Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Es sollte sich nicht so gut anfühlen, mitten in der Nacht in einem schäbigen Diner mit fragwürdigen Hygieneregeln zu sitzen und sich über mehreren essbaren Herzinfarkten mit dem Streuner zu unterhalten. Santi war übermüdet, sein ganzer Körper ein einziger blauer Fleck, und Lewis ging es nicht besser. Sie wurden von einem superreichen Möchtegern-Bösewicht gejagt wie ein paar exotische Tiere, ohne zu wissen, warum. Und trotzdem saßen sie hier in Frieden und scherzten herum, als wären sie normal. Lewis hatte recht, wenn er sagte, dass das alles hier doch verrückt war. Aber Santi hatte absolut keine Lust, zu gehen und das zu tun, was er vielleicht tun sollte. Er mochte es hier viel zu sehr.

      Irgendwann griff Santi selbst zu dem fettigen Essen, aß aber nur ein paar Happen. Mit jedem Bissen konnte er praktisch spüren, wie seine Adern verstopften. Also bestellte er sich lieber noch einen zweiten Kaffee.
      Nachdem Lewis dann auch verkündete, dass er satt war, zahlte Santi (in bar, um nicht noch mehr Spuren zu hinterlassen, denen Apollo gegebenenfalls folgen konnte) und sie machten sich auf den Weg zurück. Wo auch immer dieses zurück war.
      Es stellte sich als Jays Wohnung heraus. Santi parkte auf der gegenüberliegenden Straßenseite, stieg aber nicht aus. Lewis genauso wenig. Sie saßen einfach nur da, für einen langen, stillen Moment.
      "Du kannst mit nach oben kommen... wenn du willst."
      Natürlich wollte Santi. Er wollte wieder im Bett oder auf der Couch liegen, Lewis auf seiner Brust, seine Hand in den wilden Haaren des Streuners. Aber in Jays Wohnung? Nicht, dass sein eigenes Apartment viel besser war, mit der Anwesenheit seiner Eltern und dem eindeutigen Nicht-Vorhandensein von Wänden. Santi wusste, dass es seine Eltern nicht stören würde, wenn Lewis da war. Im Gegenteil: seine Mutter würde sich überschwänglich freuen. Aber die Verwandtschaft war nicht das einzige Problem.
      "Ich würd gern," meinte Santi.
      Er seufzte und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, massierte seinen eigenen Nacken. Er wusste nicht, wohin mit sich.
      "Ich könnte jetzt behaupten, dass meine Eltern sich Sorgen machen würden, wenn ich nicht nach Hause komme. Wär nicht mal gelogen. Aber das ist es nicht."
      Santi rieb sich über die Augen, dann suchte er Lewis' Blick, schenkte ihm ein müdes Lächeln.
      "Ich weiß nicht, wie lang ich die Augen noch aufhalten kann, und ich würde nur ungern die Wohnung deines Bruders zusammenschreien."
      Er zuckte verloren mit den Schultern.
      "Noch peinlicher wird's wenn ich endlich eure Träume abkriege..."


    • Santiago sah verloren hinter dem Steuer aus, als könnte er sich nicht daran erinnern, weshalb er überhaupt hergefahren war. Er massierte sich wieder den Nacken, was er gerne tat, wenn er sich unwohl fühlte, und was für den großen Mann ziemlich fehl am Platz wirkte. Zumindest las das Lewis aus seinen angespannten Muskeln heraus.
      "Ich weiß nicht, wie lang ich die Augen noch aufhalten kann, und ich würde nur ungern die Wohnung deines Bruders zusammenschreien."
      Ja, natürlich. Das war wohl eine Sache, die Lewis gerne verdrängte, denn immerhin wusste er um den Ursprung der Albträume. Das hieß aber nicht, dass sie Jay damit bekannt machen sollten, wie sich Santiagos Magie auf ihn auswirkte.
      "Klar..."
      Was nicht hieß, dass es das besser machte. Zum ersten Mal stand Santiagos Magie ihnen wirklich im Weg, auf sämtliche Weisen. Lewis hatte gewusst, worauf er sich da einließ, aber jetzt schien es erst schlagartig zu ihm aufzuholen. Erst Santiagos Magie, dann auch seine Albträume. Das Universum schien sich von jetzt auf gleich gegen sie verschworen zu haben.
      Lewis nahm noch einen Zug. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, sich einen magielosen Freund zu suchen. Es wäre einfacher gewesen, einfach bei Bryce zu bleiben und so wie bisher weiterzumachen. Lewis war für seinen Geschmack sowieso viel zu anhänglich geworden; was tat er schließlich in einer fremden Wohnung und wollte von allen Sachen gerade kuscheln? Das war nicht er, das war nicht, was ihm gefallen sollte, wieso sich dann nicht den ganzen Aufwand sparen und zurück zu seinem alten Leben gehen?
      Aber er wollte nicht. Er wollte einfach nicht. Es war nicht so, dass ihm seine alte Lebensweise nicht mehr gefiel, es war nur so, dass er sie nicht führen wollte, wenn er Santiago hatte. Er wollte nicht auf Santiago verzichten. Da konnte ihm das Universum noch so zusetzen, er wollte einfach nicht.
      Was also anderes tun als einfach zu akzeptieren, womit sie umgehen mussten?
      Er rauchte seinen Joint zu Ende, schnickte den Stummel nach draußen und schnallte sich ab. Dann beugte er sich zu Santiago hinüber, stützte sich auf einem schmerzenden Arm ab und schob sich so weit zu ihm, wie es nur ging. Er hatte die Sonnenbrille wieder abgesetzt und jetzt sahen ihm tiefe, glänzende Bernsteinaugen entgegen, Augen, von denen Lewis nicht aufhören konnte zu träumen, die ihm auch jetzt einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagten. Aber was konnte er schon tun, als es zu akzeptieren? Santiago ist mehr als seine Magie, hatte er zu Jay gesagt und damit war Santiago auch mehr als die Albträume, die ihn heimsuchten. Er war mehr als die temporäre Distanz, die sie wegen seiner Magie ertragen mussten und er war auch mehr als Lewis' alte Lebensweise. Er würde immer mehr als das sein.
      Lewis verharrte ganz dicht vor ihm, bis ihr gegenseitiger Atem sie streifte, dann küsste er ihn. Es war ein kurzer Druck von Lippen, aber dafür unsagbar weich, warm. Er küsste ihn und das für die Nacht, die sie nicht haben konnten, und die Tage, die bereits verstrichen waren. Er küsste ihn, wie Lewis noch nie einen Mann geküsst hatte.
      Dann setzte er sich zurück.
      "Morgen?"
      Er sah zwischen Santiagos Augen hin und her.
      "Ich will dich sehen. Hol mich ab."
      Damit stieg er doch noch aus, warf die Tür zu und schlüpfte über die Straße. Er sah sich nicht noch einmal zu der dunklen Gestalt hinter dem Lenkrad um, er spürte ihn aber noch auf seinen Lippen, lange nachdem er bereits wieder ins Bett gegangen war.
    • "Klar..."
      Santi hasste diese Situation. Er hatte nie erwartet, jemandem jemals so nahe zu kommen, dass er seine eigene Magie so sehr hasste für das, was sie ihm antat. Er hatte sich schon früh in seiner Kindheit damit abgefunden, dass das sein Leben war: allein, voller Angst - für andere und für ihn. Und jetzt saß da dieser Kerl auf seinem Beifahrersitz. Er war kein Superheld, er war kein Topmodel, er war, nach allen Regeln der Kunst, nichts besonderes. Aber irgendwie hatte es Lewis geschafft, die eine Person zu werden, die Santi berührte. Physisch, ja, aber auch auf anderen Leveln. Lewis berührte ihn auf eine Weise, wie es niemand sonst konnte.
      Santis Finger schlossen sich so fest um das Lenkrad, dass seine Knöchel weiß herausstachen. Er hasste es. Er hasste diese Distanz, die zwischen ihnen entstanden war - und das alles nur wegen seiner verdammten Magie! Weil er sie gegen Lewis verwendet hatte. Weil er sie benutzt hatte, um Lewis zurückzubekommen. Egal, was er tat, seine Magie war immer da und sie war immer, jedes einzelne Mal, im Weg.
      Lewis, verdammter Lewis, war es, der ihn aus seinen dunklen Gedanken zog. Der Streuner lehnte sich zu ihm rüber, sah ihm so tief in die Augen, dass Santi glaubte, er wolle ihm in die tiefsten Tiefen seiner Seele starren. Er erwiderte den Blick, hungrig nach der Nähe, die ihm Lewis bot. Er bemühte sich, nicht zurückzuzucken, als ihm der Duft von Lewis' Angst in die Nase stieg. Das war wie ein Schlag in die Magengrube. Lewis hatte Angst vor ihm...
      Lewis überbrückte das letzte Bisschen Distanz zwischen ihnen und küsste ihn. Eine Welle der Wärme rollte durch Santi. Instinktiv lehnte er sich in den Kuss hinein, ließ Lewis aber die Kontrolle über alles. Er konnte dem Drang nicht widerstehen, Lewis zu berühren, also legte er eine Hand an Lewis Wange - er schob sie nicht in seinen Nacken, wie sonst, wollte den Streuner nicht noch weiter ängstigen. Lewis, wundervoller Lewis, ließ es zu. Er lehnte sich weiter in den Kuss hinein und Santi konnte schwören, dass er ihm etwas sagen wollte wofür er keine Worte fand. Ein Gefühl, dass er nachvollziehen konnte.
      Als Lewis den Kuss dann endlich löste, folgte Santi ihm ein Stück, so sehr sehnte er sich nach dem Streuner. Er ließ ihn ziehen.
      "Morgen?" fragte Lewis.
      Santi konnte nichts weiter tun, als dumm zu nicken; Lewis hatte ihm sein Vokabular weggeküsst. In beiden Sprachen, die er beherrschte.
      "Ich will dich sehen. Hol mich ab."
      Santi starrte ihm nach, als er ausstieg, die Straße überquerte, in Jays Apartment verschwand. Er konnte Lewis noch immer auf seinen Lippen spüren, ihn und sein furchtbares Abendessen schmecken. Sein ganzer Körper kribbelte.
      Er stand bestimmt noch fünf Minuten einfach nur da, bevor er sich endlich genug gesammelt hatte, um den Motor zu starten und nach Hause zu fahren. Seine Eltern schliefen beide, als er die Tür hinter sich schloss. Er wollte sie nicht wecken, aber er wusste auch, dass er diesen verdammten Alptraum hinter sich bringen musste, wenn er Lewis morgen sehen wollte. Der Streuner hatte ihm ein unausweichliches Ultimatum auferlegt - und ihm die Motivation gegeben, es auch durchzuziehen. Also biss Santi in den sauren Apfel und ging ins Bett.

      Er war gefangen in einem unendlichen Labyrinth. Er hatte keinen einzigen Schritt getan, aber er wusste, wo er war und dass es keinen Weg nach draußen gab. Und doch lief er durch den Gang, starrte jede der Türen an. Er musste sich für eine entscheiden. Er hatte keine andere Wahl.
      Er öffnete die erst Tür zu seiner Linken. Dahinter lag ein Raum so dunkel, dass er die Wände nicht ausmachen konnte, nicht einmal den Boden konnte er sehen. Er trat ein. Die Tür hinter ihm fiel zu. Das Licht im Raum ging an:
      Vor ihm saß Lewis auf einem Stuhl, er spielte mit etwas herum, wirbelte es um seine Finger herum. Eine Pistole.
      "Lewis?"
      "So viele Möglichkeiten. Da sind so viele Möglichkeiten. Mach, dass es aufhört."
      "Ich kann nicht."
      Lewis nickte. Er sah hinab auf die Pistole.
      "Aber ich kann."
      Er hob die Pistole an, schob sie sich in den Mund, drückte ohne zu zögern ab. Etwas in Santi zerbrach.
      Das Licht ging aus, die Tür öffnete sich, Santi stand wieder auf dem Gang. Sein Verstand war noch immer in dem Raum, starrte noch immer auf Lewis' reglosen Körper hinab, da hatte er schon die nächste Türklinke in der Hand.
      Er trat in den dunklen Raum. Die Tür fiel zu, das Licht ging an:
      Lewis lag auf einer ranzigen Couch, auf dem alten, zerkratzten Couchtisch lagen Reste von Gras, ein paar Linien weißen Pulvers, ein paar Tütchen mit allen möglichen Pillen darin. Lewis spielte mit einem kleinen Gegenstand. Eine Spritze.
      "Lewis?"
      "So viele Möglichkeiten. Da sind so viele Möglichkeiten. Mach, dass es aufhört."
      "Ich kann nicht."
      Lewis kicherte. Er legte die Spritze an seiner Armbeuge an.
      "Aber ich kann."
      Er schob die Nadel in seinen Arm, drückte die Flüssigkeit darin in seinen Blutkreislauf. Seine Augen rollten zurück.
      Das Licht ging aus, die Tür öffnete sich, Santi stand wieder auf dem Gang. Jetzt waren da zwei Bilder von Lewis, wie er vor seinen Augen starb, wie seine Magie ihn mit sich riss. Santi starrte den Gang hinab. Dutzende Türen warteten darauf, von ihm geöffnet zu werden. Und Santi wusste mit erschreckender Gewissheit, dass er sie alle öffnen musste, um aus diesem Labyrinth zu erwachen.

