The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • April

      Oh. Offenbar war May morgen verplant. April wusste nicht ganz, was genau sie gerade fühlte. Ein wenig Erleichterung, weil sie so wenigstens einen kurzen Moment hatte um alles zu verarbeiten, was in den letzten 48 Stunden passiert war, vielleicht, aber auch ein wenig Enttäuschung, gerade weil sie sich vorgestellt hatte, dass die WG bedeutete, dass sie nun nur noch mit May rumhängen würde. Was vollkommen albern war, egal wie sehr sie die junge Frau auch mochte. Um fair zu sein - so wie May klang, wäre sie morgen auch lieber zuhause, als mit ihrer Mutter Essen zu gehen. Was April nur zu gut nachvollziehen konnte. Sie würde auch nicht gerne mit ihrer Mutter unterwegs sein.
      "Das wird schon", versicherte sie also mit einem kleinen Lächeln. "Und wenn es doch ganz furchtbar wird, kannst dich danach wenigstens direkt bei mir darüber auslassen." Das kleine Lächeln wurde zu einem Grinsen. Wenigstens etwas, oder? Eigentlich sah April sich schon mit May und zwei Gläsern Wein am Küchentisch sitzen und lästern, aber Alkohol war wirklich keine gute Idee. Oder eine zu gute. Sie hätte jetzt gerade nichts dagegen, wenn May sie nochmal küssen würde, aber sie war sich sicher, dass es danach nur weh tun würde.
      April stieß ein kleines, mitleidsvolles "Oh" aus, als Ted bestätigte, dass er schlecht geschlafen hatte. Gut, das sah man ihm offensichtlich an. "Mhm, vielleicht brauchst du einfach ein bisschen White Noise im Hintergrund. Oder guten Concealer. Ich schaue mir manchmal irgendwelche Theorievideos zu Spielen, die ich nie gespielt habe auf YouTube an, wenn ich nicht schlafen kann. Irgendwie hilft das immer." Sie zuckte kurz mit den Schultern. Eigentlich hatte sie selten Probleme, einzuschlafen. Meistens feierte sie sich eh durch die Nacht und freute sich nur noch auf das Bett. Aufwachen war deutlich schwerer.
      "Oh, oder diese Mela...nin? Melatonin? Dieses Zeug, das beim Einschlafen helfen soll, halt. Hab ich noch nie ausprobiert, also musst du mir sagen, ob es wirkt, falls du es probieren solltest." Die einzig andere Lösung, die sie parat hätte, wäre es, sich bei einem One Night Stand auszupowern, aber das wäre gerade wahrscheinlich kein sonderlich guter Ratschlag.
    • May

