Gespräch sichtlich privater und emotionaler wurde, spürte ich, dass ich hier gerade fehl am Platz war.
      Ich griff nach meiner Tasse und trat ans Fenster. Mein Blick schweifte über die Skyline, suchte unbewusst nach dem markanten Gebäude von Nexus: Events and More. Ich musste unwillkürlich an Farrow denken. Um diese Uhrzeit war sie wahrscheinlich schon längst mit dem Hund draußen gewesen, hatte ihre Pilates-Stunde hinter sich gebracht und saß nun, nach einem kurzen Abstecher für irgendein überteuertes, gesundes Hype-Getränk, perfekt gestylt an ihrem Schreibtisch. Wahrscheinlich koordinierte sie bereits mit dieser unerschütterlichen Präzision ihre Angestellten, damit für die Kunden alles absolut makellos ablief. Ein krasser Kontrast zu dem emotionalen Pulverfass, das hier gerade hinter meinem Rücken hochging.
      Bevor ich mich wieder umdrehte, zückte ich kurz mein Handy und googelte den Weg zum Studio. Ich rief die Ansicht bei Google Earth auf und betrachtete das Gebäude aus der Vogelperspektive. Mein Gehirn schaltete sofort in den Arbeitsmodus: Lichtverhältnisse, Schattenwurf der umliegenden Häuser, mögliche Blickwinkel für die Außenaufnahmen. Ein paar Bilder mussten wir wohl oder übel an die Presse spielen damit die Meute endlich Ruhe gab. Ich ging die ersten Bildideen im Kopf durch, komponierte Schatten und Kontraste, noch bevor wir überhaupt einen Fuß vor die Tür gesetzt hatten.
      Ich wartete, bis die erste Welle der Anspannung im Raum verraucht war, und trat dann zurück zur Spüle, um meine Tasse abzuwaschen. Genau in diesem Moment verkündete Tom, dass ich sie begleiten würde. Kyles heftiges Verschlucken am Kaffee war kaum zu überhören und ich sah als ich mich gerade umdrehte gerade noch das vertraute Zucken seiner Mundwinkel.
      "Ja, nach purer Freude sah es gestern auch schon aus", murmelte ich leise vor mich hin, während ich das Porzellan abtrocknete. Doch trotz seines Sarkasmus konnte mir heute nichts die Laune verhageln. Fotografieren war das Herzstück dieser ganzen verrückten Geschichte. Der Teil, der mir mehr am Herzen lag als alles andere.
      Ich drehte mich zu ihnen um und schenkte Tom ein professionelles Lächeln, während ich Kyles Blick nur kurz streifte. "Ich bin bereit, wenn ihr es seid." Ich schnappte mir mein Equipment, verabschiedete mich kurz von Martha und fuhr mit dem Aufzug nach unten. Draußen verstaute ich die schweren Taschen sicher im Wagen, der bereits vor dem Loft wartete. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich noch genug Zeit hatte. Ich klopfte prüfend auf die Seitentür des Autos, korrigierte den Sitz meines Dutch Braids und machte mich dann schnellen Schrittes auf den Weg zur nächsten Busstation.
    • Kyle

      Sie war voller Elan, bereit den nächsten Shot zu schießen und ich wollte einfach nur in Ruhe frühstücken. Ich verdrehte die Augen und steckte mir noch ein Stück Apfel in meinem Mund, während ich aufstand und meinen Teller in die Spüle stellte. Ich konnte es nicht fassen das sie jetzt ein Teil meines Lebens sein wird.. meine Gefühle waren gemischt was die Sache angeht. Ich wusste nicht was ihr nächster Schachzug war, aber etwas Gutes hatte die ganze Sache. Sie wusste auch nicht was ich als nächstes geplant hatte.
      Nachdem sie ihre Tasche geschnappt und im Fahrstuhl verschwand, seufzte ich auf. Tom sah mich mit hochgezogener Augenbaue an. "Was ist gestern zwischen euch passiert? Man konnte förmlich die angespannte Stimmung spüren."
      Mein Weg führte mich zur Treppe, da ich noch meine Notenblätter holen wollte. Auf der ersten Stufe drehte ich mich zu Tom um. "Es ist nichts passiert. Sie soll einfach nur ihre Arbeit machen und mich in Ruhe lassen und vor allen die Finger von Sachen lassen, die sie nichts angehen." Ich konnte sehen wie es in Tom´s Kopf arbeitete, doch er erwiderte nichts darauf. Oben angekommen holte ich meine Notenblätter aus der Schublade von meinen Schreibtisch. Ich hatte vor einiger Zeit schon mit einem Song angefangen, aber er war noch nicht spruchreif. Vielleicht hatte ich heute die Chance in zu vollenden. Sofern ich nicht abgelenkt werde.
      Unten angekommen stand unser Wagen schon bereit. Ich sah mich um, konnte Grace aber nicht entdecken. "Sie ist in Richtung Bushaltestelle gelaufen. Mr. Miller." James, unser Fahrer, lächelte mir zu. "Oh Mist." Tom schlug sich leicht mit der Hand vor den Kopf. "Ich habe vergessen zu ihr zu sagen das sie mit uns mitfahren kann." Sein Blick ging zu mir. "Erinnere mich bitte nachher daran, das ich ihr das sage." Ein Teufel werde ich tun. Von mir aus kann sie auch laufen. Mir war es egal wie sie zum Studio oder sonst wohin kommt. Wenn sie sich verläuft oder die falsche Anbindung nimmt, war das ihr Problem. Ich schenkte meinem Bruder dennoch ein Lächeln.
      Wir fuhren mit dem Wagen in Richtung Studio. Dort drinnen entstanden die Song von großen berühmten Sängern. Jedes Mal wenn ich das Studio betrat fühlte ich mich frei und unbeschwert. Ich liebte die Musik und nichts und niemand konnte mir das wegnehmen. Auch nicht diese blöde Diagnose.
      Im Studio warteten schon Phil und Vince. Ich begrüßte die beiden und zu meiner Enttäuschung sah ich wie Grace das Studio in Augenschein nahm. Ich biss mir auf die Lippe. Sie hat es tatsächlich geschafft hier herzufinden. Egal. Der Fokus lag auf jetzt auf den Proben und auf den neuen Songs, die ich in Planung habe. Ich musste sie ausblenden. Volle Konzentration war gefragt.
      Tom nahm neben dem Mischpult Platz und sah uns an. "Wenn ihr bereit seit ich bin es." Ich nickte ihm zu und Phil und Vince folgten mir. Ich zog die Notenblätter aus meiner Tasche und gab den beiden Jungs den Text den ich angefangen hatte. Ich erklärte ihnen wie ich es mir vorgestellt hatte. "Alles klar?" Sie nickten mir zu und ich begab mich zum Mikrofon, Vince an die E- Gitarre und Phil ans Schlagzeug. Phil schlug mit den Drumsticks den Takt vor und dann ging es los. Ich sang die ersten Zeilen von ´Shattered hearts and safety pins´.
      Ich war in meinem Element, blendete alles um mich herum aus. Wir spielten den Song noch ganz oft, stimmten hier und da noch etwas ab. Die fehlenden Zeilen sprudelten nur so aus meinem Mund heraus und somit konnten wir einen weiteren Song unserem Album hinzufügen. Erschöpft, aber glücklich nahm ich von Tom dankend die Wasserflasche entgegen, die er mir überreichte. Ich trank einen großen Schluck davon und wischte mir den Schweiß von der Stirn. "Gut gemacht." Tom klopfte mir auf die Schulter und wandte sich dann zu Grace. "Ich hoffe sie haben ein paar gute Fotos schießen können?" Mein Blick ging automatisch auch zu ihr. Sie war noch hier und zeigte Tom gerade die Bilder auf ihrer Kamera. Ich hatte sie die ganze Zeit über vollkommen ausgeblendet, denn das hier war mein Reich. Mein Bruder sah zufrieden aus. Er zückte sein Handy und tippte darauf rum. "Lasst uns eine kurze Pause machen. Ich bestelle uns etwas zu Essen." Alle waren damit einverstanden. Ich ging ein paar Schritte zu Grace und blickte über ihre Schulter. "Darf ich auch einen Blick auf die Fotos werfen oder willst du mich damit später überraschen?"
    • Grace

