The last Song [Nimue & Shio]

    • Kyle

      Ich zuckte leicht zusammen als Martha in meinem Augenwinkel auftauchte und mir ein Lächeln schenkte. Sie stellte ein gefülltes Glas auf den kleinen Tisch neben mir. "Es ist selbstgemachter Eistee, ich denke das tut ihnen gut." "Ähm danke?" Sie nickte mir zu und verschwand wieder. "Okay wieso auch nicht." Ich zuckte mit den Schultern und nahm das Glas in die Hand und probierte. Es schmeckte nach Zitrone. Ich verzog das Gesicht. Warum muss es ausgerechnet dieser Geschmack sein? Pfirsich wäre mir lieber gewesen. Ich stellte das Glas wieder bei Seite und schrieb weiter.
      Es verging einige Zeit und dann veränderte sich die Luft plötzlich. Ich sah von meinen Notizen auf und blickte mich um. Auf einer Liege ein wenig entfernt von mir lag Grace.. Wann hat sie sich hier hoch geschlichen und warum habe ich sie nicht mitbekommen? Ich zog meine Augenbrauen zusammen und musterte sie. Sie schien mit irgendwas beschäftigt zu sein. Gut so Somit kam sie wenigstens nicht auf Idee mich anzusprechen. Als ich mich wieder meinen Notizen widmen wollte, veränderte sich plötzlich ihr Gesichtsausdruck. Sie sah traurig aus und starrte auf ihre Notizen. Es geht mich nichts an
      Ich wand meinen Blick von ihr ab und sah auf meine geschrieben Sachen. Doch ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, weil meine Augen immer wieder zu ihr schielten. Ich haderte mit mir. Sollte ich sie ansprechen oder in Ruhe lassen? Schließlich interessiert sie mich nicht.. oder doch? Ich wägte ab was das Schlauste wäre, doch mir fiel nichts passendes ein. Na schön
      Ich werde es sowas von bereuen, das wusste ich. Doch ich musste noch viel Zeit mit ihr verbringen, ob ich wollte oder nicht und da konnte ich kein Wrack gebrauchen. Schließlich macht sie die Fotos von mir und der Band und die sollen am Ende nicht doof aussehen..
      Meine Notenblätter legte ich zu Seite und stand vorsichtig auf. Ich nahm das Glas Eistee in die Hand. Tief atmete ich durch und machte ein paar Schritte auf sie zu. Ich blieb hinter ihr stehen. "Hey.." Meine Stimme klang leiser, als ich beabsichtigt hatte. Fast so, als würde ich sie erschrecken, wenn ich lauter sprach. Sie zuckte dennoch ein wenig zusammen und sah mich dann an. Für einen Moment wusste ich nicht was ich sagen wollte.. Typisch für mich. Ganz ohne Plan an die Sache ran gehen. Ich war nicht gut in solchen Dingen. Ich kratze mich am Nacken. "Du.. ähm .. alles .. okay?" Vielleicht wäre es doch besser wenn ich umkehre und sie alleine lasse. Aber meine Füße bewegten sich nicht. Der Duft von Zitronengras kitzelte meine Nase. Nicht gut.. Doch ich wollte nicht gehen. Ich war im Zwiespalt..
      Ich gewann ein wenig Abstand zu ihr und setzte mich auf die Liege neben ihr. Ich trank wieder einen Schluck von dem Eistee und verzog erneuert das Gesicht.
    • Grace

      Ich verharrte in einer Art Schockstarre. Normalerweise besaß ich diesen Instinkt, dieses feine Gespür für den Raum, das mir verriet, wenn sich jemand näherte, besonders, wenn dieser Jemand Kyle Miller war. Doch die Seiten meines Notizbuchs hatten mich in eine Welt gezogen, in der ich keine Verteidigung besaß. Dass er sich ausgerechnet jetzt von hinten anpirschte, fühlte sich wie eine stille Mahnung an: Watch your back, Grace. Don't let your guard down. Mit einer hastigen, fast panischen Bewegung schlug ich das Buch zu. Mein Atem ging flach und schnell, während ich verzweifelt gegen das Brennen in meinen Augen ankämpfte. Ich rührte mich nicht, meine Muskeln waren gespannt wie Drahtseile, während ich jede seiner Bewegungen aus den Augenwinkeln fixierte. Ich wartete auf die Spitze, auf den arroganten Kommentar oder eines dieser verblödeten Spielchen, mit denen er mich meisten versuchte aus der Reserve zu locken. Doch als er sich tatsächlich auf die Liege neben mir setzte, geschah etwas Seltsames. Die erwartete Provokation blieb aus. Stattdessen war da diese unsichere Frage nach meinem Befinden. Ich traute diese Art von leisen Frieden nicht so ganz, doch er hatte mich wirklich überrascht und irgendwie viel damit auch langsam, die Anapannung meiner ungewissen Vergangenheit von mir ab.
      Ich musterte ihn verwundert, bis er erneut einen Schluck von seinem Eistee nahm und das Gesicht so herrlich verzog, dass ein kurzes, helles Lachen aus mir herausbrach.
      Erschrocken über mich selbst presste ich mir die Hand vor den Mund und biss mir fast auf die Knöchel, um das Geräusch zu ersticken. Ich wollte nicht, dass er sich beleidigt fühlte und sofort wieder verschwand. Warum mir das plötzlich wichtig war, konnte ich mir selbst nicht erklären. Eigentlich sollte es mir egal sein, wo er war. So lange es meine Aufgabe zu ließ natürlich. Und doch... in diesem Moment war seine Gegenwart seltsam... beruhigend.
      Ich schüttelte den Gedanken ab und versuchte, meine Stimme unter Kontrolle zu bringen. "J-ja. Und... nein", antwortete ich vage, aber mit einer Aufrichtigkeit, die mich selbst überraschte. "Es ist nicht ALLES okay, aber... ich kann gerade wohl einfach nichts daran ändern." Ich sah kurz zu meinem Notizbuch und dann wieder zu ihm herüber. "Ich bin einfach nur zum Teil sehr verloren und gleichzeitig sehr frustriert darüber. Das ist alles." Hastig wischte ich mir die verräterischen Tränchen aus den Augenwinkeln. Ich hütete mich davor, tiefer ins Detail zu gehen. In meinem Kopf war Kyle immer noch der Mann, der entweder eine Gemeinheit parat hatte oder nur auf das Eine aus war... tiefe, emotionale Gespräche passten nicht ganz ins Bild. Es war schon ein Wunder dass er überhaupt neben mir sahs, da konnte ich nicht erwarten dass er auch noch versuchte wirklich zu zuhören. Auch wenn ich durchaus bereit war ihn einen Verteauensvorschuss zu geben und mich etwas zu öffnen, in der Hoffnung dass er es auch mal tat.... irgendwann ein bisschen jedenfalls. Doch fürs Erste würde ich mich hüten den Bogen nicht zu überspannen. Nicht jetzt und auch keineswegs so lange ich dieses laute Chaos in meinen Inneren nicht unter Kontrolle hatte. Tom hatte halt eben doch recht gehabt: Es hatte sich etwas verändert. Allerdings nicht nur Kyle sondern ...wir beide hatten uns etwas verändert. "Hast du dein Glas eigentlich schon mal umgerührt?", fragte ich dann, um das Thema schnell zu wechseln und die dichte Atmosphäre zu lockern. "Meistens sammelt sich der Zucker oder Süßstoff unten. Nach dem Rühren ist er nicht mehr so sauer." Ich nahm meinen eigenen Löffel und ließ die Eiswürfel in meinem Glas rhythmisch klackern. Dann hielt ich ihm mein Glas hin. "Oder wir tauschen, nimm meinen. Der ist perfekt."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nimue ()

    • Kyle

      Ihre Antwort traf mich unerwartet tiefer als gedacht. Sie schien nicht glücklich zu sein und das was in diesem Notizbuch steht, machte sie traurig. Ich biss mir von innen auf die Wange. Es geht mich nichts an.. absolut nicht, aber irgendwie tat sie mir leid..
      Als sie sich noch schnell die kleinen Tränen von den Augenwinkeln wegwischte, zog es tief in meinem Inneren. Ich schluckte und drehte mein Gesicht von ihr weg. Ich konnte sie nicht weiter ansehen, sonst passiert noch viel mehr in mir, als ich wollte.
      Ich fixierte meinen Blick auf das Ende der Liege von ihr und ließ ihre Worte noch einmal durch meinen Kopf gehen. Sie wirkt verloren und ist frustriert darüber.. Ob sie ähnliches durchmachen musste wie ich? Oder Schlimmeres? Es geht dich nichts an Kyle..
      Ich schüttelte leicht den Kopf. Es sollte mir egal sein was in ihr vorgeht, oder was sie durchlebt hat. Schließlich arbeitet sie für uns und solche kleinen Momente zwischen uns sollten nicht passieren. Mein Plan war es immer noch sie loszuwerden und nicht sie zum umgarnen. Auch wenn mein Herz gerade verräterisch protestierte. Erleichtert atmete ich aus, als sie das Thema wechselte und auf den Eistee in meiner Hand sah. "Ja habe ich.. Ich mag nur keinen Zitroneneistee-,.... das ist alles..." Mein Blick ging zu ihrem Glas wie sie es vor mich hielt. "Einen Versuch ist es Wert, auch wenn der Geschmack der Selbe bleibt."
      Ich stellte mein Glas auf den kleinen Beistelltisch neben die Liege und griff mit der Hand nach ihren. Unsere Finger berührten sich leicht dabei und ich sah augenblicklich wieder in ihre Augen. Die Augen die mich seit ein paar Tagen im Traum verfolgten.. Ein Blitz durchdrang meinem Körper und ich strich vorsichtig über ihre Finger, als ich das Glas an mich nahm. Ich nahm einen großen Schluck, denn mir war außerordentlich warm geworden. Die Säure und Süße des Eistees waren eine gute Kombination, aber dennoch schmeckte mir Zitrone einfach nicht. Ich verzog mein Gesicht nicht so wie vorhin aber ich war froh als ich ihr das halb leere Glas wieder zurück geben konnte. Ich wischte mir über den Mund und musste kurz aufstoßen. "Tut mir leid. Du kannst ruhig meinen Eistee noch haben. Ich muss Martha unbedingt daran erinnern das nächste Mal Pfirsich zu nehmen." Schließlich legte ich mich richtig auf die Liege und legte meine Arme hinter meinen Kopf. Ich sah hinauf in den blauen Himmel. Es war keine einzige Wolke zu sehen und es schien alles friedlich zu sein. Hier und da hörte man ein paar Autos, aber man konnte hier oben einfach alles drum herum vergessen. Ich schielte leicht zu ihr rüber. "Weißt du ich bin oft hier oben. Es ist sozusagen ein Rückzugsort für mich geworden. Hier kann ich meine Gedanken ordnen und kreativ sein." Mein Blick ging zu den Notenblättern auf der anderen Liege und dann wieder zu Grace. "Es ist komisch wenn jemand anderes hier oben ist. Die Jungs ausgeschlossen.. aber du.. nun ja wie soll ich es sagen.. Es überrascht mich einfach." Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen. "Ich muss mich wohl immer noch daran gewöhnen das du jetzt hier wohnst und überall hindarfst." Ob ich mich daran gewöhnen möchte ist fraglich. Auch wenn ihre Nähe etwas in mir auslöst, was ich vorher nicht kannte. "Aber.. Es wäre gut wenn wir uns das nächste Mal absprechen würden, wenn das Bedürfnis besteht hier nach oben alleine zu gehen.. Ich brauche oft meine Ruhe.. gerade wenn ich an Songs schreibe, da ist jegliche Ablenkung unvorteilhaft. Wäre das Okay?" Innerlich atmete ich aus. Somit konnte ich verhindern das wir gleichzeitig hier oben waren, wenn ich mich hierhin zurück ziehen wollte. "Sonst steht dir die Dachterrasse immer offen."
      Ich schloss die Augen für einen Moment, nur um die Ruhe zu genießen und meinen Herzschlag ein wenig zu beruhigen.
    • Grace

      Ich starrte auf das Glas, das ich ihm entgegenhielt, und spürte, wie mein Puls unweigerlich beschleunigte. Es war eine impulsive Geste gewesen, eine Flucht nach vorn, um den Fokus von der schmerzhaften Leere in meinem Notizbuch abzulenken. Kyle sah abwechselnd auf das Glas und dann wieder in meine Augen. Für einen einzigen Moment war da etwas, das nicht in das Muster passte, das ich inzwischen von ihm zu kennen glaubte. Keine Provokation, kein Spott, keine kalkulierte Schärfe. Nur eine ruhelose Neugier und etwas Weicheres darunter, flüchtig und kaum greifbar. Mein Herz machte einen kaum merklichen Sprung nicht stark genug, um mich aus der Fassung zu bringen, aber ausreichend, um mich daran zu erinnern, dass dieser Mann unberechenbarer war, als er selbst zugab. Er zögerte einen Moment zu lang, ein Moment, der sich in der Aprilsonne fast unendlich ausdehnte, dann streckte er langsam die Hand aus. Als sich seine Finger um das Glas schlossen, prasselten die Sinneseindrücke plötzlich auf mich ein. Der Kontrast war so heftig, dass es mir wie warmer Sommerregen den Rücken hinunterlief: Seine Haut war so verdammt warm, während das Glas durch die Eiswürfel von einer eiskalten Dunstwasserfilm überzogen war. Es war kein festes Greifen, aber der Kontakt war zu bewusst, um zufällig zu sein. Er nahm das Glas nicht einfach an sich seine Finger glitten langsam über meine, eine schleichende Bewegung, welche die Kälte des Glases und die Hitze seiner Haut auf meiner Handfläche miteinander verschmolz. Ein eelektrisierender Schlag zug sich über meine Haut, als er mit der Kuppe seines Daumens ganz vorsichtig über meinen Handrücken strich. Ein echter, unbewachter Augenblick, der so gar nicht zu dem Kyle Miller passte, den ich zu kennen glaubte. Für einen Wimpernschlag lang schien die Welt um uns herum, das Rauschen von L.A. und das Klackern der Eiswürfel, komplett zu verstummen.
      Genau darin lag das Problem. Es war nicht inszeniert sondern so verdammt echt. Ich zog meine Hand ruhig zurück und ließ mir nichts anmerken. "Pfirsich also? Ganz schön basic für ein selbsternanntes verkanntes Genie wie dich", erwiderte ich leise, als er mir das nun leere Glas zurückgab. Meine Fingerspitzen kribbelten immer noch.
      Ich beobachtete ihn von der Seite, wie er die Arme hinter dem Kopf verschränkte und in den wolkenlosen Himmel starrte. Er wirkte hier oben friedlicher. "...Es tut mir leid.", sagte ich aufrichtig und drehte das Glas in meinen Händen, genau an der Stelle, wo eben noch seine Wärme gelegen hatte. "Ich wollte dein Revier nicht beanspruchen. Martha meinte nur, ich solle mal aus meinem Hyperfokus auftauchen und den Kopf frei bekommen." Seine Bitte, uns abzusprechen, klang vernünftig. Professionelle Distanz war genau das, was ich eigentlich selbst hätte einfordern müssen. Und doch hallten seine Worte nach ...unvorteilhafte Ablenkung..."Das ist mehr als in Ordnung, Kyle. Ich werde vorher fragen, wenn du hier oben arbeitest." Eigentlich fand ich es zur Abwechslung ganz angenehm mich für ein paar Sätze normal mit den Panorama-Prinz zu unterhalten. Aber ich sollte es wohl lieber nicht übertreiben. Ich presste mein Notizbuch fest an meine Brust. Konzentrier dich Gracelyn, Backups machen! Ich schwang die Beine von der Liege und beugte mich vor, um auch das zweite Glas von seinem Beistelltisch zu greifen.
      Eine kleine Unachtsamkeit reichte aus. Meine langen Haarspitzen glitten wie ein seidener Vorhang über Kyles nackten Unterarm. Nur ein Hauch aus Licht und Schatten, doch in der plötzlichen Stille wirkte es wie ein weiterer Schlag. Ich erstarrte für einen winzigen Moment, die Fingerspitzen bereits am kühlen Glas, während ich spürte, wie sich seine Muskeln unter der Berührung unmerklich anspannten. Die Hitze seines Körpers schien meine Haare regelrecht aufzuladen. Ich richtete mich langsam auf, das Glas fest in der Hand. Ich hielt inne. Ein leises Kichern entwich mir, bevor ich es unterdrücken konnte. "Ablenkung, hm?", fragte ich scherzhaft, während ein verspieltes Funkeln in meine Augen trat. "Bedeutet das etwa, Kyle Miller, dass ich eine Ablenkung für dich bin? Ich dachte, du wärst der Profi, den nichts aus der Ruhe bringt." Ich genoss es, wie er die Augen aufriss und mich fast überrumpelt anstarrte. Es war ein gefährliches Spiel, aber in diesem Augenblick fühlte es sich verdammt leicht an. Für einen Herzschlag blieb die Luft zwischen uns stehen, während mein Blick langsam über ihn glitt bishin in sein Gesicht und sich das Knistern zwischen uns wieder auflud. Es war kein professionelles Geplänkel mehr, es war dieser schmale Grat zwischen Necken und echtem Interesse. Ich wartete gar nicht erst auf seine Antwort, sondern schenkte ihm nur noch ein freches Lächeln. "Keine Sorge, ich verschwinde ja schon. Ich will nicht schuld sein, wenn das nächste Album Verspätung hat, nur weil ich hier existiere." Mit federleichten Schritten ging ich zur Glastür. Erst als sie hinter mir ins Schloss fiel, atmete tief aus. Meine Wangen bekamen langsam etwas Farbe. Was war das denn bitteschön, Grace? Ich hätte ihn nicht so reizen dürfen. Und doch ... das Gesicht, das er gemacht hatte, war jedes Risiko wert gewesen.

