Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • "Sag das nicht zu laut," grummelte Santi und drückte auf den grünen Hörer.
      Er hielt sich das Smartphone ans Ohr, während es klingelte. Hatte er Angst davor, mit Diego Geschäfte machen zu müssen? Nein. Zwar hatte er noch nie auf dieser Seite der Geschäfte gestanden, aber er hatte jahrelang dabei zugesehen, wie Diego Leute auf seine Art und Weise durch die Mangel nahm. Er hatte also, auf eine gewisse Weise, vom Besten gelernt.
      Nein, er hatte keine Angst davor, Geschäfte mit Diego zu machen. Aber er hatte Angst vor dem Preis, den der Mann aufrufen würde. Diego war durch und durch professioneller Geschäftsmann, aber Santi hatte eine klare, persönliche Verbindung zu ihm und Diego war noch nie müde geworden, das auch zu benutzen. Diego kannte ihn viel zu gut, und das war es, was Santi nervös machte.
      Eine junge Frau ging ans Telefon: "Ridge Co. Solutions. Wie kann ich Ihnen helfen?"
      "Sagen Sie ihrem Boss, dass Santiago Di Natale gern einen geschäftlichen Termin hätte."
      Bevor die junge Frau ihrer Verwirrung verbal Luft machen konnte, legte Santi wieder auf. Die persönliche Verbindung, die ihn so nervös machte war leider auch die, die ihm so einfach Zugang zu einem Mann gab, der die meisten Termine entweder anderen in die Hand drückte, oder sie gar nicht erst ausmachte. Diego war oft auf mehrere Monate im Voraus belegt. Was nicht hieß, dass er keine Zeit hatte. Aber für Diego war alles, absolut alles, ein Geschäft und Zeit war eine Resource wie alles andere auch. Seine eigene behandelte er wie ein seltenes Gut.
      Als Santis Smartphone in seiner Hand vibrierte, musste er nicht einmal auf das Display schauen um zu wissen, wer sich da meldete. Er stand auf und wanderte vor der Kücheninsel auf und ab, als er das Gespräch annahm.
      "Santi, mein Junge! Du weißt, ich liebe es, von dir zu hören! Was verschafft mir dieses Mal die Ehre?"
      "Was Geschäftliches."
      "Uhh! Mal was Neues. Worum geht's?"
      "Informationen."
      "Ugh, nicht schon wieder diese Apollo-Sache, oder? Das wird langsam langweilig."
      Santi seufzte stumm.
      "Nein, diesmal nicht," antwortete er dann. Technisch gesehen war das keine Lüge. "Du weißt doch, dass ich jetzt Freelancer bin. Und dank meinem schicken neuen Kontostand-"
      "Liebevoll umsorgt von yours truly."
      "- dachte ich mir, ich mache mal was nur für mich."
      "Ohhhh. Erzähl mir mehr."
      "Nicht übers Telefon."
      "Du und deine schnuckelige Paranoia!"
      "Meine schnuckelige Paranoia hat dir schon mehrfach deinen kleinen Hintern gerettet. Also: Wo kann ich dich treffen?"
      "Vorsicht Vorsicht, mein Hübscher. Das klingt ja fast, als sehnst du dich nach mir."
      Dieses Mal seufzte Santi offen.
      "Ja, okay, entspann dich. Ich bin im Azure Temple. Ich kann dich heute reinquetschen, aber nur, wenn du's kurz machst."
      "Nehm ich. Wann?"
      "Wann immer du Lust hast, Santi, das weißt du doch."
      "Ich bring noch jemanden mit."
      "Spicey. Gefällt mir."
      "Diego..."
      "Entschuldige. Du weißt, was deine Stimme mit mir macht. Ich kann einfach nicht widerstehen..."
      "Ich leg jetzt auf."
      "Natürlich. Bis später."
      Santi legte auf, legte sein Smartphone ganz sanft zurück auf die Kücheninsel, und atmete tief durch, bevor er den Blick zu Lewis hob und nickte.
      "Wir haben einen offenen Termin mit Diego Garcia."


    • Santiago hatte den Termin und legte wieder auf. Lewis zog eine Augenbraue nach oben. So schnell ging das, so einfach? War Diego nicht irgendein super legal illegaler Vermittler? Da hätte er darauf wetten können, dass sie Wochen warten müssten, um mit ihm zu reden. Aber Santiago konnte einfach zu ihm gehen? War das so normal?
      Das ging ja schnell. Wie läuft das, wir treffen ihn, erzählen ihm von unserem Anliegen, er nennt seinen Preis und dann einigen wir uns auf irgendwas?
      Lewis konnte nicht umhin, eine gewisse freudige Erwartung zu verspüren. Das hier gehörte immernoch zu der ersten Sache, die er alleine durchzog - ohne Eltern, ohne Jay, der ihm die Richtung wies. Diesmal war er es, der mit seinen Geschäftspartnern die Verbindung knüpfte und niemand anderes. Auch wenn es Diego war, die Sache war schon aufregend.
      Was brauchst du von mir? Ich kann mitgehen als dein Freund, dann spare ich mir lieber die restlichen Joints für heute. Damit ich wenigstens ein bisschen normal aussehe. Oder ich begleite dich als Junkie, dann zieh ich mir noch ein paar rein. Das kann ich gut und Junkies werden meistens unterschätzt. Du musst das aber entscheiden, ich kann Diego nicht gut genug dafür einschätzen.
    • "Ganz so einfach wird das nicht. Und das ging auch nur so schnell, weil Diego immer noch einen Narren an mir gefressen hat."
      Santi ging rüber zur Couch uns ließ sich darauf sinken. Er starrte die hohe Decke seines Apartments an.
      "Wir gehen da hin als wir selbst. Ich als Rückführspezialist, der jetzt auch Sachen zu sich selbst zurückführt. Du als Frischling, der lernen will, wie's geht. Wir geben ihm die Liste und sagen ihm ganz genau, was wir wollen: Offizieller Preis, inoffizieller Preis, interessierte Parteien, Unbeteiligte, die was darüber wissen könnten. Das wir nur eigentlich nur hinter letzterem her sind, ist egal. Nur weil ich Diego kenne heißt das nicht, dass wir ihm vertrauen können. Er ist Geschäftsmann und hat keinerlei Loyalität, die über ihn selbst hinausgeht. Er würde mir wahrscheinlich Bescheid sagen, wenn jemand nach mir fragt, aber das ist auch schon das Höchste der Gefühle. Apollo ist stinkreich und macht krumme Dinger - er wird Diego also zumindest kennen, wenn nicht sogar mit ihm Geschäfte machen. Bevor du fragst: Nein, wir können Diego nicht dazu bringen, uns was über ihn zu verraten, sollte er tatsächlich eine Verbindung haben. Diego lebt durch Diskretion. Wenn er die kaputtmacht, dann ist sein gesamtes Geschäft im Arsch. Das kann er sich nicht leisten."
      Santi schloss die Augen und seufzte. Er war nicht müde, er hatte gut geschlafen. Aber er konnte spüren, wie sich seine Magie langsam regte. Eine Nacht würde er noch kriegen, bevor er wieder Verrat hinter den Ecken erspähte. In gewisser Weise war er froh darüber, den Termin mit Diego heute bekommen zu haben.
      "Wir fahren nach dem Mittagessen, wenn du also noch einen rauchen willst, dann jetzt."


    • Santiago wollte, dass sie als sie selbst hingingen, was Lewis unvorsichtig fand. Man selbst war doch immer riskant, wenn es um Angelegenheiten ging, die bestenfalls keiner mitbekommen sollte. Soviel hatte Lewis von Jay sicherlich schon abgeschaut: So gut die Identität verschleiern, wie es nur ging, um sich bei einem Rückfall zu schützen. Fairerweise konnte Santiago nicht verheimlichen, wer er war, aber Lewis könnte es. Bis auf Santiago und Apollos Truppe wusste niemand, dass er ein Magier war. Er hätte nur irgendein Junkie sein und sich damit unsichtbar machen können.
      Aber Santiago hatte entschieden und Lewis fügte sich. Immerhin musste er dann keine dummen Bemerkungen über sich ergehen lassen.
      “Apollo ist stinkreich und macht krumme Dinger - er wird Diego also zumindest kennen, wenn nicht sogar mit ihm Geschäfte machen.”
      Lewis öffnete gleich den Mund.
      “Bevor du fragst: Nein, wir können Diego nicht dazu bringen, uns was über ihn zu verraten, sollte er tatsächlich eine Verbindung haben.”
      Enttäuscht klappte er ihn wieder zu. Soviel dazu.
      Schade. Wäre ja auch zu einfach gewesen.
      “Wir fahren nach dem Mittagessen, wenn du also noch einen rauchen willst, dann jetzt.”
      Das tat Lewis auch direkt. Derweil googlete er am offen gelassenen Laptop den Azure Tempel. Der Name sagte ihm gar nichts und das Bild auch nicht; das war nicht die Art von Club, in der Lewis sich üblicherweise herumtrieb. Es war über seiner Preisklasse, natürlich - wobei sich seine Preisklasse mit dem Raubzug auch erhöht hatte. Vielleicht sollte er jetzt auch lieber solche Locations besuchen. Da gaben die Leute sicher besseres Gras aus - aber er würde sich dafür auch besser anziehen müssen. Zumindest ging er bei dem Anblick davon aus.
      Nach seinem Joint gingen sie. Die Fahrt dauerte länger als bis zum Postfach, war aber nicht sehr anstrengend. Lewis hielt seine Augen geschlossen, um seine Magie zu schonen. Wer wusste schon, was sie bei Diego alles erwarten würde.
    • Das Azure Temple war kein Ort, den man einfach betrat – er war so exklusiv, dass sich sogar die Superreichen darum kloppten, eine Einladung zu bekommen. Nur Mitglieder konnten Leute auf die Gästeliste setzen, was diesen Ort zu einem von Diegos Lieblingsbüros machte: Niemand kam rein, den man nicht zurückverfolgen konnte.
      Das Gebäude lag halb verborgen in einer Seitenstraße, gut abgeschirmt von der rohen, vibrierenden Energie der Stadt – als hätte man es absichtlich dort versteckt, wo nur Eingeweihte es finden konnten.
