Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Santi nahm das Glas, das Lewis ihm hinhielt, mit beiden Händen entgegen, als wäre es etwas Kostbares. Er sagte nichts – seine Kehle fühlte sich noch immer eng an, als würde ein Rest der Erinnerung dort hocken, wie ein Knoten, der sich nicht ganz lösen ließ. Doch er trank. Langsam zuerst, dann in tiefen Zügen, das Wasser war kalt und klar und real, und es half.
      Er spürte, wie Lewis ihn beobachtete, und obwohl ihm alles in den Gliedern wehtat – nicht körperlich, sondern von innen her –, fühlte er sich nicht unangenehm entblößt. Eher gesehen. Wahrgenommen. Es war so seltsam, aber er konnte nicht behaupten, dass er es nicht mochte; im Gegenteil.
      Als Lewis aufstand und das Bad vorbereitete, war da keine Frage in ihm, ob er mitgehen wollte oder konnte. Er stand einfach auf, ließ sich mitnehmen, wie man sich von der Strömung tragen lässt, wenn man endlich losgelassen hat.
      Unter der Dusche sprach er noch immer kein Wort. Er stand da, ließ das warme Wasser über sich laufen, ließ Lewis machen – wie er seine Haut einschäumte, sanft, fast ehrfürchtig, wie seine Finger über seinen Rücken glitten, durch sein Haar fuhren. Und obwohl alles an seinem Inneren gerade roh war, offen, verletzlich, fühlte sich keine dieser Berührungen zu viel an. Eigentlich waren sie genau richtig.
      Lewis sagte etwas Albernes, irgendetwas über ihren Geruch, und ein kleines Lächeln zuckte über Santis Gesicht. Natürlich musste der Streuner jetzt ausgerechnet darüber scherzen. Er lehnte den Kopf gegen Lewis' Schulter, ließ sich die Haare waschen. Es war zärtlich, ungewohnt, aber kein bisschen unangenehm.
      Auch beim Abtrocknen ließ er ihn gewähren. Alles, was er tun musste, war zu atmen, zu stehen, sich halten zu lassen.
      Und dann, als sie sich wieder ins Bett legten, ließ Santi sich ohne Zögern in Lewis' Arme sinken. Kein Wort, kein Widerstand, nur das ruhige, müde Gewicht seines Körpers, als sich anlehnte, einkuschelte, den Halt suchte, nach dem er sich so sehnte.
      Er legte seine Stirn an Lewis' Hals, spürte dessen Herzschlag unter der Haut. Seine Augen waren schwer, seine Brust bewegte sich gleichmäßig. Er war müde – durch und durch –, aber da war nichts Kaltes mehr in ihm, nichts, das drückte oder schnürte. Nur Stille. Und Lewis.
      "Wie fühlst du dich? Willst du noch versuchen zu schlafen?"
      Santi lag eine kleine Weile einfach nur da, reglos, den Kopf an Lewis' Brust, die Augen geschlossen. Die Wärme seines Körpers, das gleichmäßige Heben und Senken, das beruhigende Gewicht eines Arms über seinem Rücken – all das hatte ihn weit genug zurückgeholt, dass Worte wieder greifbar wurden.
      "Es war nicht deine Schuld," murmelte er schließlich, heiser, als hätte er lange nicht gesprochen. "Du hast nichts falsch gemacht."
      Seine Stimme war leise, aber klar. Er sagte das nicht bloß aus Reflex, nicht bloß als Trost für den anderen, sondern sprach die Wahrheit.
      Er hob leicht den Kopf, gerade so, dass sich ihre Blicke treffen konnten, zumindest im Zwielicht des Schlafzimmers.
      "Ich hatte Spaß. Ehrlich. Bis… na ja."
      Er machte eine kleine Geste mit der Hand, ein angedeutetes Explodieren. Kein Vorwurf, eher Galgenhumor.
      Dann senkte er den Blick wieder, bettete sich zurück auf Lewis' Brust, als sei das der einzig sinnvolle Ort in dieser Welt.
      "Wir sollten das irgendwann nochmal machen," murmelte er mit einem Ton, der von seiner Müdigkeit zeugte.
      "Richtig. Ganz durchziehen, ohne dass mein Hirn mir 'ne brennende Kette um den Hals schlingt."
      Er schnaubte leise, dann wurde sein Atem langsam, gleichmäßig. Er war müde und es gab nichts mehr, vor dem er sich fürchten musste. In wenigen Atemzügen war er eingeschlafen, einfach so, gekuschelt an den einen Menschen, dem er sich so sehr anvertraute, dass er ihn mit einer ruhigen, friedlichen Nacht gleichsetzte.


    • Santiago antwortete nicht sofort und als Lewis hinab sah, bemerkte er, dass der Mann die Augen geschlossen hatte. Er wirkte jetzt aber nicht mehr so ausgezehrt wie vorhin und so beruhigte der Anblick Lewis. Er bekam es eh viel zu selten zu sehen, wie Santiago einmal richtig die Augen geschlossen hatte. Immerhin schlief er kaum und wenn er ein kurzes Nickerchen machte, konnte man ihm das ansehen.
      Schließlich sagte er aber leise:
      "Es war nicht deine Schuld. Du hast nichts falsch gemacht."
      Seine Stimme hörte sich heiser an und Lewis verstärkte unmittelbar die Arme um ihn. Sorge stieg wieder in ihm auf, aber gleichzeitig war er dankbar darum, dass Santiago einen Wert darauf legte ihm zu sagen, dass es nicht seine Schuld war. Denn wenn er ehrlich war, wusste Lewis nicht, ob es ihn nicht irgendwann heimgesucht hätte, die Frage, ob er nicht wirklich dafür verantwortlich gewesen war. Denn eigentlich war er ja genau -
      Nein. War er nicht und Punkt. Es war nicht seine Schuld und Santiagos war es auch nicht. Viel wichtiger war es, dass Santiago sein safeword genutzt hatte und Lewis auch ordentlich darauf gehört hatte - so, wie es eben sein sollte. Fick dich, Bryce.
      "Okay. Danke", sagte er leise zurück und küsste seine Schläfe. Santiagos Stirn war warm an seinem Hals und Lewis lehnte seinen Kopf an ihn.
      "Ich hatte Spaß. Ehrlich. Bis… na ja."
      Santiago machte eine vage Geste, die Lewis verstand und zum Schmunzeln brachte. Der Mann sah zu ihm auf und es war gut zu sehen, dass in den bernsteinfarbenen Augen keine Angst mehr verborgen lag. Und auch sonst nichts, bis auf die Müdigkeit, die ihn jetzt besonders heimsuchte.
      "Mir auch. Vielleicht steckt ja noch ein Dom in mir. Das nächste Mal pack ich die Peitsche aus und dann muss dein Hintern dran glauben."
      Er grinste und strich mit den Fingernägeln über Santiagos Haut. Es war schön, dass er wieder genug Kraft zum Sprechen gefunden hatte. Über seine Schweigsamkeit hatte Lewis sich langsam Sorgen gemacht, so wie über alles andere auch, eigentlich.
      "Wir sollten das irgendwann nochmal machen", nuschelte Santiago weiter in Lewis' Halsbeuge hinein. Lewis lehnte seinen Kopf wieder an ihn und fuhr mit seinen Streicheleinheiten fort.
      "Richtig. Ganz durchziehen, ohne dass mein Hirn mir 'ne brennende Kette um den Hals schlingt."
      Eine brennende Kette? Heilige Scheiße, Lewis wollte gar nicht wissen, was da sonst in seinem Traum passiert war. Mit einem Mal empfand er den größten Respekt für den Mann, dass er davon nicht schreiend und weinend zusammengebrochen war.
      "Das klingt gut. Du siehst verdammt sexy aus in deinen Fesseln, weißt du das?"
      Santiago schnaubte davon, dann war er wieder still. Schweigend ließ er sich die Streicheleinheiten gefallen und Lewis folgte dafür dem Verlauf seiner weichen Muskeln, strich ihm über die warme Haut.
      "Wir könnten ja auch... weiß nicht. Du könntest mir zeigen, wie du deine Shibari-Sachen machst und dann mache ich sie an dir. Das fühlt sich eigentlich ziemlich gut an. Hast du das schonmal gemacht?"
      Wieder antwortete Santiago nicht sofort und Lewis gab ihm erneut die Zeit, die er brauchte, strich ihm die Arme hoch und wieder runter, zeichnete in Gedanken irgendwelche Muster auf seine Haut. Als er nach einiger Zeit immer noch nicht geantwortet hatte, runzelte Lewis die Stirn. Er hatte doch nicht zu leise gesprochen, oder?
      "Santi?"
      Immernoch nichts. Der Mann rührte sich nicht und Lewis streckte sich in die andere Richtung, um einen Blick auf ihn zu werfen. Seine Augen waren noch immer geschlossen, aber seine Züge waren jetzt entspannt und sein Mund war leicht geöffnet. Sein Atem kam tief und langsam und sein ganzer Körper hatte sich von allen Anspannungen gelöst. Er war eingeschlafen.
      Er war eingeschlafen.
      Auf Lewis.
      Und er schlief. Er schlief wirklich.
      Fassungslos starrte Lewis ihn an, dann fühlte er mit einem Mal einen solchen Stolz in seiner Brust explodieren, dass ihm gleich ganz heiß davon wurde. Santiago war auf ihm eingeschlafen! Lewis hatte ja schon fest gerechnet, dass er die restliche Nacht wach bleiben würde, wie er es sonst immer tat, wenn er einen Alptraum durchlebt hatte, aber er war wieder eingeschlafen. Auf Lewis! Und allem Anschein nach hatte er nicht noch mehr Alpträume - oder zumindest nicht für den Moment. Und bis sie wieder kommen würden... bis sie kommen würden, konnte er so tief schlafen, wie er nur wollte, denn Lewis würde einen Scheiß tun und sich hier wegbewegen. Wenn der Mann schlafen wollte, dann konnte er schlafen! Lewis würde es ihm möglich machen.
      Für einen Moment grinste er wie blöd, dann schlang er sämtliche freie Gliedmaßen um den Mann und hielt ihn so fest. Das fühlte sich einfach toll an. Er würde am Morgen vermutlich die Rückenschmerzen seines Lebens davontragen und sein Arm würde in ein Koma fallen, aber das nahm er alles mit Freuden in Kauf. Dafür fühlte sich das alles hier viel zu schön an.
      Weil Santiago nicht Lewis' Magie haben wollte, wie er kurz darauf begriff. Und auch nicht seinen Schwanz oder seinen Arsch. Weil er ihn haben wollte.

