The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Niamh

      Andrew hatte wirklich Glück, dass Ezra an ihm hing und Niamh keine Lust hatte, für den Rest ihres Lebens von ihrem Bruder heimgesucht zu werden. Sie lehnte sich etwas vor Andrew runter, um ihm in die Augen sehen zu können, die starr durch sie hindurch sahen, die Pupillen unnatürlich geweitet. Zum Glück. Sie hatte keine Ahnung, wie Andrew sonst auf sie reagiert hätte.
      "Dad hat den Stein. Ich habe Caleb schon geschrieben, dass wir einen kleinen Notfall haben, vielleicht findet er etwas, was den Effekt stört." Den Gedanken hatte sie sich noch nie vorher machen müssen. Der Stein war noch nie gegen jemanden gerichtet worden, der es nicht verdient hätte.
      "Ezra geht nicht ans Handy, aber ich bleibe dran." Entweder hatte ihr Bruder gerade einen Nervenzusammenbruch, oder er war nicht so unbeschadet entkommen, wie ihr Dad angedeutet hatte. Niamh würde es schon herausfinden. Sie konnte sich auf jeden Fall nicht vorstellen, dass das alles spurlos an ihm vorbeigehen würde. Sie sollte wahrscheinlich das Flugzeug vorbereiten. Ezra würde schon auftauchen und bis dahin brauchten sie einen Plan.
      "Wir bekommen dich schon irgendwie hier raus", versprach sie in der Hoffnung, optimistischer zu klingen, als sie sich fühlte. "Dad hat kein Interesse an dir. Er will Ezra. Wenn er dir irgendwelche Fragen stellt - lüg einfach. Er hat keine Steine, um zu prüfen, ob du die Wahrheit sagst." Obwohl sie bezweifelte, dass ihr Vater sich nochmal blicken lassen würde. Ihm ging es wirklich einzig und alleine um Ezra.

      "Das ist ein Albtraum und ich hasse euch alle", beendete Niamh ihre kleine Zusammenfassung der letzten Studnen mit einem frustrierten Seufzen. Sie saß auf der Couch in Calebs Wohnzimmer, ihr Hand fest umklammert, eine halbleere Tüte Gummibärchen auf dem Schoß. Sie hatte Ezra immer noch nicht erreicht und stattdessen Ada angerufen. Sie war am Telefon geblieben, während Ada in die Wohnung hochgegangen war. Offenbar waren Ezra und die Kinder komplett weggetreten und Ada hatte es nicht geschafft, einen von ihnen zu wecken. Sie waren sich beide nicht sicher, ob es die nachwirkenden Effekte eines Steins waren, oder ob die viel manuell betäubt worden waren, oder etwas ähnliches. Niamh hatte Ada eine kleine Liste mit Dingen gegeben, die sie Ezra sagen sollte, wenn sie es schaffte, ihn aufzuwecken und war direkt zu Caleb gefahren.
      "Es ist vollkommen unmöglich ihn irgendwie da raus zu holen ohne dass Dad realisiert, dass wir ihm geholfen haben." Caleb war blass wie ein Stück Papier. Seine Finger schwebten über seinem Tablet, auf dem er bis gerade die Liste an Steinen in seinem Repertoire durchgegangen war, um eine Lösung für Andrews Blindheit zu finden. Sie zitterten leicht. Niamh konnte ihm ansehen, dass er sich wieder Selbstvorwürfe machte. Er saß neben seinem Freund, der überraschend an ihm zu kleben schien, was ihnen jetzt tragischerweise vielleicht sogar von Nutzen sein könnte.
      "Selbst wenn wir ihn irgendwie rausbekommen - was dann?", fragte Niamh, während sie in die Gummibärchentüte griff. Sie war immer schon Stressesserin gewesen. Sie brauchte Zucker zum Denken. "Wir müssten sie irgendwie aus Irland rausbekommen, ohne dass es jemand merkt. Das ist bei einer Person schon schwierig, aber zwei Erwachsene und drei Kinder?"
    • Richard

      "Ich wusste, dass das passiert", murrte Richard. Und bevor ihm jemand – speziell Caleb – einen irritierten Blick zuwerfen konnte, fügte er hinzu: "Oder sowas auf die Art"
      Gut, das Opfer war Andrew, und der Zweck war, Ezra zurück in die Familie zu zwingen, aber sah Caleb nicht langsam, wie absolut krank diese Leute drauf waren? Und wenn ihm so viel an Richard lag würde er das nicht durchgehen lassen, oder? Seine Eltern schienen schließlich vor niemandem Halt zu machen. Auch wenn die Chance bestand, dass sie von Andrews neuem Posten bei MLO garnichts wussten. Das wäre für sie von Vorteil.
      Richard musste seinen Ärger zur Seite schieben und wieder in sein Arbeitsmindset kommen. Wundervoll. Sein Urlaub wurde immer weniger zum Urlaub weil dieser Bastard sich entführen lassen musste. Das einzig Gute an der Sache war, dass es Caleb in die Ecke zwang, auch wenn Richard es ihm nicht wünschte. Aber zumindest hatten sie keine Wahl mehr, als etwas zu tun.
      "Es wäre absolut bescheuert, wenn Ezra mit und oder ohne Kinder hierher kommt. Am besten wäre es gewesen, ihn garnicht zu informieren. Wessen dämliche Idee war das? Wenn er ausflippt, muss ihn meinetwegen jemand in London fesseln. Familienmitglieder haben bei sowas eigentlich sowieso nichts verloren und wer zieht seine Kinder mit rein? Ich wusste ja, dass es eine beknackte Idee ist, diese Idioten eine Adoption durchziehen zu lassen. Außerdem gibt man den Kriminellen bei einer Geiselnahme nicht einfach, was sie wollen. Es werden erst alle anderen Optionen durchgegangen, und dann wird womöglich verhandelt" Richard seufzte genervt. Natürlich hatten diese Leute keine Ahnung, was sie taten. Immerhin standen sie auf der falschen Seite. Es wäre besser, wenn Richard ein Team hätte, das sich mit solchen Dinge auskannte. Er war nicht sonderlich heiß auf die Sache, aber er konnte seinen Boss schlecht im Keller der Eltern seines Freunds verrotten lassen.
      "Okay. Folgendes. Nach dem, was ich von euch gehört habe, wird eine Verhandlung nicht laufen. Mr. Bailey will seinen Sohn, und den bekommt er nicht. Dann bleiben uns nurnoch die Optionen, Andrew mit Gewalt dort rauszuholen, oder uns hineinzuschleichen. Mit der Kombination aus den Steinen von MLO's Dublin-Save und was auch immer ihr im Repertoire habt, wird es wohl eine Möglichkeit geben, das umzusetzen. Fakt ist aber, dass ich für Gewalt bin, weil es für alle unpraktisch wäre, wenn eure Eltern unbeschadet davonkommen. Wenn ihnen auffällt, dass ihr beteiligt wart, habt ihr ein Problem, und für MLO wäre es sowieso besser, sie außer Gefecht zu setzen" Richard lehnte sich zurück. "Wir haben eine Location, Details, und ein riesiges Team, wenn ich einen Anruf mache. Also, Kommentare, Fragen?"
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Niamh

