Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Santiago lachte leise und schüttelte lächelnd den Kopf. Er hatte ja mit vielem gerechnet, aber nicht mit den Worten der Pappnase. Allerdings war er nicht der erste, der nach einem Job scharf war - oder nach einer ordentlichen Portion Gewalt.
      Santi nahm noch einen Zug von seiner Zigarette.
      "Ich kann mich nicht beschweren, nein," antwortete er. "Und es sind nicht nur Frauen. Hin und wieder nehme ich diese Verehrer sogar mit für ein bisschen Spaß, aber..."
      Warum quatschte er mit diesem Kerlchen über sein Sexleben? Ach, was soll's.
      "Scheinbar bin ich nicht der Typ, mit dem man mehr als eine Nacht verbringt. Du hast es doch auch schon gemerkt, oder? In meiner Nähe fühlt man sich nicht wohl. Das macht das Frühstück danach immer ein bisschen peinlich."
      Er zuckte mit den Schultern. Für ihn war es noch nie anders gewesen, entsprechend dran gewöhnt war er. Selbst die eine Freundin, die er auf dem College gehabt hatte, hatte sich nicht gern in seinem Wohnheimzimmer aufgehalten - das ein Einzelzimmer gewesen war, weil niemand mit ihm zusammenziehen wollte. Die Beziehung hatte ganze drei Monate gehalten, bevor sie geflüchtet war. Er verübelte es ihr nicht. Es gab genug Tage, an denen er gern vor sich selbst wegrennen wollte, wenn er nur könnte.
      "Du stehst also auf gebrochene Nasen und Knien in den Eingeweiden aber nicht auf Chokeholds?" fragte Santiago im Scherz.
      Normalerweise, so hatte er zumindest die Erfahrung gemacht, war es anders herum. Eine gebrochene Nase war dann doch nicht sehr attraktiv. Und wenn man ein Knie in den Solar Plexus bekam, hatte man ganz andere Sorgen.
      Er vertrieb seine Gedanken an all die Gewalt mit einem weiteren Zug an seiner Zigarette. Für ihn war Gewalt etwas so Normales, wie für andere der Kaffee am Morgen. Er hatte keine wirklich Meinung darüber. Er mochte es nicht, aber er hasste es auch nicht, eine menschliche Waffe zu sein. Er war gut darin, das mochte er. Das Meiste von dem, was Santi tat, folgte einem ähnlichen Muster: er mochte es, gut in etwas zu sein.
      "Mach langsam, ich hab nur den einen mitgebracht," kommentierte er, als er sah, wie tief Lewis' Züge an dem Joint waren. "Wer weiß, wie lange uns der griechische Gott noch hier behält."
      Im Hintergrund hämmerte Jericho auf einer Tastatur herum. Jetzt, wo sowohl Santiago als auch Lewis ihrer Sucht frönten, hatte Jericho einen Energy Drink ausgepackt, in dem ein pinker SillyStraw steckte. Welche Informationen auch immer da über den Bildschirm huschten, sie schienen Jericho ziemlich glücklich zu machen. Hin und wieder kicherte der Knirps gehässig.
      "Wir sind sowas von reich~" flötete dey in regelmäßigen Abständen.
      Und dabei hatte Santi die ganze Zeit gedacht, Jericho sei nur hier um der Welt zu beweisen, dass dey sich in ein solches System hacken konnte. Auf der anderen Seite... wer freute sich nicht darüber, 1,5 Milliarden Dollar in die Finger zu bekommen?
      Santiago wandte seine Aufmerksamkeit wieder Lewis zu und ignorierte die Hintergrundgeräusche des Knirpses. Es war faszinierend zu sehen, wie viel ruhiger er geworden war nach nur ein paar Zügen von einem Joint. Da spielte doch bestimmt auch eine psychosomatische Komponente mit rein.
      "Was machen deine Augen? Die sahen vorhin ziemlich übel aus," fragte er mit echtem Interesse.


    • Santiagos Lachen war ein wenig ansteckend, aber natürlich war es nicht nur das. Lewis grinste ein kleines, triumphierendes Grinsen. Dann also nicht nur Frauen, so so.
      Er nahm noch einen zug.
      "Das Frühstück danach ist immer peinlich, das hat sicher nichts mit dir zu tun, Großer. Worüber will man auch reden? Über Eier?"
      Das fand er jetzt schon ein wenig lustig, was durchaus Beweis dafür war, dass das Gras bereits in seinem Hirn angekommen war. Er grinste mit dem Joint im Mundwinkel und wackelte mit den Augenbrauen.
      "Manchmal kannst du aber schon... ich weiß nicht."
      Er blies den Rauch aus und rutschte auf seinem Hosenboden ein wenig herum.
      "Manchmal... also, ich glaube, ich wäre entspannter in deiner Nähe, wenn du jemandem die Fresse polierst, als wenn wir zusammen im Auto sind. Das müsste sonst andersrum sein, wenn überhaupt. Aber bei dir ist das..."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Schwer zu beschreiben. Grade bist du cool. Das ist deine Magie, oder? Musst mir keine Details sagen."
      Er sah dabei sowieso manchmal zu Apollo hinüber, der es vielleicht gar nicht gutheißen würde, dass sie hier so frei plauderten. Aber der Mann stand noch bei Jericho und leitete ihn wohl durch das Netzwerk der Bank hindurch.
      "Du stehst also auf gebrochene Nasen und Knien in den Eingeweiden aber nicht auf Chokeholds?"
      Das weckte wieder das Grinsen in Lewis Gesicht auf und er legte beide Arme übertrieben auf die Lehne hinter sich.
      "Es gibt für alles einen richtigen Ort. Den Chokehold hab ich ja nur durch die Kamera gesehen. Das hat nicht dasselbe... feeling."
      Sein Grinsen wurde nicht genauso erwidert, aber das war ihm ganz egal. Er selbst grinste, so viel er wollte. Seine Hände wurden ruhiger und ruhiger und er würde sich bald gänzlich entspannt fühlen.
      "Mach langsam, ich hab nur den einen mitgebracht. Wer weiß, wie lange uns der griechische Gott noch hier behält."
      "'S wird ja wohl kaum den restlichen Abend sein, oder? Und dann besorg ich mir irgendwo den zweiten."
      Vermutlich Zuhause; Lewis hatte für heute genug von seinen Bäumen und von irgendwelchen Taxifahrten, die er vielleicht nehmen würde. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, sich gleich ins Bett zu werfen.
      Es verging ein Moment, in dem sie in einvernehmlichem, fast entspanntem Schweigen beieinander saßen. Lewis hörte irgendwann auf, mit dem Bein zu wippen und dann fühlte er sich fast bereit, tatsächlich hier ein kleines Nickerchen zu veranstalten. Davon lenkte ihn dann aber viel zu sehr Santiagos Stimme ab, der sich ehrlich interessiert anhörte.
      "Oh, ja. Das hätt' ich fast selbst vergessen."
      Er richtete sich auf, kramte aus seiner Tasche Augentropfen und schraubte das kleine Fläschchen auf. Mit seinen zitternden Händen hätte er das vorhin nicht hinbekommen.
      "Es geht schon wieder. Ich darf nicht vergessen zu blinzeln, wenn ich sowas mache, aber das ist leichter gesagt als getan. Jay -"
      Er stockte, sah knapp zu Apollo. Ach, als ob es irgendjemanden interessieren könnte, dass er einen Bruder hatte.
      "Mein Bruder sagt immer, dass ich aussehe wie ein Schlachtschwein, das zum Metzger geführt wird, wenn ich sowas mache. Weil ich dann so starre, als würden mir gleich die Augen ausfallen. Ich mach' das aber nicht absichtlich, genauso wenig, dass ich absichtlich vergesse zu blinzeln. Es ist halt so, Magie und so. Verstehst du das?"
      Er legte den Kopf in den Nacken und mühte sich mit den Augentropfen ab. Sowas hasste er immer, weil er sich nie daran gewöhnen konnte, dass die Tropfen in seine Augen fielen.
      "Und hinterher ist das so wie... Kennst du das, wenn du dich eine Zeit lang ganz schnell im Kreis drehst, dann bleibst du stehen und deine Augen sind immer noch mit der Bewegung beschäftigt? So ist das ungefähr. Geht auch wieder von alleine weg."
      Er wollte das Fläschchen schon wegstecken, als er doch stutzte und es Santiago vorhielt.
      "Brauchst du auch? Für deine Augen?"
    • Santiago beobachtete, wie der Knirps sich ein paar Tropfen in die Augen warf, um mit der Trockenheit auszuhelfen. Die Tatsache, dass seine Hände dabei schon fast gar nicht mehr zitterten sprachen dafür, wie schnell und gut dieser Joint funktionierte. Er beneidete Lewis ein bisschen darum, dass ihm sowas half.
      "Ich würde nicht unbedingt Schlachtschwein sagen, dafür hast du zu wenig auf den Rippen und bist zu hibbelig. Aber geschocktes Kaninchen beschreibt es wohl ganz gut," erwiderte Santiago. "Aber ich weiß, was du meinst. Meine Magie... ich hätte diesen letzten Angriff, bevor ich wieder in den Aufzug gestiegen bin, auch nicht ausführen müssen, aber wenn ich so drin bin, dann kann ich mich nicht immer stoppen. Es ist nicht direkt so, dass mich meine Magie steuert, aber manchmal macht sie sehr gute Vorschläge, weißt du?"
      Santiago verstand. Vielleicht nicht unbedingt, was genau Lewis meinte, aber so eine Ahnung hatte er dann doch. Wie oft hatte er sich an einem Opfer festgefressen, sich Zeit gelassen, nur um die Angst seines Opfers ins Unermessliche zu treiben? Wie oft hatte er das getan, nur um ein bisschen Ruhe vor seinen paranoiden Gedanken zu haben? Wie oft hatte er sich seinen eigenen Frieden erkauft, indem er jemandes Psyche ruiniert hatte?
      "Bei mir ist es eher so wie der Geruch von irgendwas. Er hängt in der Luft und mit jedem Atemzug spornt er mich dazu an, die Quelle zu finden. Ich wurde deswegen schon als Bluthund bezeichnet."
      Er schüttelte den Kopf, als Lewis ihm die Augentropfen anbot. Seine waren nicht trocken, nur gereizt, da halfen diese Tropfen eher weniger. Da half nur, sich auszuruhen, seine Augen vielleicht eine Weile nicht zu benutzen, aber er wusste ganz genau, dass er das nicht konnte. Das war seine Magie. Sie brauchte immer jemanden, den sie terrorisieren konnte - die meiste Zeit über war es Santiago.
      "Meinen Augen geht's gut, auch wenn es auf den Kameras vielleicht nicht danach ausgesehen hat. Das ist mehr oder weniger sogar der Punkt. Deswegen fühlst du dich auch besser in meiner Nähe, wenn ich jemandem die Fresse poliere, wie du es so nett ausgedrückt hast. Das ist eine Gefahr, die du einschätzen kannst."
      Santiago lächelte beinahe entschuldigend, erklärte sich aber nicht weiter, um Apollo nicht stinkig zu machen. Er hatte keine Lust sich jetzt mit dem auseinanderzusetzen und er hatte so das Gefühl, dass er sein Glück mit dem Rauchen bereits ausgereizt hatte.
      Er stand auf und suchte sich einen Aschenbecher. Als er keinen Fand, da schnappte er sich einfach eine alte Kaffeetasse mit dem Logo des Supermarktes darauf. Er drückte seine Zigarette darin aus und reichte ihn dann an Lewis weiter, für dessen Joint, wenn er damit fertig war, bevor er sich wieder neben den Jungen auf das Sofa fallen ließ. Er streckte die Beine aus und legte den Kopf auf die Rückenlehne. Seine Magie war so zufrieden mit seinem Tagewerk, dass er die Berührung von Lewis Arm an seinem Hinterkopf sogar tolerierte. So angefeuert war er schon lange nicht mehr gewesen. Er beschloss dieses Gefühl der Zufriedenheit so lange auszukosten, wie er nur konnte. Die Alpträume würden ihn schon noch früh genug einholen und für sich beanspruchen. Es würden Soldatenträume sein... die waren für gewöhnlich voller Gewalt in einem Ausmaß wie es nur wenige Menschen wirklich kannten.


