Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Jericho nannte Leute nicht besonders schnell 'Freunde'. Dey würde niemals auf die Idee kommen, einen Haufen Diebe zu dieser elitären Gruppe zu zählen. Aber irgendwie waren diese Leute coole Socken gewesen. Jericho würde nicht Nein sagen, wenn irgendwer noch einen Job vorschlug. Nicht, das dey damit gerechnet hatte, dass es dazu kommen würde.
      Umso überraschender war der Anruf von Santiago, Mr. Grummelbacke höchstpersönlich, gewesen. Der Grund war nicht so dolle, aber hey, sie redeten noch miteinander. Gut okay, Jericho hatte ihn angerufen, nachdem eins seiner Systeme gemeldet hatte, dass jemand nach deren Decknamen suchte. Dey kannte Nikki, aber mehr vom Hörensagen - sie hatten noch nie zusammengearbeitet. Hätten sie schonmal zusammengearbeitet, hätte Jericho Nikki zu einem besseren Sicherheitssystem gedrängt. Das war ja lachhaft wie einfach man in diese doch recht sensiblen Daten reinkam. Jericho hatte fünf Minuten gebraucht, um herauszufinden, wer da was von dey wollte.
      Jericho wippte mit dem Kopf im Takt der Musik, die aus den Kopfhörern ballerte, während deren Augen über drei verschiedene Bildschirme huschte. Links von dey, auf einem anderen Schreibtisch, wühlte sich gerade ein Programm durch die Aufzeichnungen von New Yorks Verkehrsüberwachung, um einen schwarzen Van zu verfolgen. Direkt davor wabberte ein blau-rot-leuchtendes Band entspannt vor sich hin. Aus dem Augenwinkel hielt Jericho auch dieses Band im Blick. Alles war in Ordnung, solange dieses Band so entspannt blieb, wie es nun einmal war. Niemand bemerkte die kleine Piggyback Action, die Jericho an den Start gebracht hatte.
      Jerichos Gedanken drifteten zu der zweiten Bohnenstange im Team. Als Freund würde dey Lewis nicht bezeichnen, aber die beiden hatten von allen die meiste Zeit miteinander verbracht - nicht nur, weil sie zusammen im Kontrollraum der Federal gesteckt hatten, sondern generell. Jericho war die Person gewesen, die die richtigen Informationen besorgen musste und was auch immer Lew machte, basierte auf dem richtigen Input. Also hatten sie miteinander interagiert. Dass Lew jetzt von irgendwelchen privaten Militärs eingesammelt wurde, die was auch immer mit ihm anstellten...
      Jericho schüttelte sich und fokussierte sich wieder auf die Bildschirme. Genau wegen sowas blieb dey zu Hause. Die Welt war gemein und brutal. Menschen waren gemein und brutal. Computerprogramme waren das nicht.
      "Hey Jer?"
      Die Stimme von Petal drang durch die Musik, das kleine Icon von ihrem Chat poppte unten rechts auf dem zentralen Bildschirm vor Jericho auf. Petal war eine der wenigen Personen, die Jericho tatsächlich als Freundin bezeichnen würde. Und sie war eine der wenigen Personen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit Kontakt zu dey aufnehmen konnte. Ein Sicherheitsnetz für Jericho, sollte dey sich mal in den vielen Signalen verlieren - oder in deren Arbeit. Der Fluch, ein Workaholic zu sein.
      "Was gibt's?"
      "Hast du schon was gegessen?"
      "Ööhhh... nope, glaube nicht. Sollte ich?"
      "Ich bring dir was."
      "Nice."
      Der kleine VoiceChat verschwand. Ein paar Minuten später schlüpfte jemand in Jerichos Bildschirmhöhle. Der Raum war groß und teilweise isoliert, um Signale zu blocken und umzulenken. Das machte es leichter, sich auf einzelne Stränge zu konzentrieren und die unwichtigen zu ignorieren - was Jerichos Einsatzzeit verlängerte und die Anwendung deren Magie sicherer machte. Gefüllt war der Raum mit Schreibtischen, Computern und den dazugehörigen Bildschirmen. Jeder einzelne war an, auf jedem einzelnen liefen dutzende von Programmen.
      Wer auch immer in Jerichos Höhle geschlichen war - wahrscheinlich Petal - stellte eine Schüssel mit frisch gemachten Ramen vor dey auf den Tisch. Zwei Hände legten sich auf Jerichos Schultern und begannen, deren verspannte Schultern ein bisschen zu massieren.
      "Iss," befahl Petal, nachdem sie eine Seite der Kopfhörer angehoben hatte.
      Sie drückte einen Kuss auf Jerichos Hinterkopf, dann verschwand sie wieder. Jericho war brav und lehnte sich zurück, griff sich die Schüssel und begann zu essen, während dey auf einem der Bildschirme verfolgte, wie sich ein gewisser Special Agent Evan Connor Mitchel zu Hause in seinen Laptop einloggte.


      "Niemand will offene Schießereien, erst recht keine gut ausgebildeten Soldaten. Je mehr man unter dem Radar fliegen kann, desto besser."
      Santi stimmte Jay zu: sie würden tun, was nötig war, um Lewis zurückzubekommen. Santi zumindest.
      Er ließ sich von Jay aus dem Apartment und dem Gebäude treiben, dankbar dafür, dass jemand anderes das Denken mal übernahm (auch wenn dieses Denken nur die Frage 'wohin als nächstes' beantwortete). Noch dankbarer war Santi für die Tatsache, dass Jay ihn dazu zwang, sich auf den Beifahrersitz eines Wagens zu setzen, anstatt dass er mit seiner Maschine durch die Stadt fuhr. Fühlte er sich wohl dabei, sein brandneues Motorrad in so einer schäbigen Gegend zurückzulassen? Nein, überhaupt nicht. Aber das war eindeutig die bessere Option, bedachte man Santis Zustand. Nicht einmal der waghalsige Fahrstil Jays hielt ihn davon ab, die Augen für einen Moment zu schließen.
      "Was macht deine Magie? Albträume einpflanzen? Irgendwie sowas?"
      Santi blinzelte, unterdrückte ein Gähnen.
      "Ich pflanze gar nichts ein," brummte Santi. "Ich zerre bloß, was schon da ist, an die Oberfläche und verstärke es, bis dein zentrales Nervensystem so überlastet ist, dass dein Hirn den Stecker zieht."
      Es war seltsam, mit einem Nicht-Magier darüber zu reden. Auf der anderen Seite war Jay wohl am ehesten daran gewöhnt, dank Lewis. Lewis... Santi hoffte, dass er sich benahm und sich nicht mit seiner großen Klappe mehr Prügel einfing, als nötig.
      Ich werd so viele Nasen brechen, wie ich muss, um dich zu finden, dachte Santi.


    • Lewis würde sterben, das war ziemlich sicher. Bisher war es vielleicht offen gewesen, weil Apollo ihn ganz eindeutig brauchte und er vielleicht sogar zu seinem Wort stand, aber jetzt war es sicher. Lewis hatte ihn zu einer falschen Adresse geschickt, er würde sterben. Das mussten ihm nicht seine Bäume vorhersagen, um das zu wissen. Es war aus.
      Die Frage war nur, wie lange es dauern würde. Ganz anscheinend hatte Apollo nicht den blassesten Schimmer, wo Santiago sich aufhalten könnte, denn sonst hätte man sicher gleich gecheckt, dass Lewis den Mann zu einem Drogendealer geschickt hatte. Das tat ihm um den Drogendealer leid, aber so war es nunmal. Sicher würde man es früh genug merken.
      Aber wann war früh genug? In zehn Minuten? Eine Viertelstunde? Einer halben - noch länger? Lewis hatte nicht gut genug aufgepasst, wie lange die Fahrt gedauert hatte, und außerdem war es schwierig gewesen, sich nach der Fahrrichtung zu orientieren, wenn man auf dem Boden lag und sich gegen drei Männer zu wehren versuchte. Er hatte also keine Ahnung, wo er sich eigentlich befand und wusste damit auch nicht, wie weit Bronx entfernt lag. Vielleicht würden sie eine ganze Stunde fahren. Vielleicht würde noch in zwei Minuten die Tür aufspringen und Apollos persönliches Erschießungskommando würde Lewis abmurksen. Der Gedanke war furchtbar genug, dass er sogar den Schmerz in seinem Körper überschattete. Lewis schniefte noch ein bisschen, dann setzte er sich stöhnend und ächzend etwas auf.
      Die Handschellen gingen hinter dem Rohr durch und egal, wie viel Lewis auch daran zerrte und rüttelte - jede Bewegung ließ ihn den Messerstich in seiner Hand noch einmal durchleben - er konnte sie einfach nicht losmachen. Die Rohre mochten alt sein, aber sie waren stabil. Zumindest stabil genug, um seinen kraftlosen Bemühungen standzuhalten.
      Aber eine Seite der Handschellen saß ein bisschen locker. Lewis merkte es, während er sich dagegen zu stemmen versuchte. Locker war vielleicht etwas großzügig beschrieben, aber sie schnitt ihm definitiv nicht in die Haut. Und wenn er nur ein bisschen quetschte… wenn er nur ein bisschen zog…
      Allerdings war es die blutige Hand und wenn Lewis auch nur zu feste zerrte, flammte neuer Schmerz auf, der sich dem alten gleich anschloss. Er keuchte auf und wimmerte. Aber wenn er nur ein bisschen weiter… nur ein bisschen fester…
      Scharfe Qualen durchschossen ihn, also ließ er es jammernd bleiben. Er schwitzte, ihm war heiß und noch immer übel. Seine Hand pulsierte und tat so, so weh.
      Wenn nur nicht sein Daumen im Weg wäre. Wenn nur nicht sein scheiß Daumen im Weg wäre. Da bekam er plötzlich die Idee.
      Oh fuck… oh fuck… oh…
      Er schloss die Augen. Das war eine scheiß Idee, eine sowas von scheiß Idee. So sehr. Die schlimmste die er jemals hatte.
      Und doch zerrte er an den Handschellen, bis er seinen Daumen gerade noch zu greifen bekam. Dann holte er tief Luft und atmete einige Male, aus und wieder ein, aus und wieder ein. Da hörte er aus dem Nichts Santiagos tiefe Stimme, genau an seinem Ohr.
      "Ruhig bleiben, callejero. Wenn du die Nerven verlierst, verlierst du den Kampf. Verlierst du den Kampf, verlierst du dein Leben."
      Er hatte es ihm gesagt, als sie den Klammergriff geübt hatten. Jetzt hörte Lewis es unmittelbar wieder und versuchte, seine Atmung anzupassen. Ruhig bleiben. Ihm stiegen wieder die Tränen auf, wenn er an das verteufelte callejero dachte. Santiago und sein scheiß Haus, das ganz sicher nicht gelb war oder in Bronx stand.
      Ruhig bleiben. Lewis atmete tief ein und aus. Und dann mit einem Ruck...
      FUUUUUCK!
      Unerträglich. Schmerz überall. Wie durch ein Wunder brach er seinen Daumen mit einem Knacken, aber damit war es noch lange nicht vorbei. Jetzt presste er den gebrochenen Daumen an seinen Handballen, während er wieder an seinen Fesseln zog.
      Er schrie dabei. Das Metall drückte gegen blanke Nervenenden und von überall her kamen die Schmerzen. Lewis schrie und schrie und zog weiter, so gut es auch nur ging. Er zog mit Santiagos Stimme in seinem Ohr, der ihm leise sagte, nicht die Nerven zu verlieren. Er schrie mit der Überzeugung, dass er diese einzige Chance hatte und dann nie wieder. Dass er es nicht noch einmal durchhalten würde.
      Und dann war seine Hand plötzlich frei. Sie war aus den Fesseln und Lewis fiel nach vorne. Er krümmte sich sofort auf dem Boden zusammen, hielt seine malträtierte Hand und heulte, laut und heftig. Die nächste Welle an Übelkeit brach über ihn herein und er hätte sich am liebsten gleich noch einmal übergeben. Aber es kam nicht. Er würgte nur trocken und blieb dann zusammengerollt auf dem Boden liegen.
      Irgendwann war der Schmerz soweit konstant, dass Lewis sich aufrichten konnte. Stöhnend kam er auf die Beine, seine Glieder zitternd von dem unerträglichen Schmerz, seine Muskeln von der Tortur ganz geschwächt. Er setzte einen Fuß vor den nächsten und schlich so zur Tür hinüber. Dort blieb er erstmal stehen, um zu atmen und dann zu lauschen. Erst, als er sich sicher war, draußen nichts zu hören, drückte er die Klinke herunter.
      Und fand heraus, dass abgeschlossen war. Egal, wie sehr er auch daran rüttelte. Die Tür würde nicht nachgeben.
      In seiner Frustration hätte er beinahe nochmal geschrien, aber stattdessen stöhnte er nur und lehnte den Rücken gegen die Tür. Zum Glück waren draußen anscheinend keine Wachposten aufgestellt worden, andernfalls wäre er gleich wieder ans Rohr gefesselt und ein zweites Mal brachte er so eine Aktion nicht zustande. Einen Daumen brechen war ihm definitiv genug.
      Er ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er war kahl, bis auf die Rohre, bis auf ein paar staubige Metallplatten in einer Ecke. Viel Spinnweben an der Decke. Der blutige Holzstuhl stand noch herum, auf dem er gesessen hatte, und natürlich die Fenster. Die Kellerfenster.
      Er stieß sich wieder von der Tür ab, schlurfte durch den Raum und streckte sich, um die Fensterklinke zu erreichen. Ein übler Schmerz schoss ihm dabei durch die Rippen und er ließ es ächzend doch wieder bleiben. Da ging er zurück, holte sich den Stuhl, kletterte darauf und zog an der Klinke.
      Abgeschlossen. Fucking. Abgeschlossen.
      Jetzt war ihm doch eher wieder zum Heulen zumute. Er würde hier nicht rauskommen. Jeden Moment würde Apollo zurückkommen und er würde ihn finden und er würde ihn umbringen. Lewis war dazu verdammt, darauf zu warten, bis diese scheiß Tür wieder aufging.
      Er ließ sich auf den Stuhl fallen, dann krümmte er sich um seine pochende, stechende Hand. Rigoros blinzelte er die Tränen weg, die sich immer wieder in seinen Augen bildeten. Vielleicht hätte er ja doch die richtige Adresse sagen sollen. Santiago war doch sicher auf sowas vorbereitet, oder? Auf ein SWAT-Team, das plötzlich in sein Wohnzimmer brach? Dafür hatte er doch sicher Vorkehrungen getroffen?
      Aber jetzt war es sowieso zu spät und der Gedanke an Santiago machte ihn sowieso nur traurig. Er hätte ihn gern noch einmal gesehen. Er hätte gern die Erinnerung überschrieben, wie er sich über ihn beugte, die Augen dunkel und so hungrig. Er hätte sich viel lieber an irgendwas schöneres erinnert, wie das Abendessen mit seinen Eltern zum Beispiel. Oder gefühlt jeden anderen Moment während ihrer Beziehung.
      Fuck…
      Er schniefte, starrte den Boden an. Dann fiel sein Blick auf den Stuhl unter sich.
      Er starrte, blinzelte. Dann stand er auf.
      Fuck.
      Er beäugte das Fenster und den Stuhl vor sich. Er ergriff seine Lehne, probierte aus, wie er ihn einhändig hochheben konnte und hob ihn an. Dann holte er aus, so gut es mit einem schmerzenden Arm auch nur ging, und schlug ihn gegen das Fenster.
      Nichts geschah. Frustriert nahm er ihn noch einmal auf und ließ ihn noch einmal gegen die Scheibe krachen. Und nochmal. Und nochmal. Und da knackte es.
      Sein Arm war schon nach drei Malen unendlich müde, aber er hob den Stuhl trotzdem noch einmal auf und mit dem nächsten, zweiten Mal splitterte die Fensterscheibe endlich. Erleichtert ließ er den Stuhl wieder fallen und rückte ihn zurück an die Wand, um darauf zu steigen. Vorsichtig versuchte er, mit der Hand die größeren, zurückgebliebenen Splitter aus dem Rahmen zu brechen.
      Da knallte hinter ihm plötzlich die Tür auf. Hereingestürmt kam zwar kein Apollo, sondern ein Kerl, der es toll fand, Lewis ein Messer durch die Hand zu jagen. Nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen, hatte sich dieses Gefühl nun wohl noch verstärkt.
      Beide fluchten laut, da brach Lewis mit Gewalt ein paar der größeren Scherben raus und stützte sich mit seinen Armen dahinter auf, um rauszurobben. Scherben bohrten sich in seine Haut und er jammerte lauthals, aber die Warnrufe und die schnellen Schritte hinter ihm drängten ihn voran. Das Kellerfenster lag noch etwa einen Meter unter dem Boden und war mit einem Gitter abgeschlossen. Lewis schob sich über den Fensterrahmen, riss den Kopf herum, sah durch die Knoten, die sich bei dem Anblick des Mannes auftaten, und traf seine Entscheidung. Er kam ein Stück zurück, trat dem Kerl ins Gesicht, als der bei der Wand ankam und zog sich schnell wieder zurück. Ein Schuss knallte durch den düsteren Kellerraum. Es knallte dicht neben Lewis noch einmal, als er die Wand und nicht Lewis traf.
      Da richtete er sich auf und stemmte gegen das Gitter. Und zum äußersten Glück ließ das Gitter sich einfach anheben und wegschieben.