      "Wir haben überhaupt keinen Raum zum Verhandeln. Dad will Ezra. Wir könnten höchstens darüber verhandeln, wie lange Dad wartet, bis Andrew ihn nervt und er ihn loswerden will." Was nicht allzulange dauern würde, wenn Niamh die beiden richtig einschätzte. Ihr Dad liebte Präzision und Geschwindigkeit. Geduld war nie seine Stärke gewesen. Andrew hatte Glück, dass ihre Eltern wohl so versessen darauf waren, Ezra zu finden. Richard hätte wohl eine deutlich kürzere Behandlung bekommen.
      "Sie werden Ezra so oder so irgendeine Nachricht hinterlassen haben. Besser, er weiß, dass wir zusammen an dem Problem arbeiten, als dass er irgendwas alleine probiert", mischte Caleb sich ein, ohne den Blick von seinen Tablet zu heben. Er zögerte kurz, bevor er auf den Bildschirm tippte und sich offenbar einen weiteren Stein markierte, der Andrew helfen könnte. "Wir finden schon irgendwas, um die Kinder aus der ganzen Sache rauszuhalten." Dass Ezra auf die Idee kommen würde, alleine zu handeln, wäre wohl das Schlimmste, was passieren könnte. Niamh musste zugeben, dass ihr Bruder ein brillanter Dieb war, aber eben halt auch anfällig für Missgeschicke und emotional. Vor allem, wenn es um seinen Freund ging, was sicherlich für ihn sprach, jetzt gerade aber nicht half. Sie griff wieder nach den Gummibärchen, während sie Richard weiter zuhörte und sich das Gesagte einmal durch den Kopf gehen ließ.
      "Nein", beschloss sie mit einem kurzen Kopfschütteln. "Nach unserem aktuellen Stand wissen unsere Eltern nichts von MLO. Wenn etwas schieflaufen sollte, geratet ihr direkt als nächstes in den Fokus und das wäre katastrophal." Ganz davon abgesehen, dass sie keine Ahnung hatte, wie weit dieser schräge Verein gehen würde. Ihr kam es recht unrealistisch vor, dass sie Andrew rausholen und sonst nichts mit dieser Gelegenheit anstellen würden. Sie konnte es sich nicht leisten, dass ihre Eltern vor Gericht landen würden. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich und ihre Familie dabei selbst aus der Affäre ziehen sollte.
      "Aktuell haben sie Andrew als Druckmittel für Ezra. Es wäre ziemlich unpraktisch, wenn sie realisieren würden, dass er ihnen weitaus mehr bringen kann, als nur das", fügte sie hinzu.
      "Ihr diskutiert gerade nicht wirklich darüber, Mom und Dad auszuschalten, oder?" Caleb sah von seinem Tablet auf. Ein bisschen blasser und sie könnte glatt durch ihn durchsehen. Niamh sah ihm kurz entgegen, überlegte, etwas zu sagen und entschied sich dann dagegen. Stattdessen wanderte ihr Blick wieder zurück zu Richard.
      "Wir könnten MLO als Backup nutzen, wenn es keine andere Lösung gibt, aber ich bin dafür, dass wir das unter uns klären." Mittlerweile war die Tüte leer. "Du solltest ihnen nur vielleicht nicht direkt erzählen, was passiert ist. In den ersten paar Wochen als Leitung gekidnapped zu werden ist etwas peinlich. Oder erzähl es ihnen. Mir eigentlich egal. Dein Call."
    • Richard

      Richard hatte keine Geduld für diesen Schwachsinn. „Wir sind uns einig, dass es keine Verhandlung geben kann, und dass man Ezra von hier fernhalten muss. Und du denkst allen Ernstes, dass eine Konfrontation funktioniert, wenn wir… zu dritt sind?“ Richard blinzelte Niamh ungläubig an. War sie high? Sie müsste ihre eigene Familie und deren Ressourcen doch besser kennen, als jeder andere. Und sie dachte im Ernst, dass sie ohne MLO auch nur den Ansatz eines Plans hatten?
      „Bis sie realisieren, wer sie überfällt, sind wir längst wieder weg. Was danach passiert, ist egal, weil wir eure Eltern auf jeden Fall festnehmen werden“, sagte Richard nachdrücklich. Er sah zu seiner Seite, als Caleb sich zu Wort meldete, und aussah, als hätte man ihm jegliche Farbe geraubt. Nicht, dass es vorher besser gewesen war. Niamh war mit einer Hiobsbotschaft hier angekommen.
      Richard seufzte frustriert und legte einen Arm um Caleb, mit dem seltsamen Verlangen, ihn warm zu reiben, wie ein erfrorenes, verlorenes Kind. „Keiner spricht von ausschalten, nur von… okay, ausschalten, aber nicht in dem Sinne, dass irgendjemand stirbt“, versuchte Richard ihn zu beruhigen, was allerdings noch nie seine Stärke war.
      Er sah Niamh an und lachte kurz auf. „Oh, ihr könnt darauf wetten, dass ich das an die große Glocke hänge. Vielleicht wird er dann gezwungen, seinen Posten abzutreten“, sagte er. Das war vielleicht das einzig Gute an der Sache. Nur musste Richard es anonym erzählen. Wie auch immer er das machen würde.
      „MLO sollte nicht nur unser Backup Plan sein, aber wenigstens stellst du dich nicht komplett quer“, murmelte er schließlich. Niamh ging ihm unglaublich auf die Nerven, aber zumindest hatte sie ihre Gesichtsfarbe unter Kontrolle.
      „Schön. Ich halte ein Team auf Stand-by. Aber nur damit du es weißt, mit MLO zusammen zu arbeiten, würde dich und Caleb auf die sichere Seite des Ganzen bringen. Das Mindeste wäre er eine ordentliche Strafminderung“ Zumindest gesagt sollte er es wohl mal haben. „Also dann schieß los. Was ist dein Plan?“
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Caleb

      Ein kleiner Teil von Caleb wollte immer noch nicht ganz wahrhaben, dass das hier wirklich passierte. Irgendwie war es das selbe, wie bei den ganzen anderen Gewalttaten, die er in den letzten Jahren miterlebt hatte - es fühlte sich an, als würde es jemand anderem passieren. Als wäre es nicht real. Als würden gleich alle aufspringen und ihm sagen, dass es nur ein Spiel war, oder dass sie eigentlich über irgendjemand anderen redeten. Das war noch nie passiert, aber das beeinträchtigte dieses komische Gefühl kaum. Was komisch war. Er war sich sicher, dass er sich schuldiger fühlen sollte. Das alles passierte nur, weil er sich nicht mehr die Mühe gemacht hatte, alle Informationen über Ezra, die irgendwie seine Eltern erreichen könnten, abzufangen. Sie hatten sich gestritten, er war trotzig gewesen und jetzt hatte er alles ruiniert.
      Es war nicht so, dass er gar nichts fühlte. Er war definitiv panisch. Die Vorstellung, ihre Eltern irgendwie auffliegen lassen zu wollen, war grausam. Weniger, weil er an seinen Eltern hing und mehr, weil er nicht wissen wollte was passieren würde, wenn alles schief ging. Sein Dad war schon unberechenbar, wenn man einen Fehler machte und Caleb wollte nicht herausfinden was passieren würde wenn man plante, ihn zu hintergehen. Den letzten Leuten, die das probiert hatten, war es nicht sonderlich gut ergangen.
      "Ich bin nicht dagegen, zusammen zu arbeiten", lenkte Niamh ein, die das alles so viel leichter zu nehmen schien. Sie war angespannt und Caleb konnte an ihrem übermäßigen Gummibärchenkonsum erkennen, dass sie Stress hatte, aber man merkte es ihr kaum an. "Ich will nur nicht mehr Leute in die Schusslinie ziehen, als unbedingt nötig. Wir scheinen ja jetzt schon genug von euch auf dem Gewissen zu haben." Niamh stand auf, legte die leere Gummibärchentüte zur Seite und ging zu dem kleinen Wohnzimmerschrank, in dem Caleb die wenigen Süßigkeiten aufbewahrte, die er im Haus hatte.
      "Das Grundstück wird komplett kameraüberwacht und es gibt ein paar Sensoren die Alarm geben, wenn man durch sie durch läuft", erklärte sie, während sie sich eine Tafel Schokolade aus dem Schrank zog und zurück zum Sofa ging. "Ich bin mir nicht sicher, ob wir es schaffen, sie zu hacken. Falls nicht, brauchen wir Ezra sowieso. Sagt ihm nicht, dass ich das gesagt habe, aber - er ist definitiv besser darin, irgendwo einzubrechen, als ich. Mein Plan wäre simpel. Mom und Dad ablenken, einsteigen, Andrew rausholen und dann sehen, wie es weiter geht. Es wird höchstwahrscheinlich noch Überwachung von außen geben, aber ich denke, dass wir die irgendwie packen. Wir sind immerhin mindestens zweieinhalb kompetente Personen." Sie ging nicht näher darauf ein, wie genau sich die 'zweieinhalb kompetenten Personen' zusammensetzten. "Es gibt ein paar Dokumente, die Mom und Dad belasten könnten, ohne, dass es auf uns zurückfällt. Wenn wir es geschickt anstellen, können wir die ebenfalls mitnehmen. Wie weit bist du mit den Steinen, Cal?"
      Caleb zuckte kurz zusammen, als Niamh mitten in ihrer kleinen Ansprache das Thema wechselte. Er hatte das Tablet auf seinen Schoß sinken lassen und merkte viel zu spät, dass er in den letzten Minuten beinahe automatisch näher an Richard herangerutscht war, um sich an ihn zu lehnen.
      "Ich habe zwei Steine, die Andrew helfen könnten. Ich habe noch nie wirklich versucht, einen anderen Stein zu negieren, also wird das ganze wohl ein kleines learning by doing, schätze ich. Am einfachsten wäre es, wenn wir Dad den originalen Stein abnehmen würden, aber ich habe einen Stein, der die eigene Sicht verschärft und sie damit eventuell kontern könnte und einen, der generell sämtliche fremden Effekte entfernt, allerdings muss man sich von dem übergeben, was etwas weniger...unauffällig ist." Er würde trotzdem beide mitnehmen. Sie würden schon irgendeine Ausrede finden. Außerdem hatte er sowieso noch genug andere hilfreiche Steine markiert, die entweder bei ihm oder seinen Eltern im Tresor lagen. "Also...brainstormen wir jetzt, bis Ezra sich meldet?"
      "Jepp. Dürfte nicht mehr lange dauern." Niamh sah kurz auf ihr Handy. "Laut Ada ist er wach und steckt in einer Panikattacke. Ich gebe ihm...fünfzehn Minuten, vielleicht?"
    • Richard