    • Lewis kicherte wie jemand, der einen richtig dummen Spruch gehört hatte, aber schon bekifft genug war, ihn irgendwie lustig zu finden. Dabei warf er Santiago einen Blick aus tränenden Augen zu.
      "Geschocktes Kaninchen. Leck mich."
      Das war trotzdem eine witzige Vorstellung.
      Santiago sprach aber so ernst weiter, dass auch Lewis wieder mit seinem dummen Gekichere aufhörte. Magie war wahrlich kein Thema, über das man fröhlich sprechen konnte - außer man hieß Jericho und hatte einen an der Waffel. Das schien ganz besonders für Santiago zu gelten, der noch viel mehr hinter seinen vagen Aussagen verbergen musste, als er Lewis hier offenbarte. Dafür galt ja andersherum dasselbe.
      "Gute Vorschläge, ja das weiß ich. Das kommt mir bekannt vor."
      Er sah den Mann weiterhin von der Seite an, während er ihm kleine Fetzen dessen vorwarf, was seine Magie ausmachte. Je mehr er davon erzählte, desto mehr spürte Lewis seine Neugier wachsen und ein Bedürfnis, noch ein bisschen mehr aus dem Mann herauszukitzeln. Dabei war das gefährlich und das nicht nur wegen Apollo. Irgendwie hatte er so das Gefühl, dass Santiago seine Magie zurecht wie etwas behandelte, das seinen eigenen Willen besaß. Vielleicht sogar seinen eigenen Verstand.
      "Dann solltest du häufiger jemanden verprügeln. Wenn du mir hinterher auch noch einen Joint lieferst, würde ich sogar gerne mit dir rumhängen."
      Er grinste wieder, diesmal in dem Versuch, die Stimmung wieder etwas aufzulockern. Es war gut, mit einem anderen Magier mal über das Schicksal zu sprechen, das sie alle verfolgte, aber so dringend hatte Lewis es dann auch nicht, um es so vor die Nase gehalten zu bekommen. Sie hatten alle ihr Los gezogen und damit mussten sie irgendwie klarkommen. Andere kamen damit klar und wer das nicht tat, der war schon lange nicht mehr am leben.
      Santiago stand auf, drückte seine Zigarette aus und ließ sich wieder auf seinen Platz fallen. Er sank in der Couch ein, bis er eine Position angenommen hatte, die für ihn typisch schien und bei der er sicher gleich wegpennen würde. Seine Augen waren zwar hinter der Sonnenbrille versteckt, aber aus dem Winkel konnte er Lewis nicht ansehen.
      Deswegen starrte der auch recht offensichtlich auf die Stelle, wo Santiagos Kopf gegen seinen Arm lehnte. Er wusste nicht, ob es dem Mann aufgefallen war, als er sich wieder gesetzt hatte, aber er rührte sich nicht und daher tat Lewis es auch nicht. Er betrachtete nur die feinen roten Strähnen, die ihm über die Haut kitzelten und sich ein wenig weich anfühlten. Ob seine ganzen Haare weich waren? Bryces waren eher struppig, wenn er sie mal nicht mit Gel vollschmierte.
      Lewis starrte ihn an, solange er an seinem Joint rauchte und solange er sich sicher war, dass Apollo sie beide ignorierte.

      Jericho war eine ganze Weile am werkeln, dann verkündete Apollos aufrichtende Gestalt und Jerichos triumphierender Ruf, dass wohl irgendwas vollbracht sei. Skye richtete sich auf und auch Santiago regte sich. Lewis Arm war von der Position mittlerweile eingeschlafen, er hatte ihn aber nicht bewegt, warum auch immer. In letzter Zeit ging wirklich was mit ihm durch.
      "Er ist durchgegangen", verkündete Apollo ernst, aber zufrieden. Jericho strahlte an seiner Seite regelrecht.
      "Und was heißt das für uns?"
      "Das heißt, dass es für uns längst Zeit ist, die Nachrichten anzuschalten."
      Das übernahm Jericho, indem er an seiner Technik herumpfuschte und ihnen die Nachrichten an die Wand projizierte. Es war jetzt etwa 19 Uhr und egal, wie lange Santiagos Magie auch gehalten haben musste, die überwältigten Wachmänner waren längst gefunden worden.
      An der Wand stand die Reporterin vor der Federal Reserve, hinter ihr eine Polizeisperrung und reichlich Blaulicht. Menschen drängelten sich dort, aber nicht etwa, weil es etwas zu sehen gäbe, sondern rein aus Neugier.
      "... noch am Laufen. So wie es aussieht, wurde aber nichts entwendet. Die Einbrecher müssen etwas gesucht und nicht gefunden haben, so lauten zumindest die Aussagen des Filialleiters. Er möchte zur Zeit kein Statement vor der Kamera abgeben."
      Der Winkel änderte sich und die Bank kam vergrößert zum Vorschein, vor ihr eine Menge Polizisten, die alles in Schach hielten, mindestens 10 Reporterteams mit ihren Wagen mit dabei. Lewis versuchte gleichzeitig die Nachrichten zu schauen und den Baum zu beobachten, der sich dabei vor ihm bildete. Er hatte sich noch nicht gut genug dafür erholt, seine Kopfschmerzen setzten fast sofort wieder ein. Trotzdem huschte sein Blick an den Pfaden entlang und er hob die Hand an den Mund, um an den Nägeln zu kauen.
      "Es gibt sowohl körperlich, als auch geistige Verletzte, was den Einsatz von Magie vermuten lässt. Was den Tresorraum selbst betrifft, so wurde versichert, dass dort unten Störsender angebracht sind, die keine Magie hindurchlassen. Ein genaueres Statement wurde dazu allerdings noch nicht abgegeben, nur dazu, dass kein Gold und keine Wertpapiere entwendet wurden. Es hat auch kein Systemzugriff stattgefunden, dafür wurden die Kameras überschrieben. Ein Ermittlerteam ist gerade dabei, das System auf unbefugte Benutzung zu überprüfen."
      "Sie werden die Server kurzzeitig abschalten für einen Reset", meldete sich Lewis, der ja doch nicht widerstehen konnte, dem Baum intensiver zu folgen.
      "Damit die sowas wie... äh... tracking machen können?"
      Sein Blick ging zu Jericho, aber eigentlich sah er nur den Baum. Apollo nickte knapp.
      "Die Anträge sind geschickt. Jericho, Sie können aus sämtlichen Systemen verschwinden und das lieber früher als später. Wenn es keine Meldung dazu gibt, dass irgendwelche Anträge gefälscht wurden, sind sie uns nicht auf die Schliche gekommen. Damit können sie auch nicht zurückverfolgen, welche nun echt sein sollen und welche nicht. 100.000 Goldbarren abzuheben ist nichts alltägliches, aber durchaus möglich, wenn es von zehn verschiedenen Staaten über einen Zeitraum von einigen Wochen passiert."
      "Einigen Wochen?" Skye hatte definitiv etwas anderes erwartet. "So lange müssen wir warten?"
      "Nein. Die ersten Barren sollten schon nächste Woche verkarrt werden. Jeder bekommt von jeder Lieferung seinen Anteil überreicht über einen Zeitraum von mehreren Wochen hinweg. Vergnügen Sie sich erstmal mit ein paar hundert Barren, der Rest kommt dann schon nach."
    • "Bin Ihnen um Meilen voraus, Jefe."
      Santiago verzog offen das Gesicht, als er Jerichos verunglückte Betonung des Wortes vernahm. Seine argentinischen Vorfahren würden sich im Grab umdrehen, würde er es wagen, auch nur mit so einem Akzent zu denken.
      "Sobald die ihren kleinen Reset machen, löschen sie alle meine Daten selbst aus ihrem System."
      Jericho verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück, ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht. So nervig dey auch war, Santiago konnte nicht verneinen, dass der Knirps ein Genie war.
      "Unsere kleinen Lieferungen hab ich auch noch zusätzlich verschleiert. In den nächsten sechs Monaten bewegt sich einiges an Gold über den gesamten Planeten. Nichts, um irgendwelche wirtschaftlichen Probleme zu verursachen, aber genug, um ein paar Lieferungen an uns ordentlich in dem Chaos zu verstecken," erklärte Jericho. "Um den Verkauf eurer Barren müsst ihr euch aber selbst kümmern."
      Santiago wusste schon, was er mit seinem Gold tun würde: er würde es einlagern. 1,5 Milliarden waren tatsächlich einfach besser angelegt in Gold. Alle paar Jahre würde er vielleicht einen verhökern, um sich ein angenehmes Leben zu machen, den Rest würde er bunkern. Was wollte man eigentlich mit so viel Geld anfangen? Was wollte man davon alles kaufen? Santiago könnte die Kopfgelder, die auf ihn ausgesetzt waren, aufkaufen und hätte immer noch keine große Delle in diesen Haufen Geld gemacht - und die Kopfgelder waren nicht gerade klein. Vielleicht sollte er Diego deswegen anrufen?
      "Ich schätze mal, du kannst dir in Zukunft 'ne Menge Joints kaufen," scherzte er in Lewis' Richtung.
      "Und ich kaufe mir eine Energy Drink Fabrik," sinnierte Jericho.
      "Dann sind wir alle verloren," gab Santiago zurück.

      White Collar Crimes waren langweilig. 578 Tage. So lange langweilte sich Evan nun schon beim FBI. Eigentlich hatte er gedacht, dieser Sprung würde ihm ganz neue Abenteuer beschweren, stattdessen verbrachte er die meiste Zeit hinter einem Schreibtisch. Nicht gerade hilfreich, wenn man den Bewegungsdrang eines Eichhörnchens auf Speed hatte. Seine Kollegen scherzten, dass er irgendwann einen Graben um seinen Schreibtisch laufen würde. Sie wusste ja gar nicht, was für Schneisen er schon in seinem Apartment gezogen hatte.
      Als der Anruf kurz vor Feierabend kam, stöhnte er genervt auf. Er hatte nach Hause gehen wollen, hatte sich aus dem dämlichen Anzug schälen und eine - oder zehn - Runden joggen wollen, bevor er sich was zu essen suchte. Ein Anruf auf dem Diensttelefon konnte aber nur eines bedeuten: irgendwem war schon wieder eine Null im Konto abhanden gekommen. Evan könnte den Anruf ignorieren. Er hatte um sieben Feierabend und es war sieben Uhr zwei. Er könnte einfach behaupten, dass er schon weg gewesen war.
      Das Telefon hörte auf zu klingen. Glück gehabt.
      "Mitchel!"
      Verdammt.
      "Ja, Chef?"
      "Bewegen Sie ihren Hintern zur Federal Reserve, die hatten einen Einbruch. McKay trifft Sie dort."
      "Ja, Chef!"
      Außeneinsatz! Na endlich! Und dann gleich die Federal Reserve? Da wurde nicht eingebrochen. Die meisten Diebe dachten ja nicht einmal daran, sich daran die Zähne auszubeißen. Aber irgendjemand schien es geschafft zu haben. Ach Quatsch. Es hatte wahrscheinlich nur jemand versucht und war mit Tuten und Blasen gescheitert. Das FBI schickte für's Image zwei Leute hin, die alles abgingen, bedächtig nickten und hin und wieder zustimmend brummten und dann war's das. Trotzdem juckte es Evan in den Fingern, als er sein Jackett anzog und zum Aufzug eilte. So sehr sogar, dass er kurz darüber nachdachte, zur Federal zu laufen. Aber das wäre dann doch ein bisschen viel des Guten.
      Stattdessen fuhr er wie ein Besessener durch die verstopften Straßen New Yorks. Er hatte das Blaulicht angeworfen, auch wenn es nicht wirklich ein Notfall war, und sein Dienstwagen gehörte zu der größeren Sorte Autos, also zollten ihm alle anderen Fahrer genug Respekt, um sich wenigstens an einer Rettungsgasse zu versuchen. Den Rest übernahmen Evans geschärfte Reflexe. Er konnte nicht anders. Den ganzen Tag hatte man ihn in seinem Zwinger festgehalten, jetzt ließ man ihn raus. Da musste er einfach Gas geben!
      Er schaffte die Strecke zur Federal Reserve Bank of New York in einer Zeit, die anderen einen Herzinfarkt verpassen würde. Und er war stolz darauf - er hatte einen persönlichen Rekord gebrochen. Er hüpfte aus dem Wagen, wedelte mit seinem Dienstausweis herum und suchte sich McKay, seinen alten, grummeligen Partner. Gemeinsam gingen sie rein in ein protziges Foyer, wo sich ein Haufen Leute tummelte. Der Filialleiter nahm sie sofort in Empfang und führte sie tiefer in das Gebäude. Auf ihrem Weg kamen ihnen eine ganze Reihe an Wachpersonal entgegen - einige auf zwei Beinen, die von Sanitätern geführt wurden, andere wurden auf Rolltragen geschoben. Evan zählte im Vorbeigehen mindestens drei gebrochene Nasen. Die Wachen, die bei Bewusstsein waren und laufen konnten wirkten alle so, als hätten sie gerade eine aktive Kampfzone verlassen. So einen Blick hatte Evan nur bei Leuten gesehen, die ein Mordopfer gefunden hatten. Was war hier nur passiert?!
      Der Filialleiter nahm sie mit in einen Kontrollraum, der vom NYPD schon abgeriegelt wurde.
      "Hier haben wir drei unserer Wachmänner gefunden. Professionell gefesselt und bewusstlos," erklärte der Mann.
      Die Waffen der Männer - drei Taser, drei Schlagstöcke, drei Pistolen - lagen alle in einem Mülleimer. Der Raum war aufgeräumt, es gab keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass hier irgendetwas passiert war.
      Der Filialleiter erklärte, was alles passiert war und in welchen Zeitraum - wobei letzteres nur Spekulation war. McKay machte fleißig Notizen. Sie sahen sich alles an, wurden sogar nach unten gelassen. Hier und da gab es ein paar kleine Blutspritzer - allesamt vom Personal, man würde es trotzdem Testen lassen. In einer Ecke war eine riesige Pfütze trocknender Kotze. Das Schloss am Serverraum war kaputt, sah aber nicht so aus, als ob sich daran jemand zu schaffen gemacht hätte. Das alles kam Evan so seltsam vor. Wer brach denn in eine der sichersten Banken der Welt ein, um ein Schloss kaputt zu machen?
      "Und die Server sind alle in Ordnung?" fragte er den Filialleiter.
      "Soweit wir das beurteilen können, ja. Aber die Techniker sind noch dran. Wir haben einen Systemreset angesetzt, um etwaige Viren rauszuspülen."
      "Klären Sie das vorher mit unseren Forensikern," grummelte McKay in seinen Schnauzer.
      "Ich fürchte, das kann ich nicht, wenn sich Ihre Techniker nicht beeilen. Wir lagern hier Dokumente von Nationaler Sicherheit. Wenn die Server attackiert wurden, muss der Schaden sofort behoben werden, nicht erst in ein paar Minuten."
      Die beiden diskutierten noch ein bisschen, während sich Evan einen Fleck an der Wand genauer ansah. Da war Blut, ja, aber auch eine Delle in der Ecke. Irgendjemand hatte etwas sehr hartes mit ordentlich Wucht dagegen geknallt. Er sah noch genauer hin. Seine Magie verriet ihm, dass es wahrscheinlich der Helm eines Wachmannes gewesen war. Direkter Einschlag... Er erinnerte sich an einen der Wachmänner, der mit einer blutenden Kopfverletzung weggeschafft worden war. Wer auch immer hier unten eingedrungen war, hatte ganz schön Kraft.
      "Das waren keine Amateure," schloss er. "Die sind sauber rein und wieder raus gekommen, haben Ex-Militärs mit Leichtigkeit überwältigt..."
      Er grinste, aber nur weil er mit dem Rücken den anderen beiden Männern stand. Jemand war in die Federal Reserve eingebrochen und er hatte den Fall bekommen! Jackpot!

