Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • "Ich kann dir versichern, dass du weniger Ahnung hast als du glaubst..." murmelte Santiago.
      Er biss die Zähne zusammen. Normalweise mochte er es nicht, den Zirkusaffen zu geben. Er wusste, dass es keine gute Idee war, seine Sonnenbrille abzunehmen und Lewis' Wunsch damit zu folgen. Er wusste ganz genau, wie er Streuner reagieren würde und auch wenn er diese Reaktionen schon sein Leben lang verursacht hatte, auch wenn er diese Reaktionen oft zu seinem Vorteil nutzte, es war trotzdem kein angenehmes Gefühl, wenn Menschen immer voller Angst vor ihm zurückschreckten.
      Nach kurzem Überlegen nahm er seine Sonnenbrille dann aber doch mit einem Seufzen ab und hob den Blick zu Lewis. Der prompt fluchte und einen Satz nach hinten machte, so weit es die Lehne des Sofas eben zuließ - genau wie er es vorausgesehen hatte. Santiago war nett genug, um den Streuner gleich wieder von seinem Schicksal zu erlösen und setzte seine Brille wieder auf, was den Effekt von 'ich reiße dir die Seele aus dem Leib' auf 'seltsame Aura' beschränkte.
      "Das ist gruselig, man. Gibt mir eine richtige Gänsehaut."
      "Das ist ja auch der Punkt," erwiderte Santiago, hielt aber prompt die Klappe, als der Kellner schon wieder auftauchte.
      Kein Grund, irgendjemanden mithören zu lassen. Der Kellner könnte ein Undercover-Agent sein, der sie belauschen sollte, der ihre Schwächen herausfinden sollte. Vielleicht sollte er sie auch einfach nur hier in der Ecke festhalten, bis jemand mit dem Auto durch die Front des Gebäudes brettern konnte. Vielleicht gehörte er auch einer dieser militanten Gruppen an, die Magier aufspürten und wer weiß was mit ihnen anstellten. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.
      "Keine Hypnose, kein Voodoo," verneinte Santi und nippte an seinem Kaffee. "Meine Augen sind immer normal, solange ich meine Magie nicht benutze. Im Hotel... ach, das ist kompliziert. Ich beschreibe meine Magie gern als hungriges Monster. Während dem Job hab ich es mit dem Wachpersonal ordentlich gefüttert, weswegen es danach ein Nickerchen irgendwo tief in mir drin gemacht hat. Jetzt gerade ist es aber hungrig und sucht nach Beute. Das ist es, was du spürst: die Anwesenheit einer Gefahr, die du nicht benennen kannst."
      Er zuckte mit den Schultern. Diese Erklärung machte angesichts der Natur seiner Magie mehr Sinn als die Akku-Erklärung, die ihm ein Lehrer in der Highschool gegeben hatte. Er lud seine Magie ja nicht auf, um Leuten Angst einzujagen. Das passierte eher, wenn der Akku leer war. Die Monster-Metapher machte einfach mehr Sinn. Der Lehrer damals hatte sowieso keine Ahnung gehabt. Ein unqualifizierter Idiot, der der Meinung war, er müsse allen Schülern mit Magie helfen, ihr Leben zu bestreiten. Allen drei von ihnen. Im Endeffekt hatte er nur schlechte Erklärungen für ihre Kräfte gegeben und ihnen geraten, sie versteckt zu halten, egal was es war. Santi hatte sich im Abschlussjahr einen Spaß daraus gemacht, den Mann auf dem Männerklo einzusperren und einfach nur dazustehen, seine Magie hungrig weil er seit einer gefühlten Ewigkeit keinen Alptraum mehr geklaut hatte. Er wusste bis heute nicht, ob dieser Lehrer immer noch den magischen Schülern 'half' oder ob er den Job hingeschmissen hatte.
      "Meine Magie basiert auf Angst. Und das ist alles, was ich dir darüber erzählen werde. Jetzt schuldest du mir aber einen Einblick in deine Magie. Ist nur fair."


    • Santiago sah nicht unbedingt glücklich damit aus, Lewis den Gefallen zu machen. Das verstand der ganz und gar nicht, schließlich war Magie doch nichts, wofür man sich schämen brauchte und das erst recht nicht in einem fast menschenleeren Diner, wo sowieso niemand auf sie achten würde. Sogar der Kellner war in der Küche verschwunden, um dem schlafenden Koch zu helfen.
      Das änderte aber trotzdem nicht, dass seine Neugier nur umso größer wurde, je mehr der andere offenbarte. Dass eine Magie sich wie ein Monster verhalten sollte, von sowas hatte Lewis noch nie in seinem Leben etwas gehört, genauso wenig, dass eine Magie aktiv danach suchen könnte, sich zu entfalten. Das erweckte wieder den Eindruck, dass Santiagos Magie sowas wie ein eigenständiges Lebewesen war, was Lewis bereits schonmal durch den Kopf geschossen war.
      Das war merkwürdig. Aber genauso interessant. Zu gern hätte er jetzt die Zeit zurückgedreht, um Santiago in der Bank eindringlicher zu beobachten.
      Das hört sich an, als ob deine Magie lebendig wäre. Das ist irgendwie cool.
      Er grinste und saugte an seinem Strohhalm. Es war trotzdem noch unheimlich, hier in dieser Ecke zu sitzen, als würde aus Santiago gleich ein Albtraum-Monster herausbrechen, aber der Mann hatte eine solche Kontrolle beim Sex gezeigt, dass Lewis ihm ohne weiteres unterstellte, seine Magie hier im Griff zu haben. Das erleichterte zwar die Atmosphäre nicht, aber er vertraute ihm zumindest, dass er diese Atmosphäre nicht weiter ausbreiten würde.
      Angst war es also. Um welche Angst es wohl genau ging? Lewis hatte schon seit Jahren keine Albträume oder dergleichen mehr gehabt.
      Gut, ja.” Er setzte von seinem Shake ab. “Das ist fair.”
      Er setzte sich seitlich auf seinen Platz, damit er einen Blick ins Diner werfen konnte. Der Alte saß noch immer unbeweglich über sein Rätsel gebeugt, der Kellner war zurück am Tresen, wo er gelangweilt - oder auch halb schlafend - herum hing. Momentan gab es keinen Baum, aber es dauerte nie lange, bis sich ein neuer bildete.
      Und tatsächlich, ein paar Sekunden später klingelte es von der Küche und der Kellner richtete sich müßig auf, als würde er ein Jahrhundertgewicht auf seinen Schultern tragen. Lewis sah den winzigen Baum, der sich bildete und den er diesmal nicht ignorieren würde. Er lehnte sich ein Stück in Santiagos Richtung, damit er nicht laut reden musste.
      Der Kellner wird in die Küche gehen, ohne die Tür zuzumachen. Er wird meinen Burger rausbringen und der wird auf der einen Seite Pommes haben. Äh… auf die Schnelle zähl’ ich so um die 20, aber ganz genau weiß ich’s nicht.
      Der Kellner ging nämlich schon durch die Tür, ohne sie zu zu machen.
      Das Pommes ganz links von dem Haufen wird richtig lapprig aussehen, ich glaub das ess’ ich nicht. Außerdem wird er mein Ketchup vergessen haben.
      Der Kellner kam und brachte genau, was Lewis beschrieben hatte. Der wandte sich mit großen, unschuldig lächelnden Augen an den Mann.
      Ketchup?
      Er erhielt ein missmutiges Grummeln und schlurfte zurück zum Tresen. Lewis hatte genug gesehen, weshalb er sich schon wieder richtig hinsetzte.
      Die erste Packung wird ihm runterfallen.
      Der Kellner steckte seine Hand in den Behälter mit den Ketchup-Tütchen und zog eins raus. Damit setzte er sich schon in Bewegung, als es ihm zwischen den Fingern hindurch entschlüpfte und auf den Boden fiel.
      Lewis grinste und hielt Santiago das lapprige Pommes entgegen.
      Pommes?
    • Cool war nicht unbedingt das Wort, das Santiago benutzen würde, um seine Magie zu beschreiben. Sie konnte beeindruckend sein, auf beängstigende Weise, aber cool? Vielleicht für jemanden, der sich alles nur durch eine Kamera ansehen musste, anstatt auf einer der beiden Seiten zu stehen, wenn er seine Magie nutzte.
      Santiago beobachtete, wie sich Lewis umsah, als suche er nach etwas. Er fand es wohl recht schnell. Santi fragte sich, was es war. Gab er dem Undercover-Kellner ein Zeichen? Arbeitete er mit den Behörden zusammen? Verkaufte Lewis Stück für Stück die Crew an die Regierung, um selbst ungeschoren davonzukommen? Vielleicht arbeitete er ja schon die ganze Zeit für Big Brother, und deswegen hatte er noch nie von ihm im Geschäft gehört?
      “Der Kellner wird in die Küche gehen, ohne die Tür zuzumachen. Er wird meinen Burger rausbringen und der wird auf der einen Seite Pommes haben."
      "Du kriegst also genau das, was du bestellt hast. Spannend," kommentierte Santi unbeeindruckt.
      Ein Burger mit Fritten war jetzt nicht unbedingt die super tolle Demonstration, die er sich erhofft hatte. Und ob die Tür offen oder geschlossen war... das war eine 50/50 Chance, kein Beweis für irgendwas. Genauso wenig wie die angebliche Konsistenz von Lewis' Essen. Labbrige Fritten in einem Diner wie diesem mitten in der Nacht? Das war ja praktisch zu erwarten. Genauso wie vergessener Ketchup, wenn man sich den Kellner mal ansah. Santiago begann in Frage zu stellen, ob sie Lewis bei dem Job wirklich gebraucht hätten.
      "Die erste Packung wird ihm runterfallen."
      Santi behielt den Keller im Auge. Und tatsächlich: der Kerl ließ das erste Päckchen, das er aus der Plastikschale genommen hatte, fallen. Santiago musterte ihn.
      "Okay, du kannst also die Zukunft voraussagen. Wobei ich sagen muss, dass deine kleine Demonstration wenig beeindruckend war. Offene Tür, fehlender Ketchup... hast du dir diesen Ort und seine Mitarbeiter mal angeguckt? Das könnte auch schlichte Inkompetenz sein, die du mit einem Cold Reading richtig interpretiert hast. Ich glaub dir jetzt einfach mal, weil du bei dem Job akkurat warst, aber wenn du jemanden wirklich überzeugen willst, dann musst du dir was besseres als durchgewichte Fritten suchen."
      Er lehnet sich vor und schnappte sich die dargebotene Pommes mit den Zähnen. Sie war auch versalzen. Er spülte das Teil mit dem furchtbaren Kaffee runter und ignorierte die Frage, ob der Kaffee nur so schlecht schmeckte, weil der Kellner ihn vergiftet hatte.
      "Was glaubst du, was die anderen können?" fragte er, um seine Aufmerksamkeit in die richtigen Bahnen zu lenken. "Jericho hat bestimmt irgendwas mit Strom zu tun. Hast du gesehen, wie der Knirps in der Luft rumgefischt hat? Im Kontrollraum, bevor wir die Systeme hatten? Bei Skye hab ich keine Ahnung. Apollo auch nicht."


