The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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      Ezra

      "Danke." Er wäre tot gewesen, wenn Richard nicht dazwischengegangen wäre. Irgendwie war es schräg, wie egal Ezra dieser Gedanke gerade war. Adrenalin und Panik trieben ihn weiter und ließen ihn nicht richtig nachdenken, was wahrscheinlich besser so war. Sein Herz schlug eh schon schneller, als es sollte - wahrscheinlich würde er direkt ohnmächtig werden, wenn er genau darüber nachdenken würde was passiert wäre, wenn der Typ mit der Pistole nicht eingefroren worden wäre. Jetzt gerade war es so oder so wichtiger sich daran zu erinnern, wo die Treppe nach oben war, in der Hoffnung, dass sie Andrew dort finden würden und er nicht doch in einem der anderen Kellerräume stecken würde. Ezra würde nicht ohne ihn gehen. Zur Not würde er sich zurück nach unten kämpfen müssen.
      Ein weiterer Blitz zischte an ihnen vorbei, so nah, dass Ezra instinktiv über seine Haare strich um sicher zu gehen, dass er nicht Feuer gefangen hatte. Er hatte keine Ahnung, welcher von ihren Gegnern diesen unfassbar nervigen Stein hatte. Der Typ mit dem Schwert hatte irgendwas in einem der Regale in Brand gesetzt und lag zusammengesunken - aber nicht mehr brennend - auf dem Boden davor. Es war nicht mehr dunkel, aber nicht weniger chaotisch. Sie mussten es nur bis zur Treppe schaffen. Es würde leichter werden, wenn die Räume etwas offener wurden, nicht?
      Der Knopf in seinem Ohr stieß ein leises Knacken aus, Ezra konnte bei dem plötzlichen Lärm um sie herum aber kein Wort von dem verstehen, was Valentin versuchte, ihnen zu sagen. Wahrscheinlich hatte er auch irgendwie realisiert, dass das alles eine Falle gewesen war. Ein bisschen zu spät. Sie mussten es nur bis zur Treppe schaffen.


      Caleb

      Er zahlte seinem Therapeuten nicht genug und er hatte keine Ahnung, wie er das alles mit ihm durchgehen sollte, ohne sich dabei irgendwie strafbar zu machen. Bisher hatte das alles immer wunderbar funktioniert, indem Caleb Details vermieden hatte, oder Situationen etwas abgewandelt erzählt hatte, aber was war schon eine gute Umschreibung für Andrew, der ihm blutverschmiert und offenbar ohnmächtig gegenübersaß, während sein Vater am Kopf des Esszimmertischs saß, als ob sie zu einer netten Runde Kaffee und Kuchen eingeladen worden wären?
      Ihre Mutter hatte die Tür geöffnet, als Niamh und er geklingelt hatten. Sie sah wie immer vollkommen makellos aus - das Haar war frisch gefärbt und ordentlich hochgesteckt, der maßgeschneiderte Hosenanzug überspielte ihre viel zu magere Figur und das Botox ließ ihre Falten verschwinden, ohne, dass sie zu "gemacht" aussah. Sie war immer schon Perfektionistin gewesen. Ihr Auftreten war ihr wichtig gewesen und sie verheimlichte kaum ihre Enttäuschung darüber, dass keines ihrer Kinder diese Auffassung teilte. Wenigstens sorgte das Botox dafür, dass diese Enttäuschung nicht mehr ganz so sichtbar war, da sie ihre Stirn nicht mehr so kunstvoll in Falten legen konnte.
      Sie hatte mit Begeisterung von irgendeiner Kunstauktion erzählt, zu der sie heute Abend auf jeden Fall gehen wollte, weshalb ihr das alles hier wohl sehr ungelegen gekommen war. Niamh hatte Rückfragen gestellt, während Caleb zu sehr damit beschäftigt gewesen war, nicht ein Worst-Case-Szenario nach dem anderen durchzugehen, um überhaupt zuzuhören. Ihr Vater war kurz darauf zu ihnen gestoßen. Caleb hatte beiläufig sein Handy gezückt, um Valentin eine kurze Info zu geben, dass sie in Position waren, während sein Vater sie alle ins Esszimmer geführt hatte, was der Anfang vom Ende gewesen war.
