The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Jordan

      "Voll dein Typ also?", fragte Jordan lächelnd. Glücklich vergeben schien es bei Alexis offenbar zu treffen, nicht? Er war das alles so satt. Diese Art, wie Alexis Oliver ansah und wie Oliver trotzdem versuchte, ihn irgendwie in Schutz zu nehmen, ohne einsehen zu wollen, dass Alexis das alles offenbar Hoffnung machte. Wie lange hatte er das alles jetzt mitgemacht? Zwei Jahre? Definitiv zu lange. Er hätte damals den Job in Cornwall annehmen sollen. Er hatte ihn nur abgelehnt, weil Oliver in der Nähe seiner Familie bleiben wollte. In Cornwall hätte er zumindest nicht das Problem gehabt, dass Oliver mit Alexis zusammenarbeitete.
      "Hey, ist wirklich alles gut? Das ist so untypisch für dich." Oliver klang aufrichtig besorgt, was das alles noch schlimmer machte. Er liebte ihn. Er wollte ihn nicht verlieren. Er sollte einzig und alleine auf Alexis wütend sein, aber er konnte nicht anders, als Oliver ebenfalls ein kleines bisschen zu hassen. Die letzten Wochen waren verdammt anstrengend gewesen und das hier war die Kirsche auf der Torte. Er hatte sich auf einen Abend mit seinem Freund gefreut und jetzt hatte er Alexis am Hals.
      "Nein, wirklich, alles bestens. Tut mir leid, dass ich euer Date so runterziehe.Wisst ihr was? Macht ohne mich weiter. Mir ist sowieso schlecht." Jordan stand auf und zog seine Hand zur Seite, als Oliver danach greifen wollte. Zum Glück waren sie beide je mit ihren eigenen Autos gefahren. Jordan brauchte definitiv eine größere Runde, als sonst, um runter zu kommen.


      Oliver

      Zum ersten Mal in seinem Leben war Oliver tatsächlich vollkommen sprachlos. Er starrte Jordan hinterher, während er versuchte zu verarbeiten, was gerade passiert war. Bisher war er davon ausgegangen, dass er und Alexis sich nicht mochten, weil einer von beiden irgendwas blödes gesagt hatte, oder wegen irgendeinem Missverständnis. Er war nie von Neid ausgegangen. Das machte ja auch überhaupt keinen Sinn. Alexis und er waren Freunde. Kollegen. Sicher war er ihm wichtig, aber da war nichts Romantisches zwischen ihnen.
      "Tut mir leid." Olivers Blick huschte von Jordan zu Alexis. "Ich glaube, er steht wieder kurz vor einem Burn Out. Wahrscheinlich ist ihm das morgen früh super peinlich." Sein Herz schlug ihm vor Panik viel zu schnell in der Brust. Er stritt sich ab und an mit Jordan - wer tat das nicht in einer Beziehung? - aber nie so. Jordan hatte ihm nie etwas vorgeworfen und war dann gegangen.
      "Ich, ähm...soll ich dich noch zuhause absetzen?" Wahrscheinlich sollte er aufspringen und seinen Freund einholen, aber erfahrungsgemäß war das die falsche Taktik bei ihm. Jordan brauchte ab und an Zeit für sich. Ihm jetzt hinterher zu laufen würde wahrscheinlich alles noch schlimmer machen. Also Jordan runterkühlen lassen und erst sicher gehen, dass es Alexis gut ging. Alexis, der ganz sicher nicht auf ihn stand. Warum auch immer Jordan auf diese Idee gekommen ist.
    • Alexis

      Da war es. Alexis befand sich in einer kleinen Schockstarre. Er brachte keine Antwort heraus, und es war ziemlich sicher auch nicht notwendig. Er hatte das absolut verdient. Vielleicht war sein Typ ja wirklich vergebene Männer. Die letzten drei Jahre ließen es so wirken, auch wenn Alexis das Problem vorher nie gehabt hatte. Er hatte generell nie so für jemanden empfunden. Er versuchte ab und zu, sich darauf herauszureden, dass er Oliver eben schon gekannt hatte, als sie Kinder waren, aber… machte das wirklich einen Unterschied? Wenn überhaupt hätte ihn das davor bewahren sollen, sich in Oliver zu verlieben.
      Alexis Herz sackte zehn Entagen tiefer, als Jordan das alles als ihr ‚Date‘ betitelte, aufstand und davonlief. Erst jetzt kam er aus seiner Starre heraus, stellte einen Ellenbogen auf dem Tisch ab und legte mit einem tiefen Seufzen das Gesicht in seine Hand. Das war furchtbar. Einfach nur furchtbar. Er hatte es diesmal wirklich zu weit getrieben. Er hätte in der Sekunde umdrehen und nachhause fahren sollen, als er vor dem Restaurant Jordans Namen aus Olivers Mund gehört hatte.
      Alexis versuchte, sich nicht die Zunge abzubeißen, während Oliver seinem Freund ein Burnout unterstellte. Er wollte etwas sagen. Aber er brachte es nicht über die Lippen. Er konnte ganz einfach nicht sagen, dass Jordan recht hatte. Dass er zurecht rausgestürmt war, und, ja, dass Alexis sich unheimlich gefreut hatte, alleine mit Oliver zu essen. Das schlimmste war doch, dass Oliver noch immer hier war.
      „Nein, ist schon in Ordnung“, lehnte er murmelnd das Angebot ab, nachhause gebracht zu werden. Alexis hob leicht das Gesicht aus seiner Hand um seinen Freund anzusehen. „Willst du ihm nicht hinterher gehen?“, fragte er schwach. Er konnte nicht fassen, dass irgendeine Stimme in seinem Kopf immernoch darum flehte, von Oliver nicht zurückgelassen zu werden. Es war völlig irrational. Wann würde diese Stimme ihn nur endlich in Ruhe lassen?
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    • Oliver

      “Ich gebe ihm noch ein paar Minuten. Wenn ich ihm jetzt hinterherlaufe wird es wahrscheinlich auf einen Streit hinauslaufen und das würde ich gerne vermeiden.” Oliver klang deutlich selbstbewusster, als er sich fühlte. So extrem war es noch nie ausgeartet. Normalerweise sagten sie sich einfach gegenseitig, wie doof sie sich fanden, einigten sich darauf, dass Jordan mit allem Recht hatte und machten sich dann mit Ruhe an die Wochenplanung. Jordan war noch nie gegangen. Das ging ihm gerade wieder und wieder durch den Kopf. Er war noch nie gegangen. Er würde ich wieder abreagieren, oder? Ganz bestimmt. Er musste sich abreagieren. Sonst hatte Oliver ein gigantisches Problem.
      “Ähm, ich sollte…ich…” Oliver deutete kurz auf die Tür, aus der Jordan gerade verschwunden war. Wie würde er das wieder gut machen? Er würde sich auf dem Rückweg definitiv was einfallen lassen müssen. Vielleicht würde er im Supermarkt halten und doch etwas kochen, bis Jordan zurück nach Hause kommen würde. Erfahrungsgemäß würde Jordan irgendwo eine Runde spazieren gehen, oder durch die Gegend fahren. Oliver hatte also etwas Zeit. Vielleicht gab es irgendwo noch eine Möglichkeit, um Blumen zu besorgen. Und er sollte in einer Kirche halten und beten, dass Gott - falls es ihn gab - ein gutes Wort bei ihm für Jordan einlegen würde.
      “Sicher, dass du irgendwie nach Hause kommst?”, fragte er Alexis. “Ich würde dich ungerne einfach hier aussetzen.” Oliver gab sich alle Mühe zu ignorieren, was Jordan gesagt hatte, auch, wenn es ihm wieder und wieder durch den Kopf ging. Jordan war selten neidisch. Oliver hatte zu Promozwecken ein ziemlich romantisches, witzig gemeintes TikTok mit Sam gedreht und Jordan hatte hinter der Handykamera mitlachen müssen. Neid war nicht sein Ding. Und dann bei Alexis? Den er seit seiner Kindheit kannte? Der anderen Menschen normalerweise aus dem Weg ging? Das machte alles keinen Sinn.
      “Mach dir keine Gedanken über das, was er gesagt hat.” Oliver wusste nicht ganz, ob er sich selbst, oder Alexis beruhigen wollte. Er stand auf, um zu gehen. “Ich mach das wieder gut.”
    • Alexis

