Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Ein guter Fluchtplan hing vor allem von einer einzigen Sache ab: Timing. Solange alles im richtigen Zeitrahmen geschah, konnte man vor jedem flüchten, egal wie gut aufgestellt. Santiago kannte seine Routen, seine Hilfsmittel, seine Timings. Er hatte alles mehrfach durchgespielt, war sogar schon hier in der Gegend gewesen. Er hatte aus Lewis' Unerfahrenheit mit solchen Stunts eingerechnet.
      Und doch rieb sich Santiago nervös den Nacken, als Lewis ein bisschen länger brauchte, als er erwartet hatte. Er lag immer noch im Timing, kein Problem. Aber es dauerte länger als erwartet und das machte Santiago nervös. Santiago wurde nicht nervös. Nicht, wenn er einen Plan hatte zumindest.
      Er sah sich in der Gasse um. Nichts. Er sah zum Fenster. Auch nichts.
      "Komm schon, callejero..."
      Als das Fenster endlich aufging, wäre Santiago beinahe versucht gewesen, selbst durchzuklettern, obwohl er nicht weiter als bis zu den Schultern gekommen wäre. Stattdessen eilte er zu dem kleinen Loch in der Wand und zerrte Lewis den Rest des Weges heraus. Wie gut, dass er den Streuner vom Essen seiner Mutter ferngehalten hatte.
      Er wollte fragen, ob alles in Ordnung war, aber dafür war keine Zeit.
      "Hoody," meinte er stattdessen bloß und sah sich noch einmal um.
      Noch war niemand zu sehen.
      Er nahm Lewis die Kappe ab und setzte sie sich selbst auf, dann nickte er in Richtung einer weiteren Hintertür. Apollo hatte sich viel Mühe gegeben zu unterstreichen, wie reich er eigentlich war - und das schon vor dem Batzen Gold, den sie sich unter den Nagel gerissen hatten - also hatte Santiago auf der Basis geplant, dass sich Apollo ordentliche Leute suchte. Sie würden nach einem zweiten Fluchtfahrzeug Ausschau halten, also nahmen sie erstmal keins.
      Stattdessen führte Santiago sie beide in den hinteren Teil einer Wäscherei. Hier wartete bereits eine ältere Dame auf sie, die sie mit einem breiten Lächeln empfing und mit aus dem Waschraum in einen kleinen, zugestellten Flur nahm.
      "Oben, oben," sagte sie mit einem dicken Akzent und deutete die Treppe hinauf.
      Santiago nickte, lächelte freundlich, und bedankte sich auf Chinesisch, bevor er die Treppe hinaufkletterte. Der Aufgang war so schmal, dass er beinahe mit den Schultern an den Wänden klebte. Die Treppe war nicht unbedingt in den offiziellen Blaupausen vermerkt.
      Oben angekommen, schlüpfte Santiago aus seinen Schuhen, dann betrat er die kleine Wohnung, die der alten Frau und ihrer Familie gehörte. Er bedeutete Lewis, es ihm gleich zu tun.
      In der Wohnung roch es nach Tee und scharfen Gewürzen, irgendwo plapperte ein Fernseher vor sich hin. Santiago suchte sich seinen Weg in das kleine Wohn-/Ess-/Schlafzimmer der Familie, wo ein junger Mann auf dem Boden saß und den Fernseher auf Chinesisch beleidigte. Er sah auf, als Santiago sich räusperte.
      "Mister Goldeye!" begrüßte der Mann Santiago, ohne aufzustehen. "Da bist du ja! Setzt euch, setzt euch."
      Santiago tat wie angeboten und faltete sich irgendwie an den niedrigen Tisch, auf dem ein Haufen Geld in verschiedenen Stapeln lag.
      "Bai Jingyi, Lewis. Lewis, Bai Jingyi," stellte Santiago vor.
      Bai schüttelte Lewis' Hand mit ein bisschen zu viel Enthusiasmus, bevor seine Aufmerksamkeit wieder von dem Fernseher eingenommen wurde. Der junge Mann schien sich nicht darum zu kümmern, dass da zwei Männer in seiner Wohnung saßen.
      Santi wandte sich Lewis zu.
      "Alles okay? Was macht der Kopf?"
      Er griff sich Lewis' Hände, die noch immer leicht zitterten. Er war vorsichtig mit der kaputten, als er sie sanft drückte, um Lewis in die Gegenwart zurückzuholen.
      "Wir bleiben die nächste Stunde hier, dann drehen wir um und bestellen uns einen Uber," erklärte er. "Hast du den USB Stick?"
      Er nahm Lewis den Stick ab und schob ihn Bai über den Tisch hinweg zu. Der Mann schnappte sich den Stick und packte ihn in einen weißen, unbeschrifteten Umschlag. Bai würde den Stick für sie weiterbewegen. Dann schob der Mann eine kleine Plastiktüte mit fünf perfekt geformten Joints über den Tisch zurück. Santi hielt Lewis den Beute hin und fischte sein Feuerzeug aus seiner Hosentasche.
      "Du kriegst nur zwei davon, also teils dir ein," mahnte er. "Der Rest ist für später."


    • Santiago blieb cool, Santiago blieb entspannt. Es war diese einfache, sehr simple Tatsache, die Lewis davor bewahrte, die Nerven zu verlieren. Wenn Santiago aufgeregt gewesen wäre - wenn Santiago aufgeregt gewesen wäre - dann wäre es mit ihnen vorbei gewesen, das wusste Lewis instinktiv. Wenn Santiago die Fassung verlor, waren sie tot. Solange er ruhig blieb, konnte auch Lewis ruhig bleiben. Perfiderweise hätte er sonst auch Knoten bei Santiago gesehen und deshalb hielt die Ruhe des Mannes ihn sogar für die nächsten Sekunden selbst ruhig. Er starrte ihn allerdings höchst aufmerksam an, während sie die Gasse entlang gingen. Dabei war er so angespannt, dass das Fiepen einer Ratte ihn zucken ließ.
      Sie nahmen keinen Wagen. Sie gingen durch den Hintereingang in eine Wäscherei und dort schien die asiatische Frau sie zu kennen, denn sie leitete sie gleich nach oben weiter. Santiago ging, als wäre es das normalste der Welt - er bedankte sich sogar, seit wann konnte er denn chinesisch? - und Lewis folgte. Oben gelangten sie in eine Wohnung, die asiatisch eingerichtet war und in etwa die Qualität einer Wohnung besaß, die über einer Wäscherei an einer Hauptstraße in der Mitte von New York angesiedelt war. Wobei, zugegeben, Lewis hatte es auch nur ein bisschen besser in seiner alten Wohnung gehabt. Definitiv größer, aber das war es dann auch schon wieder gewesen.
      Sie waren nicht alleine und die Nervosität stieg, als der junge Mann vor dem Fernseher sich ihnen zuwandte. Auf seinem Gesicht breitete sich allerdings ein strahlendes Lächeln aus und er begrüßte Santiago - Mister Goldeye, haha! - euphorisch. Santiago stellte ihn als Bai Jingyi vor. Lewis merkte sich Bai.
      "Lewis", sagte er noch einmal überflüssigerweise und schüttelte dem Kerl die Hand. Ein überschwenglicher Händedruck. Lewis runzelte die Stirn, dann schmunzelte er. Eigentlich ja ganz süß, der Kleine.
      Sie setzten sich an einen dieser niedrigen Tische, auf dem gerade Schwarzgeld gezählt wurde - Lewis war nicht dumm, er erkannte Drogengeld, wenn er eins sah. Bai wandte sich wieder dem Fernseher zu, Santiago wandte sich Lewis zu.
      "Alles okay? Was macht der Kopf?"
      Lewis warf einen kurzen Blick zu Bai, aber der schien gar nicht mehr hinzuhören. Anscheinend vertraute Santiago ihm sehr.
      "Gut, alles gut. Hab noch Puffer. Etwa eine Viertelstunde Autofahren, schätz' ich mal."
      Also eine Viertelstunde Hochbetrieb, oder auch eine halbe Stunde verstärkter Betrieb. Oder den restlichen Tag normal, wenn er sich jetzt eine Pause gönnte.
      "Dein Kopf auch in Ordnung?"
      Santiago bejahte. Er hatte seine Magie immerhin vor kurzem erst gefüttert.
      "Wir bleiben die nächste Stunde hier, dann drehen wir um und bestellen uns einen Uber. Hast du den USB Stick?"
      Wieder warf Lewis einen Blick zu Bai, aber er vertraute Santiago und somit auch dem anderen. Er nickte, dann beförderte er mit der gesunden Hand den USB zutage und überreichte ihn. Santiago hielt seine bandagierte derweil sanft in seiner Hand fest.
      Der Stick wechselte den Besitzer, dann sah Lewis mit großen Augen, wie ein wunderbarer Schatz von gleich fünf Joints den Tisch überquerte. Bei dem Anblick dieses gedrehten Goldes wurde sein Mund glatt trocken und er fuhr sich mit der Zunge über die Spitze. Ja, das brauchte er jetzt, das brauchte er jetzt wirklich. Als hätte Santiago seine Gedanken gelesen.
      "Du kriegst nur zwei davon, also teils dir ein. Der Rest ist für später", sagte Santiago und reichte ihm ein Feuerzeug. Lewis ließ sich das nicht zweimal sagen und fischte sich einen Joint heraus, hielt ihn sich an die Lippen und ließ sich Feuer geben. Er fragte nicht einmal, ob er hier drinnen rauchen durfte. Er zog gierig daran und atmete den Rauch erleichtert aus.
      "Zwei reichen. Man, ist das gut."
      Der leichte Druck hinter seinen Augen verblasste bereits, den er nicht einmal mitgekriegt hatte. Selig zog er noch einmal daran, blies den Rauch von Santiago weg und drückte ganz leicht seine Hand. Vorerst geschafft. Für den Moment schienen sie in Sicherheit.
      Im Fernseher lief irgendeine Show, die Lewis nicht verstand und eigentlich auch gar nicht sehen wollte. Sein Blick wanderte kurz durch die Wohnung und blieb dann länger an den Geldscheinen hängen, wobei er sich fragte, was genau dieser Wäscherei in ihrem Nebengeschäft betrieb. Er sah auch zu Santiago und wunderte sich nicht zum ersten Mal, wie unerschöpflich seine Kontakte waren und wie gut seine Pläne. Dann sah er zum Fenster und wurde wieder unruhig.
      Bei der Hälfte seines Joints stand er auf und ging hinüber um rauszuschauen. Er sah die Hauptstraße und den Block mit dem Restaurant, allerdings nicht seinen Parkplatz. Beim Anblick der Autos kamen ein paar Knoten auf, aber nicht sehr viele. Er beobachtete die Leute auf dem Gehweg und sah zu, wie ein Mann mit Anzug in die Wäscherei unten ging und ohne Anzug wieder herauskam. Er ließ seine Magie laufen, während er kiffte, dann drehte er sich zu Santiago um.
      "Komm her."
      Santiago kam und als er fragte, was los sei, schob Lewis seine verbundene Hand in Santiagos und hielt sie dort.
      "Schau einfach nur raus mit mir. Fünf Minuten."
      Kurz sah er zu Bai, dann zog er Santiago näher, bis er ihn bei sich spüren konnte. Mit dem Gefühl neben sich sah er wieder nach draußen.
      "Wenn das hier vorbei ist, machst du mir dann Spareribs? Ich hätte jetzt echt Lust auf gute, saftige Spareribs."
    • Sie waren noch lange nicht aus dem Schneider, soviel wusste Santiago. Aber für den Moment konnten sie sich entspannen und einfach abwarten.
      Er stellte einen Alarm auf seinem Handy, dann lehnte er sich zurück gegen die Wand und beobachtete Lewis. Der Streuner war weitaus nervöser als er selbst. Verständlich, er war es nicht gewohnt von professionellen Killern gejagt zu werden. Was war wohl besser: ein Leben zu führen, das einen in einer solche Situation nervös machte? Oder in solch stressigen Situation einen klaren Kopf behalten zu können? Hatte wohl beides seine Vorteile.
      Während der Werbepause stand Bai auf und holte sich ein Bier aus der Küche. Er wusste genug, um Santi keins anzubieten, also setzte sich der junge Mann einfach wieder hin und zählte einen weiteren Stapel Geld ab, bevor seine Serie weiterging. Santi hatte keine Ahnung, was er da guckte, aber es sah verdächtig nach einer dieser Telenovelas aus, die einer seiner tías immer guckte. Nur eben auf Chinesisch.
      Lewis stand auf und zog Santis Aufmerksamkeit damit wieder auf sich. Er wollte ihm gerade sagen, dass er sich setzen sollte, dass er sich von den Fenstern fernhalten sollte, da drehte sich der Streuner zu ihm um und winkte ihn zu sich. Wie konnte Santi dazu Nein sagen?
      Also stand auch er auf und war mit nicht ganz zwei Schritten bei Lewis. Er hielt die Finger des Streuners vorsichtig zwischen seinen eigenen.
      "Fünf Minuten," stimmte Santi zu und ließ sich enger an den Streuner ziehen.
      Instinktiv trat er hinter Lewis und schlang die Arme um ihn, drückte ihn sanft gegen seine Brust. Er legte seinen Kopf auf Lewis' Schulter. Ihm wieder so nahe sein zu können war besser als jedes Gold, dass er hätte klauen können. Dieser Fakt, in Kombination mit ein paar anderen, hüpfte in seinem Kopf herum. Er wusste, dass er sich damit irgendwann auseinandersetzen musste. Aber er wusste auch, dass jetzt ein denkbar ungünstiger Moment dafür war. Vielleicht heute Abend, sagte er sich. Wenn das alles hier vorbei ist.
      "Wenn das hier vorbei ist, machst du mir dann Spareribs? Ich hätte jetzt echt Lust auf gute, saftige Spareribs."
      Santi lächelte.
      "Für sowas brauche ich ein bisschen mehr Vorlauf," raunte er. "Wie wär's mit Chicken Parmesan für heute? Dafür kriegst du auch irgendwann Spareribs aus dem Smoker und ein richtiges BBQ dazu."
      Er sollte nicht. Es gab so viele Gründe, warum er es nicht tun sollte. Keiner davon hielt ihn davon ab, einen sanften Kuss auf Lewis' Hals zu setzen. Fakten schossen durch seinen Kopf wie in einem Flipperautomaten.


