The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Niamh

      Andrew hatte wirklich Glück, dass Ezra an ihm hing und Niamh keine Lust hatte, für den Rest ihres Lebens von ihrem Bruder heimgesucht zu werden. Sie lehnte sich etwas vor Andrew runter, um ihm in die Augen sehen zu können, die starr durch sie hindurch sahen, die Pupillen unnatürlich geweitet. Zum Glück. Sie hatte keine Ahnung, wie Andrew sonst auf sie reagiert hätte.
      "Dad hat den Stein. Ich habe Caleb schon geschrieben, dass wir einen kleinen Notfall haben, vielleicht findet er etwas, was den Effekt stört." Den Gedanken hatte sie sich noch nie vorher machen müssen. Der Stein war noch nie gegen jemanden gerichtet worden, der es nicht verdient hätte.
      "Ezra geht nicht ans Handy, aber ich bleibe dran." Entweder hatte ihr Bruder gerade einen Nervenzusammenbruch, oder er war nicht so unbeschadet entkommen, wie ihr Dad angedeutet hatte. Niamh würde es schon herausfinden. Sie konnte sich auf jeden Fall nicht vorstellen, dass das alles spurlos an ihm vorbeigehen würde. Sie sollte wahrscheinlich das Flugzeug vorbereiten. Ezra würde schon auftauchen und bis dahin brauchten sie einen Plan.
      "Wir bekommen dich schon irgendwie hier raus", versprach sie in der Hoffnung, optimistischer zu klingen, als sie sich fühlte. "Dad hat kein Interesse an dir. Er will Ezra. Wenn er dir irgendwelche Fragen stellt - lüg einfach. Er hat keine Steine, um zu prüfen, ob du die Wahrheit sagst." Obwohl sie bezweifelte, dass ihr Vater sich nochmal blicken lassen würde. Ihm ging es wirklich einzig und alleine um Ezra.

      "Das ist ein Albtraum und ich hasse euch alle", beendete Niamh ihre kleine Zusammenfassung der letzten Studnen mit einem frustrierten Seufzen. Sie saß auf der Couch in Calebs Wohnzimmer, ihr Hand fest umklammert, eine halbleere Tüte Gummibärchen auf dem Schoß. Sie hatte Ezra immer noch nicht erreicht und stattdessen Ada angerufen. Sie war am Telefon geblieben, während Ada in die Wohnung hochgegangen war. Offenbar waren Ezra und die Kinder komplett weggetreten und Ada hatte es nicht geschafft, einen von ihnen zu wecken. Sie waren sich beide nicht sicher, ob es die nachwirkenden Effekte eines Steins waren, oder ob die viel manuell betäubt worden waren, oder etwas ähnliches. Niamh hatte Ada eine kleine Liste mit Dingen gegeben, die sie Ezra sagen sollte, wenn sie es schaffte, ihn aufzuwecken und war direkt zu Caleb gefahren.
      "Es ist vollkommen unmöglich ihn irgendwie da raus zu holen ohne dass Dad realisiert, dass wir ihm geholfen haben." Caleb war blass wie ein Stück Papier. Seine Finger schwebten über seinem Tablet, auf dem er bis gerade die Liste an Steinen in seinem Repertoire durchgegangen war, um eine Lösung für Andrews Blindheit zu finden. Sie zitterten leicht. Niamh konnte ihm ansehen, dass er sich wieder Selbstvorwürfe machte. Er saß neben seinem Freund, der überraschend an ihm zu kleben schien, was ihnen jetzt tragischerweise vielleicht sogar von Nutzen sein könnte.
      "Selbst wenn wir ihn irgendwie rausbekommen - was dann?", fragte Niamh, während sie in die Gummibärchentüte griff. Sie war immer schon Stressesserin gewesen. Sie brauchte Zucker zum Denken. "Wir müssten sie irgendwie aus Irland rausbekommen, ohne dass es jemand merkt. Das ist bei einer Person schon schwierig, aber zwei Erwachsene und drei Kinder?"
    • Richard

