The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Caleb

      Scheiße. Das war nicht so gut gelaufen. Caleb kaute auf seiner Unterlippe herum, als Richard offenbar loslief, um sich zu übergeben. Eine ziemlich gerechtfertigte Reaktion, aber das machte es nicht besser. Es konnte eigentlich nichts passieren. Caleb war sich immer noch sicher. Das half allerdings auch irgendwie nicht. Er blieb sitzen und tippte eine kurze Nachricht an Niamh, dass er später kommen würde.
      Er saß immer noch auf dem Boden, als Richard kurze Zeit später wiederkam. "Tabletten sind in der Küche. Der Kaffee ist auch noch warm. Glaube ich", erklärte er, bevor er Richard irritiert entgegen sah. Entschuldigte er sich? Wofür? "Ich wollte in eine Apotheke springen, wenn ich auf dem Weg zu meiner Schwester bin. Du musst dich nicht entschuldigen. Wir waren beide betrunken. Es hätte mir auch auffallen müssen." Vielleicht war es das auch. Caleb erinnerte sich nicht mehr. Aber die Schuld nur einem von ihnen zuschieben zu wollen war definitiv falsch. Zum Sex gehörten zwei Menschen. Trotzdem musste er ein wenig lächeln. Irgendwie war die ganze Situation vollkommen absurd. Er rappelte sich auf und ging zu Richard rüber, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu hauchen.
      "Trotzdem danke. Ich habe wirklich alles im Griff. Autoschlüssel liegen auf der Kommode neben der Tür." Er würde auch so zu Niamh kommen und danach brauchte er eh kein Auto. Sie würden zusammen zu ihren Eltern fahren, also wäre sein Auto so oder so überflüssig. Wenn er sie genug nervte, würde Niamh ihn vielleicht sogar nach Hause fahren. Hauptsache, er würde vorher eine Apotheke finden. Zwar konnte man die Pille bis zu drei Tage später nehmen, aber je schneller, desto besser. Darauf zu warten, dass Richard wieder nach Hause kam, wäre ihm definitiv zu unsicher. Er war sich sicher, dass er keine Ruhe finden würde, bis er die Pille geschluckt hatte.
      "Soll ich Frühstück machen, während du dich anziehst, oder bekommst du noch nichts runter?" Richard hatte einen deutlich strafferen Zeitplan gehabt, als er. Er würde noch warten, bis er ihn mit einem ruhigen Gewissen alleine lassen konnte und dann selbst aufbrechen.
    • Richard

      "Ich kann nichts essen, danke", lehnte er das Angebot ab. Er war ein wenig überrascht darüber, dass Caleb nicht deutlich mehr am ausflippen war, vielleicht sogar wütend auf Richard war. Er schien ein bisschen aufgewühlt, vielleicht weil ihm das noch nie passiert war. Aber das war's. Richard war relativ dankbar dafür. Vor allem dafür, dass sie vor kurzem erst ausführlich darüber gesprochen hatten, was für ein Alptraum eine Schwangerschaft oder Kinder im Allgemeinen eigentlich für sie beide wäre.
      "Außerdem habe ich keine Zeit" Es war kurz vor 10. Er hatte bereits ein E-Mail geschrieben und die Situation war insgesamt peinlich genug ohne dass er sich im Büro noch einmal übergeben würde, wenn er jetzt etwas aß. Er ließ von Caleb ab und drehte sofort Richtung Küche, um die nächste Tablette mit etwas Wasser zu schlucken, und marschierte dann ins Schlafzimmer um sich in Höchstgeschwindigkeit anzuziehen und fertig zu machen. Er füllte sich etwas Kaffee in einen To-Go-Cup, weil er nicht wusste, ob er später vielleicht doch noch lebensnotwendig sein würde. Ansonsten trank und aß er nichts. Er fühlte sich mehr tot als lebendig.
      Es musste kurz nach 10 Uhr sein, als er endlich im Auto saß und ausparkte, während er sich noch mit der Fahrweise vertraut machen. Er konnte sich im jetzigen Moment nichts grauenvolleres vorstellen, als sich in einem beweglichen Objekt zu befinden und direkt in ein Meer aus Reizüberflutungen zu fahren. Ihm blieb nur nicht viel anderes übrig. Wenn Andrew erfuhr, dass er seinen Job hier nicht erledigte, hatte er ein noch größeres Problem als vorher.
      Richard richtete noch etwas eilig seine Krawatte bevor er in voller Montur bei seinem Meeting auftauchte, das längst begonnen hatte. Er ging hinein, nahm Platz, und hörte zu, als das Gespräch weiterging. Eigentlich war er nur hier, um in London zu berichten, was hier los war. Wie eine Art… Spion, den eigentlich niemand da haben wollte. Glücklicherweise interessierte das Richard herzlich wenig und später, wenn er mit ein paar irischen Kollegen über einem Essen weitersprechen würde, waren alle etwas lockerer drauf, als in einem Raum mit ihren Vorgesetzten. Richard wollte nur nicht an das Essen denken. Er würde da durch müssen, ohne zusammen zu klappen, das war schwierig genug. Das alles fühlte sich fast an wie die Nachwirkungen eines Trips als ein Kater.
      Das Meeting lief noch etwa eine Stunde, bevor alle aufstanden und den Raum verließen. Richard fragte sich gerade noch, wer ihn gleich im Restaurant treffen würde, als er auf einmal dachte, zu halluzinieren. Er blieb stehen. Er halluzinierte nicht, er sah ganz deutlich das Arschloch von gestern Abend, hier, bei MLO.
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    • Valentin

      Meetings waren das Beste, was die Menschheit je erfunden hatte. Valentin würde das nie laut aussprechen, weil er sich ziemlich sicher war, dass Mateo ihn direkt in die nächste Anstalt fahren würde. wenn er es tat, aber es stimmte einfach. Zwei Stunden lang saß man zusammen und unterhielt sich angespannt über irgendwelche Themen, nur damit sofort danach die eine Hälfte schon wieder vergessen hatte, was sie besprochen hatten und die andere Hälfte eh das tat, was sie wollte. Es war die effizienteste Art und Weise, professionell Zeit zu verschwenden, was furchtbar beeindruckend war und viel zu selten gewürdigt wurde.
      Valentin saß am Rand des Raumes und hatte seinen Kopf auf seinen Arm gestützt, während Sorcha sich durch ihre Präsentation kämpfte. Sie sollte die aktuellen Zahlen vorstellen - die offenen Fälle, die bearbeiteten Fälle, die Statistiken und Lücken im System. Das Meeting fand regelmäßig alle 3 Monate statt, jedes mal endete es damit, dass man sich einigte, dass man besser werden musste und nie änderte sich was. Aber Peter O’Hern, der Leiter der Dubliner Abteilung von MLO, bestand auf das Theater. Sorcha hatte die Präsentation durch einen Fehler in der Technik verspätet begonnen und sich dadurch irgendwie aus der Ruhe bringen lassen. Die junge Frau, die sonst vollkommen selbstbewusst im Außeneinsatz tätig war, stolperte über ihre Worte und sah alle paar Sekunden nervös zu O’Hern, der ihr ziemlich selbstgefällig entgegen lächelte. Valentin hatte ihn noch nie leiden können.
      Sorchas Unsicherheit wurde schlimmer, als die Tür auf ging und ein Nachzügler eintraf, der Valentin kurz zusammenzucken ließ. Er war wach, oder? Das war kein schräger Traum. Er würde nicht gleich aufstehen und einen Vortrag halten, nur um zu bemerken, dass er nur eine Unterhose trug, richtig? Nein. Alles ging vollkommen normal weiter, während Calebs neuer Freund sich einen Platz suchte. Valentin blinzelte, während seine Gedanken sich überschlugen. Heute sollte ein Kollege aus London vorbeikommen. Er war beim Essen dabei. Aber wie hoch war die Wahrscheinlichkeit? Das konnte doch alles einfach kein Zufall sein!
      Zumindest war Valentin für den Rest des Meetings hellwach. Er hatte gestern nicht viel getrunken, also hielt sich der Kater in Grenzen. Er war trotzdem langsam in dem Alter, in dem er aufpassen musste. Obwohl er gestern eigentlich nicht zum Trinken in den Pub gefahren war. Er hatte gehofft, dass Finn ihm ein wenig Inspiration für einen Antrag geben könnte. Er hatte ihn bereist durchgeplant und war sich ziemlich sicher, dass Mateo keine andere Wahl hatte, als vollkommen begeistert ja zu sagen, aber Finn hatte letztes Jahr geheiratet und dementsprechend ein paar Tipps für den letzten Schliff gehabt. Was das deutlich größere Problem an dem Antrag nicht aus der Welt schaffte. Dass Mateo praktisch auf der Abschussliste von MLO stand war...wenig erfreulich. Es war noch schlimmer, dass Valentin ihm nicht mal sagen durfte, dass MLO existierte. Kündigen war auch keine Alternative. Er hatte es probiert. Erfolglos. Immerhin hatte er dadurch eine Gehaltserhöhung bekommen, was ihn immer noch ein wenig verwirrte.