      Alexis war der Meinung, dass Oliver und Jordan sich gerade definitiv in einem Streit befanden, so wie Jordan weggelaufen war, aber er würde nicht widersprechen. Wenn Oliver meinte, dass es besser war, ihm Zeit zu geben… war es hoffentlich so. Alexis fühlte sich zu schuldig an diesem Streit, um noch irgendetwas dazu sagen, aber er hatte das ungute Gefühl, dass sie das nicht mit ein paar Worten regeln konnten. Jordan hatte seit Jahren ein Problem mit Alexis, aus gutem Grund, und nachdem Oliver und er zusammen arbeiteten, war es schwer, Abstand zu halten. Alexis sah es schon kommen… Oliver würde vermutlich kündigen, sobald Jordan ihn überzeugt hatte, dass Alexis Gefühle für ihn hatte. Bestenfalls würde Alexis… es ihm selbst sagen. Wahrscheinlich sollte er das. Baldmöglichst. Bevor er wirklich dafür verantwortlich war, dass die beiden sich trennten, das würde nämlich keinem helfen. Es war schließlich nicht so, als könnte Oliver mit Alexis jemals glücklich werden. Sie passten nicht zusammen und sie waren eben einfach nur… Freunde. Wenn überhaupt.
      „Ich nehme mir schlimmstenfalls ein Taxi“, lehnte Alexis, gegen seinen eigenen Willen, erneut ab. „Warte lieber nicht zu lang“ Er nickte in Richtung Tür. Als Oliver aufstand, blieb Alexis sitzen. Er war sich ziemlich sicher, dass seine Beine gerade nicht so funktionieren würden, wie sie sollten. Außerdem hatte er bizarrerweise noch immer riesigen Hunger, also…
      „Wir sehen uns morgen“, sagte Alexis und lächelte Oliver schwach zu, ohne auf irgendetwas zu reagieren, das er eben gesagt hatte. Sich keine Gedanken über Jordans Worte zu machen… Das war vollkommen unmöglich.
      Gerade als Oliver ging, begann Alexis Handy zu vibrieren und er drehte es mit einem Seufzen um, nur um Florins Namen zu sehen. Er nahm den Anruf an.
      „Hey, was war mit dieser kryptischen Nachricht? Wieso fährst du nicht einfach nachhause, wenn du keine Lust mehr hast?“, fragte Florin. Alexis hörte im Hintergrund Geschirr klirren.
      „Vergiss es, es ist schon zu spät“, murmelte Alexis.
      „Mit wem warst du überhaupt unterwegs?“
      „… Mit Oliver und seinem Freund“, antwortete Alexis, ließ seinen Arm vom Tisch rutschen und lehnte sich zurück.
      „Jordan? Der ist doch eh richtig nett. Und ungefähr so gesprächig wie du- Nein, die Sauce gehört in den anderen Kühlschrank. Der andere Kühlschrank“
      „Du hast noch immer viel zu tun, hm?“, fragte Alexis und schmunzelte.
      „Urgh. Ich hab das Gefühl, eine Horde Affen zu trainieren. Hey, ich muss jetzt aufhören. Dein Problem hat sich von selbst gelöst, oder?“
      Alexis schwieg kurz. Sein Problem hatte sich definitiv nicht gelöst. „Ich bestelle mir noch was zu Essen und fahre nachhause. Sehen wir uns am Sonntag la bunici?“
      „Mhm. Bunica hat mich die Woche viermal angerufen, seit sie herausgefunden hat, wie ihr iPhone funktioniert. Hab überhaupt keine Wahl“
      „Ich hoffe, du hebst auch mal ab“ Alexis lachte leicht.
      „Da. Ich will nicht, dass sie aufhört, mir Sarmale zu machen“
      Alexis führte sein Gespräch, das kaum Inhalt hatte, mit Florin, der wohl einfach nicht mehr arbeiten wollte, noch eine Weile fort, bis ein Kellner an seinen Tisch kam. Es tat gut, kurz von der Szene abgelenkt zu werden, die sich hier gerade ereignet hatte. Aber dafür war es schließlich doppelt so schlimm, alleine zu essen. Er hätte einen entspannten, langweiligen Abend mit seinen Tiefkühlpommes und Gilmore Girls haben können… Nicht, dass er das irgendjemandem erzählt hätte. Stattdessen hatte er einen unglaublich leckeren Burger und die Sorge, dass Oliver über Nacht das Land verließ. Er konnte den Burger kaum genießen.
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    • Oliver

      Er hatte keine Blumen gefunden, dafür aber was zu Essen gekocht und Jordans Lieblingseis zum Nachtisch besorgt. Das einzige Problem war, dass Jordan sich fast ein wenig zu viel Zeit ließ. Zum einen, weil er so irgendwie dafür sorgen musste, dass das Essen nicht kalt wurde, zum anderen, weil das wohl bedeutete, dass Jordan richtig wütend sein musste. Als Oliver schlussendlich die Tür ins Schloss fallen hörte, war es fast zu spät zum Essen.
      "Joe!" Oliver fing ihn ab, bevor sein Freund wortlos an ihm vorbei ins Schlafzimmer verschwinden konnte. "Hey. Ich hab gekocht. Können wir reden?"
      Jordan blinzelte ihm kurz entgegen. Er sah nicht besonders gut aus. Müde und fertig. "Worüber? Über deinen netten Abend mit Alexis? Ich bin müde, Olli."
      "Es tut mir leid, dass ich Alexis einfach mitgebracht habe", erklärte Oliver, während er Jordan sanft mit sich in die Küche zog und ihn zu seinem Stuhl am Tisch schob. Jordan setzte sich ohne weitere Beschwerden. "Ich hätte dich wenigstens vorwarnen sollen. Wir hatten sowieso vor, mit Freunden zu gehen, also dachte ich, es wäre okay."
      "Es lag weniger daran und mehr an Alexis als Person", merkte Jordan nach einer kleinen Pause leise an, während Oliver ihm ein paar der Nudeln, die er gekocht hatte, auf den Teller gab. Er machte keinerlei Anstalten, nach seinem Besteck zu greifen.
      "Alexis steht nicht auf mich. Ich- Er ist- Ich kann verstehen, warum du das vielleicht denkst, aber er ist eine ziemlich introvertierte Person und wir kennen uns schon seit Jahren. Er geht mit mir einfach etwas offener um, als mit anderen, weil wir uns schon so lange kennen. Das muss von außen ziemlich schräg wirken." Zumindest war das das Ergebnis, auf das Oliver in der letzten Stunde gekommen war. Er selbst behandelte Alexis deshalb schließlich auch anders, als seine anderen Freunde. Es war schräg, wenn man sich gegenseitig aufwachsen sah. Er fühlte sich furchtbar schuldig, Alexis in das alles reingezogen zu haben. Er hatte so verloren ausgesehen, als Oliver gegangen war.
      Jordan stieß ein sehr knappes "Ah" aus, das nicht sonderlich überzeugt klang.
      "Wir sind Freunde. Aber ich liebe dich." Oliver lächelte aufmuntern, während er über den Tisch hinweg nach Jordans Hand griff. Jordan schien einen Moment darüber nachzudenken, bevor er seufzte und nach der Gabel griff.
      "Es tut mir leid. Er schaut dich immer so an, als ob du der einzige Schluck Wasser in der Wüste wärst und es macht mich fertig, dass das außer mir niemand merkt." Jordan stocherte in den Nudeln herum. "Ich liebe dich und ich will dich nicht verlieren."
      "Wirst du nicht." Oliver drückte Jordans Hand, bevor er aufstand, um den Tisch herum ging und Jordan küsste. Zum Glück erwiderte Jordan den Kuss. "Wir schlafen eine Nacht drüber und dann finden wir morgen eine Lösung, okay?"