      "Klar, weil dich das jetzt plötzlich interessiert", murmelte Richard zu sich selbst, als Niamh ihren unglaubwürdigen Grund lieferte, weshalb sie keine Unterstützung von Magia Lapides haben wollte. Ja, vielleicht war er gerade ein wenig trotzig, aber die Gesamtsituation ging ihm unglaublich gegen den Strich. Wieso musste ausgerechnet er Andrew retten? Wieso musste Andrew ausgerechnet von Calebs Eltern entführt werden? In seinem Urlaub? Und war es nicht unglaublich erbärmlich, dass er gerade erst zum Chef befördert worden war?
      "Meinst du, sie verdächtigen euch nicht, wenn Andrew zufällig verschwindet während ihr sie ablenkt?", fragte Richard interessiert, weil er wirklich keine Ahnung mehr hatte, was in Niamhs Kopf vorging. "Ich glaube, du bist etwas zu optimistisch. Der Plan, Andrew still und heimlich zu retten ohne euren Eltern ein Haar zu krümmen, wird nicht gut ausgehen. Ich muss sie festnehmen, mindestens. Und dafür brauche ich ziemlich sicher Backup. Wenn nicht von MLO, dann zumindest von euch und bestenfalls Andrew, wenn er wieder sehen kann. Er würde uns alle übrigens köpfen wenn er hören würde, dass wir eine Rettungsmission für ihn planen als wäre er ein kleines Kind. Du planst besser seine Sturheit mit ein" Richard schielte zur Seite um sicherzugehen, dass Caleb gerade keinen Kopf dafür hatte, sauer darüber zu sein, dass Richard Andrew seit Ewigkeiten kannte.
      "Jedenfalls haben wir gerade keinen Raum, um uns Sorgen um das Wohlergehen eurer Eltern zu machen, oder den Erhalt eures kriminellen Monopols. Gott, diese Familie war unausstehlich. Richard musste irgendwann mal Calebs Erinnerungen auslöschen und mit ihm auswandern.
      "Also… warten wir jetzt, dass Ezra hier ankommt und hysterisch dabei versagt, uns bei dem Plan zu unterstützen? Super. Finde ich ganz toll. Dann mache ich mir noch einen Kaffee" Richard stand murrend auf, um in die Küche zu gehen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Verwirrung, Panik, Sorge, Wut, Hass. Ezra war sich sicher, dass er in der letzten halben Stunde mehr Emotionen durchgemacht hatte, als es ein Mensch tun sollte. Es half nicht, dass hinter all diesen Emotionen ein ständiger Schwindel lag. Wer auch immer Andrew entführt hatte, musste einen Stein genutzt haben, damit Ezra und die Kinder nicht wach wurden. Ezra hatte immer noch das Gefühl, einschlafen zu können, wenn er die Augen schloss. Sein Kopf wollte nicht ganz wach werden. Er war generell erst hochgeschreckt, als Ada ihm mit aller Kraft ins Gesicht geschlagen hatte. Seine Wange pochte immer noch ein wenig. Ada hatte deutlich mehr Kraft in den dünnen Ärmchen, als man meinen sollte. Wenigstens war sie genau so panisch, wie er.
      "Ich hatte Angst, dass du gar nicht mehr aufwachen würdest", flüsterte Ada mit zitternder Stimme, während sie sich darum bemühten, die Kinder wach zu bekommen. Möglichst ohne weitere Gewalt. Elli fing in Ezras Armen zu weinen an. Er wippte sie leicht auf und ab und unterdrückte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Er wusste, dass er sicher gehen musste, dass es den Kindern gut ging, bevor er in den nächsten Flieger nach Irland springen konnte, aber alles in ihm schrie danach, alles stehen und liegen zu lassen, um sofort zum Auto zu rennen und los zu fahren.
      Ein Teddybär hatte auf Ezras Nachttisch gesessen, als er zu sich gekommen war. Er war alt und etwas verstaubt, deutlich abgenutzt durch kleine Kinderhände. Ada hatte ihn zwischen den Kinderspielsachen kaum wahrgenommen, aber Ezra war sein eigenes Kindheitskuscheltier sofort ins Auge gesprungen. Er hätte den Brief, der mit einer roten Schleife um den Hals des Teddys gebunden war, nicht lesen müssen um zu verstehen, was passiert war. Die Handschrift seines Vaters war ihm immer noch seltsam vertraut. Verschnörkelte Buchstaben, die schon schwer zu entziffern waren, wenn man nicht das Gefühl hatte, dass sich der Raum um einen herum drehte, aber er hatte eine Vorahnung, was drinstehen würde, bevor er den kleinen Brief aufgerollt hatte. Seine Eltern hatten offenbar herausgefunden, wo er lebte und hatten Andrew entführt. Er hatte 24 Stunden, um zu ihnen zu kommen und er hatte schon viel zu viel Zeit verschwendet.
      "Ich frage Thomas und Steve ob sie Zeit zum Babysitten haben, wenn ich im Auto bin. Kommst du solange mit ihnen klar?", fragte Ezra, während Max sich im Schlaf umdrehte, nicht gewillt, sich wecken zu lassen. Ezra war immer noch hin- und hergerissen, ob er hierbleiben sollte, bis sie wach waren, oder einfach gehen sollte. Er konnte die Kinder nicht ohne eine Erklärung zurücklassen, oder?
      "Natürlich. Kann ich sonst noch irgendwie helfen?" Ada schüttelte Max erneut, ohne großen Erfolg. Elli schien die einzige zu sein, die nicht künstlich im Schlaf gefangen gewesen war.
      "Nein. Ich möchte nicht, dass du irgendwie mit reingezogen wirst." Zumindest nicht noch mehr. Ada hatte sich schon die Mühe gemacht, Niamh zu kontaktieren, die bestätigt hatte, dass ihre Eltern Andrew gekidnapped hatten und versprochen hatte, irgendwie zu helfen. Ezra war sich nicht ganz sicher, wie sehr er ihr vertrauen konnte, aber er hatte keine andere Wahl.
      "Du bist deinen Eltern nichts schuldig." Ada hörte auf an Max zu ziehen und sah zu Ezra hoch. "Mach dir das bitte bewusst."
      "Ich weiß." Ezra drückte Elli ein wenig enger an sich. "Ada, falls wir nicht zurückkommen sollten-"
      "Ach halt die Klappe."



      Niamh

      "Ezra ist offiziell seit über zehn Jahren tot. Ich denke dass Mom und Dad es mir abkaufen, wenn ich nach dem ersten Schock doch noch ein paar mehr Fragen habe und sie damit vielleicht versehentlich etwas ablenke. Unsere Priorität sollte es sein, Andrew raus zu holen. Was wir machen, wenn unsere Eltern realisieren, entscheide ich, wenn es so weit ist." Niamh machte eine kleine wegwerfende Handbewegung, gerade so, als ob sie gerade diskutieren würden, was sie am Wochenende kochen sollten. Sie war deutlich nervöser, als sie zugeben wollte. Es gab zu viele Variablen in dieser Sache. Andrew, Ezra, Caleb, ihre Eltern, Richard, MLO. Zu viele Spieler auf einem zu kleinen Feld.
      "Denkst du, du bekommst es hin Andrew den Stein heute noch zu geben? Ich denke Dad wird es nicht hinterfragen, wenn du ihn kurz sehen wollen würdest." Sie sah kurz zu Caleb, während Richard sich offenbar auf den Weg zur Küche machte, was absolut perfekt war. Caleb sah ihr unsicher entgegen, bevor er kurz nickte und tief durchatmete. Sie konnte ihm ansehen, wie er alles, was ihn durch den Kopf ging, nach und nach in eine Kiste steckte und sie ganz tief im Unterbewusstsein vergrub. Er tat das manchmal. Es war immer wieder ein wenig beängstigend. Aber er sah deutlich weniger panisch aus, als er aufstand und in sein Arbeitszimmer ging, um die Steine zu holen. Niamh sah ihm kurz nach, bevor sie ebenfalls aufstand, um Richard in die Küche zu folgen.
      "Ich will Ezra nicht dabeihaben", begann sie übergangslos, während sie sich in den Türrahmen lehnte. "Wir brauchen ihn, damit ihr unbemerkt ins Haus kommt, weil ich niemanden kenne, der besser darin ist, irgendwo einzubrechen, als er, aber danach ist er unsere größte Schwachstelle. Würdest du ihn außer gefecht setzen, wenn ich dir den entsprechenden Stein dazu geben würde, oder hast du moralische Bedenken?" Sie hob fragend eine Augenbraue, auch wenn sie sich sicher war, die Antwort bereits zu kennen. Wahrscheinlich würde Richard nicht mal einen Stein dazu benötigen. Falls es zu irgendeiner Auseinandersetzung kommen sollte, konnte sie es zumindest nicht gebrauchen, dass Ezra irgendeine emotionale Entscheidung traf, oder wieder einen Unfall baute. Ihn von Anfang an aus der Gleichung zu nehmen war die effektivste Lösung.
    • Richard