    • Die Zukunft vorherzusagen war genau das, was Lewis nicht tat, zumindest nicht so, wie Santiago es sich vermutlich vorstellte. Aber da die Zukunft vorherzusagen wesentlich mächtiger war als das, was Lewis so fabrizierte, machte er sich keine Mühe, den anderen zu korrigieren.
      "Oh komm schon - hier passiert auch nichts. Das mit der Ketchup-Packung war vermutlich das Highlight des Tages in diesem Laden. Wenn du wirklich sehen willst, was ich kann, solltest du mich in einer Bank einbrechen lassen ohne aufzufliegen."
      Dabei grinste er ihn breit an, denn wenngleich seine Magie niemanden erschrecken konnte, war er doch sehr selbstbewusst in seiner Sache. Er hatte schließlich schon früh Leute gehabt, die darauf angewiesen waren und hatte daher schnell herausfinden können, was er alles konnte und was nicht.
      Alternativ hätte er ihm auch erzählen können, dass seine Magie dafür sorgte, dass momentan jeden Tag mehrere hunderte Kilo Drogen über die mexikanische Grenze geschafft wurden, ohne dass es in den Medien landete. Aber dabei hätte er schon zu viel von sich preisgegeben.
      Die lapprige Pommes schnappte Santiago sich mit den Zähnen, was vermutlich sexier gewesen wäre, wenn Lewis sich dabei nicht darauf hätte konzentrieren müssen, vor der aufwallenden gruseligen Atmosphäre zurückzuzucken. Im Hotel war das so wesentlich anders gewesen, dass es ihn schon fast erschreckte.
      Danach widmete er sich seinem Burger, der von billigem Fett gerade nur so tropfte. Richtig geil, Lewis war nämlich ordentlich zugedröhnt.
      "Mit Strom, meinst du?", fragte er mit vollem Mund. "Der hat doch auch, äh, die Systeme angezapft und so. Geht das so einfach nur mit Strom?"
      Burgersoße lief sein Kinn hinab, die er mit dem Handrücken wegwischte.
      "Ich glaube, er macht eher irgendwas mit Netzwerken. Das würde passen. Skye hab ich gesehen. Ich meine, alles hab ich nicht gesehen, aber", er wollte sich wieder vorlehnen, beschränkte sich aber durch Santiagos echt unheimliche Präsenz darauf, einfach ein bisschen leiser zu reden, "als sie im Serverraum unterwegs war, da hab ich gesehen, wie sie die Wand hochgeklettert ist. Da waren keine Griffe und verändert hat sich da auch nichts, sie ist einfach auf allen Vieren über die Tür hoch. Richtig abgespaced. Die sah aus wie ein Spinne da oben. Voll cool."
      Er biss nochmal ab und schob sich gleich auch eine Pommes nach.
      "Von Apollo weiß ich aber auch nichts. Da kann ich mir nichtmal was vorstellen. Er hat ja nichtmal -"
      Er stutzte und hörte auf zu kauen. Er hatte ihn nichtmal gesehen da unten, ja, das war natürlich klar, nachdem Apollo sich aus der Sache rausgehalten hatte, aber er hatte ihn auch nicht gesehen. Immerhin waren in seinem Baum mehrere Knoten in Richtung Aufzug gedriftet und auf mindestens einem davon hätte er Apollo sehen müssen, der sich entweder versteckte oder demjenigen entgegen getreten hätte. Oder auch nur gesehen wurde. Aber jetzt, so im Nachhinein, fiel ihm auf, dass er Apollo einfach gar nicht in seinen Bäumen entdeckt hatte.
      Natürlich hatte er in dem Moment auch nicht sonderlich darauf geachtet, immerhin gab es wichtigeres anzusehen. Aber Lewis war in seiner Magie schon so bewandert, dass ihm nicht so einfach irgendwas entgehen konnte - erst recht nicht, wenn er nur vier Subjekte hatte, die er beobachten musste. Das war ja lächerlich wenig.
      Langsam begann er wieder zu kauen.
      "Ich meinte, dass ich ihn nicht gesehen habe, nicht mit meiner Magie. Das ist irgendwie merkwürdig, da unten waren schließlich so viele Wachen. Er hätte irgendwo auftauchen müssen, eigentlich schon. Aber vielleicht ist das auch... ich weiß nicht. Mir ist es jedenfalls nicht entgangen, sowas würde ich nicht übersehen."
    • "Netzwerke laufen über Strom," steuerte Santiago mit all seiner Weisheit bei.
      Er hatte keine Ahnung von Technik. Er wusste gerade so, wie er sich in den weniger bekannten Teilen des Internets herumtreiben konnte, ohne aufzufallen - was wahrscheinlich schon mehr war, als die meisten Menschen konnten - aber da hörte es dann auch schon auf. Jericho schien das exakte Gegenteil zu sein, so wie dey mit Technik um sich geschmissen hatte. Santiago war sich ziemlich sicher, dass der Knirps nicht nur mit Software umgehen konnte, sondern auch mit Hardware. Man musste ja nur an die modifizierten Kopfhörer und Kameras denken. Aber es war schwer zu sagen, wo Technikgenie aufhörte und Magie anfing, so viel wie Jericho gehibbelt hatte.
      "Spinnen sind gruselig," kommentierte Santiago in seinen Kaffee hinein.
      Aber er stellte sich vor, dass es ziemlich praktisch war, sowas zu können. Gerade wenn man eine erfolgreiche Diebin war. Damit konnte man bestimmt so einige Sicherheitssysteme umgehen und Fluchtwege nehmen, die niemandem auffielen.
      Und dann war da Apollo. Jetzt wo Lewis es ansprach.
      "Du hast ihn nicht mit deiner Magie gesehen?"
      Er stutzte. Selbst in seinen paranoiden Phasen hatte Apollo ihn nie wirklich beunruhigt. Ja, er hatte sich die selbst Fragen gestellt wie bei allen anderen (War er ein Verräter? Was war sein Ziel? Wollte er Santiago umbringen?) aber er hatte ihn nie hinterfragt. Auch jetzt nicht, wo er mit der Nase darauf gestoßen wurde, dass mit diesem Mann etwas nicht zu stimmen schien. Seine Paranoia sollte ihn eigentlich in den Wahnsinn treiben, wann immer Apollos Name fiel.
      "Vielleicht ist das ja seine Magie? Vielleicht ist er einfach unsichtbar für andere Magie? Vielleicht funktioniert andere Magie für gar nicht? Deswegen konntest du ihn nicht sehen, deswegen ist mir nicht physisch aus dem Weg gegangen... Würde doch Sinn machen, oder?"
      Warum war er so entspannt? Selbst ohne die Nachteile, die seine Magie mit sich brachte, sollte er sich mehr um diese Sache kümmern. Das war sein Job verdammt! Aber er konnte sich nicht dazu bringen, ein Problem mit Apollo und seiner Rolle in der ganzen Sache zu finden.
      Santiago leerte seinen Kaffee und winkte den Kellner heran für Runde zwei. Auch hier kippte er wieder so einiges an Zucker rein. Dieses Mal sogar noch mehr, in der Hoffnung, das Zeug besser schmecken zu lassen.
      "Genug Gerede über die Arbeit," beschloss Santiago. "Wie geht's Bryce?"