      Ezra

      Der Spielplatz war die Idee des Jahrhunderts gewesen. Niko war hellauf begeistert gewesen und dann eingeschlafen, als er ihn auf seinen Kindersitz gesetzt hatte. Ezra hatte ihn zurück in die Wohnung tragen und ihn schließlich aufwecken müssen, als er so lange schlief, dass Ezra Angst hatte, dass er dafür Abends nicht mehr in den Schlaf kommen würde. Niko war nicht sonderlich begeistert darüber gewesen, aufgeweckt zu werden.
      Max hatte sich zum Lesen zurückgezogen. Ezra hatte ihn irgendwann darum gebeten, ihm vorzulesen, während er aufräumte, was ziemlich gut funktionierte. Max las langsam, hing sich an ein paar Wörtern auf, aber wenigstens kannte er die Buchstaben und die Bedeutung der meisten Wörter. Ezra musste ihm nur zwei mal helfen, aber das war für sein Alter wohl mehr als normal. Sie hatten trotzdem nur zwei Seiten aus Max' Kinderbuch geschafft, als Ezra mit der Küche fertig war. Er hatte Max noch nie so viel am Stück reden gehört. Er ließ ihn im Wohnzimmer weiterlesen, während er daneben saß und an dem neuen Strampler für Elli weiterstrickte und Niko fröhlich mit ein paar Holzbausteinen spielte. Sie saßen immer noch zusammen, als er Andrew nach Hause kommen hörte.
      Niko war der erste, der an der Tür war, um Andrew zu begrüßen und sofort auf ihn einzureden. Max war etwas vorsichtiger und wahrscheinlich eher auf Elli fokussiert, als auf seinen Dad. Ezra strich seinem Sohn im Vorbeigehen kurz durch die Haare, bevor er sich über Niko hinweglehnte, um Andrew einen Kuss geben zu können.
      "Hey", grüßte er, während er ihm Elli abnahm, um Andrew die Chance zu geben, Jacke und Schuhe auszuziehen. Irgendwie kam ihm das alles seltsam normal vor. Genau wie das Leben, das er immer hatte haben wollen und für unmöglich gehalten hatte. "Wie war dein Tag?"
    • Andrew

      Andrew hatte in seinem Leben noch nicht oft das Problem gehabt, dass er zu abgelenkt war, um seine Arbeit zu machen, und es war eigentlich nur Glück, dass er so viel zu tun hatte, dass es beinahe unmöglich war an seine… anderen Problemen zu denken. Ja, zum Glück, weil er wirklich darauf achten musste, ab sofort den besten Eindruck zu machen. Er war nicht nur irgendein Manager oder eine Branchenleitung, nein, er hatte tatsächlich die Kontrolle über alles, was MLO tat, in jedem einzelnen europäischen Land. Zugegeben, manchmal hatte Andrew kurz das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen, wenn er sich das Gesamtbild seiner Verantwortung ansah. Aber er wurde sowieso gezwungen, alles in kleinen Schritten anzugehen. Wenigstens war er für eine Weile Richard los. Und… er hatte ein Haus auf dem Markt gefunden, dass Ezra und den Kindern gefallen könnte.
      Andrew war mehr als bereit, nachhause zu gehen, als sein eigens gestellter Wecker klingelte, und er ohnehin als letzter das Büro verließ, mit Ausnahme von den Nachtdiensten. Am liebsten würde er sich spalten, damit er 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, die Stellung hier halten konnte.
      Er verabschiedete sich knapp, schnappte sich sein drittes Kind, und fuhr auf dem gesamten Heimweg immer etwa 10 bis 15 Kilometer pro Stunde zu schnell. Es gab einen Grund dafür, nachhause zu eilen. Seine Kinder, die er mittlerweile wirklich als seine Kinder akzeptiert hatte, und die er um jeden Preis der Welt vor allem beschützen musste, das ihnen schaden könnte… waren heute in ihrer ersten Therapiesitzung gewesen. Bei irgendeinem fremden Mann, von dem Andrew nicht wusste, ob er ihnen vielleicht mehr psychischen Schaden zufügte als sie eh schon hatten. Er hasste sich selbst dafür, nachgegeben zu haben, als Ezra ihn überzeugt hatte, selbst mit den Kindern zu gehen, damit Andrew arbeiten konnte. Gut, er… musste definitiv so oft wie möglich im Büro sein, wie es ging, aber es gab eben valide Gründe, um eine Ausnahme zu machen! Und das war eine perfekte Ausnahme.
      Deshalb wehrte er sich zuhause ausnahmsweise nicht, Elli sofort abzugeben, weil er gedanklich eh woanders war. Er ignorierte Ezras Frage sogar unbeabsichtigt. "Wie war's? Ist alles okay?", fragte er schnell und wuschelte Niko, der routiniert an seinem Bein hing, durch die Haare, bevor er sich kurz hin kniete und sein Gesicht in die Hände nahm. "Wie war dein Tag?", fragte Andrew, etwas zu besorgt und gab dem Jungen einen Kuss auf die Stirn, was ihn sofort dazu brachte, Andrew um den Hals zu fallen. Das war allerdings keine Antwort.
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    • Ezra

      "Alles bestens", versicherte Ezra, während er sich hinkniete, um mit Andrew und Niko auf Augenhöhe zu sein. Elli schien in seinen Armen ein wenig überfordert zu sein - sie wusste nicht ganz, ob sie zuerst ihn oder ihren Bruder das kleine Händchen entgegenstrecken sollte, weshalb sie kurz ein wenig aussah, wie eine Betrunkene, die beide Arme zur Seite streckte, um nicht umzukippen. Ezra musste ein kleines Lachen unterdrücken, während Max von der Seite nach einer ihrer Händchen griff. Elli versuchte sofort, seinen Finger in ihren Mund zu schieben. "Wir leben noch, es gab keine Verletzungen und wir haben es sogar auf den Spielplatz geschafft. Und der Doktor war wirklich nett, oder?"
      "Er hatte Dinofiguren", antwortete Max, was wohl 'ja' bedeutete. Zumindest sah er zufrieden aus. Für seine Verhältnisse.
      "Wollt ihr Elli zeigen, was ihr heute gemalt habt?", fragte Ezra und bekam zumindest ein kleines Lächeln zur Antwort, als er Elli vorsichtig in Max' ausgestreckte Ärmchen legte. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging Richtung Wohnzimmer, während er Niko etwas auf russisch zurief. Niko zögerte nur kurz, bevor er ihm folgte. Ezra sah den dreien kurz lächelnd hinterher, bevor er sich wieder zu Andrew drehte und ihm eine Hand entgegen streckte, um ihn mit sich wieder auf die Beine zu ziehen.
      "Es wäre wohl ganz gut, wenn die beiden noch ein paar Sitzungen bekommen würden. Gerade Max macht mir noch ein bisschen Sorge. Es hat fast die komplette Stunde gedauert, bis er mehr als zwei Sätze gesagt hat", erklärte er, während er Andrew aus der Jacke half und schließlich seine Arme um seinen Hals legte. Nach den letzten Monaten war es immer noch ungewohnt, so lange von ihm getrennt zu sein. Am liebsten würde er ihn einfach mit sich aufs Sofa ziehen und sich für die nächsten Stunden an ihn kuscheln. Das war die Art von Therapie, die er brauchte.
      "Der Psychologe kannte dich übrigens. Offenbar hattet ihr mal was miteinander." Ezra konnte nicht anders, als kurz zu grinsen. "Alexis Jones-Enescu? Dunkle Haare, sah recht jung aus. Ein bisschen hölzern, wenn man mit ihm spricht. Muss wohl ein paar Jahre her gewesen sein. Ich hätte nie gedacht, dass er dein Typ ist." Er war Andrew irgendwie viel zu ähnlich. Ezra konnte sich kaum vorstellen, dass sie über irgendwas anderes, als die Arbeit gesprochen hatten.
      "Wir hatten überlegt, ob wir deshalb vielleicht die Praxis wechseln sollen", fuhr Ezra etwas ernster fort. "Ich wollte erst deine Meinung hören, bevor ich irgendwas alleine beschließe."
    • Andrew