      Die Busfahrt war die erste richtige Atempause des Tages. Während der Wagen mit den Jungs wahrscheinlich längst an mir vorbeigeschossen war, genoss ich die Anonymität zwischen den Pendlern. Ich nutzte die Zeit, um mein privates Portfolio auf dem Handy zu ordnen, und schoss durch das schmutzige Fenster ein paar rohe, kontrastreiche Aufnahmen von der vorbeiziehenden Industriearchitektur. Es war mein Weg, den Kopf frei zu bekommen, bevor ich mich wieder in das Miller-Universum stürzen musste.
      Im Studio angekommen, war ich froh, den Vorsprung genutzt zu haben. Der Raum war beeindruckend. Ein Heiligtum aus schallisolierten Wänden, High-End-Equipment und einer Atmosphäre, die nach harter Arbeit und Genialität roch. Ich nahm das Studio akribisch in Augenschein, testete die Lichtquellen und suchte mir Winkel, die Kyle nicht sofort bemerken würde. Ich wollte keine gestellten Grinse-Fotos für ein High-Society-Magazin. Ich wollte den Moment, in dem die Maske fällt.
      Als die Jungs schließlich eintrafen, spürte ich Kyles irritierten Blick, doch ich hielt mich im Hintergrund. Ich wurde zum Schatten.
      Der Moment, als Phil den Takt vorgab und Kyle zu singen begann, veränderte alles. Das hier war kein "Panorama-Prinz" mehr, kein trotziger Patient und kein arroganter Rockstar, der wegen Zitronen und alkoholfreien Bier provozierte. Sobald er vor dem Mikrofon stand, verschwand der Lärm um ihn herum. Seine Stimme bei Shattered hearts and safety pins hatte eine Tiefe, die mich für einen Moment die Kamera vergessen ließ. Er war in seinem Element verletzlich, kraftvoll und vollkommen authentisch. Perfekt! Genau so! Ich drückte den Auslöser. Click. Wieder und wieder. Ich fing den Schweiß auf seiner Stirn ein, die Art, wie seine Finger die Notenblätter hielten, und den fast schmerzhaften Fokus in seinen Augen. Das war die 'kreative Pause', von der offizell die Rede war, nur dass sie sich gerade in diesem Moment verdammt real anfühlte.
      Als Tom Miller neben mir stand und ich ihm die Bilder zeigte, scrollte ich ruhig durch die Aufnahmen. Nicht mit Hektik, ganz ohne falschen Stolz sondern nur mit einen Hauch leiser Zufriedenheit, wenn ein Moment genau so eingefangen hat, wie er sein sollte. "Ich denke, da ist was Brauchbares dabei", sagte ich schlicht. Zu meinen Glück schien auch mein neuer Chef recht zufrieden mit den Zwischenergebnissen zu sein. Als er schließlich verkündete, dass wir eine Pause machen könnten, spürte ich plötzlich eine Präsenz hinter mir. Die Hitze, die von ihr ausging, war unverkennbar. Kyle. Sein Atem streifte meinen Nacken, genau wie gestern in der Küche, aber hier fehlte das aggressive Kalkül. Er war erschöpft, euphorisch vom Singen und so bildete ich mir ein, für diesen Moment zumindest einen Hauch weniger feindselig als sonst. Ich reagierte nicht sofort, ließ mir einen Herzschlag Zeit, bevor ich leicht den Kopf wand, gerade genug, um ihn aus dem Augenwinkel anzusehen. Ich drehte das Display der Kamera nicht sofort weg, sondern ließ ihn gewähren. "Na, wenn du so höflich fragst..." sagte ich mit seichten Lächeln. Nicht das der Tiger es zu schätzen wusste aber... ich konnte nicht anders wenn es um meine Bilder ging. Sie erfüllten mich mit so viel, vor allem purer Glückseligkeit. Auf dem Schirm leuchtete gerade eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von ihm auf: Er am Mikrofon, die Augen geschlossen, der Kopf leicht zurückgelegt, während das künstliche Studiolicht eine scharfe Kante an seinem Profil zeichnete. Es war ein Bild, das nichts von dem Glanz eines Popstars hatte, aber alles von der Intensität eines Musikers. "Das hier..." ich tippte leicht gegen das Display, "... ist interessanter als alles, was du gestern versucht hast." Ich senkte die Kamera ein Stück und drehte mich jetzt vollständig zu ihm um. "Du verschwendest ziemlich viel Energie darauf, Kontrolle zu demonstrieren", fügte ich etwas leiser hinzu.
      Ich machte eine kurze Pause, in der nur das ferne Surren der Lüftung im Studio zu hören war. "Dabei passiert genau das hier ganz von allein." Mein Blick hielt seinen. Ruhig. Wach. Nicht herausfordernd, aber auch kein Stück nachgebend. Ich wollte, dass er sah, was ich sah: Nicht den trotzigen Jungen aus der Küche, sondern den Mann, der gerade einen Song erschaffen hatte. Dann trat ich einen halben Schritt zur Seite, gab ihm Raum, ohne wirklich Distanz aufzubauen, und ließ die Kamera locker in meiner Hand ruhen.
      "Also ja", sagte ich schließlich mit einem leichten Schulterzucken. "Du darfst sie sehen." Ein winziges, fast schiefes Lächeln stahl sich auf meine Lippen. "Ist schließlich auch dein bestes Material. Nur Vorsicht, du siehst auf diesem Shot fast so aus, als hättest du eine Seele. Das könnte dein Image ruinieren." Ich scrollte langsam zum nächsten Bild, einem Close-up seiner Hände, die sich fast krampfhaft um das Stativ geklammert hatten. Eines meiner Favoriten, dabei waren alle Bilder nur Rohmaterial. Aber ... es war dennoch einfach so ausdrucksstark. "Und entspricht das in etwa deinen Vorstellungen oder hast du Verbesserungswünsche?
    • Kyle

      Dieses kurze Zögern von ihr war nur wieder ein Test. Sie wollte sehen ob ich mich wieder lautstark dazu äußerte, doch den Gefallen tat ich ihr nicht. Als sie mir dann doch das erste Foto zeigte, stockte mir kurz der Atem. Sie hatte den Moment perfekt eingefangen. Ich schluckte und ich war beeindruckt von ihrer Arbeit, doch ich durfte mir das nicht anmerken lassen, schließlich wollte ich ihr so wenig wie möglich von meinem Inneren zeigen. Ihre Kommentare darüber das das hier besser ist als das was gestern Abend passiert ist, ließ meine Gesichtszüge etwas weicher werden, doch ich versuchte das was sie gesagt hatte nicht so an mich heranzulassen. Sie liebte ihre Arbeit, das muss man ihr lassen und sie hatte wirklich ein Händchen dafür. Doch ich sagte ihr das nicht, sondern machte einen Schritt von ihr Weg und setzte mich vor sie lässig aufs Sofa und trank von dem Wasser. Ich musterte sie akribisch. "Für den Anfang waren die Bilder ganz in Ordnung, aber ich habe mir irgendwie mehr von deinem Können erhofft." Mein Blick war ernst und ich verzog keine Miene. Ich log und ich wusste das ich sie damit verletzten würde, doch das war mir egal. Ich wollte sie los werden. "Also gib dir das nächste Mal mehr Mühe." Ich trank das Wasser leer und drückte die Plastikflasche mit meiner Hand zusammen, bevor ich sie in den Müll neben den Sofa warf. "Jetzt schau mich nicht so an. Wenn du mit Kritik nicht umgehen kannst, dann hast du wohl den falschen Job." Bevor irgendwer noch etwas sagen konnte, kam Tom wieder zurück und stellte uns das Essen auf den Tisch. Ich löste meinen Blick von ihr und richtete mich wieder auf. Sie wollte dieses Spiel, also spiele ich es brav weiter, nur das ich ein anderes Ziel verfolge als sie.
      Die Pause tat gut und das Essen schmeckte hervorragend, dennoch nicht so gut wie das was Martha immer zubereitet.
      Wir konnten alle ein wenig Kraft sammeln und nun ging es daran den Song endgültig aufzunehmen. Davor war es nur eine Probe um den Song zu vollenden. Vince, Phil und ich gingen auf unsere Positionen. Wir gaben Tom ein Zeichen und er drückte auf Aufnahme. Wir spielten den Song nochmal. Immer und immer wieder bis wir alle vollkommen zufrieden mit dem Ergebnis waren. Keuchend und außer Atem nahm ich die Kopfhörer von meinen Ohren und sah in das zufriedene Gesicht von Tom und in das von Grace. Click Die diesen Moment wieder mit ihrer Kamera festhielt. Wenn sie so weiter macht, entstehen nur die schlimmsten Fotos von mir.. Doch ich versuchte sie so weit es ging zu ignorieren. Ich drehte mich zu den Jungs um und klopfte beiden auf die Schulter. Ich beugte mich zu ihnen, flüsterte beinahe. "Wir sollten das heute Abend feiern. Und dieses Mal mit Alkohol." Ich schielte vorsichtig zu Grace. Dieses Mal verdirbt sie mir nicht meinen Abend, dafür würde ich schon sorgen. Die Jungs waren einverstanden und sie packten ihre Sachen zusammen. Ich räumte auch meine Notenblätter in den Ordner und ein Schatten stand plötzlich vor mir. Ich blickte auf und sah in Tom´s Augen. "Gut gemacht, kleiner Bruder. Der Song wird durch die Decke gehen." Ich lächelte ihn an. "Danke. Ja ich habe schon lange an dem Song geschrieben, aber ich bin froh das mir die letzten Zeilen noch eingefallen sind und wir den Song fertigstellen konnten." Er nickte mir zustimmend zu. Sein Blick ging zu Grace und dann fiel der Groschen. "Ach Mist beinahe vergessen." Ich sah ihn an wie er zu ihr rüber ging und mit ihr ins Gespräch kam.
      "Ms. Wilson ich habe vorhin vergessen ihnen zu sagen das sie gerne mit uns mitfahren können. Sie müssen nicht den Bus nehmen. Schließlich sind sie jetzt Teil des Teams."
      Ich verdrehte die Augen und ich dachte schon er hätte es vergessen. Ich habe ihn mit Absicht nicht daran erinnert. Phil und Vince verabschiedeten sich schon von uns, denn sie wollen erst einmal nach Hause zu ihren Familien fahren und dort nach dem Rechten sehen. Ich schnappte meine Tasche und ging schon zum Wagen, der schon für uns bereit stand. Ich setzte mich hinein und wartete darauf das Tom sich dazu gesellte und das Grace bleibt wo der Pfeffer hängt..

