Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • "Ach, das macht nur Sinn", kommentierte Rosa. "Irgendwo muss ja die ganze jugendliche Energie hin. Ich nehme mal an, dass diese flexiblen Arbeitszeiten eure Beziehung überhaupt erst ermöglichen, mit Santis Problemen."
      Santi verschluckte sich an seiner Limonade - die von seinem Vater gern selbstgemacht wurde, wenn die Obstbäume im Garten genug abwarfen, oder es ein Angebot im Supermarkt gab. Nicht etwa, weil seine Mutter seine magische Paranoia ansprach als hätte er Hämorriden oder sowas. Er hatte seine Limo beinahe über den ganzen Tisch gepustet, weil sie das Wort 'Beziehung' benutzt hatte. Sie hatten zwar gesagt, dass sie dieses Was-auch-immer, das sie da hatten, als daten bezeichnen wollten, aber das Wort 'Beziehung' fühlte sich immer noch irgendwie seltsam an.
      Sein Vater klopfte ihm sanft auf den Rücken, während er leise vor sich hin hustete. Seine Mutter allerdings, plapperte einfach weiter, als hätte sie nicht bemerkt.
      "Deswegen ist er auch nicht so das Partytier, weißt du? Er ist immer ganz brav nach Hause gekommen, wenn es Abendessen gab und ist danach auch nicht nochmal raus. Große Menschenmengen sind immer ein bisschen schwierig für ihn. Da kann viel passieren. Zu viele Optionen."
      Sie schüttelte den Kopf und dachte wahrscheinlich an einen der vielen panischen Vorträge, die ihr von einem präpubertären Santi gehalten wurden über all die Möglichkeiten, wie man auf einem einfachen Wochenmarkt sterben konnte. Als Kind war er geradezu ein Hypochonder gewesen, bevor er das Konzept von Antibiotika begriffen hatte. Natürlich dachte Santi dieser Tage an resistente Supererreger aus den Krankenhäusern, aber das behielt er meistens für sich.
      "Du kannst ihn ruhig mitnehmen, Luis. An einem guten Tag muss er auch mal raus, er macht es nur so selten."
      "Mamá, bitte. Ich gehe sehr wohl aus," protestiere Santi, als er wieder normal atmen konnte.
      "Insomnia-Kaffee in einem schäbigen Diner und extra Runden um den Block auf deiner Teufelsmaschine zählen nicht, mi hijo, und das weißt du ganz genau. Du musst unter Leute gehen, wenn die Möglichkeit hast. Argentinier sind nicht dazu geschaffen, allein zu sein! Wir sind Herdentiere!"
      Rosa tätschelte Lewis' Arm sanft.
      "Du darfst ihm das gerne vorhalten, Luis. Ihm tut es nur gut, wenn er mal ein bisschen rauskommt. Und du könntest ein bisschen Sonne vertragen, cariño*. Oh! Ihr könntet doch zusammen auf den Markt gehen! Dann kommt ihr beide mal raus, in der Sonne, unter Leute, und Santi kann alles einkaufen, um dir ein richtig gutes Essen zu grillen! ¿Qué dices a eso**, Ignacio?"
      "Sí, sí. Ricardo hat neue Arbeit bei einer Fischerei. Der bringt immer gute Fische zum Markt. Ricardo kann dir bestimmt auch einen Rabatt geben."
      Jetzt lehnte sich Rosa auf die andere Seite und tätschelte ihrem Ehemann den Unterarm. Sir korrigierte ihn aber nicht dahingehend, dass Santi mit Sicherheit keinen Rabatt auf frischen Fisch brauchte. Und Santi sagte nichts über den Plan seiner Mutter, Lewis ein paar Kilo auf die Rippen zu packen.
      "A prospo Essen," grätschte Santi dann aber doch rein. "Was gibt's eigentlich zum Nachtisch?"
      Er grinste wie ein kleiner Junge bei der Frage. Argentinier waren nicht nur Herdentiere, wie seine Mutter so stolz proklamiert hatte. Argentinier hatten auch einen Sweettooth. Und Santi liebte die Süßigkeiten, die er im Haushalt seiner Eltern abgreifen konnte. Rosa wusste das genauso gut und lächelte ebenfalls.
      "Pastelitos, natürlich!" verkündete sie und das Glitzern in Santis Augen wurde noch ein bisschen heller.
      "Mit Membrillo oder Batata?"
      "Ich wusste nicht, wie Luis sie mag, also habe ich beide gemacht."
      Jackpot!
      Rosa lachte leise und schüttelte den Kopf.
      "Weißt du Luis, Santi liebt Pastelitos, schon seit er ein kleiner Junge war. Egal wie schlecht sein Tag oder seine Nacht war, Pastelitos haben noch immer aufgeheitert."
      "Zurecht! Du wirst es verstehen, wenn du sie probiert hast. Mamá macht die besten Pastelitos im ganzen Viertel. Nein, jetzt bin ich dran, dich verlegen zu machen! Wir haben hier regelmäßige Essen draußen im Park, wo jeder ein bisschen was mit bringt. Ein Potluck eben. Und die ganze Nachbarschaft hat beschlossen, dass mamá immer Pastelitos mitbringen muss, weil ihre einfach so gut sind. Außerdem machen Pastelitos alles besser. Das ist ein Naturgesetz."
      Ignacio nickte im Hintergrund; er selbst war ebenfalls ein großer Fan der kleinen Backwaren seiner Frau.









      *Liebling
      **Was sagst du dazu?


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    • Lewis war so erleichtert darüber, dass Rosa seine Aussage einfach so hinnahm, dass er einfach nur nickte.
      "Ja ich -"
      Da prustete Santiago mit einem Mal seine Limonade über den Tisch.
      "Hey, man!"
      Sein Vater klopfte ihm schon über den Rücken, Lewis brachte sein wertvolles Steak in Sicherheit. Was war denn mit ihm los? Als ob es so eine große Überraschung war, dass seine Magie ihm Probleme bereitete. Das war doch jedem an diesem Tisch hier klar.
      Rosa redete einfach weiter, als sei nichts gewesen.
      "Deswegen ist er auch nicht so das Partytier, weißt du? Er ist immer ganz brav nach Hause gekommen, wenn es Abendessen gab und ist danach auch nicht nochmal raus. Große Menschenmengen sind immer ein bisschen schwierig für ihn. Da kann viel passieren. Zu viele Optionen."
      "Ah, ja, echt? Scheint mir gar nicht so. Wir sind schon ein paar Mal rausgegangen und da war er eigentlich ganz cool."
      So hatte Lewis bisher zumindest den Eindruck gehabt. Abgesehen davon hatte er nie daran gedacht, dass Menschenmengen Santiago so zusetzen könnten. Er war immer mit seinen eigenen Bäumen beschäftigt gewesen, wenn es soweit war.
      Es konnte wohl auch Nachteile haben, wenn beide Magie mit sich brachten.
      "Du kannst ihn ruhig mitnehmen, Luis. An einem guten Tag muss er auch mal raus, er macht es nur so selten."
      Lewis kicherte.
      "Hört sich an wie ein Hund."
      "Mamá, bitte. Ich gehe sehr wohl aus."
      "Insomnia-Kaffee in einem schäbigen Diner und extra Runden um den Block auf deiner Teufelsmaschine zählen nicht, mi hijo, und das weißt du ganz genau."
      Jetzt lachte Lewis aufrichtig. Er wollte sich nicht über ihn lustig machen, die Aussage klang einfach zu sehr nach Santiago. Abgesehen davon hatte er eigentlich gar nichts zu lachen, nachdem er ihn oft genug dabei begleitet hatte. Oder mitten in der Nacht seinen Abhol-Service in Anspruch genommen hatte.
      Rosa tätschelte Lewis den Arm und er grinste sie an. Ja, dieses Abendessen war soeben sehr lustig geworden.
      "Du darfst ihm das gerne vorhalten, Luis. Ihm tut es nur gut, wenn er mal ein bisschen rauskommt. Und du könntest ein bisschen Sonne vertragen, cariño."
      "Stimmt auch. Deine Mom ist echt weise, Santiago. Du solltest mal auf sie hören."
      "Oh! Ihr könntet doch zusammen auf den Markt gehen! Dann kommt ihr beide mal raus, in der Sonne, unter Leute, und Santi kann alles einkaufen, um dir ein richtig gutes Essen zu grillen! ¿Qué dices a eso, Ignacio?"
      Wochenmarkt? Das hörte sich ja... eigenartig an. Als würden sie auf dem Land leben.
      Lewis sagte nichts weiter dazu, bis sie beim Thema Nachtisch angekommen waren. Er wusste nicht, was Membrillos oder Batatas waren, aber gemessen an Santiagos überschwänglichem Grinsen musste es etwas gutes sein. Und das war es auch; einmal davon probiert deklarierte Lewis die Süßigkeit als sein Lieblingsessen. Gemeinsam mit Santiago schafften sie es, den Tisch davon leer zu putzen, sehr zur Begeisterung seiner mamá. Danach war er absolut pappsatt und vollgefressen; es schien ihm undenkbar, auch nur bis zum Bike zurück zu kommen. Sie blieben aber sowieso alle noch einen Moment lang sitzen und unterhielten sich weiter. Rosa schaffte es, noch ein paar "Mamá"s aus Santiago herauszubekommen und Lewis amüsierte sich jedes Mal köstlich darüber. Den großen Mann so verlegen zu sehen hatte schon etwas für sich.
      Als sie schließlich die Abreise antraten, war Lewis etwas herzlicher mit seiner Umarmung, die Rosa ihm aufzwängte. Als kannten sie sich schon jahrelang. Ignacio hatte auch ein paar warme Worte für ihn übrig und dann stiegen sie draußen schon aufs Bike. Sie fuhren ab und ließen damit das bunte, idyllische Viertel ganz hinter sich, als sie sich wieder in den Verkehr der Großstadt einschleusten.

      Die Begeisterung über das Abendessen hielt an, bis sie bei Santiago angekommen waren und sie in etwas anderes umschlug. Lewis fühlte sich irgendwie nüchtern und mit der Nüchternheit kam auch ein Realitätssinn wieder. Lewis hätte gerne darauf verzichten können.
      "Man, deine Familie ist echt...", setzte er an, als sie durch die Tür kamen, und wusste mit einem Mal nicht, wie er den Satz beenden sollte. Was war Santiagos Familie? Surreal? Untypisch? Nicht von dieser Welt? Bis vor ein paar Stunden hatte Lewis ja noch gedacht, dass sowas wie die Natales nur in Filmen existierten und nicht real waren. Und dennoch hatte er mit ihnen zu Abend gegessen.
      "... keine Ahnung. Irgendwas. Ich dachte, ich wäre in einem scheiß Film gelandet oder sowas."
      Er hielt auf seine Schublade zu und holte sich sein Gras heraus. Nicht, weil er es brauchte und vermutlich auch nicht, weil er längst süchtig danach war. Es war eher eine Art Reflex, etwas bekanntes, was er tun konnte. Was sein Körper tun konnte.
      "Und sowas macht ihr häufiger, ja? Ihr sitzt zusammen und... esst einfach nur? Redet dabei?"
      Er schüttelte den Kopf. Je länger er darüber nachdachte, desto unwirklicher kam es ihm vor.
      "Keiner wird angeschrien? Keiner wird ausgeschimpft? Es ist nichtmal ein einziges Schimpfwort gefallen und das ist immer so? Man, ich..."
      Er schüttelte den Kopf. Sein Joint wurde nicht gerade hübsch, er stopfte ihn sich trotzdem zwischen die Lippen. Zog kräftig daran. Blies so lange aus, bis seine Lunge ganz leer war.
      "Das ist abgefuckt."
    • Man sollte meinen, dass Santi auf seine Kalorien und die Art der Kalorien achtete, so viele Muskeln wie der zu versorgen hatte. Aber wenn man sah, wie sehr er sich über die bunte, extrem süße Nachspeise freute, die seine mamá servierte, dann zweifelte man doch sehr an seinem Workoutplan. Santi musste sich aktiv davon abhalten, sich die Backwaren einfach in den Mund zu schaufeln - er hatte die Nachteile eines solchen Heißhungers als Kind kennengelernt, wo er sich so überfressen hatte, das ihm schlecht geworden war. Also hielt er sich zurück, was die Geschwindigkeit anging - nicht aber bei der Menge.
      Die Gespräche liefen locker und einfach und er war sehr froh, dass sich alle Parteien zu verstehen schienen. Es war schwer, die Meinung seines papitos zu erkennen, da der Mann ein recht unbewegliches Gesicht hatte und seine Gefühle nur selten offen zeigte (wenn es nicht um Fußball ging), aber soweit Santi das sagen konnte, hatte Ignacio zumindest keine Probleme mit Lewis. Er würde ihn beim nächsten Mal einfach fragen.
      Wie immer nach dem Essen wurde Santi für den Abwasch mit eingespannt - und Lewis teilte sein Schicksal. Irgendwann schob Santi seine Mutter einfach von der Spüle weg und übernahm das, während Lewis fleißig das Handtuch schwang. Rosa blieb nichts anderes übrig, als das Geschirr wegzuräumen, sobald es trocken war.
      Santi genoss den Frieden seines familiären Zuhauses und dass Lewis sich so leicht darin einfügen ließ, wärmte irgendwas tief in seiner Brust. Das hatte er jetzt schon ein paarmal bemerkt. Irgendwann würde er sich damit mal auseinandersetzen müssen, fürchtete er. Aber nicht heute. Nicht, wenn alles einfach nur gut war. Einen Tag Frieden durfte er doch wohl haben.

      "Man, deine Familie ist echt... keine Ahnung. Irgendwas. Ich dachte, ich wäre in einem scheiß Film gelandet oder sowas."
      Santi lachte leise und hängte seine Jacke auf.
      "Das nennt sich 'normal', callejero. So sollten Familien funktionieren. Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen, echtes Interesse zeigen, sowas eben. Dass ich mache, was ich mache, würde Psychologen wahrscheinlich ziemliches Kopfzerbrechen bereiten mit so einem friedlichen Umfeld in meiner Kindheit."
      Er warf seine Handschuhe, Schlüssel und Smartphone auf die Arbeitsplatte. Er hatte schon damit gerechnet, dass seine Familie ein absoluter Kulturschock für Lewis sein würde - und das nicht nur wegen der Nationalität.
      "Und sowas macht ihr häufiger, ja? Ihr sitzt zusammen und... esst einfach nur? Redet dabei?"
      "Jap. Meistens gehe ich nachmittags hin für einen Kaffee, aber das artet dann in eine Einladung zum Abendessen aus, und dann bleibe ich meistens gleich über Nacht."
      Santi zuckte mit den Schultern. Er beobachtete, wie Lewis sich einen chaotischen Joint drehte. Er hätte nicht gedacht, dass ihn die ganze Geschichte so sehr aus der Fassung brachte. Hm.
      "Keiner wird angeschrien? Keiner wird ausgeschimpft? Es ist nicht mal ein einziges Schimpfwort gefallen und das ist immer so? Man, ich... Das ist abgefuckt."
      "Naja, so friedlich ist es dann auch nicht immer. Meine Eltern streiten, wie jeder andere auch. Ich streite mich mit meinen Eltern. Ich darf mir regelmäßig was anhören. Ich kann dir eine ganze Liste geben. Und glaub bloß nicht, dass in diesem Haushalt nicht auch geflucht wird. Meine Eltern haben sich heute genauso benommen, wie du. Sie wollten eben auch einen guten ersten Eindruck machen. Sie mögen dich, aber warte mal ab bis sie dich als Teil der Familie sehen. Dann werden die Samthandschuhe ausgezogen."
      Teil der Familie... Wollte Santi das denn? Wenn seine Eltern ihn als Teil der Familie ansahen, dann hieß das ja eigentlich, dass... Nicht drüber nachdenken, Santi, dein Tag voller Frieden ist noch nicht vorbei!
      Santi schlenderte zum Kühlschrank und holte zwei Bier raus. Mit jeweils einer Flasche in jeder Hand trat er hinter Lewis und legte ihm die Arme um die Hüften. Eins der Biere bot er dem Streuner an, das andere hob er für einen Schluck an seine Lippen, bevor er seinen Kopf auf Lewis Schulter ablegte.
      "Alles okay?" fragte er, "Ich weiß, dass war ein bisschen viel auf einmal. Und dass du sowas nicht gewohnt bist."


