Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

      Vorstellung ---> Fortune's Calling [Pumi feat. Codren] - Vorstellung - ღAnime-Rpg-Cityღ
      @Codren










      Santiago Di Natale hatte schon so einige seltsame Jobs erledigt. Vor drei Jahren zum Beispiel hatte er in Belgrad eine komplette Bar voller bewaffneter Schläger ausgeschaltet, nur um eine seltene Baseball-Sammelkarte zu besorgen. Als er diesen Job angenommen hatte, da war ihm aber wohl entgangen, dass er damit zum Chauffeur irgendeinen Knirps spielen musste. Hatte Santi besseres zu tun, als am Abend vor einem der vielen Hochhäuser in New York in einem Mietwagen zu sitzen und auf besagten Knirps zu warten? Nein.
      Er hatte den Sitz ein wenig nach hinten geneigt und die Augen hinter seiner Sonnenbrille halb geschlossen, während er auf seinen Fahrgast wartete. Schlief er? Nein. Wie denn auch, wenn er das Gefühl hatte, dass die alte Dame an der Bushaltestelle die Straße runter ihn beobachtete? Sein Nummernschild hatte sie sicher schon aufgeschrieben und durch eine der vielen Datenbanken geschickt. Die falsche Identität, mit der er den Wagen gemietet hatte, hatte sie bestimmt auch schon durchschaut. Er könnte aussteigen und sie eliminieren. Würde ihn keine fünf Minuten kosten. Niemand würde es merken, er wusste, was er tat. Aber was, wenn die Bushaltestelle beobachtet wurde? Die alte Dame hatte doch sicherlich Verstärkung hinter einem der viel zu vielen Fenster positioniert?
      Santi wusste, dass diese Gedanken nicht rational waren. Er wusste, dass seine Magie ihn angriff, weil er schon seit über einer Woche niemanden mehr in die Hosen hatte machen lassen. Seine Magie war wie eine Autoimmunkrankheit: wenn er keine Krankheitserreger zu bekämpfen hatte, griff sich sein Körper selbst an. Dummerweise griff seine Magie seine Psyche immer an, egal was er tat. Er konnte nur die Symptome ändern. Wenn er die Dame mit ihrer schlimmsten Angst konfrontierte, dann könnte er-
      Der Portier des Wolkenkratzers öffnete die Tür für eine junge Gestalt in den schrillsten Klamotten, die sich Santi nur vorstellen konnte: schreiend gelber Sweater aus Wolle, über einem grünen Tanktop, dazu helle Jeans, die aussahen, als seien sie von einem hungrigen Tiger zerfleischt worden. Die schwarze Schiene am rechten Bein war beinahe schon eine Beleidigung für das Outfit.
      Santi fügte eins und eins zusammen und schloss, dass dieser Knirps der Knirps war, den er hier abholen sollte. Mit einem Seufzen brachte er seinen Sitz wieder in eine aufrechte Position und stieg aus.
      "Jericho?" fragte er.
      Der Knirps nickte.
      "Santiago?"
      Er nickte seinerseits und stieg wieder ein. Der Knirps humpelte auf Krücken um den Wagen herum. Die Krücken wurden auf den Rücksitz geworfen, der Knirps, Jericho ließ sich auf den Beifahrersitz sinken. Kaum zu glauben, dass er Taxi für ein Kind spielen musste.
      "Was ist dein Job in dieser ganzen Sache?" fragte Jericho, als Santi ausparkte und sich in den abendlichen New Yorker Verkehr einreihte. "Bist du nur der Fahrer? Oder machst du noch was anderes? Hast du die anderen in der Crew schon gesehen? Normalerweise mach ich ordentliche Backgroundchecks von allen, die involviert sind, aber Apollo wollte mir keine Namen nennen. Keinen außer deinen. Kennst du die anderen? Hast du Namen bekommen?"
      Jericho zog einen Energydrink auf der Umhängetasche, die der Knirps im Fußraum geparkt hatte. Santi war einen Seitenblick auf die Dose. Er wollte sie aus dem Fenster schmeißen. Oder selbst trinken. Er brauchte ein Nickerchen.
      "Ich hab nur deinen Namen bekommen," antwortete Santi.
      Er griff in seine Jackentasche und fischte eine Packung Zigaretten hervor. Er schob sich eine zwischen die Lippen, zündete sie aber noch nicht an.
      "Du weißt, dass dich das umbringen kann?" fragte Jericho.
      "Tja, das Leben ist nun mal tödlich. Deine Dose da ist ja wohl kaum besser."
      "Touché."
      Jericho zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck. Santi zündete seine Zigarette an mit dem Zippo, das sein Dad ihm zum Abschluss auf dem College geschenkt hatte. Er drückte brav auf den Knopf, um das Fenster auf der Fahrerseite aufzumachen, damit der Rauch abziehen konnte.
      "Wie viele Leute glaubst, tauchen da auf, hm? Was ist die ideale Teamgröße für sowas? Wie viele Leute brauchen wird? Ich hab noch nie in einem Team gearbeitet."
      Santi inhalierte tief und blies den Rauch durch seine Nase wieder aus. Er hoffte sehr, dass er diesen Knirps nur von A nach B fahren musste und nicht dafür angeheuert worden war, Babysitter zu spielen, während der Rest dieses ominösen Teams den ganzen Spaß hatte. So lang war sein Geduldsfaden dann doch nicht.
      "Ich weiß so viel wie du," antwortete er schließlich. "Mein Auftrag lautet: dich abzuholen, zum Treffpunkt mitzunehmen und dort dann zu auf weitere Anweisungen zu warten."
      "Hm. Wie langweilig."
      Jericho steckte den Energy Drink in den Getränkehalter und fischte erneut in der Umhängetasche herum, um sich mit einem Tablet zu bewaffnen. Den Rest der Fahrt schwiegen sie einander an - sehr zu Santiagos Freude. Interessanterweise sprangen alle Ampeln im genau richtigen Moment auf Grün um, kaum näherte er sich ihnen. Er schielte zu Jericho rüber und beobachtete, wie der Knirps vergnügt das Tablet angrinste.

      Der Treffpunkt war ein leerstehendes Hochhaus. Es sollte mal ein Bürogebäude werden, zumindest behauptete Jericho das nach einer schnellen Suche im Internet. Santi warf den Knirps am Hintereingang raus und parkte den Wagen dann einen Block entfernt, bevor er sich auf einen kleinen abendlichen Spaziergang zurück zum Treffpunkt machte. Dabei behielt er seine Umgebung genau im Blick. Hinter jedem Fenster vermutete sein von Magie verzerrtes Hirn einen Scharfschützen, einen Bombenleger, einen Fotografen von irgendeiner Behörde. Er hörte Schritte hinter sich, checkte dreimal, dass er nicht verfolgt wurde.
      Das leerstehende Gebäude war ein stiller Gigant. Santi fand Jericho in der Eingangshalle. Der Knirps lehnte am Tresen, wo eigentlich ein Portier oder sowas sitzen sollte, und tippte auf dem Tablet rum. Santi schnappte sich den Energydrink, der neben Jericho auf dem Tresen stand, und leerte den letzten Rest daraus, bevor er die Dose in einen einsamen Mülleimer warf. Jericho sagte nichts dazu, tippte einfach weiter. Ein DING hallte kurz darauf durch die Halle und einer der Aufzüge öffnete sich. Jericho grinste.
      "Apollo sagte was vom 14. Stock. Das lauf ich nicht mal an einem guten Tag hoch," kommentierte der Knirps, schob das Tablet zurück in die Tasche, schnappte sich die Krücken und humpelte dann rüber zu dem Aufzug.
      "Ist das Ding denn sicher?" fragte Santiago.
      "Jup. Das Gebäude ist komplett fertig gebaut, es ist nur nie jemand eingezogen. Ich hab den Strom wieder eingeschaltet. Wenn ich ein bisschen trickste, krieg ich bestimmt auch die Wasserleitungen wieder zum Laufen."
      "Wenn du das sagst."
      Die beiden stiegen gemeinsam in den Aufzug. Jericho drückte auf die 14 und die Türen schlossen sich. Kaum setzte sich der Aufzug in Bewegung, rückte Jericho von Santi ab. Er hatte sich schon gefragt, wann der Knirps sich seinen Instinkten ergeben würde. Die meisten Leute hielten keine Autofahrt mit ihm aus.
      Oben angekommen drehte Santi eine Runde durch den offenen Büroraum, warf einen Blick in jede der Schreibtischnieschen, vermutete einen Angreifer hinter jeder Ecke. Hier war niemand. Absolut niemand. Das machte Santi nervös. Schlussendlich gesellte er sich zu Jericho im Konferenzraum. Der Knirps hatte diesmal einen Laptop ausgepackt und hackte auf die Tastatur ein.
      Santi ließ sich davon nicht stören. Er suchte sich einen Stuhl, zerrte ihn in eine Ecke, und ließ sich darauf fallen. Er streckte die Beine aus, lehnte sich zurück und schloss die Augen.
      "Weck mich, wenn jemand auftaucht," wies er Jericho an.
      Nach Jahren der Schlaflosigkeit hatte Santi so einiges über das Konzept von Schlaf gelernt. Unter anderem, wie er in nur einer Minute einschlafen konnte, um ein Powernap zu machen. Er hoffte auf zwanzig Minuten, aber er wusste, wie pünktlich er gewesen war, also bekam er wahrscheinlich eher nur fünf. Sollte ihm reichen. Musste es ja.


    • Lewis war im Büro. Es war früher Abend und damit Zeit für seinen Bruder, sich für das ein oder andere Geschäftsessen vorzubereiten. Bei solchen Terminen ging es kaum jemals um die einfallslose und recht eintönige Firma, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, unnötige Ware über die Grenze zu schippern, sondern viel eher um die Aufträge, die ein wenig Trinkgeld mit sich brachten. Ein kleiner Zusatz für die Bestechungsgelder an die Cops etwa, oder dass hinterher eine vertraute Reinigungsfirma dafür aufkommen müssen würde, den Innenraum einiger Transportfrachter zu reinigen. Immerhin gab es manchmal, äh, Unfälle mit roter Farbe. Sehr viel roter Farbe auch noch.
      Aus diesem einen Grund war Jay auch schon da, saß hinter Lewis an seinem Schreibtisch und wühlte sich durch seine Finanzbücher durch. Irgendwas Organisatorisches, von dem Lewis keine Ahnung hatte. Er war sowieso abgelenkt.
      Vor der ledernen Couch, auf der er saß, und die wie aus einem Porno genommen aussah, hing ein gewaltiger Flachbildschirm an der Wand. Groß genug, damit der Schreibtisch hinten im Raum auch noch gut was zu sehen bekam, war das Bild für Lewis geradezu gewaltig. Er kam sich vor wie ein Kind, das den Kopf in den Nacken legen musste, um an der Kino-Leinwand hochzuschauen. So schlimm war es hier nicht, aber der Fernseher war wirklich, wirklich groß.
      Und es liefen gerade Nachrichten.
      Eine Moderatorin mit glasklarer Stimme erzählte irgendwas von irgendwelchen Pressekonferenzen, während Lewis auf seinem einsamen Platz auf der Porno-Couch saß, unablässig mit einem Bein auf und ab wippte und dabei mit den Fingern auf seiner Lippe herum knetete. Man hätte meinen können, dass er von den Nachrichten ganz gebannt war, aber die lieferten ihm nur die Quelle zu dem Film, der sich vor seinen inneren Augen abspielte.
      Den Baum hoch und wieder runter. Pressekonferenz mit Abgeordneten. Steuersenkung - Nachlass auf betriebliche Ausgaben. Jemand, der Geldwäsche betreibt, macht genau das Gegenteil und geht mit den betrieblichen Ausgaben nach unten. Geld fließt - aber wohin? Nein, eine Ebene zurück; es ist der Steuerprüfer. Der Steuerprüfer ist mit den betrieblichen Ausgaben schneller durch als geplant. Er geht über zu den außerbetrieblichen - er ist selbst davon beeinflusst, er ist auch eine betriebliche Ausgabe. Weniger Steuer - Steuerprüfer übergeht den Zwischenstand - Aufmerksamkeit auf was anderem - wo will der Baum hin? Ah, der Hafenstellplatz. Er muss teurer werden, damit die Bücher sauber bleiben.
      "Hafenstellplatz."
      "Hm?"
      Jay sah hinter ihm auf. Lewis wippte ein bisschen stärker mit seinem Bein und ließ den Kopf auf den Schultern kreisen.
      "Geh hoch damit. Mit den... äh... Kosten. Nur ein bisschen."
      Sein Bruder hinterfragte nicht, was Lewis ihm sagte, sondern tat es einfach. Ganz vage konnte er ihn hinten auf seiner Tastatur tippen hören, nachdem sich schon der nächste Baum vor seinen Augen aufbaute. Lewis' Augen zuckten herum, während er auf seinen Blättern herum huschte.
      "Weißt du, du kannst auch mitgehen heute Abend. Es sind nur ein paar Leute - ich glaub, den einen kennst du sogar schon, der war vor zwei Wochen schon hier. Irgendwas mit... pff... Schlag-Mich-Tot. Ich glaube, Klebstoff war's. Weiß der Teufel, warum der für sowas uns braucht."
      Lewis brauchte ein paar Sekunden, in denen er den Baum wegschieben und sich Jaydens Worte bewusst werden konnte. Die Nachrichten flimmerten aber immernoch vor ihm und sein ganzes Gesichtsfeld schien dadurch beeinträchtigt.
      Er lehnte sich zur Seite und wechselte das Bein, mit dem er wippte.
      "Nee. Hab schon was vor."
      "Ach. Was hast du denn heute noch hübsches geplant?"
      Lewis zupfte an seiner Lippe herum. Seine Augen waren riesig und schienen den Fernseher geradezu zu reflektieren.
      "... 'N Date."
      "Wirklich? Aber nicht mit Bryce, oder? Ich dachte, ihr wärt nicht so eng?"
      Bryce war Lewis' Dealer und ja, sie waren eng, wenn man den Sex so beschreiben wollte, den sie hatten, wenn Lewis zu ihm kam. In dieser Weise waren sie sogar ziemlich eng; aber so eng dann auch wieder nicht.
      "Nicht Bryce."
      "Gut. Ich halte das immernoch für eine schlechte Idee, wenn du mit deinem Dealer vögelst. Unterschiedliches Interesse und so."
      Da konnte Lewis sich endlich vom Fernseher losreißen. Vor seinem inneren Auge drohte noch immer mit jedem Herzschlag ein neuer Baum zu sprießen, aber er zwang sich, sich auf der Couch umzudrehen und Jayden anzusehen. Der starrte unbewegt zurück; momentan rührte er sich nicht, was bedeutete, dass Lewis' gruseliger Magie nichts geboten wurde, woran sie sich aufhängen konnte. Der Drang für den nächsten Baum verblasste langsam.
      "So oft ist's gar nicht."
      "Oft genug."
      "Du kaufst auch bei ihm."
      "Es geht mir auch nicht ums Kaufen, sondern ums Kaufen und den Schwanz reinstecken."
      Lewis grinste langsam.
      "Da ist doch jemand eifersü..."
      Jays Augenbrauen zogen sich zusammen.
      "Halt's Maul und mach doch was du willst. Ich bin nicht dein Papi."
      "Du machst dich aber gut als einer."
      Lewis stand auf, als sein Bruder sich schnaubend wieder seinem Rechner zuwandte, und umrundete die Porno-Couch. Ein wirklich hässliches Teil.
      "Darf ich auch bis 10 draußen bleiben, Papi?"
      "Klappe und verzieh dich, wenn die Nachrichten uns sonst nicht interessieren."
      "Tun sie nicht. Nicht heute."
      "Dann geh. Morgen wieder hier?"
      "Mal schauen."
      "Wenn nicht, schaust du dir die Nachrichten auf deinem Handy an, verstanden? Dafür hast du es immerhin."
      Lewis rollte auf dem Weg nach draußen mit den Augen.
      "Ja, Mami."
      "Ich kürz dir dein Gehalt."
      "Ich hab gar kein Gehalt."
      "Ich änder das Bankkonto, damit du nicht mehr zugreifen kannst."
      Lewis zeigte ihm dafür den Mittelfinger über die Schulter.
      "Versuch's, Arschloch. Ich werd's wissen, bevor du dir überhaupt darüber im Klaren bist."
      "Mach ich. Du landest auf der Straße."
      "Besser als hier."
      Beide trennten sich mit einem Grinsen im Gesicht.

      Es gab keinen besonderen Grund, weshalb Lewis seinem Bruder nichts über diesen Auftrag erzählt hatte. Er war sich dessen auch gar nicht bewusst gewesen, bis zu dem Moment gerade, an dem er es ihm hätte erzählen können. Es war schließlich auch nichts dabei, nicht wahr? Aber irgendwie war Lewis von einem sonderbaren Ehrgeiz getroffen worden, einem, mit dem er auch einmal in seinem Leben den Unterhalt nachhause bringen wollte. Erst hatte er alles nur für seinen Vater getan, der die Geschäfte am Laufen gehalten hatte, und jetzt tat er es für seinen Bruder - nicht, dass es ihm etwas ausmachen würde. Er konnte durchaus anerkennen, dass sowohl Vater, als auch Bruder in ihrem Oberstübchen mehr drauf hatten, als Lewis es jemals auf die Reihe bringen konnte. Aber naja, wenn man sein Leben lang nunmal als zweite Geige gespielt hat, bildete man sich eben auch mal ein, auch in der ersten Reihe sitzen zu können.
      So nahm Lewis die Öffentlichen, um zum Treffpunkt zu gelangen. Seit ein paar Jahren schon kam ein Auto für ihn nicht mehr in Frage; bei jedem Herzschlag baute sich vor seinem geistigen Auge ein neuer Baum aus Möglichkeiten auf, von denen sehr viele darin endeten, dass er irgendeinen Unfall baute. Er war dadurch extrem abgelenkt von seinem Fahren, weil er es nicht einfach abschalten konnte, und damit verzichtete er ganz darauf. Er hätte ein Taxi nehmen können, aber eigentlich war ihm die U-Bahn ganz lieb, die nur geradeaus und rückwärts und hin und wieder bremsen konnte. Alles sehr überschaubar, keine großen Bäume, die dabei seine Aufmerksamkeit verlangten.