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    • Grace

      Ich starrte auf das Display, während seine Worte wie kalte Wassertropfen auf einer heißen Kameralinse verdampften. Ich hatte ihn sogar freundlicher Weise, einen Raum angeboten um den Kreativen Prozess mitzugestalten und er machte wieder so ein bescheuertes Spiel darauß. Ich spürte, wie sich mein Kiefer für einen Sekundenbruchteil anspannte, doch ich zwang mich zur Ruhe. Ich wusste, was er tat. Das war kein fachliches Urteil, das war Sabotage. Er versuchte, das einzige Terrain zu untergraben, auf dem ich ihm haushoch überlegen war: meine Professionalität. Er konnte wirklich so ein Bugger sein. Diese Rolle hatte er wirklich souverän durchgespielt. Ich räusperte mich betont. "Kritik ist ein technisches Werkzeug.", erwiderte ich vollkommen emotionslos, während ich die Kamera wieder ausschaltete. "Aber um sie ernst zu nehmen, müsste sie fundiert sein. Deine ist nur... laut. Wenn du willst das ich etwas ändere dann werde konkreter. Stop acting like a bellend, okay?" Ich sah ihm nach, wie er die Plastikflasche zerquetschte eine Geste so subtil wie ein Vorschlaghammer und sich dann wieder Tom zuwandte. Er wollte mich loswerden, das war offensichtlich. Er wollte die Zeugin seiner Schwäche eliminieren, diejenige, die gesehen hatte, wie er für einen Moment lang alles um sich herum vergessen hatte. Doch je mehr er biss, desto sicherer war ich mir: Ich hatte genau das getroffen, was er verstecken wollte. Die restliche Session verlief wie in Trance. Ich hielt mich im Schatten des Regieraums auf, beobachtete durch das dicke Glas, wie sie den Song finalisierten. Click. Der Moment, als er die Kopfhörer abnahm. Click. Die Erschöpfung in seinem Gesicht. Es war fantastisches Material, und tief im Inneren wusste er das auch. Ich hatte gar nicht bemerkt wie spät es schon geworden war. Ich sichtete gerade die letzten Aufnahmen und sortierte etwas vor als mich mein Chef wieder ansprach. "Ähm .... ich? Aber war-", ich brach meinen Satz ab und entschied mich einfach dankbar zu lächeln. Wenn das zum Job dazu gehört würde ich es wohl machen. Auch wenn ich es irgendwie merkwürdig fand. Darauf bestanden oder damit gerechnet hatte ich jedenfalls nicht. "Danke sehr, das weiß ich zu schätzen." Ich packte meine Ausrüstung zusammen, verstaute jedes Objektiv an seinem Platz und folgte den beiden nach draußen. Kyle saß bereits im Wagen, die Arme verschränkt, den Blick starr aus dem Fenster gerichtet, als wäre die vorbeiziehende Betonwand das Spannendste auf der Welt. Er strahlte eine Aura aus, die förmlich schrie: 'Komm mir nicht zu nahe.' Ich ignorierte die geladene Stille, stieg hinten ein und platzierte meine Kameratasche sicher auf dem Schoß. Ich holte mein Handy raus und tippte eine kurze Nachricht an Farrow, nur um sicherzugehen, dass bei Nexus alles nach Plan lief.
    • Kyle

      Natürlich stieg sie mit in den Wagen ein. Ich schenkte ihr einen verächtlichen Blick und sah wieder aus dem Fenster hinaus. Tom musste sie davon überzeugen mit uns mitzufahren. Naja wie dem auch sei, es waren Gott sei Dank nur ein paar Minuten und dann ging sie ihren Weg und ich meinen. Die Fahrt verlief schweigend, jeder von uns war mit den Gedanken woanders. Ich für meinen Teil freute mich auf den Abend mit den Jungs, ohne einen Gedanken an Grace zu verschwenden. Sie wird schon sehen wer am Ende bei diesem Spiel die Kontrolle behält und wer am Ende verliert.
      Am Loft angekommen fuhren wir mit dem Fahrstuhl wieder nach oben. Sobald sich die Fahrstuhltür geöffnet hatte, ging ich ohne ein Wort nach oben in mein Zimmer und sperrte die Tür zu. Ich fühlte mich plötzlich ein wenig schwach. Was wohl daran lag das ich die halbe Nacht wach lag. Ich zog meine Schuhe aus und ließ mich auf mein Bett fallen. Meine Augen fielen von alleine zu und ich döste ein wenig vor mich hin.

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      Tom

      Ich sah meinen Bruder hinterher wie er schnurstracks nach oben lief und verschwand. Ich schüttelte merklich den Kopf und trat mit Ms. Wilson an meiner Seite in den offen Wohnbereich ein. Martha war so lieb und hatte uns schon Kaffee gekocht und uns Gebäck hingestellt. Ich nickte ihr dankend zu. Ich goss mir eine Tasse Kaffee ein und trank einen Schluck davon. Dann sah ich sie wieder an. "Tut mir leid für den Abgang von meinem Bruder. Er ist manchmal wirklich eigen. Aber ich bin froh das wir heute so gut voran gekommen sind und ich danke ihnen für die Fotos. Ich bin sehr gespannt darauf die Endergebnisse zu sehen." Ich lächelte ihr zu und nahm mir einen Keks von dem Teller. "Ich werde dann Mal in mein Büro verschwinden. Falls sie noch etwas brauchen, lassen sie es mich gerne wissen." Und damit verabschiedete ich mich von ihr und ging nach oben. An der Tür von Kyle hielt ich noch einen kurzen Augenblick inne. Eigentlich würde ich ihn gerne für sein Verhalten tadeln, aber ich wusste das er stur sein kann und meine Worte würden nur so an ihn abprallen. Ich ließ es sein und machte mich wieder an die Arbeit.

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      Kyle

      Meine Augen öffneten sich langsam und die Sonne stand schon etwas tiefer. Ich musste wirklich richtig weggetreten sein. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und sah auf die Uhr. "Oh Mist." Es war schon gegen 19 Uhr und Vince und Phil hatten mich schon mehrmals versucht anzurufen oder mir Nachrichten geschrieben in unserem Gruppenchat. Schnell öffnete ich den Chat und antworte ihnen.

      K:
      ´Wir treffen uns um 20 Uhr beim Avalon Hollywood. Dann können wir davor noch eine Kleinigkeit essen und dann trinken und feiern wir bis zum abwinken´
      P: `Klingt nach einem guten Plan. \^-^/ `
      V: ´So wird es gemacht. ;D ´

      Ich grinste über beide Ohren und machte mich dann fertig für den Abend. Meine Haare stylte ich ganz natürlich, ich brachte lediglich meine Locken in Form. Ich zog mir dieses Mal ein Muskelshirt in schwarz an um meine Tattoos zu zeigen, eine schlichte schwarze Jeans und meine Chucks rundeten das ganze Bild ab. Eine Lederjacke nahm ich mir ebenfalls noch mit, falls es heute Abend kühler werden wird. Eine Schachtel Zigaretten und zwei Feuerzeuge wanderten in meine Jackentasche und mein Handy, sowie mein Portemonnaie.
      Ich legte noch ein bisschen Parfum auf und schloss mein Zimmer auf und trat in den Flur. Es war nichts und niemand zu hören. Ich ging nach unten in den Wohnbereich und auch dieser war leer. Anscheinend waren Tom und Grace beschäftigt. Gut für mich. Ich schrieb eine Notiz das ich unterwegs mit den Jungs bin und nahm einen Magneten vom Kühlschrank und hefte die Notiz daran.
      "Dann wollen wir mal." Nichts und niemand konnte mich heute aufhalten.
    • Grace

