Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Als Jay zu ihnen trat zeigte sich der weiche, klebrige Kern von Ignacio Di Natale. Er zog Jay zwischen sich und Santi und zeigte dem Geschäftsmann, wie ein Smoker funktionierte. Hier und da hakte sich Santi ein, um seinem Vater mit Übersetzungen zu helfen.
      "Lass dich von ihm nicht verarschen, Jay," meinte Santi. "Das ist mein Smoker, den hab ich vor ein paar Jahren angeschafft. Papito ist ein Grillmeister, aber der Smoker ist mein Baby. Für sowas braucht man Geduld."
      Er öffnete den Smoker und zeigte Jay, dass das Ding noch vollkommen leer war. Bisher hatten sie sich nur darum gekümmert, den besagten Rauch aufzubauen.
      "Die Temperatur muss durchgängig stimmen und je nachdem, was du machst, kommt's sogar auf die Holzsorte an," erklärte Santi, während er das erste, große Stück and Rippen in dem Smoker parkte.
      Das Fleisch hatten sie gar nicht groß bearbeitet, nur ein bisschen gewürzt. Den Rest würde der Smoker und die Beilagen erledigen.
      "Am Anfang muss richtig Rauch in dem Ding stehen, sonst wird das nicht. Zwei Stunden lang musst du das babysitten, danach kannst du Spaß haben."
      Santi wuchtete die zweite Reihe Rippen auf den Smoker und klappte alles wieder zu.
      "So. Essen gibt's in sechs Stunden," verkündete er grinsend.
      Er nahm noch einen Schluck Limonade.
      "Hattest du Gelegenheit, die Paella zu futtern, die euch dagelassen habe?" fragte er. Er sah sich um, dann lehnte er sich näher zu Jay und murmelte: "Wenn ja, dann tut ein Kompliment an die Köchin immer gut. Meine Mutter ist zwar jetzt schon ein Fan von dir, aber wenn du ihr Essen lobst, bist du direkt das Lieblingskind."
      Mit einem Zwinkern richtete sich Santi wieder auf und suchte sich Lewis, dem er prompt einen Arm um die Hüften legte. Just in diesem Moment drehte seine Mutter Musik auf und Santi begann, ohne mit der Wimper zu zucken, mit Lewis zu tanzen. Dem wurde es schnell zu viel und Santi ließ ihn in Ruhe. Dafür kam seine mamá rüber und Santi tanzte ein bisschen mit ihr. Sein innerer Argentinier kam durch, wann immer die Rhythmen seiner Heimat hörte, da war Santi einfach machtlos. Selbst Ignacio wippte ein bisschen im Takt.


    • Jay sah vom einen Mann zum anderen und ließ sich mit ehrlichem Interesse erklären, wie der Smoker funktionierte. Dabei war er noch deutlich verunsichert, was er von dem großen Santiago und seinem schmächtigen Vater halten sollte, aber zumindest gewöhnte er sich langsam an die Umgebung. Ein Ghetto wäre für den Mann wahrscheinlich viel erträglicher gewesen. Das hier musste so weit von seinem Leben entfernt sein, wie es nur möglich war.
      "So. Essen gibt's in sechs Stunden."
      Jay stieß einen Atem aus. Soviel dazu, sich wenigstens auf die Rippchen zu freuen.
      "Hattest du Gelegenheit, die Paella zu futtern, die euch dagelassen habe?"
      Jay nickte.
      "Die war super, echt gut. Hat geschmeckt wie aus dem Restaurant."
      "Dann tut ein Kompliment an die Köchin immer gut. Meine Mutter ist zwar jetzt schon ein Fan von dir, aber wenn du ihr Essen lobst, bist du direkt das Lieblingskind."
      Jays Augenbrauen schossen hoch, aber dann nickte er. Das mit dem Fan sein war noch sichtlich neu für ihn, aber bei den ganzen neuen Dingen, die er in der letzten halben Stunde hatte ertragen müssen, war es dann vermutlich gar nicht mehr so überraschend. Mit etwas mehr Selbstbewusstsein hielt er nach Rosa Ausschau und ging auf sie zu, als sie wieder auftauchte. In der Zwischenzeit ließ sich Lewis an Santiago ziehen und kreischte überrascht auf, als der plötzlich anfing zu tanzen.
      "Woah! Immer langsam, Großer!"
      Lewis tanzte nicht; naja, gewissermaßen schon, aber das Rumgehüpfe im Club konnte man wohl kaum mit dem vergleichen, was Santiago jetzt abzog. Entsprechend überfordert hielt er sich an Santiago fest, bevor der ihn wieder gehen ließ, damit seine Hand nicht zu leiden hatte. Lewis lachte ein bisschen, als er dafür mit seiner Mutter zu tanzen anfing. Das war ein wirklich merkwürdiges Paar, aber irgendwie passte es auch. Das Tanzen passte zu Santiago genauso sehr wie jemanden zu verprügeln. Was für ein interessanter Gegensatz.
      Sobald Rosa wieder frei war, machte sich Jay an seinen Versuch.
      "Ma'am, ich möchte mich für die Paella neulich bedanken, sie war wirklich gut, echt klasse. Sie sind eine begnadete Köchin."
      Lewis, dem die Unterhaltung nicht entging, stellte sich neben Jay, um die Chance bloß nicht zu verpassen.
      "Das ist echt eine Meisterleistung, dass es ihm geschmeckt hat. Sonst isst er nur Tiramisu."
      "Stimmt doch gar nicht."
      "Klar. Ich erinnere nur an die Tiramisu-Diät in der Grundschule. Unser Tiramisu Junge."
      Er grinste und legte Jay den Arm um den Nacken, der ein bisschen peinlich berührt dreinsah.
      "Ich esse auch anderes als - au! Lass das, Lew."
      Lewis hatte seinen Griff verstärkt und nahm Jay mit geübten Handgriffen in den Schwitzkasten. Der jüngere Bruder, der aber ein bisschen größer war, zappelte erfolglos herum.
      "Lass das!
      "Tiramisu-Boy."
      "Lewis!"
      Grinsend ließ er ihn los und Jay stolperte. Dann hatte er sich gefangen und strich sich die Haare zurück, bevor er Lewis anfunkelte.
      "Idiot."
      "Selber."
      Zum Schluss lächelten aber beide wieder.
    • Nach dem ersten Lied gab Santi seine mamá wieder frei und machte sich stattdessen daran, seinem papito mit dem Smoker zu helfen. Sie mussten regelmäßig Holz nachlegen, um den Teil mit dem Rauch auch richtig hinzubekommen.
      "Mach dich nützlich, Junge," brummte sein Vater und deutete auf einen dicken Holzblock, in dem eine Axt steckte. "Dafür hast du doch deine vielen Muskeln."
      Santi schüttelte lächelnd den Kopf und setzte seinem Vater seine Sonnenbrille auf den beinahe komplett kahlen Kopf. Im Hintergrund keiften sich die Brüder. Santi beobachtete die beiden kurz und fragte sich unweigerlich, wie es sich wohl anfühlte, einen Bruder zu haben. Es sah spaßig aus. Nervig, aber auch spaßig.