      "Ich wusste, dass das passiert", murrte Richard. Und bevor ihm jemand – speziell Caleb – einen irritierten Blick zuwerfen konnte, fügte er hinzu: "Oder sowas auf die Art"
      Gut, das Opfer war Andrew, und der Zweck war, Ezra zurück in die Familie zu zwingen, aber sah Caleb nicht langsam, wie absolut krank diese Leute drauf waren? Und wenn ihm so viel an Richard lag würde er das nicht durchgehen lassen, oder? Seine Eltern schienen schließlich vor niemandem Halt zu machen. Auch wenn die Chance bestand, dass sie von Andrews neuem Posten bei MLO garnichts wussten. Das wäre für sie von Vorteil.
      Richard musste seinen Ärger zur Seite schieben und wieder in sein Arbeitsmindset kommen. Wundervoll. Sein Urlaub wurde immer weniger zum Urlaub weil dieser Bastard sich entführen lassen musste. Das einzig Gute an der Sache war, dass es Caleb in die Ecke zwang, auch wenn Richard es ihm nicht wünschte. Aber zumindest hatten sie keine Wahl mehr, als etwas zu tun.
      "Es wäre absolut bescheuert, wenn Ezra mit und oder ohne Kinder hierher kommt. Am besten wäre es gewesen, ihn garnicht zu informieren. Wessen dämliche Idee war das? Wenn er ausflippt, muss ihn meinetwegen jemand in London fesseln. Familienmitglieder haben bei sowas eigentlich sowieso nichts verloren und wer zieht seine Kinder mit rein? Ich wusste ja, dass es eine beknackte Idee ist, diese Idioten eine Adoption durchziehen zu lassen. Außerdem gibt man den Kriminellen bei einer Geiselnahme nicht einfach, was sie wollen. Es werden erst alle anderen Optionen durchgegangen, und dann wird womöglich verhandelt" Richard seufzte genervt. Natürlich hatten diese Leute keine Ahnung, was sie taten. Immerhin standen sie auf der falschen Seite. Es wäre besser, wenn Richard ein Team hätte, das sich mit solchen Dinge auskannte. Er war nicht sonderlich heiß auf die Sache, aber er konnte seinen Boss schlecht im Keller der Eltern seines Freunds verrotten lassen.
      "Okay. Folgendes. Nach dem, was ich von euch gehört habe, wird eine Verhandlung nicht laufen. Mr. Bailey will seinen Sohn, und den bekommt er nicht. Dann bleiben uns nurnoch die Optionen, Andrew mit Gewalt dort rauszuholen, oder uns hineinzuschleichen. Mit der Kombination aus den Steinen von MLO's Dublin-Save und was auch immer ihr im Repertoire habt, wird es wohl eine Möglichkeit geben, das umzusetzen. Fakt ist aber, dass ich für Gewalt bin, weil es für alle unpraktisch wäre, wenn eure Eltern unbeschadet davonkommen. Wenn ihnen auffällt, dass ihr beteiligt wart, habt ihr ein Problem, und für MLO wäre es sowieso besser, sie außer Gefecht zu setzen" Richard lehnte sich zurück. "Wir haben eine Location, Details, und ein riesiges Team, wenn ich einen Anruf mache. Also, Kommentare, Fragen?"
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    • Niamh

      "Wir haben überhaupt keinen Raum zum Verhandeln. Dad will Ezra. Wir könnten höchstens darüber verhandeln, wie lange Dad wartet, bis Andrew ihn nervt und er ihn loswerden will." Was nicht allzulange dauern würde, wenn Niamh die beiden richtig einschätzte. Ihr Dad liebte Präzision und Geschwindigkeit. Geduld war nie seine Stärke gewesen. Andrew hatte Glück, dass ihre Eltern wohl so versessen darauf waren, Ezra zu finden. Richard hätte wohl eine deutlich kürzere Behandlung bekommen.
      "Sie werden Ezra so oder so irgendeine Nachricht hinterlassen haben. Besser, er weiß, dass wir zusammen an dem Problem arbeiten, als dass er irgendwas alleine probiert", mischte Caleb sich ein, ohne den Blick von seinen Tablet zu heben. Er zögerte kurz, bevor er auf den Bildschirm tippte und sich offenbar einen weiteren Stein markierte, der Andrew helfen könnte. "Wir finden schon irgendwas, um die Kinder aus der ganzen Sache rauszuhalten." Dass Ezra auf die Idee kommen würde, alleine zu handeln, wäre wohl das Schlimmste, was passieren könnte. Niamh musste zugeben, dass ihr Bruder ein brillanter Dieb war, aber eben halt auch anfällig für Missgeschicke und emotional. Vor allem, wenn es um seinen Freund ging, was sicherlich für ihn sprach, jetzt gerade aber nicht half. Sie griff wieder nach den Gummibärchen, während sie Richard weiter zuhörte und sich das Gesagte einmal durch den Kopf gehen ließ.
      "Nein", beschloss sie mit einem kurzen Kopfschütteln. "Nach unserem aktuellen Stand wissen unsere Eltern nichts von MLO. Wenn etwas schieflaufen sollte, geratet ihr direkt als nächstes in den Fokus und das wäre katastrophal." Ganz davon abgesehen, dass sie keine Ahnung hatte, wie weit dieser schräge Verein gehen würde. Ihr kam es recht unrealistisch vor, dass sie Andrew rausholen und sonst nichts mit dieser Gelegenheit anstellen würden. Sie konnte es sich nicht leisten, dass ihre Eltern vor Gericht landen würden. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich und ihre Familie dabei selbst aus der Affäre ziehen sollte.
      "Aktuell haben sie Andrew als Druckmittel für Ezra. Es wäre ziemlich unpraktisch, wenn sie realisieren würden, dass er ihnen weitaus mehr bringen kann, als nur das", fügte sie hinzu.
      "Ihr diskutiert gerade nicht wirklich darüber, Mom und Dad auszuschalten, oder?" Caleb sah von seinem Tablet auf. Ein bisschen blasser und sie könnte glatt durch ihn durchsehen. Niamh sah ihm kurz entgegen, überlegte, etwas zu sagen und entschied sich dann dagegen. Stattdessen wanderte ihr Blick wieder zurück zu Richard.
      "Wir könnten MLO als Backup nutzen, wenn es keine andere Lösung gibt, aber ich bin dafür, dass wir das unter uns klären." Mittlerweile war die Tüte leer. "Du solltest ihnen nur vielleicht nicht direkt erzählen, was passiert ist. In den ersten paar Wochen als Leitung gekidnapped zu werden ist etwas peinlich. Oder erzähl es ihnen. Mir eigentlich egal. Dein Call."
    • Richard