      Mein Herz hämmerte gegen meine Brustkorb wie ein gefangener Vogel, und das Echo meines eigenen Lachens fühlte sich in der plötzlichen Stille des Hauses viel zu laut an. Sobald ich die Tür meines Zimmers hinter mir geschlossen hatte, drückte ich den Rücken gegen das kühle Holz und starrte ins Leere. "Was machst du da nur, Gracelyn?", flüsterte ich und presste das Notizbuch so fest an mich, dass die Kanten in meine Haut schnitten. Das Knistern auf der Terrasse war nicht nur Einbildung gewesen. Das war gefährliches Terrain. Ich stieß mich von der Tür ab und trat ans Fenster, wobei ich den Blick starr auf die Skyline von L.A. richtete. Wenn ich professionell bleiben wolte und das musste ich, wenn ich in dieser Stadt überleben wollte, dann brauchte ich ein Ventil. Einen Puffer. Etwas, das mich daran erinnerte, dass die Welt da draußen nicht nur aus den Miller-Brüdern und ihren komplizierten Dynamiken bestand. "Du musst wieder rausgehen", sagte ich entschlossener, während ich mein Notizbuch auf den Schreibtisch legte. "Wieder daten. Einfach ... normale Menschen treffen." Jetzt, wo feststand, dass ich erst einmal hier in L.A. bleiben würde, sprach absolut nichts dagegen. Es gab Millionen von Männern in dieser Stadt. Ein nettes Abendessen, ein belangloser Drink, ein bisschen Smalltalk genau das war das Gegenmittel, das ich brauchte. Ich griff nach meinem Handy und begann fast schon trotzig, durch meine Kontakte zu scrollen. Ich musste diese seltsame Anziehungskraft im Keim ersticken, bevor sie zu etwas wurde, das ich nicht mehr kontrollieren konnte. Kyle wollte seine Ruhe? Fein. Er sollte sie haben. Und ich würde mir meine Freiheit zurückholen, indem ich mein Leben nicht länger um dieses Loft und seine Bewohner kreisen ließ. Ich würde heute Abend ausgehen. Es war der einzige Weg, um meine Professionalität und meinen Verstand zu retten.
    • Kyle

      Es war dieser Moment der irgendwas änderte. Dieses Knistern das in der Luft lag war deutlich zu spüren und ich wusste das ich es mir nicht eingebildet hatte. Der Blick den sie machte und wie sie mich dabei ansah, war anders als sonst. Ich wollte sie aufhalten, das sie nicht gehen sollte, doch ich war wie blockiert. Ich sah ihr nach als sie von der Liege aufstand und im Loft verschwand. Mein Atmen ging schneller und ich versuchte mich runterzufahren. Was ist da gerade passiert? Mit meiner Hand fuhr ich mir über mein Gesicht und versuchte all das was geschehen ist, zu verarbeiten. Sie war eine Ablenkung.. ja gefährlich sogar. Noch nie hat mich eine Frau so aus dem Konzept gebracht wie Grace.. Ich versuchte meine Maske zu bewahren, doch sie erwischte mich immer in meinen verletzlichsten Momenten und schon alleine ihre Anwesenheit ließ mein Herz höher schlagen.
      Es durfte nicht sein. Nein. Ich musste sie aus meinem Kopf herausbekommen. Sie spielt ein falsches Spiel mit mir. Sie will mich herausfordern und betört mich mit ihrem Duft. Lässt mich schwach wirken. Aber ihre Lippen und ihre haselnussbraunen Augen.. Oh Gott
      Sie durfte nicht gewinnen.. Ich muss stark bleiben. Ich durfte ihr nicht verfallen. Nein ich musste mich irgendwie ablenken. Ihr Gesicht muss aus meinen Gedanken verschwinden..

      Ich erhob mich wenig später von der Liege und sammelte meine Blätter ein und ging nach unten in mein Zimmer. Ich zog mein Handy aus der Tasche und tippte eine Nachricht in den Gruppenchat. ´Wir treffen uns in einer Stunde wieder am üblichen Treffpunkt.´
      Ich wusste das es Tom nicht schmecken wir das ich an einem Sonntagabend feiern gehe, da ich am Dienstag wieder ins Krankenhaus musste. Aber es war mir gerade relativ egal. Ich brauchte Ablenkung von dem blonden Geschöpf, welches nur ein paar Türen weiter wohnte.
      Nachdem ich mich ausgeruht hatte und meine Gedanken sortiert hatte, zog ich mich für den Abend um. Dieses Mal trug ich ein sehr locker hängendes Tanktop, eine schwarze zerrissene Jeans und schwarze Schnürrboots. Meine Lederjacke nahm ich in die Hand und was ich sonst noch so brauchte und ging nach draußen auf den Flur. Die Tür von meinem Bruder seinem Büro war leicht angelehnt. Ich schlich mich auf Zehenspitzen nach unten und Martha warf mir einen fragenden Blick zu. Ich hielt meinen Finger vor meinem Mund. "Pssst.. Wenn er fragt wo ich bin, ich bin bei Vince und Phil und wir sehen uns Filme auf Netflix an." Martha seufzte und nickte dann anschließend. "Danke.. Ich versuche nicht allzu spät nach Hause zu kommen." Ich ging zum Fahrstuhl und machte mich mit dem Wagen auf dem Weg zum Club.
      Die beiden Jungs warteten wieder auf mich und wir traten hinein. Genau das brauchte ich jetzt. Kalte alkoholische Getränke, gute Musik und heiße Bräute die nur darauf warteten begehrt zu werden.

      ____________________________________________________________________________________________________________________

      Tom

      Ich zog mich wenig später in meine Büro zurück und machte mich noch ein wenig an die Arbeit. Schließlich sollte alles soweit für die nächste Woche vorbereitet sein. Der Wochenplan für die Band war erstellt und auch die Arzttermine von Kyle waren mit eingeplant. Vielleicht wäre es an der Zeit nach ihm zu sehen. Ich klappte den Laptop zu und erhob mich von meinem Stuhl. Es war verdächtig ruhig geworden im Loft nur das Klappern aus der Küche war zu vernehmen. Mein Weg führte mich zu seinem Zimmer, wo er nicht zu finden war. Dann ging ich nach oben auf die Dachterrasse und sah ein leeres Glas auf einem Tisch stehen, doch keine Spur von Kyle. Ich nahm das Glas in die Hand und machte mich auf dem Weg nach unten in den Wohnbereich. Auch hier war er nicht. Ich stellte das Glas in der Küche ab, wo Martha gerade dabei war das Essen vorzubereiten. Sie war überrascht als ich hinter ihr auftauchte. "Oh Mr. Miller Senior." "Hallo Martha wissen sie wo Kyle ist." Sie wandte den Blick von mir ab und ich konnte spüren wie nervös sie wurde. Ich ließ ihr den Raum und schenkte mir einen Kaffee ein. Sie schnitt das Gemüse und legte anschließend das Messer auf die Seite vom Brettchen.
      "Er ist zu den Jungs gefahren." Sie atmete aus und ich glaubte ihr nicht. Sie wollte meinen Bruder decken. Ich machte ihr keinen Vorwurf deswegen. "Vielen Dank." Ich trank den Becher Kaffee leer und machte mich auf den Weg zum Fahrstuhl. Martha wirbelte herum. "Wo wollen Sie jetzt hin?" "Ich muss etwas überprüfen." Sie sagte nichts mehr und nickte mir nur zu. Die Türen schlossen sich und ich fuhr nach unten. Der Wagen von James war nicht da. Wenn Kyle wirklich zu Phil und Vince gefahren ist, wäre James schon wieder hier. Ich zog mein Handy aus der Tasche und rief ihn an. "Hallo James ich bin es. Wo sind Sie?" Er nannte mir die Adresse und ich sah auf Maps nach. "Verdammt Kyle!" Ich war hilflos. Ich wusste nicht was jetzt das Schlauste wäre. Abwarten so wie die Tage oder ihn nach Hause bringen. Ich war im Zwiespalt gefangen und fuhr wieder nach oben ins Loft. Martha schenkte mir ein entschuldigendes Lächeln.
      Ich tigerte im Wohnzimmer auf und ab, denn ich wusste nicht was ich tun sollte. Vielleicht sollte ich ihn einfach machen lassen und ihm mehr vertrauen? Aber was ist wenn er es übertreibt? Nein er ist alt genug. Die Jungs passen schon auf ihn auf.
      Ich musste so langsam anfangen mich auch mal um mich zu kümmern, als in ständiger Sorge um Kyle zu sein. Sonst brennt noch irgendwann en Draht in meinem Kopf durch und dann war es das mit mir.
      Ein Glas Whiskey war genau das Richtige und ich trank es genüsslich aus. Die Arbeit war getan, also hatte ich jetzt sowas wie Freizeit? Ein Wort, welches ich sonst in keiner Weise genutzt hatte. "Na schön. Dann wollen wir Mal die Pferde satteln und ausgehen." Ich war gespannt ob ich das überhaupt nach all den Jahren noch drauf hatte.
    • Grace

      Ich scrollte durch meine Kontaktliste, doch je weiter ich nach unten wischte, desto wehmütiger wurde ich. Fast jeder Name gehörte zu einem ehemaligen Kollegen von Nexus oder stammte aus irgendeinem Projekt der letzten Jahre. Es war frustrierend und ein wenig traurig zugleich. Eigentlich war ich diese Reise angetreten, um meine Wurzeln zu finden, um irgendwo anzukommen. Stattdessen trieb ich immer noch umher wie ein Samenkorn im Wind, ohne festen Boden unter den Füßen. War das alles, was ich mir aufgebaut hatte? Ein Netzwerk aus beruflichen Bekanntschaften? Ich seufzte schwer und legte das Handy kurz beiseite. "Ist das wirklich mein Leben?", fragte ich mich leise.
      Doch Trübsal blasen würde mich heute Abend nicht weiterbringen. Ich brauchte Ablenkung und ich wusste, dass Farrow Taylor nicht mit mir ausgehen würde, wenn ich nicht zumindest versuchte, mich nach ihren Maßstäben herauszuputzen. Es war unmöglich, jemals mit ihr mitzuhalten. Farrow war bis zur Perfektion getrimmt, in jeder Kategorie. Für jeden Tag wäre mir dieser Aufwand viel zu lästig, zumal ich mittlerweile nur zu gut wusste, dass der ständige Druck, performen zu müssen, Farrow tief in ihrem Inneren einsam und unglücklich gemacht hatte, selbst wenn sie das niemals zugeben würde. Naja, heute war ich nicht nur wegen ihr unterwegt. Heute ging es um viel mehr, also gab ich mir heute Mühe. Als Erstes widmete ich mich meinen Haaren. Ich wollte etwas Verspieltes, aber dennoch Modernes, also teilte ich mein langes blondes Haar in der Mitte und band es zu zwei hohen, lockeren Pferdeschwänzen zusammen, die mir frech über die Schultern fielen. Meine goldenen Creolen blitzten dabei hervor, und eine kleine, zarte Kette setzte einen dezenten Akzent an meinem Hals. Dann zog ich den hautengen, schwarzen Rollkragenpullover an, dessen Transparenz dem Look eine Prise Verwegenheit verlieh. Dazu kombinierte ich einen schwingenden, grauen Minirock im klassischen Karo-Muster, den ich mit einem schmalen schwarzen Gürtel taillierte. Zum Abschluss schlüpfte ich in die schwarzen Overknee-Socken, die meinen Look komplettierten und ihm diese jugendliche, trendbewusste Note gaben. jetzt nur noch das Makeup, ich widmete mich zunächst meinen Augen. Ein schlichter, aber präziser schwarzer Winged Eyeliner bildete die Basis, die meinen Blick sofort wacher wirken ließ. Um den Look moderner und ein Stück weit "edgier" zu machen, zog ich eine zweite, dünne Linie direkt über der Lidfalte, die parallel zum Wing verlief, aber nicht ganz mit ihm verbunden war. Es gab dem Ganzen etwas Künstlerisches, fast schon Kühnes. Für die Lippen wählte ich ein mattes Nude, das meiner natürlichen Lippenfarbe sehr ähnelte. Ich wollte den Fokus unbedingt auf den Augen behalten. Zum Abschluss tupfte ich mir einen sehr dezenten, rosigen Blush direkt auf die Apfelbäckchen. Ich blickte in den Spiegel, strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. "Genau so habe ich mir das vorgestellt. Dann kann es ja los gehen!"
      Wir trafen uns zuerst in einer Bar zum Vorglühen. Als ich eintraf, waren Coraline, Farrows Assistentin, Dylan aus der IT und Max, der Sicherheitschef der Firma, bereits in bester Stimmung. Sie grölten gerade einen Klassiker beim Karaoke, und die lockere Atmosphäre half mir, den Schatten von Kyle Miller für einen Moment zu vergessen.
      Dann erschien Farrow, und wie immer blieb den Leuten fast der Atem weg. Ihre langen, platinblonden Haare fielen lockig und weich über ihre Schultern und bildeten einen hellen Kontrast zu ihrem Make-up, das sie mit einem kräftigen, dunklen Lippenstift und betonten Augen dramatisch gestaltet hatte. Sie trug ein kurzes, weißes Skaterkleid mit floralem Muster in Pink-, Violett- und Grüntönen. Das raffinierte Cut-out-Detail am Dekolleté und ihre beigefarbenen Peeptoe-High-Heels ließen sie wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt wirken. Ihr Blick war nicht einfach nur ein Schauen, nein, es war eine Inspektion. Sie musterte unsere Gruppe wie eine Kuratorin ein mangelhaftes Exponat, bevor sie wohl entschied, den Abend mit uns zu verbringen.
      Nachdem die erste Runde Drinks geleert und die letzten schiefen Töne beim Karaoke verklungen waren, übernahm Max die Führung. Er lotste uns in einen exklusiven Club, in dem er bereits gearbeitet hatte, bevor er Farrows Sicherheitschef wurde. Dank seiner Kontakte spazierten wir an der Warteschlange vorbei direkt ins dunkle, pulsierende Herz des L.A. Nachtlebens. Der Bass im Club war so gewaltig, dass er jede rationale Überlegung aus meinem Kopf dröhnte. Die bunten Lichter schnitten durch den dunklen Raum und spiegelten sich in den Glasfronten der VIP-Lounges. Ich atmete den Geruch von teurem Parfum und künstlichem Nebel ein und spürte, wie die Anspannung der letzten Tage, das Knistern mit Kyle auf der Terrasse, diese Blicke die er mir neuerdings zu warf und die Sorge um meine Eltern langsam in den Hintergrund rückte. Heute Abend war ich nicht die Fotografin der Millers. Heute Abend war ich einfach nur Grace.

