Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Jedes einzelne von Lewis Worten traf ihn wie der Schlag einer Peitsche, riss seine Haut auf, verteilte sein Blut überall. Er hatte es verdient. Er ließ es kommentarlos über sich ergehen, akzeptierte jeden dieser Schläger in Stille.
      "Wieso hast du drei fucking Tage gebraucht, um anzukommen?"
      Weil er Lewis nicht noch mehr verletzen wollte. Weil er dachte, dass Lewis ihn nie wieder sehen wollte. Weil er nicht die Eier in der Hose hatte, um sich seinem Fehler zu stellen.
      "Weil ich ein Feigling war," flüsterte Santi schließlich.
      Wieder kehrte Stille ein, in der Santi den nächsten Joint fertig drehte. Er legte den Joint weg, dann nahm er all seinen Mut zusammen und begegnete Lewis' Blick erneut.
      "Ich hab mir eingeredet, dass du mich nie wieder sehen willst. Vielleicht stimmt das ja auch, ich kann nicht in deinen Kopf gucken. Ich dachte, ich tue es für dich. Aber ich hab mich nur selbst angelogen, bis ich den Verstand verloren hab. Wortwörtlich. Ich hab nicht eine Sekunde geschlafen nach der ganzen Sache und irgendwann bin ich dann zu deinem Apartment gefahren, ohne es zu bemerken. Ich..."
      Er schüttelte den Kopf. Fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Sein Bein bettelte danach, dass er sich setzte, aber Santi tat es nicht.
      "Ich hatte noch nie sowas. Das was wir haben - hatten - das ist neu für mich. Ich bin daran gewöhnt, dass alle Angst vor mir haben und dann kommst du und hast keine. Und dann sorge ich dafür, dass du Angst vor mir hast. Ich hab alles kaputt gemacht. Und ich hab gedacht, ich kanns wieder richten, indem ich mich von dir fernhalte. Aber das kann ich nicht, Lewis. Ich kanns einfach nicht. Ich hab dich reingelassen und jetzt krieg ich dich nicht mehr raus."
      Santi wischte sich schnell über die Wange, bevor die Träne, die sich aus seinem Augenwinkel gelöst hatte, zu weit kam.
      "Fuck. So entschuldigt man sich nicht. Ich sollte das nicht alles auf mich fokussieren."
      Er schüttelte den Kopf, aber das half überhaupt nicht dabei, seine Gedanken zu sortieren. Da war kein Faden, den er verloren hatte, da war nie einer gewesen. Er atmete tief durch, nahm sich zusammen.
      "Ich hab dir wehgetan und dann war ich zu feige, mich diesem Fehler zu stellen. Als ich dann endlich so weit war, war ich nicht Herr meiner Sinne. Aber als dein Bruder dann da war und nicht du... und als ich dein Apartment gesehen habe... Ich wusste, was ich zu tun hatte. Also hab ich's getan. Und jetzt bin ich hier, immer noch nicht voll Herr meiner Sinne, aber ich bin mit Absicht hergekommen, nicht, weil mein vernebeltes Unterbewusstsein das so wollte. Es tut mir leid. Alles. Dass ich meine Magie gegen dich verwendet habe, gegen deinen Bruder. Dass ich mich nicht bei dir gemeldet habe. Das ich gestern nicht geblieben bin. Es tut mir alles leid. Ich weiß, ich kann nicht von dir erwarten, dass du mir dafür verzeihst, aber ich weiß, dass das hier, diese Entschuldigung, nötig ist. Dass du das verdienst. Und ich bereue es, alles, wirklich."


    • "Weil ich ein Feigling war."
      Santiago nahm Lewis so schnell den Wind aus den Segeln, dass ihm der Mund offen stehen blieb. Er starrte ihn an, wartete darauf, dass er weitersprechen würde. Er hätte alles dazu sagen können, aber das hier war, was Lewis am wenigsten erwartet hatte.
      Schließlich sah er ihn wieder an und seine Augen waren unheimlich traurig.
      "Ich hab mir eingeredet, dass du mich nie wieder sehen willst. Vielleicht stimmt das ja auch, ich kann nicht in deinen Kopf gucken."
      Es stimmte, wahrscheinlich; Lewis wusste das selbst nicht so genau. Er hatte ihn nicht wieder sehen wollen, aber erst, nachdem er ihm alles an den Kopf geschmissen hatte, was er sich die letzten Tage überlegt hatte. Nur war es nie dazu gekommen und jetzt stand Santiago in einer Haltung vor ihm, die es ihm unmöglich machte, die Intensität der letzten Tage herauf zu beschwören. Vielleicht lag es auch daran, dass er die letzten Stunden regelrecht in der Hölle verbracht hatte.
      "Ich hatte noch nie sowas. Das was wir haben - hatten - das ist neu für mich. Ich bin daran gewöhnt, dass alle Angst vor mir haben und dann kommst du und hast keine. Und dann sorge ich dafür, dass du Angst vor mir hast. Ich hab alles kaputt gemacht."
      Das hatte er. Das hatte er wirklich und Lewis wollte es ihm auch sagen. Er wollte es ihm an den Kopf werfen und sehen, wie Santiago weiter daran zerbrach.
      Aber er tat es nicht. Er versuchte es nicht einmal.
      "Und ich hab gedacht, ich kanns wieder richten, indem ich mich von dir fernhalte. Aber das kann ich nicht, Lewis. Ich kanns einfach nicht. Ich hab dich reingelassen und jetzt krieg ich dich nicht mehr raus."
      Eine Träne löste sich aus seinem Augenwinkel. Eine wirkliche, ganze Träne. Santiago wischte sie ruppig weg, bevor sie seine Wange hätte berühren können, aber Lewis hatte sie sehr deutlich gesehen. Genauso deutlich, wie er noch immer das verräterische Glitzern in Santiagos Augen sah.
      Er weinte. Santiago weinte. Was er sagte, über seinen Zustand, dass er den Verstand verloren hatte, musste der Wahrheit entsprechen, denn er weinte. Oder zumindest versuchte er, es nicht so weit zu kommen zu lassen. Erfolglos.
      Lewis wollte wütend bleiben, das wollte er wirklich. Er wollte loswerden, was ihm auf der Seele lag, aber das konnte er nicht, wenn Santiago so traurig vor ihm stand. Dennoch versuchte er sich an der Wut festzuklammern. Es war besser als alles, was darunter lauern konnte.
      "Es tut mir leid. Alles. Dass ich meine Magie gegen dich verwendet habe, gegen deinen Bruder. Dass ich mich nicht bei dir gemeldet habe. Das ich gestern nicht geblieben bin. Es tut mir alles leid. Ich weiß, ich kann nicht von dir erwarten, dass du mir dafür verzeihst, aber ich weiß, dass das hier, diese Entschuldigung, nötig ist. Dass du das verdienst. Und ich bereue es, alles, wirklich."
      Er konnte es nicht. Er konnte nicht an seiner Wut festhalten, die so flüchtig war, dass sie sich gleich wieder verabschiedete. Er hatte keine Energie dazu. Erst hatte ihn Santiago im Stich gelassen, als er ihn gebraucht hatte, und jetzt gewährte er ihm noch nicht einmal, wütend zu sein. Er schaffte es einfach nicht.
      "Fick dich, Santiago. Fick dich."
      Er stand auf. Er war noch nicht sehr gut auf den Beinen, was wohl daran lag, dass er den ganzen Tag nichts zu sich genommen hatte. Aber das Zittern, das ihn befiel, als er den Tisch umrundete und vor Santiago zum Stehen kam, das rührte nicht daher, dessen war er sich sicher.
      "Das war alles scheiße."
      Er schluckte.
      "Ich dachte, du... es wäre vorbei gewesen! Du hast dich nicht gemeldet, nicht ein einziges Mal! Und dann haben die mich... ich war da, bei... in diesem... Keller und..."
      Er gestikulierte, was er nicht aussprechen wollte. Oder konnte.
      "Scheiß Apollo hat gesagt... er wollte deine Adresse haben und... ich dachte, ich würde sterben. Ich hab ihn nach Bronx geschickt und ich dachte, ich würde sterben, wenn er wiederkommt und dann bin ich raus und..."
      Wieder Gesten anstatt Worte.
      "Du... du gehst einfach! Fick dich, weil du einfach gehst, wenn die doch... meine Hand... die haben ein scheiß Messer und... Fuck!"
      Er wusste gar nicht, was sein Plan gewesen war. Ganz sicher war es nicht, wie er sich jetzt auf Santiago warf, wie er die Arme um seine Taille schlang und ihn zu sich zog, als wäre es das einzige, was er in den letzten Stunden wirklich gebraucht hatte. Vielleicht war es das auch. Ein Schluchzen drang aus seiner Kehle, das er nicht herunter schlucken konnte.
      "Fick dich. Fick dich. Das war schei-scheiße."
    • "Fick dich, Santiago. Fick dich."
      Santi blieb wo er war, wie festgefroren. Er wusste in diesem Augenblick nicht, ob er sich überhaupt bewegen konnte. Wie machte man das gleich nochmal?
      Lewis' Wut war gerechtfertigt, das wusste er. Er wusste, dass er absolut kein Recht dazu hatte, irgendetwas von ihm zu verlangen. Er hatte kein Recht darauf, dass Lewis nett zu ihm war. Er hatte kein Recht auf Lewis. Das änderte aber nichts daran, dass seine Worte sein Fleisch mit größerer Gewalt aufrissen, als es jede Klinge auf diesem Planeten hätte schaffen können. Er konnte den Schmerz fast greifen, so groß war er.
      Lewis stand auf und Santi rechnete schon beinahe damit, dass er jetzt eine Tracht Prügel kassieren würde. Er war sich sicher, dass er diesen Kampf verlieren würde, dass es ihn umbringen würde. Seine Zeit war gekommen. Heute würde er sterben.
      Lewis machte seiner Wut weiterhin Luft, war so wütend, dass er kaum Worte fand. Und Santi stand einfach nur da. Seine Reaktion zu Angst war schon immer kämpfen oder Schock gewesen und heute konnte er nicht kämpfen.
      Doch die Schläge kamen nie. Auch keine Tritte oder Waffen. Stattdessen warf sich Lewis in seine Arme, hielt sich an ihm fest wie ein Ertrinkender an einem Rettungsring.
      "Fick dich. Fick dich. Das war schei-scheiße," schluchzte Lewis gegen seine Brust.
      Santi konnte die Tränen spüren, wie sie sein Shirt durchnässten.
      Langsam, ganz langsam als könnte er Lewis verschrecken, hob er die Arme und legte sie um Lewis' schlanke Form, drückte ihn vorsichtig an seine Brust. Als der Streuner das zuließ, erlaubte sich Santi, einen Schritt weiterzugehen. Er senkte den Kopf, verbarg sein Gesicht in Lewis' Halsbeugte.
      "Es tut mir leid. Es tut mir so leid," murmelte er, während Lewis ihn im gleichen Rhythmus verfluchte.
      Irgendwie fanden sie auf diese Weise wieder zueinander. Zumindest fühlte es sich so an. Es war unmöglich zu sagen, wie lange sie so dastanden, weinend, fluchend, ihre physischen Verletzungen schmerzend. Irgendwann ließen sie voneinander ab. Santi half Lewis zurück auf seinen Platz, dann stand er ein bisschen verloren da. Jetzt wusste er noch viel weniger, wo sie standen. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, kratzte sich im Nacken.
      "Ich äh...," stammelte er.
      Er warf einen Blick über die Schulter in Richtung Tür.
      "Meine mamá hat Essen gemacht," meinte er dann, weil ihm schlicht nichts besseres einfiel.