      Ignacio hielt seine Frau zurück. Sie wollte nichts mehr, als zu ihrem Jungen zu gehen und ihn zu wecken, aber er wusste, dass das nicht helfen würde. Ihr Sohn musste da allein durch. Sie konnten nicht mehr tun als dafür zu sorgen, dass er sich nicht aus Versehen selbst verletzte. Für den Moment schien er friedlich genug, wie er da am Fenster stand, schlafend. Was auch immer er sah, wo auch immer er war, es war nicht New York.

      Santi träumte die ganze Nacht hindurch, sah Lewis auf jede mögliche Art sterben - alle durch seine eigene Hand.
      "Lewis?"
      "So viele Möglichkeiten. Da sind so viele Möglichkeiten. Mach, dass es aufhört."
      "Ich kann nicht."
      "Aber ich kann."
      Wieder und wieder verlor er den einen Menschen, den er an sich heran gelassen hatte. Wieder und wieder verlor er Lewis an dessen Magie. Wieder und wieder zeigte ihm seine eigene Magie all das.
      Als Santi am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich schlechter als noch Stunden zuvor, obwohl er volle acht Stunden Schlaf abbekommen hatte. Allein der Gedanke daran, aufzustehen, erschien ihm zu anstrengend. Er wollte nicht. Er wollte einfach nicht.
      Eine ganze Stunde lag er da in seinem Bett, reglos, bevor seine Mutter erkannte, dass er wach war. Sie schaffte es irgendwie, ihn dazu zu bringen, etwas zu essen. Santi hatte keinen Hunger. Die Tür zu seinem Badezimmer jagte ihm Angst ein. Er vermied es, sie anzusehen.
      Zu einer Sache konnte er sich dann doch durchringen: er schnappte sich sein Smartphone vom Nachttisch und schrieb Lewis. Er musste einfach wissen, dass Lewis am Leben war, dass es ihm gut ging.

      Bist du da?


    • Lewis war unruhig in dieser Nacht, wälzte sich viel herum, schlief wenig. Es war nicht unbedingt anders als die vorangegangen Nächte, und doch war es das schon, seine Gedanken zu aufgewühlt, seine körperlichen Beschwerden zu unangenehm. Sie schienen eine andere Intensität bekommen zu haben, nachdem Santiago ihm eine so deutliche Abfuhr erteilt hatte. Natürlich war Lewis nicht naiv genug zu glauben, dass der Mann wirklich bei Jay schlafen würde, wenn er doch mit dutzenden Albträumen zu kämpfen hatte, aber ein Teil von ihm hatte doch genau das gehofft. Es war derselbe Teil, den Lewis als verweichlicht beschreiben würde, wenn es sich nicht so gut anfühlen würde. Derselbe Teil, der so viel Gefallen daran fand, sich an Santiagos breite Brust zu schmiegen und sich von ihm kraulen zu lassen. Derselbe Teil, der vermutlich genau das im Moment so sehr wollte.
      So überstand er die Nacht mehr schlecht denn recht, bis ihn Jays morgendliche Routine aus dem Halbschlaf riss. Er stand auf, bediente sich an seinen wenigen, mitgebrachten Klamotten und schlurfte nach draußen. Gefühlt zwischen jedem Atemzug checkte er sein Handy, obwohl es auf laut war. Es hätte ihn schon nachts sofort aus dem Schlaf gerissen, wenn Santiago sich gerührt hätte.
      Während Jay duschte, hing Lewis am Couchtisch und rollte gähnend seine Joints. Während er abwägte, ob er Santiago schon schreiben konnte, fiel ihm ein ganz fataler Fehler bei seiner nächtlichen Frage auf: Er hatte nicht spezifiziert, wann Santiago ihn holen sollte. Dabei hatte er zwar nur versucht, ihm so viel Freiraum zu geben wie möglich, aber das ging jetzt nach hinten los. Wenn es nach Lewis ging, hätte er ihm gleich geschrieben, aber er wollte nichts überstürzen. So war er dazu verdammt, immer wieder aufs Handy zu schauen, während er seine Joints machte.
      Als Jay aus dem Bad kam, war Lewis bereits am Rauchen. Sein Bruder ging am Wohnzimmer vorbei und blieb verdutzt stehen.
      "Du bist ja schon auf."
      "Hm."
      "Schlecht geschlafen?"
      "Hm."
      "Wie geht's dir?"
      Jay kam kurz rein, während Lewis eine Rauchwolke ausstieß.
      "Besser als gestern. Meine Brust tut nicht mehr so weh. Die Hand ist das schlimmste."
      "Gut."
      Jay betrachtete ihn kurz.
      "Ich glaube, die Schwellung bei deinem Auge geht auch zurück."
      Lewis nickte nur.
      In der auftretenden Stille rührte Jay sich nicht. Er sah ihn nur weiter an, unangenehm schweigend.
      "... Ich muss ins Büro fahren, ein paar Sachen abklären. Ich muss auf die Lieferungen aufpassen. Meinst du, du hältst es ein paar Stunden alleine aus?"
      Lewis schnaubte.
      "Du bist doch nicht mein Babysitter."
      "Du weißt, wie ich das meine."
      Lewis wusste es.
      "Passt schon."
      "Okay. Wenn was ist, ruf mich sofort an."
      "Ja, Papi."
      Jay rollte hörbar mit den Augen, dann ging er in die Küche, kramte dort herum, suchte hörbar nach seinem Schlüssel und warf schließlich hinter sich die Tür zu. Kaum hatte er seine Wohnung verlassen, klingelte Lewis' Handy und er warf sich regelrecht darauf, um die Nachricht zu lesen.
      - Bist du da?
      Was für eine Frage. Lewis sollte wohl die Gelegenheit nutzen und verstecken, dass er schon die ganze Nacht auf eine Nachricht gehofft hatte. Aber das konnte er nicht. Er schrieb sofort zurück.
      - Klar. Immer.
      Lewis nahm einen weiteren Zug und beobachtete den Display aufmerksam. Wenn er könnte, hätte er angerufen, aber Santiagos Eltern waren da und er wusste nicht, wie die Lage war.
      Er schrieb noch eine Nachricht:
      Gut geschlafen?
      Aber bevor er sie abschickte, verzog er das Gesicht. Er wusste doch, dass Santiago seine Albträume abarbeiten musste, was war das dann für eine Frage? Stattdessen löschte er die Hälfte wieder.
      - Geschlafen?
    • Klar. Immer.

      Santi nahm einen tiefen Atemzug, gegen den seine Rippen lautstark protestierten, und ließ sich zurück in seine Kissen sinken. Lewis war am Leben, er hatte das alles wirklich nur geträumt.

      Geschlafen?
      Theoretisch

      Sollte er Lewis schreiben, was passiert war? Bisher hatte er seine Alpträume doch immer mit ihm geteilt. Allerdings waren es bisher nie so persönliche Träume gewesen. Wie konnte er wissen, was davon Jay gewesen war und was nicht? Nein, besser er erzählte Lewis nichts davon. Sie hatten schon genug Probleme.

      Du hast mir nie verraten, wann ich dich abholen soll. Mittagessen?
      Wenn wir Abendessen machen, dann bleiben wir garantiert bei
      meinen Eltern hängen. Ich bin jetzt durch, also ziehen sie wieder aus.


      Kaum hatte Santi diese Nachricht abgeschickt, schon fühlte er sich ein bisschen motivierter. Er rollte aus dem Bett und nahm das Tablett mit dem leeren Teller und dem leeren Saftglas mit in die Küche, wo seine Mutter bereits am Kochen war. Sie hatte sich die letzten Tage damit beschäftigt, Santis Kühlschrank mit Essen zu füllen, dass er nur wieder warm machen musste. Es war unwahrscheinlich, dass er das alles allein vernichtet bekam, aber das war gar nicht der Punkt dahinter. Seine Mutter kochte, um sich selbst zu beruhigen.
      "Gracias mamá. ¿Dónde está papito?"
      "Ah, der ist draußen im Hof und bemuttert deine Pflanzen. Dein kleiner Kräutergarten hat es ihm wirklich angetan."
      Santi lächelte schwach. Diese Pflanzen lebten überhaupt nur, weil ihm sein Vater das Gärtnern beigebracht hatte. Wenn Santi sich einmal mehr nicht aus dem Haus traute, dann kamen die ganzen Kräuter und das Bisschen Gemüse, um das er sich kümmerte, eigentlich ganz gelegen.
      Seine Mutter legte den Kochlöffel beiseite und wandte sich ihm zu, ergriff beide seiner Hände.
      "¿Cómo estás, hijo mío?" fragte sie auf die Art und Weise, die von echtem Interesse zeugte.
      "Besser," gestand Santi ehrlich. "Müde. Erledigt. Aber zu wissen, dass es vorbei ist, macht es besser."
      "¿Se acabó? ¿Seguro?"
      "Sí, mamá."
      Santi biss sich auf die Zunge, als ihm seine Mutter in die Arme fiel und fest drückte. Er schluckte den Schmerz in diesem Moment - kein Grund, sie noch mehr zu beunruhigen, wenn sie sich gerade so freuen konnte. Sie hinterfragte nicht, woher er wusste, dass er mit allen Alpträumen durch war. Sie vertraute Santi damit.
      "Kann ich dir helfen?" fragte Santi, als seine Mutter ihn endlich wieder losließ.
      Sie band ihn natürlich sofort mit ein. Das bisschen Hausarbeit half Santi dabei, zu sich selbst zurück zu finden, nach der Nacht, die er gehabt hatte. Er war immer noch völlig fertig, aber ein bisschen Abwasch konnte er händeln.


    • - Theoretisch.
      Ja, so könnte man in etwa beschreiben, was auch Lewis diese Nacht getan hatte. Aber während Lewis wenigstens manchmal geschlafen hatte, hatte Santiago Albträume gehabt, die ihm seinen ganzen Schlaf geraubt hatten. So gesehen war Lewis also noch besser davongekommen.
      Jetzt starrte er auf den Bildschirm und überlegte angestrengt, was er als nächstes schreiben sollte. Sie schrieben sonst ständig und doch war es jetzt schwierig, neue Nachrichten zu formulieren. Zumindest etwas, mit dem Santiago auch etwas hätte anfangen können, und nicht einfach nur platte "Okay"s oder "Gut"s. Er wollte mit ihm schreiben. Er wollte so vieles und das stand im direkten Kontrast zu den abgrundtiefen, gruseligen Augen, die er noch immer in seinen Träumen sah.
      Dann kam eine neue Nachricht rein und er atmete erleichtert auf. Mittagessen hörte sich gut an. Abendessen hörte sich auch gut an, nur vielleicht ohne Eltern. Aber Santiago war durch? Etwa ganz durch? Hieß das auch...
      Ein kalter Schauer lief seinen Rücken hinab und er musste erst nochmal ziehen, um dem Gefühl entgegen zu wirken. Santiago hatte die Albträume durch, das war gut, ganz fantastisch. Das hieß auch, dass er genau wissen musste, wovor Lewis sich fürchtete. Er musste wissen, dass Lewis dumm genug war, Angst vor seiner eigenen Magie zu haben.
      Das war doch beschissen. Santiago würde es doch sicherlich verstehen können, immerhin war ihm seine Magie sicher auch nicht so recht. Aber seine Magie beinhaltete nunmal Albträume und Paranoia und nicht einfach nur scheiß Knoten. Lewis durfte ruhig Angst vor dem Monster im Schrank haben, aber doch nicht davor, Entscheidungen zu treffen. Das war doch peinlich.
      Er rauchte seinen Joint in einem Zug zu Ende, fuhr sich durch die Haare, stand auf und ging in die Küche. Das Handy hielt er die ganze Zeit über offen und legte es auf den Tisch. Im Kühlschrank fand er einen Orangensaft, von dem er einen Schluck nahm, dann war er zurück am Handy.
      Es störte ihn und es würde ihn stören, bis er nicht herausgefunden hatte, was Santiago davon hielt. Vielleicht hatte er ja... keine Ahnung. Vielleicht war das Schicksal gnädig mit Lewis und hatte Santiago einen Albtraum überspringen lassen.
      - Mittagessen!
      Er biss sich auf die Lippe. Seine Finger setzten eine Nachricht hinzu.
      - Ich lad dich ein ;)
      Nein, das war jetzt dumm gewesen. Richtig dumm gewesen. Aber er hatte die Nachricht schon abgeschickt und stopfte das Handy schnell in seine Hosentasche. Dann rieb er sich das juckende Gesicht und seufzte gequält.