      Die Fahrt zurück zum Loft war von einer Stille geprägt, die so dick war, dass man sie mit einem Skalpell hätte zerschneiden können. Mr. Miller tippte auf seinem Tablet herum, James steuerte den Wagen mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der schon weitaus schlimmere Rockstars chauffiert hatte, und Kyle... Kyle starrte aus dem Fenster, als hinge sein Leben davon ab, jeden einzelnen Hydranten am Straßenrand zu zählen. Eigentlich alles alles wie erwartet.
      Im Loft angekommen, herrschte eine fast schon gespenstische Stille, nachdem Kyle wie ein bockiges Kind in sein Zimmer gerauscht war. Ich atmete tief durch und folgte Mr- Miller in den Wohnbereich. Martha hatte bereits das Wunder vollbracht, frischen Kaffee und Gebäck bereitzustellen. Der Duft allein war ein Segen. "Kein Problem", sagte ich ruhig auf Toms Entschuldigung hin und nahm einen kleinen Schluck aus der dampfenden Tasse. "Ich habe schon mit schwierigeren Persönlichkeiten gearbeitet. Ihr Bruder ist nicht das Problem." Ich machte eine kurze Pause und sah auf den dunklen Spiegel des Kaffees. "Er ist nur sehr konsequent darin, sich selbst im Weg zu stehen."
      Ich stellte die Tasse ab, griff nach einem der Kekse und betrachtete ihn kurz, als wäre er ein kleines Kunstprojekt. Die Textur, die Krümel, die Symmetrie..., bevor ich einfach herzhaft hineinbiss.
      "Die Fotos bekommen Sie", fuhr ich sachlich fort. "Ich denke, Sie sollten sich überlegen, ob wir eines der eher... verwackelten, rohen Bilder vielleicht 'zufällig' der Presse zuspielen. Ein kleiner Leak vom Set seiner kreativen Arbeit. Das würde den Druck vom Kessel nehmen, den Schein wahren und den Fans das Gefühl geben, sie seien ganz nah dran, ohne dass wir wirklich die Kontrolle verlieren."
      Schließlich verabschiedete sich auch Mr. Miller in sein Büro. Sobald ich allein war, breitete ich mich am großen Tisch in meinen Zimmer aus. Meine Playlist lief leise im Hintergrund, während ich die Aufnahmen des Tages sichtet. Mein Blick blieb an dem Bild von Kyles Händen hängen, das mich schon im Studio fasziniert hatte. Diese Anspannung in den Sehnen, der krampfhafte Griff um das Stativ ... es erzählte mehr über ihn als jedes Porträt. Ohhhh... aber dieser Kultur-Banause wusste das natürlich kaum zu schätzen.
      Ich betrachtete es aus verschiedenen Perspektiven, zoomte rein und raus. Schließlich griff ich zu einem großen Blatt Papier und fing an zu zeichnen. Mit feinen roten und blauen Linien, die an die Sicherheitsmerkmale auf einem Dollarschein in Negativoptik erinnerten, übertrug ich die Konturen. Ich experimentierte mit verschiedenen Schriftzügen, ließ den Bandnamen und den Songtitel Shattered hearts and safety pins in das Design einfließen. Es war noch nicht perfekt, aber der Entwurf hatte eine Energie, die mich für einen Moment alles andere vergessen ließ... Als ich noch immer nicht ganz zufrieden beschloss ich es zunächst sein zu lassen. Wenn ich sonst Kreativ blockiert war, legte ich meine Projekte beiseite an einen Ort wo sie nicht nach einer kurzen Pause irgendwann spontan wieder ansprachen und der Prozess weiter gehen konnte. Also, ging ich zur Küche, um das Blatt an den Kühlschrank zu hängen. Dabei fiel mein Blick auf eine kleine Notiz, die mit einem Magneten befestigt war. Ich las sie und stieß einen leisen Seufzer aus. Unterwegs mit den Jungs. Ich überlegte kurz, ob ich Tom informieren oder Kyle hinterherlaufen sollte. Aber nein. Vielleicht war es besser, ihn glauben zu lassen, sein Leben ginge normal weiter, ohne dass ich ihm wie ein Kindermädchen ständig auf die Finger haute. Wenn er fallen wollte, würde er fallen.
      In diesem Moment vibrierte mein Handy. Farrow. Sie war in diesem Haifischbecken von L.A. so etwas wie eine Ankerperson für mich: halb Kollegin, halb Freundin."Grace! Ich muss dringend mit dir über etwas reden und eine ordentliche Dosis Realität", tönte ihre Stimme aus dem Lautsprecher. "Komm vorbei. Wir gehen eine Runde mit Gatsby spazieren und trinken Cocktails. Und Grace... bitte versuch dich wenigstens ansatzweise dem Anlass entsprechend anzuziehen. Immerhin wirst du mit mir gesehen."
      Gatsby? Der süßeste Zwergspitz der großen weiten Welt? Wie konnte ich da nein sagen! Ich musste lächeln. "Ich bin in einer Stunde da."
      Ich klopfte kurz an Toms Bürotür, meldete mich für den Abend ab und verschwand in meinem Zimmer. Ich öffnete den Dutch Braid, den ich den ganzen Tag getragen hatte. Mein Haar fiel in leichten, natürlichen Wellen über meine Schultern. Ich clippte die Seiten mit einer Haarspange lässig, aber präzise am Hinterkopf zusammen. Ein wenig Eyeliner, Mascara, ein Hauch Blush und glänzender Gloss. Ich sah wieder aus wie ein Mensch.. vielleicht sogar eine Frau die zu dieser Stadt passen könnte, nicht wie eine Schattenjägerin im Studio.
      Ich trat vor den Spiegel und betrachtete das Ergebnis meiner Bemühungen. Ich hatte mich für ein weißes Top entschieden, über das ich eine eng anliegende Lederjacke in einem tiefen Burgunderrot gezogen hatte. Um den Look abzurunden, schlang ich mir einen farblich passenden Schal in verschiedenen Rot- und Beigetönen locker um den Hals. Dazu kombinierte ich einen schlichten schwarzen Minirock und eine leicht transparente schwarze Strumpfhose, was dem Outfit eine elegante Note verlieh. Schließlich schlüpfte ich in meine hohen, schwarzen Lederstiefel mit Blockabsatz, die dem Ganzen Charakter gaben. Ich rückte meine goldene Herzchen-Kette und die schlichten Ohrringe noch einmal zurecht, griff nach meinen Kopfhörern. "Das ist genau die richtige Kombination für heute. Zumindest eine mit der mich Farrow nicht zu shoppen zwingt." Ich fühlte mich gut. Bereit für Gatsby, bereit für Farrow und bereit, für ein paar Stunden zu vergessen, dass mein Hauptmotiv gerade irgendwo in Hollywood versuchte, sich selbst zu ruinieren.
    • Tom

      Ich versank wieder vollkommen in meiner Arbeit und mir war gar nicht bewusst wie spät es auf einmal geworden war. Ein Klopfen riss mich aus meinen Gedanken und Ms. Wilson kam hinein. Sie wollte sich für heute Abend frei nehmen und ich gewährte ihr das natürlich auch. Schließlich hielt ich sie nicht hier fest, auch wenn sie als Fotografin der Jungs agiert, so hatte sie ein Privatleben, welches ich respektierte.
      Nachdem das Loft wie gespenstisch ruhig wirkte, legte ich meine Arbeit für heute nieder. Ich lehnte mich an meinem Stuhl zurück und fuhr mir mit den Händen über mein Gesicht. Privatleben? Was ist das schon? Ich weiß gar nicht wann ich das letzte Mal ausgegangen war. Das ist schon ewig her. Meine Kontaktliste war lang und es gab sicherlich die ein oder andere Frau, die sofort dabei wäre, aber war ich schon bereit dafür? Nein. Die Arbeit war im Moment das einzige was mir wichtig war. Ich stand von meinem Stuhl auf und verließ mein Büro, es herrschte wirklich eine unangenehme Stille. Niemand war mehr hier. Sogar die Angestellten hatten bis auf ein paar einzelne Personen schon lange Feierabend. Ich atmete tief durch und schenkte mir einen Whiskey ein. Ich lief durch den Wohnbereich und nippte an mein Getränk. Mein Blick fiel auf die kleine Notiz die am Kühlschrank hin. Sofort verdunkelten sich meine Augen. "Was zum Henker." Sorge breitete sich in mir aus. Wie konnte er nur so unvernünftig sein und Feiern gehen? Sein Zustand mag zwar stabil sein, doch er durfte es nicht übertreiben. Bevor mein Ärger überhand gewann, ging mein Blick zu dem Bild was neben der Notiz hing. Ich schmunzelte. Eins muss man Ms. Wilson lassen, sie hatte wirklich Talent. Auch wenn ich noch nicht viel von ihren Fotos gesehen hatte, schien sie auch gut mit Stift und Papier umzugehen.
      Ich wandte mich wieder weg vom Kühlschrank und ließ meinen Blick wieder über L.A. Hoffentlich benimmt sich Kyle und die Jungs passen auf ihn auf. Ich möchte ihn ungern nochmal im Krankenhaus besuchen..