      Andrew sah Niko weiterhin etwas besorgt hinterher, als der Junge ihn losließ und seinen Geschwister hinterher lief. Dinofiguren und Malen hin oder her. Ezra fand alle Menschen nett, mit Ausnahme von Richard. Was, wenn dieser Typ ihren Kinder auf lange Sicht irgendetwas einreden würde? War es wirklich so gut, einem Fremden so viel Macht zu geben, indem man ihm jede private Einzelheit erzählte? Andrew war nicht überzeugt. Er hätte den Psychologen gerne selbst mal unter die Lupe genommen, aber dann musste das eben auf nächstes Mal warten.
      Er stand auf, zog seine Jacke aus und griff nach Ezras Armen, als dieser sie um seinen Hals legte. Andrew konnte nicht widerstehen und küsste seinen Freund. Ugh… Er wollte nichts lieber, als ihn auf der Stelle zu heiraten.
      … Huh. Der Psychologe kannte ihn? Andrew blinzelte, und fror schließlich ein. Er hatte es doch gewusst. Das alles war eine furchtbare Idee gewesen und Andrew hätte von vornherein Interviews mit ein paar Psychologen führen sollen, bevor er einen in die Nähe seiner Familie ließ.
      „Nein… Ich hatte nie was… mit einem Psychologen“, murmelte Andrew völlig irritiert. Oder doch? Irgendwie sagte ihm die Beschreibung absolut nichts, aber er hatte einige Männer gedated. Er konnte sich an kaum einen Namen erinnern, aber es war auch nie besonders spektakulär gewesen. Nicht, dass er das Ezra auf die Nase binden musste, falls er das nicht ohnehin schon wusste.
      „Wir müssen auf jeden Fall Praxis wechseln. Ich schicke meine Kinder nicht zu einem Ex in Therapie. Entweder das oder zu einem manipulativen Idioten. Ich kann mich an niemanden erinnern, der zu der Beschreibung passt“ Ob er eine Website mit Foto hatte?
      „Und was soll das heißen? Er kannte mich aber ihr wart die ganze Stunde dort? Worüber habt ihr überhaupt gesprochen? Hat er irgendwas seltsames zu den Kindern gesagt? Wissen die Kinder davon? Ich bin kein Fan davon, dass sie mit sowas noch zusätzlich konfrontiert werden. Am Ende denken sie noch, dass unsere Familie irgendwie instabil ist. Und wie soll jemand, der hölzern ist — was auch immer das bedeutet — ein guter Kinderpsychologe sein? Kein Wunder, dass Niko mir keine richtige Antwort gegeben hat. Wahrscheinlich sind sie traumatisiert weil sie mit meinem unsympathischen Exfreund in einen Raum gesperrt waren. Falls es überhaupt wahr ist. Ugh. Hat er ein Foto auf der Website? Vielleicht sollte ich dort mal anrufen, und fragen, ob das Level an Unprofessionalität der neue Standard ist“ Je länger Andrew darüber redete, desto wütender wurde er. Brauchten sie überhaupt einen Psychologen? Dinosaurier udn Buntstifte hatten sie zuhause auch. Was sollte das bringen??
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    • Ezra

      Okay, ja, vielleicht hätte Ezra wissen müssen, dass Andrew das alles nicht ganz so witzig finden würde, wie er. Dass er sich in die Sache so reinsteigerte, war doch ein bisschen überraschend. Sicher war es nicht gerade ideal, wenn der Ex durch deine Kinder alles über dein neues Leben erfuhr, aber Andrew konnte sich offenbar nicht mal an Alexis erinnern. Ezra nickte trotzdem kurz mitfühlend, während Andrew sich offenbar seine gesamten Sorgen von der Seele redete, legte schlussendlich seine Hände an Andrews Wangen und küsste ihn.
      "Hey. Es war nicht annähernd so dramatisch, wie du es dir vorstellst", erklärte er sanft. "Alexis war überraschend sympathisch. Er hat keine komischen Fragen gestellt und wir haben erst beim Gehen festgestellt, dass er dich kennt. Er war sich selbst nicht sicher und er hat direkt von sich aus vorgeschlagen, dass wir die Praxis wechseln können." Seine Arme wanderten wieder um Andrews Hals und er zog ihn sanft näher an sich. Sich nach einem kompletten Arbeitstag noch so aufregen zu können war erstaunlich.
      "Wir können natürlich wechseln. Ich weiß nur nicht, wie oft noch, bevor Max komplett dicht macht. Er schien ganz gut mit Alexis aus zu kommen. Zumindest hat er gegen Ende ein bisschen was gesagt. Ich will nicht, dass Max jedes mal wieder von vorn Anfangen muss." Um Niko machte er sich da deutlich weniger Sorgen. Er war etwas aufgedreht, aber das war normal in dem Alter. Wahrscheinlich würde er nicht zwangsmäßig psychologische Betreuung brauchen.
      "Du kannst beim nächsten Mal ja einfach selbst mitkommen und dir ein Bild machen. Ich möchte Max aber in Behandlung haben, bevor er in die Schule kommt und dort am Ende keinen Anschluss findet." Darauf würde er bestehen, egal, was Andrew sagte. Die Vorstellung, dass Max es nicht schaffen würde, Freunde zu finden - Liz ausgeschlossen - war der größte Horror, den Ezra sich vorstellen konnte. Er brauchte diesen Anschluss außerhalb seiner Familie, bevor er zu sehr an ihnen klammern würde. Er konnte nicht jedes mal nervös werden, wenn Elli und Niko nicht in seiner Nähe waren. Max wusste auswendig, wann Andrew von der Arbeit zurückkam und würde seltsam hibbelig, wenn er sich mehr Zeit ließ. Das musste aufhören. Nicht, dass Ezra letzteres je Andrew gegenüber erwähnen würde.
      "Alexis ist ungefähr so groß wie ich, schwarze Haare, dunkle Augen. Ein paar Muttermale im Gesicht. Hübsch, wenn man auf leicht depressiv steht, schätze ich. Schmal. Er ist vielleicht um die 30? Ich glaube er meinte, dass die Beziehung mit dir sechs oder sieben Jahre her ist. Ich wünschte ich könnte dir sagen, dass du nach der Trennung merklich erleichtert oder traurig gewirkt hast, aber bis vor einem halben Jahr hast du konsequent immer nur genervt gewirkt, wenn du mich gesehen hast, also kann ich dir an der Stelle nicht weiterhelfen."
    • Andrew

      Andrew ließ sich etwas widerwillig an Ezra ziehen, weil er wusste, dass er nicht mehr so wütend sein konnte und alles weniger ernst sah. Was definitiv Ezras Taktik war, aber… das war ein ernstes Thema. Sie konnten das nicht einfach so…
      Andrew schmolz trotzdem ein wenig in den Kuss und war, wie immer, zu fasziniert von Ezras Augen, um sich richtig auf ihre Diskussion konzentrieren zu können. War es überhaupt eine Diskussion? Sie schienen ja dieselbe Meinung zu haben, nur dass Ezra alles etwas lockerer sah.
      Andrew seufzte frustriert. "Schön. Ich komme nächstes Mal mit und sehe mir das an, bis dahin bleibt die Entscheidung offen. Wenn du Max unbedingt in Therapie haben willst, und ich nehme an, dass das keine so schlechte Idee ist… dann finden wir auch jemand anderen, aber ich gebe diesem Alexis Typ meinetwegen eine Chance. Aber wieso stört dich das überhaupt nicht?" Andrew fand es schrecklich irritierend, dass Ezra überhaupt kein Problem mit all dem hatte. Sollte der Ärger nicht eigentlich umgekehrt sein?
      "Er klingt unglaublich langweilig, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich wirklich eine Beziehung mit so jemandem hatte. Ich kann mich allgemein an niemanden erinnern, mit dem ich jemals zusammen war. Da sind höchstens ein paar verschwommene Erinnerunsgflecken, also woher soll ich das wissen?" Klang er zu verärgert? Aber… Ezra konnte doch wenigstens ein bisschen ein Problem damit haben, oder? Obwohl das hoffentlich bedeutete, dass er sich absolut keine Sorgen machte, dass Andrew jemals wieder irgendjemand anderen ansehen würde. Dann hatte Andrew sein Ziel zumindest irgendwie erreicht.
      "Depressiv und hölzern klingt übrigen auch nicht nach jemanden, den ich um meine Kinder herum haben will. Und du findest jeden sympathisch, also bist du nicht gerade der beste Maßstab" Sie hätten von Anfang an beide zu dem Termin erscheinen sollen.
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    • Ezra