      Jay warf Santiago noch ein paar weitere Blicke zu, wie er da neben ihm im Beifahrersitz hing. Seine Augen waren zwar noch immer hinter der Sonnenbrille versteckt, aber er konnte sich noch sehr deutlich an sie erinnern und auch vorhin hatte er sie noch einmal zu sehen bekommen. Sie waren einfach scheiße gruselig. Und Lewis hatte damit kein Problem gehabt? So gar nicht?
      "Das ist ja charmant", gab er zurück und schaltete einen Gang zurück, um die Kurve zu kratzen. Jay war ein ziemlich passabler Fahrer und im Moment holte er wirklich alles aus seinem Fahrzeug raus. Er würde Lewis nicht im Stich lassen, nur weil er zu langsam gefahren war.
      Kaum war er wieder auf der Geraden, ging er wieder hoch. Zum Glück war es Nacht, die Straßen nicht allzu sehr verstopft und größtenteils auch noch geradlinig. Trotzdem fuhr er wie der Henker.
      "Und Lewis kommt klar mit..."
      Er sah Santiago wieder an, sah wieder auf die Straße, gestikulierte zu seinen Augen.
      "Die sind wirklich gruselig, das ist dir bewusst, oder? Nichts für ungut, ich frag nur nach. Lewis erzählt mir nicht immer alles."
      Sein Griff ums Lenkrad verstärkte sich.
      "Von dem zweiten Job hat er mir auch nichts erzählt, sonst hätte ich ihm das vermutlich ausgeredet. Ich meine, in die Federal einbrechen - wirklich? Und das zweite sollte was sein, wolltet ihr dem Präsidenten seinen Schnuller unter der Nase wegklauen?"
      Er schnaubte. Sie beide wurden auf dem Sitz herumgeschleudert, als er einem Fahrzeug auswich, ohne langsamer zu werden.
      "Ich freu mich, wenn es für euch beide geklappt hat, das tue ich wirklich, aber das war eine echt dämliche Aktion. Wirklich dämlich."
      Ein Moment der Stille.
      "Hat dein Kontakt sich gemeldet?"
    • "Er hat sich dran gewöhnt," brummte Santi.
      Schon sein ganzes Leben lang hatte er sich solche Kommentare über seine Augen anhören dürfen. Früher hatte er sich gefragt, warum seine Magie ihn doppelt bestrafte. Selbst an den Tagen, an denen seine Ausstrahlung niemandes Nackenhaare aufstellte, sah ihm niemand in die Augen. Er konnte es ja verstehen, wenn man ihn ansah während er seine Magie benutzte. Aber seine Augen waren nicht das Zentrum seiner Magie. Als er noch ein Kind gewesen war hatte ihn das regelmäßig frustriert. Dieser Tage war er zwar kein Fan von solchen Kommentaren, aber er hatte gelernt, sie zu ignorieren - sie waren ja unausweichlich wie es schien.
      "Kleiner als die Federal, aber unnötig komplizierter. Dem Präsidenten den Schnuller zu klauen wäre wahrscheinlich einfacher gewesen."
      Santi würde seinem eigenen Urteilsvermögen momentan zwar eher weniger vertrauen, aber das war ja auch gar nicht der Punkt. Wovon hatte er noch gleich geredet?
      "Es war ein Museum. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass der Typ, der uns angeheuert hat, hinter was Bestimmten her war. Ich weiß nur nicht, was."
      Santi schob seine Sonnenbrille ein wenig hoch, um sich über die Augen zu reiben. Sein Kopf war zu voll. Zu viele Informationen, zu viele Fragen, zu viele Ungereimtheiten für seine limitierte Denkfähigkeit.
      "Ich nehme an, dass der Typ nicht finden kann, was er haben wollte, bedenkt man, wie pissy der gerade ist," seufzte er und schob seine Sonnenbrille wieder an ihren Platz.
      Er interessierte sich relativ wenig für Jays Fahrstil, solange sie nicht in irgendwas reinkrachten. Diesen Teil schien der Mann ja zu beherrschen. Sollte Santi nur recht sein. Dass er die Kurven so eng nahm half sogar ein bisschen dabei, nicht wieder einzunicken.
      Santi lachte bitter auf.
      "Ich hab ihn vor ein paar Tagen mit seiner schlimmsten Angst konfrontiert, ich würde nicht sagen, dass das zwischen uns 'geklappt' hat. Würde sogar glatt das Gegenteil behaupten."
      Er fischte sein Smartphone aus seiner Hosentasche und betrachtete den Bildschirm. Im ersten Moment war alles verschwommen und er musste ein paarmal blinzeln, um wieder klar zu sehen. Er war so verdammt müde.
      "Noch nicht. Aber das muss nichts heißen. Mein Kontakt liefert gute Daten, da wartet man gern ein paar Minuten länger."
      Selbst in einer Situation wie dieser. Sie könnten entweder sofort ein Update von Jericho kriegen und dann mussten sie die nächsten Schritte selbst finden oder auf ein weiteres warten, oder sie warteten jetzt und bekamen das volle Programm geliefert.
      Santi steckte sein Smartphone wieder weg und beging den Fehler, die Augen zu schließen.
      "Wo fahren wir eigentlich hin?" fragte er.


    • Jay gab ein Schnauben von sich, das sämtliche Facetten eines Schnaubens mit sich trug: Belustigung, Ungläubigkeit, Anstrengung, Realisation. Ein richtiges Jay-Schnauben.
      "Ein Museum. Die Federal habt ihr geknackt, aber kein Museum."
      In seiner Stimme lag kein Vorwurf, er stellte es nur fest. Es machte die Sache um einiges erträglicher, über diese irrwitzige Situation nachzudenken als über die Realität.
      "Das war ja eine Glanzleistung."
      Wieder eine Kurve. Jay fluchte leise, als sie in Verkehr gerieten.
      "Ich hab ihn vor ein paar Tagen mit seiner schlimmsten Angst konfrontiert", fuhr Santiago fort. "Ich würde nicht sagen, dass das zwischen uns 'geklappt' hat. Würde sogar glatt das Gegenteil behaupten."
      Jay sah wieder zu seinem Mitfahrer hinüber, bei dem nun nicht nur an den dunklen Augenringen herauszulesen war, wie fertig er war. Es strahlte sogar auch in seine Stimme aus.
      "Doch, ich denke schon. Das war zwar eine Scheißaktion, aber wie lange wart ihr bis dahin zusammen? Ein halbes Jahr?"
      Er unterstrich die Pause mit einem langgezogenen Hupen.
      "Dann hat es geklappt. So lange hat er bisher noch keine Beziehung gehalten. Und wenn es schon vorbei ist, war es zumindest die Mühe wert."
      Sie waren beide still, während Santiago sein Handy checkte. Jay hätte in der aufkommenden Ruhe glatt an die Decke gehen können, so sehr pumpte das Adrenalin durch seinen Körper.
      "Noch nicht."
      Er brummte unzufrieden.
      "Aber das muss nichts heißen. Mein Kontakt liefert gute Daten, da wartet man gern ein paar Minuten länger."
      "Wenn es zu lange geht, bringen gute Daten auch nichts mehr", sagte er grimmig, bestand aber nicht weiter auf dem Thema. Ansonsten würden die Nerven bald wirklich mit ihm durchgehen.
      "Wo fahren wir eigentlich hin?"
      "Zum Treffpunkt. An der Straße, wo ich sein Handy aufgesammelt habe. Von dort aus werden wir ja wohl direkt dorthin kommen, nicht?"
      Und damit drückte er noch einmal aufs Gas.


      Draußen war es in erster Linie erstmal dunkel. Die Nacht war noch immer kühl und linderte mit ihrer Kälte Lewis’ zahlreiche Beschwerden. Aber still war sie noch lange nicht. Aus der Entfernung kamen Rufe und Schritte.
      Lewis erkannte mit einem kurzen Blick, dass er sich auf sowas wie einem Industriegelände befand. Eine breite Fläche war vor ihm, Betonboden, vereinzelte Stapel mit Metallfässern, Metallstrukturen oder Holzbauten, auf der anderen Seite des offenen Platzes eine offene Lagerhalle, das Gebäude hinter ihm so etwas wie ein Bürogebäude. Dem Graffiti an der Wand nach zu schließen und den teilweise fehlenden Fensterscheiben in den oberen Stockwerken, war es aber ein verlassenes Gebäude. Lewis schnaubte bei der Erkenntnis. Natürlich suchte sich Apollo einen verlassenen Ort für eine solche Aktion. Das war ja sowas wie sein Markenzeichen.
      Hinter ihm knirschten unten die Glassplitter, als der Kerl ebenfalls durch das Fenster kletterte - sicher wesentlich schneller als Lewis mit seiner kaputten Hand, dem schwächelnden Arm, den schmerzenden Rippen und dem Blutverlust, den er bisher erlitten hatte. Es wunderte ihn gar nicht, als einen Moment später der Kopf des Typen auftauchte.
      Lewis brauchte nur einen einzigen Blick, der ihm die Reaktion des Mannes vorhersagte, bevor er aufsprang und um sein Leben lief. Hinter sich hörte er, wie der Kerl seine Position heraus rief. Neben sich hörte er aus der Entfernung die Antwort. Apollo hatte hier wohl eine ganze Mannschaft hinterlassen.
      Er schlitterte um den nächsten Haufen Stahlplatten und warf einen knappen Blick zurück, um die Reaktion mitzubekommen. Der Typ würde ihm einfach nachlaufen und er würde schießen, wenn er ihn sah. Lewis fluchte.
      Er sah sich gehetzt um. Die Gegend war von fernen Straßenlaternen beleuchtet, aber auf der genauso fernen Straße fuhren keine Autos und das Licht reichte aus, um den Platz gerade noch genug zu erhellen. Weiterlaufen war keine Option und der nächste Haufen, hinter dem Lewis hätte Deckung suchen können, war ihm zu weit weg. Er lehnte sich gegen die Platten und wimmerte verzweifelt.
      Dann sah er an seiner kurzfristigen Deckung empor. Die Platten reichten gut zwei Meter in die Höhe und waren fein säuberlich gestapelt. Zwischen jeder Schicht war wohl genug Platz für einen Fuß.
      Lewis dachte nicht sehr lange darüber nach. Er begann einfach zu klettern, getrieben von dem Adrenalin, das ihm durch den Körper raste und dem innerlichen Ticken des Sekundenzeigers, der sich dem Moment näherte, wenn der Typ um den Haufen biegen würde. Lewis brauchte ja nur einen kurzen Moment, eine einzige Sekunde. Er begann zu klettern und versuchte dabei nicht darüber nachzudenken, dass er gleich sterben könnte. Jetzt schon zum hundertsten Mal in dieser kurzen Zeit.
      Der Mann kam um die Ecke und als er Lewis nicht da sah, wo er ihn vermutete - Lewis hatte immerhin genau vorhergesehen, wo er auftauchen und hinsehen würde - blieb er wirklich kurz stehen. Das reichte für Lewis aus. Er ließ sich auf den Kerl fallen und sie beide gingen zu Boden.
      Der Überraschungsmoment war auf seiner Seite. Lewis konnte ihm seinen Ellbogen ins Gesicht schlagen und ihn dadurch außer Gefecht setzen. Der Mann stöhnte, als sein Kopf auf den Boden schlug, erschlaffte und ließ die Pistole los, die er gezogen hatte. Lewis packte sie, setzte an und pustete mit einem Schuss das Hirn weg.
      Diese Aktion war dumm gewesen. Oh fuck, war sie dumm gewesen. Lewis hatte Angst gehabt, er war verzweifelt gewesen und jetzt war der Schuss über den ganzen Platz hinweg geknallt. Vom Bürogebäude her wurde gerufen und geschrien. Der Lautstärke nach zu urteilen schätzte Lewis die Leute hier auf 50. Ein ganzes fucking Kommitee, das jetzt genau wusste, dass Lewis dort draußen war. Und das jetzt sehr gut dafür sorgen konnte, dass er nicht weiter kommen würde.
      Lewis fluchte lautstark. Er hatte ja noch nicht einmal eine Ahnung, wohin er von hier aus hätte gehen sollen. Vielleicht zur Straße, aber da war alles noch viel mehr offen und sicherlich wurde sie bewacht. Vielleicht zu der Lagerhalle, aber dann? Sollte er etwa versuchen, eins der Fahrzeuge zu klauen? Lewis hatte nie gelernt zu fahren und selbst wenn, selbst wenn er wie durch ein Wunder die Kupplung richtig bediente und den Wagen nicht fünfmal abwürgte, hatte er doch keine Ahnung, wie er ihn überhaupt kurzschließen sollte. Santiago konnte das, Santiago wusste, wie das ging. Aber Lewis? Der hatte nicht den blassesten Schimmer.
      Also saß er fest. Wieder. Vom Regen in die Traufe. Und dieses Mal hatte er wirklich keine Idee, wie er hier herauskommen sollte.
      Schritte klangen über den weiten Platz. Lewis war gerade noch geistesgegenwärtig genug, um der Leiche ihre Munition abzuknöpfen, dann stand er auf und rannte, ohne weiter darüber nachzudenken. Er verließ die Deckung und machte beim Laufen Augenkontakt mit drei weiteren Typen. Er sah, dass sie schießen würden. Er sah, dass sie verfehlen würden. Er rannte unbeirrt weiter, selbst als der eine bereits seine Waffe anhob und seine Warnung ausrief.
      Drei Schüsse krachten durch die Luft. Lewis erreichte unbeschadet die nächste Deckung, wirbelte herum, hob seine Waffe und zielte.
      Knoten explodierten vor seinem Gesicht. Er musste sich nur vornehmen, auch wirklich abzudrücken, und schon änderte sich die Zukunft, wenn er das Visier auch nur einen Millimeter zur Seite bewegte. Jay hatte ihm bei ihren Schießübungen immer gesagt, dass er ohne seine Knoten schießen sollte und dass er sich nur auf den einen Zielpunkt konzentrieren sollte, nichts anderes. Aber Jay hatte nunmal auch keine verfickte Ahnung.
      Lewis konnte kaum richtig sehen. Dabei versuchte er sich wirklich zu konzentrieren, aber seine gute Waffenhand war im Arsch, sein Arm zitterte und sein Herz raste so schnell, dass es ihm in den Ohren pochte. Er drückte ab. Es wurde geschrien, aber er konnte bereits sehen, dass er niemanden getroffen hatte.
      Dafür stoben die heranlaufenden Leute jetzt aber auch nach allen Richtungen auseinander, um ihrerseits Deckung zu suchen. Lewis schoss noch zwei weitere Male, die Schüsse ohrenbetäubend laut, aber er traf nicht. Ein Antwortschuss kam zurück, vor dem ihn seine Knoten bereits gewarnt hatten, weshalb er sich sofort schon zurückzog. Aber etwas anderes wusste er nicht, er saß fest. Also kauerte er sich zusammen und versuchte, zumindest seine Nerven nicht zu verlieren. Was bei diesem ganzen scheiß Abend wirklich verdammt schwierig war.


      Zwei voll besetzte Wagen erwarteten Jay, als der am Straßenrand zum Stehen kam. Drei der insgesamt acht angeheuerten Söldner waren bekannt: Greg und die beiden Kollegen vom Transporter. Sie sahen unscheinbar aus, wie sie dort bei den beiden Wagen lungerten, aber natürlich war das nur Farce. Sie waren alle höchst aufmerksam, als Jay das Fenster runterließ und ein paar Worte mit ihnen wechselte. Kurz darauf leuchtete auch schon Santiagos Handy auf und Jay gab die Richtung weiter.
      Alle drei Wagen rasten los.
    • Santiago verkniff sich den Kommentar darüber, dass sie es sehr wohl in das Museum geschafft hatten. Dass sie es rausgeschafft hatten. Dass der eigentliche Plan perfekt funktioniert hatte, trotz all der Steine, die ihnen von Apollo in den Weg gelegt worden waren. Er verkniff sich all das, weil sein Hirn einfach nicht schnell genug reagierte, um sein Image vor dem Bruder seines Lovers zu verteidigen. Lewis war nicht der einzige, für den diese ganze Sache die längste romantische Beziehung war. Seine Freundin auf dem College hatte es nicht so lange mit ihm ausgehalten wie Lewis.
      Lewis...
      Santi würde jetzt liebend gern ein Nickerchen machen, um wenigstens ein bisschen klarer denken zu können, wenn sie jetzt Lewis aus der Scheiße zerrten. Aber das konnte er nicht. Sobald er die Augen für mehr als nur ein paar Sekunden schloss, sobald er wirklich einschlief, würde er Stunden brauchen, um wieder zu sich zu finden. So viel Zeit hatten sie nicht.
      "Na dann fahr mal," brummte er in Jays Richtung.

      Santi betrachtete Jays Männer mit geübtem Blick. Er kam zu dem Schluss, dass er froh war, dass diese kleine Truppe auf seiner Seite stand. Er war gut, aber nicht so gut, wie er Jay bereits mitgeteilt hatte. Mit einer Schusswaffe hätte er es vielleicht hinbekommen, aber auch dann nur, wenn er im vollen Besitz seiner Sinne wäre.
      Das Vibrieren seines Smartphones riss ihn aus seinen Überlegungen.
      "Ja?"
      "Hab ihn," meldete sich Jericho. "Die sind ein paar extra Runden gefahren, haben ihre Nummernschilder noch zweimal gewechselt-"
      "Adresse."
      "Ja, ja, locker bleiben. Sie sind gar nicht so weit weg von der Stelle, an der das Handy das letzte Mal gepingt hat."
      Jericho gab die Adresse eines halb verlassenen Industrieparks durch. Santi echote, was er hörte und Jay setzte seine kleine Truppe in Bewegung.
      "Danke, Jer. Du hast was gut bei mir."
      Ein Pfeifen ertönte aus dem Telefon. "DAS merk ich mir, Grummelbacke. Wenn du mich jetzt entschuldigst: ich habe einen Urlaub zu planen."
      Santi legte auf. Die Müdigkeit war in dem Moment aus seinem Körper verschwunden, in dem Jericho ihm ein Ziel gegeben hatte. Santiago war eine Waffe, das hatte er Lewis schon einmal erklärt. Jericho hatte ihm sein Ziel gegeben. Jetzt war es an ihm, den Abzug zu drücken.