      Santiago setzte zuerst Jericho ab, der die ganze Fahrt über Nachrichten über drei verschiedene Smartphones schrieb. Der Knirps verabschiedete sich mit einem: "Auf Nimmerwiedersehen. Schön, mit euch reich zu werden." Dann verschwand Jericho in einem weiteren Hotel.
      Es war noch nicht zu spät für Lewis gewesen, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen, aber Santiago hatte ihm trotzdem angeboten, ihn zu fahren. Mittlerweile war das ja sowas wie eine Gewohnheit geworden - verflucht sei Apollo! Eine Gewohnheit, die er nicht vermissen würde.
      "Wieder zu deinem schicken Apartment?" fragte er Lewis, der heute ausnahmsweise den Beifahrersitz hatte ergattern können.
      Dafür hatte Jericho praktisch auf der Rückbank gelegen, was Santiago überhaupt nicht gefallen hatte. Er war versucht gewesen, eine Vollbremsung hinzulegen, nur um zu sehen, was passierte. Er hatte es nicht getan und Jericho brav in einem Stück abgeliefert.
      "Oder fahren wir heute zur Feier des Tages wo anders hin?"


    • Eine Menge Joints war nicht das erste, woran Lewis bei seiner Milliarde wohl dachte. Auf der anderen Seite hatte er sich auch noch gar keine Gedanken gemacht, was er genau damit anfangen wollte, daher war genug Joints bis an sein Lebensende wohl eine genauso gute Idee wie gar keine Idee.
      Jedenfalls grinste er Santiago begeistert für seinen Vorschlag an.
      Die Autofahrt war dieses Mal erträglicher, vermutlich weil dessen Magie nicht so... Lewis wusste nicht einmal, was sie wirklich war, er hatte nur eine sehr vage Vorstellung davon, dass sie irgendetwas anstellte. Jedenfalls war jetzt nicht der Drang vorhanden, sich schnell aus der Tür zu werfen, nur um den Abstand zwischen ihnen herzustellen.
      Außerdem schirmte Lewis diesmal seine Augen ab, damit er auch ganz sicher nicht auf die Straße glotzte und sich die nächsten Kopfschmerzen davon einfangen durfte. Der Joint hatte zwar gut gewirkt, aber für heute hatte er eine Grenze erreicht, die er lieber nicht weiter überschreiten wollte. Immerhin musste er zusätzlich auch täglich seine Arbeit für seinen Bruder verrichten.
      Jericho verabschiedete sich mit fröhlichem Abschiedsruf, den Lewis mit "Es war mir ein goldiges Vergnügen!" erwiderte, was ihn zum Kichern brachte. Ein bisschen vermisste er Quietschgelb-Sweater ja schon, nachdem sie diesen Auftrag so einwandfrei ausgeführt hatten. Es war sehr angenehm gewesen, das Zimmer zu teilen, nachdem dey ihn vollständig in Ruhe gelassen hatte. Sie hatten ein gutes Team abgegeben - sie alle hatten das. Lewis hatte ernsthaften Gefallen daran gefunden.
      Bei der Weiterfahrt kam wieder die Frage nach Lewis' Ablieferungsadresse, nur dass Santiago dabei noch etwas anderes erwähnte, das Lewis gänzlich aufhorchen ließ. Wir?
      "Wir?"
      Er blickte zur Seite auf Santiago, der hinter seiner Sonnenbrille stur auf die Straße starrte. Der Kerl lächelte nicht unbedingt oft, weswegen Lewis gleich für zwei grinste.
      "Du meinst zur Feier des Tages auf einen absolut glorreich ausgeführten Auftrag? Der uns eine Milliarde einbringen wird? Scheiße, ich fahr überall hin, wenn's dort Feier gibt! Es ist noch nichtmal acht, wir haben noch die ganze Nacht zur Verfügung."
      Er nahm dabei die Hände ein bisschen runter, um Santiago das Grinsen richtig zu zeigen, das sich dabei auf seinem Gesicht ausbreitete. Die ganze Nacht war eine lange Zeit, um alle möglichen Dinge anzugehen.
      "Dafür gehen wir aber nicht zu meiner schicken Luxus-Bude. Fahr uns zum Paradise! Bis das aufmacht, sind wir sowieso erst da. Außerdem brauch ich was zum Futtern, langsam krieg ich richtigen Kohldampf."
      Santiago willigte ein, wobei Lewis nicht wusste, wie sehr er von dieser Idee begeistert war. Das sollte sich aber schnell ändern, dessen war er sich sicher.

      Das Paradise war ein zweistöckiger Club in einer der Partymeilen der Innenstadt, der eine riesige Tanzfläche im Erdgeschoss bot und mehrere Treppen zu einer Art Galeere nach oben führten, unter denen Sitzbuchten aneinander gereiht waren und auf denen selbst nochmal mehr Sitzgelegenheiten waren. So früh am Abend war selbst hier noch wenig los, weshalb sich die beiden Männer ungehindert einen Weg zur Bar bahnen konnten und dort die ersten Drinks bestellten. Es gäbe auch die Möglichkeit an der Bar zu sitzen, aber Lewis ging gleich weiter.
      "Nee nee, komm weiter, wir gehen nach oben."
      Er führte ihn die Treppe hinauf zur Empore und dort auch nicht zur nächst freien Sitznische; er ging bis zu dem VIP-Bereich nach hinten, wo ein fetter Koloss von einem Typen herumhing, dem schon ins Gesicht geschrieben stand, dass er angelaufenes Gesindel mit der geballten Faust begrüßte. Lewis fand es tröstlich, dass selbst Santiago in dessen Anblick etwas schmächtig wirkte.
      "Ich bin mit Bryce da."
      "Der ist nicht da", kam die brummende Antwort.
      "Ich weiß, der kommt später."
      Der Gigant ließ sich die Lüge gefallen und trat beiseite. Immerhin hatte er Lewis' Visage auch schon so einige Male mit Bryce gesehen, um ihn auch wiederzuerkennen.
      Im VIP-Bereich hinten war noch weniger los und außerdem hallte die Musik nicht ganz so laut herüber. Man konnte den Bass bis in die Zähne spüren, aber das war auch schon das schlimmste an der ganzen Sache. Es gab hier auch eine kleine Bar, die war aber scheiße teuer und Lewis betrieb nicht die Art von Kriminalität, die ihn zu einem besonders reichen Mann machen würde. Jedenfalls bis jetzt.
      Er steuerte mit Santiago ein Sofa in der Ecke an und ließ sich grinsend aufs Polster fahren. Die waren hier relativ sauber; zumindest mehr als unten bei der Tanzfläche.
      "Ist das ein angemessener Abschluss des Tages oder etwa nicht?"
    • "Ich fahre dich, also notgedrungen wir, ja," erwiderte Santiago, doch es war bereits zu spät - der Knirps hatte entschieden.
      Das war etwas, was er heute gelernt hatte: wenn Lewis eine Entscheidung traf, dann war sie richtig. Zu einhundert Prozent. Also warum jetzt Nein sagen? Er würde so wie so die Nacht durchmachen, also warum nicht auch ein bisschen Spaß dabei haben, während ihn seine Magie in Ruhe ließ?
      "Na schön. Snacks und dann Paradise. Solange ich das Auto morgen um zwölf abliefere, ist alles gut."

      Santiago machte einen Schlenker über ein nicht ganz so furchtbares Fast Food Restaurant, wo sich Lewis mit einer furchtbaren Mahlzeit eindeckte, bevor er sich auf den Weg zum Paradise machte, einem Nachtclub, den Santiago nicht kannte. Normalerweise war er nicht so der Clubgänger, aber er war nicht selten in welchen unterwegs. Aus irgendeinem Grund schienen die Leute, die seiner Dienste bedurften, gern in Clubs rumzuhängen. Wann immer er einen Schub seiner Paranoia hatte, musste sich Santiago auf dem Weg zu einem solchen immer selbst einen kleinen "Snack" gönnen, nur um neben der Tanzfläche nicht vollkommen die Nerven zu verlieren.
      Er parkte einen halben Block entfernt vom Club und gemeinsam liefen sie den Rest der Strecke. Rein kamen sie ohne Probleme dank der Connections, die Lewis hier zu haben schien. Der Knirps schien zu wissen, wo er hinwollte. Santiago hatte kaum genug Zeit, seinen Drink von der klebrigen Bar einzusammeln, bevor er schon weiterging.
      Er folgte Lewis die Treppe nach oben, wo es ein bisschen geräumiger zuging. Vor dem Eingang zum VIP Bereich traf er dann auf einen Muskelprotz, mit dem er gern mal eine Runde im Ring austragen würde. Größer hieß nicht immer besser und Santi hatte schon immer den Drang gehabt, solchen Muskelprotzen ihren Platz zu zeigen. Dass er selbst ordentlich Muskeln hatte und nicht zu den kleinsten Menschen gehörte, spielte dabei keine Rolle. Er hatte oft genug eingesteckt, um sein Ego im Zaum halten zu können, wenn er sich einem besseren Kämpfer gegenübersah. Aber ob jemand besser war, das fand nur im Ring heraus. Oder in der Gasse hinter eine Kneipe, wenn's denn sein musste.
      Bevor er aber einen neuen Sparringpartner bekam, schaffte es Lewis mit Leichtigkeit, ihnen Eintritt zu verschaffen. Er brauchte dafür nur einen Namen zu nennen. Santi nickte dem Gorilla zu - wie der das interpretierte war ihm egal.
      "Das bleibt noch abzuwarten," antwortete er und ließ sich ebenfalls auf das Sofa sinken. "Jetzt wo wir nicht mehr unter Apollos Fuchtel stehen: wer ist Bryce?"
      Santiago ging einfach mal davon aus, dass Apollos kleines Embargo verstrichen war. Selbst wenn nicht, der Mann war weder seine Mutter, noch sein Befehlshaber. Santi konnte tun und lassen was er wollte und Lewis keine Antwort gab, dann war das Lewis' Entscheidung. Sie waren jetzt wieder freie Leute, die ihre Handys mit zu Besprechungen nehmen konnten, wenn ihnen danach war.
      Er ließ den Blick durch die Lounge wandern. Das hier war keiner der High Society Clubs, in die er sonst zitiert wurde, wenn ihm jemand einen Job aufdrücken wollte - sie boten nie an, sie forderten seine Dienste immer ein, diese Fatzken. Alles in allem wirkte es genau wie die Art Club, in der man Streuner wie Lewis für gewöhnlich aufgabelte. Unter anderen Umständen würde sich Santiago hier entweder richtig wohlfühlen, oder sofort reißausnehmen wollen...