      "Guten Morgen!", grüßte Valentin Richard einen Moment später, nachdem O'Hern das Meeting mit dem üblichen ausslaglosen Geplänkel beendet hatte. Er sah ziemlich...tot aus, aber er stand, was fast noch beängstigender war. Nach der Menge, die er Richard gestern hatte trinken sehen, war er davon ausgegangen, dass Caleb mittlerweile wieder single und in Vorbereitung auf eine Beerdigung war. Offenbar hatte er ihn unterschätzt. Generell schien er ihn vollkommen falsch eingeschätzt zu haben. Er war davon ausgegangen, das Richard irgendwo aus Calebs Kreisen stammte und ihn dem Status wegen datete. Das schien absolut nicht der Fall zu sein. Dafür eröffneten sich jetzt ganz viele neue Möglichkeiten für diese seltsame Beziehung.
      "Ich nehme an, dass du der angekündigte Kollege aus London bist." Es war eine Aussage, keine Frage. "Wir hatten keinen sonderlich guten Start gestern. Ich, ähm, das tut mir leid. Neustart?" Er hielt Richard eine Hand entgegen. Eigentlich wusste Valentin nicht mal, was genau er falsch gemacht hatte. Er hätte früher gehen sollen, ja, aber er war zu irritiert von Calebs plötzlicher manipulativer Art gewesen, um klar zu denken. Und vielleicht ein bisschen zu neugierig, wer verrückt genug war, um Caleb zu daten.
    • Richard

      Richard hatte es so weit in seinem Leben geschafft, weil er professionell nach den Regeln spielte, und trotzdem die Grenzen auslotete. Er war gut darin, Verantwortung zu übernehmen, Leute einzulernen, seine Bemühungen so offensichtlich zu machen, dass keiner sie leugnen konnte. Was ihm trotz der Professionalität immer gefehlt hatte, war Geduld. Und fairerweise hatte er bisher nie ausprobiert, vollkommen verkatert zur Arbeit zu kommen, also entdeckte er gerade eine neue Seite an sich.
      Er starrte Valentin entgegen, bevor ihm das Gesicht in einen gehässigen Blick entgleiste und er ihm nahezu entgegen spuckte: „Willst du mich verarschen?“
      Er reichte ihm nicht die Hand. Lieber hätte er ihn stattdessen getreten. Okay, Gewalt am Arbeitsplatz war noch eine Stufe, die er heute nicht erreichen wollte. Trotzdem… er hatte nicht vor, dem Kerl, der ihm gestern Abend fast seinen Freund ausgespannt hatte, freundlich entgegen zu treten. Er selbst lebte zwar nicht hier — und musste Valentin zum Glück nie wieder sehen — aber Caleb war für diesen Freak durchaus in Reichweite und Richard würde ihn nicht glauben lassen, dass seine Aktion gestern auch nur ansatzweise in Ordnung war. Und, naja, Richard konnte zukünftig vermeiden, hier zu arbeiten. Das hieß nicht, dass er Caleb nicht besuchen konnte. Vielleicht sollte er das in Zukunft eher deutlich öfter tun, um ein Auge auf ihn und seine seltsamen Bar-Freunde zu haben.
      Richard drehte sich daraufhin einfach in die andere Richtung und ging zur nächsten Männertoilette. Ihm war übel genug, ohne dass er dieses Gesicht noch einmal sehen musste. Er würde sich ein wenig Wasser ins Gesicht spritzen und sich kurz seelisch auf den Weg ins Restaurant vorbereiten und dann… schnellstmöglich zurück zur Wohnung fahren, um seinen Sarg zu bestellen. Die Kopfschmerztablette wirkte, ja, aber er hatte deutlich mehr Probleme als Kopfschmerzen. Wenn er Valentins Gesicht noch ein einziges Mal sah, konnte er für nichts garantieren.
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    • Valentin

      Okay. Bei der Reaktion fielen ein paar mögliche Erklärungen für die seltsame Beziehung zwischen Richard und Caleb weg. Offenbar war Richard vollkommen irre und stand tatsächlich auf ihn. Valentin hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, dass ihre Beziehung vielleicht ein höheres Ziel verfolgte. Überwachung, oder etwas ähnliches. Aber das schien nicht der Fall zu sein. Er sah Richard kurz nachdenklich hinterher, als dieser sich von ihm weg drehte und die Toilette ansteuerte.
      "Sorcha?" Valentin drehte sich zu der jungen Frau, die, den Laptop unter den Arm geklemmt, gerade aus dem Besprechungsraum sprintete. Er hatte oft genug mit ihr zusammengearbeitet, um die kleine Geräusch-Symphonie, die die Steine in ihren Taschen erzeugten, auswendig kannte. Eine kleine Melodie, die außer ihm niemand hören konnte. Sorcha stoppte auf der Stelle und sah ihn an, die Lippen aufeinander gepresst. "Dein Vortrag war super. Lass dir nichts anderes einreden."
      "Ich bringe ihn irgendwann um, Valentin." Sorcha drückte den Laptop an sich, als ob er ein Schild wäre. "Ich erwürge ihn, bis er endlich nicht mehr lächelt und dann betoniere ich ihn irgendwo ein. Und dann pflanze ich irgendeine bedrohte Pflanzenart darüber." Sie atmete tief durch, bevor sie entschlossen nickte. Valentin war sich absolut sicher, dass nichts von dem passieren würde. Sorcha war eine hervorragende Agentin. Er war sich absolut sicher, dass sie O'Hern erwürgen könnte, wenn sie wollte, aber dafür war sie schlicht zu nett.
      "Karma holt ihn schon irgendwann wieder ein", beschwichtigte er sie. "Kann ich mir bis dahin kurz einen deiner Steine leihen?" Er deutete auf ihre rechte Hosentasche, aus der ein sanftes Pochen erklang. Wie ein Herzschlag. Das typische Geräusch, das Steine mit heilender Wirkung von sich gaben.
      "Oh. Sicher." Sorcha balancierte den Laptop auf einen Arm, griff mit der freien Hand in ihre Tasche und hielt Valentin einen zartrosanen Stein entgegen.
      "Danke. Ich gebe ihn dir heute Nachmittag zurück." Valentin lächelte ihr kurz zu, bevor er sich umdrehte und ebenfalls die Toilette ansteuerte. So gerne er Richard auch aus dem Weg gehen würde - wahrscheinlich würden sie die nächsten Stunden noch zusammen verbringen müssen und da hatte er sämtliche Missverständnisse gerne so früh wie möglich aus der Welt geschafft.
      Richard stand am Waschbecken, als er rein kam. Valentin hielt ihm den Stein entgegen. "Festhalten, Augen schließen, zehn Sekunden warten. Dir wird verdammt kalt, aber wenigstens ist der Kater dann weg." Heilung kam irgendwie selten ohne Nebeneffekte. "Ich habe keine Ahnung, an was du dich erinnerst, aber ich versichere dir, dass ich nichts von Caleb will." Ganz im Gegenteil. Caleb wirkte niedlich, wenn er getrunken hatte, aber auf dem Papier waren er und seine Familie verdammt gruselig. "Wenn ich ehrlich sein darf gehe ich sogar davon aus, dass jeder, der irgendeine Bindung zu ihm aufbaut, vollkommen verrückt sein muss. Du tust gerade nicht sonderlich viel dafür, meine Einschätzung zu widerlegen."
    • Richard