      Die Fassade war glatt, dunkel, fast schwarz – mit schimmernden Akzenten aus kobaltblauem Glas, das wie flüssiges Licht wirkte. Zwischen den Materialien lagen feine Linien aus gebürstetem Stahl, die sich wie geometrische Adern über die Oberfläche zogen. Kein Schild, keine grellen Leuchtreklamen. Nur ein diskretes, blau glimmendes Symbol über dem Eingangsportal: ein stilisierter Tempel mit offenen Toren.
      Santi parkte am Ende der Straße, den Rest des Weges mussten sie laufen. Immerhin mussten sie sich nicht in eine Warteschlange einreihen. Stattdessen ließen die beiden Türsteher in maßgeschneiderter, diskret gepanzerter Kleidung sie einfach rein. Man könnte meinen, dass es ein Sicherheitsrisiko war, aber die beiden waren wahrscheinlich im Voraus über Santis Aussehen gebrieft worden.
      Innen war der Azure Temple eine perfekte Mischung aus Eleganz, Geld und Verheißung. Das Licht war gedimmt, ein kühles Spiel aus tiefem Blau, Violett und vereinzelten Lichtinseln in Gold. Der Boden bestand aus poliertem, dunklem Marmor, durchzogen von Adern in metallischem Türkis. Die Decken waren hoch, mit schwebenden Lichtinstallationen, die wie flüssige Skulpturen wirkten. An den Wänden hingen große digitale Kunstwerke, die sich in Zeitlupe bewegten – abstrakte Formen, Gesichter, Lichtmuster, die sich je nach Musik veränderten. Ein Wasserlauf zog sich durch das Zentrum des Raumes, über flaches Glas geführt, weil man in einem hypermodernem Club ja kein bisschen Natur anhauchen durfte. Irgendwo, aus verdeckten Speakern, sickerte sphärische, bassreiche Musik, die mehr fühlbar als hörbar war. Die Bar war eine lange, geschwungene Linie aus halb-durchsichtigem Stein, von innen beleuchtet. In den Regalen dahinter standen ausschließlich Flaschen, die sich niemand leisten konnte. Naja, zumindest niemand, der nicht in solchen Clubs verkehrte. Barkeeper bewegten sich mit flüssiger Präzision, fast lautlos.
      Überall sammelte sich semi-diskrete Exzentrik: Menschen in Designerstoffen, maßgeschneiderte Anzüge, Couture, futuristische Mode, Make-Up, und Schmuck. Das hier war kein Ort zum Angeben, sondern zum Wissen, dass man dazugehörte.
      Santi bewegte sich durch den Raum wie jemand, der früher einmal Teil des Inventars gewesen war – nicht fest angestellt, aber er war mit Diego schon hier gewesen. Damals hatte er noch eineinhalb Schritte schräg hinter ihm gestanden, während der Mann seine Geschäfte gemacht hatte.
      Sie wurden erwartet. Ein diskreter Host trat an sie heran, verbeugte sich leicht vor Santi und führte die beiden in einen abgegrenzten Bereich, abgeschirmt von halbtransparenten Wänden aus Rauchglas. Dort wartete Diego mit einem Glas Whiskey in der Hand und Augen, die selbst in der Dunkelheit etwas durchdrangen.
      Er war makellos gekleidet in einem mitternachtsblauen Anzug, der so perfekt saß, als wäre er nicht genäht, sondern direkt auf seinen Körper gegossen worden. Das Einstecktuch: goldene Seide mit dezentem Muster, das man erst auf den zweiten Blick sah – und dann nie wieder vergaß.
      Er trug sein dichtes dunkles Haar nach hinten gestrichen, akkurat, ohne übertrieben zu wirken. Hier und da zeigte sich eine graue Strähne, die Diego, so wusste Santi, noch nie überfärbt hatte – er zeigte sein Alter mit einer Würde, die fast einschüchternd wirkte. Sein Gesicht war scharf geschnitten, mit hohen Wangenknochen, einem kantigen Kiefer und diesen feinen, kaum sichtbaren Fältchen um die Augen, die nicht von Lachen kamen, sondern vom Sehen – vom Beobachten, Beurteilen, Erinnern. Sein Bart war ebenso dicht wie sein Haar, aber auch hier zeigte sich das Grau. Wie auch alles andere an Diego war er mit Präzision geschnitten.
      Diego war ein Mann, der andere reden ließ. Und dann genau den Moment wählte, in dem seine Worte alles kippen konnten.
      Seine Augen – stechend blau, klar wie Gletscherwasser und ungefähr genauso warm – hatten etwas unangenehm Eindringliches, selbst ohne irgendwelche Magie dahinter. Sie ruhten oft zu lange auf einem Gesprächspartner, als würde er im Inneren etwas abgleichen. Nicht auf eine plumpe, einschüchternde Weise, sondern ruhig, kalkuliert – ein Mann, der selten überrascht wurde, weil er die Menschen schneller las, als sie selbst dachten.
      Er war kein Muskelprotz, keine wandelnde Drohung. Diego war gefährlich auf die Art eines Schachspielers, dessen Spielfiguren echte Menschen waren – und der nicht zögerte, sie zu opfern. In der Welt, in der er sich bewegte – Finanzen, Einfluss, Deals, die nicht in Büchern auftauchten – war er eine feste Größe. Nicht durch Gewalt, sondern durch Vernetzung. Er war der Draht, der Strippen zog. Der Mann, der Türen öffnete, die offiziell gar nicht existierten.
      Und trotzdem lächelte er, als Santi hereinkam. Ein Lächeln, das alte Vertrautheit versprach. Ein Lächeln, das nie nur das war.
      Er erhob sich, als Santi eintrat.
      "Santi," sagte er, als wäre sein Name ein Lied.
      Diego breitete die Arme aus, als wolle er Santi umarmen, blieb aber sitzen, wo er war.
      "Diego."
      "Ach komm schon. Nur, weil du plötzlich über Geschäfte sprechen willst, heißt das noch nicht, dass du dich plötzlich wie die Serben benehmen musst. Setz dich, trink was. Dein Freund auch, sobald du ihn mir vorstellst."
      Diegos Blick ruhte nun auf Lewis. Santi wusste, wie sich das anfühlen konnte. Als würde Diego jede einzelne Zelle deines Körpers auseinandernehmen, nur um zu sehen, was drin steckte.
      "Das ist Lewis. Ich zeig ihm, wie man in gewissen Kreisen überlebt."
      "Sieh mal einer an. Du bist unter die Lehrer gegangen. Wie ein Prügelknabe sieht er ja aber nicht unbedingt aus."
      "Nicht die Art von Kreisen."
      Diego zuckte unschuldig mit den Schultern, dann deutete er auf die dicken, blauen Polster in seiner Sitznische. Santi setzte sich, achtete aber darauf, dass er zwischen Lewis und Diego saß.
      "Also? Was kann ich für die Herrschaften tun?" fragte Diego.
      "Ich hab ein Auge auf ein paar Stücke geworfen und würde gern wissen, ob es sich lohnt," erklärte Santi und schob eine kleine Mappe über den Tisch.
      Vor ihrer Abfahrt hatte sich Santi die Einträge vom Stick ausgedruckt, für genau diesen Zweck. Diego nahm die Mappe entgegen und blätterte sie entspannt durch. Seine Miene verriet nichts von seinen Gedanken.
      "Okay. Was genau schwebt euch beiden denn vor?"
      Santi ratterte herunter, was er zuvor schon Lewis erklärt hatte. Er ließ zu keinem Moment durchscheinen, wonach genau sie suchten.
      "Ich nehme an, du willst die Experten sofort und persönlich?"
      Santi nickte.
      "Befinden sich diese Gegenstände bereits in eurem Besitzt?"
      "Nein. Du kennst mich: ich gehe kein unnötiges Risiko ein-"
      "-und besorgst nur etwas, wenn du auch einen Käufer hast. Ja, ich entsinne mich. Du solltest dich an ihn halten, Süßer. Santi weiß, wie der Hase läuft."
      Diego zwinkerte Lewis zu. Santi mochte dieses spezielle Zwinkern nicht. Er konnte nicht sagen, ob Diego Gefallen an Lewis gefunden hatte, oder ob er Santi damit necken wollte, dass er mit dem Streuner flirtete.
      "Aber warum denn verkaufen? Wenn du mir die Frage gestattest. Du hast doch jetzt ausgesorgt."
      Santi grinste breit.
      "Das Leben ist doch langweilig, wenn man nicht hin und wieder ein paar Regeln bricht?" schnurrte er geradezu und Diego spiegelte sein Grinsen.
      "Ich weiß, warum ich dich mag, Santi. Also gut, Experten, Käufer, aktuelle Preislisten. Sonst noch was?"
      Santi schüttelte den Kopf.
      "Für's erste ist das alles."
      Diego nickte und legte die Mappe neben sich auf die Polster. Er würde sie behalten, bis er sie nicht mehr brauchte, dann würde er sie verbrennen, wie die meisten Dokumente, die er in die Hände nahm.
      "Wie viel schulden wir dir?" fragte Santi.
      Da war es wieder. Dieses kalte, kalkulierende Lächeln.
      "Ich hab dich extra in meinen sehr engen Zeitplan geschoben," begann Diego.
      "Und dafür sind wir sehr dankbar."
      "Ich habe also meine persönliche Zeit dafür geopfert. Die hätte ich gern zurück."
      Das war... nicht die schlechteste Option, wie Santi befürchtet hatte.
      "Was stellst du dir vor?"
      "Deine Kochkünste. Und ich will deinen kleinen Studenten da besser kennenlernen. Er sieht interessant aus. Wir sollten ein gemeinsames Abendessen haben. In zwei Tagen. Im Palisades Hotel. Du kochst, wir genießen."
      In zwei Tagen? Okay, das würde Santi hinbekommen.
      "Oh und... keine Snacks für dich in der Zwischenzeit."
      Shit.
      "Dafür kriege ich meine Daten aber."
      "Natürlich, ich bin ja kein Unmensch."
      Diego warf einen Blick über Santis Schulter hinweg, wo der Host wieder aufgetaucht war, wahrscheinlich um einen weiteren Termin anzukündigen. Er hatte ja gesagt, dass Santi es kurz machen sollte.
      "Ich sehe euch dann in zwei Tagen," meinte Diego und stand auf.