      Sie hielten ein ordentliches Stück abseits der eigentlichen Adresse. Santiago ließ seinen Blick sofort über die schlecht beleuchtete Umgebung schweifen. Keine Sniper, keine sichtbaren Wachen. Apollo ging davon aus, dass man ihn nicht finden konnte.
      "Spielregeln," wandte er sich an Jay und seine Leute, die bereits ihre Waffen entsicherten. "Ich geh zuerst rein. Ihr schießt auf alles, was nicht wimmernd auf dem Boden liegt. Von mir aus schießt auch auf die, aber das sind europäische Militärs, also wollt ihr so viele Kugeln zu Verfügung haben, wie möglich. Ihr werdet sie brauchen."
      Er ließ seinen Nacken nach rechts knacken, nach links. Dann nahm er seine Sonnenbrille ab und warf sie auf den Beifahrersitz von Jays Wagen. Seine Handschuhe folgten. Dann krempelte er die Ärmel seines Hemdes hoch bis weit über seine Ellenbogen, legte so viel Haut frei, wie möglich.
      "Was auch immer ihr tut: ihr dürft keinen Hautkontakt mit mir herstellen."
      Obwohl sie noch gesättigt war von den Alpträumen, die er sich von Jay und Lewis einverleibt hatte, rührte sich Santiagos Magie, wandte sich wie dutzende Schlangen dicht unter seiner Haut. Santiago spürte die Vorfreude auf all die Angst, die er verbreiten würde, tief in sich drin. Das alte Gefühl von Macht überkam ihn, ein Gefühl vor dem er sich schon seit Jahren versteckte. Doch nicht heute. Heute würde er sich wieder darauf einlassen, es benutzen. Er würde nicht nur Alpträume verteilen - er würde selbst zum Alptraum werden.
      Ein Schuss hallte durch den verlassenen Industriepark. Instinktiv duckten sich alle ein Stück. Alle außer Santiago. Der drehte sich ruhig um in die Richtung, aus der der Schuss gekommen war. Er hatte sein Ziel. Es war Zeit, den Abzug zu drücken.

      Mehr und mehr Schüsse hallten über das Gelände, doch Santiago ließ sich davon nicht beirren. Solange geschossen wurde, war das Ziel dieser Leute noch am Leben. Jetzt gerade konnte es sich Santiago nicht leisten, daran zu denken, wer dieses Ziel war. Er behandelte diesen Einsatz wie jeden anderen Rückführungsauftrag: finde das Zielobjekt und bringe es zum Klienten.
      Er joggte geradezu entspannt, aber sehr zielgerichtet über das Gelände, die kleine Truppe dicht hinter ihm. An Ecken blieb er stehen, sah sich um. Mit kalter Effizient fraß er sich durch das Gelände, bis er die ersten Leute in schwarzen Cargohosen erblickte.
      Santiago blieb nicht stehen. Er bedeutete seinen Leuten, wie viele Ziele er gesehen hatte, dann beschleunigte er seine Schritte, bis er vollends sprintete. Er krachte in die beiden Militärs hinein, tacklete den einen in den anderen hinein. Noch bevor sie auf dem Boden aufschlugen hatte Santiago Hautkontakt hergestellt und ließ seiner Magie freien Lauf. Seine Augen verdunkelten sich, schwarze Adern zogen sich durch sein gesamtes Gesicht. Er hielt nichts zurück und sandte die Militärs in Sekunden ins Land der Alpträume.
      Die beiden hatten ein altes, rostiges Tor bewacht. Santiago trat es mit einem gezielten Triff auf und setzte seinen Pfad der Zerstörung fort. Waffen wurden auf ihn gerichtet, doch das war ihm egal. Er griff nach dem erstbesten Gewehr, lenkte es von sich ab und packte den Soldaten am Hals. Sie fiel wie ein Stein zu Boden und Santi hatte nun ein Sturmgewehr, dass er dem nächsten an den Kopf warf, um ihn abzulenken. Ein Tritt von der falschen Seite gegen das Knie und der Soldat blieb auch liegen. Jemand von Jays Leuten beendete es. Santiago war da schon lange weitergezogen und sandte die nächsten beiden ins Land der Alpträume.
      Seine Magie schwellte an mit jedem Alptraum, den er fraß. Er fühlte sich stark, unbesiegbar. Er bewegte sich mit der Anmut eines Raubtieres durch die Reihen der angeheuerten Soldaten, brach Knochen, zerriss Organe mit seinen Schlägen, Tritten. Die schwarzen Adern krochen über seinen Hals, seine Arme, tauchten auf seinen Händen auf. Er wurde zur Angst selbst. Als sie den Keller erreichten, brauchte es nur eine leichte Berührung mit einem einzigen Finger, um einen Soldaten heulend zu Boden zu werfen.
      Der Raum war voller Blut. Santiago kümmerte sich nicht darum - konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Er betrachtete die Geschichte - den Alptraum - die dieser Raum erzählte. Er folgte dem Blut zum Fenster. Scherben. Stofffetzen. Mehr Blut.
      "Er ist abgehauen," sagte er sachlich, kalt, seine Stimme tief und verzerrt von seiner Magie, die schon vor langer Zeit von jeder Zelle seines Körpers Besitz ergriffen hatte.
      Er eilte aus dem Keller, um das Gebäude herum, folgte dem Blut wie ein Spürhund. Und dann roch er etwas anderes: Angst. Er kannte diesen Geruch. Aber da war noch mehr, noch mehr Angst, süße Angst. Santiago sprintete los. Er mähte drei weitere Soldaten nieder, jeder einzelne schoss geradezu panisch auf ihn als sie sahen, mit welcher Geschwindigkeit, mit welcher Rücksichtslosigkeit er auf sie zuraste. Er brach dem ersten die Rippen so hart, dass sie sich in seine Lungen und sein Herz bohrten. Dem zweiten zerquetschte er die Luftröhre, bevor er ihm die Kehle ganz herausriss. Der dritte klappte zusammen, nur weil Santiago vor ihm stand, seine Magie ein unbezwingbares Monster.
      Er wandte sich um, roch aber niemand anderen mehr. Da war keine Angst mehr, außer der, die er schon dutzende Male in der Nase gehabt hatte. Er wollte sie nicht haben. Er hatte sie schon. Er schritt auf den alten Betonmischer zu und fand, wonach er die ganze Zeit gesucht hatte.
      "Jay!" brüllte er.
      Er konnte riechen, wie der Mann näher kam - er hatte Angst, so viel Angst: Angst um sein Leben, Angst um seinen Bruder, Angst vor Santiago. Er machte zwei Schritte zurück, weg von Lewis, und ließ Jay an ihn ran. Santi konnte sich nicht um ihn kümmern, nicht in diesem Zustand, nicht während seine Magie ihn so offen umgab wie eine schützende Rüstung. Sie schützte ihn, sie verletzte alle um ihn herum. Er machte noch einen Schritt beiseite, wandte sich ab, ignorierte den Schmerz - den emotionalen wie auch den physischen - und fischte sein Smartphone mit blutigen Fingern aus seiner Hosentasche. Er schrieb eine Nachricht an eine bekannte Nummer. Er ignorierte den Drang, sich auch Jays Männer vorzunehmen. Sein Blick fiel auf eine tiefe Furche in seinem Unterarm. Er wusste, dass er selbst ein paar nicht zu verachtende Verletzungen abbekommen hatte, aber das Adrenalin und seine Magie schwächten den Schmerz ab bis er ihn kaum wahrnehmen konnte. Santiago presste seine Finger in den Riss, verstärkte den Schmerz, bis er sich nur noch darauf konzentrieren konnte, bis seine Magie seine Gedanken wieder freigab.
      "Wir verschwinden von hier," befahl er. "Ich kenne einen Arzt, der keine Fragen stellt. Das hier ist Apollos Problem, wir räumen nicht auf."

      Dr. Shehan stellte keine Fragen, wenn man sie richtig bezahlte. Besagte Bezahlung war kein Problem für Santiago, also machte sie sich gleich an die Arbeit, kaum erblickte sie die durchgebluteten, improvisierten Bandagen, die Lewis zusammenhielten. Santiago hatte die ganze Fahrt über mit seiner Magie um die Kontrolle gekämpft - und nur knapp gewonnen. Sie war noch immer aufgewühlt, wartete auf noch mehr Beute. Die Adern auf seinen Armen und Händen waren Beweis genug dafür, auch wenn seine Augen wieder ihre normale Farbe angenommen hatten.
      Santi war so verdammt müde, aber er konnte sich nicht setzen. Er konnte ja kaum still genug stehen, um die Assistentin von Dr. Shehan an sich arbeiten zu lassen. Er verneinte jegliche Schmerzmittel. Er brauchte den Schmerz, um wachzubleiben, um sich darauf konzentrieren zu können, seine Magie in Schach zu halten.
      Es dauerte eine Ewigkeit (vielleicht auch nur ein paar Sekunden), bis Dr. Shehan aus ihrem Behandlungsraum trat und Jay über den Zustand seines Bruders informierte. Gleich darauf verschwand Jay in dem Raum, um Lewis beizustehen. Dr. Shehan wandte sich nun Santi zu.
      "Du siehst scheiße aus, Junge," begrüßte sie ihn, ihr irischer Akzent so stark wie eh und je. "Setz dich."
      "Nein."
      "Doch. Ich werd mich nicht auf den Boden legen um den Canyon in deiner Wade zu nähen. Setz. Dich. Hin."
      Er warf ihr einen Blick zu, aber die Frau gewann. Bevor sie sich jedoch einer der vielen Verletzungen Santis zuwandte, packte sie eine Spritze aus.
      "Schaffst du's mit 'ner kleinen oder brauchen wir die großen Geschütze?" fragte die Chriurgin.
      "Zwei Nächte, um die fünfundzwanzig Alpträume," brummte Santi und ließ sich auf die Behandlungsliege sinken.
      Dr. Shehan starrte ihn kurz an, dann nickte sie bestimmt und zog eine nicht unerhebliche Dosis Amphetamin auf. Santi nahm sowas nicht gern. Er wusste, dass ihn diese spezielle Dosis nicht high machen würde, nicht auf die Art, wie Speed es tat - das hier war die normale, medizinische Variante - aber er mochte das Gefühl von Uppern trotzdem nicht. Eine andere Option hatte er aktuell aber nicht. Er musste wissen, dass es Lewis gut ging, musste ihn sehen, mit ihm reden, bevor er sich in seine Höhle verkriechen und seine Wunden lecken konnte. Zumal Dr. Shehan ihn umbringen würde, sollte er ihre Näharbeit im Schlaf wieder aufreißen.
      Die Ärztin war einen Blick auf seinen zerfleischten linken Unterarm, hob eine Augenbraue und ergriff dann sein rechtes Handgelenk. Sie betrachtete die kaputten Überreste der Fingerschiene an Santis Hand für eine Sekunde, dann setzte sie die Spritze in seiner Ellenbeuge an. Es dauerte nur ein paar Minuten und Santi fühlte sich wie neu geboren. Sein ganzer Körper schmerzte von den Schnitt-, Stich-, und Schusswunden, die er davongetragen hatte, von den Prellungen und Schürfwunden, von dem gezerrten Muskel in seinem Oberschenkel und von dem verstauchten Handgelenk, aber er war wach. Er zwang seine Magie in den hintersten Teil seines Verstandes, und ließ Dr. Shehan arbeiten.
      "Wie geht's ihm?" fragte er, seine Stimme leise, aber heiser.
      "Der Bohnenstange, die du mir gebracht hast? Der ist ganz schön mitgenommen. Physisch wird er durchkommen, keine Frage. Die Hand macht mir Sorgen. Ich hab mein bestes getan, aber ihr braucht einen Spezialisten dafür. Und selbst dann glaube ich nicht, dass das keine bleibenden Schäden hinterlässt."
      Santi fluchte auf spanisch, fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, fluchte erneut als der Schmerz seiner gebrochen Finger durch seinen Arm zuckte.
      "Kennst du wen?" fragte er.
      "Kelly macht schon einen Termin aus. Ich nehm einfach mal an, dass Cash kein Problem ist, wenn du so hier auftauchst."
      Santi nickte. Selbst ohne die fünfzehn Millionen hätte er diesen Spezialisten für Lewis besorgt.
      "Gut. Hab ihr gesagt, sie soll dafür sorgen, dass die Bohnenstange so früh wie möglich behandelt wird. Je früher wir das regeln, desto besser sind seine Chancen. Deine Finger können da auch gleich gerichtet werden."
      Santi brummte eine unverbindliche Antwort. Seine Finger waren ihm egal, die würde er sich in Zukunft noch öfter brechen. Aber Lewis... er musste wissen, dass es Lewis wieder gut gehen würde.
      Während Dr. Shehan an seiner Wade nähte, tätigte Santi einen Anruf.
      "Diego. Ich will ein Kopfgeld aussetzen."
      "Wow! Das ist was ganz neues! Aber du spielst ja jetzt auch in einer anderen Liga. Name und Preis?"
      "Apollo. Zwei Millionen."
      "Dir ist bewusst, dass es nur wenige gibt, die von dir ein Kopfgeld annehmen würden? Niemand legt sich gern mit jemandem an, der dem großen Santiago Di Natale die Stirn bieten kann."
      "Das Kopfgeld läuft nicht über meinen Namen."
      "Ach nein?"
      "Nein. Ich werd selbst jagen gehen."
      Er konnte es genau vor sich sehen, wie Diegos perfekt gezupfte Augenbrauen in die Höhe schossen. Genauso klar wie er den Blick sehen konnte, den Dr. Shehan ihm zuwarf. Wenn es nach ihr ginge, bliebe Santi den nächsten Monat im Bett und kurierte sich aus.
      "Und wer ist der mysteriöse Auftraggeber?" fragte Diego und Santi nannte ihm den vollen Namen von Bryce.
      Er würde den Teufel tun und sich oder die Castro Brüder noch mehr zur Zielscheibe machen. Apollo war mächtig und einen solchen Feind musste man ablenken, um an ihn ranzukommen. Sicher, Apollo würde genau wissen, wer das Kopfgeld wirklich ausgestellt hatte, aber er würde zumindest einen kleinen Teil seiner Ressourcen darauf verwenden herauszufinden, warum ausgerechnet ein kleiner Drogendealer wie Bryce in die Sache mitreingezogen wurde - wenn auch nur aus purer Neugierte.
      Diego wiederholte die Details des Auftrages, Santi bestätigte die Daten. Und damit war die Sache getan. Apollo war jetzt ein gesuchter Mann und in einer Stunde würden es die besten Killer der Welt wissen. Schritt eins war getan. Santi würde nicht eher ruhen ehe er diesen heuchlerischen Möchtegern-Gott zu Fall gebracht hatte.


    • Wie ein ganzes verdammtes Einsatzkommando fuhren die Wägen vor und die Mannschaft sprang heraus. Jay kribbelte es in den Fingern, als er seine Waffe ein letztes Mal durchcheckte und dann entsicherte. Seine Anspannung rührte hauptsächlich von der abgelegenen Gegend, die sich so wunderbar unauffällig in die Stadt einpflegte, aber auch von der Absurdität dieser ganzen Situation. Lewis war niemand, der sich in ernsthafte Schwierigkeiten brachte. Sicher, er ließ sich gerne mal auf zwielichtige Leute ein, blieb zu lange zum Feiern weg und übertrieb es mit Drogen und Alkohol, aber seine Magie schützte ihn vor den schlimmsten Konsequenzen. Das hatte Lewis ihm erklärt und Jay glaubte es ihm auch.
      Trotzdem stand er jetzt mit acht ausgerüsteten Männern und Frauen und Lewis’ gruseligem Freund - Exfreund? - vor einer verlassenen Industriefirma und bereitete sich darauf vor, ein Gebäude zu stürmen. So gut konnte seine Magie ihn letzten Endes doch nicht geschützt haben und das war durchaus Teil des Grundes, weshalb Jay nun das Adrenalin so in den Fingern kribbelte.
      “Spielregeln.”
      Er wandte sich Santiago zu.
      “Ich geh zuerst rein. Ihr schießt auf alles, was nicht wimmernd auf dem Boden liegt. Von mir aus schießt auch auf die, aber das sind europäische Militärs, also wollt ihr so viele Kugeln zu Verfügung haben, wie möglich. Ihr werdet sie brauchen.”
      Der Mann sprach, als hätte er sowas schon hundertmal getan. Unwillkürlich musste Jay sich fragen, was er eigentlich tat. Er hatte einen Auftrag für Montes erledigt, klar, aber was sonst? Was steckte hinter dem Mann, der es trotz seiner unheimlichen Aura geschafft hatte, Lewis’ Aufmerksamkeit so lange zu halten? Und ihn dabei sogar noch glücklich zu machen?
      “Was auch immer ihr tut: ihr dürft keinen Hautkontakt mit mir herstellen.”
      Keiner von ihnen hinterfragte diese Aussage, als Santiago sich seiner Sonnenbrille und Handschuhe entedigte. Die leuchtenden Augen kamen wieder zum Vorschein und Jay fühlte unmittelbar einen Schauer über seinen Rücken kriechen. Selbst ohne Warnung hätte er wohl nicht im Traum daran gedacht, Santiago auch nur zu nahe zu kommen, und dieses Gefühl teilten wohl auch die anderen. Sie alle starrten den Mann an, der wie von einer anderen Welt zu kommen schien.
      Dann knallte ein Schuss in der Ferne und sie setzten sich in Bewegung. Jay hätte es vor Anspannung sonst noch zerrissen.

      Hinter Lewis sprühten Funken, als Blei auf Stahl traf. Er biss sich auf die Zunge, um einen Schrei zu unterdrücken, der ihn sicher richtig in die Scheiße getrieben hätte. Solange er regelmäßig und halbwegs präzise antwortete, konnte er vielleicht verhindern, dass man ihn einkesselte. Dabei würde es nicht helfen, wenn er dem ganzen Vorplatz mitteilte, wie viel Angst er hatte.
      Er wagte einen knappen Blick aus seiner Deckung, ließ seine Knoten sich anpassen, hob den Arm und schoss wieder. Daneben, schon wieder, aber es wurde besser, enger. Er konnte zumindest eine Gestalt davon abhalten, unter Deckung des eigenen Feuers näher heranzulaufen. Seine Kugel verletzte zwar niemanden, aber die Gestalt sprang trotzdem wieder zurück.
      Er war alleine und das musste bekannt sein. Realistisch gesehen hatte er keine Chance gegen auch nur drei Leute, wenn sie sich richtig absprachen, und das hinter ihm mussten schon fünf, wenn nicht gar mehr sein, die sich ihm zu nähern versuchten. Sie wussten, dass er alleine war, aber trotzdem ließen sie sich nicht dazu hinreißen, ihn mit purer Überzahl zu überwältigen. Sie hätten es tun können. Lewis schätzte, dass sie es nicht taten, weil er ein Magier war.
      Er wusste selbst, dass diese Tatsache alleine bei den Magielosen Respekt abverlangte, ganz besonders, wenn es um Auseinandersetzungen ging. Ganz besonders, wenn man nicht wusste, dass Lewis blutete, kaum etwas sehen konnte und schlecht im Zielen war. Sie hatten Respekt genug vor seiner Fähigkeit, um kein Risiko einzugehen.
      Aber er war immernoch alleine und ewig konnte er sie auch nicht aufhalten. Irgendwann würden sie es zu ihm schaffen, auch ohne ein Risiko dabei einzugehen. Daher kauerte er sich wieder hinter seine Deckung und versuchte mit aller Macht, nicht schon wieder in Tränen auszubrechen.