    • Santiago kam sogar noch näher, dann legte er die Arme um Lewis und drückte ihn an sich. Die Nähe war schön, sehr schön sogar. Vertraut auf eine Art, die Lewis entspannte - besser noch als der Joint, bildete er sich ein. Er hatte Santiago vermisst in den Wochen von Chaos, die sie hinter sich hatten. Er vermisste ihn auch jetzt noch, merkte er, als er seine breite Brust an seinem Rücken spürte und bald auch Santiagos Kinn, als er seinen Kopf auf Lewis' Schulter ablegte. Sie würden nie wieder zu vorher zurückkehren können, zu den Tagen, in denen sie faul im Bett gelegen und dann wunderbar gegessen hatten, nur um sich dann wahlweise Santiagos Paranoia oder Lewis' Kopfschmerzen zu stellen. Eins davon war es immer gewesen, aber selbst das vermisste Lewis, wenn er so darüber nachdachte. Dieses Gefühl, jemanden zu haben, der selbst leiden musste, der verstand, was zu viel an Magie war, ohne es in Frage stellen zu wollen. Der einem helfen konnte, wenn man es brauchte, der sich dann aber auch helfen ließ, wenn er selbst dran war. Ein ausgewogenes Hin und Her und dazwischen guter Sex, gutes Essen, gute Drogen und eine Hand, die einem den Kopf kraulte. Das vermisste Lewis. Er lächelte ein bisschen beim Gedanken daran.
      "Für sowas brauche ich ein bisschen mehr Vorlauf", sagte Santiago neben seinem Ohr. Seine tiefe Stimme zog Lewis kribbelnd durch den Körper.
      "Wie wär's mit Chicken Parmesan für heute? Dafür kriegst du auch irgendwann Spareribs aus dem Smoker und ein richtiges BBQ dazu."
      Ein Kuss auf den Hals folgte, den Lewis für viel zu schnulzig abgetan hätte, wenn er sich nicht so gut angefühlt hätte. Er blies seinen Rauch durch die Nase und drehte dann den Kopf, um Santiago anzusehen.
      "Heute?"
      Die Bestätigung gefiel ihm irgendwie. Das war etwas handgreifliches, kein wann werde ich dich das nächste Mal besuchen kommen. Es war auch eigentlich gar keine Frage mehr; Santiago hatte es soeben für sie festgelegt.
      Lewis grinste.
      "Dann Chicken Parmesan. Aber nur, weil ich glaube, dass dein BBQ mich umhauen wird. Und dann werde ich nie wieder ein anderes essen können, weil alle im Vergleich scheiße schmecken."
      Immernoch grinsend beendete er seinen Joint, öffnete das Fenster einen Spalt breit und schnickte den Stummel nach draußen. Danach drehte er sich zu Santiago um, ohne seine Umarmung zu verlassen. Die fünf Minuten waren bald vorbei, aber eigentlich wollte er gerade nicht weggehen.
      Er sah Santiago in die intensiven, gelben Augen, dieselben Augen, von denen er immernoch eine Gänsehaut bekam, weil er fest damit rechnete, dass sie ihn jederzeit in dieses Loch schicken könnten, in das sie ihn schon einmal geschickt hatten. Jetzt war dort zwar dieses Etwas verschwunden, das Santiagos Blick sonst beherrschte, aber für Lewis machte das keinen Unterschied. Sie waren immernoch verdammt unheimlich.
      Trotzdem sagte er leise:
      "Hab' dich vermisst."
      Sein Blick huschte kurz zu Bai. Er wollte nicht, dass der Mann hörte, was für kitschiges Zeug Lewis da von sich gab, aber er war eh wieder besessen von seiner Show. Die Pause war vorüber und er hatte wieder alles um sich herum vergessen.
      Lewis sah wieder zurück zu Santiago und studierte seine Augen. Seine Nackenhaare stellten sich auf und er sah wieder weg, zwang sich dann aber doch wieder dazu, hinzusehen. Weg und wieder hin, ein paarmal.
      "Dich und deine Wohnung. Dein Essen. Deinen Schwanz."
      Er grinste kurz und sah zu seinen schwarzen Haaren hoch.
      "Deine Haare. Schwarz steht dir nicht, man. Rot war so viel besser."
      Er sah wieder zurück in seine Augen. Gruselige Augen.
      "Können wir wieder, hm, einen auf früher machen, heute? Mit dem Parmesan Chicken. Faulenzen, kiffen... Ich pass auf, dass du dich in deinen Albträumen nicht umbringst?"
      Wieder ein kurzer Blick zu Bai, der die beiden ignorierte.
      "Sofern wir hier heil rauskommen, versteht sich?"
    • Mehr und mehr Fakten ploppten auf und gesellten sich du dem bunten Treiben in Santis Kopf. Ihm entging nicht, wie Lewis sich dazu zwingen musste, ihm in die Augen zu sehen. Ihm entging der Duft der Angst nicht, der sich hinter dem Gras versteckte. Ihm entging der Humor nicht, der zu gleichen Teilen als Maske herhielt und ehrlich war. Ihm entging der ernste, ehrliche Ton in Lewis Worten nicht.
      Santi seufzte, schloss die Augen und lehnte seine Stirn gegen Lewis. Er hatte den Streuner doch genauso vermisst, verdammt! Während seinem Alptraum-Marathon hatte er er sich mehr als einmal danach gesehnt, neben Lewis aufzuwachen, eine heiße Schokolade von ihm zu bekommen, mit ihm in seinen Armen einzuschlafen. Er hatte sich nach dem Chaos von Lewis' Mähne gesehnt. Er hatte sich danach gesehnt wie sich der Streuner auf seinen Möbeln streckte und räkelte wie ein fauler Kater, wenn er ihn nach strich und Faden durchgenommen hatte und nichts außer Glückshormonen in seinem Kopf zurückgeblieben war.
      "Können wir wieder, hm, einen auf früher machen, heute? Mit dem Parmesan Chicken. Faulenzen, kiffen... Ich pass auf, dass du dich in deinen Albträumen nicht umbringst?"
      Eine Hand erfasste sein Herz und drückte zu. Vielleicht war es ja nur ein Herzinfarkt?
      Santi nickte. "Ich glaube, darauf hätte ich Lust, ja," murmelte er. "Aber nur, wenn ich auch eine heiße Schokolade bekomme, nachdem ich das Apartment zusammengeschrien habe."
      Er öffnete seine Augen, starrte aber auf Lewis' Kinn, damit der Streuner Zeit hatte, sich darauf vorzubereiten, gleich in seine Augen zu sehen. Nur langsam hob er seinen Blick. Es war besser, ja, aber Santi erkannte selbst die kleinsten Anzeichen für Angst, das war nun einmal seine Gabe. Sein Fluch. Er sollte doch daran gewöhnt sein, sagte er sich. Er sollte doch wissen, dass es keine andere Reaktion auf ihn und seine Magie gab. Die Illusion war schön gewesen, so lange sie angehalten hatte. Und Lewis hatte lange durchgehalten. Santi stellte sich oft Was-wäre-wenn-Fragen, also konnte er sich nicht davon abhalten, sich zu fragen: Was wäre wenn ich meine Magie niemals gegen ihn verwendet hätte? Diese Frage hatte er sich in den letzten Tagen, Wochen viel zu oft gestellt.
      "Und wenn ich deine Haare machen darf. Dieses Farbspray ist furchtbar und ich bin ein viel zu großer Fan davon, mit deinen Haaren zu spielen, um mich nicht um diesen Unfall hier zu kümmern."
      Mit einem Lächeln wickelte er sich eine der schwarz gefärbten Strähnen um den Finger. Sie fühlten sich trocken und rau an, von der Qualität her irgendwo zwischen echten Haaren und einer schlechten Plastikperrücke.

