The last Song [Nimue & Shio]

    • Tom

      Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und ließ ihre Worte einen Moment lang auf mich wirken. Der Lärm des Cafés um uns herum wurde zu einem dumpfen Hintergrundrauschen, während ich versuchte, das Chaos in meinem Kopf zu sortieren.
      "Kein Aufpasser spielen..", wiederholte ich schließlich leise, mehr zu mir selbst als zu ihr.
      Ich fuhr mit einer Hand über mein Gesicht und atmete langsam aus. Seit Kyle´s Diagnose war ich beinahe am durchdrehen. Ich hatte einfach Angst um ihn. Ich wusste nicht weiter und ich wünschte mir gerade jetzt im Moment meine Eltern wieder zurück.. Das sie lebendig waren... Ich seufzte kurz und widmete mich wieder ihr.
      "Sie haben ihn ziehmlich schnell durchschaut", sprach ich zur ihr und sah sie wieder an.
      "Kyle reagiert auf Kontrolle und Zwang überhaupt nicht gut. Wenn er das Gefühl bekommt eingesperrt zu werden, rennt er weg. Deshalb bin ich gespannt wie lange er noch im Krankenhaus bleibt, ehe er seinen Ausbruch plant." Ein kurzes, müdes Lächeln zuckte über mein Gesicht. "Mit einer Sache haben sie recht. Er wird diesen Kampf nur führen, wenn er das Gefühl hat, dass es sein eigener ist."
      Mein Blick ging von ihr zu ihren Sachen die sie neben sich auf den Stuhl gestellt hatte. Es war nicht zu übersehen, dass sie eigentlich ganz andere Dinge im Kopf hatte, als sich um die Probleme von Menschen zu kümmern, die sie kaum kannte. Und totzdem saß sie noch hier.
      Ich sah wieder zu ihr auf. "Dass sie überhaupt ihre Hilfe anbieten.. nach allem was passiert ist. Ich weiß nicht ob ich das annehmen kann."
      Ich dachte einen Moment nach und trank noch einen Schluck von meinem Kaffee. "Also gut. Farrow Taylor.."
      Der Name hing kurz zwischen uns in der Luft. In L.A. gab es nicht viele Leute, denen ich wirklich vertraute. Aber sie gehörte zu den Menschen, die zumindest verstanden, wie man diskret arbeitet. "Wenn sie glauben, dass sie jemanden kennt der mit Kyle umgehen kann, ohne ihn wie ein tickendes Pulverfass zu behandeln.. dann fragen sie Ms. Taylor ruhig." Ich beugte mich ein Stück zu ihr vor und mein Blick wurde ernster. "Dennoch möchte ich das keine Namen genannt werden, keine Details über die Diagnose besprochen werden oder Sonstiges. Noch nicht.. Wenn das rauskommt, haben wir morgen ein Haufen Kameras vor der Klinik und die Presse würde meine kleine Notlüge entlarven.." Ich zwinkerte ihr nun zu und trank den Rest von meinem Kaffee. "Ach und noch etwas." Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen. "Falls Ms. Taylor niemanden hat oder zutraut, mit meinen Bruder fünf Minuten in einem Raum zu überleben.." Ich deutete mit einem kaum merklichen Nicken auf sie. "... dann fürchte ich, haben sie sich für den Job soeben qualifiziert."
      Ich trank den letzten Schluck meines Kaffees und stellte die Tasse anschließend wieder auf dem Tisch ab. "Denn ehrlich gesagt, sind sie die erste Person die zu ihm durchdringt.. Ihn sieht und nicht wie ein Problem behandelt.. Denken sie darüber nach. Meine Nummer haben sie ja." Ich schob den Stuhl zurück und stand auf. "Wenn sie mich jetzt entschuldigen, ich muss mich noch um ein paar Sachen kümmern. Danke für ihre Mühe und eventuell bis bald." Ich lächelte ihr zu und ging nach Draußen. Die Sonne brannte förmlich auf mich nieder. Ich lief zurück zum Krankenhaus wo mein Auto parkte. Ein kurzer Blick fiel auf das Gebäude. Dann schüttelte ich den Kopf. Es wäre unklug da nochmal rein zu gehen. Kyle würde dicht machen und ich hätte am Ende nichts davon.
      Ich stieg in mein Auto ein und fuhr zurück zum Loft. Dort herrschte unheimliche Stille.. Niemand war da. Die Haushälterinnen waren auch schon weg und ich stand alleine in diesem riesigen Loft.

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    • Grace

      Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Als Tom den Satz aussprach, dass ich mich soeben für den Job qualifiziert hätte, versteifte ich mich. Einen Moment lang war ich sicher, dass er den Typen am Nebentisch meinte oder vielleicht die Kellnerin. Ich drehte mich langsam und demonstrativ um, um zu sehen, ob hinter mir jemand saß oder stand, den er gemeint haben könnte. Aber da war niemand. Nur eine vertrocknete Topfpflanze und die Wand.
      Skeptisch wandte ich mich wieder zu ihm, zog die Augenbrauen hoch und deutete mit dem Zeigefinger fragend auf meine eigene Brust. Mein Blick sagte mehr als tausend Worte. Doch mir war sehr schnell bewusst dass dieser Geschäftsmann keine Scherze machte, schon gar nicht wenn es um seinen Bruder ging. Er meinte es also todernst. Tom stand auf, verabschiedete sich und ließ mich einfach mit diesem Brocken sitzen.
      Ich blieb noch eine Weile regungslos auf meinem Stuhl, während sein Abgang in meinem Kopf nachhallte. Ich hatte so ein nervöses Kribbeln im Bauch, dennoch konnte ich mir ein unfreiwilliges Schmunzeln nicht verkneifen. 'Qualifiziert.' Was für ein verdammt charmanter Euphemismus. Dabei fühlte es sich mehr so an, als würde ich mich gerade freiwillig in einen Käfig mit einem angeschossenen Tiger sperren lassen. Und wir redeten hier nicht von einem Schmusekater, sondern von Kyle Miller, einem Raubtier, das gelernt hatte, jeden zu zerfleischen, der ihm zu nahe kam. Er traute mir also zu, was er selbst gerade nicht mehr schaffte: Kyle die Stirn zu bieten. Aber während ich da saß, fühlte es sich eher so an, als hätte mir jemand eine Handgranate ohne Sicherungsstift zugeworfen und wäre dann seelenruhig aus dem Café spaziert. Und ich saß hier und hielt den Bügel fest, während der Timer tickte. "Bloody hell, Grace." murmelte ich und schüttelte den Kopf über mich selbst. "Du wolltest weg von den Problemen, weißt du noch? Du wolltest Anonymität, keine Verantwortung für Rockstars mit Todessehnsucht." Ich griff nach meinem Rucksack und spürte das vertraute Gewicht meiner Kamera. Ich stand schließlich auf und trat hinaus in die gleißende Mittagssonne von L.A. Die Hitze schlug mir entgegen, genau wie die Erkenntnis, dass ich Toms Nummer bereits im Kopf abgespeichert hatte.
      Ich hielt vor dem gläsernen Bürogebäude, in dem Farrow ihr Unwesen trieb. Ich spiegelte mich kurz in der Glasfront. Da stand ich nun mit zerzausten Haare, müden Augen, aber ein Blick, der verdammt noch mal nicht nach Aufgeben aussah. Ich atmete tief durch und betrat das Gebäude. Der kühle Marmor fühlte sich an wie eine andere Welt. Aber ich hatte das Gefühl, dass mein eigentliches Abenteuer gerade erst anfing und mein Rückflugticket nach London rückte in weite, weite Ferne. Die Klimaanlage summte auf Hochtouren und vertrieb die drückende Hitze von L.A., doch in meinem Kopf brodelte es immer noch. Farrow saß hinter ihrem massiven Schreibtisch, ein Telefon am Ohr, während sie mit der freien Hand wild in irgendwelchen Unterlagen blätterte. Als sie mich sah, deutete sie auf den Ledersessel gegenüber und legte kurz darauf auf.
      "Grace. Ich dachte schon, du wärst mit dem Scheck bereits auf dem Weg nach Vegas oder so.", begrüßte sie mich trocken. "Schön wär's", erwiderte ich und ließ mich in den Sessel sinken. Ich erzählte ihr von dem Treffen mit Tom, von dem Café und von dem wahnwitzigen Plan, jemanden in Kyles Leben einzuschleusen, der ihn im Auge behält, ohne dass er es merkt. Ich erwähnte die Diagnose nicht, Toms Bitte um Diskretion brannte mir noch auf der Seele, aber ich machte deutlich, dass Miller gerade ein Trümmerhaufen war, der jemanden brauchte, der ihn stabilisiert.
      Farrow hörte schweigend zu, legte die Stirn in Falten und trommelte mit ihren perfekt manikürten Fingern auf die Tischplatte. Als ich fertig war und sie fragte, ob sie jemanden für diesen speziellen Auftrag kannte, sah sie mich nur lange an. "Warum machst du es nicht?" Ich blinzelte. "Wie bitte?" Einen Moment lang war ich sicher, mich verhört zu haben. "Du hast mich schon verstanden, Grace. Warum machst du es nicht selbst?", wiederholte sie vollkommen gelassen. Ich starrte sie fassungslos an. Zuerst Tom, der mich für qualifiziert erklärte, und jetzt Farrow. "Ich? Farrow, ich bin Fotografin, keine Nanny für depressive Rockstars. Ich habe mich heute Morgen schon gefühlt, als hätte ich mich freiwillig in einen Käfig mit einem angeschossenen Tiger sperren lassen. Warum zum Teufel sollte ich den Käfig jetzt auch noch abschließen?" Farrow lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. "Weil du dich im Grunde doch eh schon entschieden hast, Darling. Ich sehe es dir an. Außerdem... schauen wir uns die Fakten an: Kyle lässt niemanden an sich ran, aber dich hat er heute Morgen weder rauswerfen lassen noch angezeigt. Es gibt dir eine verdammt sichere Einnahmequelle und Gott weiß, die kannst du brauchen, und gleichzeitig lässt es dir genug Flexibilität." Sie machte eine kurze Pause und ihr Blick wurde weicher, fast schon wissend. "Es gibt dir den Raum, weiter deiner Leidenschaft nachzugehen. Du kannst fotografieren, du kannst dich in der Stadt bewegen... und du hast die finanziellen Mittel und die Kontakte, um die Suche nach deinen Eltern endlich professionell voranzutreiben, statt nur nachts durch dunkle Gassen zu schleichen." Ich schluckte trocken. Sie hatte einen wunden Punkt getroffen."Du meinst also, ich soll den Tiger nicht nur füttern, sondern ihn auch noch dabei porträtieren?", murmelte ich skeptisch. "Ich meine, dass du die Einzige bist, die genug Biss hat, um nicht von ihm gefressen zu werden. Zumindest nicht mit Haut und Haare. Wäre auch nicht schlimm, du pflegst die ohnehin nicht genug.", entgegnete Farrow mit einem schmalen Lächeln. "Denk drüber nach. Es ist der sicherste Weg, deine eigenen Ziele zu erreichen, während du verhinderst, dass Miller komplett vor die Hunde geht." Ich sah aus dem Fenster auf die Skyline von L.A. hinunter. Es war verrückt. Es war absolut bescheuert. Aber während ich dort saß, merkte ich, wie sich mein Widerstand langsam in eine verrückte Art von Entschlossenheit umwandelte.