    • Santiago schien nicht dieselben Zweifel zu teilen wie Lewis - aber wie sollte er auch? Er hatte keine Ahnung, wie Lewis’ Magie funktionierte, sondern wusste nur, dass er irgendwie in die Zukunft blicken konnte. Er wusste nicht, dass Lewis gar nicht an ihm vorbeigekommen wäre, denn er war alle Baumpfade abgegangen. Lewis war ein gründlicher Arbeiter. Ihm konnte Apollo nicht entgangen sein, weil sein Auftreten den Baum geändert hätte.
      Vielleicht war Apollo gar nicht aufgetreten, aber das konnte auch nicht möglich sein. Es waren Wachen zum Aufzug gekommen, daran bestand kein Zweifel. Vielleicht konnte er sich unsichtbar machen? Physisch und vor Magie?
      Vielleicht. Lewis zog trotzdem die Augenbrauen zusammen, während er seinen Burger mampfte.
      Klar… ja, vielleicht. Das macht schon Sinn. Ich glaube, das ganze Gras macht mich noch paranoid.
      Dabei hatte er keine Ahnung, was wirkliche Paranoia bedeutete.
      Santiago leerte seinen Kaffee und beschloss dann, dass er mit einem zweiten einen Herzinfarkt beschwören wollte. Lewis lehnte sich bald vollgefressen zurück und leckte sich die Finger ab.
      “Genug Gerede über die Arbeit. Wie geht's Bryce?”
      Ohh, will da doch jemand anfangen zu kiffen?
      Lewis grinste und rutschte dann auch ein bisschen auf seinem wunden Hintern herum.
      Bryce geht’s ganz fantastisch. Wenn du einen Dealer brauchst, kann ich euch gerne vorstellen. Vielleicht gibt er dir einen Rabatt, wenn ich ihn ganz freundlich darum bitte.
      Dabei wackelte er mit den Augenbrauen auf eine eindeutig zweideutige Weise.
      Unter der Woche macht er das meistens bei sich Zuhause, sonst hängt er im Paradise rum. Ihn kann ich empfehlen, weil sein Gras echt sauber ist - kauf bloß kein Gemisch von der Straße, das kann dich umbringen. Und mach das nicht alleine. Ich könnte dir ja durch deinen Trip helfen…
      Was zu einem kleinen Flirt werden wollte, verflüchtigte sich, kaum als Lewis Santiago ein bisschen intensiver anstarrte. Da kam wieder die Gruselheit auf und es fröstelte ihn.
      Aber lieber wenn du, ähh, wenn deine Magie cool ist. Nichts für ungut, man. Heute wäre ich eh nicht in der Stimmung.
    • Santiago grunzte.
      "Wenn ich mich in Drogen verlieren wollen würde, dann hätte ich genug Dealer mit nur einem Anruf an der Strippe, mach dir mal um meine Gesundheit keine Sorgen. Und so toll seine Ware auch sein mag, wenn er dir nicht mal einen gescheiten Blowjob geben kann, dann will ich mit dem gar nichts zu tun haben. Nichts für ungut, man."
      Er prostete Lewis spielerisch mit seinem überzuckerten Kaffee zu, bevor er einen Schluck nahm. Nein, der Zucker machte es nicht besser. Immerhin machte es das Zeug nicht schlimmer, was Santiago definitiv schon als Erfolg verzeichnete. Aber was, wenn er mit all dem Zucker den Geschmack von etwas Tödlichem übertünchte?
      Santiago starrte in seinen Kaffee. Die Tasse, der Kaffee, der Zucker, die Kanne, das Kaffeepulver, das Wasser... es gab so viele Möglichkeiten, irgendeine giftige Substanz hinzuzufügen. Strychnin ließ sich gut im Zucker verstecken. Man brauchte nicht viel, um jemanden umzubringen und es sah genauso aus. Rizin, Arsen, Zyanit...
      Santiago schob seine Sonnenbrille hoch in seine Haare, kniff die Augen zu und massierte sich die Nasenwurzel. Erst machte er sich überhaupt keine Gedanken wegen Apollo und jetzt überanalysierte er die Zusammenstellung seines Kaffees. Was war denn nur los?! Es war doch erst eine Woche, er sollte eigentlich noch nicht so sehr auf dem Zahnfleisch kriechen.
      "Ich habe kein Interesse an einem Trip," meinte er und schob seine Sonnenbrille wieder über seine Augen.
      Er brauchte Ablenkung von seinen Gedanken, das war die beste Medizin in solchen Fällen.
      "Aber danke für das Angebot. Also: ist Bryce dein Freund? Oder nur Dealer und Fuckbuddy? Wie muss ich mir das vorstellen? Du rührst ganz schon die Werbetrommel für den Kerl."
      Er ließ seinen Kaffee stehen und lehnte sich zurück. Vielleicht konnte er seine panischen Gedanken in den nächsten paar Minuten genug vergessen, um das Zeug weiter zu trinken. Vielleicht auch nicht, dann würde der Kaffee einfach in Stille erkalten und stehen bleiben, bis sie hier verschwanden.


    • Lewis zog das Gesicht lang bei der Aussage.
      "Ich mag einfach keine Blowjobs. Lass mich doch."
      Dass er gerade heute versucht hatte, einen zu bekommen, war ja wohl eher ein schlechter Witz des Universums. Natürlich hatte er hinterher keinen bekommen; es war ja auch nicht sein Geburtstag.
      Er schenkte Santiago einen ausgiebigen, gut beleuchteten Ausblick auf seinen ausgestreckten Mittelfinger, dann schlürfte er auch seinen Shake zu Ende. Währenddessen trank der andere von seinem Kaffee, aber eher zögerlich, wie Lewis dachte. Eine ganze Weile lang starrte er in den Kaffee, als versuchte er, dem armen Getränk irgendwelche Geheimnisse zu entlocken. Etwa wie gut die Kaffeebohnen gewesen seien? Lewis fand das ziemlich merkwürdig, weil Santiago sich auch eindeutig mit dieser Sache - oder wenigstens einer anderen - derweil zu beschäftigen schien. Dann zog er seine Sonnenbrille hoch und kniff sich in den Nasenrücken.
      Lewis sah schnell weg, weil er nicht noch einmal von diesen Augen erschreckt werden wollte, aber einen Blick hatte er doch auf Santiagos Gesicht erhascht, der ihm vorhin nicht aufgefallen war. Der Mann sah übel aus mit dicken, dunklen Augenringen, die unter seinen Augen lagen und sein Gesicht irgendwie auszuzehren schienen. Er sah fast aus wie ein Junkie, der an nichts mehr anderes als an seinen Stoff denken konnte, nur mit dem Unterschied, dass Santiago sehr ausdrücklich und wiederholt klargemacht hatte, dass er auf kein Rauschmittel abfuhr. Was war es dann also? Irgendeine andere Sucht, der er nachhing und die ihn bei lebendigem Leib aushöhlte? Er sah aus, als hätte er seit zwei Wochen nicht geschlafen.
      Dann rutschte die Sonnenbrille wieder herab und der Anblick war versteckt. Lewis starrte ihn noch kurz an, aber er hatte das Gefühl, dass dieses gruselige Etwas stärker wurde, je ausführlicher er sich mit dem Kerl zu beschäftigen versuchte. Da sah er doch wieder weg und auf seinen Milchshake hinab, der zwar mittlerweile leer war, aber er konnte mit dem Strohhalm noch den Milchschaum rauskratzen und ablecken.
      "Bryce und ich sind nur fuckbuddys, wenn ich bei ihm bin. Ich kenne ihn schon seit... seit ich 14 war? Oder 15? Anfangs hat er mir nur Gras verkauft bis ich volljährig war, aber ich bin dann größtenteils beim Gras geblieben. Andere Drogen kicken einfach nicht so. Manchmal nehm' ich Opium, aber dafür muss ich zu so nem anderen Kerl am anderen Ende von New York, das ist ätzend. Da bleib ich lieber bei Bryce und seinem Zeug."
      Santiago lehnte sich jetzt scheins lässig zurück, aber Lewis hatte schon genug gesehen, um hinter die Fassade zu blicken. Egal, wie entspannt er wirken mochte, er war doch gänzlich unentspannt.
      "Bist du okay, man? Du siehst echt scheiße aus, wenn ich das so sagen darf. So dunkle Augenringe haben sonst nur Junkies. Du bist doch nicht von irgendwas abhängig, oder? Das kann mit deiner Magie doch echt nach hinten losgehen."
    • Sah er wirklich so schlimm aus? Hatte er sich wirklich so gehen lassen? Normalerweise war er recht gut darin, seine Müdigkeit zu verstecken. Normalerweise schenkte ihm aber auch niemand so direkt Aufmerksamkeit wie Lewis es gerade tat. Santiago wusste, dass er letztes Wochenende wirklich - wirklich - beschissen geschlafen hatte, dank der Soldaten und deren Ängste in seinem Kopf. Aber er hatte eigentlich gedacht, dass er sich in der Woche danach wieder einigermaßen erholt hatte. Je paranoider er wurde, desto besser schlief er. Keine vollen sechs bis acht Stunden, das war Wunschdenken, aber wenigstens bekam er ein bisschen REM-Schlaf.
      "Was glaubst du, warum ich nicht nehme, hm? Tschuldige."
      Er schüttelte den Kopf.
      "Ich bin müde, das ist alles. Ich schlafe nicht besonders gut an meinen besten Tagen."
      Er zuckte mit den Schultern, als sei das keine große Sache - was es für ihn auch nicht war. Seine Magie terrorisierte ihn seit dem Tag seiner Geburt vor über dreißig Jahren und sie würde ihn nicht einfach in Ruhe lassen bis er endlich ins Gras biss. Das war das Päckchen, das er tragen musste.
      "Aber hey: so kriegst du Gesellschaft - und ein Taxi - mitten in der Nacht, um dich in ein mittelmäßiges Diner zu schleppen."
      Er griff nach seiner Kaffeetasse, doch dann schoss ihm eine Liste an Kontaktgiften durch den Kopf und er ließ wieder los. Er ließ seinen Blick durch das Diner wandern. Niemand beobachtete ihn. Der alte Mann hing noch immer an seinem Kreuzworträtsel, der Kellner spielte mit seinem Smartphone, der Koch war nirgendwo zu sehen. Santi warf einen Blick nach draußen, aber auch da herrschte Ruhe - sofern in New York Ruhe herrschen konnte. Jedenfalls konnte er keine direkte Bedrohung ausmachen. Trotzdem fühlte er sich beobachtet. Er rieb sich mit der Hand über den Nacken. Wie lange saßen sie jetzt schon hier? Lange genug um einen Burger und einen Milchshake zu verputzen. Santiago sah auf seine Uhr. Er musste hier weg.
      "Hey äh... würde es dir was ausmachen, wenn wir von hier verschwinden? Ich trau dem Kellner zu, dass er uns in die Getränke spuckt."
      Hatte der Kerl das getan? War der Kaffee deswegen so schlecht?