      "Tiramisu mache ich zwar nicht, aber wenn du das so gern isst, dann wird dir der Nachtisch heute auch bestimmt gefallen," meinte Rosa, was Santis Augen funkeln ließ. Er wusste ganz genau, was das hieß - er würde eine Menge Holz hacken müssen, um genug Kalorien zu verbrennen.
      Er knöpfte sein Hemd auf und zog es aus, sodass er nur im Unterhemd dastand. Er packte die Axt und zog sie aus dem Block, dann platzierte er ein Stück Holz darauf und ließ die Axt mit ordentlich Wucht darauf krachen. Das Stück brach nach nur einem Schlag entzwei. Die beiden Teile zerlegte er noch einmal, dann nahm er sich das nächste Stück Holz. Die Beschäftigung war gut.
      "Mi hijo, wir haben immer noch keinen Kamin, du musst nicht gleich alles zerlegen," mahnte Rosa mit einem Kopfschütteln, nachdem Santi schon fünf Stücke geviertelt hatte.
      "Aber so..." gab Santi schnaufend zurück, "muss ich's nur einmal machen... und kann danach... dein Essen genießen."
      "Du genießt mein Essen doch immer, hijo mio."
      Santi ließ die Axt in dem Block stecken und begann, die geviertelten Holzteile zu stapeln. Sein Vater nahm ihm zwei davon ab und legte sie gleich in den Smoker.
      "Je mehr Holz ich hacke, desto mehr kann ich essen," entgegnete Santi, was seine Mutter zum Lachen brachte.
      "Du machst das doch nur, weil Luis dir dabei gern zusieht."
      Santi grinste. Das war auch ein Grund dafür, ja.


    • Lewis war nur einen weiteren Moment von Rosas Gespräch mit Jay abgelenkt, nämlich genau so lange wie Santiago brauchte, um sein Hemd aufzuknüpfen. Neugierig geworden sah er hinüber und beobachtete dann mit einiger Befriedigung, wie der Mann zur Axt griff und begann Holz zu hacken. Der Anblick war absolut absurd bei dem Mann, der Menschen mit seinen bloßen Händen erwürgte, aber zur gleichen Zeit hätte Lewis niemals etwas gegen einen muskulösen, heißen Mann, der in seinem Garten Holz hackte, einzuwenden. Konnte man da einen dreckigen Witz draus machen? Ganz bestimmt.
      Er tippte Jay mit dem Ellbogen an und alle drei wurden auf Santiago aufmerksam.
      "Mi hijo, wir haben immer noch keinen Kamin, du musst nicht gleich alles zerlegen", sagte Rosa zu ihm, was den Mann kaum interessierte. Jay neigte den Kopf ein bisschen.
      "Ah - das ist für den Smoker? Macht eigentlich Sinn."
      "Das mein ich doch nicht", zischte Lewis, der manchmal nicht fassen konnte, wie Jay das offensichtliche nicht sah. Unglaublich dieser Mann.
      "Das ist doch ein Ausblick, was?"
      "Achso", sagte Jay nur und für einen Moment sahen beide Brüder dabei zu, wie Santiago sein Holz hackte. Lewis beobachtete wie sein Bizeps sich bewegte und leckte sich die Lippen. Jay zuckte mit den Schultern.
      "Ja. Ist ganz nett."
      "Ganz nett?"
      Lewis fasste sich an die Stirn.
      "Sein Shirt liegt perfekt an, du kannst alles sehen, was du sehen musst, und du findest es ganz nett? Man, ich werd dich nie verstehen."
      "Musst du auch nicht. Ma'am, brauchen Sie noch Hilfe?"
      Jay ging Rosa nach, offenbar mit einem gewissen Verpflichtungsgefühl, nachdem sie ihn mit Nachtisch gelockt hatte. Vielleicht auch um herauszufinden, welchen Nachtisch es genau gab. Lewis schüttelte den Kopf und ging zu Santiago, um ihm die Limonade anzubieten.
      "Hier, sexy. Weißt du, ich hab Zuhause auch einen Baum, der unbedingt mal gehackt werden muss."
      Dann grinste er breit und wackelte mit den Augenbrauen. Dreckiger Witz gefunden und erfolgreich ausgeführt.
    • Santi nahm die Limo entgegen und trank in einem Zug das halbe Glas leer.
      "Irgendwas sagt mir, dass du deinen Baum nicht abgehackt sehen willst," gab er ohne zu zögern zurück. "Aber ich kann mich gern auch so um ihn kümmern, wenn du mich lässt."
      Santi leckte sich demonstrativ über die Unterlippe, aber ganz sicher nur, um Limoreste loszuwerden.
      Ohne Vorwarnung schoss seine Hand nach vorn und schlang sich um Lewis' Hüfte. Er zog ihn an sich und küsste ihn frech.
      "Wie geht's Jay? Hat er sich schon an das Leben in einer Romcom gewöhnt, oder ist er noch total verwirrt?"
      Er ließ Lewis wieder los und ließ ihn sein Limoglas halten, während er zurück in sein Hemd schlüpfte und es schnell wieder zuknöpfte. Dann kehrte er mit Lewis an den Smoker zurück, bevor sein papito noch Mist baute. Er warf einen Blick auf die Temperatur, dann einen Blick in den Smoker hinein - alles war in Ordnung. Also zog er Lewis vor sich, schlang seine Arme um ihn und legte seinen Kopf auf Lewis' Schulter ab. Er konnte nicht widerstehen und wiegte sie beide ein bisschen im Rhythmus der Musik, die im Hintergrund spielte. Warum konnte sein Leben nicht immer so friedlich sein? So normal? Ohne Angst, ohne paranoide Wahnvorstellungen, ausgeschlafen und ohne Alpträume?


    • Lewis kicherte unmittelbar. Die ganze Sache war nur umso lustiger, weil Santiagos Vater keine drei Meter entfernt stand und keine Ahnung davon hatte, wovon sie redeten. Oder so tat, als würde er es nicht verstehen. Es war quasi Lewis' Spezialität, Eltern zu ärgern.
      "Ein bisschen Trimmen würde sicher nicht schaden."
      Sein Grinsen wurde immer größer und dann sah er auf die Zungenspitze hinab, die über Santiagos Lippe strich. Okay, das war nun doch ein bisschen gefährliches Gebiet, mit den Eltern nebendran. Vermutlich sollten sie es nicht zu weit treiben, bevor es nicht rückgängig gemacht werden konnte.
      Santiago interessierte das aber wohl wenig und er packte sich Lewis, um ihn in den Arm zu nehmen. Lewis ließ sich an ihn ziehen und lachte in den Kuss hinein, bevor sie sich wieder lösten.
      "Wie geht's Jay? Hat er sich schon an das Leben in einer Romcom gewöhnt, oder ist er noch total verwirrt?"