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      Ich verbrachte die Nacht damit, Löcher in die Decke meines schäbigen Hotelzimmers zu starren. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich entweder das Blitzlichtgewitter in meinem Kopf oder Kyles Gesicht, wie er da in diesem sterilen Weiß lag und versuchte, seine Angst wegzulächeln. Farrows Worte bohrten sich tiefer in mein Gewissen, als mir lieb war. Eine sichere Einnahmequelle. Die Chance, die Suche nach meinen Eltern endlich voranzutreiben, ohne jeden Dollar zweimal umdrehen zu müssen.
      Am nächsten Vormittag lief ich stundenlang am Santa Monica Pier entlang, die Kamera fest in der Hand, aber ich drückte kein einziges Mal ab. Das Licht war perfekt, aber mein Fokus lag woanders. Erst am späten Nachmittag, als die Schatten der Palmen länger wurden und die Luft anfing abzukühlen, setzte ich mich auf eine Bank und kramte Toms Nummer hervor.
      Mein Daumen schwebte über dem Display. Ein Klick, und ich würde die Handgranate fest umschließen, statt vernünftiger Weise das Weite zu suchen. Ich atmete tief durch und drückte auf Anrufen. Es tutete nur zweimal, dann nahm er ab. Sein Fast so, als hätte er den ganzen Tag auf diesen einen Anruf gewartet. "Mr. Miller? ... Ich bin’s, Grace Wilson." Ich machte eine kurze Pause und beobachtete ein paar Möwen, die sich um einen weggeworfenen Burger stritten. "In Ordnung. Ich mach’s. Aber nur so lange, wie Ihr Bruder mich auch wirklich braucht. Und keinen Tag länger." Am anderen Ende der Leitung hörte ich, ein hörbares Ausatmen. Es klang, als wäre eine riesige Last von ihm abgefallen. "Sparen Sie sich den Dank für später auf, wenn wir wissen, ob ich die erste Woche überlebe", unterbrach ich ihn trocken, obwohl ein winziges Lächeln über mein Gesicht huschte. "Sagen Sie mir wann und wo wir die Details klären wollen." Ich legte auf und starrte auf das Meer. Das Wasser glänzte wie flüssiges Gold, aber ich wusste, dass unter der Oberfläche eine ziemliche Strömung herrschte. Genau da sprang ich jetzt rein. Und das wahrscheinlich kopfüber...
    • Tom

      Ich schloss die Tür hinter mir und das Geräusch hallte durch den offenen Raum. Es war das einzige Geräusch was zu hören war. Nicht einmal Phil oder Vince waren hier. Ich war alleine und meine Gedanken wurden wieder etwas lauter. Ich ließ den Autoschlüssel in die kleine Schüssel auf der Kommode neben der Eingangstür fallen und fuhr dann mit der Hand über den Nacken. Die Nacht hing mir noch in den Knochen und auch der Tag fühlte sich kräftezehrend an. Kyle der ausgeflippt ist, nur weil ich sein Gespräch mit Ms. Wilson belauscht hatte und dann die Tatsache das ich sie beauftragt hatte Farrow Taylor zu kontaktieren, die jemanden finden sollte, der ein Auge auf Kyle hat. Ich ging ein paar Schritte weiter in das Loft. Meine Schritte klangen dumpf auf dem Boden. Ich blieb am Fenster stehen und blickte über die Stadt. Was würde passieren wenn sie niemanden passenden für die Stelle findet? Und war es klug Ms. Wilson die Stelle anzubieten? Zu Mal ich wusste das sie andere Pläne hatte, als auf einen Rockstar aufzupassen... Ich stöhnte auf. Es war zu viel für meinen Kopf. Das Einzige was half war ein Glas Whiskey.

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      Kyle

      Ich wachte kurz vor dem Abendbrot wieder auf und fühlte mich ein wenig besser als noch heute morgen. Auch wenn ich immer noch wütend auf Tom war. Es spielte im Moment keine Rolle, denn es war wichtig so schnell wie möglich hier raus zu kommen. Also muss ich nur brav mitspielen und kann Ende der Woche meine Tasche packen und nach Hause fahren und mein Leben wieder so leben wie davor.
      Soweit der Plan. Ich möchte unbedingt wieder in meinem Bett schlafen, mich zudröhnen und die Nacht mit wunderschönen Frauen verbringen. Natürlich auch wieder Musik machen, mit den Jungs abhängen.. Daran hielt ich fest und niemand konnte mir diese Träume nehmen. Nicht einmal diese doofe Krankheit.

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      Tom

      Der nächste Tag brach an und die Nacht war kurz. Ich sahs bereits in meinem Büro und hatte schon eine Kanne Kaffee getrunken. Ich arbeitete mich durch die Emails durch und tätigte ein paar Anrufe. Nervös spielte ich mit dem Stift in meiner Hand. Ich hatte bisher noch nichts von Ms. Wilson oder Farrow Taylor gehört. Was wenn sie sich schon längst entschieden hatte und gerade auf dem Weg nach wer weiß wo ist? Ich ließ den Stift auf den Tisch fallen und stand auf. Ich lief ein paar Schritte durch das Büro und sah wieder zum Fenster raus. Ich verschränkte meine Arme von der Brust. Sie wäre die richtige für den Job. Niemand konnte so tief in Kyle hinein blicken, wie sie. Doch ich konnte nur abwarten und mich weiter in die Arbeit stürzen.
      Gegen Mittag rufte ich im Krankenhaus an und sie konnten mir mitteilen das Kyle jegliche Therapie mitmacht. Das brachte mir ein Lächeln ins Gesicht, denn das könnte bedeuten das er Ende der Woche entlassen wird. Kyle selber wollte ich nicht kontaktieren, auch wenn es mir in den Fingern juckte.. Aber ich glaube einfach das er immer noch sauer auf mich war und er konnte verdammt nochmal sturr und nachtragend sein.
      Am späten Nachmittag lehnte mich erschöpft von der ganzen Arbeit auf meinem Stuhl zurück. Noch immer kein Anruf. Ich gab die Hoffnung schon beinahe auf. Doch dann klingelte mein Handy. Ich richtete mich wieder auf dem Stuhl auf und nahm es in die Hand und nahm ab. "Tom Miller?" Es dauerte einen Moment bis eine Stimme zu hören war. Meine Augen weiteten sich vor Freude und ich atmete erleichtert aus. "Wow.. ähm das ist super. Vielen Dank Ms. Wilson. Würde ihnen morgen passen? Ich schicke ihnen die Adresse vom Loft." Ich legte auf und sendete ihr meinen Standort. Das Handy legte ich wieder auf den Tisch und mein Grinsen ging nicht mehr aus meinem Gesicht. Sie macht es tatsächlich. Ich sollte alle Unterlagen fertig machen und schauen ob das Gästezimmer soweit in Ordnung ist. Ich bin gespannt was sie sagt wenn sie erfährt das sie hier vorerst wohnen darf. Das Loft ist eine Nummer größer als ihr kleines Zimmer im Hostel. Ich wollte ihr den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich machen.
      Ich nahm mir den restlichen Tag frei und tätigte noch ein paar Besorgungen für morgen.
      Das Zimmer wurde so dekoriert und zurecht gemacht wie ich es passend für Ms. Wilson fand.

      Die Nacht ging schneller um als gedacht und ich war schon ein klein wenig aufgeregt. Es war die erste Frau die hier in diesen Loft wohnen würde. Ich habe Phil und Vince natürlich schon eingeweiht. Für Kyle wird es eine Überraschung werden, wenn er aus dem Krankenhaus entlassen wird. Ich stellte mich schon auf alles ein..
      Ich hatte mich zurecht gemacht und die Haushälterinnen machten etwas kleines zum Naschen für Ms. Wilson. Der Kaffeetisch mit der besten Aussicht von L.A. war gedeckt und ich wartete nur darauf bis sie endlich hier auftauchte.
    • Grace

      Das Taxi hielt vor einem Gebäudekomplex, der so gar nichts mit den rissigen Gehwegen und dem Neonlicht meiner üblichen Absteigen zu tun hatte. Ich stieg aus, warf mir den Rucksack über die Schulter und starrte einen Moment an der verspiegelten Glasfassade hoch. Das Loft war kein einfaches Apartment; es war eine Festung aus Luxus und Privatsphäre. Sogar mit eigenem Hauswart und Wachpersonal.
      "Na dann, Grace. Willkommen im goldenen Käfig", murmelte ich und strich meine zerknitterte Jacke glatt. Ich fühlte mich in meinen abgetragenen Boots und der verwaschenen Jeans zwischen all dem polierten Marmor im Foyer vollkommen deplatziert. Als ich oben ankam und die schwere Tür sich öffnete, verschlug es mir kurz den Atem. Der Raum war riesig, lichtdurchflutet und bot eine Aussicht über L.A., die selbst durch meine anspruchsvolle Linse betrachtet einfach nur unverschämt aussah. Tom stand bereits da, perfekt zurechtgemacht, und der Tisch war gedeckt, als würde er einen Staatsgast erwarten statt einer Fotografin aus Brixton, die eigentlich nur ihren Scheck abholen wollte.
      "Guten Morgen, Mr. Miller", sagte ich und trat ein, wobei meine Schritte auf dem edlen Boden fast schon provozierend laut klangen. Ich schenkte ihm ein knappes, aber ehrliches Lächeln. "Sie haben sich ja ordentlich ins Zeug gelegt. Ich hoffe, der Kaffee ist mindestens so gut wie der von gestern, sonst überlege ich mir das mit der Qualifikation noch mal." Ich stellte meinen Rucksack auf einen der Designerstühle und sah mich um. Es war still... eine luxuriöse, fast unheimliche Stille. "Wie geht es den selbsternannten verkannten Genie? Ist er noch im Krankenhaus und schmiedet Ausbruchspläne, oder schläft er seinen Ärger aus?" Ich trat ans Fenster und blickte auf die Stadt hinunter. Das Loft war weniger eine Wohnung als vielmehr eine Kathedrale aus Glas, Stahl und Sichtbeton. Es erstreckte sich über mehere Etagen, die durch eine freischwebende Treppe aus dunklem Stahl miteinander verbunden waren. Die Decken waren so hoch, dass man fast ein Echo erwartete, wenn man laut sprach, und die gesamte Front zur Stadt hin bestand aus bodentiefen Panoramafenstern.
      L.A. lag einem hier nicht nur zu Füßen, es fühlte sich an, als würde man über der Stadt schweben. Das Licht der Morgensonne flutete den Raum und legte sich wie flüssiges Gold über die minimalistischen Designermöbel. Es gab keine gemütlichen vollgestopften Regale oder Krimskrams. Alles wirkte kuratiert, teuer und ein wenig unterkühlt. Ein riesiger Flügel aus schwarzem Lack dominierte eine Ecke des Wohnbereichs, daneben stapelten sich wahllos ein paar Instrumentenkoffer das einzige Anzeichen dafür, dass hier wirklich jemand lebte und arbeitete.
      In der offenen Küche glänzte gebürsteter Edelstahl, und die Arbeitsplatten aus dunklem Marmor sahen so unberührt aus, als hätte dort noch nie jemand auch nur eine Packung Nudeln aufgerissen. Es war die Art von Ort, an der man sich unwillkürlich fragte, ob man die Schuhe ausziehen oder sie lieber anbehalten sollte, um keine Fingerabdrücke auf dem makellosen Parkett zu hinterlassen. "Blimey.", murmelte ich, während ich mit den Fingerspitzen über die kühle Oberfläche eines Sideboards fuhr. "Das hier ist kein Zuhause... Das ist ein Showroom für den hart erarbeiteten Erfolg." Ich drehte mich langsam um die eigene Achse. Bei Farrow sah es recht ähnlich aus, auch wenn hier ihre stilistische weibliche Handschrift fehlte. Der Kontrast zu meinem staubigen Hostelzimmer dagegen, wo man sich das Bad mit drei Fremden teilte und der Putz von den Wänden bröckelte, hätte nicht gewaltiger sein können. Ich atmete tief aus und setzte mich schlussendlich meinen neuen Chef gegenüber an den großen Tisch. Ich ließ den Blick noch einmal über das perfekt arrangierte Gebäck schweifen, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder voll und ganz auf Tom richtete. Er wirkte, als hätte er die ganze Nacht Verträge gewälzt und gleichzeitig versucht, das Loft in einen Zustand zu versetzen, der nicht sofort 'Flieh!' schrie. "Hören Sie, Mr. Miller..." , begann ich und umschloss die warme Kaffeetasse mit beiden Händen. "Das hier ist... beeindruckend. Wirklich. Aber wir müssen über die Realität sprechen. Wir haben hier einen Rockstar mit einer lebensverändernden Diagnose, ein Management, das vermutlich bei der kleinsten Unregelmäßigkeit die Krise kriegt, und meine Wenigkeit; eine Fotografin aus Brixton, die in diesem Glaskasten auffällt wie ein bunter Hund."Ich nahm einen Schluck vom Kaffee, er war tatsächlich exzellent und lehnte mich ein Stück vor. "Wenn Ihr Bruder Ende naxh seiner Entlassung hier durch diese Tür kommt, wird er versuchen, genau dort weiterzumachen, wo er aufgehört hat. Er wird den coolen, unverwüstlichen Kyle Miller geben wollen. Normalität gibt immerhin Sicherheit. ...Und wenn er mich hier sieht, in seinem Heiligtum, wird er als Erstes fragen, was zum Teufel ich hier zu suchen habe." Ich klopfte mit dem Zeigefinger gegen den Rand meiner Tasse. "Also wie soll es nach Ihrer Vorstellung genau weiter gehen?"