    • Dass Santiagos Eltern auch im herkömmlichen Sinn normal sein konnten, erleichterte Lewis dann schon ein wenig. Zumindest wurde gestritten und zumindest hing der Haussegen auch mal schief. Aber dabei konnte es eben auch so wie heute aussehen und das kam Lewis außerirdisch vor. Kein Wunder, dass Santiago häufig Kontakt mit seinen Eltern pflegte. Scheiße, Lewis wollte ja schon häufig mit ihnen Kontakt pflegen und er hatte sie gerade erst kennengelernt.
      "Sie mögen dich, aber warte mal ab bis sie dich als Teil der Familie sehen. Dann werden die Samthandschuhe ausgezogen."
      Lewis warf ihm dabei einen kurzen Blick zu. Bis er als Teil der Familie gesehen wurde? Das hieß, er würde noch häufiger zum Essen mitgehen? Darauf musste er gleich mal einen zweiten Zug nehmen.
      Santiago nahm sich derweil zwei Bier aus dem Kühlschrank, überreichte eins davon und schob ihm von hinten den Arm um die Taille. Lewis lehnte sich nach hinten gegen ihn, während er gleich einen Schluck davon nahm. Vielleicht auch mehrere bei diesem Abend, den er erlebt hatte.
      "Alles okay? Ich weiß, dass war ein bisschen viel auf einmal. Und dass du sowas nicht gewohnt bist."
      "Ja. Nein. Es war ja nett - es war wirklich nett. Das ist aber auch einfach das Problem."
      Jetzt, nachdem er endgültig runtergekommen war, wusste er nicht mehr, was er fühlen sollte. Es war einfach merkwürdig gewesen - und das sollte normal sein? Was war dann Lewis' Familie?
      Er nahm noch einen Schluck.
      "Ich bin einfach... verwirrt. Sowas kenn ich nicht. Ich glaube, das letzte Mal, als wir zusammen, als eine Familie, zu Abend gegessen haben, war ich vielleicht 11, Jay war entsprechend 7. Es gab Pizza, das weiß ich noch. Die gab es aber auch irgendwie immer, weil Mom nicht mehr kochen wollte, als ich sechs war. Das hätte ich ja selbst machen können, ich kann ja immerhin sehen, wann das Wasser aufkocht und all sowas. Wir haben jeweils vielleicht ein Stück gegessen, dann haben sich meine Eltern über irgendeinen Deal in die Haare gekriegt. Meine Mom wollte von meinem Dad immer Unterstützung haben und mein Dad wollte sich auf seine Firma konzentrieren. Die haben sich angeschrien und angeschimpft. Dann ist Jay ein Stück Pizza aus der Hand gefallen und meine Mom hat ihn angeschrien. Dann hab ich meine Mom angeschrien. Dann hat mein Dad mich angeschrien, weil ich es immerhin hätte voraussagen können. Dann hab ich meinen Dad angeschrien. Jay hat angefangen zu heulen und dann hab ich ihn an der Hand genommen und mit nach draußen gezogen. Ich bin mit ihm zur Pizzeria gegangen und damit er aufhört zu heulen, hab ich ihm eine halbe Pizza geklaut und dazu noch ein Tiramisu. Einen Block weiter haben wir uns dann hingesetzt und die Pizza gegessen."
      Er nahm noch einen Zug und hüllte sie beide in Rauch ein.
      "So sah Abendessen bei uns aus. Danach ist sowieso irgendwie alles den Bach runtergegangen. Kein Wunder, dass das unser letztes war. Bislang dachte ich, das wäre normal und den Rest gibt's nur in Filmen. Jetzt weiß ich, dass das nur scheiße ist."
    • Santi platzierte einen sanften Kuss an der Seite von Lewis' Hals und schlang seine Arme ein bisschen fester um den Streuner. Er hatte ja gewusst, dass Lewis' Familienleben alles andere als gut gewesen war, aber es so zu hören missfiel ihm irgendwie. Santi konnte sich das gar nicht richtig vorstellen. Klar, er hatte schon hunderte Leute gesehen, die unter ähnlichen Umständen aufgewachsen waren und weitaus weniger aus sich selbst gemacht hatten, als Lewis und sein Bruder. Aber der Punkt, an dem sich Santi vorzustellen versuchte, selbst in so einem Umfeld aufzuwachsen... da kam er irgendwie nicht hin. Aber er wusste, dass er mit Sicherheit schon lange nicht mehr am Leben wäre, wenn seine Eltern nicht so mitfühlend und fürsorglich gewesen wären. Lewis hatte ihn mal gefragt, ob er je darüber nachgedacht hatte, es zu beenden. Hatte er nicht, das war nicht gelogen gewesen, aber das war zu großen Teilen seinen Eltern geschuldet, die ihm immer wieder gezeigt hatten, dass es mehr gab als seine Ängste, seine Alpträume.
      "Es ist doch nicht alles scheiße," entgegnete er. "Du hast deinen Bruder. Ich weiß zwar nicht, ob eure Beziehung als normal gilt, ich hatte nie einen, aber lass dir von einem Außenstehenden sagen: der Sack liebt dich. Nicht nur deine Magie. Dich."
      Jay hatte ohne zu zögern eine große Ladung Drogen eines mexikanischen Kartells aufgegeben, um seinen Bruder in Sicherheit zu bringen. Sowas machte man nicht, nur weil man sein Lieblingsspielzeug behalten wollte.
      Santi küsste Lewis' Schulter, dann löste er sich von ihm. Auf dem Weg zum Sofa streckte er sich ordentlich. Dabei glitt sein Blick zum Himmel über New York. Ein paar Wolken zogen friedlich über den Horizont, verfolgt von einem Haufen Flugzeugen weit im Hintergrund. Plötzlich überkam ihn der Drang, sich in seiner Wohnung umzusehen, also tat er das. Da war sein Schlafzimmer mit dem ungemachten Bett. Sein Büro auf der Zwischenebene. Sein Homegym gleich darunter mit dem Boxsack, den er mit Ducttape geflickt hatte. Wohnzimmer. Hinter ihm die Küche mit Lewis. Santi drehte sich um. Lewis stand friedlich da, Joint in der einen Hand, Bier in der anderen. Die Bierflasche könnte man leicht in eine Waffe verwandeln...
      "Ich weiß nicht, wie's dir geht, aber ich bin bereit für ein ordentliches Fresskoma," meinte er und nippte lächelnd an seinem eigenen Bier, bevor er sich auf die Couch sinken ließ.
      Als er so dalag bemerkte er erst, wie müde er eigentlich war. Kein Wunder, nach dem semi-unruhigen Schlaf, den er letzte Nacht gehabt hatte, dem Morgen, den er mit Lewis gehabt hatte, und dem Familienessen.
      "Morgen krieg ich hoffentlich ein paar Infos über unsere Verfolger von neulich," meinte er. "Willst du mitkommen? Oder musst du dich schon auf dein Businessmeeting vorbereiten? Wann ist das eigentlich? Wenn ich fragen darf. Will mich da nicht in eure Geschäfte einmischen."


    • Santiago küsste sanft Lewis' Hals. Er neigte den Kopf, um ihm mehr Platz zu geben.
      "Es ist doch nicht alles scheiße."
      Lewis schnaubte. Das war ja wohl irgendwie eine Untertreibung.
      "Du hast deinen Bruder. Ich weiß zwar nicht, ob eure Beziehung als normal gilt, ich hatte nie einen, aber lass dir von einem Außenstehenden sagen: der Sack liebt dich. Nicht nur deine Magie. Dich."
      Da wandte er doch den Kopf, um Santiago einen Blick zuzuwerfen.
      Er hatte vermutlich recht. Jay liebte ihn wirklich, auch wenn er nicht viele Alternativen zur Verfügung hatte. Die Eltern waren beide scheiße und ohne Lewis hätte vermutlich Jay alles abbekommen, womit Lewis zu kämpfen gehabt hatte. Natürlich liebte er ihn. Lewis war immer für ihn da gewesen, war immer zur Stelle gewesen, um alle Tränen wegzuwischen, um sich als menschliches Schutzschild zwischen Jay und ihre Eltern zu stellen. Ja er liebte ihn und Lewis liebte auch Jay, aber scheiße war es trotzdem. Wie anders ihre Leben doch ausgesehen hätten, wenn sie bei Santiagos Eltern aufgewachsen wären. Wie schön dann alles hätte sein können.
      Lewis schnaubte.
      "Wahrscheinlich hast du recht. Scheiße ist es trotzdem."
      Santiago küsste ihn auf die Schulter und zog sich dann in Richtung Sofa zurück. Lewis blieb noch stehen, sah dem Rauch seines Joints zu und ließ dabei seine Gedanken schweifen. Alles scheiße. Davon war er einfach überzeugt.
      "Ich weiß nicht, wie's dir geht, aber ich bin bereit für ein ordentliches Fresskoma", kam vom Sofa. Lewis sah auf und sah zu, wie Santiago seinen großen Körper auf die Couch sinken ließ.
      Fast alles scheiße. Fast. Er nahm sein Bier und kam hinüber, um die unausgesprochene Einladung einzunehmen. Er stellte die Flasche auf dem Couchtisch ab und legte sich der Länge nach hin, Kopf auf der Armlehne, Beine über Santiago drapiert. Dort seufzte er erstmal langgezogen. In seinem Rücken konnte er noch immer die Knoten der Seile spüren, eine sehr angenehme Erinnerung, die stark genug war, um den meisten anderen Müll zu übertönen. Er zog an seinem Joint und blies zufrieden den Rauch aus.
      "Morgen krieg ich hoffentlich ein paar Infos über unsere Verfolger von neulich."
      "Ah, ja. Stimmt. Gut."
      "Willst du mitkommen?"
      Lewis sah ihn an. Wollte er das?
      "Oder musst du dich schon auf dein Businessmeeting vorbereiten?"
      Das ja auch noch - stimmt ja. Lewis seufzte gequält.
      "Sollte ich wahrscheinlich, was? Ja, ich denke, ich gehe lieber zu Jay rüber. Verantwortungsvoll sein und sowas."
      "Wann ist das eigentlich? Wenn ich fragen darf. Will mich da nicht in eure Geschäfte einmischen."
      "Tust du nicht. Das ist am Donnerstag. Ich schlaf Mittwoch am besten bei Jay und komm dann Donnerstag hinterher zu dir. Oder du holst mich irgendwo ab? Irgendwann am Abend, schätz ich mal."
    • Santi machte ein paar Kalkulationen in seinem erschöpften Hirn, um herauszufinden, ob Donnerstag passte. Nach ein paar Sekunden beschloss er, dass er es einfach passend machen würde.
      "Ich hol dich ab. Und davor besorg ich mir noch einen Alptraum," antwortete er schließlich. "Und dann kannst du dir aussuchen, ob wir feiern gehen oder nicht."
      Er nahm noch einen ordentlichen Schluck von seinem Bier, dann lehnte er sich über Lewis' Beine, um die Flasche auf dem Couchtisch abzustellen. Er schloss die Augen, als er sich wieder zurücklehnte. Eine leise Stimme in seinem Hinterkopf warnte ihn davor, Lewis unbeobachtet zu lassen. Er schlug der Stimme ins Gesicht und warf sie in ein tiefes Loch irgendwo in der hintersten Ecke seines Verstandes. Er war noch nicht bereit, sich seiner Paranoia zu fügen.
      Während er damit beschäftigt war, seine Gedanken zu sortieren und in den richtigen Bahnen gefangen zu halten, bemerkte er gar nicht, wie er langsam einnickte. Normalerweise passierte ihm das nicht. Santi war zwar jemand, der eine Menge kleiner Naps machte, aber normalerweise entschied er sich bewusst dazu, eins zu machen. Es kam nur sehr selten vor, dass er sich genug entspannen konnte, um einfach so eines zu machen.
      Ungefähr zwanzig Minuten schlug Santi die Augen wieder auf, träge, müde, aber ausgeruht. Er brauchte einen Moment, bis er begriff, dass er ein Nickerchen gemacht hatte. Sobald er das begriff, lächelte er und schüttelte den Kopf. Sein Bier war jetzt wohl warm, aber das war ihm egal. Er hatte nämlich gerade gelernt, dass er sich in Lewis Nähe entspannen konnte, wie er es sonst nur von seinen Eltern her kannte. Dieser Streuner stellte einfach alle Regeln auf den Kopf.


    • Lewis grinste bei der Aussicht zu feiern. Da hatte Rosa ja doch gute Arbeit geleistet, wenn Santiago so leicht dazu zu überreden war. Es wurde auch mal wieder Zeit, dass er rauskam; wenn Lewis es sich recht überlegte, verbrachten sie ja wirklich die meisten Tage einfach nur in der Wohnung. Auf lange Sicht konnte das ja nicht gut sein. So gesehen tat er sogar was für Santiagos Gesundheit.
      Der Mann lehnte sich kurz darauf zurück und schloss die Augen. Lewis rauchte seinen Joint zuende und während er das tat, konnte er sehr genau beobachten, wie Santiagos Gesicht immer entspannter wurde und wie seine Schultern absackten. Eine angenehme, einschläfernde Stille überkam die Wohnung, in der Lewis bald dazu überging, Santiago einfach nur dabei zu beobachten, wie seine Gesichtszüge ganz weich wurden. Es war fast wie damals, als sie nach dem Job auf dem Sofa gesessen hatten und Santiago seinen Kopf - ob durch Zufall oder nicht - auf Lewis' Arm abgelegt hatte. Auch damals schon hatte Lewis sich nicht gerührt, so wie er auch jetzt still lag, gänzlich unbewegt, um den Mann nicht aus seinem Schlaf zu reißen. Es war ein idyllischer Anblick. Lewis brauchte doch eigentlich gar keine funktionierende Familie, wenn er sowas hier haben konnte. Seine Idylle lag nicht in der Familie, sondern in dem großen Mann, der erstaunlich weich werden konnte, wenn er sich mal richtig entspannte. Das tat er bei Lewis auch und er wollte sich vormachen, dass ihn das zu etwas besonderem machte. Für Lewis war es das in jedem Fall. Er glaubte nicht, dass viele Leute dabei sein konnten, wenn Santiago die Schatten in seinen Augen verschloss und dafür warm und zutraulich wurde. Das war seine kleine Belohnung dafür, dass er die Schatten sonst auch nahe genug kommen ließ, um ihn aufzufressen. Seine Belohnung, dass er selbst dann da war, wenn Santiago zum gruseligsten Mann der Welt wurde.
      Als Santiago später wieder aufwachte, lächelte er verschlafen. Lewis zog seine Beine zurück und streckte seinen Körper, bevor er aufstand. Dann hielt er ihm die Hand hin.
      "Komm ins Bett schlafen."
      Und Santiago kam.

      Bis Mittwoch verging das Leben ereignislos. Santiago setzte Lewis bei seiner Firma ab und er gab seinem Freund einen dicken, fetten, feuchten Kuss, bevor er sich grinsend verabschiedete. An diesem Tag arbeitete er noch, am nächsten saß er in Jays Wohnung, während der sich für das Meeting vorbereitete. Jay war nicht der Typ, der nervös wurde, aber er wurde angespannt. Und an diesem Tag war er sogar sehr verspannt.
      "Kein Gras. Und auch kein Alkohol. Wir nehmen keine Waffen mit, ich habe aber ein paar Männer positioniert. Ich habe keine Lust, dass die uns kalt machen, aber wenn schon, gehen wir zumindest nicht ohne einen Kampf unter."
      "Wie optimistisch."
      Lewis sah von der Couch aus zu, wie sein Bruder durch die Wohnung marschierte. Jay trug ein schwarzes, business-casual Outfit mit frisch polierten Schuhen - ganz der Geschäftsmann, wie Lewis fand - und gegelten Haaren. Er hatte drei Handys einstecken, davon eins ein Wegwerf-Handy, hatte sonst aber nichts bei sich. Er checkte alle drei, verschwand im Bad, ging hinüber in sein Schlafzimmer, kam wieder ins Wohnzimmer. Lewis saß einfach nur da und beobachtete ihn dabei. Er hatte sich ein Hemd angezogen, was schon das höchste an Gefühlen war. Gut, die Haare hatte er sich auch gekämmt. Ganz kurz nur.
      "Kein Gras", wiederholte Jay. Schon zum dritten Mal. "Wie sehen deine Augen aus?"
      "Gut. Normal."
      Jay kam herüber und starrte Lewis einmal eindringlich an. Er zog sogar sein Augenlid hoch, was Lewis ihm widerstandslos gestattete.
      "Normal ist es, wenn die Augäpfel weiß sind, alter. Deine sehen aus, als hättest du kaum geschlafen."
      "Man, ich hab seit gestern Abend nicht mehr gekifft, was soll ich denn noch tun?"
      "Nimm nochmal von den Augentropfen. Wenn wir da sind auch nochmal."
      Lewis stöhnte gequält und schob Jays Hand beiseite. Er tat das hier für ihn, aber schwierig war es trotzdem. 16 Stunden Entzug waren schon eine harte Nummer für jemanden, der allerhöchstens 8 Stunden zwischen dem einen und dem nächsten Joint vergehen ließ. Nämlich nachts zum schlafen.
      Gemessen daran war Lewis sogar noch ziemlich fit. Das lag aber auch nur daran, dass er sich jetzt selbst Sorgen machte, erschossen zu werden. Er konnte die Typen einfach nicht einschätzen, Jay war derjenige gewesen, der den Kontakt gehalten hatte.
      "Mach's. Und dann gehen wir. Bringt auch nichts, länger zu warten."
      Lewis gehorchte und dann stiegen sie draußen in Jays Wagen. Sie waren alleine, seine Männer waren wohl schon vor Ort. Jay hatte alles organisiert, während Lewis nichts getan hatte.
      Seine Aufgabe würde erst beginnen, wenn es brenzlig wurde. Denn obwohl Jay keine Waffe bei sich trug, hatte er ja trotzdem Lewis bei sich.