      Er war so groß wie Santi. Sie reichten sich freundlich die Hände, aber Diego hielt die von Santi ein bisschen zu lange fest, lächelte ihn ein bisschen zu berechnet an, musterte Lewis ein bisschen zu eingehend, bevor er losließ.
      "In zwei Tagen," echote Santi, dann verließ er mit Lewis den Club wieder.
      Kaum waren sie draußen an der frischen Luft, zündete sich Santi erstmal eine Zigarette an. Er inhalierte tief, hielt den Atem an, spürte, wie der Rauch sich in seinen Lungen ausbreitete, bevor er ihn durch die Nase wieder ausstieß.
      "Das war doch... ganz gut," kommentierte er schließlich.


    • Als sie eintraten, konnte Lewis gar nicht anders als zu staunen. Alles sah nach übertriebenem Reichtum aus, aber was für einen. Die Decken waren hoch, der Boden war purer Marmor, das Licht fiel in einer Weise, wie Lewis es noch nie erlebt hatte und überall funkelte es mit stiller Eleganz. Wo man auch hinblickte hatte man das Gefühl, dass ein Meister am Werk gewesen war, um genau diesen Fleck in ein unverkennbares Meisterwerk zu verwandeln. Jeder Schritt, den sie taten, fühlte sich an, als würden sie alleine durch ihre Präsenz ein Vermögen zahlen müssen, um dieses Wunderwerk bestaunen zu dürfen. Und dann erst die Kellner - und die Gläser! Lewis sah an jeder Ecke etwas Neues, das es zu bestaunen galt, von furchtbar modischen Anzügen zu fließenden Kleidern und perfekt gearbeiteten Frisuren. Es fühlte sich alles an wie ein Traum.
      "Wow", machte er und lief blindlings hinter Santiago her. Der schien zu wissen, wo es hier entlang ging, ganz so, als wäre es nicht das erste Mal. War Santiago schonmal hier gewesen? Passte er etwa rein in diese Atmosphäre aus Reichtum und Prestige? Lewis wusste es nicht, doch eins war sicher: Er selbst passte mit seinem oversized Shirt, der Jeans und den vom Kiffen roten Augen so sehr hier rein wie ein Straßenköter in eine Hundeshow. Mit einem Mal fühlte er sich sehr, sehr klein und unbedeutend.
      Kurz nach ihrem Eintritt wurden sie schon abgeholt und von einem adrett gekleideten Mann - bei dem sogar alle Haarsträhnen am richtigen Ort saßen - in einen abgetrennten Bereich geführt. Dort konnte Lewis erst einmal neue Wände bestaunen, bis er schließlich bemerkte, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Und da fiel sein Blick auf Diego Garcia.
      Diego war genau das, was Lewis sich vorgestellt hatte, und so viel mehr. Er war eine exotische Frucht, die zu verspeisen einen in den Himmel oder den Tod bringen konnte, etwas dazwischen gab es nicht. Er hatte einen schlanken Körper, der unter dem perfekt sitzenden Anzug auf eine Weise herausstach, die Lewis noch nie begegnet war, und in seiner Präsenz lag etwas dominantes, eine Art und Weise, wie er den Raum allein durch seine Anwesenheit zu füllen vermochte. Und dann waren da noch seine Augen. Als sie auf Lewis trafen und ihn festhielten, sich mit einer Präzision in ihn hinein fraßen und dabei alle seine Geheimnisse und Gedanken freizulegen schienen, wurde er mit einem Schaudern überzeugt, dass Diego ein Magier war. Er musste es sein, kein normaler Mensch hatte einen solchen Blick drauf. Kein normaler Mensch konnte sich in Lewis' Bewusstsein fressen, so wie er es gerade zu tun schien. Er musste einfach.
      Lewis' Nacken brach in Schweiß aus und er befeuchtete seine Lippen. Ohne sich darüber bewusst gewesen zu sein, hatten sich seine eigenen Augen geweitet und er starrte ohne zu blinzeln zurück, ganz so wie er es tat, wenn er auf seine Knoten wartete. Natürlich kamen keine, aber er konnte sich auch nicht ganz von seiner Angewohnheit lösen. Wenn Diego etwas tun würde... Er wusste es nicht. Der Mann war Versprechen und Drohung zugleich. Auf der einen Seite freute sich Lewis' Körper über die sehr lebhafte Fantasie des Mannes, den er nun an die Erinnerung des Sex-Telefonats setzen konnte, auf der anderen Seite glaubte er, dass Sex mit diesem Kerl ihn vermutlich umbringen würde. Da war es kein Wunder, dass Santiago ihn zu vermeiden versuchte. Diego war eine Droge der gefährlichsten Sorte.
      Die beiden begrüßten sich. Diego lächelte, Santiago tat es nicht. Die Stimme des Mannes war so wohltuend, dass sie Lewis' Rückgrat herunter glitt. Wieder musste er sich von seiner Fantasie ablenken lassen, die Diego diesen Anzug vom Körper zog. Zu schade eigentlich, dass der Mann wohl gerne unten war. Oder vielleicht war es auch gut, denn sonst hätte Lewis sicher nichts gegen ihn auszusetzen.
      "Das ist Lewis. Ich zeig ihm, wie man in gewissen Kreisen überlebt."
      "Hey, man."
      "Sieh mal einer an. Du bist unter die Lehrer gegangen. Wie ein Prügelknabe sieht er ja aber nicht unbedingt aus."
      Lewis schaffte zumindest, sich insoweit von seiner Fixierung zu lösen, um die Stirn zu runzeln. Santiago und er hatten schon geübt, klar? So abwegig war das doch wohl nicht.
      "Nicht die Art von Kreisen", antwortete Santiago sofort. Okay, klar. War vielleicht auch besser so.
      Diego sah wieder zu Santiago und Lewis verspürte eine ungemeine Erleichterung, als wäre eine Last von seinen Schultern genommen worden. Er straffte sich ein bisschen, versuchte unter den ganzen Anzügen, den herausgeputzten Lederschuhen und dem teuren Whiskey nicht ganz so sehr wie ein Loser auszusehen und setzte sich neben Santiago. Während die beiden über das Geschäft redeten, ließ er den Blick wieder schweifen, allerdings nicht, ohne dabei Diego ganz aus seinem Sichtfeld zu lassen. Reine Angewohnheit, er wollte nur sichergehen. Mit einem Ohr hörte er zu, was Santiago im Vorfeld schon mit ihm besprochen hatte.
      "Wie viel schulden wir dir?"
      "Deine Kochkünste. Und ich will deinen kleinen Studenten da besser kennenlernen."
      Lewis sah wieder auf. Er wünschte, er würde sich nicht so sehr wie ein Kind vorkommen, das nur aufmerksam wurde, wenn man es beim Namen nannte. Irgendwie konnte er einfach nicht anders, als sich in Diegos Gegenwart klein zu fühlen.
      "Er sieht interessant aus. Wir sollten ein gemeinsames Abendessen haben. In zwei Tagen. Im Palisades Hotel. Du kochst, wir genießen."
      Lewis sah von Diego zu Santiago und wieder zurück. Das war doch ein ziemlich guter Preis, nicht? Einfach nur kochen? Das war doch geradezu geschenkt.
      "Oh und... keine Snacks für dich in der Zwischenzeit."
      Snacks? Keine...
      Oh. Lewis verstand. Nagut, dafür war Santiago immerhin berüchtigt. Auch nichts, womit man nicht hätte rechnen können.
      "Ich sehe euch dann in zwei Tagen."
      Sie standen alle wieder auf. Santiago und Diego gaben sich die Hand, was ein bisschen zu lange dauerte, und Diego musterte Lewis, was ihm ein bisschen zu unangenehm wurde. Er wusste nicht, ob er scharf werden sollte oder gereizt. Ein bisschen befürchtete er, dass genau das Diegos Absicht war.
      "In zwei Tagen", wiederholte Santiago.
      "Wir sehen uns", sagte Lewis schlapp. Daraufhin gingen sie und ließen den Temple mit seinem aufgemotzten Innerem und dem Psycho-Diego hinter sich. Lewis wusste noch immer nicht, ob er Diego anziehend fand oder nicht. Er hatte ganz sicher eine Wahnsinns Ausstrahlung.
      "Das war doch... ganz gut", sagte Santiago und zündete sich eine Zigarette an. Lewis sah ihn an und erkannte sofort die Nervosität, die der Mann zu verstecken versuchte. Er war die ganze Zeit schon nervös gewesen, obwohl Lewis das nicht so recht verstand. Diego war ihm nicht wie der gefährliche Mann vorgekommen, für den Santiago ihn immer gemacht hatte. Er hatte sicher einen gruseligen Blick drauf, aber sonst...
      "Das war doch sehr gut. Nur kochen? Du hast was gesagt von Geld und von noch anderen Sachen - ich dachte, wir werden ihm ein Vermögen zahlen müssen. Aber er will nur bekocht werden? Das ist doch gar nichts."
      Lewis dachte für einen Moment darüber nach, sich auch einen Joint anzuzünden, aber dann ließ er es bleiben. Er fühlte sich noch zu sehr als Außenseiter, um jetzt auch noch vor der Bude zu kiffen. Später wieder, wenn er sich dabei nicht mehr ganz so blöd kam.
      "So schlimm war es gar nicht. Aber du hast mir gar nicht gesagt, dass er Magier ist. Seine Augen sind richtig gruselig, man. Fast schon so schlimm wie deine."
    • Santi lachte. Er wusste gar nicht, was er sonst tun sollte. Der Stress dieses kleinen Treffens bahnte sich einfach einen Weg in die Freiheit und er lachte. Der Rauch seiner Zigarette kam ihm dabei über die Lippen und aus der Nase. Schließlich nahm er seine Sonnenbrille ab und rieb sich die Augen, bevor er die Hand durch seine Haare schob.
      "Er ist kein Magier, Lewis. Er ist ein ganz normaler Mann. Und dieses Abendessen... ich gebe zu, es hätte schlimmer kommen können, aber glaube bloß nicht, dass das nur ein Abendessen wird. Diego steht aus Spielchen, und wir haben gerade Ja zu einem Spieleabend in seinem Spielzimmer gesagt."
      Er suchte Lewis' Blick, wohlwissend, dass der Streuner noch immer allergisch auf seine Augen war, auch wenn die Magie dahinter noch schlief. Lewis' Naivität in allen Ehren, manchmal war sie ja auch ganz süß, aber das hier war weder der richtige Ort, noch der richtige Zeitpunkt dafür.