      Die Stunde verflog ziemlich schnell. Bai schaute seine Telenovela und zählte Geld in den Werbepausen, bevor er es in Umschläge stopfte. Santi saß an die Wand gelehnt und versuchte, sich nicht zu sehr in seinen Flipperautomaten-Gedanken zu verlieren. Lewis hatte sich nach dem ersten Joint gefangen und auch ein bisschen entspannt. Nach einer halben Stunde hatte er sich den zweiten Joint angezündet.
      Als Santis Wecker klingelte, bestellte er ganz entspannt einen Uber für zwei, um sie zu einer Mall zu fahren, wo er einen zweiten Wagen positioniert hatten. Zwar war in der letzten Stunde alles ruhig gewesen, aber Santiago wusste es besser, als sich jetzt schon sicher zu fühlen. Sie waren noch lange nicht aus dem Schneider.
      Als der Uber sich meldete, verabschiedete sich Santiago von Bai mit dem Versprechen, bald mal wieder zum Abendessen bei dessen Mutter vorbeizuschauen. Die alte Dame freute sich immer darüber.
      Der Uber war ein unscheinbares Fahrzeug, das von einer unscheinbaren Frau mittleren Alters gefahren wurde. Santiago gab sich freundlich, ließ den Blick aber über alle Stellen gleiten, an denen man eine Waffe verstecken konnte. Er setzte sich hinter den Beifahrersitz, um sie während der Fahrt im Auge behalten zu können.


    • Lewis grinste und diesmal ging es ihm leichter von den Lippen. Er versuchte dabei das nagende Gewissen zu ignorieren, dass es nur deshalb besser lief, weil er Santiagos Augen gerade nicht sehen konnte. So sollte diese Sache sich nicht entwickeln, ganz bestimmt nicht. Er würde nicht damit anfangen, sich von diesen Augen einschüchtern zu lassen.
      "Du kriegst die beste heiße Schokolade in ganz New York. Deine ganzen Albträume werden sich verpissen, so gut wird sie sein. Versprochen."
      Er legte den Arm um Santiagos Nacken und zog den Mann noch ein Stück näher zu sich. Santiago öffnete die Augen und einen Moment lang starrte er nur auf Lewis' Mund - nein, tiefer als das. Sein Atem strich ganz entfernt über Lewis' Haut und Lewis starrte in Erwartung, was jetzt kommen würde. Fast hoffte er auf einen Kuss und es war tatsächlich ein Hoffen, das ihn erfasste, als Santiago langsam den Blick anhob, um gleich seinen Augen zu begegnen. Es war ein schönes, erwartungsvolles Gefühl, diesen schnulzigen Moment auch noch mit einem schnulzigen Kuss zu besiegeln, aber dann trafen ihn die Augen - und Lewis sah weg. Das erwartungsvolle Gefühl verschwand von selbst und das unangenehme Prickeln, das den Augen folgte, zwang er nieder. Es hinterließ ihn merkwürdig hohl in seinem Inneren, als hätte er sich selbst ausgeräuchert. Er mochte das Gefühl nicht. Sie sollten doch einen Abend wie früher genießen und nicht jetzt schon damit anfangen, sich diesen Abend zu versauen. Er musste Santiago ja nur in die Augen schauen, das hatte er früher auch hingekriegt.
      Früher hatte er aber auch noch nicht gewusst, wie es sich anfühlte, wenn dieses Etwas auf ihn überging.
      "Und wenn ich deine Haare machen darf", sagte Santiago und sein Versuch, die Stimmung aufzulockern, gelang. Lewis lächelte wieder. "Dieses Farbspray ist furchtbar und ich bin ein viel zu großer Fan davon, mit deinen Haaren zu spielen, um mich nicht um diesen Unfall hier zu kümmern."
      "Ich weiß nicht, mir gefällt's."
      Er ließ die Finger durch die Haare gleiten, die er noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatte, und fühlte die vom Haarspray strohigen und trockenen Strähnen. Sicher sah er damit furchtbar aus, aber was tat man nicht alles, um auf offener Straße nicht erkannt und dann möglicherweise erschossen zu werden.
      "Ich lass dich nur ran, wenn du mir eine noch bessere Farbe verpasst. Ich hatte an Giftgrün gedacht."
      Santiagos Lächeln täuschte darüber hinweg, dass er Lewis auch nicht mehr in die Augen sah.

      Nach einer Stunde wurden sie von einem Uber abgeholt. Lewis stieg hinter dem Fahrersitz ein und überließ Santiago das reden, der seinen Blick durch den Wagen schweifen ließ, um seine Paranoia zu beruhigen. Lewis konnte ihm das nicht verübeln; er war selbst noch immer on edge. Er starrte die Fahrerin ein paar Sekunden lang an, um sich zu vergewissern, dass es keine Knoten von ihr gab, und dann sah er aus dem Fenster hinaus, sah die Straße entlang nach vorne und nach hinten in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Seine Magie arbeitete, seine Bäume sprossen hervor und Lewis filterte alles, denn es gab nichts relevantes zu sehen. Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien, keine Straßenblockaden, um sie in Sackgassen zu führen. Vielleicht übersah er es auch einfach oder es war so unbedeutend, dass er es als unwichtig abtat, aber in der zehnminütigen Fahrt geschah nichts außer den Kopfschmerzen, die sich unweigerlich einstellten. Santiago unterhielt sich mit der Fahrerin, Lewis sah aus dem Fenster. Als sie bei der Mall vorfuhren, begegnete er Santiagos Blick, ohne ihn richtig anzusehen, und schüttelte den Kopf. Sie waren nicht entdeckt worden - nicht, dass er es gesehen hätte.
      Auf dem Weg in das Gebäude bekam Lewis seinen dritten Joint und kiffte sich die Kopfschmerzen weg. Augen offenhalten, ermahnte er sich und leistete seinen Beitrag zu der Unternehmung, indem er seinen Blick schweifen ließ, ohne etwas wirklich anzusehen, nur um seiner Magie ihr Futter zu geben. Er gab Santiago seine Hand, damit er ihn führen konnte und Lewis seine Knoten beobachten konnte. Er merkte nicht einmal, dass sie sich bewegten, er starrte nur weiter auf seine Magie. Seine Augen taten ihm weh, sowohl vom Blinzeln, als auch die Augäpfel selbst, ein unangenehmer Druck, der sich nur noch steigerte. Nicht zum ersten Mal ärgerte er sich darüber, seine Magie so früh so sorgfältig durchgebrannt zu haben. Das hier würde so viel einfacher gehen, wenn er einfach zulassen könnte, was er sehen wollte. Er musste wirklich nicht sehen, dass das Kindergarten-Mädchen seine Eiskugel verlor, weil es zu stark schleckte. Verhundertfacht man solche unnützen Dinge, die man in einer so vollen Mall zu sehen bekam, dann hatte man ungefähr das, wodurch Lewis sich auf seinem Weg hindurch zu sieben versuchte. Irritiert dachte er, dass Apollos Leute sich höchst erfolgreich vor ihm verstecken könnten, wenn sie sich über herabfallende Tüten oder weinende Kinder verständigten. Hoffentlich kam dem Mann sowas nie in den Sinn, sonst wäre Lewis' Magie gänzlich nutzlos.
      Irgendwann waren sie beim rettenden Auto. Santiago öffnete ihm die Tür und Lewis stieg ein; er sah schon nichts mehr anderes als seine Magie. Sein ganzes Sichtfeld war voll davon und er kniff die Augen für einen Moment zusammen, nur um sie wieder aufzureißen und weiter Knoten anzuschauen. Neben ihm stieg Santiago ein, was er auch nur hörte und fühlte, aber nicht wirklich sah.
      "Nichts. Entweder sie sind nicht hier, oder sie haben uns nicht erkannt. Fahr langsam, lass mich den Parkplatz im Blick behalten."
      Santiago fuhr langsam und Lewis achtete ganz besonders auf seine Umgebung, als sie die Schranke passierten. Trotzdem war da nichts, kein Auto, das sich jetzt erst in Bewegung setzte, niemand, der schnell jemanden anrief, kaum als sie draußen waren. Lewis blieb von neuen Knoten erspart.
      Da griff er blind zu seiner Augenbinde, zog sie sich über und sank auf seinem Sitz nach unten. Er fühlte sich erschöpft, ausgelaugt, dabei hatte er nichts getan außer seine Magie zu benutzen. Santiago war das Genie hinter dem Plan gewesen und auch derjenige, der das meiste getan hatte. Lewis saß nur und beobachtete.
      Wenigstens war er dabei gewesen. Santiago hatte ihm vertraut, dass Lewis schaffen würde, was er ihm sagte, und Lewis hatte es geschafft. Er streckte die Hand aus, ertastete Santiagos Schenkel und ließ sie dort die Fahrt über liegen. Lewis hatte etwas getan, er war einmal nicht nur derjenige gewesen, der hinter den Kulissen stand. Der Gedanke gefiel ihm irgendwie.
    • Santiago entschied sich dazu, ein nerviger Passagier zu sein und unterhielt sich die gesamte Fahrt über mit der Fahrerin über dies und das. Er packte eine ordentliche Schippe auf seinen New Yorker Akzent drauf, nur um auf Nummer sicher zu gehen, vermied aber Augenkontakt mit ihr, um nicht zu leicht zu identifizieren zu sein. Er starrte stattdessen auf sein Smartphone, als beantworte er haufenweise Nachrichten nebenher. Alles in allem nichts ungewöhnliches für einen New Yorker.
      Bei der Mall angekommen verließ er sich darauf, dass Lewis sie beide mit seiner Magie bewachte, während er den Streuner durch die Gänge führte. Es juckte ihn in den Fingern, sich eine Sonnenbrille einzustecken, als sie an einem kleinen Stand dafür vorbeikamen, aber Santiago wusste es besser als eine weitere Straftat zu begehen, während er sich auf dem Weg nach Hause von einer anderen befand. Also packte er keine ein.
      Sie verließen die Mall durch einen anderen Ausgang und spazierten noch ein bisschen die Straße runter bis zu einem Parkplatz, der nicht direkt zur Mall gehörte, aber oft von ihren Kunden genutzt wurde. Hier wartete eine kleine Schrottkarre auf sie, die Santiago günstig für Bargeld von einem Schrottplatz gekauft hatte. Das Auto würde direkt auf dem nächsten Schrottplatz landen, sobald sie hier fertig waren, aber für den Moment war es genug. Im Inneren roch es nach nassem Hund.
      Lewis' Worte, dass ihnen scheinbar niemand folgte, war Musik in seinen Ohren. Santiago fädelte sich in den Stoßverkehr ein und entspannte sich ein bisschen. Noch waren sie nicht aus dem Schneider - er würde sich erst vollkommen wohlfühlen, wenn er wieder zuhause war - aber soweit war alles gut gelaufen. Er wollte es nur noch nicht beschreien.
      Als Lewis nach seinem Oberschenkel langte, lehnte sich Santiago beinahe instinktiv so, dass Lewis leichter herankam. Der Stop-and-Go-Verkehr war nervig, aber damit konnte er umgehen.
      "Chicken Parmesan," meinte er irgendwann. "Und dazu? Pasta, Gemüse, oder Knoblauchbrot? Fußnote: ich werd weder die Pasta, noch das Brot selber machen, das dauert mir für heute dann doch zu lange."
      Er setzte den Blinker und bog ab, um den Höllenverkehr hinter sich zu lassen. Sobald sie um die Ecke gekrochen waren, suchte sich Santiago seinen Weg durch ein paar Einbahn- und Nebenstraßen, bevor er schließlich vor einem kleinen Supermarkt parkte.
      "Willst du sitzen bleiben oder fühlst du dich wohler, wenn du mitkommst und auf den Boden starrst?" fragte er. "Ich kenn den Laden, ich weiß was ich brauche. Ich wär in unter zehn Minuten wieder hier."