    • Den mikroskopischen Ausbruch nahm Lewis dem Kerl nicht übel. Wer so aussah wie Santiago, der durfte auch mal ausfallend werden.
      "Schlechtes Bett? Schlechte Umgebung? Schlechte Bettgenossen?"
      Lewis versuchte sich an einem Grinsen, aber irgendwie zog das nicht so. Es prallte von Santiagos Miene ab, als hätte er einen Stein an eine Wand geworfen.
      Zumindest hatte er recht: So bekam Lewis wirklich sein Taxi und durfte auch noch mit ihm abhängen. Das wäre zwar alles viel entspannter gewesen, wenn der andere dabei nicht so gruselig gewesen wäre und Lewis nicht unbedingt genug Schmerzen für heute ausgehalten hätte, aber entspannend war es trotzdem. Viel besser als weiter in Bryces Höhle abzuhängen und noch sehr viel besser, als einfach nachhause zu gehen.
      Das drohte jetzt aber demnächst, denn Santiago hatte wohl genug von seinem Kaffee und Lewis wollte sich nicht nochmal Pommes bestellen, denn von Frittieröl hatte er jetzt doch definitiv genug geschluckt. Dafür fand er es aber durchaus komisch, wie zögerlich der andere nach ihrem Aufbruch fragte, was so gar nicht zu ihm zu passen schien.
      "Das hat er vermutlich schon längst getan. Gut genug sieht er nicht aus, dass ich ihm das durchgehen lassen würde."
      Sie standen auf und Santiago bezahlte; er hatte versprochen das Frühstück zu spendieren und so wurde es eben das Abendessen. Lewis konnte durchaus wertschätzen, dass der andere sich an sein Wort hielt. Er hätte ihn aus Dank sicherlich angeflirtet, angebaggert oder gar beides, aber diese unheimliche Präsenz hielt ihn auf Abstand.
      Das war nun schon etwas nervig. Der Santiago vom Hotel, der sich über Lewis so hergemacht hatte, war viel besser gewesen. Der hier war... einfach nur noch gruselig.
      Sie gingen nach draußen und dann die Straße entlang - in Richtung Motorrad. Eigentlich wollte Lewis nicht schon aufbrechen, aber er konnte sich definitiv nicht vorstellen, dem Mann in diesem Zustand näher zu kommen. Und was könnten sie denn anderes tun als zu ficken, wenn sie sich schon so nahe waren?
      "Danke für das Essen, man. Ruf mich an, wenn du mal wieder nicht schlafen kannst. Ich kann dir sicher dabei helfen."
      Er zwinkerte ihn an, verspürte aber doch das Bedürfnis noch hinzuzusetzen:
      "Wenn deine Magie nicht so... drauf ist. Das fühlt sich komisch an."
      Dann stand er unschlüssig im Weg, denn eigentlich hatte Santiago dieses kleine nächtliche Zusammenkommen gar nicht aufgelöst, aber auf der anderen Seite wusste Lewis sonst auch nichts mit sich anzufangen.
      "Ich äh... geh dann wohl heim. Ich geh zu Fuß, musst dir nicht die Mühe machen."
    • "Wenn deine Magie nicht so drauf ist."
      Santiago nickte stumm, das kannte er schon. Meistens hieß es "Wenn du besser drauf bist" oder "Wenn's dir besser passt". Unangenehmes Frühstück, unangenehmer Mitternachtssnack. So lief es jedes Mal.
      "Versprich mir das nicht, sonst ruf ich dich jede Nacht an," gab Santiago gespielt scherzhaft zurück, um diese Situation nicht noch unangenehmer zu machen, als sie sowieso schon war.
      Er setzte sich auf sein Bike, den Helm in der Hand, den er die ganze Zeit mitgeschleppt hatte.
      "Sicher?" fragte er. "Ich hab im wahrsten Sinne des Wortes nichts besseres zu erledigen."
      Doch Lewis bestand darauf, allein nach Hause zu laufen. Santiago würde ihn nicht dazu zwingen, weiterhin in seiner Nähe zu bleiben, wenn er wusste, wie unangenehm das gerade war. Also packte er seine Sonnenbrille wieder ein - wobei er sicherging, Lewis nicht direkt anzusehen - und schob sich den Helm über den Kopf.
      "Ich schätze, wie sehen uns," verabschiedete sich Santiago und ließ sein Bike mittels Kickstart aufheulen.
      Einen Augenblick später brauste er davon durch die nächtlichen Straßen New Yorks. Er brauchte weitere drei Stunden, bevor er es schaffte, seinen Hintern nach Hause zu bewegen. Pünktlich zum Sonnenaufgang.

      Ein paar Tage später, keine ganze Woche, erhielt Santiago eine mysteriöse Textnachricht auf das Handy, das er als sein Diensttelefon bezeichnete. Alles, was mit seiner Arbeit zu tun hatte, war mit diesem Telefon verbunden.
      Die Textnachricht kam von der Nummer, die Jericho ihm gegeben hatte, bevor sie ihre kleine Runde aufgelöst hatten. Sie war kurz und simpel und gab ihm den Zugangscode zu einer Paketstation an einer Tankstelle. In dem Schließfach fand er eine Nachricht mit dem Namen einer Bank und alle Daten, die er brauchte, um Zugriff auf ein Bankschließfach zu bekommen - inklusive dem kleinen Schlüssel, den man dafür brauchte. Mit beidem bewaffnet machte sich Santiago auf den Weg, seine ersten Goldbarren abzuholen.
      Die Bankmitarbeiter waren alle furchtbar zuvorkommend. Niemand wollte mehr Zeit als nötig mit dem gruseligen Typen verbringen. Santi war also ziemlich schnell unten im Tresor und öffnete die Kiste, die Jericho für ihn reserviert hatte. Und tatsächlich: Fünf Goldbarren ruhten ganz unscheinbar darin, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Perfekt!
      Santi ließ das Schließfach zurückgehen und machte auf dem Weg nach draußen bereits einen der nötigen Anrufe, um das Gold richtig unterzubringen. Er hatte in seinen vielen schlaflosen Nächten so einiges über den Goldhandel gelernt und alles in die Wege geleitet, um sich um sein Gold zu kümmern. Ein Grinsen konnte er sich nicht verkneifen.
      Draußen vor der Bank, betrachtete er den wolkenlosen Himmel. Ihm war nach feiern zumute. Also fischte er sein privates Smartphone aus seiner Tasche und schrieb der nicht mehr unbekannten Nummer eine Nachricht:

      Lust, den Zahltag zu feiern?
      Ich sorg auch dafür, dass ich die Sonnenbrille nicht brauche.


      Er würde sich jemanden suchen, dessen Verstand er für ein paar Tage auf die weniger angenehme Weise ruinieren konnte, bevor er sich wieder mit Lewis traf. Er war seine Paranoia so leid, er brauchte eine Pause von all den ungewollten Gedanken. New York hatte zu viele Ecken, zu viele Schatten, um sich zu lange damit herumzuschlagen. Er würde seinen Schlaf gern dafür opfern. Mit Lewis würde er wenigstens auch ordentliche Gesellschaft für seine schlaflose Nacht haben.


    • Lewis ertappte sich dabei, dass er die nächsten Tage in der Nacht häufiger mal auf sein Handy starrte. Santiago hatte es dabei sicher nur scherzhaft gemeint, dass er ihn jede Nacht anrufen könnte, aber irgendwie beschäftigte Lewis sich doch mit dem Gedanken, wenn er Zuhause einschlief, wenn er bei Bryce im Bett lag oder in irgendeiner Gasse hinter irgendeinem Club mit Fremden kiffte. Ja, er schaute häufiger auf sein Handy. Na und? Für sowas hatte er es schließlich.
      Dann erhielt er noch in derselben Woche eine andere Nachricht und seine Gedanken verschoben sich für den Augenblick auf etwas anderes.

      “Was. Ist. Das?”
      Das, mein allerliebstes Brüderlein, ist ein 12 Kilo schwerer Goldbarren. Heb mal hoch, der ist echt schwer.
      Jayden hob ihn nicht hoch, sondern starrte nur weiter abwechselnd Lewis und den Barren verständnislos an. Er saß an seinem Schreibtisch und hatte wohl von jetzt auf gleich vergessen, was er dort vorgehabt hatte.
      “... Ja. Das sehe ich. Lass mich die Frage anders formulieren: Woher zum Teufel hast du einen scheiß Goldbarren?”
      Die Situation beflügelte Lewis dermaßen, dass er sich fast nicht im Zaum halten konnte. Es war daher sehr schwierig, als er sich nach vorne über den Tisch lehnte und geradezu verschwörerisch preisgab:
      Von der Federal.
      Natürlich hatte Jayden die Nachrichten geschaut, die schon längst weltweit ausgestrahlt wurden. Jetzt sprang er entsprechend auch energisch auf, die Augen so weit aufgerissen wie Lewis es tat, wenn er seine Bäume durchging.
      “Die Federal?! Von der scheiß Federal?!”
      Jep!
      “Das warst du?!”
      Nicht ganz und so erzählte Lewis auch - ohne Namen oder persönliches zu nennen - was sie abgezogen hatten. Mit nicht geringem Stolz berichtete er, dass er fast eine ganze Stunde lang die Kameras überblickt hatte und danach sogar noch laufen konnte. Für ihn war das wirklich eine Leistung!
      Nur Jay sah noch zu geschockt aus, um das anzuerkennen.
      “Und davon hast du mir nichts gesagt?!”
      Du hättest es mir sicher austreiben wollen.
      “Aus berechtigtem Grund! Weißt du eigentlich, was du alles aufs Spiel gesetzt hast?!”
      Klar - und weißt du auch, was wir dafür bekommen?
      “Einen scheiß Goldbarren!”
      20.000 scheiß Goldbarren.
      Das verschlug seinem Bruder wiederum aufrichtig die Sprache und das fühlte sich gut an. Das fühlte sich richtig, richtig gut an. Ja, jetzt war es mal Lewis, der hier die Sache leitete.
      Das ist mehr als eine Milliarde, Jay. Alles für uns. Alles in Gold aufgerechnet, das wir nur zu verscherbeln brauchen. Oder es auch als Rücklage aufbewahren können.
      Das wollte Lewis zwar nicht, er wusste aber, wie sein Bruder tickte.
      Langsam ließ der sich wieder in seinen Sessel sinken.
      “20.000…”
      20.000.
      “Ach du scheiße. Wir sind reich. Oder? Wir sind reich. Wir sind reich!”
      So schnell, wie er vorhin aufgesprungen war, sprang er wieder auf, schnellte um den Schreibtisch herum und warf sich Lewis in die Arme, der ihn auch freiwillig auffing.
      “Wir sind reich! Wir sind reich, verdammte scheiße!”
      Jay lachte und Lewis konnte einfach nicht anders als auch zu lachen. Sie waren reich. Wie sie das Geld verwenden würden, darum konnten sie sich auch später noch kümmern.

      An diesem Nachmittag summte sein Handy und es war wie eine göttliche Fügung, dass Santi-Baby auf dem grauen Display auftauchte. Lewis schnappte sich grinsend das Gerät und schrieb zurück.