      Die Vertreter der Sinaloa hatten sich ein Hinterzimmer in einem italienischen Restaurant gemietet, das man über die Küche erreichte. Jay ging nicht beim Haupteingang rein, er klopfte an der Seitenstraße und wurde von einem rauchenden, dickbäuchigen Mann eingelassen. Sie durchquerten eine feuchte, dampfende Küche und gingen von dort aus eine Treppe runter. Insgesamt gab es dort drei abschließbare Zimmer und der Mann führte sie zu dem ersten der drei. Er klopfte, steckte den Kopf rein, schnarrte etwas auf gebrochenem mexikanisch und ließ sie dann eintreten. Jay ging voraus.
      Der Mann, mit dem Jay seinen Kontakt pflegte, war Mitte vierzig, hatte den Ansatz von grauem Haar und ein faltiges Gesicht, das sowohl gewöhnt war zu lachen, als auch die Stirn zu runzeln. Er trug einen Anzug und eine goldene Uhr an seinem Handgelenk. Neben ihm wirkten die Brüder mit ihren Jeans und Hemden wie zwei Kinder.
      Neben ihm saßen zwei Männer, an der Wand standen nochmal zwei. Einer von ihnen schloss die Tür hinter Lewis, als der eingetreten war.
      Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des mittleren aus. Er hatte nur Augen für Jay, der an den Tisch trat.
      "Castro und Bruder, pünktlich auf die Sekunde. Setz dich doch. Etwas zu trinken gefälligst?"
      "Montes. Nicht nötig, aber danke dir."
      Montes zuckte mit den Schultern.
      "Dein Verlust. Ich will was trinken. Schnaps vielleicht?"
      Während Lewis und Jay sich setzten, ging Montes' Blick zu einem seiner Männer. Der nickte zurück und verließ den Raum. Lewis konnte sehen, dass er in zwei Minuten mit einer Flasche und Gläsern wiederkommen würde.
      Er saß etwas steif auf dem ungepolsterten Holzstuhl. Der Mann links von Montes starrte Lewis an und sah auch nicht weg, als Lewis seinem Blick begegnete. Irgendwie gefiel ihm die Atmosphäre hier unten nicht. Montes schien zu freundlich, dafür, dass hier vier seiner Männer bewaffnet mit im Raum waren. Wenn etwas schief ging, würde selbst Lewis nichts tun können.
      Aber Jay hatte es sicher irgendwie im Griff. Jay hatte alles im Griff.
      Montes lehnte sich zurück. Er sah hauptsächlich Jay an, als sei Lewis gar nicht da. Ein paar Sekunden lang schwieg er.
      "Mutig von dir, aufzukreuzen, Castro. Ich habe schon Männer erlebt, die sich nach dem, was passiert ist, in die Hosen geschissen haben. Zurecht, möchte ich meinen. Ich habe jeden von ihnen abknallen lassen."
      Lewis warf einen kurzen Blick auf Montes' Anzug. Er konnte keine Waffe sehen, das musste aber nichts heißen. Er konnte auch nicht sehen, dass er bald eine zog, aber das musste genauso wenig heißen.
      Er war irgendwie nervös. Er hatte keine Ahnung, wie Jay das machte, der ganz ruhig wirkte.
      "Ich habe bereits mit deinen Männern gesprochen", sagte Jay. "Der Vertrag läuft weiter, deswegen fahren wir auch weiter. Du willst reden, das verstehe ich. Deswegen sind wir hier."
      "Hm, ja. Zum reden. Dann mach das mal."
      Jay zögerte nur einen ganz kleinen Moment, dann begann er, Montes seine Geschichte vorzutragen. Es war die Wahrheit und nur die reine Wahrheit, bis auf den Teil, dass Lewis und Santiago im Transporter gesessen hatten. Es hatte eine Straßensperre gegeben wegen der Schießerei und der Transporter hätte durchsucht werden können. Jay hatte mit seiner radikalen Vorgehensweise Spurenvernichtung betrieben.
      "Erfolgreich, möchte ich meinen. Die Polizei tappt im Dunkeln. Alle Beweise sind vernichtet, der Stoff hat keinen ermittelbaren Absender. Weder deine Leute, noch meine sind ans Licht gekommen. Die letzten erfolgreichen Fahrten haben bewiesen, dass alles so weiterlaufen kann wie gewohnt."
      "Hm. Hmm-hm."
      Montes tippte mit seinem Ringfinger auf die Tischplatte. Er sah Jay unentwegt an und neben ihm sah der andere Typ Lewis unentwegt an. Lewis hätte ihm gerne gesagt, dass er jemand anderen anglotzen sollte.
      "Kann es das? Oder muss ich jeden Monat mit einer vernichteten Ladung rechnen?"
      "Nein. Ich habe die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Es wird nicht noch einmal passieren."
      "Nein, das wird es wirklich nicht. Dafür werde ich schon sorgen."
      Lewis spürte bei diesen Worten einen kalten Schauer über seinen Rücken laufen, aber er rührte sich nicht. Jay neben ihm blieb nach außenhin ganz gelassen.
      Montes nahm sich sein Glas, das ihm mittlerweile gebracht worden war, und kippte sich einen Schuss Schnaps rein. Dann verteilte er an seine beiden Nachbarn, die es ihm gleich taten. Die beiden Castro-Brüder rührten sich nicht.
      "Eigentlich wollte ich dich ja wirklich abknallen", sagte der Mann dann unvermittelt. "Gleich am Tag darauf. Das war eine wichtige Ladung, Castro. Eine große Ladung, größer als du und dein ganzer Laden. Ich hätte dir ganz persönlich das Gehirn rausgepustet, so sauer war ich. Wirklich sauer."
      Er sagte es so nüchtern, so neutral, dass es seine Worte irgendwie noch schlimmer machte. Er hätte Jay umgelegt. Wäre Lewis überhaupt zur Stelle gewesen? Nein, er hatte die Tage darauf bei Santiago verbracht.
      Lewis schluckte. Jay rührte sich gar nicht.
      "Willst du wissen, warum ich es nicht getan hab? Natürlich willst du das. Bryce hat mir davon abgeraten. Du kennst Bryce? Ein Freund der Familie, wie ich hörte?"
      Während Jay das bestätigte, spürte Lewis, wie ihn kalte Wut bei dem Namen packte. Bryce? Bryce hatte ihnen den Kontakt verschafft und er hatte gedacht, das wäre es für den Kerl gewesen. Es hätte Lewis doch klar sein müssen, dass Bryce als Dealer noch immer von denselben Leuten bezog. Und das waren wohl die Sinaloa.
      "Ihm verdankst du dein Leben, also solltest du dich wohl bei ihm bedanken. Nur deswegen lasse ich dich heute als freien Mann gehen, Castro. Denk daran. Das nächste Mal bist du so schnell weg, dass du dir nicht einmal mehr in die Hose scheißen kannst."
      "Das habe ich verstanden", gab Jay gefasst zurück.
      "Das will ich auch hoffen, denn zweite Chancen gibt's bei mir nicht. Nochmal eine so abgefuckte Scheiße und ihr beide werdet euch wünschen, niemals geboren zu sein. Klar?"
      "Ja, Sir."
      "Ja, Sir", nuschelte auch Lewis schnell, als da Montes' Blick doch zu ihm sprang. Das erste Mal, dass er ihn überhaupt ansah.
      Danach widmete er sich auch schon wieder Jay.
      "Jetzt habe ich etwas besseres gefunden, als euch die Hirne wegzupusten. Lasst euch das eine scheiß Lehre sein. Es wird kein nächstes Mal geben, verstanden?"
      "Verstanden."
      "Das sehen wir ja noch."
      Er wandte sich an seinen rechten Nachbarn.
      "Er soll reinkommen."

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    • Santiago lief die Wände hoch. Die Klauen seiner Paranoia packten ihn in den folgenden Tagen auf eine Art, die ihn durch die gesamte Stadt jagte. Er kam nur zum Schlafen nach Hause - und das war auch nur eine Stunde hier oder da - bevor er wieder aufbrach und von Diner zu Diner huschte, hier in einem Internetcafè herumhing, oder sich in einer Bibliothek versteckte.
      Aber seine Paranoia war nicht vollkommen sinnlos. Nachdem er Lewis abgesetzt hatte, machte er sich gleich auf den Weg, um die Informationen abzuholen, die Julian für ihn in einem Bankschließfach hinterlegt hatte. Bewaffnet mit einem kleinen USB Stick verließ er die Bank wieder und machte sich dann auf die Suche nach den Leuten, die ihn umbringen wollten.
      Natürlich stand das Leben nicht still. Santiago hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich um Jobs zu bemühen. Sein Ruf machte die Arbeit für ihn und wenn jemand seine Dienste in Anspruch nehmen wollte, dann war es deren Aufgabe, sich bei ihm zu melden. Beziehungsweise bei einem Haufen Mittelspersonen, die ihr Geld damit verdienten, solche Kontakte aufzubauen.
      Seit dem Job in der Federal hatte Santiago nichts mehr zu tun gehabt. Abgesehen von dem Job, der hopps gegangen war. Das kam schonmal vor - und jetzt brauchte sich Santiago ja auch gar keine Gedanken mehr um Geld zu machen. Normalerweise hatte er die Zeit zwischen Jobs damit verbracht, sich eigenen Projekten zu widmen. Er sah zwar nicht so aus, aber er war kein schlechter Dieb. Er hatte sich schon das ein oder andere Meisterwerk unter den Nagel gerissen. Aber ihm ging es nur selten um die eigentliche Ware - er war von dem Schlag, die sich eigentlich nur beweisen wollten, dass sie es konnten. Nach der Federal gab es kaum noch ein Ziel, das interessant erschien.
      Der Anruf einer seiner Kontakte kam fast schon überraschend. Nach wochenlangem Schweigen hatte Santiago vollkommen vergessen, dass sein Name noch immer auf diversen Listen herumgeisterte.
      "Ja?" meldete er sich knapp und ließ den Blick durch die Fenster des Cafés schweifen, in dem er sich vor etwa zehn Minuten niedergelassen hatte.
      "Santiago! Lange nicht mehr gesprochen."
      "Ich bin nicht in der Stimmung, also komm zum Punkt, Nikki."
      "Okay, okay, kein Stress, mein Guter."
      Santiago rollte mit den Augen hinter seiner Sonnenbrille. Nikki war die wohl coolste Socke auf dem Planeten. Wenn man sie traf, dann dachte man nicht an eine Schwarzmarktvermittlerin für professionelle Schlägertypen aller Kaliber. Sie lebte in einer alten Lagerhalle, die sie in einen Skatepark umgebaut hatte, zur Hölle nochmal.
      "Ich hab 'nen Job für dich. Die Liste sagt, du bist frei, und du wurdest explizit verlangt."
      "Wer?"
      "Sinaloa."
      "Was wollen die Mexikaner denn mit mir? Die haben doch ihre eigenen Leute?"
      Tausend Gedanken rannten durch Santiagos paranoides Hirn. Da die Kartelle recht zickig sein konnten, machte nicht einmal die Hälfte von ihnen Sinn. Heuerten sie ihn an, um den verschwundenen Teddybär der Tochter eines ihrer hochrangigen Mitglieder zu finden (das war schon vorgekommen und Santi hatte den Job nur angenommen, weil er verdammt gut bezahlt worden war)? Oder wollten sie, dass er jemanden für sie aufspürte, kidnappte und über die Grenze beförderte? Wollten sie ihn über die Grenze befördern um wegen irgendwas ihre Laune an ihm auszulassen? Hatten sie mit dem Truck zu tun?
      "Das Übliche," riss Nikki ihn aus seinen wirren Gedanken. "Du sollst dein Ding mit 'nem unzuverlässigen Partner machen. Du weißt schon. Die ganze 'bau noch mal Mist und ich werd nicht mehr so nett sein' Sache."
      Santiago brummte zustimmend.
      "Wann?" fragte er.
      "Heute Abend. Und bevor du fragst: ja, sie zahlen extra, weil's so kurzfristig ist. Du kennst mich doch: ich ruf dich erst an, wenn alles geregelt ist. Also: was sag ich den Kunden?"
      Santi warf einen Blick auf die Uhr. Er wollte Lewis nachher abholen und so wie er den Streuner kannte, wollte der ordentlich feiern gehen. Er hatte ihm versprochen, sich vorher einen Alptraum zu besorgen. Ob er sich jetzt einen aus der Notaufnahme holte oder den von irgendeinem Kartell-Idioten aufsammelte, spielte da eigentlich keine Rolle. Aber für den einen bekam er auch noch Geld.
      "Wann und Wo?" fragte Santiago.

      Santiago saß in einer Ecke in einem mittelprächtigen italienischen Restaurant. Das Essen war erschreckend gut dafür, dass der Laden so klein und klebrig war. Leider half das schlechte Licht nicht wirklich mit seiner Paranoia. Er war sich auch nicht sicher, ob diese schlechten Lichtverhältnisse beabsichtigt waren, um für ein Ambiente zu sorgen (was es nicht tat), oder ob einfach irgendjemand vergessen hatte, die Glühbirnen zu wechseln.
      Man aß nicht während eines Jobs. Punkt. Hauptsächlich, weil man nie wusste, wann eine Zielperson ging. Es war viel zu leicht, eine Zielperson aus den Augen zu verlieren, weil man nach einem Kellner schrie. Und nicht zu bezahlen war keine Option, bedachte man all die Probleme die das nach sich zog. Aber Santiago verfolgte keine Zielperson. Er wartete auf seinen Auftritt. Also erlaubte er sich eine Bestellung von der Dessertkarte. Und einen Kaffee.
      Er war bei Kaffee Nummer drei und dem Gedanken daran, dass jemand Bomben im Keller versteckt hatte, um ihn spezifisch umzubringen, als einer der mexikansichen Blues Brothers aus dem Hinterraum auftauchte und ihm auf gestelzt kryptische Weise zunickte. Das war dann wohl sein Signal.
      Santiago warf eine hundert Dollar Note auf den Tisch und stand auf. Sein Hirn schrie ihn an, dass er drauf und dran war, vor ein Erschießungskommando zu treten. Dass die Bomben in dem Hinterzimmer steckten. Nur noch ein paar Minuten, dann hast du's hinter dir, sagte er sich. Auf die ein oder andere Weise, raunte die Stimme seiner Magie.
      Santiago trat in den kleinen Raum, der es irgendwie schaffte, noch beschissener ausgeleuchtet zu sein. Aber das war okay. Er brauchte kein Licht, um sein Ding zu machen. Er begegnete dem Blick seines Auftraggebers, der grinste wie ein Honigkuchenpferd. Irgendwie kam ihm der Typ bekannt vor, das hatte Santiago schon vorhin gedacht, als er den Kerl zum ersten Mal getroffen hatte. Aber er konnte ihn nicht zuordnen und den Namen hatte er auch noch nicht gehört. Vielleicht hatte er ja auch einfach eines dieser Gesichter. Vielleicht war es einfach nur seine Paranoia, die mal wieder Meinungen hatte.
      "Hat mich eine ganze Stange Geld gekostet, aber das wird's hoffentlich wert sein. Also dann: Walte deines Amtes," meinte der Kerl.
      Santiago nickte knapp.
      Julian mochte es theatralisch. Diego mochte es theatralisch. Normalerweise mochten es die Kartelle auch theatralisch, aber dieser Auftraggeber schien die Bühne für sich selbst behalten zu wollen. Er hatte Santiago erklärt, dass er "einfach nur seinen verdammten Job machen" sollte. Also tat Santiago genau das.
      Er zog einen Handschuh aus und legte seine Hand in den Nacken des einen Typen. Er sah sein Gesicht nicht, musste er auch nicht. Er verstärkte schlicht seinen Griff, als der Mann anfing, sich zu winden wie ein Fisch an Land. Ein Wimmern erfüllte den Raum, ein ersticktes Keuchen. Eine Hand griff nach hinten und klammerte sich an Santiagos Handgelenk, aber die Geste hatte nicht genug Kraft, um seinen Griff zu lösen. Wer auch immer der Kerl war, er flehte um Gnade, bis sein Hirn zu verängstigt war, um Worte zu formen. Kurz darauf verlor er das Bewusstsein, gefangen in seinem schlimmsten Alptraum. Santiago ließ ihn los und der Kerl sackte mit dem Gesicht voraus auf dem Tisch. Santiago kümmerte das nicht. Er zog seinen anderen Handschuh aus und wandte sich dem zweiten Kerl zu. Augen so braun wie zartbittere Schokolade starrten zu ihm hinauf, weit aufgerissen, voller Angst und... Schmerz? Santiago starrte zurück, festgefroren mitten in der Bewegung. Vor ihm saß Lewis. Das hieß, der Kerl, den er eben ausgeschaltet hatte war sein Bruder. Und das hier war das Businesstreffen, von dem der Streuner gesprochen hatte. Hier ging es um den Truck, den sie verloren hatten.
      Santiago schielte zu dem Kartelltypen rüber. Noch kicherte der Mann wegen dem, was Santiago mit Jay gemacht hatte. Aber die Wachmänner hinter ihm bemerkten bereits, dass etwas nicht stimmte. Scheiße! Scheißescheißescheiße!!!
      Santi schluckte, nahm seine Sonnenbrille ab, um noch ein paar Sekunden Zeit zu schinden. Er lehnte sich vor, eine Hand auf der Rückenlehne des Stuhls auf dem Lewis saß. Er machte es ein bisschen theatralisch, um dem Streuner nahekommen zu können.
      "Ich wusste es nicht," flüsterte Santi. "Es tut mir leid. Denk dran: es ist nur ein Traum, es kann dir nicht wehtun."
      Mehr konnte er für Lewis nicht tun. Er legte seine Hand auf Lewis' Brust, da wo sein Hemd ein wenig offenstand. Er hatte keine Kontrolle darüber. Seine Magie war zu aufgewühlt, um sich zurückzuhalten. Sie schlug ihre Fänge tief in Lewis' Psyche und zerrte ihn in die finstersten Ecken seines eigenen Verstandes. Seine Magie schadete ihm nicht, dass wusste Santiago. Aber er hatte das Gefühl, als verbrenne er seine Hand mit jeder Sekunde, die er Lewis berührte. Der Streuner zuckte, zitterte, wehrte sich gegen seine Magie, seinen Griff, aber es gab kein Entkommen. Der Raum und alle Anwesend würden Stück für Stück verschwinden, bis sein Hirn aufgab und ihn in die Bewusstlosigkeit schickte, wo er dann für Stunden in einer furchtbaren Traumwelt gefangen sein würde.
      In diesem Augenblick hasste Santiago seine Magie. Er hasste seine Arbeit. Er hasste sich selbst. Er hatte eine Grenze überschritten, die er noch nie überschritten hatte. Eine Grenze, die er von Anfang an gesetzt hatte. Er hatte einen geliebten Menschen mit seiner Magie attackiert.

      Er starrte auf den reglosen Körper von Lewis hinab. Ihm war schlecht. Auf der anderen Seite des Tisches lachte der Kartelltyp lauthals.
      "Das war ja mal was!" rief er aus. "Das war's definitiv wert! Man, ich glaub, ich heuer dich öfter mal an!"
      "Mein Job ist getan. Ich erwarte mein Geld bei Ende der Woche," presste Santiago durch zusammengebissene Zähne.
      Er zog seine Handschuhe wieder an. Bevor er ging, warf er dem Kartelltypen einen eindringlichen Blick zu. Das Lachen erstarb ihm auf den Lippen, als er mit den tiefen, schwarzen Abgründen von Santiagos Augen konfrontiert wurde.
      "Natürlich. Ende der Woche," stammelte der Kerl.
      Santiago machte auf den Hacken kehrt und verließ das Restaurant. Er eilte die Straße hinab in eine Gasse und kotzte sich hinter einer ranzigen Mülltonne die Seele aus dem Leib. Und dann schlug er auf die Tonne ein, bis sie zerdellt und seine Finger blutig waren. Der letzte Schlag ging gegen die Backsteinwand des Gebäudes daneben. Santi spürte, wie ein Knochen in seiner Hand nachgab. Er schlug noch einmal zu, noch ein Finger brach. Der Schmerz schoss ihm bis in die Schulter hoch. Er hatte das verdient.
      Er trat einen Müllsack beiseite, wanderte auf und ab durch die Gasse, leise vor sich hin fluchend. Schlussendlich ließ er sich mit dem Rücken gegen eine Gebäudewand sinken, rutschte bis auf den Boden und saß einfach nur da, starrte vor sich hin, bis die Sonne aufging. Was hatte er nur getan.