      "Willkommen im Haifischbecken, Lewis."
      Er nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette, dann schnickte er sie die Straße runter davon.
      Zwei Tage mehr, das machte dann vier. Das bekam er hin. Die Paranoia sollte nicht zu wild sein. Seine Aura auch nicht. Vielleicht hatte Santi ja Glück und er kam sogar ohne aus. Er hatte in dem Museum mehr als einen Alptraum geschluckt, vielleicht stellte das seine Magie ja zufrieden genug, um ihm einen weiteren Tag in Ruhe zu lassen. Er konnte es nur hoffen.
      Er ergriff Lewis' gutes Handgelenk und zerrte den Streuner an seine Brust, vergrub sein Gesicht in dessen Halsbeuge.
      "Mir hat nicht gefallen, wie er dich angesehen hat," murmelte er leise. "Was heißt das?"


    • Santiago lachte nervös, was ein komisches Geräusch war. Der Mann war einfach nie nervös und langsam machte Lewis sich Sorgen. Was, wenn da doch etwas passiert war, was er nicht richtig einschätzte? Aber sicherlich hätte er doch alles schlimme mit seinen Knoten vorhersehen können - oder?
      "Er ist kein Magier, Lewis. Er ist ein ganz normaler Mann", antwortete Santiago und zog sich die Sonnenbrille ab um sich die Augen zu reiben. Lewis bekam ein mulmiges Gefühl, das er nicht zuordnen konnte; kam es von den Augen oder von der Tatsache, dass Diegos Blick echt gewesen war? Die Erkenntnis fühlte sich nämlich fast ein bisschen so an wie der Anblick Santiagos Augen, auch wenn da noch nichts gruseliges zu finden war.
      "Wirklich? Ach du scheiße."
      "Und dieses Abendessen... ich gebe zu, es hätte schlimmer kommen können, aber glaube bloß nicht, dass das nur ein Abendessen wird. Diego steht aus Spielchen, und wir haben gerade Ja zu einem Spieleabend in seinem Spielzimmer gesagt."
      Spielchen. Welche Art von Spielchen? Denn wenn es um Sex ging...
      Santiago suchte seinen Blick, als könnte er seine Gedanken lesen, und Lewis kam sich ein bisschen dumm vor. Was stand er hier und dachte über Sex nach, wenn Santiago ganz offensichtlich nervös von diesem Mann war? War er wirklich so einfältig, dass er Diego nicht mehr als Sex unterstellen konnte, einem Mann, der sich an Orten wie dem Azure Tempel traf um seine Geschäfte zu erledigen? Ganz offensichtlich ging es hier um mehr als nur Sex und als Lewis das langsam begriff, fröstelte es ihm. Wollte er herausfinden, was Diego für Spielchen trieb? Wollte er das wirklich?
      "Willkommen im Haifischbecken, Lewis", sagte Santiago, dem Lewis' Erkenntnis aufzufallen schien. Lewis musste schlucken.
      "Ja also... zwei Tage. Da können wir uns noch vorbereiten. Zwei Tage reicht zum Vorbereiten, oder?"
      Als Antwort zog Santiago ihn an seine Brust und hielt ihn fest. Lewis schlang sofort die Arme um seinen Nacken und schmiegte sich an seinen Körper, als wäre er genau für Lewis gemacht. Santiago legte sein Gesicht an seine Halsbeuge.
      "Mir hat nicht gefallen, wie er dich angesehen hat. Was heißt das?"
      Da musste Lewis einen Moment zögern, der das warme Gefühl nicht deuten konnte, das bei Santiagos Worten durch seinen Körper strömte. Er schob eine Hand in Santiagos Haare und die andere unter seinen Hemdkragen. Das war wieder so eine Sache, bei der er keine Ahnung hatte, was mit ihm durchging.
      "Dass du besitzergreifend bist?"
      Das hörte sich sogar in seinen eigenen Ohren schwach an. Außerdem war das sicher nicht der Grund, weshalb sich diese Worte so gut angefühlt hatten.
      Lewis kraulte ihm den Kopf.
      "Vielleicht sollten wir, wenn er seine Spielchen spielen will, unsere... Grenzen festlegen."
      Ehrlicherweise hatte er keine Ahnung, was er da sagte. Er wusste ja noch nicht einmal welche Spielchen.
      "Er ist schon heiß. Ich meine, wenn du nicht wärst, würde ich ihm vermutlich auf den Leim gehen. Wer würde das nicht? Aber deswegen sollten wir zusehen, dass wir da... glimpflich wieder rauskommen."
    • Santi schlang seine Arme um Lewis' Taille.
      "Wenn er es nur auf Spielchen im Bett abgesehen hat, dann kann ich ihn wenigstens handhaben," gestand er.
      Das waren die einzigen Momente gewesen, in denen sich Santi dem Mann ebenbürtig gefühlt hatte. Hatte sich Diego ihm willentlich unterworfen und hätte jederzeit alles wieder ändern können? Klar. Aber wenigstens hatte Santi das Gefühl gehabt, nicht vollkommen nach der Fuchtel eines anderen agieren zu müssen. Diego war ein Meister im Manipulieren, aber Sex mit ihm war eine bekannte Variable für Santi.
      "Aber vielleicht will er auch was ganz anderes von uns. Diego hat ein perfektes Pokerface, ich hab keine Ahnung, wie dieses Abendessen laufen wird. Könnte alles sein. Von einem stink normalen Abendessen bis hin zu was auch immer er als adäquaten Preis für seine Dienste ansieht. Nur die Informationen zu besorgen, die wir haben wollen, ist zum Glück nicht allzu teuer. Egal in welcher Währung."
      Mit einem Seufzen hob Santi den Kopf und lehnte ihn gegen Lewis' Stirn - die Augen hielt er dabei zum Wohle des Streuners geschlossen. Ein kleines Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.
      "Aber gut zu wissen, dass du ihn heiß findest. Damit kann ich was anfangen."
      Er ließ das Was mit voller Absicht offen. Und er gab sich auch Mühe, keine festen Entscheidungen zu treffen, während ihm so einige Bilder durch den Kopf schossen. Eigentlich sollte er das gar nicht so toll finden, an Diego zu denken, aber der Mann hatte sich schon vor langer Zeit so tief in seinen Verstand gefressen, dass er ihn da wahrscheinlich nie wieder rausbekommen würde. Es war daher schön zu wissen, dass er sich nicht zu viele Sorgen darum machen musste, wenn er mit Lewis zusammen war.
      "Wir sollten nach Hause. Dein Bruder will doch, dass du ein paar Nachrichten guckst."
      Santi löste sich von Lewis und setzte seine Sonnenbrille wieder auf.
      "Wenn du willst, kann ich meine Fühler auch ein bisschen ausstrecken und die Stimmung des Kartells prüfen. Ich hab da vielleicht ein paar andere Kanäle als die örtlichen Nachrichten."


    • "Wenn er es nur auf Spielchen im Bett abgesehen hat, dann kann ich ihn wenigstens handhaben", sagte Santiago.
      Lewis schnaubte. Und wie er das handhaben konnte; Lewis konnte sich jetzt sogar bildlich vorstellen, wie Santiago Diego im Bett handhaben konnte. Von der Vorstellung grinste er.
      "Aber vielleicht will er auch was ganz anderes von uns. Diego hat ein perfektes Pokerface, ich hab keine Ahnung, wie dieses Abendessen laufen wird."
      "Hm. Er wird es uns schon sagen, wenn es soweit ist."
      Santiago löste sich wieder aus ihrer Umarmung und lehnte seine Stirn an Lewis'. Vermutlich sollte Lewis sich angewöhnen, lieber wegzusehen, wenn er mit Santiagos Augen in Kontakt kam, anstatt das Gegenteil zu tun und ihn umso eindringlicher anzustarren auf der Suche nach neuen Knoten. Das würde ihnen beiden vermutlich viel Frustration ersparen. Doch diesmal hielt Santiago seine Augen geschlossen, was erleichternd war. Ein dummes Gefühl.
      "Aber gut zu wissen, dass du ihn heiß findest. Damit kann ich was anfangen."
      Jetzt grinste Lewis doch wieder und tätschelte Santiagos Wange.
      "Natürlich nicht so heiß wie du, aber man - das ist vielleicht ein Leckerbissen. Kein Wunder, dass du mit ihm ins Bett gestiegen bist. Wenn er nicht so... so wäre, wäre er glatt ein Hauptgewinn. Ich mag meine Männer dominant, das weißt du."
      Es war gut, so offen darüber sprechen zu können. Lewis war sich für einen Moment nicht sicher gewesen, wie weit er gehen konnte. Immerhin hatten sie nie festgelegt, ob sie sich auch mit anderen Männern treffen konnten - sie waren schließlich nicht zusammen... oder? Nein, ziemlich sicher nicht. Und wenn man nicht zusammen war, konnte man sich auch mit anderen treffen. So funktionierte das doch. Irgendetwas störte Lewis allerdings daran, was er nicht ganz benennen konnte. Egal - Diego war heiß, das war ein Fakt. Alles darüber hinaus war reine Spekulation.
      "Wir sollten nach Hause. Dein Bruder will doch, dass du ein paar Nachrichten guckst."
      "Das will er immer. Wenn ich es aushalten würde, würde er mich acht Stunden lang Nachrichten schauen lassen."
      Santiago richtete sich auf und zog die Sonnenbrille wieder auf. Lewis strich sich durch die Haare.
      "Wenn du willst, kann ich meine Fühler auch ein bisschen ausstrecken und die Stimmung des Kartells prüfen. Ich hab da vielleicht ein paar andere Kanäle als die örtlichen Nachrichten."
      "Nein, schon in Ordnung. Jay macht sich ja nur Sorgen um seine 100 % - Quote und das ist schließlich mein Aufgabenbereich. Lass mir das, damit ich mich nützlich fühlen kann. Sonst komme ich mir wirklich noch vor wie ein Junkie."