      Santiago kam pünktlich wie ein Uhrwerk und hielt direkt vor der Tür, damit Lewis nur noch einsteigen brauchte, was er schnell tat. Er fühlte sich merkwürdig auf der Straße, was ganz bestimmt nicht damit zusammenhing, dass er vor wenigen Tagen noch filmreif von der Straße gepflügt worden war. Anscheinend war der erste Schock soweit überwunden, dass er sich jetzt mit sowas auseinandersetzen durfte.
      "Hey."
      Santiago trug seine Sonnenbrille nicht, das Zeichen dafür, dass er gerade ausbalanciert war. Seine Bernsteinaugen waren völlig normal und unauffällig, trotzdem spürte Lewis ein leichtes, unangenehmes Kribbeln bei ihrem Anblick. Damit würde er sich wohl auch noch auseinandersetzen müssen. Er wandte den Blick ab.
      "Alles überstanden?"
    • Es war ein kleiner Krampf gewesen, aus seiner eigenen Wohnung herauszukommen. Seine Mutter hatte gleich gewusst, was Santi vorhatte, als er den Fehler beging, gleich aufzustehen und sich seinem Kleiderschrank zu widmen direkt nachdem er auf sein Handy geschielt hatte. Rosalia di Natale erkannte es auf eine Meile entfernt, wenn ihr Sohn sich für ein Date fertigmachte. Sie war ihm sofort hinterher geeilt und hatte ihn darüber ausgequetscht, wo er hin wollte und mit wem er sich denn traf. Lachend erklärte Santi ihr, dass er sich mit Lewis zum Mittagessen traf.
      "Er kann doch herkommen und ich koche was," schlug sie vor, während Santi sich eine dunkle Jeans raussuchte.
      "Er hat gesagt, er will mich einladen, mamá. Und bei den ganzen Resten, die du mir gemacht hast, können wir uns zu zweit noch eine Woche ernähren."
      "Was, wenn ich für ihn kochen will, hm? Der Junge hat doch gar nichts auf den Rippen."
      "Mamá."
      "Ja ja, ich hör ja schon auf."
      Sie ließ ihn in Ruhe und beschäftigte sich lieber damit, ihre eigenen Klamotten zusammenzupacken. Santi warf zu der Jeans ein schlichtes, schwarzes T-Shirt und eine graue Sweatjacke. Beinahe wäre er unbesorgt ins Badezimmer verschwunden. Beinahe.
      Als er aufsah und die halb geschlossene Tür erblickte, da hielt er inne. Lewis mit einem Loch im Kopf, einer Nadel im Arm, einem Messer in der Hand zuckte vor seinem geistigen Auge vorbei. Was würde er hinter dieser Tür finden? Santi schluckte, schloss die Augen, zwang sich dazu, einen tiefen Atemzug zu nehmen. Er packte seine Klamotten und eilte ins Badezimmer, ohne wirklich hinzusehen. Erst, als er unter der Dusche stand, entspannte er sich ein bisschen. Er war ja daran gewöhnt, sich vor absoluten Nichtigkeiten zu fürchten, aber das hier war ein neues Tief, wie er fand. Eine dämliche kleine Tür hatte ihn gerade an den Rand einer Panikattacke gebracht. Eine Tür, in die er mit einem gezielten Schlag seiner Faust mit Leichtigkeit ein Loch schlagen konnte. Lachhaft.

      Santi fuhr seine Eltern nach Hause, die ihm das Auto ohne groß zu fragen ausliehen. Sie wollten nicht, dass er in seinem Zustand mit dem Motorrad unterwegs war. Er verabschiedete sich schnell und herzlich - und versprach, demnächst zum Abendessen aufzutauchen - dann fuhr er weiter, um Lewis abzuholen.
      Er parkte direkt vor Jays Haustür.
      "Hey," grüßte Lewis.
      "Hey," erwiderte Santi mit einem halben Lächeln.
      Er wartete, bis Lewis sich angeschnallt hatte, dann manövrierte er aus der Straße in den New Yorker Verkehr hinein.
      "Alles überstanden?"
      "Mehr oder weniger, ja. Ich könnte ein ordentliches Nickerchen vertragen, aber wann tue ich das mal nicht?"
      Ganz normal, da war nichts besonderes an Santis letztem Alptraum gewesen, er hatte definitiv nicht nach Schnitt- oder Schusswunden gesucht, als Lewis eingestiegen war.
      "Wo fahren wir hin?"


    • Lewis lachte auf Santiagos Bemerkung, vielleicht ein wenig lauter, als es gerechtfertigt gewesen wäre. Vielleicht ein bisschen zu gezwungen. Danach schloss er den Mund und sank auf seinem Sitz ein wenig nach unten. Er hatte keine Ahnung, wie lange er die Unsicherheit aushalten konnte, was Santiago von seinem Albtraum hielt.
      "Wo fahren wir hin?"
      "Wie wär's mit Sushi?"
      Er nannte ihm eine Adresse und Santiago fuhr sie entsprechend. Lewis starrte währenddessen den Fußraum an und fühlte sich nach jeder schweigsamen Minute nur umso beschissener. Er hatte sich den ganzen verbliebenen Morgen schon gefragt, was Santiago jetzt davon hielt, dass er sich vor der harmlosesten aller Magien fürchtete, aber der Mann verhielt sich relativ normal, was die Sache nicht besser machte. Lewis wollte es nicht wissen, aber er musste es wissen. Er schielte mehrmals zu Santiago herüber und ertappte ihn dabei, wie er zurückschielte. Das machte es nicht besser, sondern merkwürdiger. Sie schwiegen und die Stille war unangenehm.
      An ihrem Ziel blieb Santiago abrupt vor der Tür stehen, was Lewis zwar auffiel, worüber er aber nicht weiter nachdachte, als er sie ihm öffnete. Sie ließen sich einen Tisch geben und bestellten zu trinken. Es gab Running Sushi, wodurch Lewis sich gleich erst damit beschäftigen konnte, sich einen Pudding zu sichern. Damit hatte er für den Moment zumindest etwas zu tun.
      "Alsoo..."
      Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl herum, sah kurz Santiago an, sah wieder weg. Verflucht sollte seine Magie sein, dass sie ihm keine ganzen Gespräche vorhersagen konnte. Die einzige Information, die er seit dem Reinkommen von Santiago bekommen hatte, war welches Sushi er als erstes wählen würde. Sehr hilfreich.
      "Wie, ähm... wie war's? Deine..."
      Er sah ihm kurz in die Augen und tippte sich gegen die Schläfe.
    • "Sushi klingt gut."
      Santi bog an der nächsten Kreuzung ab, um sie auf den richtigen Kurs zu bringen, nachdem Lewis ihm eine Adresse nannte. Er konzentrierte sich sehr stark auf den Verkehr, schließlich musste er sicherstellen, dass sie nicht einfach verfolgt wurden. Apollo war immer noch da draußen und er wollte immer noch ihre Köpfe haben für was auch immer sie angeblich verbrochen hatten. Ja, das war der einzige Grund, warum Santi vor sich hin schwieg und lieber die Straße im Blick behielt als den Streuner auf seinem Beifahrersitz. Ganz davon abhalten, hin und wieder in seine Richtung zu schielen, konnte er sich dann aber doch nicht.
      Viel erkennen konnte Santi nicht, aber anhand der unangenehmen Stille konnte er sich denken, wie Lewis sich fühlte: nicht viel besser als er selbst. Glücklicherweise erreichten sie das Restaurant relativ zügig und ohne große Komplikationen. Unangenehmes Schweigen war sehr viel leichter zu ertragen, wenn man an der frischen Luft war als zusammen in ein Auto gepfercht.
      Santi bemühte sich, sich nicht von der Tür zum Restaurant zu erschrecken - mehr schlecht als recht - dann saßen sie schon an einem kleinen Fließband voller Leckereien und Lewis angelte direkt nach einem Dessert. Santi selbst bediente sich an einer Platte Sashimi.
      "Wie, ähm... wie war's? Deine..."
      Lewis tippte sich an die Schläfe. Jetzt gab es wohl wirklich kein Entkommen mehr, hm?
      "Wie soll ein Alptraum schon sein?" gab Santi zurück und rieb sich den Nacken, vermied Augenkontakt. "Mir wär's lieber gewesen, wenn du vor Spinnen oder sowas Angst hättest. Dann wäre ich eingewickelt geworden und aufgewacht."
      Er seufzte, brach seine Stäbchen auseinander, starrte sein Essen an.
      "Ich hab festgesteckt," beichtete Santi dann. "Ich hab volle acht Stunden geschlafen, aber nur, weil ich nicht aufwachen konnte. Ich bin sogar schlafgewandelt, laut meinen Eltern. Bin einfach durch meine Wohnung gewandert."
      Dass sie ihn weinen gesehen hatten ließ Santi einfach mal unter den Tisch fallen. Genauso wie sämtliche Details seines Traumes. Er tat das, um Jays Privatsphäre zu schützen, versuchte er sich einzureden, aber er wusste ganz genau wie schwach diese Ausrede war.
      "Ist es... ist es wirklich so anstrengend?" fragte Santi dann, seine Stimme kaum hörbar in dem kleinen Restaurant. "Sind da wirklich so viele Möglichkeiten zu allem?"


    • "Mir wär's lieber gewesen, wenn du vor Spinnen oder sowas Angst hättest. Dann wäre ich eingewickelt geworden und aufgewacht", gab Santiago zurück. Lewis schnaubte in dem Versuch, der Situation etwas Humor aufzuzwingen. Natürlich erfolglos. Er fühlte sich einfach hundsmiserabel.
      Santiago gab ein Seufzen von sich, das Lewis aufsehen ließ. Er hatte sich Sushi genommen, starrte es jetzt aber an, als könne er sich nicht dazu abringen, es auch zu essen.
      "Ich hab festgesteckt."
      Lewis zuckte innerlich. Ihm wurde im einen Moment ganz heiß und dann ganz kalt. Dann hatte Santiago also wirklich ganz das gesehen, was er Lewis aufgezwungen hatte. Lewis wusste nicht, was er damit anfangen sollte, jetzt, wo es einmal offen auf dem Tisch lag.
      "Ich hab volle acht Stunden geschlafen, aber nur, weil ich nicht aufwachen konnte. Ich bin sogar schlafgewandelt, laut meinen Eltern. Bin einfach durch meine Wohnung gewandert."
      Das hörte sich wirklich schlimm an - und war perfider Weise genau das, was auch Lewis bei sowas erlebte. Kein Gefühl für den Körper, keine Möglichkeit, aufzuhören. Nur immer weiter Knoten ansehen, weiter und immer weiter. Bis jemand ihn aufweckte.
      "Sorry", nuschelte er. Jetzt fühlte er sich wirklich nur noch schlecht. Santiago hatte ihm zwei Stunden Albtraum verpasst und Lewis hatte ihm acht Stunden zurückgegeben. Theoretisch waren sie damit wieder quit, aber es war trotzdem scheiße.
      "Ist es... ist es wirklich so anstrengend?"
      Lewis duckte sich bei der Frage ein wenig tiefer. Der Pudding war mit einem Mal höchst interessant.
      "Sind da wirklich so viele Möglichkeiten zu allem?"
      "Manchmal."
      Er zuckte unverbindlich und hoffentlich unbekümmert mit den Schultern.
      "Manchmal ist es nicht so viel, dann ist es ja auch nicht schlimm. Aber es kann auch... 100 Möglichkeiten geben. Und zu jedem dieser Pfade nochmal 100 und zu jedem davon nochmal 100. Das ist dann... keine Ahnung, rechne du es aus. Das ist scheiße viel. Aber ich weiß ja nie, dass es so viel werden wird, ich sehe dann nur, dass mehr kommen und mehr kommen und ich kann nicht..."
      Er zermatschte den Pudding zu einer glibberigen Masse.
      "Ich muss die anschauen, ich kann die nicht nicht anschauen. Und je länger ich schaue, desto mehr verliere ich das Gefühl für alles andere, bis ich irgendwann gar nicht mehr bemerke, dass ich eigentlich irgendwo sitze und meine Magie wirke. Aber wenn mir genau das dann wieder einfällt, dann ist es schon zu spät, dann kann ich es schon nicht mehr ändern. Dann spüre ich meinen Körper schon nicht mehr. Das ist wie..."
      Er sah Santiago kurz an.
      "Wahrscheinlich ist das wie zu schlafen, bis man irgendwann merkt, dass es ein Traum ist. Nur kann man einfach nicht aufwachen. Und ich weiß nicht, ob ich jemals wieder aufwachen kann. Wenn ich da... drin bin, hab ich kein Zeitgefühl, dann fühlt sich das an wie Jahre, auch wenn's nur eine Stunde war."
      Er sah wieder seinen Pudding an und kratzte in der Schüssel herum.
      "Ist scheiße. Manchmal wünschte ich, ich hätte das gar nicht. Dann hättest du auch von Spinnen träumen können."
    • Santi wusste nicht, ob er eine Grenze überschritt, aber es war ihm ehrlich gesagt auch egal, als er seine Hand vorsichtig auf die von Lewis legte; die gesündere natürlich. Er drückte sie leicht.
      "Ich kann nicht versprechen, dass ich immer da sein werde," sagte er. "Aber wenn dir das jemals passiert, während ich in der Nähe bin, dann hol ich dich da raus. Ich werd dich immer rausholen, egal wo. Darauf hast du mein Wort."
      Er suchte Lewis' Blick, um ihm klarzumachen, wie ernst er das meinte. Ihm war vollkommen egal, was aus ihnen beiden werden würde, aber solange Santi anwesend war, würde sich Lewis niemals in seiner Magie verlieren. Das würde er nicht zulassen. Er hatte das jetzt nur einmal mitmachen müssen, er konnte es einfach nicht zulassen, dass es Lewis passierte.
      "Ich mach dir auch 'ne heiße Schokolade, wenn du willst."
      Santi lächelte schief, dann ließ er Lewis los und widmete sich seinem Essen. Heute Morgen noch hatte er sich dazu zwingen müssen, ein einfaches Frühstück zu essen, jetzt hatte er doch tatsächlich ein bisschen Hunger. Er verputzte seine Sashimiplatte, dann angelte er sich gleich zwei weitere Teller.
      "Mal abgesehen von unseren furchtbaren Versuchen, ein bisschen Schlaf abzubekommen: wie geht's dir? Was macht die Hand?"
      Santi selbst war einigermaßen auf den Beinen, auch wenn seine Verletzungen noch lange nicht verheilt waren. Er hatte sich aber so sehr daran gewöhnt, dass sie jetzt eher nervig als schmerzhaft waren. Gerade die Schiene an seinen Fingern störte ihn: seine Finger juckten und ständig war dieses kleine Stück Plastik und Metall im Weg.