      "Wieso stört mich was nicht?", fragte Ezra amüsiert. "Dass er über unsere Kinder etwas über unser Leben mitbekommen würde? Das würde jeder Therapeut. Ich kenne ihn nicht, er kennt mich nicht und er wirkte nicht wie jemand, der den Kindern einen reinwürgen würde, nur, weil ihr Schluss gemacht habt." Im Gegenteil. Alexis hatte nicht gerade so gewirkt, als ob er es sonderlich bereut hätte, die Beziehung mit Andrew beendet zu haben. "Er konnte sich auch nicht mehr so genau an dich erinnern. Oder meinst du, dass es mich stören sollte, einen Ex von dir getroffen zu haben? Darling, darf ich dich daran erinnern, dass wir meine Ex zu Silvester eingeladen haben? Ich hab Hope gestern noch geschrieben, ob die uns beim Renovieren helfen würde! Ich liebe dich, ich weiß, dass du mich liebst und ich mache mir absolut keine Sorgen, dass du mich wegen jemanden verlässt, an den du dich nicht mal erinnerst." Er lächelte leicht und gab Andrew den nächsten Kuss auf die Lippen.
      "Die Antwort war übrigens Ja. Wenn wir ein Haus gefunden haben, würde Hope das Streichen übernehmen. Ich musste ihr dafür allerdings Spielpausen mit den Kindern versprechen." Er grinste, während er einen Schritt zurück ging und nach Andrews Händen griff. Aus dem Wohnzimmer erklang ein kleines Scheppern. Gemessen daran, dass kein Schreien folgte, schien es nichts schlimmes gewesen zu sein. Ezra seufzte.
      "Wie war dein Tag sonst?", fragte er, während er Andrew los ließ um zu schauen, was die Kinder angestellt hatten. Ein kurzer Blick ins Wohnzimmer reichte um festzustellen, dass Niko offenbar etwas zu enthusiastisch gegen den Couchtisch gelaufen war und dadurch alles umgestoßen hatte, was darauf gestanden hatte. Die Buntstifte rollten verteilt über die Holzfläche, ein paar der Malpapiere waren verrutscht und ein Plastikbecher lag in einer kleinen Wasserpfütze auf dem Boden. Niko schien noch nicht entschieden zu haben, ob er sich wehgetan hatte, oder nicht. Ezra machte einen Abstecher in die Küche, um einen Lappen zu holen.
      "Es tut uns leid!", versicherte Max in der Sekunde, in der Ezra in das Zimmer kam. Der Junge sah vollkommen panisch aus. Ezra warf Andrew einen kleinen 'siehst du, was ich meine?' Blick zu, bevor er Max kurz an sich drückte.
      "Alles okay. Ist doch nichts passiert." Er gab dem Jungen einen Kuss auf die Schläfe, bevor er sich dem Fleck widmete. "Findest du auch, dass der Umriss des Wassers ein wenig aussieht, wie ein Hase?" Max sah ein paar Sekunden lang so aus, als ob er in Tränen ausbrechen wollte, bevor er vorsichtig nickte. Niko schien diesen Moment zu wählen um zu entscheiden, dass er sich wehgetan hatte und das lautstark kund zu tun. So viel zum Thema Stress reduzieren.
    • Andrew

      Okay, Ezra ergab mal wieder zu viel Sinn, als dass Andrew sich noch widersetzen konnte. Er war zwar kein großer Fan davon gewesen, Hope das erste Mal zu treffen, aber das Gefühl war mittlerweile verschwunden und hatte nur die dezente Sorge zurückgelassen, dass sie Ezra zu etwas motivieren könnte, das wieder in einem Unfall resultierte. Manche Menschen konnten wohl mit ihren Exfreundinnen und -freunden in Kontakt bleiben, ohne dass es seltsam war. Andrew hatte es nie ausprobiert, war aber auch nicht aufgelegt, jetzt damit anzufangen. Er würde Alexis hoffentlich einfach nicht erkennen, wenn er ihn sah, dann war das alles so, als wäre es nie passiert. Und je nachdem ob er gelogen hatte, war es ja vielleicht wirklich nie passiert.
      "Oh, apropos" Andrew fiel etwas ein, als Ezra das Streichen erwähnte. "Wir brauchen definitiv jemanden zum Streichen, wenn dir das Haus gefällt, dass ich gefunden habe" Er lächelte. "Ich zeige dir keine Fotos, weil ich mir Hundertprozent sicher bin, dass du es lieben wirst, und dass die Kinder es lieben werden und… dass Hope es lieben wird, weil es einiges zum Renovieren gibt. Aber kaum etwas, das wir nicht selbst erledigen könnten und es ist leistbar, groß, hat einen riesigen Garten und… du kannst es dir am Samstag selbst ansehen"
      Andrew gab seinem Freund einen Kuss und folgte dann in Richtung Wohnzimmer, wo er leider mal wieder zustimmen musste, dass Max ein paar Probleme hatte. Er war viel zu ängstlich. Andrew wusste nicht, ob er das so interpretieren sollte, dass er Angst hatte, dass sie ihn weggaben, oder dass er im Kinderheim für solche Dinge zu hart bestraft wurde. Er wollte beides nicht richtig wahrhaben. Und er war dankbar, dass Ezra irgendwie immer wusste, wie er mit diesen Dingen umgehen sollte. Andrew folgte ihm und hob Niko hoch, als dieser wie am Spieß zu schreien begann. Irgendwann, wenn er diesen Schrei oft genug direkt in sein Ohr abbekommen hatte, würde er ihn kaum mehr hören.
      "Okay, okay. Das hat so weh getan? So oft wie du gegen Wände läufst, musst du doch langsam abgehärtet sein. Keine Sorge, Niko. Irgendwann steckt du das genauso weg, wie Ezra. Der weiß garnicht, woher seine blauen Flecken kommen" Andrew saß mittlerweile auf dem Sofa und strich dem Jungen die Haare aus der Stirn. Er hatte herausgefunden, dass man ihn ziemlich gut ablenken konnte, wenn man einfach auf ihn einredete. Vielleicht beruhigte es ihn, vielleicht verwirrte es ihn, auf jeden Fall funktionierte es.
      "Mein Tag war übrigens sehr seltsam, willst du das auch hören? Ezra hat mich gerade danach gefragt. Ich bin jetzt der Chef, was bedeutet, dass mich andauernd Leute nach irgendetwas fragen. Das ist okay, aber ziemlich anstrengend, wenn es haufenweise Fragen sind, die man sich selbst beantworten kann. Ich brauche einen Sekretär, findest du nicht, Niko? Und auch, wenn es ein bisschen komisch wirken könnte, nachdem wir unsere Beziehung offiziell machen, hab ich mir gedacht, dass ich Ezra frage, ob er das übernehmen will. Ein Sekretär muss dich ja gut kennen. Ezra kann fast meine Gedanken lesen, also wäre er perfekt für den Job, oder? Er kann dann auch so viel herumlaufen und mit anderen Leuten reden, wie er will, weil er die Ausrede hat, dass er das Arbeitsklima für mich kontrollieren muss"
      Andrew sah mit fragendem Blick zu Ezra auf. "Außerdem kann er vieles von zuhause erledigen, wenn er das will. Zumindest bis Herbst" Andrew hatte das durchdacht und ihm fiel an der Idee kein einziger Nachteil auf. Das Beste war sogar, dass Ezra immer in Sicherheit wäre, weil er keinen Außendienst hatte. Aber wenn es mal zu langweilig wurde, konnte er Andrew einfach irgendwohin begleiten, weil er immerhin der Chef war, und es war irgendwie auch normal, seinen Sekretär überall mitzunehmen, oder? Naja, ihnen würden schon Ausreden einfallen, um sich alles so zu biegen, wie sie es haben wollten.
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    • Ezra