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    • Tom

      Ich wurde langsam nervös. Ich zupfte meinen Anzug zurecht und dann hörte ich plötzlich wie der Aufzug nach oben fuhr. "Ganz ruhig bleiben." Die Tür des Fahrstuhles öffnete sich und sie trat in das Loft hinein. Ihr Blick sprach Bände und ich konnte spüren das sie auf einer Seite begeistert von dem Loft war, andererseits fand sie es wohl eher zu "clean".
      "Guten Morgen Ms. Wilson. Schön das sie es einrichten konnten." Ich beobachtete sie wie sie auf mich zu lief und den Blick zum Fenster gerichtet hatte. Ein kaum merkliches Lächeln zuckte über meine Mundwinkel. "Der Kaffee ist definitiv besser als gestern." Was anderes hätte ich ihr auch nicht zugemutet, sonst wäre sie ja gleich wieder gegangen. "Und was Kyle betrifft. Er zieht die Therapie durch. Aber ich weiß ganz genau das er das nur macht, weil er weiß das er Ende der Woche nach Hause darf. Und das macht mir Angst.." Ich hob eine Augenbraue nach oben und musterte sie. "Showroom für hart erarbeiteten Erfolg?", wiederholte ich trocken. "Ich nehme an das ist die höflichere Version von ´steril´." Ich setzte mich an den Tisch und bat sie sich ebenfalls zu setzten.
      Ich schenkte ihr eine Tasse Kaffee ein und reichte sie ihr. Ich trank einen Schluck vom Kaffee und stellte die Tasse auf dem Tisch wieder vorsichtig ab. Meine Hände verschränkten sich auf dem Tisch miteinander. "Sie haben Recht mit all dem was sie über meinen Bruder gesagt haben. Kyle wird hier rein kommen, sich umsehen, sie entdecken und sich innerhalb von ein paar Sekunden fragen was sie hier in seinem zu Hause zu suchen haben." Ich atmete tief durch und beugte mich ein wenig nach vorne. "Die Realität von der sie gesprochen haben ist folgendes. Er wird weder auf mich, auf die Ärzte noch auf die anderen beiden Jungs hören.. Er reagiert auf Reibung. Auf Menschen die ihn nicht nach dem Mund reden." Mein Blick ruhte auf ihr. "Genau deshalb sitzen sie hier." Ich lehnte mich ein wenig auf dem Stuhl zurück. "Hören sie mir jetzt bitte ganz genau zu. Ich biete ihnen ein festes Gehalt an mit einem eigenen Zimmer hier im Loft." Ich räusperte mich kurz. "Ich habe mir die Freiheit genommen das Zimmer schon ein wenig zu gestalten. Sie können es sich gerne nachher ansehen." Ich lächelte ihr zu. "Sie fungieren offiziell als Fotografin für die Band und sie dürfen ihren Hobby natürlich weiterhin nachgehen. Inoffiziell haben sie ein Auge auf Kyle." Ich trank einen weiteren Schluck von meinem Kaffee. "Ich vertraue ihnen, sowie Farrow Taylor auch. Sie sehen nicht aus wie jemand der sich von einem Rockstar einschüchtern lässt. Und falls er wirklich fragt was sie hier machen dann sagen sie ihm die Wahrheit." Ich musste bei dem Gedanken schon schmunzeln. "Dass ich sie engagiert habe um ihn auf die Nerven zu gehen." Das Grinsen wurde breiter auf meinem Gesicht. "Also was sagen sie? Sind sie dabei?"
    • Grace

      Ich hielt die Tasse auf halbem Weg zum Mund an und starrte ihn über den Rand hinweg an. Einen Moment lang war ich völlig überrumpelt. Dass ich diesen Job annehmen würde, war das eine ... aber hier einzuziehen? In dieses gläserne Heiligtum? Einen Sekundenbruchteil hielt ich inne. "Ein Zimmer hier?", wiederholte ich leise und blickte mich noch einmal in der gewaltigen Halle um. Ein festes Gehalt, ein Dach über dem Kopf, das nicht nach feuchtem Keller roch, und diese unverschämte Aussicht auf L.A. Es war das Ticket, um die Suche nach meinen Eltern endlich aus der Sackgasse zu führen. Kein Jobben mehr für ein paar Dollar, kein Bangen um die nächste Miete. Ich hatte den Job ja eh schon gegen jede Vernunft angenommen... "In Ordnung", sagte ich schließlich, und meine Stimme wurde langsam fester. "Ich bin dabei. Aber unter einer Bedingung: Ich brauche absolute künstlerische Freiheit. Wenn ich ihn fotografiere, dann ungeschönt. Keine PR-Bildchen, kein Rockstar-Kitsch. Wenn er am Boden liegt, halte ich drauf. Wenn er schreit, halte ich drauf. Das ist meine Währung, Tom. Nur so kauft er mir die Nummer mit der Fotografin ab." Ich stellte die Tasse ab und beugte mich vor. "Aber die Geschichte muss wasserdicht sein. Ich brauche ein offizielles Schreiben von Farrow oder dem Label. Wenn er auch nur den Hauch einer Ahnung bekommt, dass ich hier bin, um seine Tabletteneinnahme zu überwachen, wird dieser Showroom für Erfolg schneller zum Schlachtfeld, als Ihnen lieb ist. Er muss glauben, dass ICH ihn nerve, weil ich das perfekte Foto will - nicht, dass ER mich braucht, weil er krank ist." Ich blickte kurz zur Treppe hoch, die in die obere Etage führte. "Ich werde meine Ausrüstung dort oben aufbauen. Ich brauche eine Ecke, die nach Arbeit aussieht: Entwicklerflüssigkeit, Abzüge, Kameras. Es muss so wirken, als wäre ich hier eingezogen, um ihn rund um die Uhr zu dokumentieren. Das gibt mir die perfekte Entschuldigung, immer in seiner Nähe zu sein, ohne dass er Verdacht schöpft." Mein Blick wanderte zurück zu Mr. Miller, und meine Stimme wurde eine Spur weicher, fast schon warnend. "Und Sie, Mr. Miller... Sie müssen lernen, weniger besorgt zu schauen. Sie kennen Ihren Bruder ja. Kyle riecht Mitleid auf zehn Meilen gegen den Wind. Wenn Sie ihn ansehen, als würde er gleich zerbrechen, wird er erst recht versuchen, das Gegenteil zu beweisen ... und das ist das Gefährlichste, was er jetzt tun kann."
      Schließlich ließ ich mir 'meine neue Bleibe' zeigen. Als er die Tür öffnete, hielt ich kurz inne. Es war tatsächlich etwas wärmer gestaltet als der Rest des Lofts, mit schweren Vorhängen und einem gewaltigen Bett. "Wow... als hätte sich Pinterest übergeben." Und natürlich: Diese Aussicht. Man konnte bis zum Hollywood Sign sehen, das in der Ferne wie ein Mahnmal für unerfüllte Träume thronte. "Nicht schlecht", gab ich zu und warf meinen Rucksack auf die Matratze. "Das ist definitiv ein Upgrade zu den Wanzen in Downtown. Aber machen Sie sich keine Illusionen. Ich bin nicht hier, um Urlaub zu machen. Sobald Ihr Bruder zurück ist, wird das hier ein Kriegsgebiet."
      Ich drehte mich zu ihm um. "Ich werde mich nicht wie ein Gast benehmen. Ich werde meine Filme entwickeln, meine Sachen im Wohnzimmer verteilen und sicher nicht um Erlaubnis fragen, wenn ich den Kühlschrank öffne. Wenn ich seine Nervensäge sein soll, dann ziehe ich das Programm voll durch."
      Ich hielt ihm die Hand entgegen. "Abgemacht? ...Aber beschweren Sie sich später nicht bei mir, wenn er anfängt, die Möbel zu zertrümmern. Ich habe Sie gewarnt: Ein angeschossener Tiger im Käfig ist kein angenehmer Mitbewohner." ...Wow... Ich musste wohl wirklich den Verstand verloren haben....
    • Tom

      Ich ließ sie ausreden und machte mir Notizen im Kopf. Als sie fertig mit Reden war legte ich meine Hände auf den Tisch ab. "Alles was sie möchten. Ich werde Farrow Taylor nachher kontaktieren, das sie ein Schreiben aufsetzt und sie haben recht. Ich darf nicht selbst wie ein wandelndes Wrack aussehen." Ich stand vom Tisch auf und bat sie mir zu folgen. Wir liefen die schwarze Metalltreppe nach oben und ich zeigte ihr ihr neues Zimmer. Ich öffnete die Tür und ließ sie eintreten. Sie war direkt, schlagfertig und das machte sie so besonders.
      Ich sah einen Moment lang nur auf ihre ausgestreckte Hand, dann hob er langsam den Blick. Ein kaum merkliches Lächeln zog über mein Gesicht. "Ein Kriegsgebiet, hm? Dann hoffe ich das sie genügend Filmrollen dabei haben, denn das könnte interessant werden." Ich schüttelte anschließend ihre Hand. "Machen sie sich keine Sorgen." Ich ließ ihre Hand wieder los. "Der Kühlschrank steht ihnen frei zur Verfügung und das Wohnzimmer auch. Und wenn sie Filme in einem der Badezimmer entwickeln wollen, dann machen sie das. Jedes Zimmer verfügt über ein eigenes." Mein Blick ging kurz zum Fenster raus und dann sah ich wieder zu ihr. "Was meinen Bruder betrifft habe ich nicht vor mich zu beschweren." Ich lächelte ihr zu. "Es würde nur meine Theorie bestätigen, das ihm endlich jemand auf die Nerven geht. Also soll er nur etwas kaputt schlagen. Solange er keinen anderen Blödsinn macht." Ich ging zurück zur Tür. "Wenn sie noch etwas brauchen mein Büro ist am Ende des Ganges. Und fühlen sie sich wie zu Hause."
      Ich ging zur Tür hinaus und zurück in mein Büro. Ich ließ mich auf dem Bürostuhl fallen und atmete erleichtert aus. Jetzt muss nur noch alles glatt laufen.
      Doch jetzt sollte ich Ms. Taylor kontaktieren und dieses Schreiben von ihr erhalten.

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      Kyle

      Ich wurde die nächsten Tage nur von einer Untersuchung zur nächsten geschickt. Sie wollten sehen ob die Therapie anschlägt und tatsächlich waren meine Werte besser geworden. Ich durfte also am Freitag nach Hause gehen. Natürlich schrieb ich das sogleich Phil und Vince. Tom würde es sicherlich schon vom Arzt erfahren haben und eine ´Willkommen zurück Party´planen. Zu Hause wird alles so wie immer sein. Ich genoß meine Freiheit und nichts und niemand wird mich daran hindern.
      Ich konnte also den letzten Tag in Gefangenschaft irgendwie noch hinter mich bringen und dann war ich ein freier Vogel.
    • Grace

      Ich sah auf meine ausgestreckte Hand und dann zurück zu Tom. Ein frecher Funke blitzte in meinen Augen auf, als er die Filmrollen erwähnte. "Ah ah ah, Mr. Miller", unterbrach ich ihn mit einem schiefen Grinsen. "Filmrollen sind Arbeitsmaterial, die werden Ihnen daher schön brav in Rechnung gestellt. Denken Sie nicht, dass Sie hier bei der Heilsarmee gelandet sind." Dann packte ich fest zu. Der Handschlag war trocken, kurz und besiegelte einen Pakt, der sich für mich in diesem Moment wie der Sprung von einer Klippe anfühlte. Während meine Finger seine umschlossen, spürte ich die Bedeutung dieses Moments schwer in meinen Magen liegen. Das war kein flüchtiges Versprechen mehr, das war ein Anker und eine Fessel zugleich. Für Tom war es die Rettung, für mich war es die riskanteste Wette meines Lebens ... eine Wette auf die Zukunft meiner Eltern, finanziert durch den Wahnsinn eines Rockstars.
      Ich sah ihm nach, bis die Tür ins Schloss fiel und atmete tief durch. Dann ließ ich mich rücklings auf das riesige Bett fallen. Die Matratze war so weich, dass ich fast das Gefühl hatte, darin zu versinken. Ein krasser Gegensatz zu dem durchgelegenen Bett in meinen Hostelzimmer. "Ein eigenes Bad zum Entwickeln, ein voller Kühlschrank und ein Gehalt, das nicht nach Hungerlohn riecht", murmelte ich an die Decke. Es klang nach dem perfekten Deal. Aber ich wusste, dass der Preis dafür Kyle Miller Launen war.
      Ich stand wieder auf und trat ans Fenster. Das Hollywood Sign leuchtete in der Ferne wie ein Versprechen, aber hier drin fühlte es sich eher wie eine Warnung an. Ich begann, meine Kamera aus dem Rucksack zu holen und die Objektive auf dem Sideboard aufzureihen. Wenn ich eine professionelle Dokumentarfotografin mimen wollte, musste mein Equipment griffbereit sein.
      Ich schob die schweren Vorhänge zur Seite und betrachtete den Lichteinfall. Ich musste diesen Ort zu meinem Revier machen, bevor der eigentliche Besitzer zurückkehrte. Kyle durfte nicht den Eindruck gewinnen, ich sei ein Gast, den man mit ein paar bösen Blicken vertreiben konnte. Ich war das lästige Stimmchen seines Gewissens, das er nicht loswurde.
      Ein paar Stunden später saß ich mit meinem Laptop am Küchentresen, während ich die ersten Entwürfe für das fiktive Fotobuch sortierte. Ich musste den Jargon beherrschen. Wenn er mich fragte, warum ich ausgerechnet ihn fotografierte, musste die Antwort so arrogant und künstlerisch klingen, dass er sie schluckte. Außerdem kam ich wohl kaum drum herum mir einige Werke von Triple Distortion zu Gemüte zu führen. Plötzlich vibrierte mein Handy auf der Marmorplatte. Eine Nachricht von Farrow. 'Schreiben ist raus. Mr. Miller hat es gleich. Du bist jetzt offiziell die Plage an Millers Bein. Viel Glück, Grace. Du wirst es brauchen.' Ich steckte das Handy weg und spürte ein flaues Gefühl im Magen. Farrow war streng aber sie war immer eine faire Geldgeberin gewesen. Sie war in der Glamorwelt L.A.s groß geworden und kannte sich in den Kreisen der Stars aus... wenn sie so etwas schrieb... Verdammt. Morgen war schon Freitag. Der Tag, an dem der Tiger entlassen wurde. Der Tag, an dem das Kriegsgebiet offiziell eröffnet wurde.
      Ich ging zurück in mein Zimmer, holte das alte, zerknitterte Foto meiner Eltern unter meinem Kopfkissen hervor und betrachtete es im fahlen Licht der Stadt. "Nur noch ein bisschen", flüsterte ich. "Sobald dieser Rockstar über den Berg ist, habe ich genug Geld, um euch zu finden."
    • Tom