    • Lewis sah zu ihm auf, als Santiago die Hand über seine legte. Sein Blick hatte eine Intensität abgenommen, von der Lewis sich einfach nicht abwenden konnte.
      "Ich kann nicht versprechen, dass ich immer da sein werde. Aber wenn dir das jemals passiert, während ich in der Nähe bin, dann hol ich dich da raus. Ich werd dich immer rausholen, egal wo. Darauf hast du mein Wort."
      Lewis starrte ihn an ohne zu blinzeln. Er hatte das Gefühl, dass Santiago nicht nur seine Magie meinte, und dass er auch nicht nur irgendwelche Unterschlüpfe meinte, in die Lewis entführt worden war. Und das Gefühl, das ihn dabei ergriff, hätte nicht anders als komisch beschrieben werden können, wie ein warmer Schauer, der ihm über den Rücken fuhr, und ein angenehmes Kribbeln im Bauch. Plötzlich war Santiagos Hand so wunderbar, wie sie so auf seiner lag, und plötzlich war es so schön, hier mit Santiago zu sein und in diese Augen zu blicken, die auch ganz anders als das konnten. Plötzlich war alles so viel besser. Lewis spürte, wie er einen Atem ausstieß, den er gar nicht angehalten hatte.
      "Ich mach dir auch 'ne heiße Schokolade, wenn du willst."
      Da lächelte Lewis endlich und als Santiago auch zu lächeln begann, weitete es sich zu einem Grinsen aus. Er drehte seine Hand und schlüpfte unter Santiagos hervor, um ihre Finger miteinander zu verschränken. Es war ihm egal, wie schnulzig das war, im Moment ging er in dem Gefühl geradezu auf.
      "Ich mag meine am liebsten mit Sahne."
      Santiago kommentierte das mit hübschen Lachfältchen um die Augen. Er ließ ihn los und widmete sich zum ersten Mal wirklich dem Essen. Auch Lewis hatte jetzt Appetit auf Fisch bekommen.
      "Mal abgesehen von unseren furchtbaren Versuchen, ein bisschen Schlaf abzubekommen: wie geht's dir? Was macht die Hand?"
      "Geht schon besser. Tut noch weh, ist aber nicht mehr so schlimm. Ich werd das nochmal anschauen müssen, weil das Nerven kaputt gemacht hat und sowas, aber passt schon."
      Er schob sich ein Maki in den Mund.
      "Es würde mir natürlich noch viel besser gehen, wenn ich Apollo eine Kugel ins Hirn jagen könnte. Er hat keinen Kontakt zu dir aufgenommen, oder? Deine Wohnung ist auch noch safe? Keine Verfolger?"
    • Und plötzlich war alle Awkwardness verschwunden. Es war beinahe wie früher zwischen ihnen. Zumindest für den Moment, aber Santi würde sich nicht über ein paar Minuten Frieden beschweren, ganz im Gegenteil. Er würde das hier so lange genießen, wie er nur konnte.
      "Apollo hat sich noch nicht bemerkbar gemacht, nein. Ich hoffe, dass ihn das Kopfgeld eine Weile in Schach hält, damit wir uns was überlegen könnten."
      Santi tunkte eine California Roll in sein Dippen Sojasauce und überlegte, während er kaute.
      "Ich will wissen, was sein Problem ist," meinte er schließlich. "Wir haben nichts getan, was ihn so gegen uns aufbringen könnte, meiner Meinung nach. Klar, das Ding mit dem Museum war keine Glanzleistung, aber mal ehrlich: der Plan war doch von vornherein dumm. Wenn er was bestimmtes haben wollte, dann hätte es hundert andere, bessere Wege gegeben, da auch dran zu kommen."
      Er schüttelte den Kopf. Er war diesen Tag mehrfach gedanklich durchgegangen und es machte einfach keinen Sinn, dass Apollo auf diesen speziellen Ablauf bestanden hatte. Genauso wenig machte es jetzt Sinn, dass er ihn und Lewis verfolgte.
      "Wir sollten versuchen herauszufinden, was er so dringen aus diesem Museum haben wollte. Ich glaube, wenn wir das herausfinden, dann finden wir auch heraus, warum er so hinter uns her ist. Ich kann ein paar Gefallen einfordern, wenn wir Verstärkung brauchen, aber das würde ich eher unten auf die Liste setzen wollen."


    • Lewis nickte nachdenklich.
      "Er denkt, du hast was von ihm gestohlen von dem Transporter. Oder, nein, er denkt einer von uns hat irgendwas gestohlen, aber bei mir hat er es nicht gefunden und von dir konnte er nicht einmal die Adresse herausfinden."
      "Wir sollten versuchen herauszufinden, was er so dringen aus diesem Museum haben wollte. Ich glaube, wenn wir das herausfinden, dann finden wir auch heraus, warum er so hinter uns her ist. Ich kann ein paar Gefallen einfordern, wenn wir Verstärkung brauchen, aber das würde ich eher unten auf die Liste setzen wollen."
      Lewis spielte mit seinen Stäbchen mit ein paar Reiskörnern herum. Er würde auch darauf verzichten, mehr Leute als nötig ins Boots zu holen. Je mehr davon wussten, desto leichter konnte Apollo ihnen wieder auf die Schliche kommen.
      "Wir könnten ins Museum einbrechen, du und ich. Wäre nicht unser erstes Mal."
      Er grinste Santiago ein wenig an, auch wenn er nervös bei der Aussicht wurde, einen zweiten Einbruch wie schon bei der Federal abzuziehen. Gut, jetzt mussten sie zwar in keinen Bunker kommen, aber das machte die Sache auch nicht unbedingt leichter.
      "Die müssen doch sicher über alles ein Verzeichnis haben, was da irgendwie raus oder reinkommt. Oder vielleicht hat Jericho was? Hast du mit ihm Kontakt, kann er sich da reinhacken?
    • Ins Museum einbrechen? Eigentlich keine so schlechte Idee. Die Sicherheitsvorkehrungen würden jetzt wahrscheinlich stärker als vorher sein, aber dieses Mal könnten sie nach ihren eigenen Regeln spielen. Santi hatte schon oft genug was aus einem Museum geholt - öffentlich und privat - so schwer war das gar nicht. Insbesondere nicht, wenn es nur eine Bestandsliste war und kein wertvolles Stück.
      "Jericho macht Urlaub. Wir mussten dich irgendwie finden und Jericho hat doch ein Händchen für Verkehrsüberwachung, da hab ich angerufen. Im gleichen Atemzug hab ich Jericho vor Apollo gewarnt. Nachdem ich Bescheid gesagt habe, dass wir dich rausgeholt haben, hat sich Jericho dann auf meine Empfehlung hin in den Urlaub verkrochen. Keine Ahnung wo, keine Ahnung, ob man dieses Wo irgendwie erreichen kann."
      Santi stellte seine Teller zurück auf das Fließband und nahm sich einen neuen.
      "Sollte aber kein Problem sein. Ich hab schon eine Idee, wie wir an die Bestandsliste kommen."
      Santi brauchte nur mehr Details über die aktuelle Aufstellung des Museums. Sicher, mit einem Hacker wäre all das leichter, aber Santi hatte sowas schon oft genug allein durchgezogen, um es auch wieder allein hinzukriegen. Oder eben mit ein bisschen beinahe-hellseherischer Hilfe.
      "Wenn ihr Zeug von A nach B bringt, dann stellt ihr kein Verpackungsmaterial, oder?" frage Santi, während er auf einer Garnele herumkaute.
      Er war schon dabei, sich einen Plan zurechtzulegen, der so simpel war, dass kaum ein Museum sich dagegen wappnete. Teure Sicherheitssysteme konnte man ganz leicht ausschalten, wenn man sich ausschließlich auf die menschliche Komponente konzentrierte - und damit war nur selten das eigentliche Sicherheitspersonal gemeint. Die waren darauf trainiert, Gefahren zu erkennen und zu eliminieren. Aber Gus aus der Buchhaltung war das nicht. Fand man den Schwachpunkt im System, dann kam man rein und raus, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, selbst wenn man keine Kontrolle über das System hatte.


    • Jericho fiel also raus. Damit rückte die ganze Idee wieder in weitere Entfernung, aus Lewis' Sicht, denn ohne Hacker ließ sich so gut wie gar nichts machen. So hatte er zumindest gedacht, bis Santiago ganz unbekümmert ergänzte:
      "Sollte aber kein Problem sein. Ich hab schon eine Idee, wie wir an die Bestandsliste kommen."
      Neugierig hob er den Kopf, um sich die Ideen seines Freundes anzuhören. Tatsächlich hatte er vergessen, dass er wirklich auch so sein konnte, wie er aussah. Das ganze Gerede von heißen Schokoladen und Albträumen ließ einen wohl schnell übersehen, wie dick Santiagos Muskeln waren und dass er von Apollo schließlich auch persönlich angeheuert wurde.
      "Wenn ihr Zeug von A nach B bringt, dann stellt ihr kein Verpackungsmaterial, oder?"
      "Nein, das macht der Eigentümer. Kunstgegenstände haben aber eigene Auflagen, soviel weiß ich sicher. Ein Museum wird das sicher vorrätig haben."
      Hinter Santiagos Gehirn arbeitete es und Lewis war ganz erpicht darauf, ihm bei seiner Arbeit zuzusehen. Santiago hatte schon vage Andeutungen gemacht, dass er solche Sachen schon öfter getan hatte - noch dazu alleine - und Lewis wollte einfach unbedingt wissen, ob er besser war als Apollo. Es musste fast so sein, es war doch schließlich Santiago. Bisher gab es nichts, was der Mann nicht könnte.
      Sie schmiedeten ihre oberflächlichen Pläne, leise unterhaltend in einem Restaurant, in dem man nicht unbedingt Einbrüche in Museen belauschen musste. Doch es war ein Plan und als Santiago Lewis später wieder zu Jay fuhr, hatten sie einen Ansatz, wie sie anfangen sollten. Nur ins Museum einbrechen, die Transportliste beschaffen, das gewünschte Objekt identifizieren. Das war noch lange nicht die Ausmaße eines Einbruchs in die Federal, deswegen hörte es sich auch schon fast zu einfach an.
      Santiago bewies ganz eindeutig, dass er die meiste Ahnung von diesen Sachen hatte, deswegen überließ Lewis ihm auch die meiste Planung. Lewis war sowieso nicht gut, eigenständig zu arbeiten, wenn ihm nicht irgendjemand sagte, was er überhaupt zu tun hatte. So war es ihm nur recht, dass Santiago ganz automatisch die Führung übernahm.
      Jay erzählte er natürlich nichts davon. Sein Bruder hätte ihm nur geraten, sich von Apollo fernzuhalten, den Kopf tief zu halten und sich lieber darauf zu konzentrieren, dass sie die Sinaloa nicht noch einmal verärgerten. Deswegen musste Lewis in der Zeit ihrer Planung auch ganz strategisch mit Jay ins Büro fahren und die Mittagspause seines Bruders abwarten, bis er auf den internen Parkplatz schlenderte. Dort standen alle gerade ungebrauchten Lieferfahrzeuge, darunter auch ein größerer Transporter, dessen Art Lewis schon mit Santiago von innen gesehen hatte. Die Fahrertür stand offen und ein Bein schaute raus.
      "Hey Gregory."
      Greg sah ihn und richtete sich von seiner halb liegenden Position auf.
      "Hey, man. Alles klar?"
      Sein Blick fiel auf Lewis' bandagierte Hand.
      "Was hast du denn mit deiner Hand gemacht?"
      "Ist ein Laster drüber gefahren."
      Greg schnaubte.
      "Was kann er auch wissen, dass da eine Hand im Weg liegt."
      "Dumm, oder? Kiffen?"
      "Klar."
      Greg war schon langjähriger Fahrer bei ihnen, höchst legal angestellt, höchst illegal ausgebildet. Er war einer von denen, dem Jay so sehr vertraute, um ihm genau zu sagen, wie viel Gramm sich in seiner kostbaren Fracht befanden. Außerdem war Greg Raucher und damit schon automatisch in Lewis' Bekanntenkreis. Lewis hatte ein ganz natürliches Talent, sich mit Rauchern und Kiffern anzufreunden.
      Er ging zum Beifahrersitz, stieg ein und schloss die Tür. Greg schloss ebenfalls die Tür, nachdem Jay auf Firmen-Grundstück zwar Rauchen gestattete, aber nicht kiffen oder irgendwelche anderen Drogen. Und dann erst recht nicht, wenn Lewis dadurch die Angestellten ablenkte.
      Er nahm einen Joint heraus, steckte ihn sich an und dann teilten sie ihn sich. Auf halber Strecke nickte Lewis zum Funkgerät.
      "Kann ich mir das mal ausleihen?"
      Greg sah auf das klobige Teil hinab.
      "Das ist von der Firma, davon müsste es noch -"
      "Nein, ich meine das interne."
      Lewis tippte sich ans Ohr und Greg ging ein Licht auf.
      "Ich hab nur das eine. Und wenn ich das mal brauch, sieht's scheiße aus."
      "Ich leih es mir nur aus, einen Tag lang. Du benutzt es doch eh selten."
      Greg stieß eine Wolke aus.
      "Alter, beim letzten Mal musste ich den Transporter in die Luft gehen lassen."
      "Okay, ja, aber danach kam wieder nichts mehr. Nur einen Tag. Wenn was passiert, nehm ich's auf meine Kappe."
      Greg hatte keine Ahnung, wie schlimm es mit dem Sinaloa stand, deswegen sah er Lewis jetzt auch nachdenklich an und stimmte schließlich zu. Lewis vertraute darauf, dass Gregs Fähigkeiten ihn schon irgendwie retten würden. Außerdem war das letzte Mal auch irgendwie seine eigene Schuld und diesmal würde er die Firma raushalten.
      "Ich geb dir das Datum weiter. Lass es dann nach Feierabend hier im Handschuhfach oder sowas und ich werd's einen Tag drauf auch wieder da reinlegen."
      "Geht klar."
      Damit überließ Lewis ihm den restlichen Joint und stieg wieder aus. Sein kümmerlicher Teil des Plans war schon fast erledigt.
    • Es war zwar schon eine kleine Weile her, dass sich Santi mit einem Einbruch hatte beschäftigen müssen - die meisten Leute heuerten ihn als Prügelknabe an - aber sowas war wie Fahrradfahren: man verlernte es nicht.
      Santi saß in Jogginghosen auf seinem Sofa, Laptop auf dem Schoß, Notizblock zu seiner Rechten. Er war ein bisschen old school was seine Methoden anging, aber Notizen auf Papier konnte man im Nachhinein verbrennen, also warum sollte er was anders machen?
      In den letzten paar Tagen hatte er sich alles Mögliche and Informationen über das Museum besorgt: Layout der einzelnen Flügel und Ausstellungen, Ausstellungsstücke, Anfahrt, Parkmöglichkeiten, Uniformen, Anzahl der Kameras, Position der Liefereingänge. Außerdem war er ein bisschen shoppen gewesen und hatte sowohl sich, als auch Lewis jeweils einen Blaumann, ein paar ordentliche Arbeitsschuhe (secondhand) und Warnwesten besorgt. Die lagen alle in einer Papiertüte auf der metallenen Treppe zu seinem kleinen Loft. Das einzige, was jetzt noch fehlte, was ein Lieferwagen. Nichts großes; seine Recherche hatte ergeben, dass das Museum viel lieber kleinere Vans benutzte, um die Kunstwerke und so weiter sicher zu transportieren. Sollte ihm nur recht sein, das hieß nämlich, dass er sich einfach einen mieten konnte, ohne groß aufzufallen.
      Und genau das tat er gerade. Er scrollte durch die Website einer Leihfirma und suchte nach einem passend unscheinbaren Modell. Das war auch schnell gefunden - und angemietet.
      Santi griff nach seinem Smartphone und schrieb Lewis:

      Hab alles vorbereitet. Wir ziehen die
      Sache am Donnerstag um vier durch.
      Ich hol dich eine halbe Stunde vorher bei
      der Firma ab.


      Er zögerte kurz. Lewis hatte schon gesehen, wie er seine Arbeit machte. Aber irgendwie hatte Santi das Gefühl, dass es diesmal anders war, wegen allem, was zwischen ihnen passiert war. Also setzte er gleich hinzu:

      Ich werde mir mindestens einen Alptraum holen,
      sobald ich drin bin.


      Santi warf sein Smartphone beiseite. Er wollte die Antwort auf seine Nachricht nicht sehen. Oder doch? Schwer zu sagen.
      Er klappte seinen Laptop zu und ging seine Notizen noch einmal durch. Alles in allem sah es nach einem einfachen Job aus. Nichts, was er nicht schon dutzende Male zuvor getan hatte. Leicht zu planen, leicht durchzuziehen, wenn man kein verwöhnter reicher Sack war, der Dinge unnötig verkomplizierte.


      Wie angekündigt holte Santi den Streuner pünktlich um halb vier bei der Firma seines Bruders ab. Er fuhr in einem grau-blauen Van vor, der für alles mögliche Verwendung finden könnte: Umzüge, private Bauarbeiten, Blumenlieferungen. Ihm war bewusst, wie Lewis' letzte Begegnung mit einem solchen Van verlaufen war, weswegen er sicher ging, am Van zu lehnen, bevor Lewis auftauchte.
      "Klamotten liegen auf deinem Sitz," erklärte er, als er Lewis das klobige Funkgerät abnahm. "Wenn alles nach Plan läuft, musst du nicht mal aussteigen, sondern einfach nur hinter dem Steuer sitzen und auf mich warten. Du musst nicht fahren, keine Sorge."
      Santi ließ Lewis zuerst einsteigen, bevor er selbst auf den Fahrersitz kletterte. Auf dem Beifahrersitz lagen der kleinere der beiden Blaumänner - Santi hatte seinen schon an - die Warnweste und eine Augenbinde, sollte Lewis sie benutzen wollen.
      Santi parkte das Funkgerät zwischen ihnen, dann fuhr er los in Richtung Museum.
      "Der Plan ist einfach," erklärte er, während sie durch den Verkehr dümpelten. "Wir parken beim Lieferanteneingang, ich geh rein und tue so, als ob bei einer letzten Lieferung Mist gebaut wurde und das Inhaltsverzeichnis nicht richtig war. Aufgrund der neuen Sicherheitsvorkehrungen mussten wir persönlich zurückkommen und den Fehler melden und untersuchen. Ich werd das so drehen, dass die mich mit ins Büro nehmen und deren eigene Lieferlisten abrufen wollen. Sobald das passiert ist, knocke ich aus, wer auch immer mit mir im Raum ist und besorge mir eine volle Inventarliste des Museums. Du sitzt in der Zwischenzeit im Van und behältst das Verhalten des Sicherheitspersonals im Blick. Die werden sich bei einem Notfall nicht vom Posten bewegen, aber die hängen alle am gleichen Funknetz. Sollte also jemand ein Problem melden, werden die Leute draußen zumindest mit ihrer Körpersprache darauf reagieren - das sollte genug sein, um deiner Magie zu verraten, wie groß das Problem ist."
      Der Alptraum, den ihm Lewis' Magie verschafft hatte, hing ihm noch immer in den Knochen, ja. Aber er war auch mit einer Art Einsicht gekommen, die sich jetzt als äußerst nützlich entpuppte: Santi hatte zumindest ein bisschen Gespür dafür bekommen, wie genau Lewis' Magie eigentlich funktionierte.
      "Geht alles glatt, komm ich mit der Liste raus, und wir fahren einfach weg. Notfallplan: ich mach den Schneeschieber und hole alles von den Füßen, was zwischen mir und dem Ausgang steht, du machst schonmal den Motor an und wir rasen weg. Sollte dich irgendjemand ansprechen oder sogar festsetzen: du weißt von nichts, du bist einfach nur ein Lieferant, dem man sagt, wo er hin soll. Du solltest zum Museum, dein Supervisor ist drinnen - ich. Notfallplan für den Fall dass alles richtig schiefgeht und wir es irgendwie schaffen, festgenommen zu werden: du sagst kein Wort, du verlangst ausschließlich nach deinem Anwalt."
      Santi gab Lewis den Namen eines der Anwälte, die Diego anstellte und die so ziemlich jeden aus allem herausreden konnten.
      "Und mit gar nichts meine ich gar nichts. Du sagst den nicht mal denen Namen, egal was die behaupten in Sachen Gesetze. Die einzigen Worte, die du sagst sind 'Ich will mit meinem Anwalt sprechen' und wenn sie nach deinem Anwalt fragen, nennst du ihren Namen. Punkt. Sieben Worte, zwei davon ein Name. Die New Yorker Polizei liebt nichts mehr als Leute zu verhaften für dies und jenes."
      Santi glaubte allerdings nicht, dass es überhaupt dazu kommen würde.

      Beim Museum angekommen hielt Santi dem Sicherheitsidioten ein paar gefälschte Papiere durch das Fenster. Er hatte sich unterwegs eine Mütze aufgesetzt, um seine knallroten Haare zu verstecken und trug eine schicke Brille ohne Stärke. Lustlos kaute er auf einem Kaugummi herum; er war das Bild eines gelangweilten Lieferanten.
      Der Sicherheitsidiot ließ sie durch zu den Lieferanteneingängen. Santiago parkte gekonnt rückwärts for einem der Tore und hüpfte aus dem Wagen, bewaffnet mit einem Klemmbrett. Er trat an einen weiteren Sicherheitsmenschen heran und wedelte mit der gefälschten Lieferliste auf dem Klemmbrett herum. Er nutzte einen starken, spanischen Akzent und hob seine Stimmlage ein wenig an, während er von fehlenden Objekten und falschen Objekten faselte. Der Sicherheitsmensch - eindeutig noch traumatisiert von welchem energischen Briefing die Belegschaft auch gehabt hatte nach dem missglückten Diebstahl - machte große Augen und winkte Santiago ohne zu zögern durch. Der Sicherheitsmensch nahm Santiago mit durch die Gänge im unzugänglichen Teil des Museums, bis sie ein Büro erreichten. Nach einem hektischen Anklopfen standen der Sicherheitsmensch und Santiago in einem kleinen, stickigen Büro. Der Sicherheitsmensch beeilte sich, die Tür zu schließen.
      "Sagen Sie ihm, was passiert ist," wurde Santiago angewiesen und der Sicherheitsmensch deutete auf den pummeligen Sesselfurzer, der an einem kleinen Schreibtisch hinter einem antiken Computer saß.
      "Chefe sagt Liste falsch," Santiago fuchtelte wieder mit dem Klemmbrett herum. "Sagt andere Sache auf Liste."
      Er rückte seine Brille zurecht und kniff die Augen zusammen, als könne er seine eigene Krakelschrift nicht entziffern.
      "Was?!" fachte der Sesselfurzer.
      "Liste falsch," wiederholte Santiago.
      "Kommen Sie her, kommen Sie her!"
      Santiago trat neben den Sesselfurzer und hielt ihm die falsche Liste hin. Der Sesselfurzer war jetzt schon gestresst genug, um die Liste kaum anzugucken, bevor er auf seiner Tastatur herumhackte, um nach der falschen Lieferung zu suchen. Santiago musterte den Sicherheitsidioten, der den beiden schon gar keine Aufmerksamkeit mehr schenkte. Gut.
      Er lehnte sich mit den Händen auf den Tisch, rückte dem Sesselfurzer ganz aus Versehen auf die Pelle. Sein kleiner Finger berührte das Handgelenk des Sesselfurzers, der sofort einfror. Santi spürte, wie seine Magie durch seine Adern rauschte und Besitz von dem Sesselfurzer ergriff.
      Geschockt richtete er sich auf, wandte sich so um, dass er den Sesselfurzer ansah, der Sicherheitsidiot seine Augen aber nicht sehen konnte.
      "Ist nicht gut, Señor? ¡¿Señor?!"
      Das war alles, was es brauchte, um den Sicherheitsidioten in Bewegung zu setzen. Er schob Santiago grob aus dem Weg, um nach dem Sesselfurzer zu sehen. Santiago packte den Sicherheitsidioten im Nacken und ließ seine Magie völlig von der Leine. Eine Sekunde später war er der einzige im Raum, der noch bei Sinnen war.
      Mit flinken Fingern machte sich Santiago über den Computer her, um die Inventarliste des Museums zu finden und sie auf einen USB Stick zu ziehen, den er mitgebracht hatte.