      "Er trägt die Verwirrung mit Fassung, aber ich glaube, langsam wird's. Zeig ihm doch nochmal, wie du deine Axt bedienst, das wird ihm sicher helfen. Nein warte, das ist nur für mich. Ich genieße die Show."
      Das Grinsen blieb, während sie zurück zum Smoker gingen. Dort schlang Santiago die Arme um ihn und legte den Kopf auf seiner Schulter ab, den Lewis direkt kraulte. Eigentlich war ihm diese kitschige Kuschelei vor den Eltern fast schon peinlicher als die schmutzigen Witze. War das so normal bei Eltern oder war das wieder so eine Lewis-Sache?
      "Gibt's auch eine Vorspeise? Ich werd langsam hungrig."
    • "Geduld, callejero," raunte er Lewis ins Ohr, dann drückte er ihm einen schnellen Kuss auf den Hals. "Als ob dich meine mamá verhungern lassen würde, nur weil das Fleisch den ganzen Tag braucht. Du wirst dich gleich vor Snacks nicht mehr retten können."
      Santis Vater lächelte wissend. BBQs waren in diesem Haus eher ein offenes Buffet. Das beste Buffet der Welt.
      Just in dem Moment trat Rosa bewaffnet mit einer großen Vorspeisenplatten mit Käse, Wurstwaren, Oliven und knusprigem Brot, und allem anderen, was man für eine ordentliche picada brauchte. Santi lief direkt das Wasser im Mund zusammen.
      Er ließ Lewis los und schnappte sich ein Stück Brot, bevor seine mamá das Tablett abgestellt hatte. Sie schalte ihn kurz auf spanisch und schlug ihm leicht gegen den Oberarm. Santi grinste bloß und tunkte das Stück Brot in einen der hausgemachten Dips seiner Mutter, bevor er damit zu Lewis ging und es ihm hinhielt.
      "Ist auch nicht zu scharf, versprochen," meinte er.

      Die Stunden vergingen wie im Flug. Ganz wie es sich für ein argentinisches BBQ gehörte, verbrachten sie viel Zeit zusammen, unterhielten sich über dies und das. Sie machten sogar Tortillas für später zusammen - eine Tätigkeit, die Lewis' Magie nicht auslösen würde. Rosa hatte die beiden Brüder sofort adoptiert und zeigte Jay, wie man ein ordentliches Chimichurri machte, während sich Santi damit beschäftigte, Salsa criolla zu machen. Hin und wieder kümmerte er sich auch um den Smoker, damit ihr Fleisch auch gut wurde.
      Und dann war es endlich so weit: nach nicht ganz sechs Stunden öffnete Santi den Smoker ein letztes Mal und holte die Rippchen heraus. Er drapierte sie auf einem alten, geliebten Holzschneidebrett, wo er es mit gekonnten Bewegungen in seine Einzelteile zerlegte, die er dann der Reihe nach servierte. Kurz darauf flogen die Beilagen über den Tisch, bis jeder einen vollen Teller hatte.
      "Disfrútala," wünschte Santi.
      "Unseren Dank an den Grillmeister," entgegnete Rosa und prostete ihm mit einem Glas Limonade zu. Sein Vater brummte zustimmend.


    • Lewis musste wirklich nicht lange warten, dann gab es schon die ersten Häppchen zu essen. Wie so alles bei den Natale war es so unglaublich lecker, dass er kaum genug davon bekommen konnte, dabei waren die Rippchen noch gar nicht fertig. Er musste sich beherrschen, um nicht vor dem eigentlichen Highlight schon satt zu werden. Das wäre ja eine Verschwendung.
      Mit Santiago machte er Tortillas zusammen, Jay wurde von Rosa mit eingespannt, um Chimichurri zu machen. Der Mann hielt noch immer recht förmlichen Smalltalk mit Santiagos Mutter, was für Lewis ein direktes Zeichen war, dass er immernoch nicht ganz mit der Situation klarkam. Sollte er ruhig ein bisschen leiden, Lewis fand es schön, mal zu sehen, dass es solche Eltern auch außerhalb des Fernsehens gab. Jay sollte davon genauso der Kopf verdreht werden wie ihm.
      Damit verflogen die Stunden wie im Flug und als es endlich soweit war, saßen sie alle ganz ungeduldig am Tisch, während Santiago die Rippchen holte. Lewis stieß bewundernde Töne aus, als er die Kreation erblickte, und dann stöhnte er regelrecht, als er sich das erste und noch heiße Stück in den Mund stob.
      "Man ist das gut! Fuck!"
      Das Fleisch zerfloss ihm geradezu auf der Zunge und dazu auch noch die Soße...
      Er war im siebten Himmel gelandet. Genüsslich rollte er mit den Augen.
      Jay neben ihm war etwas weniger ausdrucksstark, dafür wurden seine Augen groß und er fing an zu nicken, und das unaufhörlich.
      "Sehr gut. Wirklich sehr gut."
      "Fan-tas-tisch!"
      Lewis wusste jetzt schon, dass er die Knochen sauber lecken würde. Scheiß auf die Förmlichkeit, sowas hier konnte er sich nicht entgehen lassen. Keinen Krümel davon.
      "Ist das hier normal, dass alle so gut kochen können?", fragte Jay mit einem Lächeln. Auch er konnte kaum die Finger von seinen Rippchen lassen.
      "Und kann man sich hier zu einem Kochkurs einschreiben?"
    • "Ey," Santi schlug Lewis sanft gegen den Oberarm, so wie seine Mutter vor einigen Stunden noch ihm, als er sich ein Stück Brot stibitzt hatte. "Was hab ich dir über's Fluchen im Haus meiner Mutter gesagt?"
      Aber der Tadel ging schnell unter in einem Haufen Komplimente, die erst an ihn und dann an seine Mutter gerichtet wurden. Und in dem verdammt guten Essen, dass sie zusammen auf den Tisch gebracht hatte.
      "Ich kann nicht so gut kochen, chico," scherzte Santis papito. "Ich bin nur gut im Essen, was meine Rosa mir auf den Tisch stellt."
      Santis Mutter lächelte und, wenn man genau hinsah, konnte man auch sehen, dass sie ein bisschen errötete. Seine Eltern waren schon so lange zusammen und trotzdem schafften sie es immer wieder, sich aufs Neue ineinander zu verlieben, wie am ersten Tag. Santi fand das wunderschön.
      "Wenn du kochen lernen willst, Jay, dann bringe ich dir gern ein bisschen was bei," meinte Rosa dann und tätschelte ihm die Hand ein bisschen. "So schwer ist das gar nicht."
      Das musste das erste Mal sein, dass jemand Jay so ein Angebot machte - dass eine Mutter ihm so ein Angebot machte - wurde Santi in diesem Augenblick klar. Lewis und Jay hatten ja nie wirklich Eltern gehabt.
      Santi schob seine Hand über den Tisch zu Lewis' und verschränkte ihrer beider Finger miteinander.
      "Hab dir ja gesagt, dass ihr sofort adoptiert werdet," meinte er mit einem Lächeln, bevor er einen sanften Kuss auf Lewis' Handrücken setzte.