      Ich legte Ms. Wilson den Vertrag und die Unterlagen von Ms. Taylor vor die Nase und ließ sie unterschreiben, nachdem sie ihn sich durchgelesen hatte. Es war beschlossene Sache. Doch nun zu Kyle. Ich wusste das er wenig begeistert davon war, aber mir blieb keine andere Wahl. Ich verbrachte den restlichen Tag damit Vorbereitungen für seine Rückkehr zu treffen und bat unsere neue Mitbewohnerin einen Kuchen zu backen.
      Phil und Vince halfen mir ebenfalls und sie schienen begeistert von Grace zu sein. Es kam nicht oft vor das eine Frau eine längere Zeit hier in diesem Loft wohnen würde. Wenn ich darüber nachdenke wie oft ich am Morgen über Klamotten geflogen bin, die im Loft verstreut waren. Halbnackte betrunkene Frauen die auf dem Sofa oder in Kyles Bett lagen. Hoffentlich hat das Ganze jetzt ein Ende.

      Am Entlassungstag von Kyle war ich dennoch nervös. Ich hatte bis dato nicht noch einmal mit ihm gesprochen. Ich schickte einen Fahrer zu dem Krankenhaus, der ihn abholen sollte. Ich trank fast eine Kanne schwarzen Kaffee und tiggerte durch den großen Wohnbereich. Die Jungs hatten ein ´Willkommen zurück`Banner aufgehangen und diverse Luftballons auf gepustet. Der Fahrstuhl ging und ich zuckte zusammen. Doch es waren nur Vince und Phil die noch ein paar Sachen gekauft hatten. Ich begrüßte die beiden mit einem Lächeln.
      Mein Blick ging zu Grace die ihren Kuchen gerade auf dem Tisch drapierte. Es war ungewohnt heute morgen aufzuwachen und nicht alleine hier zu sein. Ich wusste das ich mich selbst noch daran gewöhnen musste, aber das kommt sicherlich mit der Zeit.
      Nun hieß es abwarten bis mein Bruder endlich hier auftauchte.

      __________________________________________________________________________________________________________________

      Kyle

      Endlich war der Tag gekommen, in dem ich diesen hässlichen weißen Wänden den Rücken zuwenden konnte. Geduldig wartete ich auf die Visite von dem Arzt und nachdem er mir alles mögliche erklärt und mit auf dem Weg gegeben hatte, packte ich meine Sachen so schnell es ging ein. Ich verabschiedete mich höflicherweise von den Schwestern und allen anderen und ging nach Draußen. Frische Luft umspielte meine Nase. Endlich war ich diesen ekelhaften Geruch von Desinfektionsmittel los. Ich sah wie ein schwarzes Auto mit getönten Scheiben auf mich zu fuhr und neben mir anhielt. Ich stieg ein ließ mich auf dem weichen Polster fallen. "Schön sie wieder zu haben Mr. Miller." Ich lächelte. "Danke James. Ich kann es kaum abwarten wieder zu Hause zu sein." Er nickte mir zustimmend zu und richtete seinen Blick wieder nach vorne.
      Der Weg vom St. Marys Hospital war ein gutes Stück und der Verkehr in L.A. war nicht immer ohne. Wir kamen aber gut durch und James fuhr in unsere Tiefgarage und wir stiegen aus. Ich schnappte mir meine Tasche und ich stieg mit einem Grinsen in den Fahrstuhl ein.
      Mein Lächeln erstarb als ich oben ankam und aus dem Fahrstuhl trat. Meine Tasche fiel zu Boden. Vince und Phil nahmen mich so gleich in ihre Arme, doch ich konnte meinen Blick nicht von einer Person abwenden. Die hier absolut nichts zu suchen hatte. Es war mein Reich, mein zu Hause, mein Rückzugsort. "Was zum Teufel?" Ich löste mich von den beiden Jungs und stapfte auf sie zu. Doch Tom bremste mich mit seiner Hand. Ich blickte ihn wütend an. "Bevor du jetzt durchdrehst. Darf ich vorstellen. Grace Wilson eure neue Fotografin." Mein Blick ging von ihm zu ihr. Meine Kiefermuskeln spannten sich an. Ich blieb direkt vor ihr stehen ohne meinen Blick von ihr abzuwenden. "Und wer hat entschieden das sie dafür geeignet ist?" Tom räusperte sich. "Ms. Taylor und ich haben es entschieden. Wenn du das Empfehlungsschreiben sehen möchtest-." Ich stoppte ihn mit meiner Hand die nach oben ging. Ich musterte sie wieder. "Nichts gegen dich, aber hier spaziert nicht jeder mit einer Kamera rein und nennt das Arbeit. Das hier ist kein Spielplatz. Das ich verdammt nochmal mein zu Hause und sie stehen hier mitten drinnen." Ich hob eine Augenbraue nach oben und mein Blick wurde schärfer. Tom kam auf uns zu und stellte sich beinahe zwischen uns. "Sie wohnt hier und arbeitet hier. Damit musst du zurecht kommen. Ob es dir passt oder nicht." Mein eines Auge begann zu zucken. Ich atmete tief ein und aus. "Na schön. Solange sie mir nicht im Weg steht oder mir auf die Nerven geht, hab ich wohl keine andere Wahl." Ich gab mir vorerst geschlagen, da ich absolut keine Lust auf weitere Diskussionen hatte. Doch das Thema war noch nicht über den Tisch.
      "Los setz dich es gibt leckeres Essen und Ms. Wilson war so frei und hat dir einen Kuchen gebacken." Ich ging zu dem Tisch und sah auf den Kuchen. "Zitronenkuchen?" Ein kleines Lächeln zupfte an meinen Lippen. Diese Frau wollte mich wirklich herausfordern.
    • Grace

      Der Vormittag begann mit einer Art von Chaos, das so gar nicht zu diesem sterilen Glastempel passen wollte. Tom stellte mir die restliche Band vor, noch während ich mit den Aufbau meiner Ausrüstung beschäftigt war. Phil und Vince wirkten auf mich ein Bisschen wie zwei übermütige Labradore, die ihr Herrchen vermissten. "Freut mich, Jungs", sagte ich und wischte mir die Finger an meiner schwarzen Strickjacke ab, um Phil die Hand zu schütteln. Er war der Drummer
      ... blondes, perfekt zerzaustes Haar, ein wacher Blick und diese Art von breiten Schultern, die man nur bekommt, wenn man stundenlang auf Felle eindrischt. Mein 13-jähriges Ich wäre völlig hin und weg gewesen, ich hatte schon immer eine kleine Schwäche für Schlagzeuger gehabt; sie besaßen dieses gewisse Rhythmusgefühl, das sich bei Phil in einer ziemlich entwaffnenden, fast schon niedlichen Ausstrahlung widerspiegelte.
      Vince, der Gitarrist, war das krasse Gegenteil. Mit seinen dunklen Locken, den markanten Gesichtszügen und den Tätowierungen, die seine Arme wie Kunstwerke überzogen, wirkte er wie der Prototyp eines Rockstars. Er trug diesen typischen schwarzen Klamotten und Accessoires, die bei jeder Bewegung leise klirrten. "Nur eine Warnung vorab", fügte ich mit einem Grinsen hinzu. "Wer mich vor meinem ersten Earl Grey oder Kaffee anspricht, landet auf der Retusche-Liste ganz unten. Und glaubt mir, ohne Photoshop sieht nach einer Tour-Nacht keiner von euch aus wie ein Rockstar. Also seid lieb zu mir, dann sorge ich dafür, dass eure Mütter stolz auf die Zeitungsfotos sein können." Beide wirkten loyal und absolut ehrlich. Kyle wusste wahrscheinlich gar nicht, wie viel Glück er mit diesem Menschen in seinem engen Kreis eigentlich hatte. Ich wandte mich kurz an Tom, schon die ganze Zeit wie auf Kohlen saß. "Nur damit das klar ist, Mr. Miller: Ich wurde als Fotografin engagiert, nicht als Konditorin. Wenn das hier schiefgeht, bekommt er eben bunte Knete serviert." Als ich jedoch seine Anspannung sah, wurde meine Stimme sanfter. "Schon gut. Es ist okay. Zufälligerweise weiß ich ganz genau, was für einen Kuchen man braucht, wenn man aus einem Laden wie dem St. Mary’s kommt." Während der Kuchen im Ofen vor sich hin duftete, beobachtete ich ihren Versuch, das 'Willkommen zurück'-Banner aufzuhängen. Es hing hoffnungslos schief und Vince kämpfte mit einem Luftballon, der einfach nicht an der Wand bleiben wollte.
      Ich lehnte mit verschränkten Armen am Tresen der offenen Küche und beobachtete das Spektakel. Das Banner wirkte in diesem unterkühlten Luxus-Loft so deplatziert wie ein Kaugummi-Automat in einer Oper, aber Phil und Vince schienen sichtlich stolz auf ihre Dekorationskünste zu sein.
      "Das sieht ja unglaublich gewollt und irgendwie nicht so recht gekonnt aus, Jungs. Gebt her, bevor ihr euch noch mit dem Klebeband stranguliert", lachte ich, trat zu ihnen und half, das Schild geradezurücken. "Wie sieht's aus? Habt ihr noch mehr Ballons die aufgepustet werden müssen?" ,Kyle Miller konnte kein so schlechter Kerl sein, wenn man bedachte, wie engagiert und fast schon rührend besorgt seine Freunde um ihn bemüht waren. Diese Loyalität musste er sich irgendwie verdient haben.
      Als besagter Frontman schließlich das Loft betrat, ignorierte ich die Geräusche des Fahrstuhls fast schon demonstrativ. Ich war vollauf damit beschäftigt, den Kuchen auf einer Platte zu drapieren, den Zuckerguss und die frischen Zitornenscheiben in aller Ruhe darauf zu verteilen, bis plötzlich diese dunkle, aufgeladene Präsenz direkt vor mir stand. Die Luft im Raum schien schlagartig kälter zu werden. Er starrte mich an, als wäre ich eine Halluzination aus seinem schlimmsten Fiebertraum. Ich blieb vollkommen ruhig, strich mir eine mehlige Strähne aus dem Gesicht und erwiderte seinen scharfen Blick mit einem humorvollen Funkeln. Dass Tom mich als neue Fotografin vorstellte, war nur das Vorspiel. Kyle stapfte auf mich zu, die Kiefermuskeln so angespannt, dass man sie als Gitarrensaiten hätte benutzen können. Herje... aber es hätte wohl auch schlimmer kommen können. Zumindest sprachen die Miller-Brüder wieder meinander. Ich stieß mich langsam vom Tresen ab und trat einen Schritt auf ihn zu, bis das Aroma der Zitrone zwischen uns wie eine Friedenspfeife ...oder eine Kriegserklärung in der Luft hing. "Erstens, Kyle: Es ist nicht jeder, sondern ich", antwortete ich mit einer Gelassenheit, die ich mir in Jahren mit egozentrischen Künstlern antrainiert hatte. "Und zweitens: Ob du das hier Arbeit nennst oder einen Spielplatz, ist mir ziemlich egal. Solange du dich weigerst, dich vor mine geplante Linse zu stellen, fange ich eben das ein, was übrig bleibt, wenn die Show vorbei ist. Ich werde zu deinem Schatten. Das volle Programm: Jedes Gähnen, jeder Fluch und jedes Krümelchen auf deinem Shirt. Und glaub mir, Miller, das ist sowieso viel interessanter." Sein Blick glitt zum Tisch und ein winziges, fast ungläubiges Lächeln huschte blitzschnell über seine Gesichtszüge. Ich zog eine Augenbraue hoch und schob ihm den Teller mit einer fast schon beiläufigen Geste entgegen. "Nicht irgendeiner. Das ist Cake au citron, französischer Zitronenkuchen, du Kultur-Banause. Hier. Das treibt den Blutzucker hoch und... im besten Fall scheint morgen wieder die Sonne, wenn du brav aufisst."
      Ich ignorierte das nervöse Klopfen in meiner Brust, als er mich weiterhin so fixierte. Er war blasser, ja, aber die Intensität, die von ihm ausging, war fast physisch greifbar. Ich sah kurz zu seinen Freunden hinüber, die das Spektakel mit einem amüsierten Grinsen beobachteten. "Also setz dich, Kyle. Iss deinen Kuchen und gewöhn dich an das Klicken meiner Kamera. Ich gehe nämlich so schnell nirgendwohin", fügte ich hinzu und hielt seinem Blick stand. Es war ein Machtspiel, und ich hatte nicht vor, die Erste zu sein, die blinzelte. Wenn er dachte, er könnte mich mit ein bisschen Rockstar-Gehabe aus meinem neuen Revier vertreiben, hatte er die Rechnung ohne ein Mädchen aus Brixton gemacht. Ich griff nach meiner Kamera, die griffbereit auf der Marmorplatte lag, und strich fast zärtlich über das Gehäuse. Ein leises, metallisches Geräusch, das in der plötzlichen Stille des Raums wie ein Startschuss wirkte. Ich war bereit. Die Handgranate war scharf, der Kuchen war serviert, und der Tiger hatte Hunger ...die Frage war nur, ob er den Kuchen fraß oder mich.
    • Kyle