    • Die Tür in Lewis' Rücken ging auf und jemand kam herein. Jay blieb ganz still sitzen, als hätte er damit gerechnet, nur Lewis wurde nervös. Er hatte keine Ahnung wer jetzt noch kam, aber es verhieß nichts gutes, dass Montes so zufrieden dreinsah. Er musste dem starken Drang widerstehen, sich umzudrehen, damit seine Magie ihn vorwarnen konnte.
      Aber selbst dann hätte er nichts tun können. Der Mann, der hereinkam, legte Jay eine starke Hand um den Nacken. Jay keuchte auf, aber nicht von abgeschnürter Luft. Lewis wandte den Blick von Montes ab um zu sehen, was seinem sonst so gefassten Bruder ein derart entsetztes Geräusch entlockte.
      Da sah er rote Haare. Breite Schultern. Wuchtige Arme. Eine Sonnenbrille in dem so markanten Gesicht.
      Er sah Santiago und sein Herz setzte aus.
      Mit seinen eigenen Augen beobachtete er, wie der letzte Mann, mit dem er hier gerechnet hätte, seinen Bruder im Nacken festhielt. Jays Gesicht verlor sekündlich mehr an Farbe und seine Augen wurden so groß, dass sie ihm schier drohten, aus den Höhlen zu fallen. Er sah nicht mehr richtig, sein Blick war abwesend und lag doch immernoch auf Montes, der das Schauspiel mit größter Zufriedenheit beobachtete. Jay griff hinter sich und versuchte Santiago wegzudrücken, aber gleichzeitig waren seine Bewegungen seltsam unkoordiniert. Er kämpfte schon längst nicht mehr gegen den Mann hinter ihm an, er kämpfte auch schon gegen das, was er sehen konnte. Was ihn heimsuchte. Was Santiago aus ihm herausholte.
      Jay gab nur wenige Geräusche von sich. Er wurde aschfahl und keuchte. Tränen sammelten sich in seinen Augenwinkeln. Dann flatterten seine Augenlider und Lewis sah seinen Bruder zusammenbrechen, sah dabei zu, wie die Spannung aus seinem Körper wich. Santiago ließ ihn los und er sackte auf die Tischplatte.
      Da wandte er sich Lewis zu.
      "Nein!"
      Er schrie, bevor er sich überhaupt darüber im Klaren werden konnte, wie dumm das war. Jay hätte nicht geschrien. Jay war überhaupt während seiner ganzen Tortur erstaunlich still geblieben und lag jetzt bewusstlos auf dem Tisch. Lewis schrie noch, bevor es überhaupt angefangen hatte.
      Santiago schien ihn für einen Moment anzustarren. Er konnte kaum sehen, was hinter der Sonnenbrille vor sich ging, aber das musste er auch nicht. Er kannte Santiago, er kannte seine Augen. Er wusste, wie weich sie werden konnten, wenn sich sein Blick auf Lewis richtete.
      Er wusste auch, wie hart sie sein konnten, wenn die Schatten in ihnen lebten. Und gerade mussten diese Schatten am Toben sein.
      An den Türen raschelten die beiden Wachmänner. Santiago setzte sich in Bewegung und Lewis versuchte rückwärts von ihm wegzukommen. Was dumm war. Hätte Santiago nicht die Hand auf seine Stuhllehne gelegt, wäre er vermutlich auf den Boden gefallen.
      "Nein! Es gibt doch einen anderen Weg, oder?! Das muss doch nicht sein!"
      Montes kicherte, vielleicht auch jemand anderes der drei Männer. Santiago lachte nicht. Er nahm seine Sonnenbrille ab und zu Lewis' Entsetzen konnte er genau diese Weichheit hinter seinen Augen erkennen, konnte Gefühle lesen, die dort nicht hingehörten, während die Schatten sich nach ihm ausstreckten und ihn bereits zu verschlingen versuchten. Seine eigenen Augen füllten sich mit Tränen. Er starrte in das vertraute Gesicht auf, von dem er wusste, zu was es fähig war. Die guten, wie die schlechten Dinge.
      "Ich wusste es nicht", flüsterte Santiago, so leise, dass nur Lewis es hören konnte. Er konnte nicht klar denken bei den unerwarteten Worten.
      "Es tut mir leid. Denk dran: es ist nur ein Traum, es kann dir nicht wehtun."
      "Nein - tu's nicht!"
      Santiago legte die Hand auf Lewis' nackte Brust. Sie war kalt, eiskalt, aber die Kälte breitete sich schnell bis in seine Glieder aus. Die Schatten streckten sich ihm aus Santiagos Augen entgegen, sie waren aber durch die Hand auch schon in ihm. Lewis packte sein Handgelenk und versuchte, ihn wegzuschieben. Er war gerade noch geistesgegenwärtig genug, um nicht Santiagos Namen zu schreien. Oder noch viel schlimmere Dinge.
      "Lass mich! Hör auf!"
      Aber Santiago hörte nicht auf. Er hatte gerade erst angefangen.

      Lewis hatte sich schon früher gefragt, was er sehen würde, wenn Santiago seine Magie auf ihn losließe. Immerhin war er Zeuge dessen, wie sie funktionierte, und es war ein grausamer Anblick gewesen, gestandene, kräftige Männer zitternd und weinend zu Boden sinken zu sehen. Daran gemessen hatte er gedacht, dass Santiagos Magie ihm irgendetwas realistisches zeigen würde, vielleicht wie Jay vor seinen Augen starb oder so etwas. Immerhin wusste er, wie es funktionierte, er wusste nur nicht, welche abgrundtiefen Albträume bei ihm an die Oberfläche dringen würden.
      Aber er sah Jay nicht sterben. Er sah auch nicht Santiago sterben. Es war viel einfacher als das.
      Lewis sah Knoten.
      Sie sprossen aus seinem Gesichtsfeld wie die einzelnen Tropfen eines Wasserfalls. Binnen Sekunden waren es hunderte, tausende, Millionen, die sich weiter ausbreiteten und weiter ausbreiteten, überall hin, mit allen anderen verzweigt, schnell genug, dass Lewis sich kaum auf einen davon konzentrieren konnte, bevor 20 weitere schon seinen Platz eingenommen hatten. Er konnte nichts sehen und gleichzeitig sah er alles und es hörte nicht auf. Die Bäume wuchsen immer weiter, rasend schnell. Sie hörten nicht auf. Sie würden niemals aufhören.
      Lewis war noch nie wirklich bei Bewusstsein gewesen, wenn etwas derartiges passiert war, aber diesmal war er es. Diesmal wurde er sich mit grauenhafter Klarheit bewusst, dass die Knoten sich weiter ausbreiteten und ihn dabei verschlangen. Er dabei alleine war. Alleine und gefangen. Sie würden nicht aufhören. Sie würden nicht aufhören und er spürte seinen Körper bald nicht mehr, er konnte sie nicht zum Aufhören bringen. Niemand war bei ihm an diesem Ort, an dem es nur Lewis und seine Knoten gab, niemand würde kommen. In dieser Welt seiner Magie gab es die Realität nicht, hier gab es nur Lewis und seine Knoten, Lewis und seine Knoten. Niemand würde ihn finden. Er war alleine in diesem Void aus Unendlichkeit, der ihm immer noch neue Sachen zeigte, von denen Lewis sich einfach nicht abwenden konnte. Niemand war bei ihm. Er konnte nicht zurück. Wie lange würde er hier sein? Stunden? Wochen? Jahre? Gab es dort überhaupt Zeit? Spielte sie eine Rolle?
      Hätte Lewis einen Mund gehabt, hätte er geschrien. Hätte er Augen gehabt, hätte er geweint. Hätte er Hände und Füße gehabt, wäre er gerannt und gerannt, bis er die Grenze dessen fand, was seine Magie ausmachte. Aber er hatte nichts davon und auch keinen Körper, er war einfach nur dort. Alleine. Gefangen in einer Unendlichkeit, die er nicht stoppen konnte. Ohne eine Realität, ohne Hilfe.
      Nur Lewis und seine Magie.

      Als er zu sich kam, lag er auf einem Steinboden. Sein Körper prickelte und er spürte noch immer sein Herz rasen, als würde es ihn vor großer Gefahr warnen wollen. Die Knoten waren verschwunden. Er sah etwas und er spürte etwas und er hörte etwas. Sein Körper war wieder da.
      In der Nähe knarzte es, jemand keuchte. Dann ein Krächzen:
      "Luh-Lewis?"
      "Hier."
      Er rollte sich auf die Seite. Sein Körper fühlte sich matschig an und seine Augen brannten, so sehr hatte er sie aufgerissen. Der Albtraum saß ihm noch immer tief in den Knochen, tief genug, dass er geschrien hätte, wenn sich ein Knoten vor ihm aufgetan hätte. Vorsichtig befühlte er den Boden unter sich, wurde sich über die Kälte des Steins bewusst. Das waren alles Gefühle, die real waren. Er war zurück. Er war wieder... da.
      Langsam stemmte er sich hoch. Sein Herz raste noch immer und wenn er ehrlich war, hätte er sich am liebsten irgendwo zusammengekauert und hätte sich gar nicht mehr gerührt. Aber er wusste noch sehr genau, wie sie hier gelandet waren, und dass sie wieder verschwinden sollten. Er konnte sich noch sehr genau an Santiago erinnern. Es schüttelte ihn, wenn er daran dachte, dass gerade er dafür verantwortlich war.
      Jay hatte sich aufgesetzt. Er war kreidebleich und atmete schwer. Sein Blick fixierte sich auf Lewis und verließ ihn auch nicht mehr.
      Sie waren alleine im Raum, die Männer waren schon gegangen. Es war fraglich, wie lange sie hier gelegen hatten. Lewis spürte Tränen in sich hochkriechen, als er sich danach fragte, wie lange er dort gewesen war. Er wollte es nicht wissen. Er wollte es so schnell vergessen wie nur möglich.
      "Alles in Ordnung?", fragte Jay heiser. Lewis nickte. Seine Hände zitterten.
      "Und du?"
      Jay nickte. Sie starrten sich einen Moment lang an.
      "Was hast du gesehen?"
      Jay zögerte, lange. Schließlich:
      "Nur scheiße. Du?"
      "Nur scheiße."
      Jay nickte, dann stand er auf. Wortlos verließen sie das Zimmer und dann das Restaurant.

      Von Santiago war keine Spur, als Jay seine Männer zusammentrommelte und einem von ihnen seinen Autoschlüssel gab, damit er Jays Wagen nahm und ein anderer die Brüder in seinem Wagen mitnehmen konnte. Sie saßen auf der Rückbank und ließen sich nachhause kutschieren.
      Lewis zitterte immernoch. Er starrte rigoros den Fußraum an, damit er keinen einzigen Knoten zu Gesicht bekam. Er hatte immernoch Angst, dass er irgendwie zurückrutschen könnte, dass er einen Knoten sehen und es dann nicht wieder aufhören würde. Dass er von jetzt auf gleich wieder dort versinken könnte.
      Es war schon einmal passiert, es könnte wieder passieren. Ihm war schlecht. Sein ganzer Körper zitterte.
      Neben ihm war Jay noch immer bleich und unbeweglich.
      "Halt den Wagen an", sagte er schließlich auf der Hälfte der Fahrt. Der Fahrer gehorchte. Jay stieg aus, ging an den Straßenrand und übergab sich schließlich geräuschvoll in einen Gulli.
      Lewis sah nicht auf, aber er hörte die Geräusche. Und während er seinem Bruder lauschte, wie er sich die Seele aus dem Leib kotzte, beschloss er, dass Santiago sich richtig ins Knie ficken konnte.
    • Santi wusste nicht wohin mit sich. Er fühlte sich schmutzig wegen dem, was er getan hatte. Er brauchte eine Dusche, dringend, aber er konnte sich nicht dazu durchringen, nach Hause zu fahren. Er konnte das, was er getan hatte, nicht mit nach Hause nehmen. Genauso wenig konnte er es mit zu seinen Eltern nehmen, auch wenn er jetzt wirklich eine von diesen richtig guten Umarmungen seiner Mutter gebrauchen konnte, die sie ihm immer gab, wenn ihn ein Alptraum richtig mitgenommen hatte. Die Alpträume, ja richtig...
      Santi fluchte laut, erschreckte ein paar Passanten mit seinem plötzlichen Ausbruch, als er sich daran erinnerte, dass er eine wundervolle Fusion von dem bekommen würde, wovor Jay und Lewis - Lewis - Angst hatten, sobald er die Augen schloss.
      Er ballte die Hand zur Faust. Schmerz schoss durch seinen Arm bis in seinen Kiefer. Gut so. Er hatte es verdient.
      Irgendwann trugen ihn seine Füße in eine Notaufnahme, wo er sich im Warteraum niederließ. Er war kein Notfall, also blieb er Stunden dort sitzen, reglos, auf den unbequemsten Plastikstühlen der Welt, und beobachtete das Leid der Menschheit. Immer mal wieder kamen tatsächliche Notfälle rein, wurden mit Tempo und Präzision durchgewinkt. Um ihn herum wurde gehustet, genießt, geflucht, und sich beschwert. Ein paar Kleinkinder weinten wegen allem möglichen herum. Irgendjemand übergab sich in einen Mülleimer und wurde dann vorgezogen. Ein Großklotz beschwerte sich dreimal bei der Anmeldung, dass seine Hand wehtat, nur um dann auf den Snackautomaten einzudreschen, weil er immer noch nicht zu einem Arzt gelassen wurde. Santi beobachtete den Schichtwechsel von Frühschicht zu Spätschicht am Mittag. Er beobachtete, wie jemand im Warteraum an einem Herzinfarkt starb. Irgendwann, nach einer Ewigkeit, die ihm nicht lang genug vorkam, wurde er von einem Assistenzarzt mitgenommen, der sich um seine Finger kümmern sollte. Das Kerlchen sah aus wie zwölf, aber Santi sagte nichts. Er sagte auch nicht darüber, dass dieser Kerl seinen Namen falsch schrieb, oder dass er versuchte, Spanisch mit Santi zu sprechen in der irren Annahme, er könne kein Englisch. Irgendwann riss Santi die Hutschnurr dann aber doch.
      "Kyle. Halt die Klappe. Dein Spanisch beleidigt sowohl meine, als auch deine Ahnen. Ich hab mir zwei Finger gebrochen, also klickst du da auf deinem schicken Tablet jetzt an, dass ich Röngtenaufnahmen vom Mittel- und Ringfinger meiner rechten Hand brauche. Während ich darauf warte, holst du mir schonmal eine Schiene dafür. Nein, ich brauche keine Schmerzmittel. Nein, ich brauche keine Rehydrierung. Aber wenn du dich davor drücken willst, die Hämorriden von dem Kerl da drüben zu untersuchen, kannst du deine Zeit gern damit vergeuden, mir ein Sandwich und einen Kaffee aus der Kantine zu holen."
      Er drückte dem Assistenzart, den er soeben auf Kyle getauft hatte, zehn Dollar in die Hand, dann lehnte er sich auf der Liege zurück und schloss die Augen gegen das aggressive Neonlicht der Notaufnahme. Es dauerte ein paar Sekunden, aber schließlich hörte er, wie Kyle aufstand. Santi war sich ziemlich sicher, dass er sein spätes, mageres Mittagessen bekommen würde. Vielleicht hätte er Kyle auch um irgendwas gegen Übelkeit bitten sollen?

      Santi verbrachte noch mehr Zeit im Krankenhaus. Es dauerte ewig, bis er endlich zum Röntgen gebracht wurde und dann noch einmal hundert Jahre, bis die Aufnahmen weitergereicht wurden. Wie er es sich gedacht hatte, war der Bruch in seinen Fingern ziemlich sauber und musste nur geschient werden. Es war ja nicht das erste Mal, dass er sich die Finger gebrochen hatte, er wusste, wie sich ein schlechter und ein guter Bruch anfühlten. Kyle verschrieb ihm Schmerzmittel, auch wenn er keine haben wollte. Er würde das Rezept einfach nicht einlösen.
      Auf dem Weg nach Hause - ja, er fuhr dann doch endlich nach Hause - machte Santi einen kleinen Umweg über irgendeinen Drive-Thru und besorgte sich ein richtig mieses Abendessen. Bevor er sich damit beschäftigte, hüpfte er unter die Dusche, wo er viel zu viel Zeit verbrachte. Zuerst ließ er das heiße Wasser seine Gedanken wegbrennen. Dann fing er an, zu schrubben. Erst, als er Blut sah, konnte er sich dazu durchringen, aufzuhören. Er fühlte sich immer noch dreckig, als er sich ein Handtuch um die Hüften wickelte. Sein schlechtes Essen war mittlerweile komplett abgekühlt. Er warf es weg, ohne es anzufassen, genauso wie er das Sandwich im Krankenhaus ignoriert hatte. Stattdessen machte er sich einen Kaffee. Er wollte nichts sehnlicher, als zu schlafen, um seinem eigenen Kopf zu entkommen, aber er war noch nicht bereit, sich Lewis' Alptraum zu stellen.
      Die ganze Nacht über fand er keine Ruhe. Er konnte nicht auf der Couch sitzen, weil es ihn daran erinnerte, wie er dort mit Lewis gekuschelt hatte. Er konnte sich nicht auf seine Dachterrasse setzen, weil er sich daran erinnerte, was er dort mit Lewis gemacht hatte. Er konnte es sich nicht in seinem Bett bequem machen, weil es ihn daran erinnerte, wie Lewis sich nach einem Alptraum um ihn kümmerte, bis er wieder eingeschlafen war. And der Kücheninsel musste Santi daran denken, wie Lewis sein Essen genoss. Im Badezimmer dachte er daran, wie er Lewis' Haare unter Kontrolle zu bringen versuchte.
      Schlussendlich saß Santi oben in seinem kleinen Büro und beschäftigte sich mit Papierkram. Er hatte den Tip von Julian, mit dem er arbeiten konnte und der ihn hoffentlich irgendwo hinführen würde. Außerdem schrieb er Nikki eine Nachricht, dass er nie wieder für diesen Kartelltypen arbeiten würde. Sie fragte nicht, warum Santi ihn blacklistete, tat sie nie. Er schrieb ihr außerdem, dass er für eine Weile von der aktiven Liste runter wollte. Auch hier kam keine Nachfrage von Nikki. Sie akzeptierte die Entscheidung all der Schläger, die sie händelte und es war nicht das erste Mal, dass Santi eine Pause anmeldete. Nikki war eben durch und durch professionell.
      Sobald er damit fertig war, in der Versenkung zu verschwinden, schlug er seine Zähne in Julians Daten und machte sich daran, herauszufinden, wer ihn und Lewis - Lewis - tot sehen wollte.