      Das Gebäude mit dem besagten Treffpunkt war so gelegen, dass ein Anschlag und ein Raub unrealistisch waren - das hatte Lewis bereits vorher sorgfältig abgeklärt. Die einzige Gefahr, die er in dem Hochhaus sah, war, dass irgendjemand aus den Fenstern stürzen könnte, und bis das geschehen könnte, glaubte er, es wohl rechtzeitig vorhersagen zu können. Der Eingang war ebenfalls unbewacht und gänzlich menschenleer, ein gutes Zeichen für den einsamen Mann, der dort durch die Tür spazierte.
      Aber trotzdem war er nervös. Sein Blick huschte unablässig herum auf der Suche nach Bewegung, die andere Bewegungen auslösen könnten, und das machte ihn noch ganz wahnsinnig. Er fummelte mit einer Hand wieder an seiner Lippe herum und mit der anderen spielte er mit einer Münze in seiner Tasche.
      Auf möglichst leisen Sohlen ging er zum Aufzug, nur um zu erkennen, dass der schon im 14. Stock stand. War Apollo schon da? Oder noch schlimmer - einer von den anderen? Lewis war zum ersten Mal ernsthaft irgendwo alleine unterwegs und das zerrte an seinen Nerven. Eigentlich wäre er gerne der erste gewesen, um sich in aller Ruhe erst etwas umschauen zu können.
      Nagut, was sollte man schon machen. Er betätigte den Knopf und stand viele Sekunden lang vor, dann im Aufzug.
      Der Aufzug kam mit einem - für Lewis - ohrenbetäubenden Ding oben an und sofort wusste er, dass - wer auch immer schon hier war - sein Auge auf ihn werfen würde. Nur wusste er nicht, mit wem er es überhaupt zu tun hatte, daher blieb er von seinen Einbildungen größtenteils verschont.
      Die Etage war vollkommen leer, wenngleich schon alle Arbeitsplätze aufgebaut waren. Aufgekratzt wanderte er zwischen den Tischen hindurch - bis er zwei Gestalten hinter der verglasten Tür eines Konferenzraumes sehen konnte.
      Einer von ihnen trug einen quietschgelben Sweater und saß über einem Laptop gekrümmt. Er sah aus, wie aus dem falschen Film entlaufen. Der andere schien wie ein Koloss von einem Mann - und pennte auf einem der Stühle. Zumindest gab er keinerlei Regung von sich.
      Hätte der erste nicht schon den Kopf gehoben, um Lewis entgegen zu blicken, hätte der sich vielleicht wieder für einen Augenblick verkrümelt. So baute sich aber der Blickkontakt schon auf und so nahm Lewis alles zusammen, was die Castro-Familie zu bieten hatte, und marschierte hinein.
      "Hi."
      Sein Blick wanderte vom einen zum anderen und eine Frage machte sich in ihm breit: Apollo? Sie schienen aber beide nicht zu seiner Vorstellung des Mannes zu passen, der ihm ein gar absonderliches Ding geschickt hatte. Die hier wirkten eher...
      Die Augen des Schlafenden öffneten sich und Lewis zuckte ganzkörperlich zusammen. Was auch immer da in diesen bernsteinfarbenen Augen schwebte, die sich da auf ihn richteten, egal wie milde es auch sein mochte, es war beunruhigend.
      "Fuck, man. Keine Magie hier drinnen, das ist nicht fair. Setz dir eine Sonnenbrille auf oder so einen Scheiß."
      Er sah zurück zum ersten, der ihm immerhin in dieser Weise zugänglicher schien. Außerdem schien der ähnlich schlank wie Lewis - und waren das Krücken? Lewis war selbst keineswegs sportlich und nutzte daher die Gelegenheit, die Sicherheit beim Schwächeren zu suchen.
      "Dann seid ihr also auch für... Apollo da? Für was ist eure... äh... für was seid ihr gut? Was hat der Kerl da mit seinen Augen?"
    • Das DING des Aufzugs hallte durch das Büro bis zum Konferenzraum hinüber. Obwohl es relativ leise war, als es endlich ankam, war es genug, um ihn aus seinem sehr leichten Schlaf zu reißen. Doch Santi rührte sich nicht. Er hatte noch etwa dreißig Sekunden Frieden bevor ein weiteres Mitglied dieses ominösen Teams aufkreuzte. Jericho war Beweis genug dafür, dass absolut jede Art von Mensch durch diese Glastür treten konnte. Also genoss er diese dreißig Sekunden.
      Die Tür ging auf und Santi bekämpfte den Drang, aufzuspringen und sich gegen das Einsatzkommando zu wehren, das ihm sein Verstand vorzugaukeln versuchte.
      "Hi."
      Polizisten schlichen sich in den Raum, fluteten ihn, richteten ihre entsicherten Waffen auf ihn, bereit zu schießen, sollte er sich nicht friedlich ergeben. Er würde sich niemals friedlich ergeben.
      Der Drang wurde zu groß, die Polizisten zu real. Santi schlug die Augen auf, nur einen Spalt breit, und betrachtete den Neuankömmling. Schlaksiges Kerlchen, hibbelig... nervös. Wenn Jericho der verwöhnte Chihuahua mit eigener Tragetasche war, dann war dieser Kerl ein Streuner mit einer so verwaschenen Blutlinie, dass man keine Rassemerkmale mehr erkennen konnte.
      Der Neuankömmling machte einen Satz zurück. Aus Erfahrung wusste Santi, dass dieser Mann schreckhaft und ängstlich war. So schnell und so heftig reagierten Leute selten auf ihn, wenn sie nicht von Natur aus damit rechneten, dass etwas schief ging.
      "Fuck, man. Keine Magie hier drinnen, das ist nicht fair. Setz dir eine Sonnenbrille auf oder so einen Scheiß."
      Santi gähnte und schloss die Augen wieder.
      "Das Leben ist nicht fair," grummelte er und verschränkte die Arme vor der Brust.
      Vielleicht konnte er ja doch noch ein paar Minuten raushandeln, wenn er sich uninteressiert gab. Die Kinder schienen einander ja bespaßen zu können.
      "Ignorier ihn einfach, mach ich auch," meinte Jericho. "Der macht auf groß, grummelig und schweigsam. Ich bin Jericho. Ich mach Computer-Sachen. Keine Ahnung, was Mr. Grummelbacke macht, aber wenn ich mir die Größe seiner Oberarme angucke, würde ich sagen er ist derjenige, der die Sachen trägt."
      Santi lachte kurz - ein Fehler. Jericho drehte sich zu ihm um, er konnte es hören.
      "Erleuchte uns doch einfach, Grummelbacke," meinte Jericho. "Ich hab dich auf dem Weg hierher schon gefragt und du hast nicht geantwortet. Glaub nicht, dass mir das entgangen ist."
      Sein Hirn sagte ihm, dass er klar machen musste, dass er Jericho in zwei Teile brechen konnte, wenn er wollte. Sein Hirn sagte ihm, dass das notwendig war, um zu verhindern, dass Jericho ihn umbrachte. Die Kinder waren jetzt in der Überzahl. Zwei gegen einen. Nichts, was Santi nicht handhaben konnte, aber was wenn...? Was wenn sie Magie hatten, die ihn zu Fall brachte? Was wenn sie bloß ein kleines Zeichen geben mussten und ein Sniper auf dem Dach gegenüber würde ihn erschießen?
      Santi stand auf, streckte sich, und sah Jericho an. Er machte nichts, griff nicht auf seine Magie zurück, egal wie sehr sie ihn darum anbettelte, egal wie sehr es ihn danach verzehrte. Den Hacker jetzt dazu zu bringen, sich in die Hose zu machen, könnte den ganzen Auftrag ruinieren. Jericho würde sein Hirn noch brauchen. Also hielt Santi einfach nur Jerichos Blick, ohne zu blinzeln, ohne irgendetwas zu machen. Doch es reichte aus. Das Grinsen verschwand aus Jerichos Gesicht, dann biss sich der Knirps auf die Unterlippe. Schließlich wandte Jericho den Blick ab und konzentrierte sich wieder auf den Laptop, ohne ein Wort zu sagen. Santi hatte seinen Punkt klargemacht. Seine Magie war nicht zufriedengestellt.
      "Mit deinen Augen stimmt echt was nicht," meinte Jericho leise, um sich besser zu fühlen.
      Er fischte eine Sonnenbrille aus seiner Jackentasche und setzte sie auf, dann wandte er sich dem Neuankömmling zu. Der war ja putzig, wie er so da stand, seine Nervosität und Ahnungslosigkeit offen auf sein Gesicht geschrieben. Streuner und Welpe. Das war doch wohl hoffentlich nicht sein erster Job?!
      "Santiago," stellte er sich vor, reichte dem Kerl aber nicht die Hand, auch wenn sie in seinen geliebten roten Handschuhen steckten.
      Wenn er keinen Körperkontakt aufbauen musste, dann tat er es für gewöhnlich auch nicht. Sowas simples wie ein Handschlag war ein zweischneidiges Schwert für ihn, da hatte er gelernt, es einfach nicht zu tun. Den meisten Leuten, die sich trauten, den gruseligen Typen zu fragen, bekam zu Antwort, dass er eine Keimphobie hätte. Das war einfacher zu erklären und brachte einem nur ein paar Mitleidige Blicke ein, bevor die Situation vergessen war.
      Er beantwortete die Frage nach dem 'was machst du eigentlich' genauso wenig wie die Frage nach dem 'was stimmt mit deinen Augen nicht'. Diesen Leuten seinen Namen zu geben war schon genug. Normalerweise hätte er weder das getan, noch sein Gesicht gezeigt, bevor er nicht ganz genau wusste, worum es ging. Aber Apollo, wer auch immer das sein mochte, hatte ihm ein sehr gutes Angebot gemacht, da konnte man die üblichen Sicherheitsmaßnahmen schonmal beiseite schieben. Mit diesen beiden Pappnasen würde er auch so fertig werden.
      "Setz dich, du machst mich nervös," meinte Santiago und ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken.
      Er nahm die gleiche Haltung wie vorher ein: zurückgelehnt, Beine ausgestreckt, Arme auf der Brust verschränkt. Doch dieses Mal schloss er die Augen nicht, konnte es nicht. Nicht mit zwei Leuten im Raum, die er nicht kannte. Nicht wenn ihn sein Hirn mit Szenarien bewarf, wie ihn diese beiden Strichmännchen umbrachten. Also behielt er sie im Blick, versteckt hinter seiner verspiegelten Sonnenbrille, und wartete auf das verräterische Zucken von dem er wusste, dass es niemals kommen würde.


    • Der eine stellte sich als Jericho vor, der andere wurde als Mr. Grummelbacke vorgestellt, was eindeutig dazu passte, wie wenig der Kerl sich um seine Umgebung kümmerte und wie sehr er trotzdem damit angeben musste, dreimal am Tag ins Fitnessstudio zu gehen. Zugegeben, er mochte ja erfolgreich damit sein, aber wo Lewis ihm an anderer Stelle noch hinterher gesehen hätte, wäre er jetzt nur froh, etwas Abstand zwischen sich und Muskelpaket zu bringen. Bryce war ähnlich gut aufgebaut, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, und wenn der es schon schaffte, ihn im Bett niederzuringen, würde Grummelbacke das erst recht schaffen. Der Unterschied war nur, dass Lewis es von dem einen wollte, aber nicht vom anderen.
      "Ich bin Lewis. Ich mach... äh... Organisation. Schwer zu beschreiben."
      Muskelpaket lachte, ein knapper, dunkler Laut, der die Aufmerksamkeit beider Männer zu sich schnappen ließ. Der Junge namens Jericho schien dabei größere Eier als Lewis zu haben, weil er den Kerl auch noch so dreist ansprach. Vielleicht kannten die beiden sich auch schon vorher - und wenn das so wäre? Lewis' Baum aus Reaktionen gefiel das jedenfalls überhaupt nicht, weil er gleich einen neuen Pfad vor ihm ausbreitete.
      Der Mann stand schließlich auf und Lewis hielt es nicht länger hinter der Tür, womit er auch zeitgleich den beiden anderen viel zu nahe war. Er stopfte beide Hände in seine Hosentaschen, fand seine vorherige Münze und einen Stofffetzen zum Spielen und schlenderte um den Tisch herum. Als er bei den Fenstern angekommen war und einen Blick zu den anderen riskierte, waren die gerade in ein Blickduell vertieft.
      Was auch immer Muskelpakets Magie war, es musste mit seinen Augen zu tun haben. Von dort, wo Lewis jetzt stand - also in überaus sicherem Sicherheitsabstand - konnte er selbst noch mit halber Sicht auf die intensiven Augen erkennen, dass dort etwas vor sich ging. Er konnte aber nicht beschreiben, was genau, nur dass Jericho ruckartig wegsah und etwas bleich um die Nase herum wirkte. Lewis konnte den Effekt nicht genau beschreiben, konnte sich aber vorstellen, dass es wohl etwas mit dem unruhigen Gefühl zu tun hatte, das er vor wenigen Sekunden selbst noch vermittelt bekommen hatte.
      Wie sehr er sich jetzt nach Apollo sehnte. Vielleicht waren sie ja vollzählig? Würde er dann also bald hier aufkreuzen?
      Schließlich stellte Muskelpaket sich doch noch selbst vor und damit schien das irgendwie eine Endgültigkeit zu besitzen. Jetzt konnte keiner von ihnen wohl leugnen, was sie alle hier zu suchen hatten.
      Lewis nickte nur knapp und riskierte dann einen Blick aus dem Fenster. Es ging wirklich beängstigend weit hinab, wobei der Wolkenkratzer auch noch viel höher gegangen wäre. In einem der sich bildenden Baumpfade sah er sich selbst aus diesem Fenster stürzen, weil Muskelpaket ihn einfach packte und durch die Scheibe rammte. Das hielt er für nicht sehr unwahrscheinlich, weshalb er sich wieder zu den anderen beiden umdrehte.
      Santiago hatte sich jetzt gesetzt. Die Sonnenbrille spiegelte und verbarg seinen Blick daher sehr effektiv hinter ihren Scheiben. Lewis hätte damit gerechnet, dass er ihm noch die anderen Fragen beantworten würde, aber dazu ließ der Mann sich nicht herab. Nur, ihn auf einen Platz zu verweisen, das war ihm wohl noch gut genug. Lewis starrte von ihm zu Jericho, der es mit einem Mal sehr wichtig fand, ausschließlich nur seinen Bildschirm zu betrachten, und gab schließlich ein für seinen Bruder typisches Schnauben ab. Er setzte sich, auf der anderen Seite des Konferenztisches, und zog aus der Innentasche seiner Jacke eine Packung Zigaretten, in der lauter Joints steckten. Einen davon klemmte er sich zwischen die Zähne, zündete ihn an und ließ sich berauschen, während er mit einem Bein wieder unablässig wippte. Sein Baum beruhigte sich auch wieder langsam.
      Ein fernes Ding ließ seinen Blick durch den Raum zucken. Er wusste gar nicht, was ihm im Moment mehr zusetzte; die Tatsache, dass es hier für seine Magie recht ruhig war und er trotzdem nach Anzeichen suchte, oder dass er keine Anzeichen finden wollte. Er konnte die Lage nicht einschätzen und das machte ihn furchtbar unruhig. Vermutlich vermisste er zum ersten Mal in seinem Leben seinen Bruder an seiner Seite.
      Da half auch nicht die Pistole, die er zur Sicherheit mitgenommen hatte. Nein, das half ganz und gar nicht.
      Einen weiteren Zug konnte er nehmen und seinen feinen Dunst dabei durch den Raum blasen, als eine Gestalt erst im Büroraum auftauchte und dann ganz gezielt auf die drei zuhielt. Sie war klein und auf die Entfernung konnte man lange, helle Haare sehen, die im Takt ihrer federnden Schritte wippten.
      Lewis blinzelte sie an und wippte stärker mit seinem Bein. Mehrmals musste er blinzeln, damit der Baum verpuffte, der sich aufzubauen drohte.
      Die Frau riss die Tür auf und stand einen Augenblick später schon mit ihnen in dem abgetrennten Bereich. Ihr Blick legte sich forschend auf jedes einzelne Gesicht der drei, wobei man unmöglich erraten konnte, was ihr dabei durch die Gedanken gehen mochte, bis sie es selbst aussprach:
      "Ihr seid nicht Apollo."
      Lewis fand das fast schon ein bisschen witzig, weil er auch auf Apollo gehofft hatte, als er hereingekommen war. Aber die Wirkung seines Joints hatte noch nicht halbwegs eingesetzt, sodass er noch viel zu nervös für allzu dumme Sprüche war.
      "Du auch nicht."
      Die Frau betrachtete ihn ganz knapp und wandte sich dann an Santiago - den objektiv männlichsten Mann im Raum. Den Gedanken fand Lewis dann schon ein bisschen witzig und lächelte für sich.
      "Dann seid ihr die anderen? Werden da noch mehr kommen? Vier sind ja schon viel zu viel, wir werden noch auffällig werden."
      Die Frau hatte so eine Art an sich, so eine ruppige, zielgerichtete Art, die kaum zu dem dünnen Körper passte. Lewis dichtete ihr gedanklich eine Magie an, die mindestens genauso schlimm war wie Muskelpakets gruselige Augen.
      "Ich bin Skye. Ich weiß ja nicht was ihr macht, aber wenn es was zu holen gibt, werd' ich es auch besorgen."
    • Organisation? Die Bohnenstange, die sich gerade zudröhnte, sollte ihre Einsatzzentrale darstellen? So langsam begann Santi daran zu zweifeln, dass dieser Apollo ihm für diesen Job genug bezahlte. Sicher, es war mehr als seine normale Rate, aber dafür musste er sich auch mit ganz schön vielen Ausnahmen vergnügen: Ein Team, Taxi spielen, einen kiffenden Planer...
      Das nächste Ding hallte durch das unbenutzte Büro und riss seine Gedanken zu der neuen potenziellen Bedrohung. Waren das die Polizisten und ihr Einsatzkommando? Apollo? Noch eine durchgeknallte Pappnase? Vielleicht ja auch jemand aus seinem vorherigen Berufsfeld, der sich endlich eines der Kopfgelder unter den Nagel reißen wollte, das auf ihn aufgesetzt war?
      Sein Blick huschte sofort zur Tür, als eine Figur hinter dem Glas auftauchte. Klein, schlank, aber athletisch. Auf den ersten Blick wirkte sie kompetent. Und dann machte sie den Mund auf. Sie trug ihr Ego wie ein Parfüm - und es kratze Santi in der Nase auf sehr unangenehme Weise. Er kannte Leute wie diese Skye. Sie arbeitete nicht mit Teams - zugegeben, er selbst tat das auch nur selten, aber er konnte eine Kommandostruktur befolgen. Sie suchte sich ihre Ziele selbst, plante selbst, führte die Mission aus und verschwand dann. Die Tatsache, dass hier noch drei andere Leute saßen und Apollo sie alle für den gleichen Job angeheuert hatte, musste ihr doch unglaublich quer sitzen. Warum hatte sie überhaupt Ja gesagt? Wusste sie etwas, was er nicht wusste? Wusste sie, worum es ging? Kannte sie Apollo? So wie sie hier reingestürmt war und festgestellt hatte, dass Apollo noch fehlte, war das durchaus möglich. Nein! Die Art, wie sie es gesagt hatte ließ darauf schließen, dass sie Apollo auch noch nie gesehen hat. Das war nur wieder seine Magie, die ihm Gedanken einflüsterte.
      "Dafür musst du erstmal reinkommen," kommentierte Jericho.
      Der Knirps schien wieder zu sich gefunden zu haben nach Santis kleiner Demonstration. Gut. Wenn sie jemanden für die Computer im Team hatten, dann würden sie diesen jemand auch brauchen. Moderne Computersysteme entwickelten sich schneller als die Techniken, sie zu umgehen. Heutzutage war es leichter, den Computer einfach auszuschalten - oder ihn auf deine Seite zu ziehen.
      "Wär ja schon peinlich, wenn du nicht mal durch die Tür kommst."
      Oder von Wachen mit Sturmgewehren auf dem Weg nach draußen aufgehalten wirst, fügte Santi in Gedanken hinzu. Er wollet seine Karten noch nicht ausspielen. Nicht, wenn er noch keine Ahnung hatte, wer diese Leute eigentlich waren und worum es tatsächlich ging. Je weniger diese Leute über ihn wussten, desto besser. Das war nicht einmal seine Magie, die da sprach. Das war das Level an Paranoia, das man in seinem Beruf einfach erlernte. Diesen Leuten keine Informationen zu geben hielt seine Magie leider nicht davon ab, sie in seine paranoiden Wahnvorstellungen einzufügen. Immer, wenn er zu Jericho rüberschielte, war er der festen Überzeugung, dass der Knirps sich gerade durch sein Privatleben wühlte. Dass Santi kaum eine Online-Präsenz hatte, spielte da überhaupt keine Rolle. Jericho war sicherlich schon auf dem Facebook Profil seiner Mutter unterwegs. Der Drang, den Laptop zuzuknallen und Jericho damit die Finger zu brechen, war geradezu überwältigend.
      "Was machst du da eigentlich die ganze Zeit?" fragte Santiago stattdessen. "Du weißt doch noch überhaupt nicht, wo du dich reinhacken sollst."
      Jericho grinste.
      "Multitasking, mein gruseliger Freund. Mit der Macht des Internets kann ich von überall arbeiten. Jetzt gerade doxe ich ein paar semi-radikale Rassisten in der Gegend. Gern geschehen."
      "Was soll das denn jetzt heißen?"
      "D-o-x-i-n-g. Internetbasiertes Zusammentragen und Veröffentlichen personenbezogener Daten und die damit einhergehende Identifizierung anonymer Personen. Duh."
      Santiago rollte mit den Augen.
      "Ich weiß was Doxing ist."
      "Oh. Ach so," Jericho zuckte mit den Schultern, "Du siehst einfach aus wie jemand aus der südlichen Hemisphäre. Statistisch gesehen hast du also schon mindestens einmal in deinem Leben Rassismus erfahren. Kann dir gern die Adressen geben, wenn du den Idioten selbst den Schädel einschlagen willst."
      Santiago schüttelte nur den Kopf. Diesen Knirps sollte mal einer verstehen.
      "Du hast keine Ahnung, was ich erfahren habe und was nicht, also hör auf, dir eine Meinung zu bilden, ohne Bescheid zu wissen."
      "Okidoki, Grummelbacke. Aber beschwer dich nicht, wenn du auf dem Heimweg eins mit einem Baseballschläger übergezogen bekommst. Dieser Kevin hier scheint einen ganz schönen Schwung draufzuhaben..."
      "Vergiss einfach, dass ich gefragt hab und halt die Klappe," seufzte Santiago.
      Die Tatsache, dass dieser Knirps sich tatsächlich durch irgendwelche online Profile wühlte, um die privaten Daten von anderen herauszufinden, feuerte Santis Paranoia nur weiter an. Über Jahre hatte er gelernt, seine Ängste und seine Nervosität tief in sich drin zu halten und nichts davon auch nur ansatzweise zu zeigen - gerade wenn er Gesellschaft hatte - aber so langsam wurde es anstrengend. Er brauchte eine Zigarette.
      Er schielte zu der anderen Bohnenstange rüber. Der puffte seinen Joint mit einer Zufriedenheit, die Santi gern hätte. Aber wenn der Typ rauchte...
      Santiago stand auf und ging zu den Fenstern. Am Rahmen zwischen zwei Fenstern war ein Hebel, mit dem man ganz altmodisch das Fenster entriegeln konnte. Das tat er und öffnete eines der großen Fensterpanele, bevor er eine Zigarette aus seiner Jackentasche fischte und sie anzündete. Er lehnte sich gegen den Fensterrahmen - so dass man kein klares Schussfeld auf ihn hatte, sollte sich doch ein Sniper auf der anderen Seite verstecken - und nahm einen tiefen Zug. Den Rauch stieß er wie ein wütender Drache durch die Nase wieder aus, nachdem er ihn für einen langen Moment in seinen Lungen gehalten hatte. Er konnte geradezu spüren, wie sich die Schadstoffe in sein Fleisch fraßen und die dort wartenden Krebszellen fütterten. Er wusste nicht, ob er welchen hatte. Er wusste nicht, ob er jemals welchen bekommen würde. Es interessierte ihn nicht. Aber seine Magie wollte ihn trotzdem nervös machen. Er antwortete mit einem weiteren Zug an der Zigarette. Eine Krebsdiagnose war ein Damoklesschwert, mit dem Santi leben konnte. Besser als mit jemandem, der seinen Namen und seine Verbrechen an die Polizei weiterreichte, die ihn dann aus den Schatten heraus umbrachten, anstatt ihn zu verhaften.
      Er ließ seinen Blick erneut durch den Rauch wandern und musterte das kleine Team, das sich hier versammelt hatte. Jericho für die Computer, Lewis für die Planung, Skye für den eigentlichen Diebstahl. Mit ihm zusammen für die Exit-Strategie und Sicherheit war das eine ordentliche Mannschaft, mit der man so einiges reißen konnte. Die Frage war jetzt nur noch, was Apollo mit so einem Team vor hatte. Santi wusste, dass er selbst nicht billig war und er ging davon aus, dass die anderen auch alle mit einem Preisschild kamen. Was war so wertvoll, dass man ein Vermögen dafür ausgab, es zu stehlen? Warum konnte Apollo - oder die Person, die hinter ihm stand - das nicht einfach kaufen?
      Eine Frage nach der anderen schoss Santiago durch den Kopf, bauten sich zu den schlimmsten Szenarien aus, die seine Magie sich nur vorstellen konnte. Aber es waren auch ein paar handfeste Fragen dabei, die er tatsächlich beantwortet wissen wollte.
      Er sah auf seine Uhr. Es waren fast zwanzig Minuten vergangen. Apollo war zu spät dran. Dramatischer Auftritt oder würde er gar nicht auftauchen, weil das hier eine Falle war? Existierte Apollo überhaupt? War Apollo vielleicht doch schon hier?
      Santiago betrachtete Jericho. Apollo hatte ihm Jerichos Namen gegeben und eine Adresse, um den Knirps abzuholen. Hatte er vielleicht Taxi für seinen neuen Boss gespielt? Versteckte sich Jericho hinter einem Pseudonym?
      Er sah zu Skye rüber. Lewis hatte verkündet, sie sei nicht Apollo, aber auf welcher Grundlage? Mit welcher Sicherheit konnte Lewis sagen, dass Skye nicht Apollo war? Sie war zuletzt aufgetaucht.
      Und Lewis selbst... der süße Streuner war vielleicht mehr als nur das. Vielleicht war er ein hervorragender Schauspieler und hinter all der Nervosität verbarg sich ein Genie? Er war derjenige, der das Ganze planen sollte, oder etwa nicht? Santi griff auf seine Magie zurück, nur ein bisschen, um herauszufinden, ob die Angst dieser Bohnenstange echt war. Der Joint stand ihm aber im Weg. Die Effekte der Droge hatten bereits eingesetzt und so vernebelten sie Santis Wahrnehmung. Normalerweise konnte er Angst riechen wie ein Bluthund, aber wenn jemand irgendwelche Mittelchen einwarf, waren seine Sinne in der Hinsicht geradezu geblendet.
      Er ließ seine Magie los, nahm den letzten Zug seiner Zigarette und schnickte den noch glühenden Stummel aus dem Fenster. Wenn dieses kleine Clubtreffen hier nicht bald irgendwo hinführte, würde er einfach gehen. Er hatte keine Lust mehr, hier seine Zeit zu verschwenden und sich das Hirn darüber zu zerbrechen, was alles schiefgehen konnte.