      Richard tupfte sich gerade mit einem Papiertuch das Wasser vom Gesicht und starrte seine Augenringe an, als die Tür aufging. Er warf nur einen schnellen Seitenblick hinüber, aber seine Augen blieben sofort hängen.
      „Das kann doch alles nicht wahr sein“, murmelte er deutlich hörbar zu sich selbst und warf das Papiertuch mit Wucht in den Mülleimer. Hörte ihm irgendjemand zu, wenn er dachte? Gott? Existierte Gott und hatte etwas gegen ihn? Glücklicherweise hatte Richard nicht die Energie, um jemanden zu verprügeln. Dabei würde ihm sowieso wieder jeder Schluck Wasser hochkommen, den er seit heute Morgen getrunken hatte.
      Er war umso überraschter, als sein Gegenüber ihm einen Stein entgegen hielt, anstatt ihm einfach nur auf die Nerven zu gehen. Richard zögerte keine Sekunde, bevor er ihn annahm, und benutzte ihn, ohne irgendetwas von dem Schwachsinn zu tun, den Valentin eben angemerkt hatte, um ihn nicht aus den Augen lassen zu müssen. Wenn er sonderlich viel Konzentration für so einen Stein brauchen würde, würde er seinem Status nicht gerecht werden.
      „Danke“, sagte er knapp. „Aber du solltest dir zweimal überlegen, meinen Freund und mich zu beleidigen, im selben Atemzug mit deiner Entschuldigung“, brummte er. Er reichte Valentin seinen Stein wieder. Es war immer wieder erstaunlich, wie schnell man von dem Gefühl einer wandelnden Leiche zu quicklebendig wechseln konnte, selbst wenn man mit der Magie aufgewachsen war. Er hatte das Gefühl, wieder aufrecht zu stehen. Richard trug seine Steine nicht bei sich, weil sie geflogen waren, und er hatte sich hier keine ausgeliehen, weil er es nicht für notwendig gehalten hatte. Immerhin war er praktisch im Urlaub. Und er hatte nicht mit dem Kater des Jahrtausends gerechnet.
      Das Positive an der Sache war, dass seine Sicht nicht mehr schwamm, seine Muskeln wieder in Kraft traten und er seine Lebenslust zurück hatte, was bedeutete, dass Valentin nicht mehr sicher war. Ein kleiner Kälteschauder würde ihn nicht aufhalten.
      „Und denkst du, dass ich dir abkaufe, dass zwischen euch nie etwas gelaufen ist? Frech genug, dass du dir vor meinen Augen zutraust mit meinem Freund zu flirten, aber wenn du vorhast mich jetzt zu manipulieren, wird es das letzte Mal sein, dass du so etwas versucht hast“ Er hatte das starke Verlangen, sein Gegenüber irgendwie einzuschüchtern, aber er schien sich ja wirklich keine Sorgen um seine Gesundheit zu machen, wenn er Richard in dem Pub gesehen und sich gedacht hatte ‚Oh, dem kann man bestimmt einfach den Freund ausspannen‘.
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    • Valentin

      Es war nicht als Beleidigung gemeint gewesen, sondern als bloße Feststellung, die vielleicht im Nachhinein ein kleines bisschen beleidigend gewesen war. Trotzdem blieb er dabei. Man musste einen gehörigen Schuss haben, um jemanden aus der Bailey Familie zu daten. Obwohl Valentin langsam aber sicher das furchtbare Gefühl bekam, dass Richard sich dessen vielleicht überhaupt nicht bewusst war. Wenn er nicht an Caleb klebte, um ihn zu überwachen bestand immerhin noch die Chance, dass er einfach nicht wusste, wen er sich da angelacht hatte, nicht?
      "Ich habe nicht mit ihm geflirtet. Ich habe meinen ganz eigenen problematischen Freund. Ich brauche keinen zweiten. Ganz davon abgesehen hat Caleb die Situation gestern doch komplett ausgenutzt, um- Fuck, ich hab den Whiskey vergessen." Warum hätte sich Richard nicht einfach die komplette Erinnerung an ihn wegtrinken können? Dann wäre das hier deutlich einfacher gewesen. Dann hätte er einfach so tun können, als ob sie sich wirklich noch nie gesehen hätten. Als ob Caleb ihn nicht ausgenutzt hätte, um Richard eifersüchtig zu machen. Vielleicht hätte Valentin sich doch die Mühe machen und Caleb einmal nüchtern kennen lernen sollen, um ihn besser einschätzen zu können. Sämtliches nüchternes Wissen über ihn hatte er aus Interviews und Videos. Er kannte ihn nur betrunken - also übermäßig fröhlich, oder in Tränen aufgelöst. Weitaus weniger manipulativ.
      "Caleb hat sich gestern in die Sache mit der Eifersucht reingelehnt, um dich zu provozieren. Ich weiß nicht, was für seltsame Kinks ihr habt, aber ich wäre wirklich liebendgerne so weit weg davon, wie möglich. Du weißt, dass seine komplette Familie kriminell ist, oder? Wir haben eine komplette Akte über ihn. Seine Familie ist verdammt gruselig. Ab und an mit ihm zu trinken ist okay, weiter würde ich nie im Leben gehen." Außerdem stand er mehr auf Männer, die psychisch stabil waren, aber den Kommentar verkniff er sich. Es war sowieso irrelevant - an Mateo würde nie wieder jemand herankommen. Alleine die Vorstellung, irgendwas mit jemand anderem anzufangen löste Panik in ihm aus.
    • Richard