      "Ich habe einen relativ großen Flecken am Oberschenkel und keine Ahnung, wann ich irgendwo gegen gelaufen bin", stimmte Ezra zu, als Andrew seine ständigen Unfälle ansprach. Er hatte keine Ahnung, ob es hilfreich, oder abschreckend war. Ezra freute sich ja, dass Niko ihm ähnlich war, aber es wäre ihm lieber gewesen, er hätte sich irgendeine weniger schmerzhafte Ähnlichkeit ausgesucht. Obwohl das Kleinkind schon wieder aufhörte zu heulen, als Andrew auf ihn einredete. Was bei Ezra wahrscheinlich auch funktionieren würde. Zumindest bis Ezra realisierte, was Andrew erzählte.
      "Oh." Er sah zu seinem Freund auf, der mit Niko auf dem Schoß so umwerfend aussah, dass er fast vergaß, dass er ihm gerade eine indirekte Frage gestellt hatte. Elli hatte neben ihm nach dem Plastikbecher gegriffen und sah ihn an, als ob sie ihn zum ersten mal sehen würde. "Ähm." Ezra hatte sich natürlich Gedanken um die Arbeit gemacht. Nur nicht so konkrete. Oder annähernd hilfreiche. Er hatte nur den ständigen Gedanken gehabt, dass mindestens einer von ihnen bei den Kindern sein musste und er keinen Moment mit ihnen verpassen wollte. Wie genau er das mit der Arbeit überein bringen würde, hatte er nicht lösen können. Arbeit war in seinen Tagträumen nie ein Faktor gewesen. Irgendwie waren sie in seiner Fantasie immer 24/7 zusammen gewesen. Aber das ergab Sinn. Wahrscheinlich könnte er so noch parallel Niko und Elli betreuen, wenn Max in der Schule war und er könnte ständig in Andrews Nähe sein, ohne dass es klammernd wirkte.
      "Das klingt nach einem ziemlich guten Vorschlag", stimmte er zu, während er Elli den Becher abnahm, bevor sie ihn desinteressiert durch die Gegend werfen konnte. Er stellte ihn zurück auf den Tisch, wo Max sofort danach griff, um ihn in die Küche zu bringen. Er hätte sich auch lieber Ezras extrovertierte Art abschauen sollen, statt seinen Putzzwang.
      "Du willst mich wirklich einfach zurück in dein Büro bekommen, hm?", fragte Ezra mit einem kleinen Grinsen, während er sich etwas gemütlicher auf den Boden setzte. Elli stützte sich sofort an seinen Knien auf. "Reden kann ich auf jeden Fall. Wir müssten nur einmal durchgehen, was deine Planungspräferenzen sind. Ich habe das Gefühl, dass wir beide eine sehr unterschiedliche Auffassung davon haben, wann und wie lange du Pause machen solltest. Außerdem müssen wir nochmal über die Sache mit dem Haus reden? Ich habe absolutes Vertrauen in dich, aber du kannst das doch nicht einfach anteasern und dann keine Fotos zeigen?" Ezra warf ihm einen entrüsteten Blick zu. "Du weißt, dass ich dir dafür dann zukünftig die Kaffeepausen verplanen kann, oder?"
    • Andrew

      Andrew nickte ernst. Natürlich wollte er Ezra zurück in seinem Büro haben. Aus mehreren Gründen. Er machte ihm die Arbeit leichter, einfach, indem er existierte. Und indem er ihm tatsächlich bei der Arbeit half. Außerdem bekam Andrew demnächst die neue Einrichtung geliefert, und er hatte sich gegen Ezras Willen für eine kleine Couch-Sessel-Kombi entschieden, damit er nicht ständig an seinem Schreibtisch sitzen musste. Im Dezernat hatte er auch oft genug im Pausenraum gearbeitet, wenn es irgendwie ging. Und… seit Andrews Übernahme-Meeting und ihrem kleinen Moment danach in seinem Büro, wollte er sehen, ob das Büro noch immer dieselbe Wirkung hatte. Dazu mussten sie nur wieder jemanden finden, der auf Elli aufpasste. Momentan kümmerte Ezra sich ausschließlich um die drei Kinder. Im Herbst war es dann allerdings nur noch Elli, weil Niko zurück in den Kinderarten und Max in die Schule kommen würde. Irgendwie musste es dann zu schaffen sein, dass Ezra und er ab und zu gleichzeitig arbeiten konnten. Manchmal fühlte es sich an, als würde Andrew seine rechte Hand fehlen.
      "Ich dachte, du willst, dass ich mehr Pausen machen", schmunzelte er. "Meine Kaffeepausen sind übrigens weniger Pause und mehr Kaffee. Da gibt es nichts zu verplanen. Du bekommst so oder so keine Fotos zu sehen, weil ich dich überraschen will, und deinen Blick sehen will, wenn du das Haus live und Farbe siehst und einmal durchgehst" Andrew zögerte. "Und wenn du es hasst, breche ich wahrscheinlich in Tränen aus, aber ist schon okay. Es wäre einfach schön für die Kinder gewesen, ein Spielzimmer für ihre eigenen Sachen zu haben, und einen großen Garten, vielleicht irgendwann einen Pool… ein Trampolin… eine Schaukel" Andrew versuchte ein Pokerface zu behalten, während Max, der zurück aus der Küche kam, ihn schockiert anstarrte und Niko ebenso empört den Blick zwischen Andrew und Ezra schwenkte.
      "Schaukel!", sagte Niko in einem fast herzzerbrechenden Ton und sah Ezra an. Man könnte meinen, dass er gleich wieder in Tränen ausbrach.
      Okay, vielleicht war er etwas zu weit gegangen. Er zog Niko an sich. "Keine Sorge, wir machen so oder so Platz für eine Schaukel, okay?", schmunzelte Andrew. Wenigstens hatten sie beim Budget keine großen Einschränkungen mehr. Sie sollten zwar nicht über Bord gehen, aber ein Garten war definitiv drin. Das war sogar eher das Minimum, so viel Zeit wie die Kinder derzeit im Garten verbrachten.
      "Ich mache keine leeren Versprechungen" Er lächelte. Die Kinder waren bei der Besichtigung sowieso nicht dabei, also konnten ihnen ja relativ egal sein, wo die Schaukel am Ende stand.
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    • Ezra

      “Ist das…emotionale Erpressung?” Ezra hob gespielt schockiert eine Hand an seine Brust. “Von dir?” Er sah runter zu Elli, die sich mittlerweile auf ihre Beinchen hochgezogen hatte und nun ihr Bestes gab, um nicht zu fallen. Ezra hoffte inständig, dass sie nicht die selben Geschwindigkeiten wie Niko erreichen würde. Zwei Kleinkinder mit einer Vorliebe zum Quer-durch-die-Gegend-Rennen wären definitiv zu viel.
      “Was halten wir davon, Elli?” Elli sah ihm ziemlich unbeeindruckt entgegen. Schaukeln und Trampoline würden für sie wahrscheinlich erst in ein paar Jahren relevant werden. Obwohl eine Kleinkindschaukel für sie bestimmt süß wäre. Und ein eigenes Zimmer mit irgendeiner süßen Tapete und Spielsachen. Sie brauchten dringend irgendeinen Türrahmen, an dem sie festhalten konnten, wie schnell die Kinder größer wurden. Absolutes Klischee, aber Ezra konnte sich nichts Schöneres vorstellen.
      “Elli ist auf jeden Fall auf meiner Seite”, behauptete er schließlich, gerade so, als ob sie sonst nicht jedes mal offensichtlich Andrew bevorzugen würde. “Das ist Mobbing.” Am liebsten hätte er die Kinder jetzt gleich in ihre Schuhe und Jacken gesteckt und würde sich einfach das Haus ansehen. Natürlich vertraute er Andrew. Wenn er sagte, dass das Haus perfekt war, würde es das auch sein. Jedes Haus wäre perfekt, solange es genug Platz hatte und sie zusammen waren. Neugierig war er trotzdem.
      “Es ist bestimmt wundervoll”, schloss Ezra etwas ernster, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. “Das Spielzimmer klingt gut.” Ein weiterer Raum, bei dem man nur die Türe schließen musste, um das Chaos zu vergessen. Sicher hatte Ezra nichts gegen die Spielsachen, die überall verteilt lagen - Kinder wollten halt spielen - aber es war nett zu wissen, dass sie bald einen Ort haben würden, wo all die Bauklötzchenkonstrukte, die man auf keinen Fall wegräumen durfte, sicher durch die Nacht kommen würden, ohne, dass man darüber stolperte. Außerdem wäre es ganz nett, das Schlafzimmer wieder für sich zu haben, aber da machte Ezra sich noch nicht zu viele Hoffnungen.
      Er sah Elli einen kleinen Moment dabei zu, wie sie offenbar realisierte, dass sie keine Ahnung hatte, was sie tun sollte, jetzt, wo sie stand und sich entsprechend einfach wieder recht unelegant hinsetzte. Max war neben Andrew auf das Sofa geklettert, eines seiner Bücher an sich gedrückt, offenbar ebenfalls zu neugierig auf ihre Unterhaltung, um zu lesen. Ezra lächelte leicht.
      “Hast du Andrew schon erzählt, worum es in deinem Buch geht?” Max sah ihm mit großen Augen entgegen, schüttelte leicht mit dem Kopf und wägte offenbar ab, ob es Andrew überhaupt interessieren würde, worum es in seinem Buch ging. Was vollkommen irrelevant war - Hauptsache, Max würde ein bisschen reden. Das war das Wichtigste für Ezra. Max zögerte kurz, bevor er tatsächlich anfing zu erzählen.
    • Andrew