    • Es war Muskelpaket, der Jericho darauf ansprach, was er denn eigentlich auf seinem Laptop veranstaltete. Zugegeben, Lewis hätte das zwar auch gerne gewusst, er hatte aber bisher keinen Gedanken daran verschwendet, dass der Junge vor seinem Gerät saß, als wäre er abhängig davon. Immerhin hatte er schon das Offensichtliche offenbart, dass er Computer-Sachen machte, aber solche Computer-Sachen hatten eine ganze Bandbreite von verschiedenen Möglichkeiten, wie sie aussehen konnten. Vielleicht ähnelte es ja Lewis' Einbildung von einem Baum, der sich immer weiter ausbreitete, während die einzelnen Knoten die Möglichkeiten darstellte, was nach der Reaktion der Wurzel alles geschehen konnte, nur dass er das mit Computern hatte. Vielleicht konnte er ja sehen, mit welchen Netzwerken er alles verbunden war und dazwischen hin und her hüpfen. Was das bringen sollte, konnte Lewis sich nicht ausmalen, aber er stellte es sich irgendwie cool vor.
      Was doxing sein sollte, davon hatte er keinen blassen Schimmer, wusste aber, wann er lieber die Klappe hielt und stattdessen die Situation beobachtete. Sein Blick sprang zwischen Muskelpaket und Jericho vor und zurück, während er auf ersterem immer ein bisschen länger verweilte. Mit der Sonnebrille vor den Augen, musste er sich zwar nicht mehr mit dem gruseligen Etwas beschäftigen, was er da drin gesehen hatte, aber jetzt konnte er genauso wenig sehen, wohin der Kerl gerade blickte. Das machte ihn so nervös, dass er bei jeder einzelnen Bewegung des Typen einen neuen Baum auffächern sah, und so nahm er schnell einen weiteren Zug von seinem Joint.
      Dass der Computer-Freak ihn im Internet finden könnte, darum machte er sich keine Sorgen. Er hatte keine Online-Profile - niemand von ihnen hier hatte vermutlich eins - und auf der Website von International Crossroads war auch nur das Bild von seinem Bruder vertreten, wie er groß und strahlend in die Kamera grinste. Nicht, dass hier darauf überhaupt einer gekommen wäre; Lewis hatte seinen Nachnamen nicht verraten und Castros gab es in New York bestimmt häufig genug. Es gab immerhin einen Grund, weshalb die Polizei ihnen bisher noch nicht auf die Schliche gekommen war.
      Syke stand noch immer nahe der Tür, hatte sich aber mit Jerichos Aufforderung etwas weiter in den Raum begeben - nicht, ohne dabei einen derart intensiven Blick draufzuhaben, der Lewis an eine Schlange erinnerte - und schielte jetzt auf seinen Bildschirm drauf. Ob sie etwas erkennen konnte war nicht klar, aber offenbar verlor sie nicht so schnell das Interesse.
      Lewis nahm noch einen Zug. Er klemmte die Hand zwischen seinen Oberschenkeln ein und trommelte mit den Fingern auf seine Hose. Mittlerweile stieg ihm das Gras ganz langsam zu Kopf, weshalb er wohl ehrlich behaupten konnte, dass er jetzt nicht mehr überfordert, sondern nur noch nervös war. Das war nicht gerade besser, denn eigentlich sollte er in einem Raum mit Fremden wohl irgendeine Kühle behalten.
      Jay hätte das jedenfalls so gemacht. Wenn er hier gewesen wäre, hätte er unlängst irgendwie das Kommando übernommen, Apollo hin oder her. Muskelpaket hätte er dabei sicher auch irgendwie schon eingeschüchtert. Lewis saß nur da und kiffte auf eine unruhige Weise.
      Der andere fing jetzt auch zu rauchen an. Damit waren sie schon zwei, aber sie stellten sich nicht zusammen, so wie Raucher das eigentlich taten. Jeder blieb für sich und das war auch gut und recht so.
      Weitere Minuten vergingen, in denen sich Schweigen über sie senkte. Skye starrte noch immer unauffällig auf den Bildschirm, hob dann eine ihre Hände vors Gesicht und inspizierte kirschrote Nägel. Jericho hörte nicht auf zu tippen; was auch immer er anstellte, er fabrizierte nebenher anscheinend einen ganzen Roman. Santiago stand lässig am Fenster und ließ sich gefallen, dass man jetzt nicht mehr erkennen konnte, wo er eigentlich hinsah. Lewis kiffte und versuchte dabei erfolglos seine Aufregung zu verbergen. Was waren sie nur für ein wild aneinander geratener Haufen?
      Santiago rauchte zu Ende und auch Lewis warf bald seinen Joint aus dem Fenster - aus einem anderen, damit er Muskelpaket mit den gruseligen Augen nicht zu nahe kam - als eine Bewegung im Büroraum seine Aufmerksamkeit erregte. Er zuckte nicht, dafür war er schon bekifft genug, aber er sah hinüber und beobachtete die Bewegung, die sich in der Distanz regte. Es hatte kein Ding gegeben, dessen war er sich sicher. Genauso sicher war er aber auch, dass das hier Apollo sein musste, der auf sie alle zukam.

      Der Kerl war groß, stattlich, wie Lewis als allererstes in den Sinn kam, und konnte gar niemand anderes sein als Apollo, der Gott von... was für ein Gott eigentlich? Lewis hatte in Geschichte nicht unbedingt aufgepasst. Der Gott des Meeres? Egal was er auch war, seine Statur ließ wirklich glauben, dass er irgendeine Art von Gott war. Er kam mit gleichmäßigen Schritten auf den Konferenzraum zu, den Kopf hoch erhoben, die Haltung so tadellos, als wäre er eine zum Leben erwachte Statue. Lewis erwischte sich dabei, wie er ein wenig gaffte. Das durfte man doch wohl auch, oder? Wer einen solchen Plan verfolgte wie Apollo, musste sich eben damit abfinden, auch mal angegafft zu werden. So war der Lauf des Lebens.
      Den anderen beiden war seine Ankunft jetzt auch aufgefallen, wenn schon nicht selbst, dann doch wenigstens durch die Art, wie nun sowohl Lewis, als auch Santiago unbewegt in den Raum hinaus starrten. Jetzt drehten sie sich auch um und zu viert starrten sie den Mann an, der allein durch seine Anwesenheit eine Präsenz versprühte, als wäre es das Gebäude, das sich unter seinen Füßen bewegte, um ihn vom Fleck zu bringen. Lewis konnte nicht sagen, ob das Magie war, oder nur sein Spatzenhirn, das sich selbst überschlug.
      Der Mann kam in den Konferenzraum und ließ einen kalkulierenden Blick über die vier Versammelten schweifen. Seine Augen waren gräulich, aber sehr warm. Seine Gesichtszüge waren entspannt und als er sie alle einmal betrachtet hatte, bildete sich ein feines, ansehnliches Lächeln auf seinem Gesicht, das eiweiße Zähne aufblitzen ließ.
      "Willkommen. Ich freue mich, dass ihr es alle hergeschafft habt."
      Seine Stimme war ganz samtig weich, dunkel, aber wie Seide. Lewis war sich fast sicher, dass das Magie sein musste, aber im selben Zug wünschte er sich, dass es nicht so war und der Mann tatsächlich so eine heiße Stimme hatte. Ja, da sprach jetzt doch definitiv das Spatzenhirn durch ihn.
      Apollo ging mit langen Schritten durch den Raum und stellte sich dann auf einem Fleck auf, der zwar nicht das Kopfende des Konferenztisches war, aber doch so gewählt war, dass er den Ankerpunkt ihrer derzeitigen Konstellation bildete. Er sah sie wieder an und schien dabei genau zu berechnen, dass er jeden gleich lange betrachtete.
      "Ich entschuldige mich für die Verspätung. Ich wurde aufgehalten, aber das braucht euch alle nicht zu bekümmern. Wir sind nun hier und ich möchte, bei allem Respekt, keine weitere Zeit vergeuden. Es gibt noch viel zu besprechen."
      Seine Stimme war gemäßigt, wie eine Durchsage-Stimme am Bahnhof. Wo solche Stimmen aber sonst eher nervtötend waren, war seine fast schon hypnotisierend. Doch Magie? Lewis hatte keine Ahnung.
      "Bevor wir aber anfangen, möchte ich ein paar Regeln aufstellen, nach denen dieses Treffen und alle zukünftigen - einschließlich des Auftrags - durchgeführt werden. Ich bin mir sicher, ihr hattet bereits die Gelegenheit, euch untereinander bekannt zu machen, deswegen werde ich diesen Teil überspringen. Mein Name ist Apollo, das ist mein Deckname. Sollte jemand von euch seinen richtigen Namen nicht verraten wollen, kann er ebenfalls einen wählen."
      Wieder dieses Lächeln.
      "Wir sind schließlich keine Gruppe, die sehr freizügig mit ihren persönlichen Daten verfahren kann."
      Darauf herrschte Stille, weil sie sich alle schon vorgestellt hatten. Zumindest nicht mit den Nachnamen.
      "Als allererstes spreche ich ein Magie-Verbot aus, solange wir miteinander zu tun haben. Niemand bringt seine Magie zum Einsatz ohne ausdrückliche Erwähnung - nicht in diesem Raum, nicht in diesem Gebäude und auch nicht auf dem Weg nachhause, sollten sich den manche unter euch teilen."
      Er sah niemanden direkt an, aber Lewis sah in die Runde, um eine Reaktion zu erwischen.
      "Ich weiß, dass manche magischen Befähigungen nicht abgeschaltet werden können", er sah dabei niemanden speziell an, worum Lewis recht froh war, "aber sie können auf einem Minimum gehalten und nicht zum Ausdruck gebracht werden. Ist jemand im Begriff, seine Magie zu nutzen, so soll er es laut und klar kommunizieren, bevor er es tut. Ich bin mir sicher, dass wir alle an dem Schutz dahinter interessiert sind."
      Keiner hatte da eine Beschwerde einzulegen.
      "Die zweite Regel lautet, dass hier drinnen nicht geraucht wird und auch keine Drogen genommen werden. Wir sind ab sofort eine professionelle Organisation, die sich ihre Sinne nicht durch Rauschgifte benebeln lässt. Ich brauche euren Verstand klar und einsatzbereit, zu jeder Zeit. Dazu zählt auch kiffen."
      Auch hier sah er niemanden direkt an, Lewis verspürte aber doch den unheimlichen Drang, sich zu rechtfertigen, und deutete daher mit dem Daumen auf Santiago, der sowieso noch am gekippten Fenster stand.
      "Er war's."
      Apollo sah beide kurz an, sagte aber nichts dazu.
      "Die dritte Regel: Es werden keine persönlichen Informationen ausgetauscht. Wir sind keine Freunde, das sollte uns allen klar sein. New York City wird nach diesem Raubzug alles darum geben, eine Chance zu erhalten, in diesem Raum mit anwesend zu sein, und das werden wir nicht zulassen, indem wir abgekapselt voneinander bleiben. Niemand muss wissen, welchen Beruf der andere ausführt. Niemand muss wissen, wie die Magie des anderen funktioniert. Wir sind alleinstehende Einheiten, die nichts mit dem anderen zu tun haben. Jeder hat seinen Aufgabenbereich und das ist alles, was uns in dieser Sache zu interessieren braucht. Ist das allen hier bewusst? Sollte jemand nicht damit einverstanden sein, möge er jetzt den Raum verlassen. Denn es gibt noch eine letzte, vierte Regel: Niemand steigt aus. Wir ziehen das durch und wir ziehen es gemeinsam durch. Jetzt ist die allerletzte Möglichkeit, diesen Raum zu verlassen und nie wieder zurückzukehren. Etwas anderes werde ich nicht zulassen."
    • Was, wenn der Raum verwanzt war? Was wenn das hier irgendeine Art Test war, den sie bestehen mussten? Aber was für ein Test? Und was würde geschehen, wenn sie das Rätsel nicht lösten?
      Eine Bewegung am anderen Ende des Büros erweckte Santiagos Aufmerksamkeit. Die Bewegung gehörte zu einer großen Person und sie kam näher. Hoffentlich war das endlich der Boss. Wenn das noch ein Teammitglied war, dann war's das. Dann würde Santiago einfach gehen, verschwinden, und sich nie wieder auf irgendein Angebot von irgendeinem griechischen Gott einlassen - Bezahlung hin oder her.
      Der Mann, der sich nun zu ihnen gesellte strahlte allerdings genug Autorität aus, um tatsächlich Apollo zu sein. Santiago behielt ihn im Auge, ohne sich zu rühren. Er verschränkte einfach nur die Arme vor der Brust und wartete ab, was denn nun dieser ominöse Job sein sollte.
      Der Mann roch nicht nach Angst, er fühlte sich also wohl damit, mit vier Dieben der Superlative in einem Raum zu stehen. Apollo war der Einzige, der wusste, wie viel Talent wirklich hier drin steckte. Er hatte sie ja schließlich alle angeheuert. Es machte Santiago nervös, wie entspannt der Mann war angesichts all der Magie im Raum. Niemand war so entspannt mit so viel Magie im Raum. Was war sein Geheimnis?
      Der Mann klang wie ein Anfänger. Als ob irgendjemand davon ausgegangen wäre, dass Apollo sein richtiger Name war. Als ob irgendjemand hier Kaffeeklatsch betrieben hätte. Wieso behandelte er sie alle wie Anfänger? Hatte er sowas noch nie gemacht? Hatte er noch nie Leute angeheuert, um für ihn zu arbeiten? Hatte er noch nie an einem Job teilgenommen? Fragen fluteten Santiagos Verstand, so viele, dass er sich kaum konzentrieren konnte.
      Keine Magie. Okay, konnte er nachvollziehen. Machte aus Sicherheitsgründen ja auch Sinn. Aber Santi würde den Teufel tun und wie irgendein Comic-Held durch die Gegenrennen und seine Magie ankündigen. Das war ja lachhaft.
      Keine Rauschmittel? Santiago lachte. Und dann fischte er sich eine Zigarette aus der Jackentasche. Er zündete sie nicht an, schob sie sich nur hinters Ohr. Die Pappnase mit den Joints beschuldigte ihn des Rauchens, aber das war ihm egal. Er starrte bloß Apollo an. Mit der Skincare Routine, die dieser Mann wohl befolgte, war es kein Wunder, dass er was gegen Raucher hatte. Santi wollte ihm ans Bein pinkeln.
      "Ich hab meinen Arsch her bewegt. Ich hab den Arsch von dem Knirps da hier her bewegt. Jetzt hören Sie auf mit dem geschwollenen Gerede und erklären Sie uns endlich, warum sie mindestens drei der besten Diebe der Welt brauchen, um was zu klauen."
      Auch wenn er diese Pappnasen hier nicht kannte, Santi hatte schon von Skye und Jericho gehört. Das war unausweichlich, wenn man sich in ihren Kreisen bewegte und so gut war. Da sich ihre Aufgabenbereiche aber nie überschnitten hatten, wusste Santi nicht viel. Aber allein die Tatsache, dass er diese Namen schonmal gehört hatte, war allein schon Hinweis genug. Nur dieser Lewis, von dem wusste er nichts. Was zusammen mit der Nervosität des Kerlchens seine Theorie unterstützte: der Typ war neu. Warum heuerte Apollo also drei Diebe an, die sich bereits auf globaler Ebene bewiesen hatten, nur um dann einen Neuling ins Haifischbecken zu werfen? War das der Plan? War dieser Lewis Kanonenfutter? Wenn ja, wofür? Wenn nein, was war dann sein Zweck? War er vielleicht gar nicht neu? War er vielleicht einfach nur so unendlich gut, dass er noch nie erwischt worden war? Aber Diebe hatten zu viel Ego, um nicht mit ihren Errungenschaften anzugeben. Irgendwann wusste jemand Bescheid, das war immer so. Die Leute tratschten. Wer war dieser Kerl?!
      "Also: Was ist der Job?"


    • Apollo legte seinen Blick auf Santiago, ging aber nicht auf seine Ungeduld ein. Lewis sah auch zu ihm hinüber, aber nur für den Zweck zu erkennen, wen er bei seinen drei Dieben wohl ausgeschlossen hatte. Wahrscheinlich Jericho mit seinem Computer-Zeug? Skye war ja ganz anscheinend darin bewandert, gewisse Dinge zu entnehmen. Vielleicht ja Lewis selbst? Er kniff die Augen zusammen, bevor er aber etwas sagen konnte, fuhr Apollo schon fort.
      "Gibt es sonst keine anderen Einwände?"
      "Ich bin auf seiner Seite, erzählen Sie uns lieber, worum's geht, wir werden schon nicht abhauen", bekräftigte Skye. Die hatte sich endgültig vom Laptop abgewandt und jetzt die Arme vor der Brust verschränkt.
      In Apollos Augen funkelte es.
      "Nun gut. Dann bitte ich alle Anwesenden, sämtliche Mobilgeräte auf den Tisch zu legen und auszuschalten. Das gilt auch für Laptops."
      Sie taten wie geheißen, wobei Lewis zwei Handys auf den Tisch legte, ein altes Nokia und ein iPhone. Er schaltete beide aus und dann mussten sie warten, bis auch Jericho sich von allen Geräten getrennt hatte. Apollo legte ebenfalls ein Handy auf den Tisch.
      "Unser Ziel, meine Damen und Herren, ist die Federal Reserve Bank of New York, oder genauer gesagt der Tresor, der sich 60 Meter unter der Bank befindet."
      Er zog eine Papierrolle aus seinem Mantel hervor und breitete sie auf ganz klassische Weise auf dem Tisch aus. Darauf war ein Lageplan verzeichnet und zwar kein offizieller; der Mann hatte wohl eine gewisse Vorarbeit geleistet.
      "Ich rede von dem weltweit größten Goldlager in der Geschichte der Menschheit. Ich rede von 500.000 Goldbarren im Wert von 260 Milliarden US-Dollar, die nur darauf warten, dass jemand für sie Verwendung findet. Ich rede von dem größten Diebstahl, mit dem die Welt jemals zu tun gehabt hatte."
      Jetzt war es still im Raum, denn Apollo hatte sich erfolgreich die Aufmerksamkeit seiner vier Komplizen ergattert. 260 Milliarden Dollar, das war eine andere Hausnummer. Durch fünf geteilt, waren das für jeden trotzdem noch 52 Milliarden Dollar, sogar mehr, als sie in ihrem Leben jemals auf einen Haufen zu Gesicht erblicken würden.
      Das dachte jedenfalls Lewis, in dessen Vorstellung sein Bruder sprachlos wurde, wenn er mit so etwas ankam. 52 Milliarden war genug, dass sie sich für den Rest ihres Lebens eine Insel kaufen konnten und von allen Menschen unbehelligt leben konnten.
      Nur Skye hielt es wohl für wichtig, Lewis diesen Traum gleich auszutreiben.
      "Die Federal Reserve - das ist zwar schön und gut, aber wir werden zu fünft wohl kaum 500.000 Barren Gold stehlen. Wie soll das aussehen, wir marschieren alle mit Rucksäcken rein und machen sie voll?”
      Lewis fühlte sich dumm, weil er nicht so weit gedacht hatte. Aber immerhin war er auch kein Dieb, seine Kunst lag woanders.
      Apollo ließ sich dafür nicht beirren.
      “Selbstverständlich nicht. 500.000 Barren sind zu viel zu transportieren - selbst 100 wären es. Aber der Anspruch darauf ist es nicht. Der Anspruch liegt in einer hoch gesicherten Datenbank, die alle 30 Staaten verwaltet, die ihr Gold bei der Federal gelagert haben.”
      Sein Blick ging zu Jericho, den er mit dieser Erwähnung wohl für sich gewonnen hatte.
      “Wir reden von Deutschland, Frankreich, Spanien, natürlich von den US-Bundesstaaten selbst. 500.000 Barren auf diese Länder verteilt und jedem gehört ein Teil davon. Wenn sie bei der Federal anklopfen, wird das Gold in Stahlkisten verpackt und an ihre jeweiligen Besitzer geliefert. Natürlich erst nach Anfrage, die wir ihnen stellen können. Sobald wird Zugang zur Datenbank haben, sind wir Länder, meine Damen und Herren.”
      Dagegen hatte Skye nichts konkretes einzuwenden, nur eines:
      “Und wie kommen wir da rein?”
      “Durch einen Zugang. Es wird bei dieser Aktion nicht darum gehen, einen Barren zu stehlen, sondern einen Zugang zu legen - einer, der von unserem IT-Beauftragten genutzt werden kann. Dafür müssen wir in den Tresor hinunter, dahin, wo die Goldbarren aufbewahrt werden.”
      Das schien nun wieder Skye etwas mehr zum Leben zu erwecken.
      “Es gibt dort unten nämlich nicht nur den einen Tresor. Das ganze Gebilde ist ein eigenes Netzwerk, das sich die Abgeschiedenheit der Insel Manhattans nutzt, um ihre Sicherheitsstufe auf die größt mögliche zu setzen. Nichts kommt herein, was nicht hereinkommen soll. Neben dem Tresor werden auch die Server der Datenbank verwaltet und dort wollen wir hin.”
      Skye war jetzt ganz eindeutig interessiert.
      "Es gibt einen einzigen Zugang und das ist ein Aufzug, der vom Inneren der Federal nach unten führt."
      Er zeigte auf eine betreffende Stelle auf einem Plan, die mit vielen Querstrichen durch den Boden führte.
      "Der Zugang wird geloggt und nur freigegeben, wenn der Administrator ihn gewährt. Erst dann kommt der Aufzug und führt hinunter, wo mindestens genauso viele Sicherheitsleute warten werden wie oben."
      Sein Blick ging dabei zu Muskelpaket.
      "Es gibt keine Möglichkeit, die Sicherheitsleute wegzulenken. Die Schichten sind gleichmäßig über den Tag verteilt und bei Schichtwechsel wird unten abgelöst, nicht oben. Wir kommen also um Sicherheitsleute nicht herum, und wenn alles gut läuft, werden sie unsere Tarnung auch nicht merken, aber für den Serverraum brauchen wir eine Möglichkeit, sie schnell und präzise loszuwerden. Um den Zugang zu legen, braucht es ein paar Minuten, die wir dort unten ausharren müssen. Während dieser Zeit muss alles glatt laufen."
      Sein Blick wanderte weiter zu Lewis, der dadurch leicht ins Schwitzen geriet. Dass alles glattlaufen würde war eine Sache, aber ob es dabei ungefährlich war, das war eine ganz andere.
      "Wenn der Zugang gelegt ist, verlassen wir das Gebäude und verziehen uns. Dann kann der Antrag von außerhalb gestellt werden und wir müssen nur darauf warten, dass die Barren zu uns geliefert werden. Alles in allem sollten wir nicht länger als eine Stunde vor Ort benötigen und nicht länger als eine Woche, bis die Barren bei uns sind."
      Apollo richtete sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Wenn uns das gelingt, dann sollten wir in der Lage sein, ein Fünftel des Tresorinhalts in unsere Hände zu bekommen. Das durch fünf geteilt sind 20.000 Goldbarren für jeden von uns. Bei den aktuellen Preisen für Gold sind das 1,5 Milliarden für jeden."
      Lewis pfiff anerkennend, auch wenn er den Gewinn viel höher geschätzt hatte. Aber 1,5 Milliarden, das war trotzdem eine Hausnummer, die für jeden hier relevant sein dürfte.
      "Das ist der grob umfasste Plan. Alle Details müssen noch ausgearbeitet werden und das von uns allen. Ihr seit diejenigen, die sich mit ihrer Magie am besten auskennen und daher werdet ihr auch diejenigen sein, die die beste Lösung dafür ermitteln. Ich brauche von jedem von euch eine realistische Einschätzung, ob er der Sache gewachsen ist."
    • Als alle einen Schritt an den Tisch heranmachten, um ihre Elektronik abzugeben, blieb Santiago als einsame Statue am Fenster stehen. Er hatte weder Smartphone noch sonst irgendeine Technik dabei. Das konnte man verfolgen und in seinem aktuellen mentalen Zustand war das einfach zu viel des Guten. Sein Smartphone lag ganz brav in seinem Apartment, ausgeschaltet. Alles, was er bei sich trug, war seine Uhr, aber selbst die war analog - ein teures Stück, ja, aber nicht so einzigartig, dass man sie hätte zurückverfolgen können.
      Dafür hatte Jericho genug Technik in der kleinen Umhängetasche, um eine ganze Live Show zu produzieren. Der Knirps tippte kurz auf der Tastatur herum, dann klappte er den Laptop zu. Das Tablet, das Santi schon gesehen hatte, landete obendrauf. Es folgten gleich vier Smartphones - wofür brauchte man denn bitte vier verschiedene Smartphones?! - zwei uralte Klapphandys, ein Pager - dass es sowas überhaupt noch gab - Irgendwas mit einem Bildschirm, das Santi nicht identifizieren konnte, und eine Nintendo Switch Lite in türkis.
      "Powerbanks und Festplatten auch?" fragte das Kerlchen mit einem unschuldigen Lächeln auf den Lippen. "Wissen Sie? Es wäre einfacher gewesen, wenn Sie mich einfach die Signale hätten stören lassen. Das wären zwei Tastendrücke gewe-"
      "Halt die Klappe, Computer-Junge," fuhrt Santi den Knirps an.
      Jericho zog eine Grimasse, folgte der Anweisung aber. Gut zu wissen, das wenigstens einer hier Anweisungen befolgen konnte.
      Apollo rückte nun endlich mit der Sprache raus. Santiago blieb still, ließ die Informationen durch sein paranoides Hirn kreisen. Er ignorierte die meisten Fragen, die seine Magie stellte und konzentrierte sich auf die harten Fakten, die Apollo ihnen gab.
      "IT-Beauftragter? Kein Grund mich gleich zu beleidigen..." grummelte Jericho, erhob aber keinen größeren Einspruch.
      Allerdings registrierte Santiago die Tatsache, dass der Knirps jedes Mal die Augenbraue hob, wenn Apollo ein 'Damen und Herren' benutzte. Wahrscheinlich hatte der Knirps eine ganze Reihe an Pride-Pins von der Umhängetasche entfernt, bevor Santi ihn abgeholt hatte. Er registrierte auch, dass es den Knirps in den Fingern juckte, nach dem Laptop zu greifen. War Jericho etwa schon am Planen? Vielleicht hätte er Jericho doch den Energy Drink abnehmen sollen...
      "Ich brauch ein paar mehr Infos, bevor wir da einfach reinmaschieren," meinte Jericho schließlich. "Die Server zu finden wird einfach. Den richtigen Server zu finden ein bisschen schwieriger, aber auch kein wirkliches Hindernis. Je nachdem, wie viele Server ich angreifen muss, kann es dauern. Ich hab mich mit deren Sicherheitssystemen mal beschäftigt, aber nur oberflächlich. Die haben gutes Zeug - nicht das beste, wir reden hier immer noch von einem Regierungsinstitut, aber stabil. Ich kann also nicht sagen, wie lange genau ich am Server brauche. Den Admin-Zugang kann ich kopieren, wenn ich vorher an ihn rankomme. Das ist die einfachste Variante. Wahlweise kann ich den Admin-Zugang hacken, das dauert aber länger und ich weiß nicht, wie viel Zeit wir dann damit haben. Die tendieren zu rotierenden Systemen - neue Passwörter, Codes, das ganze Programm in bestimmten Zeitabständen. Im Schlimmstfall kann ich wahrscheinlich auch einfach den Aufzug hacken, aber das bringt einen ganzen Haufen Sicherheitsleute auf unsere Fährte, empfhielt sich also nicht. Wissen wir, welche Sicherheitssysteme die oben und unten haben? Das wäre gut zu wissen. Das Logging kann ich löschen, genauso wie Kameras und all den Schman, aber je mehr ich finden und austauschen muss, desto mehr Zeit brauche ich. Wahlweise brauche ich mehr Hände an mehreren Orten, die ein paar Tasten für mich drücken können, um meinen Code zu aktivieren."
      Jericho zuckte wieder unschuldig mit den Schultern. Der Knirps wusste wirklich ganz genau, was es zu tun galt. Santiago würde es niemals offen zugeben, aber er war doch schon ein bisschen beeindruckt von der Farbexplosion auf zwei Beinen.
      "Ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, mit wie vielen Sicherheitsleuten wir es zu tun bekommen könnten und welche Bewaffnung sie führen. Das sind keine notwendigen Informationen, aber wenn alles wirklich glatt laufen soll, ist Vorbereitung alles," meinte Santiago von seinem Platz am Fenster. "Und es stellt sich die Frage, wie sehr wir sie loswerden wollen. Wenn ich Leute ausknocke, dann bleiben sie das für gewöhnlich auch eine Weile lang. Wenn wir also irgendeine Stimmaktivierung brauchen, sollte ich das vorher wissen. Lageplan wäre auch nicht schlecht, damit ich die Routen im Blick behalten kann."
      Er stieß sich vom Fensterrahmen ab und kam nun doch rüber zum Tisch, um einen Blick auf die Karte zu werfen. Die war bei weitem nicht das, was er gern hätte. Je besser er seine Umgebung kannte, desto besser könnte er eine Verteidigung aufbauen. Und offensichtlicherweise würde das seine Aufgabe sein: diese Leuten da unten den Rücken freihalten. Wobei er für 1,5 Milliarden auch ohne Karte und ohne weitere Informationen da reinrennen und alles von den Füßen holen würde, was auch nur falsch zuckte. Das war eine Menge Geld. Genug um sich zur Ruhe zu setzen, wenn er denn wollte. Das war doch mal was.