    • "Nudeln", beschloss Lewis ohne zu zögern. "Und Knoblauchbrot? Knoblauchbrot ist immer gut."
      Santiago, guter, fürsorglicher Santiago, versprach ihm beides. Lewis lächelte, glücklich für den Moment über belanglose Fragen und belanglose Antworten. Fast so, als wären sie nicht gerade in einem Museum eingebrochen und Apollos Leuten ausgewichen. Fast.
      Das Auto machte eine Kurve, dann blieben sie stehen.
      "Willst du sitzen bleiben oder fühlst du dich wohler, wenn du mitkommst und auf den Boden starrst? Ich kenn den Laden, ich weiß was ich brauche. Ich wär in unter zehn Minuten wieder hier."
      Lewis zog sich bereits die Augenbinde herunter und blinzelte Santiago in dem hellen Licht an.
      "Ich bleib da, passt schon."
      Noch während Santiago ausstieg, wunderte sich Lewis darüber, wieso er das überhaupt gefragt hatte. Als sei Lewis ein Kind, das man nicht fünf Minuten alleine lassen konnte, oder? Während er da aber so saß, plötzlich alleine, den Blick auf einen weiteren Parkplatz gerichtet, auf dem sich momentan nichts rührte, dachte er unweigerlich an das Museum zurück und das Gefühl, nicht drinnen sein zu können, nicht zu sehen, was dort vor sich ging. Aber sie waren doch hier immerhin nicht im Museum, sie waren einkaufen und das auch noch in Verkleidung. Als ob Santiago irgendwas zustoßen könnte!
      Lewis wippte für ein paar Sekunden mit dem Bein, dann spross ein Knoten hervor für ein Auto, das einen Parkplatz suchte und Lewis griff zum Türgriff, riss die Tür auf und sprang nach draußen. Er fand Santiago ziemlich schnell drinnen, denn Santiago war ein großer Mann mit großen Schultern, ganz besonders in einem kleinen Laden wie diesem. Die Hände in die Taschen gestopft glitt Lewis an seine Seite.
      "War zu heiß im Wagen."
      Santiago ließ es unkommentiert.
      Natürlich wurden sie im Laden nicht erkannt und auch nicht abgeführt und nicht entführt, aber Lewis war trotzdem glücklicher, neben Santiago zu stehen und seinen Einkauf zu nehmen, während er zahlte. Es bedeutete ein paar Knoten mehr, die sich auf den Kopfschmerzen schichteten, aber es bedeutete auch, Santiago bei sich zu haben. Und das war letzten Endes ein besseres Gefühl als beim Museum.
      Als sie wieder im Auto saßen, wartete Lewis vorsorglich ab, bis sie erneut den Parkplatz verlassen hatten, bevor er die Augenbinde wieder aufzog.
      "Was war eigentlich mit dem Asiaten? Wird sich der den Stick durchschauen? Wann können wir mit einer Antwort rechnen?"
    • Santi nickte und stieg aus. Noch bevor er die Tür wieder zugeworfen hatte nahm er sich schon vor, sich zu beeilen. Mit langen Schritten verschwand er im Laden, wo er sich schnurrstracks auf den Weg zu den Zutaten machte, die er so brauchte. Er stand gerade vor dem winzigen Kühlregal mit Fleischwaren, als Lewis neben ihn trat.
      "War zu heiß im Wagen," grummelte der Streuner.
      Sie beide wussten, dass kaputte Klimaanlage der Schrottkarre nicht der Grund dafür war, dass Lewis ihm gefolgt war, aber Santi sprach es nicht an. Warum auch? Stattdessen drückte er Lewis den Rest der Zutaten in die Hand, damit er sich ein paar Päckchen Hähnchenbrust besser angucken konnte. Keine zwei Minuten später warfen sie die Einkäufe - die natürlich auch bar bezahlt worden waren - auf den Rücksitz.
      "Was war eigentlich mit dem Asiaten? Wird sich der den Stick durchschauen? Wann können wir mit einer Antwort rechnen?"
      Santi kämpfte damit, den Rückwärtsgang einzulegen, dann parkte er aus.
      "Bai? Der ist zu clever, um sich meinen Kram ungefragt anzugucken. Hat er auf die harte Tour gelernt."
      Santi hatte ihm die Schulter ausgekugelt und ihm schlimmeres angedroht, sollte Bai das noch einmal tun. Es war ein Job für einen Klienten gewesen und Santiago versprach absolute Diskretion. Er hatte diesen Fehltritt also äußerst persönlich genommen.
      "Er schickt den Stick an eine Briefbox, das sollte ungefähr zwei Tage dauern. Da hol ich den dann ab."
      Ein paar Minuten später hielt Santi auf einem Parkplatz am Straßenrand.
      "Zieh den Hoodie aus," meinte er. Er selbst zog seinen ebenfalls aus und tauschte ihn gegen eine seiner eigenen Lederjacken. Lewis reichte er ebenfalls eine, die er extra für diesen Zweck gekauft hatte. Sie passte dem Streuner sehr viel besser.
      Während sich Lewis umzog, packte Santi ihre Einkäufe in einen Rucksack, den er Lewis in die Hand drückte. Dann schlenderten sie über die Straße und durch eine winzige Gasse, nur um auf der anderen Seite gleich wieder über die Straße zu gehen. Und plötzlich standen sie vor dem Spirit's Crypt. Santi nahm Lewis mit zu dem abgesperrten Parkplatz, wo sein Bike und zwei Helme standen.
      "Denk nicht mal dran," grinste Santi und zog Lewis am Griff des Rucksacks mit sich, als dieser in Richtung Eingang des Clubs abdriftete. "Ich lass mich da nicht in diesem Zustand sehen."
      Mal ganz davon abgesehen, dass der Club noch zu war und es wohl eine der dümmsten Ideen war, heute dahin zu gehen. Für die nächsten paar Tage sollten sie es wieder ruhig angehen lassen. Nächste Woche vielleicht.
      Santi schwang sein Bein über sein Bike und wartete, bis Lewis sich hinter ihm arrangiert hatte. Dann brausten sie davon in Richtung seiner Wohnung (natürlich nahm Santi ein paar Umwege, nur um auf Nummer sicher zu gehen).

      Sobald er das Tor zu seiner Einfahrt geschlossen hatte, erlaubte sich Santi einen tiefen Atemzug. Sobald die Tür zu seinem Apartment fest verschlossen war, erlaubte er es sich, seine Schultern zu entspannen. Endlich zuhause.
      Auf seinem Couchtisch lagen noch die ganzen Fotos, die er ausgedruckt hatte, um sich ein genaues Bild der Museumsuniformen zu machen. Darauf verstreut lagen einige Preisschilder von den ganzen Klamotten, die er für heute besorgt hatte. Auf dem Sofa lag eine Kopie der Blaupausen des Museums. Die Rollläden waren heruntergelassen, sein Bett ungemacht - er hatte geschlafen, aber von seiner Dachterrasse aus hatte er Sniper gesehen, die nie da gewesen waren, bevor er zu ihrem Job heute aufgebrochen war.
      Santi packte das Baguette aus und warf es Lewis entgegen.
      "Schmeiß den Ofen an, ich setz Pasta Wasser auf," meinte er und tat genau das.


    • Lewis fragte sich unvermittelt, wie denn die harte Tour bei Santiago aussehen mochte, dann warf er einen Blick zu seinen Augen und beschloss spontan, dass er es doch nicht so dringend wissen musste. Nein, auf gar keinen Fall. Gemeinnisse waren wichtig in einer Beziehung, nicht wahr? Das hier war jedenfalls ein sehr wichtiges Geheimnis.
      In zwei Tagen würden sie also den Stick erhalten und erst mit der Suche anfangen können. Lewis fragte sich schon jetzt, wonach sie überhaupt suchen sollten. Nach Auffälligkeiten, Ungereimtheiten? In einem Museum? Lewis hatte ganz sicher keine Ahnung von irgendwelchen Museums-Gegenständen und Santiago auch nicht, schätzte er mal. Der Mann war zwar aufs College gegangen, aber das hieß noch lange nicht, dass er eine Mona Lisa analysieren konnte. Oder was auch immer sie in zwei Tagen mit der Liste anstellen würden.
      Aber das war ein Problem für später. Für den Augenblick beglückte er sich damit, beim nächsten Parkplatz zu halten, wie gewünscht den Hoodie auszuziehen und mit Santiago auszusteigen. Sie trugen jetzt beide Lederjacken, die ihnen ziemlich gut standen, wie Lewis fand. Er mochte den Stil, jetzt konnte er sich auch wie ein Schlägertyp fühlen.
      Den nächsten Joint zwischen den Lippen überquerten sie die Straße - und landeten direkt vor dem Crypt. Das war nun eine Aussicht, die Lewis ehrlich wiederbelebte. Von jetzt auf gleich verspürte er eine ganz neue Lebensenergie, mit der er sich strahlend zu Santiago umdrehte.
      "Gehen wir etwa ins -"
      "Denk nicht mal dran", unterbrach Santiago ihn gleich und zog ihn weiter. "Ich lass mich da nicht in diesem Zustand sehen."
      "In diesem Zustand?", wiederholte Lewis empört, dann besah er sich Santiago einmal an; riesiger Kerl, schwarze Lederjacke, schwarze Haare, Sonnenbrille. Ohne die roten Haare war es doch gar nicht so schlecht, befand er in dem Augenblick; vielleicht lag das aber auch daran, dass die Lederjacke seinen Muskeln einen ganz besonders charmanten Akzent verpasste.
      "Ja, du hast recht", befand er und hielt mit Santiago schritt. Er hatte sich noch nicht einfallen lassen, was er tun würde, wenn Santiago jemals im Club angeflirtet werden würde. Der große Schlägertyp war Lewis nicht, auch wenn er Schlägereien gut voraussehen und damit auch ausweichen konnte. Aber irgendetwas musste er ja tun, wenn es soweit kam. Er konnte ja wohl kaum zulassen, dass ihm jemand Santiago wegschnappte.
      Was ein komischer Gedanke war, wie ihm auffiel, während er sich den Helm aufsetzte und hinter Santiago auf sein Bike saß. Er hatte sich noch immer nicht von seinen Augen erholt, aber trotzdem schien es ihm jetzt mehr denn je fern zu liegen, mit Santiago Schluss zu machen. Dafür war er dann erst recht noch nicht bereit. Vielleicht würde sich das klären, wenn er endlich mal seinen verdammten Kopf in den Griff bekam.