      Farrow

      Ich verlagerte mein Gewicht auf dem Barhocker und nippte an meinem Cocktail, während mein Blick die Tanzfläche sezierte. Max und Dylan lieferten sich ein bizarres Dance-Off, das Coraline mit einem kreischenden Enthusiasmus quittierte, der mir fast Kopfschmerzen bereitete. Amüsant, auf eine tragische Weise. Doch mein Fokus lag auf der Frau neben mir.
      Grace wirkte heute Abend... mutiger. Ihr Make-up war scharf, die Linien auf ihren Lidern fast schon eine Provokation. Aber in ihrem Blick lag eine Unruhe, die nicht zum Rhythmus der Musik passte. Ein klassischer Fehler: Das Äußere stimmte, aber die innere Haltung sprach eine ganz andere Sprache. "Sag mal, Grace", begann ich und drehte mein Glas langsam zwischen den Fingern, wobei das Licht des Clubs in den Eiswürfeln brach. "Was hat dich heute eigentlich so plötzlich in Feierlaune versetzt? Gestern wirktest du noch, als würdest du am liebsten mit deiner Kamera verschmelzen." Grace starrte in ihren Drink, als suchte sie dort nach einer Ausrede. "Ich weiß nicht", murmelte sie schließlich. "Ich habe heute meine Kontakte durchgesehen. Es ist traurig, Farrow. Fast jeder, den ich kenne, ist ein Ex-Kollege oder eine flüchtige Bekanntschaft aus einem Job. Ich liebe das Reisen, wirklich, aber hier in Amerika fehlt mir einfach... der Halt. " Sie sah kurz zu mir auf. "Jetzt, wo ich fest für die Millers arbeite, muss ich wohl anfangen, echte Wurzeln zu schlagen." Ich beobachtete sie mit scharfen Blick. Ich hatte mitlerweile ein Talent dafür, Menschen zu lesen ... es ist schließlich fester Bestandteil meines Berufs. Und Graces Antwort klang zwar logisch, aber sie war unvollständig. Da war ein Unterton in ihrer Stimme, den sie zu verbergen versuchte. "...Wurzeln schlagen also", wiederholte ich und zog eine Augenbraue hoch. "Ein rührendes Narrativ. Aber seit wann führt die Suche nach Halt dazu, dass man sich wie für eine Kriegserklärung schminkt? Da ist doch noch was anderes." Grace leerte ihren Drink fast in einem Zug. Die Wangen, die ich eben noch mit Blush betont hatte, röteten sich nun ganz von allein. "Vielleicht ... ", sie druckste herum "Gracelyn!" Schlussendlich seufzte sie schwer. "Vielleicht sehe ich in Kyle gerade etwas, das vorher nicht da war. Aber das ist wahrscheinlich nur berufsbedingt. Als Fotografin muss ich mein Motiv eben genau kennen, um es optimal in Szene zu setzen. Normalerweise habe ich ständig wechselnde Motive, einzigartige Geschichten ... und jetzt ist da nur dieses eine Model in all seiner faszinierenden Tiefe." Das Wort faszinierend hing wie ein leuchtendes Ausrufezeichen im Raum. Grace bemerkte es sofort und wich meinem Blick aus. "Ich meine ... rein technisch faszinierend! Das Licht auf seinen Zügen und so weiter ... " Rein technisch? Lächerlich. Aber ich beließ es vorerst dabei. Wahrscheinlich war es klüger diese Karte irgendwann später erst auszuspielen.
      Stattdessen atmete ich tief durch und bestellte uns wortlos die nächste Runde. Es war Zeit für ein wenig Realität. "Hör zu, Grace." Ich legte meine Hand kurz auf ihren Arm, ein seltener Moment physischer Bestätigung. "Ich schätze dich. Du bist ein interessantes Mysterium, genau wie deine Herkunft. Aber lass dir eines gesagt sein: Mit Kyle Miller zu spielen, ist wie mit offenem Feuer in einer Tankstelle zu hantieren. Pass auf, dass du dich nicht verbrennst, während du versuchst, sein 'Licht' einzufangen. Er ist kein Motiv, er ist eine Naturgewalt ohne Kompass." Die Bässe hämmerten um uns herum, während wir kurz schwiegen. Um die schwere Atmosphäre aufzulockern, deutete ich mit dem Kinn Richtung Tanzfläche. Coraline war gerade dabei, sehr intensiv Bekanntschaft mit einem großgewachsenen Typen im anspannenten Muskelshirt zu machen. "Zehn Dollar darauf, dass sie ihm innerhalb der nächsten fünf Minuten ihre Nummer gibt, aber morgen früh behauptet, sie könne sich an nichts erinnern", prophezeite ich trocken.
      Grace musste lachen, und die Anspannung in ihren Schultern löste sich. "Ich setze dagegen. Ich glaube, sie schleppt ihn für einen nächtlichen Burger-Run ab und er muss die Rechnung bezahlen." Na bitte, sie lächelte wieder mehr. So wurde das auch etwas mit einer netten Gesellschaft. "Top, die Wette gilt ", schmunzelte ich, während ich Coraline beobachtete. "Ich hoffe nur, egal was passiert, dass sie morgen in Top-Zustand bei der Arbeit erscheint." Ich stieß einen kleinen Seufzer aus. "Gott, es war so viel einfacher, als du diesen Posten noch hattest, Grace." Sie nahm ihren Drink von den Barkeeper dankend entgegen. "Sag das nicht immer so direkt, kein Wunder dass sie mich nicht leiden kann." Ich schüttelte leicht mit den Kopf. ch zuckte nur die Schultern. Wer Leistung nicht von persönlicher Befindlichkeit trennen konnte, hatte in meinem Umfeld ohnehin nichts verloren. "Und du... entweder flirtest du jetzt mit dem Barmann oder du suchst dir jemanden auf der Tanzfläche, der deiner neuen Kriegsbemalung würdig ist. Ich habe zu tun." Dort drüben standen zwei Produzenten und ein aufstrebendes Sternchen. Perfekte Bedingungen für ein wenig strategisches Networking. Ich stellte mein Glas ab, rückte mein Kleid zurecht und tauchte wieder ein in das Spiel, das ich am besten beherrschte.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nimue ()

    • Tom

      Ich scrollte durch meine Kontaktliste und fand meinen alten Kumpel Erik wieder. Vielleicht sollte ich ihn mal wieder kontaktieren? Früher hatten wir immer wieder Spaß zusammen und sind feiern gegangen, doch durch meine Arbeit ist es ein wenig im Sande verlaufen. Ich wählte die Nummer trotzdem. Es dauerte nicht lange und er nahm ab. "Oh sie mal einer an wer noch am Leben ist. Hey Tom lange ist es her." "Ja ist es. Tut mir leid, aber es war eine Menge los in letzter Zeit. Hast du vielleicht Zeit und Lust ein Bier mit mir trinken zu gehen, so wie in den alten Zeiten?" Er lachte am anderen Ende der Leitung auf. "Gerne doch. Ich weiß auch schon wo. Ich schicke dir die Adresse zu." "Sehr schön dann bis gleich." Wir verabschiedeten uns und ich ging schnellen Schrittes nach oben um mich umzuziehen. Ich schlüpfte in ein grau meliertes Hemd und ließ die oberen Knöpfe auf, anschließend zog ich mir eine schwarze Stoffhose an und weiße Sneakers. Ich wollte elegant und schick aussehen, nicht zu aufgesetzt. Meine Haare stylte ich wie gewohnt und schnappte mir mein Handy und meine Geldbörse. Unten in der offenen Küche angekommen blickte mich Martha lächelnd an. "Sie sehen super aus Mr. Miller Senior." "Danke schön Martha. Heben sie ruhig das Essen auf." Ich schnappte mir ein Stückchen Möhre und biss davon ab, während ich zum Fahrstuhl lief. "Wenn etwas ist dann rufen sie mich bitte an." Sie nickte mir zu. "Haben sie viel Spaß."

      Ich ging zu der genannten Adresse und Erik stand schon vor der Bar und wartete auf mich. "Da ist er ja." Er begrüßte mich herzlich und lächelte mich an. "Gut siehst du aus. Hast ein paar mehr Muskeln bekommen." Ich nickte. "Ja ich brauchte einen Ausgleich von der Arbeit und Sport ist perfekt dafür geeignet. Ich war sogar mal wieder Joggen." "Das klingt super. Dann können wir das gerne Mal zusammen machen wenn du Lust hast." "Sehr gerne." Wir gingen in die Bar rein welche Erik ausgesucht hatte und wir setzten uns an die Theke. Die Bar war relativ klein und überschaubar, genau das was ich jetzt brauchte. Wir bestellten uns zwei Bier und ich sah Erik an. "Was hast du die letzte Zeit so getrieben?" Er nippte an seinem Bier und sah mich an. "Ich war viel auf Reisen und bin tatsächlich sesshaft geworden." Er zog sein Handy aus der Tasche und zeigte mir ein Bild von seiner Frau und seinen beiden Kindern. "Wow. Das freut mich sehr für dich." Ich schenkte ihm ein Lächeln und trank auch von meinem Bier. "Wie sieht es bei dir aus?" Mein Leben war nicht so erfolgreich wie seins. "Arbeit hier und Arbeit da.." Erik sah mich aufmunternd an. "Also so wie früher?" Ich seufzte. "Ja.." Er beugte sich ein wenig zu mir rüber. "Und die Damenwelt?" "Da gibt es auch nichts Neues.. Der ewige Junggeselle.." Erik stupste mich an. "Glaub mir eines Tages steht die Frau fürs Leben vor deiner Tür und du wirst alles dafür tun um sie zu begehren." Plötzlich kam mir das Bild von Farrow Taylor vor meine Augen. Sie machte mich verdammt neugierig.. doch bei so einer Frau hatte man keine Chance. Erik winkte mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum. "Erde an Tom." Ich schüttelte den Kopf. "Oh tut mir leid. Ich war gerade mit den Gedanken woanders." "Also gibt es doch eine Dame?" Ich fühlte mich plötzlich ertappt. "Ja, nein, vielleicht.." "Wenn sie dein Interesse geweckt hat, hast du auch ihres geweckt, also warte ab. Vielleicht sehr ihr euch wieder und dann kannst du herausfinden ob da mehr zwischen euch ist." Er hatte Recht.. und ja ich würde sie wiedersehen.. spätestens auf der Veranstaltung.

      __________________________________________________________________________________________________________________

      Kyle

      Der Abend verlief sowas von gut und ich konnte meinen Kopf perfekt abschalten. Ich verschwendete keinen einzigen Gedanken an Grace und lenkte mich mit anderen Frauen ab. Ich hatte aufgehört zu zählen mit wie vielen ich heute im Séparée verschwunden bin, aber das war es mir wert. Ein Mädel konnte nicht genug von mir bekommen und klebte den ganzen Abend an mir fest. Mit dem Alkohol hielt ich mich heute ein wenig zurück. Vince und Phil schienen ebenfalls froh darüber zu sein.
      Das Mädel knabberte an meinem Ohrläppchen herum und ließ mich heiß werden. "Darf ich dann noch mit zu dir kommen?", hauchte sie mir ins Ohr. Ich zog sie auf meinen Schoß, wo sie anfing zu kichern, als sie spürte was sie mit mir machte. "Sehr gerne." Ich krallte meine Finger in ihren Po. "Von mir aus können wir gleich los. Dann haben wir noch den ganzen restlichen Abend und die Nacht vor uns." Ich strich ihr dabei eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. "Jungs ist das in Ordnung für euch, wenn ich die Fliege mache?" Sie nickten mir zu. "Du bist ja in guten Händen." "Super. Wir schreiben dann." Ich zog die schwarzhaarige von mir runter in Richtung Ausgang und in den Wagen hinein. Während der Fahrt knutschten wir weiter und sie wollte mich schon wieder halb ausziehen. Beinahe keuchend fuhren wir den Fahrstuhl nach oben. Als die Tür aufging löste sie sich von mir und stand mit offenen Augen und Mund im Loft. "Wow das sieht ja hammermäßig aus." "Ich weiß was noch so aussieht." Ich zog sie wieder an mich, unsere Lippen trafen mit voller Wucht aufeinander. Sie fing an mich auszuziehen und ich tat das Selbe bei dir. Unsere Kleidung verteilte sich vom Fahrstuhl aus bis zum Wohnzimmer wo wir anschließend nackt auf dem Sofa landeten. "So eine tolle Aussicht hatte ich noch nie dabei." "Dann hoffe ich das dir das was ich mit dir anstelle noch mehr gefällt." Sie kicherte wieder und ich mochte diesen Klang. Unsere Körper verschmelzen miteinander und es war nur unser schneller wertender Atem im Loft zu hören.
    • Farrow

      Ich nippte den Rest meines Drinks leer und spürte das vertraute, scharfe Prickeln des Adrenalins. Grace war versorgt – sie starrte mit einer Mischung aus Faszination und Melancholie auf die Tanzfläche, verloren in ihren Gedanken über Licht und Schatten und einen Mann, der sie vermutlich in Stücke reißen würde. Ich hatte sie gewarnt. Mein Soll an Empathie für diesen Abend war damit erfüllt.
      Ich glättete den Stoff meines Kleides mit einer fast schon rituellen Präzision und erhob mich. "Amüsiert euch, Kinder", warf ich in die Runde, wobei meine Stimme den Bass mit kühler Leichtigkeit schnitt. Max nickte mir kurz zu, ein lautloses Verständnis zwischen Profis. Er wusste, dass ich keine Bewachung brauchte, solange ich mich innerhalb der VIP-Grenzen bewegte.
      Mein Weg führte mich in den hinteren Bereich, wo die Luft weniger nach Schweiß und mehr nach teurem Cognac roch. Dort saßen sie: Julian Vane, einer der einflussreichsten Produzenten der Westküste, und eine Frau, deren Gesicht auf jedem zweiten Billboard am Sunset Boulevard prangte. Perfekte Ziele. Ich trat in ihr Blickfeld, nicht zu hastig, aber mit der unerschütterlichen Gewissheit einer Frau, die genau weiß, dass man ihr Platz machen wird. "Mr. Vane...", sagte ich, während ich eine Hand auf die Rückenlehne seines Ledersessels legte. "Ich hatte gehofft, Sie hier zu treffen. Ihr letztes Projekt war... ambitioniert. Aber wir beide wissen, dass das Marketing die Tiefe der Story nicht ganz fassen konnte." Er sah auf, ein amüsiertes Blitzen in den Augen. Er kannte meinen Tonfall. Er wusste, dass jetzt eine Analyse folgte, die ihn entweder Millionen kosten oder einbringen würde. Das Gespräch dauerte genau zwölf Minuten ...effizient, hart und ohne unnötige Höflichkeiten. Als ich mich verabschiedete, hatte ich eine mündliche Zusage die Nummer eines Arthouse-Regisseurs, den ich schon lange auf meiner Liste hatte.
      Nach dem Gespräch mit Vane verschwendete ich keine Sekunde. Networking in diesem Milieu war wie Hochseefischen: Man musste den Köder genau dort platzieren, wo die Strömung am stärksten war. Innerhalb der nächsten Stunde glitt ich durch die Lounge, als wäre ich ein integraler Bestandteil der Architektur. Ich sicherte mir ein kurzes, prägnantes Wortgefecht mit einem Arthouse-Regisseur, dessen Visionen perfekt für unsere nächsten High-End-Kampagnen waren, und tauschte verschlüsselte Blicke mit einer Künstlerin aus Paris aus. Ich knüpfte Kontakte zu einem Lichtdesigner, der Laser wie flüssige Seide einsetzte, und zu einem Gastronomie-Tycoon, der gerade das Monopol auf einen neuen, extrem raren Jahrgangschampagner erworben hatte. Mein internes Portfolio füllte sich. Heute Abend war die Ausbeute erstklassig.
      Schließlich kehrte ich leichtfüßig zur Bar zurück. Die Luft war schwerer geworden, das Licht dunkler. Mein Blick suchte die Stelle, an der ich Grace zurückgelassen hatte, doch der Hocker war leer. Nur ein einsames, halbvolles Glas mit einem schmelzenden Eiswürfel und einem Lippenstiftabdruck in Nude zeugte noch von ihrer Anwesenheit. Sie war gegangen ...wahrscheinlich geflohen vor den Schatten, die ich in ihr heraufbeschworen hatte. Ich setzte mich nicht, immerhin sollte es der letzte Drink an diesem Abend werden. Ich lehnte mich lediglich mit einer Hand gegen das kühle Marmor-Finish der Theke und signalisierte dem Barkeeper mit einem kaum merklichen Kopfnicken meine Bestellung.