    • Apollo nickte bedächtig, während er sich die neuen Informationen anhörte. Eigentlich hatte er sich zu anfangs hier als Anführer ausgegeben, der die Gruppe leiten würde, aber es wurde schnell klar, dass er seine Regel ernst meinte: Jeder war für seine eigene Magie verantwortlich und es würde nur funktionieren, wenn sie alle ihren Teil fehlerfrei ausführten. Und für diese fehlerfreie Ausführung, dafür wollte Apollo sorgen.
      Kurzerhand holte der Mann einen Bleistift aus seinem Mantel und begann, auf der Rückseite des Lageplans seine Notizen zu machen; kurze, unleserliche Ausdrücke, die zum größten Teil aus irgendwelchen Abkürzungen bestanden oder aus Fremdwörtern und keine ganzen Sätze ergaben. Er schrieb aber alles mit, was Jericho und Santiago von sich gaben und setzte nicht eine Sekunde ab.
      Skye machte die nächste in der Runde.
      "Ich komme in den Serverraum rein und wieder raus, ohne entdeckt zu werden. Das Problem werden Kameras sein, sofern sie nicht abgeschaltet werden. Aber das andere Problem ist, dass ich sowas nur alleine tun kann. Da brauche ich keine Begleitung, die mir in den Rücken fällt."
      Sie funkelte einmal in die Runde, was eindeutig klarstellen sollte, was für eine Meinung sie hier vertrat.
      Apollo nickte aber nur knapp, so als sähe er kein Problem darin.
      "Der Serverraum kann alleine betreten werden, aber in den Bereich unten, dorthin werden wir gemeinsam gehen müssen. Zu viel hängt davon ab, dass kein Sicherheitspersonal von uns Wind bekommt, als dass ich es dem Erfolg einer einzigen Person zuschreiben würde."
      Aus einem anderen Mund hätte sich das wie eine Beleidigung anhören können, aber aus Apollos war es ganz sachlich. Der Mann versuchte lediglich, einen zusammenhängenden Plan auf die Beine zu stellen.
      "In dem Fall verlange ich, dass wir uns unten trennen. Anders kann ich nicht nützlich sein."
      Und Lewis konnte ihr so nicht vertrauen, dass sie dort unten keinen Unsinn anstellte, aber Apollo hatte keine Einwände dagegen, sondern schrieb wieder nur in seinen Abkürzungen. Als Skye nicht weitermachte, war es wohl an Lewis fortzufahren.
      "Äh... Ich kann da nicht mit runter gehen. Ich muss oben bleiben. Und ich brauch..."
      Bei Jericho hatte sich das so professionell angehört. Der hatte schon alles durchgedacht gehabt, von vorne bis hinten, was ihn dazu befähigen würde, seinen Auftrag durchzuführen. Aber Lewis war es gewohnt, dass man ihm nicht schon genau sagte, wohin er sich zu begeben hatte und was er zu tun hatte - er hatte bisher stets für seine Familie gearbeitet und die wusste schließlich genau, wie seine Magie funktionierte. Aber diese Gruppe hier tat es nicht und daher lag es an ihm, die Planung für sich selbst durchzuführen.
      Was würde Jay jetzt sagen?
      Lewis hob die Hand an seine Lippe und knetete darauf herum.
      "Ich brauche zu allen Funkkontakt. Ich muss genau wissen, wer was wann macht und das in der selben Sekunde, in der er es macht. Ich brauche einen detaillierten Lageplan von dem Gebäude und ich muss auf die Kameras zugreifen können. Ich brauche Sichtkontakt."
      Apollo nickte und schrieb. Dass Lewis' Interesse dabei ganz klar mit Skyes kollidierte, das brachte hier niemand zum Ausdruck. Aber die Frau warf ihm einen Blick zu und Lewis fing dafür an, mit den Fingern an seine Lippe zu trommeln.
      Als Apollo geendet hatte, richtete er sich wieder auf.
      "Soweit sehe ich darin keine Probleme. Wir drei", er sah zu Skye und zu Santiago, "werden hinab in den Bunker gehen, wo sich unsere Wege trennen werden. Sie wird in den Serverraum gehen und den Zugang platzieren, ich werde den Aufzug bewachen und Sie", er sah zu Santiago, "werden sich dort platzieren, wo der Funker es Ihnen aufträgt. Allgemein soll zu ergänzen sein, dass jeder genau das befolgt, was der Funker zu sagen hat." Sein Blick ging zu Lewis, den die Aussage ein wenig mit Stolz erfüllte. Wenn das nur Jay mitkriegen würde.
      "Wir werden einen Bewegungsplan erarbeiten, wann welcher Posten auf welcher Stelle ist, und davon wird nicht abgewichen, außer die Ansage kommt von ihm. Dafür brauchen wir ein Signal bis in den Bunker herunter, wenn das kein Problem darstellt."
      Ein Blick zu Jericho.
      "Wir brauchen die Kameras für den Überblick, fliegen wir dort unten nämlich auf, kommen wir selbst mit funktionierendem Aufzug nicht mehr heraus, ohne vom CIA und FBI empfangen zu werden. Es bietet sich dafür an, den Überwachungsraum zu übernehmen, damit die Aufzeichnungen gleichzeitig überschrieben werden können. Dort würde ich euch beide", Lewis und Jericho, "zuerst absetzen. Anberaumt ist der Zeitpunkt auf die zweite Wachablösung im Bunker und das eine Stunde vor besagter Ablösung. Die Wachablösung geschieht um 18.00 Uhr, daher werden wir um 17.00 Uhr den Überwachungsraum besetzen und runtergehen."
      Daraufhin rollte er den Plan wieder zusammen.
      "Ich beschaffe die nötigen Pläne und versuche herauszufinden, mit welcher Bewachung wir es genau zu tun haben. Beim nächsten Treffen können wir damit die Details weiter ausarbeiten. Bis dahin soll sich jeder mit seinem Posten vertraut machen und damit, was er alles dafür mitbringen muss. Denkt daran, dass wir am hellichten Tag in eine Bank einmaschieren werden; wo auch immer wir das Gebäude betreten, dürfen wir keine schwere Ausrüstung mit uns nehmen. Weniger ist mehr. Ich vertraue darauf, dass Unsicherheiten kommuniziert werden, denn die dürfen wir uns nicht erlauben. Jeder ist der Leiter seines eigenen Teams und dafür verantwortlich, dass er seinen Job richtig ausführt.
      Ich lasse euch den Ort unseres nächsten Treffens zukommen. Es sollte nicht länger als ein bis zwei Wochen dauern. Ihr seid nun ab sofort verpflichtet, zu allen Treffen auch zu erscheinen."
      Damit löste er die Runde auf.
    • Er sollte also nicht auf die Kinder aufpassen, sondern tun, was sie ihm sagten? Das war ja noch schöner. Aber für so viel Cash konnte er Ego schonmal einen Abend lang vergessen. Es war ja nicht das erste Mal, dass er nicht viel mehr als der Prügelknabe war. So gesehen klang das sogar wie leicht verdientes Geld. Sicher, die Leute, die er würde ausschalten müssen, hatten garantiert militärisches Training und waren gut ausgerüstet. Aber er musste sie ja nicht unbedingt im Kampf ausschalten. Alles, was er brauchte, war ein bisschen Hautkontakt.
      Bei dem Gedanken daran, in die Ängste anderer eindringen zu können, rührte sich seine Magie wie eine Schlange. Sie rollte sich zusammen, spannte die Muskeln an, bereit, loszuschlagen und zuzubeißen.
      "Die Kameras krieg ich hin, kein Problem. Die sind leicht. Je nachdem, welches System die benutzten kann ich dir die sogar schon besorgen, bevor wir überhaupt drin sind."
      Jericho grinste bei dem Gedanken daran. Scheinbar waren sie alle scharf darauf, in Aktion zu treten.
      "Was das Signal bis in den Keller angeht... ich glaube, ich kann da was basteln, aber ich brauch die Bodenkomposition. Ihr könnt ja schlecht einen riesigen Sender mit euch schleppen, nur damit wir miteinander quatschen können. Würde das Kommunikationssignal nur ungern über deren interne Signale schicken, das fällt ja irgendwie ein bisschen auf, auch wenn ich sicher bin, dass Grummelbacke das durchaus tragen kann."
      Santiago warf dem Hacker einen Blick zu. Vielleicht sollte er dem Knirps doch einen Alptraum beschweren? Nur um seinen Punkt noch ein bisschen klarer zu machen. Doch da riss Apollo seine Aufmerksamkeit wieder an sich mit weiteren Anweisungen. Zwei Wochen? Deswegen arbeitete Santiago nicht gern im Team. Er war jetzt bereit loszuschlagen. Er könnte sich morgen die Wachen angucken und sich noch am gleichen Abend bis zum Tresor durchschlagen. Zwei Wochen... was sollte er denn mit so viel Zeit anfangen? Apollo hatte ihm die Alpträume von einem Haufen Sicherheitsleute versprochen, nur um ihn jetzt auf die Bank zu verbannen?!
      Als Apollo dieses kleine Buchclubtreffen auflöste und sich umdrehte, um zu gehen, da platzte es aus Santiago heraus. Er pfiff laut durch die Zähne, um die Aufmerksamkeit des Mannes zu erregen.
      "Was ist eigentlich dein Job in der ganzen Sache?" fragte er direkt. "Du weißt, was wir machen, aber wir wissen nur, dass du ein Blatt Papier mitgebracht hast und eine Idee hast. Wir sollen jetzt daran arbeiten, deine Idee umzusetzen und du machst... was genau? Wir haben den Knirps da, um alles zu organisieren, das hat er selbst gesagt. Der Clown da macht die Technik. Blondie macht den Lift. Ich kümmer mich um die Wachen. Also?"
      Apollo drehte sich mit einem sanften Lächeln wieder zu der Gruppe um. Santiago wusste, er hatte die Gedanken der Leute in diesem Raum laut ausgesprochen. Aber Apollos Gesichtsausdruck wirkte irgendwie... herablassend war das falsche Wort. Santiago fühlte sich an den Blick seiner Mutter erinnert. Als müsse Apollo einer Gruppe Kinder etwas ganz simples erklären. Wirklich begeistert war Santi davon nicht.
      "Ich räume auf," meinte Apollo simpel. "Ich sorge dafür, dass wir zu keiner Zeit Spuren hinterlassen. Es ist wahr, dass ich nicht besonders viel zur eigentlichen Ausführung beitrage. Meine Aufgabe liegt eher im Hinterher. Allerdings gehe ich davon aus, dass wir uns alle sicherer fühlen, wenn ich ebenfalls mit vor Ort bin, sollte etwas schiefgehen. Wir hängen alle zu gleichen Teilen in dieser Sache - mich eingeschlossen. Beantwortet das Ihre Frage?"
      Santiago knirschte mit den Zähnen. Der Mann wusste mit Worten umzugehen. Ein Teil von ihm hatte darauf gehofft, dass Apollo sich verplapperte und das Team gegen sich aufbrachte - er wusste nicht einmal warum, er brauchte keine weiteren Millionen, wenn diese Sache glatt ging. Aber dieser Kerl stieß ihm übel auf wie Sodbrennen und das mochte Santi nicht.
      "Das reicht mir als Erklärung. Aber das nächste Mal können Sie selber Taxi spielen."
      Santi deutete auf Jericho. Der Knirps war gerade dabei, die ganze Technik auf dem Tisch wieder in die Umhängetasche zu sortieren und war sich keiner Schuld bewusst.

      Da Santiago den Knirps eingesammelt hatte, fiel es auch in seinen Aufgabenbereich, Jericho wieder nach Hause zu bringen - ob er wollte oder nicht. Wenigstens hielt Jericho dieses Mal die Klappe und das Innere des Mietwagens war ausschließlich mit dem Geräusch von deren Fingern auf der Tastatur erfüllt. Santi hatte sich eine Kippe angezündet kaum hatte er die Lobby des verlassenen Towers erreicht. Jetzt im Auto rauchte er seine zweite. Schien den Knirps nicht zu stören. Nicht, dass sich Santiago von so einer halben Portion stören lassen würde.
      Er setzte Jericho dort ab, wo er dey auch zuvor eingesammelt hatte, bevor er selbst nach Hause fuhr. Was mit enormen Umwegen verbunden war. Seine Paranoia schickte ihn auf eine ordentliche Reise durch die Stadt, um imaginäre Verfolger abzuschütteln. Den Mietwagen ließ er schließlich auf dem Parkplatz eines Drogerieladens stehen. Die zwei Blocks zu seinem Motorrad nahm er zu Fuß. Mit seinem Bike drehte er dann noch drei Runden, bevor er sich selbst endlich dazu überreden konnte, nach Hause zu fahren.
      In seinem Apartment angekommen fühlte er sich sofort sicherer. Er hatte dafür gesorgt, dass seine Paranoia ihn hier nicht erwischen konnte. Das hielt seine Magie aber nicht davon ab, ihre Spielchen mit ihm zu spielen.
      Er schloss alle fünf Schlösser an seiner Tür und überprüfte jedes dreimal, bevor er auch nur seine Jacke auszog. Er durchsuchte jede Tasche, obwohl er wusste, dass er nichts außer seinen Zigaretten und seinem Zippo finden würde. Er hängte die Jacke weg, and den mittleren der fünf Haken an der Garderobe. Seine Schuhe stellte er genau darunter - er zog erst den linken, dann den rechten aus, stellte aber den rechten zuerst in das Schuhregal. Schlüssel, Zigaretten und Zippo landeten auf der kleinen Kücheninsel, dann eilte er direkt zum Badezimmer, um zu duschen. Letzteres war nicht Teil seiner Marotten, er wollet einfach nur duschen.
      Zwei Wochen sollte er jetzt darauf warten, dass er eine Nachricht bekam. Was sollte er bloß mit all der Zeit anfangen? Die Füße stillzuhalten war keine Option. Er war schon zu lange nett gewesen, um es noch zwei weitere Wochen auszuhalten. Er musste auf die Jagd gehen.

      Eineinhalb Wochen später lag Santiago auf einer alten Couch in einem Büro mitten in einem verlassenen Lagerhaus. Das Möbelstück war zu klein für ihn, also hatte er ein Bein aufgestellt, das andere stand auf dem Boden. Er trug seine Sonnenbrille, hatte die Augen aber geschlossen für ein Powernap. Er hatte furchtbar geschlafen, dafür ließ ihn seine Paranoia endlich in Ruhe. Nur deswegen konnte er sich überhaupt soweit entspannen, ein ordentliches Nickerchen zu machen, obwohl er nicht das ganze Lagerhaus mit allen Ein- und Ausgängen im Blick hatte. Er war müde, aber ansonsten fühlte er sich gut.
      Apollo hatte ihm die Adresse heute Vormittag geschickt. Als er dort aufgetaucht war, hatte sich die Adresse als Café herausgestellt. Dieser Mistkerl hatte Santiago schon wieder zum Taxifahrer für Jericho gemacht. Der Knirps war sich keiner Schuld bewusst und war - einmal mehr in einen neonfarbenen Regenbogen gehüllt, aber dieses Mal nur mit einem Gehstock anstelle der Krücken und einem Rucksack anstelle der Umhängetasche - eingestiegen. Santiago hätte beinahe ins Lenkrad des Mietwagens gebissen.
      "Weißt du, wo wir hinmüssen?" fragte er stattdessen.
      "Jup."
      Jericho nannte ihm die Adresse, die sie zu dem Lagerhaus führen würde.
      "Schicke Tinte," kommentierte der Knirps nach ein paar Minuten.
      Santiago hatte die Ärmel seines Langarmshirts bis über die Ellenbogen hochgeschoben, sodass man einen Teil seiner Tattoos sehen konnte. Nicht, dass man die an seinem Nacken nicht gesehen hätte.
      Er ignorierte den Kommentar in der Hoffnung, Jerichos Geplapper entgehen zu können, wenn er sich in Stille hüllte. Diese Taktik ging sogar auf.
      Jericho saß nun an dem alten Schreibtisch im Büro, ein klobiges Teil aus dem vergangenen Jahrzehnt. Dey hatte ihn komplett leergeräumt und stattdessen ein ganzes Arsenal an Technik darauf ausgebreitet. Der Knirps spielte mit irgendwelchen Platinen herum und kleinen Gerätschaften, während dey mit einer Hand auf einem Laptop herumhämmerte.
      Santiago kümmerte das alles nicht. Er genoss sein Powernap, bis der Rest eintraf für die weitere Planung ihres Jahrhundertdiebstahls.