    • Santiago war steif wie ein Brett. Sämtliche Muskeln waren unter Lewis angespannt, der seinen Kopf an seine Schulter presste, ungeachtet der dumpfen Schmerzen, die ihm die Blessuren durch den Druck bescherten. Für einen grauenvollen Augenblick dachte er, Santiago würde ihn von sich schieben. Das brachte ihn nur noch mehr zum Heulen, auch wenn er es zu unterdrücken versuchte. Er konnte einfach nicht. Es brach aus ihm heraus, alles, was sich in den letzten Stunden angesammelt hatte, was er vor Jay noch zu verstecken versucht hatte. Bei Santiago konnte er es nicht verstecken. Es überwältigte ihn und er klammerte sich noch viel stärker an den Mann.
      Dann verlor er aber endlich etwas von seiner Steifheit und langsam legten sich seine Arme um Lewis. Sie verstärkten sich um ihn und dann schob Santiago seinen Kopf an Lewis' Halsbeuge. Seine Stimme verschwand fast, als er sich weiter entschuldigte, während Lewis zurück schimpfte. Es war merkwürdig, es war befreiend. Er wurde endlich in Santiagos Wärme eingehüllt, die er so schmerzlich vermisst hatte.
      Die Tränen versiegten irgendwann, oder eher die Energie dazu, neue zu produzieren. Lewis fühlte sich gänzlich erschöpft, geradezu ausgelaugt. Er wankte, als er sich letzten Endes doch wieder von Santiago löste und sich zurück zu seinem Stuhl dirigieren ließ. Er schniefte noch immer und schnappte sich gleich den nächsten Joint. Seine Hände zitterten, aber von Erschöpfung alleine, dessen war er sich jetzt sicher.
      Santiago blieb stehen wie bestellt und nicht abgeholt. Der Mann sah ungewöhnlich verloren aus, als wisse er nicht wohin mit sich selbst. Unbeholfen kratzte er sich im Nacken.
      "Ich äh..."
      Lewis füllte seine Lunge stockend mit Rauch. Er blies durch den Mund wieder aus und schniefte danach ein paar Mal.
      "Meine mamá hat Essen gemacht."
      Lewis blinzelte.
      "Läd-Lädst du mich gerade zum Es-Essen ein?"
      Er rieb sich über die Augen. Schniefte. Nahm einen Zug. Sah zu dem unangerührten Toast und das Wasser auf dem Tisch.
      "Was gibt's denn?"
      Santiago nannte es ihm. Es war irgendwas argentinisches, was Lewis überhaupt nichts sagte. Aber allein diese Situation, allein irgend so ein exotisches Essen zu hören zu bekommen, das war gut. Das war schön. Das war ihm bekannt. Das gefiel ihm.
      Also nickte er.
      "Okay. Klar."
    • "Ähm... nicht wirklich. Also, ich mein, klar, aber jetzt gerade meine ich eher, dass mich meine Mutter mit Tupperdosen ausgerüstet hat, die ich nicht wieder mit nach Hause bringen darf, bevor sie nicht leer sind."
      Santi schob seine Hände tief in seine Hosentaschen. Oder zumindest die linke, die Fingerschiene an der Rechten ließ ihn das nicht mit der rechten machen.
      "Okay. Klar."
      "Cool. Ich äh... ich muss dann kurz runter. Die Tupperdosen sind unten im Auto."
      Nach kurzem Zögern wandte sich Santi um, um ebenjene Tupperdosen aus dem Auto zu holen. Verdammte Tupperdosen... dass sie sich ausgerechnet darüber versöhnten.
      "¿Y? ¿Todo bien?*" fragte sein Vater, als Santi die Tür des alten Autos aufmachte und sich das Essen vom Rücksitz schnappte.
      "Sí. Puedes conducir tranquilamente, yo volveré solo a casa**."
      Ignacio nickte und wartete, bis Santi wieder in dem Gebäude verschwunden war, bevor er sich auf den Weg zurück zu dessen Apartment und seiner Frau machte.
      Santi kehrte wie versprochen mit den gut gefüllten Tupperdosen zurück. Danach war es, als sei eine Mauer in sich zusammengebrochen. Er suchte sich seinen Weg durch Jays Küche und machte sich daran, das Essen für Lewis aufzuwärmen - er würde das Essen seiner Mutter nicht durch eine Mikrowelle beschmutzen. Während er darauf wartete, dass alles warm wurde, drehte er für Lewis noch ein paar Joints. Es war beinahe wie früher, die Leichtigkeit mit der sie Zeit miteinander verbrachten. Zumindest für diese wenigen Minuten.
      "Wie geht's dir? Wirklich, meine ich," fragte Santi, als er einen dampfenden Teller, den er in einem der Hängeschränkte gefunden hatte, vor Lewis abstellte.
      Er setzte sich jetzt endlich hin, wofür ihm sein Bein dankte. Sich selbst hatte er einen Kaffee gemacht, in den er jetzt einmal mehr eine Tonne Zucker schaufelte. Er war immer noch völlig übermüdet, aber diesen wackeligen Frieden mit Lewis zu haben, machte es leichter. Es war, als sei ein Gewicht von ihm abgefallen, von dem er nicht gewusst hatte, dass es ihn runterzog.










      *Und? Alles in Ordnung?
      **Ja. Du kannst ruhig fahren, ich komm allein nach Hause.


    • "Ähm... nicht wirklich. Also, ich mein, klar, aber jetzt gerade meine ich eher, dass mich meine Mutter mit Tupperdosen ausgerüstet hat, die ich nicht wieder mit nach Hause bringen darf, bevor sie nicht leer sind."
      "Achso."
      Santiago schob die Hände tief in seine Hosentaschen. Er sah so unheimlich unbeholfen aus, dass es fast schon lustig gewesen wäre, hätte Lewis sich nicht so ausgelaugt und erledigt gefühlt. Diese ganze Situation hätte lustig sein können, wie verlegen sie beieinander waren, als wären sie zwei Teenager, die sich noch nicht wirklich anzunähern trauten. Es war ihm aber nunmal nicht wirklich nach Lachen zumute.
      "Okay. Klar."
      "Cool."
      Jetzt zuckte Lewis' Mundwinkel doch ein bisschen. Gut, vielleicht war ihm ein wenig zu lachen zumute.
      "Ich äh... ich muss dann kurz runter. Die Tupperdosen sind unten im Auto."
      Er nickte. Santiago stand noch einen Moment da, als erwarte er noch etwas von Lewis, dann drehte er sich steif um und ging. Lewis sah ihm noch nach, diesem großen Kerl, der noch nie so etwas wie Schüchternheit oder Verlegenheit gezeigt hatte und jetzt irgendwie alles auf einmal war. Es war süß. Lewis verspürte das Bedürfnis, ihn in den Arm zu nehmen.
      Er saß nicht lange alleine in der Wohnung und alleine an dem Tisch, was vermutlich gut war, denn die Stille war ihm merkwürdig. Sie war zu laut und gleichzeitig nicht laut genug, um seine Gedanken abzulenken. Sie drifteten ihm davon und als Santiago nur zwei Minuten später wiederkam, war er außerordentlich froh darum. Seinen Joint hatte er schon wieder aufgeraucht und griff sich gleich den nächsten.
      "Wie geht's dir? Wirklich, meine ich."
      Santiago hatte das Essen in der Küche warm gemacht, wobei er es auch geschafft hatte, neue Joints zu drehen. Lewis war ihm um beides dankbar. Er war dankbar für seine schiere Anwesenheit.
      "Nicht gut."
      Er starrte den dampfenden Teller vor sich an. Eigentlich hatte er wirklich keinen Hunger, aber er sollte etwas essen. Von alleine würden seine Beschwerden auch nicht besser werden.
      "Mir tut alles weh. Mein Gesicht, meine Brust, mein Bauch. Mein Arm. Meine scheiß Hand."
      Er nahm sich einen Löffel und stocherte damit ein wenig im Essen herum. Vor ihm kippte Santiago eine ganze Ladung Zucker in seinen Kaffee. Hielt er sich etwa noch immer wach?
      "Alle paar Minuten denke ich dran, dass Apollo in Bronx ist. Ist er nicht, nicht mehr zumindest, aber... keine Ahnung. Ich habe über die Adresse nicht nachgedacht, ich hatte keine Ahnung, wo ich bin. Er hätte eine Stunde fahren können oder nur fünf Minuten und..."
      Er schüttelte den Kopf und kiffte lieber noch ein bisschen.
      "Egal. 'S war eine Scheißnacht. Ich will nicht drüber nachdenken."
      Er nickte auf Santiagos bandagierte Hand.
      "Was hast du angerichtet?"
    • "Um Apollo musst du dir erstmal keine Sorgen machen. Ich hab uns Zeit verschafft," kommentierte Santi schlicht und machte den Küchentisch ein bisschen sauber, indem er die Reste von Gras mit der Hand zusammenschob.
      Er kannte die Nachbeben von Folter, wusste, was das mit der menschlichen Psyche anrichtete. Er selbst hatte es nur so gut wegstecken können, weil er an diesen psychologischen Druck von Haus aus gewöhnt war. Und Schmerzen... damit war leicht umzugehen. Aber jemand wie Lewis... es war eine Sache, eine nicht so schöne Kindheit gehabt zu haben. Es war etwas vollkommen anderes, wenn einem Gewalt angetan wurde, weil man eine Frage nicht beantworten wollte. Santi wusste nicht, wie er Lewis damit helfen konnte. Aber er würde tun, was auch immer nötig war.
      "Was hast du angerichtet?" fragte Lewis und nickte zu seinen eigenen bandagierten Händen.
      "Nasen gebrochen," antwortete Santi, ohne zu zögern. "Und mich mit einer Backsteinwand angelegt," setzte er nach und hob seine gebrochenen Finger in die Höhe.
      Er nippte lächelnd an seinem Kaffee.
      "Das war nach der Sache in dem Restaurant. Das mit dem Kartelltypen - den ich übrigens geblacklistet habe. Für so einen Schleimsack arbeite ich nicht mehr. Der Mülltonne hinter dem Restaurant habe ich übel zugesetzt, aber die Backsteinwand hat dann doch gegen mich gewonnen."
      Er zuckte mit den Schultern, schob das Gras zusammen, nahm sich ein neues Stück von dem Papier, um einen Joint zu wickeln. Es gab ihm was zu tun und Jay drehte ja offensichtlich keine für seinen Bruder. Das war etwas, was Santi für den Streuner tun konnte, auch wenn es nicht viel war.
      "Fast zwei Tage danach hab ich den nächsten Auftrag angenommen. Verschwundener kleiner Junkie. Sein Bruder hat mich angeheuert. Ich musste nicht lange suchen; Jericho hat geholfen. Dummerweise waren so um die fünfzig, sechzig Leute in dem Lagerhaus. Die waren im Weg, also hab ich sie weggeräumt. Ich weiß nicht genau, wer mich wie wo erwischt hat - ich war ein bisschen abgelenkt - aber ich hab's in einem Stück wieder rausgeschafft. Und den Job erledigt."
      Er begegnete Lewis Blick mit einem kleinen, schiefen Lächeln.
      "Nichts lebensbedrohliches, bloß ein paar Löcher, die gestopft werden mussten. Und nur zwei gebrochene Knochen," er deutete noch einmal auf seine Finger. "Aber die zählen nicht, die waren ja vorher schon kaputt."