    • "Aber das ist wirklich verdammt gut", beharrte Lewis, wobei er Rosa dann doch einen Blick zuwarf. "Sorry."
      "Wenn du kochen lernen willst, Jay, dann bringe ich dir gern ein bisschen was bei", sagte Rosa gutmütig in einer Art, wie es wohl nur alte, argentinische Mütter tun konnten, und dafür starrte Jay sie einen Moment lang wortlos an. Auch Lewis konnte es spüren, dieses Gefühl von... was war es, Freundschaft? Er hatte kein Wort dafür. Ein warmes Gefühl, das ihm den Rücken hinab kroch, wenn er Santiagos Mutter so betrachtete. So musste es sich also anfühlen, eine Mutter zu haben, die auch mal Mutter war, was? Die auch über ihren eigenen Profit hinaussehen konnte, um Liebe zu zeigen? Oder Zuneigung? Lewis fand das komisch. Es war so ungewohnt, dass es komisch war.
      Und Jay schien wohl ähnlich überfordert, denn bevor er antwortete sah er zu Lewis zurück, ganz wie er es als kleiner Junge getan hatte, wenn ihre Eltern sich wieder stritten und nur Lewis da war, um ihm einen Ankerpunkt zu geben. Nur waren sie nicht mehr klein und ihre Eltern stritten sich auch nicht mehr, deswegen blinzelte Jay ihn nur an, bevor er mit einem Lächeln zurück zu Rosa sah.
      "Gerne. Das würde mich freuen."
      Und Lewis fühlte eine merkwürdige Befriedigung darin, seinen Bruder endlich angekommen zu sehen. Er verschränkte die Finger mit Santiago und rutschte ein Stück näher zu ihm heran.
      "Hab dir ja gesagt, dass ihr sofort adoptiert werdet", sagte Santiago lächelnd, was Lewis mit einem Schnauben übertönte. Niemals hätte er sich die Gefühle anmerken lassen, die in ihm durch diese stumpfsinnige Unterhaltung aufgewallt waren. Das war einfach nicht seine Welt. Es war zwar ganz schön hier, das alles, aber es war einfach nicht seine Welt. Er gehörte hier ganz sicher nicht hin, auch wenn es schön war, an Santiagos Welt teilzunehmen. Teilnehmen, sich nicht darauf einlassen.
      "Von wegen adoptiert. Wenn wir adoptiert werden, dann sind wir - du und ich - Halbbrüder. Das grenzt ja schon an Inzucht, man."
      Er grinste und schob sich noch ein Stück Rippchen nach. Eigentlich sollte er gar nicht aufhören zu essen bei dem guten Geschmack. Es ging runter wie Honig.
      Jay starrte jetzt beim essen seinen Teller an und bemühte sich sichtlich, mit der Situation zurechtzukommen. Schließlich wagte er sich wieder an Smalltalk heran.
      "Also - Sie haben doch sicher ein paar Kindergeschichten über Santiago auf Lager, oder? Das würde mich schon interessieren, wie er gleichzeitig in seinem Beruf gelandet und in einem wunderbaren Elternhaus aufgewachsen ist. Die Kombination scheint mir eher ungewöhnlich."
    • Santi lehnte sich weit rüber zu Lewis und wisperte in sein Ohr: "Ich dachte du magst es tabu."
      Dann wandte er sich wieder seinem Essen zu, als sei nichts gewesen. Er liebte es, Lewis auf diese Weise zu ärgern. Sein Gesichtsausdruck, wenn er krampfhaft versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, was Gold wert.
      "Also - Sie haben doch sicher ein paar Kindergeschichten über Santiago auf Lager, oder? Das würde mich schon interessieren, wie er gleichzeitig in seinem Beruf gelandet und in einem wunderbaren Elternhaus aufgewachsen ist. Die Kombination scheint mir eher ungewöhnlich."
      Jetzt war es Santi, der sich zusammenreißen musste. Er verschluckte sich beinahe an seinen Rippchen, und musste ordentlich mit Limo nachspülen. Erst recht, als ihm seine Mutter einen Blick zuwarf, den er nur zu gut kannte.
      "Ach, ich glaube schon, dass das mit uns zu tun hat," meinte Rosa. "Weißt du, wir haben ihm beigebracht, immer auf andere Acht zu geben. Und irgendwie macht er das ja auch bei seinen Türsteher-Jobs."
      Rosa lächelte Santi zu, wie es nur ein stolze Mutter konnte. Und Santi fühlte sich geehrt. Zwar war er kein Türsteher, aber er passte auf Leute auf, oder auf irgendwelche Waren, je nachdem. Er durfte sich das Kompliment also durchaus auf die Fahne schreiben.
      "Früher hat er hauptsächlich auf Streuner aufgepasst."
      "Mamá..."
      "Nein, nein, lass mich erzählen. Ich habe das schon immer unglaublich süß gefunden, weißt du."
      Das hatte sie mit voller Absicht gesagt und das wussten sie beide. Santi schüttelte den Kopf und versuchte, sich auf sein Essen zu konzentrieren.
      "Also. Santi hatte dieses Talent, alle möglichen Streuner zu finden. Hunde, Katzen, einmal hat er sogar einen viel zu dicken Waschbären mit nach Hause gebracht. Er hat sie da hinten in der Gartenhütte versteckt und mit den Resten vom Abendessen gefüttert."
      Santi hatte einfach nur Freunde haben wollen. Die meisten Kinder waren vor ihm weggerannt, aber die Hunde und Katzen - und der Waschbär - konnten von ihrer natürlichen Angst abgebracht werden, indem man ihnen etwas zu Essen hinstellte. Trotzdem hatte Santi auch bei ihnen meistens auf Abstand bleiben müssen, um sie nicht zu vertreiben.
      "Ich bin nur froh, dass er nie auf die Idee kam, die Ratten hier in New York zu füttern. Auf denen kann man ja geradezu reiten!"


    • Santiago verschluckte sich fast und Lewis warf ihm einen grinsenden Blick zu. Wurden jetzt die peinlichen Kindergeschichten ausgepackt? Man, das wäre schon lustig, sowas über Santiago zu hören.
      "Ach, ich glaube schon, dass das mit uns zu tun hat. Weißt du, wir haben ihm beigebracht, immer auf andere Acht zu geben. Und irgendwie macht er das ja auch bei seinen Türsteher-Jobs", sagte Rosa, wobei Jay merklich stutzte. Das, was er von dem Mann mitbekommen hatte, war ganz und gar nicht auf dem Niveau eines Türstehers, aber er begriff schnell genug, um den Fehler nicht aufzuklären. Lewis hätte sich vermutlich auch nicht dazu durchringen können, dieser liebenswürdigen, alten Dame zu sagen, dass ihr einziger Sohn ein ganzes Kartell unsicher machen konnte. Auf andere Acht geben, naja, manchmal zumindest. Türsteher-Jobs war da schon die richtige Beschreibung.
      "Früher hat er hauptsächlich auf Streuner aufgepasst."
      "Mamá..."