    • Noch bevor die Versammlung ganz aufgelöst wurde, erhob Santiago noch einmal die Stimme. Lewis hatte zwar eigentlich nicht damit gerechnet, dass von Muskelpaket noch etwas ernsthaft sinnvolles kam, aber seine Neugier war sofort geweckt, als er seine höchst interessante Frage stellte. Ja, was war eigentlich Apollos Aufgabe? Klar, er hatte sie zusammengerufen, er hatte ganz anscheinend irgendwelche Kontakte, sodass er die ganzen Materialien besorgen konnte, aber sonst? Er würde ja nicht einmal das Kommando übernehmen, wenn sie einen Plan hatten und allein Abweichungen Lewis oblagen.
      Aber anstatt irgendeinen geheimen Meisterplan zu präsentieren oder sich etwa als Hochstapler zu offenbaren, lieferte er eine äußerst passable Erklärung ab. Apollo würde sich natürlich darum kümmern, dass die Goldbarren Amerika nicht verließen und dass sie in die Hände ihrer neuen Besitzer kämen. Aber er würde auch dafür sorgen, dass kein Keil in die Gruppe geriet, weil sie ihn dafür bezichtigen würde, die ganze schwere Arbeit auf die anderen abzuladen. Er würde mittendrin stecken und sich genauso von Lewis befehligen lassen.
      Das stellte sie wohl alle zufrieden. Der Mann zog ab und mit ihm auch gleich Skye und Lewis, während Jericho erst einmal das gesamte Arsenal von Saturn wieder einpacken musste und Santiago dazu verdammt war, darauf zu warten.

      Zwei Wochen würden schnell vergehen, dessen war sich Lewis sicher, der wieder täglich im Büro aufkreuzte, um sich die Nachrichten anzuschauen, Zeitungen zu durchforsten und seinen Teil zum Geschäft beizutragen. Aber er war auch abgelenkt; 1,5 Milliarden war eine wirklich einmalige Summe. Was sie alles damit anfangen konnten... aber was eigentlich genau? Jayden war derjenige, der das Geschäft leitete und eine Ahnung hatte, was in allen Fällen zu tun war, und er hätte sicher auch einen Plan, wie sie 1,5 Milliarden verprassen sollten. Aber Lewis? Lewis kaute manchmal auf seinen Nägeln rum und beobachtete seinen Bruder, während er überlegte, wie er ihm eine Idee für sowas entlocken konnte, ohne dabei zu offenbaren, dass er einen derartigen Auftrag angenommen hatte. Er wusste noch immer nicht, weshalb er Jay nichts davon sagte, hielt es aber vorerst auch für besser so. Im schlimmsten Fall würde er ihm eben eines Tages 1,5 Milliarden auf den Tisch legen und dann würde Jay schon irgendwas damit tun können.

      Ein paar Tage später war er bei Bryce und während aus dem Geschoss unter ihnen ein tiefer Bass dröhnte, der die Wände zum Zittern und den Boden zum Vibrieren brachte, waren sie in Bryces Zimmer anderweitig zugange. Sex hatte etwas meditierendes für Lewis, der sich bäuchlings in die fleckige Bettdecke krallte und sich das Hirn rausvögeln ließ. Beim Sex mit Bryce konnte es ihm noch so schlecht gehen - sein Baum blieb immer linear. Rein, raus, rein, raus, das eine folgte dem anderen, es gab keine weiteren Abzweigungen. Rein, raus, rein, raus. Lewis rollte stöhnend mit den Augen und streckte sich lang wie eine Katze.
      Bei Bryce tat es immer weh. Der Mann war grob, weil er es so wollte, und Lewis ließ sich grob behandeln, weil er es genauso wollte. Die Folge waren meistens blaue Flecke an seiner Hüfte, wenn Bryce ihn wie jetzt zu fest gepackt hielt, und ein wunder Hintern. Lewis ging in dem Schmerz auf.
      Bryce kam hinter ihm mit einem Grunzen, das in der Techno-Musik von der Etage darunter unterging, und warf Lewis grob über die Klippe. Er kam kurz danach und schmeckte die fleckige Decke, als er das Gesicht hinein presste.
      Hinterher lag er auf der einen Seite des Bettes und rollte sich einen Joint, während Bryce auf der anderen Seite auf der Bettkante saß, sich das Kondom abzog und zugeknotet auf den Boden fallen ließ. Das fiel hier sowieso nicht auf, weil der größte Teil des recht kleinen Zimmers mit Klamotten zugemüllt war und dazwischen lose Geldscheine lagen. Auf dem Boden lagen auch noch andere Kondome herum und Lewis bekam dabei ein schlechtes Gefühl, weil er sich immer einbildete, Bryce und er hätten was... anderes als das hier eben. Aber die Kondome waren ein deutliches Zeichen dafür, dass er nur einer von vielen war.
      "Bryce?"
      "Hm?"
      Lewis lehnte sich auf die Seite. Zumindest musste er sich keine Gedanken machen, hier überall das Gleitgel zu verschmieren, weil das Bett sicher auch schon ganz andere Flecken kennengelernt hatte.
      "Wann wärst du reich? Was würdest du als reich betrachten?"
      Bryce drehte sich kurz nach ihm um, dann stand er auf und bahnte sich einen Weg zu seinem Schreibtisch, wo er sich seine Zigaretten rollte. Er kiffte nicht und nahm auch sonst keine Drogen, was wohl verständlich war bei seinem Geschäft.
      "Wie kommste darauf? Laufen eure Geschäfte so gut?"
      "Nee, mich interessiert's nur. Wann wärst du reich?"
      Bryce setzte sich mit dem nackten Hintern auf einen Stuhl, dessen Polster mindestens genauso fleckig war wie die Decke, und begann sein eigenes Zeug zu rollen. Von unten verstummte der Bass kurz, nur um dann in anderem Rhythmus wieder anzusetzen.
      "Ganz reich? Weiß ich nich'. Bei 'n paar Millionen vielleicht."
      "Nur ein paar Millionen?"
      "Ja hör mal."
      Er stand mit seiner gedrehten Zigarette auf und kam zurück zum Bett, um sich von Lewis das Feuerzeug geben zu lassen.
      "Ne paar Millionen ist mächtig viel Schotter. Weißte, was du mit ein paar Millionen alles anfangen kannst? Ein eigenes Cartell aufbauen, so is's. Deine eigenen Leute anstellen, deinen eigenen Vertrieb. Ich könnt' bei eurer Firma 'nen Vertrag nehmen und sowas. Internationaler Handel."
      Er setzte sich, aber nur auf den Bettrand.
      "Das müsste natürlich erstmal alles anlaufen. Man müsste das nach und nach machen, denk ich. Aber mit Millionen hat man auch Zeit für sowas."
      Er nahm einen Zug und sah dann über die Schulter zu Lewis zurück.
      "Wieso fragste?"
      "Nur so. Was würdest du mit einer Milliarde anfangen?"
      "Mit einer Milliarde? Wie viel is' das?"
      "Tausend Millionen."
      "Tausend? Boah."
      Er nahm einen Zug und lehnte sich auf seine Hände zurück. Sein Rücken war breit und erinnerte Lewis in dem Moment ungewollt an Santiago, dessen Statur immerhin Bryce ein wenig ähnlich war. Unweigerlich fragte er sich, ob bei Muskelpaket die Muskeln im Rücken auch so rollten, wenn er sich bewegte, und verwarf den Gedanken dann gleich wieder. Sie waren immerhin Komplizen, es war nicht auszumalen, dass sie was anfangen könnten.
      "Keine Ahnung. Tausend Cartelle aufmachen?"
      "So funktioniert das nicht."
      "Du wolltest doch eine Antwort haben, da haste sie."
      Er rauchte und feine Asche rieselte dabei auf die Decke. Lewis benutzte immerhin den Aschenbecher, der auf dem kleinen Nachttischchen vor Zigaretten nur so überquirlte.
      "Schon gut. Hat mich nur interessiert."

      Die nächste Nachricht erreichte ihn eine Woche später, wodurch er sich am Abend wieder bei Jay entschuldigte ("Wieder ein Date?" "Ja." "Sicher nicht mit Bryce?" "Ganz sicher."). Er kam zum vereinbarten Treffpunkt, der diesmal zwar auch in der Innenstadt lag, aber ein bisschen verschachtelt in einem Lagerhaus. Diesmal hatte Lewis sich beeilen wollen, um vielleicht als erster da zu sein, aber die U-Bahn hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt kam er herein und Muskelpaket pennte schon auf einer alten Couch, während Jericho schon mit seiner Technik am handwerkeln war. Weil Lewis sich daran erinnerte, wie er bei Bryce - nach dem Sex auch noch - an Muskelpaket und dessen Rücken gedacht hatte, steuerte er diesmal gleich Jericho an, um ihm selbst über die Schulter zu schauen.
      "Was machst'n da?"
      Skye kam wieder als nächstes, hielt auf die Couch zu, schob grob Santiagos Bein zur Seite und quetschte sich dazu. Zwei Minuten später tauchte Apollo auf und das wieder nicht aus der Richtung, aus der alle anderen gekommen waren.
      "Guten Abend miteinander. Handys auf den Tisch dort."
      Er machte es sich an einem Tisch bequem, zu dem er die anderen auch heranwinkte. Dort breitete er vier verschiedene Pläne aus, darunter den einen, den sie bereits beim ersten Mal gesehen hatten, sowie einen detaillierteren Plan vom Bunker und vom Erdgeschoss der Bank, in dem auch der Überwachungsraum lag. Für Santiago hatte er einen Auszug aus der Vorschrift der Bank dabei, welche Ausrüstung die Sicherheitsmänner mit sich führen mussten.
      "Folgende Ergänzungen haben sich ergeben: Jericho, es gibt im Bunker Störsender, die etwaigen Magiefluss unterbrechen sollen und die an den Strom angeschlossen sind. Die gilt es auszuschalten, bevor wir mit dem Aufzug nach unten gekommen sind. Wir können einen Sender mitnehmen, der klein genug ist, um ihn unter dem Hemd zu tragen und der Funkkommunikation gewährleistet, allerdings muss er bei einer Reichweite von 60 Metern auch durch dicke Stahlwände gehen. Da wir ihn nur unter gewöhnlichen Umständen testen können, müssen Sie sich absolut sicher sein, dass Sie die Verbindung aufrecht erhalten können. Ohne Funkkontakt gehen wir nicht runter."
      Sein Blick wanderte weiter zu Santiago.
      "Durch den Störsender im Bunker ist auszuschließen, dass unten Magier sind, aber es sind sicher welche in der Bank oben positioniert. Sie sind alle nach den Vorschriften ausgerüstet und nachdem es Magie gibt, die andere Magie schmecken kann, würde ich vermeiden, noch bevor jeder auf dem Posten ist Magie zum Einsatz zu bringen. Können etwaige Beamte im Überwachungsraum auch ohne ausgeschaltet werden? Hier dürfen uns keine Fehler unterlaufen."
      Weiter zu Skye.
      "Sie werden alleine zum Serverraum gehen, alleine einbrechen und den Zugang nach Anweisung von Jericho platzieren. Um die Kameras müssen Sie sich keine Sorgen machen, aber um die Wachleute. Santiago wird Ihnen eine Route geben, nach denen Sie sich bewegen können und auf der er Sie im Zweifel noch erreichen kann. Etwaige Abweichungen gehen über Lewis. Sollten Sie aus irgendeinem Grund den Serverraum frühzeitig verlassen müssen, nehmen Sie unbedingt den Zugang wieder mit, er darf nicht auffallen, bevor er nicht aktiviert ist. Ich vertraue darauf, dass sie selbst in brenzligen Situationen nicht Gefahr laufen, entdeckt zu werden."
      "Tue ich nicht."
      Zuletzt Lewis.
      "Sie werden mit Jericho im Überwachungsraum bleiben, bis wir mit dem Aufzug wieder nach oben gekommen sind. Verlassen Sie beide nicht Ihren Posten, bis ich oder Santiago Sie abholen kommen. Sie werden Zugriff auf sämtliche Kameras des Gebäudes haben, aber ich vertraue darauf, dass Sie die wichtigen jederzeit im Blick haben. Da wird eine Menge Informationen durchfließen, die wir alle verarbeiten müssen."
      Lewis wusste genau, was er wirklich meinte: Sein Reaktionsbaum würde größer, größer und nochmal größer werden, ganz besonders, je länger er da saß. Aber Lewis fühlte keine Zweifel bei seiner Aufgabe; es juckte ihn sogar, die Herausforderung anzunehmen. Er würde sich selbst beweisen, dass er es immernoch draufhatte wie früher.
      "Ich weiß."
      "Gut. Dann planen wir jetzt unser genaues Vorgehen."
    • Jericho sah kurz auf, als Lewis hereinschlenderte, fokussierte sich dann aber wieder auf die kleinen Gadgets auf dem Schreibtisch.
      "Ich bastel an den Sendern rum. Ist bisher nur ein Prototyp basierend auf einfachen In-Ears, aber diese Dinger hier haben ein bisschen mehr Power. Durch 60 Meter Dreck krieg ich sie schon durch, aber für den Tresor wird's wahrscheinlich noch nicht reichen. Ich hoffe ich kann die hier benutzen, dann laufen wir kein Risiko, dass jemand mithört. Die Dinger hier laufen über deine Knochenstruktur."
      Jericho grinste wie ein durchgeknallter Wissenschaftler und hielt ein kleines, schwarzes Plastikteil hoch, das aussah wie ein gewöhnlicher Kopfhörer. Dey warf es hoch und fing es wieder auf, da platzte schon Skye ins Büro.
      Santiago knurrte, als er eine Hand an seinem Bein spürte. Er mochte es nicht, einfach so berührt zu werden. Skye schob ihn beiseite und er nutzte den Schwung, um sich aufzusetzen. Sie tat es nicht bewusst, aber Skye suchte Abstand zu ihm, auch wenn sie nicht sofort von der Couch sprang. Santiago notierte, dass dieses Mal alles ein bisschen pünktlicher waren als beim letzten Mal - inklusive Apollo, der gleich darauf den Raum betrat.
      Wieder hatte Santiago nichts zu dem Handy-Stapel beizutragen. Und Jericho hatte deren Auslastung runtergeregelt: dey klappte den Laptop zu und legte nur ein Smartphone zu den anderen - und das obwohl dey einen ganzen Rucksack an Zeug dabei hatte.
      "Ist alles offline! Nur Teile und Werkzeug! Das meiste hat nichtmal 'ne Stromversorgung," versicherte der Knirps und humpelte rüber zu dem Tisch mit den Plänen. "Bin immer noch der Meinung, ich sollte einfach einen Störsender mitbringen..."
      Apollo erklärte, während Santiago die Ausrüstungsliste überflog.
      "Solang der Sender am Strom hängt, kann ich ihn ausschalten, das ist easy," meinte Jericho. "Ich kann den im gleichen Zug ausschalten in dem ich auch die Kameras übernehme. Solang alle okay damit sind, dass ich für dreißig Sekunden den Strom ausschalte und ein bisschen Chaos auslöse. Würde aber die Wachen nervös machen?"
      Jericho schielte zu Santiago, der denen einen Blick zuwarf, der hinter den Gläsern der Sonnenbrille aber nicht zu erkennen war. Sollten die Wachen ruhig nervös machen. Wenn sie eine Gefahr erwarteten tendierten sie eher dazu, auch eine wahrzunehmen. Bestätigungsverzerrung war was Feines, wenn man damit umzugehen wusste.
      "Stahlwände... hab ich mir gedacht. Wird tricky, aber sollte ich hinbekommen."
      Dey legte die kleinen Plastikteile, an denen dey gearbeitet hatte, auf den Plan drauf. Es gab einen für jeden.
      "Die funktionieren nur, wenn ihr sie auch drin habt. Solange die keinen Kontakt mit einer Knochenstruktur haben, hört niemand was aus diesen Dingern. Macht sie leichter und gibt mir den Raum, die Power zu verstärken. Aber sobald ihr die rausnehmt, könnt ihr den Rest des Teams nicht mehr hören und das Team hört euch nicht."
      Jericho sammelte die Kopfhörer wieder ein, kaum war dieser kleine Vortrag beendet. Sie wurden ersetzt durch die Ausrüstungsliste der Wachen, die Santiago wieder weglegte.
      "Das Sicherheitspersonal ist kein Problem, solang mir niemand in die Quere kommt. Wenn ihr angegriffen werdet, ducken und wegrennen. Versteckt euch meinetwegen aber öffnet keine Türen, bevor ich die Bedrohung nicht eliminiert habe. Was den Wachraum angeht," er schob seine Sonnenbrille ein bisschen runter und sah erst Jericho dann Lewis über den Raumen hinweg an, "geht ich zuerst rein und ihr folgt mir erst, wenn ich es euch sage. Und noch was: Jeder von euch sollte sich merken, wo die Feuermelder sind. Wenn wir feststecken ist das der beste Weg raus. Außer wenn man im Serverraum feststeckt."
      Santiago schob die Sonnenbrille wieder an ihren Platz, warf aber Skye einen vielsagenden Blick zu.
      "Feueralarm für Server heißt Abriegelung. Entweder wird der Raum danach mit Kohlendioxid gefüllt oder sämtlicher Sauerstoff wird rausgesaugt, um die Computer zu retten. Ziemlich ungesund für Menschen."
      Jericho stimmte ihm mit einem Nicken zu.

      Sie planten noch eine Weile rum, diesmal ein bisschen praktischer als vorher. Sie verbrachten eine gute halbe Stunde damit, Jerichos Kopfhörer in der Lagerhalle zu stresstesten. Santiago verbrachte einige Zeit damit, sich die Pläne einzuprägen und mehrere Exit-Routen festzulegen. De Wachmannschaft würde nicht nur gut ausgebildet sein, sie waren auch noch gut ausgerüstet. Er würde schnell sein müssen, und rücksichtslos. Er war sich ziemlich sicher, dass Knochen brechen würden - nicht seine, natürlich. Hoffentlich musste er niemanden töten. Er würde, aber er wollte nicht. Er würde ja nicht einmal eine Waffe bei sich führen. Das war der Vorteil daran, wenn man in ein Gebäude eindrang, das voller Bewaffneter war: man konnte sich frei bedienen und musste nicht das eigene Werkzeug mitbringen. Demnach gab es nichts, was man zurückverfolgen konnte.
      Irgendwann löste Apollo das Ganze auf. Der Mann rollte all seine Pläne wieder zusammen, Jericho packte deren Technik ein, jeder schnappte sich sein Smartphone. Apollo war schon beinahe um die Ecke, als er über die Schulter rief: "Um diese Uhrzeit fährt nichts mehr. Seien Sie doch so nett, Santiago, und bringen sie Lewis auch nach Hause." Dann verschwand der Mann.
      Santiago blieb stocksteif stehen und starrte dem Mann hinterher. Wenn er sich beeilte könnte er ihn einholen und seinen Kopf in die Wand des Lagerhauses hämmern bis er Matsch war. Er könnte den losen Backstein da drüben nehmen und den nach Apollo werfen.
      "Ich bin nicht Ihr beschissenes Taxiunternehmen!" brüllte er stattdessen.
      Dann sah er die Knirpse an. Skye war natürlich auch schon verschwunden - wie passend.
      "Das nächste Mal komme ich mit dem Motorrad," knurrte Santi und stapfte zu dem Mietwagen.
      "Shotgun!" rief Jericho und humpelte ihm hinter her. "Ich brauch den Fußraum für mein Bein," setzte dey mit einem breiten Grinsen nach.
      Santiago rollte nur mit den Augen und ließ sich hinter das Lenkrad fallen. 1,5 Milliarden Dollar, 1,5 Milliarden Dolla, 1,5 MILLIARDEN DOLLAR. Er ließ den Motor an und trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum, bis alle eingestiegen und angeschnallt waren - keine Ausnahme. Dann fuhr er mit ausgeschalteten Lichtern durch das Wirrwarr an Lagerhäusern, bevor er schließlich auf eine Straße abbog, die Lichter einschaltete und sich aufmachte, Jericho bei einer Adresse in der Nähe abzusetzen. Es war nicht das Café, sondern ein mittelmäßiges Hotel. Nicht, dass es Santiago kümmerte, wo der Knirps unterkam, solange deren Technik funktionierte, wenn sie musste.
      Jericho humpelte durch den Eingang, Santiago warf den Gang rein und kehrte in den Straßenverkehr zurück.
      "Wohin?" grummelte er in Lewis Richtung, bevor er alle Rückspiegel nach Verfolgern überprüfte.


    • Jericho klärte das mit dem Funk ab. Die Plastikteile, an denen dey gearbeitet hatte, sahen wirklich winzig klein und unauffällig aus. Lewis konnte sich sehr wohl vorstellen, sie gut unter seiner lockigen Mähne zu verstecken, aber dass sie bis runter in den Bunker reichen würden, das überschritt dann doch etwas die Grenzen seiner Fantasie. Er orientierte sich dabei an Apollo, der kein Wort des Computer-Freaks anzuzweifeln schien. Wenn der schon genug Vertrauen in diese Konstellation setzte, dann versuchte es auch Lewis.
      Santiago lieferte einen Beitrag, der wohl durchaus seinen Sinn hatte, sich aber für Lewis nicht ganz sinnvoll anhörte. Er hielt es für kein Problem, wenn der Strom für 30 Sekunden ausgeschaltet wurde und die Wachen dadurch auf Alarmbereitschaft gesetzt wurden. Lewis hielt das aber für ein sehr großes Problem, denn immerhin wollten sie sich so unentdeckt wie nur möglich halten.
      Er hätte den Mund aufgemacht, um sich über diese offensichtliche Nachlässigkeit in der Planung zu beschweren, klappte ihn aber wieder zu, als er an Apollos Regel dachte, dass jeder hier für sich selbst verantwortlich war. Er würde sich von Santiago sicher auch nicht vorschreiben lassen, welche Kameras er zu nutzen hatte, um den Überblick zu behalten, oder? Dann würde er es jetzt bei Santiago auch nicht machen.
      Als Muskelpaket seine Sonnenbrille runternahm, um seine Worte zu unterstreichen, rührte sich Jericho gar nicht und Lewis musste ein Schaudern bei dem Anblick unterdrücken. Er hatte keine Ahnung, woher dieses Etwas in Santiagos Augen kam, aber je öfter er es erblickte, desto sicherer war er, dass er es gar nicht wissen wollte. Niemals.
      Ganz instinktiv zeigte er ihm den Mittelfinger.
      "Ja, Chef."
      Skye machte schon den Mund auf, um Santiago sicher zu erzählen, dass sie es nicht nötig hatte, sich von ihm Sicherheitsvorkehrungen vorschreiben zu lassen, als Lewis ihr vorkam.
      "Ich hol' sie früh genug raus, bevor sich der Raum schließt."
      Womit auch geklärt wäre, dass er seine Rolle als Überwacher durchaus ernst genug nahm.