      Er war sich ziemlich sicher, dass ihm nach Valentins zweitem Satz die Augäpfel aus dem Kopf gekugelt waren. So musste Richard auch aussehen. Die Wut hatte ziemlich schnell seinen Körper verlassen um der Verwirrung Platz zu machen. Er hatte einen Freund? O-okay, das hieß nicht, dass er nicht fremdgehen würde. Auch wenn das alles langsam immer unwahrscheinlicher wurde. Und… verdammt. Die Sache mit der Eifersucht? Was Valentin sagte, machte zu viel Sinn um es zu leugnen. Caleb würde das ausnutzen, er konnte ein absolutes kleines Arschloch sein. Darum verstanden sie sich schließlich so gut.
      Richard hoffte, dass sein wütendes Seufzen nicht vorweg gab, dass er Valentin zustimmte. Er konnte jetzt nicht völlig nachgeben. Außerdem fand er es viel zu interessant, dass Caleb wohl einen Eifersuchts-Kink haben könnte, was seine Wut etwas abmilderte, deshalb…
      „Pass auf, was du sagst. Ich hab dich vor zwei Sekunden gewarnt“, grummelte er als Ablenkungsmanöver und versuchte, seine Wut auf Valentin bestehen zu lassen und nicht auf Caleb abdriften zu lassen. Er sollte nochmal versuchen, seinen Freund zu beleidigen. Ein weiteres Mal ging es nicht als ein Versehen durch.
      „Und ja, das weiß ich“, murmelte er genervt. Genervter über die allgemeine Tatsache, dass jeder in Calebs Familie kriminell war, als darüber, dass Valentin es ins Gespräch brachte. „Seine ganze Familie kenne ich zwar nicht, aber ich kenne jemand ganz bestimmten, der mir enorm auf die Eier geht“ Das war genug Detail. Er hatte nicht vor, Freundschaft zu schließen. Er musste trotzdem ein wenig schmunzeln, als Valentin weitersprach.
      „Ha. Wer sich von so etwas einschüchtern lässt, hat ihn auch einfach nicht verdient. Ernsthaft? Seine Familie ist das Problem? Weichei“ Das war irgendwie witzig. Vielleicht sollte er Valentin trotzdem nicht provozieren, es doch nochmal mit Caleb zu versuchen.
      Er seufzte. „Wie auch immer. Halte dich zukünftig einfach zurück, wenn Caleb dir sein Glas zuschiebt und spiel bei seinen grauenvollen Ideen nicht mit“ Auch wenn es offensichtlich mit Sex für Richard geendet hatte. Vielleicht konnte er zukünftig ja jemanden engagieren, der Caleb anflirten würde, damit sie das Ganze ohne Risiko nochmal durchspielen konnten.
      „Ich muss mich auf den Weg machen“, kündigte er an.
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    • Valentin

      "Warst du schon dabei, als Sorcha die Statistik über die Steine, die wir nicht bergen konnten, präsentiert hat? Ungefähr 80% der Fehlschläge gehen auf Calebs Familie zurück. Agenten die die Seite wechseln, Agenten die verschwinden, Agenten, die einfach nicht schnell genug waren. Ich habe keine Angst vor ihm, aber ich will nichts mit seiner Familie zu tun haben." Valentin zuckte kurz mit den Schultern. Dass Richard ihn offenbar trotzdem ohne Hintergedanken datete, irritierte ihn mit jeder Sekunde mehr. Mateo stand auf der selben Beobachtungsliste, aus deutlich weniger schwerwiegenden Gründen und Valentin musste sich oft genug für ihn rechtfertigen. Die Tatsache, dass Richard das alles so auf die leichte Schulter nahm war entweder sehr beängstigend, oder bedeutete, dass die Dinge in der Londoner Abteilung grundlegend anders liefen, als hier. So oder so würde er zukünftig wohl deutlich mehr Abstand von Caleb halten, als er es bisher getan hatte.
      "Ich weiß. Ich bin Teil der netten kleinen Essens-Verabredung. Deshalb bin ich hier. Ich wollte das ganze aus der Welt schaffen, bevor wir in Reichweite von Messern und Gabeln sind." Wer verrückt genug war, um mit jemanden aus Dublins führender Fachfamilie für Kriminalität zu schlafen, sollte wahrscheinlich generell nicht in die Nähe von spitzen Gegenständen gelassen werden.
      "Keine Sorge, ich werde den Stuhl nehmen, der am weitesten von deinem entfernt ist." Valentin griff nach dem Stein und wandte sich schon zum Gehen, bevor er kurz zögerte. "Wenn du wissen willst, was hier abgeht, sprich mit Sorcha. Die junge Frau, die eben den Vortrag gehalten hat. O'Hern wird versuchen dazwischen zu reden - ignorier ihn. Er ist ein selbstgefälliges Arschloch, das sich selbst gerne reden hört und einfach Glück hatte, dass Godwin mental nicht auf der Höhe war, als er ihn zur Leitung ernannt hatte. Sorcha ist diejenige, die den Laden im Griff hat. Ich hoffe, dass Godwin bei seiner eigenen Nachfolge eine bessere Wahl getroffen hat."
    • Richard

      Okay, schön, das war neu. Und ging Richard ein wenig auf die Nerven. Es war klar, dass die Dublin Branche Akten über Calebs irische Familie hatte, aber Richard wollte diese Dinge wissen. Und er wollte sie vor allem nicht von diesem Kerl erfahren. Warum erfuhr er heute allgemein so viel über seinen Freund von einem Fremden?
      Und mit besagtem Fremden durfte er anscheinend auch noch sein Mittagessen verbringen, ugh. Das Universum wollte sie beide unbedingt im selben Raum haben, hm? Richard versuchte nicht zu intensiv mit den Augen zu rollen. Es war nicht einmal so, als könnte er das Essen auslassen, immerhin fand es mehr oder weniger wegen ihm statt. In Zeiten wie diesen wäre es wirklich nett, einen Roboter-Klon zu haben. Zumindest sah Valentin ein, dass die Situation nicht optimal war und wollte sich wohl auch so weit entfernt von ihm aufhalten, wie möglich. Hoffentlich sprang diese Abneigung auf auf Caleb über. Nur zur Sicherheit.
      Richard wollte Valentin gerade aus der Toilette folgen, als dieser stehen blieb. Er runzelte die Stirn und wollte gerade antworten, dass er das vielleicht in den nächsten Tagen noch tun würde, sich für den Tipp bedanken, und dann-
      Richard fand es gerade noch amüsant, wie Valentin über Godwin herzog, als er seinen Nachfolger ansprach. Er stieß ein furchtbar genervtes Geräusch aus und fuhr laut fort: „Schön wär‘s! Du hast keine Ahnung. Ich bin nur hier, um diesem Nachfolger aus dem Weg zu gehen“
      Und scheinbar war er nirgendwo sicher! Alles und jeder musste Richard an sein Schicksal erinnern, zukünftig unter Andrew zu arbeiten, was? Konnte dieser Tag auch nur einen Funken grauenvoller werden? Vielleicht, wenn Caleb in keiner einzigen Apotheke seine dämliche Pille fand. Dann hatte er einen Grund, auszuflippen. Vielleicht sollte er im Voraus schonmal den Doppelselbstmord planen. Und auf dem Weg gleich all jene mit in den Tod ziehen, die es verdient hatten. Yup, der Tag war grauenvoll genug, dass er sich langsam wie ein Terrorist anhörte.
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    • Valentin