      Er grinste, dann griff er nach Santiagos Hand. Es war nicht so, dass er sich nicht helfen lassen wollte, aber wenn seine Magie nicht wenigstens für etwas einsetzbar war, dann würde er wahrscheinlich noch den Verstand verlieren. So konnte er sich immerhin noch einreden, dass zwischen dem ganzen Scheiß, den seine Magie mit sich brachte, auch etwas nützliches steckte. Und das wollte er nicht verlieren.
      Sie gingen zurück zum Bike und fuhren dann wieder zu Santiago. Es war gar keine Frage, ob Lewis lieber in die Firma oder zu Jays Wohnung wollte; er war ja schon fast bei Santiago eingezogen, so oft lungerte er dort schon herum. Und auch jetzt wollte er nirgendwo anders sein, um seine Arbeit zu verrichten.
      Sie rauchten und kifften noch auf der Terrasse, ausnutzend, dass Santiago noch nicht von seiner Paranoia heimgesucht wurde, und machten es sich dann auf der Couch bequem. Nachrichten waren langweilig, aber Lewis hatte es gern, sich dabei auf Santiago zu fläzen und sich von ihm streicheln zu lassen. Dabei huschte sein Blick in geübter Schnelligkeit durch die Zukunft, beobachtete, analysierte und filterte, um die Informationen zu bekommen, die für Jay relevant waren. Die ließ er Santiago seinem Bruder schreiben, bis die Kopfschmerzen groß genug waren, um nicht mehr aushaltbar zu sein. Da genehmigte er sich einen Joint und schmiegte sich glücklich an Santiagos Brust.
      Diego mochte einen Preis haben, aber er würde niemals kaputt machen können, was Santiago und Lewis sich teilten.
    • Das Palisades Hotel war einer dieser Orte, bei denen allein der Duft in der Lobby reichte, um das Gefühl zu bekommen, zu den oberen zehntausend zu gehören. Hochglanzmarmor unter den Schuhen, mundgeblasene Leuchter an der Decke und Personal, das nie zu lange hinsah, aber nie zu wenig wusste.
      Santi und Lewis tauchten am Haupteingang auf wie zwei, die eher zum Inventar gehörten anstatt zur Kundschaft. Ein page, ein junges, blasses und professionell unauffälliges Kerlchen, erwartete sie bereits. Ohne unnötiges Gerede, nur mit einem stummen Nicken, führte er sie durch einen Seitengang, vorbei an Glastüren, Wandvertäfelungen und diskret abblendendem Licht, bis sie schließlich vor einer metallenen Doppeltür standen, hinter der es nach Öl, Gewürzen und Stahl roch.
      Die Küche war groß, makellos sauber und, zur Stunde, überraschend still, beinahe so wie eine Bühne vor dem ersten Akt. Edelstahl wohin das Auge reichte. Glatte Arbeitsflächen, Regale voller Gewürze in beschrifteten Glasbehältern, und die fast unheimliche Abwesenheit jeglicher Geräusche, die man in einem Raum wie diesem erwarten würde. Eine solche industrielle Küche sollte sprudeln vor Leben, während eine ganze Brigade an Köchen umhereilte wie aufgescheuchte Ameisen. Aber Diego hatte andere Pläne und dafür hatte er die gesamte Küche des Hotels schließen lassen.
      Diego selbst saß am Kopf einer langen Anrichte, ein Glas Wein in der Hand, als würde er gerade in einer Galerie einen stillen Akt bewundern. Neben ihm stand eine einzelne Frau in schlichter, grauer Kleidung.
      Santi kannte sie, noch aus seiner Zeit bei Diego. Da war keine große Geschichte zwischen ihnen, aber Respekt. Ihre Augen trafen sich, sie nickten einander zu.
      "Santiago," sagte sie.
      "Olivia," gab er schlicht zurück.
      "Das war's dann für heute, Livi," sagte Diego ohne aufzublicken. "Mit Santi hier wird mir schon nichts passieren."
      Olivia sah ihn nicht einmal an. Sie nickteeinfach nur, wandte sich um und ging. Keine Fragen. Keine Worte der Widerrede. Kein Blick zurück. Man widersprach Diego Garcia nicht.
      Als die Tür hinter ihr ins Schloss glitt, war die Stille anders. Kompakter irgendwie. Erdrückend.
      Santi trat an die lange Küchenzeile. Er bewegte sich mit der Gelassenheit eines Mannes, der hier her gehörte und ganz genau wusste, was er tat. Nicht wie der nervöse, paranoide Mann, der er eigentlich war.
      Wie jeder gute Koch hatte er seine eigenen Messer mitgebracht. Die Ledertasche, in der er sie transportierte, legte er nun sanft auf eine der Arbeitsplatten und rollte sie mit Bedacht aus. Das sanfte Klacken von Metall auf Metall war das Einzige, das er hören wollte. Seine Hände bewegten sich ruhig, präzise – doch unter der Oberfläche spannte sich etwas an.
      Er spürte sie. Die Schatten in den Ecken. Bewegungen, wo keine waren. War das ein Flackern hinter der Wärmelampe? Ein leises Kratzen hinter einem der Stahlschränke? Wahrscheinlich nichts. Bestimmt nichts. Aber...
      Er zwang sich, es nicht zu prüfen. Nicht hinzusehen. Das waren nur die Sticheleien seiner Magie, nichts weiter.
      Stattdessen griff er nach einer weißen Schürze und band sie sich um die Hüften. Sein Blick blieb kurz an Lewis hängen. Der Streuner würde ihn schon warnen, wenn irgendwas passierte. Solange er das nicht tat, war alles okay. Er musste sich nicht vor den Schatten seiner Gedanken fürchten.
      Santi wandte sich zu Diego und fragte mit einem Lächeln, das beinah charmant war: "Also. Was darf’s sein? Vegetarisch, blutig oder überrasch mich?"
      Diego, noch immer seelenruhig am Rand der Szene, ließ seine Augen von Santi zu Lewis wandern. Sein Lächeln war messerscharf – höflich, gespielt warm, völlig undurchsichtig.
      "Etwas mit Charakter. Aber nichts, was versucht, mich umzubringen."
      Dann, an Lewis gewandt, fast beiläufig, wie ein Mann, der gewohnt war, dass man sich ihm zuwendete: "Und für dich? Trinkst du etwas? Ich hätte hier einen Roten aus '86, der älter ist als dein Misstrauen."
      Santis Hand verharrte einen Sekundenbruchteil zu lang auf dem Griff eines Messers, bevor er weiter sortierte. Er sah nicht auf, aber seine Schultern spannten sich kaum merklich an.
      "Oder willst du lieber was rauchen?"
      Natürlich wusste Diego Bescheid. Er hatte Lewis wahrscheinlich sofort durchleuchten lassen. Der Mann wusste gern, mit wem er Geschäfte machte. Allein Santis Anwesenheit hatte dafür gesorgt, dass Lewis überhaupt noch atmete. Diego wusste mittlerweile wahrscheinlich alles über den Streuner bis hin zu dessen Kinderarzt.
      Ganz ruhig, Santi. Du wusstest, dass das passieren würde. Kein Grund, Panik zu schieben.

      Santi sah die Container durch, dann den großen Kühlschrank, schließlich untersuchte er den Kühlraum. Er machte sich Notizen von allem, was er so da hatte, dann fing er an, Zutaten aus den diversen Regalen zu ziehen.
      "Wenn ihr was rauchen wollt, dann macht das bitte in der Näher der Hintertür. Ich habe keine Lust auf Tabak-Beigeschmack."
      "Yessir."
      Diego salutierte gespielt. Santi ignorierte, wie er sich dabei auf die Unterlippe biss. In privaten Momenten wie diesem machte Diego selten einen Hehl daraus, wie scharf er auf Santi und dessen Befehle war. Elender Mistkerl.


    • Zum zweiten Mal in nur zwei Tagen durchquerte Lewis Türen, die alleine schon mehr kosteten als sein gesamtes Leben. Zum zweiten Mal starrte er auf hochglanzpolierte Böden und atmete Luft, die mit dem Reichtum der Oberklasse gefüllt war. Alleine durch diese Gänge zu gehen, setzte ihn schon vom Rest der Gesellschaft ab.
      Für diesen besonderen Anlass hatte er sich das einzige Hemd angezogen, das in seinem Besitz war, und sich die Haare gekämmt - nicht etwa, um Herrn Garcia zu gefallen, sondern damit er sich dieses Mal nicht ganz so sehr wie der Außenseiter fühlte, der hier nicht hingehörte. Dass er sich trotzdem fehl am Platz vorkam, bemerkte er dann, als der Page einen besseren Aufzug hatte als er selbst. Gut, der Wille zählte, nicht wahr? Vielleicht sollte er sich demnächst einen Anzug besorgen, wenn sie Diego noch häufiger treffen würden. Einfach nur um zu sehen, ob er sich dann irgendwann bei einem solchen Reichtum nicht mehr ganz so unwohl fühlte.
      Diego war schon da und saß in der Küche, an seiner Seite eine bildhübsche Frau in schlichter Kleidung. Sie kannte Santiago und Santiago kannte sie, aber mehr fand zwischen ihnen auch nicht statt. Diego entließ sie schon, bevor sie noch eine Unterhaltung hätte anfangen können.
      Der Mann sah so perfekt aus wie schon vor zwei Tagen, doch diesmal fielen Lewis unter der sterilen Beleuchtung der Küche die feinen Falten an seiner Augenpartie auf und die grauen Strähnen in seinem Haar. Wenn überhaupt, machte ihn das nur noch attraktiver. Lewis wusste nicht wieso, nur schien sich Diegos Anziehung zu verstärken, je mehr man von ihm zu sehen bekam. Vielleicht war er ja doch ein Magier und Santiago wusste nur nichts davon?
      Santiago ging gleich zur Küchenzeile und legte dort seine Tasche ab. Er war wieder paranoid, das wusste Lewis zum einen, weil er mehr Umwege gefahren war als üblich, und zum anderen, weil er an diesem Morgen beim Anblick seiner Augen zusammengezuckt war. Das tat ihm auch jetzt noch leid und er hätte es gern zurückgenommen, aber was geschehen war, war nunmal geschehen. Jetzt wollte Lewis ihm den Gefallen tun und besonders aufmerksam bleiben. Natürlich war seine Paranoia größtenteils eingebildet, aber wenn Lewis so tat, als wäre sie es nicht, konnte er ihm ein wenig die Last von den Schultern nehmen.