      Länger als beim letzten Treffen saßen sie noch zusammen bei der Planung. Diesmal ging es auch um die Detailfragen und da scheuten sie keine weiteren Mühen. Jeder Beitrag eines Anwesenden bestätigte, dass hier Leute zusammensaßen, die eine Ahnung von der Materie hatten. Und für Lewis bestätigte sich mehr und mehr, dass Apollo eine Ahnung davon gehabt hatte, wen er hier eingeladen hatte.
      Beim Zusammenräumen zeigte ein Blick auf die Uhr, dass die letzte U-Bahn schon abgefahren war und Lewis machte sich mit verdrießlicher Miene dazu bereit, ein Taxi zu rufen. Er gab die Nummer schon ein, als Apollo sich noch einmal umdrehte und Muskelpaket als einen rundum Taxiservice ausrief. Er verschwand, noch bevor ihn die Explosion dessen hätte treffen können.
      "Ich bin nicht Ihr beschissenes Taxiunternehmen!"
      Santiago sah die Knirpse an. Auf Lewis' Gesicht breitete sich ein fettes Grinsen aus. Das tat er auch nur, weil die Sonnenbrille effektiv den sicher sehr beängstigend Blick abhielt.
      "Nach Ihnen, Herr Taxifahrer, Sir."
      "Shotgun!", rief Jericho.
      "Huh?! Unfair! Ich dachte, sowas gibt's nicht!"
      "Ich brauch den Fußraum für mein Bein."
      Lewis grummelte unzufrieden.
      "Kannst es ja beim nächsten Mal Zuhause lassen."
      Er stieg ein, schnallte sich an, und dann ging es los.

      Zuerst starrte Lewis noch unentwegt den Boden vor sich an. Der war bei Santiago sauber aufgeräumt, keine Flaschen, McDonalds-Tüten oder alte Zigaretten wie bei Bryce. Es roch hier auch angenehmer, was es deutlich einfacher machte, einfach den Boden anzustarren. Nun war die Sache bei einer Gewohnheit aber, dass man sie nicht einfach abschalten konnte. Und wenn Lewis' Gewohnheit es schon war, über den Straßenverkehr auf dem laufenden Stand gehalten zu werden, damit ihm selbst kein Unfall passierte, konnte er das nicht so einfach abstellen, wenn er in einem anderen Auto saß.
      Also hob er doch irgendwann den Kopf und sah durch das Fenster nach draußen.
      Lewis kannte die Straßen von New York und das sollte sein Verhängnis sein. Binnen einer Sekunde hatte sich bereits ein Baum vor seinem Gesichtsfeld aufgefächert, der ihm beinahe die vollständige Sicht nahm. Man könnte meinen, dass die nächtlichen Straßen von New York nicht so sehr befahren waren, aber sein Baum sagte da etwas vollständig anderes aus.
      Grüne Ampel - Roter Kombi beschleunigt auf drei Meilen mehr - Überquert den Times Square zur selben Zeit wie ein schwarzer VW - der Fahrer des schwarzen VW sieht dem Kombi nach, überfährt die Linie ein bisschen - eine Gruppe Betrunkener wird aufgescheucht und wirft grölend eine Glasflasche nach dem Auto -> Scherben auf dem Times Square. Grüne Ampel - Roter Kombi - Times Square - schwarzer VW - Betrunkene - Scherben. Lewis folgte einem anderen Pfad ganz automatisch. Straßennutte - Mann mit Pistole - Cops - Sperrung. Welche Straße? Nicht wichtig, nächster Pfad. Licht im Auto - Fahrer abgelenkt - Beifahrer reißt am Steuer - anderes Auto bremst zu früh. Ölspur auf der Straße - Hund - Scheinwerfer - kaputter Hydrant.
      Lewis folgte den Pfaden von links nach rechts, von oben nach unten, immer wieder hin und her, hin und her bei dem dynamischen Muster aus Knoten, das vor seinen Augen herumtanzte. Unbewusst suchte er nach dem Auto, in dem sie sich gerade befanden, nicht sicher, ob er es finden wollte oder nicht und es damit vielleicht verpasste.
      Unruhig hob er die Hand an die Lippen und knabberte an seinen Nägeln. Sein Bein wippte wieder und er rutschte unablässig hin und her.
      Als sie Jericho absetzten, standen sie für einen Moment so am Straßenrand, sodass Lewis ins Hotel anstatt auf die Straße starren konnte. Der gewaltige Baum wurde kleiner und kleiner und machte Platz für ein übersichtlicheres Gebilde, das sich aus dem Hotel erstreckte.
      Hoffentlich hatte Jericho nicht das Zimmer 113, da würde es wohl bald einen mächtigen Streit geben.
      "Wohin?"
      "Was? Ähh..."
      Darüber hatte er gar nicht nachgedacht. Er konnte ja Muskelpaket kaum sagen, wo er wohnte, weil das irgendwie gegen die Regeln verstieß und er sich außerdem unwohl fühlte bei dem Gedanken, dass der Kerl seine Adresse wusste. Zur Firma? Ganz bestimmt nicht. Zu Bryce? Ach, wieso eigentlich nicht.
      Er nannte ihm seine Adresse und versuchte wieder den Fußraum anzustarren, als Santiago wieder anfuhr. Er fuhr nicht schnell und auch nicht gerade wild, eigentlich recht ordentlich, wenn man mal davon absehen wollte, dass er gefühlt sekündlich in mindestens einen Rückspiegel sah. Trotzdem machte es Lewis ganz wahnsinnig.
      "Mach mal Musik an. Hast du Musik? Und fahr nicht über den Times Square, da liegen Scherben."
      Er konnte es sich eben doch nicht verkneifen. Genauso wenig, dass er irgendwann doch wieder aus dem Fenster starrte und seinen Baum verfolgte.

      In Bryces Viertel war es selbst um diese Uhrzeit noch laut. Aus einigen der Häuser dröhnte derselbe Bass, der auch aus Bryces Wohnung drang, und dutzende kleine, dunkle Gruppen standen am Straßenrand herum, um zu rauchen oder Autos grimmig nachzustarren. Lewis hatte keine Ahnung, ob Bryce überhaupt Zuhause war, daher erleichterte es ihn ungemein, als Santiago vor der Wohnung hielt und das Techno-Gedröhne herausdrang. Drinnen herrschte das dämmrige Licht von all den Bekifften, die sich um diese Uhrzeit bei Bryce tummelten und seinen Drogen nachhingen.
      "Hey man, du machst dich echt gut als Taxi. Solltest das mal als Nebenjob versuchen, wie wär' das? Nimmst du mich nächstes Mal auch wieder mit, wenn's zu spät wird?"
    • Santiago ignorierte die Aufforderung für Musik. Er hatte keinen wirklich Grund dafür. Er mochte Musik sogar. Aber das hier war sein Auto - zumindest bis die Firma den Wagen morgen Mittag auf einem unwichtigen Parkplatz wieder einsammelte und eines seiner Konten mit den Kosten der Stunden belastete - und damit traf er die Entscheidungen hier drin. Er, nicht irgendein dahergelaufener Fatzke, mit dem er für einen Job zusammenarbeiten musste!
      Seine Blicke in den Rückspiegel hatten ihm schon verraten, dass das Kerlchen nervös aus dem Fenster starrte. Er mochte es scheinbar nicht, in einem Auto sitzen zu müssen. Dank Apollos Regeln war er trocken, demnach konnte Santiago die Angst der Pappnase riechen. Zumindest sollte er das, aber all diese kleinen Ticks stammten nicht von Nervosität, nicht direkt jedenfalls. Was stimmte nur nicht mit dem Kerl? Wartete er auf etwas? Darauf, dass eine Bombe hochging?
      "Was interessieren mich denn Scherben auf dem Time Square?"
      Kopfschüttelnd bog Santiago ab. Er würde sowie so nicht über den Time Square fahren, um die Adresse zu erreichen. Er war verrückt genug, in New York Auto zu fahren, da machte er seine Hausaufgaben, was die besten Routen anging. Und Ausweichrouten für etwaige Verfolger, seien diese nun echt oder nur eingebildet, man wusste ja nie.

      Santiago mochte diese Gegend nicht. Zu viele Augen auf den Straßen, zu viele Leute, die ihn beobachteten. Er wusste, dass er seine Paranoia gerade einigermaßen im Griff hatte, aber all diese Leute... die konnten ihn und seinen teuren Mietwagen doch nicht alle anstarren, oder? Oder?! Er könnte sie einfach überfahren, so wie sie alle in perfekten kleinen Grüppchen herumstanden. Er müsste nur das Gaspedal durchdrücken, das Lenkrad ein bisschen drehen...
      Er hielt vor der Adresse, die Lewis ihm genannt hatte und sah aus dem Fenster. Was für eine Bruchbude in einem Viertel voller Bruchbuden. Das war kein Haus, das war eine Drogenhöhle, das erkannte er sogar bei Nacht mit seiner Sonnenbrille auf.
      "Charmant..." kommentierte er und lehnte sich wieder zurück.
      "Hey man, du machst dich echt gut als Taxi. Solltest das mal als Nebenjob versuchen, wie wär' das? Nimmst du mich nächstes Mal auch wieder mit, wenn's zu spät wird?"
      "Leg's nicht drauf an, Winzling. Irgendwann bin ich nicht mehr so nett. Aber so wie ich Apollo kenne, habe ich sowieso keine Wahl."
      Santiago seufzte und ließ den Kopf gegen die Lehne fallen.
      "Ich weiß, ich soll das eigentlich nicht fragen, aber... hilft es? Das Kiffen? Mit deiner Magie? Was auch immer es ist. Du bist ein paarmal ziemlich abgedriftet da hinten. Deswegen kiffst du, oder? Um damit umzugehen? Funktioniert's?"


    • Lewis wollte gerade aussteigen, ein Grinsen im Gesicht wegen der Schadenfreude, die er dabei verspürte, Muskelpaket sein Schicksal vor die Nase zu halten, als besagter Mann eine Frage stellte, die ihm bisher noch keiner gestellt hatte - nicht einmal Jay. Nicht einmal Jay. In einem Business wie ihrem war es gang und gäbe, dass die Leute kifften und sich an ihren Drogen vergingen, aber Jay hatte nicht einmal hinterfragt, dass Lewis auch während der Geschäftszeiten einen drehte und in seiner Freizeit lieber in Drogenhöhlen wie diesen abhing. Nicht ein einziges Mal.
      Und dieser Kerl, der ihn gerade mal insgesamt ein paar Stunden kannte, der fragte so präzise danach, als hätte er ihn sofort durchschaut. Lewis fror daher in seiner Bewegung ein und riskierte einen Blick durch den Rückspiegel auf das Sonnenbrillen-Gesicht.
      Jay hatte auch keine Ahnung, wie es war, mit Magie gesegnet zu sein. Muskelpaket wusste es schon, weshalb ihm die Frage womöglich auch so präzise eingefallen war.
      Genauso wenig, wie er hätte fragen sollen, hätte Lewis ihm keine Antwort geben sollen.
      "... Ja. Es hilft echt. Ich kann's auch ohne, aber..."
      Sein Blick huschte nach draußen und zur Wohnung nach oben. Für Sex war er jetzt nicht unbedingt in der Stimmung, aber einen ziehen ging immer.
      "... Es macht mich produktiver. Keine Angst, ich werd' schon nicht bekifft zu unserem Auftrag kommen."
      Er griff wieder nach dem Türgriff, machte wieder Anstalten auszusteigen, verharrte doch wieder in seiner Bewegung, lehnte sich doch wieder zurück. Er griff erst in seine Jackentasche, dann in diverse Hosentaschen, suchte, fand und lehnte sich zwischen den beiden Vordersitzen nach vorne, um Muskelpaket eine Pillentube in die Hand zu drücken. Drinnen waren noch drei Pillen übrig.
      "Das mit Alkohol knockt dich richtig, richtig aus. Mindestens für zwei Tage. Aber du musst das schon mit Hochprozentigem nehmen, sonst kickt das nicht richtig rein. Mit purem Vodka funktioniert's meistens am besten."
      Das war wieder eine Sache, die er sich nicht wirklich erklären konnte, genauso wenig wie er sich erklären konnte, dass er seinen Bruder noch nicht in die ganze Sache eingeweiht hatte. Jetzt gab er schon diesem Kerl, den er kaum kannte und auch nicht kennenlernen durfte, seine letzten Pillen in die Hand, für die er immerhin einiges an "Schotter abblies", so wie Bryce sagen würde. Es war einfach unerklärlich. Er zog sich auch schnell wieder zurück, weil es trotz Sonnenbrille irgendwie trotzdem echt gruselig war, so nahe bei Muskelpaket zu sein und ihn plötzlich der immer größer werdende Drang packte, so schnell wie möglich Abstand zwischen sie beide zu bringen. Aber er überließ ihm trotzdem die restlichen Pillen. Was wusste er schon, was ihn in letzter Zeit so ritt.
      "Bloß nicht alle nehmen."
      Er stieg aus.
      "Und fahr nicht über den Times Square!"
      Dann knallte er die Tür zu, drängte sich an einer Gruppe Bekiffter vorbei und verschwand im unbeleuchteten Hauseingang.
    • "Nicht über den Time Square, verstanden."
      Die Pappnase schlug die Tür zu und verschwand in der Bruchbude. Santiago starrte auf die Pillen in seiner Hand. Er hatte schon jedes Schlafmittel auf dem Planeten genommen. Synthetisch, natürlich, legal, illegal, Placebos. Er hatte jede Strategie, Atemtechnik, Position und jedes Möbelstück ausprobiert. Sein Problem war nie das Einschlafen gewesen. Sein Problem waren die Alpträume, die ihn heimsuchten, sobald er die Tiefschlafphase erreichte. Manchmal hatte er Glück und schaffte es bis zur REM Phase, aber meistens wachte er schon vorher auf. Träumen konnte man nämlich in jeder Schlafphase, aber aus irgendeinem Grund schien seine Magie Spaß daran zu haben, ihn aus dem wichtigsten Teil des Zyklus zu reißen. Santiago wusste, wie man ordentlich schlief. Er wusste nur nicht, wie es sich anfühlte. Er war sogar bereit zu glauben, dass nicht einmal ein Anästhesist ihn erfolgreich ausknocken konnte. Und das war nicht einmal Schlaf, nur ein Paralytikum, Schmerzmittel, und ein schicker Cocktail, der dich die OP vergessen ließ. Das war kein Schlaf.
      Er steckte die Pillen in seine Jackentasche, dann fuhr er davon, verfolgt von all den Blicken, selbst als er das fragwürdige Viertel schon lange hinter sich gelassen hatte.

      Santiago hatte Maßnahmen ergriffen, um so ausgeruht wie möglich zu sein, als sie den Job endlich durchführten. Der Plan war einfach: er steckte in der Uniform des Sicherheitspersonals, genauso wie Apollo und Skye, und zu dritt würden Jericho und Lewis, die sie als Techniker getarnt hatten, nach drinnen zum Sicherheitsraum eskortieren.
      "Die Ausweise für oben sich leicht zu fälschen gewesen. Noch leichter, weil Skye mir einen besorgt hat," hatte Jericho erklärt und jedem eine der Plastikkarten gereicht, die jetzt an ihrer Brust baumelten. "Aber die halten keiner ordentlichen Inspektion stand. Wir kommen damit rein, aber wir sollten vermeiden, dass uns drinnen jemand danach fragt. Und runter kommen wir damit natürlich auch nicht."
      Santi ging den Lageplan immer und immer wieder durch, während er im Van darauf wartete, dass es losging. Er warf einen Blick auf die Uhr. Dann nickte er den anderen zu und stieg aus. Er joggte den Gehweg hinunter, um Eile vorzugaukeln und ging direkt zum Empfangstresen, wo eine hübsche Brünette ihn freundlich anlächelte. Ein falsches Lächeln, das seinen Charm schnell verlor, als die Brünette seinem ungefilterten Blick begegnete. Santi tat so, als wüsste er von nichts.
      "Hi! Ich hab da draußen zwei Techniker, die irgendwelche Spannungsschwankungen im System untersuchen wollen. Kannst du gleich einfach reinlassen. Der Boss sitzt mir echt im Nacken deswegen. Irgendwas von Systemversagen?"
      "Äh..."
      Es brauchte nur ein kleines bisschen an Druck gegen die Psyche der Frau und sie gab nach. Die Drohung, dass der Boss - wer auch immer das sein mochte - persönlich an einer Aktion interessiert war, war schon genug gewesen. Santiago hatte die Frau binnen weniger Sekunden überrumpelt und er hatte rein gar nichts tun müssen.
      "Klar, sicher, hol sie einfach rein."
      "Cool, danke."
      Santi joggte zurück zum Eingang und gab dem Rest des Teams das Zeichen, reinzukommen. Sie hüpften aus dem Van und gesellten sich zu ihm. Jericho war heute mit einer einzelnen Krücke bewaffnet. Laut eigener Aussage war dey mobil genug, um die Flucht zu ergreifen, sollte es dazu kommen. Santiago glaubte das, würde aber trotzdem auf Nummer sicher gehen, den Knirps im Fall der Fälle mitzunehmen.
      Die Brünette drückte auf ihr Knöpfchen und die Gruppe betrat das Herz des Gebäudes. Dank der einstudierten Lagepläne wusste Santiago genau, wo es als nächstes hinging. Wenn man so aussah, als gehöre man irgendwo hin und man benahm sich auch so, dann stellte für gewöhnlich niemand zu viele Fragen. Sie erreichten den Gang mit der Tür zum Kontrollraum genau im Zeitplan.
      Er bedeutete der Gruppe, am Eingang des Flurs zu warten. Jericho tat so, als ob es etwas sehr interessantes am Schaltkasten gab, was ganz dringend untersucht werden musste, während Santiago den Flur hinunterging und am Kontrollraum klopfte - er hatte keine Zugangskarte, um allein reinzukommen. Ein Wachmann öffnete ihm die Tür.
      "Ja?" grunzte der Mann.
      "Hi! Ich bin der Neue! Ich solle eigentlich erst nächste Woche anfangen, aber irgendwer ist wohl ausgefallen?"
      Jericho hatte die Info aus den Personalakten gezogen, dass einer der Wachmänner einen Herzinfarkt erlitten hatte. Praktisch.
      Santiago reichte dem Mann die Hand, der ergriff sie. Da sie beide Handschuhe trugen, brachte dieser Handschlag nichts für Santiagos Magie. Musste es aber auch gar nicht.
      Mit einem Ruck zog er den Wachmann zu sich und knallte ihm die Stirn gegen die Nase und das Knie in den Solar Plexus. Der Mann ging sofort zu Boden.
      "Was zum-!"
      Der zweite Wachmann kam gar nicht dazu, richtig aufzustehen. Mit zwei großen Schritten war Santiago bei ihm und hämmerte ihm den Handballen von unten gegen das Kinn, dann einen Ellenbogen gegen die Schläfe. Der Mann stolperte orientierungslos durch den kleinen Raum, versuchte, sein Ziel zu erfassen. Santiago beobachtete ihn für einen Augenblick dabei, dann stürzte er sich wieder auf ihn, schlang dem Mann die Arme um den Hals und drückte zu. Er zählte die Sekunden mit, während der Mann kämpfte, dann erschlaffte. Noch ein bisschen... er ließ den Mann los und stand auf, um sich dem ersten Wachmann anzunehmen. Er packte ihn an den Beinen und zerrte ihn in den Kontrollraum zurück. Dann gab er dem Rest der Gruppe das Zeichen, ihm zu folgen. Er fesselte die Wachen mit Kabelbinder hinter dem Rücken an den Hand und Fußgelenken und band auch beides noch zusammen. Er stopfte ihnen außerdem Stoffballen in den Mund, um sie zu knebeln - entgegen der Hollywood-Weisheiten war Duct Tape für sowas eher suboptimal. Die beiden Wachmänner sahen aus wie Spanferkel. Er entwaffnete sie und reichte sowohl Jericho als auch Lewis einen der Taser, die er fand. Die Schusswaffen leerte er, bevor er die Teile einfach in den Mülleimer warf, zusammen mit den Messern. Einen der Schlagstöcke hängte er allerdings an seinen eigenen Gürtel - den konnte er noch gebrauchen. Den anderen reichte er an Apollo weiter.
      In der Zeit, in der er sich um die Wachmänner kümmerte, hatte sich Jericho schon häuslich eingerichtet. Der Knirps hämmerte auf den Tastaturen herum, Codes flogen nur so über den Bildschirm. Santi hatte keine Ahnung, was da eigentlich passierte, aber das musste er ja auch gar nicht - solange es funktionierte.
      "Uuuund BOOM," Jerico drückte eine Taste, irgendwas piepste. "Bin drin. Ich hab die Kameras, die Bewegungsmelder, die Aufzüge hier oben... Ich kann sogar die Klimaanlage kontrollieren. Wow... die haben echt alles auf der gleichen Leitung liegen."
      Mehr tippen, dann Stille, als Jericho anfing, in der Luft herumzuwedeln. Kurz dachte Santiago, der Knirps hätte eine Art Krampfanfall. Aber dafür waren die Bewegungen zu gezielt. Es wirkte fast so als spiele Jericho eine Art Instrument. Es war faszinierend.
      "Okay, ich bin soweit, dass ich den Strom ausschalten muss. Das resetet das System und löscht den Auftritt unseres kleinen Rambos hier. Danach sind wir unsichtbar für die Kameras und Sensoren. Leider leider löst dieser Stromausfall eine Rückkopplung aus und frittiert den Störsender im Keller. So was Blödes aber auch. Fertig?"
      Alle nickten.
      "Let there be night," flüsterte Jericho gruseligerweise und drückte auf die Enter-Taste.
      Die Bildschirme wurden sofort schwarz, im Kontrollraum wurde es dunkel, genauso draußen auf dem Flur. Es war nicht stockfinster, die Sonne war noch nicht völlig untergegangen, aber der Ausfall wurde durchaus bemerkt. Santiago behielt den Flur im Blick und zählte wieder Sekunden. Jericho war vollkommen entspannt. Dey drehte sich einfach auf dem Bürostuhl hin und her, fröhlich vor sich hin pfeifend. Als ein Wachmann um die Ecke kam, spielte Santiago, den geschockten und winkte ihn schnell heran, um sich irgendwas anzusehen. Der Wachmann schaffte es zum Türrahmen, bevor Santiago dessen Schädel mit Schwung dagegen hämmerte. Er warf Wachmann Nummer drei zu seinen beiden Freunden und ließ ihn von Apollo fesseln, um seinen Posten an der Tür gleich wieder einzunehmen.
      Nach dreißig Sekunden gingen die Lichter wieder an und Jericho widmete sich wieder den Tastaturen. Dey änderte die Kamera-Ansichten nach Lewis' Anweisungen. Sie machten alle einen schnellen Com-Check.
      "Finger weg von den Sicherheitsleuten. Wenn sie aufwachen - was nicht passieren wird - benutzt den Taser. Spielt nicht den Helden," ermahnte er die Knirpse, dann trennte sich das Team.
      Santiago bildete die Spitze der Dreiergruppe, Apollo deckte den Rücken. Skye lief zwischen den beiden. Sie erreichten den Aufzug ohne Zwischenfälle, doch dort erwartete sie ein weiterer Wachmann. Santiago schaltete ihn nicht sofort auf - er hatte keine Möglichkeit, ihn zu verstecken. Zumal die Wachablöse immer in Vierergruppen passierte.
      "Wisst ihr, was das für ein Stromausfall war?" fragte der Wachmann.
      Er war nervös, er erwartete, dass etwas passierte. Wie recht er doch haben sollte.
      "Äh, ja. Die haben eben zwei Techniker reingelassen. Die haben irgendwas von Spannungsabfällen gefaselt. Ich hab nicht wirklich zugehört, ich was eh schon spät dran für meine Schicht. Schätze, die sollen sichergehen, dass keine Daten flöten gehen oder sowas."
      Santi zuckte mit den Schultern. Er schmeckte die Aufregung des Mannes hinten auf seiner Zunge. Seine Magie streckte die Finger nach der Psyche des Mannes aus. Noch nicht, ermahnte sich Santiago selbst. Noch nicht.
      Die Aufzugtüren öffneten sich, die vier gingen hinein.
      "Wir haben die Kameras?" fragte Santiago Jericho durch den Kopfhörer.
      "Die im Gebäude und die an euren schicken Uniformen, jap." bestätigte der Hacker.
      Jericho hatte es irgendwie geschafft, auch noch Minikameras mit genug Power auszustatten, um durch die 60 Meter Stahl zu kommen. Sie alle hatten eine, um Lewis noch mehr Informationen zukommen zu lassen, sollte er sie brauchen. Santi hatte keine Ahnung, was der Knirps damit anzufangen gedachte, aber er beschwerte sich nicht. Die Aufnahmen ihrer Bodycams liefen über einen von Jerichos Laptops oben im Kontrollraum.
      "Natürlich haben wir die Kameras?" kommentierte der Wachmann verwirrt.
      "Mit dir hab ich nicht geredet," gab Santi zurück, während er seine Handschuhe auszog und in aller Seelenruhe seine Ärmel hochkrempelte.
      Der überschüssige Wachmann runzelte die Stirn. Das, was Santiago da machte, war nicht unbedingt nach Vorschrift. Es verunsicherte den Mann mehr und mehr. Der Gestank nach Angst, echter Angst, füllte die kleine Aufzugkabine. Santiago schloss die Augen und inhalierte tief, als ziehe er an seiner Zigarette. Nur dass das hier sehr viel besser war. Endlich - endlich! - durfte er spielen!
      "Die Wachablöse steht bereit. Vier Typen, nichts Neues," informierte Jericho die Gruppe. "Vier Meter vom Aufzug entfernt."
      Santiago brummte zur Bestätigung.
      "Was ist hier los?!"
      Der Wachmann hatte seine Hand an seinen Schlagstock gelegt. Er hatte ihn aber noch nicht gezogen. Sein Fehler. Santi legte ihm in einer schnellen Bewegung die nackte Hand an den Hals, als wolle er ihn an sich ziehen und küssen. Der Wachmann erstarrte. Santi öffnete die Augen und sah dem Mann in die Augen, nein, die Seele. Mit dem Daumen strich er dem Wachmann eine Träne von der Wange. Der Mann verlor sämtliche Farbe. Santi lächelte geradezu sanft. Der Mann begann zu zittern, zu schlottern. Der Aufzug erreichte sein Ziel, die Türen glitten auf. Der Mann brach zusammen, gefangen in einem Alptraum aus dem er für ein paar Stunden nicht wieder erwachen würde.
      "Hey!"
      Vier Waffen wurden gezogen und auf ihn gerichtet. Er trat aus dem Aufzug, ohne mit der Wimper zu zucken.
      "Ergib dich! Deine Magie funktioniert hier unten nicht!" rief irgendjemand.
      "Bist du dir da sicher?" fragte Santi, seine Stimme so ruhig wie eh und je. "Bist du dir da wirklich, wirklich sicher?"
      Allein das und die kleine Show, die er eben abgezogen hatte, verunsicherten die vier Männer vor ihm. Einer hatte ja noch nicht einmal seine Waffe entsichert.
      "Keinen Schritt weiter!"
      "Oder was, hm? Oder du schießt auf mich? Oh, ich weiß, du hast schon auf Menschen geschossen. Du hast auch schon getötet. Wie oft? Wie viele davon hatten es verdient?"
      Soldaten waren leicht zu manipulieren. Besonders die rechtschaffenen, die wirklich glaubten, irgendwas zu verändern. Schuld war nur ein weiteres Spielzeug für jemanden wie Santiago.
      Vier Meter hatten ihn und die Reihe an Soldaten getrennt. Jetzt stand er direkt vor einem, drei weitere Waffen waren auf ihn gerichtet. Auf ihn, nicht auf Apollo oder Skye. Schusswaffen waren eine gute Option, wenn man jemanden auf vier Meter Entfernung bekämpfen wollte. Sie waren eine schlechte Option, wenn man jemanden bekämpfen wollte, der direkt vor einem stand. Blitzschnell verpasste Santiago jedem einen einfachen Schlag gegen die Stirn. Die Wachmänner waren einen Augenblick verwirrt, dann hatte Santis Magie ihre vergifteten Fänge in ihren Verstand geschlagen. Einer schrie auf, ließ die Waffe fallen und stolperte zurück bis zur nächsten Wand. Ein anderer fiel auf alle Viere und übergab sich. Nummer drei stand wie erstarrt da und weinte in Stille. Nummer vier wehrte sich. Nummer vier hatte einen so schwachen Geist gehabt, dass er doch tatsächlich Halluzinationen hatte, die er bekämpfen wollte. Er schlug wild um sich. Santiago erlöste diesen einen, indem einem Schlag auswich und die Arme um den Hals des Jungen schlang. Er zählte die Sekunden, dann ließ er den Mann zu Boden sinken. Der süße Gestank von Angst breitete sich in den Gängen aus. Santiago fühlte sich wie ein König.
      "Wo lang?" fragte er Jericho und sah dabei direkt in eine der Kameras, seine sonst bernsteingoldenen Augen tiefschwarz.
      Die Schwärze nahm nicht nur seine Iris ein, sondern den ganzen Augapfel. die dunkeln Ringe unter seinen Augen waren von schwarzen Adern durchzogen. Wenn er könnte, würde er immer auf diesem Level agieren. Aber alles hatte seinen Preis und für gewöhnlich standen keine 1,5 Milliarden Dollar als Entschädigung bereit.