      Richard kramte in der Küche durch einen kleinen Korb voller Kaffeekapseln unterschiedlicher Geschmacksrichtungen, die Hälfte derer er vor ein paar Tagen erst aus Neugierde gekauft hatte. Er hatte zuhause keine Kapselmaschine, obwohl er nicht genug Kaffee trank um die Vollautomatische zu rechtfertigen, die er sich gekauft hatte, weil er mal wieder etwas hatte haben müssen, nur um es zu haben. In letzter Zeit hinterfragte er so einige Entscheidungen, die er in seinem Leben getroffen hatte. Und wahrscheinlich sollte er seine Kaffeemaschine gegen irgendeine billige Kapselmaschine tauschen, damit er mehr von den lustigen Geschmacksrichtungen hatte, die eigentlich an Gewaltverbrechen grenzten. 'Rise and Shine – Coco-Vanilla-Caramel'. Richard war einen winzigen Schritt davon entfernt, seinen Kaffee mit einer Portion Sahne und ein paar Zuckerstreuseln zu dekorieren. In der letzten Woche war er ekelhaft glücklich genug gewesen, um diesen Schritt zu wagen. Und jetzt wurde er aus seinem charakter-untypischen Hoch gerissen, um in völlig neue Abgründe von Menschenhass geschleudert zu werden. Alleine 'Coco-Vanilla-Caramel' zu lesen brachte ihn schon in Stimmung, jemandes Gesicht mit einem Ziegelstein zu streicheln.
      Richard schnappte sich die langweiligste Sorte, die er finden konnte, was im Endeffekt 'Choco-Choco' war und ihn auch nicht glücklicher machte, als Niamh sich hinter ihm zu Wort meldete. Er drehte sich herum und verschränkte die Arme. Wenn Caleb nicht aufgelöst neben ihm saß, hatte er keinen Grund, sich zu bemühen, ein bisschen weniger düster zu sein.
      "Die Frage ist eher, wie sehr du an ihm hängst", brummte er. "Ich mochte ihn am liebsten, als er komatös in einem Krankenhausbett gelegen hat" So genervt Richard auch war, er sprach trotzdem leise und konnte sich ein paar kontrollierende Seitenblicke zur Tür nicht verkneifen, weil er es nicht gebrauchen konnte, dass Caleb seine Gewaltandrohungen hörte. Den Streit hatten sie hinter sich.
      "Ich brauche keinen Stein, aber meinetwegen. Keine Sorge, meine Selbstkontrolle wird wahrscheinlich ausreichen, solange er nichts bescheuertes sagt oder ich Andrew und ihn im selben Raum erleben muss", fügte er ein wenig ernster hinzu. "Choco-Choco?", fragte er und hielt die Kaffeekapsel hoch.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Niamh

      “Ich hab die letzten Jahre gedacht, dass Ezra tot ist, nur damit er plötzlich wieder auftaucht und noch nerviger ist, als vorher und kurz darauf durfte ich noch Calebs Liebeskummer aushalten. Zwei mal. Aber wem erzähle ich das. Du kannst dir vorstellen, wie toll die letzten Monate waren.” Niamh seufzte dramatisch. Sie liebte ihre Geschwister, aufrichtig, aber sie wäre auch zufrieden gewesen, wenn ihre Brüder ein bisschen…normaler wären. Oder zumindest weniger anfällig für Drama und Katastrophen. Es war okay gewesen, die letzten Jahre über immer wieder ein Auge darauf zu haben, dass Caleb sich nicht von der nächstbesten Klippe stürzte, aber sie wusste immer noch nicht, was sie mit Ezra anstellen sollte. Er hatte so ein vollkommen anderes Leben als sie und eigentlich müsste sie sich keinen Kopf um ihn machen, wenn er es nicht laufend schaffen würde, sie in jedes neue Chaos reinzuziehen.
      Obwohl sie mit Ezras Chaos wahrscheinlich noch zurechtkommen würde, wenn Caleb in den letzten Monaten nicht noch instabiler geworden wäre, als er eh schon war. Caleb war nie vollkommen unproblematisch gewesen. Er hatte immer wieder Phasen gehabt, in denen seine Depressionen offenbar neue Höchststände erreicht hatten, aber bisher hatte er das alles mit sich selbst ausgemacht. Er war ein paar Wochen verdächtig ruhig gewesen, hatte sich soweit zurückgezogen, wie er konnte und irgendwann wieder enthusiastisch über irgendein Musical geredet, das Niamh nicht interessierte. Er war nie sonderlich laut gewesen, aber er hatte funktioniert. Er hatte sie noch nie so penetrant ignoriert wie in den letzten Wochen, als er in London gewesen war. Er wäre vorher wahrscheinlich generell nie auf die Idee gekommen, so lange weg zu bleiben. Niamh wusste immer noch nicht ganz, ob sie Richard dafür danken, oder hoffen sollte, dass er endlich komplett aus Calebs Leben verschwand.
      “Ich bin mehr so der Karamell-Typ", erwiderte sie Richards Angebot mit dem Kaffee. "Wie lange brauchst du, um dich mit MLO zu koordinieren? Ich würde das alles gerne so schnell wie möglich hinter mich bringen.” Außerdem hatten sie wahrscheinlich nicht sonderlich viel Zeit. Niamh konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Eltern sonderlich begeistert mit Andrew in ihrem Keller waren. Für gewöhnlich versuchten sie es zu vermeiden, Geiseln zu nehmen. Zu aufwendig, zu riskant und sobald sie wussten, wie man aussah oder wo sie waren, mussten sie eh sterben, was in Andrews Fall wahrscheinlich irrelevant war. Niamh war sich ziemlich sicher, dass ihre Eltern nicht vor hatten, ihn am Leben zu lassen, sobald sie Ezra hatten. Und wenn man von Teufel sprach-
      "Oh. Sekunde." Niamh zog ihr Handy aus ihrer Hosentasche, in der es fröhlich angefangen hatte zu klingeln. Ezra. Offenbar war er mittlerweile wach und hatte hoffentlich geschlussfolgert, dass sie zusammenarbeiten mussten. Sie atmete kurz durch, bevor sie den Anruf entgegennahm.
    • Richard

      "Hey, das war nicht allein meine Schuld", verteidigte Richard sich grummelnd und drehte sich endlich um, damit er sich der Kaffeemaschine widmen konnte. Er würde sich in all dem Chaos trotzdem nicht beschuldigen lassen, dass er die Wurzel von Calebs überdramatischen Depressionsschüben war. Sie hatten sicherlich beide ihre Probleme, was genau der Grund war, wieso es zwischen ihnen niemals von Anfang an problemlos hätte klappen können. Das wichtige war doch, dass sie weitgehend darüber hinweg waren, oder? Dass sie jetzt einigermaßen glücklich waren. Vielleicht war diese beschissene Situation nun auch das, was sie brauchten, was sie hinter sich bringen mussten, um wirklich eine reibungslose Beziehung zu führen. Immerhin war Calebs Familie das Problem.
      "Wenn du mit Koordinieren meinst, ein paar Leute auf Standby zu halten, ohne ihnen zu viele Informationen zu geben, damit sie die Dinge nicht selbst in die Hand nehmen und potentiell zu eurem Problem werden, dann… nicht lang. Aber das ist fast riskanter, als sie gleich ins Boot zu holen" Er sah über die Schulter. "Deine Entscheidung. Aber wenn es hart auf hart kommt rette ich nur Caleb und wir ändern unsere Identitäten und starten ein neues Leben. Was mit dem Rest von euch passiert ist mir egal" Wenn er nicht das Sagen hatte und seine Hilfe abgelehnt wurde… Tja, dann war das alles eben aus seiner Hand. Ihn interessierte es nicht, dass das kindisch klang. Er hatte seine eigenen Prioritäten. Und Niamh schien sich ja verdammt sicher zu sein, dass sie das alleine regeln konnte.