    • Donnerstag vier Uhr rückte in greifbare Nähe und Lewis erwischte sich dabei, wie er immer nervöser und nervöser wurde. Es war fast derselbe Nervenkitzel, den er auch vor Apollos Aufträgen verspürt hatte, die gute Art von Adrenalin, die einen auf ein high bringen konnte, was Drogen niemals vermochten. Fast. Aber ein Teil von ihm, der nicht allzu gering war, war sich der unglaublichen Risiken dieses Auftrags mehr als bewusst. Sie waren jetzt kein ganzes Team mehr, angeleitet von einem offensichtlichen Superreichen, der alles unter Kontrolle hatte und fünf Alternativpläne verlangte. Sie waren jetzt zu zweit. Zwar vertraute Lewis Santiago und seiner Expertise, vertraute darauf, dass der Mann sie durch alle Situationen schleusen konnte, aber das Gefühl ließ sich deswegen trotzdem nicht verdrängen. Lewis trug Verantwortung mit in diesen Job hinein und das stimmte ihn so unbehaglich. Er hatte schon genug Entscheidungen zu treffen, er wollte sie nicht auch noch für sich selbst treffen müssen. Irgendwo musste es eine Grenze geben.
      Aber durchziehen würde er es trotzdem. Alleine schon, um sich an Apollo dafür zu rächen, was er ihm angetan hatte.
      Santiago fuhr eine halbe Stunde vorher bei der Firma vor und Lewis verabschiedete sich bei Jay mit der billigen Begründung, sich noch Gras besorgen zu wollen, bevor es Abend war.
      Er ging mit einer gewissen Erleichterung, Jay erfolgreich angelogen zu haben, und stockte dann unmittelbar, als er draußen den Van erblickte. Der Anblick hätte nichts überraschendes sein sollen - erst recht nicht auf dem Gelände einer Lieferfirma - aber er jagte ihm ein so plötzlich unangenehmes Gefühl durch den Bauch, dass er davon zögerte. Was, hatte er jetzt etwa Angst vor einem scheiß Van? Am helllichten Tag? Das war doch lächerlich. Allerdings waren seine Schritte dann doch etwas schnell, als er damit auf Santiago zuhielt. Guter, braver Santiago, der an der Tür lehnte und seinem verkorksten Gehirn sagte, dass es nur sein Van und nicht… eben ein anderer war.
      "Klamotten liegen auf deinem Sitz", setzte Santiago an und Lewis übergab ihm sein Funkgerät. Es fühlte sich schon fast wie ein Deal an, so schnell, wie er es ihm in die Hand drückte.
      "Wenn alles nach Plan läuft, musst du nicht mal aussteigen, sondern einfach nur hinter dem Steuer sitzen und auf mich warten. Du musst nicht fahren, keine Sorge."
      Geht klar.
      Nicht, dass Lewis überhaupt gewusst hätte, wie man fuhr. Wenn sie wirklich in die Lage kamen, sich von Lewis fahren zu lassen, würden sie richtig in der Scheiße sitzen.
      Er stieg ein und fand die versprochene Kleidung auf seinem Platz. Woher Santiago die genommen hatte - keine Ahnung. Aber wer zuversichtlich in ein Museum einbrechen und eine Lieferliste entnehmen wollte, der konnte wohl auch so einen Overall auftreiben. Lewis stellte keine Fragen, sondern zwängte sich umständlich in die Kleidung, während Santiago anfuhr. Mit einiger Dankbarkeit entdeckte er die Augenbinde und steckte sie ein. Er würde sie jetzt nicht tragen, aber wer wusste schon, wie viel Magie er einsetzen würde. Es minderte seine Sorge um einiges.
      Auf der Fahrt ging Santiago noch einmal den Plan durch. Er war wirklich simpel und schien narrensicher, ignorierte man die Tatsache, dass Lewis diesmal keine Kameras zum Arbeiten bekam. Nicht eine einzige. Sonst hatte er immer sämtliches Geschehen auf dem ganzen Grundstück auf einmal zur Hand, heute würde er auf den Parkplatz beschränkt sein. Es würde ihm schlicht unmöglich sein, Santiago vor drohenden Gefahren zu warnen, und das stimmte ihn vielleicht so nervös. Seine Magie wirkte nur, wenn sie auch Futter zum Arbeiten bekam. Und wenn das Futter drinnen war, wo er es nicht sehen konnte?

      Beim Museum schlüpfte Santiago so nahtlos in die Rolle eines Lieferanten, dass Lewis den Übergang gar nicht bemerkte. Zu sehr war er abgelenkt von dem Sicherheitsposten und den wenigen Knoten, die sich beim Anblick des Parkplatzes erhoben, dass er Santiago überrascht ansah, als er seinen Kaugummi hörte. Wann hatte er den denn eingeschmissen? In jedem Fall gab Santiago sich so überzeugend, dass er nicht nur den Sicherheitskerl, sondern auch Lewis damit überzeugte.
      Dann parkten sie auf einem der vorgesehenen Parkplätze und Lewis schnallte sich ab, während Santiago nach draußen sprang. Als hätte der Mann nie etwas anderes in seinem Leben getan, erlangte er gleich die Aufmerksamkeit einer weiteren Sicherheit und begann, mit seinem Klemmbrett zu hantieren. Lewis konnte nicht anders als zu grinsen, als er dumpf den spanischen Akzent hörte. Santiago machte das einfach fantastisch. Der andere Kerl war schon von seinem ersten Wort an genervt.
      Schließlich gingen sie rein und die Tür schloss sich hinter ihnen. Lewis schaltete das Funkgerät an, rutschte auf seinem Sitz nach unten und ließ einen schnellen Blick über den Parkplatz schweifen. Es war fast Feierabend und viel los, was auch erklärte, dass ihr Auftauchen keinerlei Aufsehen erregte - oder relevante Knoten. Lewis filterte so schnell, wie sie aufkamen, präzise in lebenslanger Erfahrung. Er wünschte sich nur, er hätte Santiago auf dieselbe Weise überwachen können. Scheiße, und wenn drinnen doch was schiefging? Wenn Santiago nicht den Schneeschieber spielen konnte?
      Ungeduldig fing Lewis an, mit dem Bein zu wippen. Er checkte das Funkgerät nochmal, dann ließ er einen neuen Blick über den Parkplatz schweifen. Nichts auffälliges. Da waren zwei Angestellte, die rauchten, Sicherheitsposten da, dort drüben ging grad einer zu seinem Auto, der aussah wie der Hausmeister. Keine relevanten Knoten. Wie lange würde das dauern? Doch sicher nicht mehr als fünf Minuten, oder?
      Ein plötzliches Klopfen an seiner Tür schreckte Lewis so sehr auf, dass er ganzkörperlich zusammenzuckte. Sein Puls stieg in die Höhe, als er sich aufsetzte und durch das Fenster auf einen desinteressiert wirkenden Kerl mit Halbglatze starrte. Wo zur Hölle war der denn hergekommen? Er zeigte Lewis mit seiner Anwesenheit keine Knoten.
      Misstrauisch ließ er das Fenster runter, gerade genug, um nicht unhöflich zu sein.
      Was?
      “Hey, haste mal ein Feuerzeug?”
      Ein Feuerzeug? Ein scheiß Feuerzeug? Und er fragte von allen Leuten hier gerade Lewis? Verärgert schüttelte er den Kopf.
      Nein. Ich rauch nicht.
      “Komm schon. Ich erkenn’ Kiffer, wenn ich einen sehe, und du bist einer. Ich sag’s auch nicht deinem Boss. Nur mal kurz dein Feuerzeug.”
      Fuck, würde der hartnäckig bleiben? Lewis sah knapp über den Parkplatz und beobachtete zwei Angestellte, die an den Sicherheitsleuten vorbei hinein gingen. Keine Knoten zu ihnen, alles noch sauber. Dann gab er dem Kerl eben sein scheiß Feuerzeug, wenn er dann abhauen würde.
      Unter dem Overall kramte er sein Feuerzeug heraus, ließ das Fenster den ganzen Weg hinunter und streckte seine Hand raus. Der Mann erwiderte erwartend die Geste - immernoch keine Knoten. Langsam kniff Lewis die Augen zusammen, als es ihm dämmerte.
      Normalerweise brachten Gespräche immer Knoten hervor. Immer. Jemand sagte etwas, Lewis antwortete darauf und seiner Antwort entsprechend reagierte der andere. Es gab immer Knoten von Gesprächen. Jetzt sah er weder Knoten vom Gespräch, noch Knoten von der Feuerzeug-Übergabe.
      Es brachte ihm ein mulmiges Gefühl und befeuerte seine Paranoia. Irgendwas stimmte hier nicht. Lewis konnte es zwar nicht genau benennen, aber er vertraute seinem Bauch, wenn etwas nicht stimmte. Er hatte schon zu viele Entscheidungen erlebt, um sowas ignorieren zu können.
      Vielleicht konnte er eine Reaktion erzwingen und damit auch die Knoten. Er reichte das Feuerzeug hinaus, dann ließ er es unvermittelt fallen, bevor der andere danach greifen konnte.
      Knoten sprossen plötzlich hervor, in der einen Sekunde, bevor der Kerl sich hinabbeugen würde. Zwei, drei, fünf, neun, 17 sprangen Lewis ins Gesichtsfeld und ließen sein Herz einen Schlag aussetzen. Er hatte es doch gewusst, er hatte es doch im Gefühl gehabt. Deswegen war er so scheiß nervös gewesen die ganze Zeit. Es ging hier nicht um irgendeine Sicherheit; Apollo hatte hier seine Leute stationiert. Oder - und das würde er nicht ausschlagen - sie waren ihm gefolgt. Ihm und Santiago.
      Lewis stieß einen Fluch aus, der ihn verriet, drückte auf den Knopf für das Fenster und warf sich zur gleichen Zeit auf die Fahrerseite, um die Türen mit dem Knopf am Schlüssel zu verschließen. Keine Sekunde zu früh, denn kurz darauf wurde der Griff betätigt. Lewis richtete sich gerade noch rechtzeitig auf, um zu sehen, wie der Mann umkehrte und davon schlenderte, als wäre nie etwas gewesen. Zu viele Kameras auf dem Parkplatz. Zu viele, was die Sache aber nicht unmöglich machte.
      Hastig griff er nach dem Funkgerät. Dabei sah er sich schnell an, was seine Magie ihm zeigte, bevor sie sich wieder ändern würde. Der Kerl hätte Lewis außer Schach gesetzt und wäre zu ihm ins Auto gestiegen. Was danach geschehen wäre, das wurde ihm nicht gezeigt - weil es ein Plan war, begriff er jetzt. Er konnte Knoten nicht sehen, wenn sämtliche Reaktionen im Vorfeld geplant waren, weil es dann keine Reaktionen mehr waren. Apollo überlistete seine scheiß Magie und er war dabei auch noch erfolgreich. Was war Lewis in den vergangenen Minuten entgangen? Wo hatte er keine Knoten gesehen?
      Die zwei Angestellten, die reingegangen waren.
      Santiago”, sagte er ins Funkgerät, “Apollo hat seine Leute hier. Sie wissen, dass wir hier sind. Komm raus - komm jetzt raus, egal was du hast, wir müssen hier weg. Ich weiß nicht, ob sie die Kameras übernommen haben und ich will’s auch nicht rausfinden. Zwei sind reingegangen.
      Er gab ihm flüchtig ihre Beschreibungen durch. Auf der anderen Seite des Parkplatzes stieg der Kerl von gerade in sein Auto, fuhr aber nicht los.
      Fuck, ich weiß nichtmal, ob wir es aus dem Parkplatz schaffen. Ich glaube, das ist eine Falle.
    • Santiago beobachtete, wie der kleine grüne Balken über den Bildschirm kroch. Der Wachmann wimmerte in der Ecke, dem Sesselfurzer liefen stumm die Tränen übers Gesicht. Er ignorierte beide.
      Es war nicht das erste Mal, dass Santiago so eine Nummer abschob, und es war wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal. Trotzdem konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass irgendwas an diesem Job anders war. Normalerweise würde er das auf seine magisch-paranoiden Gedanken schieben, aber seine Magie hatte gerade erst gefressen. Das hier war seine professionelle Paranoia.