    • "Nasen gebrochen. Und mich mit einer Backsteinwand angelegt."
      Wie zum Beweis hob er seine Finger in die Höhe. Lewis runzelte die Stirn.
      "Was hat sie dir denn angetan?"
      "Das war nach der Sache in dem Restaurant. Das mit dem Kartelltypen - den ich übrigens geblacklistet habe. Für so einen Schleimsack arbeite ich nicht mehr. Der Mülltonne hinter dem Restaurant habe ich übel zugesetzt, aber die Backsteinwand hat dann doch gegen mich gewonnen."
      "Ah."
      Das kam... unerwartet. Lewis wusste nicht, wie es Santiago im Nachhinein gegangen war, immerhin war er erst mit einem Albtraum beschäftigt gewesen und danach mit seiner Wut auf ihn. Aber zu hören zu bekommen, dass Santiago sich mit einer Wand angelegt hatte, das war doch überraschend. Die ganze Sache hatte ihn keineswegs kalt gelassen und der Schlafentzug war nur eine Reaktion gewesen. Lewis hatte so etwas gar nicht in Betracht gezogen, nachdem Santiago sich nicht gemeldet hatte.
      "Fast zwei Tage danach hab ich den nächsten Auftrag angenommen. Verschwundener kleiner Junkie."
      Lewis stutzte erst, dann musste er lächeln, als er begriffen hatte. Es kam einfach so über ihn.
      "Sein Bruder hat mich angeheuert."
      "Ist das so."
      "Ich musste nicht lange suchen; Jericho hat geholfen."
      "Ach, wirklich?"
      Der Hacker hatte wohl etwas mächtig gut bei Lewis.
      "Dummerweise waren so um die fünfzig, sechzig Leute in dem Lagerhaus. Die waren im Weg, also hab ich sie weggeräumt. Ich weiß nicht genau, wer mich wie wo erwischt hat - ich war ein bisschen abgelenkt - aber ich hab's in einem Stück wieder rausgeschafft. Und den Job erledigt."
      "Hoffentlich war die Bezahlung gut."
      Santiago lächelte ihn von sich aus an, wenn auch nur kurz. Trotzdem, es war genug, dass es Lewis etwas mehr aufheiterte.
      "Nichts lebensbedrohliches, bloß ein paar Löcher, die gestopft werden mussten. Und nur zwei gebrochene Knochen. Aber die zählen nicht, die waren ja vorher schon kaputt."
      "Natürlich. Wenn's sonst nichts ist."
      Lewis schmunzelte noch immer. Santiago drehte seinen nächsten Joint, ohne überhaupt gefragt worden zu sein.
      Dann fing er an zu kichern. Leise kicherte er erst, dann schnaubte er. Es war ein bisschen hysterisch und so lustig war nichts hiervon, aber er kicherte trotzdem.
      "Sieh uns nur an. Was für eine shitshow."
      Er gluckste.
      "Was für eine abgefuckte shitshow."
      Den nächsten Rauch ließ er um seinen Kopf treiben, dann lehnte er sich endlich nach vorne und nahm einen Bissen. Es schmeckte gut, wie immer, aber Hunger hatte er eigentlich trotzdem nicht. Er aß provisorisch und zwang danach ein paar Schluck Wasser herunter. Er wusste, dass es nicht das war, was er brauchte. Er wusste, was er stattdessen haben wollte.
      "... Können wir kuscheln?"
    • Santi zuckte mit den Schultern und legte den neu gedrehten Joint zur Seite.
      "Ich hab schon schlimmeres gesehen. Deine Wohnung zum Beispiel."
      Ja, er versuchte hier, lustig zu sein. Das war einfacher, als sich weiterhin in besagter Shitshow zu suhlen. Er wusste nicht, ob es funktionierte, also nippte er einfach an seinem Kaffee, während Lewis endlich - endlich! - einen Happen zu sich nahm. Santi war schon drauf und dran gewesen, dem Streuner mit der Wut seiner Mutter zu drohen.
      "Können wir kuscheln?"
      Er sah auf, völlig überrascht von der Frage. Trotz ihrer seltsamen Versöhnung hatte Santi nicht damit gerechnet, dass Lewis ihm gleich wieder so nahe sein wollte.
      "Klar," meinte er in seiner verbalen Weisheit. "Couch?"
      Auf Lewis' Nicken hin erhob sich Santi, er half Lewis zur Couch (die sehr viel kleiner war als Santis). Am Anfang war es ein bisschen seltsam. Santi musste sich auf der kleinen Couch arrangieren, sodass seine eigenen Verletzungen nicht protestierten und so, dass Lewis auch noch Platz hatte. Lewis hatte ein ähnliches Problem; er musste auf seine und Santis Verletzungen aufpassen, während er sich zeitgleich auf die Couch faltete und an Santi kuschelte. Irgendwie schafften sie es aber und es war sogar gar nicht so unbequem. Santi lehnte an der Armlehne, sein verletztes Bein auf dem Boden, während das andere frei über der zweiten Armlehne hing. Lewis saß halb, lag halb zwischen seinen Beinen, sein Rücken an Santis Brust gelehnt (gleich neben einer der größeren Nähte; Santi hatte Lewis davor gewarnt, damit er sich nicht aus Versehen dagegen lehnte). Jetzt, wo der vertraute Druck von Lewis Anwesenheit wieder da war, konnte Santi gar nicht anders, als sich zu entspannen. Gefährlich, bedachte man seinen Zustand, aber er konnte und wollte sich nicht dagegen wehren. Er legte seine Arme locker um Lewis.
      "Was glaubst du, wie lang dein Bruder weg sein wird?" fragte er leise, um die Stille ein bisschen zu füllen.


    • Lewis kicherte noch mehr. Vielleicht war es auch ein verzweifelter Versuch, nicht schon wieder zu heulen. So lustig war Santiagos Scherz dann immerhin auch nicht gewesen und doch lachte er weiter.
      Schließlich willigte Santiago aber ein. Er brachte Lewis mit zur Couch hinüber, auf der sie es sich eine geraume Zeit lang bequem zu machen versuchten. Es war überaus merkwürdig und außerdem tat es weh. Lewis hatte sich eher vorgestellt, dass sie es so wie früher haben könnten, wenn sie friedlich zusammen im Bett gelegen waren, aber das ging wohl nicht. Es wurde geächzt und gestöhnt und zum Schluss war es nicht annähernd das, was er sich erhofft hatte. Allerdings konnte er sich an Santiago lehnen, er konnte seinen vertrauten Körper an ihm spüren und das war wohl besser als gar nichts. So wie früher konnte es wohl gerade nicht sein. Lewis musste sich damit abfinden, auch wenn er genau das herbei gehofft hatte.
      Santiago legte einen Arm um ihn und Lewis atmete aus. Ganz so schlecht war es dann doch nicht. Santiagos Körper konnte immernoch weich für ihn sein.
      "Was glaubst du, wie lang dein Bruder weg ist?"
      Santiagos Stimme kam neben Lewis' Ohr. Er wünschte sich doch, es hätte so wie früher sein können.
      "Er hat eine Stunde gesagt, also kommt er in einer Stunde. Du kannst auch runtergehen und ihn fragen. Ich bin mir ganz sicher, dass er nicht bis in die Firma gefahren ist, sondern einfach nur unten in seinem Auto sitzt."
      Warum er das tat, musste Lewis vermutlich gar nicht aussprechen. Jay war schon immer zu einem Helikopter-Bruder mutiert, wenn es Lewis schlecht ging. Vermutlich war das auch nur seine Art, seine vernachlässigte Kindheit zu kompensieren.
      Wie auf Kommando raschelten da die Schlüssel im Schloss und Jay kam herein.
      "Ich bin's. Leben alle noch?"
      Lewis brummte nur und rührte sich nicht. Und weil er sich nicht rührte, blieb auch Santiago an Ort und Stelle.
      Jay ging hörbar an der Küche vorbei, dann sah er sie im Wohnzimmer sitzen und blieb stehen. Auf seinem Gesicht bildete sich offene Verblüffung ab, während er sie so ansah.
      "... Wow. Dass ich sowas mal miterleben darf."
      Lewis sah ihn an.
      "Was?"
      "Du, am Kuscheln. Hast du nicht mal gesagt, dass kuscheln für Weicheier ist?"
      Lewis spürte sein Gesicht leicht warm werden.
      "Ach. Maul halten."
      "Das hast du ganz sicher gesagt. Und dann hieß es, wer kuscheln kann, kann auch Sex haben."
      Er warf seine Schlüssel auf den Tisch.
      "Klappe."
      "Und dann, dass kuscheln -"
      "Jay."
      "- nur was ist, was die in Filmen machen."
      "Fick dich."
      Jay hob abwehrend die Hände.
      "Deine Worte, nicht meine."
      Er ging zu einem der Fenster und öffnete es ganz, um den Geruch nach Gras nach draußen zu lassen. Lewis regte sich noch immer nicht. Jay drehte sich wieder zu ihnen um und sah zwischen beiden hin und her.
      "Ich würde euch ja die Wohnung überlassen, aber ich kann sonst nirgends unterkommen. Und in deine Wohnung lass ich dich nicht zurück, Lew, das wird nichts. Und deine..."
      Er sah Santiago an, dann wieder Lewis.
      "Da auch nicht. Nicht, solange die ganze Sache nicht geklärt ist. Aber ich kann euch mein Bett überlassen. Ich schlafe auf der Couch, das geht schon."
      Ganz anscheinend hatte er durch ihre Nähe schon seine eigene Interpretation der Dinge abgeliefert.
    • Santi brummte, ein schlichtes Zeichen dafür, dass er Lewis' Worte wahrgenommen hatte.
      Sein Blick huschte zur Tür, als er Zeichen dafür hörte, dass jemand ankam. Von jetzt auf gleich war Santi bereit, Lewis auf der Couch zurückzulassen und sich schützen vor ihm zu platzieren. Doch es war nur Jay, der wieder zurückkam. Was folgte, war eine Sitcom, wie sie Santi noch nicht einmal in den frühen Morgenstunden seiner schlaflosen Nächte gesehen hatte. Die Brüder fetzten sich, ohne sich wirklich zu streiten. So war das also, wenn man Geschwister hatte.
      "Rede meine harte Arbeit nicht schlecht," schaltete sich Santi kurz ein. "Das Kuscheln habe ich ihm in anstrengender Kleinstarbeit beigebracht."
      Er drückte Lewis vorsichtig enger an sich und vergrub kurz seine Nasse in dessen wilder Mähne. Wenn Jay seinen Bruder zum Erröten bringen wollte, dann würde Santi sein bestes tun, um den Gefallen zu erwidern.
      "Ich kann euch mein Bett überlassen. Ich schlafe auf der Couch, das geht schon."
      Und schon war der Frieden verflogen.
      "Gute Idee, deinem schwer verletzten Bruder das Bett zu überlassen, solltest du sowieso. Aber ich muss das Angebot ausschlagen, fürchte ich."
      Santi versteckte sich hinter seiner professionellen Maske. Jay musste nichts von der negativen Seite seiner Magie wissen. Schlimm genug, dass er wusste, was genau sie machte. Er musste wissen, dass jede Magie ihre Schattenseiten hatte, aber das genaue Was wollte Santi dann doch noch ein bisschen für sich behalten. Er konnte nur hoffen, dass Lewis ihm verzeihen konnte, dass er heute wieder ging, ihn wieder allein ließ. Aber er konnte nicht im gleichen Raum mit dem Streuner schlafen, erst recht nicht im gleichen Bett, wenn das Risiko bestand, dass er seine geklauten Dämonen aktiv bekämpfte. Lewis brauchte seine Ruhe. Und er wollte ihm nicht noch mehr Sorgen bereiten, bedachte man all das Trauma, das er schon zu verarbeiten hatte.
      "Außerdem haben wir uns gerade erst erfolgreich auf die Couch gefaltet, so schnell steh ich erstmal nicht wieder auf. Da sind noch Reste in der Küche, an denen du dich bedienen solltest. Da ist noch viel zu viel drin, als dass ich die Tupperdosen schon wieder mitnehmen könnte."