      Grace

      Der Bass hämmerte in meinem Schädel, und der Geruch von Gin und künstlichem Nebel vernebelte meine Sinne. Ich hatte noch immer Farrows Ratschlag im Ohr als der DJ mich mit einem vielsagenden Grinsen zu sich in die Kanzel winkte, zögerte ich nicht. Zack, schon landete ich auf seinem Schoß, die Musik dröhnte so laut, dass mein ganzer Körper vibrierte. Als er mich küsste, schmeckte er nach Energydrink und Zigaretten. Wah! Doch ich erwiderte den Kuss und krallte meine Finger in sein Shirt. Ich wartete auf den Funken der übersprang oder eine bizare Art von Erlösung. Doch da war nichts. Rein gar nichts. Mitten im Kuss öffnete ich die Augen und starrte auf die tanzende Menge. Oh, bloody Hell!! Dieses gewollte Verdrängen, dieses krampfhafte `Ich-bin-wieder-auf-dem-Markt`-Getue... war doch totaler Bullshit. Wortlos schob ich ihn von mir, ignorierte seinen verwirrten Blick und bahnte mir einen Weg durch die verschwitzten Leiber nach draußen. Die kühle Nachtluft von L.A. schlug mir entgegen und fühlte sich herrlich echt an.
      Ich kramte mein Handy aus der Tasche, um mir ein Taxi zu rufen, als eine Benachrichtigung aufleuchtete. Instagram. Ein unwillkürliches Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Scott. Meine flüchtige, aber unvergessliche Bekanntschaft aus San Francisco hatte auf mein letztes Bild reagiert. Wir schrieben eine Weile hin und her, über Komposition, Licht und die Geschichte hinter dem Foto. Es tat gut, mit jemandem zu reden, der meine Sprache sprach, ohne dass dabei die Luft vor unausgesprochenen Spannungen knisterte. Schließlich tippte ich meine Nummer in das Chatfenster. Kaum abgeschickt, vibrierte mein Handy auch schon.
      "Grace? Du bist tatsächlich noch wach? Ich dachte, du liegst längst irgendwo im Tiefschlaf, nachdem du die halbe Stadt fotografiert hast", erklang seine Stimme, und allein der Klang löste einen Knoten in meiner Brust, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass er existierte.
      "Die Stadt schläft nie, Scott. Und ich anscheinend auch nicht", erwiderte ich und wich einem Stapel Pappkartons auf dem Gehweg aus. "Ich brauchte nur ... Luft. Der Club war zu laut, der DJ zu anhänglich und meine Gedanken zu klebrig."
      Er lachte leise, ein warmes, ehrliches Lachen, das mich sofort zurück nach San Francisco katapultierte. Ich sah uns beide wieder vor mir: wie wir damals stundenlang an den Docks gesessen hatten, die Kameras schussbereit, während wir auf das perfekte Licht der Blue Hour warteten. Scott war derjenige gewesen, der mir beigebracht hatte, dass man manchmal die Kamera absetzen muss, um den Moment wirklich zu verstehen. Es war eine unbeschwerte Zeit gewesen, ohne die Last einer dunklen Herkunft oder die komplizierte Aura eines Rockstars, der meine Welt aus den Angeln hob.
      "Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass du immer noch in L.A. bist", sagte er dann, und sein Ton wurde eine Nuance ernster. "Als wir uns in San Francisco verabschiedet haben, klang es so, als wäre L.A. nur ein kurzer Zwischenstopp auf deiner Suche. Ich dachte, du wärst längst wieder auf Achse, Chicago oder irgendwo in der Wüste oder auf dem Weg nach Mexiko."
      Ich hielt unwillkürlich inne und starrte auf mein Spiegelbild in einer dunklen Schaufensterscheibe. Die hohen Pferdeschwänze und das grafische Make-up wirkten hier draußen, allein in der Nacht, fast wie eine Maske. "Die Pläne haben sich geändert", sagte ich, und meine Stimme klang belegter, als ich gewollt hatte. "Ich habe ein Angebot bekommen, das ich nicht ablehnen konnte. Ein festes Projekt. Ich bleibe wohl erst einmal hier." Kurz blitzte das Bild von Kyle in der Gasse vor meinem inneren Auge auf. Damals war er einfach ein Fremder in einer Gasse der Hilfe brauchte, dann war er ein Motiv was ich ablichten sollte und nun... war er zu einer Herausforderung geworden, der ich mich nicht entziehen konnte, egal wie viele Telefonate ich führte oder wie viele DJs ich küsste. "Ein festes Projekt? Du?", Scott klang amüsiert, aber auch ein wenig skeptisch. "Die Künstlerin, die ich kenne, lässt sich nicht einsperren. Was ist es? Eine Galerie? Ein Bildband?" Ich schluckte leise. "So ähnlich", wich ich aus und lief weiter. "Es ist kompliziert, Scott. Es ist ... viel mehr als nur Fotografie. Aber erzähl mir lieber von dir. Wie läuft es bei dir? Ich brauche dringend eine Dosis von deiner Normalität, bevor mir hier der Kopf explodiert." Wir redeten über Belichtungszeiten, über die neue Dunkelkammer, die er sich eingerichtet hatte, und über die Menschen, die wir damals gemeinsam fotografiert hatten. Es war, als würde er einen Schutzraum um mich herum aufbauen, in dem Kyle Miller nicht existierte. Doch als ich schließlich die vertraute Einfahrt zum Loft erreichte und das massive Gebäude vor mir aufragte, spürte ich, wie die Realität wieder nach mir griff. "Scott?", sagte ich leise. "Danke fürs Anrufen. Du hast keine Ahnung, wie sehr ich das gerade gebraucht habe." Das war wirklich besser als einen hübschen DJ mit Mundgeruch zu küssen. "Jederzeit, Grace. Aber versprich mir eins: Verlier dich nicht in dieser Stadt." Ohh... ehrlich gesagt würde ich ihn jetzt gern küssen und.. noch viel viel weiter gehen.
      "Ja, Scott, ich weiß", kicherte ich leise und trat gedankenverloren in den Fahrstuhl.
      Als sich die Türen wieder öffneten, war ich gerade dabei, meine Overknee-Socken zurechtzurücken, als mein Blick automatisch in Richtung des weitläufigen Wohnbereichs glitt. Die riesigen Glasfronten ließen das kalte, bläuliche Licht der Skyline herein, doch was sich auf dem großen Sofa abspielte, brannte sich wie ein greller Blitz in meine Netzhaut. Das Licht fing sich auf nackter Haut. Kleidung lag wie achtlos abgeworfene Requisiten eines schlechten Films auf dem Weg zum Sofa verstreut. Und dort, im Zentrum meines neuen Zuhauses, bot Kyle gerade eine Performance dar, für die er definitiv keine Kamera brauchte. "Blimey."
      Ein heftiger, brennender Stich fuhr mir durch die Brust. Dabei war er so scharf und unerwartet. Es fühlte sich an wie ein physischer Schlag in die Magengrube, den ich mir beim besten Willen nicht erklären wollte. Gefühle? Für ihn? Bitte nicht. Doch so schnell der Schmerz gekommen war, schob ich ihn beiseite und ersetzte ihn durch eine eiskalte, fast schon klinische Distanz. Dieses verstörende Bild vor mir war genau das, was ich gebraucht hatte
      Während ich draußen herumlief und versuchte, meine Gefühle zu ordnen, hatte er sich einfach die erstbeste Ablenkung ins Haus geholt.
      Doch so schnell das Gefühl gekommen war, so schnell schaltete sich mein Überlebensinstinkt ein. Mein britischer Verstand übernahm das Ruder. Oh, wie charmant, dachte ich bitter. Herzlich willkommen im Zoo der Familie Miller. Fütterung der Raubtiere ist anscheinend in vollem Gange. Es war der Boden der Tatsachen, auf dem ich nun mit beiden Beinen eingeschlagen war. Dieses ominöse "Band", das Knistern auf der Terrasse, diese seltsame Vertrautheit ... es war nichts weiter als eine bizarre Einbildung gewesen. Geboren aus zu viel Stress, dem Jetlag und der Tatsache, dass wir wie zwei Laborratten in diesem viel zu luxuriösen Käfig aufeinanderhockerten.
      Ich atmete tief durch, straffte die Schultern und setzte meine beste Maske aus britischer Ungerührtheit auf.
      "Grace? Alles okay? Du bist so still", drang Scotts besorgte Stimme aus dem Lautsprecher.
      Ich riss den Blick los. Meine Kehle fühlte sich trocken an, aber ich zwang mich zu einer äußerlichen Gelassenheit, die einer königlichen Garde Ehre gemacht hätte. Ich richtete meinen Rücken und strich mir eine blonde Strähne glatt, als würde ich gerade einen entspannten Spaziergang durch den Hyde Park beenden. "Oh my Godness.. ja,... ich..", brachte ich mit einer Stimme hervor, die so trocken und cool klang, dass ich mich selbst fast bewunderte. "Mir ist nur gerade klargeworden, dass der Innenausstatter hier wohl doch mehr auf ... belebte Dekoration setzt, als ich dachte. Sehr avantgardistisch." Ich wandte mich betont langsam ab und steuerte auf mein Zimmer zu. Ich achtete darauf, meine Schritte nicht zu beschleunigen, ich würde ihm nicht den Gefallen tun, zu flüchten. Als ich die Couch passierte, ohne auch nur einen direkten Blick darauf zu verschwenden, sprach ich ruhig weiter in mein Handy: "Blody Hell. Ich muss wohl auflegen, bevor die Hintergrundgeräusche hier noch jugendgefährdend werden. Wir hören uns." Ich erreichte meine Zimmertür, drückte die Klinke mit einer fast schon arroganten Gelassenheit nach unten und trat ein. Erst als die Tür leise, aber bestimmt ins Schloss fiel, lehnte ich mich dagegen. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen und die Hitze in meinem Gesicht hatte nichts mehr mit dem Club-Besuch zu tun. Willkommen in L.A., Grace. Das hier war die Realität. Und Gott sei Dank hatte Kyle Miller mich gerade rechtzeitig daran erinnert, wer er wirklich war.
    • Tom

      Es tat gut mal etwas außerhalb des Lofts und meinem Büro zu unternehmen. Den Abend mit Erik genoss ich sehr und wir unterhielten uns über diverse Dinge. Er erzählte mir das er durch seinen Job als Banker seine Frau kennengelernt hat und einen Sohn und eine Tochter mit ihr hat. Sein Leben schien wirklich perfekt zu sein. Im Gegensatz zu meinem turbulenten Leben, war seins wesentlich ruhiger. "Wie geht es eigentlich Kyle?" Seine Frage sollte mich nicht überraschen, doch ich verschluckte mich beinahe am Bier. Er wusste nichts von der Krankheit.. selbst mit dem Unfall von unseren Eltern habe ich Erik erst Jahre später erzählt. Er sah mich besorgt an. "Alles in Ordnung?" Ich räusperte mich. "Es geht schon danke." Ein kleines Lächeln umspielte meine Lippen. "Also was meinen Bruder angeht. Er macht gerade eine schwere Phase durch.. und mir gefällt es einfach nicht das er sich so gehen lässt.. wenn du verstehst was ich meine." Erik nickte mir zu. "Und ich mache mir Sorgen um ihn.. Schließlich ist er mein kleiner Bruder und meine einzige Familie." "Ich weiß Tom. Vielleicht wird er es irgendwann verstehen." "Das hoffe ich doch." Wir ließen den Abend noch in der Bar ausklingen, unterhielten uns, spielten ein paar Runden Dart und ich war froh die Chance genutzt zu haben, wieder unter Leute zu gehen.

      __________________________________________________________________________________________________________________

      Kyle

      Sie war wunderschön. Ich gab ihr alles was ich geben konnte und nahm sie in allen möglichen Positionen die man sich nur vorstellen konnte. Ihr schien es sehr zu gefallen, denn sie kam nicht nur einmal zu Höhepunkt. Es war alles belanglos, ohne jegliche Gefühle und das war genau das was ich wollte. Scheiß auf Grace und ihren Duft nach Zitronengras... Mich bekommt sie damit nicht rum.
      Die Fahrstuhltür öffnete sich und sowohl ich als auch meine Bekanntschaft zuckten kurz zusammen. Wir hörten Schritte die auf uns zu kamen. Mein Blick traf den von Grace.. doch dieses Mal war es anders. Fuck
      Ich fühlte mich ertappt, wie jemand der verbotene Dinge getan hat. Ich schluckte, doch meine Bekanntschaft zog mein Gesicht zu ihr hinunter und küsste mich wieder leidenschaftlich. "Ignorieren wir sie.", murmelte sie gegen meine Lippen. Das wollte ich ja auch. Ich wollte diese Frau ignorieren. Doch sie schien unbeeindruckt von der ganzen Situation zu sein und das gefiel mir nicht.. Sie lief an uns vorbei in Richtung ihres Zimmers und auch ihre Worte, die sie zu demjenigen am anderen Ende des Handy sprach, prallten nicht an mir ab, wie geplant. War ich wirklich schon so tief in der Sache drinnen und sehe in Grace mehr? Ich wusste es nicht.. Mein Herz wollte am liebsten das ich ihr nachgehe.. mich erkläre, aber mein Kopf hielt mich davon ab. Schließlich sahs hier jemand der meine volle Aufmerksamkeit verlangte. "Alles in Ordnung?" Sie sah mich mit ihren braunen Augen an. "Ja.. sicher." "Wer war sie?" Ich schüttelte den Kopf. "Niemand wichtiges. Mach dir keinen Kopf." Ich drückte sie wieder auf das Sofa und bedeckte ihren Körper mit küssen. Bevor wir da weiter machten wo wir aufgehört hatte.
    • Farrow

      Ich genoss den ersten Schluck. Die Schärfe des Gins und die Kälte des Glases waren die perfekte Reinigung nach den klebrigen Schwingungen der Tanzfläche. Ich war allein, aber das war kein Zustand, den ich beklagte. Im Gegenteil: In der Stille nach der Jagd fühlte ich mich am stärksten. Die Gruppe war merklich dezimiert. Dylan schlief mit dem Kopf auf dem Tisch, Coraline war... wie prophezeit, spurlos verschwunden. "Genug für heute", entschied ich und signalisierte Max, den Wagen vorzufahren. Draußen schnitt die kühle Nachtluft von L.A. durch die Restwärme des Clubs. Als ich schließlich auf dem Rücksitz meiner Limousine saß, zog ich meine High Heels aus und lehnte den Kopf zurück. Die Stadtlichter zogen als verschwommene Streifen an mir vorbei. Mein Handy summte – eine kurze Nachricht von meiner Assistentin über den Terminplan für morgen früh.
      Ich schloss die Augen. Der Duft von Jasmin hing immer noch dezent in meinem Haar, vermischt mit dem metallischen Geruch der Nacht. Ich hatte bekommen, was ich wollte: Grace für das Event, neue Kontakte für die Agentur und die Bestätigung, dass ich die Fäden immer noch fest in der Hand hielt. Morgen würde ein langer Tag werden. Aber Erfolg schlief nie, und ich hatte nicht vor, die Erste zu sein, die blinzelte.