    • Als sie bei Jay ankamen, war der größte Schrecken zwar vorüber, aber stattdessen hatte sich jetzt eine widerliche Gefühllosigkeit eingesetzt. Lewis’ Körper hatte mittlerweile auch begriffen, dass der Albtraum nur ein Albtraum gewesen war, aber deswegen fühlte er sich noch lange nicht besser. Stattdessen war er einfach nur noch fertig. Scheiß Santiago.
      Er saß auf der Couch, als Jay irgendwann wieder zu ihm stieß. Sein Bruder hatte in eine Jogginghose gewechselt - natürlich schwarz - und sein Hemd ausgetauscht. Jetzt saß er ähnlich unbewegt neben Lewis, während die beiden ins Nichts starrten. Eine Tracht Prügel zu bekommen wäre besser gewesen als das, was sie erlebt hatten.
      Nur wegen Santiago. Lewis verzog die Miene.
      “Ich werde mich wohl bei Bryce melden”, sagte Jay. “Muss mich bei ihm bedanken, sonst wären wir beide tot. Soll ich ihn auf einen Drink einladen? Zum Abendessen?”
      Bloß nicht.
      Jay warf ihm einen Blick zu. Lewis hatte ihm immernoch nicht von der Sache mit Bryce erzählt und das würde er wohl auch nicht. Aus Jays Sicht war Bryce immernoch sein Dealer.
      Aber vermutlich war auch Jay zu erschöpft, um es zu hinterfragen. Er nickte nur und zückte sein Handy. Lewis stand auf und verzog sich in die Küche, als er hörte, wie der andere abnahm. Das war jetzt das letzte, was er haben wollte.

      In dieser Nacht schlief er nicht. Er hatte irgendwie damit gerechnet, dass Santiago anrufen oder schreiben könnte und irgendetwas dazu sagen könnte, dass er Lewis und seinem Bruder einen fucking Albtraum aufgezwängt hatte, aber sein Handy blieb stumm, dabei hatte er es sehr offen neben sich liegen. Mehrmals nahm er es auf, um selbst eine Nachricht zu schreiben, die er dann doch wieder löschte, bevor er sie abschickte.
      Fick dich, Scheißkerl
      Löschen.
      Ich hoffe, du hast eine angenehme
      Löschen.
      Glaub bloß nicht, dass wir
      Löschen.
      Warum zum fick
      Löschen.
      Irgendwann gingen ihm die Ideen aus und er war kurz davor, Santiago doch noch anzurufen, um ihm alles ungesagte auf einmal an den Kopf zu werfen. Aber er tat es doch nicht. Es fühlte sich scheiße an. Er musste immer noch an die großen, verdammten Augen denken und an das geflüsterte “Ich wusste es nicht”. Ich wusste es nicht. Lewis rollte sich in seiner Decke ein und hätte am liebsten laut geschrien.

      Am Tag darauf bekam er dann tatsächlich eine Nachricht, aber es war nur Jay, der schon in der Firma saß und Lewis mitteilte, dass tatsächlich alles wieder beim Alten sein würde. Sie hatten wirklich noch eine zweite Chance bekommen. Lewis konnte kaum erleichtert sein, wenn er sich noch von seinem Herzrasen beruhigen musste, das angesprungen war, kaum als sein Handy geklingelt hatte. Es war ja doch nicht Santiago gewesen. Wenn er nicht dafür verantwortlich gewesen wäre, hätte das alles sowieso ganz anders ausgesehen.
      An diesem Abend kam Jay früh nachhause und blieb verdutzt im Wohnzimmer stehen, als er Lewis auf der Couch sitzen sah. Der Fernseher war an, aber nur Musik. Jay hatte keine Stereoanlage.
      “Was machst du denn noch hier?”
      Lewis sah auf.
      Was soll ich denn hier machen? Ich wohne hier. Vorübergehend.
      “Ja, aber… ich dachte, du bist wieder weg. Feiern oder bei deinem Freund.”
      Bei der Aussage schnaubte Lewis.
      Ich habe keinen Freund.
      Er sah nicht, wie Jay zweifelnd die Augenbraue hob. Für einen Moment war er still, während er wohl überlegte, welche Änderung er in Lewis’ Liebesleben schon wieder nicht mitbekommen hatte. Dann sagte er vorsichtig:
      “Ich dachte, du hattest einen. Wie hieß er noch? Santiago?”
      Lewis hätte kotzen können.
      Sagt mir nichts.
      “Aber du hast mir doch schon vor ein paar Wochen erzählt, dass ihr jetzt schon seit Monaten -”
      Halt einfach die Klappe, man. Ich bin so single, wie man nur single sein kann. Wie die scheiß Mutter Maria oder sowas.
      Jay schnaubte.
      “Die war Jungfrau und nicht single.”
      Fick dich.
      “Okay, ist ja gut. Bier?”
      Mhm.
      Jay kam mit Dosenbier zurück, dann saßen sie beide wieder auf der Couch. Aber egal, wie viele Seitenblicke er Lewis auch zukommen lassen wollte, er würde nicht reden. Nicht über Santiago. Scheiß doch auf Santiago, endgültig.

      “Du solltest wieder rausgehen. Du hast jetzt schon seit drei Tagen keinen Fuß mehr rausgesetzt.”
      Lewis fläzte auf der Couch, eine Pizzaschachtel auf der Brust. Jay hatte sich mit seiner Pizza auf einen Sessel daneben gesetzt und vertilgte jetzt sein Tiramisu. Immer Tiramisu. Der Mann aß keine Pizza, ohne nicht auch ein Tiramisu nachzuschieben.
      Lewis gab nur einen unverbindlichen Laut von sich. Er hatte keine Lust, rauszugehen. Er hatte auf gar nichts Lust.
      “Wenigstens in den Club. Zu Bryce?”
      Willst du mich loswerden?
      “Natürlich nicht. Aber ich kenne dich doch. Du bist genauso cranky wie jetzt, wenn du nicht rausgehst.”
      Lewis war tatsächlich eine ganze Weile lang nicht cranky gewesen, obwohl er nicht feiern gewesen war, aber da hatte er die Zeit bei Santiago vergessen. Jetzt wollte er lieber nicht darüber nachdenken. Es war ihm peinlich genug, wie schnell er am gestrigen Tag noch ans Handy gesprungen war, als es geklingelt hatte.
      Santiago hatte ihn ja ganz anscheinend von sich aus abgeschrieben, er hatte sich immerhin kein einziges Mal gemeldet. Da konnte er auch gleich dazu übergehen, ihn zu vergessen. So schnell wie möglich.
      Er dachte darüber nach.
      Holst du mich ab, wenn ich irgendwo strande?”
      Daraufhin war Jay für einen Moment still, dann stöhnte er gequält.
      “Okay, klar. Aber kein Umweg, ich bring dich nur wieder nachhause.”
      Nagut.
      Da setzte Lewis sich auf.
      Dann geh ich.

      In dieser Nacht ging er ins Midnight Fever, in den Vault und in den CC. Er trank drei Cocktails, einen Whiskey und genug Bier für zwei. Er tanzte und flirtete, als hätte es nie etwas anderes gegeben, und am Ende schaffte er es sogar zu einem Quickie in der Hintergasse des Clubs.
      Aber egal, was er versuchte, es fühlte sich nicht erfüllend an, es war nicht so wie sonst. Es war nicht… das richtige. Da konnte er noch so viel trinken und noch so viele Männer bezirzen, es war nicht das gleiche. Es war nicht, wonach er gesucht hatte, wozu es ihn regelrecht drängte. Es war… ach, er wusste es auch nicht. Es war einer dieser scheiß Tage, an dem etwas mit ihm durchzugehen schien.
      Daher entschied er sich auch dazu, die U-Bahn zu Jay zurück zu nehmen, anstatt sich abholen zu lassen. Die kalte Nachtluft nüchterte ihn sowieso aus und der frische Joint, den er sich dafür anzündete, kribbelte warm in seinem Inneren. Es lenkte ihn davon ab, was für ein Reinfall diese letzten Tage waren. Was für ein Reinfall sein ganzes Leben war. Damit konnte er für einen Augenblick abschalten.
      Da sah er plötzlich den schwarzen Van auf sich zukommen. Und mit ihm den Knoten, der sich bei dem Anblick vor ihm auftat.
      Jetzt war Lewis niemand, der sich selbst wichtig genug hielt, um in filmreife Verfolgungsjagden zu geraten oder den Zorn diverser Straßengangs von New York auf sich zu lenken. Lewis war ein schlanker Typ mit permanent geröteten Augen und einem lässigen Look. Jemand, der ihn überfallen wollte, könnte sich fragen, ob Lewis überhaupt mehr bei sich hatte als den Joint zwischen den Lippen. Jemand, der ihn verprügeln wollte, könnte sich fragen, ob es wirklich so viel Spaß machen würde, ein Kerlchen wie ihn zusammenzuschlagen, der mit dem ersten Schlag sicher K.O. gehen würde. Und jemand, der ihn erschießen wollte, könnte sich fragen, ob es die Kugel überhaupt wert war bei jemanden, den man auch genausogut zusammenschlagen konnte. Alles in allem war Lewis einfach niemand, der auf den Straßen von New York einer direkten Gefahr ausgesetzt war. Das dachte er zumindest.
      Bis zu dem Moment, als er Knoten und Van sah. Da blieb er stehen und starrte voller Verblüffung auf das Schauspiel, das sich vor seinen Augen auftat. Den Film, den ihm seine Magie zeigte.
      Nein, Lewis musste sich vor New York nicht fürchten. Aber wenn aus diesem Van drei scheiß vermummte Männer raussprangen und ihn dort hineinziehen würden, dann konnte man schon seine eigene Einstellung überdenken. Denn Lewis mochte viel sein, aber furchtlos war er ganz sicher nicht.
      So tat er bei dem heranrauschenden Van das einzige, was wirklich in Betracht kam: Er wirbelte herum und sprintete davon. So schnell ihn seine Beine trugen.
      Hinter ihm kam das Geräusch des röhrenden Motors näher. Es hob sich deutlich über dem trägen Nachtverkehr in dieser Gegend ab und leider kam es viel schneller näher, als Lewis laufen konnte. Er versuchte es trotzdem. Er ließ seinen Joint fallen und rauschte um die Ecke in eine Seitenstraße. Hinter ihm quietschten Reifen, dann donnerte der Wagen über den Gehsteig und ihm nach. Lewis fluchte und legte einen Zahn zu.
      Er war nicht sportlich, das war eine Tatsache. Seine schlanke Figur hatte er größtenteils seinen Genen zu verdanken und dass er zu essen vergaß, wenn er sich wirklich weg soff. Sie kam nicht von täglichem Laufen oder von vielen Liegestützen. Ganz sicher kam sie nicht von regelmäßigen Verfolgungsjagden.
      Lewis war schon außer Atem, als er um die nächste Ecke schlitterte und um ein Haar in undefinierbarem Matsch ausgerutscht wäre. Hinter ihm polterten die Reifen des Wagens und es war ein absolut schlechtes Zeichen, als er mit einer Vollbremsung zum Halten kam und die Tür aufsprang. Lewis wagte keinen Blick zurück, als ihm jetzt laute Schritte folgten, sondern konzentrierte sich nur aufs Laufen. So schnell, wie ihn seine langsamen Beine trugen.
      Der erste, der zu ihm aufholte, bekam sein Hemd zu greifen. Lewis wäre um ein Haar gefallen, konnte sich aber strauchelnd losreißen und hetzte weiter. Der zweite bekam ihn am Arm zu fassen und als der dritte ihm zur richtigen Zeit ein Bein stellte und Lewis der Länge nach auf die Schnauze flog, war es sowieso vorbei. Er grunzte unwillig und schlug um sich, als ihn mehrere Hände packten und festzuhalten versuchten. Schreien wäre umsonst gewesen, das wusste Lewis auch. Darum konzentrierte er sich auch lieber darauf, sich gegen die Hände zu wären.
      Einem von ihnen konnte er mit Wucht in den Bauch treten, bevor ein anderer seine Beine eingefangen hatte. Es wurde geflucht, aber das war auch schon das Höchste an Gefühlen. Ein Seil legte sich um seine Hände und wurde festgezogen, irgendjemand stülpte ihm einen Sack über den Kopf. Dann bekam er einen Tritt in den Magen und erst, als Lewis sich krümmte und keuchte, stellte man den Übergriff etwas ein. Da wurde er auf die Füße gezogen und spürte, wie man seine Hosentaschen ausleerte. Jemand zog beide seine Handys raus, warf sie zu Boden und zertrat sie.
      Und das einzige, was Lewis denken konnte, als man ihn zu dem Van zerrte, war, dass sowas gerade dann passieren musste, wenn er das erste Mal ohne Santiago feiern war.
      Das erste Mal seit langem.

      Jay wurde in dieser Nacht von einem dröhnenden Alarmton geweckt. Er zuckte zusammen, wälzte sich auf die Seite und angelte stöhnend nach seinem Handy. Blinzelnd schaute er auf den Display.
      Er hatte bis in die Nacht noch gefernseht und als Lewis sich noch nicht gerührt hatte, hatte er sich auf ins Bett gemacht. Jetzt erwartete er fest, dass sein Bruder ihn doch anrief, um sich abholen zu lassen. Das traurige war ja, dass Jay auch noch derjenige gewesen war, der es ihm vorgeschlagen hatte.
      Aber es war kein Anruf und nichtmal eine Nachricht von Lewis. Stattdessen war es ein Ortungsdienst, der Jay eine Warnmeldung schickte: Verbindung verloren: Lewis C. Begleitet von einem roten Warnsymbol.
      Das Ortungssystem war einer der Gründe, weshalb Jay damals darauf bestanden hatte, dass Lewis sich ein Smartphone zulegte - das Nokia war zwar verträglicher für seine Magie, aber es besaß sowas nunmal nicht. Auf dem Smartphone konnte er den Standort aktivieren und das aktualisierte sich regelmäßig auf dem dazugehörigen System; irgendeine Entwicklung von dem von der FIrma angeheuerten Techi. Der Server dahinter stand in der Firma selbst, ein kleines, abgeschlossenes Ding. Eine Sicherheitsvorkehrung, über die Jay sehr glücklich war, weil es viele seiner Ängste vorbeugte. Eine davon beinhaltete, dass Lewis eines Tages an seiner eigenen Kotze erstickend in der Gasse verenden könnte. Für sowas existierte das System.
      Jetzt gerade ärgerte es ihn aber nur. Dass die Verbindung verloren wurde, konnte nur bedeuten, dass Lewis entweder den Standort ausgemacht hatte oder das Handy ausgeschaltet hatte. Und beides sollte er einfach nicht tun, das hatte Jay ihm hundertmal gesagt.
      Also rief er ihn an, kam aber natürlich nicht durch. Nur, als er auch auf dem Nokia nicht weiterkam, kam es ihm erst komisch vor. Ein wenig.
      Also stand er stöhnend und ächzend auf, zog sich an und machte sich auf den Weg zur Firma, um Lewis’ letzten Standort abzufragen. Doch erst, als er die zertretenen Überreste von Lewis’ Handys in den Händen hielt, in irgendeiner Gasse hinter der Hauptstraße, da machte er sich erst wirklich Sorgen. Und als er sich auf den Weg zu Lewis’ Wohnung machte, um einen Hinweis darauf zu finden, in welchen Clubs sein Bruder sich normalerweise aufhielt, da hatte er nur einen Gedanken im Kopf: Sinaloa. Und sie hatten seinen scheiß Bruder entführt.
    • Santi fand heraus, was es herauszufinden gab über eine gut ausgebildete Söldnertruppe aus Europa, die bereit war, auf offener Straße in New York herumzuballern als seien sie im Wilden Westen. Und was er fand war beängstigend. Doch damit konnte er arbeiten. Das war nicht nur ein Ansatz - Julian hatte ihm hier einen Schlüssel gegeben. Mit diesem Schlüssel warf sich Santi mit vollem Körpereinsatz in das Loch, das sich ihm da auftat. Er fand Spur um Spur, Hinweis um Hinweis, und schon bald formte sich ein Bild, das mehr und mehr Sinn ergab.
      Er verbiss sich in seine Suche, um sich von anderen Gedanken abzulenken. Gedanken, die ihn heimsuchten wie seine paranoiden Gedanken, wenn er denn welche hätte. Aber seine Paranoia ließ ihn in Ruhe, wie sie es immer tat, da er schlichtweg nicht schlief. Er konnte sich einfach nicht dazu durchringen. Es ging ihm nicht einmal darum, seinen Frieden zu behalten - er hatte keinen Frieden. Er wollte - konnte - sich einfach nicht mit dem auseinandersetzen, was ihn erwartete. Er hatte Angst, mal wieder. Also lenkte er sich mit seiner kleinen Jagd ab, solange seine kognitiven Fähigkeiten es ihm erlaubten.
      Das Problem mit dem Nicht-Schlafen war, dass Menschen absolut nicht dafür gemacht waren. Ein Hirn so groß und mit so komplexen Gedankengängen brauchte lange Ruhephasen. Regelmäßige Ruhephasen. Santi kannte die Symptome, er wusste, wie es ablaufen würde. Früher oder später würde er seinen Verstand verlieren, ganz einfach.
      Tag eins war harmlos. Da beschäftigte er sich noch mit seiner Suche, machte große Fortschritte. Tag zwei war anstrengend, aber nicht schlimmer als sonst. Er war reizbar, das fiel ihm auf. Reizbar und müde, er konnte sich nicht mehr richtig konzentrieren. Mehrfach musste er sich seine Notizen durchlesen, um sich daran zu erinnern, was er eigentlich gerade gemacht hatte. Was ihn wiederum wütend machte. Gegen Abend warf Santi seine Notizen quer durch sein Apartment - und gab seine Arbeit auf, um nicht noch mehr Schaden anzurichten. Das war auch der Moment, den er damit verbrachte, sein Bett anzustarren, während er aktiv darüber nachdachte, ob er schlafen sollte. Aus einem kurzen Moment wurden zehn Minuten, wie sich herausstellte. Santi verlor sein Zeitgefühl.
      Am dritten Tag rissen alle Stricke, die Santi hatte. Er hasste es aus gutem Grund, drei Tage lang wachzubleiben. Ihm gingen die Optionen aus. Er wanderte auf und ab durch sein Apartment, nur um sich selbst wachzuhalten. Er blinzelte und fand sich auf seinem Sofa wieder - der Sekundenschlaf hatte sein Kurzzeitgedächtnis frittiert.
      "Geschieht dir recht," kommentierte Lewis, der auf der Kücheninsel saß.
      "Du bist hier," meinte Santi. "Du bist bloß eine Halluzination, die mein Hirn fabriziert, weil meine überanstrengten Hirnzellen in die falsche Richtung feuern."
      "Okay. Erklär's dir halt selbst, aber weg geh ich deswegen noch lang nich."
      Santi roch den verräterischen Duft von Gras. Er schloss die Augen und versuchte, die falschen Sinneseindrücke zu ignorieren, sie wegzuwünschen. Er wusste, dass sein Hirn ihm Streiche spielte, weil er nicht geschlafen hatte. Er wusste, dass Lewis nicht hier war, dass er keinen Joint in seiner Küche rauchte.
      "Was glaubst du, wovor mein Bruder Angst hat?"
      "Geh weg."
      "Der hat ja auch schon so einige Scheiße erlebt."
      "Halt die Klappe."
      "Am Ende ist das was langweiliges wie Tod durch Papierkram."
      "Du. Bist. Nicht. Hier."
      Santi öffnete die Augen. Lewis war verschwunden. Er sah auf die Uhr. Eine halbe Stunde war vergangen.
      Er rieb sich über die Augen und stand auf. Bevor er begriff, was er tat, hatte er sich schon seine Jacke übergeworfen und nach seinem Helm gegriffen. Die Handschuhe ließ er liegen wegen seinen Fingern, aber alles andere packte er ein. War es die beste Entscheidung, jetzt mit dem Bike quer durch New York zu brettern? Nein, ganz und gar nicht. Aber er konnte nicht klar genug denken, um sich selbst davon abzuhalten. Er musste Lewis sehen. Er musste sich bei ihm entschuldigen. Er musste... er wusste es doch auch nicht, verdammt!