      Die erste Wache am Tor war keinerlei Probleme, erst recht nicht, wenn ein groß gewachsener, kräftig gebauter Mann einfach in sie hinein stürmte und sie wie durch ein Wunder zu Boden gehen ließ. Jay sah voller Alarmbereitschaft zu, die Waffe gehoben, das Visier auf einen der beiden Leute gesetzt, aber sein Einsatz war nicht vonnöten. Santiago schaltete sie mit purer Körperkraft aus, so wie es schien.
      Mit sauberer Effizienz marschierte er durch das aufgetretene Tor und stellte sich sogleich den nächsten Männern, die auf ihn zugelaufen kamen. Jay war hin und hergerissen davon, dieser Schneise der puren Zerstörung zuzusehen und sich ihr anzuschließen. Er war noch nie in Kontakt mit anderen Magiern gekommen und was Santiago dort anzustellen schien - was auch immer es war - interessierte ihn. Vielleicht war es letzten Endes auch nur rohe, körperliche Gewalt, die den Mann weiter vorwärts brachten. In diesem Fall verspürte Jay wohl den größten Respekt vor ihm, nachdem er selbst, so wie Lewis, mit der Statur seines Vaters gesegnet worden war. Schlank, gelenkig, ein wenig drahtig. Nichts, durch das er sich auf ähnliche Weise wie Santiago hätte fortbewegen können.
      Mit seinen Männern blieb er im Hintergrund, um Santiago den offensichtlich erwünschten Vortritt zu lassen. Sie stürmten das Gebäude und verteilten sich ganz automatisch, um das Erdgeschoss abzusichern. Vier von ihnen drangen weiter nach oben vor, Santiago und Jay wählten mit zwei anderen den Keller. Die übrigen zwei blieben beim Eingang zurück.
      Sie fanden einen Raum, der ausnahmsweise einmal nicht vollgerümpelt war, sondern nur ein einziges Möbelstück beinhaltete: Einen umgeworfenen Stuhl, der unter einem zerbrochenen Fenster lag. Der Stuhl selbst und ein beträchtlicher Teil des Bodens war von Blut dunkel verfärbt.
      Jay spürte brennenden Hass in sich aufsteigen, der seine vorherige Anspannung bei weitem überlagerte. Er musste nicht einmal den konkreten Gedanken fassen, dass das hier sehr gut Lewis’ Blut sein konnte, um Rot vor Augen zu sehen. Wenn dieser Mistkerl Apollo wirklich dahinter steckte, würde er ihm höchstpersönlich die Zähne ausschlagen. Und wenn Lewis es nicht überlebt haben sollte…
      Den Gedanken sparte er sich lieber. Er ließ eine Angst in Jay emporkriechen, der er nicht Herr werden konnte.
      “Er ist abgehauen”, stellte Santiago nüchtern fest. Wie der Mann so ungerührt von der Szenerie bleiben konnte, war Jay ein Rätsel. Allerdings half es ihm, seinen eigenen Kopf abkühlen zu lassen. Solange draußen noch geschossen wurde, war es nicht zu spät.
      Er wich Santiago großzügig aus, als der an ihm vorbei wieder nach draußen ging. Mittlerweile umhüllte ihn eine Aura puren Grauens, die es Jay unmöglich machte, auch nur in seiner Nähe zu stehen. Seine Stimme war auch mindestens eine Oktave tiefer, hätte aber nicht gruseliger sein können. Wie Lewis sich daran hätte “gewöhnen” sollen, das wusste er nicht. Am liebsten hätte er ganz schnell das Weite gesucht.
      Stattdessen folgte er Santiago unmittelbar nach draußen.

      Lewis schoss noch zwei weitere Male, einmal in Voraussicht, einmal aus purer Angst. Beim dritten Mal drückte er ab und - klick. Klick, klick. Er hätte in seiner plötzlich aufrollenden Panik beinahe seine Waffe verloren, als er sich wieder zurückzog.
      Oh fuck. Fuckfuckfuckfuckfuck.
      Er hatte die Munition, ja, er war schlau genug gewesen, sie mitgehen zu lassen, aber er hatte nicht daran gedacht, sie auch einzusetzen. Und jetzt war das Magazin im ungünstigsten Zeitpunkt leer.
      Fuck. Fuck. Fuck.
      Er ließ in seiner Hast die Pistole wirklich fallen, als er die Munition heraus riss. Seine Hand zitterte so stark, dass er sie nicht richtig zu fassen bekam. Seine andere Hand war nutzlos und pochte nur mit einem bestehenden Quell aus Schmerzen vor sich hin. Sein Herzschlag dröhnte ihm in den Ohren und hinter ihm knallte es wieder, als seine Deckung weiter beschädigt wurden. Rufe ertönten, dann wieder ein Schuss, noch einer. Lewis konnte gar nichts mehr sehen, als ihm Tränen die Sicht verschleierten und die Panik Überhand nahm. Das war es, es war aus, er würde sterben. Es war vorbei. Gestorben durch Dummheit. Wie oft hatte Jay ihm schon eingebläut, sich immer über die Anzahl seiner Schüsse im Klaren zu sein? Wie oft? Jedes verdammte Mal, jedes einzelne.
      Er brachte das Magazin auf, aber die Munition fiel ihm aus der Hand. Ein Schluchzen brach aus seiner Brust heraus, heftig genug, um ihn zu schütteln. Anstatt nach der Munition zu greifen, zog er die Beine an, kauerte sich noch weiter zusammen und verbarg den Kopf in seinem Arm. Vielleicht würde es ja schnell gehen, vielleicht wäre es gleich vorbei. Vielleicht würde es nicht wehtun. Nur ein bisschen warten.
      Wenn er doch nur noch Jay ein letztes Mal hätte sehen können.
      Oder Santiago.
      Er schluchzte auf.

      Die Schützen waren jetzt direkt vor ihnen. Sie kauerten hinter Deckungen, die allerdings von Santiago und Jay weg gerichtet waren. Die Ankunft der beiden Männer war sichtlich überraschend für die Leute, die sich auf etwas anderes konzentriert hatten. Jay konnte einem von ihnen die Kugel in den Kopf und dem nächsten ins Brustbein jagen, bevor sie sich neu nach ihnen ausrichten konnten. Santiago marschierte unaufhaltbar voran und zwang drei Leute zu Boden, einen von ihnen durch seine schiere Anwesenheit. Jay hatte unlängst begriffen, dass seine Magie mit ihm Spiel war und anscheinend war sie mächtig genug, um sogar schon aus der Distanz zu wirken.
      Es knallte weitere Male, einer von Jays Söldnern ging brüllend zu Boden, die Antwort kam unmittelbar und dann war es für einen Augenblick ohrenbetäubend still. Keiner rührte sich, als sie darauf warteten, ob noch etwas kommen würde. Nur Santiago bewegte sich.
      Und dann kam ein einzelner, dunkler, furchterregender Ruf:
      “Jay!”
      Doch anstatt wegzulaufen, kam er angerannt. Und hätte vor Erleichterung beinahe laut aufgestöhnt.
      Er saß hinter dem Betonmischer wie ein zusammengesunkenes Häufchen Elend. Da war Blut auf seinem Arm, Blut in seinem Haar, Blut auf einer bandagierten Hand und Blut auf seiner Kleidung. Neben ihm lag eine leere Knarre und verstreute Munition. Er schien sich nicht mehr darum gekümmert zu haben.
      Lewis sah auf, als Jay ankam, und als sich ihre Blicke trafen, schienen sämtliche Dämme zu brechen. Er heulte, wie Jay ihn noch nie heulen gehört hatte. Sein Gesicht war geschwollen und bunt von Blessuren und da baumelten Handschellen von seinem Handgelenk. Sie klimperten leise, als Lewis von einem Heulkrampf durchgeschüttelt wurde.
      “Scheiße, Lew.”
      Jay war sofort bei ihm, kniete sich vor ihm auf den Boden und konnte sich nicht entscheiden, wem er sich zuerst widmen sollte: Den Handschellen, dem vielen Blut, dem Verband, den Prellungen. Doch Lewis nahm ihm die Entscheidung ab, als er die Arme um ihn schlang und sich mit beiden Händen in seine Jacke krallte. Jay begegnete ihm mit offenen Armen und ließ zu, dass sein Bruder sich an ihn krallte, als würde sein Leben davon abhängen. Vermutlich tat es das auch, auf gewisse Weise. Jay mochte sich nicht vorstellen, was alles geschehen war, bis Lewis erst hier gelandet war. Die Heftigkeit, mit der er weinte, sprach schon Bände für sich.
      “Ist gut, Lew. Alles gut. Beruhig dich, es ist alles gut. Alles ist gut.”
      Sein Bruder zitterte. Jay hielt ihn so fest, wie er nur konnte - so fest, wie auch Lewis ihn immer gehalten hatte, wenn er für ihn da gewesen war. Jetzt war es Jay, der für ihn da sein musste, und das tat er auch. Das würde er immer sein.
      “Alles ist gut. Alles ist gut.”
      Lewis heulte nur, er konnte dabei nicht einmal richtige Worte formen. Da ertönte Santiagos Stimme hinter dem Betonmischer.
      “Wir verschwinden von hier. Ich kenne einen Arzt, der keine Fragen stellt. Das hier ist Apollos Problem, wir räumen nicht auf.”
      Jay nickte, wenn auch nur für sich selbst. Lewis schien kaum etwas mitzubekommen.
      “Komm, Lew. Du musst aufstehen, klar? Wir müssen nur in den Wagen.”
      Er sah sich nach seinen Männern um.
      “Kann jemand vorfahren?”
      Einer von ihnen machte sich auf den Weg und in der Zeit, in der der Wagen sich seinen Weg in den Hinterhof bahnte, brachte er Lewis auf die Beine. Er konnte kaum stehen, seine Knie zitterten so stark, dass sie sein Gewicht kaum halten konnten. Hilfesuchend sah er sich nach Santiago um, aber der Anblick des fernen Mannes reichte schon alleine aus, um Jay die Nackenhaare aufstellen zu lassen. Nein, lieber nicht. Stattdessen schlang er sich Lewis’ gesunden Arm - den mit den verdammten Handschellen - um die Schultern und schleifte ihn zum Wagen. Lewis hatte immernoch nicht aufgehört zu heulen, aber es wurde schwächer. Er ließ sich auf den Beifahrersitz manövrieren und dann anschnallen. Jay sprintete zum Fahrersitz und sprang hinein, Santiago glitt auf die Rückbank. Die Reifen drehten durch und der Wagen raste vom Platz. In halsbrecherischer Geschwindigkeit jagte Jay dorthin, wo Santiago ihn hin manövrierte.
      Lewis hörte irgendwann doch noch zu heulen auf und starrte stattdessen nur vor sich hin. Sein Blick war trüb geworden und es war alarmierend viel Farbe aus seinem Gesicht gewichen. Er saß reglos auf seinem Sitz und richtete sich kaum auf, wenn Jay die Kurve zu knapp nahm. Mehrmals sah Jay zu seinem Bruder rüber und tätschelte ihm den hoffentlich unversehrten Oberarm.
      “Wachbleiben Lew, komm schon. Wir sind gleich da, nur noch zwei Minuten. Wachbleiben, hörst du?”
      Lewis reagierte nicht, aber er blinzelte. Jay musste sich damit zufrieden geben, dass sein Bruder zumindest die Augen wieder öffnete. Der scharfe Geruch von Blut und der süßliche Hauch von Erbrochenem füllte den Wagen. Jay öffnete die Fenster und trat fester aufs Gas. Neben ihm sank Lewis’ Kopf auf seine Brust.
      Sie erreichten die angegebene Praxis und Jay konnte Lewis hinein schleppen, wo er bereits von einer zügigen Ärztin in Empfang genommen wurde. Assistenten rauschten heran, um ihm Lewis abzunehmen und in eins der Zimmer zu führen. Alle verschwanden und die Tür wurde hinter ihnen zugeknallt.
      Jay musste nicht lange warten und gleichzeitig war es die längste Zeit in seinem Leben, die er jemals hatte warten müssen. Er war so voll angespannter Sorge, dass er sich kaum stillhalten konnte. Neben ihm erging es Santiago ganz ähnlich, was kaum beruhigend war.
      Sie warteten eine Ewigkeit, bis die Tür endlich wieder aufging und die Ärztin auftauchte, ihre Hände in blutigen Handschuhen, die sie sich jetzt abstreifte. Jay war bei ihr, bevor sie auch nur einen weiteren Schritt hätte unternehmen können, und sog jedes einzelne ihrer Worte auf. Lewis’ Diagnose hörte sich schlimm an, aber sie war nicht lebensbedrohlich. Er würde durchkommen, das versicherte die Ärztin ihm.
      “Ich habe ihm Schmerzmittel gegeben und er schläft jetzt. Es ist nicht stark, aber das darf es bei dem Blutverlust auch nicht sein. Sobald er wieder ein bisschen Farbe hat, kann er ein stärkeres bekommen. Wegen der Hand habe ich getan, was ich konnte, aber das muss sich ein Spezialist ansehen.”
      Jay wusste nicht einmal, was mit der Hand war, aber das war ihm im Moment auch egal. Lewis würde durchkommen, das war alles, was zählte. Er stieß erleichtert den Atem aus.
      “Dann kann ich zu ihm?”
      “Nur zu.”

      Es gab in der Praxis keine Betten, deswegen lag Lewis auf einer Liege. Man hatte ihm Hemd und Hose ausgezogen und ihn mit einer dünnen Decke zugedeckt. Da hing ein Infusionsbeutel an seinem Arm, der ihn wohl mit dem Schmerzmittel versorgte. Seine Blessuren im Gesicht waren mit irgendeiner Creme behandelt worden, seine Hand war in einen dicken Verband gehüllt, sein anderer Arm war ebenfalls verbunden, so wie der Großteil seines Oberkörpers. Irgendwie hatte man die Handschellen entfernen können, sodass er jetzt um einiges erträglicher aussah. Seine Sachen lagen in einem Plastikbeutel auf einem Stuhl neben ihm. Es war sowieso nur die Kleidung.
      Jay trat an seine Liege heran und betrachtete seinen Bruder. Er war noch immer aschfahl im Gesicht und eines seiner Augen war schlimm zugeschwollen. Auch wenn Jay wusste, dass er nur schlief, sah es trotzdem fürchterlich aus. Als wäre es weitaus mehr als nur Schlaf.
      “Scheiße, Lew…”
      Er befühlte vorsichtig seine Stirn, seinen Hals, seine gesunde Hand. Lewis rührte sich nicht, aber sein Brustkorb hob und senkte sich deutlich. Jay sah ihm für einige Minuten nur dabei zu, wie er atmete. Das reichte ihm, um wenigstens einen Teil seiner Sorge zu bekämpfen.
      Irgendwann riss er sich von dem Anblick los, um wieder nach draußen zu kommen. Er war jetzt selbst unfassbar müde und ließ sich stöhnend auf einen der Stühle in Santiagos Nähe fallen. Der Mann trug jetzt auch einen Verband und war längst nicht mehr so gruselig wie noch vor einer Stunde. Jetzt ließ es sich in seiner Gegenwart sogar aushalten.
      Jay seufzte angestrengt.
      “Er schläft jetzt. Ich will ihn noch nicht aufwecken. Vielleicht in 20 Minuten? 30?”
      Er zog sein Handy heraus und beauftragte einen seiner Leute damit, zu seiner Wohnung zu fahren und Lewis einen Satz Kleider zu besorgen. Vorher konnten sie eh nicht abziehen, außer Lewis wollte seine alten Kleider wieder anziehen. Allerdings waren sie blutig und ziemlich sicher voll Erbrochenem. Jay schüttelte es, wenn er nur daran dachte.
      “Dieser Wichser. Ich werde Apollo das büßen lassen, egal, was es mich kostet.”
      In der aufkommenden Stille sah er wieder Santiago an.
      “Danke für deine Hilfe. … Und sorry, dass ich meine Waffe auf dich gerichtet hab. War nicht so gemeint, du weißt schon.”
    • Santi zog sich gerade sein Hemd wieder an, als Jay aus dem Behandlungsraum mit Lewis kam. Der Mann sank auf einen Stuhl in seiner Nähe und existierte für einen Augenblick einfach nur, während Santi damit kämpfte, seinen Ärmel über den dicken Verband an seinem linken Unterarm zu ziehen, während er zwei Finger seiner rechten Hand nicht richtig bewegen konnte. Dr. Shehan hatte ihn zusammengeflickt wie ein kaputtes Stofftier. Sein ganzer Körper schmerzte und jede einzelne Naht zog unangenehm. Santi wusste, dass er dank der Amphetamine gerade ein bisschen überempfindlich in seiner Wahrnehmung war, aber das war ihm egal. Der Schmerz war gut. Er verdiente ihn.
      "Lass ihn schlafen," kommentierte er. "Er braucht die Ruhe und wenn er aufwacht, erinnert er sich bloß."
      Er reichte Jay die Notiz mit der Adresse für den Spezialisten, den Dr. Shehan für ihn organisiert hatte. Irgendwie hatte sie es geschafft, Lewis gleich morgen Vormittag einen Termin zu besorgen.
      "Oh, du hast es gemeint," er atmete tief ein, als ihn eine neue Welle von Jays Angst erreichte. "Kein Grund, sich gleich in die Hose zu machen, Jay. Ich nehm's dir nicht übel. Das war nicht die erste und mit Sicherheit auch nicht die letzte Waffe, die auf mich gerichtet wurde. Und was Apollo angeht... Ich hab ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Überlass das anderen." Überlass das mir. "Du kümmerst dich jetzt erstmal um den Streu-... deinen Bruder. Nicht jeder kann Folter einfach so wegstecken."
      Irgendwie hatte es Santi geschafft, sein Hemd zuzuknöpfen. Er ließ sich zurück auf die Liege sinken. Selbst mit der Dosis an Uppern, die gerade durch seinen Blutkreislauf zirkulierte konnte er die Müdigkeit spüren. Sie war hübsch verpackt in einer Kiste am Rande seiner Wahrnehmung, aber er wusste ganz genau, wo sie war. Seine Magie saß gleich nebendran, vollgefressen und fett. Sie wartete nur darauf, dass die Kiste aufging. Sobald diese Kiste aufging, würde sie Santi fressen, ihn verschlingen mit Haut und Haaren. Santi wusste, dass er seinem Schicksal nicht entkommen konnte.
      "Du musst auf ihn aufpassen," sagte er leise. Jedes Wort kratzte in seinem Hals wie Sandpapier. "Er wird alles tun, um zu vergessen. Alles. Er wird sich so sehr zudröhnen, dass er seinen eigenen Namen vergisst. Und wenn du nicht aufpasst, dann wird er seine Limits überschreiten, ohne es zu bemerken. Du musst auf ihn aufpassen."
      Jay musste das tun, weil Santi es nicht konnte. Nicht jetzt, nicht morgen, und wahrscheinlich auch nicht in einer, zwei, wie viele Wochen auch immer. Aber Santi konnte auch nicht zulassen, dass Lewis all das überlebte, nur um sich dann selbst abzuschießen. Er musste einfach wissen, dass Lewis am Leben war, dass es ihm wieder gut gehen konnte.
      "Ich werd mich um Apollo kümmern."