      Grace

      Der Schock über die... pikante Live-Performance im Wohnzimmer ebbte langsam ab und wich einer kühlen, beinahe klinischen Akzeptanz. Kyle Miller war genau das, wofür ich ihn gehalten hatte: ein wandelndes Klischee. "Bugger...!" Dumm von mir, auch nur eine Sekunde lang an etwas anderes geglaubt zu haben. Farrow hatte wohl mal wieder mit allen Recht behalten.
      Ich trat vor den Spiegel. Meine Maske aus britischer Ungerührtheit saß noch perfekt, aber darunter brannte eine Mischung aus Wut, Enttäuschung und einer seltsamen Erleichterung. "Come on, stiff upper lip, Grace. Get over it", zischte ich meinem Spiegelbild zu. Ich griff nach dem Abschminköl und begann, das grafische Make-up Schicht für Schicht abzutragen. Mit jedem Wattebausch verschwand ein Stück der falschen Grace, bis nur noch mein nacktes, leicht gerötetes Gesicht übrig blieb.
      In aller Seelenruhe cremte ich mich ein, bürstete meine Haare und schlüpfte in mein ausgewaschenes Schlaf-T-Shirt und die bequemen Leggings. Kein Seidenpyjama, keine Allüren. Einfach nur ich. Doch mit der Ruhe kam der Hunger. Ein riesiger, frustrierter, alles verzehrender Hunger. Wenn meine Seele schon hungern musste, würde mein Magen das nicht tun. Frustfressen war eine meiner wenigen, aber effektiven Kompensationsstrategien.
      Ich schnappte mir meine Over-Ear-Kopfhörer, setzte sie auf und schaltete die Geräuschunterdrückung ein. Die Welt draußen inklusive
      Kyle und seiner Gesellschaft versank in den Klängen meiner Playlist. Ich schlich aus meinem Zimmer, peinlich genau darauf bedacht, meinen Blick starr nach vorne zu richten. Mit zwei Erwachsenen Menschen... oder einer Dame und einen Kindskopf die sich gemeinsam gut taten kam ich klar. Dafür hatte ich in zu vielen Gemenschaftssäalen geschlafen während ich auf Reise war. Allerdings wollte ich den entfesselten Tiger in all seiner nackten Herrlichkeit gar nicht sehen. Oh by Gods sake -no! Also ging ich ganz entspannt zum Kühlschank während ich leise den Song vor mich hin sang der gerade auf meinen Ohren spielte.
      Ich öffnete die schwere Tür und das kalte Licht flutete den dunklen Flur. Ich spürte Kyles Blicke in meinem Rücken, die Vibrationen seiner Stimme, die durch den Boden drangen, aber ich ignorierte sie. Ich setzte mich einfach davor, die Kopfhörer wie einen Schutzwall auf den Ohren. Oh Moment, offensichtlich war ich fein mit der Situation aber unser Gast nicht. Hoffentlich wollte sie nicht gleich das ich mit machte! Bevor jemand zu mir rüber kam wunk ich ab. "Hmmm... ach nein", murmelte ich, während mein Blick über die Töpfe und Schüsseln glitt. Ich hob kurz eine Hand, als ob ich jemanden abwehren müsste, obwohl ich niemanden ansah. "Lasst euch nicht stören. Das passt schon. Die haben Schallunterdrückung."
      Mit einem diebischen Grinsen griff ich nach Marthas Resten. Diese Frau war wirklich ein Engel! Ein großer Löffel reichte und ich verschlang ihre Köstlichkeiten direkt aus den Schüsseln. Marthas Kochkünste waren das Einzige, was in diesem Loft beständig und verlässlich war. Als Nächstes entdeckte ich die Schoko-Erdbeeren. Ich stopfte mir eine nach der anderen in den Mund, die Schokolade knackte zwischen meinen Zähnen, der süße Saft explodierte auf meiner Zunge. Es war ein Festmahl der Sünde, genüsslich und schamlos. Hätte ich gleich mit ihr gegessen, hätte ich mir einen beschissenen Abend ersparrt. Wer hätte das nur gedacht? Oh, mein Zitronenkuchen war auch noch da. In aller Seelenruhe saß ich vor dem geöffneten Kühlschrank und kompensierte meine Enttäuschung mit jedem Bissen, bis der größte Hunger gestillt war. Während ich mir zufrieden meine Finger ableckte, beschloss ich dass Farrow das niemals aber auch gar niemals erfahren durfte. So viel war sicher.
      Ich wollte gerade die Kühlschranktür schließen, als mein Blick auf den Mülleimer daneben fiel. Etwas Weißes glitzerte darin. Ich beugte mich vor und fischte vorsichtig die Schnipsel heraus. Es war das Bild von Kyles Händen, das bis vor kurzem noch am Kühlschrank gehangen hatte. Ich starrte auf die zerrissenen Teile in meiner Hand. Das konnte doch nur das Werk des Panorama-Prinzen höchst persönlich gewesen sein! Statt Wut spürte ich plötzlich eine ganz andere Emotion aufsteigen: Inspiration. Ein Feuer entfachte sich in mir, heißer und intensiver als jeder Frust. Ich sprang auf, die Kopfhörer rutschten mir in den Nacken. "Hah!", quietschte ich freudig auf, meine Stimme klang laut und schrill in der Stille des Lofts. Ich hielt die Schnipsel hoch wie eine Trophäe. "Das ist es!!! Ich wusste, dass wir künstlerisch auf einer Welle schwingen können." Die Zerstörung des Bildes war keine Beleidigung gewesen, es war ein Akt der radikalen Neuschöpfung. Kyle hatte es nicht kaputt gemacht, er hatte es verwandelt. Ich sah die neuen Linien, die scharfen Kanten, die rohe Energie, die von den zerrissenen Teilen ausging. Es war brillant. Es war genau dass, was mir bei den Werk gefehlt hatte. Voller Begeisterung und Feuer und Flamme für diese neue, kreative Verbindung war ich schon im Begriff, Kyle um den Hals zu fallen, ihn zu umarmen, ihm zu danken für diese geniale Eingebgebung... doch dann fiel mir wieder ein, dass er nichts anhatte. Und was er gerade machte. Ich hielt abrupt inne. Das Feuer der Inspiration erlosch nicht, aber es wurde durch eine kalte Dusche der Realität gedämpft. Ich atmete tief durch und unterdrückte den Impuls, laut loszulachen über die Absurdität der Situation. "Bugger...", murmelte ich leise und trat einen Schritt zurück. "Das timing ist wirklich miserabel, Kyle." Ich drehte mich um, griff mir einen Teller und schaufelte einen Reste Mix darauf. In der anderen Hand hielt ich die Schnipsel des Bildes fest umschlossen. Dann musste ich wohl allein daran weiter schöpfen.
      Diesmal schloss ich die Tür nicht nur, ich verriegelte sie. Kyle Miller war vielleicht ein genialer, zerstörerischer Künstler, aber er war immer noch ein nackter Rockstar, der meinen Boden der Tatsachen gerade ziemlich hart erschüttert hatte. Aber hey, zumindest hatte ich Auflauf. Und ein neues Projekt. Tja...Willkommen im Zoo, Grace. Jetzt hast du wohl eine besondere Dauerkarte.
    • Kyle

      Unsere Körper waren durchgeschwitzt und ich keuchte. "Wow du hast es echt drauf", sprach sie mit geröteten Wangen.
      Ich grinste triumphierend und küsste sie noch einmal, als ich Schritte vernahm. Sofort ging mein Blick zum Fahrstuhl doch diese Türen blieben geschlossen. Dann sah ich wie jemand in Richtung Küche ging. Es war schon wieder Grace.. Was zum Teufel sollte das? Will sie sich das wirklich antun? Oder dreht sie jetzt völlig durch? War das Teil ihres Spiels?
      Ich schlug mir die Hand vors Gesicht und war sprachlos. Auch als sie die Kühlschranktür öffnete und den gesamten Inhalt darin verschlang wie eine hungrige Raupe. "Was tut sie da?" "Ich habe keine Ahnung." Meine Bekanntschaft richtete sich ebenfalls auf uns blickte zu ihr. "Kann man dir irgendwie helfen?", sprach sie in Richtung der Küche. Grace´s Antwort kam wie aus der Pistole geschossen und auch das wir uns nicht von ihr stören lassen sollten, ließ mich noch mehr stutzig werden. "Was ist das für eine Verrückte?" Ich war ebenso baff wie sie.. "Aber wenn sie meint dann machen wir eben weiter." Sie zog mich zu sich ran und küsste mich, doch mein Blick blieb weiter auf Grace hängen wie sie die Schokoerdbeeren in ihren Mund schob. Dieses Bild wird mir nicht mehr aus den Kopf gehen. Oh Grace..
      "Hey! Hier spielt die Musik." Die Schwarzhaarige drehte meinen Kopf zu ihr und sah mich ernst an, bevor sie sich vor mir räkelte damit sie wieder meine Aufmerksamkeit bekommt. Ihr schien es nicht zu passen das ich Grace so ansah. Doch es fiel mir schwer meinen Blick von ihr abzuwenden um mich wieder voll und ganz auf die Frau auf dem Sofa zu konzentrieren.
      Als die besagte Dame gerade dabei war mich wieder einzuheizen, zuckte ich zusammen, als Grace plötzlich laut stark anfing zu quietschen wie ein kleines Kind. Sie sah wunderschön dabei aus. Wie sie die Schnipsel in der Hand hielt in ihrem viel zu großen Shirt und der Leggins die ihre tollen Beine zum Ausdruck brachten.. und dieser Po erst noch.. Nicht doch..
      Die Dame auf dem Sofa war außer sich und warf Grace einen wütenden Blick zu. "Ich bin hier mit ihm auf einer Wellenlänge und nicht du!" Sie fauchte sie förmlich an. Doch Grace schoss nicht zurück. Stattdessen ging sie ein paar Schritte zurück, nahm sich die restlichen Sachen mit und verschwand in ihrem Zimmer. Ich sah ihr nach wie ein treudoofer Hund. Neben mir regte sich etwas und ich wandte mich wieder zu meiner Bekanntschaft zurück die drauf und dran war ihre Sachen zusammen zu suchen und sich anzuziehen. "Was wird das?" Ich zog eine Augenbraue nach oben und sah sie an. "Dein Ernst? Denkst du ich bin doof oder was? Sie hat hier gerade eine Show abgezogen und du fällst darauf hinein. Siehst sie an wie ein verliebter Teenager. Nein nicht mit mir. Auf sowas kann ich gut und gerne verzichten!" Sie war außer sich vor Wut und zog in Windeseile ihre Sachen an. Ich stand vom Sofa auf und fischte nach meiner Boxer und zog sie mir drüber. Ich stolperte beinahe über meine Füße als ich sie davon abhalten wollte zu gehen. "Du siehst das falsch.. Ich und sie.. Da ist nichts." Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. "Ja klar. Das sah eben anders aus.." Die Fahrstuhltür öffnete sich und sie trat hinein. "Viel Spaß mit dieser Verrückten. Mit mir brauchst du nicht mehr zu rechnen." Die Tür ging zu und ich schlug mit der bloßen Hand auf das Metall.
      "So ein Mist!" Dieser Abend hätte so schön sein können.. aber nein.. sie musste ihn zerstören..
      Ich setzte meine Füße in Bewegung räumte meine Sachen zusammen. Dann ging ich nach oben in mein Zimmer und schloss die Tür. Eine kalte Dusche wäre jetzt genau das Richtige um meine Gedanken zu ordnen. Doch sie ging mir nicht aus den Kopf. Das Gespräch am Auto nach den Fotoshooting.. unser Gespräch heute auf der Dachterrasse und wie sie die Schokoerdbeeren vernaschte.. Oh Gott wurde ich wirklich langsam verrückt? Oder sah ich Grace doch noch mehr, als eine Bedrohung?
      Auch nach einer viertel Stunde unter der Dusche, hatte ich keine Antwort auf meine Fragen. Ich warf mir ein weißes Shirt über und ging nach unten. Gerade kam Tom aus dem Fahrstuhl. Er sah anders aus und wirkte glücklicher. "Na scheinst einen tollen Abend gehabt zu haben?" Ich ging zum Kühlschrank und holte mir eine Flasche Wasser heraus. "Oh Kyle? Du schon hier?" Sein überraschter Gesichtsausdruck war echt zum schießen. "Ja der Abend ist anders verlaufen als gedacht.." Ich öffnete die Flasche und trank daraus. "Okay ich hinterfrage es nicht weiter und zu deiner Frage zurück zu kommen. Ja ich war heute mit einem alten Bekannten in einer Bar etwas trinken und das tat mir wirklich gut." Ich lächelte meinen großen Bruder an. "Freut mich das du endlich einmal das Büro verlassen hast und unter Leute gehst." "Und mich freut es dich nüchtern zu sehen." Wir grinsten vor uns hin. Für jeden von uns beiden war der Abend anders ausgegangen.. und es blieb abzuwarten was uns die nächsten Tage so erwartet.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Shio ()

    • Grace

      Ich schloss die Zimmertür, warf die zerknitterten Papierschnipsel auf meinen Schreibtisch und atmete tief durch. Der bittere Nachgeschmack der Wohnzimmerszene war noch da, aber die kreative Leidenschaft übertönte ihn bereits. Bevor ich mich jedoch an die Arbeit machte, wechselte ich die Playlist. Weg mit dem weichgespülten Club-Pop, der mir noch in den Ohren dröhnte. Ich brauchte etwas mit Kante, etwas mit Seele. Die ersten Töne von rauem Indie-Rock füllten den Raum und legten sich wie ein schützender Kokon um meinen Fokus. "So, Tiger... mal sehen, ob wir aus deinem Temperamentsausbruch nicht doch noch Kunst machen können", murmelte ich und schaltete den Scanner ein. Wäre ja auch zu schade gewesen, wenn sein kleiner Tobsuchtsanfall völlig umsonst gewesen wäre.
      Ich öffnete mein Archiv und suchte nach der Originalaufnahme, die mich schon im Studio so fasziniert hatte: Das Foto von Kyles Händen. Ich zoomte hinein, bis die Anspannung in seinen Sehnen fast schmerzhaft real wirkte. Dieser krampfhafte Griff um das Stativ... es war die ehrlichste Aufnahme, die ich je von ihm gemacht hatte. Es erzählte von Kontrolle, von unterdrücktem Chaos und einer Verletzlichkeit, die er mit jeder Faser seines Körpers zu verstecken suchte. Genau der Kontrast, der mich immer wieder in seinen Bann zog.
      Mit ruhiger Hand legte ich die eingescannten Schnipsel digital über die Fotografie. Ich schob sie hin und her, drehte sie, bis sie wie ein zerbrochenes Mosaik in die Leerstellen der Komposition passten. Es war faszinierend: Die feinen roten und blauen Linien, die ich damals mit so viel Akribie gezeichnet hatte. Diese Sicherheitsmerkmale, die an eine Negativoptik von Dollarscheinen erinnerten, wirkten nun wie die Nähte einer Wunde. Es sah aus, als hätte jemand versucht, eine zerbrochene Realität mühsam wieder zusammenzuflicken, nur um die Illusion von Perfektion zu wahren. "Blimey... ja! Oh my Goodness, ja! Das ist es!", quietschte ich euphorisch auf und klatschte in die Hände. Die Energie des Entwurfs war fast greifbar.
      Doch dann hielt ich inne. Der Songtitel Shattered Hearts and Safety Pins hämmerte in meinem Kopf wie ein Metronom. Ich biss mir auf die Unterlippe und öffnete eine neue Ebene in meinem Bearbeitungsprogramm. Was, wenn ich den Titel wörtlich nähme?
      Meine Finger flogen über das Grafiktablet. Ich entwarf digitale Sicherheitsnadeln, setzte Lichtreflexe auf das kalte Metall und ließ sie so echt wirken, dass man meinte, den Widerstand des Papiers beim Durchstechen zu spüren. Ich 'pinnte' die Schnipsel virtuell an die Fotografie der Hände. Die Wirkung war elektrisierend. Es wirkte roh, schmerzhaft und verdammt ehrlich ... ein visueller Schrei, der perfekt zu der Musik in meinen Kopfhörern passte. Ich bemerkte fast gar nicht, wie mein Herz zu hüpfen begann, und ich versuchte, das lebendige Kribbeln in meinem Bauch zu ignorieren.
      Lieber betrachtete ich beide Versionen im direkten Vergleich. Die eine war sauber rekonstruiert, fast klinisch in ihrer Zerstörung; die andere wurde brutal durch das Metall der Nadeln zusammengehalten. Ich konnte mich beim besten Willen nicht entscheiden. Beide hatten diese rohe, ungeschönte Miller-Energie. Wie wenn sich Licht und Schatten in seinen scharfen, unfassbar markanten und doch so perfekten Zügen brach....
      Stop! Ah, ah, ah! Das war hier nicht der Punkt. Reiß dich zusammen, Grace. Stiff upper lip.
      Ich jagte beide Versionen durch den Drucker. Das Surren des Geräts begleitete mein triumphierendes Lächeln. Mit den noch warmen Ausdrucken in der einen Hand und meinem schmutzigen Geschirr in der anderen verließ ich schließlich mein Zimmer.
      Als ich den Wohnbereich erreichte, blieb ich abrupt stehen. Die 'belebte Dekoration' auf dem Sofa war verschwunden, die Luft wirkte merklich abgekühlt. Stattdessen saß dort Tom Miller... mein Boss. "Oh, Mr. Miller! Sie sind zurück!", rief ich überrascht, und ein echtes, ehrliches Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Es war eine Wohltat, ein bekanntes Gesicht zu sehen, das nicht nach Drama und Testosteron schrie. "Ich hoffe, Sie hatten einen wunderbaren und erfolgreichen Abend. Meiner war... sagen wir: aufschlussreich."
      Ich steuerte die Küche an und räumte mein Geschirr in die Spülmaschine, als wäre die peinliche Performance von vorhin absolut irrelevant für mein Weltbild gewesen. Ich ignorierte Kyles irritierten Blick, der förmlich in meinem Rücken brannte, trocknete mir die Hände ab und griff nach meinen Ausdrucken.
      "Also meine Herren: Daaaa Sie ja gerade beide hier sind, das hier irgendwie eine Gruppenleistung geworden ist und... Kyle mit seiner Spielgefährtin offensichtlich fertig ist...", ich schenkte Kyle ein zuckersüßes, fast schon mitleidiges Lächeln, "...kann ich ja nach verschiedenen fachkundigen Meinungen fragen. Ich glaube nämlich, Kyle und ich haben unwillentlich einen 1-A-Kandidaten für ein alternatives Cover geschaffen. Bloody brilliant, wenn man bedenkt, wie es entstanden ist." Ich legte die beiden Entwürfe mit einer schwungvollen Geste auf die Küchentheke. "Die klassische Dekonstruktion oder die Variante mit den Sicherheitsnadeln? Was fängt den Geist und die Seele des Songs besser ein? Und du selbsternanntes verkanntes Genie, sei doch so gut und gib mal deinen Senf dazu... jetzt, wo du wieder beide Hände frei hast."
    • Tom