    • Lewis griff sich seinen Drink und machte es sich bequem. Solange sie hier noch richtig Platz hatten, wollte er das auch anständig auskosten.
      "Wer Bryce ist? Das ist nur der einzige Kerl in ganz New York, der dir das beste Gras beschaffen kann. Und das reinste Crystal, habe ich mir sagen lassen, das ist aber nicht so meins. Bryce macht nicht alles, der handelt nicht mit Meth, Crack oder Heroin, der hält sein Sortiment gering, aber dafür hat er immer was zu Verfügung und immer nur das beste. Viel besser als der Typ von Redcoat, wenn du mich fragst. Den kennst du aber schon, oder? Hast du überhaupt irgendwas mit Drogen am Hut?"
      Er nahm einen Schluck - einen großen - während er sich ihrer Lage überhaupt erst bewusst wurde. Das hier war nicht nur ein kleines feines Zusammenkommen, sie waren jetzt offiziell mit dem Auftrag fertig; nur die Bezahlung fehlte noch. Es gab keine blöden Regeln mehr und keine Beschränkungen, an die sie sich halten mussten.
      Ob es eine gute Idee war, diesem Muskelpaket, von dem Lewis kaum mehr wusste als dass er eine merkwürdige Magie bei sich hatte, etwas von sich anzuvertrauen? Immerhin konnten auf solche Weise schnell die falschen Informationen an die falschen Leute geraten. Und wer versicherte Lewis schon, dass Santiago nicht selbst ein Problem darstellen würde?
      Auf der anderen Seite war Lewis durchaus gewillt, einen Handel einzugehen. Eine Information für eine Information, sowas wäre doch fair.
      Er stellte seinen Drink wieder ab, stellte die Ellbogen auf und bettete sein Kinn auf seinen Händen, um Santiago mit einem deutlich intensiveren Blick zu betrachten.
      "Was machst du denn, wenn du mal nicht für einen Gott in Banken reinmarschierst? Ich weiß, dass du dich prügeln kannst und dass du", er machte einen Schwenk mit seinem Zeigefinger zu Santiago, "das Zeug mit deinen Augen machst. Aber mit was davon verdienst du dir das Gehalt?"
    • Bryce war also eine Kakerlake, die sich als Geschäftsmann sah, so so. Und Lewis' Dealer war auch noch. Wie konnte dieser Streuner so ein cleveres Kerlchen sein und zeitgleich so wenig Pokerface haben? Die 1,5 Milliarden Dollar würden ihm hoffentlich nicht so weit zu Kopf steigen, dass er sich selbst damit verreit. Apollo hatte sichergestellt, dass niemand die anderen wirklich verraten konnte, aber Santiago mochte Lewis irgendwie. Es wäre schade, wenn er sich selbst in den Knast katapultierte.
      "Kenne ich Redcoat?"
      Tja, kannte er Redcoat? Das war eine gute Frage. Er kannte Julian und er wusste, dass der Franzose ihm wohlgesonnen war. Aber Julian hatte auch schon seine Dienste in Anspruch genommen und demnach hatte er sich Santiagos Diskretion erkauft. Mit Zuschlag.
      "Ich hab davon gehört, ja. Aber dein kleiner Freund kann es doch wohl kaum mit den Europäern aufnehmen, oder?"
      Er nippte an seinem Drink.
      "Mit Drogen habe ich nur so viel am Hut, wie es meine Arbeit verlangt. Ich hab durchaus schon welche genommen, aber nichts hatte den Effekt, den ich wollte. Heute rauche ich eigentlich nur noch und hin und wieder trinke ich einen. Aber ich verurteile niemanden. Wenn du dich wegschießen willst, dann mach das, ist nicht mein Problem."
      Er zuckte mit den Schultern.
      Als sich Lewis nach vorn beugte und ihn eingehend betrachtete, rührte sich Santiago nicht. Er begegnete dem Blick des Streuners hinter seiner verspiegelten Sonnenbrille, blieb aber entspannt und ließ ihn machen, was auch immer er da tat. Was scheinbar nicht viel war, angesichts der Frage, die er gleich darauf stellte. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und er nippte erneut an seinem Drink, leerte ihn. Dann beugte auch er sich nach vorn und stellte das Glas weg. Er kopierte Lewis' Haltung, sie waren sich nun recht nahe.
      "Meine Augen sind doch ganz harmlos, callejero*," antwortete er. "Vor meinen Fäusten muss man sich schon eher in Acht nehmen."
      Insbesondere, wenn er seine Handschuhe auszog, wie er es unten im Tresorkeller der Bank getan hatte.
      Er patschte Lewis auf geradezu freundschaftliche Weise zweimal sanft gegen die Wange, bevor er sich wieder zurücklehnte und die Arme auf der Rückenlehne des Sofas ausbreitete.
      "Das, was ich heute gemacht habe, ist eher die Ausnahme, da hast du schon Recht. Normalerweise arbeite ich allein, vermöbel alles, was mir im Weg steht, und besorge die Ware, um sie dann da hinzubringen, wo sie hinsoll. Nenn mich Lieferjunge, wenn du musst. Die meisten nennen mich eher eine Versicherung mit Rückholpolice. Wenn ich dabei bin, geht's meistens gar nicht erst flöten, aber manchmal ist das Kind ja schon in den Brunnen gefallen."
      Er zuckte ein bisschen umständlich mit den Schultern.
      "Und du? Du triffst perfekte Voraussagen, brauchst aber live Informationen, um das anstellen zu können. Du spielst also kein Roulette. Pferderennen? Nein, Wetten muss man vorher abgeben. Und nach Börsengeschäften siehst du auch nicht wirklich aus."
      Er legte den Kopf schief, musterte den schlaksigen Kerl, der da vor ihm saß in all seiner zerzausten Glorie. Santi wurde einfach nicht schlau aus ihm.
      "No, nada. Ich habe keine Ahnung. Verrat's mir. Ich geb dir auch einen Drink aus."








      *in diesem Fall "Streuner", nicht Straßenkarte xD


    • "Wieso es mit Europäern aufnehmen, wenn es doch ganz New York zu beliefern gibt?", gab Lewis breit grinsend zurück, womit er eigentlich nur Bryce nachplapperte und das nicht gerade schlau. Dennoch verspürte er das Bedürfnis, seinen Dealer irgendwie in Schutz nehmen zu müssen, was völlig schwachsinnig war. Sie waren ja nichtmal zusammen oder sowas in der Art.
      Und nachdem Santiago selbst wohl nichts nahm, würde er ihm vielleicht auch nie über den Weg laufen. Lewis und seine Marotten eben.
      "Ohh - ich kann mich ja auch wegschmeißen, nicht wahr? Ich habe immerhin einen Chauffeur, der mich bis vor meine Haustür zurück bringt."
      Santiagos Miene blieb wie versteinert, dabei war bei der Sonnenbrille aber auch nur die Hälfte des Gesichts erkennbar. Wenn Lewis Muskelpaket in die Augen sah, sah er eigentlich nur sich selbst an und das gleich doppelt.
      Dann leerte Santiago, der bis dahin noch höchst gemäßigt immer nur an seinem Drink geschlürft hatte, das ganze restliche Glas und stellte es beiseite, bevor auch er sich nach vorne lehnte. Seine Bewegung mochte überzogen wirken, weil Lewis' kompaktere Statur ihn durchaus bemächtigte, sich auch so auf den Tisch zu lehnen und das bei seinem Gegenüber eher wie Satire wirkte, aber der Effekt war dennoch nicht verfehlt. Mit einem Schlag waren sie sich nahe genug, dass man die Intention dahinter nicht leugnen konnte.
      Lewis grinste freimütig. Er mochte es, so unscheinbar zu flirten. Wenngleich die Sonnenbrille ihn langsam zu nerven begann, so notwendig sie anfangs noch gewesen sein mochte.
      "Wegen deinen Fäusten hat Apollo dich jedenfalls nicht angestellt, so hart die auch sein mögen. Dann müssen es wohl die Augen sein."
      Callejero - der Mann war Spanier. Ob Lewis mit dieser Information etwas anfangen konnte? Wahrscheinlich nicht. Es war aber die Art von Information, die sie sich die ganzen Wochen zuvor hatten verschweigen müssen, daher dürstete es ihn geradezu danach.
      Ganz harmlos tätschelte Santiago ihm die Wange, dann zog Muskelpaket sich wieder zurück und breitete sich auf seinem Platz aus. Dieses verflucht schwarze Hemd sah wirklich gut aus - und schien absichtlich eine Spur zu eng gewählt zu sein. Jetzt spannte es sich nämlich über zwei durchtrainierte Schultern, die von einer breiten Brust begleitet wurden.
      Vollkommen bewusst darum, dass zwar Santiago einen Sichtschutz für seinen Blick hatte, Lewis aber nicht, ließ er seinen absichtlich auffällig an ihm herab wandern. Sollte der andere doch sehen, dass Lewis ihn mit seinen Augen auszog. Ihm musste bewusst sein, dass er sich hier wie ein äußerst leckerer Nachtisch präsentierte.
      Lewis nahm auch sein eigenes Glas und kippte den letzten Rest hinunter.
      "Lieferjunge. Ich würde dich eher als Prügelknaben bezeichnen. Du solltest mir deine Nummer geben, manchmal könnte ich so jemanden wie dich gebrauchen."
      Das war ein richtiger Offensivschuss, den Lewis sicher lahm gefunden hätte, wenn er nicht schon bekifft und langsam auch angetrunken gewesen wäre. So lehnte auch er sich zurück, sein immerwährendes Grinsen im Gesicht, und betrachtete diesen Prachtkerl von einem Mann, der sich hier so lässig vor ihm ausbreitete. Wie viele Drinks der wohl brauchen würde, bis er erobert wäre? Ob er das überhaupt zulassen würde?
      "Du gibst mir einen aus? Bringst du dann auch einen Joint mit?"
      Er wackelte mit den Augenbrauen, dann bedeutete er ihm mit dem Finger näher zu kommen, während er in der gleichen Bewegung selbst zu ihm rutschte. Ganz geschmeidig glitt er in die Mulde von Santiagos Seite, die wie für seine Größe gemacht schien, und beugte sich zu seinem Ohr. Sie berührten sich nicht, an keiner Stelle, aber es war verdammt nah dran.
      "Das ist ein Berufsgeheimnis, komm näher und lass mich nicht betteln."
      Er hob eine Hand an sein Ohr und ließ ihn ein paar Sekunden abwartend ausharren. Das war seine Revanche für die blöde Sonnenbrille, durch die er seine Augen nicht sehen konnte. Dann:
      "Ich schaue Nachrichten."
      Er hauchte es absichtlich ein bisschen. Sexy konnte man einen solchen Satz nicht machen, aber Lewis wusste durchaus, dass ein feiner Atem im Ohr alles ein bisschen interessanter gestalten konnte.
      Er lehnte sich über den Tisch, ohne Santiagos Seite zu verlassen, und hielt ihm frech grinsend sein leeres Glas vors Gesicht.
      "Das ist die Wahrheit, mein echter Job. Einen Drink, bitteschön. Wenn du mir den richtigen bringst, verrate ich dir vielleicht mehr."
      Dabei klimperte er vielleicht auch ein bisschen absichtlich mit den Wimpern.
      Santiago ging und gab ihm tatsächlich einen aus, also wollte Lewis auch seinen Teil der Abmachung weiter einhalten.
      "Wir haben ein Transport-Unternehmen, Familien-Business. Leuten wie Bryce stellen wir Lieferwägen und sowas und für den richtigen Aufpreis, lotsen wir sie durch Kontrollen und Durchsuchungen hindurch. Mein Bruder macht die Logistik und das Geschäft, ich mach den Teil mit den Kontrollen. Dafür schaue ich Nachrichten, die zeigen mir das grobe, was ich wissen muss, und für die Feinheiten haben wir einen Deal mit einer Hacker-Gruppe, die uns mit Kamera-Aufzeichnungen beliefert."
      Er stutzte.
      "Fuck, ich hoffe da sitzt nicht Jericho dahinter."
    • Santiago schüttelte grinsend den Kopf. Der Junge hatte ja schon den ganzen Abend irgendwie mit ihm geflirtet, aber jetzt ließ er sämtliche Verschleierungen fallen. Er konnte eine solche Direktheit respektieren. Der Junge wollte seine Nummer? Sollte er sie sich doch verdienen.
      "Ich arbeite nur auf Empfehlung. Wenn du meine Nummer willst, musst du sie dir schon besorgen," gab er zurück.
      Würde er den Knirps ranlassen? Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht. Süß war er ja schon mit seinen zerzausten Haaren und seinem sonst so verlorenen Blick. Die nervöse Variante von Lewis ging ihm zwar ein bisschen auf die Nerven, aber es löste auch einen ganz speziellen Beschützerinstinkt in ihm aus. Und diese freiere, entspannte Version von ihm war irgendwie süß, wie ein kleiner Hund, der es mit einem Rottweiler aufnahm, ohne mit der Wimper zu zucken. Santi hatte ja schon immer ein Herz für Streuner gehabt.
      Er rührte sich nicht, als Lewis seine Angriffsstrategie weiterführte und plötzlich an seiner Seite saß. Er spielte mit, lehnte sich zu ihm, als Lewis ihm sein Geheimnis verraten wollte.
      "Ich schaue Nachrichten."
      Santi konnte sich nicht zurückhalten und lachte schallend los. Irgendwo zwischen dem leerstehenden Supermarkt und diesem mittelmäßigen Club hier musste er falsch abgebogen und im falschen Film gelandet sein. Lewis verdiente seinen Lebensunterhalt damit, Nachrichten zu gucken. Da musste mehr dahinter stecken, das wusste Santiago, aber die Formulierung war brilliant.
      Er nahm dem Knirps das Glas ab und stand auf, um zur Bar zu gehen. Den richtigen Drink rauszufinden war einfach. Er nickte halb über seine Schulter zu Lewis und forderte den Barkeeper auf, "das Übliche" zu servieren. Den Joint bekam er dabei sogar ohne weitere Nachfrage dazu. Mit beidem bewaffnet kehrte er zu ihrer kleinen Ecke zurück. Er reichte Lewis seinen Drink, dann den Joint, bevor er sich wieder auf die Polster setzte. Diesmal saß er eher seitlich darauf, ein Bein angewinkelt und unter das andere gefaltet, einen Arm auf der Lehne, um Lewis weiterhin ansehen zu können, ohne sich eine Verspannung im Nacken zuzuziehen.
      Der Knirps stand immerhin zu seinem Wort und erklärte ein bisschen genauer, womit er sein Geld verdiente. Jetzt machte es auch ein bisschen mehr Sinn, warum Apollo ihn angeheuert hatte. Im Prinzip hatte Lewis das getan, was er immer tat, nur sehr viel schneller und in einem kleineren Format, beinahe so, als ob seine normale Arbeitslast komprimiert worden war. Interessant.
      "Ich glaube, Jericho hat genug mit deren beiden Firmen zu tun. Außerdem scheinen mir gedoktorte Kameraaufnahmen ein bisschen zu langweilig für die Pappnase zu sein."
      Santiago grinste, als er Lewis' Blick sah. Ja, er hatte die ein oder andere Sache über ihren eigenen Hacker herausgefunden. Hauptsächlich durch die vielen Fahrten, die er mit Jericho hatte verbringen müssen. Die Pappnase hatte Anrufe von deren Firmen im Auto angenommen, Santiago hatte bloß ein paar Dinge zusammengerechnet.
      Er erklärte weder seine Informationen, noch woher er sie hatte. Die Diskretion, die seine Klienten genossen, war ihm mittlerweile so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er sie selbst nicht-zahlenden Kunden gab. Mal ganz davon abgesehen, dass Jericho nicht zugestimmt hatte, deren Informationen zu teilen. Sie hingen immer noch alle zusammen wegen dem Job, Informationen auszutauschen sollte also eine wohlüberlegte und vor allem private Entscheidung sein.
      Santiago musterte Lewis. Dann entschloss er sich, das Thema zu wechseln. Der Knirps wollte spielen? Na schön.
      "Wie scharf genau bist auf mich?"