      "Ach."
      Lewis zog eine Augenbraue hoch und sah Santiago an. Na das war ja interessant.
      "Also. Santi hatte dieses Talent, alle möglichen Streuner zu finden. Hunde, Katzen, einmal hat er sogar einen viel zu dicken Waschbären mit nach Hause gebracht. Er hat sie da hinten in der Gartenhütte versteckt und mit den Resten vom Abendessen gefüttert."
      "Ist das so, ja?", sagte Lewis, während er noch weiter Santiago ansah und anfing zu grinsen. Streuner also. Mmmmh-hm.
      "Ich bin nur froh, dass er nie auf die Idee kam, die Ratten hier in New York zu füttern. Auf denen kann man ja geradezu reiten!"
      Jay lieferte ein höfliches Lachen dazu, dann sagte er:
      "Und was hat er mit ihnen gemacht? Einfach als Haustiere behalten?"
      "Ja, was hat er denn so mit seinen Streunern gemacht?", wiederholte Lewis und kaute genüsslich auf seinem Fleisch herum, während er keine von Santiagos Reaktionen verpasste. Er hatte sich ja immer schon gefragt, wie er gerade auf so einen Spitznamen für Lewis kam. Tja, heute würde er es wohl herausfinden.
    • "¡Pero no! Wir haben keines der Tiere behalten. Wir haben sie immer ins Tierheim gebracht oder rausgefunden, wo sie herkamen und sie zurückgegeben. Wir haben einfach keinen Platz für Haustiere, weißt du. Und Santi hat auch nie gefragt, ob er eins haben kann."
      Weil selbst die Goldfische einer Nachbarin vor ihm davongeschwommen waren, hatte Santi es nie gewagt, nach einem Haustier zu fragen. Es wäre wahrscheinlich sowieso nur weggerannt. Mal ganz davon abgesehen, dass seine Eltern sich kaum ein Haustier für ihn hätten leisten können.
      "Aber er hat immer allen Tieren helfen wollen. Im Sommer mussten wir immer eine Schale Wasser für die Insekten hier ihm Garten raustellen. Das ging teilweise sogar so weit, dass Santi das Fell von Streunern behalten hat, um es Vögeln zum Nestbauen anzubieten."
      Rosa warf ihrem Sohn ein sanftes Lächeln zu und Santi senkte den Blick. Sie war so stolz auf ihn, dass es beinahe wehtat.
      "Viele haben Angst vor ihm, weil er so ein großer Muskelprotz ist. Und dann auch noch mit den ganzen Tattoos," - die generelle Aura der Angst, die die animalischen Fluchtinstinkte in Menschen auslöste half da natürlich auch nicht - "aber eigentlich ist mein Santi ein ganz lieber. Die Leute sehen das nur nie, weißt du?"
      "Mamá, bitte. Wie sollen die beiden mich denn jetzt noch ernst nehmen?"
      "Pff. Ich bin deine Mutter. Es ist mein Job, dich zu blamieren."
      Santi rollte mit den Augen.
      "Mission geglückt," grummelte er.
      "Oh schusch! Lass deine alte mamá doch mal ein bisschen stolz auf dich sein."


    • Jay nickte zu Rosas kleiner Geschichte und Lewis lehnte sich nahe zu Santiago heran.
      "Wenn du mit mir fertig bist, will ich aber nicht ins Tierheim, klar?", raunte er ihm zu und dann grinste er schon. Er lehnte sich weiter um ihn zu küssen und dann stieß er ihn mit der Schulter an. Streuner war ja auch ein wirklich furchtbarer Spitzname. Nur zu dumm, dass er sich mittlerweile schon längst daran gewöhnt hatte.
      "Aber eigentlich ist mein Santi ein ganz lieber. Die Leute sehen das nur nie, weißt du?", sagte Rosa.
      "Mamá, bitte. Wie sollen die beiden mich denn jetzt noch ernst nehmen?"
      "Tun wir nicht."
      "Tun wir nicht", kam es wie aus einem Mund und beide Brüder sahen sich an. Dann lachte Lewis und Jay schnaubte. Unter dem Tisch hielt Lewis ihm die Faust hin und Jay schlug mit seiner dagegen. Das hatten sie auch schon ewig nicht mehr getan. Bei Santiagos Eltern schien das ganze Kindische wieder hervorzukommen.
      "Eigentlich ist er auch ganz sanftmütig. Zumindest wenn er seinen Kaffee bekommen hat."
      Lewis tätschelte Santiagos Wange und grinste.
      "Er und Rosa haben sogar einen Buchclub, wusstest du das, Jay?"
      "Nein", sagte Jay und wirkte dabei ernsthaft verblüfft. Doch das erste, was er an Santiago gewandt fragte, war: "Du liest Bücher?"
      Kurz darauf wurde er ein bisschen steif und seine Gesichtsfarbe nahm ein Stück ab. Das sah umso drastischer bei seinen schwarzen Klamotten aus.
      "Das meinte ich nicht... so, ich meine nur... Ich habe schon lange keine Bücher mehr gelesen. Richtige Bücher, keine Geschäftsbücher. Was lest ihr denn so?"
      Lewis grinste ein bisschen und dann kicherte er. Eigentlich fand er es recht angenehm, dass Jay sich so mit Santiago und seiner Familie verstand. Das war bisher noch nie vorgekommen. Lewis hatte bisher ja auch noch nie einen so guten Fang wie Santiago erwischt.
      Er legte ihm die Hand auf den Oberschenkel und lehnte sich ein bisschen an ihn. Das fühlte sich wirklich gut an. So ein Leben zu haben, immer, das musste ein Hauptgewinn sein, anders konnte Lewis sich gar das nicht vorstellen.

      Aber wie jede schönen Momente ging auch dieser viel schneller vorbei, als es gut gewesen wäre, und bald fanden sie sich doch in der Einfahrt wieder. Rosa verteilte ihre herzlichen Umarmungen und betonte dabei immer wieder, wie schön es war sie bei sich zu haben und dass sie jederzeit willkommen waren und dass Santiago sie mal wieder besuchen sollte und was herzliche Mütter wie sie sonst immer so von sich gaben. Schließlich waren sie bei Santiagos Wagen.
      "Soll ich dich mitnehmen?", fragte Jay an Lewis gewandt. Lewis sah zu Santiago und ließ es sich durch den Kopf gehen, entweder bei Santiago oder in Jays Wohnung zu schlafen. Die Antwort war wohl naheliegend.
      "Ne, ich fahr mit ihm."
      "Kommst du morgen ins Büro?"
      Morgen - da würde der Stick endlich kommen. Lewis schüttelte wieder den Kopf.
      "Morgen nicht."
      "Dann schau zumindest die Nachrichten. Unsere Auftraggeber sitzen uns noch immer im Nacken."
      Damit meinte er natürlich das Kartell und Lewis nickte.
      "Klar."
      Jay sah Santiago an.
      "Hat mich gefreut. Hoffentlich sieht man sich bald wieder."