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      Kyle

      Mein Wagen fuhr mich zu der angegeben Adresse. Vor dem Club war noch nicht viel los, da er erst um 21 Uhr seine Türen öffnete. Phil und Vince warteten schon auf mich und ich begrüßte die beiden. "Seit ihr bereit?" Sie nickten mir zu. Wir machten uns auf den Weg vom Club zu einer Pizzeria, die eine Straßenecke weiter ist. Dort aßen wir etwas und unterhielten uns über den heutigen Tag. Ich fühlte mich heute wirklich richtig frei. Im Loft war die Stimmung seit gestern eher angespannt. Anders als ich erwartet hatte. Ich verdrängte ganz schnell die aufkommenden Gedanken rund um Grace. Dieser Abend gehört nur mir und den Jungs.
      Nachdem wir fertig gegessen und bezahlt hatten, machten wir uns auf dem Weg zurück zum Club. Wir waren zum Glück in einer Gegend wo die Presseleute nur beschränkten Zutritt hatten. Daher war es egal wie der Abend ausging, niemand würde es mitbekommen. Der Club behandelt seine Gäste mit Diskretion. Was im Club passiert bleibt im Club.
      Wir begrüßten den Türsteher mit einem Handschlag. "Schön euch wieder zu sehen Jungs." "Wir freuen uns auch dich wiederzusehen Will." Der Türsteher kannte uns, da wir mittlerweile Stammkunden waren. Wir traten hinein und der Club war schon gut besucht. Unser Weg führte uns in die VIP Lounge. Dort wurden wir schon mit den ersten Getränken begrüßt und wir chillten uns auf einen der Loungesessel. Was ich noch an den Club mochte, denn man durfte hier rauchen, was in vielen Lokalen schon verboten war. Doch da hier auch noch Menschen ein und ausgehen, die einen höheren Status hatten und viele von ihren Raucher waren, wäre das ein ziemlicher Gewinneinbruch. Ausnahmen bestätigen eben die Regel. Ich zündete mir eine Zigarette an und lehnte mich entspannt mit dem Rücken an der Lehne an. So gefiel mir das. Ein entspannter Abend ohne Diskussionen oder hitzige Wortgefechte. Genau das brauchte ich heute.
    • Grace

      Bevor ich das Loft endgültig verließ, wühlte ich noch einmal hektisch in meiner Kommode. Irgendwo mussten sie sein... Ah, da! Zwischen ein paar alten Speicherkarten und Objektivdeckeln fand ich die kleine Packung mit den getrockneten Entenbruststreifen. Leckerlis für Gatsby ohne die brauchte ich mich bei dem kleinen Kerl gar nicht blicken zu lassen. Ich eilte zur Tür, schnappte mir meine Tasche und nahm abermals den Bus. Die Fahrt zum Sunset Paw Park zog sich gefühlt ewig hin, und ich warf nervöse Blicke auf meine Uhr. Farrow hasste Unpünktlichkeit fast so sehr wie schlecht sitzende Kleidung, und ich wollte den Abend nicht mit einer Standpauke über Zeitmanagement beginnen.
      Als ich den Park erreichte, entdeckte ich sie sofort. Farrow stand perfekt ausgeleuchtet unter einer Laterne, das Handy am Ohr, in eine geschäftige Diskussion vertieft. Doch bevor ich sie erreichte, gab es kein Halten mehr: Ein kleiner, wolfsfarbener Wirbelwind schoss über die Wiese auf mich zu. "Hey, mein Großer! Na, hast du mich vermisst?", lachte ich und ging in die Hocke. Gatsby, der Zwergspitz-Rüde, überschüttete mich förmlich mit Zuneigung. Ich nahm ihn hoch, und er leckte mir so enthusiastisch durch das Gesicht, dass es mich überall kitzelte. "Hallo, hallo! Ja, ich hab dich auch lieb." Farrow beendete ihr Telefonat mit einem unterkühlten "Wir verbleiben so" und sah uns streng an. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, öffnete die kleine Packung und schob Gatsby ein Leckerli zu, während er in meinem Arm zappelte. "Gracelyn Penelope Wilson! Keine Leckerlis fürs einfach süß sein!!", hallte ihre Stimme über den Rasen.
      Ich rollte mit den Augen und setzte den Hund vorsichtig wieder ab. "Ja, ja, Mum...", murmelte ich leise. Für jemanden, der felsenfest behauptete, niemals Kinder haben zu wollen, konnte Farrow verdammt autoritär und angsteinflößend sein. Aber wahrscheinlich brauchte sie genau diese Attitüde, um bei Nexus täglich die Welt zu retten. Farrow begrüßte mich mit einem angedeuteten Kuss links und rechts, doch ihre Augen scannten mein Outfit mit der Präzision eines Röntgengeräts. Sie schien halbwegs zufrieden, auch wenn ich genau wusste, dass sie in Gedanken schon wieder drei Dinge gefunden hatte, die sie optimiert hätte. Wir gingen ein Stück durch den Park, während Gatsby die Freiheit nutzte, um sich ordentlich auszupowern. "Und?", begann ich schließlich das Gespräch, als die Stille zwischen uns zu lang wurde. "Warum wolltest du jetzt so dringend mit mir sprechen?"


      Farrow

      Ich beobachtete Grace aus dem Augenwinkel. Ich musste anerkennen, dass sie sich Mühe gegeben hatte, meine Stylingtipps umzusetzen das Burgunderrot stand ihr ausgezeichnet, aber diese Frau war bei ihrer Arbeit so viel akribischer als bei ihrem eigenen Auftreten. Es war mir ein Rätsel. In meinem Kopf sortierte ich die Prioritäten des Tages. Die Presseanfragen zu Kyle Miller nahmen kein Ende, aber das war an diesem Abend zweitrangig. In der letzten Woche war ein Auftrag bei Nexus reingekommen, der alles andere in den Schatten stellte. "Am 28. findet wieder die Magnolia Society statt", begann ich und rückte meinen Mantel zurecht. "Und ich hätte dich gern für die Eventfotos. Ich brauche talentierte Fotografinnen, denen ich vertraue – erst recht bei diesem Star- und Luxusaufgebot. Oh, Grace, wir haben uns wirklich nicht lumpen lassen, als wir den Zuschlag bekommen haben. Es wird... einfach perfekt!"
      Grace blieb abrupt stehen. Ich sah, wie sie schwer schluckte, ihr Blick wurde unsicher. "Aber Farrow... ich arbeite nicht mehr offiziell für dich. Ich bin bei den Millers fest angestellt." Ich ging unbeeindruckt weiter und wartete, bis sie wieder aufschloss. "Lass das nur meine Sorge sein. Ich habe darauf bestanden, die Einladungen für Mr. und Mr. Miller persönlich zu übergeben. Und du weißt, wie verdammt überzeugend ich sein kann, wenn ich ein Ziel vor Augen habe." Wir liefen noch eine ganze Weile durch das gedämpfte Licht des Parks, beobachteten Gatsby, wie er jeden Grashalm inspizierte, bis er schließlich sichtlich müde wurde. Das war das Zeichen. Ich zückte mein Handy und rief uns ein Taxi. "Genug frische Luft", entschied ich. "Jetzt fahren wir in die Stadt und trinken einen anständigen Cocktail. Ich habe das Gefühl, du kannst eine Portion 'Altes Leben' vertragen, bevor dich dieser Rockstar-Wahnsinn komplett verschlingt."
    • Tom

      Nach zwei oder drei Gläsern Whiskey sahs ich auf dem Sofa und sah mir etwas auf dem Fernseher an. Ich war es zwar mittlerweile gewohnt öfters alleine zu sein, aber seitdem Vorfall von Kyle änderte sich das Ganze. Ich machte mir Sorgen und hatte Angst um meinen kleinen Bruder. Denn ich wusste das er es gerne übertreibt. Gerade jetzt, da sein Leben mal wieder vollkommen umgeworfen wurde. Erst die Diagnose, dann habe ich noch Grace Wilson in sein Leben geschleust. Das war alles andere als passend für ihn. Er wollte unabhängig, frei und ohne Kontrolle sein, doch das war nun vorbei. Es wird irgendwann ein großes Drama geben, wenn er herausbekommt das ich Ms. Wilson nur als Schein als Fotografin angeheuert hatte. Ich seufzte schwer und stellte das Glas auf dem Tisch ab. Ich hatte keine andere Wahl. Für mich ist und bleibt sie die perfekte Person für diesen Job, trotz der Konsequenzen die ich am Ende tragen muss, falls Kyle dahinter kommt. Aber wenn mir schon zu Ohren gekommen ist, das die Beiden seit gestern ständig an einander geraten, wird es noch spannend bleiben. Doch nun blieb ich solange auf dem Sofa sitzen bis Kyle nach Hause kommt und wenn es die ganze Nacht dauern wird.