      Andrew

      Andrew hatte kein Zeitgefühl. Er wusste nicht genau, wie lange es her war, seit er knapp mit Niamh gesprochen hatte, aber er hatte es langsam aber sicher unheimlich satt, gefesselt und blind zu warten. Was, wenn da draußen irgendetwas passierte, und er konnte nichts tun, bekam es nicht einmal mit? Wenn Ezra längst hier war, aber es nicht bis zu ihm geschafft hatte, weil seine psychotischen Eltern ihre Wut an ihm ausließen? Was, wenn sie herausgefunden hatten, dass Niamh ihm helfen wollte? Das alles trieb Andrew in den Wahnsinn. Er bestand seit Ewigkeiten darauf, sich um bessere Sicherheitsvorrichtungen im Haus zu kümmern, und jetzt waren sie hier. Offensichtlich hätten sie genauso gut auf einer Parkbank schlafen können!
      Hier zu sitzen und nicht zu wissen, was um ihn herum passierte… war glatte Folter. Seine Schwiegereltern wussten wirklich, wie man einen bleibenden Eindruck hinterließ. Ganz, ohne sie sehen zu müssen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • William Bailey

      William hatte nie etwas für Kinder übrig gehabt. Moira war diejenige gewesen, die sich immer eine große Familie gewünscht hatte. Vermutlich, weil sie ein Einzelkind gewesen war und ein vollkommen romantisiertes Bild von Geschwistern hatte, während William schon früh gelernt hatte, seine Brüder zu hassen. Er hatte oft genug versucht, ihr das irgendwie klar zu machen, aber Moira war ausgesprochen dickköpfig, wenn es um Dinge ging, die sie wirklich wollte. Er hatte nachgegeben, so wie er es bei ihr immer tat - er liebte sie und er wollte nicht darüber nachdenken, wie viel Einfluss er verlor, wenn sie die Scheidung wollen würde.
      Niamh war ihnen gut gelungen. Dickköpfig, wie ihre Mutter, aber mit dem nötigen Biss, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er hatte Anfangs nicht viel Hoffnung für sie gehabt, aber sie hatte ihn mehr als beeindruckt. Caleb hatte sich über die Jahre hinweg zu einer einzigen Enttäuschung herauskristallisiert. Felim hatte Talent gehabt. William hatte in ihm schon seinen Nachfolger gesehen, bis sein Sohn sich entschieden hatte, das alles einfach wegzuwerfen. Mollys Mangel an nötiger Disziplin hatte sie vorzeitig ins Grab gebracht. Moira hatte nach ihrem Tod zum Glück aufgehört, über Kinder zu reden und stattdessen angefangen, Kunst zu sammeln. Die Bilder, die sie aus Museen und Archiven mitbrachte, waren allesamt grässlich, aber wenigstens waren sie nicht laut, widersetzen sich nicht und fielen einem nicht in den Rücken. Außerdem hatte er noch nie eine Geisel für eines der Bilder nehmen müssen.
      Er hatte Andrew zum ersten Mal auf einem Bild in einer Zeitung gesehen. Er hatte direkt neben Felim gestanden, in Paris. Offenbar hatten die beiden dort einen Einbruch verhindert. Es hatte ihn wenig überrascht zu erfahren, dass Andrew ein Held war. Sie hatten alle die selbe, leicht hochnäsige, Ausstrahlung. Er war überrascht gewesen zu erfahren, dass Felim mit ihm zusammen war. Er hatte ihm mehr Rückkrad zugetraut.
      Felim hatte offensichtlich einen neuen Namen angenommen, aber es war unverkennbar er. Er hatte ausgesehen, wie eine Mischung aus Caleb und einem von Williams Neffen, denen er so leidenschaftlich gerne aus dem Weg ging.
      Die Zeitung war mehrere Monate alt gewesen, als er sie endlich in die Finger bekommen hatte. Es war trotzdem nicht schwer gewesen, die Spur der beiden zurückzuverfolgen. Die Kinder waren eine Überraschung gewesen. Offenbar war Felim Moira in diesem Punkt ähnlicher, als ihm. Der Plan war schon zu weit fortgeschritten, als er von den Kindern erfahren hatte und William war sich nicht sicher, ob er sie nicht doch gleich mit entführen lassen sollte, aber im Endeffekt mochte er diesen Weg mehr. Er wusste nicht, wie nah Felim seinen Kindern stand, aber er mochte den Gedanken, dass er sie alleine zurücklassen musste, um hierher zu kommen. Zumindest ging er davon aus, dass sein Sohn nicht verrückt genug war, um sie mitzubringen.

      Der Raum, in den er Andrew gesteckt hatte, war eigentlich ein ungenutzter Kellerraum. Dunkle Fliesen kachelten den Boden, die Wände waren weiß, Neonlichter erhellten den Raum, auch wenn Andrew nichts sehen konnte. Der angrenzende Raum war ihr Weinkeller. Sie nahmen nicht oft Geiseln. Sie waren nervtötend und den Aufwand nicht wert. Aber Felim war zu lange weg gewesen, um ihn nicht mit allen Mitteln kaputt zu machen, bis er zu ihnen zurückgekrochen kommen würde.
      "Mr. Morgan", setzte William im Plauderton an, als er den kleinen Raum betrat. Er hatte keinen Sinn darin gesehen, sich mit seinem unerwünschten Schwiegersohn in Spe zu unterhalten, aber die ersten 12 Stunden von Felims Frist waren um und es war verdächtig ruhig. Moira hatte nichts mit ihm zu tun haben wollen. Sie war immer noch eingeschnappt, dass Felim nicht den Anstand gehabt hatte, tatsächlich zu sterben. Der Tod war für sie offenbar einfacher zu verkraften als die Tatsache, dass ihre erzieherischen Methoden nicht fehlerfrei gewesen waren.
      "Dem Bericht über Sie entnehme ich, dass Sie nicht komplett auf den Kopf gefallen sind, von daher gehe ich davon aus, dass Sie wissen, wer ich bin." Er setzte sich auf einen Tisch, der gegenüber von Andrews Stuhl stand, während er den Helden musterte. Er war immer noch blind. William könnte die Blindheit aufheben. Andrew würde den Raum sowieso nie mehr verlassen. Aber so gefiel es ihm fast besser.
      "Vorausgesetzt natürlich, dass Felim ehrlich zu Ihnen war. Was ich bezweifle. Er lässt sich verdächtig viel Zeit, denken Sie nicht?" Vielleicht brauchte sein Sohn nur eine kleine Erinnerung, was auf dem Spiel stand.
    • Andrew

      Man sollte bestimmt nicht glücklich darüber sein, seinen Kidnapper den Raum betreten zu hören, in dem man gefesselt war, aber Andrew hatte die letzten Stunden bereits mit auditiven Halluzinationen verbracht, weil sein Gehirn den völligen Reizentzug nicht länger aushielt. Außerdem hatte er sich nicht unbedingt weniger Sorgen gemacht, nur weil er alleine war. Und zwar freute er sich darüber, mal wieder die Größe des Raums einigermaßen anhand der Fußstapfen einordnen zu können, aber ihm kam auch sehr plötzlich der Gedanke, dass diese Leute vielleicht hatten, was sie wollten, und jetzt keinen Gebrauch mehr für ihn hatten. Was bedeuten würde, dass Ezra…
      Andrew biss die Zähne zusammen, bis die Worte fielen, die in sofort wieder aufatmen ließen. Er ließ sich Zeit? Das war alles, was Andrew wissen wollte. Er war zwar immernoch in dieser Situation gefangen, aber Niamh würde sich darum hoffentlich früher oder später kümmern, oder Ezra konnte MLO alarmieren, aber solange sein Freund zuhause und in Sicherheit war, konnte er hier gut und gerne auch noch eine Weile sitzen. Auch, wenn es ein wenig unrealistisch war, dass er länger unverschont bleiben würde. Sein Gegenüber klang nicht sehr glücklich über die zeitliche Verzögerung.
      Andrew überlegte, ob er überhaupt antworten sollte. Hatte es irgendeinen Sinn, sich mit diesem Kerl zu unterhalten? Es würde kaum etwas an seiner Situation ändern. Er konnte sich hier nicht heraus reden, und es nützte nichts, Zeit zu schinden. Und er hatte nicht vor, irgendjemandem die Genugtuung zu geben, mit Informationen über Ezra und sein Leben herauszurücken.
      Andererseits hatte er jetzt schon einige Stunden kein Wort mehr gesagt oder gehört.
      "Zugegeben ist es immernoch seltsam, diesen Namen zu hören. Er ist nicht der offenste Mensch auf der Welt" Andrew zwang sich ein kleines Lächeln auf die Lippen. Gut, Ezra war nicht der offenste Mensch, mittlerweile hatte Andrew aber manchmal schon das Gefühl, dass sie zu ein und derselben Person wurden, so viel Zeit wie sie zusammen verbrachten. Aber nachdem er schauspielern musste, Ezras Geschwister nicht zu kennen, war es vielleicht besser, das Ezras Vater nicht unter die Nase zu reiben. "Der Bericht interessiert mich aber, wenn ich so einen positiven Eindruck gemacht habe. Gibt es da was zu lesen?", fragte er. "Natürlich… sehe ich gerade nichts, also müsste man das Problem erst lösen" Er zuckte lächelnd mit den Schultern. Vielleicht war eine Geiselnahme genau, was er gebraucht hatte, um Ezras Tips umzusetzen, wie man sozialisierte.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • William