      Oh. Das klang ziemlich demotivierend. Die Nachricht, dass Godwin - endlich - die Leitung abgegeben hatte, hatte sich wie ein Lauffeuer unter ihnen verbreitet, bevor sie überhaupt die offizielle Mail dazu erreicht hatte. O'Hern hatte sich ziemlich darüber aufgeregt, dass er als Leitung der Dubliner Branche nicht weit im Voraus informiert worden war. Der Rest von ihnen hatte gehofft, dass er sich so sehr mit dem Neuen anlegen würde, dass er direkt rausfliegen würde. Offenbar konnte Valentin diese Hoffnung an den Nagel hängen. Obwohl Richard offenkundig keine gute Quelle war, wenn es darum ging, über den Charakter eines anderen Menschen zu richten. Vielleicht war es auch ein gutes Zeichen, dass er die neue Leitung offenbar nicht mochte. Vielleicht war der neue Leiter, von dem Valentin sich sicher auch irgendwann den Namen merken würde, einfach zu nett für jemanden wie Richard, der offenbar der Ansicht war, dass es eine super Idee wäre, Kollegen einschüchtern zu wollen.
      "Klingt...ungut", stimmte Valentin trotzdem zu, einfach, um den Frieden - im allerweitesten Sinne des Wortes - den sie geschlossen hatten, nicht direkt wieder zu gefährden. "Wie auch immer. Wenn du Fragen an O'Hern hast, hast, frag. Wenn er ausweicht, frag nochmal. Es wird schwer sein jemanden zu finden, der komplett hinter ihm steht, also kannst du nicht viel falsch machen", erklärte er, während er die Türe öffnete und mit Richard zurück auf den Flur ging. "Wir sollten uns nur ein wenig beeilen. Begebe ich mich in Lebensgefahr wenn ich anbiete, dich mitzunehmen?" Das Restaurant lag ein kleines Stück weiter Richtung Innenstadt. Sie hatten noch gut 20 Minuten für eine 10 Minuten Fahrt, was gefährlich wenig Zeit war, wenn es nach Valentin ging. Richard mochte es mit der Zeit offenbar nicht so genau nehmen, was wahrscheinlich bedeutete, dass er sich super mit Mateo verstehen würde, aber Valentin wäre lieber tot, als zu spät. Falls Richard vorhatte, ihn auf der Fahrt zu ermorden, war er also hoffentlich wenigstens erfolgreich.
    • Richard

      Es gefiel ihm nicht, dass Valentin ihm zustimmte und seltsam sympathisch wirkte, wenn man alles andere außen vor ließ. Er folgte ihm Richtung Ausgang und war, als ihn das Sonnenlicht traf, erneut irritiert, weil es ihn eben nicht mehr irritierte. Im Gegenteil, er freute sich gerade ein wenig über den Sonnenschein, weil er später mit Caleb nochmal an den Strand fahren konnte. Dieser verdammte Stein von diesem verdammten Kerl.
      „Wenn es hier so zugeht, stelle ich ihn vielleicht wirklich Mal vor die Rede. Als ich vor ein paar Jahren das letzte Mal hier war, war er zwar auch ein unsympathischer alter Knacker, aber ich hab mich offenbar mit den falschen Mitarbeitern unterhalten“, murmelte er. Außerdem war es ein Problem, dass sie offensichtlich genau wussten, welches Problem die Bailey Familie für sie darstellte, und sie es nicht unter Kontrolle bekamen. Gut, Richard stand ein wenig zwischen den Fronten. Er wollte seinen Freund nicht im Knast besuchen. Vielleicht sollte er zuerst mit Caleb darüber sprechen und das Problem an der Wurzel packen. Er konnte schließlich nicht für immer hinter seiner Familie stehen, oder? Er würde auch Richard einen Gefallen tun, wenn er sich los riss. Sogar Ezra hatte das hinbekommen. Richard konnte nicht fassen, dass er einmal wollte, dass Caleb sich ein Beispiel an seinem Bruder nahm.
      „Danke, ich bin selbst mit dem Auto hier und muss nachher vielleicht noch die Stadt nach Apotheken abklappern“, lehnte er das Angebot ab. Interessanterweise tatsächlich wirklich nur, weil es unpraktisch war. Er würde Caleb nachher anrufen und fragen und direkt fragen, ob er gefunden hatte, was er suchte, und im schlimmsten Fall ganz Dublin durchqueren.
      „Wir sehen uns“, Richard nickte Valentin zu und ging in die entgegengesetzte Richtung zu seinem Parkplatz. Vielleicht würde das Essen spannender werden, als gedacht. Wenn die Frustration der gesamten Abteilung wirklich schon groß genug war, dass sich jeder über O‘Hern ausließ, konnten ein paar interessante Gespräche zustande kommen. Besser wäre es für alle, wenn sie mit der Sprache rausrückten, weil Richard in London anklingen lassen konnte, dass es womöglich Zeit war, dass ein gewisser Abteilungsleiter seine Rente antrat. Zumindest… wenn Caleb sich von seiner Familie abgeschottet hatte. Davor würde er kein Wort darüber verlieren. Ein kompetenter Abteilungsleiter konnte ihr persönlicher Alptraum werden.
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    • Caleb

      Es dauerte ungefähr zehn Minuten bis Caleb sich wieder daran erinnerte, warum er den Abstand zu seiner Familie so genossen hatte. Niamh war wie immer dezent genervt von allem und jedem, aber das war er gewohnt gewesen. Die passiv-aggressiven Kommentare seines Vaters darüber, wie umständlich es gewesen war, dass Caleb ein kleines bisschen Unabhängigkeit und Lebenswillen entwickelt hatte, waren deutlich schlimmer. Caleb biss sich selbst auf die Unterlippe als er irgendwann realisierte dass er sich dafür entschuldigte, knapp über einen Monat nicht in Dublin gewesen zu sein. Wie abwegig ihm das plötzlich vorkam. Er war kein Leibeigener seiner Familie. Er war alt genug, um theoretisch überall hinziehen zu können, wenn er wollte. Aber so funktionierte das nicht.
      Er war von der Wohnung aus direkt zur Apotheke gefahren, hatte sich die Pille danach besorgt und sie runtergewürgt, bevor er bei Niamh angekommen war. Was so ziemlich das letzte Erfolgserlebnis des Tages gewesen war. Ihm lief immer noch nach, dass er überhaupt dumm genug gewesen war um nicht zu realisieren, was es bedeuten würde, kein Kondom zu nutzen. Von dem Kater vollkommen abgesehen. Er brauchte dringend die nächste Kopfschmerztablette.
      "Cal!"
      Caleb zuckte zusammen, als Niamh ihm einen Ellenbogen in die Seite stieß. Sie waren zu Sechst in einem der kleinen Konferenzzimmer im Haus ihrer Eltern. Sein Vater schüttelte gerade die Hand eines älteren Herrn, ein neuer Spieler auf dem Schachfeld, zu dem Dublin sich in den letzten Jahren entwickelt hatte. Caleb hatte sich den Namen nicht gemerkt, aber das war auch nicht seine Aufgabe. Sein Vater und Niamh kümmerten sich um mögliche Zusammenarbeiten. Er war nur hier um sicherzugehen, dass sich alle an die wichtigste Regel dieser Treffen hielten - keine Steine im Raum. Eine Regel, die nur zu gerne gebrochen wurde. So wie heute. Es war ein eingespielter Vorgang. Sie standen so, dass Caleb die Steine der Gäste fühlen konnte, bevor sie das Zimmer überhaupt betraten. Sie würden nur von den beiden Wachposten vor der Tür rein gelassen werden, wenn er keine Warnung gab. Etwas, was er heute wohl verträumt hatte. Der heutige Besucher war mit zwei Bodyguards erschienen, die die Regelung wohl nicht ganz verinnerlicht hatten.
      "Linke Jackentasche", flüsterte Caleb mit einem kleinen Nicken in die Richtung des linken Bodyguards. Niamh sah ihn an, als ob sie ihn am liebsten erwürgen würde, bevor sie sich zu der besagten Person drehte.
      "Hey", setzte sie an, während sie in ihre eigene Tasche griff. Fairness war auch nie ihre Stärke gewesen. "Dürfte ich einen kurzen Blick in ihre Taschen werfen?"