    • Jay verzog ein bisschen das Gesicht, machte sich aber auch nicht die Mühe, die Sache irgendwie klarzustellen. Er hatte eine Waffe auf Santiago gerichtet und er hätte auch den Abzug gedrückt, wenn der andere ihn nicht aufgehalten hätte. Der einzige Grund, weshalb er sich überhaupt dafür zu entschuldigen versuchte, war Lewis. Exfreund hin oder her, man richtete keine Waffen auf ehemalige Freunde, die es nicht verdient hatten. Und nach der Aktion heute Nacht hatte Santiago es sicherlich nicht verdient.
      "Und was Apollo angeht... Ich hab ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Überlass das anderen."
      Da schickte Jay dem Mann einen fragenden Blick, der unbeantwortet blieb. Santiago spielte also in Riegen, in denen man auf Kopfgelder zugriff? Er wusste nicht, ob er das beunruhigend finden sollte oder nicht. Immerhin hatte auch Jay keine reine Weste, auch wenn er nicht unmittelbar beteiligt war.
      "Du kümmerst dich jetzt erstmal um den Streu-"
      Um den was?
      "... Deinen Bruder. Nicht jeder kann Folter einfach so wegstecken."
      Jay spürte wieder die Kälte in sich hochkriechen, das Gefühl von grenzenloser Angst, das ihn schon begleitete, seit er denken konnte. Natürlich hatte er sich denken können, was in dem Kellerraum passiert war, aber es so deutlich zu hören zu bekommen, war etwas ganz anderes. Mit einem Mal konnte er die Bilder nicht aufhalten, wie Lewis in diesem Raum saß, auf diesem Stuhl, und sich Dinge gefallen lassen musste, die ihn zum Bluten brachten. Das damit auftretende Gefühl war so überwältigend, dass er schlucken musste. Jay hielt sich selbst als abgehärtet und kühl, aber eine Sache gab es doch, die ihn zum Schwitzen brachte. Und die lag nebenan und schlief hoffentlich friedlich.
      "Klar", brummte er nur zurück und gab dem Drang nach, wieder aufzustehen und durch die Tür zu spähen. Lewis hatte sich noch kein Stück gerührt. Diesmal ließ er die Tür angelehnt, bevor er sich wieder setzte.
      "Du musst auf ihn aufpassen", sagte Santiago leise. In seiner Stimme lag ein merkwürdiger Unterton, der Jay aufsehen ließ.
      "Er wird alles tun, um zu vergessen. Alles. Er wird sich so sehr zudröhnen, dass er seinen eigenen Namen vergisst. Und wenn du nicht aufpasst, dann wird er seine Limits überschreiten, ohne es zu bemerken. Du musst auf ihn aufpassen."
      Jay blinzelte. Bisher gab der Mann ihm mehr Fragen auf, als er ihm beantwortete. Aber eine wollte er doch aussprechen.
      "Du sagst das, als hättest du Erfahrung damit. Das ist nicht dein erstes Mal heute, oder? Diese ganze Sache. Vielleicht nicht in dieser Konstellation, aber ähnlich, oder?"
      Santiago sah ihn nicht an. Sein unheimlicher Blick lag auf dem Boden vor sich und für viele Sekunden dachte Jay, dass von dem großen Mann nichts mehr kommen würde. Er hatte vorhin noch seine Skrupellosigkeit gezeigt, aber da steckte auch etwas anderes in ihm, etwas, das er unter seiner Oberfläche vor der Außenwelt verschloss. Etwas, das vielleicht nur Lewis zu Gesicht bekommen hatte.
    • Santi lachte kurz auf - eine der genähten Wunden an seiner Flanke zerrte an ihren Nähten - und schüttelte lächelnd den Kopf.
      "Er hat dir wirklich gar nichts erzählt, hm?" fragte er. "Hätte nicht gedacht, dass er so diskret sein kann."
      Es rührte ihn irgendwie, dass Lewis nichts über ihn ausgeplaudert hatte. Er konnte sich denken, warum er das nicht getan hatte und irgendwie war das... süß.
      "Sowas wie heute Abend ist mehr oder weniger mein Job. Dieser Tage bin ich Rückführungsspezialist. Ich werde dafür angeheuert, Dinge - oder Personen - aus einer Situation rauszuholen und zu meinem Klienten zurückzubringen. Aber man kann mich auch als Versicherung anheuern, um sicherzustellen, dass Dinge oder Personen auch da ankommen, wo sie hinsollen. Und manchmal werde ich auch einfach dafür angeheuert, um jemandem die Kniescheiben zu brechen. Das steht aber schon seit einer Weile ganz unten auf der Liste. Ihr hattet das Pech, eine der wenigen Ausnahmen zu sein."
      Er seufzte und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
      "Um deine Frage zu beantworten: Nein, das war nicht mein erstes Mal in so einer Situation. Das letzte Mal war schon eine Weile her, aber es ist schon mehr als einmal passiert. Und ich habe schon jede Rolle in so einer Shitshow gespielt. Die deiner Leute, die von Apollos Leuten, die von... deinem Bruder."
      Santi spürte, wie ein Muskel in seinem Nacken zu zucken begann. Ein normaler Nebeneffekt der Amphetamine. Nervig war es trotzdem. Er griff sich in den Nacken und massierte den Muskel in der dummen Hoffnung, dass es helfen würde. Sein Arm schmerzte dabei, sein verstauchtes Handgelenk pochte unangenehm im Takt seines zu hohen Herzschlages. Er kannte die Symptome, er hatte sie schon oft erlebt.
      "Für dich war's das erste Mal, hm? Dafür hast du dich gut geschlagen. Bist doch nicht so ein Sesselfurzer, wie ich immer angenommen hab. Du Finanzgenie."
      Er rutschte von der Liege und humpelte durch den Raum rüber zu einem kleinen Kühlschrank - nicht der mit dem Medikamenten. Er fischte zwei Wasserflaschen heraus und reichte eine davon weiter an Jay. Das gleiche machte er mit zwei Proteinriegeln. Er kannte sich in der kleinen Praxis viel zu gut aus.
      "Iss. Hilft mit dem Adrenalin-Drop."
      Er hatte den halben Riegel schon vertilgt bevor er sich wieder auf die Liege gesetzt hatte. Von dort aus musterte er Jay. Die Art, wie er sich jetzt gab, passte nur halb mit dem zusammen, was Lewis ihm erzählt hatte. Aber so waren Beziehungen zwischen Geschwistern nun einmal, oder? Sie hassten sich, aber sie liebten sich auf eine Art, die man nur schwer brechen konnte. Santi verstand das nur zum Teil. Er hatte keine Geschwister. Er hatte nie einen besten Freund, der wie ein Bruder war, gehabt. Es war immer nur er und seine Eltern für ihn gewesen.


    • Jay musterte Santiago aufmerksam, während der erzählte. Natürlich war Santiago kein Priester und auch kein Versicherungsverkäufer, aber er war wohl genau die Art von Arbeitskraft, die Jay für sein eigenes Unternehmen anheuerte. Im Umkehrschluss war er einer der Leute, die Jay als zwielichtig eingestuft hätte und Lewis auszureden versucht hatte. Dass sowas nicht funktioniert hätte, konnte man ja an Bryce sehen, aber damit wurde deutlich, weshalb er nichts von Santiago preisgegeben hatte. War Lewis so sehr auf Jays Ansprache gefasst, dass er ihm gar nichts mehr mitteilen wollte? Das war irgendwie traurig. Zwielichtig hin oder her, wenn er bei Santiago glücklich war, hätte er es Jay doch erzählen können.
      "Um deine Frage zu beantworten: Nein, das war nicht mein erstes Mal in so einer Situation. Und ich habe schon jede Rolle in so einer Shitshow gespielt. Die deiner Leute, die von Apollos Leuten, die von... deinem Bruder."
      Jay war fast geneigt, ihm nicht zu glauben, allein schon für die Absurdität dieser Vorstellung. Aber irgendetwas in Santiagos Miene überzeugte ihn doch. Die Art, wie sich seine Gesichtsmuskeln verspannte, wie er kurz zögerte beim Sprechen. Er hatte wirklich schon in allen Rollen gesteckt.
      "Scheiße..."
      Darauf hatte Santiago auch keine Bemerkung mehr. Was hätte man auch groß dazu sagen können, außer, dass sie beide sich in den falschen Branchen befanden, wenn man mit sowas rechnen musste.
      "Für dich war's das erste Mal, hm? Dafür hast du dich gut geschlagen."
      "Nicht ganz, aber das letzte Mal ist Jahre her. Eine Schießerei am Hafen, größer als das hier. Meinen Vater hat's erwischt und zwar hässlich. Ich hab heute noch Albträume davon."
      Er schüttelte den Kopf, nur um die bereits vertrauten Bilder schnell wieder loszuwerden.
      "Nach sowas überlegt man sich zweimal, ob man wieder darin involviert sein will. Aber wenn es dazu kommt, will ich vorbereitet sein, egal was passiert."
      "Bist doch nicht so ein Sesselfurzer, wie ich immer angenommen hab. Du Finanzgenie."
      Jay gab ein Schnauben von sich.
      "Dafür siehst du genau so aus, wie ich es mir vorgestellt hab. Wobei ich mit weniger Gehirnmasse dort oben gerechnet habe. Muskeln vertragen sich meistens schlecht mit Denk-Kapazität."
      Nach diesem Kommentar schien die Stimmung ein wenig aufgelöster, lockerer. Jay verlor etwas von seiner Anspannung und konnte ohne vorsorgliche Angst zur angelehnten Tür blicken, während Santiago aufstand und zu einem aufgestellten Automaten ging. Er versorgte Jay sowie sich selbst.
      "Iss. Hilft mit dem Adrenalin-Drop."
      "Danke."
      Eigentlich hatte er keinen Appetit nach dem Blut und nach Lewis, aber er zwang sich doch zu dem ein oder anderen Bissen. Santiago hatte recht und es fühlte sich gut an, was in den Magen zu bekommen. Seit er Lewis' Handy aufgesammelt hatte, war sein Puls auf 180 gewesen und das zeigte sich jetzt durchaus. Er sackte ein bisschen im Stuhl ein und streckte die Beine aus.
      "Bleibst du, bis er wach ist?"
      Das war vielleicht eine überflüssige Frage, aber Jay sah sich trotzdem dazu verpflichtet, das zu fragen. Eigentlich hätte Lewis derjenige sein sollen, der diese Frage für Santiago beantwortete, aber der hatte nicht zu erkennen gegeben, ob er sich über Santiagos Anwesenheit überhaupt bewusst gewesen war. Somit konnte Jay auch nicht erahnen, wie er zu seiner Anwesenheit stand.
      Aber Santiago blieb vorerst und so hingen sie weiter im menschenleeren Wartezimmer herum. Irgendwann kam einer von Jays Leuten mit einem Rucksack voll Kleidung zurück. Jay nahm ihn entgegen und entließ den Mann. Danach warf er noch einen Blick in den Behandlungsraum, in dem Lewis noch immer schlief, bevor er zurück zu seinem Stuhl ging und wartete. Einfach nur wartete. Das war jetzt leichter, nachdem er um Lewis Bescheid wusste.

      Als Lewis aufwachte, fühlte er sich schrecklich müde. Seine Arme waren müde, seine Beine waren müde, sein ganzer Körper war so müde, dass er sich nicht einmal ein bisschen regen konnte. Am besten war es, sich einfach umzudrehen und weiterzuschlafen. Das schien ihm eine sehr gute Idee zu sein, bis ihm überhaupt der Schmerz in seiner Hand bewusst wurde. Und in seinem Arm und in seinem Rücken. In seinem Gesicht, in seinen Rippen. In seiner Schulter. In seinem Hals. Was für ein beschissenes Bett, dass es ihm nur Schmerzen machte.
      Dann zwang er seine Augenlider auf und seine Sicht klärte sich auf eine Decke mit Rautenmuster. Ein sanftes Licht kam von einer Seite und verbreitete sich dämmrig. Es war irgendwie kühl, wie er fand. Lewis hatte es gerne kuschelig, nicht so wie hier. Wo war überhaupt dieses Hier? Das war nicht seine Wohnung, ganz sicher nicht. Auch nicht Jay oder sogar Santiago. Das hier war...
      Er wusste es nicht, aber seine Suche nach einem Ort brachte nur ein Ergebnis hervor, das sofort seinen Herzschlag höher schlagen ließ. Mit einem Mal wusste er alles wieder. Alles. Es brach alles über ihn herein.
      "Oh f-"
      Seine kratzige Stimme brach ihm im Hals. Er musste heiser sein, was ihn gar nicht wunderte. Er hatte ja wohl seine Stimmbänder auch zu viel strapaziert.
      Mit einer schwachen Bewegung strich er die Bettdecke beiseite. Damit verhedderte sie sich mit einem dünnen Schlauch, der unangenehm an seinem Handrücken zog. Lewis hob den Kopf und starrte an sich herunter. Da waren mindestens drei verschiedene Verbände, die ihn einwickelten, und kein Blut mehr in Sicht. Da wusste er auch wieder, wo er wirklich war. Bei dieser Ärztin.
      "Oh."
      Sein Herz beruhigte sich wieder etwas. Er sah sich kurz um, dann befand er, dass er doch noch einen Moment liegen konnte und deckte sich wieder zu. Unbewegt starrte er an die Decke, bis ihm die nächste Erkenntnis doch wieder den Puls rasen ließ.
      "Oh."
      Apollo, scheiß Apollo. Apollo in Bronx. Und wo war diese Praxis? Wo war diese Praxis?
      Diesmal schaffte er sogar, sich aufzusetzen, wobei ihm kurz schwindelig wurde. Seine Hand tat wirklich fürchterlich weh, aber sie steckte in einem fetten Verband und er versuchte daher, sie einfach irgendwie zu ignorieren. Das war sowieso besser, als sich mit der Erinnerung daran herumzuschlagen. Wo war diese scheiß Praxis?
      Er brachte beide Beine über den Rand der Liege, auf der er lag, wobei das Gestell mit dem Infusionsbeutel klapperte und gegen die Liege stieß. Er hatte kaum angesetzt aufzustehen, da öffnete sich die Tür und eine Gestalt ließ mehr Licht herein.
      "Lew?"
      Jay. Lewis atmete bei dem Anblick seines Bruders erleichtert auf.
      "Jay, wo sind wir?"
      Sein Bruder eilte zu ihm, wobei er noch einen kurzen Blick durch die Tür nach draußen warf. Er war bei ihm, bevor er die Frage überhaupt beantwortet hatte. Lewis spürte sein Herz rasen.
      "Du bist wach. Wie geht's dir? Hast du Schmerzen?"
      "Jay, wo verdammt nochmal sind wir?"
      Jay blinzelte kurz.
      "In einer Praxis. Wir haben dich gleich hingefahren, nachdem wir dich eingesammelt haben, weil -"
      "Jay, wo -"
      Seine Stimme brach ihm, aber er zwang die Wörter trotzdem mit aller Dringlichkeit heraus.
      "Wo sind wir?!"
      Jay starrte ihn kurz an.
      "Willst du etwa die Adresse haben?"
      "Ja!"
      Da gab er sie ihm endlich und Lewis stöhnte vor Erleichterung auf. Nicht Bronx. Sofort verließ ihn ein Großteil der Spannung, die ihn aufrecht gehalten hatte. Er sackte in sich zusammen und Jay legte besorgt eine Hand auf seine Stirn.
      "Wieso ist dir das so wichtig, Lew? Scheiße, wieso warst du überhaupt dort drin? Was ist passiert?"
      Lewis schüttelte nur den Kopf. Ihm war jetzt irgendwie kalt und er wollte ganz sicher nicht darüber nachdenken, wo er sich vor wenigen Stunden noch befunden hatte. Er griff blind nach der Decke und zog sie zu sich.
      "'S war Apollo. Der Typ von den Aufträgen. Er wollte..."
      Der nächste Gedanke erfasste ihn. Sein Herz begann wieder zu rasen. Er starrte Jay wieder beschwörend an.
      "Jay, du musst Santiago anrufen. Ich hab seine Nummer, ich geb sie dir. Du musst -"
      "Lew, ich -"
      "- ihm sagen, dass er hinter ihm her ist."
      "Lew, das kannst du ihm selbst sagen."
      "... Was?"
      "Sag es ihm selbst. Wer denkst du, hat dich aufgespürt?"
      Lewis' Gehirn arbeitete zu langsam für Jays Worte. Er spürte wieder Schwindel aufkommen und blinzelte.
      "... Was?"
      Jay drehte sich halb zur Tür um.
      "Santiago!"
    • "Was soll ich sagen? Ich lese viel," gab Santi schlicht zurück.
      In der Ruhe, die folgte, machte er Inventur von seinem eigenen Körper. Er lokalisierte jede seiner Verletzungen anhand der Schmerzen, die sie verursachten. Er fragte sich, wie lange er wohl brauchen würde, um sich vollständig auszukurieren. Was er sich nicht fragte war, welche Alpträume ihn erwarten würden, sobald er die Augen schloss. Einer hätte mit Sicherheit mit dem Tod eines geliebten Menschen in einer Schießerei zu tun, wenn man Jays Worten Glauben schenken durfte. Einen zweiten könnte Santi auch identifizieren. Zwei von über zwanzig.
      Irgendwann fischte er sein Smartphone aus seiner Hosentasche und schrieb seiner Mutter eine Nachricht. Es war spät genug, dass sie nicht mehr antwortete, aber das war okay. Er schrieb noch eine zweite Nachricht, in der er erklärte, dass es ihm nicht gut ging, aber für die drückte er nicht auf SENDEN. Stattdessen löschte er die Nachricht und steckte sein Handy wieder weg.