      JA! Nach den Nachrichten, hol mich ab. U-Bahn Station.
      :*


      Er würde dafür sorgen, dass er seine Sonnenbrille nicht brauchte. Lewis hatte noch nie einen so dämlichen Satz gehört, der gleichzeitig so sexy war, dass er direkt seinen Blutfluss anregte. Das war ihm auch gar nicht peinlich; wenn er ehrlich war, hatte er seit der Nacht im Hotel auf eine zweite Chance gehofft. Sie jetzt endlich zu bekommen, das war mindestens genauso viel zu feiern wert.
      Er zog sich am frühen Abend die Nachrichten rein, aber nur die Hälfte davon. Jay war sowieso nachsichtig mit ihm, weil er jetzt erstmal fünf Goldbarren zu verstauen hatte und sich dann überlegen durfte, wie viel davon schon gewechselt und wie viele eingespart werden sollten. Jay war das Finanz-Genie unter ihnen, daher machte Lewis sich auch nicht die Mühe, ihm irgendwie zur Unterstützung zu stehen. Er hatte die Barren besorgt, jetzt hatte er sich einen Urlaub verdient.
      Diesmal zog er sich besser an als beim ersten Mal. Er griff zu einem Hemd, um Santiago alle Ehre zu machen, aber auch um es offen lassen zu können, wenn ihm der Sinn danach stand. Außerdem kämmte er sich extra die Haare, auch wenn das nicht viel brachte. Die Haare hatten beide Brüder vom Vater geerbt und der hatte eine wahre Mähne getragen.
      Bei der Straße vor der U-Bahn Station erkannte er Santiagos massigen Körper sofort und wurde wie davon angezogen. Grinsend stakste er auf ihn zu, die Fröhlichkeit in Person.
      "Da ist er ja, der Mann der Stunde! Ohne dich hätten wir das nicht gepackt, weißt du das eigentlich? Nichts davon."
      Er grinste noch viel breiter, als er bei ihm zum Stehen kam. Santiago hatte wirklich dafür gesorgt, dass er seine Sonnenbrille nicht brauchte, denn jetzt war er heiß und sexy und nichts an ihm wirkte in irgendeiner Weise gruselig.
      Das war der alte Santiago, mit dem er im Hotel geschlafen hatte. Der gute Santiago.
      "Also was ist, zum Paradise? Da könnte aber Bryce abhängen. Woanders hin? Zur Feier des Tages will ich mir irgendwas hartes gönnen."
    • Santiago hatte sich irgendeine arme Sau in einer Notaufnahme gesucht. Das machte er oft, weil man direkt mit so gut wie jeder Reaktion auf ihn und die Angst, die er auslöste, umgehen konnte. Selbst wenn er aus Versehen jemanden mit schwachem Herzen erwischte und einen Herzinfarkt verursachte (mittlerweile war er aber eigentlich ziemlich gut darin, die Zeichen eines solch schwachen Herzens zu erkennen, um sowas zu vermeiden), konnte hier gleich geholfen und das Schlimmste vermieden werden.
      Er hatte keine speziellen Kriterien, nach denen er sich seine Opfer aussuchte. Er folgte im wahrsten Sinne des Wortes seiner Nase, die ihm zur ängstlichsten oder nervösesten Person im Raum führte. Handelte es sich dabei um Kinder oder Personen mit Kindern ignorierte er sie und ging weiter. Er ignorierte außerdem alle, die wegen ihrer fehlenden Papiere nervös waren - er würde nicht der Grund sein, warum jemand den Behörden auffiel.
      Heute verlangte es seine Magie nach einem großgewachsenen Glatzkopf, der gleichermaßen wütend und ängstlich war. Der Mann war Hypochonder, wie Santi nach nur wenigen Minuten feststellte. Er setzte sich neben ihn in den Warteraum und legte ihm die Hand aufs Knie. Der Mann schnauzte ihn an, was das solle, doch da hatte Santiago schon seine Sonnenbrille abgenommen und starrte dem Mann in die tiefen seiner Seele. Seine Augen wurden schwarz, als sich seine Magie an den Ängsten des Mannes satt fraß. Der Mann begann zu stammeln, alle Farbe verließ sein Gesicht, schließlich hyperventilierte er so sehr, dass er drohte, das Bewusstsein zu verlieren. Santi schob seine Sonnenbrille wieder auf sein Gesicht und machte eine Krankenschwester auf den Notfall aufmerksam. Während dem Chaos, das folgte, verschwand er aus der Notaufnahme. Er hatte ein Date abzuholen.

      Lewis hatte ihm eine recht ungenaue Zeitangabe gemacht, also stand Santiago eine ganze Weile dämlich in der Gegend herum. Aber das machte ihm nichts aus, jetzt wo sein Hirn ihn endlich in Ruhe ließ. Er lehnte also relativ zufrieden an seinem Motorrad, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, um den Sonnenschein zu genießen. Er trug seine Sonnenbrille, aber nur aus dem Grund, aus dem man eben eine trug, nicht um andere vor seinem furchtbaren Blick zu beschützen.
      Er hatte sich nicht besonders herausgeputzt, das tat er selten. Hunderter schlafloser Nächte gefüllt mit Langeweile hatten ihm einen recht guten Sinn für Fashion gegeben. Er wusste er sah gut aus, selbst wenn er nur Jogginghosen trug, aber man konnte ja ein bisschen nachhelfen. Er trug dunkle Jeans, ein graues T-Shirt mit V-Ausschnitt und eine schwarze Lederjacke dazu, und sah demnach genau so aus, wie man sich einen Motorradfahrer vorstellte.
      Als ein weiterer Schwall an Fahrgästen aus der U-Bahn Station schwappte, suchte er die Gesichter einmal mehr nach Lewis ab. Der Mann fand ihn aber zuerst und kam voller Elan auf ihn zu.
      "Da ist er ja, der Mann der Stunde! Ohne dich hätten wir das nicht gepackt, weißt du das eigentlich? Nichts davon."
      "Ja, das weiß ich. Ihr wärt ja nicht mal in den Kontrollraum gekommen und das war praktisch der erste Schritt, den wir machen mussten," gab Santiago schlicht zurück
      Er drückte Lewis den Helm in die Hand.
      "Zum Paradise? Ich hab gesagt, dass ich feiern will, da verzieh ich mich doch nicht in eine billige Kneipe, die klebriger ist als Honig."
      Er schwang ein Bein über sein Motorrad und schaltete den Motor ein.
      "Wir haben gerade einen Haufen Geld verdient. Wenn ich feiern will, dann meine ich feiern."
      Er würde den Streuner in einen richtigen Club mitnehmen, das hatte Santiago auf dem Weg hier her beschlossen. Lewis wollte sich wegballern, das konnte er da genauso gut, wenn nicht sogar besser, als bei diesem Bryce.

      Santiago fuhr sie auf direktem Weg zu einem der wenigen Clubs, die er tatsächlich frequentierte - wenn es seine Paranoia denn zuließ. Das Spirit's Crypt war ein ziemlich großer Club mit drei Stockwerken überirdisch und einem Keller - und das beinhaltete noch nicht einmal die Lager- und Büroräume dieses Ortes. Santi parkte auf dem abgetrennten Mitarbeiterparkplatz hinter dem Gebäude, den er scheinbar ohne Probleme einfach nutzen konnte, bedachte man, dass sich die Schranke von allein öffnete, kaum dass er angefahren kam. Er salutierte einer Kamera zu, bevor er auf den Parkplatz fuhr.
      "Lass den Helm da," meinte er zu Lewis.
      Hier würde nichts wegkommen, dafür war er ein zu gern gesehenes Gesicht an diesem gut bewachten Ort.
      Theoretisch hätten sie sogar durch den Mitarbeiter-Eingang gehen können, aber dann hätte Santi sich nur in Gespräche mit anderen Leuten verwickeln lassen und dafür war er heute nicht unbedingt hier. Als nahm er Lewis wieder mit zum Haupteingang, wo sich jetzt schon eine deutliche Schlange bildete - dabei war es noch nicht einmal neun. Santi ignorierte die Schlange komplett und ging direkt vor zu den Türstehern, die er beide mit einem ordentlichen Handschlag begrüßte wie die alten Freunde, die sie drei auch waren.
      "DaVonte, Mark, das ist Lewis. Der gehört heute zu mir," stellte Santi klar.
      Die beiden Türsteher nickten, grüßten Lewis kurz freundlich, dann winkten sie die beiden rein. Sollte Lewis es irgendwie schaffen, heute hier drin in Schwierigkeiten zu geraten, dann wussten die beiden DaVonte und Mark, dass auf Lewis aufgepasst werden sollte, nicht auf andere beteiligte, und das sie Santiago Bescheid geben sollten. Das galt aber nur für heute - Lewis würde seinen Namen nicht benutzen können, um an anderen Abenden die Schlange zu überspringen oder sich anderweitige Vorteile zu sichern.
      Das Erdgeschoss war eine riesige Bar, beleuchtet durch bunte Neonröhren an allen Kanten, die das zuließen. Hier unten schallte Lounge Musik aus versteckten Lautsprechern, gerade laut genug, um Spaß zu haben, aber nicht zu laut, um Unterhaltungen unmöglich zu machen. Für die richtig laute Musik und die Tanzfläche musste man runter in die eigentliche Krypta gehen. Im Keller war Party angesagt.
      Doch dahin ging Santi nicht. Er hielt auf die ausladende Treppe zum ersten Stock zu, der eigentlich nicht viel mehr als ein großer, Raumumfassender Balkon nach innen war, von wo aus man das Erdgeschoss im Blick behalten konnte. Das lag daran, dass die Mitte des Erdgeschosses eine Bühne war, die regelmäßig mit irgendwelchen Aufführen glänzte.
      Auch hier hielt Santi nicht an. Stattdessen nahm er Lewis mit nach oben in den zweiten Stock, wo sich ein Restaurant versteckte, das mit zum Club gehörte. Auch hier setzte sich das futuristische Design aus dunklem Marmor, Chrom und buntem Neon fort, auch hier hallte Musik aus versteckten Lautsprechern, aber noch ein bisschen leiser als in der Bar. Große Bildschirme unter der Decke spielten die passenden Musikvideos von DJs und Popstars ab.
      Santiago hielt direkt auf einen leeren Tisch in einer Ecke zu, als gehöre ihm dieser Ort. Er wusste, dass er sich das herausnehmen konnte, genauso wie er wusste, wer heute hinter den Bars stand. Auf dem Weg zum Tisch nickte er zwei der Kellner zu, winkte dem Barkeeper hier oben.
      "Such dir was, ich bezahl dir den Abend," meinte Santi, als er sich auf einen schwarzen Sessel sinken ließ und Lewis die Karte hinschob.
      Er zog sich die Sonnenbrille von der Nase und steckte sie in seinen Kragen. Keine Sekunde später tauchte Trixie auf, eine kleine, schlanke Frau von über vierzig, mit neonpinken Haaren, die sie in zwei Pigtails trug.
      "Hey Jungs, was kann ich euch zwei Hübschen bringen?" fragte sie mit einem breiten Grinsen.
      Trixie war Kellnerin mit Leib und Seele und hatte tatsächlich Spaß an ihrer Arbeit, insbesondere an diesem Ort.
      "Hey Trix. Ich nehm das argentinische Steak, wie immer, und einen Mississippi Punch."
      Trixies Finger flogen über kleines Tablet.
      "Geht klar, Sweetie. Und was kann ich dir bringen, Hübscher?" fragte sie Lewis, "Oder brauchst du noch einen Moment, um dich zu entscheiden?"
      Als Trixie wieder verschwunden war, lehnte sich Santiago entspannt in seinem Sessel zurück und musterte Lewis. In einem Hemd sah er gar nicht mal so übel aus.
      "Gut siehst du aus," sprach er seine Gedanken laut aus. "Das Hemd steht dir." Und dann: "Hast du's deinem Bruder gesagt? Das mit dem Gold?"