      "Du hättest ihn nicht umbringen müssen." Caleb lehnte sich auf Niamhs Beifahrersitz zurück und fuhr sich durch die Haare. Sein Pullover war so blutverschmiert gewesen, dass er ihn ausgezogen hatte. Das Shirt darunter war nicht ganz unbeschadet geblieben, aber zum Glück überdeckte seine Jacke die größeren Flecken.
      "Hätte er nicht, wenn du deinen beschissenen Job gemacht hättest", stimmte Niamh zu. Man sah das Blut auf ihrem schwarzen Shirt kaum, dafür hatte sie auf die Schnelle nicht alles aus ihren Haaren bekommen. "Was ist falsch mit dir?" Sie sah zu Caleb rüber, als ob sie am liebsten seine Tür öffnen und ihn bei voller Fahrt aus dem Auto kicken würde.
      "Nichts! Ich habe einen Fehler gemacht. Wir hätten ihn einfach rauswerfen können."
      "Er hat Dad angegriffen!"
      "Ja und er war nicht sonderlich erfolgreich damit." Caleb presste die Lippen aufeinander. Er brauchte eine Dusche. Und Ruhe. Und Schlaf. Und Richard. Vorzugsweise nach der Dusche, wenn er was frisches anhatte.
      "Gott, ich wünschte Mom und Dad hätten dich in der Mülltonne gelassen, in der sie sich gefunden haben." Niamh bog mit etwas zu viel Schwung in seine Straße ein. Zum Glück war Caleb den Fahrstil seiner Schwester mittlerweile gewohnt genug, um dadurch nicht sofort zu kotzen.
      "Vielleicht setzen sie mich ja wieder dort ab, wenn sie eh auf dem Weg sind dich in die Hölle zurück zu bringen, aus der du gekrochen gekommen bist."
      "Fick dich." Niamh kam ruckartig vor seiner Wohnung zum stehen. "Kann ich mich bei dir umziehen?"
      "Sicher." Caleb seufzte, während er den Sicherheitsgurt löste und ausstieg. Niamh zog eine Tasche mit Wechselkleidung aus dem Kofferraum, bevor sie ihm folgte. Er wollte wirklich, wirklich gerne zurück nach London.
    • Richard

      Richard war nach dem Restaurantbesuch komplett am Ende. Er hatte das Gefühl, dass der Heilungsstein letztlich ein bisschen was von dem Kater an ihn zurück gepuffert hatte. Sehr unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher war, dass die hitzige Konversation über O‘Hern die Ursache war. Richard hatte sich zwar vorgenommen, das Ganze ernst zu nehmen, aber er hatte zu viele Dinge im Kopf, um davon jetzt nicht völlig fertig zu sein. Ihn hatten zeitweise drei Leute gleichzeitig angeschrien. Nicht bösartig, einfach nur vollkommen überdreht weil sie ihre Chance erkannt hatten, O‘Hern loszuwerden. Das hatte Richard davon. Er war behandelt worden wie ein Schulbuffet in der Mittagspause.
      Er trug sein Jackett in der Hand, als er aus Calebs Wagen stieg und ihn absperrte, um zurück zur Wohnung zu gehen. Gerade, als er sich herumdrehte, entdeckte er seinen Freund. Und dessen Schwester, die Richard nur ein einziges Mal kurz getroffen hatte. Das letzte Mal war sie noch blond gewesen. Nicht nur großteils blond. Richard verzog etwas das Gesicht, versuchte sich aber unter Kontrolle zu haben, bevor er Caleb seinen Namen hinterher rief, um die beiden zu stoppen, damit sie gemeinsam nach oben gehen konnten. Es war irgendwie schwierig, nach diesem Mittagessen keine Vorurteile zu haben.
      „Hey, ich wusste nicht, dass deine Schwester dich begleitet“, murmelte er leise, an Caleb gerichtet. Er sah kurz irritiert an seinem T-Shirt herab, als er sich zu ihm lehnte, bevor er Niamh grüßte.
      „Hey. Was, hattet ihr einen Spaghetti-Unfall?“, fragte er unbegeistert an die beiden gerichtet. Es traf sich nicht besonders gut, dass beide in seltsamen Flecken gedeckt aufkreuzten, wenn Richard sich eben anhören durfte, wie gerne diese Familie Menschen abschlachtete. Aber das war verrückt. Er war hellichter Tag und… Dienstag. Klar passierten Dinge jeden Tag zu jeder Uhrzeit, aber das wäre einfach nur bescheuert. Er traute Caleb höchsten einen Beinahe-Selbstmord zu, aber keinen emotionalen Ausbruch, der in Blutflecken endete. Oder hatte Caleb die Hysterektomie in einem Panikanfall doch noch selbst übernommen? Dummerweise konnte Richard Blut von Tomatensoße unterscheiden. Er wollte nur keine voreiligen Schlüsse ziehen.
      „Ähm. Ich hab dir was zu Essen mitgenommen, falls das noch… notwendig ist. Lasagne“, sagte er und hielt Caleb kurz die kleine Plastiktasche vor die Nase.
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    • Caleb

      "Könnte man so sagen", antwortete Niamh, ohne Richard anzusehen. Ihr Blick war stur auf Caleb gerichtet. Ihre Augen schienen ihm das 'Mum und Dad hätten dich wirklich in der Mülltonne lassen sollen, in der sie dich gefunden haben' förmlich entgegen zu schreien. Caleb tat sein bestes, um nicht ganz so schuldbewusst auszusehen. Er hatte gehofft, dass Richard später heim kommen würde.
      "Danke", antwortete Caleb aufrichtig, als Richard ihm die Plastiktüte vors Gesicht hielt. "Ich würde dich küssen, aber..." Er deutete auf sein Shirt und zog seinen Schlüssel aus seiner Hosentasche. Niamh formte ein stummes 'Du bist so tot' mit ihren Lippen. Caleb entschied sich, aus das zu ignorieren.
      "Ich zieh mich nur um und bin dann direkt weg", verkündete Niamh, nachdem die Wohnungstür aufgeschlossen war. "Vielleicht versuche ich auch noch meine Haare zu retten." Sie verschwand sofort im Badezimmer.
      "Ich hatte nicht geplant, sie mitzubringen", erklärte Caleb, falls es nicht offensichtlich genug gewesen war. "Wir hatten einen kleinen unerfreulichen Zwischenfall." Er steuerte das Schlafzimmer an. Er würde gleich duschen. Hauptsache, er hatte schon mal seine Kleidung gewechselt. Alles klebte. "Ich hoffe, dein Tag war etwas besser?", fragte er über die Schulter hinweg, während er sich das Shirt über den Kopf zog und in die Ecke warf. Wahrscheinlich durfte er es sofort wegwerfen. Er zog ein anderes älteres Shirt aus seinem Schrank und zog es sich über. "Das mit der Apotheke hatte sich übrigens geklärt", schob er hinterher und stellte sich auf die Zehenspitzen, um den Kuss von eben nachzuholen.
      "Wenn ich das nächste mal trinken will, halte mich auf." Vielleicht war das der Weckruf gewesen, den er gebraucht hatte. Entweder das, oder er musste seine Alkoholtolleranz trainieren. Wahrscheinlich würde er sich in den nächsten Tagen erfolgreich für letzteres entscheiden. Spätestens wenn Richard wieder in London wäre und er bei seiner Familie bleiben würde, würde er um den Alkohol nicht herumkommen.
    • Richard