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      Kyle

      Wir hatten den Spaß unseres Lebens. Neben dem Alkohol den wir tranken, stellte ich einen neuen Highscore beim Dart auf. Ja der Club hatte wirklich alles was das Herz begehrt, sogar einzelne Räume wo man sich zurückziehen konnte, ob alleine oder mit Begleitung.
      Wir feierten meinen Sieg mit diversen Shots und ich fühlte mich so gut wie schon lange nicht mehr. Mir war die Krankheit und Grace gerade vollkommen egal. Nach und nach heizte der DJ die Stimmung ein und ich tanzte auf einen der Loungesessel herum. Völlig hemmungslos. Viele die hier ein und ausgehen kannten uns, aber wie schon erwähnt wird hier nichts nach Außen getragen.
      Phil und Vince hielten sich zwar mit dem Trinken ein wenig zurück, aber sie schienen auch ihren Spaß zu haben.
      Etwas später lag mein Arm eng umschlungen um eine wunderschöne brünette Frau. Sie hatte mich schon den ganzen Abend beobachtet und mit mir geflirtet. Ich wäre dumm wenn ich mich nicht darauf eingelassen hatte. Die beiden Jungs unterhielten sich mit anderen Frauen und ich wusste das keiner von Beiden weiter gehen würde, als nur ein harmloser Flirt. Sie waren zu anständig. Ich hingegen versank in den haselnussbraunen Augen dieser Frau und hätte sie am liebsten sofort ins Séparée geschleppt. Doch sie wollte sich noch ein wenig mit mir unterhalten, was an sich nicht verkehrt war. Also gewährte ich ihr ein paar Minuten und ging auf ihre Fragen ein und hörte ihr aufmerksam zu. Ihr schien es zu gefallen, doch mein Hunger nach mehr wurde immer größer. Sie fuhr die Linien meiner Tattoos nach und sah mich dabei eindringlich an. Ein Funkeln in ihren Augen blitzte auf. Ich löste meinen Arm von ihr, stand auf und zog sie auf die Beine. Ich schwankte schon ein wenig, doch meine Lippen fanden ihre ohne Probleme. Wir knutschten wild herum und ich führte sie anschließend ins Séparée. Genau so habe ich mir den Abend vorgestellt.
    • Grace

      Wir saßen in einer der exklusivsten Cocktail-Lounges der Stadt, ein Ort, an dem das Licht so gedämpft war, dass jeder Gast automatisch attraktiver wirkte. Gatsby lag vorbildlich und vollkommen entspannt zwischen unseren Füßen auf dem dunklen Teppich, während wir an unseren Drinks nippten. " Ich weiß das Event ist dir wichtig aber Farrow, bitte...", unterbrach ich sie sanft, als sie erneut auf das Thema Kyle Miller lenken wollte. "Können wir das Thema Millers für heute Abend einfach begraben? Ich brauche eine Pause von diesem Zirkus."
      Farrow hob eine perfekt gezupfte Augenbraue, akzeptierte den Wunsch jedoch mit einem knappen Nicken. "In Ordnung. Keine Rockstars heute Abend." Sie lehnte sich zurück und fixierte mich mit ihrem analytischen Blick. "Wie läuft es stattdessen mit der Suche nach deinen leiblichen Eltern? Und was sagt deine Adoptivfamilie dazu? Gibt es Fortschritte?" Ich seufzte leise und starrte in mein Glas. "Es ist mühsam. Ein paar Sackgassen, viel Bürokratie. Meine Adoptiveltern unterstützen mich, aber ich merke, dass sie sich Sorgen machen, was ich am Ende finde." Farrow nickte verstehend, doch ihr Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig zu einem amüsierten Grinsen. "Und was ist eigentlich aus dieser Bekanntschaft geworden, die du in San Francisco gemacht hast? Wie hieß er noch gleich?" Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen schoss und ich unweigerlich rot wurde. Farrow lachte leise auf. "Oh, sieh dich an! Du hast mir doch diese sehr interessanten Bilder von dieser Nacht geschickt. Sah ganz so aus, als hättest du verdammt viel Spaß gehabt." Ich schluckte schwer. Hatte ich das? "Es war... flüchtig", murmelte ich und versuchte, mein Gesicht hinter meinem Cocktail zu verbergen. "Wir haben uns über die Kunst unterhalten. Und über andere Dinge." Ich kannte Farrow seit zwei Jahren und mittlerweile gut genug um zu wissen, dass sie diese Karte gegen mich ausspielen würde wenn es die Situation erforderte. "Klar, über Kunst." spottete Farrow gutmütig. "Wir wissen doch beide, wie dein Beuteschema aussieht, Grace. Ein Mann braucht eigentlich nur eins von drei Kriterien erfüllen: Er sollte Brite sein, Fotograf oder Drummer. Am besten alles zusammen." Ich beobachtete wie sie Gatsby zu einer Fellkugel zusammenrollte. "Hey!", protestierte ich und tat beleidigt, während ich mir eine Locke hinter das Ohr schob und wieder zu meiner Begleiterin herüber sah. "Das ist ein fieses Vorurteil. Ich bin viel tiefgründiger als das." Ich kniff die Augen zusammen und sah sie herausfordernd an. "Und was ist mit dir? Was ist eigentlich dein Typ Mann, Miss Workaholic?" Farrow schnaubte verächtlich und wirbelte das Eis in ihrem Glas herum. "Du weißt genau, wie ich zu Männern stehe, Schätzchen. Die Energie war schon lange keiner mehr wert. Sie lenken mich nur vom Wesentlichen ab... von meiner Arbeit. Und für alles andere habe ich meine... Spielzeuge. Die brauchen keine Aufmerksamkeit am nächsten Morgen." Sie wirkte entschlossen aber irgendwie kam sie mich traurig vor. "Ja, ich weiß", erwiderte ich schmunzelnd. "Aber das heißt ja nicht, dass du dich nicht doch mal zu dem einen oder anderen Mann hingezogen fühlst. Irgendwelche Standards musst du ja haben." Farrow überlegte einen Moment, ihr Blick wurde nachdenklich, als wöge sie ab was sie mir sagen sollte. Oder besser wie ehrlich sie mit mir sein sollte.. "Na gut. Wenn ich wählen müsste... Ich mag gepflegte Männer. Männer, die genau wissen, was sie wollen, und die mir auf Augenhöhe begegnen. Jemand, der mich intellektuell anspricht und mich auch mal herausfordern kann. Und es müsste ein Mann sein der sich ehrlich mein Vertrauen verdient und es nicht missbraucht. Er müsste akzeptieren, dass ich vollkommen eigenständig bin und dass mein Erfolg und natürlich Gatsby, immer an erster Stelle stehen werden." Ich hielt mitten in der Bewegung inne, das Glas halb am Mund. Ihre Beschreibung war so präzise, dass mir sofort ein Gesicht vor Augen schwebte. Gepflegt, zielorientiert, intellektuell herausfordernd, eigenständig, verantwortungsbewusst....
      Sie beschrieb gerade relativ genau meinen neuen Chef. Fast hätte ich den Gedanken ausgesprochen, biss mir aber rechtzeitig auf die Unterlippe um größeres Unheil zu vermeiden. Ich hatte schließlich selbst darum gebeten, nicht mehr über die Millers zu reden, und ich wollte diesen fragilen Frieden nicht durch eine Bemerkung zerstören, die Farrow wahrscheinlich sofort in den falschen Hals bekommen hätte.
      Farrow war viel zu scharfsinnig, um mein plötzliches Schweigen zu übersehen. Sie lehnte sich vor, das Glas in ihrer Hand hielt sie nun vollkommen still, während sie mich durch den Rand ihrer Designerbrille fixierte.
      "Grace", sagte sie mit dieser tiefen, kontrollierten Stimme, die sie immer dann benutzte, wenn sie wusste, dass jemand versuchte, ihr etwas vorzuenthalten. "Dein Gesicht ist gerade ein offenes Buch. Dich scheint etwas zu beschäftigen. An wen hast du gerade gedacht?" Ich spürte, wie ich schon wieder Farbe bekannte. "An niemanden Bestimmtes", log ich, viel zu schnell und viel zu unsicher. "Ich habe nur... über deine Kriterien nachgedacht. Du suchst quasi ein Einhorn." Farrow schnaubte und stellte ihr Glas mit einem unterkühlten Klirren auf den Marmortisch. "Lüg mich nicht an, Gracelyn. Ich kenne diesen Blick. Das war nicht die Suche nach einem Fabelwesen, das war ein Abgleich. Du hast jemanden im Kopf, auf den diese Beschreibung passt."
      Sie musterte mich einen Moment lang schweigend, während Gatsby im Schlaf leise pfiff. Dann weiteten sich ihre Augen ein winziges Stück. Ein gefährliches, wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. "Oh Gott", hauchte sie, fast schon amüsiert. "Du hast an einen der Millers gedacht, oder? Aber sicher nicht an den kleinen Giftzwerg mit der Gitarre. Der würde mich nicht intellektuell herausfordern, der würde mich innerhalb von fünf... oder zehn Minuten dazu bringen ihn in den Wind zu schießen." Ich hielt den Atem an. Farrow war verdammt nah dran. "Es ist Tom Miller, nicht wahr?", kombinierte sie eiskalt weiter. "Der große Bruder. Derjenige, der den ganzen Laden zusammenhält." Ich war auf einmal so durstig und hatte fast mein gesamtes Glas geleert während Farrow das Puzzle zusammengesetzt hatte. "Ich habe gesagt, wir reden nicht über sie", versuchte ich verzweifelt abzulenken, doch Farrow winkte nur ab. "Schon gut, schon gut. Ich sage ja nur... rein hypothetisch... dass dein Gehirn offensichtlich Verbindungen knüpft, die gar nicht so abwegig sind. Ein Mann, der ein Imperium leitet, während er seinen Bruder bändigt? Das hat zumindest Potenzial." Sie nippte genüsslich an ihrem Drink. "Aber keine Sorge. Ich habe nicht vor, mir einen Miller zu angeln. Das wäre schlecht für das Geschäft. Und für meine Nachtruhe." Ich atmete erleichtert aus, doch die Vorstellung wollte mich nicht ganz loslassen. Die Parallelen zwischen Farrow und Tom waren fast schon erschreckend und faszinierend zu gleich.
    • Kyle