      Bei Santiago sah es so aus wie sonst und Lewis merkte, wie sehr er es doch vermisst hatte. Die Überreste seiner Planung lagen noch überall herum und das Bett war ziemlich unordentlich, aber das war auch schon alles, was anders war. Die Rollläden waren ganz unten, allesamt. Sie mussten Licht anmachen, um etwas sehen zu können.
      Santiago dirigierte sie beide in die Küche und Lewis half, soviel er helfen konnte, mit seinem vierten Joint zwischen den Lippen. Das Kopfweh war noch immer da, aber es würde nicht lange halten und seinen Augen ging es auch besser. Ihm fiel trotzdem auf, dass Santiago ihm genau die Aufgaben übertrug, die keine Reaktionen verursachten. Damit gab Lewis sich durchaus zufrieden.
      Zwischendurch schickte er eine Nachricht an Jay, dass er bei Santiago bleiben würde - keine Einleitung, keine Erklärung, kein Beweis. Er war dabei ein bisschen grob zu seinem Bruder, der sich schließlich nur Sorgen um ihn machte, aber Lewis war das egal. Er brauchte keinen Babysitter und er hatte einen Auftrag zu erfüllen - einer, der jetzt wohl so ziemlich offiziell abgeschlossen war.
      "Hey, wir haben's echt geschafft, was?", sagte er und drehte sich mit einem Grinsen zu Santiago um. "Ich meine, die Liste haben wir noch nicht, aber Apollo haben wir sicher abgefuckt und solange er deine Wohnung noch nicht gefunden hat, sind wir sicher. Wir brauchen nur die Liste und dann - man, dann sehen wir einfach weiter. Ich hab richtig Lust drauf, ihm die Sahne unter der Nase wegzuklauen. Dieser absolute Scheißkerl."
      Er ging zum Kühlschrank und holte ihnen zwei Bier - das gute Flaschenbier. Auf ihren Erfolg stießen sie an.
      "Hey, äh..."
      Lewis starrte Santiago an, starrte in die Augen, die auf ihm lagen. Seine Haut kribbelte leicht, mehr von Einbildung, als von allem anderen, aber es war da. Es war unangenehm. Das hier war ein Problem, von dem er noch nicht gänzlich wusste, wie er das lösen sollte.
      Er brachte die Kücheninsel zwischen sich und Santiago und fühlte sich dann gleichzeitig besser und schlechter.
      "Wo hast du das gelernt, dein ganzes Zeug? Gibt's da eine Schule oder irgendwas? Eine Ausbildung zum perfekten Raubzug?"
    • Santi ließ sich von der Routine des Kochens ein wenig einlullen. Er kochte gern, insbesondere nach einem Job. Das half ihm einfach, aus seiner professionellen Paranoia zurück zur Realität zu finden - und schmecken tat es auch noch.
      Er ließ Lewis den Parmesan raspeln (natürlich hatte er den Käse am Stück gekauft, so eitel war er dann doch, dass ihm Tütenzeug nicht ins Haus kam. Das Geld hatte er ja), ließ ihn die Pasta bewachen, und hielt ihn von allem fern, was unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen konnte. So furchtbar der Traum auch gewesen war, den er dank der Brüder gehabt hatte, es hatte ihm eine ganz bestimme Einsicht in das gegeben, was Lewis mitmachen musste, wann immer seine Magie überhand nahm. Was immer war, wenn er die ganze Geschichte mit der Überanstrengung richtig verstanden hatte.
      "Hey, wir haben's echt geschafft, was? Ich meine, die Liste haben wir noch nicht, aber Apollo haben wir sicher abgefuckt und solange er deine Wohnung noch nicht gefunden hat, sind wir sicher."
      "Beschrei's mal nicht," mahnte Santi, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen.
      Lewis hatte ja Recht: es fühlte sich wirklich gut an, diesem reichen Sack den Lollipop zu klauen. Auch wenn sie noch nicht wussten, was genau das für ein Lollipop war.
      Santi nahm das Bier entgegen und stieß mit Lewis an. Er nahm einen ordentlichen Schluck. Hinter ihm brutzelte das Hähnchen in seiner Käsekruste. Als Lewis sich hinter die Kücheninsel flüchtete, wandte er sich besagtem Hähnchen wieder zu, schob es ein bisschen hin und her, obwohl es seine Aufmerksamkeit im Augenblick nicht brauchte.
      "Wo hast du das gelernt, dein ganzes Zeug? Gibt's da eine Schule oder irgendwas? Eine Ausbildung zum perfekten Raubzug?"
      Santi lachte leise.
      "Ich bin da eher so reingerutscht. Ich hatte da diesen Job als Türsteher, um mir das College zu finanzieren. Da war dieser Kerl, ein richtiger Wurm, der sich ständig an alles rangemacht hat, was Brüste hatte. So ein Nein heißt Ja Typ, du verstehst schon. Ich hab ihm die Schulter ausgekugelt. Und die Nase gebrochen. Und vielleicht sogar das Schlüsselbein gebrochen, weiß ich nicht genau. Jedenfalls wurde ich deswegen gefeuert - aber da war noch ein anderer Kerl, dem gefallen hat, was ich da gemacht habe. Zwei Tage später stand ich im Ring von irgendso einem Underground Fightclub Ding. Hat besser bezahlt und niemand hat mit einer Anzeige gedroht, wenn ich ein bisschen über die Stränge geschlagen habe."
      Santi zuckte mit den Schultern. Er erinnerte sich daran, wie gut es sich angefühlt hatte, sich einfach mal richtig prügeln zu können. Und wie gut es sich angefühlt hatte, einfach mal gut in etwas zu sein, was nichts mit seiner Magie zu tun hatte. Er hatte diese Kämpfe geliebt, auch wenn sie absolute Anfängerliga waren verglichen mit dem, was er seitdem sonst so gemacht hatte.
      "Bei solchen Events treiben sich ja so einige Gestalten rum. Neben dem Ring hab ich Leute vermöbelt, die jemandem Geld geschuldet haben, hab Infos für Erpressungen besorgt, sowas eben. Ich war gut, bin den richtigen Leuten empfohlen worden und dann noch viel richtigeren Leuten aufgefallen."
      Und dann war er aufgetaucht und Santi hatte geglaubt, endlich angekommen zu sein. Wie naive er damals doch gewesen war.
      "Irgendwann bin ich bei Diego Garcia gelandet. Frag mich nicht wie, ich hab keine Ahnung. Ich glaube, ich habe einen Geldwechsler vermöbelt, der Geld unterschlagen hat, was seinem Boss aufgefallen ist, und der wollte mich für einen Kampf haben, bei dem Diego anwesend war. Keine Ahnung."
      Santi fischte eine Nudel aus dem Wasser und überprüfte die Konsistenz.
      "Diego gefiel was er sah. Ich mochte die Aufmerksamkeit. Eins führte zum anderen und am nächsten Morgen hat er mir einen Job angeboten. Mit einundzwanzig macht man ja so einige dumme Sachen für Geld. Und Diego hat mir 'ne Menge Geld angeboten. Das war das erste Mal, dass ich meinen Eltern wirklich helfen konnte, also habe ich gar nicht lange darüber nachgedacht."
      Santi wendete das Hähnchen in der Pfanne mit geübten Handgriffen.
      "Das meiste hab ich gelernt, indem ich einfach nur anwesend war. Niemand beachtet den Schrank in der Ecke, der für die Sicherheit zuständig ist. Falls du dich erinnerst: das hat beim ersten Job für Apollo auch niemand. Ihr habt alle gedacht, dass ich schlafe. Zugegeben, hab ich auch hier und da. Egal. Ich hab zugehört, beobachtet, gelernt. Und die Jobs, die ich gemacht habe, waren auch Training."
      Er zuckte wieder mit den Schultern. Mit einem weiteren Schluck von seinem Bier lehnte er sich gegen die Arbeitsplatte. Mit einer Hand fuhr er sich durch den Nacken. Erinnerungen, die er nicht besonders mochte, tauchten wieder auf. Er würde seine Vergangenheit nie verneinen. Er wusste ganz genau, was er getan hatte und er hatte es genau gewusst, als er es getan hatte. Hieß nicht, dass er stolz darauf war.
      "Das hat sich einfach alles so entwickelt," meinte er. "Und ich bin gut drin. Ich mag es, gut in Sachen zu sein. Und du? Wie kommt jemand wie du auf die Idee, Meisterdieb auf die Bewerbung schreiben zu wollen? Du hattest doch ein bequemes Leben?"
      Das warf eine weitere Frage auf, die Santi vollkommen vergessen hatte.
      "Der Job mit der Federal... das war dein erstes, großes Ding, oder?"