      May würde alles lieber tun, als mit ihrer Mutter zu essen. Was… hart klang, aber beinahe nett gemeint war. May kam mit der Vorstellung ihrer Familie besser zurecht, wenn sie ganz, ganz weit weg von ihr war. Ihre Mutter schaffte es jedes Mal mit ihrer Anwesenheit Mays ganzes Verdrängungstalent zunichte zu machen. Egal, wie sehr sie sich eingeredet hatte, dass sie wenigstens noch beide ihrer Eltern hatte, mehr oder weniger glücklich verheiratet und finanziell immer zu ihrer Unterstützung da, kam ihre Mutter um die Ecke und erinnerte sie, wie es sich anfühlte, von kochender Wut übermannt zu werden. May tat nichts weniger gern als ihren Emotionen die Kontrolle zu überlassen, aber ihre Mutter zwang sie geradezu hervor, ob es nun Wut, Irritation, Panik oder ein Wasserfall an Tränen war. Sie war nunmal ihre Familie, und Familie wusste ganz genau, auf welchen Nerv sie drücken musste.
      Die Tatsache, dass April ihr aufmunternd zulächelte und anbot, nach dieser Höllenerfahrung morgen für sie da zu sein, beruhigte sie jedoch ungemein. Hm. Es kam ihr nicht unbedingt normal vor, dass sie sich binnen zwei Sekunden mit ihrem Schicksal abfinden und wie auf einer Wolke schwebend fühlen konnte, aber sie nahm, was sie kriegen konnte. Und als Ted wieder von seinem Schlafmangel anfing — obwohl es eigentlich April gewesen war und May hätte vielleicht erwähnen sollen, dass das Thema auch eher zu umgehen war — kam ihr plötzlich ein Gedanke, der sie erstmal auf ihre Zunge beißen ließ, weil er sie so überraschte. Sie trank einen Schluck Limonade, hörte April weiter zu und überlegte noch immer, ob sie ihren Gedanken aussprechen sollte.
      „Ich nehme… Melatonin… -gummibärchen“, erklärte Ted, der langsam aussah, als hätte man ihn im Kampf besiegt. Nur, dass niemand mit ihm kämpfte, er hatte wohl einfach einen inneren Kampf aufgegeben. Seiner Aussage nach zu urteilen halfen die Gummibärchen mehr schlecht als recht. May hatte zum Thema Schlaflosigkeit auch nicht wirklich viel sinnvolles hinzuzufügen, immerhin hatte sie seit Jahren eine Abendroutine, an die sie sich normalerweise streng hielt, weil sie sich eben bewährte. Sie hatte keine Probleme. Sie schlief wie ein Baby und wachte, meistens, erholt auf, wenn sie morgens nicht direkt ein Mail für ihren nächsten Fall wie ein Schlag in den Magen traf. Das hatte ihr Job so an sich. Er war allgemein ein Schlag in den Magen, oder, zumindest kein Spaziergang im Park.
      „Hey“, fing sie an. „Du könntest auch mal was ganz anderes probieren. Immerhin scheinen Medikamente und so nicht wirklich zu funktionieren, ähm… ich glaube generell, dass du als erstes an deinem Mindset arbeiten musst“
      „Ich bin noch nicht so weit, auf Therapie zurückzugreifen“, schnitt Ted sie ab, wenn auch ziemlich unmotiviert. May wagte zu vermuten, dass das was mit dem allgemeinen Stolz von Helden zu tun hatten, die sich für absolut unfehlbar hielten. Oder, zumindest könnte Ted die Angst haben, von den besagten Helden verarscht zu werden. May verkniff sich ein Augenrollen.
      „Nein, ich meine, du könntest mal ausgehen. Nicht mit Kollegen in eine Bar, wo wir uns alle nur ansaufen und beschweren. Dates. Du könntest auf Dates gehen. Zwanglos, aber es bringt dich vielleicht auf andere Gedanken“ May rührte mit ihrem Strohhalm etwas nervös in der Limo herum, weil sie wusste, wie dieser Vorschlag aus ihrem Mund klingen musste. Ted schien auch erstmal keine Antwort zu haben.
      „Das ist eine furchtbare Idee, May, das letzte das ich will, ist auf Dates zu gehen“, sagte Ted schließlich gerade heraus und hörte endlich auf zu starren. Gut, May war normalerweise auch Verfechterin davon, dass Liebe eine Marketingstrategie und Beziehungen der schnellste Weg zum psychischen Zerfall waren, aber… Sie wusste selbst nicht, wie sich rechtfertigen sollte. Der Gedankensprung war seltsam gewesen. Erst freute sie sich, April als seelische Unterstützung zu haben, und dann dachte sie, dass Ted vielleicht mal wen neuen kennenlernen sollte. Aber wahrscheinlich war es zu früh, oder? May kannte die… üblichen Zeitspannen zwischen Beziehungen nicht, aber sie ging davon aus, dass eine Ehe einen längeren Buffer hatte.
      „Ich wäre nur… enttäuscht, weil niemand so ist… wie Grace“, murmelte Ted plötzlich, seine Stimme seltsam schwach und zittrig, und Mays Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen, als Teds Augen glasig wurden. Okay, irgendwie hätte sie damit rechnen können.
      „Ahh… das weißt du garnicht. Ich bin sicher, dass extrem viele Frauen da draußen besser sind, und du musst sie nur finden“, sagte sie unüberzeugt, weil sie schlecht darin war, andere in solchen Fällen zu trösten. Ein gebrochenes Herz konnte sie nicht ernst genug nehmen, um gute Tipps zu geben, was… definitiv nichts war, womit sie angeben sollte. Selbst war sie beim Ende einer Beziehung bisher nie am Boden zerstört sondern nur wutentbrannt gewesen.
      Ted zerbrach nun entgültig vor April und Mays Augen und schnappte sich eine Serviette, um sich die Tränen aus dem Gesicht zu tupfen. Dabei hatte er keinen Tropfen Alkohol intus und ihre Pizzen waren noch nicht einmal da. May lehnte sich zurück, ihre Niederlage akzeptierend.
      „Vielleicht solltest du auch einfach noch ein paar Mal versuchen, Isla anzurufen, oder sie von der Schule abholen“, schlug sie als letzten Ausweg vor.
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    • April