      Lewis döste für einige Zeit selbst ein und als er aufwachte, tat ihm wirklich alles weh, aber Santiago schlief noch, Santiago litt keine Alpträume und deshalb schob Lewis den Schmerz rigoros beiseite, um den Mann weiter halten zu können. Wie oft würde er denn schließlich so eine Gelegenheit bekommen? Santiago ließ ihn immer auf sich liegen, bis Lewis einschlief, aber Lewis konnte den Gefallen kaum erwidern, weil Santiago nunmal kaum schlief. Das machte es umso mehr wert, dass er noch immer nicht aufgewacht war. Lewis grinste ein bisschen in sich hinein, dann versuchte er sie beide so zu bewegen, um zumindest einen Teil von Santiagos Gewicht von seiner Schulter zu lösen. Dabei nahm der Mann einen tiefen Atemzug im Schlaf, der Lewis augenblicklich daran erinnerte, wie leicht er eigentlich schlief. Okay, dann lieber nicht. Er hätte versuchen können sich zu befreien, zog es dann aber lieber vor, Santiago wieder an sich zu ziehen. Was war schon ein bisschen Schmerz in der Schulter, die brauchte er eh nicht. Lieber hatte er Santiago dort liegen. Federleicht küsste er ihn auf die Stirn, dann versuchte er nochmal ein bisschen zu dösen.
      Später wurde es doch nicht mehr aushaltbar und er löste sich mit leisen, geflüsterten Entschuldigungen von Santiago, um seinen Körper mit einem Kissen zu entsetzen. Santiago rührte sich zwar, schien dann aber doch noch zu schlafen. Lewis kletterte vorsichtig aus dem Bett.
      Er streckte sich und zischte leise bei dem unangenehmen Schmerz, der ihm dabei durch den Rücken fuhr, dann zog er sich eine von Santiagos zu großen Jogginghosen an und ging Barfuß in die Küche. Erst kam ein Joint zwischen die Lippen, dann eine Pfanne auf den Herd. Wie war das noch gleich mit Frühstück? Eier konnte er machen und wenn Santiago ein paar Würstchen da hatte, konnte er ihm schon fast ein englisches Frühstück präsentieren. Das war zwar nicht so ausgereift wie Santiagos Kreationen, aber der Wille zählte. Außerdem hatte Lewis noch immer keine Ahnung vom Kochen und traute sich nicht mehr zu. Alles zu seiner Zeit. Eier und Würstchen, das bekam er hin.
      In dem Versuch, besonders leise zu sein, stellte er alles auf eine niedrige Stufe ein und hantierte langsam mit Teller und Besteck, um keinen großen Lärm zu machen. Erst zum Schluss kam die Kaffeemaschine, die sowieso zum Röhren anfangen würde und damit den Wecker spielte. Lewis schaltete sie an, kam dann zurück ins Bett und kroch von hinten zu Santiago unter die Decke. Es bestand kein Grund ihn aufzuwecken, deswegen wartete Lewis geduldig, bis die Maschine aus der Küche das für ihn erledigte. Oder auch der Geruch nach Kaffee.
    • Das Röhren der Kaffeemaschine schnitt sich durch die dichte Watte seines Schlafes wie ein schiefer Ton, und irgendwo in den tieferen Schichten seines Bewusstseins zuckte ein Alarm.
      Santi öffnete halb die Augen. Der Übergang war nicht sanft – nicht für jemanden wie ihn. Zu viele Jahre mit zu vielen potenziellen Bedrohungen. Noch halb zwischen Schlafen und Wachen spannte sich sein Körper kurz an, als ob etwas nicht stimmen könnte. Geräusche, fremde Bewegungen, Gerüche – sein Inneres tastete nach Mustern, nach Gefahr.
      Es dauerte nur eine Sekunde, bevor er seine Umgebung erkannte, die Geräusche zuordnete. Er war Zuhause. In Sicherheit.
      Er atmete langsam aus, ließ das Ziehen in seinem Nacken und das Kribbeln unter seiner Haut von ihm abfallen. Keine Bedrohung. Kein Job. Kein Schatten an der Tür. Nur das Röhren der Kaffeemaschine – und der Geruch von etwas, das Eier hätte sein können. Oder… Würstchen?
      Santi blinzelte gegen das schummrige Licht des Morgens, registrierte das Kissen unter seinem Arm, das sich kalt und fremd anfühlte, und bemerkte erst dann, dass Lewis nicht mehr da war, wo er zuletzt gewesen war. Zumindest nicht ganz. Da war eine vertraute Wärme an seinem Rücken.
      Er rollte sich vom Bauch auf den Rücken und legte in der gleichen Bewegung einen Arm um den Streuner, zog ihn an seine Brust.
      "Buenos días, callejero" nuschelte er verschlafen, seine Stimme noch nicht ganz im Tag angekommen.
      Er lag nun wieder unter Lewis, wie sonst auch, das Kissen ersetzt durch den einzigen Menschen, der es je geschafft hatte, ihn schlafen zu lassen wie diese Nacht. Schon zum zweiten Mal, wenn er so darüber nachdachte.
      Besagte Gedanken wurden durch das charakteristische Brutzeln einer Pfanne unterbrochen.
      "Du… versuchst zu kochen."
      Keine Frage; eine Feststellung. Ein Lächeln zuckte über sein Gesicht, noch verwaschen vom Schlaf, aber eindeutig.
      "Du hättest mich ruhig wecken können. Dann hätte ich dir was gemacht."