      Ich lehnte mich ein wenig nach hinten, als hätte sie mir nicht gerade einen Teller mit Kuchen, sondern eine Herausforderung hin geschoben. Mein Blick blieb an ihr hängen und ich zog eine Augenbraue nach oben. "Sie reden zu viel." Meine Finger trommelten einmal kurz gegen den Tisch, bevor ich den Teller doch zu mir zog. "Sie sind mein Schatten hm?" Ich schnaubte und griff nach der Kuchengabel. "Sie haben keine Ahnung worauf sie sich da einlassen." Ich konnte hören wie Tom laut seufzte. Doch das war mir egal. Als mein Blick kurz zu ihm huschte, schüttelte er nur den Kopf und funkelte mich ernst an. Ich wendete meinen Blick wieder von ihm ab und sah wieder zu ihr. Ich war fokussiert, fast schon herausfordernd. "Sie meinen wirklich das sie dieser Herausforderung gewachsen sind?" Ich stach mit meiner Gabel in den Kuchen und schob ein Stückchen in meinen Mund. Ich kaute langsam und ohne es richtig zu merken, wurde mein Lächeln ein wenig echter. "Nicht schlecht." Ich schluckte den Bissen runter, legte die Gabel wieder auf den Teller. Dann lehnte ich mich nach vorne, stützte meine Ellenbogen auf den Tisch und senkte meine Stimme ein wenig. "Also gut. Bleiben sie und mach sie ihre Fotos. Sammeln sie meine schlechten Angewohnheiten." Ein amüsiertes Grinsen kam auf meine Lippen und ein Funkeln blitzte in meinen Augen auf. "Aber beschweren sie sich am Ende nicht, wenn sie mehr von mir bekommen, als sie eigentlich wollten." Mein Blick hielt ihren fest. Ich liebte dieses Spiel zwischen uns. "Und glauben sie mir.." Mein Grinsen wurde frecher. ".. ich esse nicht nur den Kuchen."
      Tom stöhnte neben mir auf und Phil und Vince sahen zwischen uns beiden hin und her.
      "Können wir nicht einfach in Ruhe Kaffeetrinken ohne diese Bombenstimmung?" Ich lehnte mich wieder auf den Stuhl zurück und sah meinen Bruder an. "Dann hättest du sie hier nicht rein lassen sollen." Tom raufte sich die Haare. Mein Blick ging wieder zurück zu ihr. "Außerdem ist es zu spät. Die Bombe sitzt bereits am Tisch." Ein schiefes Grinsen zuckte über mein Gesicht, während ich wieder die Gabel in die Hand nahm und das nächste Stückchen in meinen Mund schob. "Außerdem Brüderchen, beschwerst du dich immer das es hier so langweilig ist." Ich wendete meinen Blick nicht von ihr. Tom schnaubte irgendwas Unverständliches , doch ich blendete es aus. Mein Fokus lag nur auf ihr. Ich legte die Gabel wieder beiseite und wischte mir mit dem Daumen einen Krümmel an meinen Lippen weg. "Sie haben Mut oder ein ziemlich schlechtes Urteilsvermögen." Meine Augen huschten kurz zu ihrer Kamera und dann wieder zu ihr zurück. "Wahrscheinlich beides." Ein kurzes, kehliges Lachen entwich mir, bevor ich den Kopf schief legte. "Aber ich bin neugierig. Was genau glauben sie zu finden, wenn die Show vorbei ist?" Meine Finger tippten leicht gegen den Tisch. "Den großen Absturz? Den Moment, indem ich nicht mehr funktioniere?" Ich zog eine Augenbraue nach oben und musterte sie. "Oder hoffen sie einfach, das ich irgendwann vergesse das sie da sind?" Ein kleines gefährliches Lächeln schlich sich zurück auf meine Lippen. "Spoiler: Das wird nicht passieren."
      Ich lehnte mich wieder zurück, verschränkte die Arme locker hinter meinem Kopf und ließ den Stuhl leicht auf die hinteren Beine kippen. Ich konnte spüren wie nervös Tom wieder neben mir wurde. "Na schön. Sie wollen meinen Schatten spielen? Dann bleiben sie nah genug dran." Mein Blick wurde wieder schärfer, beinahe eindringlicher. "Aber passen sie auf das sie selbst nicht in der Dunkelheit verschwinden."
      Tom stellte seine Kaffeetasse beinahe viel zu laut auf dem Tisch ab. Er schob den Stuhl zurück und stand auf. "Wenn ihr mich entschuldigen würdet, aber ich kann mir diese Scharade nicht mehr weiter an tun." Er ging die Metalltreppe nach oben und verschwand in sein Büro. Ich zuckte mit den Schultern und aß das Stück Kuchen weiter. Eins muss man ihr lassen, backen konnte sie.

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    • Grace

      Bevor ich mich dem Tiger in der Arena widmete, kümmerte ich mich erst einmal um die Statisten. Auch wenn `Statisten` das völlig falsche Wort für Phil und Vince war. Die beiden sahen aus, als könnten sie nach der Banner-Aktion und der nervösen Warterei eine echte Stärkung vertragen. Mit einer routinierten Gelassenheit, die ich mir in unzähligen Tourbussen angeeignet hatte, goss ich Phil und Vince frischen Kaffee ein und schob ihnen zwei ordentliche Stücke vom Cake au citron zu. "Hier, Jungs. Nervennahrung. Ihr seht aus, als hättet ihr seit Kyles Einlieferung nur von Adrenalin und Lieferpizza gelebt", sagte ich mit einem charmanten Augenzwinkern. Erst als alle versorgt waren, sogar Tom, dem ich seine Tasse fast schon mitleidig hinstellte, goss ich mir meinen eigenen schwarzen Kaffee ein. Ich lehnte mich gegen die Marmorplatte der Kücheninsel, die Tasse fest umschlossen, und beobachtete Kyle. Nicht nur was er sagte – sondern wie. Die Art, wie seine Finger gegen den Tisch trommelten. Wie sein Blick nicht einmal eine Sekunde wirklich von mir wich. Wie sich dieses kleine, gefährliche Lächeln immer dann zeigte, wenn er glaubte, die Kontrolle über die Situation zu haben. Interessant. Sehr interessant. Er schien im wahrsten Sinne des Wortes angebissen zu haben. Das, oder er glaubte tatsächlich die Weißheit mit Löffeln-...ähm, ein Gabel gefressen zu haben.
      "Ich? Zu viel reden? So so... Sprach der großkotzige Panorama-Prinz mit den über-dramatischen Monologen?" ,wiederholte ich leise und lehnte mich ebenfalls ein Stück vor, sodass sich unsere Blicke auf halbem Weg über dem Tisch trafen. "Wenigstens sage ich dabei etwas, das Hand und Fuß hat oder nichts was mein Gegenüber von mir hören will, Miller. Und was mein Urteilsvermögen angeht... nun ja, ich bin hier, oder? Das spricht entweder für meinen Mut oder für eine sehr ausgeprägte Vorliebe für schwierige Motive." Ich hob meine Kamera langsam an, fast beiläufig. Kein großes Tamtam, kein dramatisches Zielen. Nur eine fließende Bewegung, als wäre sie ein natürlicher Teil von mir. Click. "Zu spät", murmelte ich ruhig. "Der erste schlechte Moment ist bereits dokumentiert." Ich senkte die Kamera wieder ein Stück, mein Blick blieb ruhig auf ihm liegen. "Keine Sorge", fuhr ich fort, während ich mich leicht gegen den Tisch lehnte, "ich beschwere mich selten über interessante Menschen. Langweilige hingegen… die sind anstrengend." Ein winziges Lächeln zuckte an meinem Mundwinkel. Er hatte den Kuchen gegessen. Nicht nur aus Trotz. Ich ließ den Blick nicht von ihm weichen, während ich ganz langsam meine Tasse zum Mund führte und einen Schluck vom schwarzen, heißen Kaffee nahm. Das Koffein war genau das, was ich jetzt brauchte, um bei diesem verbalen Boxkampf nicht aus dem Rhythmus zu kommen. "Sie überschätzen die Dunkelheit ein bisschen, finden Sie nicht?", sagte ich dann ruhig. "Ich komme aus dem harten Pflaster Londons, Miller, nicht aus einem Disney-Film. Ich habe schon schlimmere Dinge gesehen als einen mürrischen Rockstar mit Hang zu dramatischen Metaphern." Ich beobachtete amüsiert, wie er kurz die Kiefer mahlte. Er wollte die Kontrolle, aber ich gab ihm ohne Weiteres nicht einmal den kleinsten Krümel davon ab. Stattdessen stellte ich meine Tasse beiseite und schnitt zwei weitere, großzügige Stücke vom Kuchen ab, die ich auf kleine Teller drapierte. "Und um Ihre Frage zu beantworten…" Meine Stimme wurde einen Hauch leiser, aber präziser. "Ich suche gar nichts Bestimmtes. Die besten Bilder entstehen nicht, wenn man nach etwas sucht. Sondern wenn jemand für einen Moment vergisst, wer er sein soll. Der Absturz interessiert mich nicht besonders. Den erwartet jeder. Was mich interessiert… ist der Moment davor. Oder danach. Der Teil, den niemand sieht, weil alle zu beschäftigt damit sind, auf die Bühne zu starren." Ich neigte den Kopf leicht. "Sie wirken wie jemand, der sehr viel Energie darauf verwendet, gesehen zu werden… und gleichzeitig alles dafür tut, nicht wirklich erkannt zu werden. Das ist fotografisch gesehen ziemlich dankbar." Ich sah zu, wie Tom nach seinem Ausbruch die Treppe hochstampfte. Ein kurzer Beat der Stille blieb zurück, den ich mit einem letzten, forschenden Blick in Kyles Augen füllte. Er glaubte, er sei der Einzige, der hier die Regeln macht. Süß. "Und was Ihr…", ich machte eine kleine, vage Geste mit der freien Hand, "...Kuchen-und-mich-Vergleich angeht-", ich konnte ein trockenes, leises Lachen nicht unterdrücken, ehe ich mir ein kleines Stück von meinem eigenen Kuchen abbrach und es genüsslich aß. "Keine Sorge, Miller. Ich habe nicht vor, auf Ihrer Speisekarte zu landen. Das wird sicher nicht passieren. Außerdem, Ich bin verdammt schwer verdaulich, wenn man versucht, mich einfach mit Haut und Haaren zu fressen."
      Langsam stand ich auf, stellte mein Geschirr in die Spüle und die überschüssigen Tassen Kaffee und Kuchen auf ein Tablett. "Ich bringe das hier jetzt dem Personal nach unten ...die Leute, die hier den Laden am Laufen halten, während Sie dramatische Metaphern dreschen, haben sich auch ein Stück verdient", sagte ich locker und wandte mich zum Gehen. Doch kurz bevor ich den Bereich der Küche verließ, hielt ich inne und sah über meine Schulter zurück. "Genieß den Rest, Banause. Ich werde jetzt anfangen, mein Revier im Gästezimmer zu markieren. Und nur ein Tipp: Passen Sie auf, dass Sie nicht von Ihrem hohen Ross ... oder diesem Designerstuhl, fallen. Das wäre ein verdammt unvorteilhaftes erstes Foto für Ihren SocialMedia Account `Der gefallene Rockstar, besiegt von der Schwerkraft`. Macht sich einfach nicht gut auf der Titelseite." Mit einem letzten, herausfordernden Lächeln und den Tellern in der Hand ließ ich ihn am Tisch sitzen. Ich konnte seinen Blick in meinem Rücken spüren, heiß und irritiert. Ein guter Anfang für einen ersten Arbeitstag.
    • Kyle