      Therapie! Therapie wäre wahrscheinlich eine viel bessere Idee, als Aprils kleiner Einfall mit den One Night Stands, auch, wenn May das offenbar nicht gemeint hatte und Ted nicht so wirkte, als ob er mit dieser Lösung zufrieden wäre. Was April wirklich nicht nachvollziehen konnte. Therapie musste unfassbar genial sein. Man bezahlte jemanden, damit er sich all deine Probleme und Sorgen anhörte und am Ende noch einen produktiven Rat gab. Das war doch durchweg super, oder? Aber Ted schien eher Team “Men will do anything before going to therapy” zu sein. Zu schade.
      April blinzelte kurz irritiert, als Dating angesprochen wurde. “Aber ist es nicht irgendwie das Ziel jemanden zu finden, der eben nicht wie Grace ist? Immerhin lasst ihr euch scheiden. Wäre doch besser, wenn deine nächste Freundin sich nicht von dir scheiden lässt.” Grace hatte offensichtlich nicht funktioniert, also musste ja eine Frau her, die nicht so war, wie sie. Was eigentlich ziemlich offensichtlich sein musste, aber wohl nicht sonderlich gut ankam. April schob Ted ihre Serviette entgegen, als er in Tränen ausbrach. Irgendwie schienen sie keinen guten Job dabei zu machen, ihn aufzumuntern. Obwohl sie mal gelesen hatte, dass es einem besser ging, nachdem man geweint hatte. Vielleicht würde das ja irgendwie helfen, auch wenn sie nicht wusste, wie viel. Das letzte mal, dass sie geweint hatte, war Ewigkeiten her, wenn man die paar Tränen, die ihr in die Augen geschossen waren, als sie letzte Woche mit ihrem Schienbein gegen ihr Bett gestoßen war, nicht mitzählte. Nach denen hatte sie sich zumindest nicht sonderlich besser gefühlt. Vielleicht wäre ein Themenwechsel gut.

      Ein Themenwechsel hatte tatsächlich geholfen. Nicht direkt - das Heulen hatte noch ein bisschen angehalten - aber als die Pizzen serviert wurden, redeten sie darüber, welche Sendungen sie zuletzt gesehen hatten und keiner von ihnen schluchzte mehr. April hatte zwar immer noch nicht das Gefühl, dass die Stimmung ideal war, aber sie war auf jeden Fall besser, als vorher. Als sie sich am Ende von einander verabschiedeten, meinte sie sogar ein kleines Lächeln auf Teds Lippen erkennen zu können, auch, wenn sie ihn wahrscheinlich nicht gut genug kannte, um einschätzen zu können, ob es echt war, oder nicht. Oder ob sie es sich nicht generell einfach nur einbildete.
      Hoffentlich hatte May noch mehr so interessante Freunde. Im Vergleich hierzu fühlte sich der Gedanke, bei May einzusteigen und zu ihrer gemeinsamen Wohnung zu fahren wenigstens nicht mehr ganz so komisch an. Immer noch ungewohnt, weil April irgendwie schon automatisch im Kopf durchging, was sie gleich machen würde, wenn sie wieder im Hotel war und sich selbst daran erinnern musste, dass sie nicht mehr ins Hotel fahren würde, aber wenigstens heulte noch keine von ihnen. Das war etwas, oder?
    • May

      May war erschöpft, als sie endlich wieder im Auto saß. Gut, sie war verkatert und hatte heute trotzdem schon einiges hinter sich. Sie war froh, endlich nachhause zu kommen und zu entspannen, aber… es war fraglich, wie entspannt sie tatsächlich sein konnte, wenn sie zum ersten Mal eine Mitbewohnerin hatte. April hatte heute allerdings alles viel erträglicher gemacht, so wie eigentlich immer, egal was sie zusammen machten. Mit April gemeinsam kamen May die meisten Dinge garnicht mehr so erdrückend vor.
      In der Wohnung angekommen, ließ May außer Atem einen Teil der Einkäufe fallen und fühlte sich, als würde sie gleich zerfließen und durch die Fliesen sickern. Sie stieß ein langes Seufzen aus, bevor sie die Taschen schließlich wieder in die Hände nahm und in April neues Zimmer schleppte. Sie half dabei, den Teppich auszurollen und einen Platz für alles zu finden – hauptsächlich, weil das ihre Belohnung des Tages war, aber eigentlich ließ sie April ohnehin alles entscheiden. Sie war gut drin, Grenzen zu setzen und sich an diese zu halten, und sie hatte für sich selbst von der ersten Sekunde an die Grenze gesetzt, dass sie in diesem Zimmer nichts mehr zu sagen hatte. So… funktionieren Wohngemeinschaften doch, oder? Alles, was hinter diesem Türstock lag, war für May dagegen noch eine Anreihung aus sehr verschwommenen Regeln. Sie wollte April jedoch auch nicht überrumpeln, also sollte sie vielleicht einfach mal… alles auf sich zukommen lassen, oder so. Egal, wie schwer sich das anfühlte.
      "Ich gehe duschen", kündigte May an, sobald sie fertig waren. Sie musste sich diesen Tag abwaschen. "Willst du… einen Film schauen, oder so? Du kannst was aussuchen" Irgendwie mussten sie ihren ersten Abend als Mitbewohner doch einweihen, und Alkohol war wirklich keine Option. Abgesehen davon, dass May höchstens noch Kräuterschnaps zuhause hatte, und darauf konnte sie sowieso verzichten.
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    • April