    • Santiago erwachte mit einer Welle aus Spannung, die ihm durch den Körper glitt, dann beruhigte er sich wieder und wälzte sich herum. Lewis sah ihn an ohne zu blinzeln auf der Suche nach Anzeichen, dass es ihm wieder schlechter ging, aber er fand keine - weder in seinem Gesicht, noch in Lewis' Magie. Das machte es ihm wesentlich leichter, sich von ihm an die Brust ziehen zu lassen.
      "Buenos días, callejero", brummte er und Lewis nahm sich vor, mal spanisch zu lernen. Aber nicht jetzt, denn jetzt richtete er sich gerade soweit auf um Santiago anlächeln zu können.
      "Hey Santi-Baby."
      Santiago sah ihn kurz an, dann weiteten sich seine Nasenlöcher. Lewis konnte es hinter seiner Stirn geradezu arbeiten sehen.
      "Du… versuchst zu kochen."
      "Versuchst?", wiederholte Lewis und gab sich empört. "Das ist kein Versuch, das ist hohe Kunst. Aus einer bestimmten Sicht betrachtet hohe Kunst. Du wirst sie schon zu schätzen lernen."
      "Du hättest mich ruhig wecken können. Dann hätte ich dir was gemacht."
      "Nee."
      Er grinste ein bisschen und tätschelte ihm die Wange.
      "Das hat dir letztes Mal schon so gefallen und ich mach gerne Sachen, die du magst. Auch Sachen, die du nicht magst, aber aus anderen Gründen."
      Sein Grinsen vertiefte sich und er lehnte sich vor, um sich seinen morgendlichen Kuss abzuholen. Dann setzte er sich auf und strich über Santiagos Brust. Es war gut, den Mann jetzt wieder einigermaßen normal zu sehen. Der gehetzte Blick in seinen Augen war verschwunden und auch die Angst; außerdem war er noch nicht so weit, dass wieder dieses gewisse Etwas in seinen Blick trat. Lewis war sich auch noch nicht sicher, ob er bereit war, sich diesem Etwas wieder zu stellen. Er mochte es lieber, wenn es so war wie jetzt - ruhig und ungetrübt.
      Da fiel ihm ein, dass er die Würstchen noch in der Pfanne gelassen hatte und er schwang sich wieder vom Bett runter.
      "Bis ans Bett bringe ich's dir aber nicht. Ich glaube, die Würstchen verbrennen gerade. Das gehört zum Erlebnis mit dazu."
      Er ging zurück in die Küche und rettete, was noch zu retten war. Allzu schlimm war es sowieso nicht, aber Santiago hätte es sicher besser gemacht. Darum ging es ja aber auch nicht.
      Er füllte ihnen beiden zwei Tellern, stellte Santiago die Tasse Kaffee hin und legte sich selbst einen fertigen Joint daneben. Dann setzten sie sich, wobei er kaum bis zum ersten Bissen wartete um zu fragen:
      "Wie fühlst du dich? Hast du gut geschlafen?"
    • "Ich liebe es, wenn du Dinge tust, die ich nicht mag," gab Santi ebenfalls grinsend zurück und streckte sich dem Kuss entgegen.
      Er ergriff die Hand auf seiner Brust und setzte einen weiteren Kuss auf die Innenseite von Lewis' Handfläche. Wenn er nicht aufpasste, dann könnte er sich glatt daran gewöhnen, so aufzuwachen. Wäre auf jeden Fall eine nette Abwechslung zum Schreien und Schweiß-gebadet-sein.
      Santi sah Lewis nach, als dieser aufsprang um zu beenden, was er begonnen hatte. Lewis mochte nicht viel Erfahrung oder Talent in der Küche haben, aber es war ein schöner Anblick, ihn trotzdem dort zu sehen und zu beobachten, wie er sich darum bemühte, Santi einen seltenen, ruhigen Morgen zu verschaffen. Da war sie wieder. Diese Erkenntnis, die er gestern gehabt hatte. Sie war ganz warm, tief in seiner Brust.
      Santi stand auf und streckte sich ausgiebig, dann warf er eine schwarze Shorts über und schlenderte in die Küche. Lewis stellte ihm eine Tasse frischen Kaffee hin, dann servierte er ihm eine Portion Rührei mit leicht angebrannten Würstchen. Für Santi sah es aus wie ein reines Festmahl.
      "Huele bien. Gracias por el desayuno*," meinte Santi und lehnte sich rüber, um Lewis noch einen kurzen Kuss zu geben.
      Dann wandte er sich besagtem Frühstück zu und legte los. Er hatte echt Hunger, wie er bemerkte.
      "Wie fühlst du dich? Hast du gut geschlafen?"
      "Mhm. Wie ein Baby," antwortete er, nachdem er schnell leer gekaut hatte - seine mamá hatte ihm ja schließlich ordentliche Tischmanieren beigebracht. "Wie ein nicht-magisches Baby. Ich hab als Baby auch mehr schlecht als recht geschlafen..."
      Und das war bevor sich seine Magie gezeigt hatte. Er war eben einfach ein aktives Kind gewesen.
      "Und du? Ich hoffe du hast nicht die ganze Nacht Wache gehalten..."
      Er hätte Lewis sagen sollen, dass er mit allen Alpträumen auf einmal durch gewesen war. Mist, das hatte er ganz vergessen!









      *Riecht gut. Danke für das Frühstück


    • Lewis grinste ein bisschen in sich hinein bei dem unterschwelligen Kompliment. Wie ein Baby hatte er geschlafen, oh ja. Und das, obwohl Lewis bei ihm gewesen war. Besser ging es doch eigentlich nicht.
      "Und du? Ich hoffe du hast nicht die ganze Nacht Wache gehalten..."
      "Quatsch. So müde war ich dann aber auch nicht."
      Was eine glatte Lüge war, aber Lewis würde die doppelten Rückenschmerzen und eine schlaflose Nacht noch einmal annehmen, wenn Santiago dann auf ihm einschlief, wie er es diesmal getan hatte. Da war schon etwas daran, dem Mann dabei zuzusehen wie er sich entspannte, zu fühlen, wie seine Muskeln weich wurden und er seinen Kopf an Lewis' Hals drückte. Lewis würde das glatt wieder tun und dabei hätte er sich vor ein paar Monaten noch selbst ausgelacht, wenn ihm so ein Gedanke gekommen wäre. Es war auch jetzt noch immer unfassbar schnulzig, aber irgendwie glaubte Lewis, dass er sich daran gewöhnen könnte. Wenn er sich endlich mal in den Griff bekam mit den ganzen merkwürdigen Gefühlen, die ihn in letzter Zeit heimsuchten. Seitdem er Santiago kennengelernt hatte, eigentlich.
      Zufrieden aß er sein Frühstück. Es war nicht halb so gut wie Santiago es gemacht hätte, aber der andere schlang seinen Teller förmlich runter und das machte den Geschmack schon wieder wett. Danach kam der zweite Joint an diesem Morgen zwischen seine Lippen.
      "Ich könnte mich glatt nochmal hinhauen." Er bemerkte Santiagos Blick und zog die Augenbrauen zusammen. "Wegen dem Essen. Macht mich müde. Wir haben doch sowieso nichts vor, oder? Faulenzen auf der Couch?"
    • Also hatte Lewis die halbe Nacht wachgelegen, bis ihm die Augen zugefallen waren. Na toll. Richtig gut gemacht, Santi. Und das nachdem er dir durch eine Panikattacke geholfen hat. Er würde sich irgendwas überlegen müssen, um das wiedergutzumachen.
      Santi schaufelte sein Frühstück in sich hinein, jetzt wo er merkte, wie hungrig er eigentlich war. Er hatte gestern wahrscheinlich nicht genug gegessen und darauf dann noch alles, was in der Nacht passiert war... kein Wunder, dass er so hungrig war.
      Er schnappte sich Lewis' Teller, als der auch fertig war und räumte beides in die Spülmaschine. Dann griff er nach seinem Feuerzeug, und zündete Lewis den Joint an, bevor er sich seinem Kaffee widmete.
      "Ich könnte mich glatt nochmal hinhauen," kommentierte Lewis.
      Santi zog die Augenbrauen zusammen. Der Streuner war doch müde und das nur wegen ihm. Verdammt.
      "Wegen dem Essen. Macht mich müde. Wir haben doch sowieso nichts vor, oder? Faulenzen auf der Couch?"
      Santi lächelte ob des kläglichen Versuches von Lewis, ihm keine Sorgen zu machen. Immerhin versuchte er es, das war doch schon was.
      "Wie wär's mit faulenzen draußen? Aktuell halluziniere ich keine Black Hawks, da können wir doch auch einfach mal das Wetter genießen," schlug er vor. "Ich hab auch eine Hängematte, mittlerweile."
      Was ihn dazu bewegt hatte, das Ding zu kaufen, wusste er nicht mehr. Aber er hatte sowohl den Platz dafür, als auch genug Cash, also war er jetzt stolzer Besitzer einer Hängematte.
      Wie zum Beweis drückte Santi auf die Fernbedienung für seine Rollläden, damit die ganz nach oben fuhren. Sofort strömte die Morgensonne sein Apartment. Und tatsächlich: Auf der Dachterrasse, ein Stück abseits der Sitzecke, stand eine breite Hängematte.
      "Aber erst muss ich duschen. Ich bin noch ganz klebrig von all dem Angstschweiß."
      Er schüttelte sich theatralisch, dann leerte er seinen Kaffee in einem langen Zug. Er drückte Lewis einen Kuss auf die Schläfe, bevor er in Richtung Badezimmer schlenderte.