      Santi konnte spüren, wie die Wirkung der Amphetaminen nachließ, Stück für Stück mit jeder verstreichenden Minute. Die Kiste in seinem Verstand wurde größer, drohte zu platzen. Er saß noch immer zusammen mit Jay in der Stille des kleinen Warteraumes und las ein Buch auf seinem Smartphone. Der Buchclub seiner Mutter hatte sich ein neues ausgesucht und er arbeitete sich jetzt durch die einzelnen Kapitel, bis Jay irgendwann aufstand, um noch einmal nach Lewis zu sehen.
      Santi nutzte diesen Moment, um sich einen Moment der Erschöpfung zu erlauben, und gähnte herzhaft. Er hatte nicht mehr viel Zeit, das wusste er. Er musste bald gehen und wenn Lewis bis dahin noch nicht aufgewacht wäre... Was war ein weiterer Alptraum schon?
      "Santiago!"
      Er sah auf. Dann stand er auf. Er blieb im Türrahmen zum Behandlungszimmer stehen. Lewis saß mehr oder weniger aufrecht auf der Liege, eine Decke um seine Schultern gewickelt. Er sah furchtbar aus und die dicken Verbände ließen ihn noch dürrer und zerbrechlicher wirken als sonst schon.
      "Hey," grüßte Santi schwach und lehnte sich gegen den Türrahmen.
      Er wusste nicht, was er sagen sollte. Sollte er überhaupt etwas sagen? Konnte er überhaupt etwas sagen? Oder sollte er sich einfach umdrehen und endlich gehen, um sich seinem Schicksal zu stellen? Er wusste es nicht. Also stand er einfach nur da und betrachtete die beiden Brüder.


    • Eine zweite Gestalt tauchte im Türrahmen auf und Lewis starrte darauf. Starrte auf die sehr bekannten Konturen, die Santiago ausmachten.
      Der Mann sah furchtbar aus, dabei war das noch untertrieben. Lewis konnte es in Nuancen erkennen, die ihm nur bekannt waren, weil er so viel Zeit mit ihm verbracht hatte. Und dieser Gedanke schmerzte.
      Santiagos Kleidung saß ein bisschen unordentlich und seine Haare waren nicht gekämmt. Er trug Verbände um Arm und Hand, als hätte er sich Lewis' neuem Stil angeschlossen und lehnte auf eine Art im Türrahmen, die irgendwie unsicher wirkte. Dabei war unsicher bei dem großen Kerl ein Fremdwort und trotzdem stach das am meisten hervor.
      Und dann sein Gesicht erst. Lewis brauchte nur einen einzigen Blick um zu erkennen, wie lange er schon nicht mehr geschlafen hatte. Die Antwort darauf deckte sich wenig überraschend mit den jüngsten Ereignissen.
      Santiago sah ihn von sich aus an, aber seine Miene war unleserlich. Sein Blick war nicht verschlingend - nicht so wie beim letzten Mal, als sie sich begegnet waren - aber auch nicht warm. Längst nicht warm. Dabei dachte Lewis, dass er genau das gerade gebraucht hätte. Alte, bekannte, tröstliche Wärme.
      "Hey."
      Jay sah kurz zu Santiago zurück und dann wieder auf Lewis. Eine Pause entstand, die ganz und gar nicht angenehm war.
      "Hey."
      Santiago regte sich nicht, Lewis aber auch nicht. Er wusste, dass er etwas hätte sagen sollen, aber sein Kopf war wie leer gewischt. Er starrte seinen Freund - Exfreund? - nur an, während er herauszufinden versuchte, wie eigentlich die Lage aussah. Er wollte nicht an diese tiefen, dunklen, grauenvollen Bernsteinaugen denken, die sich in seinen Blick gefressen hatten. Er konnte aber nicht anders, wenn er dieselben Augen zu sehen bekam.
      Jay räusperte sich.
      "Lew."
      Lewis sah ihn an.
      "Du wolltest ihm was sagen."
      Lewis sah zurück zu Santiago. Er kam noch immer nicht herein, stand nur an der Tür, so als könnte er gleich abhauen. Lewis wusste nicht, ob das besser oder schlechter gewesen wäre.
      Dann fand er auch seinen Faden wieder.
      "Es war Apollo. Ich glaube, er ist auch bei mir eingebrochen. Er sucht irgendwas und er denkt, dass du es gestohlen haben könntest. Oder eher wir beide, aber ich habe es wohl nicht und deswegen denkt er, du hast es."
      Ihm wurde komisch zumute, jetzt, wo er es aussprach. Seine Hand tat ihm weh und seine Stimme kratzte ihm im Hals. Er sah kurz zu Jay, der noch immer neben ihm stand. Sein Bruder schien zwar gefasst, aber Lewis kannte seinen Blick gut genug, um die Sorge herauszulesen.
      Er leckte sich die wunden Lippen.
      "Er wollte wissen, wo er dich finden kann."
      Sein Blick schoss zu Santiago zurück. Übelkeit stieg in ihm auf, tief in seinem Magen. Vielleicht waren es die Medikamente, vielleicht auch was ganz anderes. Seine Hand tat weh und ihm war kalt.
      "... Ich hab ihm eine Adresse in Bronx gegeben."
    • "Er wollte wissen, wo er dich finden kann."
      Santis gesamter Körper verspannte sich von jetzt auf gleich. Dutzende Horrorszenarien schossen durch seinen Kopf. Lewis war eine von drei Personen - drei! - die wussten, wo er wohnte und Apollos Timing hätte nicht besser sein können. Lewis hätte jeden Grund, ihn zu verpfeifen.
      Von jetzt auf gleich wurde ihm kalt. Er verlor das Gefühl in seinen Fingern, so fest ballte er sie zu Fäusten. Er wollte kotzen. Das einzige, was ihn davon abhielt, war der plötzliche Geschmack von Blut; er hatte sich auf die Zunge gebissen.
      "Ich hab ihm eine Adresse in der Bronx gegeben."
      Hätte Santi nicht schon im Türrahmen gelehnt, spätestens jetzt wäre er wohl dagegen gesackt, als alle seine Muskeln auf einmal wieder nachgaben. Er schloss die Augen und erlaubte es sich, tief durchzuatmen, auch wenn all die Nähte auf seinem Oberkörper sich dagegen sträubten. Er nahm noch einen. Dann begegnete er Lewis' Blick.
      "Danke," krächzte er beinahe, räusperte sich, wiederholte sich ein bisschen klarer. "Ich äh... scheiße."
      Santi fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Der Drang, sich Lewis zu nähern war beinahe überwältigend. Er wollte den Streuner in die Arme nehmen, ihm durch die Haare streichen, ihn einfach nur berühren, verdammt! Aber das wäre nicht richtig. Das wäre einfach nicht richtig.
      "Gut, zu sehen, dass du wach bist," meinte Santi stattdessen. ""Ich äh...ich geh dann mal."
      Er wandte sich um, zögerte, ballte die Hände wieder zu Fäusten. Dann ging er. Er wusste, dass er sich bei Lewis entschuldigen musste. Er wusste, dass er nur deswegen überhaupt erst zu Lewis' Wohnung gefahren war. Aber jetzt war nicht die Zeit dafür. Er brauchte einen klaren Kopf dafür. Lewis brauchte einen klaren Kopf dafür. Und Jay musste irgendwo anders sein. Jetzt war einfach nicht der richtige Moment, sagte sich Santi, als er die Praxis verließ.
      Er starrte in den Himmel hinauf und stellte fest, dass die Sonne schon aufging. Wow. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er sich keinen Uber besorgen musste. Stattdessen rief er seinen papito an.
      Sein Vater stellte nicht viele Fragen. Sie beide hatten schon vor langer Zeit einen kleinen Deal gemacht: wenn es Santi wirklich nicht gut ging, dann holte ihn sein Vater ab und brachte ihn nach Hause, blieb bei ihm für die erste Runde, dann holte er Santis Mutter ab und die beiden passten auf ihn auf, während er sich von Alpträumen heimsuchen ließ. Und so war es auch heute.

      Sein papito holte ihn ein paar Straßen weiter in einem Café ab.
      "¿Que tan malo es?" fragte Ignacio.
      "Muy malo," antwortete Santi.
      Sein Vater nickte knapp und hielt ihm die Tür auf. Sie fuhren in Stille nach Hause. Santi sah sich keinen Fragen gegenüber. Kein 'Was ist passiert?', kein 'Was ist mit den Verbänden?', nichts. Er schloss das Tor auf, seine Tür. Sein Vater half ihm aus seinen Klamotten und verlor immer noch keinen Kommentar, als er das volle Ausmaß von Santis Verletzungen zu Gesicht bekam. Die ersten Schwellungen und Hämatome tauchten jetzt auch auf und verfärbten große Teile von Santis Körper. Doch sein Vater beschäftigte sich nur damit, die Rollläden runter zu lassen und sich den Sessel aus der Ecke heranzuziehen, während Santi kurz im Badezimmer verschwand. Der alte Mann setzte sich in den Sessel, sein Sohn legte sich neben ihm ins Bett. Die beiden wechselten kein einziges Wort, reichten sich einfach die Hand.
      Und dann hörte Santi auf, sich zu wehren. Er öffnete die Kiste in seinem Verstand und ließ sich von seiner Magie bei lebendigem Leibe fressen.

      Wenn sich Santi so viele Alpträume auf einmal einverleibte, dann wurde alle Aspekte seiner Magie stärker - die guten, wie auch die schlechten. Er hatte die letzten Soldaten mit einer Leichtigkeit niedergemäht, die ihres Gleichen suchte. Jetzt bezahlte er einen ähnlichen hohen Preis, als sich all die Alpträume vermischten und gänzlich neue Monster schufen. Es waren zu viele, als dass er sie alle mit nur einer Runde Schlaf loswerden konnte. Er würde mehrere Tage auf diese Weise verbringen. Doch der erste war immer der schlimmste. Es war die Sorte, die ihn nicht nur zucken und murmeln ließ, es war die Sorte, die er herausschrie, die mit vollem Körpereinsatz bekämpfte. Manchmal schlafwandelte er sogar.
      Ignacio hasste es, seinen Sohn so zu sehen - welches Elternteil tat das nicht? - aber er wusste, dass er stark sein musste. Für seinen Sohn. Für seine Frau. Rosa tat alles für ihren Jungen und Ignacio, auf seine Weise, tat das auch. Heute war er dran, sich um seinen Sohn zu kümmern.
      Santiago schlief keine Stunde, bevor er schreiend aufwachte, seine Stimme jetzt schon heiser. Er rollte sich auf der Seite zusammen, klammerte sich an die Hand seines papitos und versuchte einfach nur zu atmen. Ignacio strich ihm sanft durch die Haare, bis er sich einigermaßen beruhigt hatte. Die ganze Sache wiederholten sie noch dreimal, bevor Santi sich fit genug fühlte, um ein bisschen wach zu bleiben, während Ignacio Rosa abholte und herbrachte. Mittlerweile wusste sie Bescheid, dass es Santi nicht gut ging, und sie bereitete sich darauf vor, in Schichten mit ihrem Mann auf ihren Sohn aufzupassen.
      "Ponte algo de ropa, hijo. Tu madre no tiene por qué ver nada de esto*," grummelte Ignacio und deutete auf das abstrakte Kunstwerk von Santis Blessuren.
      Santi nickte nur.
      "Lo haré. Conduce con cuidado.**"
      Ignacio nickte ebenfalls und ließ Santi eine kleine Weile allein. Santi beging eine kleine Katzenwäsche, um sich von dem Schweiß und der Angst der vergangenen Stunden zu befreien, dann zog er ein paar Jogginghosen und eine einfache Sweatshirtjacke an, um seine Verletzungen zu verstecken, wie er es seinem Vater versprochen hatte. Während sein Vater weg war, baute er sein Wohnzimmer um: der Couchtisch wanderte auf die andere Seite, die Couch ein Stück zurück in Richtung Schlafzimmer. Aus seinem Homegym holte er dann die große Matratze, die er einzig und allein für solche Szenarien hier hatte; damit seine Eltern ein Bett hatten, wenn sie sich tagelang um ihn kümmern mussten.
      Santis Mutter war natürlich besorgt und nahm ihren Jungen zu aller erst einmal in Augenschein, kaum dass sie zur Tür herein war.
      "¡Hijo mío! ¿Qué pasó?***" fragte sie.
      "Estoy bien, mamá.**** So gut wie's mir eben gehen kann."
      "Das habe ich nicht gefragt. Setz dich! Setz dich!"
      Santi ließ sich von seiner Mutter zu seinem eigenen, zerwühlten Bett zurückführen und setzte sich auf den Rand. Er war so müde, er hätte gleich das nächste Nickerchen machen können, auch wenn ihm das nicht die Erholung verschafft hätte, die er haben wollte.
      "Ich hatte da diesen Job: Nachtwächter für ein Lagerhaus. Ein paar Gangmitglieder wollten einbrechen," log er. "Ich hab meine Magie benutzt, um sie aufzuhalten. Ich weiß, das war dumm, aber die Cops haben super lange gebraucht."
      Es war die plausibelste Erklärung für all seine Verletzungen und warum er so viele Alpträume zu verarbeiten hatte.
      "Oh Santi. Wann wirst du endlich lernen, dass wegrennen auch akzeptabel ist, hm? Die Firma war doch bestimmt versichert."
      Santi lächelte erschöpft, zuckte leicht mit den Schultern. Seine mamá strich ihm durch die Haare.
      "Du ruhst dich jetzt aus, ja. Dein papito und ich kümmern uns um alles andere. Du musst dir keine Sorgen machen. Hast du schon was gegessen?"
      Santi schüttelte den Kopf. Seine Mutter machte sich sofort daran, seine gesamte Küche zu plündern, um etwas einfaches zu zaubern, während sich Santi im Bett zurücklehnte und versuchte, nicht vor dem Essen einzuschlafen. Während er seine Eltern beobachtete, drifteten seine übermüdeten Gedanken immer wieder zu Lewis und der Frage, ob es ihm gut ging.










      *Zieh dir was an, Sohn. Deine Mutter muss das alles nicht sehen.
      **Mach ich. Fahr vorsichtig.
      ***Mein Sohn! Was ist passiert?
      ****Mir geht's gut, Mama.