      Richard hatte keine Geduld für diesen Schwachsinn. „Wir sind uns einig, dass es keine Verhandlung geben kann, und dass man Ezra von hier fernhalten muss. Und du denkst allen Ernstes, dass eine Konfrontation funktioniert, wenn wir… zu dritt sind?“ Richard blinzelte Niamh ungläubig an. War sie high? Sie müsste ihre eigene Familie und deren Ressourcen doch besser kennen, als jeder andere. Und sie dachte im Ernst, dass sie ohne MLO auch nur den Ansatz eines Plans hatten?
      „Bis sie realisieren, wer sie überfällt, sind wir längst wieder weg. Was danach passiert, ist egal, weil wir eure Eltern auf jeden Fall festnehmen werden“, sagte Richard nachdrücklich. Er sah zu seiner Seite, als Caleb sich zu Wort meldete, und aussah, als hätte man ihm jegliche Farbe geraubt. Nicht, dass es vorher besser gewesen war. Niamh war mit einer Hiobsbotschaft hier angekommen.
      Richard seufzte frustriert und legte einen Arm um Caleb, mit dem seltsamen Verlangen, ihn warm zu reiben, wie ein erfrorenes, verlorenes Kind. „Keiner spricht von ausschalten, nur von… okay, ausschalten, aber nicht in dem Sinne, dass irgendjemand stirbt“, versuchte Richard ihn zu beruhigen, was allerdings noch nie seine Stärke war.
      Er sah Niamh an und lachte kurz auf. „Oh, ihr könnt darauf wetten, dass ich das an die große Glocke hänge. Vielleicht wird er dann gezwungen, seinen Posten abzutreten“, sagte er. Das war vielleicht das einzig Gute an der Sache. Nur musste Richard es anonym erzählen. Wie auch immer er das machen würde.
      „MLO sollte nicht nur unser Backup Plan sein, aber wenigstens stellst du dich nicht komplett quer“, murmelte er schließlich. Niamh ging ihm unglaublich auf die Nerven, aber zumindest hatte sie ihre Gesichtsfarbe unter Kontrolle.
      „Schön. Ich halte ein Team auf Stand-by. Aber nur damit du es weißt, mit MLO zusammen zu arbeiten, würde dich und Caleb auf die sichere Seite des Ganzen bringen. Das Mindeste wäre er eine ordentliche Strafminderung“ Zumindest gesagt sollte er es wohl mal haben. „Also dann schieß los. Was ist dein Plan?“
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    • Neu