    • Eine Hängematte?
      Lewis war sofort hellauf begeistert. Er hatte noch nie eine Hängematte gehabt, weil er auch noch nie unbedingt Platz dafür gehabt hatte. Jetzt konnte er nicht nur eine Hängematte genießen, sondern auch gleich eine gigantische Aussicht auf die Dächer von New York. Gerade fühlte sich das an wie ein Hauptgewinn.
      Man, cool. Hättest du das doch eher gesagt, wieso schlafen wir noch im Bett?
      Er grinste breit und sah dabei zu, wie die Rolläden hochfuhren. Einen Augenblick lang hatte er so etwas wie eine Eingebung, ein richtiges Gefühl dafür, wie es wohl sein musste, wenn Santiago nicht unter seiner Magie zu leiden hatte. Die gemeinsame Nacht, das gemeinsame Frühstück, die sonnendurchflutete Wohnung, die Dachterrasse. Das alles könnte alltäglich sein - wenn sie nur normal wären. Alle beide. Eigentlich eine ganz angenehme Vorstellung.
      Santiago küsste ihn auf die Schläfe, wie um diese Vision noch zu unterstreichen, dann ging er zum Badezimmer. Lewis sah ihm nach, beobachtete genüsslich sein Hinterteil, dann ging er beschwingt nach draußen. Und tatsächlich: Da stand wirklich eine Hängematte.
      Grinsend atmete er den Rauch seines Joints aus, ging hinüber und testete die Seile probeweise, bevor er hinein kletterte. Die Hängematte war groß, vermutlich groß genug für beide, und ganz besonders bequem. Lewis legte sich hinein und seufzte entspannt aus, als es ihm sein Rücken dankte. Wie schön das Leben doch sein konnte. Gerade war es sehr schön.
      Die Sonne schien schon auf die Dachterrasse, wärmte ihm die Haut und gab ihm das Gefühl von Urlaub. Lewis ließ sich ein wenig schaukeln, rauchte seinen Joint zu Ende, beobachtete den wolkenlosen Himmel und hörte Santiago entfernt beim Duschen zu. Wahrlich ein tolles Leben. Er grinste, ließ ein Bein baumeln und döste bald darauf ein.
    • Die Dusche war weniger, weil er sich saubermachen musste und mehr, weil er die Ereignisse der letzten Nacht wegspülen wollte. Lewis hatte auf ihn aufgepasst und sich um ihn gekümmert, also hatte er sauber in einem sauberen Bett geschlafen, aber die letzten Nachwehen - die Erinnerungen an die eigentliche Panikattacke, die jetzt erst hochkochten - konnte er zusammen mit dem Wasser im Abfluss versenken. Dementsprechend schnell war Santi fertig.
      Lewis war noch nicht einmal fertig mit seinem Joint, da trat Santi schon zu ihm auf die Dachterrasse, bewaffnet mit einem zweiten Kaffee und einer Zigarette. Der Streuner wirkte zutiefst entspannt und vollkommen zufrieden - beinahe so wie ein Hund, der einfach in der Sonne liegen und faulenzen konnte.
      Santi bemerkte, dass Lewis nicht nur entspannte, sondern auch eingenickt war. Mit einem Lächeln nahm er ihm den Joint, der sich selbst rauchte, aus der Hand und legte ihn auf den Kaffeetisch bei der Sitzecke, wo er sich auch selbst parkte. Lewis hatte ein paar Minuten Schlaf verdient, nachdem er ihm gestern so geholfen hatte. Und Santi war mehr als zufrieden damit, ihm einmal mehr beim Schlafen zuzusehen, während er eine rauchte und seinen Kaffee trank. Der Morgen war einfach friedlich auf diese Art.

      Santi verbrachte die nächste Stunde damit, seiner Mutter zu schreiben und das Abendessen für die nächsten paar Tage zu planen. Lewis hatte Spareribs gewollt und sie hatten weder heute, noch morgen viel zu tun. Das war eigentlich genug Zeit. Seine mamá war begeistert und bot an, für ihn einkaufen zu gehen. Santi lächelte bei dem Gedanken daran, Lewis noch einmal mit zu seinen Eltern zu nehmen - gerade nachdem die beiden mitbekommen hatten, dass es zwischen ihnen Probleme gegeben hatte.
      Mit den Plänen geplant stand Santi schließlich auf und machte noch eine Runde Kaffee. Bewaffnet mit zwei Tassen legte er sich dann zu Lewis in die Hängematte und weckte den Streuner.
      "Hey. Ich dachte, du bist nicht müde," scherzte er sanft, bevor er Lewis auf die Schulter küsste. "Dein Kaffee wird kalt."