    • "Danke. Ich äh... scheiße."
      Santiago war mit einem Mal kreidebleich geworden, dabei wusste Lewis gar nicht, was er erwartet hatte. Das hier ganz bestimmt nicht. Hätte er seine Adresse aufgegeben, hätte er damit seine Identität, sein ganzes Leben zerstört, dann hätte er wohl mit sowas gerechnet. Vermutlich auch damit, dass Santiago ihn auf der Stelle umbrachte. Aber das hatte er nicht und trotzdem sah der Mann aus, als hätte er gerade den Boden unter den Füßen verloren.
      Fahrig fuhr er sich durch die Haare. So hatte Lewis ihn noch nie erlebt.
      "Er hat's mir abgekauft", fügte er unnötigerweise hinzu. Das war wohl ganz eindeutig, andernfalls hätte er es kaum dort herausgeschafft.
      Santiago starrte. Und dann:
      "Gut zu sehen, dass du wach bist. Ich äh... ich geh dann mal."
      Was? Nein. Was? Moment. Santiago drehte sich um und Lewis blieb der Mund offen stehen.
      Was war denn jetzt los? Was ging jetzt plötzlich vor? Was geschah hier gerade? Hatte er irgendwas verpasst, irgendwas in den letzten Tagen oder auch Stunden, das er völlig übersehen hatte? Das diese Reaktion für ihn erklärte? Das erklären konnte, warum Santiago so drauf war?
      Er ging nicht wirklich. Nein, er ging doch nicht wirklich, denn kaum hatte der Mann sich umgedreht, blieb er wieder stehen. Seine Hände ballten sich zu Fäuste und Lewis war in diesem Augenblick regelrecht versessen darauf, dass Santiago doch hereinkam, dass er ihn in die Arme nahm und sie für einen Moment so tun konnten, als wären die ganzen letzten Tage nicht passiert. Nur so tun, nur kurz, damit Lewis spüren konnte, wie er die breiten Arme um ihn legte, wie er ihn in der Wärme einhüllte, die Lewis so sehr gerade brauchte. Er wollte es so sehr, dass er es sogar auszusprechen bereit war, damit endlich das Eis gebrochen war.
      "Santi -"
      Aber er kam nicht einmal über seinen ganzen Namen hinweg, da setzte er sich doch wieder in Bewegung und war mit zwei Schritten aus seinem Blick verschwunden. Lewis erstarrte und hörte, wie die Schritte sich draußen entfernten und leise wurden, wie eine Tür aufging und dann wieder ins Schloss fiel. Und wie es danach ganz still draußen war.
      Ungläubig starrte er noch immer den Türrahmen an, wo Santiago gerade eben noch gestanden hatte, vor nicht einmal einer ganzen Minute. So unfassbar nahe. Er hätte doch nur... Er war schon hier gewesen und... Alles, was Lewis ihm die Tage sagen wollte, was er ihm nicht gesagt hatte... Irgendwas hätte passieren können. Stattdessen war Santiago einfach gegangen.
      Die Übelkeit holte jetzt endgültig zu ihm auf. Lewis erzitterte ganzkörperlich, als die Kälte sich in seine Knochen fraß.
      "Lew, leg dich hin. Hinlegen."
      Jay drückte ihn an den Schultern nach hinten.
      "Du bist wieder richtig blass, leg dich hin. Santiago ist weg, du kannst ihn auch später noch anrufen. Leg dich hin."
      Lewis gehorchte schließlich, aber seine Bewegungen fühlten sich mechanisch an. Santiago ist weg. Wieso wurde er das Gefühl nicht los, dass er gerade mächtig Scheiße gebaut hatte? Dass das irgendwie alles seine Schuld gewesen war? Aber was hätte er machen sollen, etwa Apollo die richtige Adresse nennen? Das war völlig ausgeschlossen. Lewis hatte seine Entscheidung getroffen und er würde sie wieder treffen.
      Warum war Santiago dann gegangen? Warum war er so komisch gewesen?
      Blut rauschte ihm in den Ohren. Sein Herz schlug angestrengt, als Jay ihn wieder zudeckte. Ihm war kalt, so entsetzlich kalt.
      "Mir ist kalt."
      "Ich habe Kleider hier."
      An Jay war gar nicht abzulesen, was er von der ganzen Situation denken mochte. Auch er musste begriffen haben, dass Lewis nur wegen Santiago geschnappt worden war, aber er versteckte seine Gedanken hinter Neutralität.
      "Ich kann auch schauen, ob es hier eine zweite Decke gibt."
      "Decke."
      "Okay."
      Jay sah ihn noch einmal an, dann eilte er aus dem Raum, um den Wunsch zu erfüllen. Er war kaum weg, da löste sich eine Träne aus Lewis' Augenwinkeln und hinterließ eine brennende Spur auf seiner Wange. Er heulte nicht, aber dafür setzte eine kühle Taubheit ein. Seine Hände zitterten, selbst unter der Decke noch.

      Er döste wieder ein bisschen, aber nicht sehr lang. Auch mit zweiter Decke war ihm kalt, das Zittern wollte nicht aufhören und die Schmerzen hielten ihn größtenteils wach. Die Ärztin schaute ein zweites Mal bei ihm vorbei, entdeckte aber nichts ungewöhnliches an ihm. Jay wechselte einige gedämpfte Worte mit ihr, die Lewis aber nicht verstehen konnte. Der lag auf dem Rücken und starrte die Decke an. Santiago ist weg. Ihm war immer noch schlecht.
      Jay kam wieder zu ihm und half ihm diesmal, ganz aufzustehen. Es gab wohl einen Termin bei einem anderen Arzt, der sich Lewis' Hand ansehen sollte. Lewis ließ es geschehen, dass sein Bruder ihm beim Anziehen half und dann nach draußen führte. Seine Beine waren furchtbar schwach und er zitterte noch immer. Er hielt sich vehement an Jay fest, der sie beide nach draußen manövrierte und in den Wagen hinein.
      Während der Fahrt starrte er den Fußraum an. Er wollte keine Knoten sehen und das hatte ausnahmsweise nicht den Grund der Kopfschmerzen, die sich damit leicht einstellten. Lewis wusste nicht, was er getan hätte, wenn er einen schwarzen Van erblickt hätte. Vermutlich hätte er einen Nervenzusammenbruch erlitten, dabei fühlte er sich noch immer stumpf. Es war eine seltsame Mischung, die ihn die ganze Fahrt über beschäftigte, bis Jay langsamer wurde und Lewis schließlich doch aus dem Fenster sah. Auf ein Gebäude, dem er sich ganz sicher nicht nähern würde.
      "Ein scheiß Krankenhaus?"
      "Ja. Da sitzt ein Spezialist, der sich deine -"
      "Ich will nicht in ein scheiß Krankenhaus."
      "Es ist nur kurz, ganz sicher."
      "Ich geh da nicht rein Jay, vergiss es."
      Jay parkte trotzdem und seufzte.
      "Die Ärztin meinte, das geht über ihre Fähigkeiten hinaus. Ich kenne sonst niemanden. Du kannst von deiner Hand noch immer verbluten und wenn sich das entzündet, sieht es ganz schlecht aus."
      Jay schien noch etwas sagen zu wollen, blieb aber stumm. Lewis konnte es sich fast denken: Wer wusste schon, ob das Messer im Keller desinfiziert war. Ziemlich sicher nicht.
      Er presste die Lippen aufeinander. Ihm war wieder zum Heulen zumute. Er konnte den Keller fast schon riechen. Wieso war Santiago einfach gegangen?!
      "Komm."
      Jay stieg aus, ohne auf eine Antwort zu warten. Er kam um den Wagen herum und öffnete die Tür.
      Lewis ließ sich widerwillig reinbringen.

      Eine beträchtliche Erinnerung aus Lewis' Jugendzeit waren Krankenhäuser und mit ihnen Kopfschmerzen. Sein Vater hatte ihn tendenziell zu Ärzten geschickt, um ihn unter Medikamente zu setzen, die seine Kopfschmerzen zurückhielten und seine Magie länger zum Vorschein bringen konnten und dann, als seine Sicherung durchgebrannt war, hatte er einen ganzen Monat im Krankenhaus verbracht, weil ihn anfangs auch nur ein einziger Knoten in die Ohnmacht geschickt hatte. Als es besser geworden war, war er auch nicht mehr so leicht eingeknickt, aber die Erinnerung hatte sich für immer in sein Gedächtnis eingegraben. Krankenhäuser und die schlimmsten Kopfschmerzen seines Lebens.
      So war er bereits höchst widerwillig an Jays Seite, als der ihn durch die Gänge lotste. Sie wurden zum Arzt vorgelassen, dessen Assistent sich daran machen wollte, seinen Verband zu lösen. Lewis zuckte vor ihm zurück. Seine Hand schmerzte so schon unerträglich und er würde doch sicher nicht zulassen, dass da jetzt noch am Verband rumgepfuscht wurde.
      Der Assistent warf ihm einen komischen Blick zu.
      "Herr Castro, wenn ich den Verband nicht entferne, kann ich auch keinen Blick darunter werfen."
      "Gut. Dann können wir ja gehen, oder?"
      "Lewis, bitte", murmelte Jay. Lewis gefiel die ganze Situation nicht. Er hatte noch immer nicht aufgehört zu zittern. Wo war Santiago jetzt überhaupt?
      "Ich verspreche, ganz vorsichtig zu sein."
      Das Versprechen war ein Haufen Müll. Lewis schwitzte bereits, noch bevor der Kerl die letzte Schicht erreicht hatte. Das Schmerzmittel der Ärztin war gänzlich verflogen und er spürte den Schmerz, als wäre er ihm frisch zugefügt worden. Er bildete sich ein den Keller riechen zu können, das Blut, das von ihm selbst kam. Grenzenlose Panik stieg in ihm auf.
      Dann war auch die letzte Schicht verschwunden und der Arzt beugte sich über die Wunde. Lewis biss die Zähne zusammen, während der Mann sich schier alle Zeit der Welt nahm, um die offene Wunde zu betrachten. Sie schmerzte wie Hölle. Sein ganzer Unterleib zog sich von dem Schmerz zusammen - zum zweiten Mal innerhalb von 12 Stunden. Lewis hätte schreien können.
      "Das muss gereinigt werden - von innen heraus. Ich empfehle eine Vollnarkose."
      "Ficken Sie sich."
      "Bitte was?"
      "Können Sie das noch heute veranlassen?"
      Der Arzt sah von Lewis zu Jay.
      "Für den richtigen Aufpreis."
      Das war für Jay kein Thema. Zwei Stunden später versank Lewis in tiefster Schwärze. Allein.

      Jay brachte ihn noch am selben Tag wieder nachhause, wo er Lewis in sein eigenes Schlafzimmer brachte. Lewis war noch so von Medikamenten zugedröhnt, dass er kaum etwas sagte. Seine Antworten waren einsilbig und sein Blick war wieder so trüb und glasig. Jay musste unmittelbar daran denken, was Santiago ihm gesagt hatte: "Er wird alles tun, um zu vergessen. Du musst auf ihn aufpassen." Aber bisher hatte Lewis reichlich wenig gezeigt, dass ihn die Entführung zugesetzt hatte. Erst als Santiago gegangen war, da schien es mit ihm bergab gegangen zu sein. Und jetzt schien er bereits auf dem Boden angekommen.
      "Geht's?"
      "Hm."
      Lewis setzte sich auf den Bettrand und kroch von dort ins Bett. Er zog die Beine an, kaum als er halbwegs lag, die bandagierte Hand gegen den Bauch gedrückt. Sie zitterte wieder, Jay konnte es genau sehen. Ihm war auch nicht der Schweißfilm entgangen, der auf Lewis' Stirn glitzerte, seit er von der Narkose aufgewacht war. Vielleicht Nachwirkungen davon, aber irgendwie glaubte er es nicht. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es etwas anderes war.
      Lewis regte sich schon nicht mehr, als er ihn zudeckte. Einmal blinzelte er noch, dann hielt er die Augen geschlossen. Jay blieb noch ein paar Sekunden unschlüssig stehen, dann ging er nach draußen, ließ aber die Tür offen. Er ging in seine Küche und suchte nach den Überresten von Lewis' Handys, brachte aber auch die SIM-Karten nicht mehr zum Laufen. Das hieß, er hatte keine Möglichkeit, Santiago zu kontaktieren.
      Nun, er würde Jays Wohnung schon finden, wenn er das wollte. Und wenn nicht, wäre das wohl nichts, was Lewis je erfahren müsste.

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    • Santi lag wach im Bett. Sein papito war einkaufen gegangen, nachdem seine mamá ihn mit einer Liste ausgerüstet und weggeschickt hatte. Scheinbar war der Inhalt von Santis gut ausgerüsteter Küche sie nicht zufriedengestellt, nachdem sie am Tag zuvor genug gekocht hatte, um sie drei für ein paar Tage zu versorgen. Er sah es ihr nicht nach - sie kochte, um sich selbst zu beruhigen. So entspannt sie sich gerade auch gab, Santi wusste, dass sie sich um ihn sorgte. Sie war seine Mutter, wie konnte sie das nicht? Und dabei hatte sie noch nicht gesehen, wie sein Körper aussah. Sie wusste von der tiefen Schnittwunde und dem verstauchten Handgelenk links, den gebrochenen Fingern rechts, und den Blessuren in seinem Gesicht. Sie wusste auch, dass er humpelte, aber nicht warum. Er würde den Teufel tun und ihr den Rest zeigen. Sein papito hatte ihm heute morgen geholfen, die Verbände zu wechseln - Santi hatte die Liste um entsprechendes Material erweitert, bevor er das Haus verlassen hatte.
      Der Geruch von frischer heißer Schokolade füllte Santis Wohnung nach und nach. Er lehnte am Kopfteil seines Bettes, die Decke locker über seine Beine gelegt. Er spielte mit seinem Smartphone, drehte es zwischen Daumen und Ringfinger hin und her. Auf gleiche Weise spielte er mit einem Gedanken.
      "¡Basta!" meinte seine Mutter, als sie sich in den Sessel neben dem Bett sinken ließ, und schlug ihm leicht gegen den Oberarm. "So machst du dir nur wieder die Finger kaputt. Hier. Halte dich lieber daran fest."
      Sie drückte ihm eine der selbstgemachten Tassen aus seinem Schrank in die Hand. Sie war gefüllt mit heißer Schokolade. Santi starrte den Inhalt an, erinnerte sich daran, wie Lewis ihm welche gemacht hatte, nachdem er von einem Alptraum aufgewacht war. Natürlich bemerkte seine Mutter das sofort.
      "Hast du Lewis Bescheid gesagt?" fragte sie sanft.
      Santi wusste nicht, wie er darauf antworten sollte. Er schüttelte den Kopf.
      "Mi hijo. Ich weiß, es ist neu für dich, jemanden reinzulassen, aber Lewis ist so ein guter Mann. Er sollte hier sein."
      Das wollte Santi ja. Er wollte den Streuner neben sich im Bett liegen haben, wollte dass er ihm durch die Haare strich, wenn er wieder aufwachte, wollte sich an seine dürre Brust drücken, bis er wieder richtig atmen konnte. Genauso wollte er neben Lewis im Bett liegen, ihn festhalten, ihm seinerseits durch die Haare streichen, bis er ihm dieses süße, leise Schnarchen entlocken konnte und sich Lewis in Pudding verwandelte, der sich perfekt an seinen Körper anpasste. Santi sehnte sich so sehr danach, dass der Schmerz des Nicht-Habens in seiner Brust alles andere übertünchte.
      "Sein Handy ist kaputt," antwortete Santis stattdessen schwach, als wäre das eine Ausrede, die mit seiner Mutter funktionierte.
      Sie schüttelte sofort den Kopf.
      "Dann schreib ihm eine Mail, oder sowas. Heute hat doch jeder Social Media."
      Santi erklärte ihr jetzt nicht, dass das eine nicht viel mit dem anderen zu tun hatte. Sie interpretierte seine Stille als das, was es war, und ergriff mit einem Seufzen Santis Hand.
      "Rede mit mir, mi hijo. Was ist zwischen euch passiert?"
      Santi zögerte. Nicht, weil er sich eine Geschichte aus den Fingern saugen musste, um Drogen Kartelle, Schießereien und den Gebrauch von Waffen zu verschleiern. Sondern weil er nicht wusste, wie er seiner Mutter erklären sollte, dass er die erste richtige, gute Beziehung, die er je gehabt hatte, von sich aus in den Sand gesetzt hatte.
      "Ich hab Lewis wehgetan," sagte er schließlich leise.
      Der Druck an seiner Hand wurde stärker. Seine Mutter wusste, wie Santi drauf war. Er hatte sich in seiner Schulzeit oft genug geprügelt, wenn er zu lange nicht geschlafen hatte. Sie wusste, dass er Kampfsport machte. Sie wusste, dass er sich oft mit Gewalt in seinem Beruf verteidigte (auch wenn sie davon ausging, dass das ein anderer Job war). Aber sie wusste auch, dass ihr Sohn niemals gegen jemanden die Hand erheben würde, den er liebte. Was für sie nur einen Schluss zuließ. Doch es war Santi, der es laut aussprechen musste.
      "Ich hab... ich hab ihn mit meiner Magie berührt," flüsterte Santi.
      Und das war die Wahrheit. Es war nicht seine Magie gewesen, die ihn dazu gebracht hatte, so gern Santi sie auch als eigenständiges Lebewesen bezeichnete. Es war nicht der Typ vom Kartell gewesen, der ihn dazu gebracht hatte, so gern er sich auch hinter seinen Befehlen versteckte. Es war einzig und allein seine Entscheidung gewesen. Er hatte Lewis das angetan.
      Ihm rollten ein paar stumme Tränen über das Gesicht. Seine mamá schlang vorsichtig einen Arm um seine Schultern und zog ihn zu sich, hielt ihn für eine Weile einfach nur fest.
      "Weißt du," sagte sie schließlich. "Ich habe Lewis nur kurz kennengelernt, aber ich habe gesehen, wie ihr zwei miteinander umgeht. Ich glaube nicht, dass er jetzt Angst vor dir hat."
      Warum wusste seine Mutter nur immer ganz genau, was in ihm vorging? War das ihre Magie? Hatte sie ihm nur nie davon erzählt?
      "Rede mit ihm, mi hijo. Du hast es nicht gewollt, oder?" Santi schüttelte den Kopf. "Dann entschuldige dich und erkläre es ihm. Er hat dir doch bisher immer zugehört, oder? Dann wird er es auch jetzt tun. Das weiß ich einfach. Und du weißt ja: deine mamá hat immer recht."
      Santi lachte leise, wischte sich ein paar Tränen vom Gesicht, nickte dann. Seine Mutter drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe.
      "Dein papito kann dich zu ihm fahren, wenn er wieder da ist. Dann kann ich hier ein bisschen aufräumen."

      Seine Mutter hatte doch tatsächlich einen Teil des Mittagessens eingepackt, bevor Santi und sein Vater aufgebrochen waren. Sie hatte darauf bestanden, dass Santi etwas für Lewis mitnahm. Und als Santi den Fehler gemacht hatte, ihr zu sagen, dass der Streuner bei seinem Bruder wohnte, da hatte sie noch einen draufgesetzt. Santi hatte sich seinem Schicksal ergeben - man wehrte sich nicht gegen eine argentinische Frau, die ihre Jungen füttern wollte. Wenn sie wüsste, dass Lewis auch verletzt war, dann würde sie wohl gleich bei den Castros einziehen.
      Herauszufinden, wo Jay wohnte, bedurfte nicht einmal irgendwelche semi-legalen Wege. Santi musste nur ein paar Suchen via Google hinlegen und schon hatte er die Adresse des Mannes gefunden. Er nannte sie seinem papito und schon waren sie auf dem Weg.
      Jetzt stand er vor der Tür, sein Vater und die Tupperdosen warteten im Auto am Straßenrand. Er starrte die Klingel an und versuchte sich dazu zu bewegen, das verdammte Ding auch zu benutzen. Er nahm einen tiefen Atemzug, konzentrierte sich auf das unangenehme Ziehen der Nähte in seinem Körper, dann drückte er auf die Klingel.