      Während er also darauf wartete, dass die Datei kopiert wurde, sah er sich in dem kleinen Büro um. Es war kein besonderer Raum: deckenhohe Regale, vollgestopft mit Ordern und irgendwelchen Büchern über diese historische Epoche und jene Ausgrabungsstätte; ein paar Doktorarbeiten lagen herum; die Möbel waren alt und eindeutig aus der Kategorie "Wir haben kein Budget für Büros". Der Raum hatte keine Kameras. Auf dem Schreibtisch lag ein Haufen Papierkram, den Santiago schnell überflog. Lieferlisten, Versicherungspapiere, Arbeitspläne, alles wie erwartet.
      "Santiago."
      Er saß neben dem Wachmann in der Hocke und kramte gerade in dessen Taschen herum, als sich Lewis über das Funkgerät meldete.
      "Ja?"
      "Apollo hat seine Leute hier."
      Fuck!
      Santiago ließ von dem Wachmann ab und starrte auf den Bildschirm. Der Kopiervorgang war beinahe abgeschlossen. Er brauchte nur noch ein paar Sekunden. Komm schon!
      Während er wartete, schlüpfte er aus seinem Blaumann. Darunter verbarg sich ein Outfit, dass den Sicherheitsuniformen so nahe kam, wie es nur ging, ohne die tatsächliche Uniform zu sein.
      "Ich glaube, das ist eine Falle."
      Der Balken verschwand und Santiago riss den USB Stick aus dem Computer, sicheres Entfernen hin oder her. Er stopfte den Stick und seine Hosentasche. Er schnappte sich den Ausweis und das Funkgerät, die beide am Gürtel des Wachmanns baumelten und klippte beides an seinen eigenen Gürtel - nachdem er ein kleines Ausweisfoto seiner Selbst über das des eigentlichen Wachmannes geschoben hatte. Wenn niemand genau hinsah, dann ging er als Museumspersonal durch.
      "Bin auf dem Weg. Benimm dich normal und halte die Augen offen," gab er an Lewis durch, bevor er aus dem Büro schlüpfte und es hinter sich verschloss - er hatte sich bei der Gelegenheit auch gleich die Schlüssel des Sesselfurzers stibitzt.
      Der Flur war leer, also sank Santiago in den typisch gelangweilten Gang eines Sicherheitsmannes und machte sich auf den Weg in Richtung Hinterausgang. Er trug seine Haare nun offen, und seine Sonnenbrille lag im Van, Apollos Leute würden also leichtes Spiel haben, ihn zu identifizieren, sollten sie auch nur eine rudimentäre Beschreibung von ihm erhalten haben. Das war kein allzu großes Problem, Santiago rechnete damit, dass er zumindest die beiden, die Lewis ihm gemeldet hatte, würde ausschalten müssen.
      Als er um die Ecke bog, begegnete ihm ein Sicherheitsmensch. Sofort suchte Santiago sie nach den üblichen Zeichen ab, die jemanden von normalem Sicherheitspersonal unterschieden. Aber alles an ihr schien zu passen, also nickte er ihr nur zu und blieb stehen.
      "Ich habe gerade was auf den Kameras gesehen, was mir seltsam vorkam," meinte er, ganz der besorgte Neue im Sicherheitsteam, der das letzte Briefing vielleicht ein bisschen zu ernst genommen hatte. "Typ mit Halbglatze, sitzt hinten in seinem Auto, geht aber nirgendwo hin. Hab ein paar Leute gefragt, niemand kennt ihn."
      Die Sicherheitsdame zog die Augenbrauen zusammen.
      "Ich bin gerade auf dem Weg, um mir den Kerl mal anzusehen," fuhr Santiago fort.
      Sie nickte entschlossen. "Ich komm mit. Wollte eh in der Pause eine rauchen."
      Santiago ließ ihr den Vortritt - er würde den Teufel tun und einer Fremden jetzt seinen Rücken präsentieren - und gemeinsam eilten sie durch die Flure zum Hinterausgang.
      Sie kamen bis zur nächsten Ecke, da begegneten ihnen die beiden Wachmänner, die Lewis ihm beschrieben hatte. Santiago reagierte sofort und brüllte: "WAFFE!"
      Instinkte konnten gut sein, wenn man sie wirklich brauchte. Aber sie konnten einem auch in den Hintern beißen, wenn jemand wusste, wie sie funktionierten.
      Die Sicherheitsdame registrierte lediglich die Warnung, dass da jemand mit einer Waffe vor ihr stand, also befahlen ihr ihre Instinkte, sich gegen die nächste Wand zu pressen und ihre eigene Waffe zu ziehen (so viel musste Santiago dem Sicherheitspersonal lassen: sie waren ausgebildet worden). In der gleichen Zeit preschte Santiago vorwärts und rammte seine Schulter in die Magengegend eines der beiden Wachmänner und warf ihn mit sich zu Boden.
      "Waffe runter!" brüllte die Sicherheitsdame, als der zweite Mann besagte Waffe zog.
      Und schon waren die Angreifer nicht nur Santiagos Problem, sondern auch das des tatsächlichen Sicherheitspersonals. Santiago berührte den Hals des Mannes unter sich und schickte ihn ins Land der Alpträume, um auf Nummer sicher zu gehen. Er stand auf und riss das Museumsfunkgerät von seinem Gürtel.
      "Unbefugte Eindringlinge in Sektion E. Zwei Ziele gestellt. Augen auf für noch mehr. Sie tragen Museumsuniformen aber keine Ausweise am Gürtel."
      Innerlich grinste Santiago anhand dieser einfachen Tatsache. Die meisten Leute, die diesen Trick abzogen vergaßen immer den Ausweis. Anfängerfehler.
      Die Sicherheitsdame verpackte beide Männer mit Kabelbinder.
      "Hast du sie?" fragte Santiago und späte um die nächste Ecke.
      "Ja. Check den Gang, ich warte hier auf Verstärkung. Keine unnötigen Risiken!"
      "Verstanden."
      Santiago schlüpfte um die Ecke, gab noch ein paar Meter den besorgten Sicherheitsmann, dann joggte er zum Ausgang.
      "Nicht wundern, ich habe gerade Eindringlinge gemeldet," funkte er an Lewis. "Die suchen nicht nach uns. Ruhig bleiben. Wirf 'nen Kaugummi ein, damit deine Hände was zu tun haben."
      Er hatte gerade aufgehört zu reden, da stolperte ein junges Kerlchen in der Sicherheitsuniform um die Ecke. Der Junge wirkte total aufgeschreckt. Perfekt.
      "Du. Mitkommen," bellte Santiago und setzte seinen Weg fort.
      Der Junge eilte ihm nach.
      "Da draußen sitzt ein Typ in einem Auto, der nicht hier her gehört. Halbglatze, ein bisschen größer als du. Das Auto ist standard, schwarz, langweilig. Wenn wir gleich da rausgehen, will ich, dass du mit ihm redest. Frag ihn, was er hier macht. Bleib entspannt, lass es wie Routine aussehen. Ich geh hintenrum und schnapp ihn mir. Verstanden?"
      Der Junge nickte.
      "Hast du das verstanden?!"
      "Äh ja, Sir!"
      "Gut. Dann los."
      Er ließ dem Jungen den Vortritt. Als sie heraustraten, sah sich Santiago kurz um, dann deutete er auf den Wagen und den Kerl, den Lewis ihm beschrieben hatte. Der Junge setzte sich in Bewegung. Santiago folgte ihm ein Stück, bis er sicher war, dass er sich auf den Mann eingeschossen hatte. Dann setzte er sich ab und stahl sich zurück zum Van. Sein kleines Ablenkungsmanöver würde ihnen nicht viel Zeit verschaffen, aber das war egal. Er riss die Fahrertür auf und drückte Lewis den USB Stick in die Hand.
      "Rutsch rüber. Langsam!"
      Er warf einen Blick über seine Schulter. Der Junge redete immer noch auf den Glatzkopf ein, aber der behielt Santiago und Lewis im Auge. Santiago hatte eine Entscheidung zu fällen.
      Er wandte sich um und stapfte schnellen Schrittes auf den Glatzkopf zu. Der Junge gab ihm genug Deckung, um zu agieren bevor der Mann es tat. Santiago griff ungebremst durch das offene Fenster, griff sich das Gesicht des Mannes und ließ seine Magie vom Zaun.
      "Was zum-!"
      Der Junge strauchelte ein paar Schritte nach hinten.
      "Sorry, Kleiner," grunzte Santiago, dann berührte er ihn am Kinn und der Junge sackte in sich zusammen.
      Er rannte zurück zum Van, zog dabei sein Jackett aus, schwang sich in den Fahrersitz und startete den Motor.
      "Augen auf," befahl er Lewis.
      Er musste wissen, was passieren würde, bis sie sicher genug waren, um den Wagen zu wechseln (natürlich hatte Santiago vorgesorgt und mehrere Fluchtwagen bereitgestellt). Trotzdem würden sie vorher noch ein bisschen Chaos veranstalten müssen.
      Santiago fuhr ganz nahe an eine Wand heran - und löste den Feueralarm via Knopfdruck aus. Dann drückte er aufs Gas und bretterte zur Schranke am Ausgang.
      "Irgendein Vollidiot hat da hinten Feuer gelegt!" brüllte er dem Wachmann an der Schranke zu. "Ich glaube, ein Auto brenn!"
      Das lenkte den Wachmann genug ab, um ohne zu Fragen - oder hinzusehen - die Schranke zu öffnen. Santiago fädelte den Van in den Verkehr ein und fuhr zum nächstbesten Parkplatz vor einem Fast Food Restaurant. Er parkte und kletterte nach hinten in den Van, wo eine Sporttasche mit neuen Klamotten lag. Er winkte Lewis zu sich und warf ihm die Klamotten entgegen.
      "Drei Minuten," meinte Santiago; er hatte immer einen Zeitplan für seine Jobs.
      "Wir gehen jetzt in das Restaurant," meinte er und riss sich das Hemd vom Leib, um es in die Tasche zu stopfen. "Du gehst zu den Toiletten. Da ist auch die Abstellkammer vom Hausmeister. Die hat ein Fenster, da passt du durch. Zieh die Kappe erst aus, bevor du rauskletterst. Und draußen ziehst du dann die Jacke an."
      Santi zog sich einen zu großen Hoodie über den Kopf. Er tauschte seine Schuhe, die mehr nach schickem Museumspersonal aussahen, mit einem Paar protziger Sneaker. Dann kramte er eine Flasche Farbhaarspray aus der Sporttasche und sprühte damit seine Haare ein, bis sie schwarz waren. Das Gleiche tat er mit Lewis' gigantischer Mähne.
      "Ich gehe durch die Küche und treff dich in der Gasse hinter dem Restaurant. Hast du das?"
      Er wartete auf Lewis' Okay.
      "Gut. Nicht rennen, nicht umgucken. Du musst einfach nur dringend auf's Klo. Zähl bis zehn, wenn ich drin bin, dann folgst du mir."
      Santiago späte aus dem Fenster, befand die Lage als stabil, dann öffnete er die Hintertüren des Vans und hüpfte nach draußen.
      "Ich seh dich in einer Minute hinten."
      Santiago veränderte seinen Gang, als er sein Smartphone aus seiner Hose zog. Ähnlich wie er vorhin den Lieferanten imitiert hatte, gab er nun den zu selbst-sicheren Möchtgernhippster. Er tat so, als starre er auf sein Telefon, in Wahrheit suchte er die Straße mit seinen Augen ab. Er wandte sich um und öffnete die Tür zum Restaurant mit seinem Rücken, damit er Lewis ein knappes Nicken geben konnte.
      Wie angekündigt suchte sich Santiago seinen Weg in die Küche, wich dem überarbeiteten Personal aus, die ihn für einen Mitarbeiter hielten, dann schlüpfte er durch die Hintertür nach draußen. Er hatte keine Zeit, sich um Lewis zu sorgen. Er hatte ihm alles erklärt, er hatte dafür gesorgt, dass er komplett anders aussah als zuvor. Mehr konnte er nicht tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Restaurant etwas schiefging, war zwar nicht Null, aber äußert gering. Santi hatte keine Zeit, sich um Lewis zu sorgen, aber er tat es trotzdem.