    • Wie scharf er genau war? Da wurde aber jemand direkt. Lewis hatte sich ja keine Mühe gegeben, es irgendwie zu verschleiern, und jetzt grinste er verschlagen, als Muskelpaket direkt zur Sache kam. Es hatte wohl gezogen, dass er so laut über Lewis' Beruf gelacht hatte.
      Es war ja auch lustig, sogar zum Schreien lustig. Aber Santiago hatte wohl gleich begriffen, dass es keineswegs ein Witz oder eine zu vage Formulierung gewesen war, sondern dass es purer ernst war. Das machte es ja nur noch lustiger.
      Lewis fühlte sich ein bisschen wie dieser Kerl, David, der den Riesen Goliath umlegte. Er hatte zwar keine Waffe dabei und war nicht auf Kampf aus, aber fuck, wenn er diesen Kerl unter sich liegen haben dürfte, das hätte schon was von einem gefällten Goliath. Das gefiel Lewis. Er steckte sich den Joint zwischen die Lippen - gesegnet sei der Mann, dass er ihm tatsächlich einen gebracht hatte - und zündete ihn in aller Ruhe an. Dann blies er den Rauch gleichmäßig durch die Lippen aus, wobei er natürlich nicht absichtlich auf Santiago zielte, irgendwie aber auch schon, und kopierte seine Haltung, so wie der andere es mit ihm vorhin getan hatte.
      Mittlerweile kamen ein paar mehr Leute herein, aber es war noch Platz genug, dass sich niemand zu ihnen setzen musste.
      "Wie scharf ich auf dich bin?"
      Langsam wog er den Kopf hin und her, als müsse er das abwägen. Er ließ sich absichtlich Zeit; vielleicht war Muskelpaket ja ein Typ, der leicht ungeduldig wurde.
      "Hmmmm."
      Er warf einen Blick durch den Raum. Alle der hier Anwesenden waren ungefähr in ihrem Alter, einige Gesichter kamen Lewis auch vage bekannt vor. Kaum einer beachtete sie.
      "Scharf genug, dass ich dich für den heißesten Kerl hier im Club halte. Wenn wir nicht schon zusammen gekommen wären, hätte ich mich vermutlich an dich rangemacht. Ein Macho-Typ mit Sonnenbrille in der Nacht und extravagantem Hemd? Genau mein Ding."
      Frech wackelte er mit den Augenbrauen, nahm noch einen zug und hüllte Santiago mit seinem Rauch ein. Ihre Knie lagen aneinander, dafür sorgte Lewis schon.
      "Oder möchtest du etwas anderes hören? Willst du hören, dass ich so scharf auf dich bin, dass ich nichtmal bis zum Auto warten würde, um dir einen zu blasen? Hmmm? Wärst du so einer? Oder was für ein Typ bist du, Santi-Baby?"
      Provokant zeigte er ihm sein dickstes Grinsen.
    • Nagel, Kopf. Topf, Deckel. Arsch, Eimer.
      Er würde sein Hemd jetzt nicht unbedingt als extravagant beschreiben - es war einfach nur ein ordentliches, einfarbiges Hemd, das nicht in Kambodscha gemacht worden war - aber er nahm das Kompliment trotzdem an. Er war nicht unbedingt ein Snob, wenn es um Klamotten ging, aber Santiago achtete schon darauf, gut auszusehen. Er wusste sehr wohl, wie er auf die meisten Menschen wirkte, wenn man einmal von der gruseligen Aura seiner Magie absah.
      Aber jetzt übertrieb es Lewis dann doch ein bisschen. Es gab direktes Flirten und es gab was auch immer er da jetzt veranstaltete. Es fühlte sich fast schleimig an, so dick wie er auftrug.
      "Santi-Baby? Ist denn schon Weihnachten?" fragte er grinsend.
      Er legte Lewis eine Hand aufs Knie und lehnte sich ein bisschen näher zu ihm, als wolle er ihm etwas sagen, was sonst niemand hören sollte. In Wahrheit war es ihm vollkommen egal, wer zuhörte und wer nicht. Sein Blick huschte - mit voller Absicht - zu Lewis' Lippen, als müsste er sich überlegen, ob er diesen Blowjob haben wollte. Er neigte sogar den Kopf ein klein wenig, damit Lewis wusste, wo genau er eigentlich hinsah, selbst mit der Sonnenbrille. Abgeneigt war er der Vorstellung auf jeden Fall nicht.
      "Was bist du für ein Typ, Lewis, hm? Bist du jemand, dem man sagt, was er zu tun hat? Bist du jemand, der andere gern zufriedenstellt? So klingst du nämlich gerade. Oder bist du eher jemand," er rückte dem Knirps ein bisschen auf die Pelle, schnappte sich eine eine der wilden Strähnen und wickelte sie sich geradezu gedankenverloren um den Finger, "der immer nur das getan hat, was ihm sagt, und deswegen nicht weiß, was er selbst will?"
      Er schob die Hand, die die Strähne festhielt, nun ganz in Lewis' Haare und zog dessen Kopf so dicht zu sich, dass sich ihre Nasen beinahe berührten. Aber nur beinahe. Noch stellte Santiago keinen Hautkontakt her. Das war nur zur Hälfte ein weiterer Tease.
      "Verrate mir, was du willst," flüsterte er. "Und vielleicht bin ich geneigt, es dir zu geben."
      Er lächelte kurz, dann ließ er den Knirps wieder los und lehnte sich zurück, vollkommen entspannt. Dieser Knirps... Wenn er und Santiago am Ende dieser Nacht nicht nackt in irgendeinem Bett lagen, dann war wirklich irgendwas nicht richtig. Sie beide wollten es, soviel war glasklar. Die Frage war nur, wie lang sie dieses Spielchen hier noch treiben wollten. Zählte das schon als Vorspiel? Sollte es.
      Die Frage, die sich stellte, war, was Lewis wollte. Welchen Santiago er wollte. Er hatte ja schon gesagt, dass ihn die Gewalt anzog, aber Santiago war mehr als das. Vor allem, wenn er mit jemandem intim wurde.