    • Egal, wo auch immer Santiago Lewis hin entführen wollte, er wäre trotzdem auf sein Motorrad gestiegen. Es war ihm ganz egal, in welcher versifften Hölle sie in dieser verfluchten Stadt landen mochten, er wäre überall hingegangen. Allein, weil Santiago dabei war und seine Sonnenbrille nur aufhatte, weil sie verflucht gut zu seinem Outfit passte.
      Lewis grinste über beide Ohren. Er stieg auf und genoss es, eine ganze Weile lang sich an diesen prächtigen Leib klammern zu können.
      Der Mann brachte sie zum Spirit's Crypt, was Lewis zwar kannte, wo er aber noch nie reingegangen war. Das Problem war zum einen die Schlange, die gefühlt zu jeder Tageszeit bis auf die Straße rauslief, und zum anderen war das nicht unbedingt seine Atmosphäre. Lewis mochte es schnell und billig, Santiago war aber wohl eher jemand, der den Luxus gewisser Dinge genoss. Heute würde Lewis das wohl auch tun können, das Geld dazu hatte er ja.
      Sie parkten auf einem abgetrennten Parkplatz - arbeitete Santiago etwa hier, nachdem er reingelassen wurde? - und ließen sogar den Helm zurück. Das würde Lewis sich niemals trauen, wenn er selbst ein Motorrad hätte. Außerdem gingen sie dann auch gleich an der Schlange vorbei, direkt nach vorne, wo Santiago die beiden bulligen Türsteher sogar mit Namen grüßte. Lewis merkte sich die beiden Namen, das waren nämlich zwei sehr ansehnliche Türsteher.
      Drinnen war es noch viel luxuriöser ausgestattet als draußen. Man konnte fast das ganze Geld riechen, das hier durchfließen musste und den Snobs von New York ermöglichte, an einem Ort zusammenzukommen und ihrem Reichtum zu frönen. Aber - Lewis würde jetzt auch dazu gehören! Er hatte es immer noch nicht richtig gefasst.
      Aus dem Kellergeschoss dröhnte der Anflug von Bass-Gedröhne herauf, auf den Lewis sofort zugesteuert hätte, wäre er alleine hergekommen. Zu seiner geringen Enttäuschung ging Santiago aber nicht dahin, sondern durchquerte zielgerichtet den Raum und ging eine Treppe nach oben. Dort erwartete sie nochmal ein exklusiverer Bereich, bei dem man in den Genuss von ein bisschen Privatsphäre kommen konnte, während man noch das Treiben im Erdgeschoss im Blick behalten konnte.
      Doch auch dort hielt der Kerl nicht an und langsam wollte Lewis ihn darauf hinweisen, dass er keine Lust hatte, einen ganzen Club zu erkunden, sondern sich einfach nur wegballern wollte. Er hielt aber Schritt, ohne den Mund aufzumachen und bald erreichten sie endlich ihre Ziel-Etage: Ein Bereich, der aussah wie ein Restaurant. Ein Restaurant im Club? Das war nun wirklich sehr gehoben.
      Auch hier marschierte Santiago hindurch, als würde ihm der ganze Laden gehören, dann setzten sie sich an einen der freien Tische. Sogar die scheiß Stühle fühlten sich richtig edel an.
      "Such dir was, ich bezahl dir den Abend."
      Lewis lachte.
      "Was für ein Gentleman du doch bist. Dabei habe ich auch das nötige Kleingeld, kannst du dir das vorstellen? Ganz zufällig sogar."
      Breit grinste er und warf einen Blick auf die Karte, wo man kein Gericht unter 50 Dollar bekommen konnte und das war auch nur eine Suppe. Was für ein Laden. Lewis hatte eigentlich auf nichts davon richtig Lust, aber er wollte etwas richtig, richtig teures essen. Sie konnten es sich ja beide leisten.
      Die Kellnerin kam und mittlerweile wunderte sich Lewis schon gar nicht mehr darüber, dass Santiago sie kannte. Natürlich tat er das.
      Sie sah Lewis mit einem Lächeln an, das gar nichts verriet, außer dass sie ihren Job ziemlich gerne tat.
      "Für mich den Hummer. Kann ich dazu extra Kaviar bekommen?"
      Natürlich konnte er und er strahlte Santiago geradezu an, als Trix wieder wegging. Der Mann war jetzt auch seine Sonnenbrille los und ruhige, abschätzende Bernsteinaugen betrachteten ihn. Lewis hätte sich unter dem Blick gerne geräkelt, damit er ihn noch weiter damit verschlingen würde. Aber das musste auf später warten.
      "Danke. Ich kann auch Hemden tragen, weißt du? Und jetzt ist auch ein besonderer Anlass."
      Er musste kichern, er konnte einfach nicht anders. Die Aufregung des Tages steckte noch völlig in seinen Knochen.
      "Ich habe es ihm gesagt und er hat so dämlich ausgesehen wie schon lange nicht mehr. Hat sich richtig die Augen aus den Höhlen geglotzt. Richtig dumm dreingesehen. Das war schon die ganze Aufregung wert, wenn du mich fragst."
      Er lehnte sich nicht wie Santiago nach hinten, sondern nach vorne, stützte die Ellbogen auf dem Tisch auf und das Kinn auf den Händen.
      "Aber - eine Milliarde!" Jetzt sprach er leiser. "Heilige Scheiße, ich kann's echt nicht fassen. Ich hatte einen von ihnen heute in der Hand, aber ich kann's trotzdem nicht fassen. Und sie haben immernoch keine Ahnung! Nicht die geringste!"
      Die Kellnerin kam zurück und Lewis wartete, bis sie ihnen ihre Drinks gebracht hatte. Dann nahm er seinen hoch.
      "Prost! Auf den besten Job überhaupt!"
      Sie stießen an und Lewis nahm gleich einen riesigen Schluck. Er hatte es zwar nicht eilig, aber wenn er sich doch sowieso weghämmern wollte, konnte er auch gleich damit anfangen.
      "Das ist genug um... scheiße, das ist bestimmt genug, um diesen Laden hier zu kaufen. Was wirst du damit anstellen? Hast du schon Pläne dafür?"
    • Santiago verzog kurz das Gesicht, als sich Lewis eine extra Portion Kaviar bestellte. Seiner Meinung nach schmeckte das Zeug einfach nur furchtbar. Die Superreichen konnte das gern behalten. Aber er war ja jetzt ein Superreicher... Dann würde er sich wohl für den Schutz von Stören einsetzen müssen.
      "Klingt ja fast so, als verstehst du dich nicht besonders mit deinem Bruder? Warum arbeitest du dann mit ihm? Korrigier mich ruhig, ich hab keine Ahnung, wie die Beziehung zwischen Brüdern auszusehen hat. Ich bin mehr oder weniger Einzelkind."
      Er griff sich seinen Cocktail und prostete Lewis zu, als dieser den seinen erhob.
      "Prost! Auf den besten Job überhaupt!"
      "Auf unsere verdammt gute Rentenversicherung," stimmte er dem Streuner zu und stieß mit ihm an.
      Der Cocktail bestehend aus Weißem Rum, Bourbon, Osborne 103, Limettensaft, Grenadine, und Orangensaft, war wir immer perfekt gemixt. Vielmehr Alkohol würde er sich heute Nacht nicht gönnen können, wenn er noch mit dem Bike nach Hause wollte. Aber genau deswegen hatte er hinten geparkt: hier konnte er sein Bike auch einfach über Nacht stehen lassen, wenn er zu tief ins Glas geguckt hatte, und sich einen Uber bestellen. Oder ihnen beiden, wenn sich der Abend so entwickelte, wie Santiago es gern hätte. In dem gleichen Szenario schaute er auch sehr tief ins Glas.
      "Ich habe ein paar Pläne, die ein bisschen Kapital erfordern, ja, aber wir haben viel zu viel verdient, als dass ich das alles auszugeben wüsste. Das meiste werde ich wohl einfach rumliegen und noch mehr Geld abwerfen lassen. Ich glaube, den größten Teil werde ich sogar einfach so lassen, wie er ist und woanders einlagern. Irgendwo wo keine Gruppe einfach reinmarschiert..."
      Er grinste. Das war der allgemeine Konsens in der Szene, in der sich Santi bewegte: alle wunderten sich darüber, wie jemand die Federal hatte ausnehmen könne. Die meisten waren der festen Überzeugung, dass sehr wohl was geklaut worden war, auch wenn die Behörden steif und fest behaupteten, alles sei genau da, wo es sein sollte. Die meisten wunderten sich auch, wer da eigentlich eingebrochen waren. Die Infos, die sich die Leute von den Behörden besorgt hatten (nicht der Quatsch, den sie den Medien zukommen ließen), waren sehr spärlich und so fragten sich alle, wer einen solchen Stunt zustande gebracht hatte. Santi ging natürlich nicht durch die Gegend und gab mit seiner neusten Errungenschaft an, aber es zauberte ihm immer wieder ein Grinsen ins Gesicht zu wissen, dass all die Leute, die wussten, wie hart es war, in die Federal einzubrechen, da ihn und seine Crew bewunderten. Er hatte das gemacht. Er war da reingekommen, wo sich niemand auch nur rantraute.
      "Und du? Hast du Pläne mit deinem neu erworbenen Kapital?"