    • Lewis wachte auf von den Erschütterungen, die durch die Hängematte gingen, als Santiago seinen großen Hintern zu ihm hinein zwängte. Er konnte sich aber kaum über die Invasion beschweren, denn der Mann hatte Kaffee mitgebracht, küsste seine Schulter und machte es sich dann auf der anderen Seite gemütlich, sodass sie sich gänzlich ineinander verschlungen. So war es dann eigentlich auch sehr viel bequemer, fand Lewis, als er seine Tasse nahm und sich wieder zurücklehnte, sobald die Hängematte aufgehört hatte zu schaukeln.
      "Hey. Ich dachte, du bist nicht müde", neckte Santiago und Lewis streckte sich unwillkürlich. War er immernoch, aber so ein bisschen zu wenig Schlaf hatte ihm noch nie viel ausgemacht. Immerhin fing er sich sowas regelmäßig ein, wenn er in die Clubs ging.
      "Bin ich auch nicht. Hab' nur die Augen kurz zugemacht."
      Er gähnte und nippte an dem Kaffee. Wie lange hatte er geschlafen? Die Sonne stand schon wesentlich höher, jetzt schützte sie aber der Vorbau vor der Hitze, die damit einherkam. Trotzdem war es ganz angenehm. Ein richtig fauler Tag.
      "Was steht an? Können wir den Stick schon abholen? Ach nein, der kommt morgen, oder?"
      Er legte seine Hand auf Santiagos Knie ab und verzog das Gesicht.
      "Ich wünschte, das alles wäre langsam vorbei. Ich will wieder feiern gehen. Das letzte mal ist fast..." Seine Augen wurden ein Stück größer. "Einen Monat her. Unerträglich. Wie überlebe ich das nur?"
    • "Übermorgen," korrigierte Santi und nahm einen Schluck von seinem eigenen Kaffee. "Alles ganz entspannt."
      Sich zu hetzen führte nur dazu, dass man Fehler machte. Zumal Apollo keinerlei Anzeichen dafür gab, dass das hier ein Wettrennen war. Der Sack glaubte einfach nur, dass Santi etwas hatte, was er nicht hatte, was ihnen wiederum alle Zeit der Welt verschaffte, den besagten Gegenstand tatsächlich zu besorgen.
      Santi lachte, als Lewis die gar fürchterliche Erkenntnis hatte, wie lang er schon nicht mehr Fuß in einen Club gesetzt hatte.
      "Mit viel guter Ablenkung," antwortete er schlicht.
      Er legte eine Hand an Lewis' Kinn, zwang den Streuner dazu, ihn anzusehen, dann küsste er ihn innig und geradezu dreckig. Allerdings beendete er den Kuss, bevor irgendetwas passieren konnte, und nippte ganz unschuldig an seinem Kaffee.
      "Wir gehen übrigens morgen zu meinen Eltern, damit ich dir deine smokey Ribs machen kann. Das dauert sechs Stunden, also stell dich schonmal drauf ein. Und ich soll dich wissen lassen, dass dein Bruder auch eingeladen ist."
      Wie konnte er schon Nein zu seiner mamá sagen? Er war schon froh, dass sie das nicht spontan zu einem dieser BBQs erklärt hatte, bei dem die ganze Straße mitmachte. Vielleicht lag das daran, dass sie ihren Sohn jetzt nicht mehr verkuppeln musste?


    • Santiago zog ihn an sich heran und Lewis teilte die Lippen für einen Kuss, der ihm einen Schauer durchs Rückgrat jagte und sich in seinen Lenden sammelte. Ihm wurde heiß und gerade, als sein Verlangen dazu drohte umzuschlagen, löste sich Santiago wieder mit einem obszönen Geräusch. Als wäre nichts gewesen, lehnte der Mann sich wieder zurück und trank von seinem Kaffee, in seinen Augen ein freches Glitzern.
      "Fuck", sagte Lewis und leckte sich die Lippen. Wieso nicht immer so? Man, das war wirklich eine gute Ablenkung.
      Ein bisschen atemlos lehnte auch er sich wieder zurück. Der Kaffee half, zumindest nicht in falsche Gedanken abzudriften. Wobei, gab es überhaupt sowas wie falsche Gedanken?
      "Wir gehen übrigens morgen zu meinen Eltern, damit ich dir deine smokey Ribs machen kann", sagte Santiago im Plauderton. "Das dauert sechs Stunden, also stell dich schonmal drauf ein. Und ich soll dich wissen lassen, dass dein Bruder auch eingeladen ist."
      "Oh. Echt?"
      Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er Santiago an. Jay war auch eingeladen? Das war... etwas neues. Er hatte seinen Bruder noch nie zu irgendwelchen Familientreffen mitgenommen und -
      Moment, einen Schritt zurück. Es hatte bisher gar keine Familientreffen gegeben. Lewis war noch nie so lange in einer Beziehung gewesen wie mit Santiago - nein, Bryce war sicher keine Beziehung! - und hatte ganz sicher noch keine Eltern so kennengelernt, wie er Santiagos kennengelernt hatte. Wie sollte er da Jay also jemals mitgenommen haben?
      "Ich frag ihn mal."
      Er fischte sein Handy raus und schrieb ihm.
      - Santiago macht morgen Spareribs bei seinen Eltern. Willst du auch kommen?
      Bei Jay dauerte die Antwort einen Moment, schließlich war es mitten am Tag und Jay ein pflichtbewusster Geschäftsmann. Schließlich sah Lewis ihn aber schreiben.
      Und dann wieder nicht mehr.
      Und dann wieder.
      Und dann nicht mehr.
      Dann schrieb er, eine ganze Weile lang, und schließlich kam:
      - Santiagos Eltern?
      Mehr nicht. Lewis schnaubte.
      "Er glaubt mir nicht."
      Er konnte sich den Gesichtsausdruck seines Bruders bildlich vorstellen, die nach oben gezogene Augenbraue, die leicht geweiteten Augen. Jay musste richtig verdattert sein.
      - Ne, seine Meerschweinchen
      Lewis wartete einen Moment, dann schickte er ein Idiot hinterher. Die Antwort kam diesmal schneller zurück.
      - Wenn ich darf?
      - Sonst hätte ich ja wohl nicht gefragt
      Er schickte ihm noch die genauen Daten nach, dann steckte er das Handy wieder weg.
      "Er kommt. Das wird eine Prämiere, weißt du das? Jay hat sich noch nie bei irgendwelchen Eltern vorgestellt. Das läuft bei seinen Beziehungen genauso wenig wie bei meinen. Ich glaube ich habe bisher auch nur zweimal erlebt, dass er irgendwelche Leute gedatet hat. Zweimal. Unglaublich, oder? Der Mann ist 27, worauf wartet er?"
    • Santi konnte von seiner Position aus den Nachrichtenverlauf zwischen Lewis und seinem Bruder mitverfolgen. Meerschweinchen... wow. Er hatte schon erwartet, dass Jay so reagieren würde - weder Lewis noch Jay wirkten auf ihn wie Leute, die oft zu jemandes Eltern eigenladen wurden.
      "Wir sollten ihm auf keinen Fall verraten, was ihn erwartet. Ich will sein Gesicht sehen," scherzte Santi.
      Er leerte seine Kaffeetasse und stellte sie neben der Hängematte auf den Boden. Dann schnappte er sich Lewis' Hand und verschränkte vorsichtig ihre Finger ineinander.
      "Damit hatte er was? Zwei Beziehungen mehr als du? Ich zähl das Arschloch von Dealer jetzt mal nicht. Ist er nicht auch jünger als du?"
      Santi war bewusst, dass er sie beide gerade nicht als Beziehung bezeichnet hatte. Das was zwischen ihnen war, das was sie hatten... naja, eigentlich hatten sie sich ja darauf geeinigt, dass sie offiziell dateten, aber das war bevor...
      "Okay, eine Beziehung mehr als du, weil ich Bryce nicht zähle," lenkte er dann ein und es fühlte sich seltsam richtig an.
      Vorsichtig zog er eine der roten Linien auf Lewis' Hand nach - die haut war geheilt, das Gewebe brauchte noch einen Moment um sich zu erholen, und die Narbe würde dick und bleibend sein. Ein Teil von ihm konnte nicht völlig sauer auf Apollo sein für alles, was der Mann verzapft hatte. Denn ohne diese verrückten Pläne hätte er Lewis nie kennengelernt. Manche Spinnennetze waren eben angenehmer als andere, wenn man sich darin verhedderte.
      Santi hob Lewis Hand an seine Lippen und küsste die Narbe sanft.
      "Das Essen ist erst morgen. Was machen wir mit heute?" fragte er, um sich selbst von Gedanken abzulenken, die ihn nur wütend machen würden.