    • Ob der Spitzname gut ankam, ließ sich kaum hinter der Sonnenbrille erkennen. Immerhin grinste Santiago, was bedeutete, dass er nicht furchtbar genug gewesen war. Vielleicht fiel Lewis ja noch was besseres ein.
      Dann legte der Mann eine starke Hand auf Lewis' Knie ab, die noch immer in einem jetzt sehr dämlichen Handschuh steckte. Das war wohl eine von Santiagos Marotten, wie auch Lewis seine hatte, denn der Kerl hatte die Handschuhe immer noch nicht ausgezogen. Vorhin in der Bank waren sie fast notwendig gewesen, für die ganzen Türklinken, aber auch um zu verstecken, dass er sich mit seinen Fäusten geprügelt hatte, aber hier? Es war ja schon fast ein bisschen eine Beleidigung, dass er sie nicht wenigstens ausziehen wollte, um Lewis anzufassen. Wenn er die auch beim Sex tragen würde... Lewis hoffte es nicht. Hoffentlich hatte der Typ keinen Handschuh-Fetisch oder sowas.
      Trotzdem gefiel ihm die Geste, weil sie ihm bestätigte, was er schon wusste. Er kam Santiago sogar ein bisschen entgegen, aber auch nur, weil er sehen wollte, wie weit der andere gehen würde. Definitiv nicht weit genug. Er verharrte in einem gemäßigten, wenn auch schon eindeutigen Abstand und neigte den Kopf, um zweifellos Lewis' Lippen zu betrachten. Die waren nicht unansehnlich, das wusste Lewis ganz genau. Bryce pflegte immer zu sagen, dass sie einen dazu verführten, sie zum bluten zu bringen.
      Lewis ließ daher in voller Absicht seine Unterlippe an seinen Zähnen vorbeigleiten und fuhr mit der Zungenspitze darüber. Oh, er wusste ganz genau, was er dort tat und dass Santiago auch darauf ansprang.
      Der Mann kam noch näher, bis Lewis fast seinen Atem spüren konnte. Alkohol lag da drin, aber nicht so viel wie bei Lewis. Es lag etwas kalkulierendes darin, wie er seine Hand hob, um eine seiner Strähnen um den Finger zu wickeln. Lewis war sich in dem Moment sicher, dass er es ihm auch gewährt hätte, ihn beim ganzen Haarschopf zu packen.
      Oh, er würde Santiago viel gewehren. Nicht so viel wie Bryce, aber genug.
      "... Oder bist du eher jemand, der immer nur das getan hat, was ihm sagt, und deswegen nicht weiß, was er selbst will?"
      Autsch. Ob das nun ein Glückstreffer gewesen war oder der Kerl irgendeine gruselige Menschenkenntnis hinter seiner verfluchten Sonnenbrille versteckte, der hatte gesessen. Lewis hätte es sich gerne nicht anmerken gelassen, aber er konnte - durch selbige verfluchte Brille - sehr deutlich sehen, wie sich seine Miene etwas versteifte. Er würde sich doch nicht dafür rechtfertigen, was er im Bett mochte - nicht vor sich selbst und nicht vor diesem Muskelprotz!
      Aber das kurze Aufkeimen seines Missfallens wurde sowieso überspielt, als der Mann doch noch in seine Haare griff und ihn näher zog. Die Geste hatte einen Anflug des Kerls in sich, der an diesem Abend eine Wache innerhalb von fünf Sekunden zu Boden gestreckt hatte und mit der zweiten bestimmt nicht langsamer gewesen war. Lewis biss sich wieder auf die Lippe, aber diesmal nicht, um sie zur Schau zu stellen. In seinem Unterleib prickelte es, aber zumindest hatte er noch genug Kontrolle, um sich zurückzuhalten.
      Er war leichte Beute, das wusste er. Das musste aber nicht heißen, dass Muskelpaket das so früh herausfinden sollte.
      Er zog von seinem Joint, ohne wieder auszuatmen, und lehnte sich Santiago nach. Santiago kam ihm aber nicht entgegen; Lewis musste sich so weit rüberlehnen, dass er sich fast auf alle Viere stellen musste. Einen Arm stützte er neben Santiago auf dem Polster ab, bis er nahe genug vor ihm schwebte. Es war ihm egal, wer jetzt seine Rückseite alles betrachten konnte, seine Aufmerksamkeit lag ganz allein auf dem Mann vor ihm mit der dummen Sonnenbrille, aber den verführerischen, einladenden Lippen.
      Als er sprach, drang ihm der Rauch in kleinen Wölkchen aus dem Mund.
      "Ich bin ein Typ, der Härte zu schätzen weiß."
      Sein Blick legte sich auf Santiagos Lippen.
      "Ich bin ein Typ, der sich sehr genau vorstellen würde, was geschehen wäre, wenn ich in diesem Wachraum gewesen wäre. Wenn du reingekommen wärst und mich mit deinen roten Handschuhen gepackt hättest."
      Er legte den Kopf schief, starrte sich selbst in den Brillengläsern an und musterte wieder Santiagos Lippen. Die Brille musste bald weg, ganz sicher.
      "Hättest du mir auch die Fresse poliert?"
      Seine Stimme war jetzt ganz leise, lockend.
      "Oder hättest du was anderes mit mir angestellt?"
      Er hob den Joint mit der anderen Hand, aber anstatt selbst an ihm zu ziehen, hielt er ihn Santiago an die Lippen, seine Fingerspitzen dicht genug am Ende, dass er zweifellos mit ihnen in Berührung kommen musste, wenn er das stillschweigende Angebot annahm.
    • Santiago ließ den Knirps gewährend ohne sich selbst zu bewegen. Er wollte wissen, wie weit Lewis allein gehen würde, jetzt wo er quasi die Einladung dazu ausgesprochen hatte.
      Als er ihm den Joint hinhielt, drehte er den Kopf leicht, um einen Zug zu nehmen. Er inhalierte nicht, behielt den Rauch bloß im Bund und blies ihn Lewis ins Gesicht.
      "Das kommt ganz drauf an, was du gemacht hättest," antwortete er. "Auf den ersten Blick stellst du keine Bedrohung dar. Also hätte ich deinen Kollegen zuerst ausgeknockt. Hättest du dann versucht mich anzugreifen, hätte ich dich am Arm gepackt, über meine Schulter geworfen und dich mit einem Schlag gegen die Kehle ausgeschaltet. Aber hättest du nur da gestanden, deine hübschen Welpenaugen weit aufgerissen... Dann hätte ich versucht herauszufinden, wie gefährlich du bist."
      Er legte Lewis die Hand flach auf das Brustbein, sodass sein Zeigefinger und sein Daumen auf den beiden Seiten seines Schlüsselbeins lagen - dicht unter der Kehle.
      "Du wiegst fast gar nichts, also wäre es leicht gewesen, dich gegen die nächstbeste Wand zu drängen."
      Er schob seine Hand nach oben, bis sie in einem lockeren Griff um Lewis' Kehle lag. In seinem Gesicht gab es keine Regung, seine Stimme blieb sachlich.
      "Ich hätte dich wahrscheinlich gefragt, ob noch mehr kommen würden oder ob du allein bist."
      Er übte ein wenig Druck auf Lewis' Kehle aus - auf die Halsschlagadern, nicht die Luftröhre, wie es sich gehörte - sowohl im Bett, als auch in einer Kampfsituation.
      "Dann hätte ich dich zu Boden geworfen und deine Hände und Füße gefesselt, wie ich es mit den anderen gemacht habe. Zum Schluss gibt's einen Knebel, damit dich niemand schreien hört."
      Alles ziemlicher Standard. Wahrscheinlich hätte er Lewis in diesem Szenario auch noch eine reingehämmert, um ihn auszuknocken, aber das war weniger sexy als der Rest.
      Santiago ließ seine Hand wieder sinken. Dann packte er Lewis an den Oberschenkeln und setzte ihn auf seinen Schoß, ob der Knirps wollte oder nicht. Wie er bereits gesagt hatte: Lewis war so leicht wie eine Feder für ihn. Er hielt Lewis dort, auf seinem Schoß, ohne ihn wirklich festzuhalten.
      "Was hättest du denn gemacht, wenn ich plötzlich in dein Büro marschiert wäre und deinen Kollegen mit zwei Schlägen ins Land der Träume geschickt hätte?" fragte er. "Hättest du dich als harmloser kleiner Welpe gegeben? Dich auf den Rücken geworfen, um mich zu besänftigen?"
      Die Vorstellung war schon verlockend. Normalerweise war Santiago nicht jemand, der sich in Fantasien verlor - wenn er Lust auf Sex hatte, dann suchte er sich jemanden und legte los - aber dieses Spiel hier gefiel ihm. Und Lewis war ein ziemlich guter Mitspieler.


    • Lewis sah dabei zu, wie sich die Lippen des Mannes um den Joint legten und er zog. Sein Brustkorb hob sich nicht, dafür blies er den Dunst gleich wieder aus und hüllte Lewis darin ein.
      Er hatte sich die Szene eher wie einen schlechten Porno vorgestellt, was aber zumindest noch stimmungsvoller gewesen wäre als die Beschreibung, die Santiago von sich gab. Da sprach ganz eindeutig der Prügelknabe aus ihm, der Fantasie genug hatte, sich erst einmal vorzustellen, wie er mit den Männern im Raum wirklich verfahren wäre. Lewis rollte demonstrativ mit den Augen, weil sie schließlich beide wussten, dass er nicht darauf heraus gewollt hatte.
      Dennoch ließ er das schnell wieder bleiben, als der andere seine Hand an sein Schlüsselbein legte. Das war schon eher, ganz und gar, nach seinem Geschmack. Santiago hatte seine Aufmerksamkeit zurück gewonnen, und das schon mehr als zuvor.
      "Ich hätte dich wahrscheinlich gefragt, ob noch mehr kommen würden oder ob du allein bist."
      Das erntete dem Mann wieder ein Augenrollen, das aber darin endete, dass Lewis' Augen sich leicht weiteten, als Santiago ein wenig Druck ausübte. Nicht genug, um sein Interesse ernsthaft zu fördern, aber genug um zu zeigen, dass er durchaus wusste was er dort tat. Lewis streckte seinen Hals lang, gewährte ihm den vollen Zugriff, den Santiago nicht in Anspruch nahm. Auch das galt nicht dem Zweck, ihn ernsthaft zu locken, sondern etwas anderes klarzumachen.
      "Dann hätte ich dich zu Boden geworfen und deine Hände und Füße gefesselt, wie ich es mit den anderen gemacht habe. Zum Schluss gibt's einen Knebel, damit dich niemand schreien hört."
      Das war ja enttäuschend.
      "Wie langweilig. Sonst nichts? Du hättest nichtmal einen besonderen Knebel für mich?"
      Er wollte ihn damit ein bisschen weiterlocken, aber für Santiago war es das wohl gewesen. Dann ergriff er ihn allerdings an seinen Oberschenkeln und zog ihn einfach so auf seinen Schoß. Das war bisher der größte Körperkontakt, den sie aufgebaut hatten, und es wirkte auf Lewis wie eine Droge, von der er gleich mehr haben wollte. Santiagos Schoß war breit, seine Beine kräftig; Lewis fand dort seinen Platz, als wäre er wie für ihn geschaffen, und machte sich nichts daraus, irgendetwas vortäuschen zu wollen. Er rutschte mit Absicht herum, bis er die Beule seiner Hose an das pressen konnte, was Santiago dort unter seinen Kleidern versteckte.
      Die Berührung ließ ihn grinsen. Santiago täuschte sein Interesse also auch nicht vor - nicht, dass er jemals davon ausgegangen wäre.
      Thronend wie ein König - so fühlte sich das jedenfalls an bei dem Kraftprotz unter ihm - lehnte er seinen Oberkörper ein Stück zurück, um den Mann unter sich richtig betrachten zu können. Er zog wieder an seinem Joint, blies den Rauch aber diesmal zur Seite. Die roten Hände ruhten noch immer auf seinen Schenkeln, auch wenn sie ihn nicht weiter hielten. Lewis mochte zwar schlank gebaut sein, aber er hatte durchaus geschmeidige Muskeln zu verzeichnen, besonders die, die ihn in einer solchen Position unterstützten.
      "Wenn du hereingekommen und meine Kollegen ausgeknockt hättest, wäre ich in der Zwischenzeit nach draußen geschlüpft. Ich kann ziemlich schnell sein - vielleicht ja schneller als du?"
      Wenn Santiago schon sachlich reden wollte, hatte er sich jetzt auch eine sachliche Antwort eingehandelt. Aber Lewis hegte nicht viel Interesse daran, das Gedankenspiel realistisch zu gestalten.
      Er lehnte sich wieder nach vorne, bis Santiago den Kopf auf die Rücklehne legen musste, um ihn weiter anzusehen. Seine Locken fielen ihm ins Gesicht, aber Lewis konnte von der Sonnenbrille sehen, dass das ziemlich sexy aussah. Er grinste daher und rutschte ein wenig auf seinem Schoß herum, nur damit er seine Hüfte dabei kreisen lassen konnte.
      "Aber du bist schlau und hättest dich sicher bei der Tür positioniert, oder? Mir den Weg abgeschnitten mit deinen Muskelpaketen? Die Tür zugemacht, damit ich auch niemanden mit meinem Lärm aufscheuche?"
      Er lehnte sich ein bisschen zu ihm runter, hob die Hand, schob sie in die roten Strähnen hinein. Sie waren wirklich weich, so wie er es sich vorhin vorgestellt hatte. Er hielt ihn daran fest.
      "Ich wäre gar nicht aus dem Raum gekommen. Ich hätte mit dir verhandeln müssen, dir zeigen müssen, dass ich bei Bewusstsein wertvoller für dich bin. Ich kann überzeugend sein, wenn ich das will - sehr überzeugend."
      Er legte den Kopf schief, seine Stimme leise und raunend.
      "Vielleicht hätte ich mich als harmloser Welpe gegeben; ich hätte mich vor dir auf den Boden geworfen und dich angebettelt, dass du mich verschonen sollst, dass ich dir beweisen kann, dass ich ganz harmlos bin. Ein Hund, der weder bellt noch beißt. Dafür hab ich anderes, was ich mit meinem Mund tun kann. Sehr viel anderes."
      Sein Blick huschte zu Santiagos Mund hinab, der ihm jetzt so nahe war, dass nicht mehr viel gefehlt hätte, bis sie sich geküsst hätten. Er beugte sich auch weiter zu ihm herunter, aber dann lehnte er sich zur Seite, um ihm stattdessen ins Ohr zu hauchen.
      "Möchtest du nicht selbst erfahren, was ich damit alles anstellen kann?"
    • Santi lachte leise.
      "Du bist doch derjenige, der scharf bei Gewalt wird," kommentierte er schlicht. "Und so ein kleines, wehrloses Spanferkel... damit kann man viel anfangen. Dich wie ein notgeiler Neandertaler über meine Schulter werfen und in meine Höhle entführen ist da nur eine Option."
      Er zuckte mit den Schultern.
      Lewis wäre ihm nicht entkommen. Selbst wenn er es aus der Tür geschafft hätte, Santiago hätte ihn binnen weniger Sekunden wieder eingefangen. Vielleicht hätte er ihm ja einen kleinen Vorsprung gewährt, um die ganze Sache interessanter zu gestalten.
      Der Knirps holte ihn aus seinem Kopf, indem er seine Hüften kreisen ließ, sie an Santiagos Schritt rieb wie ein notgeiler... naja, Hund eben. Santi konnte nicht behaupten, dass er es nicht mochte.
      Er schob seine Hände über Lewis' Schenkel, bis er ihn an der Taille greifen konnte. Sein Griff war noch immer harmlos, seine Hände lagen einfach nur da. Für den Moment jedenfalls. Lewis hatte eine sehr greifbare Taille...
      Santiago lief ein Schauer über den Nacken, als er Lewis' Hand in seinen Haaren, an seinem Hinterkopf spürte. Das war ihre erste richtige Berührung, ihr erster Hautkontakt. Er wartete, dass Lewis zurückzuckte, dass seine Magie nach ihm schlug, aber nichts passierte. Ach ja, er hatte sich heute schon an einem Haufen Leute sattgefressen. Was das erst vor ein paar Stunden gewesen?! Himmel, dieser Junge verdrehte ihm noch den Kopf. Es kostete ihn einiges an Willenskraft, die Muskeln in seinem Nacken wieder zu entspannen.
      "Eine kleine Prinzessin in Nöten, hm? Und ich bin dein großer. böser Drache?"
      Instinktiv lehnte er den Kopf ein bisschen zur Seite, um Lewis mehr Platz zu machen, wofür auch immer er Platz brauchen möge.
      "Möchtest du nicht selbst erfahren, was ich damit alles anstellen kann?"
      Santiago grinste. Er löste eine Hand von Lewis' Taille und packte den Knirps stattdessen an den Haaren. Er zerrte Lewis' Kopf nach hinten, sodass er ihm in die Augen sehen konnte. Er war nicht sanft dabei, er machte es einfach ob Lewis wollte oder nicht.
      "Wo ist deine Direktheit hin, callejero? Wenn du mir so unbedingt die sagenumwobenen Talente deines Mundes vorführen willst, dann mach es doch einfach. Oder muss ich dir erst sagen, was du tun sollst, weil du sonst nicht weißt, was du tun musst, um mir zu gefallen?"
      Er wartete nicht auf eine Antwort. Stattdessen packte er Lewis jetzt mit beiden Händen an den Hüften und drückte ihn von sich, während er seine Beine spreizte. Der Knirps landete prompt auf dem Fußboden zwischen seinen Beinen. Santiago lehnte sich wieder entspannt zurück, den Blick aber weiterhin stur auf Lewis gerichtet. Er sagte nichts, gab dem Streuner keinerlei Befehle oder Anweisungen.
      "Was soll es sein, cellejero?"