      "Ich würde sowas nie tun, wofür hältst du mich eigentlich?", gab Andrew zurück, mit einem verspielten Lächeln auf den Lippen. "Zieh meine Tochter nicht auf deine Seite, sie kann sich nicht mit Worten wehren" Er lachte. Eigentlich konnten sie den Rest ihres Lebens auch so verbringen, oder? Zusammen gequetscht in ihrem kleinen Wohnzimmer, zusammen lachend, weil alles andere sowieso irgendwie vollkommen unwichtig war. Andrew hatte das Gefühl, nicht richtig gelebt zu haben, bevor er diese Familie gefunden hatte.
      Andrew lehnte sich zurück und legte einen Arm über den Sofalehne, um in Max Buch hineinsehen zu können. Er nickte ihm aufmunternd zu, als er beim Erzählen zögerte, und Andrew war kurz danach, erleichtert durchzuatmen, als Max ihm doch noch, leise und ruhig wie immer, erzählte, was er bisher gelesen hatte. Wenn man ihm nicht zu sehr auf die Pelle rückte, öffnete der Junge sich ja irgendwie doch von selbst. Klar brauchte er immer den kleinen Stups von Ezra und ihm, aber… es war beruhigend, wieviele Fortschritte er gemacht hatte. Zumindest zuhause.
      Andrew hörte zu und stellte ein paar Rückfragen, Niko sah aus, als würde er demnächst auf ihm einschlafen, und Andrew hatte wieder seinen Grund gefunden, den Arbeitstag morgen so schnell wie möglich hinter sich bringen zu können. Als er in Moskau alleine mit den Kindern gewesen war, war er ausschließlich überfordert und ängstlich gewesen, und jetzt beneidete er Ezra dafür, dass er zuhause sein konnte. Wenn Andrew so daran dachte, war es vielleicht garnicht so übel gewesen, arbeitslos zu sein. Aber… wahrscheinlich würde er das auch nicht lange aushalten. Momentan hatte er wenigstens jeden Tag etwas, auf dass er sich freuen konnte, wenn er nachhause kam.
      Nach dem Essen verbrachten sie die restliche Zeit, bevor die Kinder alle schlafen gingen, wieder gemeinsam auf dem Sofa. Andrew wollte die Zeit stoppen, zurückdrehen, was auch immer. Er hasste es womöglich noch mehr als Niko, wenn Schlafenszeit war. Immerhin hieß das, dass es wieder Stunden dauern würde, bis sie zusammen sein konnten.
      Andrew war an dem Abend trotzdem glücklich. Er klammerte sich im Bett etwas kindisch an Ezra und weigerte sich, loszulassen.
      "Ich wünschte, ich müsste nie wieder weg. Hoffentlich kann ich irgendwann wieder von zuhause arbeiten… Und dann nehmen wir Max aus der Schule, die anderen zwei aus dem Kindergarten, du bleibst für immer zuhause, und es darf sich nie wieder etwas ändern", murmelte er verschlafen. Vielleicht war er von dem Tag doch müder, als gedacht. "Was hältst du davon? Wir schotten uns von der Gesellschaft ab und kleben für immer aneinander. Das würde Max und meinen Verlustängsten sicher noch mehr helfen als eine Therapie" Er zog Ezra noch etwas enger an sich.
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    • Ezra

      Ein weiterer Tag überlebt. Ezra war froh, endlich im Bett zu sein, auch wenn Andrew sich so sehr an ihn klammerte dass er kurz überlegte, ob er ihn ersticken wollte. Obwohl er wirklich absolut nichts gegen die Nähe einzuwenden hatte. Ezra lachte kurz, als Andrew ihm seine kleine Zukunftsvision erklärte und strich mit seinen Fingern durch die dunklen Haare seines Freundes.
      "Wir könnten irgendwo im Wald ein kleines Farmhaus bauen und komplett unabhängig von allen anderen leben. Eigenes Gemüse anpflanzen und so. Ich würde uns zwei Wochen geben, bevor wir überfordert sind", erklärte er amüsiert und drückte einen Kuss auf Andrews Hals. Er selbst würde wahrscheinlich deutlich weniger als zwei Wochen brauchen, um unter diesen Voraussetzungen durchzudrehen. Er brauchte andere Menschen. Obwohl er Andrews Grundgedanken viel zu gut nachvollziehen konnte.
      "Findest du es auch seltsam, wie schnell man sich an das alles gewöhnt?", fragte er leise, während er weiterhin durch Andrews Haare strich. "Max und Niko sind noch nicht mal weg und ich freue mich jetzt schon auf die Ferien, wenn wir wieder alle zusammen sind. Ich liebe die drei, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass sie mir so schnell ans Herz wachsen. Mir kommt das alles so normal vor, als ob wir sie schon seit Jahren bei uns hätten." Allerdings kam ihm in letzter Zeit alles länger vor. Er hatte schon so viel mit Andrew durchgemacht, dass ihm ihre Beziehung auch deutlich länger vorkam. Obwohl das vielleicht auch daran liegen könnte, dass sie sich schon so viel länger kannten.
      "Mir ist heute durch Alexis erst wieder bewusst gewesen, dass wir auch ein Leben vor der Beziehung hatten. Ich kann mir gar nichts anderes mehr vorstellen." Es war beinahe beängstigend, wie schnell alles gegangen war. Neun Jahre lang hatte er versucht, mit Andrew zu flirten, nur um dann innerhalb eines halben Jahres alles zu bekommen, was er sich je erträumt hatte. Fast alles. Ein paar Details fehlten noch, aber daran ließ sich arbeiten.
    • Andrew

      "Ich glaube wir sind es weniger gewohnt als einfach glücklich, dass endlich wieder Ruhe ist… und alles unter Kontrolle. Keiner ist verletzt, wir haben langsam eine Routine. Wir sind endlich dabei, die schönen Dinge zu machen, wie ein Haus auszusuchen… Anstatt im Krankenhaus zu sitzen oder in irgendeinem fremden Land die Überlebenschancen abzuwägen. Ich bin einfach nur froh, dass alles so gut läuft. Mit MLO und mit den Kindern, mit uns. So sollte es sein, und keine Achterbahnfahrt zwischen Leben und Tod. In all den Jahren in denen ich Held war, hab ich nie so viele erschütternde Dinge erlebt, wie im letzten Jahr. Das ist abnormal. Wir sind einfach nur glücklich, dass es vorbei ist und noch alle leben" Andrew murmelte seine kleine Rede in Ezras Haar hinein, kurz vor dem Einschlafen, und als würde er sich selbst noch einmal erinnern müssen, dass jetzt alles in Ordnung war. Natürlich gab es noch einige Wild Cards, aber sie hatten alles unter Kontrolle.
      "Ich will garnicht an ein Leben davor denken. Ich will nurnoch ans Jetzt denken", flüsterte er und kuschelte sich weiter ins Bett. Trotz aller Dinge, die sie durchgemacht hatten, konnte sich Andrew nicht vorstellen, die Zeit zurückdrehen zu wollen. Er hatte noch nie so viel für jemanden empfunden, so viel Liebe in seinem Leben gehabt, so viele Dinge gehabt, auf die er sich freuen konnte. Wer würde das eintauschen wollen? Die schönsten Dinge im Leben wurden einem wohl einfach nicht geschenkt, man musste sich erst durch die Hölle kämpfen, um hier anzukommen.