      Santi parkte sein Bike und blieb solide zehn Minuten sitzen und starrte vor sich hin, bevor sein Hirn umgeschaltet hatte von Fahren zu Laufen. Irgendwie hatte er es in einem Stück zu Lewis' Wohnung geschafft - wie, das wusste er nicht.
      Seine Bewegungen waren langsam, damit er Zeit hatte, sie einigermaßen zu koordinieren. Feinmotorik gab es nicht mehr für ihn. Er funktionierte überhaupt nur noch, weil er an solchen Schlafentzug gewöhnt war - er wusste, was er fühlte und wie er es einigermaßen ausgleichen konnte. Er konnte das aushalten, was aber nicht hieß, dass er nicht gerade mit seinem Limit Seilspringen spielte. Irgendwann würde er sich ordentlich auf die Fresse legen, wenn es sich um seine Knöchel wickelte.
      Er zog sich den Helm vom Kopf - und fluchte leise, als ein kleiner Blitz aus Schmerz durch seinen Körper schoss und ihn daran erinnerte, dass er sich zwei Finger seiner dominanten Hand gebrochen hatte. Mit vorsichtigen Schritten machte er sich auf den Weg zu Lewis' Apartment. In seinem Zustand passte er perfekt in die Demographie dieses Loches. Er lehnte sich gegen die dreckige Hauswand, als er nach der richtigen Klingel suchte. Er brauchte eine volle Minute, um sie zu finden. Ihm war schwindelig.
      "Ahora abre*, callejero..." grummelte Santi und lehnte seinen Kopf gegen die Wand.










      *Jetzt mach auf


    • Lewis wurde eine Treppe hinunter gestoßen. Auf der letzten Stufe stolperte er, rutschte ab und krachte ungebremst auf den Boden.
      Die Fahrt war schon schlimm genug gewesen. Letzten Endes hatte Lewis’ Angst doch gesiegt - hauptsächlich die Unmöglichkeit, von seinen Bäumen vor irgendwas gewarnt zu werden - und er hatte doch geschrien, geschimpft und sich loszumachen versucht. Vergeblich, natürlich. Das Fahrzeug war weitergefahren und irgendwann hatten ihn die Männer so lange geschlagen, bis er still geworden war. Unter dem Sack ließ sich schlecht atmen und das war etwas gewesen, mit dem er sich besser hatte beschäftigen können als mit seiner Flucht. Atmen und am Leben zu bleiben versuchen.
      Jetzt schlug er ungebremst auf dem Boden auf und in seinem Kopf explodierte es. Er war benommen, als man ihn wieder hochzerrte und weiterschleifte. Seine Füße wollten nicht ganz dem Zug der Männer folgen und so hing er mit seinem Gewicht ganz in ihren Armen. Sein Kopf pochte, sein Oberkörper pulsierte von den Tritten, die er sich eingefangen hatte, seine Arme taten weh und er bekam kaum Luft. Mittlerweile hatte er nicht einmal mehr das Bedürfnis, laut zu schreien.
      Eine Tür ging auf und kurz danach wurde er auf einem Stuhl abgesetzt. Jemand machte sich an seinen Beinen zu schaffen und als er merkte, dass sie fest an die Stuhlbeine gefesselt waren, löste man ihm die Hände, aber nur, um sie auf zwei hölzerne Lehnen zu drücken. Seile schlossen sich wieder um sie und schnürten ihm das Blut ab. Lewis gab ein paar protestierende Laute von sich und unternahm einen letzten Versuch, sich loszureißen. Er bekam dafür nur eine Warnung nach der nächsten Tracht Prügel.
      Dann wurde ihm endlich der Sack abgezogen.
      Er war in einem Zimmer, den Treppen nach zu schließen in irgendeinem Kellerabteil. Der Boden und die Wände waren aus kargem Beton und ein paar Rohrleitungen liefen über der Decke entlang und an einer Wand nach unten. Es gab eine einzige Tür, die jetzt wieder geschlossen war, und zwei Fenster. Hoch gelegene Kellerfenster. Der ganze Raum war nicht sehr groß.
      Vor ihm standen drei Typen, vermutlich diejenigen, die ihn auch gefahren hatten. Sie hatten ihre Masken abgezogen, aber er kannte keinen von ihnen. Grobschlächtige Gesichter, einer mit einer krummen Nase, der nächste mit einer Stirn so groß, dass ein Flugzeug darauf hätte landen können. Keine Mexikaner, wie er schätzte. Er wusste auch nicht, wieso er zu allererst daran dachte.
      Fick… Fickt euch.
      Niemand antwortete ihm. Einer war gerade auf dem Weg nach draußen.
      In den nächsten Minuten sprach niemand mit Lewis. Keiner der beiden beachtete ihn auch, als er anfing, an seinen Seilen zu ziehen und ihnen höchst selbstmörderische Beschimpfungen an die Köpfe zu werfen. Er wusste noch immer nicht, weshalb er hier war; er konnte auch nichts voraussehen. Das machte ihm eine solche Angst, dass er sich gleich noch viel kreativere Fluchwörter einfallen ließ.
      Dann ging die Tür wieder auf und Lewis sah ein Gesicht, das ihm gleichzeitig sehr bekannt vorkam und das letzte gewesen wäre, das er hier erwartet hätte. Der Anblick verblüffte ihn so sehr, dass er seine Schimpftirade für einen Moment einstellte.
      Apollo?
      Der alte Kerl kam herein stolziert. Er zeigte eine gleichgültige Miene, aber seine Augen waren eiskalt. Wenn er überrascht war, Lewis hier zu sehen, ließ er es sich nicht anmerken. Er sah sogar höchst nicht überrascht aus.
      Lewis starrte ihn an, während er zu ihm kam. Vor ihm blieb er stehen und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
      “Ich hätte mir gewünscht, dass es nicht so weit kommen musste. Aber du hast mir keine Wahl gelassen. Im Gegenteil.”
      Lewis zog unruhig an seinen Fesseln. Er mochte das hier nicht. Er hatte es schon zuvor nicht gemocht, aber jetzt erst recht nicht. Seine Arme und seine Beine ließen sich kein Stück bewegen und seine Magie zeigte ihm nichts.
      Wovon redest du, man? Wobei soll ich dir keine Wahl gelassen haben? Was willst du von mir?
      Apollo beugte sich ein Stück zu ihm hinab. Seine Augen, die Lewis schon damals als recht intensiv empfunden hatte, glühten jetzt regelrecht. Unter seinem Blick wurde Lewis nur umso bewusster, dass er hier nicht wegkonnte. Und das vermutlich für eine ganze Weile nicht.
      “Ich will es zurück haben. Und du wirst es mir geben oder sterben.”
      Lewis blinzelte. Er glaubte sich zu erinnern, an diese kryptische Aussage, die der Mann schon bei ihrem letzten Treffen getätigt hatte, dieses gewisse Etwas. Lewis hatte aber nunmal nichts geklaut, wenn man von der Federal mal ganz absehen wollte.
      Man, ich weiß echt nicht, was du meinst. Wenn du mir wenigstens mal sagen würdest, was du vermisst, dann könnte ich -
      Er schrak zurück, als der Kerl plötzlich seine Arme ergriff. Der Griff war nicht schmerzhaft, aber er kam so schnell, dass Lewis davon zusammenzuckte. Wenn er ehrlich war, dann hatte er jetzt schiss. Echt schiss.
      “Nimm mich nicht auf den Arm, Castro, damit ist jetzt ein für allemal Schluss. Du und Natale, ihr wart zuletzt dran. Niemand anderes hat den Transporter angerührt.”
      Den Transporter? War da irgendwas im Transporter gewesen? Aber Lewis verkniff sich die Frage, die ihn nur sicher weiter in Schwierigkeiten bringen würde.
      “Wenn du es also nicht hast - und das glaube ich dir tatsächlich…”
      Lewis dachte mit einem Mal an seine auf den Kopf gestellte Wohnung. Seine Augen wurden größer, als er den Zusammenhang erkannte.
      “... dann kann es nur noch einer haben. Oder? Stimmst du mir da zu?”
      Er hatte keine Ahnung, zu was er da zustimmen sollte, aber er nickte schwach. Dass Santiago etwas geklaut hätte, war genauso unwahrscheinlich; er war immerhin die ganze Zeit bei ihm gewesen. Sie waren nur vorne gesessen, sie hatten den Inhalt nicht angerührt.
      Im Angesicht dieses Mannes über Santiago nachzudenken, war gar nicht so schlimm, wie Lewis in dem Moment befand. Viele Sachen konnten sich wohl ändern, wenn man von einem Verrückten entführt wurde.
      “Deswegen wirst du mir helfen. Oder du wirst diesen Raum nicht mehr lebend verlassen.”
      Okay. Klar. Okay, klar, kein Problem, mach ich. Ich helf dir. Alles cool.
      Apollo starrte ihn für einen Moment lang an und als er nichts erkennen konnte, was auf eine Lüge hinweisen sollte, nickte er.
      “Dann sag mir, wo ich ihn finden kann.”
      Lewis starrte. Apollo starrte. Lewis leckte sich über die trockenen Lippen.
      Bitte was?
      ... Was?
      Der Schlag kam aus dem Nichts. Er warf Lewis’ Kopf zur Seite und brachte den Stuhl zum wackeln. Stechender Schmerz entbrandete in seiner Wange, dem er sich nur einen Moment widmen konnte, ehe Apollo ihn schon am Kinn packte und seinen Kopf in den Nacken zwang. Seine Augen waren jetzt böse und voller Versprechen, Lewis direkt in den Tod zu schicken.
      “Keine Spielchen habe ich gesagt, Castro. Du wirst mir sagen, wo ich Natale fassen kann. Ich weiß, dass ihr zusammen wart und dass du bei ihm Zuhause warst. Du wirst mir nur sagen, wo das ist, und dann kannst du als freier Mann aus der Tür herausgehen. Hast du mich verstanden?”
      Lewis verstand es nicht. Warum kam Apollo zu ihm, wenn er doch Santiago haben wollte? Warum wurde gerade Lewis hier hereingezogen? Warum wusste der Kerl nicht, wo Santiago wohnte?!
      Auf der anderen Seite…
      Lewis musste nur an die Verfolgungsjagd denken, die sie gewonnen hatten. Eine Jagd, die von Apollo organisiert gewesen war? Und dann musste er nur daran denken, dass Santiago immer eine Ewigkeit gebraucht hatte, um zu sich nachhause zu fahren. Lewis hatte sich zwar daran gewöhnt, aber anstrengend war es trotzdem gewesen. Und jetzt wurde ihm erst klar, dass er damit recht gehabt hatte. Seine scheiß Paranoia hatte dafür gesorgt, dass Apollo nicht bei ihm Zuhause aufgelaufen war.
      Sondern Lewis von der Straße gepflückt hatte. Lewis, der clubhopping betrieb und nachlässig genug war, um einfach zu Fuß durch die Straße zu laufen. Der ja nicht einmal sportlich genug war, um wegzulaufen.
      Er schluckte. Mit einem Mal hatte er sehr wohl verstanden, weshalb er hier war. Das machte die Sache nur nicht besser.
      Apollo verengte die Augen.
      “Also? Ich höre. Eine Adresse und ich lasse dich laufen. So einfach, nicht mehr als das.”
      Aber einfach war es ganz und gar nicht. Denn obwohl Santiago ihm noch immer am Arsch vorbeigehen konnte, war Lewis keine Petze. Er war einfach keine scheiß Petze.
      Er öffnete den Mund.
      Ich glaube - also, ich bin mir ziemlich sicher, er wohnt im…
      Apollo starrte ihn an. Lewis starrte zurück. Dann holte er Luft.
      Im Leck-Mich-Mal-Am-Arsch-Drive.
      Und spuckte ihm ins Gesicht.
      Apollo hatte keinen zweiten Wutausbruch wie zuvor. Er starrte nur zurück, einen Faden Spucke auf der Wange hängend, und richtete sich schließlich auf. Als er aber sprach, troff der Zorn nur so von seiner Stimme.
      “Holt es aus ihm heraus, mir ganz egal auf welche Weise. Ich will noch heute Nacht eine Antwort haben.”
      Damit drehte er sich um, ging nach draußen und ließ Lewis mit den drei Männern zurück.

      Jay fand in Lewis’ Wohnung hauptsächlich die Unordnung, von der er erzählt hatte. Ganz anscheinend hatte sein Bruder keinen einzigen Finger gerührt, um etwas von dem Chaos zu beseitigen, das hier hinterlassen wurde. Nur hatte er dabei auch nicht die Fenster geöffnet und jetzt hing ein leichter, übel muffiger Geruch in der Luft.
      Jay wühlte sich durch ein paar aufgesprengte Schubladen, schob ein paar Kissen und zerfetzte Decken vom Boden und inspizierte das Badezimmer. Er fand einen Hinweis darauf, dass Lewis - oder vielleicht auch eher Bryce - sich gerne mal im Paradise aufhielt und er fand auch einen Hinweis auf das Crypt, wie auch immer Lewis da hinein gekommen war. Aber sonst? Und was jetzt, sollte er einfach beim Paradise aufschlagen und nach Lewis fragen? Das lag am anderen Ende des Viertels, nicht da, wo er die Überreste des Handys gefunden hatte. Das schien ihm irgendwie unrealistisch.
      Jay raufte sich die Haare - da klingelte es, laut und schrill. Er sah auf. Einer von Lewis’ Freunden? Das traf sich gut, der wusste vielleicht eher noch, wo Lewis aufzutreiben war. Unglaublich, aber er hatte selbst kaum eine Ahnung, wo sein Bruder regelmäßig frequentierte.
      Also betätigte er den Entriegler für die Eingangstür. Er öffnete die Tür. Er wartete auf langsame, fast träge Schritte, die sich die Treppe herauf zu schleppen schienen. Er überlegte sich bereits, was er sagen wollte.
      Dann erblickte er rote Haare. Ein hartes Gesicht. Einen breiten Brustkorb und riesige Arme. Einen Mann, den er auch erkannt hätte, ohne eine Sonnenbrille in seinem Gesicht. Dessen Anblick sich ihm für die schlimmsten Albträume in sein Gedächtnis eingebrannt hatte.
      Er sah Montes Schlägertyp. Derjenige, der ihn in den schlimmsten Albtraum seines Lebens bugsiert hatte. Und so tat er bei dem auftauchenden Kerl das einzige, was für Jay wirklich in Betracht kam: Er zog seine Knarre. Er entsicherte sie. Und er hielt den Lauf auf Santiagos breite Brust.
      Du!! Wo ist er?!”
      Der Mann blieb stehen. Er schien die Situation zu betrachten, aber ganz so sehr war das nicht zu erkennen.
      “Ihr habt uns eine zweite Chance gegeben! Also wo ist mein scheiß Bruder?!”
    • Der Buzzer der Tür riss Santi aus einem weiteren kurzen Anfall von Sekundenschlaf. Er schüttelte den Kopf, rieb sich die Augen. Dann erinnerte er sich daran, dass er die Tür vielleicht auch aufmachen sollte. Er drückte sie auf just in dem Augenblick, in dem der Buzzer aufhörte zu surren. Gerade noch rechtzeitig. Und dann erinnerte sich Santi daran, dass er ein paar Stockwerke nach oben musste.
      Mit einem schweren Seufzen machte er sich auf den Weg, eine Hand am Treppengeländer. Es war dreckig und klebrig, aber er brauchte den Halt, um nicht einfach mitten auf der Treppe einzuschlafen und sich auf dem Weg nach unten das Genick zu brechen.
      Als er endlich oben ankam, wurde er gleich von dem vertrauten Anblick einer Waffe und dem vertrauten Klicken der Sicherung begrüßt. Seine über Jahre antrainierten Instinkte übernahmen.
      Santiagos Hände schnellten nach vorn. Eine schloss sich um die Waffe und drückten sie zur Seite, weg von seinem Körper, die andere schlug gezielt gegen die Sehnen im Unterarm, um den Griff zu lockern. Einen Sekundenbruchteil später war Santiago der mit der Schusswaffe in der Hand, die er - ebenfalls instinktiv - gegen das Kinn seines unidentifizierten Angreifers drückte.
      Erst jetzt, wo er in relativer Sicherheit war, drangen die Worte seines Angreifers zu ihm durch. Erst jetzt realisierte Santi, wer da eigentlich vor ihm stand.
      "Jay?" fragte er, obwohl er den Mann nie kennengelernt hatte.
      Er erkannte das Gesicht nur, weil er es für einen kurzen Moment in den kleinen Raum im Restaurant gesehen hatte, nachdem er seiner Magie erlegen war.
      "Wo ist Lewis?"
      Er kniff die Augen zusammen, wehrte sich gegen den Nebel der Müdigkeit, der seine Gedanken verschlang.
      "Warte, was?"
      Über Jays Schulter sah er den Zustand, in dem Lewis' Wohnung war. Das weckte ihn auf.
      "Was zum-"
      Er schob Jay beiseite, als sei der Mann nichts weiter als ein Vorhang und betrat die Wohnung. Dabei sicherte er mit geübten Bewegungen die Waffe, entfernte das Magazin und warf die Kugel in der Kammer aus. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen, drehte sich dabei um, um alles sehen zu können. Das war kein normaler Einbruch gewesen, auch wenn sich jemand Mühe gegeben hatte, es so aussehen zu lassen.
      Schließlich wandte sich Santi wieder dem zweiten Castro Bruder zu. Er reichte ihm seine Waffe und die dazugehörigen Kugeln zurück, ohne mit der Wimper zu zucken.
      "Wir haben ein Problem. Wenn du mir fünf Minuten gibst, um alles zu erklären, dann wirst du begreifen, dass wir auf der selben Seite stehen. Es steht dir frei zu versuchen, mich zu erschießen, aber das könnte ungesund für dich werden."