      Irgendwie faszinierte sie der Teppich ein wenig. April konnte nicht genau sagen, warum. Vielleicht, weil sich der Raum direkt belebter anfühlte, als sie ihn zusammen ausrollten und zurecht schoben. Wie ein Zimmer, in dem sie tatsächlich leben würde, statt nur ein Gästezimmer, in dem jede beliebige Person bleiben könnte. Die Topfpflanze landete auf der Fensterbank und schon hatte sie das Gefühl, tatsächlich hierbleiben zu können. Was schräg war. Bisher hatte sie nie langzeit bei ihren Freunden gewohnt. Ihre komplette Taktik im Leben war darauf ausgelegt gewesen, möglichst wenig Zeug auszupacken, um niemandem im Weg zu sein und im Zweifel schnell wieder abreisen zu können. Das hier war das absolute Gegenteil davon.
      "Das klingt nach einer guten Idee", stimmte sie May zu, als sie einen Film vorschlug. Etwas herrlich normales in einer WG, oder nicht? Gott, sie musste wirklich aufpassen, sich nicht zu sehr an das alles zu gewöhnen.


      Charles

      "Du bist überraschend früh hier." Charles sah von seiner Uhr zu Milo, um sicher zu gehen, dass sein Kollege tatsächlich zu früh und er selbst nicht einfach zu spät war, aber nein. Er war zur selben Zeit in der kleinen Arztpraxis, wie sonst auch immer, während Milo, der sonst mindestens eine Stunde nach ihm eintrudelte, schon die erste Tasse Kaffee vor sich stehen hatte.
      "Wy hat ein Date."
      "...um halb sieben Uhr morgens?"
      "Was? Nein! Nicht heute. Generell. Am Wochenende, glaube ich." Milo schob seine Brille hoch, um sich über die Augen zu wischen. Er sah müde aus. Charles machte sich die mentale Notiz, Lottie darum zu bitten, ein paar von Milos Terminen auf ihn umzulegen und ihn stattdessen früher nach Hause zu schicken.
      "Oh", antwortete er knapp. "Das ist doch nett, oder? Wie alt ist er jetzt? 16? Da fängt das eben an." Charles zuckte kurz mit den Schultern, während er an Milo vorbei zur Kaffeemaschine ging. "Ich hatte meine erste Beziehung mit 15. Hat zwei Wochen gehalten, wenn ich mich richtig erinnere, aber wir sind bis zum Ende der Schulzeit Freunde geblieben."
      "Schon. Ich gönne es ihm ja auch, aber-" Milo stockte kurz und drehte sich zu ihm. "Wir hatten gestern das Gespräch."
      "Das-? Oh!" Charles schaffte es nicht ganz, sein Lachen zu unterdrücken. "Lief's gut?", fragte er, die Stimmlage vielleicht ein bisschen höher, als sonst.
      "Es war awkward, Charlie. Ich glaube, er hasst mich jetzt mehr als vorher. Er war noch nie so schnell fertig für die Schule, wie heute morgen und hat jedes mal das Radio lauter gedreht, wenn ich den Mund aufgemacht habe. Hör auf zu lachen. Das ist nicht witzig."
      Charles hatte Milo immer schon gemocht. Vom ersten Tag an, als er in die Praxis gekommen war - unerfahren und etwas verschlossen, aber gut vorbereitet und zielstrebig. Okay, zugegeben, es war schwer jemanden zu finden, den Charles nicht irgendwie mochte, aber Milo hatte in ihm in etwa das selbe Gefühl ausgelöst, das ein Kind auslöste, das alleine auf der Straße umherirrte: Man wollte ihm einfach helfen. Das Hilfsbedürfnis war schlimmer geworden, seit er das Sorgerecht für Wyatt übernommen hatte und sich jetzt am laufenden Band über ihn aufregte. Charles kannte Wyatt bei weitem nicht so gut, wie Milo. Er konnte wahrscheinlich an einer Hand abzählen, wie oft sie sich getroffen hatten. Was nicht hieß, dass er ihn weniger mochte. Wyatt hatte ein Talent dafür, sich in Schwierigkeiten zu bringen, aber er wirkte auf Charles trotzdem wie ein aufgeweckter junger Mann, der einfach gerade eine schwere Phase durchmachte.