      Meine Erleichterung war mir wie ins Gesicht geschrieben, als ich Kyle vor mir stehen sah. Er wirkte normal, etwas kaputt vielleicht, aber keines Wegs betrunken. Was auch immer passiert ist das er sich nicht vollkommen abgeschossen hatte, könnte öfters passieren.
      Ich nahm mir ebenfalls ein Wasser aus dem Kühlschrank und setzte mich auf das Sofa. Schnelle Schritte waren zu hören und Ms. Wilson schenkte mir ein Lächeln als sie mich sah. "Vielen Dank, ja den hatte ich in der Tat." Ich lächelte ihr ebenfalls zu und sah wie sie in Richtung der Küche verschwand. Kyle sah ihr perplex nach. Als sie sich zu uns umdrehte und zu Reden begann und die beiden Entwürfe auf die Theke legte, stand mir der Mund plötzlich offen. Ich sprang vom Sofa auf und schüttelte den Kopf. "Moment Mal." Bevor ich mir die Entwürfe ansah, blickte ich zwischen den beiden hin und her und blieb mit meinen Augen bei meinem Bruder stehen. "Du hast nicht ernsthaft auf diesem Sofa mit einer Frau geschlafen?" Mein Finger zeigte zu dem Sofa wo ich gerade drauf sahs. Ich verzog das Gesicht. "Vielleicht." Ich konnte es nicht fassen. "Dein Ernst?" Kyle zuckte mit den Schultern. "Das wäre nicht das erste Mal gewesen." Ich schlug mir die Hand vor das Gesicht. "Oh mein Gott.. Ich sollte über eine abwaschbare Couch nachdenken oder eine neue kaufen.." Kyle sah mich mit einem strengen Blick an. "Hey nun hab dich nicht so. Du würdest es auch nicht anders machen wenn du eine Frau hier her einlädst und es nicht mehr aushältst auf dein Zimmer zu kommen." Ich sah Kyle an. "Doch. Ich habe Anstand und Stil." Ich zwinkerte ihn lächelnd zu. Doch ich würde mich vorerst nicht mehr auf dieses Sofa setzen. Mein Blick ging nun zu den beiden Entwürfen die Ms. Wilson uns hingelegt hatte. Ich nahm beide nach einander in die Hand und betrachtete sie. "Sie haben ein gutes Auge. Das muss man ihnen lassen." Ich legte die beiden Bilder wieder auf die Theke zurück und sah Kyle an. "Also was sagst du dazu?"

      __________________________________________________________________________________________________________________

      Kyle

      Was sollte dieser Auftritt von ihr werden? Erst hat sie mir die Tour versaut und jetzt blamiert sie mich auch noch vor meinem Bruder. Diese Frau war ein Rätsel und ich wurde nicht schlau aus ihr. Wenn sie nicht so hinreißend aussehen würde... Nein konzentriere dich Kyle.. Ich sah mir die Entwürfe skeptisch an. Ein Bild von meinen Händen, wie sie das Stativ des Mikrofons fest umschlossen. Das andere zeigte das zerrissen Kunstwerk, welches ich vom Kühlschrank nahm. Sie hat es so gestaltet das es sich perfekt mit dem Original ergänzte. Ich war überrascht. Sie schien wirklich Talent zu haben. Doch natürlich lies ich es mir nicht anmerken. "Ich hab schon besseres gesehen. Aber vielleicht kann man damit ja was anfangen." Meine Stimme wirkte gelangweilt. Ich hielt das selbst gestaltete Bild nach oben. Tom warf mir einen fragenden Blick zu. "Ich finde das Ms. Wilson einen sehr guten Job gemacht hat. Du solltest ihre Arbeit zu schätzen wissen." Ich winkte ab. "Sie muss sich erst einmal richtig beweisen, bevor ich ihr dankbar um den Hals falle." Meine Arme verschränkte ich vor meiner Brust und sah Grace herausfordernd in die Augen. Tom schüttelte den Kopf und wandte seinen Blick wieder zu Grace. "Wir nehmen das Zweite. Das passt perfekt zu dem Song. Gute Arbeit. Weiter so." Ich hätte kotzen können. So wie er sie mit Dankbarkeit überschüttete. Diese Frau war eine Gefahr und mein Bruder sah es nicht. Ihr selbstgefälliges Lächeln, ihr verdammt scharfes Aussehen und dieser unwiderstehliche Geruch.. Sie darf sich nicht in mein Herz schleichen...
      Sie durfte nicht gewinnen, ganz egal welches Spiel sie hier spielt. Wenn sie um die Gunst von meinem Bruder buhlen möchte, dann nur zu. Mich kann sie nicht so leicht um den Finger wickeln.. "Hätten wir es ? Ich würde jetzt gerne ins Bett gehen."
      Ohne auf eine Antwort zu warten ging ich nach oben in mein Zimmer, sperrte die Tür zu und warf mich auf mein Bett. Mein verräterisches Herz hörte nicht auf zu schlagen. "Reiß dich zusammen.." Warum macht sie es mir nur so schwer sie einfach zu ignorieren, wie ich es geplant hatte? Darauf hatte ich keine Antwort.. Noch nicht.. Für heute war es aber genug. Ich war müde und die nächste Woche wird anstrengend genug.

      __________________________________________________________________________________________________________________

      Tom

      Ich sah meinen Bruder nach und blickte dann entschuldigen zu Ms. Wilson. "Verzeihen sie. Ich weiß echt nicht was mit meinen Bruder los ist. Diese Gefühlsschwankungen sind erst seit kurzem und ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll." Ich nahm das Bild nochmal in meine Hände und lächelte. "Jedenfalls machen sie ihren Job genau so wie ich es erhofft hatte. Machen sie bitte weiter so und lassen sie sich nicht von Kyle beirren. Ich wünsche ihnen eine gute Nacht." Mit diesen Worten legte ich das Bild wieder auf die Theke zurück und verschwand in meinem Zimmer. Für mich lief der Tag super und entspannt und ich konnte die neue Woche kaum noch erwarten.
    • Grace

      Ich beobachtete den Schlagabtausch der Miller-Brüder mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und wachsendem Vergnügen. Als Tom wie von der Tarantel gestochen vom Sofa aufsprang und über die hygienischen Zustände seiner Luxusmöbel philosophierte, war es um meine britische Beherrschung geschehen. Zuerst presste ich die Hand fest auf den Mund, um das Kichern zu ersticken, doch als Kyle nur trocken mit den Schultern zuckte, brach ein herrliches Lachen aus mir heraus.
      "Verzeihen Sie", brachte ich schmunzelnd hervor, während ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. "Es ist nur... es ist schön zu sehen, dass sich Geschwister überall auf der Welt auf die genau gleiche Weise kabbeln können. Da vermisse ich beinah die liebvollen Reiberein mit Meinen Zuhause..."
      Für einen flüchtigen Moment traf mich dieser quälende Anflug von Heimweh. Ich dachte an meine Adoptivgeschwister im fernen, verregneten England und das vertraute Chaos unserer eigenen kleinen und großen Dispute. Doch so schnell das Gefühl gekommen war, schob ich es beiseite. Hier war kein Platz für Sentimentalitäten. Ich hatte ja auch eine Feedbackrunde zu überstehen.
      Kyle würdigte meine Arbeit mit der Begeisterung eines Mannes, der gerade eine Steuererklärung las.
      Ich verschränkte die Arme sah ihn mit einem schelmischen Funkeln in den Augen an, trat einen Schritt nähr und beugte mich ein kleines Stück nach vorne. "Bist du dir da sicher, Kyle? Du möchtest wirklich, dass ich mich NOCH mehr bemühe? Soso... hört, hört. Naja... man wächst ja bekanntlich mit seinen Herausforderungen."
      Ich hielt seinem Blick stand, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, während er sichtlich genervt die Küche verließ. Als er außer Hörweite war, entwich mir ein leises Seufzen. "Du amerikanischer Kulturbanause...", murmelte ich. Da hatte ich seinen Stolz wohl ein wenig zu sehr angekratzt. Aber es war schon sehr amüsant gewesen. Schließlich rief ich ihm ein freundliches "Gute Nacht, Kyle!" hinterher, bevor ich mich wieder Tom zuwandte.
      Er wirkte fast schon zerknirscht wegen der Launen seines Bruders. "Schon gut, Mr. Miller", meinte ich schmunzelnd und winkte ab. "Ich kann das ab. Für seine Verhältnisse war er doch eigentlich recht zahm mit seiner Kritik. So sind Künstler eben. Ich habe schon mit genug von diesem Schlag zusammengearbeitet, und nach der Zeit mit Farrow in der Stadt schockiert mich ohnehin wenig. Vielleicht verarbeitet er so nur den Stress bezüglich der Untersuchung am Dienstag." Ich atmete tief durch und sammelte die Entwürfe vom Tresen ein. "Gute Nacht, Mr. Miller. Und danke für ihr Vertrauen."
      In meinem Zimmer angekommen, war ich zwar erschöpft, aber mein Herz war noch zu wach für den Schlaf. Die vertrauten Stimmen meiner Familie fehlten mir mehr, als ich zugeben wollte. Ich griff zum Handy und wählte die Nummer daheim in England. Dass dort gerade der Morgen graute, war mir egal. Das kurze, chaotische Gespräch mit meinen Lieben am anderen Ende der Welt war genau der Anker, den ich brauchte. Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen und dem festen Vorsatz, Kyle Miller am nächsten Tag erneut in den Wahnsinn zu treiben bevor er bei mir versuchte, schlief ich schließlich ein.


      Als der Wecker klingelte, schälte ich mich aus den Federn und bändigte zuerst meine blonden Locken zu zwei lockeren Space Buns, wobei ein paar Strähnen sanft mein Gesicht einrahmten. Um wacher zu wirken, setzte ich auf ein dezentes Make-up: matte Erdtöne in der Lidfalte für Tiefe, präzise getuschte, schwarze Wimpern und ein Tupfer Highlighter im Innenwinkel. Ein zart getöntes Lippenöl sorgte für das frische Finish. Dann folgte das Outfit: Ich schlüpfte in eine hellblaue Baggy-Jeans mit lässigen Knierissen und kombinierte sie mit einem schlichten beigen Tank-Top. Darüber warf ich mir ein oversized Karohemd in Dunkel- und Rosatönen, das perfekt zu meinen beigen Wildleder-Clogs passte. Schließlich schnappte ich mir mein Handy, auf dem bereits die nächste Nachricht von Scott aufleuchtete.
      Ich schritt die Treppe hinunter, wobei das sanfte Knarren der Stufen im Loft den Beginn eines neuen Tages ankündigte. Als ich die Küche betrat, stieg mir bereits dieser unverwechselbare Duft in die Nase, der das Loft überhaupt erst bewohnbar machte: frisch gebrühter Kaffee und etwas, das verdächtig nach Marthas legendären Frühstücks-Muffins roch.
      "Guten Morgen, Martha", grüßte ich schwungvoll und steuerte direkt auf die Kaffeemaschine zu, als wäre sie ein heiliger Schrein. "Ich muss schon sagen, wenn Sie irgendwann entscheiden sollten, L.A. den Rücken zu kehren, wandere ich Ihnen nach. Ihre Kochkünste sind das Einzige, was mich hier wirklich bei Verstand hält." Ich schenkte mir eine große Tasse ein und schloss für einen Moment die Augen, während ich den ersten Schluck genoss. "Himmlisch. Ein ordentlicher Kaffee am Morgen ist die halbe Miete, um den restlichen Wahnsinn zu überstehen." Ich lehnte mich gegen die Arbeitsplatte und sah Martha mit einem ehrlichen Lächeln an. "Aber jetzt mal im Ernst, wie geht es Ihnen heute? Sie wirbeln hier schon wieder herum, als gäbe es kein Morgen. Kann ich Ihnen irgendwie unter die Arme greifen? Ein bisschen Mehl sieben, den Tisch decken oder wieder Obst klein schneiden? Sagen Sie es einfach, ich bin heute zu jeder Schandtat bereit."
      Martha lachte nur leise und schüttelte den Kopf, während sie ein Blech aus dem Ofen zog. Ihr Anblick war die perfekte Erdung nach dem glitzernden Chaos des Vorabends. Ich spürte, wie die Energie des Telefonats mit meiner Familie noch in mir nachhallte und mich für alles wappnete, was die Millers heute für mich bereithielten. "Danke nochmals für die Scones. Damit haben Sie mir wirklich eine ganz besondere Freude gemacht."
    • Tom

      Ich hab geschlafen wie ein Stein. Seit langem fühlte ich mich heute Morgen nicht mehr so gerädert wie üblich. Ich streckte mich und konnte sehen das sie Sonne so langsam in L.A. aufgeht. Ich schlüpfte in meinen Morgenmantel und zog die Vorhänge zur Seite und öffnete das Fenster. Ich ließ die morgendliche angenehme Luft in mein Schlafzimmer strömen. Die neue Woche kann starten und ich war bereit für alles was sie mit sich brachte. Nach einer angenehmen Dusche, zog ich mir einen neuen Anzug an und legte meine goldene Armbanduhr um. Das Handy stöpselte ich vom Ladekabel und steckte es in meine Stoffhose. Der Weg führte mich an dem Zimmer von Kyle vorbei. Es herrschte noch Stille in seinem Zimmer. Er verschläft irgendwann sein ganzes Leben, wenn er so weiter machte.
      Ich schüttelte lächelnd den Kopf und ging die Metalltreppe schnellen Schrittes nach unten. Mein Blick ging zum Sofa und ich verzog angewidert mein Gesicht. Es muss unbedingt eine Neue her. Dann ging ich zur Küche wo Martha schon wieder fleißig war. Der Duft von frischen Kaffee umspielte meine Nase. Ms. Wilson war auch schon wach und ich ging auf die beiden Damen zu. "Guten Morgen zusammen." Ich schenkte mir eine Tasse Kaffee ein und setzte mich an den Tisch. Dort lag die neue Ausgabe von L.A. Times. Hoffentlich haben sie ihren Fopa von letzter Woche wieder weg gemacht. Ich schlug die Zeitung auf und blätterte durch und tatsächlich fand ich einen Artikel mit der Überschrift ´Sänger Kyle Miller von den Triple Distortion befindet sich aktuell in einer kreativen Pause´
      Ich las den Artikel weiter und war zufrieden mit dem was drinnen stand. ´Wir wissen zu hundertprozentig aus vertrauten Quellen, das Kyle Miller sich gerade neuen Songs widmet und sich dafür zurückgezogen hat. Alle anderen Gerüchte rund um den Sänger und der Band sind damit Fehlinformationen und aus der Welt geschafft´
      Zufrieden schlug ich die Zeitung wieder zu. Ich sah die neugierigen Blicke der beiden Damen und nippte an meinem Kaffee. "Sie haben den Artikel genau so verfasst wie ich es gewollt hatte. Somit haben wir unser Ziel erreicht und Kyle wird vorerst in Ruhe gelassen." Sie wussten das ich am längeren Hebel sahs. Ich hätte nur meine Kontakte spielen lassen und schon wären ein paar Mitarbeiter der Redaktion gefeuert wurden und das konnten sie sich bei aller Liebe nicht leisten. Mein Blick ging zu Ms. Wilson. "Wären sie so freundlich und würden nach dem Frühstück in mein Büro kommen? Ich habe eine neue Aufgabe für sie." Ich nahm mir den Kaffee und ging wieder nach oben. "Lassen sie sich bitte alle Zeit der Welt. Ich kann warten. Ach und Martha falls mein Bruder aufwacht, sagen sie ihm er soll sich dazu gesellen, wenn er etwas im Magen hatte." Ich schenkte beiden ein Lächeln und ging in mein Büro, wo ich mich wieder den unzähligen Email widmete.