      Richard sah Niamh hinterher. Er gab sein Bestes, seine Gedanken im Rahmen zu halten, aber es schwer. Nachdem sie verschwunden war folgte er Caleb ins Schlafzimmer und lehnte sich mit verschränkten Armen an die geschlossene Tür während er ihm zusah, wie er ein beflecktes Kleidungsstück nach dem anderen loswurde. Richards Augen scannten ihn eine Weile wortlos.
      „Mhmm“, machte er, als Caleb seinen Zustand als unerfreulichen Zwischenfall bezeichnete. Jetzt war er doch gespannt. Caleb kam ihm erstaunlich ruhig vor.
      Richard holte kurz Luft und musste dann schließlich nochmal kurz verarbeiten, was Caleb gesagt hatte. „Ah, ich meine, das kommt darauf an. Ich denke ich hab Anstrengenderes erlebt, als mich kopfüber in mein Mittagessen zu werfen, so wie du es vielleicht gemacht hast. Auf der anderen Seite war es sicher nicht so schlimm, wie Zeuge eines unerfreulichen Zwischenfalls zu sein“ Er blinzelte Caleb an. Er ging nicht davon aus, dass Caleb irgendeinen Grund hatte, um ihn anzulügen. Es interessierte ihn, was in den wenigen Stunden so fatales passiert sein konnte. Würde das nicht jeden interessieren? Vor allem wenn man quasi sein eigenes Eid hinterging indem man Verbrechen ignorierte oder bestenfalls noch deckte. Sie hatten sich zwar darauf geeinigt, nie über die Details zu sprechen, aber das Detail klebte gerade auf dem Schlafzimmerboden.
      Er erwiderte den kleinen Kuss, bevor er nachpfefferte: „Ich dachte, du hattest Spaß? Laut Valentin, den ich heute nochmal von Neuem kennenlernen durfte, hat er dich völlig durchschaut während ich wie ein Trottel daneben gesessen bin und gestern sowie heute kurz davor war, einen unerfreulichen Zwischenfall zu begehen“ Er lächelte. „Fairerweise wussten wir beide nicht, dass ich ihm heute über den Weg laufe. Oder? Ansonsten hättest du mir heute Morgen bestimmt noch gesagt, dass das alles nicht ernst gemeint war und er einen Freund hat“ Richard stoppte sich. Er legte den Fokus gerade nicht auf die richtige Problematik. „Jedenfalls… Wie lief dein Kaffeekränzchen mit deiner Schwester?“
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    • Caleb

      Heeeey, wunderbare Nachricht! Er war offenbar noch nicht am Tiefpunkt des Tages angekommen! Caleb erstarrte, als Richard ihm von Valentin erzählte, den er schon wieder komplett aus seinem Kopf geschmissen hatte. Er dachte selten über die anderen Stammgäste des Pubs nach. Warum auch? Sie waren nicht befreundet, oder so.
      "Nein. Ich wusste nicht, dass er für deine seltsame Organisation arbeitet. Wir kennen uns nicht so gut. Ich habe nie nachgefragt, was er überhaupt beruflich macht." Aber das konnte nichts gutes bedeuten, oder? Valentin war...neutral. Sie hatten ab und an zusammen getrunken, sie hatten sich nett unterhalten, aber sie hatten nie das Level erreicht, bei dem man sich auch so mal traf, oder über wirklich persönliche Dinge redete. Caleb wusste nicht alles über MLO und das was er wusste, hatte er sich größtenteils selbst zusammengereimt. Bevor Richard es erwähnt hatte, hatte er nicht mal darüber nachgedacht, dass die Organisation einen Stützpunkt in Irland haben könnte. Er wusste, dass es ihnen größtenteils um Steine zu gehen schien. Genau so, wie seinen Eltern.
      "Ich habe heute morgen keine Sekunde an ihn gedacht. Ich hatte größere Probleme. Sonst hätte ich es dir wahrscheinlich erzählt", verteidigte er sich. Er hatte ja nicht wissen können, dass Richard Valentin vorher nochmal über den Weg laufen würde. Aber irgendwann hätte er das ganze sicher schon noch aufgelöst. Hatte er gestern nicht schon irgendwas in die Richtung gesagt? Er wusste es nicht mehr richtig. Aber wahrscheinlich war das eh irrelevant.
      "Es war blutig, wie du eventuell bemerkt hast", beantwortete er Richards abschließende Frage vielleicht etwas schnippiger, als er gewollt hatte. "Wir hatten ein Treffen mit einem potentiellen Partner, ich habe einen Stein übersehen und sie waren nicht sonderlich begeistert, als mir mein Fehler aufgefallen ist. Niamh wäre fast erstochen worden und es wäre alleine meine Schuld gewesen, was mein Dad wirklich ausgesprochen super fand." Er konnte immer noch die Hand seines Vaters um seinen Hals spüren, als er Caleb an die Wand gedrückt und ihm klar gemacht hatte, dass so ein Fehler nie wieder passieren durfte. Alles, während ihr neuer Partner Niamh versichert hatte, dass der Bodyguard vollkommen eigenmächtig gehandelt hatte. "Reicht dir das?"
    • Richard

      „Seltsam?“, widerholte Richard beinahe aufgebracht, aber er hielt sein Lächeln aufrecht. „Verstehe. Seltsam erklärt natürlich, warum man sich dazu beauftragt fühlen könnte, dutzende unschuldige Menschen zu ermorden. Das beantwortet dann ja, was ich eigentlich fragen wollte“ Er war eigentlich nicht der Typ für passiv-aggressive Streitgespräche. Entweder hatte man etwas zu sagen, oder nicht. Scheinbar wurde es nur ein wenig komplizierter, wenn man eigentlich garnicht so richtig wütend auf die spezifische Person war, mit der man redete. Es war nicht so, als hätte Caleb eigenhändig diese MLO Agenten erwürgt. Zumindest traute Richard sich, das anzunehmen. Trotzdem war er gerade der einzige, den er dafür irgendwie zur Verantwortung ziehen konnte. Es war komplex. Richard hatte eigentlich garkeine Lust auf diese Unterhaltung.
      „Oh, ja. Das war schwer zu übersehen“, unterstrich Richard, als Caleb das sehr offensichtliche Blut auf seiner Kleidung ansprach. Irgendwie irritierte es ihn immer mehr, wie entspannt Caleb darüber war. Seine Kleidung war voller Blut und er sprach darüber, als wäre es eine nachmittägliche Auseinandersetzung wie eh und je gewesen.
      Richard seufzte tief, als er, unvermeidlich, mehr über Calebs Job erfuhr, als er jemals wollte. Partner, Blut, geschmuggelte Steine… Warum musste er ausgerechnet in die verfickte Steine-Mafia hineingeboren worden sein? Warum nicht in eine Familie aus… Zirkusleuten. Auch da würde Richard sich irgendwann in den Kopf schießen wollen, aber etwas weniger dringend, als jetzt gerade.
      „Dein Vater klingt wie immer ausgesprochen sympathisch. Aber meinst du nicht, dass irgendwann ein Punkt erreicht ist, wo man sich vielleicht verabschiedet? Für immer? Ich meine, du gehst gerade verstörend locker mit der Sache um, aber reicht es dir nicht langsam? Ich weiß, du denkst, dass es aus irgendeinem Grund unmöglich ist, aber es ist alles andere als unmöglich, einen Schlussstrich zu ziehen. Vielleicht reicht dein schlechtes Gewissen ja auch noch nicht aus. Im vergangenen Jahr alleine sind 26 meiner Kollegen verschwunden. Ich denke nicht, dass sie alle Urlaub auf Ibiza machen. Du könntest wahrscheinlich ziemlich dabei helfen, dem ein Ende zu setzen“ Richard zuckte mit den Schultern. ‚Wenn du deine Daddy Issues in den Griff kriegst‘ wollte er hinzufügen, aber er ließ es sein. Er konnte kaum fassen, dass er dieses Gespräch überhaupt führen musste, aber Caleb musste dringend über seine… Schuldgefühle, Opferrolle, Abhängigkeitsprobleme, was auch immer es war- er musste darüber hinweg kommen. Das war doch alles abartig. Sie unterhielten sich über einem blutigen T-Shirt. Als hätte ihre Beziehung nicht ohnehin genug Hürden.
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    • Caleb