    • "Einzelkind? Man, du glücklicher. Ich sag' dir, früher, als ich so 9, 10 war, hätte ich ihn umbringen können, wenn meine Magie für sowas nützlich wäre. Da war er ein richtiger kleiner Scheißer. Heute ist er immernoch ein Scheißer, aber klein ist er nicht mehr."
      Lewis grinste.
      "Aber er ist cool. Er hat die Firma übernommen, als unser Alter abgekratzt ist und macht das auch wirklich gut. Manchmal kriegen wir uns in die Haare, aber wer tut das schon nicht. Er hat sich echt gefreut über diesen Wahnsinns-Bonus, aber er hat mich auch fertig gemacht, weil das richtig nach hinten hätte losgehen können. Wenn ich wegfall, dann geht's immerhin der Firma schlecht. Wir haben so eine Quote aufrecht zu erhalten."
      Er zwinkerte Santiago zu, der gar nicht mehr über seine Fähigkeit zu wissen brauchte, um sich vorstellen zu können, wie notwendig sie für die ein oder andere Sache sein musste. Auch, wenn Lewis immernoch nicht richtig in die Zukunft sehen konnte. Nicht einfach so.
      Er schlürfte genüsslich an seinem Drink, während er dem anderen zuhörte. Wenn er jetzt gedacht hätte, dass Santiago mit dem Geld irgendeinen Masterplan verfolgte, dann hätte er sich geirrt. Der Mann war einfach nur darauf aus, das Geld zu verprassen wie er lustig war. Das konnte Lewis nachvollziehen.
      "Nichtmal ein schickes neues Bike leistest du dir? Das ist ja langweilig."
      Wobei ihm noch eine viel interessantere Frage einfiel.
      "Wieso hast du dann mitgemacht, wenn du das Geld nicht brauchst?"
      Er schlürfte nochmal.
      "Eigentlich dachte ich mir, wir setzen uns von der Firma ein bisschen ab, mein Bruder und ich. Bringen Abstand zwischen uns und dem Job, der kann manchmal nämlich schon hässlich werden. Aber dafür bin ich zu spät dran; mein Bruder hat vor ein paar Wochen einen neuen Auftrag angenommen, der jetzt angelaufen ist. Das ist ein großer. Wenn wir den jetzt einfach abblasen, machen wir uns ein paar größere Persönlichkeiten zu Feinden und dann wird alles etwas schwierig. Deswegen weiß ich jetzt auch nicht, wohin damit. Ich hab's einfach ihm überlassen, er ist das Finanz-Genie unter uns."
      Das Essen kam und Lewis sah mit glitzernden Augen dabei zu, wie die wundervolle Trix ihm seinen sehr teuren Hummer auftischte. Zuerst musste er da aber seinen Kaviar probieren, immerhin war das das Highlight hiervon. Er schaufelte sich also einen Löffel davon in den Mund und:
      "... Bäh. Das ist irgendwie eklig. Probier mal."
      Er hielt auch Santiago einen Löffel hin, der aber wenig Interesse daran hatte. Was verständlich war.
      "Wie enttäuschend."
      Er verputzte trotzdem das ganze Schälchen und machte sich über den Hummer her, der wirklich erstklassig war. Was für eine surreale Erfahrung, hier in diesem Club zu sitzen und was zu essen, was sonst nur die Snobs runterschlangen. Lewis fühlte sich gleich selbst viel edler dabei.
      Er kippte sich den Rest seines Drinks runter und bestellte seinen zweiten. Dann überredete er Santiago mit Hunde-Augen dazu, ihn vom Steak probieren zu lassen, was mindestens genauso gut war. Zum Schluss war er mehr als gesättigt und zufrieden - zumindest mit diesem Aspekt des Abends.
      "Bist du fertig? Dann lass uns runter gehen. Ich bin noch viel zu nüchtern, um diese Nacht richtig zu genießen."
    • "Job ist Job," antwortete Santi und zuckte mit den Schultern. "Apollo hat mir viel Geld angeboten, um mitzumachen - mehr als meine üblichen Preise - das hat mich neugierig gemacht. Er sagte, er kann mir nicht mehr verraten bis zu unserem ersten Meeting. Den Rest kennst du. Und wer kann schon bei so einem Preisschild Nein sagen? Und dann ist da noch der Ruf, den man sich mit so einer Sache aufbauen kann. Ich bin kein unbeschriebenes Blatt, die Leute kennen mich und meine Arbeit, aber sobald wir das bekannt machen können... Wir sind praktisch Promis. Ich kann mir gut vorstellen, dass Jericho und Skye aus ähnlichen Gründen mitgemacht haben. Hacker und Diebe wollen doch immer damit angeben, was sie alles geschafft haben, ohne erwischt zu werden."
      Er lachte, als Lewis seine erste Erfahrung mit Kaviar machte.
      "Danke nein, ich weiß wie furchtbar Kaviar ist," erwiderte er ob der hingehaltenen Portion. "Das ist keine Erfahrung, die ich wiederholen muss."
      Während Lewis den Staubsauger mimte und sich über sein Meeresgetier hermachte, ließ sich Santiago sein Steak schmecken. Einer der Köche hier war ebenfalls Argentinier und wusste, wie man ein ordentliches Steak zubereitete. Die beiden hatten sich zufällig kennengelernt und waren jetzt sowas wie Freunde. Jedes Mal, wenn Santi ein ordentliches, argentinisches Steak wollte, kam er hier her und ließ sich eins von Eduardo machen.
      Er bemerkte die großen, runden Augen des Streuners schon bald und mit einem Seufzen und einem Lächeln auf den Lippen, schnitt er ein Stück von seinem Steak ab und hielt es Lewis hin. Offenkundig traf auch das seinen Geschmack.
      "Bist du fertig? Dann lass uns runter gehen. Ich bin noch viel zu nüchtern, um diese Nacht richtig zu genießen."
      "¡Relájate, callejero! Wir haben die ganze Nacht!" lachte Santi, winkte Trixie aber trotzdem rüber und leerte seinen eigenen Cocktail.
      Trixie hüpfte zu ihnen, ihre Pigtails tanzten leuchtend durch das Schwarzlicht.
      "Alles gut?" fragte sie fröhlich.
      "Wie immer hervorragend. Packst du das auf meine Rechnung für heute Abend?"
      "Klaro. Viel Spaß noch."
      Sie drückte Santi einen Kuss auf die Wange, er drückte ihr einen auf die Wange, dann verschwand wie mit ihren Tellern und leeren Cocktailgläsern in Richtung Küche.
      Santi rutschte aus seinem Sessel und ging mit Lewis wieder runter. Der erste Stock und das Erdgeschoss hatten sich in der letzten halben, dreiviertel Stunde ordentlich gefüllt. Dennoch kam man relativ leicht von einer zur anderen Ebene, da der ganze Club so aufgebaut war, dass alle Laufwege ziemlich offengehalten worden waren. So war es ein Leichtes, bis runter in die berüchtigte Krypta zu kommen. Auf der Treppe in den Keller ergriff Santi Lewis' Hand und lehnte sich zu ihm. Die Musik war jetzt schon unendlich laut.
      "Wenn du was kaufen willst, sag Bescheid, ich zeig dir die Hausdealer. Da kriegst du sauberes und kontrolliertes Zeug. Hin und wieder treiben sich hier ein paar nicht so saubere Jungs rum," brüllte er fast schon. "Und zum Rauchen musst du raus oder in die VIP Lounge."
      Die Kryptra war eine einzige, pulsierende Masse aus Gliedmaßen, nackter Haut, und Schweiß, beleuchtet von Stroboskop- und Neonlichtern, die sich dem Set des DJs anpassten, die auf einer Plattform mitten im Raum performte. Es war kein richtiger Rave, aber nah genug dran. Rechts, nur ein paar Meter von der Treppe entfernt, tauchte die Bar auf wie ein zu großes Riff. Man musste sich fast durch den ganzen Raum kämpfen um es bis zur VIP-Lounge hinten zu schaffen - die einzige Insel in diesem Meer aus Körpern. Ein paar Leute saßen dort, wie Könige, die ihr Land und ihr Volk überblickten. Diese VIP Lounge war nicht dafür da, um sich zu unterhalten oder irgendwelche Businessdeals zu besprechen. Sie war mehr wie der extra Fußraum, den man im Flugzeug bekam, wenn man ein teureres Ticket kaufte. Auch dort oben wurde getanzt, getrunken, und konsumiert, aber eben mit ein bisschen mehr Platz.
      Santi lehnte sich noch näher an Lewis heran, damit der ihn auch hören konnte.
      "Drink, Drogen oder Party, was willst du zuerst?!" brüllte er grinsend.