    • "Wir sollten ihm auf keinen Fall verraten, was ihn erwartet. Ich will sein Gesicht sehen", sagte Santiago und Lewis fing an zu grinsen.
      "Oh ja. Super Idee."
      Er konnte sich schon sehr gut vorstellen, wie Jay einen Kurzschluss bekam, wenn er Santiagos Eltern kennenlernte. Denn Santiago war eben... Santiago, aber seine Eltern waren so gar nicht Santiago, wie es nur ging. Wahrscheinlich erwartete Jay, dass seine Eltern entweder genauso Schlägertypen waren wie er, dass sie im Ghetto wohnten oder dass sie irgendeinem kriminellen Verein zugehörig waren. Dass sie kleine süße Argentiner mit einem kleinen süßen Haus waren, würde Jay vermutlich von den Socken hauen. Und Lewis wollte zur Stelle sein, um sich genau darüber lustig zu machen.
      Santiago nahm seine kaputte Hand und verschränkte ihre Finger miteinander.
      "Damit hatte er was? Zwei Beziehungen mehr als du?"
      "... Wow. Das tut weh. Ich hatte sehr wohl mehr als zwei Beziehungen, klar?"
      "Ich zähl das Arschloch von Dealer jetzt mal nicht."
      "Ich auch nicht!", gab Lewis zurück, musste dann aber schon einen Moment lang überlegen. Wenn man es genau nahm - wenn man es wirklich genau nahm - hatte er bisher auch noch keine Beziehung gehabt. Denn für eine Beziehung musste man... auf jeden Fall länger als drei Monate zusammen sein. Und... puh... was noch? Sich auch mal treffen ohne Sex zu haben. Ja, das zeichnete eine Beziehung aus. Und wenn man es mal so betrachtete, sah es eigentlich gar nicht so gut aus für Lewis.
      Bis auf Santiago natürlich. Der war die Ausnahme.
      "Ist er nicht auch jünger als du?"
      "Ja, aber auch nur vier Jahre. Er hatte seinen ersten Kuss mit 17, das ist doch gar nichts. Er hätte ihn auch schon mit 11 haben können. Außerdem daten wir zwei doch immernoch, oder? Also bitte; ein Punkt mehr für mich."
      "Okay, eine Beziehung mehr als du, weil ich Bryce nicht zähle."
      "Na also."
      So gesehen war es gar nicht mehr so weit auseinander. Aber Lewis hatte immerhin immer jemanden gehabt - auch wenn es Bryce war, diesmal zählte er schon - während Jay immer nur... Jay gewesen war. Keine Frau, kein Mann, kein gar nichts. Nur alle Jubeljahre mal eine Bemerkung, dass er mit jemandem zum Essen verabredet sei. Das war ja wohl kaum etwas, was man zählen konnte.
      Was Lewis auf den Gedanken brachte: Hatten er und Santiago jetzt schon eine Beziehung? Sie waren länger als drei Monate zusammen, sie hatten auch mal keinen Sex, er hatte sogar seine Eltern kennengelernt, er brachte sogar seinen Bruder dazu, seine Eltern kennenzulernen. Das war ziemlich ernst, oder? Aber sie hatten nie wieder darüber gesprochen; waren sie jetzt zusammen? Waren sie das nicht? Sollte Lewis verliebt sein, wenn sie zusammen waren? Wann war man überhaupt verliebt?
      Er kniff die Augen zusammen und sah dabei zu wie Santiago über seine geschwollene Haut streichelte. So weit, wie er mit dem Mann gekommen war, hatte er es noch nie geschafft und sich dementsprechend auch nie darüber Gedanken gemacht. Bisher war er davon ausgegangen, dass er sich entscheiden musste: Guter Sex oder gute Persönlichkeit. Dass Santiago sowohl nett sein, als auch ordentlich ficken konnte, ließ ihn irgendwie in eine Sackgasse geraten. Er hatte bisher einfach noch niemanden getroffen wie Santiago. Bis er ihn getroffen hatte, hatte er noch nicht einmal gedacht, dass solche Leute existierten.
      Mit diesem Hintergedanken beobachtete er, wie Santiago seine Hand an die Lippen hob und seinen wunden Rücken küsste. Scheiße, war das kitschig. Und scheiße, irgendwie mochte Lewis es trotzdem. Es fühlte sich gut an.
      "Das Essen ist erst morgen. Was machen wir mit heute?"
      "Nichts. Es genießen, dass uns mal niemand umbringen will. Ich schaue nachher Nachrichten; weißt du -"
      Er lehnte sich zur Seite, um Santiago ansehen zu können.
      "Ich habe dich lange nicht mehr trainieren gesehen. Wieso machst du nicht ein paar Übungen und ich passe auf, dass die Form stimmt?"
      Er begann zu grinsen.
      "Und danach kannst du mir ein paar davon zeigen. Ich dachte da an das Sofa. Oder vielleicht sogar der Sofatisch? Oder ganz klassisch in der Dusche?"
      Er wackelte mit den Augenbrauen.
    • "Ich habe dich lange nicht mehr trainieren gesehen. Wieso machst du nicht ein paar Übungen und ich passe auf, dass die Form stimmt? Und danach kannst du mir ein paar davon zeigen. Ich dachte da an das Sofa. Oder vielleicht sogar der Sofatisch? Oder ganz klassisch in der Dusche?"
      Santi lachte leise. dann rollte er sich etwas umständlich auf die Seite und schlang einen Arm über Lewis.
      "Dusche gibt's erst nach dem Training. Aber ich könnte ein bisschen Hilfe beim Dehnen gebrauchen," raunte er.

      Der Rest des Tages fiel schnell in einen Rhythmus aus Sex, Rauchen und Faulenzen überall da, wo es sich gerade anbot. Sie nutzten die Dachterrasse während der kühleren Morgenstunden, die ihnen noch blieben, dann gingen sie nach drinnen, um sich vor der Sommersonne zu verstecken. Gegen Abend, die Sonne verschwand schon hinter den Wolkenkratzern im Hintergrund, fanden sie ein Zwischending, indem sie einfach die großen Glastüren offen ließen. Hätte Santi richtige Nachbarn gehabt, hätten die sich wohl wegen Ruhestörung beschwert. Mehrfach. Interessanterweise waren sie beide ganz unschuldig unterwegs, kaum fielen sie in Santis Bett. Da kuschelten sie sich einfach nur aneinander - Lewis halb neben, halb auf ihm, Santi einen Arm um die Schultern des Streuners gelegt - und entspannten gemeinsam in der Dunkelheit. Santi fuhr wie so oft mit seinen Fingern durch Lewis' Haare, gab ihm eine leichte Kopfmassage, bis der Streuner einschlief. Santi, nicht bedroht von irgendwelchen Alpträumen, folgte ihm schon bald. Wenn es doch nur immer so sein könnte.

      Am nächsten Morgen machte Santi wieder Führstück, und das nicht zu knapp. Sie würden heute beide auf ein ordentliches Mittagessen verzichten müssen, also tischte Santi ordentlich auf.
      "Kommt dein Bruder eigentlich erst zum Abendessen oder tun wir ihm die vollen sechs Stunden an?" fragte Santi, als er einen Pancake gekonnt aus dem Handgelenk in der Pfanne wendete.
      Lewis hatte er dazu abgestellt, Kaffee zu machen.
      Nach dem relativ späten Frühstück beschäftigte sich Santi damit, eine ordentliche Ernte von seinen vielen Kräutern in der Einfahrt zu holen. Nur das beste für ein BBQ mit den Eltern. Dann machten sich er und Lewis entspannt fertig für einen so langen Tag. Santi freute sich richtig darauf, dieses BBQ zu haben. Irgendwie war die Kombination aus seinen Eltern und Lewis eine, die er nicht mehr missen wollte. Es passte einfach alles so gut zusammen.

      Bei Santis Eltern wurden sie herzlich begrüßt, wie schon das letzte Mal. So, wie sie Lewis willkommen hießen, konnte man gar nicht erkennen, dass es erst sein zweiter Besuch hier war. Santi hatte seiner mamá schon Bescheid gegeben, dass Jay auch vorbeikommen würde - es war ja immerhin ihre Idee gewesen, Lewis' Bruder einzuladen. Sie hatte sich ungemein gefreut und tat es jetzt noch einmal.
      Als Santis Mutter Lewis' Hand bemerkte, da entband sie ihn sofort von allen schweren Dingen. Stattdessen wurde er zum Barkeeper ernannt, der die selbstgemachte Limonade seines papitos auszuschenken hatte. Während sie Lewis entführte, verschwanden Santi und sein papito in die Küche, um die Ribs vorzubereiten. Das Wetter war perfekt für ein BBQ.
      "Also jetzt sag mal, wie ist dein Bruder so?" fragte Santis Mutter, während sie Lewis ein Glas abnahm und es befüllte. "Er ist jünger, richtig?"