    • Jay war nicht auf die plötzliche Gegenwehr gefasst gewesen. Er war ein geübter Schütze, ja, ein ganz passabler noch dazu, aber normalerweise hatten die Leute eine recht eindeutige Reaktion auf eine Waffe, die auf sie gerichtet war. Diesem Mann hier schien das egal zu sein. In einem sehr großen Schritt war er bei Jay und eine riesige Hand legte sich über seine. Jay war nicht schnell genug zurückzuziehen; er versuchte trotzdem noch abzudrücken, aber da traf ihn die andere Hand am Unterarm und er ächzte auf. Die Pistole entglitt ganz ohne seinem Zutun seinem Griff und einen Augenblick später drückte sich schon der Lauf gegen sein Kinn.
      Jay war durchaus ein Normalo, wenn es darum ging, sich einer Waffe gegenüber zu sehen. Ihm fielen keine sehr ausgereiften Bewegungen ein, mit denen er sich hätte retten können, stattdessen erstarrte er und gefror an Ort und Stelle, als sich das kalte Metall gegen seine Haut drückte. Adrenalin schoss ihm durch den Körper, Todesangst. Er starrte in die dunkle Sonnenbrille vor sich.
      "Jay?"
      Der Mann schien nachzufragen - ernsthaft nachzufragen. Jay fragte sich, ob das ein Trick sein sollte oder irgendein makabrer Scherz. Wer denn sonst, etwa der Präsident?
      Ein kurzer Moment verging, dann schob der Mann ihn plötzlich zur Seite und trat in die Wohnung. Jay konnte nicht verhindern, dass er leise aufatmete, als die Waffe sich von seinem Kinn löste. Einen Augenblick später schob er sich ihm gleich nach.
      Der Mann schien einen ausgiebigen Blick durch den Raum zu werfen, während er beinahe ohne hinzusehen die Waffe leerte. Jay betrachtete im Gegenzug ihn, aber er konnte kein Anzeichen von Waffen an ihm entdecken. Zumindest war der Typ nicht angezogen wie die meisten Leute, die Montes für sich einstellte. Er wirkte eigentlich ziemlich... keine Ahnung. Normal. Vielleicht ein bisschen träge.
      Dann drehte er sich zu ihm zurück und überreichte die jetzt nutzlose Waffe. Jay nahm sie mit düsterer Miene entgegen. Was für einen Spaß der Kerl sich auch immer ausgedacht hatte, ihm gefiel das nicht.
      "Wir haben ein Problem."
      "Das haben wir wirklich."
      "Wenn du mir fünf Minuten gibst, um alles zu erklären, dann wirst du begreifen, dass wir auf der selben Seite stehen. Es steht dir frei zu versuchen, mich zu erschießen, aber das könnte ungesund für dich werden."
      "Ach."
      Jay sah die Waffe in seiner Hand an. Er hatte keine Zweitwaffe und auch sonst nichts, mit dem er sich hätte verteidigen können. Er kannte Lewis' Wohnung und wo er hier seine Messer aufbewahrte, was vermutlich ein Vorteil für ihn war, aber dafür müsste er vermutlich erstmal an diesem Schrank von Kerl vorbeikommen. Und so wie es aussah, würde er vielleicht zwei Schritte weit kommen.
      Also hob er eine einzelne Kugel an die Trommel und als der Mann sich nicht rührte, ließ er sie hineingleiten. Er schloss sie, ließ die Waffe aber weiter locker in seiner Hand liegen.
      "Dann erzähl mal. Fünf Minuten und keine einzige Sekunde länger."
    • Wenn irgendjemand sehen sollte, woran Evan arbeitete, würde man ihn wohl sofort für mindestens 72 Stunden einweisen und und seine Psyche evaluieren lassen. Manchmal fragte er sich ja selbst, ob er noch alle Tassen im Schrank hatte.
      Digby drückte sich gegen sein Schienbein und begann, zu schnurren. Evan hob ihn hoch und kraulte seinen Kater.
      "Du hältst mich nicht für verrückt, oder?" fragte er, bekam aber nur einen Kinnhaken von seinem Kater verpasst.
      Da war nicht ein einziger Gedanke hinter diesen hübschen blauen Augen, da war sich Evan sicher, aber er konnte es seinem Vierbeiner nicht verübeln. Manchmal würde er auch gern nicht denken müssen und jemanden haben, der sich für ihn um alles kümmerte.
      Digby befreite sich aus seinem lockeren Griff und kletterte an ihm hoch, bis er es sich auf seinen Schultern bequem machen konnte. Evan ging wieder dazu über, seine Beweiswand anzustarren. Eigentlich sollte er keine Akten mit nach Hause nehmen. Eigentlich hatte er ja auch gar keine Akten mitgenommen, wenn man es genau nahm. Er hatte die Originale im Büro kopiert und die Kopien mit nach Hause genommen. Und dann hatte er sie auseinandergenommen und zu einem einzigen, großen Fall zusammengebastelt.
      Diese Idee kam nicht von ungefähr. Er nahm nicht einfach irgendwelche Fälle aus dem Archiv auseinander, um sich eine neue Story aus den Fingern zu saugen. Als er bei White Collar angefangen hatte, hatte man ihm die einfachen und die hoffnungslosen Fälle gegeben. Er hatte sie brav geklärt oder aufgegeben (auch wenn ihm das in der Seele wehgetan hatte), um sich der neuen Umgebung anzupassen. Aber nach ein paar dutzend Akten war ihm etwas aufgefallen. Und jetzt, wo man ihn an die größeren Sachen ranließ, fiel es ihm immer und immer wieder auf. Er hatte seinen Partner einmal darauf angesprochen, hatte aber genau das gesagt bekommen, was er befürchtete: dass er den Verstand verlor. Aber dann hatte er wieder diese Verbindungen gefunden. Also hatte er angefangen die Akten zu kopieren, bei denen ihm diese Verbindungen aufgefallen waren. Mittlerweile bedeckten diese Akten eine ganze Wand seines Apartments. Und ja, er hatte die Verbindungen mit verschiedenfarbigen Fäden verbunden.
      Er hatte noch längst nicht alle Antworten auf all die Fragen gefunden, die ihm dieses Rätsel stellte. Nicht auf alle Beweise zugreifen zu können, half natürlich auch nicht. Aber Evan war sich sicher, dass er da auf der Spur von etwas großem war. Etwas großem, das neuerlich auch eine Verbindung zu der seltsamen Truck-Verfolgungsjagd von neulich aufzeigte. Und die hatte vielleicht eine Verbindung zu der Sache mit der Federal, an der er noch immer arbeitete. Und da kam er an alle Beweise ran. Homeland Security war zwar immer noch involviert, aber die kümmerten sich viel lieber um die ganze Sache mit dem internationalen Verschiffen von Gold, als mit dem eigentlichen Einbruch, nachdem sie festgestellt hatten, dass niemand auf irgendwelche Staatsgeheimnisse zugegriffen hatte. Der Einbruch selbst lag also wieder beim FBI auf dem Schreibtisch - bei Evan. Die Truck-Sache war allerdings verloren, die hatte sich Organisiertes Verbrechen unter den Nagel gerissen. Soweit Evan wusste, kloppten die sich gerade mit der DEA um die Sache. Wenn die auch nur halb so viel Energie in die eigentliche Aufklärung stecken würden wie sie für diese Streitigkeiten verballerten-
      Digby biss ihm ins Ohr - sein Zeichen, dass er hungrig war. Evan warf einen Blick auf die Uhr und befand, dass sein Kater recht hatte: es war Zeit zum Abendessen. Danach konnte er sich immer noch den Kopf über Verbindungen zerbrechen, die vielleicht gar nicht existierten.


      Santi schob seine Sonnenbrille hoch, um sich über die Augen zu reiben, dann ließ er sie wieder auf seine Nase sinken. Eigentlich brauchte er sie gerade nicht, aber sie half ihm, sein Image aufrechtzuerhalten und seine Müdigkeit - und damit seine Schwäche - zu verstecken. Lewis' schäbiges, zerfleddertes Sofa sah gerade viel zu einladend aus.
      "Als erstes: ich arbeite nicht für den Kerl, den ihr neulich getroffen habt. Ich bin Freelancer, er hat meine Dienste für ein Ding gekauft, ich hab meinen Job erledigt, ohne Fragen zu stellen. Ich wusste, dass ich jemanden mit meiner Magie angreifen sollte, ich wusste aber nicht wen."
      Santi seufzte und stemmte die Hände in die Hüften. Natürlich meldete sich jetzt eine Migräne an. Er musste wirklich schlafen. Später vielleicht. Jetzt musste er sich erstmal darauf konzentrieren, ordentliche Sätze zu formen, was in seinem Zustand schwerer war, als man vielleicht annehmen wollte.
      "Ich weiß nicht, wie viel dir Lewis erzählt hat, aber ich bin einer von den Leuten, mit denen er das Ding in der Federal gedreht hat. Davon weißt du, er hat mir erzählt, dass er es dir erzählt hat."
      Hatte er sich schon vorgestellt? Scheiße, er verlor den Faden.
      "Ich bin Santiago, übrigens. Und das Problem, das wir jetzt haben, ist nicht das Kartell. Wenn die sagen, dass die Sache gegessen ist, dann ist die Sache gegessen. So arbeiten die. Aber der Typ, der Lewis hat, arbeitet nicht so. Zumindest gehe ich davon aus, der dieser Typ Lewis hat. Mierda..!"
      Santi ließ sich jetzt doch auf die Couch sinken. Ihm war schwindelig geworden. Die Couch war furchtbar unbequem. Er fuhr sich mit seiner kaputten Hand durch die Haare.
      "Die Sache ist kompliziert," seufzte er. "Die Cliffnotes: Lewis und ich haben die Federal mit einem Team auseinandergenommen, das von einem reichen Großkotz zusammengestellt wurde. Das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das wussten wir auch beim zweiten Job noch nicht, den wir als Team durchziehen wollte. Wäre eigentlich ein einfaches Ding gewesen, aber der Großkotz auf spezifische Parameter bestanden, die alles unnötig kompliziert gemacht haben. Dazu kam eine spontane Polizeiaktion, die uns dann gehörig einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Der Großkotz war ziemlich pissy dafür, dass wir den Job vergeigt aber nicht erwischt wurden. Wir haben uns gegenseitig die Meinung gegeigt, das Team hat sich aufgelöst. Und auf dem Heimweg von diesem Meeting kam es zu der Verfolgungsjagt, die im Verlust deines Trucks geendet hat. Ich hab meine Kontakte spielen lassen und ein bisschen gebuddelt und jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass es der Großkotz war, der es auf Lewis und mich abgesehen hatte. Ich bin mir sicher, er ist für das hier," Santi deutete auf das vorherrschende Chaos im Apartment, "verantwortlich. Und ich glaube, er hat sich jetzt Lewis gekrallt. Überzeugend genug, um mich nicht abzuknallen?"


    • "Als erstes: ich arbeite nicht für den Kerl, den ihr neulich getroffen habt. Ich bin Freelancer, er hat meine Dienste für ein Ding gekauft, ich hab meinen Job erledigt, ohne Fragen zu stellen. Ich wusste, dass ich jemanden mit meiner Magie angreifen sollte, ich wusste aber nicht wen."
      Jay gab nur ein unbestimmtes Brummen von sich. Klar, sowas hätte er an der Stelle des Mannes wohl auch gesagt. Sich erstmal selbst aus der Schusslinie bringen, natürlich.
      "Ich weiß nicht, wie viel dir Lewis erzählt hat, aber ich bin einer von den Leuten, mit denen er das Ding in der Federal gedreht hat."
      Da hob Jay eine Augenbraue. Das mit der Federal? Das lag doch mittlerweile Monate zurück. Und was hatte das mit irgendwas von der jetzigen Situation zu tun?
      "Davon weißt du, er hat mir erzählt, dass er es dir erzählt hat."
      Das stimmt wohl, also sagte Jay:
      "Hat er."
      "Ich bin Santiago, übrigens."
      Da stutzte er. Das konnte doch nicht sein, oder? Santiago? Der Santiago?
      "Santiago? Der Santiago?"
      Lewis war immer sehr vage gewesen, was die Beschreibungen seines Freundes - Ex-Freundes? - betroffen hatte, weil er sich nicht sicher war, ob Santiago als solcher bekannt werden wollte. Jetzt hatte Jay nur sehr wenige Bruchstücke zur Hand, aber sie passten alle in das Bild und vor allem in das Muster hinein. Ein Blick über Santiagos Körper bestätigte ihm das irgendwie noch. Lewis war jemand, der sehr leicht für Muskelprotze fiel; ganz besonders, wenn sie wohl auch so gefährlich waren wie Santiago. Das zog ihn fast wie magisch an.
      Santiago ließ sich kurz darauf auf die Couch sinken. Die Federn knarzten bemitleidenswert.
      "Die Sache ist kompliziert. Die Cliffnotes: Lewis und ich haben die Federal mit einem Team auseinandergenommen, das von einem reichen Großkotz zusammengestellt wurde. Das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das wussten wir auch beim zweiten Job..."
      Moment, zweiter Job? Lewis hatte nie was von einem zweiten Job erzählt. Jay hatte angenommen, es wäre bei dem ersten und einzigen geblieben!
      "... noch nicht, den wir als Team durchziehen wollte. Wäre eigentlich ein einfaches Ding gewesen, aber der Großkotz auf spezifische Parameter bestanden, die alles unnötig kompliziert gemacht haben. Dazu kam eine spontane Polizeiaktion, die uns dann gehörig einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Der Großkotz war ziemlich pissy dafür, dass wir den Job vergeigt aber nicht erwischt wurden. Wir haben uns gegenseitig die Meinung gegeigt, das Team hat sich aufgelöst. Und auf dem Heimweg von diesem Meeting kam es zu der Verfolgungsjagt, die im Verlust deines Trucks geendet hat."
      Das war nun endlich der Punkt, an dem es für Jay eindeutig wurde, dass es sich bei diesem Santiago weder um einen Sinaloa handelte, noch um jemand anderen als den Santiago höchstpersönlich. Lewis hatte sich selbst mit seinem Freund angemeldet und die Sache war ansonsten vertuscht worden. Es konnte niemand anderes wissen, wenn man nicht selbst dabei gewesen wäre.
      Da senkte Jay die Waffe.
      "Ich hab meine Kontakte spielen lassen und ein bisschen gebuddelt und jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass es der Großkotz war, der es auf Lewis und mich abgesehen hatte. Ich bin mir sicher, er ist für das hier verantwortlich. Und ich glaube, er hat sich jetzt Lewis gekrallt. Überzeugend genug, um mich nicht abzuknallen?"
      Einen Moment starrte Jay nur, dann stieß er einen tiefen Atem aus.
      "Heilige Scheiße. Heilige, verdammte, Scheiße."
      Er lud seine Waffe vollständig nach, steckte sie aber dann auch wieder unter seinen Gürtel. Wenn es stimmte, was Santiago - echt der Santiago - sagte, dann war es gut, dass das Kartell nicht dahinter steckte. Diese Leute konnten skrupel- und erbarmungslos sein. Auf der anderen Seite wusste er nicht, ob er sich mit einem Typen anlegen wollte, der vier Leute dafür anheuerte, die Federal auszurauben. Immerhin die Federal und dann auch noch Goldbarren im Wert von mehreren Millionen.
      Nein, das wollte er wohl nicht. Außerdem musste er sich wohl oder übel ganz von dem Gedanken verabschieden, dass Lewis noch irgendwo da draußen herumlief. Was auch immer mit ihm geschehen war, er war wohl schon längst von der Straße verschwunden.
      Ein Augenblick der Stille entstand, in dem Jay seine Optionen abzuwägen versuchte. Er würde seine Leute einschalten müssen und er würde Jagd auf irgendeinen superreichen Kerl machen, aber er hatte keine Ahnung, wo er anfangen sollte. Den einzigen Hinweis, den er hatte, war Lewis' letzter Aufenthaltsort.
      Er kramte in seiner Hosentasche, dann zog er die Überreste von Lewis' beiden Handys hervor. Damit kam er um das Sofa herum und ließ sie vor Santiago auf den kleinen Tisch fallen. Er deutete darauf.
      "Das ist alles, was ich von ihm gefunden habe, in irgendeiner Gasse. Er hat ein Ortungssystem auf seinem Handy, das mich alarmiert hat, als es abgeschaltet wurde. Sonst hätte ich wohl gepennt wie ein Baby."
      Er zog sein eigenes Handy raus, tippte darauf herum und zeigte Santiago dann den eingetragenen Standort auf Google Maps.
      "Genau hier. Ich habe keine Ahnung, was er da getrieben haben könnte. Er wollte feiern gehen, er ist vermutlich in irgendwelche Clubs gegangen, aber alleine zwei Straßen weiter gibt es drei davon. Dann hier eine Bar", er zeigte es ihm entsprechend, "hier noch ein Club, hier ist McDonalds. Er könnte überall gewesen sein, ich habe keine Ahnung, wo ich suchen soll. Sagen die dir hier irgendwas?"
    • Santi schlief zwischen den deftigen Flüchen Jays und dem Moment, in dem der Mann ihm ein paar geschredderte Smartphoneteile auftischte, wieder für einen Moment ein. Er blinzelte ein paarmal hinter den Gläsern seiner Sonnenbrille, bevor er sich vorlehnte und sich die Teile besah. Das war mit Absicht gemacht worden. Da war jemand draufgetreten. Er schob ein paar Teile beiseite und fischte die SIM-Karten heraus. Dann schielte er auf den viel zu hellen Bildschirm mit dem Standort.
      "Sagen die dir hier irgendwas?"
      "Nein, aber das muss nichts heißen. Lewis geht kern clubhopping."
      Santi seufzte und zwang sich dazu, wieder aufzustehen. Er vertuschte das leichte Schwanken, in dem er ein paar Schritte ging. Er hielt eine der SIM-Karten zwischen seinen gesunden Fingern in die Höhe.
      "Ich kenn da wen, der uns mit denen hier weiterhelfen kann, dann finden wir zumindest raus, wo Lewis war. Das ist aber nicht so wichtig wie herauszufinden, wo Lewis ist."
      Er zog sein eigenes Smartphone aus der Hosentasche und rief Nikki an. Es klingelte viermal, bevor sie abnahm.
      "Santiago!" trällerte sie. "Ich dachte, du machst Urlaub? Was gibt's?"
      "Ich brauch 'nen Hacker."
      "Uhh! Privater Job."
      "Nikki, ich hab nicht die Nerven für Geplänkel. Kannst du mir einfach eine Möglichkeit suchen, Jericho zu kontaktieren?"
      "Jericho? Wow. Du willst nur den guten Scheiß, huh?"
      "Nikki..."
      "Ja, ja, ich mach ja schon."
      Sie legte auf, um sich an die Arbeit zu machen. Santi starrte seine Reflektion im Bildschirm an. Er spürte, wie ihm die Augen zuzufallen drohten.
      "Tut mir leid," meine er. "Die Sache mit dem Kartell."
      Er wandte sich Jay zu. Er nahm sogar seine Sonnenbrille ab, damit der Mann sehen konnte, wie ernst er seine Worte meinte.
      "Ich wusste wirklich nicht, wen ich da angreife. Hätte ich es gewusst, hätte ich den Job nicht angenommen. Hätte für euch vielleicht keinen Unterschied gemacht, aber ich halte mich nicht oft mit Was-wäre-wenn-Fragen auf. Tatsache ist: ich hab's getan. Tatsache ist: es tut mir leid."
      Er hielt Jays Blick für einen Moment, dann wurde er von seinem Telefon abgelenkt, das in seiner Hand klingelte. Er wandte sich wieder ab.
      "Nikki."
      "Nicht ganz, Captain Grummelbacke. Nikki sucht noch, aber ich hab ja deine Nummer."
      "Die hättest du löschen solle, Knirps."
      "Hab ich aber nicht und jetzt haben wir beide was davon. Also: warum brauchst du einen Weltklassehacker?"
      "Lewis ist verschwunden. Und ich glaube, es war Apollo. Du hast von der Schießerei gehört? Nach dem Treffen?"
      "Shiiiiit, das wart ihr?"
      "Ja. Apollo will uns loswerden. Ich hab ein bisschen gebuddelt und herausgefunden, dass er sich europäisches Militär besorgt hat. Ich kann dir gern alles schicken, wenn wir Zeit für sowas haben, aber jetzt brauch ich erstmal deine Hilfe, um Lewis zu finden. Lewis ist das einfachste Ziel in der Kette, und wir beide wissen, dass du das nächstbeste bist."
      "Wow. Was für'n Kompliment."
      "Jericho. Du weißt, was ich meine. Hilf mir, Lewis zu finden. Und danach finden wir Apollo und ich löse dieses Problem für uns," Santi seufzte. "Und warn Skye, dass sie sich auch aus dem Staub machen soll."
      Stille.
      "Okay, na gut, ich helf dir. Was hast du?"
      "Ich hab zwei SIM-Karten und einen letzten Standort."
      "Gib mir den Standort, ich seh mir die Kameras an."
      Santi ließ sich die Karte mit dem Standort nochmal zeigen und gab die Adresse durch. Im Hintergrund konnte er hören, wie Jericho einen Energy Drink knackte und dann auf deren Tastatur einhämmerte.
      "Oh wow..."
      "Was hast du gefunden?"
      "Den Klassiker: schwarzer Van, Masken. Drei Personen, ziemlich effektiv unterwegs. Lew hat sich gewehrt und - uff, das hat wehgetan."
      Etwas in Santis Brust zog sich schmerzhaft zusammen.
      "Jap, nee. Die haben ihn ordentlich eingepackt und sind abgezogen. Du hast was von europäischen Militärs gesagt?"
      "Ja."
      "Ja, das kommt hin. Die sahen echt professionell aus. Sekunde."
      Mehr Tastaturgeräusche. Santi lehnte sich gegen einen Türrahmen, als ihm schon wieder schwindelig wurde. Seine Kopfschmerzen wurden stärker.
      "Okay, ich tracke den Van über die Kameras, aber das dauert ein bisschen. Die wechseln ihre Nummernschilder. Ich ruf dich zurück, sobald ich was hab."
      "Okay, danke."
      "Hey, Santiago?"
      Santi hob die Augenbraue, als er den besorgten Unterton in Jerichos Stimme hörte. Der Knirps war doch nie besorgt!?
      "Ja?"
      "Irgendwelche Tipps für jemanden in deren Zwanzigern mit kaputten Beinen, wie man vor einem reichen Bösewicht flüchtet?"
      Santi lächelte ein bisschen.
      "Mach Urlaub. Unter falschem Namen - das kriegst du ja wohl hin - und geh irgendwo hin, wo du noch nie warst. Melde dich nicht bei Leuten, bei denen du dich regelmäßig meldest. Du tauchst unter. Okay?"
      "Das krieg ich hin, ja."
      "Okay. Idealerweise versorgst du mich dabei weiterhin mit Infos?"
      "Hallooo~ Als ob irgendjemand meine Signale zurückverfolgen könnte."
      Das klang schon besser, dachte Santi.
      "Gut. Du hast ja meine Nummer."
      "Jap. Viel Glück."
      "Ich brauch kein Glück. Ich brauche nur ein Ziel."
      Santi legte auf und steckte sein Smartphone wieder weg. Mit einem Seufzen fuhr er sich wieder durch die Haare. Er war so. Verdammt. Müde.
      "Okay, also: Lewis wurde von drei Typen in Masken eingesammelt, verprügelt und in einen Van verfrachtet. Mein Kontakt verfolgt den Van auf den Verkehrskameras und schickt mir die Infos darüber, wo der angehalten hat. Das Problem ist: wenn ich richtig liege, dann sind diese Typen gut ausgebildet und bewaffnet. Die haben auf offener Straße in New York rumgeballert, die werden kein Problem damit haben, das nochmal zu tun. Ich bin gut, aber nicht so gut. Ich könnte Verstärkung gebrauchen."
      Und ein zwölfstündiges Nickerchen, aber das musste jetzt erstmal warten. Er musste Lewis finden und ihn nach Hause bringen, egal wie tief die Scheiße war, in der er steckte. Apollo würde für diese Sache mit Angst und Blut bezahlen.