    • Lewis wusste noch nicht recht, was er davon halten sollte, dass Santiago wieder gehen würde. War er wirklich davon ausgegangen, dass er hier schlafen würde? Als wäre alles wieder in Ordnung? Ein bisschen geheult, ein bisschen gekuschelt und schon hatte sich alles erledigt, zwei Stunden eines intensiven Albtraums, drei Tage des Kontaktabbruchs? Er wusste es nicht. Gleichzeitig wollte er nicht alleine schlafen und wusste aber auch, dass Santiago selbst Schlaf nachzuholen hatte. Und wenngleich das recht harmlos wirkte, würde es doch alles andere als harmlos sein.
      Ganz anscheinend war der Mann auch nicht bereit, Jay so viel von seiner Magie zu zeigen. Lewis konnte das verstehen. Er würde wohl auch nicht über seinen Albtraum sprechen wollen, den Santiago ihm eingepflanzt hatte.
      "Wie du willst. Das Bett ist nicht so groß, aber das mit dem Kuscheln habt ihr ja schon hingekriegt."
      "Außerdem haben wir uns gerade erst erfolgreich auf die Couch gefaltet, so schnell steh ich erstmal nicht wieder auf. Da sind noch Reste in der Küche, an denen du dich bedienen solltest. Da ist noch viel zu viel drin, als dass ich die Tupperdosen schon wieder mitnehmen könnte."
      "Wie großzügig, danke. Ich hab aber keinen Hunger. Wenn du die Tupperdosen brauchst, füll ich's um. Soll ich dich nachher heimfahren? Oder irgendwo absetzen?"
      Jay legte sich kurz mit Santiago darauf fest, dann ließ er sie beide wieder alleine und tauchte so schnell auch nicht wieder auf. In der Küche räumte er herum, dann verschwand er in den Tiefen seiner Wohnung.
      Lewis starrte die Decke an.
      "Man... Da bin ich ein paar Stunden weg und du wirst schon buddies mit meinem Bruder. Dabei habe ich euch nichtmal richtig vorgestellt."
      Er schloss die Augen, verging an der Leichtigkeit der Situation. Alles war gut. Jetzt im Moment war alles gut. Irgendwie.
      Seine Hand machte es ihm unmöglich zu schlafen, aber sobald Jay ihm seine Schmerzmittel serviert hatte, ging es auf einmal sehr schnell. Er blinzelte träge und dämmerte nach und nach weg. Da regte sich Santiago und Lewis erkannte, dass sie weder im Bett waren, noch ins Bett gehen würden. Hier wegzuschlafen war auch keine gute Idee.
      Er zwang sich auf die Beine, damit Santiago aufstehen konnte. Jay wartete in der Tür, um ihn durch die Gegend zu kutschieren.
      "Du auch."
      "Huh?"
      "Du kommst mit. Ich lasse dich doch nicht alleine in der Wohnung, wenn dort draußen ein griechischer Gott rumläuft, der gerne in Wohnungen einbricht. Du kommst mit."
      Lewis brummte nur unwillig, fügte sich aber. Das war eigentlich gar nicht so schlecht. Alleine zu sein wäre viel schlechter.
      Er wandte sich Santiago zu.
      "Ich äh... ich meld mich. Okay?"
    • "Man... Da bin ich ein paar Stunden weg und du wirst schon Buddies mit meinem Bruder. Dabei habe ich euch nicht mal richtig vorgestellt."
      Santi schmunzelte.
      "Was soll ich sagen? Die Castros erliegen halt einfach meinem Charme," gab er zurück, dann vergrub er sein Gesicht wieder in Lewis' Haaren.
      Dieses Etwas zwischen ihnen ware gerade so seltsam, da wollte er so viel wie er konnte von dem Streuner in sich aufnehmen und nicht wieder loslassen. Und wenn es nur der Geruch von seinen verwilderten Haaren war. Er hielt Lewis nur leicht fest, weil er ihm nicht unnötig wehtun wollte, aber er konnte es sich nicht verkneifen, mit dem Daumen kleine Muster auf die Arme des Streuners zu malen. Sie hatten keinen Sinn, es ging Santi einfach nur um den Kontakt. Den Hautkontakt. Seit er Lewis' und Jays Alpträume gefressen hatte, hatte er niemanden mehr an sich rangelassen. Abgesehen von dem namenlosen Arzt, der ihm die Finger geschient hatte und dann gestern seine Eltern. Und selbst da hatte er sich so gut es ging hinter langen Ärmeln und Handschuhen versteckt.
      Er ließ Lewis dösen, nachdem er seine Schmerzmittel genommen hatte - er brauchte die Ruhe und im Gegensatz zu Santi konnte er sie auch tatsächlich genießen. Jay verdrückte sich und ließ sie beide allein, aber das war auch okay. Lewis einfach nur festhalten zu können war genug für Santi. Er war gut darin, all die 'Was wäre wenn'- Fragen zu ignorieren, hatte jahrelange Übung darin. Das half ihm jetzt, als er in der Stille des fremden Wohnzimmers saß, allein mit nichts weiter als seinen Gedanken und dem entspannten Rhythmus von Lewis' Atmung.
      Schon bald drohten die Stille, Lewis' Wärme, und der Druck seines Körpers damit, ihn einzulullen. Dankenderweise kam Jay angestapft, die Autoschlüssel in der einen, die leeren Tupperdosen in der anderen Hand. Santi nickte zu Lewis, der kurz davor war, loszuschnarchen. Jay legte den Kopf schief und hob die Augenbrauen. Santi rollte mit den Augen. Vorsichtig bewegte er sich unter Lewis, aber nicht so vorsichtig wie wenn er sich morgens aus dem Bett stahl, um ihnen Frühstück zu machen. Der Streuner kam grummelnd zu sich.
      "Sorry. Dein Bruder schmeißt mich raus."
      Er half Lewis auf die Beine, dann stand er selbst auf. Er hatte sich so weit entspannt, dass er den Riss in seinem Bein vergessen hatte, weswegen er leicht fluchte, als er sein Gewicht auf das Bein verlagerte. An der Tür nahm er Jay die Tupperdosen ab und drückte ihm stattdessen einen von seinen Schlüsseln in die Hand.
      "Du hast doch ein Transportunternehmen," meinte er mit einem schiefen Lächeln. "Kannst du jemanden schicken, der mein Bike bei Lewis' Wohnung abholt und bei euch parkt? Mir gefällt die Gegend nicht und das Bike hab ich mir gerade erst nach der Verfolgungsjagd zugelegt."

      Jay setzte ihn und seine Tupperdosen bei einem kubanischen Café ab.
      "Ich äh... ich meld mich. Okay?" meinte Lewis aus dem Auto.
      Santi lächelte, nickte. "Mach das. Und iss was! Sonst behaupte ich, dass es dir nicht geschmeckt hat."
      Er zwinkerte Lewis zu, dann bedankte er sich noch einmal für's Fahren bei Jay und ging in das Café, wo er sich gleich einen fetten Kaffee bestellte. Der aus Kuba schlug nochmal ganz anders ein als das Zeug, das man an jeder Straßenecke bekam.
      Santi rief seine Eltern erst an, nachdem er seinen ersten Kaffee getrunken hatte, damit genug Zeit zwischen der einen Verbindung und der anderen verging. In der Zwischenzeit schrieb er Jericho eine Nachricht, dass alles gut gegangen war. Zumindest glaubte er, dass er Jericho eine Nachricht schrieb. Wenn der Knirps schlau war - wovon Santi durchaus ausging - dann war die Nummer schon lange nutzlos und seine Nachricht erreichte niemanden mehr.
      Sein Vater holte ihn einen Kaffee später ab und sie fuhren gemeinsam zurück zu Santis Wohnung, wobei er seinen Vater davon überzeugen konnte, ein paar extra Runden hier und da zu fahren. Sein papito stellte keine Fragen, auch wenn es eigentlich noch nicht wieder Zeit für Santis Paranoia war.
      Zuhause angekommen freute sich Santis mamá über die leeren Tupperdosen. Santi behauptete einfach, dass es beiden Castros geschmeckt hatte, auch wenn er von dem einen keine Antwort bekommen und der andere sich nicht daran bedient hatte. Das Lächeln auf ihrem Gesicht war es allerdings wert. Lange hielt es Santi dann aber nicht mehr auf den Beinen. Sein Vater half ihm im Badezimmer aus den Klamotten und in etwas bequemeres, dann ließ sich Santi ins Bett sinken. Er sehnte sich nach einem simplen Nickerchen, aber er wusste, dass er davon noch weit entfernt war.