    • Auf Lewis’ Gedränge hin nahmen sie Abschied von Trixie - der bei Santiago höchst freundschaftlich ausfiel - und ließen den Essbereich hinter sich. Sie waren knapp anderthalb Stunden oben gesessen, in der Zeit hatten sich aber schon wesentlich mehr Leute ihren Eintritt ergattert. Beim runtergehen schnappte Lewis einige Bäume auf, die er ganz schnell wieder zu ignorieren versuchte.
      Mit jeder weiteren Stufe zur Krypta hinab, nahm die Lautstärke noch weiter zu. Der Raum musste ordentlich mit Verstärkern ausgestattet sein, so sehr wie der Bass hinauf dröhnte. Die Musik war laut und schnell und hatte das Zeug dazu, jeden in ihren Bann zu ziehen.
      Lewis wollte noch viel schneller runter, wurde aber von Santiago noch zurückgehalten. Fast glaubte er, der Mann würde ihn mitten auf der Treppe küssen.
      Geht klar!
      Sie grinsten sich gegenseitig an, dann ging es die letzten Stufen hinab.
      Unten war es dunkel, stickig, dröhnend laut und absolut nach Lewis’ Geschmack. Die Tanzfläche war bereits brechend voll mit einer Masse aus Leibern, die sich zwar wie eine Welle miteinander bewegten, aber alle eindeutig auch noch ihre eigenen Bewegungen durchführten. Der Geruch von Schweiß hing in der Luft und von reinem Alkohol.
      Es war ein Traum. Es war genau, was Lewis sich unter feiern vorgestellt hatte.
      Santiago lehnte sich wieder zu ihm und diesmal musste er direkt in Lewis’ Ohr brüllen, damit der was verstehen konnte. Lewis legte ihm dabei den Arm um den Nacken.
      Drogen!
      Das Grinsen von beiden war dabei fast Stichwort genug.
      Santiago ließ seine Hand diesmal nicht los, als er ihn auf die Menge zubrachte, denn dort herrschte zu viel Gedränge und zu wenig Übersicht, um sich wiederzufinden. Dabei war es höchst praktisch, dass der Mann vorneweg ging, denn sein wuchtiger Körper teilte das Meer aus Leibern, wo sich Lewis dann nur noch dranhängen musste. Auf seinem Weg sprossen mehrere Bäume vor seinem Gesicht hervor und er lenkte den Blick auf den Fußboden, damit sie genauso schnell auch wieder verschwanden.
      Santiago kämpfte sich für ihn durch bis zur Lounge, wo er ihn zu einem Mann mit Pferdeschwanz lotste, den man von weitem bereits nur daran hätte erkennen können, dass um ihn eine ganz persönliche Schar aus Junkies versammelt war, die sich bei ihm durchfüttern ließen. Lewis zweifelte kein bisschen an Santiagos Expertise und schlängelte sich geschmeidig zu dem Typen hindurch. Er handelte eine Line Koks raus, die er selbst bezahlen wollte, die wohl aber auch gleich auf Santiagos Rechnung ging. Dafür schnupfte er sie aber auch gleich, denn der Abend war zwar jung, aber wenn seine Bäume nicht einverstanden damit waren, hätte er noch genügend Zeit, sich mit langweiligen Joints wieder zu beruhigen. Und wenn sie das schon waren… Nun, Pferdeschwanz hatte ganz eindeutig auch noch anderes auf Lager, von dem er sich bedienen könnte.
      Nachdem er abgehandelt war, richtete er sich auf und sah sich nach seinem riesenhaften Begleiter um. Hier würde er zwar sicherlich auch alleine sehr viel Spaß haben, aber der Reiz an dieser Nacht war gerade, Bernsteinauge wieder zu haben. Und alles, was der mit sich brachte.
    • Santi hatte die Antwort bereits erwartet. Er ergriff Lewis' Hand und warf sich in das Meer aus feiernden Menschen. Wie ein Hai suchte er sich seinen Weg; zielgerichtet schob er die erhitzten Körper aus seinem Weg und zog Lewis dicht hinter sich her, um ihn nicht zu verlieren. Er wusste nicht genau wann, aber irgendwann ergriff ihn der Beat der Musik und er wippte im Takt einfach mit, während er sich seinen Weg suchte.
      Schließlich erreichten sie die kleine Treppe, die in die VIP Lounge führte. Santi nickte dem Schrank von einer Frau zu, die eine kleine, dunkelblaue Kordel mit ihrem Leben bewachte. Sie ließ ihn und Lewis hinein. Santi deutete auf einen Mann mit Pferdeschwanz - sein Name war Isaac, er war einer der vom Club angestellten Dealer mit dem sauberen Stoff - und ließ den Streuner von der Leiner. Während sich Lewis seine Bespaßung für den Abend kaufte, suchte sich Santi einen leeren Tisch, an den sie sich setzen und an dem sie ihre Drinks lagern konnten. Die Tische standen in mannshohen, plüschigen Nischen, die sowas ähnliches wie Privatsphäre vorzugaukeln versuchten. In einer saß ein Pärchen, die sich sehr vergnügt aneinander rieben. Dass sie dabei noch Klamotten anhatten, war geradezu unhöflich. In einer anderen wurden gerade Shots um die Wette getrunken, und in einer dritten saßen Leute aus dem Management des Clubs. Denen sagte Santi kurz hallo, einfach nur aus Höflichkeit, doch beide Seiten wünschten sich schnell viel Spaß, als klar wurde, dass niemand hier war, um sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Santi warf seine Jacke und seine Brille auf das Sofa von dem Tisch, den er sich für ihn und Lewis rausgesucht hatte.
      Als sich Lewis nach ihm umsah, winkte er ihm zu. Sobald er in Reichweite war, packte Santi ihn am Handgelenk, zog ihn fest an sich und küsste ihn mit so viel Schwung, dass er Lewis halb über die Balustrade zum Rest der tanzenden Partygänger beugte. Er genoss das Gefühl, die Hitze des schlanken Körpers, der sich da gegen ihn presste, und schlang einen Arm um Lewis, schob seine Hand in die wilden Haare des Streuners. Es hatte bisher keinen Zweifel daran gegeben, wo ihre Nacht enden würde, aber Santi wollte es noch einmal richtig klar stellen.
      Er hielt den Kuss aufrecht, bis er nach Luft ringen musste, und löste ihn, indem er Lewis in die Unterlippe biss. Grinsend richtete er sich wieder auf, ließ Lewis aber noch nicht los.
      "Party," rief er über den Lärm hinweg, "bis rüber zur Bar. Ich will einen Drink."
      Er zog Lewis hinter sich her und tauchte mit einem Kopfsprung zurück in das Meer aus tanzenden, schwitzenden Leibern. Dieses Mal erlaubte er es sich, von der Musik mitgerissen zu werden. Es dauerte nicht lange, da war er Teil dieses Lebewesens aus Lebewesen - und hatte den Spaß seines Lebens. Da waren keine Gedanken an versteckte Waffen, Auftragskiller oder Zweifel an der Statik des Gebäudes. Wenn jemand gegen ihn stieß, dann stieß er spielerisch zurück oder tanzte sogar mit der Person, anstatt sich gegen den Angriff zu wehren und die Bedrohung auszuschalten. Am meisten Spaß aber hatte er mit Lewis, den er nicht aus den Augen - und nur selten aus seinen Armen - ließ. So fühlte sich Freiheit für Santi an - und er genoss jede Sekunde davon.


    • Santiago hatte ihnen beiden in der Zwischenzeit einen Tisch ergattert, zu dem Lewis jetzt gedrängelt kam, nur um sich von dem Mann geradezu einfangen zu lassen. Er stolperte regelrecht neben ihn auf das Polster, dann drückten sich feste, unnachgiebige Lippen auf seinen und der muskulöse Körper des Mannes schmiegte sich fest an ihn. Lewis grinste in den wilden Kuss, noch während er immer weiter nach hinten gedrängt wurde und schließlich gar keinen Halt mehr im Rücken hatte. Da krallte er sich schnell in das dunkle Shirt seines Begleiters, der aber schon den Arm um seine Taille schlang. Eine kräftige Hand schob sich durch seine Haare und Lewis ließ im Gegenzug seinen geschmeidigen Körper gegen Santiagos rollen. Es bestand gar kein Zweifel, dass der Mann völlig wild auf ihn war, und Lewis machte sich auch keine Mühe, sich selbst etwas vorzumachen. Er hatte schon seit Nächten von diesen Muskeln geträumt, die er jetzt unter dem leichten Shirt wieder erspüren konnte, und die würde er sich diese Nacht wieder holen. Das war seine persönliche Droge, die er hier zu ergattern versuchte.
      Der Kuss endete damit, dass beide um Luft rangen und Lewis' Hose eine Spur zu eng geworden war. Er grinste aber als ein Biss folgte und er im Gegenzug fest Santiagos Schenkel packte. Um sowas richtig genießen zu können, hätte er sogar völlig nüchtern sein können.
      "Party bis rüber zur Bar! Ich will einen Drink!"
      Lewis nickte nur und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Er musste seine Stimme nicht unnötig strapazieren, wenn sie nachher sowieso noch genug zum Einsatz kommen würde.
      Also ließen sie die sichere Bucht hinter sich und stürzten sich direkt zurück in die dunkle Masse hinein, die sie wie ein lebendiges Wesen verschluckte. Dort gab es dann kein Halten mehr; die Musik war um sie herum und überall, sie schallte so laut über sie hinweg, dass sie ihre Herzen zum selben Rhythmus anstieß und Lewis hatte nicht vor, seinem Körper das zu verweigern, was er sich sowieso so sehr ersehnte. Er ließ los und seine Glieder formten ganz allein ihren Tanz zu dem Rhythmus, der sie alle völlig durchdrang. Santiago war dabei direkt vor ihm - zumindest die meiste Zeit. Santiago mit seinen breiten Schultern, der sich aber mit einer Selbstverständlichkeit bewegte, als sei er auf der Tanzfläche geboren worden. Nach dessen stattlichem Körper Lewis immer wieder griff, um ihn zu umtanzen, um sich in seine Bewegungen einzufügen, oder sich auch ungeniert an ihm zu reiben. Er fand den vollen Genuss an diesem großen Mann, dessen Augen leuchtend genug waren, um selbst in der Dunkelheit erkannt zu werden.
      Dann kickte das Kokain und Lewis schwebte auf eine Wolke des leichten Rauschs empor. Sein Körper wurde ganz leicht, seine Gedanken wurden von der Masse aus seinem Hirn gezogen und irgendwo in dem Raum verschluckt. Sein Sichtfeld verlor die Schärfe, gleichzeitig war er sich aber auch einiger Details mehr als andere bewusst, Santiagos Muskeln unter seinen Händen, der beständige Bass, der in seinem Körper widerhallte, die hypnotisierende Bewegung der Masse um sie herum. Er verlor Müdigkeit, Erschöpfung und sämtliche andere seiner Gefühle, die ihn heruntergezogen hätten. Er tanzte völlig frei und das, ohne auf seine Umgebung zu achten. Es gab gar keine Umgebung mehr, es gab nur ihn, Santiago und eine dunkle, lebendige Masse.
      Bäume bildeten sich trotzdem noch in seinem Blickfeld und pulsierten mit dem Rhythmus der Musik. Lewis hätte es an anderer Stelle als abgespaced beschrieben, aber in diesem Hoch seines momentanen Zustands brachte er nur ein wildes Grinsen zustande und lachte. Er packte Santiago am Shirt, riss ihn zu sich und küsste ihn hart genug, dass ihm die Lippen davon schmerzten. Von wegen Joint; diese Nacht würde er so weit gehen, wie seine Magie es zuließ.
      Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon längst vergessen, dass sie überhaupt zur Bar wollten, und hätte sich auch gar nicht orientieren können bei den vielen Menschen. Sie tanzten eine unbestimmte Zeit lang, denn wenn alles dunkel und rauchig und hypnotisierend war, hatte man auch ohne Drogen keine Chance, irgendein Zeitgefühl zu erhalten. Trotzdem kamen sie irgendwann an einer Stelle raus und Santiago kämpfte sich zur Bar durch, Lewis fest im Griff. Der schlug seinem Begleiter auf den Hintern und schlüpfte durch, bis er neben ihm an der Bar stand.
      "Bestell was großes - auf Ex! Wer schneller trinkt!"