      Das war genau der Grund, warum sie eigentlich beschlossen hatten, nicht über die Arbeit zu reden, oder? Weil sie in keinerlei Hinsicht auch nur annähernd kompatibel waren und es nie sein würden. Diese ganze Diskussion war vollkommen sinnlos. Es stand nicht in Calebs Macht, irgendwas zu verändern und Richard würde nicht plötzlich seine Moral aus dem Fenster werfen. Sie würden sich einfach immer weiter im Kreis drehen.
      "Natürlich könnte ich einen Schlussstrich ziehen. Wir könnten sofort zurück nach London fliegen, hätten vielleicht ein, zwei Monate Ruhe und dann wärst du Nummer 27 auf der Liste und ich würde mir die Kugel geben." Caleb verschränkte die Arme vor der Brust, während er Richard entgegen sah. Die einzig andere Lösung wäre, ihren Tod vorzutäuschen und irgendwo anders neu anzufangen, was absolut nichts an der Situation für alle anderen ändern würde, außer dass Niamh vollkommen alleine mit ihren Eltern fertig werden müsste.
      "Ich würde eher höchst persönlich 26 Leute opfern, als dich verletzt oder tot zu sehen." Das war eigentlich das Schlimmste, was ihm noch im Leben passieren konnte. Außer Richard hatte er nicht viel, was ihm irgendwas bedeutete, egal wie sehr sie sich stritten.
      "Mein Vater hasst mich. Ihn interessiert nicht, was ich denke oder will", erklärte er, während er sich an Richard vorbei zurück ins Wohnzimmer schob. "Wenn du eine Veränderung willst, sprich mit Niamh."
      "Ich habe nicht unbedingt das Gefühl, Teil dieser Konversation sein zu wollen." Niamh sah nicht mal hoch, als sie sprach. Sie hatte ihr Outfit gegen eine schwarze Shirt/Jogginghosen Kombi gewechselt, die fast identisch zu der Kleidung war, die sie vorher getragen hatte. Ihre Haare hingen ihr in nassen Strähnen über die Schultern. Sie hatte ihre Tasche auf Calebs Wohnzimmertisch gestellt und war gerade dabei den Reißverschluss zu schließen, offenbar tatsächlich mit der Absicht, möglichst schnell wieder zu gehen. Was Caleb gar nicht so unlieb war. Sie hatte den Stein des Bodyguards an sich genommen. Ein kleines, hellblaues Ding, das einen Speer aus Eis beschwören konnte. Sein vorheriger Besitzer hatte den Speer in der Sekunde beschworen, in der Niamh den Stein angesprochen hatte und sich ohne zu zögern auf die gestürzt. Der Stein löste eine unangenehme Kälte in Caleb aus.
      "Offensichtlich haben unsere Leute ab und an ein paar tödliche Begegnungen mit Richards Kollegen", erklärte Caleb, während er an Niamh vorbei zum Fenster ging, um sich eine Zigarette anzuzünden.
      "Und jetzt?" Niamh sah von ihm zu Richard. "Hoffst du, dass mich das so schockiert, dass wir einfach aufhören, oder bietest du mir einen Deal an?"
    • Richard

      Richard seufzte und kniff sich mit den Fingern in den Nasenrücken, als könnte es irgendwie die Kopfschmerzen verhindern, die dieses Gespräch gerade in ihm auslöste. „Dir ist klar, dass ich sowieso auf der Liste landen könnte, solange ich hier bin, oder? Und sind deine Eltern echt zu bescheuert um herauszufinden, dass du die ganze Zeit in London sitzt weil du einen Agenten datest?“, fragte er zurück. Was Caleb sagte, ergab nur Sinn, solange Richard sich still und heimlich ausschließlich in London aufhalten und mit Caleb Schluss machen würde. Ansonsten hatte er zu seiner Familie sowieso eine Bindung, die er nicht haben wollte. Es gab in dieser Situation keine Lösung, außer Caleb von ihnen zu trennen und sich schließlich taktisch auf seine Familie zu stürzen, am besten mit jeder Hintergrundinformation, die Caleb geben konnte. Das würde sowieso nicht von heute auf morgen funktionieren und es war riskant, aber nicht so riskant, wie nichts zu tun.
      Richard schwieg einen Moment. „Ich würde das nicht wollen“, sagte er. Er war derjenige, der sich opfern würde. Das war gewissermaßen sein Job, der mit dem Risiko kam. Wenn er es zulassen würde, das für ihn 26 Leute starben, wäre er der größte Feigling der Geschichte. Und außerdem würde er dann diese Unterhaltung nicht führen. Sein einziger Grund, erst mit Caleb als sonst jemandem darüber zu sprechen, war, um ihn schließlich irgendwann hoffentlich zu überzeugen, nicht mehr mit seinen Eltern unter einer Decke zu stecken. MLO würde sich ohnehin um seine Fähigkeit, Steine zu spüren, reißen, also musste er sich kaum Sorgen um seine Zukunft machen, solange er genug Reue zeigte und selbst kein Blut an den Händen hatte.
      „Ich finde es auch nicht witzig, dich blutgetränkt zu sehen. Nächstes Mal ist es vielleicht dein eigenes. Ich verstehe nicht, wieso du das Risiko nicht eingehen willst, deine Familie zu verlassen, wenn es genauso riskant ist, hier zu bleiben“ Es machte keinen Sinn. Caleb hatte einfach nur Angst und wollte bei dem bleiben, das er kannte. Richard konnte es kaum mitansehen. Es machte ihn jedesmal wieder ein bisschen wütend.
      Er drehte sich herum, als Caleb ins Wohnzimmer spazierte und ihr Gespräch damit einfach zwanghaft beendete. Schön. Das war also die Lösung, hm? Nicht darüber zu reden.
      „Danke, aber ich bin mir sicher, dass dich so schnell nichts schockieren kann und ich kann dir nicht viel anbieten“, murrte er in Niamhs Richtung. „Es sei denn, du springst auf die klassische verkürzte Zeit im Knast an. Oder hast Lust auf ein Leben als Informantin gegen Immunität“ Gott, er hasste diese Frau. Er sah sie zum zweiten Mal, aber ihre überhebliche Art kotzte ihn an. War es das, was Leute fühlten, wenn sie ihn trafen?
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