    • Lewis ließ sich auf einen der Hocker gleiten und nippte an seinem Bier. Neugierig verfolgte er Santiagos Erzählung.
      Das mit der Türsteher-Nummer war keine Überraschung. Santiago hatte ihm schon früh gesagt, dass er aufs College gegangen war - was für Lewis immernoch eine unfassbare Tatsache war - und Lewis wusste auch, dass er gern als Türsteher gearbeitet hatte. Wieso auch nicht? An seinen breiten Schultern konnte sich niemand so leicht vorbei zwängen und wenn er mal seine Sonnenbrille absetzte, konnte er richtig gefährlich werden. Der Job war quasi wie für ihn gemacht.
      Was schon eine Überraschung war, waren die Untergrund Kämpfe.
      "Du warst mal in einem Fightclub?", wiederholte Lewis ungläubig und grinste dann, als Santiago weitererzählte. "Man, das kann ich mir ja sogar fast vorstellen. Du und Fightclub, wieso bin ich da nicht eher draufgekommen?"
      Bei so einem hatte er dann Diego kennengelernt - den Typ vom Telefon. Was Diego bei so einem Kampf zu suchen hatte war schon ziemlich shady, aber Lewis interessierte sich viel eher dafür, dass Santiago die Aufmerksamkeit gefallen hatte. Er neigte den Kopf und betrachtete Santiago nochmal eindrücklicher. Der Mann kam ihm nicht vor wie jemand, der etwas für Aufmerksamkeit tat, aber zu wissen, dass er in jüngeren Jahren auch mal Fehler begangen hatte, war irgendwie... beruhigend. Santiago war ständig gefasst, hatte ständig alles unter Kontrolle, sodass es manchmal unmöglich schien, dass auch er nur ein Mensch war. Aber letztendlich waren sie alle mal jung gewesen und hatten fragwürdige Dinge für Geld getan. Für Lewis war das Geld zwar Gras, aber er musste nur an Bryce denken, um einen Geschmack davon zu bekommen, was Santiago meinte.
      "Das meiste hab ich gelernt, indem ich einfach nur anwesend war. Niemand beachtet den Schrank in der Ecke, der für die Sicherheit zuständig ist. Falls du dich erinnerst: das hat beim ersten Job für Apollo auch niemand. Ihr habt alle gedacht, dass ich schlafe. Zugegeben, hab ich auch hier und da."
      "Stimmt. Ich dachte, du hast sie nicht mehr alle." Er grinste.
      "Egal. Ich hab zugehört, beobachtet, gelernt. Und die Jobs, die ich gemacht habe, waren auch Training."
      So war das wohl mit allem: Einfach nur Training. Doch Santiago hatte erst körperlich trainieren können, bevor er durch Diego in die kriminelle Sparte gerutscht war und dort trainieren konnte. Und wenn man nun keinen Diego zur Verfügung hatte? Oder brauchte man so einen, eine Art VIP-Schein, um sich nach und nach zurechtzufinden?
      "Das hat sich einfach alles so entwickelt. Und ich bin gut drin. Ich mag es, gut in Sachen zu sein."
      Das stimmte. Santiago war wirklich gut darin.
      "Und du? Wie kommt jemand wie du auf die Idee, Meisterdieb auf die Bewerbung schreiben zu wollen? Du hattest doch ein bequemes Leben?"
      "Das hab ich sogar immernoch."
      Er lächelte, dann zuckte er mit den Schultern.
      "Ich schätze, es war eine Ego-Sache. Apollo hat mich kontaktiert und er hat mich kontaktiert, nicht etwa Jay oder die Firma oder jemand anderen - mich. Ganz gezielt. Unter strengster Geheimhaltung und sowas. Da habe ich gedacht, wenn jemand denkt, dass ich sowas tun könnte, dann kann ich es vielleicht auch. Alleine, verstehst du? Ohne Jay, der alles selbst in die Hand nimmt, ohne meinen Dad, der immer alles komplett durchziehen will, ohne meine Mom, die alles besser wissen muss. Meine Magie wäre perfekt dafür ausgelegt eigenständig irgendwo reinzugehen, einen Safe zu knacken und mit dem Diamanten wieder rauszugehen, aber seit sie durchgebrannt ist, geht das einfach nicht. Ich muss jemanden haben, der die Lage im Blick behält, wenn es hier nicht mehr läuft."
      Er tippte sich gegen die Schläfe.
      "Und das ist nicht schlecht, versteh mich nicht falsch, ich hasse Entscheidungen, ich habe genug davon, um sie nicht selbst auch noch treffen zu müssen. Aber dafür bekommt Jay auch immer die ganze Belohnung und dann heißt's "Gute Arbeit, Lew", aber für den Rest der Welt bin ich trotzdem immer der bekiffte Bruder, der nichts auf die Reihe bekommt. Ich wollte einfach mal zeigen, dass ich es auch hinbekomme. Und das habe ich."
      Er grinste, ein bisschen stolz auf sich selbst.
      "Der Job mit der Federal... das war dein erstes, großes Ding, oder?", fragte Santiago.
      "Das war mein erstes alleiniges Ding überhaupt. Außer du willst Schulhof-Schlägereien mit dazu zählen, dann hab ich sogar eine ganze Menge zu bieten."
      Er wackelte mit den Augenbrauen.
      "Oder Ladendiebstahl, das hab ich auch immer ganz gut hinbekommen. Aber die Federal war groß, das war riesig. Das muss doch selbst für dich eine Nummer gewesen sein, oder?"
      Er nahm noch einen Schluck von seinem Bier, dann starrte er für einen Augenblick seine Flasche an.
      "Was wärst du geworden, wenn du deine Magie nicht hättest, Santiago? Wie sähe dein Leben dann aus? Hättest du trotzdem den Türsteher gemacht?"
    • Santi grinste und schüttelte den Kopf.
      "Dein erster Job und du ziehst dir direkt ein Jahrhundertprojekt an Land. In den richtigen Kreisen bist du jetzt ein Held, weißt du das? Sobald das rauskommt, natürlich. Sowas braucht meistens eine kleine Weile, bevor es Wellen schlägt. Ich würde mal sagen nächstes Jahr um diese Zeit könntest du ein paar mehr Anfragen bekommen - sofern du dich als jemand präsentierst, der Jobs für andere annimmt, wie ich."
      Lewis hatte noch nie ein Ding durchgezogen... wow. Santi war ja schon ein bisschen versucht, ihn jetzt mit zu bestimmten Treffen zu nehmen, nur damit er die Welt einmal kennenlernen konnte, in die er da Arsch zuerst reingesprungen war. Da würde ihm auch niemand so einen Job zutrauen. Aber erst müssten sie diese Sache mit Apollo klären. Vorher sollten sie damit nicht hausieren gehen.
      "Was wärst du geworden, wenn du deine Magie nicht hättest, Santiago? Wie sähe dein Leben dann aus? Hättest du trotzdem den Türsteher gemacht?"
      Santi brummte und nahm einen Schluck von seinem Bier. Das war eine sehr gute Frage. Wie würde sein Leben ohne seine Magie aussehen? Eine ganze Ecke langweiliger. Eine ganze Ecke entspannter.
      "Ohne Magie? Hm. Keine Ahnung. Vielleicht hätte ich das College fertig gemacht und wäre... keine Ahnung. Was gibt's so für normale Jobs, die man mit einem College Abschluss machen kann? Hmm... vielleicht hätte ich einfach mit meinen papito Autos restauriert und Zeug in der Straße repariert? Handwerker für alles, oder sowas. Vielleicht hätte ich in einem kleinen, argentinischen Restaurant angefangen und mich hochgearbeitet bis ich der Head Chef bin?"
      Er lachte leise.
      "Vielleicht hätte ich ja Fußbälle für die Nachbarskinder gebastelt? Ich weiß es nicht, ehrlich. Ich hab mir da nie Gedanken drum gemacht. Ich hab mir generell nie wirklich Gedanken um das gemacht, was ich mal werden will, wenn ich groß bin. Der Türsteher Job war halt da und ich hab ihn gebraucht. Die Kämpfe waren da und ich hab das Geld gebraucht. So hab ich mich jahrelang von einem Ding zum nächsten gehangelt."
      Wieder zuckte Santi mit den Schultern. Ein Blick zum Nudeltopf verriet ihm, dass es Zeit war, das Wasser abzugießen. Er bedeutete Lewis, das mal eben schnell zu tun. Dafür musste man ja keine großen Entscheidungen treffen und viele Endergebnisse gab's dabei ja auch nicht.
      "Bei dir ist das wohl einfacher, hm? Du wärst so oder so in die Firma eingestiegen, nehme ich einfach mal an. Auf welche Weise auch immer. Ha! Stell dir mal vor: du als Truckfahrer! Das wär doch was."


    • Lewis lachte, er konnte gar nicht anders.
      "Wow. Willst du mir sagen ohne Magie wärst du der nette Nachbarsjunge von nebenan geworden? Oder du in einem Restaurant? Man, das hätte ja auch was. Wärst du echt gar nicht kriminell geworden? Nichtmal ein bisschen?"
      Das war... interessant. Lewis hatte immer gedacht, dass Kriminalität unabhängig von der Magie erzogen wurde. Aber wenn er das so hörte, fiel ihm erst auf, dass Santiago eigentlich... ein richtig guter Mensch war. Nicht so von grundauf verdorben wie die Castros es waren, sondern ein ganz normaler, netter Typ. Nahm man natürlich erst die Magie weg, denn mit Magie wäre es wohl unmöglich, irgendetwas gutes zu tun. Trotzdem überraschte es ihn. Santiago war hier immerhin der Schlägertyp und derjenige, der die ganze strategische Planung durchzog. Sich vorzustellen, dass derselbe Mann Autos reparierte und Fußbälle flickte, war einfach richtig merkwürdig.
      Santiago bedeutete ihm das Wasser abzugießen und Lewis folgte seiner Anweisung. Bei sowas konnte er nicht viel falsch machen.
      "Bei dir ist das wohl einfacher, hm? Du wärst so oder so in die Firma eingestiegen, nehme ich einfach mal an. Auf welche Weise auch immer. Ha! Stell dir mal vor: du als Truckfahrer! Das wär doch was."
      "Ja sicher", sagte Lewis und schnaubte. Dann drehte er sich wieder zu ihm um. "Man, das hätte ich wirklich machen können. Ich hätte ja dann einen Führerschein."
      Kurz dachte er darüber den Kopf, dann schüttelte er den Kopf.
      "Nee. Kein Truckfahrer. Ich sag dir, was ich gemacht hätte. Ich hab das schon alles durch exerziert, pass auf."
      Er kam zurück und schnappte sich wieder sein Bier.
      "Wenn ich keine Magie gehabt hätte, dann hätte ich mich früher in der Schule anstrengen müssen. Ich hätte ein paar Muckis aufbauen müssen, vielleicht nicht so viel wie du, aber genug, damit ich ein paar Leuten auf die Fresse hauen kann. Und dann - ich hätte nie zum Gras gegriffen. Niemals; oder wenigstens nicht genug, um mich ständig davon wegzuschießen. Ich hätte die Highschool zu Ende gebracht und ich wäre auf Kosten der Firma aufs College gegangen. Kannst du dir das vorstellen, ich im College?"
      Er grinste.
      "Aber ich hätte ja nicht geraucht, ich wäre sicher einer dieser scheiß Streber geworden oder irgendwas. Jedenfalls hätte ich meinen Abschluss gemacht, ich hätte meinen Führerschein gemacht und dann! Dann hätte ich mich selbstständig gemacht."
      Er nickte und nahm einen Schluck Bier.
      "Ganz sicher. Kleine Firma, ein paar Leute, groß genug um gut genug Geldwäsche zu betreiben, klein genug, um Aufsehen zu vermeiden. Und dann hätte ich Jay geholfen und nebenbei einfach mein eigenes Ding gedreht. Und mein Leben genossen natürlich, richtig das Leben genossen. Wäre vielleicht gereist und so einen Schwachsinn, hätte mir die Welt angeschaut, hätte einfach gelebt. Hätte mir die Welt mal von außen angesehen, weißt du? Nicht immer von verkifften Drogenhöhlen und Clubs aus."
      Noch immer grinsend driftete sein Blick ins Leere ab.
      "Man, ich wär einfach ein ganz anderer Mensch geworden. Ich hätte so viel Scheiße vermeiden können. Ich hätte heiraten können. Einen Mafiaboss heiraten."
      Er kniff die Augen zusammen und sah Santiago wieder an.
      "Kann man deinen Diego als Mafiaboss bezeichnen?"
    • Was wäre wenn. Was für ein verteufeltes Spiel.
      Aber Lewis so zuzuhören hatte was für sich. Santi konnte sich das alles vorstellen, ganz genau so, wie Lewis es ihm erklärte. Er konnte sich auch vorstellen, dass Lewis' kleine Firma ihren eigenen Mechaniker hatte. Oder dass er abends immer ins gleiche Restaurant ging, weil er dem Koch Gesellschaft leisten wollte, während er an seinem Stammplatz die Bücher und die Bücher durchging.
      Santi lächelte.
      "Kann man deinen Diego als Mafiaboss bezeichnen?"
      Und jetzt grunzte er in sein Bier.
      "Zu aller erst: Die Mafia kommt ausschließlich aus Italien - und Diego ist Puerto Ricaner. Zweitens: Diego ist Bänker. Nichts weiter. Er ist Bänker, hat seine eigene Bank. Nur war er clever genug, das ganze irgendwie international anzulegen und keiner kann ihm reingrätschen, er trickst mit Steuern und nutzt das System gegen sich sich selbst... ach, keine Ahnung. Ich hab ihn seinen Verkaufsmonolog hunderte Male runterrattern hören und ich weiß immer noch nicht, was genau er eigentlich macht. Ich weiß nur, dass er schlicht Bänker ist. Er mischt sich nicht ein, er passt nur auf deine Wertsachen auf - und er interessiert sich nicht woher die kommen oder wofür sie genutzt werden. Das ist das, was ihn von normalen Banken unterscheidet."
      Santi fischte die beiden Hähnchenbrüste aus der Pfanne und schnitt sie elegant in Streifen, wie es sich gehörte. Dann packte er zwei Teller voll mit Pasta, auf die er das Hähnchen drapierte. Just in dem Augenblick piepte sein Ofen - das Baguette war fertig.
      "Und zu letzt," meinte er, als er Lewis einen Teller vorsetzte, "ist er nicht mein Diego. War er nie, ist er nicht, wird er nie sein."
      Wenn überhaupt dann war er Diegos gewesen. Dass Diego im Schlafzimmer lieber in Ketten lag und Befehle entgegen nahm spielte dabei keine Rolle. Santi war sein Spielzeug gewesen, so wie jeder Diegos Spielzeug ist. Santi war einfach nur gut genug gewesen, um bei dem Mann einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und er war der erste gewesen, der Diego jemals abgewiesen hatte. Natürlich war der Mann da scharf auf ihn.
      Santi schnitt das Knoblauchbaguette in schickte Stückchen und servierte sie auf dem Schneidebrett zwischen ihnen beiden.
      "Es ist angerichtet," verkündete er, als er Lewis ein Set Besteck reichte.