    • Nach dem herausragenden Essen machten sie gemeinsam den Abwasch. Jay stand mit Santis Mutter an der Spüle, Lewis und Santis papito trockneten ab, und Santi räumte alles weg. Anschließend entführte Santi den jüngeren Castro Bruder und zeigte ihm, wie man den Smoker sauberzumachen hatte, während Rosa ihm einen Kaffee machte und rüberbrachte. Die Blamage über seine Veranlagung, Streuner zu sammeln und mitten in der Nacht irgendwelche Bücher zu lesen, um sie mit ein paar alten Damen zu besprechen, war lange vergessen. Im Laufe des Tages war sogar Santis papito soweit aufgetaut, dass er eigenständig Gespräche mit Jay anfing. Hauptsächlich unterhielt er sich mit dem Mann über Autos und Motoren. Santi genoss es, seinen papito so zu sehen. Kam selten genug vor, dass der Mann so viel plapperte, und dann auch noch auf Englisch.

      Santi drückte seine Eltern beide fest zum Abschied. Er lachte leise, als sowohl Jay, als auch Lewis beide eingeladen wurden, einfach vorbeizukommen, wenn ihnen danach war. Und, ganz wie Santi es erwartet hatte, seit seine Mutter es geschafft hatte, herauszufinden, ob Jay eine Partnerin oder einen Partner hatte: "Nächstes Mal stelle ich dich Inés vor. Ihre Tochter, Maya, ist eine ganz Hübsche. Clever, auch. Sie hat studiert, weißt du?"
      Hätte Santi etwas sagen können? Ja. Aber es war viel lustiger, Jay dabei zu beobachten, wie er im Licht einer einsamen Straßenlaterne knallrot wurde und versuchte, die richtigen Worte zu finden.
      Rosa tätschelte ihm die Wange, dann verabschiedete sie sich mit einer dicken Umarmung auch von ihm. Lewis war als nächstes dran. Dann verschwanden Santis Eltern zurück in ihr kleines Haus. Es war fast Mitternacht, also würden sie direkt ins Bett gehen.
      "Hat mich gefreut. Hoffentlich sieht man sich bald wieder."
      "Wenn's nach meiner Mutter geht, dann bald," gab Santi zurück. "Gute Nacht."
      Er hielt Lewis die Beifahrertür auf, bevor er selbst einstieg. Sobald er den Gang eingelegt und sich in den nächtlichen Verkehr eingefädelt hatte, ergriff er Lewis' Hand und legte seinen Arm auf die Mittelkonsole, sodass sie ohne Probleme ihre Finger miteinander verschränken konnten.
      "Hat's dir gefallen?" fragte er, die Augen fest auf die Straße gerichtet.


    • "Es war super. Die Rippen waren toll und deine Mom ist so niedlich. Hast du Jays Miene gesehen, als sie ihm von Maya erzählt hat? Ha! Das werde ich ihn nie vergessen lassen. So ein Idiot."
      Er drückte Santiagos Hand. Der Tag war wirklich schön gewesen, wie in einem Märchen oder sowas. Es war zwar nicht Lewis' Welt, aber es war eine schöne Welt, eine, die er gerne besuchen kam. Aber auch nur, weil es Santiago war.
      Sie kamen spät nachhause und faulenzten noch auf der Couch, bevor sie ins Bett gingen. Lewis schlief wie ein Baby, gemütlich an Santiagos Seite gekuschelt. Ja, es war ein wirklich guter Tag gewesen. Noch ein bisschen mehr Party und er konnte sich an so ein Leben echt gewöhnen.
      Am nächsten Tag rauchte er zwei präventive Joints zum Frühstück, um sich auf die Fahrt vorzubereiten. Santiago hatte ihm zwar gesagt, dass der Stick nur an einem Postfach abzuholen war, der in keiner Verbindung mit Santiago stand und öffentlich genug war, um den nötigen Schutz zu gewährleisten, aber Lewis ließ ihn trotzdem nicht alleine fahren. Ganz bestimmt nicht. Lieber nahm er die meisten Straßen-Knoten auf sich, die New York so zu bieten hatte, anstatt Santiago alleine gehen zu lassen. So viel konnte er sich immerhin noch nützlich machen.
      Also veranstalteten sie einen Ausflug, um den Stick zu holen, inklusive diverser Umwege, um die unsichtbaren Verfolger abzuschütteln. Eine Stunde später saßen sie an der Kücheninsel und Lewis sah zu, wie Santiago den Stick auf seinem Laptop öffnete. Technik war für Lewis eine Quelle seiner Magie, deswegen mied er sie wie die Pest. Santiago schien aber zu wissen, was er tun musste.
      Nur, dass sie eine Lieferliste bekamen, die etwa 15 Gegenstände zeigte: Eine Inventarnummer, ein Titel, ein Hersteller und ein Zeitraum. Auf den ersten Blick konnte Lewis dort rein gar nichts herauslesen.
      "Okay..."
      Gut, was hatte er schon erwartet? Dass einer dieser Gegenstände einen Titel hatte wie "Apollos Beutegut, bitte hier stehlen"? Immerhin stammte das aus einem Museum, es musste dort irgendwie fachgerecht gelagert worden sein. Nur hatte Lewis keine Ahnung von Kunstgegenständen und welcher davon keiner sein könnte. Oder suchten sie nach einem Kunstgegenstand?
      "Google die mal. Ich habe keine Ahnung, was das alles ist."
      In den nächsten zehn Minuten gaben sie also jeden Titel in Google ein und fanden dazu einen passenden Eintrag - einen sehr echten, realen und passenden Eintrag. Lewis hatte ja gehofft, dass eines dieser Stücke nicht wirklich existierte, aber anscheinend taten sie das alle. Und auf den ersten Blick sah es auch echt aus.
      "Bist du dir sicher, dass das die richtige Liste ist?"
      Aber er sah es schon selbst, es stand ganz oben ziemlich deutlich. Auch mit dem richtigen Datum und allem.
      Lewis seufzte gequält und lehnte sich zurück. So viel Aufwand wegen... gar nichts.
      "Vielleicht haben sie es nicht in die Liste geschrieben."
      Was auch keinen Sinn machte, denn die Sachen mussten schließlich alle aufgeladen werden. Das wusste Lewis aus seinem eigenen, sehr legalen Unternehmen; wenn etwas transportiert werden musste, gab es eine Liste. Und dann wurden genau so viele Gegenstände aufgeladen wie auf der Liste, keiner mehr und keiner weniger.
      "Oder es war irgendwas, was man in einem dieser Teile verstecken konnte. Oder -"
      Er lehnte sich wieder vor, dann sah er sich die Liste nochmal an.
      "Also weißt du, wenn Jay sowas machen würde, dann würde er sich wahrscheinlich irgendeinen Code ausdenken, an dem man erkennen kann, dass das der gesuchte Gegenstand ist. Natürlich nichts auf den ersten Blick offensichtliches, sondern irgendwas, das lange genug versteckt bleibt, bis der Wirtschaftsprüfer die Lust verliert. Verstehst du?"