      "Das denke ich mir. 'Ezra' war der Name seines Großvaters und unsere zweite Wahl für seinen Vornamen. Ich schätze, er hat ihm am Ende doch besser gefallen, als 'Felim'. Hat er Ihnen das wenigstens erzählt?" William verstand immer noch nicht ganz, wie Felim - Ezra - es so lange geschafft hatte, unentdeckt zu bleiben. Eigentlich hatte er es ihnen fast zu einfach gemacht, ihn zu finden. Nicht zu wissen, was dazu geführt hatte, dass die Suche nach seinem Sohn so lange gedauert hatte, machte ihn kribbelig - wenn Felim es schaffte, so lange unterzutauchen, könnten andere es auch schaffen. Er war nie sonderlich gerissen gewesen, er hatte nur genug Talent gehabt, um das auszugleichen.
      "Ich glaube der Bericht würde Sie langweilen. Außer Sie sind die Art Mensch, die gerne über sich selbst liest." Eigentlich bestand der komplette Bericht aus übereilt zusammengestellten Dokumenten und Ausschnitten aus Andrews Leben. Alles, was man öffentlich über ihn finden konnte durchmischt mit Zeugnissen und einem Lebenslauf. Er war der Sohn eines Helden, hatte früh seine Eltern verloren, dafür aber tadellose Zeugnisse. Auf dem Papier war er fast das perfekte Gegenteil zu Felim. Es war etwas schwerer an die Informationen über seine letzten Jahre zu kommen, aber eigentlich interessierte William das alles auch nicht. Er war nicht hier, um seinen Schwiegersohn kennenzulernen. Er war trotzdem überrascht, wie ruhig Andrew in dieser Situation blieb. Er hatte mit mehr Betteln und Flehen gerechnet, dem typischen 'Ich sage Ihnen alles, was Sie wollen'. So lief es normalerweise ab. Vielleicht lag es an seinem Berufsfeld. Obwohl William auch schon genug Helden um ihr Leben flehen gesehen hat. Den meisten hatte es geholfen. Er schlug selten einen guten Deal aus, wenn er sich ergab.
      "Sie scheinen ziemlich überzeugt zu sein, dass Felim Sie retten wird, obwohl er offenbar nicht der offenste Mensch ist. Oder sind Sie immer so ruhig, wenn Sie blind in einem fremden Zimmer aufwachen?" William spielte mit einem der zwei Ringe an seinen Fingern, während er Andrew ansah, um keine Regung zu verpassen. Das war die letzte Frage, die ihn tatsächlich interessierte, bevor der Ring zum Einsatz kommen und den Smaltalk etwas abkürzen würde.
    • Andrew

      Andrew zuckte mit den Schultern. "Ich hab nichts gegen ein paar Komplimente", antwortete er. Auch wenn er definitiv mehr Wert darauf legte, irgendwie wieder an sein Augenlicht zu kommen. Aber davon war er wohl doch noch ein Stück weit entfernt.
      So sehr er sich auch anstrengte, sympathisch zu sein, um die Konversation irgendwie am laufen zu halten, konnte er diesmal doch nicht anders, als aufrichtig zu schmunzeln. Ezra sollte ihn retten? Andrew wollte nichts weniger als das. Außerdem war es verhältnismäßig unrealistisch.
      "Ich meine, das passiert mir jetzt schon zum zweiten Mal in einem Jahr, also…", murmelte er und schüttelte belustigt den Kopf. Wenigstens wirkte er ruhig. Auch wenn es ihm definitiv half, zu wissen, dass Ezra in Sicherheit war. Vermutlich. Wahrscheinlich.
      "Abgesehen davon ist es meistens eher anders herum" Er senkte kurz den Kopf, um sein Lachen zu verbergen. Ezra war hervorragend darin, irgendwo einzubrechen, sich Informationen zu besorgen, wegzulaufen… Aber erfahrungsgemäß war er nicht derjenige, der Rettungsmissionen durchführte. Und Andrew konnte wirklich auf eine weitere 'Suicide Mission' verzichten, wie vor einigen Wochen in Moskau. Es war für alle besser, wenn er das aussaß, sich um die Kinder kümmerte, und darauf wartete, dass sich jemand anderer um die Situation kümmerte. Andrew wollte sich nicht wieder durch den Kopf gehen lassen, was ihm alles passieren könnte. Es war schlimm genug, zu wissen, was passieren hätte können. Was, wenn es statt einer Geiselnahme einfach ein Mord gewesen wäre? Wenn es hieß, dass seine Familie noch lebte, würde Andrew sich keine Sekunde darüber beschweren, hier zu sitzen. Es hätte deutlich schlimmer kommen können.
      "Mir ist es lieber, wenn er zuhause bleibt. Dann muss ich mir keine Sorgen machen", sagte er lächelnd. Wenigstens machte sich einer im Raum Sorgen um Ezra. Sein Vater hätte ja auch einfach mal für Kaffee und Kuchen vorbeikommen können, wenn es ihm um das Wohlergehen seines Sohnes ging. Darüber waren sie lange hinaus.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nao.nline ()

    • William

      Das war...irritierend. William hatte keinerlei Probleme damit sich vorzustellen, dass Andrew Felim öfter unter die Arme greifen musste, als umgekehrt - Felim schien sich in der Hinsicht in den letzten Jahren kaum verändert zu haben - aber die Information, dass das hier wohl nicht Andrews erste Geiselnahme war, war ihm neu. Wahrscheinlich war es wirklich von Vorteil, den Kontakt mit seinen Kindern auf ein Nötigstes zu begrenzen. Außerdem war er froh, dass Moira oben geblieben war. Wahrscheinlich wäre sie sofort auf diese kleine Information angesprungen.
      "Ich fürchte hier gehen unsere Meinungen auseinander. Mir wäre es lieber, wenn er zurück käme und Sorgen werden Sie bald genug haben." William streckte die Hand mit dem Ring aus und machte eine kurze Bewegung, gerade so, als würde er schnell eine Linie mit einem Pinsel ziehen. Die entsprechende Linie erschien als Schnitt auf Andrews Gesicht, von seine Wange bis zu seinem Ohr. Der Stein in seinem Ring war nicht sonderlich mächtig. Er reichte für ein paar oberflächliche Schnittwunden bei nahen Zielen, aber mehr brauchte er aktuell nicht. Er wollte Andrew nicht umbringen - noch nicht - sondern nur dafür sorgen, dass Felim das alles auch tatsächlich ernst nahm.
      "Vielleicht hilft es ja, wenn wir Felim ein wenig vor Augen führen, wie ernst die Situation ist", fuhr er im freundlichen Plauderton fort, während der nächste Schnitt fast parallel zum ersten auf Andrews Gesicht erschien. "Sie sollten hoffen, dass er kommt, sonst landen Sie Stück für Stück bei ihm." Er lächelte, während er sich von dem Tisch abstieß und näher an Andrew heran trat. Es war sowieso irrelevant. Er hatte Felims Adresse und nochmal würde er ihm nicht davonkommen. Er gönnte ihm nur kein schnelles Ende. Sollte Felim wirklich so feige sein und lieber seinen Freund opfern, als selbst aktiv zu werden, musste er mit den Konsequenzen leben.
      "Es ist wirklich erstaunlich, wie viel man nach und nach von einem Menschen abtrennen kann, bevor er stirbt. Aber das müsstest du wahrscheinlich wissen. Du bist Held, nicht?" Er streckte eine Hand aus, um Andrews Kopf ein wenig hoch zu heben. Eigentlich war es fast schade, ihn zu verunstalten, er hatte ein hübsches Gesicht. William zögerte trotzdem nicht, ihn zu schlagen. Er ließ Andrews Kopf los und ging wieder einen Schritt zurück, um das erste kleine Zwischenergebnis zu betrachten. Er war noch lange nicht fertig.
      "Eine interessante Beziehung, übrigens. Ich verstehe, dass ein Held durchaus Vorteile für Felim bringen würde, aber ich muss zugeben, dass ich nicht verstehe, was dein Vorteil daran ist."
    • Andrew