      Caleb

      Ein kleiner Teil von Caleb wollte immer noch nicht ganz wahrhaben, dass das hier wirklich passierte. Irgendwie war es das selbe, wie bei den ganzen anderen Gewalttaten, die er in den letzten Jahren miterlebt hatte - es fühlte sich an, als würde es jemand anderem passieren. Als wäre es nicht real. Als würden gleich alle aufspringen und ihm sagen, dass es nur ein Spiel war, oder dass sie eigentlich über irgendjemand anderen redeten. Das war noch nie passiert, aber das beeinträchtigte dieses komische Gefühl kaum. Was komisch war. Er war sich sicher, dass er sich schuldiger fühlen sollte. Das alles passierte nur, weil er sich nicht mehr die Mühe gemacht hatte, alle Informationen über Ezra, die irgendwie seine Eltern erreichen könnten, abzufangen. Sie hatten sich gestritten, er war trotzig gewesen und jetzt hatte er alles ruiniert.
      Es war nicht so, dass er gar nichts fühlte. Er war definitiv panisch. Die Vorstellung, ihre Eltern irgendwie auffliegen lassen zu wollen, war grausam. Weniger, weil er an seinen Eltern hing und mehr, weil er nicht wissen wollte was passieren würde, wenn alles schief ging. Sein Dad war schon unberechenbar, wenn man einen Fehler machte und Caleb wollte nicht herausfinden was passieren würde wenn man plante, ihn zu hintergehen. Den letzten Leuten, die das probiert hatten, war es nicht sonderlich gut ergangen.
      "Ich bin nicht dagegen, zusammen zu arbeiten", lenkte Niamh ein, die das alles so viel leichter zu nehmen schien. Sie war angespannt und Caleb konnte an ihrem übermäßigen Gummibärchenkonsum erkennen, dass sie Stress hatte, aber man merkte es ihr kaum an. "Ich will nur nicht mehr Leute in die Schusslinie ziehen, als unbedingt nötig. Wir scheinen ja jetzt schon genug von euch auf dem Gewissen zu haben." Niamh stand auf, legte die leere Gummibärchentüte zur Seite und ging zu dem kleinen Wohnzimmerschrank, in dem Caleb die wenigen Süßigkeiten aufbewahrte, die er im Haus hatte.
      "Das Grundstück wird komplett kameraüberwacht und es gibt ein paar Sensoren die Alarm geben, wenn man durch sie durch läuft", erklärte sie, während sie sich eine Tafel Schokolade aus dem Schrank zog und zurück zum Sofa ging. "Ich bin mir nicht sicher, ob wir es schaffen, sie zu hacken. Falls nicht, brauchen wir Ezra sowieso. Sagt ihm nicht, dass ich das gesagt habe, aber - er ist definitiv besser darin, irgendwo einzubrechen, als ich. Mein Plan wäre simpel. Mom und Dad ablenken, einsteigen, Andrew rausholen und dann sehen, wie es weiter geht. Es wird höchstwahrscheinlich noch Überwachung von außen geben, aber ich denke, dass wir die irgendwie packen. Wir sind immerhin mindestens zweieinhalb kompetente Personen." Sie ging nicht näher darauf ein, wie genau sich die 'zweieinhalb kompetenten Personen' zusammensetzten. "Es gibt ein paar Dokumente, die Mom und Dad belasten könnten, ohne, dass es auf uns zurückfällt. Wenn wir es geschickt anstellen, können wir die ebenfalls mitnehmen. Wie weit bist du mit den Steinen, Cal?"
      Caleb zuckte kurz zusammen, als Niamh mitten in ihrer kleinen Ansprache das Thema wechselte. Er hatte das Tablet auf seinen Schoß sinken lassen und merkte viel zu spät, dass er in den letzten Minuten beinahe automatisch näher an Richard herangerutscht war, um sich an ihn zu lehnen.
      "Ich habe zwei Steine, die Andrew helfen könnten. Ich habe noch nie wirklich versucht, einen anderen Stein zu negieren, also wird das ganze wohl ein kleines learning by doing, schätze ich. Am einfachsten wäre es, wenn wir Dad den originalen Stein abnehmen würden, aber ich habe einen Stein, der die eigene Sicht verschärft und sie damit eventuell kontern könnte und einen, der generell sämtliche fremden Effekte entfernt, allerdings muss man sich von dem übergeben, was etwas weniger...unauffällig ist." Er würde trotzdem beide mitnehmen. Sie würden schon irgendeine Ausrede finden. Außerdem hatte er sowieso noch genug andere hilfreiche Steine markiert, die entweder bei ihm oder seinen Eltern im Tresor lagen. "Also...brainstormen wir jetzt, bis Ezra sich meldet?"
      "Jepp. Dürfte nicht mehr lange dauern." Niamh sah kurz auf ihr Handy. "Laut Ada ist er wach und steckt in einer Panikattacke. Ich gebe ihm...fünfzehn Minuten, vielleicht?"