    • Bänker! Pah. Das war ja noch unsympathischer als College-Nerds.
      "Er ist nur Bänker? Du hast ihn viel cooler dargestellt. Mit mehr..."
      Lewis rieb zwei Finger aneinander.
      "... spice."
      "Er mischt sich nicht ein, er passt nur auf deine Wertsachen auf - und er interessiert sich nicht woher die kommen oder wofür sie genutzt werden. Das ist das, was ihn von normalen Banken unterscheidet."
      Okay, so ganz uninteressant war das dann vielleicht auch nicht. Jays Firma hatte vielleicht keine persönlichen Wertsachen, aber sie hatten auch keine eigenen Lagerhäuser. Lewis wusste nicht, wie es um die Gegenstandsverwaltung stand - das war wie alles andere Jays Fachgebiet - aber es könnte sich lohnen, jemand wie Diego auf Reserve zu haben. Besonders, wenn die Aussicht auf einen Freundschaftsrabatt bestand, wenn Santiago vermittelte.
      "Und zuletzt ist er nicht mein Diego. War er nie, ist er nicht, wird er nie sein."
      Lewis beobachtete Santiago dabei, wie er auftischte und schmunzelte.
      "Verstehe. Heikles Thema. Habe schon verstanden."
      Klar. Nicht sein Diego. Logisch.
      Er nahm seinen Teller entgegen und auch sein Besteck, dann verbrachte er einige unangenehme Sekunden damit, sich den Schmerz nicht anmerken zu lassen, während er zu schneiden versuchte. Mit zusammengebissenen Zähnen machte er sich ans Sägen, dann gab er es auf.
      "Äh, kannst du vielleicht...?"
      Santiago nahm es ihm ohne weiteren Kommentar ab und schnitt ihm das Hähnchen, worum er ziemlich dankbar war. Mittlerweile hatte er es satt, sich ständig auf andere verlassen zu müssen. Mehr als sonst, natürlich.
      Sie aßen die Nudeln, die wirklich göttlich waren, dann machten sie sich an die Unfälle, die sich ihre Haare nannten. Das Haarspray war billig und dazu gedacht schnell zu wirken, nicht aber gut auszusehen. Lewis hatte es versprochen, deswegen ließ er Santiago an seiner Mähne werkeln. Inzwischen wunderte es ihn auch gar nicht mehr, dass Santiago auch darin gut war; wer darüber nachdachte, Autos zu reparieren oder Koch zu werden, der konnte ja wohl auch eine Karriere als Friseur einschlagen. Nein, es wunderte ihn überhaupt kein bisschen, dass es hinterher viel besser aussah als vorher.
      Den Rest des Tages verbrachten sie in Santiagos Wohnung. Lewis wusste noch nicht ganz wohin mit sich und kuschelte sich schließlich leicht an Santiago an, während sie auf der Couch saßen. Es fühlte sich noch immer furchtbar an, ihm in die Augen zu sehen, aber er schluckte es herunter. Er mochte Santiagos Nähe, hatte sie sogar unheimlich vermisst. Über die Augen konnte er schon hinwegsehen.
      Dann verlagerten sie ins Bett und Lewis war zum ersten Mal wieder wirklich glücklich, als er die Arme um den breiten Mann schlang und sich an seine Brust schmiegte. Das fühlte sich gut an. Mittlerweile verheimlichte er auch nicht mehr, dass er sich gerne an Santiago schmuste.
      "Schlaf ruhig, ich bin da, wenn du aufwachst. Ich bin bereit."
    • War es ein heikles Thema? Santi empfand es nicht unbedingt als solches. Seine Beziehung zu Diego juckte ihn nicht besonders, nicht mehr. Er war da einfach herausgewachsen. Was ihn viel mehr wurmte war, dass viele ihn immer noch auf professioneller Ebene mit Diego verbanden, obwohl er schon seit Jahren nicht mehr für den Mann arbeitete. Mundpropaganda war wichtig, wenn man nicht einfach eine Website für die eigenen Dienste basteln konnte, aber mittlerweile war seine Arbeit recht weit entfernt von dem, was er für Diego gemacht hatte. Aber das waren alles Businessprobleme und mit denen wollte sich Santi aktuell nicht wirklich beschäftigen.
      "Äh, kannst du vielleicht...?"
      "Hm?"
      Santi sah auf - und erkannte sofort die Problematik. Er nahm Lewis den Teller wieder ab und zerlegte sein Hähnchen in essbare Happen, dann gab er ihn zurück.

      Nach dem Essen erlaubte Lewis es ihm, sich ums eine Haare zu kümmern. Endlich! Er nahm Lewis mit unter die Dusche und begann mit seiner Arbeit. Alles in allem brauchte er zwei Waschgänge, um die Farbe und das Haarspray herauszubekommen. Er legte noch eine dritte drauf, nur um auf Nummer sicher zu gehen, wobei er Lewis auch eine Kopfmassage verpasste. Dann behandelte er Lewis' Spitzen mit Conditioner (den er schon vor einer kleinen Weile extra für Lewis' Haare besorgt hatte). Während das einwirkte, machte er sich an seine eigenen Haare, die nicht einmal halb so lang waren und daher ein bisschen schneller wieder sauber wurden. Außerdem gab er sich selbst keine Massage. Bevor er den Conditioner wieder auswusch, kämmte er Lewis' Haare ordentlich durch.
      Santi wusste nicht genau warum, aber der gesamte Prozess wirkte unglaublich entspannend auf ihn. Die Geräusche, die Lewis machte - insbesondere bei der Kopfmassage, die er so liebte - waren ein netter Bonus.
      Nachdem ihre Haare gerettet waren, ging der Rest relativ schnell und kurz darauf saßen sie auf Santis Couch. Er hatte Lewis' Haare in ein Handtuch eingewickelt, damit sie ein bisschen schneller trockneten und sich nicht sofort wieder verknoteten. Sobald Lewis' Haare trocken waren, kämmte Santi sie noch einmal durch. Er fragte sich, wie Lewis wohl aussehen würde, wenn er ein paar hübsche geflochtene Zöpfe tragen würde, aber der Streuner erlaubte es ihm nicht, das auszuprobieren.

      Schlussendlich landeten sie im Bett, wie schon so viele Nächte zuvor. Lewis kuschelte sich an seine nackte Brust, wie er es schon so oft getan hatte. Es fühlte sich so normal an. So - und Santi konnte nicht glauben, dass er so empfand - richtig. Er schlang einen Arm locker um Lewis und malte mit seinen Fingern unzusammenhängende Muster auf dessen Rücken.
      "Schlaf ruhig, ich bin da, wenn du aufwachst. Ich bin bereit."
      Santi brummte und drückte seine Nase in Lewis' Haare. Sie rochen wundervoll.
      "Ich weiß nicht, ob ich schon schlafen will," gestand er. "Ich hab die letzten paar Nächte geschlafen und würde eigentlich gern die Ruhe in meinem Kopf noch ein bisschen genießen."
      In Vorbereitung auf den Job heute hatte sich Santi erst zum Frühstück einen Alptraum geholt. Auf die Weise konnte er sichergehen, dass er ausgeschlafen war und keine Fehler wegen seiner magischen Paranoia machte. Er wusste, dass er den Alpträumen der drei Leute von heute nicht entkommen konnte. Aber er konnte es noch um ein, zwei Nächte hinauszögern und ein bisschen ohne Angst existieren.
      "Aber danke für das Angebot. Vielleicht morgen? Wenn du bleiben willst?"