    • Am Tag des Auftrags war Lewis ein einziges Nervenbündel. Es war so schlimm, dass es selbst seinem Bruder aufgefallen war, als er sich in die Firma geschleppt hatte. Dem hatte er gesagt, dass er letzte Nacht die falschen Pillen geschluckt hätte, was nicht ansatzweise stimmte, weil er vergangene Nacht Zuhause gewesen war und seinen letzten Joint für die nächsten 24 Stunden geraucht hatte.
      Daran würde es wohl liegen, nicht wahr? Das ließ sich aber jetzt nicht mehr umkehren. Apollo hatte recht gehabt, sie brauchten alle einen glasklaren Verstand, wenn sie das hier durchziehen würden.
      Trotzdem war Lewis so hibbelig wie schon lange nicht mehr.
      Santiago übernahm die Vorhut mit gefälschten Ausweisen und gefälschter Ausrüstung, die ihnen Skye besorgt hatte - da das nicht die einzige Sache gewesen war, die die Frau aufgetrieben hatte, hatte Lewis so den Verdacht, dass sie ein ganzes Arsenal aus solchen Utensilien Zuhause rumstehen hatte. Der Kerl, der jetzt aussah wie eine Wache, sprang zur richtigen Uhrzeit aus dem Wagen heraus und lief auf den Eingang zu. Die anderen vier blieben im Wagen zurück, Jericho die Ruhe in sich selbst, Skye irgendwie glücklich, Apollo ernst und Lewis völlig aufgekratzt. Er knabberte an seinen Nägeln und wartete darauf, dass sich der Baum von der Fahrt dorthin verziehen würde.
      Wenn das schiefging, hatte Jay keine Ahnung, wo er ihn finden sollte. Wenn Jay ihn anrief und ihn nicht erreichen konnte, würde er anfangen, sich Sorgen zu machen. Auf der anderen Seite beanspruchte ihr Plan maximal eine ganze Stunde, alle möglichen Ablenkungen mit einberechnet. Apollo hatte sogar prognostiziert, dass sie es sogar in einer halben Stunde schaffen könnten, wenn wirklich alles glatt lief.
      Eine halbe Stunde war nicht viel Zeit. Trotzdem fühlte es sich allein wie eine Ewigkeit an, als sie auf Santiagos Rückkehr warten.
      Er kam und holte sie ab. Gezielt führte er sie am Empfang vorbei, einen Gang hinunter, vorbei an offenen Büroräumen und in den nächsten Gang, den Zielgang. Lewis hielt seinen Blick auf Santiagos breiten Rücken gerichtet und suchte im Laufen bereits seinen Baum nach Ereignissen ab, die sie direkt betrafen. Er fand nichts, oder vielleicht übersah er es auch einfach. Zum Wohle für sie alle hoffte er, dass es ersteres war.
      Santiago ging von dort ab alleine weiter, klopfte an der Tür und verwickelte den Wachmann in ein Gespräch. Jericho gab sich dabei ganz dem Schein hin, ein Techniker zu sein, aber Lewis sah hin; er sah und beobachtete, wie Santiago dem Typen erst eine Kopfnuss verpasste und dann das Knie in den Leib rammte. Das ganze ging so schnell, dass der zweite Kerl im Inneren gar nicht richtig reagieren konnte, bevor Santiago auch schon über ihn herfiel. Das konnte Lewis nun nicht sehen, er hörte aber ein paar Minuten später einen ganz leisen dumpfen Schlag, als der Körper ganz offensichtlich zu Boden fiel.
      Das war irgendwie heiß gewesen. So präzise, wie Santiago zugeschlagen hatte, und dann auch noch mit der richtigen Kraft, um sein Gegenüber zu Boden zu schicken... Es war ganz klar, dass er sowas schon dutzende Male getan hatte, und das war auch irgendwie ein Grund zur Besorgnis, dass er es auch bei Lewis so einfach tun könnte, aber im Moment dachte der nur daran, dass das gerade richtig, richtig scharf gewesen war. Er war zwar zu weit weg gewesen, um richtig hinsehen zu können, aber dabei hätte er schwören können, dass er die Muskeln unter seiner Uniform spielen gesehen hatte.
      Das war richtig, richtig, richtig scharf gewesen. Lewis biss sich auf die Lippe und versuchte sich nichts anmerken zu lassen, als sie Santiago kurz darauf nachzogen.
      Jericho ließ keine Sekunde verstreichen und richtete sich sofort ein, während Santiago und Apollo sich um die Männer kümmerten. Lewis platzierte sich bereits vor den Bildschirmen und versuchte, genügend Konzentration für den bevorstehenden Akt zu finden.
      Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann war Jericho drin, was eine absolute Rekordzeit sein dürfte, und kappte den Strom. Lewis war ziemlich beeindruckt davon, auch wenn er genau wusste, dass es von Jerichos Magie kommen musste, aber sowas musste selbst ein Typ wie dey erstmal schaffen. Sollten sie das hier alle durchstehen - und würden sie das, würde Lewis das gebührend feiern wollen - würde er den Jungen mal fragen, wie dey das überhaupt anstellte. Irgendwie stellte er sich das cooler vor als seine langweiligen Bäume, die sich immer wieder aufbauten und aufbauten.
      Aber nicht jetzt. Jetzt war erst einmal höchste Aufmerksamkeit gefragt, nachdem schon ein weiterer Wachmann um die Ecke bog. Santiago kümmerte sich um ihn, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis das Fehlen so vieler Wachmänner auch mal auffallen würde. Sie konnten hier nicht ewig sitzen bleiben.
      Ein letzter Funk-Check, ein Anpassen der Kameras, bis Lewis alles wichtige vor sich hatte, und dann wurden sie schon alleine gelassen. Der erste Teil war geschafft, jetzt ging es darum, in den Keller zu gelangen.

      Auf den Kameras näherte sich das Trio dem Aufzug und Santiago verwickelte auch diesen Wachmann in ein Gespräch. Seine Stimme lag in Lewis' Ohr, während er den Mann durch bloßes Schauspiel überredete. Das war nicht mehr ganz so sexy wie der Überfall vorhin, aber Lewis' Fantasien sollten sowieso noch einmal belohnt werden, als Santiago auch diesen Wachmann anging; allerdings auf eine völlig andere Weise. Vorhin hatte er noch sein offensichtliches Kampfgeschick verwendet, jetzt krempelte er seinen Ärmel hoch, offenbarte eine Reihe bunter Tätowierungen und packte den Mann unvermittelt mit der nackten Hand am Nacken. Lewis konnte von der Kamera an Santiagos Uniform einen Teil des Gesichts des Mannes sehen, aber nicht genug. Er sah dafür, wie schnell der Mann erbleichte und... zu weinen begann? Was sollte das denn? Dabei konnte er nicht hören oder gar sehen, was Santiago anstellte, nur dass er den Mann gepackt hielt und dieser nach einigen Sekunden mit einem Mal zusammenbrach. Dort lag er dann auch, zuckend auf dem Boden, und schien in irgendeine Hypnose verfallen zu sein.
      Vielleicht war das Santiagos Magie - Hypnose? Dafür wirkte sie aber zu schnell; und dafür reagierten die nächsten vier, die ihnen unten über den Weg liefen, viel zu heftig. Auch sie erbleichten, als hätten sie Geister gesehen, und der eine begann sogar, wie wild um sich zu schlagen.
      Dann war auch das vorbei und Lewis dämmerte es ganz langsam, dass sie alle hier eigentlich völlig überflüssig waren. Apollo hätte gut auch Santiago allein hier reinschicken können und der hätte sich bis zum Gold durchgefressen, völlig unantastbar.
      Durchaus gruselig. Aber immernoch irgendwie heiß. Lewis ging wieder zum Nägel-kauen über, als Santiago in der Kamera den Kopf hob und direkt in die Lense blickte. Seine Augen hatten sich verändert: Wo vorhin noch das gruselige Bernstein war, waren sie jetzt durch und durch schwarz, fast wie ein Dämon aus irgendeinem Horrorfilm. Es sah wirklich zum Abschrecken aus. Lewis hätte gerne behauptet, dass es ihn nicht erschreckt hätte, aber er zuckte auf seinem Stuhl zusammen und studierte schnell eine andere Kamera.
      Jetzt wäre er nicht gerne dort unten mit diesen Augen. Nein, ganz sicher nicht.
      Er sah weg, auch als Jericho ihnen die nächste Anweisung überreichte.

      Unten blieb Apollo als erstes zurück; er positionierte sich in der Nähe des Aufzugs, wo er die Kreuzung der Gänge im Blick haben konnte. Als nächstes spaltete sich Santiago ab; er blieb an Ort und Stelle stehen, bis Lewis genug von seinem Baum aufgebaut hatte, um ihn in einen der unbesetzten Räume zu schicken. Santiago brauchte keinen Sichtkontakt, Lewis brauchte es. Zurück blieb nur noch Skye.
      Die Frau wirkte auf der Kamera ziemlich klein und schmächtig für so einen großen und langen Gang, der zudem auch noch nur von künstlichem Licht erhellt wurde. Sie sah ein bisschen fehl am Platz aus, aber als sie sich dann in Bewegung setzte, schien das für sie das natürlichste der Welt zu sein. Aufrecht ging sie in der Mitte des Ganges, als wäre es ihr nur recht, in diesem Moment dort unten zu gehen.
      Lewis' Blick huschte sofort zu den Kameras der angrenzenden Räume und Gänge, aber er sah es schon an seinem Baum, der sich vollständig ausgebildet hatte und sich momentan nicht mehr veränderte: Ihre Anwesenheit nahm keinerlei Einfluss auf ihre Umgebung. Während sie voranschritt, verursachte sie keinerlei Geräusche. Hinter ihr blieben Fußabdrücke im Boden zurück, die sich nach und nach wieder zu normalem Boden auflösten.
      Auch das war durchaus interessant, aber etwas, was Lewis auf nachher verschieben musste. Er zog die Beine an, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und dann waren seine Augen weit, weit aufgerissen, als er seinen stagnierten Baum studierte. Seine Pupillen huschten herum, mal zu den Kameras, aber meistens zwischen den einzelnen Knoten seines Baumes herum, ohne zu blinzeln. Ihm würde nichts entgehen, ganz sicher nicht. Alles verlief bisher genau so, wie sie es geplant hatten.