      Ich blieb sitzen, doch mein Blick folgte ihr. Phil und Vince saßen ebenfalls nur da und rührten sich nicht.
      Es war kurz Stille, dann lehnte ich mich zurück, fuhr mir durch meine Haare und ließ ein Schnauben aus meiner Nase entweichen. "..verdammt.." Ein trockenes Lachen kam aus meinem Mund und meine beiden Freunde waren plötzlich aus ihrer Starre erwacht. Ich nahm meine Tasse mit dem Kaffee in die Hand und trank davon. Der Kaffee war schon längst kalt, doch ich hielt die Tasse noch fest. Ich ließ mir ihre Worte durch den Kopf gehen und drückte meine Zunge gegen meine Wange. "Sie hat ja keine Ahnung", sprach ich mehr zu mir selbst als zu den beiden Jungs. Mein Blick wanderte zu dem halb abgeschnittenen Kuchen. Ich betrachte den Rest, den sie dagelassen hatte, als wäre es plötzlich ein persönlicher Angriff. ´Schwer verdaulich, hm?´ Ein schiefes Grinsen zog an meinen Mundwinkeln. ´Das sehen wir noch´ Ich sprach meine Gedanken nicht laut aus, da mir Phil und Vince nur irgendwelche komischen Fragen stellten. Ich stand vom Tisch auf und stellte meinen Teller und meine Tasse in die Spüle. Ich hatte plötzlich keinen Hunger mehr. Wenn sie die Wohlfahrt spielen möchte dann bitte. Juckt mich nicht.
      "Dich wurmt es das sie hier ist oder?" Vince blickte zu mir. Ich hielt kurz inne. Meine Finger lagen noch am Rand der Spüle und ich drehte meinen Kopf ein wenig zu Seite, sodass ich sie sehen konnte. "Tut es nicht", erwiderte ich ruhig. Phil schnaubte leise. "Du hast seit ungefähr 5 Minuten den selben Gesichtsausdruck, wie damals, als die Presse dich auseinander genommen hat." Ich richtete mich langsam auf und drehte mich zu den Jungs um. "Der Typ hatte wenigstens Ahnung", sprach ich kühler als beabsichtigt. "Und sie nicht?", hackte Vince nach. Ein schiefes Lächeln lag auf meinen Lippen. "Sie hat... Instinkt", gab ich widerwillig zu. "Das ist ein Unterschied." Einen kurzen Moment war es wieder still. Phil hob eine Augenbraue. "Klingt fast wie ein Kompliment." Ich schüttelte den Kopf. "War es nicht."
      Meine Kiefer fingen an leise zu mahlen, als ich mich von der Spüle abstützte und in Richtung Fahrstuhl lief. "Du gehst ihr hinterher.", stellte Vince fest. Ich blieb stehen und atmete einmal ruhig ein. Dann sah ich über meine Schulter zurück. Ein leichtes, herausforderndes Grinsen lag nun auf meinen Lippen.
      "Ich gehe nachsehen ob sie das Personal wirklich mit Kuchen besticht... oder ob sie angefangen hat irgendwo herumzuschnüffeln wo sie keinen Zutritt hat." Phil grinste mich an. "Klar." Ich sagte nichts weiter dazu und stieg in den Fahrstuhl ein und fuhr zur Personalebene.
      Ich folgte keinem Geräusch oder Sonstigem. Ich folgte diesem Gefühl. Nur reine Neugier, gekoppelt mit einen Hauch von Reiz. Und vielleicht ein bisschen zu viel Interesse dafür, das es mich das Ganze angeblich nicht juckte. Ich lächelte vor mich hin. "Mal sehen wer hier wen nicht runter kriegt", sprach ich zu mir selbst. Und während ich hinunter fuhr wusste ich genau, das dieses Spiel gerade erst begonnen hat.
    • Grace

      Die Luft hier unten war anders. Weniger geschniegelt, weniger Glas, weniger kalkulierte Perfektion. Es roch nach Reinigungsmitteln, frischer Wäsche und dem echten Leben, das in den Zwischenräumen der glänzenden Fassaden stattfand. Genau mein Terrain.
      Ich balancierte das Tablett locker auf einer Hand, während ich durch den Flur lief, und grüßte hier und da mit einem kurzen Nicken. Menschen merken schnell, ob man sie wirklich sieht oder nur übersieht. Martha, die Hausdame, und einer der Sicherheitsleute sahen überrascht auf, als ich in den Aufenthaltsraum trat. "Ich komme in Frieden. Und mit einen Wilkommensgruß.", sagte ich trocken und stellte das Tablett ab. "Das ist... französicher Zitronenkuchen?", fragte Martha ungläubig, während ich ihr die Teller hinhielt.
      "Hausgemacht", bestätigte ich und lehnte mich gegen den Türrahmen. "Betrachten Sie es als Gefahrenzulage. Der Tiger oben hat heute besonders schlechte Laune, aber er hat immerhin schon was davon verputzt. Das ist ein gutes Zeichen, oder?" Martha lachte leise und nahm eine Gabel. "Ein Wunder ist das, Schätzchen. Normalerweise zieht Mr. Miller Flüssiges vor. Sie müssen eine besondere Art an sich haben." Ich zog eine Augenbrau an. Love Drugs und Rock and Roll also. "Oder ich bin einfach sturer als er", erwiderte ich trocken. Ich unterhielt mich noch einen Moment, genoss die normale, erdungsvolle Atmosphäre hier unten. Die Routinen. Die Gesichter. Die Ehrlichkeit der Szene. Click.
      Diesmal drückte ich leise ab, fast schon beiläufig. Niemand fühlte sich beobachtet. Es war einfach perfekt. Mein Kaffee oben war mittlerweile wahrscheinlich so kalt wie Kyles Herzlichkeitsfaktor, aber ich brauchte mein Equipment.
      Ich verabschiedete mich und trat zurück in den Flur, um den Fahrstuhl nach oben zu nehmen. Doch dann hörte ich das leise, metallische Pling. Die Türen glitten auf, und da stand er. Kyle Miller.
      Er füllte den kleinen Raum des Fahrstuhls fast vollständig aus, die Arme locker verschränkt. Ich musterte ihn einen Herzschlag lang nicht überrascht, eher bestätigt. Ein kleines, kaum merkliches Lächeln huschte über mein Gesicht.
      "Na, sehen Sie einer an", sagte ich ruhig. "Der Panorama-Prinz verlässt also doch seine Glasvitrine." Den Objektiv meiner Kamera und drehte ihn spielerisch zwischen den Fingern. Da konnte sich jemand wohl einfach nicht geschlagen geben... "Keine Sorge, Miller. Ich habe hier unten nichts angezündet. Noch nicht. Sagen Sie bloß, Sie sind mir hinterhergefahren, um sicherzugehen, dass ich keine geheimen Pläne in der Wäscherei schmiede?" Ich neigte den Kopf leicht und trat einen Schritt zur Seite, ließ ihm bewusst den Raum. Es war weniger ein Zurückweichen, eher ein stilles Komm ruhig näher, wenn du dich traust. "Also.. Kontrollgang? Oder hat die Neugier gewonnen? Ich hoffe ja, Sie sind nicht enttäuscht", fügte ich hinzu und deutete auf das halb geplünderte Tablett hinter mir im Raum. "Ich habe tatsächlich nur Kuchen verteilt. Keine geheimen Türen. Keine Skandale. Nur Menschen, die ihren Job machen. Ich weiß… erschütternd unspektakulär." Ich verschränkte die Arme locker vor der Brust, während mein Blick an seinen Augen hängen blieb. "Aber keine Sorge", sagte ich leise, fast spielerisch, während das vertraute Funkeln in meine Augen zurückkehrte. "Ich fange gleich wieder mit den interessanteren Dingen an. Zum Beispiel mit Ihnen."
    • Kyle

      Die Türen des Fahrstuhles gingen auf und zu meiner Überraschung stand sie vor mir. Ich lehnte mit meiner Schulter an einer Seite des Fahrstuhles und ließ meinen Blick langsam über sie gleiten. Bei ihrer Aussage musste ich leicht Schmunzeln. "Ein Panorama- Prinz also? Sehr interessant. Du wirst langsam einfallsreich." Ich stieß mich von der Wand ab und drehte mich zu ihr um. Mein Blick glitt kurz zu der Kamera in ihren Fingern. Dann sah ich sie wieder aufmerksam an. Ich ließ mich nicht sofort auf ihre scheinbaren Provokationen ein. Ich machte einen Schritt auf sie zu, sodass die Distanz zwischen uns bewusst kleiner wurde. "Und nein ich kontrolliere sie nicht." Doch ich wollte ihr nicht sagen das meine Neugier mich eventuell hier herunter brachte. Mein Blick blieb fest mit ihrem verankert. "Solange sie sich benehmen und das Personal ihre Arbeit machen lassen, ist es mir egal, was sie hier unten treiben."
      Ich ließ meinen Blick über das halb leere Tablett schweifen und dann sah ich sie wieder an, direkter, fordernder.
      "Interessante Dinge hm?" Ich hob leichte eine Augenbraue und hielt meine Arme vor der Brust verschränkt. "Du überschätzt deinen Unterhaltungswert. Findest du nicht?" Doch dieser kleine Funkeln in meinen Augen, war verräterisch. Ich trat noch einen Schritt näher auf sie zu, gerade so das die Spannung zwischen uns spürbar wurde. "Aber ich gebe dir eine Chance." Meine Stimme war ein wenig gesenkt und sie bekam diesen herausfordernden Unterton. "Überrasch mich." Ein kurzes schiefes Lächeln kam über meine Lippen. "Oder war das eben schon alles?" Ich ließ meinen Blick einen Moment länger auf ihr ruhen, als nötig gewesen wäre, musterte jede noch so kleine Regung in ihrem Gesicht. Ein leises kaum hörbares Schnauben entwich mir. "Hartnäckig", murmelte ich mehr zu mir als zu ihr. Mein Blick wurde einen Hauch schärfer. "Gefällt mir." Langsam löste ich meine Arme vor der Brust und ging weiter auf sie zu, bis ich fast direkt vor ihr stand. Natürlich war es pure Absicht um sie zu testen und herauszufordern. "Also entweder sind sie mutig.." Mein Blick glitt kurz zu ihren Lippen und dann wieder zurück zu ihren Augen. Meine Stimme sank ein wenig und wurde rauer. "..oder sie haben keine Ahnung worauf sie sich da einlassen." Mein Daumen strich flüchtig über das Objektiv, während ich sie dabei nicht aus den Augen ließ. Mein Blick wurde intensiver. "Ich bin mir noch nicht sicher, was davon gefährlicher ist." Meine Lippen zogen sich zu einem Lächeln. Ich beugte mich ein Stück näher zu ihr, mein Blick flackerte kurz auf. "Also sag mir war das alles nur ein Vorwand um zu sehen ob ich dir folge?"
    • Grace