    • Hmmm.
      Lewis brachte sowas wie ein Schnurren zustande. Jetzt, in diesem Augenblick, fühlte er sich wirklich wie David, der Goliath besiegt hatte. Zumindest in einer sehr abgeschwächten Form.
      Ein großer, roter, böser, gewalttätiger Drache. Hab doch nur Erbarmen mit mir…
      Santiagos Grinsen sagte vieles aus. Wenn Lewis ihn länger gekannt hätte, hätte er es vielleicht deuten können, denn es strahlte ihm auf eine ganz eigene Art entgegen. Dann durchzuckte ihn allerdings ein scharfer Schmerz im Kopf, als der Kerl ihn an seinen Haaren zurückriss, und der Gedanke war fort. Lewis zischte leise und biss sich kurz darauf auf die Lippe.
      Es lag ein Unterton in Santiagos Stimme, der ganz allein dafür sorgte, dass Lewis’ Hüfte zuckte. Dort war ein neckender Ton, der so viel mehr versprach, als die Worte schon für ihn bereithielten. Lewis hätte vermutlich eine genauso neckende Antwort zurückgegeben, wenn er dazu gekommen wäre. Aber Santiago schob ihn schon nach hinten und zeitgleich zwischen seine gespreizten Beine. Lewis landete nicht gerade sanft auf dem Boden, aber das machte ihm in diesem Moment gar nichts, denn immerhin saß er jetzt genau zwischen Santiagos geöffneten Beinen. Und der Ausblick…
      Scheiße, der war gut. Der war richtig gut.
      Santiago war die Art von Mann, der wie ein Dreieck gebaut war, aber ein sehr kräftiges Dreieck. Breite Brust, breite Schultern, ein gerader Bauch und ausgeprägte Beine, die jetzt links und rechts von Lewis aufragten. So wie er dort oben saß, sah er aus wie ein scheiß Model aus dem Playboy. Das Haar fiel ihm ein wenig in die Stirn, dort wo Lewis ihn notgedrungen losgelassen hatte.
      Ein verdammt sexy Model. Lewis bereute nicht für eine Sekunde, mit dem Kerl ins Auto gestiegen zu sein.
      Sie saßen an einem Ecktisch, der somit auf den restlichen Raum ausgerichtet, aber nicht von überall einsehbar war. Lewis wusste das genau, er saß nicht zum ersten Mal dort unten. Eigentlich konnte man ihn nicht sehen, aber wer lange genug hinsah, der konnte natürlich erkennen, was bei ihnen vor sich ging.
      Aber das störte ihn nicht im geringsten. Er saß immerhin in der Dunkelheit. Santiago ragte so prominent vor ihm auf, sichtbar für alle.
      Lewis grinste anzüglich zu ihm auf.
      Er kroch näher zu ihm, zwängte sich so dicht an ihn, wie er das zuließ, nur um herauszufinden, wie weit er seine Beine noch für ihn öffnen würde. Die Antwort lautete eindeutig weit genug. Das Grinsen wurde breiter und seine Zunge schnellte heraus, um seine Lippen zu befeuchten.
      Immer mit dem Blick auf Santiagos Gesicht - über die Sonnenbrille ärgerte er sich jetzt wirklich - hob er die Hände, um erst seinen Knopf und dann auch den Hosenstall zu öffnen. Ein Blowjob im VIP-Bereich war zwar wesentlich hygienischer als auf der Toilette, aber es war trotzdem nicht schön, mit dem nackten Hintern auf diesen Polstern zu sitzen. Er konnte daher nicht viel weiter gehen, als Hose und Unterhose soweit runterzuziehen, bis das Objekt seiner Begierde unter dem Stoffbund herausragte.
      Er war größer als Bryce. Er war auch hübscher; Lewis fand sofortiges Interesse daran, diese Sache hier schnell weiter auf die nächste Stufe zu bringen. Er wollte ihn unbedingt fühlen und das auf alle möglichen Arten, das wurde ihm schnell klar.
      Wieder mit einem Blick auf Santiagos ausdrucksloses Gesicht - scheiß Sonnenbrille - umfasste er ihn mit einer Hand. Er war heiß und unter seiner Hand regte er sich. Lewis war zwar härter, aber Santiago empfand definitiv Interesse daran, was er als nächstes tun würde. Das brachte den Lockenkopf nur noch mehr zum Grinsen.
      Mit der freien Hand holte er ein Kondom aus der Hosentasche, mit den Zähnen riss er die Packung auf und holte es auch gleich heraus, alles während er ihn weiter in der Hand hielt und seine Sonnenbrille musterte. Er nahm das Kondom mit den Fingerspitzen, suchte nach der richtigen Seite, steckte es sich dann wieder zwischen die Lippen, beugte sich vor und stülpte es mit einer geübten Bewegung über seine Länge.
      Es war unwahrscheinlich, dass er Muskelpaket zum Kommen bringen könnte, egal wie gut er sich machte. Dafür hatte er zu wenig Zugang zu… allem und solange der Kerl nicht entweder völlig besoffen oder notgeil war - was beides wohl nicht auf ihn zutraf - würde er auch Schwierigkeiten durch das Kondom hindurch haben.
      Aber darum ging es auch gar nicht. Lewis wollte ihm lediglich präsentieren, dass sein Mund so einiges tun konnte.
      Und das tat er auch mit einem Elan, der nichts zu wünschen übrig ließ. Er glitt soweit herab, bis seine Lippe den Saum der Unterhose berührte, drückte seine Zunge flach an seine Unterseite und kam wieder nach oben, nur um sie dann über seine Spitze schnippen zu lassen. Er hielt den Augenkontakt - hoffte er zumindest - während er die Zunge um ihn kreisen ließ, beweglich und unermüdlich, bevor er wieder runtersank. Er schluckte ihn, bis die Unterhose im Weg war und übte genau den richtigen Druck mit seinen Lippen aus, nur um das Spiel danach zu wiederholen, wieder und dann wieder. Er benutzte keine Hände, hier galt es etwas zu beweisen. Dafür machte er aber vielleicht absichtlichen Gebrauch von seinen großen Welpenaugen, wie Muskelpaket sie genannt hatte, mit denen er eine Reaktion in dessen Gesicht zu erwischen versuchte.
    • Es war beinahe zu einfach. Aber Santiago war mittlerweile zu scharf auf den Streuner, um sich den Kopf darüber zu zerbrechen. So, wie Lewis da unten zwischen seinen Beinen hockte und sich offensichtlich mehr als wohl mit der Situation fühlte, konnte Santiago gar nicht anders, als das hier weiterzutreiben. Hatte er Angst, beobachtet zu werden? Nicht wirklich. Dieser Club hier machte viel zu sehr den Eindruck, dass ein Blowjob unter dem Tisch hier regelmäßig passierte, als dass er sich Gedanken darüber machte, irgendjemandem übel aufzufallen. Und einmal in seinem Leben wollte er es genießen, dass seine magischen Ängste ihn in Ruhe ließen, verdammt!
      Lewis ließ seinen Worten endlich Taten folgen und öffnete seine Hose, zog ihn raus. War das Bewunderung in Lewis' Gesicht? Es war auf jeden Fall Lust, die gierige Variante. Kein Pokerface, dachte Santiago, als Lewis auch schon eine warme, überraschend weiche Hand um ihn schloss. Santiago hielt seinen Blick, breitete die Arme auf der Lehne des Sofas aus. Sollten die Leute ihn doch sehen. Er hatte hier seinen Spaß.
      Er brummte wohlig, als sich Lewis über ihn beugte und ihn vollständig in den Mund nahm. Schlagartig wurde Santiago bewusst, wie lange er schon auf dem Trockenen gesessen hatte. Hitze flammte in seinem Unterlieb auf und brannte sich in Rekordgeschwindigkeit durch seine Adern. Dass seine Hüften nicht zuckten, war ein Wunder. Und dann benutzte Lewis seine Zunge.
      Santiago atmete tief ein, um die Kontrolle über seinen Körper zu behalten. Er hatte die Kunst, nach außen hin vollkommen entspannt zu wirken, schon vor Jahren perfektioniert, aber irgendwie schaffte es Lewis, ihn in nur wenigen Sekunden an den Rand dieser Kunst zu drängen. Verdammt, war der Streuner gut, er hatte nicht gelogen. Das war ein sagenumwobener Mund und er wusste damit umzugehen.
      Lewis schluckte ihn erneut, bis runter zur Wurzel, wieder und wieder. Seine Zunge zauberte ganze Meisterwerke auf sein Fleisch, die durch seinen ganzen Körper bebten, wieder und wieder.
      "Fuck," hauchte Santiago, ein beinahe stilles Zugeständnis an den Streuner.
      Er schob seine Hand in die wilde Haarmähne, packte fest zu und hielt Lewis an Ort und Stelle bis er um Luft rang. Dann erst gestattete er dem Streuner, den Kopf wieder ein bisschen zu heben, hielt ihn aber davon ab, sich vollständig von ihm zu lösen. Lewis schien damit kein Problem zu haben, so wie er um sein Geschlecht herum lächelte.
      "Punkt für dich, callejero," gestand Santiago, "Dein Mund ist wirklich gut."
      Er drückte Lewis wieder runter, langsam, damit dieser Zeit genug hatte, weitere Wunder mit seiner Zunge zu vollführen. Wieder hielt er ihn unten, hielt ihn fest, blockierte seinen Fluchtweg, bis Lewis' Kopf ganz rot war. Dann zerrte er Lewis Kopf von sich und beugte sich zu ihm vor. Er ließ von Lewis' Haaren ab, griff ihn stattdessen aber am Kinn, damit der Streuner das Gesicht nicht abwandte - nicht dass er das zu wollen schien, so wie er ihn die ganze Zeit mit diesen Welpenaugen angestarrt hatte.
      "Ich frag mich, wie talentiert der Rest von dir ist."
      Mit dem Daumen strich er über Lewis' Unterlippe. Mit seiner freien Hand richtete er seine Hose wieder. Er war hart wie ein Stein, was die Sache ein bisschen komplizierter gestaltete. Dann zog er Lewis zurück auf das Sofa, dicht neben sich, und legte eine Hand auf dessen Oberschenkel. Er hielt ihn dort fest, nur ganz leicht, aber doch besitzergreifend. Der Streuner gehörte ihm heute Nacht.
      Santi warf einen hundert Dollar Schein auf den Tisch und stand auf. Er hielt Lewis seine Hand hin.
      "Ich werd dich nicht einem klebrigen Club vögeln," erklärte er.
      Als Lewis seine Hand ergriff, war ihrer beider Schicksal besiegelt.