      ____________________________________________________________________________________________________________________
      Einige Stunden später

      Kyle

      Die Sonne schien in mein Zimmer und ich öffnete allmählich meine Augen. Der Blick auf mein Handy verriet das ich schon wieder bis 12 Uhr geschlafen hatte. Mein Körper sehnte sich nach so viel Schlaf. Ob es daran lag das die Medikamente ihre Wirkung zeigten oder ob die Krankheit mich doch eher schwächte? Es blieb abzuwarten. Morgen würde ich laut Tom wieder in die Klinik fahren. Die Lust dazu musste ich erst noch finden.. Doch ich wusste wenn ich dort nicht auftauchte, so würde mich mein Bruder eigenhändigt dahin schleifen. Ich seufzte, also blieb mir nichts anderes übrig als mitzuspielen..
      Ich schleppte mich ins Badezimmer um mich für den Tag zurecht zu machen. Ich wusste nicht was Tom für heute geplant hatte, aber das würde er mir sicherlich nachher erzählen, falls ich nicht wieder ein wichtiges Meeting verpasst hatte.
      Heute war mir nach einem lockeren Shirt, einer schwarzen Jogginghose und meinen Chucks. Ich sperrte mein Zimmer auf und steckte meinen Kopf durch die Tür. Aus dem Büro von meinem Bruder waren Stimmen zu hören. Ob Grace ihn wieder eine neue Idee auf Auge drücken will um ihn noch mehr zu umgarnen und mich damit aufzuziehen? Wer weiß. In meinen Inneren zog sich etwas zusammen. Ich wandte meinen Blick ab und ging nach unten. "Guten Tag Mr. Miller Junior. Ich hoffe sie haben gut geschlafen?" Ich nickte Martha zu die mir einen Teller mit Essen vor die Nase stellte und mir einen Kaffee einschenkte. "Ja es ging so." Sie lächelte mich an und räumte noch ein wenig die Küche auf. "Falls sie ihren Bruder und Grace suchen, die sind gerade in einer Besprechung. Ich soll ihnen sagen das sie sobald sie aufgegessen haben, bitte auch in sein Büro gehen." Ich legte die Gabel zur Seite und musterte Martha. "Was hecken die beiden nun schon wieder aus?" Martha zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nichts weiter." Ich aß weiter und musste mich wohl oder übel überraschen lassen.
    • Grace

      Ich erwiderte Mr. Millers Morgengruß mit einem höflichen, wenn auch noch dezent verschlafenen Lächeln, während ich mich mit fast schon ritueller Hingabe der Komposition meines Frühstücks widmete. Kühle Schichten griechischen Joghurts trafen in einer Glasschale auf Heidelbeeren, Himbeeren und Nüsse, die ich mit der chirurgischen Präzision einer Vogue-Stylistin arrangierte. Als Tom jedoch so plötzlich, wie er gekommen war, wieder in Richtung seines Büros verschwand und mich mit der vagen Ankündigung einer neuen Aufgabe zurückließ, verharrte mein Löffel unschlüssig in der Luft. Da stimmte doch was nicht... Ich hob eine Augenbraue und warf Martha einen fragenden Blick über den Rand meiner Tasse zu. "Wissen Sie, was der werte Hausherr im Schilde führt?", fragte ich leise. "Er wirkt heute Morgen so geschäftig, als hätte er gerade das Rad neu erfunden oder zumindest beschlossen, die Erdrotation eigenhändig zu beschleunigen." Martha antwortete mit einem vielsagenden Schulterzucken und einem verschmitzten Lächeln. Ich seufzte leise. Bevor ich mich in die Höhle des Löwen ....oder das Büro eines Millers wagte, würde ich in aller Ruhe mein Frühstück genießen. Ohne eine angemessene Grundlage stürzt man sich nicht in das Ungewisse.

      Wenig später klopfte ich gegen die schwere Bürotür und trat ein. Tom Miller thronte hinter seinem massiven Schreibtisch, umgeben von der Aura eines Mannes, der die Welt mit einem entspannten Klick auf seinem Tablet steuerte. Als er mir sein neuestes Vorhaben auseinandersetzte, blinzelte ich verdutzt und sank langsam in den Ledersessel gegenüber.
      "M-Moment mal, Mr. Miller...", begann ich, während ich seine Worte mit einer Mischung aus diplomatischer Zurückhaltung und echtem Erstaunen sortierte. "Habe ich das richtig verstanden? Sie möchten, dass ich ab sofort den kompletten Social-Media-Auftritt der Band übernehme? Ich soll nicht nur die professionellen Aufnahmen machen, sondern die Fans quasi höchstpersönlich durch das digitale Schlüsselloch dieser sogenannten 'kreativen Pause' blicken lassen? Inklusive spontaner Storys und dem ganzen Zirkus, der Kyle als den fleißigen Poeten inszeniert? Wenn ich ihm nun also virtuell 24/7 an den Fersen kleben soll, um der Welt eine perfekte Illusion zu verkaufen, sollten wir bei der Gelegenheit vielleicht direkt über ein neues Vertragswerk sprechen."
      Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme. "Von der heimlichen Aufpasserin zur aktiven Content-Creatorin... das ist ein beachtlicher Sprung in der Nahrungskette. Und, wenn ich ehrlich sein darf, ein durchaus gefährlicher. Kyle davon zu überzeugen, dass ich nun vollends sein digitaler Schatten bin, dürfte in etwa so einfach sein, wie einen Tiger das Apportieren beizubringen. Es wird vermutlich mit ähnlich vielen Kratzspuren enden." Bisher war meine Rolle hier ein moralisches Minenfeld gewesen: Offiziell Fotografin, inoffiziell Anstandsdame mit medizinischem Fokus. Ein doppeltes Spiel, das mir zunehmend schwerer auf der Seele lag. Auch wenn Kyle mich oft genug zur Weißglut trieb, hatte ich begonnen, den Menschen hinter dem rebellischen Motiv zu schätzen. Gerade deshalb brauchte ich jetzt einen sauberen Cut. "Mr. Miller, wenn wir das tun, dann klären wir die Fronten ein für alle Mal", sagte ich, und mein Tonfall verlor seine spielerische Leichtigkeit. "Ich möchte diesen Auftrag nutzen, um meine Position hier offiziell zu legitimieren. Lassen Sie uns einen neuen, sauberen Vertrag aufsetzen. Ich möchte keine moralischen Doppelrollen mehr spielen. Wenn ich Kyle ständig mit der Kamera begleite, werde ich weiterhin auf seine Genesung achten... das versichere ich Ihnen, denn ich schätze ihn mittlerweile als Person, aber ich möchte das künftig als ehrliche Geste tun und nicht als geheimen Paragraphen. Keine Halbwahrheiten mehr gegenüber Kyle, keine faulen Kompromisse für mein Gewissen. Ich möchte meine Weste Ihnen, Kyle und vor allem mir selbst gegenüber sauber halten." Kyle hatte seine neue Realität ohnehin besser verkraftet als erwartet, und wenn ich mich schon um den Zustand des Panorama-Prinzen sorgte, dann wenigstens aus freien Stücken und mit offenem Visier. "Ich hätte da noch zwei Anliegen", fuhr ich fort. "Immerhin trage ich mehr Verantwortung, opfere mehr Präsenzzeit und setze meine geistige Gesundheit einem nicht unerheblichen Risiko aus. Erstens: Ich verlange absolute kreative Freiheit. Wenn ich sein Leben dokumentiere, dann nach meinen ästhetischen Vorstellungen. Ich liefere Kunst, kein billiges Paparazzo-Material. Und zweitens..." Ich hielt kurz inne, meine Stimme wurde weicher. "Ich möchte das Recht, bei Gelegenheit weiter nach meinen Wurzeln zu suchen. Es ist immerhin der Grund weshalb ich nach Amerika gekommen bin. Sollte sich eine Spur zu meiner Herkunft ergeben, brauche ich den Freiraum, dieser nachzugehen. Wenn wir uns darauf einigen können, bin ich Ihre Frau für das digitale Chaos."
      Wir begannen gerade, die Termine für die kommende Woche durchzugehen, als mein Handy vibrierte. Ein Blick aufs Display: Scott. Schon wieder. Mein Kiefer spannte sich unwillkürlich an nicht aus Ärger, sondern wegen meines schlechten Gewissen. Seit ich ihn gestern so schroff abgewimmelt hatte, schien er sich ernsthafte Sorgen zu machen. Er war eine viel zu aufmerksame Seele, um meine Launen einfach zu ignorieren. Es tat mir fast leid, ihn so in der Schwebe zu lassen, aber in diesem Büro ging die Professionalität vor. "Verzeihen Sie, Mr. Miller", sagte ich kühl und drückte den Anruf mit einer entschlossenen, wenn auch innerlich zögerlichen Bewegung weg. Ich legte das Gerät mit dem Display nach unten auf den Schreibtisch. "Das ist nur ein Freund mit einem phänomenalen Talent für schlechtes Timing. Er meint es unglaublich gut, vergisst aber manchmal, dass L.A. nicht nach seinem Terminkalender funktioniert. Wo waren wir?"
      Ich zwang mich zurück in den Arbeitsmodus. "Dienstag, die Untersuchung im Krankenhaus... wie inszenieren wir das, ohne dass es nach weißem Kittel und Sterilität aussieht? Wir müssen das Narrativ der 'Tour-Vorbereitung' perfektionieren." In diesem Moment hallte das vertraute, schlurfende Geräusch von Chucks durch den Flur. "Ah, der Star der Show ist erwacht", murmelte ich leise zu Tom. "Ich hoffe, er hat gute Laune mitgebracht, sonst besteht mein erstes 'authentisches' Posting von ihm vermutlich nur aus einem Foto seiner geschlossenen Zimmertür. In diesem Fall müssten wir dann doch noch einmal über die Gefahrenzulage für den Umgang mit launischen Frontmännern sprechen."
    • Tom

      Ich bereitete alles in meinem Büro drauf vor um Ms. Wilson ihre neue Aufgabe zu übermitteln. Nachdem ich die Email beantwortet hatte, wartete ich gespannt darauf das sie in mein Büro kommt. Ich bat sie sich zu setzen und schenkte ihr ein Lächeln, bevor ich ihr mitteilte das ich sie gerne als Social Media Beauftragte für die Band einsetzten möchte. Mir war bewusst das es ihren eigentlichen Aufgabenbereich überschritt und ich war darauf vorbereitet. Ich legte ihr einen 1A Vertrag hin, der die Änderungen beinhaltet. Es würde sich vieles ändern und ich wusste das mein Bruder damit nicht einverstanden war. Doch ich hatte die Zügel in der Hand, auch wenn die Meinung von Kyle dennoch wichtig für mich war. "Glauben sie mir ich habe genug Vertrauen in sie. Sie werden das hinbekommen und was meinen Bruder betrifft, der wird sich damit arrangieren müssen. Die anderen beiden Jungs freuen sich sicherlich über ihre neue Position, Ms. Wilson."
      Die Bitte die Ms. Wilson mir entgegen brachte, lies mich einen Moment innehalten. Das war also ihr eigentlicher Grund hier her zu kommen und sich nicht fest an etwas zu binden und ich schränke sie nun noch mehr ein. War es doch ein Fehler sie mit noch mehr Aufgaben zu überschwemmen? Vielleicht. Ich stützte meinen Kopf auf meine Hände ab und sah sie an. "Ich versichere ihnen ich werde alles was in meiner Macht steht, dafür tun, um ihnen dabei zu helfen. Und denken sie nicht das ich das als Gegenleistung für ihre Arbeit tue. Ich mache das aus freien Stücken und möchte ihnen gerne zu ihrem Glück verhelfen." Andere Menschen würde das sicherlich für ihre eigenen Zwecke ausnutzen, aber so einer war ich nicht. "Ich gebe ihnen diesen Freiraum und sie müssen keine 24/7 an Kyle´s Fersen kleben. Sicherlich gibt es Dinge, die nicht für Social Media bestimmt sind." Sofort schoss mir das Bild von dem Sofa in meinem Kopf. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen und betrachte sie wie sie ihr Handy auf den Tisch legte. "Von mir aus hätten sie ruhig ran gehen können. Ich mag zwar ihr Boss sein, aber ich bin nicht so streng wie andere." Ich schenkte ihr ein sanftes Lächeln. Ihre nächste Frage war mehr als berechtigt und ehe ich anfangen konnte hörte ich ebenfalls die Schritte auf dem Flur. Bei der Aussage von Ms. Wilson musste ich mir ein Kichern verkneifen. Kyle betrat unangekündigt mein Büro und setzte sich lässig auf den Ledersessel der am Fenster stand. "Also hier bin ich." Ich richtete mich wieder auf meinem Stuhl auf und erzählte Kyle von unseren Vorhaben.