      Ich ließ ihn auf mich zu kommen. Kein Zurückweichen, kein nervöses Blinzeln, auch wenn die Luft zwischen uns mittlerweile so aufgeladen war, dass man sie mit einem Skalpell hätte schneiden können. Er kontrollierte die Distanz Stück für Stück, als wäre das hier ein Spiel, dessen Regeln er allein festlegte. "Entscheidungen sind nicht so Ihre Stärke, was?", stellte ich trocken fest und neigte den Kopf leicht, während er schließlich zum stehen kam und sich in voll3r Größe vor mir aufbaute. "Sie... du... sie... jetzt entscheiden Sie sich mal, Miller. Entweder wir bleiben beim geschäftlichen Sie oder wir wechseln zum kollegialen Du. Dieses Hin- und Hergewackel ist ja furchtbar anstrengend."
      Sein Daumen auf meinem Objektiv entging mir nicht. Im Gegenteil: Mein Blick senkte sich ganz bewusst für den Bruchteil einer Sekunde dorthin. Das machte er mit voller Absicht, es war eine Art sehr trotzige und territoriale Grenzüberschreitung, die ich mit einem langsamen, fast schon spöttischen Lächeln quittierte. "Vorsicht", sagte ich ruhig, meine Stimme leise, aber glasklar. "Die Linse ist empfindlicher als Ihr Ego. Und deutlich teurer."
      Er trat noch einen Schritt näher, bis die Spannung physisch greifbar wurde. Er war präsent, intensiv, fordernd. Doch ich hatte in zu vielen engen Backstageräumen gestanden, um mich von ein bisschen kalkulierter Dominanz aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Als er jedoch anfing, meine Lippen zu fixieren, als wären sie das nächste Ziel auf seiner Abschussliste, unterbrach ich den intensiven Starr-Wettbewerb. Wahrscheinlich musste er sonst nicht mehr machen um seine sonstige Beute rum zu kriegen. "Hey...", ich tippte mir mit dem Zeigefinger kurz gegen die Schläfe, "hier oben sind meine Augen, Tiger. Die Kamera ist zwar scharf eingestellt, aber ich hätte gerne, dass Sie es auch bleiben." Um die Distanz, die er so akribisch abgebaut hatte, wieder ein wenig zu korrigieren, atmete ich tief ein und pustete ihm betont und mit voller Absicht direkt ins Gesicht. Nicht aggressiv, eher wie eine lästige Fliege, die man verscheucht. Er blinzelte überrascht, und ich nutzte den Moment, um die Kamera seitlich anzuheben. Click. "Überraschung Nummer eins", murmelte ich. Der Moment gehörte mir, auf ewig auf Band aufgehalten. "Naja... Sie sind mir gefolgt. Nicht aus Kontrolle, Miller. Und sicher nicht aus Pflichtgefühl." Er wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, doch bei dem Gedanken, dass er diesen ganzen Aufwand für einen vermeintlichen 'Vorwand' meinerseits betrieb, konnte ich nicht an mich halten. Ich konnte nicht anders und prustete amüsiert los , ein kurzes, ehrliches Lachen, das die künstliche Schwere der Situation einfach platzen ließ. "Oh nein, das hier ist kein Vorwand", sagte ich, während ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln blinzelte und wieder ernst wurde. "Vorwände brauche ich nicht. Wenn Sie glauben, dass ich meine Zeit damit verschwende, Männer dazu zu bringen, mir hinterherzulaufen… dann überschätzen Sie sich ein bisschen. Und unterschätzen mich gewaltig." Ich beugte mich ein kleines Stück vor, bis meine Stimme nur noch ein winziger Hauch war. "Was Sie da gerade versuchen, ist übrigens kein Test. Das ist Gewohnheit. Kontrolle durch Nähe, Druck durch Präsenz. Funktioniert bei vielen." Ich lehnte mich wieder zurück, und lockerte meine Haltung. "Bei mir nicht." Stille, zumindest für einen schmächtigen Augenblick. Dann hob ich fast beiläufig wieder die Kamera. Click. "Und das", sagte ich ruhig, während ich das Display kurz überprüfte, "war gerade deutlich interessanter als jeder Absturz, den Sie mir androhen könnten. Die Lichtverhältnisse hier unten sind zwar schrecklich für Ihr Ego, aber fantastisch für die Wahrheit." Ein scharfes, herausforderndes Lächeln legte sich auf meine Lippen. "Also, Panorama-Prinz... wollen Sie jetzt weiter krampfhaft versuchen, wie ein beleidigter kleiner Junge verzweilt das letzte Wort zu haben, oder ziehenSie sich wieder in Ihre Glasvitrine zurück? Ich muss jedenfalls weiter arbeiten." Das bedeutete vor allem den Abwasch erledigen damit die arme Martha es nicht machen musste und weiter mein Equipment aufbauen. Viel zum Einrichten meiner neuen Bleibe hatte ich ja noch nicht.
    • Kyle

      Sie gab nicht nach, das war mir klar. Aber dieses Spiel zwischen uns hatte seinen gewissen Reiz und es turnte mich auf eine Art und Weise an. Doch ich ließ sie reden ohne das ich einen Kommentar von mir gab. Ich hatte genügend dazu zu sagen, doch ich nahm jedes einzelne Wort in mir auf. Dieses Lachen von ihr.. Dieses verdammte echte Lachen.
      Für einen kurzen Moment verrutschte meine Maske, doch ich sammelte mich schnell wieder. ich wich keinen Schritt zurück und es störte mich auch nicht als sie abdrückte. Ich lächelte sie schief an. "Dann bleiben wir bei du.. Bevor ich mich noch weiter verzettle und du es mir noch tausend Mal auf die Nase bindest." Ich stupste gegen ihre Stirn. "Und glaub ja nicht ich bin dir gefolgt weil ich irgendwelche Absichten hege. Das ist absurd." Ich lachte dieses Mal selber laut auf.
      Ich ließ das Lachen noch einen Moment nachhallen, als würde ich testen, ob es sie aus dem Konzept brachte. Tat es nicht. Natürlich nicht. Sie war nicht der Typ dafür. Ich ging einen paar Schritte weg von ihr und drückte auf den Knopf der uns nach oben zum Loft bringt.
      Mein Blick ging wieder zu ihr. Wie sie mich mit diesem unverschämten Blick ansah und ihre Kamera bereithielt. Meine Kiefermuskel mahlten. "Glaub ja nicht das du gewonnen hast. Das Spiel wird so schnell nicht enden. Schließlich laufen wir uns jetzt öfters über den Weg." Es war keine Drohung, eventuelle eine kleine Provokation meinerseits. Die Fahrstuhltür schloss sich und er fuhr nach oben.
      Ich sah auf die Schaltfläche wie sie Stockwerk, für Stockwerk weitersprang. Oben angekommen trat ich als erster in das Loft. Phil und Vince waren derweil aufs Sofa gewechselt und sahen sich einen Film an. Ihre Köpfe gingen sofort zu uns, als sie uns bemerkten. "Lief ja nicht so gut hm?", sprach Vince und grinste ein wenig. Ich schlug ihn sachte auf den Hinterkopf. "Halt die Klappe." Ich ging zum Kühlschrank und nahm eine Flasche Bier heraus. Selbstverständlich ging mein Blick zu ihr. Ich wollte wissen was sie darüber denkt. Ob sie was dazu sagte. Ich wandte meinen Kopf wieder weg und ging die Metalltreppe nach oben. "Hey ihr beiden habt ihr Lust mit auf die Dachterrasse zu kommen? Ich konnte ein wenig frische Luft gebrauchen und eine Kippe." Sofort waren die Jungs mit dabei und schnappten sich auch ein Bier aus dem Kühlschrank, bevor sie mir nach oben folgten. Die frische Luft tat mir richtig gut. Diese hitzige Stimmung war mir gerade etwas zu viel geworden, auch wenn ich sie gerne noch mehr provoziert hätte. Ich öffnete das Bier und trank einen großen Schluck daraus. Dann zündete ich mir eine Zigarette an und blies den Rauch in den Himmel hinauf.
      Die Jungs schlossen zu mir auf und ließen ihren Blick über die Dächer von L.A. schweifen. "Also", fing Phil an. "Was ist da unten passiert?" Ich lehnte mich ein Stück an die Mauer der Terrasse an und zog nochmal an meiner Zigarette. "Ich weiß nicht was du meinst. Wir haben uns nur nett unterhalten." Vince und Phil sahen sich beide an und zogen gleichzeitig eine Augenbraue nach oben. "Jaja das kannst du wem anderes erzählen, aber nicht uns." Vince schlang einen Arm um mich. "Jetzt sei ehrlich." Ich wandte mich aus seinem Griff und lief auf der Terrasse hin und her. "Ich werde den Spaß meines Lebens mit ihr haben, so viel steht fest. Und da könnt ihr gerne denken was ihr wollt. Sie hat mich herausgefordert, also muss sie mit den Konsequenzen leben." Ich setzte mich auf einer der Loungesofas und stellte das Bier auf dem Tisch ab. Vince und Phil sahen sich sprachlos an. "Keine Angst. Ich tu ihr nichts. Wir spielen nur dieses Katz und Maus Spiel. Mehr nicht." Ich grinste vor mich hin, denn ich wusste das es Spaß machen würde sie weiter zu necken, bis sie es nicht mehr aushält.
    • Grace

      "Stupst mich an wie ein Kleinkind seine Lieblings-Actionfigur...", murmelte ich trocken. Ich strich mir die Haare aus der Stirn, genau dort, wo seine Finger gewesen waren. "Niedlich. Glaubst du wirklich, du hättest das letzte Wort behalten, nur weil du den Knopf zuerst gedrückt hast?" Der Kerl war wie ein ungeschliffener Diamant. Kantig, verdammt hart und man schnitt sich verdammt schnell an ihm, wenn man nicht aufpasste. Aber das Feuer, das er versuchte hinter seiner Arroganz zu ersticken? Das war pures Gold für meine Linse.
      Kurz bevor die Türen sich im Loft wieder öffneten, sah ich ihn noch einmal von der Seite an. "Eigentlich schade", bemerkte ich beiläufig, während ich meine Kamera verstaute. "Dass ich vorhin kein Bild davon geschossen habe, wie du wohlmöglich vom Stuhl gefallen wärst. Das macht sich zwar nicht gut auf einer Titelseite, aber als Kühlschrankmagnet wäre es ein echter Verkaufsschlager." Ich wartete seine Reaktion gar nicht ab. Als die Türen im Loft aufglitten, schlug mir sofort die Veränderung der Atmosphäre entgegen. Die Spannung zwischen uns hing noch in der Luft, wie ein Akkord, der nicht ganz aufgelöst wurde. Sein Lachen, mein Click, dieses unausgesprochene Das war noch nicht alles. Mein Blick folgte ihm kurz zur Treppe. Dann zu Phil und Vince. Dann… blieb er an der oberen Etage hängen. Tom Miller, mein neuer Chef.
      Oben war es ruhiger. Gedämpfter. Fast… vorsichtig. Ich klopfte leicht an die halb offene Tür, bevor ich sie ein Stück weiter aufschob. "Mr. Miller?" Meine Stimme war diesmal leiser, respektvoller. Ich trat ein, sah ihn kurz an und hob beschwichtigend eine Hand. "Störe ich?" Meine Stimme war ruhiger als zuvor. Weicher. Der scharfe Ton vom Schlagabtausch war verschwunden, als hätte ich ihn unten im Flur einfach abgelegt. Geauso wie ich Kaffee und Kuchen gegen einen Tablet mit Tee und Schnittchen getauscht hatte. Ich stellte das Tablett ab vorsichtig auf den massiven Eichenholzschreibtisch ab. "Ich wollte mich... nur entschuldigen. War nicht ganz der Plan für Ihren Vormittag, nehme ich an.", sagte ich dann und sah zu ihm auf. "Das da unten… ist etwas ausgeartet." Ich schenkte ihn ein aufmunterndes Lächeln, da ich ahnen konnte wie schwer diese Zeit für ihn werden würde. "Aber-" ich hob eine Hand leicht an, als würde ich den Gedanken festhalten "-zumindest hat Ihr kleiner Bruder den Vorwand geschluckt." Ein kurzes Funkeln flackerte bei den Worten in meinen Augen. "Und angebissen. Nicht nur den Kuchen." Ich trat einen Schritt näher, griff nach dem kleinen Tablett mit Tee und den Schnittchen oder organisierte es kurz selbst, ganz automatisch, wie ich es schon hundert Mal getan hatte. Einfach Routine und Struktur in Chaos bringen. Ich stellte ihm eine Tasse hin, schob den Teller ein Stück näher. "Hier. Erstmal runterkommen." Meine Stimme wurde sanfter. "Er wirkt… wacher. Reaktiver. Das ist gut." Ich lehnte mich leicht gegen den Tisch, die Arme locker verschränkt. "Und bevor Sie sich Sorgen machen: Die Jungs sind oben auf der Dachterrasse. Und auch wenn ich die Zigaretten bei seinem Dickschädel nicht verhindern konnte...", ich neigte mich verschwörerisch vor, "...haben sie zumindest nur alkoholfreies Bier in der Hand. Ich habe die Flaschen vorhin während der Banner-Aktion heimlich ausgetauscht. Er wird es bei der dritten Flasche vielleicht merken, aber bis dahin ist er zumindest hydriert." Ich setzte mich kurz auf die Kante des Sessels und wurde ernst. "Gibt es eigentlich schon Neuigkeiten von den Ärzten des St. Mary's? Sind die Auswertungen der Befunde schon da? Und was bedeutet das für die nächsten Tage? Termine, Einschränkungen... alles, worauf ich mich einstellen sollte, bevor ich ihm mit meiner Kamera weiter auf die Nerven gehe." Nachdem wir kurz die bürokratischen Details geklärt hatten, wand ich mich in Richtung Tür. "Ich halte Ihnen den Rücken frei, so gut ich kann", sagte ich noch ruhig. "Und ihm..." ein winziges Zucken meines Mundwinkels "...halte ich ein bisschen dagegen." Ich griff wieder nach meiner Kamera. "Scheint zu funktionieren." Ich bedachte ihn mit einen letzten und aufmunternden Blick. "Ruhen Sie sich aus. Ich kümmere mich unten um den Rest."
      Ich sammelte das restliche Geschirr in der Küche ein. Das warme Wasser und das monotone Klappern der Teller taten gut, um die Begegnung mit Kyle im Fahrstuhl zu verarbeiten. Gerade als ich das letzte Glas abtrocknete, vibrierte mein Handy auf der Marmorplatte. Farrow. "Hey.", sagte ich ruhig. "Timing ist beeindruckend." meldete ich mich, während ich ein Glas abtrocknete. "Und? Hat er dich schon aus dem Fenster geworfen?", kam es trocken von der anderen Seite. Ich sah kurz hoch zur Dachterrasse, wo Kyle gerade den Rauch seiner Zigarette in den Abendhimmel von L.A. blies. "Er denkt, er spielt Katz und Maus mit mir, Farrow. Aber er hat noch nicht realisiert, dass ich diejenige bin, die die Fallen aufstellt. Chaos, Ego, unterschwellige Aggressionen... also genau wie erwartet. Aber ich hab ihn, ich habe einen Zugang gefunden. Auch wenn ich noch nicht weiß ob mir diese Rolle gefällt aber das häusliche Rockstar-Domestizierungsprogramm läuft auf jeden Fall gerade besser als erwartet."