      Skye erreichte den Serverraum in der vorgesehenen Zeit. Sie hatte keinen Schlüssel dafür, aber das war kein Problem; sie ging vor der gesicherten Tür in die Hocke, legte die Hand über das Schlüsselloch und schloss die Augen. Für viele Sekunden passierte einfach gar nichts, auch nichts, was Lewis hätte erkennen können, dann öffnete sie wieder die Augen, drückte die Klinke hinab und glitt durch die Tür, als wäre sie immer geöffnet gewesen.
      Die Tür knarzte in ihren Scharnieren. Das hätte man vielleicht vorhersehen, aber nicht aufhalten können; in Lewis' Baum bildete sich ein weiterer Pfad, dem er sofort folgte.
      "Skye, Tür schließen, schnell."
      Sie gehorchte und schloss wieder beinahe lautlos, wäre dort nicht das Knarzen gewesen. Der Baumpfad blieb bestehen.
      "Santiago, raus, rechts, geradeaus."
      Er lotste den Mann beinahe bis zum Serverraum und wollte ihn am Ende des Ganges positionieren, wo der betreffende Wachmann entlang kommen würde, als er sah, dass sein Baumpfad sich bei der betreffenden Stelle erweiterte - um einen Santiago, der unbedacht zu viel Lärm bei seiner Auseinandersetzung verursachte. Woran es auch liegen mochte, Lewis wollte diesen Pfad nicht einschlagen.
      "Santiago, stopp."
      Der Pfad änderte sich; der Wachmann entdeckte Santiago von der Entfernung. Dort konnte er genauso wenig stehenbleiben. Lewis biss sich auf den Nägeln herum, die Augen weit aufgerissen.
      "Santiago, zurück. Dritter Raum links. Ist der zugesperrt?"
      Er war offen.
      "Geh rein, knall die Tür."
      Santiago tat wie geheißen. Der Pfad des einen Wachmanns änderte sich und fünf neue Pfade sprossen aus der Wurzel heraus. Lewis huschte sie alle ab und traf seine Wahl.
      "Santiago, der nächste der zu dir reinkommt, muss bei Bewusstsein bleiben. Hörst du? Bei Bewusstsein für zwei Minuten. Für zwei Minuten."
      Seine Augen sprangen zurück, suchten die Ebene ab, verfolgten den nächsten Pfad. Etwas änderte sich, andere Blätter sprossen aus dem Baum. Keines davon entging ihm.
      Skye meldete sich im Flüsterton:
      "Zugang gelegt."
      Hinter Lewis begann Jericho wieder zu tippen. Er war keine drei Sekunden damit beschäftigt, da spross ein ganz neuer Baum vor Lewis' Augen, der nur ein einziges Blatt hatte. Sein Blick huschte zu einer Kamera im Erdgeschoss.
      "Jericho, stopp."
      Der Mann gehorchte. Nägel kauend beobachtete Lewis sowohl eine der Frauen in der Kamera als auch den neu gesprossenen Baum, während die Frau sich an ihren Schreibtisch setzte. Lewis hatte keine Ahnung von Technik oder weshalb der Baum gesprossen war, aber er sah ihn langsam verblassen, während die Frau auf ihre Tastatur tippte. Sie studierte einige Sekunden lang den Bildschirm, dann schüttelte sie den Kopf und griff zum Telefon. Der neue Baum war weg.
      "Jericho, weiter."
      Er fing wieder an zu tippen und kein neuer Baum entstand.
      Unten im Bunker piepte das Funkgerät des Wachmannes, den Santiago niedergerungen hatte. Einer seiner Kollegen meldete sich mit verzerrter Stimme: "Hast du dich verlaufen oder was ist? Hier in B32 ist gar nichts."
      Lewis wurde schwindelig bei den dutzenden, aberdutzenden, den tausenden Knoten, die hier empor sprossen und den Baum in alle Richtungen verzerrten. Er wuchs noch immer, weiter und weiter, während er überhaupt erst versuchte, diese tausenden neuen Knoten zu verarbeiten. Gespräche waren immer so aufwendig; hinter seinen Augen pochte es, dumpfe Kopfschmerzen meldeten sich. Lewis stöhnte leise.
      "Santiago, warte. Ich brauche einen Moment. Warte."
      Er lief die Pfade ab. Er sprang von Blatt zu Blatt zu Blatt, schneller, als er es sich jemals gewagt hätte. Zwischendrin warf er immer wieder einen Blick auf Skyes Knoten und auf das Gesamtbild des Baums und es dauerte Sekunden, wertvolle Sekunden, die er damit vergeuden musste.
      "Hallo?", kam die Stimme vom Piepser.
      Aber es war notwendig.
      "Santiago, er soll sagen: "Ich bin noch in A13". Nichts anderes, nur das."
      Keiner von ihnen wusste, welcher Raum überhaupt A13 war, nur Lewis hatte es auf einem Knoten gesehen. Es war kein optimaler Pfad, aber einer, den er zu gehen bereit war.
      Santiago brachte den Wachmann dazu zu antworten und dann schnorrte die Stimme zurück: "Dann treffen wir uns in der Mitte."
      "Santiago, schalt ihn aus. Raum verlassen, links, nochmal links, dort stehen bleiben. Jericho, wie weit? Skye -"
      Der Baum erweiterte sich. Ein anderer Pfad schrumpfte. Einer verschwand vollständig.
      Lewis' Augen huschten über die Kameras und über seinen Baum.
      "Skye, verstecken. Vor der Tür verstecken. Bloß nicht nach draußen. Hinter dem Server ist eine Ecke, in der du -"
      "Ich hab' was besseres", zischte Skye durch den Funk und lief auf die Tür zu. Lewis hielt den Atem an, seine Augen zuckten, aber der Baum veränderte sich nicht. Zu seiner großen Überraschung fing Skye an, mit den bloßen Händen an der Wand empor zu klettern. Er hörte sie schnaufen, dann hatte sie sich wie eine Spinne direkt über der Tür positioniert.
      Der Baum passte sich an. Lewis verfolgte starr seinen Pfad.
      "Skye, bleib da. Fuck, bleib genau da. 30 Sekunden, kannst du das? Nicht antworten!"
      Er sah sie doch noch den Mund zuklappen und der entsprechende Pfad verschwand. Stattdessen nickte sie nur.
      Lewis' Kopfschmerzen nahmen zu. Ein ganz leichter Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn, sein Herz raste von der Aufregung.
      Die Tür unter Skye ging auf und der eine Wachmann blickte verdutzt drein, weil er keinen Schlüssel gebraucht hatte. Zwei kamen herein und unterhielten sich dabei.
      Der Baum bewegte sich so, wie Lewis es gar nicht mochte. Die Pfade bildeten sich viel zu schnell, als dass er ihnen folgen konnte und er versuchte, den richtigen herauszufiltern.
      "Skye nicht bewegen. Skye nicht bewegen. Santiago zurück, rechts, stehenbleiben. Skye nicht - nicht atmen! Santiago links, stehenbleiben. Jericho, die werden in 15 Sekunden diesen Befehl eingeben."
      Blind fasste er nach einem Papier und kritzelte wenige Wörter darauf, die er nicht verstand, sondern nur aus seinem Knoten heraus las. Genauso blind reichte er ihn über den Stuhl rückwärts.
      "Überschreib ihn. Skye, nicht bewegen. Santiago, zweite Tür rechts, mach den PC drinnen aus. ... Nein, steck nur den Bildschirm aus, nur den Bildschirm ausstecken."
      Die Männer gaben den Befehl ein und was auch immer passierte, es sorgte nicht dafür, dass der Baum sich weiter ausbreitete. Die Pfade verdünnten sich wieder und Lewis nahm einen Atemzug, bei dem er zitterte. Seine Augen waren mittlerweile ganz trocken vom wenigen Blinzeln. Ihm war heiß.
      "Santiago, raus und nach rechts, direkt nach der Ecke stehenbleiben und nicht bewegen. Skye, warten."
      Die Tür schloss sich hinter den Männern, als sie wieder nach draußen gingen. Hinter ihnen sperrten sie zu.
      "Syke warten. Skye warten. Jetzt - leise."
      Sie ließ sich auf den Boden fallen und es war völlig lautlos. Dann schien sie wohl um Luft ringen zu müssen.
      Und dann, endlich, gab Jericho hinter ihm das Zeichen, bei dem Lewis fast aufgestöhnt hätte: Dey war drin, der Zugang war gelegt. In diesem Moment galt nur noch, sie alle nach draußen zu eskortieren, zum Überwachungsraum und von dort nach ganz draußen.
    • Santiago folgte den Anweisungen in seinem Ohr, genauso wie sie es festgelegt hatten. Was auch immer dieser Lewis tat - es war brilliant. Das Bild des dürren Streuners, der nur auf seinen nächsten Joint aus war, verschwamm vor seinem inneren Auge, formte etwas neues. Aber dafür hatte er jetzt keine Zeit. Er konzentrierte sich also lieber auf seine Aufgabe: Bedrohungen eliminieren. Sollte Lewis doch sechsdimensionales Schach spielen, bewundern konnte er dieses Genie später. Bis dahin war er nur eine der Figuren, die über dieses Spielfeld geschoben wurden.
      Apollo blieb gleich zu Beginn zurück, Sky brachte er noch bis zum richtigen Flur, bevor er sich in einem Abstellraum versteckte. Dort harrte Santiago aus, gegen eines der Regale gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Er hielt seine Magie aktiv, hielt die Schwärze in seinen Augen. Es brannte, als hätte er zu lange nicht geblinzelt. Apollo rechnete mit dreißig bis sechzig Minuten für den Einsatz. Das konnte Santi aushalten, aber angenehm würde es nicht sein. Und heute Nacht... Er rechnete damit, eine Weile nicht mehr zu schlafen. Das war in Ordnung, er Vorkehrungen getroffen, um damit umzugehen.
      "Santiago, raus, rechts, geradeaus."
      Er stieß sich von dem Regal ab und folgte den Anweisungen. Jericho hatte ihnen den Radius der Bodycams erklärt und Santiago ging sicher, dass Lewis immer alles aus mindestens diesem Winkel sehen konnte. Auch wenn irgendjemand es schaffte, Jericho aus dem System zu werfen, hätten sie immer noch diese Aufnahmen.
      "Stopp...zurück. Dritter Raum links. Ist der zugesperrt?"
      Santiago lief ein paar Schritte rückwärts, dann probierte er die Türklinke aus. Offen. Auf Anweisung huschte er hinein, dann warf er die Tür so heftig in Schloss, das sie gleich wieder aufsprang. Ups. Den Zweck erfüllte es wohl trotzdem.
      "Zwei Minuten, verstanden," gab er knapp zurück, dann wartete er.
      Er griff den Wachmann an wie eine Klapperschlange. Er schlug den Kopf des Mannes gegen die Wand, um ihm die Orientierung zu nehmen, dann schlang er seine Arme um den Mann, immobilisierte ihn und hielt ihn einfach fest. Er ließ einen Teil seiner Magie über den Hautkontakt herausfließen, genug um den Wachmann zu Tode zu ängstigen, aber nicht genug, um ihn in einem Alptraum gefangen zu halten. Wieder zählte Santiago. Zwei Minuten hatte Lewis gesagt und der neugierige Teil seiner selbst wollte wissen, wie akkurat der Knirps wirklich war. Und Tatsache: nach exakt 120 Sekunden knisterte das Funkgerät des Wachmannes und verlangte nach einem Statusbericht.
      Santiago nahm dem Mann das Funkgerät ab und sah hoch in die Kamera, darauf wartend, dass er Anweisungen bekam. Das war nicht sein erstes Rodeo, also ging er davon aus, dass es wichtig war, dass sich diese Wache hier zurückmeldete. Die Frage war nur wie.
      "Santiago, warte. Ich brauche einen Moment. Warte."
      Jetzt war der Moment, wo der Knirps die Nerven verlor? Ernsthaft?! Es juckte Santiago in den Fingern, den Wachmann einfach niederzustrecken und sich den Rest des Weges durchzuprügeln. Der Alptraum wollte fressen und hier unten waren genug Leute, um ihm das zu ermöglichen, warum also nicht..?
      "Santiago, er soll sagen: "Ich bin noch in A13". Nichts anderes, nur das."
      Santi wandte dem Wachmann seinen beunruhigenden Blick zu.
      "A13," knurrte er und der Wachmann nickte eifrig.
      In diesem Augenblick würde der Mann absolut alles tun, nur damit Santiago seine Magie nicht mehr benutzte. Santiago drückte auf den Knopf am Funkgerät und hielt es ihm hin.
      "Ich äh... ich häng noch in A13."
      Santiago unterbrach die Verbindung, kurz darauf kam die Bestätigung von dem anderen Wachmann. Gefolgt von der Anweisung, Santiagos Spielgefährten auszuschalten. Er ließ den Alptraum von der Leine, der sich sofort in die Tiefen der Gehirnwindungen des Jungen fraß und ihn mit seinen schlimmsten Ängsten konfrontierte. Der Junge brach zusammen in einer zitternden, wimmernden Masse. Der Alptraum wollte mehr. Und er würde mehr bekommen.
      Santi verließ den Raum und folgte wieder den Anweisungen aus seinem Ohr. Er bog links ab, dann noch einmal, dann blieb er mitten im Flur stehen, wie eine alte Wächterstatue. Er hoffte, das irgendjemand um die Ecke kam und er weiterspielen durfte. Stattdessen wurde er weiter über das Spielfeld geschoben, rechts, links, er verlor den Überblick und musste sich neu orientieren.
      "Zweite Tür rechts, mach den PC drinnen aus."
      Santiago huschte in den nächsten Raum, sah sich um und fand einen eingeschalteten Computer.
      "Das ganze Ding, oder nur den Bildschirm?" fragte er.
      "Nein, steck nur den Bildschirm aus, nur den Bildschirm ausstecken."
      "Copy."
      Er drehte den Bildschirm, verfolgte die Kabel, und riss eins heraus. Der Bildschirm erlosch. Was genau das bringen sollte, war ihm nicht ganz klar, da er hier nicht auf jemanden warten und ihm den Schädel einschlagen sollte.
      "Santiago, raus und nach rechts, direkt nach der Ecke stehenbleiben und nicht bewegen."
      Er folgte der Anweisung blind, sah sich nicht einmal um, als er den Raum verließ, wie er es sonst vielleicht getan hatte. Seine Paranoia war von dem Alptraum überschrieben worden und seine sonstige Vorsicht war einem tiefen Vertrauen in Lewis' Worte gewichen. Was so ein paar Minuten absoluter Treffsicherheit ausmachen konnten.
      Santi bog ab und blieb stehen. Der Flur sah genauso aus wie alle anderen, aber nach einem kurzen Moment orientierte er sich. Er hatte die Pläne, die Apollo mitgebracht hatte, vollständig auswendig gelernt und wusste genau, wo er war - und Skye, und Apollo. Und er wusste, wie er sie aus diesem Keller wieder herausbekam.
      "Ich hab's," kam Jerichos Stimme durch die Kopfhörer.
      Das war sein Stichwort. Noch immer verließ er sich auf Lewis' Anweisungen, aber jetzt konnte er sich ein bisschen freier Bewegen, weil er genau wusste, was das Ziel war. Er sammelte Sky ein, die ihm in einem Flur unweit des Serverraumes entgegen kam. Sie sah aus, als hätte sie gerade einen Marathon hinter sich gebracht, hielt sich aber wacker auf dem Weg zurück zu Apollo, der die verängstigten Wachen gebabysittet hatte. Die kauerten alle immer noch in irgendwelchen Ecken herum, geblendet von ihrer eigenen Angst. Santiago berührte jeden noch einmal am Hals, bevor sie in den Aufzug zurückgingen. Er musste nicht, aber der Alptraum wollte es. Also fütterte er das Monster in seinem Hirn und ging zeitgleich auf Nummer sicher, dass diese Typen ihnen weder folgten, noch sich an ihre Gesichter erinnerten.
      Ihm Aufzug selbst dann - den Wachmann darin hatten sie einfach unten rausgeworfen - rang Santiago seine Magie nieder, verbannte sie zurück in die Schatten seines Verstandes. Er nutzte eine Atemtechnik, die ihm eigentlich beim Schlafen helfen sollte. Die Adern unter seinen Augen verschwanden, die Schwärze zog sich in seine Pupillen zurück und hinterließen nur Bernstein und eine leichte Röte. Er wirkte noch müder als vorher, aber er fühlte sich großartig.
      Er krempelte seine Ärmel wieder herunter, schlüpfte wieder in seine Handschuhe und als die Türen des Aufzuges oben aufgingen, wirkte er wieder wie ein unscheinbarer Wachmann. Im Flur war niemand, also konnten sie direkt zurück zum Kontrollraum gehen. Jericho hatte alles wieder zusammengepackt, drückte noch ein paar Knöpfe, dann konnten sie verschwinden. Santiago fiel auf, wie fertig Lewis war. Aber noch waren sie nicht draußen, noch konnte sich der Knirps nicht ausruhen.
      Santiago zog den Jungen auf die Füße.
      "Zwanzig Meter, dann hast du's hinter dir. Das schaffen wir allein. Augen auf den Boden."
      Er hatte Lewis oft genug nach Hause gefahren, um zumindest so viel zu wissen. Der Knirps war ruhiger und präsenter, wenn er auf den Boden seiner Mietwagen gestarrt hatte. Wann immer er zu nervös wurde, suchte er sich glatte Oberflächen, die er anstarren konnte. Das musste also irgendwie helfen.
      Apollo, Skye und er eskortierten Jericho und Lewis wieder nach draußen. Als sie am Empfangstresen vorbeikamen, warf Santi der Brünetten ein Lächeln zu.
      "Krise verhindert," scherzte er, sie nickte ihm freundlich zu.
      Santiago ging sicher, dass niemand die Flucht ergriff, kaum waren sie außer Sichtweite des Einganges. Sie gingen den Fußweg entspannt hinunter, bis sie den Van erreichten. Santiago half Jericho und Lewis hinten rein, bevor er und Skye hineinkletterten. Apollo klemmte sich hinter das Lenkrad und fuhr entspannt davon.
      Für einen Augenblick herrschte absolute Stille. Dann begann Jericho zu lachen.
      "Wir haben's geschafft," verkündete dey. "Wir haben's ernsthaft geschafft! Ich kanns kaum erwarten in einem gesicherten Netz zu sein und mir das alles anzugucken!"

      Apollo brachte sie zu einem leerstehenden Supermarkt, wo sie sich in den Büros ausbreiteten. Sie schlüpften aus ihren Uniformen, die der Mann alle einsammelte und wegpackte, um sie zu entsorgen. Wahrscheinlich würde er sie irgendwo verbrennen, um keine Spuren zu hinterlassen.
      "Wie sieht's aus?" fragte Santi, während er das schwarze Hemd, das er mitgebracht hatte, zuknöpfte.
      Jericho hatte nur aus dem Blaumann schlüpfen müssen und hatte schon wieder am Laptop gesessen, bevor Santi überhaupt seine Hosen angezogen hatte. Ihn juckte es ja auch in den Fingern, zu wissen, ob sie es wirklich geschafft hatten.
      "Das ist Wahnsinn," antwortete Jericho. "Ich bin ja schon ein bisschen versucht, die europäische Wirtschaft mit diesen Daten zu ruinieren..."
      "Halt dich an den Plan, Pappnase," ermahnte Santi.
      "Ja, ja, mach dir mal nicht in dein hübsches Hemd, Grummelbacke."
      Santi schloss den letzten Knopf an seinem Hemd. Sein Blick, wieder hinter einer Sonnenbrille versteckt, wanderte zu Lewis. Der Junge war ein Nervenbündel. Der Alptraum hatte sich wie eine Katze in seinem Hirn zusammengerollt und ließ ihn in Ruhe, das hieß seine Ausstrahlung war momentan auch nicht zu unheimlich. Santiago sagte sich, das war der einzige Grund, warum er sich zu dem Jungen auf das alte Sofa setzte.
      "Hey. Gute Arbeit. Ich habe noch nie mit jemanden zusammengearbeitet, der so präzise Anweisungen liefert," meinte er.
      Dann griff er in seine Hosentasche und hielt Lewis einen Joint hin. Apollo warf ihm einen Blick zu, Santiago starrte zurück. Im Stillen einigten sie sich darauf, dass es in Ordnung war. Santiago selbst zog eine Zigarette aus seinem Päckchen und zündete sie an, bevor er Lewis sein Zippo hinhielt.
      "Richtig gute Arbeit, Pappnase," wiederholte Santiago, nahm einen tiefen Zug und ließ sich gegen die Rückenlehne sinken.


    • Dieser letzte Teil war jetzt nicht weniger knifflig, aber zumindest waren alle Einheiten jetzt nicht mehr stationär. Skye kam aus dem Serverraum herausgeschlichen, als Lewis ihr die Erlaubnis erteilte, und ihre Bewegungen verursachten keinerlei Veränderungen in seinem Baum. Das mochte er, das mochte er sehr. Ob Apollo auf so etwas geachtet hatte, als er die Truppe angeheuert hatte? Lewis zweifelte jedenfalls nicht daran, dass sie auf eine einzigartige Weise zusammen passten.
      Santiago ging sie abholen und beim Aufzug stießen sie mit Apollo zusammen. Santiago berührte jeden noch einmal mit der Hand - das verwirrte Lewis wiederum, der sich sicher gewesen war, es wären die Augen, mit denen der Mann arbeitete - und dann waren sie im Aufzug. Lewis schüttelte beide Hände aus, wagte es aber noch nicht, den Baum aus dem Blick zu lassen, weder den für unten, noch den für oben. Beide Bäume bewegten sich und er wartete nur auf den Moment, an dem sie in einem Blatt endeten, das ihre Niederlage bedeutete. Apollo hatte gesagt, dass nichts vorbei war, solange sie nicht alle das Gebäude verlassen hatten, und daran hielt sich auch Lewis. Seine Augen sprangen weiter wie wild durch die Gegend, während er alles im Blick behielt.
      Als sich die Tür öffnete, hätte er eigentlich seine Bäume herunterfahren können, weil sie jetzt wieder in die Rollen der höchst offiziellen Techniker schlüpften und so unbehelligt nach draußen kommen müssten. Aber einen solchen Punkt hatte Lewis schon seit Jahren überschritten; seine Bäume blieben beide erhalten, bildeten sich beide weiter aus und nahmen sein gesamtes Gesichtsfeld ein. Er konnte gar nicht anders, als weiter die Pfade entlang zu hüpfen, denn alles bewegte sich und seine Augen wurden von jeder weiteren Bewegung wie magisch angezogen. Als er sich auf seinem Stuhl aufrichtete und den Kopf zur Seite drehte, damit er wenigstens nicht mehr die Kameras im Blick hatte, die ihm all die Ressourcen für seine Bäume lieferten, sprangen seine Augen trotzdem hin und her. Er kam gar nicht richtig auf die Füße, dafür hatte er gar keine Konzentration übrig. Seine Augen brannten und mittlerweile hatten sich beständige Kopfschmerzen in seinem Hirn eingenistet.
      Eine Hand umfasste seinen Arm - eine große und sehr kräftige - und dann stand er auf den Füßen. Er sah Santiago, auch wenn er ihm bei seinen zuckenden Pupillen nie länger als einen Herzschlag lang ins Gesicht blickte. Trotzdem tat er wie geheißen, froh darum, dass ein anderer das Denken übernahm, wo er selbst keinen Einfluss mehr hatte. Unentwegt starrte er den Boden an und konzentrierte sich darauf, normal zu gehen.
      Zuerst stagnierten die Bäume, dann begannen sie sich nach und nach aufzulösen, als die Knoten in der Realität erreicht und damit überschrieben wurden. Als sie das Gebäude verließen, waren die Bäume bereits fast vollständig verschwunden, wenngleich Lewis’ Pupillen als Nachhall immernoch zuckten. Es war eine nachträgliche Einbildung, wie wenn man zu lange in die Sonne sah und dann ständig einen dunklen Fleck im Blick hatte. Nur waren es für Lewis ganz viele Flecke, die sich bewegten und verschoben, während er versuchte mitzukommen.
      Sie gingen zum Van, ohne dass ihnen ein Alarm hinterher gedröhnt hätte. Apollo fuhr an und fädelte sich in den Feierabendverkehr, ohne dass hinter ihnen Blaulicht auftauchte. Allesamt schienen sie wie gespannt darauf zu warten, dass etwas derartiges geschehen würde, aber nichts geschah. Und schließlich entlud sich alles auf einmal.
      Jericho stieß einen Lacher aus, Lewis warf sich gegen seine Lehne zurück und presste die Handballen gegen seine geschlossenen, noch immer zuckenden Augen.
      Fuck.”
      “Noch haben wir gar nichts geschafft, wir müssen auch erstmal reinkommen”, mahnte Skye, aber auch sie hatte ein triumphierendes, breites Grinsen im Gesicht. Nachdem sie sich wohl von ihrer Anstrengung schon erholt hatte, wirkte sie ganz so, als könnte sie für eine zweite Runde gleich wieder reingehen.
      “Reinkommen und den Antrag stellen.”
      “Den Hauptteil haben wir geschafft”, pflichtete Apollo dafür bei. Der Mann lächelte nicht, wenngleich seine Gesichtszüge aber ganz entspannt waren.

      Sie hielten an einem weiteren Unterschlupf, wo sie sich alle von ihren durchgeschwitzten Sachen trennten. Lewis zog sich ein T-Shirt über, das angenehm groß war, um luftig genug zu sein, und warf sich gleich auf die einzig brauchbare Couch im Raum. Seine Hände zitterten und er konnte nicht richtig stillhalten, aber zumindest hatten sich seine Augen beruhigt. Der Baum, der ihm gerade vor der Nase tanzte, war auch nur ganz klein und überschaubar, nicht mehr so ein gigantisches Teil wie in der Bank. Er seufzte erleichtert.
      Was er jetzt nicht alles für einen Joint getan hätte. Nur einen einzigen. Er hatte keinen mitgenommen, zu groß wäre die Versuchung gewesen, ihn im Gebäude anzuzünden.
      Santiago kam kurz darauf auch zu ihm hinüber und ließ sich ebenso auf die Couch fallen, aber etwas gemäßigter als Lewis. Er trug ein schickes schwarzes Hemd, das gut mit seinen roten Haaren harmonierte. Lewis konnte sich sehr gut vorstellen, dass er ihm mit so einem Outfit in einem Club auf den Hintern gestarrt hätte.
      Hier tat er nichts dergleichen, sondern fing nur an mit dem Bein zu schaukeln, als Muskelpaket ihn doch wirklich noch für seine Arbeit lobte. Irgendwie schien er Lewis nicht der Typ zu sein, der anderen viele Komplimente machte - umso größer war es daher für ihn.
      Dafür schenkte er ihm ein schwaches Grinsen.
      Du hast ja keine Ahnung, man. Wirklich, keine einzige.
      Welche Farbe seine Augen jetzt wohl hatten? In der Bank hatten sie wieder auf Bernstein gewechselt, aber vielleicht war ein Wechsel ja eine regelmäßige Sache. Lewis konnte hinter der Sonnebrille aber nichts erkennen.
      Was er dafür sehr wohl erkennen konnte, war ein Joint, wenn er ihn sah. Und Santiago, dieser gute, fabelhafte, tüchtige Mann, zog doch tatsächlich einen aus seiner Tasche, um ihn Lewis zu präsentieren. Der war sofort hellwach, setzte sich kerzengerade auf und pflückte das angebotene Geschenk aus den Fingern, um es sich zwischen die Lippen zu schieben.
      "Danke - oh fuck, sowas brauch' ich jetzt."
      Seine Hände zitterten noch immer, seine Finger zuckten ständig, weshalb es ihm gerade recht kam, dass Santiago auch noch das Feuer bereithielt. Er lehnte sich zu ihm und was im Auto vor einigen Wochen noch mehr als unangenehm gewesen war, war jetzt kaum mehr als eine kurze Unannehmlichkeit. Er blieb bei ihm, bis sein Joint richtig glühte, dann nahm er gleich den größten Zug, den seine Lunge zustande brachte.
      Beim Zurücklehnen atmete er langsam wieder aus. Schon jetzt beruhigte es gleich seine Gedanken und er wusste, dass es nur drei, vier Züge benötigte, bis sich auch seine Hände nicht mehr so aufführten. Er nahm gleich noch einen und drehte den Kopf zu Muskelpaket, der an einer langweiligen Zigarette zog.
      Du warst aber auch nicht schlecht, Muskelpaket.
      Ein Bein zog er zu sich heran, mit dem anderen wippte er unablässig. Nach dem nächsten Zug holte er den Joint zwischen den Lippen heraus.
      Das, was du mit dem Wachmann gemacht hast, oben, beim Überwachungsraum? Mit dem ersten? Das war heiß, richtig richtig heiß.
      Er sah einmal zu Apollo, der gerade zu Jericho trat, um ihm zur Seite zu stehen. Skye hatte sich auf einen Tisch gesetzt und beschäftigte sich wohl mit einem Souvenir, das sie aus der Bank mitgehen gelassen hatte.
      Dann sah er wieder zu Santiago und betrachtete ihn abschätzend.
      Die Weiber müssen doch sicher bei dir Schlange stehen.