      _____________________________________________________________________________________________________________________

      Kyle

      Ich ging völlig erwartungslos an die Sache ran, doch als mir Tom von seiner glorreichen Idee erzählte, das Grace jetzt unseren Social Media Account übernehmen sollte, blieb mir kurz die Spuke im Mund stecken. "Ernsthaft? Reicht es nicht schon das sie unsere Fotografin ist und jetzt soll sie mich auch noch den ganzen Tag über begleiten? Wie stellst du dir das vor?" Das ich nicht begeistert von der Idee war, konnte man kaum übersehen. Das fehlte mir auch noch.. Jetzt hatte ich sie noch mehr an der Backe als so schon.. "Es stimmt schon das sie nun noch präsenter in deinem Leben ist, aber ich hatte Ms. Wilson schon gesagt das einige Dinge nicht für andere Augen bestimmt sind. Da komme ich auch zu der Frage von vorhin zurück. Morgen ist der Tag wo du in die Klinik musst. Dort werden wir natürlich nichts posten. Du bist schließlich nur bis Nachmittags dort. Den restlichen Tag bestimmst du. Ich weiß ja nicht ob du gerade an einem weiteren Song schreibst? Wenn ja dann kann sie dich ja dabei begleiten." Ich schluckte und schüttelte fassungslos den Kopf. Ich biss mir auf die Unterlippe und fixierte Grace´s Blick. "Ich habe an einem neuen Song geschrieben.." Tom klatschte sich in die Hände. "Sehr gut. Dann passt das doch perfekt. Wir müssen den Leuten etwas bieten. Nicht das sie doch auf die Idee kommen, du wärst von der Bildfläche verschwunden." Es war wirklich sein voller Ernst. Ich sah zwischen den beiden hin und her. "Ihr habt es also schon ausgemacht? Wozu brauchst du dann noch meine Meinung, wenn die Katze schon längst im Sack ist?" Tom warf mir einen strengen Blick zu, ehe er seinen Blick wieder zu Grace wendete. "Wir sollten ihm wohl die Wahrheit sagen." Meine Augen gingen hin und her. "Wovon redest du? Was für ein Spiel wird hier eigentlich gespielt?"
    • Grace

      Ich erwiderte Kyles misstrauischen Blick mit einer Ruhe, die ich innerlich erst einmal mühsam zusammenkratzen musste. Der Übergang von der professionellen Verhandlung mit Tom hin zu Kyles emotionalem Kreuzverhör fühlte sich an wie ein Sprung in eiskaltes Wasser. Kyle wirkte in seinem Sessel wie ein in die Enge getriebenes Raubtier, bereit bei der kleinsten falschen Bewegung zuzuschnappen. Tom hingegen sah daneben aus, als hätte er beschlossen, ein offenes Pulverfass mit einem brennenden Streichholz auf seine Dichte zu prüfen. "Bevor du die Krallen ausfährst, Kyle: Hier ist noch gar nichts 'ausgemacht' ", begann ich und hob beschwichtigend die Hand. "Tatsächlich liegt der neue Vertrag zwar auf dem Tisch, aber meine Unterschrift fehlt noch. Und sie wird dort auch so lange fehlen, bis wir hier nicht mehr um den heißen Brei herumreden. Deine Meinung ist mir nämlich sehr wohl wichtig ... ich unterschreibe nichts, solange nicht absolut alle Karten auf dem Tisch liegen. Und zwar für uns alle." Ich warf Tom einen kurzen, vielsagenden Blick zu. Eigentlich hatte ich mir geschworen, mir nicht weiter die Hände schmutzig zu machen, aber in diesem Moment hätte ich Tom am liebsten unter seinem sündhaft teuren Schreibtisch einen gezielten Tritt gegen das Schienbein verpasst. Ich hatte gehofft, diese Enthüllung behutsam einzufädeln ...wie eine Tasse Earl Grey, die man in aller Ruhe ziehen lässt. Stattdessen blieb mir jetzt nur noch die rabiate Variante mit dem Vorschlaghammer. Oh my goodness. Welch charmanter Moment, um mir die Granate in den Schoß zu legen und sich dann elegant zurückzulehnen. "Was für ein Spiel hier gespielt wird?", wiederholte ich ruhig und schlug die Beine übereinander. "Nun, wenn wir ganz präzise sein wollen, Kyle, dann spielen hier seit Tagen mehrere Menschen gleichzeitig Schach, während du felsenfest davon überzeugt warst, es handle sich um eine entspannte Runde Darts." Ich stand auf, strich mein Flanellhemd mit einer fast schon aufreizenden Gelassenheit glatt und trat einen Schritt vom Sessel weg. Nicht flüchtend. Niemals flüchtend. Eher wie eine Schauspielerin, die beschlossen hatte, das Bühnenlicht selbst zu übernehmen, bevor das ganze Theaterstück endgültig in einer Farce endete. "Du wolltest die Wahrheit? Wunderbar. Ich bin grundsätzlich ein großer Fan davon, auch wenn sie manchmal so bekömmlich ist wie ein viel zu lange gezogener Tee. Deshalb habe ich Tom auch darum gebeten, das Deck endlich aufzudecken. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Versteckspiel...", ich machte eine kurze Pause. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, ob ich ihn tatsächlich stecken sollte, dass dieser Sinneswandel der Tatsache geschuldet war das mir ein winziges Bisschen an ihm lag. Doch ich schon lieber den nächstbesten Grund hinter her. "...das spart Zeit, Nerven und diese herrlich peinlichen Missverständnisse, die wir Briten zwar perfektioniert haben, die ich aber hier in L.A. lieber vermeide." Mein Blick glitt kurz zu Tom. "Manchmal jedenfalls."

      Dann sah ich Kyle direkt an, ohne den Schutz meiner Kamera, ohne jede Distanz. "Mein offizieller Titel hier war nie bloß Fotografin. Ich liebe die Fotografie, daran wird sich nie etwas ändern, aber das war lediglich die Version für Menschen, die allergisch auf komplizierte Realitäten reagieren oder schlicht zu viel Zeit für lästige Fragen haben." Ich verschränkte die Arme vor der Brust. "Schon bei Nexus war mein eigentlicher Aufgabenbereich Artist Relations Managerin. Ein sehr glamouröser Titel, ich weiß. Klingt nach Champagner, roten Teppichen und den charmanten, britischen Smalltalk-Skills" Ich neigte den Kopf leicht zur Seite. Jetzt kam es drauf an... Double or quit, Gracelyn! "In der ungeschminkten Wahrheit bedeutet es jedoch: Ich sorge dafür, dass Künstler arbeitsfähig, pressefähig und ...was am wichtigsten ist möglichst lebendig bleiben. Ich sorge dafür, dass Termine stattfinden, Katastrophen im Keim erstickt werden und impulsive Männer mit einem ausgeprägten Rockstar-Komplex nicht versehentlich ihr eigenes Leben oder das ihres gesamten Umfelds anzünden." Ich ließ die Worte im Raum hängen wie dichten Londoner Nebel schwer, unnachgiebig und unmöglich zu ignorieren. Während ich beobachtete, wie Kyle die Information verarbeitete, fühlte ich mich wie eine Statistin in einem Katastrophenfilm, die gerade die Lunte am Pulverfass gezündet hatte. Ich hatte den Vorschlaghammer geschwungen und die glitzernde Fassade eingerissen weil er mir irgendwie wichtig geworden war aber nun blieb mir nur noch abzuwarten, ob Kyle aus den Trümmern etwas Neues bauen würde oder ob er beschloss, das ganze Gebäude mitsamt uns darin einfach einstürzen zu lassen.
    • Kyle

      Ich dachte wirklich es ging nicht noch schlimmer. Ich war vollkommen verwirrt und die Worte von Grace hallten in meinen Ohren. Tom war kreidebleich geworden und sah mich mit diesen Blick an als würde er sich für all das entschuldigen. Es war eine Scharade und ich war mitten drin. Als Grace fertig war, sagte ich erst einmal nichts. Die Wut kochte allmählich in mir hoch und ich drohte zu explodieren. Doch nein diese Genugtuung wollte ich ihr nicht geben. Sie dachte sie hat mich durchschaut, aber da irrte sie sich. Ich stand vom Sessel auf und richtete meine Augen auf sie. "Wow." Dieses Wort kam wie aus der Pistole geschossen über meine Lippen. Meine Arme verschränkte ich vor der Brust und blieb weiterhin mit einem gewissen Abstand vor ihnen stehen. "Es war also alles nur gespielt? Die ganze Sache mit der angeblichen Fotografin die Fotos von uns machen sollte?" Mein linkes Auge fing an zu zucken. Dann fing ich lauthals an zu Lachen, sodass mir beinahe die Tränen kamen und ich mir den Bauch halten musste. Die Blicke der beiden waren unbezahlbar. Ich wischte mir die Tränen weg und fuhr mir mit der Hand durchs Haar. "Ich habe es doch gewusst das hier irgendwas nicht stimmt. Das die Person die mich nach dem Gig aufgegabelt hatte, plötzlich als Fotografin eingestellt wird, war schon mehr als fragwürdig." Mein Blick ging zu Tom, der mittlerweile ebenfalls von seinem Stuhl aufgestanden ist und an dem schweren Holztisch lehnte. "Ich hielt es für eine gute Idee..", sprach er vor sich hin. "Eine gute Idee? Jemanden auf mich anzusetzen der mich kontrolliert? Das ist es doch wofür Grace eigentlich hier ist!? Mich zu analysieren und dementsprechend zu handeln." Tom schluckte kaum merklich. Ich hatte also Recht damit. Krass. Sie haben mir die ganze Zeit dieses Spiel vorgespielt, ohne das ich etwas mitbekam. Und jetzt stehen sie beide hier in diesen Raum und haben ihre nächste Idee ausgetüftelt. Ich blieb weiterhin ruhig, auch wenn in meinen Inneren ein Orkan tobte. Es war eine Mischung aus Wut, Enttäuschung und meinen angeknackten Stolz.. "Ihr erwartet jetzt sicher das ich hier einen Tobsuchtsanfall bekomme und schreiend aus dem Raum stapfe, aber da irrt ihr euch beide." Ich richtete meinen Blick abwechselnd auf Grace und auf Tom. "Ich bin eher enttäuscht das ihr mich angelogen habt. Wärt ihr beide von Anfang ehrlich zu mir gewesen, dann hätte ich mich in manchen Situation anders verhalten." Ich sah auf den Vertrag der noch nicht unterzeichnet war. "Wie auch immer. Dann unterschreib das Ding und macht diesen Job dingfest. Wenn es euch glücklich macht." Tom atmete erleichtert aus. Doch eine Sache war mir noch wichtig zu wissen. Ich ging ein paar Schritte auf Grace zu und blieb wenige Zentimeter vor ihr stehen. Ich sah ihr wieder tief in ihre haselnussbraunen Augen. Ich atmete tief ein und aus. "Und nun zu dir. Da wir schon bei den Wahrheiten sind. War das was da zwischen uns am Auto oder auf der Dachterrasse war, auch teil deines Spiels?"
    • Grace

      Ich blieb vollkommen regungslos stehen, während die Welt um mich herum zu einem fernen Rauschen verblasste. Das Pochen meines eigenen Herzschlags dröhnte in meinen Ohren, wie ein gedrosselter, schwerer Rhythmus, der gegen die beklemmende Enge in meiner Brust ankämpfte. Ich registrierte kaum, wie Tom im Hintergrund die Luft anhielt. Mein gesamter Fokus lag auf Kyle. Sein Lachen klang so hohl, dass es mir einen Schauer über den Rücken jagte.Als er behauptete, alles sei nur ein Spiel gewesen, spürte ich einen Stich, der tiefer ging als jede berufliche Beleidigung. Aber ich war Britin... wir ließen uns nicht beim ersten Anzeichen von Unwetter die Teetasse aus der Hand schlagen. "Nein, Kyle. War es nicht", erwiderte ich. Meine Stimme war leise, besaß aber die Schärfe einer frisch geschliffenen Klinge. Warum musste bei ihm eigentlich alles immer ein verdammtes Spiel sein? Ich verstand seinen Schutzmechanismus, wirklich, aber dass er alles, was wir geteilt hatten, mit dieser herablassenden Nonchalance entwertete, verletzte mich mehr, als ich vor ihm zugeben wollte. Ich hatte diesen Job angenommen, um Tom zu entlasten und Kyle den nötigen Freiraum zu verschaffen, mit seiner neuen Situation klarzukommen. Es war als Übergang gedacht, for goodness sake. Und ich hatte ganz sicher keine Lust darauf, ihn noch einmal halb bewusstlos aus einer dunklen Gasse zu fischen, nur damit er mich am nächsten Tag wieder wie eine lästige Statistin behandelt. "Und was das Thema Kontrolle angeht...", ich zwang einen Hauch meines trockenen Humors in meine Stimme, um die Schwere zu vertreiben. "Ich habe dich nicht kontrolliert, Kyle. Sonst hättest du wohl kaum so viel exzessiven Spaß mit deiner wechselnden weiblichen Begleitung gehabt. Ich habe lediglich aufgepasst, damit du nicht wieder zusammenklappst. Ein feiner Unterschied, den man in meinen Breitengraden durchaus zu schätzen weiß. Man nennt es Diskretion, nicht Überwachung." Ich hatte ihn nie direkt angelogen. Ich hatte lediglich den Teil der Realität für mich behalten, der ihn ohnehin nur gelangweilt hätte. Als er meinte, wir sollten den Job nun 'dingfest' machen, wenn es uns glücklich mache, entwich mir ein müdes Seufzen. "Oh... glücklich macht mich momentan ganz sicher etwas anderes als dieser staubige Papierkram", murmelte ich.
      Doch dann änderte sich die Energie im Raum schlagartig. Kyle kam auf mich zu, so nah, dass ich die Hitze spüren konnte, die von ihm ausging. Er drang in meinen persönlichen Raum ein, als gäbe es keine Grenzen. Diese Augenblicke zwischen uns gab es so oft, dass ich damit nun wirklich kein Problem mehr hatte. Doch als er die Momente am Wagen und auf der Dachterrasse als Teil einer billigen Strategie abtat, traf es mich wie ein körperlicher Schlag. Die britische Beherrschung bröckelte... die Verletzung schlug augenblicklich in glühende Wut um. Meine rechte Hand zuckte unwillkürlich. Ich musste jedes Gramm Selbstbeherrschung aufbringen, um den Drang zu unterdrücken, ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen.
      Haltung, Gracelyn, mahnte mich eine Stimme in meinem Hinterkopf, die verdächtig nach meiner strengen Großtante klang. Lass ihn nicht sehen, dass er die Deckung durchbrochen hat. "Nein", sagte ich, und diesmal schwang in meiner Stimme tatsächlich ein Hauch von ungeschütztem Zorn mit. Bloody hell ...da hatte er doch tatsächlich nach all den Tagen mal einen wunden Punkt getroffen. "Das war kein Teil irgendeines Auftrags. For God’s sake, man kann vieles vertraglich festhalten: Spesen, Nutzungsrechte, Arbeitszeiten. Aber sicher nicht das, was an diesem Wagen oder auf der Dachterrasse passiert ist. Genau diese Augenblicke waren der Grund, warum ich Tom gesagt habe, dass ich die Karten auf den Tisch legen will. Ich wollte nicht, dass das, was wohlmöglich zwischen uns passiert ist, jemals mit einer halbgaren Wahrheit verknüpft wird." ... Weil es mir verdammt nochmal zu wichtig dafür war. Aber das konnte ich beim besten Willen nicht auch noch sagen.
      Ich atmete flach ein. Sein Duft und das Adrenalin machten es unmöglich, die gewohnte Distanz aufrechtzuerhalten. Die Maske war nicht nur verrutscht, sie hatte einen Riss bekommnn. Tja... dann... hieß es wohl It’s all or nothing now. "Glaubst du wirklich, ich würde mich für einen Gehaltsscheck so weit aus dem Fenster lehnen? Dass ich mich für einen Job emotional so angreifbar mache?" Ich schüttelte den Kopf, und mein Blick wurde schmerzhaft ehrlich. "Du hast jedes Recht, dich betrogen zu fühlen, was meine Berufsbezeichnung angeht. Aber was den Rest betrifft... Ich bin Artist Relations Managerin, Kyle. Ich bin darauf trainiert, Distanz zu wahren und die kühle, kompetente Britin zu sein, die alles im Griff hat. Und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, dann hast du gesehen, wie sehr ich in diesen Momenten beides verloren habe." Ich machte keine Anstalten, zurückzuweichen. Wenn er mich wegschieben wollte, musste er es jetzt tun. "Der Vertrag...", ich warf einen fast schon verächtlichen Blick auf das Papier, bevor ich ihn wieder ansah. Meine Stimme war jetzt kaum mehr als ein Flüstern. "Der Vertrag legitimiert nur meine Anwesenheit. Aber er schreibt mir nicht vor, wie oder was ich für jemanden empfinden soll. Das ist das Einzige in diesem Raum, das nicht von deinem Bruder, von Nexus oder von irgendeinem Anwalt kontrolliert wird. Das gehört ganz allein mir. Und in diesem Punkt... vielleicht auch ein bisschen dir." Ich wartete auf seine Reaktion, bereit für alles. Für einen weiteren Ausbruch, für eisiges Schweigen oder für den Moment, in dem die letzte Mauer zwischen uns endgültig einstürzte, während mein Puls in utopische Höhen schnellte.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Nimue ()

    • Benutzer online 40

      40 Besucher