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    • Tom

      Ich verschanzte mich in meinem Büro, lockerte die Krawatte ein wenig und stützte mein Hände auf dem Schreibtisch ab. Ich wusste das es nicht einfach mit Kyle werden wird, aber das er sich so aufführte, überschritt jegliche Grenzen. Mir war es zu viel. Alles war mir im Moment einfach zu viel. Mein Blick auf mein Laptop ließ auch nichts Gutes heißen. Es waren schon wieder an die 50 neue Emails aufgetaucht, die ich alle abarbeiten musste. Ein leises Stöhnen kam aus meinem Mund und ich setzte mich auf meinem Stuhl. Es half ja nichts und ich ging jede Email durch. Hier und da waren es Presseanfragen zu Kyle´s angeblicher kreativen Pause. Ob ich noch ein Statement dazu geben möchte oder ob die ganze Geschichte doch nicht etwa gelogen war. Ich schluckte, niemand durfte von seiner Krankheit wissen. Meine Antwort war immer die Selbe: ´Vielen Dank für ihr Interesse an der Band Triple Distortion. Wir befinden uns gerade in einer kreativen Pause. Sie können gespannt sein und schon bald werden sie wieder von uns hören.´
      Hier und da sortierte ich auch Junkmails aus. Die Ablenkung tat gut, denn ich wollte diesen Kindergarten, der da unten stattfand, keinen einzigen Gedanken schenken.
      Ein leises Klopfen ließ mich schließlich aufhorchen. Mein Blick ging zu Grace Wilson und meine Gesichtszüge wurden weicher. "Nein, sie stören nicht", sagte ich mich ruhiger Stimme. Ich sah wie sie in mein Büro tritt und wie sie das Tablett auf meinen Tisch abstellte.
      "Vielen Dank." Ein kleines Lächeln umspielte meine Lippen. "Tee, statt Kaffee? Das war eine gute Entscheidung von ihnen. Schließlich hatte ich genug Kaffee für heute." ich nahm die Tasse dankend entgegen und trank vorsichtig einen Schluck davon, ehe ich sie wieder abstellte. Mein Blick ging wieder zu ihr und ich richtete mich auf meinem Stuhl auf. "Dafür können sie ja nichts", meine Stimme blieb ruhig. "Was da unten passiert ist war zwar nicht wie erhofft, aber auch nicht das Schlimmste was heute hätte passieren können."
      In meinen Gedanken spielte sich heute morgen noch viel mehr andere Szenarien ab, als wie es eigentlich gekommen ist.
      "Du hast die Situation irgendwie gelenkt." Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und mein Blick wurde ein wenig amüsierter, als sie erwähnte das mein Bruder "angebissen" hatte. "Sehen sie. War doch gar nicht so schwer. Typisch für ihn." Ich atmete erleichtert aus und war wirklich dankbar das Grace hier ist.
      Ich nahm die Tasse Tee wieder in meine Hand und trank dieses Mal einen großen Schluck davon. Er hatte etwas beruhigendes. Das sie das Bier ausgetauscht hatte, ließ mich wieder schmunzeln. "Ich bin beeindruckt, aber ich hoffe sie lassen mir wenigstens meinen Whiskey. Trotzdem kann ich ihnen sagen das Kyle in etwa..", ich sah auf meine Uhr "..sagen wir mal in zehn Minuten mitbekommt, das es alkoholfrei ist und wieder unten aufschlägt und eine Szene macht." Ich stellte die Tasse auf den Tisch ab und umklammerte sie weiterhin mit meinen Händen. "Ich denke sie werden das schon im Griff haben." Ja ich vertraute ihr, auf eine Art und Weise und ich wusste das sie nicht locker lassen wird.
      Als das Gespräch auf die Ärzte gelenkt wurde, schluckte ich kurz. Mein amüsierter Blick wurde wieder etwas weicher, zerbrechlicher.
      "Nun..", ich atmete tief ein und aus. "Die Ergebnisse sind da und wie es aussieht habe die Medikamente angeschlagen. Doch der Arzt hat mir ausdrücklich gesagt das Kyle jede Woche ins Krankenhaus muss um seine Dosis zu holen und sich untersuchen lassen. Nur so kann er garantieren, das die Krankheit eingedämmt wird und sich nicht verschlimmert." Und das wird nicht einfach sein, das wusste ich. Kyle würde die ganze Sache ein paar Mal mitmachen, doch dann würde er es im Sande verlaufen lassen.. und davor hatte ich große Angst.
      "Für sie heißt das: Flexibilität. Und… ein bisschen Fingerspitzengefühl, wann Kamera angebracht ist und wann nicht. Aber ich vertraue ihnen da." Es war kein Vorwurf nur eine leise Bitte von meiner Seite aus.
      Als sie sich zum Gehen wandte stand ich von meinen Stuhl auf. "Sie tuen schon mehr als erwartet." Ich nickte ihr dankbar zu. Bei ihren letzten Worten musste ich wieder leicht schmunzeln. "Ein bisschen dagegenhalten kann mein Bruder gut vertragen. Vielleicht braucht er das auch." Ich ließ sie wieder gehen und setzte mich zurück auf meinen Stuhl. Ich betrachtete das Tablett mit den Schnittchen und schüttelte lächelnd den Kopf. Sie war genau die Richtige für den Job. ich griff nach den Schnittchen und biss genüsslich davon ab. ehe ich mich wieder an die Emails machte.


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      Kyle

      Wir hatten Spaß, ließen Musik laufen und unterhielten uns gut. Ich setzte die Flasche Bier an und trank einen größeren Schluck, doch irgendwas stimmte nicht. Ich verzog allmählich mein Gesicht und die beiden Jungs musterten mich fragend. Meine Augen verengten sich minimal. "..warte mal." Ich drehte die Flasche ein Stück, sodass ich auf das Etikett schauen konnte. Prüfend fuhr ich mit meinem Finger darüber und ein kurzes trockenes Lachen entwich mir. "Das ist nicht ihr Ernst?" Auch Vince und Phil sahen auf die Flaschen und prusteten los. Ich wandte meinen Kopf zu ihnen und funkelte sie verärgert an. "Das ist nicht lustig." Die beiden Jungs versuchten sich das lachen zu verkneifen, aber es gelang ihnen nicht. "Sie hat uns voll reingelegt und ihr lacht darüber?" Die Jungs zuckten mit den Schultern und amüsierten sich weiter darüber. Ich erhob mich von der Loungecouch und ging in Richtung Treppe. Sie will es also nicht anders.
      Das Lachen und die Musik hinter mir wurden leiser, als ich die Treppe nach unten lief. Mit jedem Schritt wurde mein Blick ernster. Die Flasche drehte ich noch immer leicht in meinen Fingern, als müsste ich mich daran erinnern das das wirklich gerade passiert war.
      Ich lief durch den Flur in Richtung Metalltreppe und stieg diese hinab. Dort stand sie und räumte unser Geschirr weg. Ich lief auf sie zu und blieb ein paar Schritte vor ihr stehen. "Grace", meine Stimme klang ruhig, zu ruhig. Als sie sich zu mir umdrehte, hob ich die Flasche vor ihr Gesicht. "Willst du mir irgendwas erklären?" Ich musterte sie und drehte die Flasche so, das sie das Etikett lesen konnte. "Dachtest du wirklich ich merk das nicht? Mein Blick lag prüfend auf ihr und ich war verdammt wütend. Innerlich kochte ich. Ich atmete kurz scharf aus. "Was bist du meine Aufpasserin?" Ich ließ die Flasche wieder sinken und fuhr mir mit der freien Hand durch meine Haare. "Du hast kein Recht dazu. Du kannst mich nicht kontrollieren, Grace." Ich hielt kurz inne, presste die Lippen zusammen, als würde ich den nächsten Satz eigentlich runterschlucken wollen, aber ich sprach ihn trotzdem aus. "Niemand kann das. Weder du noch mein Bruder." Diese Worte hingen einen Moment zwischen uns. Ich hob die Flasche noch einmal kurz an, ehe ich sie unsanft auf die Theke stellte.
    • Grace

      Ich spülte den letzten Teller ab und ließ das Wasser noch einen Moment über meine Finger laufen, bevor ich das Tuch nahm. Ich spürte sein Gestampfe und Getrampel schon, bevor er das erste Wort sagte diese geladene, schwere Präsenz, die wie ein aufziehendes Gewitter den Raum füllte. Ich trocknete mir in aller Seelenruhe die Hände ab, Finger für Finger, und drehte mich erst dann langsam um. Er hielt mir die Flasche vors Gesicht, als wäre sie ein Beweismittel in einem Hochverratsprozess. Die Spannung in seinem Kiefer verriet alles. Ich ließ ihn ausreden, beobachtete das Beben in seinem Blick und lehnte mich dann entspannt mit der Hüfte gegen die Marmorplatte. Kein Ausweichen, kein Beschwichtigen. Doch ein leicht amüsiertes Lächeln konnte ich leider nicht unterdrücken. "Erklären?", wiederholte ich gelassen. "Du wolltest doch, dass ich dich überrasche. Du wolltest doch ein Katz-und-Maus-Spielchen? Bitteschön, da hast du es. Du willst echtes Bier? Dann besorg dir welches. Anscheinend gibst du dich eben mit dem zufrieden, was man dir direkt vor die Nase stellt und beschwerst dich hinterher." Ich stieß mich von der Arbeitsplatte ab und machte diesen einen, entscheidenden Schritt auf ihn zu, bis die Distanz wieder so gefährlich gering war wie unten im Flur. "Und nein, ich bin nicht deine Aufpasserin. Das wäre mir viel zu eintönig und auch irgendwo zu anstrengend. Ich seh ja wie Mr. Miller daran zu Grunde geht. Aufpasser kontrollieren Verhalten. Ich kontrolliere nur die Bedingungen, unter denen ich arbeite. Und ich arbeite nicht mit Leuten, die sich die Sinne vernebeln, nur weil sie mit der Realität nicht klarkommen. Wenn du glaubst, dass Freiheit darin besteht, eine Flasche Bier zu trinken, die nach Blech schmeckt... dann bist du noch viel verzweifelter, als ich dachte." Ich sah, wie er die Lippen zusammenpresste. Meine Stimme wurde leiser, aber sie behielt diese scharfe, britische Kante. "Bloody hell. Du verwechselst da was ganz gewaltig. Hier versucht niemand, dich zu kontrollieren, Kyle. Dein Bruder versucht, dich am Leben zu halten. Das ist ein Unterschied. Und ich? Ich sorge nur dafür, dass du mir nicht mitten in meinem Job kollabierst. Wäre nämlich ein verdammt schlechter Shot für dein Comeback aus der angeblichen Kreativpause." Ich griff nach der Flasche auf der Theke, die er dort so unsanft abgestellt hatte. Ganz beiläufig setzte ich sie an, nahm einen ordentlichen Schluck und sah ihn dabei direkt an. "Hmmm... Schmeckt doch gar nicht mal so beschissen", sagte ich trocken, während ich mir mit dem Handrücken über die Lippen fuhr. "Ich weiß gar nicht, was du hast. Vielleicht fehlt dir einfach nur der Kater danach als Bestätigung für deine Existenz." Ich stellte die Flasche mit einem präzisen Klack zurück auf den Marmor.Ich legte den Kopf schief und fixierte ihn mit meinen Augen. "Also, was ist jetzt, Panorama-Prinz? Willst du weiter den beleidigten kleinen Jungen spielen, der sich von mir bevormundet fühlt, oder fängst du endlich an, dich wie der Mann zu benehmen, der du angeblich bist? Akzeptier einfach, dass ich dir gerade den Abend gerettet habe oder verbing deine Zeit mit schmollen. Deine Entscheidung."
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