      Drei Tage. Drei Tage verbrachte Santi auf diese Weise. Nie wirklich wach, nie wirklich schlafend. Wenn er wach war, dann sehnte er sich danach, die Augen zu schließen. Wenn er schlief, dann wollte er nichts sehnlicher, als aufzuwachen. Er erwähnte nichts davon in seinen unregelmäßigen Textnachrichten, die er mit Lewis wechselte. Seine Scheiße musste den Streuner nicht belasten, der hatte eigene Sorgen. Was sollte er auch schon groß tun?
      Santis Eltern campten in seinem Wohnzimmer und kümmerten sich um wirklich alles. Seine Mutter ging sicher, dass er genug aß und nicht vergaß, hin und wieder auch mal was anderes als Kaffee zu trinken. Sein Vater half ihm mit den Bandagen und wann immer sich Santi zu entschloss, dass er Klamotten wechseln musste, weil er sie durchgeschwitzt hatte. Mehr als eine Katzenwäsche war aktuell leider nicht drin, aber die beging Santi dann doch allein.
      Das Schlimmste war nach drei Tagen vorbei. Zeitgleich lag es aber auch noch vor ihm. Die Reihenfolge der Träume war leicht: er träumte zu erst von dem, was er als letztes gefressen hatte. Da er zwischen der Sache mit dem Kartell und seiner kleinen Rettungsaktion für Lewis nicht geschlafen hatte, näherte er sich mit jedem Nickerchen weiter dem Traum, den er auf keinen Fall haben wollte. Er konnte es nicht vermeiden. Es würde passieren. Santi hatte sich schon in seiner Kindheit damit abgefunden, dass der Backlash seiner Magie unausweichlich war. Doch zum ersten Mal seit Langem störte es ihn. Nicht, weil er genug davon hatte, Angst zu haben oder nicht richtig schlafen zu können. Es störte ihn, weil er nicht wissen wollte, wovor Lewis am meisten Angst hatte. Er wollte es nicht so erfahren. Das war etwas so persönliches, es fühlte sich falsch an, diese Information auf diese Weise zu erhalten. Das war einfach nicht richtig.
      Er lag im Bett. Draußen war es dunkel, aber Santi hatte keine Ahnung, wie spät es war. Sein Zeitgefühl hatte sich schon vor einer Weile verabschiedet. Sein Vater lag schnarchend im Wohnzimmer, seine Mutter daneben mit ihrem eReader bewaffnet. Sie bevorzugte zwar richtige Bücher in der Hand zu halten, aber auf die Schnelle hatte sie nicht einfach alles einpacken können - und natürlich weigerte sie sich, ihren Sohn allein zu lassen, um nach Hause zu fahren. Santi sollte es nur Recht sein. So lange sie nicht da draußen unterwegs war, war sie hier bei ihm in Sicherheit.
      Santi starrte den Chat mit Lewis an. Das tat er schon seit einer Weile.

      Kann nicht schlafen. Will nicht.
      Noch wach?


    • Lewis hielt die Augen geschlossen auf der Fahrt. Er hatte gedacht, dass er dösen könnte, aber trotz der Schmerzmittel spürte er jede Bewegung unangenehm in seiner Hand und seinen Rippen. Außerdem erinnerte ihn das Gefühl daran, halb in Ohnmacht in dem Gurt gehangen zu haben, während er noch immer fieberhaft darüber nachgedacht hatte, dass Apollo in Bronx war. Selbst wenn er weggedöst wäre, wäre es vermutlich kein angenehmes Gefühl gewesen.
      Dafür war Jay doppelt so aufmerksam für sie beide. Ein Blick auf die Straße, ein Blick in den Spiegel, ein Blick auf Lewis. Ein Blick auf Santiago. Zwar blieb er still, aber seine Blicke sprachen für sich.
      Lewis blieb sitzen, als Santiago ausstieg. Er rollte den Kopf auf die andere Seite, um dem großen Mann zuzusehen, wie er sich vom Auto entfernte und auf das kubanische Café zuhielt.. Die roten Strähnen standen ihm wirr nach allen Richtungen ab und er sah wieder so unbeholfen aus. Lewis sah ihm nach, bis er durch die Tür verschwand.
      Jay sah dafür ihn an.
      “Dann habt ihr euch vertragen?”
      Hm.” Er zuckte mit den Schultern. “Vielleicht. Keine Ahnung. Es war irgendwie… komisch.
      “Es war ja auch eine komische Situation, nicht?”
      Hm.
      Die war es. Immerhin wurde man nicht alle Tage entführt, nur wenige Tage, nachdem man eine volle Ladung Magie von seinem Freund abbekommen hatte. Sowas konnte man ruhig als komisch beschreiben.
      Jay fuhr wieder an. Er war ein langweiliger Fahrer, der sich ständig an alle Verkehrsregeln halten musste.
      “Wie kannst du das aushalten mit seinen Augen?”
      Jay sah wieder zu ihm, wieder auf die Straße.
      “Ich meine, ganz unabhängig davon, wenn er seine Magie mal benutzt - was im übrigen verdammt gruselig ist. Sie sind ja auch normal so…”
      Er gestikulierte ein bisschen.
      So eben. Als würde er dir direkt in die Seele schauen und dann zubeißen oder sowas. Wie hältst du das aus?”
      Zuerst wollte Lewis gar nicht darauf antworten. Er war nicht unbedingt in der Stimmung für einen Plausch und erst recht nicht über Santiagos Augen. Aber irgendwie hatte er dann doch das Bedürfnis, Jay aufzuklären.
      Anfangs hatte er noch eine Sonnenbrille auf. Das hat er meistens, wenn wir draußen sind. Und dann…
      Ja, was dann? Wie hielt Lewis es denn eigentlich aus? Wann hatte es angefangen, dass er von Santiagos gruseligen Augen dazu übergegangen war, sie als etwas alltägliches zu betrachten? So recht konnte er den Zeitpunkt nicht bestimmen, allerdings konnte er genau sagen, wieso es nicht mehr so schlimm war.
      Es hat sich einfach geändert, als wir öfter miteinander weg waren. Er ist ja nicht nur seine Augen. Die Augen für sich sind schon gruselig, aber nicht mehr, wenn man ihn in seinem Alltag sieht. Dann steht er morgens in der Küche am Herd und macht Eier und sowas. Und gießt seine Pflanzen. Und liest. Das ist ziemlich gar nicht gruselig.
      Jay schnaubte nur.
      Es wird unangenehm, wenn er… wenn es wirklich deutlich wird. Wenn er seine Magie rauslässt. Das ist echt gruselig, aber ich vertraue meiner Magie. Sie würde mir das schon zeigen, wenn ihm zwei Hörner wachsen und er mich auffressen wird.
      Jay sah kurz zu ihm.
      “Hat sie dir auch gezeigt… du weißt schon. Dass er bei Montes war?”
      Lewis versteifte sich unwillkürlich. Das war vielleicht eine berechtigte Frage, aber trotzdem keine gute. Nein, als es darauf angekommen war, hatte seine Magie ihn wohl nicht vorgewarnt. Das war aber auch nichts, worüber er jetzt gerne nachdenken wollte.
      Das hat ja wohl nichts damit zu tun, oder?
      Jay sah ihn wieder kurz an. Vielleicht hätte er zu einem anderen Zeitpunkt auf das Thema bestanden, aber Lewis hatte wohl eindeutig Sonderrechte in seinem angeschlagenen Zustand. Jay ließ das Thema gleich fallen.
      “Nein, hat es nicht.”
      Den Rest der Fahrt hielt Lewis die Augen geschlossen und fühlte sich elend.