    • Lewis brüllte. Er riss an den Seilen, die nicht nachließen. Der ganze Stuhl schaukelte, als er sich gegen seine Fesseln warf.
      Blut tropfte über das dunkle Holz nach unten auf den Boden. Er sah es nicht einmal richtig; sein Gesicht war geschwollen und bunt von den Schlägen, die er eingesteckt hatte. Aber er konnte es spüren, das Messer, das ihm im Handrücken steckte. Er konnte jeden einzelnen Zacken davon spüren. Der Schmerz war unerträglich.
      Es war nicht das erste Blut, das floss, und er wusste, dass es nicht das letzte sein würde. Das alles hier würde nicht das letzte sein, wenn er nicht die scheiß Adresse aufgab. So einfach war es und trotzdem sagte er nichts. Er schrie nur und flehte, hoffte, betete, dass es irgendwann vorbei sein würde. Irgendwann. Wie lange war er jetzt schon hier, Stunden? Tage? Er wusste es nicht. Bis auf den Schmerz bekam er gar nichts mit.
      Der Typ, der ihm das Messer reingerammt hatte, packte es jetzt wieder am Griff. Lewis schrie auf, alleine von der Bewegung. Er konnte nicht mehr. Ihm war schlecht, schwindelig, schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen. Er konnte nicht mehr.
      Der Typ drehte am Messer und Lewis brüllte sich heiser. Er riss an seinen Fesseln. Er warf sich gegen den Stuhl. Er bäumte sich auf. Seine Hand ging in einem einzigen Feuerball aus Qualen auf.
      Und mit einem Mal kam es ihm nicht mehr wichtig vor. Wenn man ein scheiß verdammtes Messer in der Hand stecken hatte, dann kam einem nichts mehr wichtig vor. Was war schon so eine Adresse? Was war schon so eine Information dort draußen in dieser Welt, die so weit abgeschotten von dem kleinen Kellerzimmer war, in dem Lewis sich befand? Was war schon eine scheiß Adresse?
      Da fing Lewis an zu weinen. Er heulte, sogar richtig heftig. Dabei taten die salzigen Tränen auf seinen blutigen Wangen weh.
      Er war keine Petze. Er war keine scheiß Petze. Und doch kam es ihm mit einem Mal so unwichtig vor.
      Er öffnete den Mund. Und während er es aussprach, während er die Worte formte, da musste er an Santiago denken - nicht den Santiago, der sich mit den tiefsten, dunkelsten Augen über ihn beugte, sondern der Santiago in seiner sorgsam eingerichtet Wohnung, in seinem Bett, von dem aus man die ganze Wohnung erblicken konnte; der Santiago, der sich nicht traute, die Rollläden zu öffnen, weil er einen Helikopter über seiner Dachterrasse erwartete; der Santiago, der fünf Mal eine andere Abzweigung nahm, bevor er endlich mal sein Haus anpeilte. Der nichtmal einen eigenen Briefkasten besaß. Der sich mit acht Schlössern Zuhause einsperrte.
      Der Santiago, der Lewis schon längst von seinen Qualen befreit hätte. Der ihn schon längst in die Arme genommen und sich um ihn gekümmert hätte, ganz egal, ob Lewis es wollte oder nicht. Der sich mit ihm ins Bett gelegt und ihn gestreichelt hätte, bis Lewis eingeschlafen wäre, der ihn selbst dann noch weiter in seinen Armen gehalten hätte. Der ihm nicht ein einziges Mal Schmerzen zugefügt hätte, die Lewis nicht gewollt hätte. Der ganz sicher sowas hier nicht zugelassen hätte.
      Lewis dachte daran und heulte so stark, dass es ihm mehr schmerzte als ein Messer in seiner Hand.
      124 Lealand Avenue in Bronx! 124 Lealand in Bronx!”
      Und der Kerl ließ das Messer los.
      Was als nächstes geschah, wusste Lewis nicht. Er wurde geschüttelt von einem Heulkrampf, der ihm durch den Körper zog und sämtliche Wunden aufflammen ließ. Das Messer tat so sehr weh, dass er hätte kotzen können. Er war schon anfangs, als sie ihn nur verprügelt hatten, fast so weit gewesen, einfach nachzugeben. Er hätte es tun sollen. Sehr viel mehr als noch viel schlimmere Schmerzen hatte er dadurch nicht bekommen.
      Es war still für ein paar Sekunden, dann sagte jemand:
      “Beschreib das Grundstück.”
      Lewis heulte noch immer. Er konnte einfach nicht aufhören damit. Es fühlte sich grässlich an.
      Es ist ein ga-gelbes Ha-Haus mit V-Vordergarten und sp-spitzem Zaun. Zweistö-stöckig mit P-Panoramafe-fenstern. Keine Ga-Garage. Da steht ein an-anderer Name am…
      Er heulte noch mehr, schnappte nach Luft, wurde durchgeschüttelt. In diesem Moment wäre er wohl wirklich ohnmächtig geworden, wenn der Kerl noch einmal das Messer angefasst hätte. Es steckte selbst noch in der Armlehne darunter.
      ... Briefkasten.
      Wieder war Stille, wieder passierte irgendwas. Ein paar Wörter wurden ausgetauscht, dann erklangen Schritte. Schritte, die aus dem Zimmer gingen.
      “Vorsicht”, sagte jemand zu ihm, dann zog er mit einem Ruck das Messer heraus. Lewis schrie wie am Spieß und dann übergab er sich doch noch. Der Schmerz war unfassbar. Es wurde in einer Sprache geflucht, die er nicht verstehen konnte, und dann drückte jemand Stoff auf seinen Handrücken. Lewis zitterte. Irgendwie heulte er immernoch.
      Seine Hand wurde verbunden und sogar seine Kotze wurde so halbwegs aufgewischt, und dann wurde er tatsächlich von seinen Fesseln gelöst. Anscheinend wollte Apollo zu seinem Wort stehen und ihn wirklich freilassen, wenn er die Adresse geliefert hatte. Nur hatte er das nicht. Lewis hatte eine falsche Adresse gegeben und deswegen würde er ihn umbringen. Er war ein toter Mann, sobald Apollo das rausfinden würde.
      Aber sie lösten ihm seine Fesseln und dann zog ihn jemand an seinem Oberarm auf die Füße. Er schwankte leicht, aber er wurde gestützt. Die Hände hielten ihn.
      Doch dann schnappte plötzlich etwas metallenes um sein Handgelenk zu. Lewis sah herunter und erkannte hinter seinen Schwellungen hervor Handschellen, die gerade jemand von ihnen zuschnappen gelassen hatte. Metallene, sehr reale Handschellen.
      Lewis starrte sie an, da wurde er schon nach vorne gezogen.
      Hey, wa-warte, kann ich nicht ge-gehen?
      “Klar. Wenn wir die Adresse geprüft haben schon. Vorerst bleibst du hier.”
      Lewis protestierte, aber er hatte nicht die Kraft dazu, sich gegen den Zug zu wehren. Der andere Mann führte ihn auch nicht aus dem Raum heraus, er brachte ihn nur in eine der Ecken, wo die Rohre von der Decke nach unten verliefen. Unwirsch schubste er Lewis nach vorne.
      “Setzen.”
      Lewis wehrte sich. Er war wohl dumm genug für sowas. Schließlich wurde er zu Boden gestoßen und jemand zog ihm seine Arme über den Kopf, um die Handschellen hinter dem Rohr zu verbinden. Lewis kämpfte bis zur letzten Sekunde an, dann schnappten sie zu.
      Danach gab auch er es auf und sackte zusammen. Die Männer unterhielten sich nicht großartig, sie sammelten ein paar Sachen auf, dann gingen sie nach draußen und knallten die Tür hinter sich zu. Lewis wurde alleine zurückgelassen, im Dunkeln und mit nichts weiter beschäftigt als dem Schmerz, der ihm durch den Körper pulsierte.

      Jay hatte keine Einwände gegen jemanden, der ihnen bei der Suche helfen konnte - egal, wie mysteriös dieser Jemand sein mochte. Im Moment hätte er wohl Sinaloa selbst beauftragt, seinen Bruder zu finden, hauptsache, es würde auch passieren.
      So tigerte er unruhig im Hintergrund herum, während Santiago einen kurzen Anruf führte. Knapp danach sah der Mann ihn an.
      "Tut mir leid. Die Sache mit dem Kartell.”
      Jay blieb stehen und sah ihn an. Santiago zog jetzt seine Sonnenbrille ab und von dem Anblick alleine zuckte Jay bereits zusammen. Aber er konnte auch sehen, wie dunkel und tief die Augenringe bei dem Mann saßen und erst jetzt konnte er auch erkennen, wie ausgemergelt er aussah. Das war nicht das Gesicht eines Mannes, der sich mal eben so seinem Job widmete. Santiago sah aus, als hätte er Mord begangen.
      "Ich wusste wirklich nicht, wen ich da angreife. Hätte ich es gewusst, hätte ich den Job nicht angenommen. Hätte für euch vielleicht keinen Unterschied gemacht, aber ich halte mich nicht oft mit Was-wäre-wenn-Fragen auf. Tatsache ist: ich hab's getan. Tatsache ist: es tut mir leid."
      Jay nickte. Wenn es wirklich so war, dann sollte es vermutlich eher Lewis zu hören bekommen. So, wie er sich die letzten Tage verhalten hatte, waren Santiagos Worte schon gar kein Wunder mehr.
      “Behalt dir sowas lieber für Lewis auf. Das ist wichtiger.”
      Vielleicht hatte Santiago noch mehr von ihm erwartet, aber da klingelte schon sein Handy wieder. Er nahm ab und Jay begann wieder zu tigern.
      Keine fünf Minuten vergingen, dann legte Santiago wieder auf. Er sah jetzt deutlich müde aus, so wie er sich seufzend durch die Haare fuhr. Jay fragte sich automatisch, ob er in den letzten Tagen überhaupt geschlafen hatte. Wenn es wirklich so zugelaufen war, wie er es sich vorstellte, vermutlich nicht. Oder viel zu wenig.
      "Okay, also: Lewis wurde von drei Typen in Masken eingesammelt, verprügelt und in einen Van verfrachtet.”
      Santiago sagte das so sachlich, aber Jay spürte, wie ihm dabei kalt wurde. Er brauchte es sich nur vorzustellen, um sofort einen unbändigen Hass auf den Kerl zu verspüren, der Lewis geschnappt hatte. Er würde es ihm doppelt und dreifach heimzahlen.
      “Mein Kontakt verfolgt den Van auf den Verkehrskameras und schickt mir die Infos darüber, wo der angehalten hat. Das Problem ist: wenn ich richtig liege, dann sind diese Typen gut ausgebildet und bewaffnet. Die haben auf offener Straße in New York rumgeballert, die werden kein Problem damit haben, das nochmal zu tun. Ich bin gut, aber nicht so gut. Ich könnte Verstärkung gebrauchen."
      Jay nickte.
      “Ich habe Leute für sowas. Nicht unbedingt für direkte Schießereien, aber das würde ich sowieso vermeiden, wenn Lewis drinsteckt. Ich organisier eine Truppe. Wir werden da mit einer gottverdammten Armee einmarschieren.”
      Dabei hatte er nichts dagegen, wenn Santiago mitkam. Es war irrelevant, was er getan hatte; Santiago steckte genauso drinnen und es war wohl immer gut, einen Magier zu haben. Ganz besonders jemanden von Santiagos Kaliber.
      Jay tätigte also den nötigen Anruf, dann hetzte er Santiago nach draußen und in seinen Wagen. Er fragte gar nicht nach, er nahm ihn einfach mit. Mit durchdrehendem Motor raste er auf die Straße und zu dem letzten Ort, an dem der Wagen gesehen war. Bisher hatte sich Santiagos Kontakt noch nicht zurückgemeldet.
      Aus den Augenwinkeln sah er den Mann neben sich an. Ja, er passte wirklich in Lewis’ Beuteschema. Was Jay aber viel mehr verblüffte, war neben dem Mann zu sitzen, der es geschafft hatte, über mehrere Monate hinweg an Lewis’ Seite zu sein. Das war bisher irgendwie ein Einzelfall und dabei sah er gar nicht mal so spektakulär aus. Nur richtig, richtig müde.
      “Was macht deine Magie? Albträume einpflanzen? Irgendwie sowas?”