      Diese Frau war genau die Ablenkung die ich gerade brauchte. Sie war sehr anziehend und ließ den Tiger in mir heraus. Wir stolperten beinahe aufs kleine Bett in den Raum und rissen uns die Kleider vom Leib. Heiße Küsse folgten und ich schaltete meinen Kopf einfach aus.
      Ich brachte sie um den Verstand und sie mich. Trotz der großen Menge an Alkohol in mir, kam sie auf ihre Kosten. Das letzte Mal das ich mit einer Frau geschlafen habe, war schon eine ganze Weile her, aber ich war nicht aus der Übung. Unsere Körper vereinten sich miteinander und ich spürte ihre Fingernägel, wie sie sich in meinen Rücken bohrten. Unser Atem ging schneller und ich nahm sie in jeglicher Position wie es nur möglich war. Die Geräusche die sie dabei machte, heizten mich noch mehr an. Unsere Körper waren im Einklang. Wir kamen gleichzeitig zum Schluss und ich sank neben ihr völlig fertig auf das Bett. Mein Puls war sicherlich in utopischen Höhen gelandet, aber das war es mir wert. Ich sah ihr dabei zu wie sie sich wieder anzog und gab ihr noch einen Klaps auf den Hintern. Sie lachte auf und verließ den Raum wieder. Ich blieb noch etwas liegen und trank zur Abwechslung eine ganze Flasche Wasser. Wenige Minuten später ging auch ich wieder raus. Meine Haare waren jetzt nicht mehr so geordnet wie vorhin und ein fettes Grinsen war auf meinem Gesicht. Phil und Vince haben zur Bar gewechselt. Ich legte meine Arme um die Beiden. "Na war es gut?", fragte mich Phil. "Sowas von." ich setzte mich neben sie. "Aber ich brauch jetzt unbedingt eine Abkühlung." Vince winkte den Barkeeper zu uns ran. "Drei Bier bitte", sprach er zu ihm. Sofort zapfte er uns das Bier ab und stellte die Gläser vor uns hin. "So und was ist mit euren Ladies geworden?" Ich nippte an dem Bier. Die kalte Flüssigkeit rannte mir die Kehle hinunter. "Naja ich hab ihre Nummer bekommen und vielleicht treffen wir uns die nächste Woche mal auf einen Kaffee", fing Phil an. "Die Kleine war schon süß und ich hoffe das du endlich Mal eine anständige Frau findest." Phil zuckte mit den Schultern. "Nach dem Drama mit Emily weiß ich nicht ob ich schon bereit dafür war mich auf was Neues einzulassen." Ich schüttelte den Kopf. "Lass einfach deinen Charme spielen und dann liegen dir die Frauen zu Füßen." Phil trank von seinem Glas. "Ich weiß nicht.." Ich drückte seine Schulter. "Du kannst das. Trau dich ruhig. Was hast du schon zu verlieren?" Ich wusste das es Phil sehr schwer fällt eine Frau an sich ran zu lassen. Nachdem er so heftig von seiner Ex Freundin betrogen und belogen wurde. Sie nutzte ihn nur aus weil er berühmt war und ließ ihn dann fallen wie eine heiße Kartoffel. Dieser Schmerz sahs tief in ihm drinnen. Doch ich wünsche mir nichts weiter als das er glücklich ist. Phil lächelte mir zaghaft zu. "Ich überlege es mir." Ich nickte ihm zu und wandte mich dann zu Vince. "Und bei dir?" Vince verschluckte sich beinahe am Bier. Er räusperte sich. "Nu-n sie hat mir gesagt das sie nicht auf Männer steht und wollte sich nur mit mir unterhalten." Ich sah ihn verwundert an. "Oh.. auch gut." Er lächelte vor sich hin. "Naja es war trotzdem schön so." Vince war der Bescheidene von uns dreien. Er stellt seine Gefühle und Bedürfnisse gerne nach hinten und möchte seinem Gegenüber glücklich machen. "Jetzt fühl ich mich fast schon schlecht, das ich zum Zug kam." Beide schüttelten den Kopf. "Du lässt eben die Frauenherzen höher schlagen und das ist auch okay für uns", sprach Phil zu mir. "Und du machst gerade eine schwere Zeit durch und da darfst du dir gerne etwas Spaß erlauben." Vince sah mich aufmunternd an. "Danke Jungs. Ehrlich ihr seit die Besten." Ich erhob mein Glas und die Beiden machten es mir nach. Wir stießen an und ließen den Abend noch in Ruhe ausklingen.
    • Grace

      Das Taxi hielt mit einem leisen Quietschen vor dem modernen Gebäude des Lofts. Die Lichter der Stadt spiegelten sich in den dunklen Scheiben der Lobby wider. Farrow kurbelte das Fenster ein Stück herunter, während Gatsby, der auf ihrem Schoß sichtlich schläfrig geworden war, leise schnaufte. "Willst du nicht doch noch mit hochkommen?", fragte ich und zögerte einen Moment an der Wagentür. "Auf einen letzten Absacker? Oder wegen deiner Einladung? Gott weiß, was mich da oben erwartet." Farrow schenkte mir ein trockenes, fast schon mitleidiges Lächeln und schüttelte den Kopf. "Nein, Grace. Du weißt, wie ich das handhabe: Ich schlage meine Schlachten allein und zu meinen eigenen Bedingungen schlagen. Außerdem ist meine Geduld für Rockstar-Dramen für heute schon offiziell aufgebraucht." Sie klopfte leicht gegen die Türverkleidung. "Schlaf gut. Wir hören uns wegen der Magnolia Society." Ich sah dem Wagen hinterher, bis seine Rücklichter in der nächsten Querstraße verschwanden. Dann hob ich den Blick zum Loft hinauf. In einigen Fenstern brannte noch Licht. Ein einsames Leuchten in der Architektur aus Glas und Stahl. Mit einem tiefen Atemzug betrat ich das Gebäude und fuhr schweigend nach oben.
      Oben angekommen, bewegte ich mich so leise wie möglich. Ich wollte niemanden wecken, erst recht nicht Kyle, falls er schon in einem alkoholisierten Koma in seinem Bett lag. Eine einsame Gestalt saß am anderen Ende der weitläufigen Couch-Landschaft, das Gesicht nur schwach vom bläulichen Licht eines Tablets erhellt. " Guten Abend, Mr. Miller. Ich bin wieder da.", sagte ich leise und stellte meine Tasche auf dem Boden ab. Er sah auf, und für einen Moment wirkte er müde, fast schon ausgelaugt. Die Perfektion, die er tagsüber ausstrahlte, hatte feine Risse bekommen. Ich schlich in den Wohnbereich, legte meine Lederjacke über die Lehne und ließ mich ebenfalls mit etwas Abstand auf die tiefe Couch fallen. "Warten Sie hier unten noch immer auf Ihren Bruder?" Wir kannten uns nicht lange und hatten beide unterschiedliche Motive, hofften aber gemeinsam dass Kyle nicht wieder über seine eigenen Grenzen stolperte. "Gehen Sie ins Bett, Mr. Miller", sagte ich ruhig und schob meine Ärmel hoch. "Ich übernehme die Nachtwache. Ich bin sowieso noch hellwach."
      Bevor er höflich protestieren konnte, hob ich beschwichtigend die Hand. Ich musste unwillkürlich an Farrow denken und daran, wie sehr sie diesen Mann gerade für seine Disziplin bewundert hätte und wie sehr er den Schlaf für den kommenden Tag brauchen würde wenn besagte Powerfrau einen Besuch bei ihn plante. "Glauben Sie mir, Sie können die Ruhe morgen besser gebrauchen als ich. Und ganz ehrlich? Es ist wahrscheinlich besser, wenn ich heute die böse Spaßbremse für Kyle bin, nicht Sie. Er ist sowieso schon sauer auf mich, da macht eine Standpauke mehr oder weniger den Kohl auch nicht fett. Ich weiß, Farrow meint ich hötte eine bemerkenswerte Art, Verantwortung zu delegieren. Ich nenne es einfach Schadensbegrenzung." Schließlich gab er nach, wünschte mir eine gute Nacht und verschwand leise in Richtung der Treppen. Dann kehrte die Stille zurück. Die schwere, erwartungsvolle Atmosphäre legte sich wie eine Decke über mich. Eine ganze Weile saß ich einfach nur da, die Beine angezogen, und starrte ins Halbdunkel des Raums. Die Stille hier war anders als in der Bar sie war schwerer, irgendwie erwartungsvoller. Meine Gedanken wanderten zurück zu dem Abend, zu Farrows Worten über Tom und zu dem Bild von Kyles Händen, das immer noch am Kühlschrank hing. Schließlich zückte ich mein Handy. Das helle Display blendete mich kurz. Ich suchte den Kontakt meiner Eltern in England raus. Durch die Zeitverschiebung war es dort gerade um neun Uhr und ich wusste, dass sie sich über ein Lebenszeichen freuen würden. "Hey Mum, hey Dad", flüsterte ich fast, als die Verbindung stand und ich die vertrauten Stimmen am anderen Ende hörte. "Ja, mir geht es gut. Wirklich. Ich wollte euch nur sagen... ich habe meine Reise erst einmal unterbrochen. Ich habe eine feste Stelle in L.A. gefunden. Es ist... kompliziert, aber die Bezahlung ist gut und die Arbeit fordert mich heraus." Wir sprachen eine Weile gedämpft über Belanglosigkeiten, über das Wetter in Cornwall, was meine Geschwister so machten und dass ich vorsichtig sein sollte. Es tat gut, diese Verbindung zur Heimat zu spüren, während ich hier in dieser fremden, glitzernden Welt feststeckte. Aber auch dieser Augenblick ging vorbei und ich sahs wieder allein im viel zu stillen Wohnzimmer.