      Jays Bett war eigentlich ziemlich angenehm; großzügig für eine einzelne Person, wenn auch ein Stück zu klein für zwei. Lewis hatte vor diesem Tag noch nie darin geschlafen, fühlte sich jetzt aber wie ein König, so wie er in dem kleinen Schlafzimmer lag. Jay hatte es gemütlich. Ein bisschen langweilig und monoton, aber gemütlich.
      Die Schmerzmittel ließen ihn einschlafen, nachdem er eine Position gefunden hatte, bei der nichts drückte oder ziepte. Es war nicht ganz bequem, aber Lewis war müde genug, dass er trotzdem wegschlief. Sein Körper brauchte die Ruhe.
      Wirre Träume verfolgten ihn in dieser Nacht. Er träumte von langgezogenen Straßen, von Zielen, die er nie erreichen konnte, von Menschenmassen ohne Gesichtern und lauter, formloser Musik. Es war ein unruhiger Schlaf. Mehrmals wachte er im Halbschlaf auf, wälzte sich herum und war wieder weggetreten, bevor er sich richtig ausgerichtet hatte. Selbst im Traum pochte seine Hand.
      Er hatte das Gefühl, irgendwas wichtiges vergessen zu haben. Es nagte an ihm, dieses Drängen, das ihn zum Handeln forderte, auch wenn er gar nicht wusste, was er tun sollte. Es verfolgte ihn in seine Träume, bewegte sich in seinem Rücken wie ein Tier, das sich gleich auf ihn stürzte, nur, dass er es niemals zu Gesicht bekam, wenn er sich umdrehte. Dabei war es so wichtig. Sein Puls raste und er schwitzte in Träumen, in denen er sich ziellos zu orientieren versuchte. Es ging um Leben und Tod.
      Dann kam Apollo herein.
      Er stieß die Tür auf, die gegen eine Wand krachte, und hatte binnen eines Wimpernschlages die Distanz zwischen sich und Lewis überwunden. Lewis kreischte auf. Der Raum war tiefschwarz, nur er und Apollo. Die Augen des Mannes stachen deutlich hervor, riesengroß, verzerrt, Bernsteinfarben. In ihnen krochen die Schatten, die Dunkelheit, sie war lebendig, wie ein eigenständiges Wesen, das dort in der Iris hauste und das sich jederzeit dazu entschließen konnte, Lewis anzufallen. Lewis schrie erneut. Er warf sich gegen seine Fesseln, aber das Gesicht kam nur näher an ihn heran. Näher und noch näher. Es war jetzt nicht mehr Apollo, es war Santiago, Santiago, der von Apollo gelenkt wurde, weil er schließlich für Montes arbeitete. Santiago und Apollo zusammen. Ein Gesicht, zwei Gesichter, Augen, die sich in seine Seele fraßen, die fraßen und fraßen und Lewis schrie und weinte und er war alleine, so alleine, er hatte keinen Körper, nur er und das Gesicht, nur die Augen, wo Knoten hätten sein können, und er hatte keinen Mund zum Schreien, er hatte keine Hände zum Verteidigen, nur er und das Gesicht, nur er und die Augen und er schrie, er schrie, er…
      “... wis! Lewis!”
      Lewis fiel, als sein Körper mit einem Schlag wieder zurück war. Er strampelte, als er über sich Apollo entdeckte, der ihn festhielt, der ihn nach unten drückte, der ihn auffressen würde, der -
      “Lewis! Ganz ruhig!”
      An Apollos Stelle glitten Jays Züge, weit aufgerissene Augen, ein spitzes Kinn, dünne Lippen. Zerzauste Haare. Von der offenen Tür drang Licht aus dem Gang dahinter.
      “Beruhig dich!”
      Lewis atmete schwer. Er keuchte regelrecht, dabei schien er nicht genug Luft zu bekommen. Seine Haut war schweißnass, sein Herz raste wie wild. Seine Hand tat weh. Seine scheiß Hand schmerzte so sehr, dass er sie gegen seinen Bauch drückte.
      Was… was…
      “Tief Luft holen, Lew. Erstmal atmen. Ganz ruhig.”
      Lewis schnappte nach Luft. Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. Seine Muskeln zitterten gewaltsam. Er konnte die Fesseln noch spüren, konnte spüren, wie sie sich in seine Haut gruben. Er konnte das verdammte Messer in seiner Hand spüren.
      “Ganz ruhig. Es war nur ein Traum, ganz ruhig.”
      Sie atmeten gemeinsam. Jay ließ ihn bald wieder los und richtete sich auf. Er legte die Hand auf seine Stirn und seinen Hals.
      “Das fühlt sich wie Fieber an, der Doc hat davor gewarnt. Ich bring dir was, bleib liegen.”
      Lewis gehorchte, weil ihm nicht sehr viel mehr übrig blieb. Zitternd starrte er an die Decke über sich. Sie war weiß gehalten, nicht grau. Da war Putz an der Wand, kein Beton. Es war warm und roch ziemlich eindrücklich nach Jay, nicht kalt und nach Keller. Lewis erschauderte trotzdem.
      Jay brachte ihm Wasser und Medikamente. Er sah dabei zu, wie Lewis sie schluckte. Dann sah er eine Weile lang ihn an.
      “Alles in Ordnung?”
      Lewis nickte nur. Er konnte noch keine Worte formen, sie steckten ihm alle im Hals fest. Er konnte nur atmen und dabei versuchen, sich wieder zusammen zu kriegen.
      Jay sah ihm dabei mit offener Besorgnis zu. Mit den Sorgenfalten auf seiner Stirn und den großen Augen sah er fast jünger aus, nicht etwa älter. Als könnte er gleich zu heulen anfangen, so wie damals als Junge.
      Schließlich setzte er sich auf die Bettkante.
      “Willst du es mir nicht erzählen? Es könnte helfen, wirklich. Ich hör dir zu.”
      Aber die Wahrheit war, dass Lewis es nicht erzählen wollte - nicht Jay. Er wollte es einfach nicht. In seiner Einbildung war Jay noch immer ein kleiner Junge, ein dürres, blasses Kind, das leicht zu heulen begann und zu Lewis mit Rehaugen aufsah, als wäre er sowas wie Superman. Er konnte es ihm einfach nicht erzählen. Wenn es Lewis nicht gut ging, wem dann? Wenn nicht er, wer dann?
      Also schüttelte er den Kopf.
      Nein. Passt schon.
      Und wenn Jay noch etwas sagen wollte, dann sprach er es nicht aus. Er sah ihn nur an, auf diese traurige Art, wie sie nur Jay beherrschte. Oder wie er sie beherrscht hatte, bevor aus dem blassen, weinerlichen Jungen ein Mann geworden war, der seine Waffe benutzte, ohne mit der Wimper zu zucken. Der selbstständig eines der größten Drogenkartelle der Welt bediente.
      “Okay.”
      Jay nickte.
      “Du kannst deine Meinung immer ändern. Ich bin im Wohnzimmer, wenn du noch was brauchst.”
      Und damit ließ er Lewis mit seinen Gedanken alleine und mit dem Willen, nicht mehr einzuschlafen..

      Die nächsten Tage verbrachte Lewis fast ausschließlich im Bett. Er döste, er kiffte, er spielte Spiele, die keine Knoten auflösten, auf seinem neuen Handy.
      Und es war furchtbar, grauenhaft, ein reiner Albtraum. Er hatte niemanden, mit dem er reden konnte, außer der alte Jay, der irgendwann auch langweilig wurde. Er hatte nichts, was er tun konnte, nirgends, wo er hingehen konnte. Sein Körper brauchte die Ruhe, aber sein Kopf, sein sehr gesunder noch dazu, litt unter der Tatenlosigkeit. Das war einfach nicht Lewis’ Verständnis von Erholung. Er vermisste laute Musik, endlose Menschenmassen, Alkohol. Fettiges Essen und schlechte Flirts.
      Er vermisste auch rote Haare. Er vermisste Kaffeegeruch und starke Hände in seinen Haaren. Er vermisste dumme Witze, tiefes Lachen und Zigaretten. Er vermisste… ach, alles eben.
      Also schrieb er ihm. Er hatte warten wollen, bis er sich wirklich etwas von der ganzen Situation erholt hatte, aber es war eben zu einfach, alsdass er weiter hätte widerstehen können. Er schrieb ihm und Santiago schrieb ihm fast augenblicklich zurück.
      Ab dann ging es ganz einfach. Sie schrieben hin und her, vor und zurück, kleine, belanglose Nachrichten, die sich mit nichts wichtigem befassten. Es war einfach und deswegen war es gut. Lewis erzählte ihm, dass er sich zu Tode langweilte, und Santiago gab zurück, dass seine Eltern bei ihm campierten. Alles harmlos. Lewis machte keinen Hehl daraus, dass er sofort ans Handy sprang, wenn es pingte. Er hatte ja auch sonst nichts zu tun.

      -Kann nicht schlafen. Will nicht.
      Noch wach?


      Lewis starrte die Nachricht ein paar Sekunden lang an. Das war nun die erste Nachricht, die gefährlich nahe an einem Thema war, das sie bisher erfolgreich umschifft hatten. Er biss sich auf die Lippen.

      - Klar. Jay schnarcht. Die Wände wackeln schon

      Das war lustig. Oder? Ha-ha. In Wahrheit schlief auch Jay schlecht und litt unter seinen Albträumen. Aber Lewis konnte sich einfach nicht von dem Thema ablenken, das sich in ihm auftat. Er hatte Santiago noch nicht einmal gefragt, ob… naja. Ob es schon soweit gewesen war.
      Er wusste nicht, ob er es überhaupt wissen wollte. Aber da fing er schon an zu schreiben.
      Hast du schon
      Nein. Was sollte er denn mit der Antwort anfangen? Was fing er mit einem Ja an, dass Santiago genau wusste, was er dort zwei Stunden lang gesehen hatte? Was fing er mit einem Nein an, dass Santiago seinen Schlaf weiter hinauszögerte und es deswegen noch nicht gesehen hatte? Er konnte nicht für immer wach bleiben. Irgendwann würde er richtig schlafen müssen.
      Er löschte es wieder und schrieb um.

      - Kannst du Träume überspringen?

      Er kannte die Antwort schon, aber sie trotzdem zu lesen, das war nicht schön. Es war gar nicht schön. Lewis starrte sein Handy an und in diesem Augenblick war seine Sehnsucht nach Menschen, nach draußen, nach irgendwas so groß, dass es fast schon schmerzhaft wurde.

      - Können wir uns sehen?
    • Santi schmunzelte. Wenn Jay so wie sein Bruder schlief, dann war das Schnarchen eher auf der süßen Seite anstatt der nervenden - und mit einer Tür durchaus auszuhalten.

      Kannst du Träume überspringen?
      Nope. Wenn ich mehr als einen hab, dann mischen sie sich,
      aber es ist immer die gleiche Anzahl an Ängsten.


      Es so sachlich runter zu brechen machte es auch nicht besser. Santi konnte sich weder an die genaue Anzahl an Soldaten erinnern, die er ausgeschaltet hatte, noch an die Nummer an Ängsten, die er in seinen Alpträumen schon durchlitten hatte. Es war ziemlich schwer, sich auf sowas zu konzentrieren, wenn man sich zu Tode ängstigte - egal ob in der wachen Welt oder in der der Träume.

      Können wir uns sehen?

      Santi zögerte. Er wollte nicht zu Jay. Aber hier mit seinen Eltern war auch irgendwie seltsam. Zumal sie nichts von Lewis' Verletzungen wussten. Aber den Streuern nicht zu sehen kam auch nicht in Frage, so viel wusste Santi.

      Ich kenn da dieses Diner, das hat vierundzwanzig Stunden lang auf.
      Die haben labbrige Fritten, fettige Burger, und beschissenen Kaffee,
      in den der Kellner vielleicht, vielleicht auch nicht reingespuckt hat.
      Ich hol dich ab?


      Kaum hatte Lewis zugestimmt, sprang Santi schon auf und schnappte sich ein paar Klamotten, die nicht nach drei Tage im Bett liegen aussahen. Nichts besonderes, er tauschte die Sweatshirtjacke durch ein simples Hemd auf, weil er die Arme nicht richtig über den Kopf heben konnte; die Jogginghose tauschte er gegen eine dunkle Jeans.
      Seine Mutter sah auf, als sie ihren Sohn in Aufbruchsstimmung sah. Santi bedeutete ihr, leise zu sein, um seinen papito nicht zu wecken.
      "Lewis kann auch nicht schlafen. Wir treffen uns in einem Café," flüsterte er.
      Seine Mutter lächelte, dann nickte sie.
      "Fahr vorsichtig," erwiderte sie.
      "Immer," gab Santi zurück. "Schlaf ein bisschen für mich, ja?"
      Wieder nickte seine Mutter.
      Santi schnappte sich die Autoschlüssel seines Vaters - sein Bike stand noch bei Jay rum, und wenn er ehrlich war, dann wollte er auch nicht unbedingt mit dem Motorrad fahren, während er so zerbeult war.

      Eine kleine Weile später stand Santi auf der Straßenseite gegenüber von Jays Apartment in dem alten amerikanischen Musclecar seines Vaters - die einzige große Anschaffung, die sein papito jemals gemacht hatte. Ganz kitschig hatten Santi und sein Vater das Teil restauriert, auch wenn Santi da schon in seinen Zwanzigern gewesen war und er die Teile aufgetrieben hatte. Er erinnerte sich trotzdem gern an die Stunden, die er mit seinem papito in der Einfahrt von Señor Rivero verbracht hatte, um das Ding wieder zu flicken.
      Anstatt Lewis zuzuwinken, hielt Santi lächelnd eine Augenbinde in die Höhe.