    • Am nächsten Morgen war die Welt wieder richtig herum: Santi schlich sich kurz nach Sonnenaufgang aus dem Bett und machte Frühstück, rollte ein paar Joints für Lewis, dann weckte er ihn mit dem Lärm, den seine Kaffeemaschine machte. Frühstück gab es, weil ihm danach war, im Bett, was dem Streuner zu gefallen schien.
      Santi scheuchte Lewis ins Badezimmer, anstatt auf dessen Avancen einzugehen, damit sie vom Fleck kamen. Er hatte vorhin eine Nachricht auf einem seiner Wegwerf-Handys bekommen, dass der Stick eingetroffen war. Santi war ein geduldiger Mann, aber es juckte ihn in den Fingern, dieses Ding endlich einsehen zu können. Er mochte es nicht, wenn ihn tatsächlich jemand verfolgte und nicht nur seine Wahnvorstellungen.
      Die Fahrt zum Postfach verlief schnell genug, und hauptsächlich schweigend. An jeder Ampel, an der sie stehen blieben, drückte Santi Lewis' Arm, der fest um seinen Oberkörper geschlungen war; vielleicht sogar ein bisschen fester als nötig, um nicht vom Motorrad zu fallen. Santi gab sich Mühe, seine professionelle Paranoia im Zaum zu halten, damit Lewis ohne allzu große Kopfschmerzen davonkam, da sein Bruder ihn für heute auch noch eingespannt hatte.
      Zurück in seiner Wohnung, war Lewis ungefähr so aufgedreht wie ein Kind an Weihnachten.
      "Relájate, callejero!" lachte Santi. "Du denkst viel zu weit. Die Leute im Museum sind aller Wahrscheinlichkeit nach einfach nur Leute und ein Museum. All diese Dinge sind genau das, was hier steht."
      Was ihnen nicht unbedingt weiterhalf. Sie wussten nicht, was genau Apollo hatte stehlen wollen und sie wussten auch nicht, warum er es haben wollte.
      Aus dem Kopf heraus hatte Santi am Morgen, während er darauf gewartet hatte, dass die Eier fertig wurden, die Liste aufgeschrieben, die ihnen Apollo gegeben hatte. Der Mann hatte so sehr darauf bestanden, dass sie sich an diese spezielle Liste hielten. Ein klares Zeichen dafür, dass, was auch immer er wollte, da dabei gewesen war. Das glich er jetzt mit der Liste ab, die sie geklaut hatten. Was die Liste der Möglichkeiten schlussendlich auf vier Gegenstände reduzierte: Eine kleine Statue aus unbekanntem Metall. Der linke Arm fehlte, der Rechte war erhoben und hatte ein Loch in der Hand, als fehle da ein Schwert oder ein Speer oder sowas; ein Stein mit einem seltsam grünlichen Farbton und kleinen, perfekt quadratischen Kristallen, die daraus wuchsen, betitelt als Meteorit; eine altertümlich aussehende Halskette, die so wirkte, als sei sie gehäkelt worden, was super seltsam war angesichts der Tatsache, dass sie vollständig aus Metall gefertigt worden war, auch hier wieder ein unbenanntes; und eine Etwa Teller-große Scheibe aus einem gelben Stein, der auf Hochglanz poliert war, nachdem man haufenweise sehr detaillierte Muster in den Stein gemeißelt hatte. Alle vier sahen nach altem, teurem Zeug aus, wie es Santi gewöhnt war. Und sie alle hatten etwas gemeinsam: die Experten hatten es nicht zuordnen können. Unbekanntes Material, unbekannte Zeit der Entstehung, fehlender kultureller Kontext, es gab bei allen vieren mindestens eine Information, die einfach fehlte.
      Santi schrieb sich die Daten der vier Stücke auf.
      "Das war der einfache Teil," sagte Santi und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
      So viel Aufwand und sie waren immer noch nur ein kleines Stück weiter.
      "Ich würd mir die jetzt gern aus der Nähe ansehen, aber ich glaube nicht, dass wir nochmal zu dem Museum zurückkönnen," meinte er und massierte sich den Nacken. "Also müssen wir Nachforschungen anstellen. Historiker und Archäologen finden, die sich damit beschäftigt haben oder sich mit der richtigen Thematik auskennen."
      Er seufzte. Jericho wäre jetzt richtig hilfreich, aber Santi hatte den Knirps ja in den Urlaub geschickt. Verdammt.
      "Ich weiß, wie ich an diese Leute rankomme, aber das könnte was kosten. Nicht nur Geld."


    • Lewis wollte nicht so recht glauben, dass es wirklich das sein sollte: Einfach nur ein paar Gegenstände, die irgendwann mal ausgegraben worden waren - oder wie auch immer man auf so Zeug stieß - und dann im Museum gelandet waren. Dafür hatte Apollo einen zu großen Aufriss gemacht. Er hatte Lewis gefoltert, um an sein verlorenes Teil zu kommen! Es war doch sicher nicht einfach nur irgendein uraltes Fundstück?!
      Santiago behielt aber einen klaren Kopf, wo Lewis sich schon anfing aufzuregen. Er holte den Zettel hervor, den er an diesem Morgen aus dem Gedächtnis geschrieben hatte - aus dem Gedächtnis, Lewis konnte das immernoch nicht fassen - und glich ihn mit der anderen Liste ab. Lewis sah ihm interessiert dabei zu und siehe da: Die meisten Sachen waren zwar transportiert worden, standen aber nicht auf der Liste. Nur vier davon passten zusammen, was die Auswahl schonmal einschränkte. Zumindest hatten sie auch die Gemeinsamkeit, dass sie nicht richtig zugeordnet werden konnten.
      "Aha", machte Lewis und legte den Kopf ein bisschen schief. Seine Gehirnzellen schienen sich überzustrapazieren, während er auf diese Liste starrte und ihre Geheimnisse zu entschlüsseln versuchte. Wieso konnte seine Magie nicht auch auf Listen anspringen? Das hätte er jetzt brauchen können.
      "Wenn's einer davon ist, dann wissen wir auf jeden Fall, wie er aussieht. Und jetzt? Wie finden wir heraus, welcher davon Apollo so viel wert ist?"
      "Das war der einfache Teil", sagte Santiago und strich sich die Haare aus der Stirn. "Ich würd mir die jetzt gern aus der Nähe ansehen, aber ich glaube nicht, dass wir nochmal zu dem Museum zurückkönnen. Also müssen wir Nachforschungen anstellen. Historiker und Archäologen finden, die sich damit beschäftigt haben oder sich mit der richtigen Thematik auskennen."
      Lewis' Schultern sackten regelrecht ein. Das hörte sich an wie ein zweiter Schulunterricht und dazu auch noch nichts, wobei seine Magie irgendwie helfen konnte. Das hieß, er musste sein Gehirn anstrengen und das hieß auch, dass er eine Pause mit seinen Joints einlegen sollte, wenn er sich anstrengen wollte. Nichts davon war eine sehr gute Aussicht. Wenn er nicht so darauf aus wäre, dem Kerl aus Rache die Haut vom Körper zu schälen, hätte er die Angelegenheit hier vermutlich fallen gelassen.