      Ihre Blicke trafen sich und Lewis lächelte leicht. Dann drehten sich beide zu Diego um.
      "Also. Was darf’s sein? Vegetarisch, blutig oder überrasch mich?"
      Diego sah von Santiago zu Lewis und lächelte. Der Anblick sandte Lewis ein Schaudern über den Rücken, von dem er noch nicht ganz wusste, ob es gut oder schlecht war.
      "Etwas mit Charakter. Aber nichts, was versucht, mich umzubringen."
      Irgendwie hatte Lewis das Gefühl, dass er über ihn redete. Misstrauisch zog er die Augenbrauen zusammen.
      Langsam ging er selbst auf die Anrichte zu. Er wollte nicht so unbeholfen im Raum herumstehen und wem wollte er etwas vormachen; in der Küche würde er Santiago sicher auch nicht helfen. Lieber setzte er sich und versuchte seine Würde zusammenzukratzen, die ihm seit Eintritt in dieses Hotel kontinuierlich abgezogen wurde. Er glaubte nicht, dass er damit sehr erfolgreich sein würde.
      "Und für dich? Trinkst du etwas? Ich hätte hier einen Roten aus '86, der älter ist als dein Misstrauen."
      Als dein was? Lewis schnitt eine Grimasse.
      "Ich bin nicht misstrauisch."
      Kaum als die Worte draußen waren, wusste er schon, dass er sich damit vor Diego nur zum Affen machte. Der Mann wusste es, hatte es schon längst durchschaut von der Art, wie Lewis starrte. Fein, sollte er ihn doch für misstrauisch halten, Lewis hatte allen Grund dazu. Nichtmal nur wegen Diego, sondern ganz allgemein von seiner Magie. Er hatte einfach schon viel Scheiße in seinen Knoten gesehen, die in so einer Situation passieren konnten.
      Zögernd setzte er sich auf einen der beiden freien Stühle.
      "Rot klingt gut."
      Er mochte Wein nicht sehr, aber das konnte er jetzt auch ändern. Er würde Diego ganz bestimmt nicht danach fragen, ob er einen Cocktail bekommen konnte.
      "Oder willst du lieber was rauchen?"
      Lewis starrte den Mann an. Er hatte doch sicher nicht bei ihrem letzten Treffen gekifft, auch draußen nicht, als sie gegangen waren. Woher konnte er es dann wissen? Oder war es geraten? Oder...
      Lewis widerstand dem Drang, an sich selbst zu riechen. Er wusste natürlich, dass das viele Kiffen an seinen Kleidern hängen blieb und auch an seinen Haaren. Und natürlich hatte er, bevor sie gekommen waren, noch einen geraucht, um sich vorzubereiten. Diego konnte seinen Gras-Geruch also einfach riechen, das war alles. Er musste nicht anfangen, jetzt selbst noch so paranoid zu werden wie Santiago.
      "Wenn ihr was rauchen wollt, dann macht das bitte in der Näher der Hintertür. Ich habe keine Lust auf Tabak-Beigeschmack", trug Santiago bei.
      "Yessir", antwortete Diego prompt. Ah, ja. So einer war er also.
      "Nein danke", sagte Lewis und setzte sich zurecht. Er wollte nicht zwingend kiffen, bis es nicht notwendig wurde.
      "Ähm, schickes Hotel haben Sie da ausgesucht. Muss teuer gewesen sein."
      Er ließ seinen Blick schweifen, von Diego zu Santiago zur Tür und wieder zurück. Nur um seiner Magie Futter zu geben, wenn sie welches finden konnte. Aber der Raum war sauber und seine Magie schlug nicht an.
      "Schade, dass es hier keinen Smoker gibt. Sowas kann Santiago gut."
    • "Nein danke"
      Diego zuckte mit den Schultern und nippte ans einem Wein. Dann stand er auf und suchte sich gezielt ein zweites Glas, um es für Lewis zu füllen.
      "Ähm, schickes Hotel haben Sie da ausgesucht. Muss teuer gewesen sein."
      "So teuer war es gar nicht. Der Trick ist, es den Leuten abzunehmen, die Angst davor haben, was passiert, wenn sie pleite gehen."
      Santi schüttelte den Kopf. Lewis hatte wahrscheinlich nicht den Preis des gesamten Hotels gemeint.
      "Schade, dass es hier keinen Smoker gibt. Sowas kann Santiago gut."
      Diego seufzte theatralisch.
      "Oh, an die BBQs erinnere ich mich. Wundervoll! Aber ein Smoker wäre dann doch ein bisschen langsam, findest du nicht? Und unser guter Santi hier hat heute wohl kaum die Geduld dafür, sich sechs Stunden lang darauf zu konzentrieren, gutes Essen zu machen. Am Ende denkt er noch, jemand möchte ihn rösten wie die Hexe aus Hänsel und Gretel."
      Santi mochte es nicht besonders, wenn jemand anderes über die negativen Seiten seiner Magie sprach, aber er konnte auch nichts tun, um Diego davon abzuhalten. Der Mann kannte all seine Geheimnisse. Er hatte Santi in der Hand wie kaum ein anderer.
      "Aber genug von ihm, ich will mehr von dir wissen. Wie bist du an unseren heißen Argentinier hier geraten?"


    • "Oh, an die BBQs erinnere ich mich. Wundervoll! Aber ein Smoker wäre dann doch ein bisschen langsam, findest du nicht?"
      Oh - jetzt, wo er es sagte. Daran hatte Lewis gar nicht gedacht. Aber was hätte er zu dem Kerl sonst sagen sollen? Oder hätten sie beide sich totschweigen sollen?
      "Und unser guter Santi hier hat heute wohl kaum die Geduld dafür, sich sechs Stunden lang darauf zu konzentrieren, gutes Essen zu machen. Am Ende denkt er noch, jemand möchte ihn rösten wie die Hexe aus Hänsel und Gretel."
      Lewis runzelte die Stirn. Das war dann doch etwas harsch ausgedrückt. Natürlich wusste er, was Diego meinte, aber musste er es wirklich so formulieren? Santiago war sich sehr gut bewusst, was seine Magie mit ihm anstellte, da musste man es ihm nicht noch so unter die Nase reiben.
      "Wohl kaum", stimmte er mürrisch zu. Das lief ja ganz wunderbar. Wie lange sollte dieses Essen nochmal gehen? Er hatte keine Uhr parat.
      "Aber genug von ihm, ich will mehr von dir wissen. Wie bist du an unseren heißen Argentinier hier geraten?"
      Unseren?
      "Ein Job", sagte Lewis, fast ohne nachzudenken. Fast. "Wir wurden zur gleichen Zeit vom gleichen Typ angeheuert. Wir haben den Job erledigt, sind feiern gegangen und dann hat das eine zum anderen geführt. Mehrfach. Sie wissen ja sicher, wie gut seine Muskeln sind."
      Demonstrativ ließ er seinen Blick auf Diegos Schlüsselbein fallen, dann weiter tiefer, bevor er ihm wieder in die Augen sah und ein zuckersüßes Lächeln präsentierte. Immerhin hatte er unter all der Macht und dem Reichtum einen einzigen Vorteil gegenüber dem anderen: Er war derjenige, mit dem Santiago schlief, nicht Diego. Den er sogar datete. Das hatten die beiden nie getan, was Lewis wusste und weshalb er sich wenigstens ein bisschen besser fühlte. Würde erfolgreich wieder zusammengekratzt, für den Moment.
    • Santi war nicht mehr derselbe, das sah er sofort. Der Mann bewegte sich mit derselben geschulten Präzision, dieselbe kontrollierte Eleganz, mit der er früher schon Räume betreten hatte, aber unter der Oberfläche arbeitete es. Es waren die kleine Dinge: ein kaum merklicher Bruch in der Haltung, als er die Klinge auswählte, Der Moment, in dem seine Augen unauffällig, aber doch energisch, Lewis suchten.
      Ah. Da lag sie also. Die Schwäche. Oder besser gesagt: die neue Variable.
      Dieser Lewis war interessant – auf eine etwas rohe, ungeschliffene Art. Eine graue Maus, ein bloßer Schatten im Hintergrund. leicht zu übersehen, aber Diego wusste es besser, als so eine Person zu unterschätzen. Er war kein einfaches Spielzeug, das ließ seine Körpersprache gar nicht zu. Er beobachtete, kalkulierte sogar ein bisschen. Nicht schlecht, dachte Diego. Aber naiv. Noch.
      Zwischen den beiden lag etwas, das man Zuneigung nennen konnte – ein Wort, das Diego selbst nie wirklich begriffen hatte. Es wirkte nicht performativ, nicht gespielt, aber auch nicht ganz intakt. Da war... Spannung. Vielleicht ein Ergebnis von Santis aktiver Magie, vielleicht mehr. Diego sah so etwas schnell.
      Und Santi... Santi war nervös, auch wenn er das nach außen hin zu überspielen versuchte. Er wirkte ruhig, aber er war es nicht. Diego kannte die Zeichen, schließlich hatte er ihn darauf trainiert, sie zu unterdrücken. Sein ehemaliger Schützling war nicht aus der Fassung zu bringen gewesen. Damals.
      Und jetzt? Jetzt war da dieser Lewis. Und Santi war nervös für ihn, nicht wegen ihm. Interessant.
      Trotzdem: schön war er noch immer. Gott, ja. Santi war ein Kunstwerk. Ein Werk, das Diego mitgestaltet hatte. Mit Geduld. Mit Zucht. Mit Lust. Ein süßes Spiel, das sie damals gespielt hatten. Eins, das in seinen Erinnerung klebte wie guter Wein auf der Zunge.
      Er fragte sich, wie viel davon noch in Santi steckte. Wie viel davon Lewis je zu sehen bekommen hatte.
      Er betrachtete die beiden. Lewis war angespannt, die schlanken Muskeln unter dem Shirt deutlich zu erkennen, sein Blick wachsam, fast schon... schützend. Süß. Fast rührend. Und einladend.
      Diego konnte sich gut vorstellen, wie es wäre, beide unter seiner Kontrolle zu haben. Unterschiedlich, aber komplementär. Santi, mit seiner Geschichte. Lewis, mit seiner zuckersüßen Naivität. Wäre nicht das erste Mal, dass er aus etwas Persönlichem Kapital schlug.