      "Warum ist er hier?" Niamh nickte kurz in Andrews Richtung, bevor sie zu ihrem Vater sah, der sich auf die Tischplatte stützte, als ob er kurz davor wäre, einen seiner Deals auszuhandeln. Ihre Mutter saß links neben ihm, neben ihr war ein Platz frei, dann folgte Andrew, der auf der Tischplatte lag. Niamh und Caleb saßen rechts.
      "Ihr meintet, dass ihr Fragen hättet, also habe ich gedacht, dass wir das ganze abkürzen." Sein Vater lächelte, als ob das nicht alles vollkommen irre wäre. Caleb schaffte es nicht, seinen Blick von Andrew abzuwenden. Er sah schlimmer aus, als auf dem Foto und dass er überhaupt hier war bedeutete, dass Richard und Ezra hoffentlich durch einen vollkommen leeren Keller irrten. Was unwahrscheinlich war. Seine Eltern trugen zu viele Steine. Die Flut an unterschiedlichen Empfindungen überforderte Caleb fast. Ihm war furchtbar übel und es fühlte sich an, als ob nicht genug Luft im Raum wäre.
      "Das ist vollkommen unnötig", kommentierte Niamh bestimmt.
      "Warum?", fragte Caleb zeitgleich, während er zu seinem Vater sah, der ihn offenbar die ganze Zeit beobachtet hatte. Ihre Blicke trafen sich, während sein Vater ihm ein viel zu glattes Lächeln schenkte. Caleb wusste nicht ganz, was genau er sehen wollte. Seine Reaktion auf Andrew? Seine Reaktion auf die Übermacht an Steinen, die sein Vater wie eine Kriegserklärung mit sich trug?
      "Felim war immer schon ein unnötiger Schwachpunkt, den wir irgendwie loswerden mussten", antwortete sein Vater, ohne auf Niamhs Protest einzugehen.
      "Er wird nur zu einem Schwachpunkt, wenn ihr ihn zu einem macht", entgegnete Caleb scharf. Das mit der Ablenkung schien zwecklos geworden zu sein. "Er weiß nichts, was uns gefährlich werden kann. Wir hätten ihn einfach ignorieren können."
      "Und dann? Am Ende kommt ihr noch auf die Idee, dass es vollkommen okay ist, die Familie zu verlassen. Das können wir uns nicht leisten", entgegnete sein Vater.
      "Das ist Schwachsinn." Niamh schlug auf den Tisch, während ein Geräusch aus der Richtung des Kellers ertönte. Andrew bewegte sich leicht.
      "Ihr habt euch offenbar auf seine Seite geschlagen, also lagen wir mit der Vermutung nicht vollkommen falsch." Calebs Mutter sah nicht von ihrem Handy auf, während sie sprach. Sie sah immer noch genervt aus. "Wir haben mehr von dir erwartet, Niamh."
      "Es ist ein unnötiges Risiko." Niamhs Stuhl kippte fast nach hinten, während sie aufstand. "Ihr riskiert Leben für was? Eine Machtdemonstration?" Sie zog einen Stein aus der Tasche und schob ihn Caleb mit einem Nicken in Andrews Richtung entgegen. Ein Heilstein, wenn auch nur ein schwacher. Sie hatten den effektiveren Ezra mitgegeben.
      "So läuft das Geschäft. Ich dachte, das hättest du mittlerweile begriffen." Calebs Vater lehnte sich an Niamh vorbei, um nach dem Stein zu greifen, aber Caleb war schneller. Es würde nicht viel bringen, der Stein würde höchstens ein paar Kratzer heilen, aber das war besser, als nichts. Caleb schob seinen Stuhl zurück.
      "Nicht." So wie sein Vater es aussprach, klang es wie eine Drohung. Caleb sah ihm kurz entgegen, bevor er um den Tisch herum ging.