      Andrew war sich ziemlich sicher, mitten in seinem kleinen Gespräch mit Ezra einfach eingenickt zu sein. Außerdem war er sich sicher, dass es nicht Morgens war, als er aufwachte. Er schreckte ein wenig aus seinem Traum, hatte das Verlangen Ezra aufzuwecken und ihm davon zu erzählen, weil er sich endlich erinnerte, woher er den Kinderpsychologen kannte. Klar. Dunkle Haare, etwas depressiv, verängstigt. Er hatte ihn damals vor dem Einbrecher beschützt und dann-
      Andrew hatte kaum geblinzelt, als es dunkler um ihn herum wurde. Pechschwarz. Das war seltsam. Träumte er noch immer, oder…?
      Okay, kein Traum. Spätestens, als er keine Luft mehr bekam und etwas über seinem Kopf spürte, war ihm das klar. Seine Arme flogen in die Luft, und er versuchte, den Stoff von seinem Gesicht zu bekommen, aber er war wie festgenäht. Außerdem… roch er eine Art… Beruhigungsmittel…

      Andrew hatte keine Ahnung, was passiert war. Er wusste nicht wie spät es war. Wo er war. Wieso er nicht im Bett lag, sondern… war das ein Stuhl? Er tastete mit seinen zusammengebundenen Händen danach, an was er gefesselt war. Irgendetwas war auf seinen Augen, aber er spürte nichts. Entweder war es im ganzen Raum vollkommen dunkel, oder jemand manipulierte seinen Blick. Beides war etwas verängstigend. Alles, woran Andrew denken konnte, war, was Ezra passiert war. War er noch zuhause? Waren die Kinder zuhause? Jemand war offensichtlich in ihre Wohnung eingebrochen. Andrew hatte Kopfschmerzen und wabernde Erinnerungsfetzen, aber er hatte bestimmt niemanden gesehen.
      Er saß eine Weile auf dem Stuhl und überlegte. Eigentlich konnte er keine Zeit vergeuden. Hatte er Steine bei sich? Nein. Keinen spitzen Gegenstand, noch nicht einmal richtige Kleidung. Er trug noch seinen Pyjama und… er spürte kalte… Fliesen, oder etwas auf die Art, unter seinen Füßen. Vielleicht Stein. Der Boden war uneben, aber Andrew hatte nicht genug Bewegungsfreiheit. Seine Beine waren ebenfalls gefesselt, an die Füße des Stuhls, auf dem er saß.
      "Ist… irgendjemand da?", fragte er in den Raum hinein. Es hallte. Keine Antwort. Er war sich nicht ganz sicher, ob er das gut oder schlecht fand, aber es wäre ohnehin seltsam, wenn seine ganze Familie im selben Raum gefesselt war, nachdem die Entführer offensichtlich keine Amateure waren. Aber… das hieß auch, dass er warten musste.
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    • Niamh

      Es war zu früh am Morgen für eine Krise und doch stand Niamh hier, im Keller des Hauses ihrer Eltern, und starrte Andrew an, der vor ihr auf einen Stuhl gefesselt mitten im Raum saß. Er sah ungefähr so müde und fertig aus, wie sie sich fühlte und alles, was ihr blieb, war ein kleines Stoßgebet, dass er trotzdem schlau genug war, um mitzuspielen.
      “Entschuldigung, muss ich wissen, wer das ist?”, fragte sie, während sie ihren Blick von Andrew losriss und zu ihrem Vater sah in der Hoffnung, dass ihr Desinteresse an Andrew einigermaßen natürlich aussah und nicht die kleine Welle an Panik widerspiegelte, die ungebremst in ihr aufstieg. Was zur Hölle war passiert? Nichts, was gerade durch ihren Kopf ging konnte auch nur annäherungsweise erklären, warum Andrew hier war.
      William Bailey war Anfang 60, hatte die Arme verschränkt und den Blick starr auf seine Tochter gerichtet. Ihr war nie aufgefallen, wie ähnlich er Ezra sah, bevor sie ihren Bruder nach all den Jahren wiedergesehen hatte. Sie hatten beide dasselbe, charmante Lächeln, auch, wenn man es bei Ezra deutlich öfter sah. Seine Augen hatten den selben olivton, wie Caleb und Ezras, seine blonden Haare waren von grau-weißen Strähnen durchzogen. Er trug einen Anzug. John hatte ihr mal erzählt, dass sein erster Eindruck ihres Vaters der eines rücksichtslosen Anwalts aus einem Hollywood-Film war. Niamh hatte ihm damals nicht zustimmen wollen, aber musste trotzdem jedes mal daran denken, wenn sie ihren Vater sah. Er hatte die kalte Ausstrahlung von jemanden, der ‘Spaß’ nur in der Theorie kannte. Sie konnte ihm ansehen, dass er abwog, ob sie ihm die Wahrheit sagte.
      “Das ist offenbar Felims Freund”, antwortete er schließlich, offenbar gewillt, ihr die Unwissenheit abzunehmen.
      “Felim ist tot, Dad. Seit Jahren schon.” Fuck, Fuck, Fuck! Warum konnten ihre Brüder nicht halbwegs kompetent sein?
      “Du weißt genau so gut wie ich, dass das nicht stimmt”, antwortete ihr Vater ruhig. “Wir hätten es mitbekommen, wenn er es geschafft hätte, sich irgendwie umzubringen.”
      Niamh sah wieder zu Andrew. “Warum er? Warum dann nicht direkt Felim kidnappen?”
      “Felim soll von selbst nach Hause kommen. Ich würde nie einen von euch dazu zwingen”, erklärte ihr Vater in einem seltsam unpassenden Plauderton. Es war ein reines Machtspielchen. So wie alles bei ihm.
      “Und dann?”
      “Dann trifft Felim hoffentlich zum ersten Mal in seinem Leben die richtige Entscheidung.” Ihr Vater lächelte ihr knapp entgegen. “Warn Caleb für mich vor.” Damit drehte er sich um und ließ Andrew und sie alleine. Niamh wartete, bis sie seine Schritte nicht mehr hören konnte, bevor sie ihr Handy zückte und Ezras Nummer wählte.
      “Was zur Hölle ist passiert?”, fragte sie Andrew, während sie darauf wartete, dass Ezra abhob. Sie legte auf, als der Anrufbeantworter ansprang und tippte ihm stattdessen eine kurze Nachricht, bevor sie ihren Chat mit Caleb antippte und ein kleines Krisentreffen ansetze. Sie wäre ein hervorragendes Einzelkind gewesen. Sie war sich absolut sicher.
    • Andrew

      Andrew wusste nicht, wie lange er orientierungslos im Dunkeln gesessen hatte, aber es hatte auf jeden Fall gereicht, um seine Gedanken mehr und mehr zum rasen zu bringen. Was, wenn man ihn einfach hier ließ bis er verhungerte? Oder vielleicht wurde seine Familie gerade gefoltert, und man hob sich ihn zum Schluss auf? Andrew wusste noch nicht einmal, ob er wieder von Nadia und Jelena gekidnapped worden war, oder ob es etwas mit MLO zu tun hatte. Oder vielleicht war es etwas völlig anderes und er machte sich auf der Welt von Tag zu Tag immer mehr Feinde. Es war unheimlich, hier zu sitzen, in Stille, und so viel Zeit zum nachdenken zu haben. Er schaffte es nicht einmal, sich einen Millimeter zu bewegen. Er hatte keine Chance, hier wegzukommen.
      Als er endlich Schritte hörte, hatte er das Gefühl, dass sein Herzschlag sie beinahe übertönte. Er sah weiterhin nichts, also schlussfolgerte er, dass das Problem tatsächlich direkt an seinen Augen lag. Er hörte mehrere Personen auf ihn zukommen. Bevor er irgendetwas sagte, wartete er, und dann… war das Niamh?
      Andrew war kurz etwas schockiert, und überlegte schließlich. Das… eröffnete mehrere Möglichkeiten. Er schwieg ganz einfach, als Niamh darauf bestand, ihn nicht zu kennen, und langsam fingen einige Kleinigkeiten an, Sinn zu ergeben. Felim, das war Ezra. Es wurde immer eindeutiger, wer dafür verantwortlich war, dass Andrew hier war. Er versuchte, nicht erleichtert aufzuatmen, als er realisierte, dass Ezra nicht hier sein konnte.
      Das Gespräch ließ Andrew entgegen aller Logik sofort etwas lockerer werden. Er schätzte, dass es Ezras Vater war, der mit Niamh sprach, und war äußerst dankbar, als Niamh alleine zurückblieb.
      „Das fragst du mich?“, fragte er leise. „Ich bin aufgewacht, betäubt worden und dann war ich hier. Übrigens. Ich sehe nichts. Irgendjemand in der Nähe muss einen Stein haben, der das bewirkt, oder im Betäubungsmittel war etwas seltsames drin. Lässt sich dagegen irgendetwas tun, oder…?“
      Er hatte tatsächlich ausnahmsweise keine Ahnung, was der nächste Schritt war. Bestenfalls würde er erstmal die Fesseln loswerden, aber solange er nichts sah, und nicht einschätzen konnte, wo genau er war und mit wievielen anderen Leuten, war es vermutlich keine gute Idee, an der Situation spontan und planlos etwas zu ändern. Seine Hoffnung war, dass Niamh ihm ein paar der Fragen beantworten konnte. Dann hatte er zumindest Ansätze eines Plans. Vielleicht. Und später konnte er noch immer wütend über die Gesamtsituation werden.
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