      Er lehnte sich etwas zurück, hob das Glas leicht an die Lippen.
      "Oh ja, an diese Muskeln erinnere ich mich nur zu gut," säuselte er.
      Er genoss den Blick von Lewis. Er mochte es, wenn Leute ihn ansahen, als könnten sie ihn mit Haut und Haaren verschlingen. Niemand konnte das. Aber solche Blicke waren wie Sonnenschein auf seiner Haut.

      Santi biss sich auf die Zunge und konzentrierte sich darauf, den Nudelteig ordentlich durchzukneten. Er hatte den Drang, diese Unterhaltung irgendwie zu kontrollieren, zu entspannen.
      "Wie wär's, wenn du deinen maßgeschneiderten Anzug mal dreckig machst und mir einen Topf Wasser aufsetzt?" fragte er an Diego gerichtet.
      Die Art, wie Diego ihn daraufhin anlächelte... Nein. Santi würde sich davon nicht wieder so einfach einwickeln lassen.
      "Und Lewis? Du kannst da drüber mal die Pasta machen."
      Er deutete auf eine Nudelpresse, die er eben schon aufgestellt hatte.
      Diego's Blick glitt zurück zu Lewis.
      "Sieh an, sieh an. Wir kriegen sogar die familiäre Kochweise der Argentinier. Das ist doch mal was."
      Er leerte sein Weinglas und stand auf, schlüpfte aus seinem Jackett und krempelte sie die Ärmel hoch, bevor er Santis Anweisung einfach so folgte und einen großen Topf holte, um ihn mit Wasser zu füllen. Santi legte unterdessen den Teig zu der Nudelpresse.
      "Was wird das Ganze, Chef?" fragte Diego, als er den Herd anstellte.
      "Du wolltest überrascht werden, also lass dich überraschen."
      Diego machte ein Geräusch, das nur darauf schließen ließ, dass es ihm gefiel, so herumgebosst zu werden. Verdammt!


    • "Oh ja, an diese Muskeln erinnere ich mich nur zu gut."
      Diego ließ sich gar nicht auf Lewis' Stichelei ein. Im Gegenteil, er schien es zu genießen, wie Lewis ihn betrachtete. Was sollte das nun heißen? War das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes?
      "Wie wär's, wenn du deinen maßgeschneiderten Anzug mal dreckig machst und mir einen Topf Wasser aufsetzt?", fragte Santiago da aus der Küche. Lewis konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ja, mach dir doch deinen hübschen Anzug mal dreckig.
      "Und Lewis?"
      Mist.
      "Du kannst da drüber mal die Pasta machen."
      "Sieh an, sieh an. Wir kriegen sogar die familiäre Kochweise der Argentinier. Das ist doch mal was."
      Diegos Enthusiasmus konnte Lewis nicht so sehr teilen. Er hatte zwar nichts gegen kochen, aber nicht jetzt, wenn sie noch darauf warteten, ob dieser Abend hier nur ein Abendessen bleiben oder zu etwas anderem mutieren würde. Nein, da wollte Lewis eigentlich nicht gerade kochen.
      "Ich dachte, wir werden bekocht", grummelte er, stand aber auf. Diego tat dasselbe, krempelte sich die Ärmel hoch - der Look stand ihm verdammt gut, wie Lewis zugeben musste - und ging voran zu den Töpfen. Lewis blieb bei der Nudelpresse; zum Glück hatte Santiago ihm mal gezeigt, wie sowas funktionierte.
      "Was wird das Ganze, Chef?"
      "Du wolltest überrascht werden, also lass dich überraschen."
      Diego machte ein Geräusch, bei dem Lewis aufsah. Oh. Fuck. Jetzt hatte seine Fantasie neuen Stoff, mit dem sie spielen konnte. Sein Blick glitt ungeniert über Diegos Rückseite und hing sich dann an seinem Hintern fest, solange er wegsah. Das war wirklich ein perfekt sitzender Anzug. Seine Fantasie frohlockte gleich noch viel mehr.
      Als er aufsah, begegnete sein Blick Santiagos und er zog eine Unschuldsmiene. Schauen konnte er ja wohl. Aber Santiago hatte recht mit seinem unterschwellig mahnenden Blick: Lewis sollte sich konzentrieren. Wenn er einen Arsch zum Anglotzen haben wollte, konnte er auch warten, bis sie wieder Zuhause waren.
      Er wandte sich wieder der Presse zu und kurbelte den Teig durch. Dabei sah er zu, wie Diego den Topf Wasser auf dem Herd abstellte - diesmal nicht, um ihn anzuglotzen, sondern für seine Magie. Santiago dachte bei dem Anblick des Wassers sicher daran, dass irgendjemand damit waterboarding bei ihm betreiben wollen würde und das wollte Lewis frühzeitig vorhersehen. Natürlich würde diese Situation niemals eintreffen, aber Lewis kümmerte sich um den Mann und wollte ihn nicht enttäuschen. Der andere verließ sich auf seine Magie.
      "Sagst du wenigstens mir, was es wird?"
    • Diego beobachtete sie. Er lehnte sich an die Arbeitsplatte, verschränkte die Arme vor der Brust, und beobachtete sie entspannt.
      Santi wandte sich Lewis zu, wandte Diego mit voller Absicht den Rücken zu und flüsterte ihm ins Ohr: "Lobster Pasta. Einfach genug, um es schnell zu machen. Fancy genug, um einen reichen Sack zufrieden zu stellen."
      Er hob den Kopf wieder und lächelte Diego über die Schulter zu. Er wusste, dass sowas Diego in den Wahnsinn trieb. Er mochte Geheimnisse nur, wenn er sie vor anderen haben konnte. Es mochte ein gefährliches Spiel sein, das Santi hier spielte, aber es war besser, den man wuschig zu machen, als wütend. Und so gut Diego in diesem Spiel auch war: Santi hatte ihm jahrelang beim Spielen zugesehen, hatte von ihm gelernt. Er spielte dieses Spiel genauso gut.
      Santi deutete auf das Regal mit den Töpfen und Pfannen.
      "Ich brauche 'ne Pfanne und Oliven-Öl, corbata*."

      Diego hob eine Augenbraue. Den Spitznamen hatte er ja schon Ewigkeiten nicht mehr gehört. Und eigentlich gehörte der hier auch gar nicht hin. Das war eine private Information. Clever.
      Sein Blick huschte kurz zu Lewis hinüber. Er hatte sich informiert, aber er kannte den Mann nicht. Er mochte es nicht, Leute nicht zu kennen. Santi wusste das. Dass er diesen Jungen hier überhaupt duldete war der Tatsache geschuldet, dass Santi mit ihm gemeinsam an ihn herangetreten war, also hatte er sie beide in den Preis einbeziehen müssen. Das hatte ihn vor zwei Tagen schon gewurmt, jetzt wurmte es ihn noch mehr. Dieses Abendessen zu verlangen war ein Moment der Schwäche gewesen, dass wusste er, das wusste Santi.
      Diego Garcia verlor seine Spiele nicht.
      Er schlenderte hinüber zu den Küchenutensilien und fischte eine Pfanne heraus. Als er sich umwandte... Himmel, Santi war eine Statue gefertigt von Michelangelo selbst! Der Mann stand da, die Arme vor der breiten Brust verschränkt. Er senkte den Blick und schüttelte leicht den Kopf.
      "Größer," raunte er schlicht und fuuuck, der Ton seiner Stimme schoss direkt von seinen Ohren zu seinen Lenden.
      Das hier würde schwieriger werden, als erwartet.
      Diego hängte die Pfanne zurück und holte eine größere. Er platzierte sie dort, wo Santi sie haben wollte. Rückte er ihm dabei ein bisschen auf die Pelle? Jap. Tat er das mit voller Absicht? Auch ja. Doch dann wandte er sich von Santi ab und lehnte sich stattdessen mit einer Hand gegen die Arbeitsplatte, an der Lewis gerade arbeitete. Der Junge hatte sehnige Muskeln, wenn überhaupt. Besonders stark wirkte er nicht. Aber das konnte auch heiß sein. Diego war niemand, der einen hübschen Twink von der Bettkante stieß.
      Er griff nach einer langen Haarsträhne und wickelte sie sich um den Finger.
      "Ich nehme an, dieser Job war der, der Santi 15 Billionen in Gold eingebracht hat?"
      Private Information gegen private Information. Auch wenn Diego nicht vermutete, dass er hier viel preisgab. Es war ein Anfang. Er würde schon noch einen Weg finden, mehr über diesen Jungen herauszufinden.


    • "Lobster Pasta", flüsterte Santiago. Lewis machte ein halb stummes "Oh".
      "Einfach genug, um es schnell zu machen. Fancy genug, um einen reichen Sack zufrieden zu stellen."
      Ein Grinsen breitete sich auf Lewis' Gesicht aus und Santiago richtete sich wieder auf. Dass er Diego als reichen Sack bezeichnen würde, damit hätte Lewis nicht gerechnet. Aber es passte wohl.
      Sie beide sahen hinüber zu dem Mann, der sie beobachtete. Sein Gesichtsausdruck war unleserlich.
      "Ich brauche 'ne Pfanne und Oliven-Öl, corbata."
      Corbata? Fuck, Lewis hätte sich die Mühe machen sollen, spanisch zu lernen. Was war das nun wieder für ein Spitzname? So einer wie sein callejero?
      Der Mann gehorchte aber und beförderte eine Pfanne zutage. Er stellte sie dorthin, wo Santiago sie haben wollte, wobei er sich ein wenig zu dicht bei dem anderen positionierte, ein bisschen zu lange in seiner Nähe verweilte, sich zu stark zu ihm neigte. Lewis fiel das auf, denn Lewis hätte es genauso getan. Wenn er mit Santiago hätte flirten wollen, er hätte es auch so gemacht. War Diego also in Flirtlaune? War das gut - konnten sie das ausnutzen? Das würde sich noch zeigen.
      Lange blieb er nicht bei Santiago, dann war er schon wieder bei Lewis. Lewis spürte den Blick seiner eisblauen Augen auf sich, kein sehr angenehmes Gefühl. Oder schon, in dem richtigen Umfeld, mit der richtigen, unterschwelligen Bedeutung.