      Andrew blieb für einen Moment die Luft weg. Nichts zu sehen war hier wirklich eine Foltermethode. Er sah es nicht kommen, aber der brennende Schmerz in seinem Gesicht ließ ihn wissen, dass das Plaudern jetzt vorbei war. Er ließ den Kopf hängen und versuchte, den Schmerz wegzublinzeln. Eine warme Flüssigkeit tropfte an seinem Gesicht herab.
      "Und ich dachte, wir haben uns gut verstanden", hauchte er, von Sarkasmus triefend. Andrew seufzte und schloss die Augen, als sein Gegenüber andeutete, Ezra hiermit Druck machen zu wollen. Was, wollte er ihm Fotos schicken? Klasse. Dann konnte Andrew nurnoch hoffen, dass Ada ihn zuhause ebenfalls an einen Stuhl gefesselt hatte.
      Er sog scharf die Luft ein, als er einen weiteren Schnitt spürte, der sich in seinem Gesicht öffnete. Das war auf jeden Fall eine nette Methode, um einiges an Blut zu sehen.
      Andrew schwieg bei den Drohungen. Ihn Stück für Stück zu versenden… War das ein angenehmerer Tod, als zu verbrennen? Oder an Rauch zu ersticken? Er war sich nicht sicher. Aber er hatte nicht mehr Angst, als all die anderen Male, wo, im Gegensatz hierzu, niemand gewusst hatte, wo er war. Er musste sich nicht einmal auf Niamh verlassen. Ezra war bestimmt schlau genug, MLO zu informieren. Das hier… konnte man immernoch als Berufsrisiko abtun, oder?
      Andrew spuckte das Blut auf den Boden, das ihm in den Mund lief, knapp bevor er eine Hand an seinem Kinn spürte und sein Kopf wieder hoch gezwungen wurde. "Man beginnt normalerweise nicht mit dem Kopf", antwortete er bissig. Eine Sekunde später traf ihn die Wucht des Schlags im Gesicht. Sein Auge pochte. Wenn das so weiterging, würde er auch nichts sehen, wenn die Wirkung des Steins aufgehoben wurde. Er versuchte sich zusammenzureißen und sein Keuchen zurück zu halten. Der Psychopath ihm gegenüber schien Spaß daran zu haben, andere leiden zu sehen.
      "Mein Vorteil ist, dass ich… einen Grund habe… nachhause zu gehen", sagte er zwischen Atemzügen. Er konnte Andrew noch so sehr verprügeln, aber einschüchtern würde er ihn nicht.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • William

      Der kleine Akt des Widerstands entlockte William ein unfreiwilliges Lachen. "Ich habe keinen Grund, deinen Kopf zu verschonen. Ich will Felim eine Nachricht schicken. Du musst am Ende nicht unbedingt in der Lage sein, noch sprechen zu können." Oder bei Bewusstsein sein. Andrew hatte sowieso nichts an Informationen, was ihn interessieren könnte. Felims bisheriges Leben war irrelevant, seine neue Familie würde in den nächsten Stunden auseinanderbrechen und nichts in Andrews Akte hatte irgendwie darauf hingewiesen, dass er sonst von Wert wäre.
      "Nun, es tut mir wirklich leid, aber das mit dem 'nachhause gehen' hat sich wohl erledigt." Das musste Andrew genau so bewusst sein, wie ihm. Eigentlich war es fast schade. Er hatte Schneid. Nichts von dem, was William sagte oder tat schien ihn wirklich einzuschüchtern, was ihm nicht gerade gefiel, aber er musste zugeben, dass er durchaus beeindruckt war. Falls Felim diese Beziehung auf der Suche nach Schutz eingegangen war, hatte er zumindest den Richtigen erwischt. Nicht, dass ihm das jetzt noch sonderlich viel bringen würde. Der nächste Schlag hinterließ einen Riss in Andrews Unterlippe.
      "Je nachdem, wie schnell er hier ist, würde ich euch allerdings die Chance geben, euch nochmal zu sehen. Ich bin nicht vollkommen herzlos. Ihr sollt euch wenigstens noch voneinander verabschieden können." Was danach passierte hing größtenteils von Felim ab. William wollte seinem Sohn nicht die Genugtuung geben, die Familie zu hintergehen und mit dem Leben davon zu kommen, aber er konnte nicht von der Hand weisen, dass Felim durchaus nützlich sein konnte. Nein, das war irrelevant. Felim würde das alles hier genau so wenig überleben, wie Andrew. Nicht, dass Niamh und Caleb noch auf dumme Ideen kamen.
      "Vielleicht bin ich sogar so nett euren Kindern zu erzählen, was passiert ist, damit sie nicht zu verzweifelt darauf warten, dass ihr zurück kommt." Seine Enkelkinder, strenggenommen. William verzog bei den Gedanken daran kurz den Mund. Niamh hatte Kinder, zwei Jungs, die die Lautstärke von einem vorbeifahrenden Güterzug hatten. Er hatte sich ihnen nie sonderlich nah gefühlt, egal wie oft seine Tochter versuchte ihn für sie zu begeistern. Bei dem Gedanken an Felims Kinder spürte er kaum einen Unterschied. Sie waren ja nicht mal biologisch verwandt mit ihm. Sie würden in irgendeinem Heim landen und das Problem sich damit in Luft auflösen. "Soll ich ihnen irgendwas von dir ausrichten, solange du noch bei Verstand bist?"
    • Andrew

      Andrew fragte sich, wie lange Niamh eigentlich auf sich warten lassen wollte. Das Gespräch hatte ja nach dem ersten Schnitt in seinem Gesicht bereits zu kippen begonnen, aber die Todesdrohungen wollte er sich nicht länger anhören. Oder… viel eher wollte er diesem Arschloch das Maul stopfen, wenn er über Abschiede und seine Kinder sprach. Andrew ließ sich jetzt schon durch den Kopf gehen, was er ihm antun würde, sobald er die Fesseln los war. Selbst blind würde er mit genügend Hass als Antrieb noch zielen können.
      Er leckte sich über seine aufgeplatzte Lippe und fing innerlich immer lauter zu beten an, dass Ezra keinen Schritt aus dem Haus gemacht hatte. "Ich denke, ich lasse es darauf ankommen, danke", zischte er und drehte den Kopf zur Seite, um sich mit der Schulter über die Wange zu wischen. Das tropfende Gefühl ging ihm langsam wirklich auf die Nerven. Ein Handtuch würde er wahrscheinlich nicht bekommen, oder?
      So oder so hatte er kein Interesse mehr daran, mit diesem Psychopathen zu reden. Er nahm gerne noch ein paar Stunden absolute Stille in Kauf, aber scheinbar würde es eher auf mehr Gelaber und mehr Schläge hinauslaufen. Vielleicht wurde ihm ja langweilig, wenn er keine Antworten mehr bekam. Solange er Andrew dann nicht den Hals aufschlitzte… Naja, er würde es darauf ankommen lassen. Anscheinend wartete das am Ende ja sowieso auf ihn, wenn man Ezras Vater glauben wollte. Er war Wegwerfmaterial, hm? Nachdem er noch mit keinem Wort MLO erwähnt hatte, schien er davon nichts zu wissen. Aber wahrscheinlich blieb es besser dabei, solange es ging. Sonst kamen ihm noch mehr Ideen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Elfeinhalb Stunden. Ihm blieben nur noch elfeinhalb beschissene Stunden, um Andrew raus zu holen. Ezra hatte sich viel zu viel Zeit gelassen, obwohl jede Sekunde seit er aufgewacht war, durchgeplant gewesen war. Es war schwer gewesen, den Kindern irgendwas zu erklären. Am Ende hatte er ihnen irgendeine Halbwahrheit aufgetischt, alles runtergespielt und versichert, dass Andrew und er sofort wieder zurück wären. Niko schien das alles einigermaßen gut zu verkraften, Max hatte ihm wahrscheinlich kein Wort geglaubt. Ada hatte für ihn gepackt, während er Steve angerufen hatte - zum einen um ihn und Thomas ums Babysitten zu bitten, zum anderen, um über ihn MLO zu informieren, dass Andrew gekidnapped worden war. Das war sicher kein Einzelfall, oder? Es musste irgendwelche vorgefertigten Abläufe dafür geben.
      Steve war zu beschäftigt gewesen, um wirklich mit ihm zu reden, als Ezra ins Büro kam. Sein Lieblingskollege saß mit gleich zwei Telefonhörern in der Hand hinterm Schreibtisch und deutete bei Ezras Eintreten nur kurz auf eine Tasche, die auf der Tischplatte lag.
      "Sie sind größtenteils beschriftet. Flugkarten liegen bei", hatte Steve noch kurz erklärt, bevor er zu seinen Telefonaten zurückkehrte. Unter anderen Umständen hätte Ezra wahrscheinlich Mitleid mit ihm gehabt und ihm einen der beiden Hörer abgenommen, um ihm zu helfen, aber die Zeit hatte er nicht. Er zweifelte nicht daran, dass MLO es problemlos schaffen würde, das Haus seiner Eltern zu stürmen und Andrew rauszuholen, aber zum einen hatten sie unmöglich genug Zeit, um ein größeres Team zu mobilisieren und zum anderen war das hier etwas, was er selbst erledigen musste. Er hatte nach der Tasche, in der Steve eine - hoffentlich nützliche - Auswahl an Steinen zusammengestellt hatte gegriffen und das Büro wieder verlassen, um sich auf den Weg zum Flughafen zu machen.