    • Der Tag verging wie im Flug und der nächste ebenso. Gute Ablenkung, ja, durchaus. Lewis konnte kaum blinzeln, da stand er schon mit Santiago in der Einfahrt seines hübschen kleinen Elternhauses. Auch dieses Mal war Lewis nervös, aber es war nicht mehr dieselbe Nervosität wie beim letzten Mal. Stattdessen war er nervös, eben genau weil er dasselbe wie beim letzten Mal erwartete. Und das war doch etwas gewöhnungsbedürftig.
      Schon wie beim letzten Mal nahm Santiagos Mutter ihn so herzlich in die Arme, als wäre er ihr eigener Sohn. Lewis war höflich und verkniff sich ein Ma'am, was sie ihm beim letzten Mal noch ausgetrieben hatte. Trotzdem, es war immernoch komisch. Dass solche Eltern außerhalb vom Fernsehen existierten war komisch.
      Seine Mutter beorderte Lewis gleich zum Getränke mixen, nachdem sie einen Blick auf seine Hand geworfen hatte, die er erfolglos zu verstecken versucht hatte. Sein Gesicht war schon besser, sein ganzer Körper eigentlich, aber mit der Hand würde es noch dauern. Lange dauern. So gesehen war es auch besser so, sie nicht allzu sehr zu belasten, aber Lewis kam sich trotzdem dabei doof vor. In Filmen standen alle Männer immer um das Fleisch herum und jetzt musste er gerade Limonade machen. Toll.
      "Also jetzt sag mal, wie ist dein Bruder so? Er ist jünger, richtig?", fragte Rosa und lächelte ihn dabei so niedlich an, dass Lewis den Gedanken doch gleich wieder über Bord warf. Scheiß auf Männlichkeit, er machte jetzt Limonade mit der niedlichen Mutter seines Freundes. Das war doch gar nicht so schlecht.
      "Er ist der Geschäftsmann unter uns und auch der einzige, der die Firma am Laufen hält. Die Transportfirma, Sie erinnern sich?"
      Er konnte sich einfach nicht dazu durchringen, Du zu ihr zu sagen. Das war doch merkwürdig.
      "Er ist ein Mathe-Genie, das kann ich versichern, hat in der Highschool immer super Noten geschafft. Und vom Typ her... ein bisschen steif. Ein bisschen unlustig. Sie wissen schon, typisch kleiner Bruder eben."
      Hatte Rosa überhaupt Brüder? Wieso hatte Santiago eigentlich keine? Lewis traute sich das aber nicht zu fragen, nicht im Moment. Sowas fragte man nicht einfach so, nichtmal bei Leuten wie den Di Natales.
      In dem Moment fuhr an der Straße ein langsamer, schwarzer Wagen vorbei und Lewis grinste, während er darauf zeigte. Jay war da. Natürlich kam er zum vollen Programm, Lewis würde ihm doch nicht die volle Wucht der Familie ersparen.
      "Da ist er eh schon. Er braucht bestimmt noch, bis er hergefunden hat."
      Wahrscheinlich dachte Jay gerade, dass Lewis ihm die falsche Adresse geschickt hatte. Er wartete schon auf die entsprechende Nachricht.
      Er verteilte die Limonade auf die Gläser, dann wandte er sich Rosa zu.
      "Wissen Sie, vielleicht wäre es gut, wenn Sie vorgehen und ihm sagen, wo er seinen Wagen parken kann. Das wird sonst nie was."
      Lewis grinste noch viel breiter, als Rosa zustimmte und ihn alleine ließ. Gleichzeitig stieg Jay aus, der sich kurz an den Straßenrand gestellt hatte, sah sich um, kratzte sich am Kopf und zog sein Handy heraus, um die Adresse zu überprüfen. Richtige Adresse, nur war das ganz sicher nicht richtig. Er konnte sich nur keinen Reim darauf machen.
    • Santi und sein Vater unterhielten sich gerade über die Beilagen, die seine mamá alle machen wollte, als sie beide ein Auto hörten. Santi grinste.
      "Ese será Jay. El hermano de Luis," erklärte er seinem papito.
      "¿Al menos habla español?"
      "No, papito. Hasta donde yo sé, sólo habla inglés."
      Sein Vater grunzte: "Dann Englisch. Pero si los conservas a ambos, será mejor que aprendan algunas palabras."
      "Ich werd' ihnen welche beibringen."
      Sein Vater nickte, dann scheuchte er Santi aus der Küche, um Jay zu begrüßen. Santi rief ihm noch nach, den Smoker schon einmal anzuwerfen, damit sie gleich loslegen konnten und nicht erst um Mitternacht essen mussten.
      Santi trat gerade in den schmalen Hausflur, als seine Mutter die Tür aufriss und Jay fest in ihre kleinen Arme zog. Santi verkniff sich ein Lachen ob seines geschockten Gesichtsausdrucks. Er stieß Lewis leicht mit dem Ellenbogen an.
      "Das wird noch lustig," kommentierte er.
      Er warf sich das Handtuch, mit dem er sich eben noch die Hände abgetrocknet hatte, über die Schulter.
      "Jay! Schön, dass du's einrichten konntest. Mamá, suelta a la pobrecita. Él ni siquiera está ahí todavía."
      Santis Mutter ließ Jay los und wandte sich an ihren Sohn, die Brauen zusammengezogen.
      "¿No acordamos hablar inglés mientras estuvieran aquí?" schalte sie ihn, woraufhin Santi seine Augenbrauen hob.
      Seine Mutter bemerkte sofort ihren Fehler.
      "Oh je, entschuldigt bitte, ihr beiden," meinte sie hastig. "Komm rein, komm rein, mein Junge."
      Sie schob Jay in den schmalen Flur und schloss die Haustür hinter ihm.
      "Jay, das ist meine mamá Rosa. Und mein Vater ist im Garten, der wirft gerade den Smoker an."
      "Oh!, Dann mal schnell raus mit dir, bevor er sich noch die Augenbrauen verbrennt."
      Jetzt war es Santi, der aus dem Flur geworfen und in Richtung Garten gescheucht wurde.
      "Es ist so schön, dich kennenzulernen, Jay," meinte Rosa, sobald ihr Sohn verschwunden war. "Ich würde ja sagen, dass ich schon so viel von dir gehört habe, aber Luis war auch erst einmal da. Aber was ich gehört habe, war nur gutes, ja. Komm, gib mir deine Jacke. Luis, du kannst die Limonade schon rausbringen. Ich bin mir sicher, unsere Grillmeister haben Durst."