      Sie fuhren in Stille durch New York, bis Santi den alten Wagen unweit des Diners parkte. Nach kurzem Zögern ergriff Santi die gute Hand des Streuners mit seiner, während sie in Richtung des Diners schlenderten.
      "Geht dir Jay schon auf dem Sack mit seiner Fürsorge?" fragte er unverbindlich.
      Die letzten paar Tage waren all ihre Unterhaltungen unverbindlich gewesen, leicht, angenehm. Das war es, was Santi heute Nacht haben wollte: leicht, angenehm. Lewis.
      Er hielt dem Streuner die Tür zum Diner auf, sie suchten sich den gleichen Platz, den sie sich vor Monaten schon gesucht hatten. Heute Nacht saß jemand anders hinter dem Tresen, aber viel motivierter wirkte der Blonde Kerl auch nicht. Santi bestellte sich einen Kaffee - und dieses Mal fragte er sich nicht, ob der Kellner irgendwelche Gifte hinein gemischt hatte, als er die Tasse vor sich stehen hatte und anfing, Zucker hineinzuschaufeln.


    • - Ich kenn da dieses Diner, das hat vierundzwanzig Stunden lang auf.
      Die haben labbrige Fritten, fettige Burger, und beschissenen Kaffee, in den der Kellner vielleicht, vielleicht auch nicht reingespuckt hat.
      Ich hol dich ab?


      Lewis grinste so breit, bis es schmerzte. Das war ja geradezu perfekt, wunderschön, paradiesisch. Sein Herz flatterte für vielerlei Dinge: Aus der Wohnung rauszukommen, Junkfood zu besorgen und Santiago zu sehen. Das war seine Vorstellung von Erholung und Frieden. Das war es, was er wirklich brauchte. Fehlte nur noch die Musik und die Drogen, aber ein Schritt nach dem anderen.

      - Unbedingt <3

      Damit sprang er auf - oder wuchtete sich eher aus dem Bett - und zog sich an. Auf Zehenspitzen schlich er am Wohnzimmer vorbei, nahm sich in der Küche einen Zettel und kritzelte darauf für Jay eine Botschaft. Wenn er aufwachen und Lewis nicht finden sollte, würde sonst sicher die Welt untergehen. Jay hatte diesbezüglich durchaus auch einen Hang zum Dramatischen.

      Santiago fuhr mit einem Wagen vor, was alleine schon ein ungewohnter Anblick war, und dann war es auch noch ein altes Teil, das nicht mit den modernen Straßen von New York zusammenpasste. Die Kombination fand Lewis irgendwie ulkig.
      Er kam aus der Tür, ging zügig über die Straße und stieg ein. Als Begrüßung hielt Santiago ihm nur eine Augenbinde hin, aber Lewis grinste trotzdem. Sein Herz machte zum zweiten Mal in dieser Nacht einen Hüpfer.
      Das Diner war wie ein alter Willkommensgruß. Lewis musste es nur ansehen und fühlte sofort die Zeitlosigkeit, die ihn immer ergriffen hatte, wenn er mit Santiago seine Stunden hier verbracht hatte. Es hatte sich kaum verändert, sowohl das Diner, als auch das Gefühl. Nur dieses Mal ergriff Santiago seine Hand und ihre Finger verschränkten sich, als wären sie nie etwas anderes gewöhnt gewesen.
      "Geht dir Jay schon auf dem Sack mit seiner Fürsorge?”
      "Oh, es ist furchtbar.
      Er war ganz heiter, als er erzählte.
      Er bedient mich zwar rund um die Uhr, aber er lässt mich nichts machen. Nichts! Ich darf nicht feiern gehen, ich darf nicht trinken gehen, ich darf mir nichtmal mein eigenes Gras besorgen. Er hat auch keinen Alkohol Zuhause, nicht einen Tropfen. Kannst du dir das vorstellen?
      Santiago war mehr amüsiert, alsdass er wirklich Mitleid empfand. Das war aber wohl in Ordnung, Lewis hielt seine Hand und damit war jede Beschwerde sowieso nur halbherzig.
      Die Schwellungen in seinem Gesicht waren schon ein bisschen abgeklungen. Er war zwar immernoch grün und blau überall, aber es wurde besser. Seine Lippen waren verheilt und er konnte auch wieder normal sehen. Die Ruhe in den letzten Tagen hatte schon ihren Beitrag geleistet.
      Die Albträume ließ er mal außenvor. Von denen musste Santiago nichts wissen, nachdem er mit genug eigenen zu kämpfen hatte.
      Sie setzten sich an ihren üblichen Platz und gaben ihre übliche Bestellung auf. Santiago ertränkte den Zucker im Kaffee und Lewis knipste sich einen Joint an. Er setzte sich zurecht auf seiner Bank, halb schräg, den gesunden Arm über die Rückenlehne, und kiffte. Seine Hand tat weh, aber wann tat sie das schon nicht?
      Wie lange bleiben deine Eltern?
      Santiago sagte es ihm. Lewis nickte und stieß Rauch aus.
      Ich glaube, ich brauche eine neue Wohnung. Die alte werde ich wohl aufgeben. Ich dachte an Westside, mich vielleicht ein paar Gangs anschließen, ein bisschen Drogenhandel betreiben. Da gibt's gutes Gras, weißt du?
      Santiagos Gesichtsausdruck nach zu schließen wusste er das sehr gut. Lewis grinste und nahm noch einen Zug.
      Nein, keine Ahnung, wo ich hin soll. Die alte Wohnung gefiel mir eigentlich ganz gut. Da ist das Paradise in der Nähe, das Tomorrow’s Fever, der McDonalds ist einen Block weiter. Ich hatte dort alles, was ich brauche.
      Außer vielleicht eine Sache, aber die sagte er nicht. Er sah stattdessen Santiago nur an.
      Das Essen kam, nur für Lewis. Er hatte das ganze Menü bestellt, Burger, große Pommes, große Cola, Eis. Jetzt stand das alles wie ein Festmahl vor ihm, vor Fett triefend und unheimlich anziehend. Lewis lief das Wasser im Mund zusammen.
      Er nahm eine Pommes von seinem Teller und wedelte sie als Angebot vor Santiagos Gesicht herum. Sie war wirklich unheimlich labbrig. Das bot Lewis allerdings die Vorlage für den schlechtesten Witz, den er im ganzen Monat geliefert hatte, begleitet von vergnügtem Gekicher, als Santiago davon leiden musste. Danach stopfte er sich ein paar Pommes hinein.
      Ich vermiss dich”, platzte er mit einem Mal zwischen seinen Bissen heraus. Es kam einfach so über ihn, er hatte es nicht aufhalten können. Sein Blick hing auf den nächsten Pommes, die er verschlingen wollte.
      Ist scheiße ohne dich. Ich dachte, es wäre vorbei mit uns, aber…
      Er zuckte vage mit den Schultern.
      Ich will nicht, dass es vorbei ist. ‘S gefällt mir mit dir. Was wir haben.
      Sein Blick sprang kurz zu Santiago hoch, dann wieder zurück. Man, er war wirklich schlecht in sowas. Hätte er sich doch lieber mal vorher überlegt, was er sagen sollte.
      Ich mag’s.
    • Santi lächelte leicht, während er Lewis dabei zuhörte, wie er sich darüber aufregte, dass sich jemand um ihn kümmerte. Er erinnerte sich noch ganz genau daran, wie Lewis ähnlich darauf reagiert hatte, als er selbst das getan hatte. Er nahm es als Kompliment auf, dass Lewis es bei ihm mittlerweile einfach hinnahm - und gelegentlich sogar genossen hatte.
      "Ich muss mal eben Anwalt für den Bösewicht spielen: dein Bruder macht das schon richtig. Ich hab gesehen, welche Schmerzmittel du nimmst und ich kann dir sagen, dass die sich nicht gut mit Alkohol mischen. Und ich rede hier nicht von irgendwelchen Gesundheitsproblemen, die dich in zehn Jahren heimsuchen werden. Ich rede hier von der spontanen Evakuierung deines Mageninhaltes - wenn du Glück hast. Was das Gras angeht..."
      Santi griff in seine Jackentasche und fischte einen kleinen Beutel hervor, den er an Lewis weiterreichte. Es waren die Reste, die er bei sich zuhause gehabt hatte. Es war zwar mehr oder weniger legal in New York, aber dieses Gespräch wollte er mit seinen Eltern nicht unbedingt führen.
      Santi hatte sich die Zeit genommen, sämtliches Gras in dem Beutel schon in fertige Joints zu verarbeiten. Er hatte in den letzten Tagen wirklich sehr viel Zeit und nicht besonders viel Ablenkung gehabt.
      "Wie lange bleiben deine Eltern?" fragte Lewis, nachdem er sich den ersten Joint angezündet hatte.
      "Bis ich durch bin," antwortete Santi, ging aber nicht näher darauf ein, wie lange das noch dauern würde oder was genau er da durcharbeitete.
      Lewis wusste, dass er sich Stück für Stück durch die Alpträume fraß und wie das normalerweise aussah. Das reichte als Information.
      "Neue Wohnung? Klingt gut. Wenn du was gefunden hast, lass es mich wissen, und ich renovier dir das auf dem Level meiner Paranoia. Dann kommt da niemand mehr rein, der nicht auch rein soll."
      Santi gab sich Mühe, das als Witz zu verpacken, auch wenn er seine Worte mehr als ernst meinte. Er würde jederzeit in eine Lagerhalle voller Paramilitärs stürmen, um Lewis rauszuholen, aber nur, weil es einmal geklappt hatte, hieß das noch lange nicht, dass es das nochmal tun würde. Nein, er musste einfach sichergehen, dass Lewis in Sicherheit war. Und dass sich der Streuner in seinen eigenen vier Wänden sicher fühlen konnte.
      Santi machte große Augen, als Lewis' Bestellung vor ihnen auf den Tishc gestellt wurde. Allein bei dem Anblick drehte sich Santi der Magen. Hin und wieder war ein bisschen Fast Food ja okay, aber das hier? Das hier war doch garantiert ein Verstoß gegen irgendwelche Richtlinien.
      Lewis riss einen Witz über die extrem labbrigen Fritten - waren die überhaupt in der Nähe der Fritteuse gewesen? - und Santi schüttelte den Kopf. Vielleicht war er einfach zuhause wieder eingeschlafen und befand sich nun im Alptraum eines Ernährungswissenschaftlers oder sowas. Und dann futterte Lewis das Zeug auch noch. Santi nahm einen kräftigen Schluck seines Kaffees.
      "Ich vermiss dich."
      Santi hätte sich beinahe an seinem übersüßten Kaffee verschluckt. Stattdessen zwang er sich dazu, die Brühe zu schlucken und die Tasse wieder abzustellen.
      "Ich will nicht, dass es vorbei ist."
      Santi starrte einfach nur. Lewis hatte doch tatsächlich die Eier in der Hose, das zu sagen, was ihm selbst auf dem Herzen lag. Verdammt, dieser Streuner...
      Vorsichtig schob er seine Hand - die mit den gebrochenen Fingern - über den Tisch, um sie auf Lewis' zu legen, so fettig sie gerade auch war. Er suchte nach den richtigen Worten, aber sie schlüpften ihm durch die Hirnwindungen wie ein eingeseifter Fisch.
      "Ich mag es auch," flüsterte er schließlich.
      Er hob den Blick, begegnete Lewis'.
      "Ich will auch nicht, dass es vorbei ist. Ich vermisse es, morgens neben dir zu liegen. Dir Frühstück zu machen. Ich vermisse deine furchtbaren Haare und das, was du Frisur nennst. Ich vermisse es, wie du mir mitten in der Nacht eine heiße Schokolade machst, weil ich nicht schlafen kann."
      Er lehnte sich über den Tisch und hob Lewis' Hand an seine Lippen.
      "Ich vermisse dich. Ich vermisse... uns. Und wenn du es nochmal versuchen willst, dann musst du gar nicht erst fragen. Ich bin hier. Wenn du mich haben willst, ich bin hier."