      Und jetzt stand er hier, direkt vor Calebs Wohnung. Er war noch nie hier gewesen und hatte eigentlich auch nie hier sein wollen. Das letzte mal, als er Caleb gesehen hatte, hatten sie sich gestritten. Ezra ignorierte das seltsame Gefühl in seiner Brust. Er hatte keine Zeit, seine Beziehung zu seinen Geschwistern zu analysieren, solange sie ihm halfen, Andrew lebend zurück zu bekommen. Wahrscheinlich schuldete er ihm eine Entschuldigung.
      Niamh öffnete ihm nur wenige Sekunden nachdem er geklingelt hatte. Sie verzichtete zum Glück auf größere Begrüßungen und winkte ihn direkt rein. Sie hatten in den letzten Stunden sporadisch immer wieder telefoniert, um einander kurz zu updaten.
      Offenbar hatten sie Calebs Esszimmer mittlerweile zu einer kleinen Kommandozentrale umgebaut. Der Esstisch war voll mit Zetteln und Post-Its. Caleb selbst war über ein Tablet geneigt und sah auf, als Ezra das Zimmer betrat und die Tasche mit den Steinen auf den Tisch stellte. Richard saß neben ihm und zum ersten - und wahrscheinlich letzten - mal in seinem Leben freute Ezra sich fast, ihn zu sehen.
      "Danke für die Hilfe", grüßte er schwach.
      Caleb blinzelte ihm kurz entgegen, sah aus, als ob er etwas erwidern wollte, überlegte es sich offenbar in der letzten Sekunde anders und tippte stattdessen auf einen der Zettel vor ihm. "Wir haben ein paar Grundrisse vom Haus gezeichnet. Niamh hat markiert, wo Andrew sitzt. Sie und ich wollen Mom und Dad ablenken, während ihr einsteigt und ihn raus holt. Ich suche gerade noch nach einem Weg, um die Kameras abzuschalten."
      Ezra sah an ihm vorbei auf das Papier. Er kannte das Haus nicht. Er war in dem Haus großgeworden, in dem Niamh jetzt wohnte. Seine Eltern hatten sich wohl zwischenzeitlich nach etwas Neuem umgeschaut und es ihr überlassen. Der Grundriss sah nicht zu verwinkelt aus. Es war machbar. Es musste machbar sein. Er konnte Andrew nicht verlieren.
      "Haben wir einen Plan B?", fragte er, während er den Grundriss musterte. Er selbst hatte einen. Sein Plan B war es, irgendwie zu Andrew zu kommen und danach alles niederzubrennen, was ihm im Weg stand.
      "Wir arbeiten daran", erklärte Niamh, während sie sich auf den Stuhl gegenüber von Caleb setzte. "Wir bekommen das hin, Ezra."
      Ezra presste seine Lippen aufeinander und widerstand dem Drang, seine Schwester durchzuschütteln und ihr zu erklären, wie wenig er ihre beruhigenden Worte gerade brauchte. Natürlich würden sie das hinbekommen. Es gab keine andere Option. Er konnte nicht- Ezra zuckte kurz zusammen, als sein Handy einen kleinen Ton von sich gab. Für gewöhnlich hatte er den Ton komplett ausgestellt, aber er konnte es sich nicht leisten, einen Anruf von Steve oder Ada zu verpassen. Aber die Nachricht auf seinem Handy war kein Anruf, sondern ein Bild von einer unbekannten Nummer. Kein Text, kein Kommentar, nur ein Bild von Andrew, das Gesicht blutüberströhmt. Ezra war für einen Moment wie versteinert, bevor er das Handy vor sich auf den Tisch legte. Sein Herz raste, während Panik seinen Verstand vernebelte. Das alles passierte nur wegen ihm.
      "Ich werde Dad umbringen." Es glitt ihm leichter über die Lippen, als er gedacht hätte. Niamh streckte einen Arm nach ihm aus, um ihn auf den Stuhl neben sich zu zerren, während alles in ihm danach schrie, mit den Steinen die Tür raus zu und direkt zu seinem Vater zu gehen.
      "Er will, dass du unvorsichtig wirst." Niamh hielt ihn weiter fest, obwohl Ezra längst saß. "Gibt ihm nicht nach. Es bringt uns nichts, wenn Andrew und du am Ende tot seid." Sie sah von ihm zu Richard. "Wie sieht es an deiner Front aus?"
    • Richard

      "Nein, Sie hören mir zu. Ich kenne genau einen einzigen Kerl in diesem Department und den will ich. Klar? Meine Fresse, geben Sie ihm das Telefon, klingeln Sie sich durch, es ist mir wirklich egal. Ich- NEIN! Nicht O'Hare! Sind Sie eigentlich taub?!" Richard hielt das Handy einen Moment von seinem Ohr weg und überlegte, ob diese Angelegenheit es wirklich wert war, Calebs Schlafzimmerwand einzuschlagen, atmete dann aber tief durch. "Ich komme zu Ihnen rüber und knalle Ihnen eine, wenn Sie mich an O'Hare weiterleiten. Sind Sie ein Hund? Ein Schoßhündchen? Haben Sie keine anderen Hobbys, als Ihrem Boss in den Arsch zu kriechen? … Ja, danke. Valentin Heery"
      Es hatte bestimmt fünf Minuten gedauert, alleine um sich zu dem Typen durchzuwählen, den Richard eigentlich ungerne wiedersehen wollte. Ihre ersten beiden Treffen waren nicht unbedingt die Grundlage für eine wundervolle Freundschaft, aber nachdem Richard mitbekommen hatte, was für ein Arschloch O'Hare war, hatte er keinen Grund, mit dem Boss zu sprechen. Er kam Richard nicht gerade vertrauenswürdig vor. Da war der Bastard, der Getränke mit seinem Freund teilte, immernoch besser.
      Zumindest schien Valentin Heery kooperativ zu sein. Richard erklärte die Situation und sie einigten sich darauf, das alles unter der Hand umzusetzen. Andrew hatte damit sicher kein Problem, solange er am Ende des Tages keine Geisel mehr war. Das schien als Argument zu reichen, um sich alle Ressourcen zu angeln, die die Dublin Branche zur Verfügung hatte. Es dauerte eine Weile, alles zu regeln, aber nachdem Ezra auf sich warten ließ, hatten sie Zeit. Als Richard endlich das Telefon zur Seite legen konnte und ins Wohnzimmer kam, schneite das dritte Geschwisterteil allerdings nur wenige Sekunden später herein. Richard war recht dankbar, dass er gerade nicht aktiv am heulen oder inmitten einer Panikattacke war. Mit den Fotos, auf die Richard einen schnellen Blick erhaschen konnte, reizten sie ja wirklich ihr Glück aus.
      Auf Niamhs Frage gab Richard ihr knapp ein Daumenhoch. "Zwanzig Agenten abrufbereit in der Nähe" Mehr war immer besser, aber sie konnten keine Armee auf die Beine stellen, ohne, dass O'Hare irgendetwas mitbekam. Wenn auf einmal alle Angestellten samt Ausrüstung weg waren, stellte wahrscheinlich auch der größte Idiot Fragen. Sie brauchten heute kein weiteres Hindernis.
      "Aber soweit ich das verstehe, darf ich mich alleine durch die Verteidigungslinie prügeln? Ezra wird mir kaum eine Hilfe sein" Richard zeigte etwas ungläubig auf den Blonden, der sich eben gesetzt hatte und verschränkte dann die Arme. "Bestenfalls bekommt zwar niemand mit, wenn wir einsteigen, aber wenn doch, bin ich der auserwählte Panzer, was? Mir wäre es wirklich lieber, gleich ein paar Agenten mitzu- Vergiss es. Ich halte die Klappe" Richard stoppte diesen erneuten Vorschlag sofort, als er wieder in Niamhs Gesicht sah. Sie schien ja doch nicht mehr nachzugeben.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