    • “Wie geht’s dir?”
      Beschissen.
      Lewis hing am Küchentisch. Seine kaputte Hand - sie war wirklich kaputt, einfach im Arsch - lag in seinem Schoß, sein Rücken war über den Tisch gekrümmt. Er versuchte mit seiner anderen Hand zu arbeiten, konnte sich mit dem gleichen Arm aber nicht aufstützen, weil dort die Nähte noch schmerzten. So musste er einen Balanceakt vollführen, während er seinen Joint zu drehen versuchte.
      Was ihm offenkundig nicht gelang. Nicht einhändig und dann schon gar nicht mit seiner schwachen Hand. Er tat es trotzdem, weil er nicht im Traum daran gedacht hätte, Jay um Hilfe zu bitten. Dafür war er einfach nicht in der Stimmung.
      Ihm tat alles weh. Es war schlimmer als vor der Narkose und noch dazu wusste er immernoch nicht, wieso Santiago einfach gegangen war. Es war alles so surreal; lass dich foltern, überzeuge dich davon, dass du sterben wirst, sieh deinen was-auch-immer einfach umdrehen und weggehen. Er hatte sich wieder gefragt, ob er nicht einfach die richtige Adresse hätte geben sollen, aber die Antwort blieb gleich. Nur musste er sich das fragen, wieder und immer wieder. Es war doch das einzige, was er hatte tun können, nicht? War es da nicht gerechtfertigt, sich zu fragen, ob das alles anders ausgegangen wäre, wenn er einen anderen Ausgang gewählt hätte? Ob es nicht in seiner Macht gestanden hätte, Santiago zum Bleiben zu bewegen?
      Seine Finger zuckten unwillkürlich und die Hälfte des Grases rutschte vom Papier. Seine Frustration wuchs ins unermessliche. Er ballte seine kaputte Hand, bis der Schmerz explodierte und ihm heiß davon wurde.
      Scheiß doch auf Santiago. Scheiß doch auf ihn. Oder? Oder?
      Jay stellte Toast und Wasser vor ihm ab. Leichte Kost nach der Empfehlung des Arztes.
      “Iss was.”
      Hab keinen Hunger.
      Jay sah ihn für einen Moment an, er sah auch den entstellten Joint in seinen Fingern an. Als er wieder sprach, war seine Stimme sanfter, so wie Lewis auch mit ihm geredet hatte, als sie Kinder gewesen waren und Jay sich vor Heulen nicht eingekriegt hatte. Er hasste es, dass sein Bruder jetzt so zu ihm sprach.
      “Du hast seit 16 Stunden nichts gegessen und nichts getrunken. Iss was und mach’s langsam, dann wird’s besser. Ganz sicher.”
      16 Stunden. Lewis kam es gar nicht so lange vor und gleichzeitig wesentlich länger als das. Es war schon ein halbes Jahr her, dass er in diesem Keller gesessen hatte. Dafür hatte erst vor fünf Minuten Santiago ihm den Rücken zugekehrt.
      Er brummte nur unwillig.
      Jay zögerte wieder, dann setzte er sich auch an den Tisch.
      “Lew, wenn du darüber reden willst, dann höre ich dir zu. Das weißt du, oder? Du musst mir nicht erzählen, was passiert ist, aber es könnte helfen. Ich habe den Raum gesehen, ich kann mir vorstellen, was sie -”
      Ein Klingeln unterbrach ihn und erlöste damit Lewis. Er hatte weiter den Kopf gesenkt gehalten und seinen Bruder nicht angesehen. Dafür kämpfte er mit seinem Joint.
      Jay schien abzuwägen, ob er den Besucher nicht einfach ignorieren sollte, dann stand er zum Glück trotzdem auf. Jays Wohnung lag nicht in einem Ghetto-Bezirk, wo Lewis hauste, er hatte ein mittelständisches, langweiliges Apartment in einem mittelständigen, langweiligen Viertel. Dementsprechend war das Gebäude aber mit Kameras ausgestattet und eine davon zeigte ihm an der Anlage neben der Tür, wer dort vor dem Gebäude stand.
      Er sah ein paar Sekunden lang drauf, sah zu Lewis zurück, dachte nach, dann drückte er den Buzzer. Zwei Stockwerke tiefer ging die Tür auf.
      Lewis ignorierte beides. Er hatte das Gras zurück ins Papier gequetscht und versuchte sich wieder am einhändigen Rollen. Es war unmöglich, zehrte an seiner Geduld und an seinen Kräften. Seine Hand bebte.
      An der Tür erklangen Schritte. Jay öffnete sie, sagte aber nichts zu dem Besucher. Stattdessen trat er beiseite und deutete zur Küche, wo Lewis saß.
      Lewis sah auf und erblickte einen Rotschopf, der reingeschlichen kam. Seine Miene war unleserlich.
      Lewis pausierte seinen Joint. Hinter Santiago stand Jay unschlüssig in der noch immer geöffneten Tür, dann schlüpfte er in schwarze Sneaker und schnappte sich seine Jacke.
      “Das trifft sich gut, ich muss sowieso bei der Firma vorbeischauen. Ich bleib nicht lange weg, höchstens eine Stunde. Wenn was ist, ruft mich an.”
      Und damit zog er aus der Tür und warf sie hinter sich zu.

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    • Ein Teil von Santi hatte gehofft, dass niemand auf das Klingeln antwortete und er einfach wieder nach Hause fahren und sich den einfacheren Alpträumen stellen könnte. Aber das Buzzer surrte kurz nachdem er geklingelt hatte. Santi zögerte, doch schlussendlich drückte er dir Tür dann doch auf. Seine Suche hatte ergeben, dass Jay im zweiten Stock wohnte. Mit seinen Verletzungen wäre es vielleicht schlauer gewesen, den Aufzug zu nehmen, aber Santi hielt auf die Treppen zu und humpelte nach oben. Er hatte jedes einzelne Stechen in seinem Bein verdient.
      Jay stand bereits in der Tür, seine Miene so neutral, wie sie sein konnte. Keine Wut, keine Sorge, nichts. Er ließ ihn ohne Worte rein und nickte in Richtung Küche wo sich Santi der zusammengesunkenen Form von Lewis gegenüber sah. Der Streuner beugte sich über ein Schlachtfeld aus getrocknetem Gras. Hatte Jay ihm nicht geholfen?
      "Das trifft sich gut, ich muss sowieso bei der Firma vorbeischauen. Ich bleib nicht lange weg, höchstens eine Stunde. Wenn was ist, ruft mich an."
      Santi sah ihm nach, als Jay verschwand und ihn allein mit seinem Bruder ließ.
      Für einen langen Moment stand er einfach nur da, unsicher, was er jetzt tun oder gar sagen sollte. Schließlich fiel sein Blick wieder auf den Küchentisch. Das war etwas, das Santi konnte. Also ging er rüber. Er positionierte sich so, dass der Tisch zwischen ihm und Lewis stand, um den Streuner nicht zu bedrängen. Er griff sich alles, was er brauchte und begann, einen Joint für Lewis zu drehen. Hübsch war er nicht, da Santi selbst durch die Schiene an seinen Fingern und an seiner Hand beeinträchtigt war, aber er hatte genug Feinkontrolle, um das Ding wenigstens zu drehen. Er fischte sein Feuerzeug aus seiner Hosentasche, zündete den Joint an, und reichte ihn an Lewis weiter. Dann griff er sich die nächste Portion und begann von vorne. Joints drehen war einfach und gab ihm einen Grund, Lewis' Blick zu ignorieren. Außerdem beschäftigte es seine Hände.
      "Wie geht's dir?" fragte er geradezu unverbindlich.
      Das war eine leichte Frage. Eine Frage, auf die er die Antwort kannte, also stand es Lewis frei, ihn anzulügen. Ihm selbst ging es ja nicht anders, wenn auch aus anderen Gründen.


    • Lewis wusste nicht, was er davon halten sollte, dass Jay sie einfach alleine ließ. Er wusste nicht, was er davon halten sollte, dass Santiago hier war. Er wollte doch auf ihn scheißen, oder? Aber die Worte dazu kamen ihm nicht über die Lippen, geschweige denn überhaupt in sein Gehirn. Er brachte noch nicht einmal die Energie dazu auf, wirklich wütend zu sein.
      Also ignorierte er ihn und konzentrierte sich dafür wieder auf seinen Joint. Seine Finger zuckten und hätten das Papier beinahe wieder fallen gelassen. Langsam verlor er die Nerven hierfür.
      Santiago war still. Er sagte nichts, sondern blieb für geraume Zeit einfach bei der Tür stehen, das einzige Geräusch im Raum das leise Rascheln von Lewis' Fehlversuchen. Dann setzte er sich erst in Bewegung, kam herüber, nahm sich Einzelteile aus Lewis' Chaos und begann unmissverständlich einen Joint zu basteln. Lewis sah zu ihm, ohne sich zu rühren. Auch Santiago trug einen dicken Verband um seine Hand, aber zumindest führten seine Finger kein Eigenleben. Er bekam etwas hin, was durchaus geraucht werden konnte, und zündete es auch gleich an. Ohne ein weiteres Wort hielt er Lewis den Joint entgegen.
      Lewis starrte den Joint an. Er starrte auch Santiago an, aber Santiago hielt den Blick gesenkt und wartete nur schweigend ab, bis Lewis das Angebot annehmen würde. Und was sollte er schon sonst tun? Wenn er nicht bald etwas zu rauchen bekam, würde er noch in vielerlei Hinsicht an die Decke gehen.
      Also ließ er seine eigene Missgestaltung liegen, nahm ihn entgegen und zog daran, zog an dem herben, wohltuenden Gras, zog bis sein Mund voll davon war, sein Hals und seine Lunge, bis er nichts anderes mehr fühlen oder denken konnte als das Gras. Er zog daran, bis er nicht mehr konnte und stieß den Rauch dann aus, lange und ausgiebig, hüllte sich, den Tisch und auch Santiago ihn Rauch ein. Anstatt danach einen Atemzug zu nehmen, zog er gleich wieder daran. Und wieder. In dem Tempo konnte er gar nichts genießen, sondern würde einfach nur seine Sinne benebeln, aber genau das war das Ziel. Er war ja sowieso schon abhängig genug, dass er mit Gras allein nicht mehr so high wurde wie früher. Dafür beruhigte die Droge seinen hohen Puls und seine zitternden Muskeln.
      Santiago machte gleich mit dem nächsten Joint weiter. Er sah nicht auf, was es Lewis einfach machte, ihn von sich aus zu mustern. Wieso war er hier? Wieso war er gegangen?!
      "Wie geht's dir?"
      Der Mann sprach mehr zum Tisch als zu Lewis. Dafür konnte Lewis auch nicht direkt antworten, sondern stieß erst den Rauch aus. Seine Hand tat noch immer höllisch weh und er fühlte sich miserabel. Mehr als beschissen, wie er Jay gesagt hatte.
      Für Santiago zuckte er mit den Schultern.
      "Ist okay."
      Santiago schien das zu akzeptieren. Vielleicht tat er auch nur so, aber das wäre Lewis genauso recht. Er kiffte sich das Hirn zu und verging dabei in dem überaus unangenehmen Schweigen, das sich zwischen ihnen auftat.
    • Santi nickte, machte den zweiten Joint fertig, nahm sich eine dritte Portion und begann von vorne. Die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete war harmlos, aber es fühlte sich an, als würde es sämtliche Luft aus dem Raum saugen. Santi setzte den dritten Joint ordentlich neben den zweiten direkt vor Lewis, aber er nahm sich nicht noch mehr Material, um einen vierten zu machen. Stattdessen hob er den Blick zu Lewis.
      "Ich..." Scheiße, warum das denn so schwer?! "Ich wollte mich entschuldigen. Will ich immer noch. Deswegen war ich bei deinem Apartment, aber da war nur Jay, der nach dir gesucht hat..."
      Er musste nicht erklären, was passiert war, sie wussten das ja beide. Santi seufzte, suchte seinen Faden.
      "Wegen dem Ding mit dem Kartell. Das war nicht richtig von mir. Ich wusste nicht, für was ich da angeheuert worden war, aber das ist keine Entschuldigung. Ich hätte Nein sagen können in dem Moment, in dem ich es begriffen habe. Aber das habe ich nicht. Und das tut mir leid. Ich... es tut mir leid. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll. Ich wollte dir nicht wehtun. Aber das habe ich. Fuck."
      Santi kniff sich in den Nasenrücken, um die Tränen zurückzuhalten. Er atmete tief durch. Griff sich eine weitere Portion Gras. Fing an einen weiteren Joint zu wickeln.
      "Du hättest jeden Grund gehabt, mich an Apollo zu verpfeifen," sagte er sehr viel leiser. "Ich hätte es nachvollziehen können. Dass du es nicht getan hast... danke. Ernsthaft."


    • “Ich… Ich wollte mich entschuldigen.”
      Santiagos Stimme war leise. Er sah Lewis direkt in die Augen und was er ihm in seinem Blick zeigte, gefiel Lewis ganz und gar nicht. Das hier war nichts, worüber man Schadenfreude empfinden konnte. Dabei hatte Lewis gedacht, dass er genau das haben wollte. Santiago hatte ihn seiner Magie ausgesetzt, dann sollte er jetzt selbst etwas von dem Schmerz zu spüren bekommen. Aber das hier ging nicht im entferntesten in die Richtung.
      “Will ich immer noch. Deswegen war ich bei deinem Apartment, aber da war nur Jay, der nach dir gesucht hat…”
      Er verstummte wieder, denn den Rest konnten sie sich wohl sparen. Es war allerdings das erste Mal, dass Lewis sich fragte, wie sie ihn überhaupt gefunden hatten. Anscheinend hatte Jay mit der Suche begonnen.
      Er blies seinen Rauch aus und sagte nichts. Santiago ignorierte den Nebel und seufzte.
      "Wegen dem Ding mit dem Kartell. Das war nicht richtig von mir. Ich wusste nicht, für was ich da angeheuert worden war, aber das ist keine Entschuldigung. Ich hätte Nein sagen können in dem Moment, in dem ich es begriffen habe. Aber das habe ich nicht."
      Ja das hätte er. Ja, das hätte er, verdammt, und Lewis war kurz davor es ihm zu sagen. Es brodelte in ihm hoch, so schnell und mächtig, dass es ihn fast selbst erschreckte. Nicht einmal das Gras konnte das Gefühl lindern, diese Wut, die in ihm aufkochte. Die Enttäuschung, die... ach, er wusste es doch selbst nicht so genau. Alles eben.
      "Und das tut mir leid. Ich... es tut mir leid. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll. Ich wollte dir nicht wehtun. Aber das habe ich."
      In seine Stimme schlich sich ein Unterton, den Lewis noch nie bei ihm gehört hatte. Er hörte sogar kurz auf zu kiffen, um ihn anzustarren.
      "Fuck."
      Santiago kniff sich in den Nasenrücken und für einen Moment wirkte es so, als würde die letzte Anspannung in seinen Schultern verlieren und er einfach in sich zusammensacken, der große, breite Mann, der jetzt nur noch ganz klein wirkte. Lewis starrte. So hatte er sich das nicht vorgestellt. So hätte das nicht laufen sollen.
      Ein, zwei Atemzüge, dann hatte Santiago sich wieder genug gefangen, um einen neuen Joint zu beginnen. Seine Bernsteinaugen verließen Lewis und der konnte die Enttäuschung nicht unterdrücken, nicht mehr zu sehen zu bekommen, was in ihnen vor sich ging. Das hier war eine Seite, die Santiago ihm noch nicht gezeigt hatte.
      "Du hättest jeden Grund gehabt, mich an Apollo zu verpfeifen."
      Er sprach ganz leise weiter, als Lewis noch immer nichts sagte. Fast schon ein Flüstern, in dem sämtliche Verletzlichkeit seines vorangegangenen Blickes mitschwang.
      "Ich hätte es nachvollziehen können. Dass du es nicht getan hast... danke. Ernsthaft."
      Lewis blinzelte. Er erinnerte sich an seinen Joint und zog daran. Aber das Gras hatte längst seinen anfänglichen Reiz verloren.
      Er wartete, formte in seinem Kopf die Worte, die er aussprechen wollte. Es waren viele davon, die sich in den letzten Tagen manifestiert hatten. Aber nur wenige konnten dieser Situation auch wirklich entsprechen.
      "Wieso hast du dich nicht gemeldet? Gestern, vorgestern. Du hättest anrufen können oder wenigstens schreiben können. Stattdessen..."
      Die Wut kam wieder. Sie schwelte in seinem Inneren, nährte sich von der wenigen Energie, die er dafür aufgebracht hatte, sich an diesen Tisch zu schleppen und seine Joints zu drehen. Für Wut war es anscheinend genug Energie.
      "Stattdessen ziehst du das durch und... und meldest dich nicht? Du hast gesagt es tut dir leid, aber dann ziehst du es doch durch? Jay hat gekotzt auf dem Weg nachhause!"
      Seine Stimme wurde laut, wobei "laut" übertrieben war. Die Wohnung war einfach so totenstill, dass seine Stimme laut wirkte.
      "Er hat gekotzt, bis nichts mehr gekommen ist, und ich hab den ganzen Tag vermieden, meine -"
      Er fing sich noch, bevor er weitersprechen konnte. Santiago hatte nicht das Recht zu erfahren, dass Lewis Angst vor seinen eigenen Knoten hatte. Dieses Recht hatte er sich verwirkt, als diese Bernsteinaugen dunkel und gefährlich für Lewis geworden waren.
      Er stieß geräuschvoll die Luft aus und nahm sich den nächsten Joint. Dabei musste man es Santiago wohl zu gute halten, dass er ihn trotzdem für Lewis anzündete. Er zog kräftig daran.
      "Wir waren da... zwei Stunden drin! Zwei Stunden, aber es hat sich angefühlt wie scheiß... wie..."
      Er machte eine unwirsche Geste und wandte verärgert den Blick ab.
      "Und dann hast du dich nichtmal gemeldet und... was hätte ich machen sollen? Wieso hast du drei fucking Tage gebraucht, um anzukommen?"