    • Santiago legte seine bandagierte Hand über Lewis'. Lewis hörte auf sich Pommes reinzustopfen.
      "Ich mag es auch."
      Die ungewohnt leise Stimme des Mannes verursachte einen Schauer in Lewis, der ihn wohl spätestens jetzt verraten hätte. Er sah auf, in die bernsteinfarbenen Augen, die ihn über den Tisch hinweg vorsichtig musterten. Seine Pommes waren vergessen.
      "Ich will auch nicht, dass es vorbei ist. Ich vermisse es, morgens neben dir zu liegen. Dir Frühstück zu machen. Ich vermisse deine furchtbaren Haare und das, was du Frisur nennst. Ich vermisse es, wie du mir mitten in der Nacht eine heiße Schokolade machst, weil ich nicht schlafen kann."
      Lewis grinste ein bisschen. Es hätte so dumm sein müssen, so... sentimental. Was zogen sie hier schließlich ab, über ihre Beziehung zu reden, als käme sie aus einer schnulzigen und sehr schlechten Romanze? Aber Lewis merkte, dass er es gerne hören wollte. Er wollte, dass Santiago ihn vermisste, einfach aus dem Grund, weil er es selbst tat, weil er selbst vermisste, neben Santiago zu liegen, sich von ihm Frühstück machen zu lassen, sich Beschwerden über seine Haare anzuhören und ihm heiße Schokoladen zu machen. Er vermisste es genauso. Er vermisste ihn. Was war nur mit ihm los, wurde er etwa häuslich? Aber wenn es so war, war das so schlimm?
      Santiago lehnte sich etwas über den Tisch und hob seine Hand an. Lewis' Augen weiteten sich, als er die weichen Lippen auf seiner Haut spürte. Scheiße, das war ja gut. Das war ja sogar richtig, richtig sexy.
      "Ich vermisse dich. Ich vermisse... uns. Und wenn du es nochmal versuchen willst, dann musst du gar nicht erst fragen. Ich bin hier. Wenn du mich haben willst, ich bin hier."
      Lewis' Blick huschte zwischen Santiagos Augen hin und her. Er meinte es wirklich ernst, was? Er vermisste ihn und er wollte ihn. Und Lewis war ein völliger Schwachkopf, dass er so einfach gewillt war, die Sache mit dem Kartell einfach zu vergessen, dass er sogar bereit war, sie wieder in Kauf zu nehmen. Aber das tat er. Er wollte es nicht anders haben.
      "Fuck."
      Er sah auf Santiagos Lippen hinab. In seine Augen hoch. In das Gesicht, das ihn in Albträume verfolgte.
      Er sollte nicht. Und doch war Lewis der größte Schwachkopf, der jemals gelebt hatte.
      "Okay. Ich will's versuchen. Lass es uns nochmal machen, nochmal auf Anfang."
      Er umfasste Santiagos Bandagen, dann zog er die Hand zurück.
      "Wieder Buddies. Hand-buddies. For life."
      Stattdessen hob er die andere Hand und schlug mit Santiago ein. Eine dämliche Idee von einem dämlichen, bekifften Hirn, die es ihnen zurückzahlte. Sie stöhnten beide vor Schmerzen auf und Lewis krümmte sich über seine Hand.
      "Fuuuuck."
      Sie pulsierte und pochte und mit dem Schmerz breitete sich ein Grinsen in seinem Gesicht aus. Er kicherte erst, dann lachte er regelrecht.
      "Man, sieh uns nur an. Schau nur."
      Er gestikulierte zu ihrem Tisch, zu ihnen, zu ihrer Situation.
      "Das ist doch dumm. Richtig dumm."
      Er schüttelte den Kopf, immernoch grinsend, dann zog er an seinem Joint. Den Joint, den Santiago ihm extra mitgebracht hatte, den er von den Resten des Grases gebaut hatte, den er noch bei sich aufbewahrt hatte. Es war wirklich dumm, eine dumme Situation. Aber Lewis mochte es, er liebte es sogar regelrecht. Es fühlte sich gut an. Das war... richtig.
      "Wann können wir wieder kuscheln?"
    • Santi konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Ein Neuanfang war so ziemlich das Beste, was er sich von allem hier erhoffen konnte. Natürlich konnten sie nicht einfach weitermachen, wo sie aufgehört hatten - dafür war zu viel passiert. Aber ein Neuanfang? Das würde er hinbekommen.
      Bevor er realisierte, was Lewis vorhatte, schlug dieser schon ein.
      "¡Santos y mártires!" fluchte er und versuchte krampfhaft, seine Hand nicht auszuschütteln, um den Schmerz loszuwerden.
      Stattdessen zog er seine Hand an seine Brust und stimmte in Lewis' Lachen mit ein.
      "Ein High Five mit geschädigten Nerven und gebrochenen Fingern ist richtig dumm," entgegnete er kichernd.
      Santi warf einen kurzen Blick auf die Plastikschiene an seinen Fingern. Nichts war verrutscht, alles saß noch, wie es sitzen sollte, und der Schmerz in seinen Fingern sagte ihm, dass nichts kaputt gegangen war. Zumindest nicht mehr, als es schon kaputt gewesen war, bevor Lewis seinen Impulsen gefolgt war. Er warf auch einen leicht besorgten Blick auf Lewis' Hand, während der mit seinem Joint beschäftigt war. Bei ihm sah auch alles in Ordnung aus. Gut.
      "Wann können wir wieder kuscheln?" fragte Lewis.
      "Ich dachte, wir fangen von vorne an?" konterte Santi, und fischte seine Sonnenbrille aus seiner Jackentasche.
      Mit einem diebischen Lächeln setzte er sie auf und lehnte sich zurück gegen die gepolsterte Lehne der Bank. Er drehte seine Kaffeetasse ein und her, beäugte Lewis hinter der sicheren Fassade der gespiegelten Gläser. Santi kannte die Zeichen, die physischen Auswirkungen von Schlafmangel. Er konnte nicht sagen, ob Lewis überhaupt nicht oder nur sehr schlecht schlief, aber seine Erfahrung verriet ihm, dass der Streuner sich wahrscheinlich ewig hin und her wälzte, bis er zu erschöpft war, um länger wach zu bleiben. Und dann suchten ihn die Erinnerungen heim, verzerrt und verschlimmert durch die bloße Tatsache, dass sein Unterbewusstsein die Zügel in der Hand hielt.
      "Santiago," stellte er sich schließlich vor, reichte Lewis aber nicht die Hand; sie steckten ja auch nicht in seinen geliebten roten Handschuhen, wie bei ihrem ersten Treffen.


    • "Ich dachte, wir fangen von vorne an?
      "Wir können ein paar Schritte überspringen", beschloss Lewis kurzerhand. Dieser Entschluss verfestigte sich auch noch, als Santiago tatsächlich seine Sonnenbrille herauszog. Er hatte sie schon eine ganze Weile nicht mehr in Lewis' Gegenwart getragen, wie ihm auffiel, als er sie auf der Nase sitzen hatte. Plötzlich sah er wieder mehr aus wie Schläger-Santi. Auch weniger wie Ich-schick-dich-gleich-in-deinen-schlimmsten-Albtraum-Santi, aber auch weniger wie Gemütlich-Santi, weniger wie Ich-mach-dir-Frühstück-Santi und weniger wie Komm-her-und-lass-dich-von-mir-kraulen-Santi. Lewis schnaubte. Er betrachtete sich selbst und sein geschwollenes Gesicht in Santiagos Brillengläsern und mühte sich damit ab, seinen Burger einhändig zu fassen zu bekommen. Fett tropfte ihm auf die Finger und den Teller.
      Der Mann schien dafür ganz in seiner Rolle zu sein.
      "Santiago."
      "Wow."
      Er grinste und biss ab. Die Hälfte seines Burgers landete auf seinem Teller. So viel zu einhändig essen.
      "Hört sich argentinisch an. Hast du argentinische Wurzeln?"
      Jetzt grinsten sie beide. Was für ein dummes Gespräch sie in dieser dummen Situation führten. Aber es war besser als all die Tage zuvor, als all die Sehnsucht nach etwas, was sie verloren geglaubt hatten. Es war besser, als im Bett zu liegen und sich über das Was Wäre Wenn Gedanken zu machen. Mit Santiago waren einfach viele Dinge besser, wenn nicht gar alle.

      Lewis hatte eigentlich nicht so viel Hunger, wie er sich bestellt hatte, aber er aß von allem ein Bisschen und war dann damit zufrieden. Ganz nach alter Tradition ließ er sich von Santiago nachhause fahren, dafür nicht auf einem Bike und auch nicht zu seiner Wohnung. Nur konnte er sich einfach nicht dazu aufraffen auszusteigen, als sie vor Jays Wohnung anhielten. Er blieb unbewegt auf seinem Platz sitzen, seinen Joint zwischen den Fingern, das Fenster heruntergekurbelt. Santiago rührte sich genauso wenig. Lewis blies den Rauch nach draußen und starrte die dunkle Straße entlang.
      "Du kannst mit nach oben kommen... wenn du willst."
      Er hielt den Joint nach draußen.
      "Nicht für Sex, einfach nur... keine Ahnung. Ist ok, wenn du nicht willst. Hören wir uns? Ich meine, schreiben wir uns?"