      "Na wunderbar. Und wo finden wir solche Leute? Die laufen sicher nicht durch viele Clubs, wo ich sie aufsammeln könnte."
      "Ich weiß, wie ich an diese Leute rankomme, aber das könnte was kosten. Nicht nur Geld", sagte Santiago, aber er hörte sich nicht gerade glücklich an. Außerdem verwirrte Lewis diese Aussage. Was könnte sowas denn sonst kosten außer Geld?
      "Was meinst du? Man, wir reden hier von... Nerds, die man sicher an irgendwelchen... Forschungsinstituten findet, nicht von Auftragsmördern oder sowas. Was soll das kosten außer Geld? Wen willst du denn fragen, der mehr als Geld verlangt?"
    • Santi schüttelte den Kopf. Manchmal vergaß er, dass Lewis neu in dieser Welt war.
      "Die Leute selbst sind irgendwelche Collegeprofessoren und Experten, die in Dokus rumrennen, ja," erklärte er. "Aber wir wollen ja nicht, dass sie durch die Gegend rennen und jedem, der fragt, erzählen, dass sich noch jemand für ihre spezielle Nische interessiert hat. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass wir hier von heißer Ware sprechen, auch wenn sie ganz brav im Museum hockt. Apollo wird das Zeug aus einem Grund haben wollen. Niemand geht so weit, wie er gegangen ist, nur um ein altes Artefakt im Wohnzimmer stehen zu haben. Ich hab mich schon mit exzentrischen Sammlern rumgeschlagen, so krass ist keiner von denen drauf."
      Santi griff nach seinem Smartphone, spielte damit herum. Es wäre ein Risiko zu fragen, aber es wäre ein größeres, es auf eigene Faust zu versuchen.
      "Noch dazu haben wir keine Ahnung, wie wir die richtigen Nerds finden sollen. Wir haben nicht die richtigen Connections. Aber ich habe Connections, die sie haben. Du kannst in unserem Geschäft nicht einfach alles googlen. Und nicht jeder Dienst will in Geld bezahlt werden. Crypto ist auch gut, oft werden Gegenstände gehandelt, oder gleich direkt Dienstleistungen. Sowas ist weniger leicht nachzuverfolgen. Meine Fenster zum Beispiel. Du holst dir nicht einfach ein riesiges Set kugelsicherer Glasscheiben mit automatischen Panzerrollläden. Aber ich kenn jemanden, der jemanden kennt, der sowas organisieren und einbauen kann. Im Gegenzug habe ich meine eigenen Dienste angeboten. Ein paar Archäologen werden wahrscheinlich nicht ganz so teuer sein, aber trotzdem. Die werden wir für ihre Dienste bezahlen, dann nochmal für ihr Schweigen, und mit einer Vermittlungsgebür kannst du auch rechnen. Der Trick ist, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr man etwas will und wie viele Optionen man zur Verfügung hat. Sonst ruinierst du deine Verhandlungsbasis."
      Er betrachtete sein Smartphone. Mit einem Seufzen entsperrte er es und klickte sich durch die wenigen Kontakte. Es war sein "Dienst"telefon, also hatte es mehr Nummern als sein normales Handy, aber vielen waren es trotzdem nicht. Er klickte auf Diegos Kontakt und zeigte Lewis den Bildschirm. Der Kontakt hatte kein Foto, nur eine Nummer und einen Namen.
      "Ich kenne niemanden sonst, der uns weiterhelfen könnte. Aber wenn ich diesen Anruf mache, dann kostet das was. Und ich kann nicht vorhersehen, was er von uns will."


    • Langsam nickte Lewis. Er selbst hätte niemals daran gedacht, dass wenn möglich niemand von ihren Forschungen erfahren durfte, aber was Santiago sagte, machte Sinn. Ganz besonders, wenn sie es mit Leuten wie Apollo zu tun hatten, die wohl vor gar nichts zurückschrecken würden.
      "Verstehe..."
      "Ein paar Archäologen werden wahrscheinlich nicht ganz so teuer sein, aber trotzdem. Die werden wir für ihre Dienste bezahlen, dann nochmal für ihr Schweigen, und mit einer Vermittlungsgebür kannst du auch rechnen."
      Wenn Santiago es so aufzählte, summierte sich die ganze Sache ganz schön. Selbst, wenn es nur um Geld gegangen wäre, hätte Lewis hier so langsam seine Zweifel bekommen. Wie viel musste man wohl jemandem für sein Schweigen zahlen, wenn derjenige merkte, dass es dort etwas interessantes zu holen gab? Wann wurde das Vermögen, das sie mit ihrem ersten Raubzug erbeutet hatten, doch zu knapp? Lewis konnte sich das gar nicht vorstellen. Er kam sich mit seiner "ich gehe in den Club und suche den nächstbesten Nerd" Sichtweise ziemlich naiv vor.
      Santiago starrte für einen Moment auf sein Handy, dann seufzte er und tippte. Als er Lewis den Bildschirm zeigte, hatte er schon einen Kontakt ausgewählt. Diego. Plötzlich war Lewis neugierig.
      "Ich kenne niemanden sonst, der uns weiterhelfen könnte. Aber wenn ich diesen Anruf mache, dann kostet das was. Und ich kann nicht vorhersehen, was er von uns will."
      Lewis hob den Blick und sah Santiago an. Das, was er bereits von Diego gehört hatte, stimmte ihn neugierig, aber auch nur, weil er das Bild eines heißen, exotischen Mannes vor sich hatte, nachdem Santiago ihn beim Sex angerufen hatte. Er war also neugierig auf die ihm bekannte, gewöhnliche Art, nicht aber auf Diego den Geschäftsmann. Denn Diego der Geschäftsmann hörte sich an, als könnte er seine Seele kaufen und er hätte gar keine andere Wahl, als sie ihm zu geben. Keine sehr beruhigende Vorstellung - erst recht nicht, wenn sie Santiago schon so nervös machte, Santiago, der sonst alles unter Kontrolle hatte. Diego anzurufen wäre keine Entscheidung, es wäre eine letzte Möglichkeit. Entweder das, oder...
      Oder was? Lewis sah auf seine bandagierte Hand hinab und rieb sie sich, bis der Schmerz zurückkam. Apollo hatte ihn gefoltert, um an Santiago heranzukommen, und er würde es wieder tun, wenn er es könnte. Ganz bestimmt. Und das alles nur wegen einem der Gegenstände auf dieser Liste. Entweder also...
      Entweder sie riefen Diego an und verschafften sich endlich einen Vorteil gegenüber Apollo, oder sie warteten ab, ob Apollo Lewis eines Tages wieder in die Finger bekam. Oder Santiago selbst. Und ob er dann vielleicht auf ein Messer verzichten und gleich die Kugel nehmen würde.
      "Ruf ihn an", entschied Lewis und sah auf. "Sein Preis wird wohl kaum schlimmer sein als Apollo."