      Jeder Atemzug fühlte sich falsch an, als würde er in einer Welt atmen, die nicht für Menschen gemacht war. Der Geruch von altem Blut und feuchtem Stein lag in der Luft. Er konnte er seine Augen nicht schließen, seine Beine nicht zur Flucht bewegen.
      Er stand in einem langen, fensterlosen Gang. Dunkle Marmorwände dehnten sich ins Endlose, und der Boden unter ihm war kalt wie Eis. Überall waren Sicherheitsspiegel angebracht, die sich verzerrt spiegelten – doch nicht ihn. Er sah sich selbst nicht. Stattdessen beobachteten ihn vier Augenpaare, aus vier Spiegeln, und jeder Blick ließ sein Herz schneller schlagen.
      Die Dunkelheit atmete. Sie war nicht nur Abwesenheit von Licht, sondern ein lebendiges Ding, das lauerte. Santi hörte das leise Knacken von Knochen hinter sich, Schritte, die nie näher kamen, aber auch nie verschwanden. Immer, wenn er sich umdrehte, war da nichts. Und doch wusste er: Wenn er stehenblieb, würde die Dunkelheit ihn verschlingen.
      Dann flackerte das Licht, und Santi stand plötzlich in einem Museumsraum. Glasvitrinen überall, aber sie waren leer. Nur eine enthielt etwas – sein eigenes Herz, pulsierend, schwebend, von kleinen Drähten gehalten. Er spürte, wie etwas in seinem Rücken arbeitete, als würde jemand durch ihn hindurchsteuern. Seine Arme bewegten sich nicht mehr nach seinem Willen. Er sah durch seine Augen, aber er war nur ein Beobachter. Seine Finger berührten Dinge, die er nicht berühren wollte. Er hörte sich selbst lachen – aber das Lachen gehörte nicht ihm.
      Als er das nächste Mal blinzelte, befand er sich in einem Ausstellungsraum voller Artefakte. Er stand vor einem Artefakt von dem er wusste, das es niemals hätte ausgegraben werden dürfen – ein Spiegel, der das wahre Selbst zeigte. Santi stand nun vor diesem Spiegel. Doch sein Spiegelbild war ein verrottender Körper mit starren Augen und einem stummen Schrei im Gesicht. Der Spiegel begann zu flüstern: "Das ist deine Zukunft. Deine Gegenwart. Nichts wird sich jemals ändern."
      Er blinzelte. Eine Wüste aus Asche, der Himmel glühte rot wie brennendes Eisen. Überall lagen verbrannte Leiber, Gesichter, die Santi erkannte, ohne sie je gesehen zu haben. Er wusste: Er hatte sie verraten. Er spürte eine Kette um seinen Hals, aus Gold, schwer, eingebrannt in seine Haut. Jemand beobachtete ihn aus der Ferne – der reiche, gefährliche Mann, der wusste, was er getan hatte. Er konnte sich nicht bewegen, konnte nur knien, während ein schwarzer Schatten auf ihn zuschritt.
      Er versuchte zu schreien, aber sein Mund war zugenäht. Die Nadel stach noch, der Faden spannte sich, und er schmeckte Blut auf der Zunge. Die Hitze wurde unerträglich, der Sand begann sich zu bewegen wie Schlangen unter seinen Füßen. Und dann – absolute Stille.
      Santi fiel. Tief, endlos, in sich selbst hinein.

      Als er aufwachte, war sein Körper schweißgebadet, sein Herz raste, und seine Hände waren zu Fäusten geballt.
      "Ich bin okay," zwang er sich zu sagen. "Ich bin okay."
      Santi griff sich an den Hals, wo er noch immer das Brennen der Kette spüren konnte. Warum hatte sich diese letzte Gestalt so vertraut angefühlt? Das war anders gewesen.
      Er rieb sich den Nacken, kratzte an einer Brandwunde, die nicht da war.
      "Ich bin okay..."
      War er das?
      Er scannte sein Apartment, ohne aufzustehen. Alle Schatten waren, wo sie hingehörten. Da war niemand, der darauf wartete, ihn in Ketten zu legen. Keine Spiegel, aus denen Monster zurückstarrten. Es war alles nur ein Traum gewesen.
      Mit einem schweren Seufzen kniff Santi die Augen zusammen. Er hatte doch wach bleiben wollen! Verdammt!
      "Ich bin okay."
      Erst jetzt erinnerte er sich daran, dass Lewis auch noch da war. Lewis war da!
      Santi suchte den Blick des Streuners, wo er immer diesen Frieden fand, dem ihn sonst niemand geben konnte, wenn er aus einem Alptraum aufwachte.


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    • "Mh-hm. Klar."
      Wenn er bleiben wollte? Natürlich wollte er das. Nirgends ging es Lewis so gut wie bei Santiago.
      Er schmiegte sich noch weiter an ihn und ließ sich seine Streicheleinheiten gefallen. Besonders die Kopfmassage, die er auch schon unter der Dusche abbekommen hatte, wirkte wahre Wunder auf sein von Magie zersetztes Hirn. Dann schloss er die Augen und schlief ein, in seliger Zufriedenheit und ganz ohne Schmerzen.
      Beim Aufwachen stimmte dafür etwas nicht. Lewis bemerkte es sofort, obwohl es still war und sich nichts rührte. Irgendwas fühlte sich falsch an. Er starrte in die Dunkelheit und versuchte auszumachen, was hier nicht richtig war.
      Dann hörte er ein leises "Ich bin okay" und setzte sich sofort kerzengerade auf. Santiago war wach und sah ihn an, seine Augen von dunklen Augenringen umrandet. Seine Stirn war nass und er atmete flach. Er hatte geschlafen.
      "Oh - fuck - hey."
      Lewis beugte sich über ihn, um ein größeres Licht anzuschalten. Neue Schatten legten sich auf Santiagos Züge und ließen ihn noch müder aussehen. Seine Bernsteinaugen sahen im Moment mehr verletzlich als furchteinflößend aus.
      "Ich dachte du schläfst heute nicht. Wenn du nochmal die Augen zumachst, mach ich deine Schokolade."
      Er lächelte, bemühte sich um einen entspannten Plauderton und angelte sich vom Bett heraus irgendein Kleiderstück vom Boden. Ein Pulli. Er wischte mit dem Ärmel Santiago den Schweiß von der Stirn, damit er nicht aufstehen und ein Handtuch holen musste. Damit er ihn nicht alleine lassen musste. Danach schlang er die Arme um ihn und zog ihn an sich, verharkte ihre Beine, bis sie gänzlich miteinander verschlungen waren. Die Schokolade konnte warten, er wollte ihn jetzt nicht alleine im Bett zurücklassen. Langsam streichelte er ihm über den ebenso nassen Rücken.
      "Du bist jetzt wach, es ist alles gut. Hier bist du sicher. Du bist okay."
      Er küsste seinen Scheitel und fuhr ihm durch die klammen Strähnen.
      "Okay? War es schlimm?"
    • Santi ließ Lewis machen. Er dachte gar nicht daran, ihn zu stoppen oder wie sonst immer im Badezimmer zu verschwinden. Er wollte nicht aufstehen. Er wollte nicht von Lewis abrücken. Er wollte genau hier bleiben und dass Lewis sich um ihn kümmerte.
      Als Lewis ihn in die Arme schloss, schien etwas in Santi zu loszubrechen. Bis jetzt hatte er sich praktisch gar nicht bewegt, hatte einfach nur Lewis angesehen, als sei er sich nicht sicher, dass der Streuner wirklich real war. Doch als er Lewis spürte, da schlang er die Arme um den Streuner, als stehe er kurz vor dem Ertrinken und dieses dürre Kerlchen war alles, was ihn über Wasser hielt. Er presste Lewis an seine Brust, vergrub sein Gesicht in Lewis' Halsbeuge.
      "Du bist jetzt wach, es ist alles gut. Hier bist du sicher. Du bist okay."
      "Ich bin okay..." murmelte er gegen Lewis' Haut.
      "War es schlimm?"
      Ohne seinen Kopf zu heben, schüttelte Santi ihn. Es war nicht schlimm gewesen, nicht schlimmer als sonst. Zumindest glaubte er das. Aber es hatte sich anders angefühlt. Und es hatte einen wunden Punkt getroffen. Gut, vielleicht war es doch schlimm gewesen.
      Santi rollte sie beide herum, sodass er halb auf Lewis liegen konnte. Under seinem Ohr schlug Lewis' Herz, bei weitem entspannter als sein eigenes, das sich immer noch nicht richtig beruhigt hatte.
      "Es war anders," meinte er schließlich. "Es war... ich weiß nicht."
      Er konnte noch immer die Kette um seinen Hals spüren. Das Brennen, als sich das Gold in seine Haut brannte.
      Mit einem frustrierten Brummen vergrub Santi sein Gesicht an Lewis' Brust. Er wollte nicht darüber reden. Entweder würde er seinen Traum vergessen (was ihm im Augenblick lieber wäre) oder seine verwirrten Gedanken darüber würden sich ordnen und er könnte sich ein besseres Bild machen. Aber das brauchte Zeit. Für den Moment wollte er einfach nur hier liegen und mit Lewis kuscheln. Und vielleicht eine heiße Schokolade genießen, sobald er sich dazu durchringen konnte, den Streuner wieder loszulassen.
      Für einen Moment dachte er sogar darüber nach, noch einmal zu schlafen. Dieser Gedanke verflüchtigte sich allerdings ganz schnell, als er die Fratze aus dem Spiegel sah, sobald er seine Augen schloss.


    • Lewis gab ein leichtes verstehendes Brummen von sich. Er wagte nicht, etwas zu sagen, falls Santiago noch mehr über seinen Traum erzählen wollte, aber anscheinend wollte er nicht weiter darüber reden. Stattdessen hielt er sich so fest an Lewis, dass es fast schon schmerzte - nicht körperlich, aber die Gewissheit, dass der große, starke Mann jetzt dringend etwas benötigte, um sich daran festzuhalten. Lewis bot sich ihm liebend gern als dieses Etwas an; Santiago passte so gut auf, wenn es Lewis schlecht ging, es war das mindeste, dass er diesen Gefallen erwiderte. Dabei wollte er den Mann selbst nicht so sehen. Es war unerträglich, dass er sonst so stark war, nur um sich jetzt an Lewis zu klammern, als würde er ohne ihn untergehen. Im Moment hasste er seine Magie genauso sehr wie zu dem Zeitpunkt, als Santiago sie gegen ihn eingesetzt hatte.
      Langsam strich er ihm durch die Haare und über seinen Nacken hinunter über seinen Rücken. Er folgte seinem Arm bis zu seinem Handgelenk, dann strich er wieder zurück und streichelte seine Schulter. Das ganze wiederholte er ein paar Mal mit seiner gesunden Hand, bis Santiagos Atem sich etwas beruhigt hatte. Warm spürte er ihn an seinem Hals und Lewis beugte sich wieder herab und küsste seine Haare, seine Stirn, seine Schläfe, überall dort, wo er ihn erreichen konnte. Santiago schien unter seinen Berührungen wieder etwas weicher zu werden und Lewis nahm die Gelegenheit wahr, um seinen Kopf zu sich hoch zu leiten. Vorsichtig küsste er ihn auch auf die Lippen und als Santiago sich ihm nicht entzog, küsste er ihn ein bisschen mehr. Auf die Lippen, auf den Mundwinkel, auf die Wange. Santiago legte den Kopf auf seiner Schulter ab und Lewis küsste ihn weiter, küsste sich über sein Gesicht hinweg, strich ihm sanft über die Lippen. Dann verharrte er einen Moment und suchte den Blick der Bernsteinaugen in dem dämmrigen Licht.
      "Okay? Soll ich weitermachen?"