    • Jay fiel die Kinnlade herab, als Rosa ihn anfiel. Er wurde für einen Moment stocksteif und starrte perplex auf die kleine Frau hinab, die ihn wie einen lang vermissten, guten Freund umarmte. Lewis, der das Gefühl nur allzu gut nachvollziehen konnte, grinste schadenfroh. Was für ein toller Anblick. Jay war ganz und gar überwältigt.
      "Das wird noch lustig", raunte Santiago neben ihm Lewis zu und Lewis nickte.
      "Wart nur ab, bis er deinen Dad sieht. Man, ich wünschte er würde uns nicht sehen. Das wäre zum schreien."
      Aber Jay hatte sie schon gesehen und sich bei ihrem Anblick wieder sichtlich entspannt. Doch nicht das falsche Haus, jetzt musste er nur irgendwie damit zurechtkommen, dass es eben genau das richtige Haus war.
      "Hallo, Mrs... äh... Di Natale...?"
      "Jay! Schön, dass du's einrichten konntest. Mamá, suelta a la pobrecita. Él ni siquiera está ahí todavía", begrüßte ihn auch Santiago gleich. Der erleichterte Gesichtsausdruck des Mannes verwandelte sich fast sofort wieder in Entsetzen. Er konnte kein spanisch. Lewis biss sich auf die Zunge um nicht zu lachen.
      "Ähhh..."
      "Oh je, entschuldigt bitte, ihr beiden", sagte da Rosa hastig und zog ihn mit ins Haus. "Komm rein, komm rein, mein Junge."
      Jay begegnete Lewis' Blick und registrierte das Grinsen im Gesicht seines Bruders. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, da wurde er aber auch schon in die Vorstellungsrunde geworfen und produzierte endlich mal ein anständiges Lächeln.
      "Jay, das ist meine mamá Rosa. Und mein Vater ist im Garten, der wirft gerade den Smoker an."
      "Freut mich sehr, ähm, Ma'am."
      Sie sahen alle Santiago nach, der zurück zu seinem Vater ging, bevor Rosa sich mit der Liebenswürdigkeit der Natale den Brüdern widmete und sie zu den Limonaden leitete.
      "Es ist so schön, dich kennenzulernen, Jay. Ich würde ja sagen, dass ich schon so viel von dir gehört habe, aber Luis war auch erst einmal da. Aber was ich gehört habe, war nur gutes, ja. Komm, gib mir deine Jacke. Luis, du kannst die Limonade schon rausbringen. Ich bin mir sicher, unsere Grillmeister haben Durst."
      Völlig überrumpelt brachte Jay nur ein paar gestammelte Worte zusammen, während Lewis grinste und sagte:
      "Ja, Rosa", bevor er seinen Bruder absichtlich alleine mit ihr ließ und die Limonaden brachte. Das war wirklich eine klasse Idee gewesen mit Jay. Jetzt musste er richtig leiden.
      So ganz alleine gelassen mit der Frau rieb Jay sich ein bisschen unruhig die Hände.
      "Ja also... ich äh... hoffe Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich ein bisschen etwas... anderes erwartet habe. Nun, Sie wissen ja, Santiago ist... ein guter Mann, wirklich. Ein sehr guter Mann. Er ist nur... ah, wie sag ich das..."
      Jay ließ seinen Blick schweifen und lächelte dabei perplex, wenn er Rosas begegnete.
      "Ich habe einfach mit... etwas anderem gerechnet. Aber ich bedanke mich vielmals für die Einladung."
      Sie erreichten jetzt auch den Garten und Jay musste den Anblick der beiden Männer am Smoker erstmal verarbeiten, bis er bei ihnen ankam und zumindest die Hand nach Ignacio ausstreckte.
      "Freut mich Sie kennenzulernen, Sir."
    • "Mamá ya lo ha sacado de su camino," erklärte Santi seinem papito, der nur belustigt schnaufte.
      "No están acostumbrados a esto ¿verdad? ¿Tener unos padres decentes?"
      Santi schüttelte den Kopf.
      "Und jetzt kein Spanisch mehr, sonst holt mamá die chancleta raus."
      Sein Vater nickte und im nächsten Moment kam die Brigade auch schon angewatschelt. Lewis brachte ein Tablett mit einer Kanne selbstgemachter Limonade und einige gefüllte Gläser mit raus. Santi zeigte ihm, wo er die abstellen konnte. Kurz darauf kamen auch seine mamá und ein sehr verdatterter Jay nach draußen, der sich bemühte, sich bei seinem papito vorzustellen. Leider schien Ignacio Di Natale zu Scherzen aufgelegt zu sein, also musterte der alte Mann die ausgestreckte Hand mit zusammengezogenen Augebrauen, bevor er sie ergriff und kräftig schüttelte. Er brummte bestätigend, dann kehrte er an den Smoker zurück. Santi wandte sich am, um sein Lachen zu schlucken. Rosa marschierte zu ihrem Ehemann und schlug ihm gegen den Oberarm.
      "¡Pórtate bien!" zischte sie.
      "Ey! Kein Spanisch," mahnte Santi und fing sich einen dramatisch giftigen Blick seiner Mutter ein.
      Jetzt musste er doch ein bisschen kichern.
      "Jay, das ist mein Vater Ignacio. Und nein, er ist kein grummeliger alter Mann," Santi warf seinem Vater einen Blick zu, "er ist nur niemand für große Worte."
      "Ja, da hat er recht," stimmte Rosa zu.
      Sie drückte prompt jedem ein Glas Limonade in die Hand.
      "Auf einen schönen Tag," prostete sie.
      "Und gutes Essen," stimmte Santi mit ein und hob sein Glas.
      "Und la familia," brummte Ignacio und Santi wusste, dass für seinen alten Herren Lewis und Jay schon mit dazugehörten.


    • Allesamt prosteten sie sich zu und Lewis nahm einen Schluck von der wahrscheinlich besten Limonade, die er je in seinem Leben gekostet hatte. Dazu noch der Anblick von Jays überfordertem Gesicht war diesen Ausflug Gold wert.
      Jay schaffte es nach dem ersten unbeholfenen Smalltalk-Versuch mit Ignacio, sich einen Moment lang allein mit seinem Bruder zurückzufinden, als Rosa geschäftig abzog, um noch etwas für das BBQ zu holen. Sie standen beide etwas abseits und sahen dem viel zu großen Santiago zu, wie er mit seinem viel zu kleinen Vater den Smoker bediente.
      "Alter", raunte er ihm zu, "was ist das?"
      "Ja oder?", sagte Lewis und kicherte. Er ließ seinen Blick über Santiagos Gestalt gleiten, freute sich an dem Anblick, den sein Hintern in dieser Hose abgab. Ein guter Anblick. Ihm stand die Schürze auch viel zu gut.
      "Man, als ich das erste Mal hier war dachte ich, dass ich in einem Film gelandet bin. Aber das ist echt, Jay. Das hier passiert wirklich."
      "Wahnsinn."
      "Oder?"
      "Und das sind wirklich seine Eltern?"
      "Seine leiblichen. Und sie sind noch verheiratet."
      "Nein!"
      "Mh-hm. Eine richtige Familie. Nicht das was", er schwenkte seine halb leere Limonade, "wir veranstaltet haben."
      Jay musste plötzlich schnauben, dann sagte er leise:
      "Kannst du dir das vorstellen? Dass wir das wären? Dass Dad uns zeigen würde, wie man Spareribs macht?"
      Lewis schnaubte davon auch.
      "Kann ich nicht. Nichtmal ein bisschen. Wir hatten doch nichtmal einen Grill, abgesehen davon, dass ich ihn noch nie kochen gesehen hab. Nie. Sandwich ja, aber sonst gar nichts."
      "Doch. Einmal hat er Spaghetti gemacht."
      Lewis sah Jay verwundert an und der nickte.
      "Spaghetti und dann Tomatensoße aus dem Glas. Doch, wirklich."
      "Da war ich aber nicht mehr Zuhause."
      "Nein. Das war kurz bevor er gestorben ist."
      Darauf waren sie beide kurz schweigsam. Nein, Lewis konnte sich wirklich nicht vorstellen, wie sie Santiagos Familienleben mit ihrer eigenen Familie haben sollten. Ihre Welten lagen da so weit auseinander, dass sie niemals zusammenkommen konnten.
      Jay straffte sich ein bisschen, dann stellte er das Glas ab.
      "Weißt du, eigentlich gefällt es mir hier. Das ist ein schöner Garten, ein schönes Haus. Und ich hatte auch noch nie einen Smoker. Ich will mir das mal ansehen."
      Damit ließ er Lewis zurück und gesellte sich zurück zu den beiden anderen Männern.
      "Wie funktioniert das mit dem Smoker? Ich habe noch nie ein BBQ gemacht. Wirft man das da drauf und lässt es dann einfach ziehen?"