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    • Tom

      Ich wartete und wartete, dann ging der Fahrstuhl auf und ich hörte Absatzschuhe die leise über den Boden klackten. Es war nicht Kyle so viel stand fest. Ms. Wilson sah mich mich mit einem besorgten Blick an. „GutenAbend. Ja ich warte tatsächlich auf ihn. Ich mache mir einfach nur Sorgen mehr nicht. Ich wollte mich eigentlich mit Fernsehen ablenken, aber hab mir doch mein Tablet geholt um noch ein wenig zu arbeiten.“ Ich fühlte mich müde und war erschöpft. Und ja sie hatte wohl recht. Ich sollte ins Bett gehen und schlafen. Ich vertraute ihr. „Wenn etwas ist dann bitte ich sie mich zu wecken.“
      Dann erhob ich mich von der Couch und ging nach oben in mein Zimmer. Im Badezimmer sah ich mein müdes Gesicht im Spiegel. Ich sah aus als hätte ich tagelang nicht geschlafen. Was auch stimmte. Die ständige Angst um Kyle saß mir im Nacken. Doch für heute sollte es gut sein. Ms. Wilson wird ihn schon in Schach halten. Was ich brauchte war eine Mütze Schlaf.

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      Kyle

      Der Abend war noch relativ entspannt nachdem ich mich so verausgabt hatte. Ich bin der Frau nicht nochmal über den Weg gelaufen. Aber das war ganz normal für mich. Flüchtige Begegnungen, gehörten zu meinem Alltag dazu. Ich war noch nie auf etwas festes aus, da ich mit der Band alle Hände voll zu tun hatte. Deshalb gönnte ich mir den Spaß mit den Frauen, so oft es eben ging. Da kann es auch vorkommen das ich nach unseren Gigs jemanden mit nach Hause bringe. Ob ich stolz darauf war? Vielleicht. Mein Bruder war kein Freund davon, aber das war mir egal. Er ist nur neidisch, das ich bei den Frauen eher Punkte als er. Das liegt wohl auch daran das er sich lieber in die Arbeit stürzt und nur für Events das Loft verlässt. Er war alt genug das selbst zu entscheiden. Ich lebte mein Rockstarleben und er sein Managerleben. So war das eben.

      Nach dem letzten Bier stand der Wagen schon für uns bereit. Ich hatte Mühe und Not mich noch gerade zu halten, ich war gut angetrunken. Doch Phil und Vince stützten mich. James fuhr die Jungs nach Hause und bog dann anschließend ins Loft ein. „Soll ich ihnen helfen Mr. Miller Junior?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ist schon gut James. Ich komme schon zurecht.“ Er lächelte mich an und ich ging zum Fahrstuhl um nach oben zu fahren.
      Als der Fahrstuhl oben ankam stolperte ich beinahe ins Loft. Ich stieß fast den kleinen Beistelltisch um. „Hups“ Ich konnte ihn gerade so noch festhalten.
      Ich wollte niemanden wecken und versuchte so leise wie möglich zu sein. Doch dann sah ich jemanden auf dem Sofa sitzen. Ich versuchte meinen Blick scharf zu stellen. Diesen blonden Schopf konnte nur einer einzigen Person gehören und das war Grace.. „Nicht auch noch“, murmelte ich vor mich hin. Ich torkelte zum Sofa, stützte mich an der Lehne ab und sah sie an. Ihr Anblick war wunderschön. Mein Mund stand für einen kurzen Augenblick offen, ehe ich ihn wieder schloss. „Was machst du noch hier?“ Mein Blick wurde wieder ernster.

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    • Grace

      Statt einfach nur abzuwarten, erhob ich mich leise und schlich in die Küche. Ich kannte das perfekte Gegenmittel für Nächte wie diese; ein britisches Hausmittel, das meine Familie schon seit Generationen nutzte, wenn jemand den Boden unter den Füßen verloren hatte.
      Mit routinierten Griffen holte ich zwei rohe Eier aus dem Kühlschrank und schlug sie vorsichtig in ein hohes Glas. Ich goss einen großzügigen Schluck Tomatensaft hinzu, gab eine Prise Salz und ordentlich Pfeffer hinein und rieb ein kleines Stück frischen Ingwer direkt darüber. Den obligatorischen Spritzer Alkohol, der normalerweise in diese Mischung gehörte, ließ ich bewusst weg. Kyle war krank, sein Körper am Ende, und er hatte heute Nacht mit Sicherheit mehr als genug Gift in seinem System. Ein kräftiger Schuss Zitronensaft rundete das Ganze schlussendlich ab. Ich rührte die Mixtur kräftig durch, bis sie eine sämige, fast schon bedrohlich wirkende Konsistenz hatte. Mit dem Glas in der Hand kehrte ich in den Wohnbereich zurück und stellte es demonstrativ auf den Beistelltisch neben der Couch ab.
      Dann setzte ich mich wieder, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte zur Tür. Ich war bereit. Der "Panorama-Prinz" mochte zwar denken, er käme gerade von einem glamourösen Ball zurück, aber hier wartete die Realität in Form eines britischen Kater-Drinks auf ihn.
      Kurz darauf hörte ich das metallische Klacken des Fahrstuhls. Ich richtete mich auf der Couch auf, strich mein Outfit glatt und wartete. Als sich die Türen öffneten, stolperte Kyle herein. Er wirkte sichtlich mitgenommen, die Lederjacke hing schief über seinen Schultern, und seine Schritte waren alles andere als sicher. Er fluchte leise vor sich hin, während er versuchte, die Orientierung im halbdunklen Wohnbereich zu finden.
      Ich blieb ruhig sitzen, beobachtete ihn aus dem Schatten heraus und wartete auf den Moment, in dem er bemerken würde, dass sein Gefängniswärter für heute Nacht nicht sein Bruder war. "Du bist spät dran, Miller", sagte ich schließlich mit einer Stimme, die so trocken war wie der Martini, den ich vorhin noch zum Abschluss mit Farrow getrunken hatte.
      Er torkelte zum Sofa, stützte sich schwerfällig an der Lehne ab und sah mich an. Seine Augen brauchten einen Moment, um mich im Dämmerlicht zu fokussieren. Sein Mund stand für einen kurzen Augenblick offen, während sein Blick über mein Outfit glitt, als müsste er erst begreifen, dass ich nicht mehr in meinen Arbeitsklamotten vor ihm saß. Dann fing er sich, und sein Ausdruck wurde wieder ernster, fast schon trotzig. "Meinen Job", erwiderte ich schlicht und deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf das Glas neben mir. "Und ich habe dir schon mal ein Willkommensgeschenk vorbereitet. Trink das. Alles. Und dann sehen wir zu, dass du die Treppe hochkommst, bevor Mr. Miller aufwacht und sieht, in welchem Zustand sein Goldjunge nach Hause gekrochen ist."
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