      So, wie er gerade noch Santiago nahe gekommen war, kam er jetzt Lewis nahe. Er streckte die Hand nach ihm aus und Lewis beobachtete verdattert, wie er sich eine seiner Strähnen um den Finger wickelte. Was sollte das denn jetzt?
      "Ich nehme an, dieser Job war der, der Santi 15 Billionen in Gold eingebracht hat?"
      Lewis sah zurück in seine Augen. Woher wusste er das nun? Hatte Santiago ihm das erzählt? Ganz bestimmt nicht, wann hätte er das denn tun sollen? Lewis war doch ständig bei ihm gewesen.
      "Ich weiß nicht. Wir wurden alle einzeln bezahlt."
      Einer plötzlichen Eingebung folgend löste er sich von der Presse und zog den Kopf zurück. Mit einiger Befriedigung spürte er, wie die Strähne an Diegos Finger hängenblieb. Er mochte es, an den Haaren gezogen zu werden.
      Er wandte sich Diego zu und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Küchenzeile.
      "Aber wissen Sie, wenn ich mir das so recht überlege... In seinem Schlafzimmer, auf seinem Regal, da steht seit dem Job ein waschechter Goldbarren. Den kann man ziemlich gut sehen, von seinem Bett aus. Aber nur aus einem bestimmten Winkel - da müssen Sie mit dem Kopf am Fußende ganz, ganz nah an die Matratze heran, um ihn sehen zu können. Also ja, wenn ich mir das so recht überlege, wird es vermutlich dieser Job gewesen sein."
      Er grinste frech. Noch ein Punkt für Lewis: Diego war sicher noch nicht in Santiagos Wohnung gewesen. Oder zumindest nicht in den letzten Monaten, seit Lewis ihn kannte.
    • Santi hörte jedes Wort. Natürlich tat er das, auch wenn er vordergründig mit dem Rücken zu den beiden stand und die Zwiebeln zerlegte, als hinge sein Leben davon ab. Diegos Stimme klang seidig, gefährlich wie eine Schlange, die sich um das richtige Opfer wand. Und Lewis – Lewis schlug zurück. Frech. Direkt. Mit einer Lässigkeit, die man nur mit einer gewissen Lebensmüdigkeit oder einer gehörigen Portion Mut zur Konfrontation kultivierte. Hoffentlich führte ihn seine Brattiness nicht durch die falsche Tür.
      Santi starrte in den Topf, als würde er in dem langsam aufkochenden Wasser eine Antwort finden, aber sein Magen krampfte sich leicht zusammen. Nicht aus Eifersucht. Das war es nicht, nicht ganz. Es war die Mischung aus Nervosität und der wachsenden Gewissheit, dass Diego etwas wollte. Etwas mehr als bloß dieses Abendessen. Etwas – oder jemanden. Und die Art, wie er Lewis musterte, wie er ihm zu nahe kam, das machte Santi nicht eifersüchtig; es machte ihn wachsam, alarmiert. Schutzinstinkte fuhren in ihm hoch wie ein programmiertes System, das noch tief in seinen Reflexen vergraben war.
      Lewis war kein Dummkopf. Und doch war Diego ein anderes Kaliber. Diego war nicht blöd, der verstand genau, was da zwischen den Zeilen passierte. Trotzdem... er schien es zu genießen.
      Santi riskierte einen Seitenblick. Diego stand nah bei Lewis, zu nah, und obwohl er wusste, dass der Blick, den Diego ihm schenkte, provozieren sollte, konnte er sich nicht helfen: Es zuckte in seinem Magen. Vielleicht war das ja auch nur seine Paranoia? Oder der hässliche Reflex, zu wissen, wie Diego funktionierte...
      Er presste die Lippen zusammen und wandte sich wieder dem Topf zu. Das Wasser begann langsam zu blubbern. Er ließ sich nicht anmerken, wie unruhig es ihn machte, dass Diego ihm gerade die Aufmerksamkeit entzog und sie stattdessen vollends auf Lewis richtete. Denn das bedeutete, dass er spielte. Er testete.
      "15 Billionen für jeden, der beteiligt war," warf Santi in den Raum, ohne sich umzudrehen, seine Stimme ruhig, trocken. "Und ja, er war auch beteiligt."
      Ein kleines Statement. Diego mit Informationen füttern, ohne den Ball aus der Hand zu geben. Der Mann war hier nicht der Einzige, der zwischen den Worten zuhörte.
      Santi hob warf den ersten Hummer in das nun kochende Wasser. Der Duft stieg auf – ein Anker inmitten seines inneren Chaos.
      Er wusste nicht, was Diego von diesem Abend wollte. Er glaubte auch nicht, dass Diego es selbst so genau wusste. Vielleicht Kontrolle. Vielleicht Erinnerung. Vielleicht ein letzter Blick auf etwas, das nie ihm gehört hatte, auch wenn lange Zeit danach ausgesehen hatte.
      Aber es war gefährlich, hier zu sein. In dieser Küche. Mit diesen Gesten. Diesem Blick.
      Und Lewis.
      Immer Lewis.

      Der Kleine konnte beißen. Es war herrlich.
      Lewis war klüger, als Diego angenommen hatte. Und mutiger. Dieses kleine Spielchen mit dem Goldbarren – billig, durchschaubar, aber genau die Art Provokation, die bei ihm zeigte.
      Natürlich war er nie in Santis Schlafzimmer gewesen. Sie hatten sich immer in den Hotels vergnügt, die Diego als sein temporäres Domizil auserkoren hatte. Er war sich sogar ziemlich sicher, dass Santi nie eine Wohnung gehabt hatte, solange er für Diego gearbeitet hatte. Aber selbst in diesen Hotels hatte Santi ihn nie in dessen Zimmer gelassen; sie waren immer in Diegos Suite gegangen. Er hatte dem Mann diese Freiheit gelassen, wusste er doch, dass die Dämonen in Santis Kopf durchaus Platz brauchten. Die Tatsache, dass Lewis sich in diesen heiligen inneren Kreis von Santi hatte wurmen können... Ein Detail, scheinbar nichtig, aber es sagte viel.
      Über Santi.
      Über Lewis.
      Über ihre... Nähe.
      Er erinnerte sich an die Nächte mit Santiago. Daran, wie der Mann ausgesehen hatte, wenn er am Boden kniete, still, gehorsam, und nach oben zu diesem Kunstwerk von einem Mann sah.
      Damals hatte er geglaubt, er könne ihn besitzen. Jetzt sah er, wie falsch das gewesen war.
      Und doch war da etwas, das ihn reizte. Vielleicht war es das, was er nicht kontrollieren konnte. Vielleicht war es auch einfach nur die Idee, diesen Jungen und seinen ehemaligen Schützling gleichzeitig in den Griff zu bekommen – auf seine Weise.
      Er sah Lewis noch einen Moment an, ließ die Strähne an seinem Finger langsam losgleiten, bevor er ein leises, anerkennendes Lachen ausstieß.
      "15 pro Person also," murmelte er, als Santi sich einmischte. Natürlich musste er die Kontrolle zurückholen.
      Er sah zu Santi.
      Nicht zu Lewis.
      "Seit wann arbeitest du denn mit Teams? So zahm geworden?"
      Seine Stimme war weich, aber da war ein Stachel darin. Ein Test.
      Wie viel Kontrolle hatte Santi wirklich?
      Wie viel hatte er verloren – oder vielleicht sogar gewonnen?
      Er ließ sich auf einen Hocker sinken, die Beine lässig überkreuzt. Er griff sich sein leeres Weinglas und die Flasche und füllte sich nach.
      "Wenn du dich so weiterentwickelst, Santi, muss ich vielleicht bald mal wieder auf dich bieten."
      Und dann trank er endlich einen Schluck, ohne den Blick von ihm zu lassen, ein Lächeln auf den Lippen.


    • Diego starrte einen Moment lang zurück, scharfe, eisblaue Augen, die sich in Lewis' Gehirn bohrten. Seine Miene zeigte Gelassenheit wo Lewis sich beinahe sicher gewesen war, ihn treffen zu können - beinahe. Aber Diegos Selbstkontrolle war steinhart und als er kurz auflachte, wusste Lewis, dass das alles war, was er von dem Mann bekommen würde. Schade eigentlich. Er hätte zu gerne gewusst, was er wirklich darüber dachte, dass Lewis in Santiagos Wohnung durfte.
      "15 pro Person also."
      Diego wandte sich wieder Santiago zu und so schnell war Lewis wieder unwichtig geworden. Oder - vielleicht hatte Diego damit auch seine Niederlage anerkannt. 2:0 für Lewis. Wenn das so weiterging, konnte der Abend ja noch richtig lustig werden. Von wegen "Diego ist gefährlich" - der Mann war vielleicht nicht unbedingt zahm, aber antun konnte er Lewis wohl auch nichts. Nur sich von ihm reindrücken lassen, dass Santiago und Lewis eine engere Beziehung führten, als die beiden es jemals tun würden.
      Zufrieden drehte Lewis sich wieder der Nudelpresse zu und kurbelte. Santigago hatte den Mann sicher nur so durchtrieben beschrieben, weil seine Paranoia mit ihm durchging. Ganz bestimmt. Bis jetzt war der Kerl nämlich nicht viel mehr als eine süße, exotische Frucht, die vielleicht ein paar brauchbare Kontakte pflegte.
      Lewis sammelte die Nudeln in einer Schüssel und brachte sie zu Santiago.
      "Wohin damit?"
      Santiago zeigte es ihm, Lewis gehorchte ihm und dann hatte er wieder nichts zu tun. Um nicht noch einmal so nahe bei Diego herumzulungern, blieb er auf der anderen Seite der Anrichte und probierte einen Schluck von dem Wein. Wie hatte Diego ihn genannt? Er hatte nur sein Jahr genannt, 86. Das war ganz schön reif für einen Wein, wie Lewis wusste, aber da war es auch schon wieder vorbei mit seinem Wissen. Außerdem schmeckte er in seinen Augen wie jeder andere rote Wein. Eigentlich enttäuschend. Er hätte jetzt lieber etwas süßes zum Trinken gehabt. Oder seinen Joint, wenn er schon dabei war.
      Er lehnte sich mit den Ellbogen auf die Arbeitsfläche und beobachtete abwechselnd Santiago dabei, wie er kochte, und Diego dabei, wie er Santiago beobachtete. Dieser Abend konnte ja noch was werden.