      "Ihr wolltet, dass wir ihm Fragen stellen, also sollte er auch in der Lage sein zu antworten, denkt ihr nicht?", fragte er selbstbewusster, als er sich fühlte, während er sich auf den Stuhl neben Andrew sinken ließ und vorsichtig nach seiner Hand griff, die immer noch am Stuhl gefesselt war. Darum würde er sich gleich kümmern müssen. Er konzentrierte sich auf den Stein, während er sich in Andrews Richtung lehnte. "Wir haben alles im Griff", versprach er leise.
      "Ihr verliert euren Fokus", verwickelte Niamh ihre Eltern erneut in eine Diskussion, über die Caleb unendlich dankbar war. So konnte er sich etwas näher an Andrew heranlehnen, um besser flüstern zu können.
      "Denkst du, du kannst aufstehen und gehen?" Das hier war nicht in ihrem Plan vorgesehen gewesen, also mussten sie wohl improvisieren. Andrews Fesseln loszuwerden wäre das geringste Problem, Caleb hatte nur keine Idee, was sie danach tun sollten, außer möglichst schnell zu laufen und MLO um Hilfe zu bitten.
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      Andrew

      Andrew driftete alle paar Sekunden ab, soviel bekam er mit. Es war nicht leicht, wach zu bleiben oder sich zu konzentrieren. Nichts von dem was um ihn herum geschah, konnte er richtig deuten, aber langsam schlichen sich Vermutung ein. Der Knall unter seinem Kopf. Er lag auf einer Tischplatte. Niamh klang laut und wütend und Andrews kurzzeitige Erleichterung stellte sich als Dummheit heraus. Er wusste schließlich ungefähr, in welcher Situation er sich befand, und scheinbar schien diese sich nicht wirklich gebessert zu haben.
      Als Calebs Stimme fahl vor ihm erklang, war es das erste Mal, dass er Worte wieder sinngemäß verstand. Sie hatten alles im Griff? Was hatte es dann mit dem Lärm auf sich? Andrew bemühte sich, die Augen zu öffnen und blinzelte den verschwommenen, blonden Mann an, der ihm fast Tränen in die Augen jagte und seine Sicht noch weiter verschlechterte. Wo war Ezra?
      „Mhm…“, gab Andrew rau von sich. Er war sich zwar nicht ganz sicher, aber es gab auf diese Frage nur eine richtige Antwort und wenn es sein musste, würde er hier raus kriechen. Er bewegte seine Handgelenke ein wenig und stellte erleichtert fest, dass die Fesseln das Hauptproblem waren. Andrew strengte sich an, um seinen Kopf vom Tisch zu heben. Sein rechtes Auge fokussierte, das linke nicht. Sein Kopf pochte und er hörte ein Summen in den Ohren, das nicht normal war. Vermutlich eine Gehirnerschütterung, ihm war schwindlig. Vielleicht auch ein Problem mit dem Gleichgewichtssinn. Aber das würde ihn nicht vom Gehen abhalten. Er konnte seine Finger bewegen, seine Zehen. Er war nicht gelähmt, nur gefesselt. Und irgendetwas stimmte nicht mit seinem Auge.
      Nachdem er seinen Körper gescannt hatte, versuchte er durch das Summen hindurch zu verstehen, worüber gesprochen wurde. Was für ein… nettes Familientreffen. War das Tee? Und Kuchen?
      Andrew hörte erneut diesen entfernten, dumpfen Knall. Waren das Schüsse? Er hatte es vorhin nicht zuordnen können. Sein Kopf drehte sich mechanisch zu Caleb. Er sah ihn fragend an, vielleicht etwas verzweifelt. Was rechtfertigte einen Schusswechsel in unmittelbarer Nähe, wenn sie alle hier waren? MLO? Hatte Richard Caleb begleitet? Wieso saßen sie noch hier? Andrew hatte das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Er hatte keine Ahnung davon, was hier passierte.
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