    • "Bin auf dem Weg. Benimm dich normal und halte die Augen offen", knarzte Santiagos Stimme aus dem Funkgerät heraus und dann war es wieder still.
      Normal benehmen. Normal benehmen. Was war denn normal? Was war denn nicht normal? Lewis sackte auf dem Fahrersitz zusammen, sein Pulsschlag rasend in seinen Ohren, die Augen weit aufgerissen auf das Auto geheftet, das einfach nicht losfuhr. Normal benehmen und auf Santiago warten. Sobald sicher wäre, dass Santiago nicht herauskam, konnte Lewis Panik schieben, aber davor nicht, davor würde er hier sitzen bleiben und warten und normal sein. Er wippte mit dem Bein und spielte für einen Moment mit dem Gedanken, den Wagen schonmal zu starten und vorzufahren zu versuchen. Aber nein, das war nicht normal, er würde nur einen Unfall bauen. Einfach sitzen und warten - fuck, das konnte er doch, oder? Aber Santiago war alleine dort drin, Lewis hatte keine Möglichkeit, drinnen irgendwas vorauszusagen, und wenn Santiago nicht mehr kam, würde das nur einen Rückschluss zulassen. Wie sollte er da normal bleiben? Ruhelos begann er an seiner Lippe herumzukneten.
      Es dauerte eine schiere Ewigkeit, in der Lewis anfing, sich fürchterliche Szenarien vorzustellen, bis er Knoten zu sehen bekam, die ihn interessierten. Ein Wachmann beim Rauchen nahm sein Funkgerät in die Hand und sagte irgendetwas zu seinem Partner, in derselben Zeit, in der Lewis bereits sah, dass sie hineingehen würden. Er sah aber nicht mehr als das und seine Hände wurden feucht, als er daran dachte, dass Santiago wirklich geschnappt sein könnte. Aber das hier schienen normale Wachmänner, keine von Santiagos Leuten - immerhin hatte er die Knoten gesehen - und das beruhigte ihn wieder marginal. Santiago schaffte das schon, Santiago war gut. Das hier war nicht sein erster Job und erst recht nicht der erste, bei dem er irgendwo allein sein musste. Santiago schaffte das schon, Lewis musste nur aufhören, sich so verdammt hilflos zu fühlen, wenn er seine Magie nicht vollständig ausschöpfen konnte. Warte einfach und benimm dich normal, das ist das einzige, was wichtig ist!
      Die beiden Sicherheitsleute verschwanden, dann ging die Tür auf und nach einem weiteren Uniformierten kam Santiago heraus - Santiago, der jetzt mit der Wachkleidung noch weniger wie er selbst aussah, aber für Lewis unverkennbar in seinen breiten Schultern und der Art zu laufen war. Erleichterung durchströmte ihn, allein schon von dem Anblick des Mannes. Dabei verfolgte er gleichermaßen den Weg des Typen vor ihm, als auch Santiago. Der Typ ging zu dem Auto, Santiago ging zu Lewis. Er riss die Tür auf und drückte Lewis den USB in die Hand.
      "Rutsch rüber."
      Froh, etwas tun zu können, beeilte Lewis sich damit, über die Gangschaltung zu klettern. Er wollte hier unbedingt weg.
      "Langsam!"
      Mitten in der Bewegung erstarrte er, dann bemühte er sich um träge, langsame Bewegungen. Wie Santiago so völlig in seiner Rolle als Sicherheitsmann aufgehen konnte, war Lewis ein Rätsel. Er wollte nichts mehr, als endlich von diesem Parkplatz zu verschwinden.
      Der andere redete jetzt mit Apollos Mann. Lewis heftete seinen Blick auf die beiden, aber er bekam nichts zu sehen - was sicher ein gutes Zeichen war, das bedeutete, dass er ihnen noch nicht folgen würde. Oder Lewis sah nichts weil Apollo auch dafür einen Plan hatte. Er fluchte innerlich und ließ seinen nervösen Blick wieder über den Parkplatz schweifen.
      Santiago ging zu den beiden hinüber. Lewis vertraute ihm, also sah er überall anders hin, gab seiner Magie Futter, wo sie Futter bekommen konnte. Viel war es eh nicht, aber dann kippten der Junge und Apollos Mann zusammen. Zur gleichen Zeit sprang seine Magie an und Lewis' Augen zuckten. Der Kerl in Weiß dort vorne. Die rauchende Frau mit dem Telefon am Ohr. Der Typ mit dem Ausweis an der Brust. Lewis fragte sich nervös, wie viel ihm seine Magie nicht zeigte.
      Santiago kam zurück. Ohne weitere Umschweife sprang er ein und ließ den Wagen an. Lewis schnallte sich an und friemelte dann an dem Gurt herum.
      "Augen auf."
      "Ja. Hab drei gezählt, es werden mehr sein als das. Fuck, die Kameras auch noch; leg einen Zahn zu, Santiago."
      Santiago ließ sich das nicht zweimal sagen. Er löste den Feueralarm aus, dann fuhr er so schnell zu Schranke, wie er nur konnte. Lewis richtete den Rückspiegel nach sich aus - Santiago kam für den Moment auch ohne aus - und sah zwischen Rückspiegel, Seitenspiegel und tatsächlichem Parkplatz hin und her, ohne eins davon wirklich zu sehen. Seine Aufmerksamkeit lag auf seinen Bäumen, die empor sprossen, jetzt noch viel wilder wegen dem Feueralarm. Er filterte das relevante so schnell heraus, wie es ihm möglich war.
      Sie passierten das Wachhaus. Sie reihten sich auf der Straße ein. Sie bogen ab. Lewis' Knoten zeigten ihm Chaos, aber nicht für sie. Das musste aber nichts heißen; ein Blinzeln und alles könnte schon anders sein. Er hielt die Augen weit offen.
      "Alles sicher."
      Entfernt wurde er sich bewusst, dass sie langsamer wurden. Sein Blick sprang zwischen Knoten und Wirklichkeit herum, dann schnallte er sich ab, so wie Santiago es tat. Sie beide kletterten nach hinten.
      "Drei Minuten", sagte Santiago und drückte Lewis Klamotten in die Hand, so wie abgemacht. Lewis schälte sich in fahrigen Bewegungen aus dem Overall.
      "Wir gehen jetzt in das Restaurant. Du gehst zu den Toiletten. Da ist auch die Abstellkammer vom Hausmeister. Die hat ein Fenster, da passt du durch. Zieh die Kappe erst aus, bevor du rauskletterst. Und draußen ziehst du dann die Jacke an."
      Kappe. Kappe? Ah, da. Er gab Santiago seine Sachen, schlüpfte in das andere Zeug. Ein Pullover, der ihn breiter wirken ließ, als er eigentlich war, dazu Sportschuhe. Richtige Größe. Er setzte sich die Kappe auf.
      "Toiletten, Abstellkammer vom Hausmeister, durchs Fenster. Erst draußen wieder Kappe ausziehen", wiederholte er pflichtbewusst, teilweise um zu zeigen, dass er verstanden hatte, teilweise auch, um sich selbst daran zu halten. Keine Entscheidungen treffen, einfach nur gehen, gehen. Santiago wusste schon, wie sie das anstellen mussten, er hatte einen Plan, einen Ersatzplan, einen Notfallplan, es würde alles gelingen. Lewis musste nur aus einem Fenster klettern, gar nicht schlimm, gar nicht wild. Sein Herz klopfte trotzdem wie wild und er knackte mit den Knöcheln, während Santiago ihm das Haar einsprühte. Schwarz, so wie er selbst. Schade um die rote Mähne, eigentlich.
      "Ich gehe durch die Küche und treff dich in der Gasse hinter dem Restaurant. Hast du das?"
      "In der Gasse hinter dem Restaurant", echote Lewis.
      "Gut. Nicht rennen, nicht umgucken."
      "Nicht rennen, nicht umgucken."
      "Du musst einfach nur dringend auf's Klo."
      "Ich muss einfach nur dringend auf's Klo."
      "Zähl bis zehn, wenn ich drin bin, dann folgst du mir."
      "Bis zehn zählen, dann nachkommen."
      Santiago nickte bestätigend, dann schlüpfte er nach draußen. Lewis sah seine veränderte Hipster-Gestalt sich halb umdrehen, dann knallte er die Tür zu.
      Okay, das war nicht schwierig, das war wirklich nicht schwierig. Reingehen, rausklettern, Santiago treffen. Vielleicht ein paar Knoten beobachten. Lewis stürzte ans Fenster und starrte auf den Verkehr.
      In den kaum 60 Sekunden, die sie zum umziehen gebraucht hatten, hatte ein Auto den Parkplatz verlassen, aber sonst hatte sich nichts geändert. Nur war dieser Van auf einem Fast Food Parkplatz auffällig und würde Apollos Leuten nicht entgehen, ganz bestimmt nicht. Deswegen hatte Santiago ihnen auch drei Minuten gegeben.
      Lewis wandte den Kopf, um Santiago hineingehen zu sehen, dann fing er an zu zählen. Alles blieb ruhig. Er erreichte zehn in seiner Aufregung viel zu früh und zählte nochmal drei, dann öffnete er die Tür und stieg aus. Zur selben Zeit bog ein schwarzes Auto auf den Parkplatz ab.
      "Ohhh fuckfuckfuck."
      Normal benehmen, schien ihn Santiagos Stimme aus dem Funkgerät zu ermahnen und Lewis bewahrte sich davor, zur rettenden Tür zu hechten und seine ganze Verkleidung auffliegen zu lassen. Sie hatten ihn vielleicht nicht aussteigen gesehen, sie sahen ihn nur hier weggehen und er war nicht mehr Lewis, er war irgendein Fitness-Guru, der an seinem Cheat-Day Burger essen ging. Nichts außergewöhnliches, nur irgendein Typ, nicht Lewis. Ganz sicher nicht Lewis. Er stopfte die Hände in die Taschen des Pullovers und streckte machomäßig die Ellbogen nach draußen. War das zu viel? Er prallte gegen einen Außenspiegel, als er mit den Augen lieber die Knoten beobachtete und strauchelte. Reiß dich zusammen! Santiago konnte das, er konnte das auch. Gar kein Problem. Er richtete sich auf, rückte seine Kappe zurecht und ging hinein.
      Ein Schild wies die Toiletten nach links aus. Er hielt direkt darauf zu. Seine Knoten nahmen ab und er konnte sich wieder besser auf die Realität fokussieren. Herren, nein. Damen, nein. Privat, ja. Er ging zu der Tür auf der anderen Seite und betätigte die Klinke.
      Abgeschlossen.
      Lewis' Gehirn erleidete einen Kurzschluss.
      Lewis riss den Kopf herum, aber der Gang war leer, keine mit Sonnenbrillen und Hüten vermummten Gestalten, die ihm den Rückweg versperrten. Alles leer, nicht viel los gerade. Die Damentoilette öffnete sich und ein Teenager kam heraus und verschwand, ohne ihn gesehen zu haben. Lewis fasste eine panische Entscheidung und verschwand kurzerhand in der Damentoilette. Er huschte in eine Kabine, bevor ihn jemand sehen konnte, und knallte die Tür zu. Dann schnappte er nach Luft.
      Okay, keine Panik schieben. KEINE PANIK SCHIEBEN! Es ist nur eine abgeschlossene Tür, NUR eine abgeschlossene Tür! Denk nach, Lewis. Sowas hielt ihn doch nicht auf, oder? Er musste dort rein und durch das Fenster, denn hier gab es keins, aber sowas hielt ihn doch nicht auf. Sowas hielt Santiago nicht auf. Zugegeben, Santiago könnte diese Tür mit seinen gigantischen Schultern auch einfach aufbrechen - das stand dem schlanken Lewis eher nicht zur Verfügung - aber er würde auch sonst einen Weg finden. Irgendeinen. Wie machte man eine verschlossene Tür auf? Komm schon, das ist doch nicht deine erste verschlossene Tür! Lewis zwang sich dazu, über das ohrenbetäubende Wummern seines Herzens hinweg nachzudenken.
      Dann fiel ihm ein, wohin er sich gerettet hatte, und er ließ sich auf den Boden fallen. Unter den Kabinenwänden hindurch lugte er zu den anderen Kabinen, zu zwei Paar Sneaker und jeweils einer heruntergezogenen Hose dazwischen, von der die eine gerade hochgezogen wurde. Lewis verzog das Gesicht. Ganz toll, dann hatte er sich auch noch zum Spanner gemacht. Als ob die Aussicht ihn überhaupt interessiert hätte.
      Aber er sah weiter und dann entdeckte er, worauf er gehofft hatte: Eine Haarnadel, ganz hinten, letzte Kabine. Sein Herz machte einen Sprung.
      Er wartete darauf, bis die eine der beiden gegangen war, dann schlüpfte er schnell aus der Kabine, eilte nach hinten und schloss sich in der anderen ein. Er nahm die Haarnadel, bog sie auf und machte sie lang. Dann ging er wieder nach draußen und hielt auf die Tür zu, plötzlich darum bewusst, dass er in der Damentoilette war. Wenn diese Tür dort aufging, dann saß er richtig in der Scheiße. Einfach nicht darüber nachdenken, weitergehen. Nur weitergehen. Er ging durch, öffnete die Tür und ging nach draußen. Neben ihm fiel die Herrentür gerade wieder ins Schloss.
      Nicht nachdenken. Weitergehen. Normal benehmen. Er ging zu 'Privat' und steckte unzeremoniell die Haarnadel ins Schloss. Dann begann er zu stochern.
      Seine Magie sprang an. Für Lewis war sie immer speziell, Lewis konnte nur vorhaben, etwas zu tun, und die Magie zeigte ihm bereits die Reaktion darauf. So hatte er sich bei Apollos Haus vorgenommen abzuschießen, so nahm er sich jetzt vor, das Schloss reinzudrücken. Seine Magie zeigte ihm - nichts. Nicht der richtige Winkel, vielleicht auch gar nicht möglich. Wann hatte Lewis zuletzt ein Schloss geknackt? Er war 16 oder so gewesen und auf einem schlimmen Kriminalitätstrip - nicht die elegante Variante, die er mit Jay abzog. Eher die protzige, bei der Polizei einbrechen und sein konfisziertes Gras zurückklauen und sowas. Es war trotzdem schon Jahre her, vielleicht hatte er seinen Schneid verloren.
      Er stocherte herum. Seine Hände wurden schwitzig, sein Atem kam nur flach heraus. Er lauschte auf Schritte, sah alle paar Sekunden den Gang entlang. Wartete auf Knoten. Seine Finger bebten. Er dachte an Santiago und hätte ihn am liebsten angefunkt. Er dachte an Santiago und hätte ihn am liebsten hier gehabt. Die Haarnadel rasselte in dem Schloss. Es kamen keine Knoten. Seine Knie wurden weich.
      Dann tauchte ein Knoten auf, Lewis drückte, ohne ihn richtig gesehen zu haben, und die Klinke ließ sich herunterdrücken. Zur gleichen Zeit ging die Herrentür auf und jemand kam heraus. Lewis huschte hinein und ließ die Tür hinter sich zufallen. Er war so erleichtert, er hätte sich beim Anblick des Fensters fast die Kappe vom Kopf gerissen und dann die Jacke aufgezogen. Nein, erst draußen, ermahnte er sich, stopfte sich die Kappe unter den Gürtel und lief zum Fenster. Jetzt hielt er sich nicht mehr zurück, er riss es auf - ein hohes, niedriges Fenster - und zog sich ächzend nach oben. Ein Déja vù von Apollos Keller überkam ihn und der Adrenalinkick, den er davon erhielt, reichte dazu, dass er sich nach oben strampelte und dann Kopf voran aus dem engen Rahmen zwängte. Es war wirklich klein, aber wenn Lewis die Schultern zusammenzog, ging es. Er streckte die Arme heraus, dann sah er, das vor ihm nur kahle Wand und dann Boden lag. So weit hatte er nicht gedacht. Dann würde er sich eben eine Gehirnerschütterung holen, aber wenigstens war er dann draußen. Vielleicht konnte er sich irgendwie James-Bond-mäßig abrollen.
      Dann waren dort aber vertraute, starke Arme und Lewis griff atemlos dankend nach Santiago, der ihm mühelos unter die Achseln griff und zu sich herab hob. Als er stand merkte er, dass er zitterte, aber das war ihm egal - er war draußen, Santiago war da. Alles nach Plan verlaufen - fast. Er schüttelte sich die Hände aus.
      "Sorry, hab mich von Höschen ablenken lassen. Sie sind auf dem Parkplatz. Man, bitte sag mir, dass dein Wagen nicht weit ist."