      Santiago war zu aufgekratzt, um große Spritztouren zu machen. Himmel, er war kurz davor, den Streuner auf dem Rücksitz zu rammeln, wenn er ehrlich war. Aber er schaffte es, sie in einem halbwegs schicken Hotel unterzubringen und dabei nicht zu gehetzt auf die Empfangsdame zu wirken.
      Die Tür war noch nicht einmal ins Schloss gefallen, da drückte Santi den Streuner mit Schwung an die Wand und hielt ihn dort mit ausgestrecktem Arm. Er schloss die Tür sanft, und warf einen Blick in die Tiefen des Zimmers, um sich zu vergewissern, dass niemand mit einer geladenen Waffe auf ihn wartete. Die Wahrscheinlichkeit dafür war äußerst gering - aber in seinem Fall niemals null.
      Das Zimmer war nichts besonderes. Hinter Santi ging es durch eine kleine Tür in ein winziges Badezimmer mit einer kleinen Dusche, der Toilette und einem Waschbecken, das beinahe zu klein war, um es als solches zu bezeichnen. Der Teppichboden im Raum war alt, aber sauber. Rechts in der Ecke stand ein kleiner Schreibtisch, links eine Kommode. Als sich Santi ein bisschen zur Seite lehnte, um einen besseren Blick in die linke Ecke zu bekommen, sah er, dass ein großer Spiegel über der Kommode an der Wand hing, was ihm ein kleines Lächeln entlockte. Er mochte Spiegel. Die Vorhänge hinten am Fenster waren bereits zugezogen worden, was einen winzigen Teil von Santiago aufatmen ließ - keine Bedrohung durch Sniper. Der Rest des Raumes wurde von dem ordentlich gemachten Bett eingenommen.
      Soweit kamen sie aber noch gar nicht.
      Nach seiner kleinen Inspektion, die vielleicht eine halbe Minute gedauert hatte, drängte sich Santiago mit seinem ganzen Körper an Lewis, hielt ihn nun nicht mit seiner Hand, sondern mit sich selbst an der Wand. Und er küsste ihn, wild und ungehalten. Er schob seine Hand unter Lewis' Gürtellinie, packte ihn im Schritt, massierte ihn ein wenig. Er löste den Kuss, ließ sich aber keine Zeit dafür, einfach nur zu atmen. Stattdessen hob er sein freies Handgelenk an seine Lippen und mit den Zähnen löste er den Knopf an seinem Handschuh. Auf die gleiche Weise zog er ihn auch aus und ließ das Kleidungsstück zu Boden fallen. Mit seiner nun nackten Hand strich er Lewis über die Wange, schob seine Finger tief in dessen wilde Haare hinein. Er zog seine andere Hand aus Lewis' Hose und hielt sie ihm hin, eine stille Aufforderung, ihm den anderen Handschuh auch auszuziehen.
      Als der auch zu Boden fiel gab es für Santiago fast kein Halten mehr. Er küsste Lewis erneut, schob seine Hände unter dessen Shirt, erkundete seinen Körper blind mit seinen rauen Fingern. Seine Arbeit hatte ihm über die Jahre so einige Schwielen eingebracht.
      Er küsste Lewis Kiefer, seinen Kehlkopf, seine Halsbeuge, während er Knopf und Reißverschluss an Lewis' Hose öffnete. Dann sank er auf die Knie, langsam, und zog dabei Lewis' Hose mit sich. Er küsste seine Taille, seinen Oberschenkel. Noch immer wanderten seine Hände über die warme Haut des Streuners, als er einen Kuss auf Lewis' Erektion drückte. Und dann war er es der mit der Zunge der Länge nach über Lewis' bestes Stück leckte, bis er die Spitze erreichte, und sich dann über ihn stülpte. Der Streuner war nicht der Einzige, der einen ordentlichen Blowjob abliefern konnte.


    • Die ganze Autofahrt über war Lewis kurz davor zu platzen. Er hätte rein gar nichts dagegen einzuwenden gehabt, dass sie es doch auf der Toilette taten, so sehr es dort auch stinken mochte. Er hätte noch viel weniger dagegen gesagt, wenn sie es einfach in der Gasse hintenraus getan hätten, wo es zumindest nur nach Erbrochenem stank. Noch weniger hätte er etwas gesagt, wenn Santiago ihn auf den Rücksitz gezerrt und ihn zwischen Sitz und Autotür eingeklemmt hätte. Aber eine ganze Fahrt? Das überstand Lewis nicht, das war unmöglich.
      Zumindest konnte er sich mit einer Hand in seinem eigenen und mit der anderen Hand in Santiagos Schritt ablenken. Seit er dieses Fuck gehört hatte, dieser kleine, feine Fluch, der dem massigen Kerl da über die Lippen geschlüpft war, brannte er darauf, es noch einmal zu hören. Er musste es sogar ganz dringend noch einmal hören, denn es würde ihn sicherlich in seine Träume verfolgen und bis es soweit war, dass er alleine war, musste er das hier unbedingt noch auskosten. Da konnte ihn diesmal selbst der Baum nicht ablenken, der während der Fahrt wie wild vor seinem Gesichtsfeld auf und ab kroch.
      Sie nahmen sich ein Hotelzimmer, etwas anderes war nicht möglich, wenn sie nicht doch im Auto bleiben wollten. Santiago ging voran, wirbelte im Zimmer gleich herum und drückte Lewis gegen die Wand; der schlug sich den Kopf an und grinste über die Tatsache, wie sehr ihn das hier anturnte. Das war quasi ein Traum, der in Erfüllung ging, auch wenn er ihn erst seit ein paar Stunden hatte. Santiago, der sich über ihn hermachte, der ihn auffraß, der sich seiner vollkommen bemächtigte. Lewis war sich schon ziemlich sicher, dass er seine Unterhose ruiniert hatte.
      Aber der ganze Schwung, die Eile, die ungezügelte Lust, die sie Hals über Kopf hierher getrieben hatte, fand eine jähe Pause, als Santiago ihn dort festhielt und einen Blick durch den Raum schweifen ließ. Einen sehr genauen Blick, musste Lewis feststellen, denn der hätte sich weder darum scheren können, wie dieser Raum aussah, noch, wo sie überhaupt gelandet waren, was aber ganz eindeutig nicht für Santiago galt. Der bullige Mann sah sich um auf eine Weise, bei der man nach etwas ganz bestimmten suchte, dessen Fund nicht unbedingt etwas gutes versprach. Wenn Lewis nicht schon so hinüber gewesen wäre, bekifft und so aufgegeilt, dass es schon fast schmerzte, hätte er sich sicher sein können, dass der Kerl ihn da nicht einfach nur festhielt, weil Lewis das anmachte, sondern dass er dabei in einer Art sich selbst zwischen Raum und Lewis positionierte. So, als würde er zuerst Lewis zur Tür befördern, wenn er zu dem Entschluss käme, der Raum sei nicht das richtige. Allerdings konnte er das durch den Schleier seiner Geilheit im Moment unmöglich richtig sagen.
      Zum Glück dauerte es nicht lange, dann war Santiago wieder bei ihm, quetschte ihn zwischen sich und der Wand ein und war mit einem Mal überall. Ihre Lippen krachten aufeinander, eine große, unerschütterliche Hand drängte sich unter seinem Gürtel hindurch und Lewis hätte sich aufgebäumt, wenn er denn Platz zum Bewegen gehabt hätte. Den hatte er nicht, so blieb es bei einem gekeuchten "Oh, fuck" und einem Biss nach Santiagos Lippen. Er schmeckte köstlich. Was auch immer er vorhin getrunken hatte, es entfaltete sich mit Santiagos eigenem Geschmack auf eine Weise, die Lewis süchtig machte. Er wollte mehr davon, viel, viel mehr.
      Ihr Kuss löste sich kurz, dann wurde ein Handschuh gelöst und die nackte Hand fuhr wieder in Lewis' Haare. Der grinste, aber nicht mehr ganz so viel wie vorhin noch. Er musste Atem schöpfen und außerdem war er hier gerade auf einem guten Weg, sich noch vor dem eigentlichen Akt völlig zu verlieren. Er wusste, dass Santiago noch mehr drauf hatte, viel mehr, und er wollte alles davon haben. Er wollte den Kerl haben, der sich noch vor Stunden durch die Bank geprügelt hatte.
      Den anderen Handschuh zog Lewis genauso mit seinen Zähnen aus, dann hatte er wieder Santiagos Mund, drückte sich gegen ihn und fasste nach seinem Hemd. Ohne Rücksicht auf Verluste zog er daran, musste schnell erkennen, dass er es nicht so ausziehen würde können, musste noch schneller erkennen, dass er im Moment nicht die Feinmotorik hatte, um Knöpfe zu lösen. Dafür waren Santiagos Hände zu rau, zu schwielig und es fühlte sich zu gut an. Seine Lippen verließen ihn und Lewis fühlte seinen ganzen Körper kribbeln, als er seinen Hals hinab küsste.
      Sonnenbrille, die Sonnenbrille. Scheiß Sonnenbrille.
      Santiago verließ ihn, ließ ihn aber nicht von der Wand wegtreten, als er langsam vor ihm in die Knie ging. Lewis blickte ihm nach, als ihm etwas dämmerte, als seine eigene Erektion aus seiner Unterhose hervorsprang - direkt auf Höhe von Santiagos Gesicht. Er wollte doch nicht...?
      Doch, das wollte er. Und Lewis war zu überrascht, um seine erste Bewegung abzuhalten.
      "Woah woah woah, fuck, fuck, warte, warte."
      Er drückte mit beiden Händen gegen Santiagos Stirn, der einen ganz schön harten Nacken hatte, nachdem er sich nicht so leicht zurückdrängen ließ; nicht so, wie Lewis es unter dem Tisch zugelassen hatte, dass er seinen Kopf bewegte. Der Mann ließ es aber schließlich zu und löste sich von ihm.
      Lewis keuchte.
      "Das brauchen wir nicht. Komm schon man, fick mich endlich, ich warte da schon seit mindestens 3 Stunden drauf. Und zieh die scheiß Sonnenbrille aus."
      Er klaubte sie ihm vom Gesicht, während er ihn immernoch mit einer Hand abhielt, sich seinem Glied zu nähern. Er wusste nicht einmal, wieso der Kerl das überhaupt tat; Lewis war doch schon ganz offensichtlich bereit. Bryce blies ihm auch nur ganz selten mal für eine Belohnung einen, alles andere wäre auch komisch gewesen.
      Er setzte sich die Sonnenbrille selbst auf, nur um die Hand freizuhaben, die er jetzt in das rote Haar schob und den Mann dazu zu bewegen versuchte, wieder aufzustehen.
      "Ich bin bereit, ganz sicher. Wirklich. Also hör auf mit dem Unsinn und fick mich endlich! Oder willst du, dass ich dich anbettle?"