      "Das wird schon", merkte er also aufmunternd an, während er seinem Freund kurz auf den Rücken klopfte. "In ein paar Jahren wird er dir dafür dankbar sein. Hatte dein Freund keine Tipps? Der arbeitet doch mit Kindern. Du solltest ihn mal mitbringen."
      Milo warf ihm einen Blick zu, als ob er gerade behauptet hätte, dass die Erde eine Scheibe wäre. "Sicher. 'Hey, ich weiß, dass wir nicht genug Zeit haben, um auf ordentliche Dates zu gehen, aber willst du mir bei dem Aufklärungsgespräch mit meinem Bruder helfen und danach meinen äußerst neugierigen Freund kennen lernen?' kommt bestimmt mega gut an." Milo verschränkte die Arme auf dem Tisch.
      "Ich fänds super. Du redest immer von Aaron, als ob er der fantastischste Mensch der Welt wäre-"
      "Tu ich nicht", schnitt Milo ihm das Wort ab.
      "Tust du. Und ich hoffe, er weiß das, weil es wirklich süß ist." Charles lächelte in seinen Kaffee hinein, bevor er wieder auf seine Uhr sah. Vielleicht war es ein bisschen unfair, aber jedes mal, wenn er das nagende Gefühl hatte, dass sein eigenes Leben etwas zu ruhig war, führte er sich vor Augen, wie ungerne er mit dem Chaos in Milos Leben tauschen wollte. "Meine ersten Patienten müssten gleich reinkommen. Könntest du einmal den Plan für nächsten Monat durchgehen? Ich war mir nicht mehr sicher, wie die Urlaubsverteilung geplant war."
      Milo nickte kurz, während er mit seiner Kaffeetasse spielte.
      "Und wünsch Wyatt viel Glück für sein Date von mir. Wenn er irgendwas an deinen Ausführungen nicht verstanden hat, haben wir hier sicher irgendwo noch Schaubilder rumliegen."
      "Kannst du dich jetzt bitte einfach um deine Patienten kümmern?"
      Diesmal hielt Charles sein Lachen nicht zurück, als er die Tür für die kleine Küche hinter sich zuzog.
    • Ted

      Eine schlaflose Nacht war für Ted nichts Neues. Zwei schlaflose Nächte auch nicht. Manchmal war es Grace, die ihn in seinen Gedanken wach hielt, manchmal waren es Sorgen um Isla. Und manchmal waren es grauenvoll peinliche Momente, wie ein Heulkrampf in einer Pizzeria vor zwei Frauen, die sowieso besseres zu tun gehabt hätten, als mit ihm Essen zu gehen. Nachdem Ted den ganzen Sonntag nichts zu tun hatte und ihm seit Wochen nicht danach war, sich mit irgendwelchen Freunden zu treffen, tat er einfach… nichts. Seine Wohnung war nach ganzen zwei Monaten immernoch beinahe leer, aber langsam hatte er zumindest die lebensnotwendigen Dinge. Grace hatte ihm beim Auszug außerdem alles gelassen, das er in der Garage finden konnte. Islas alte, kleine, grüne Couch etwa, und den Fernseher, den sie nach dem Austausch nie verkauft hatten. Er hatte in den ersten zwei Tagen nach seinem Einzug auf der Couch geschlafen, weil er kein Bett hatte, und obwohl gerade mal die Hälfte seines Körpers richtig Platz darauf fand, hatte er sich ein bisschen mehr wie zuhause gefühlt. Er hatte Isla immer wieder mal schlafend auf dieser Couch gefunden, zusammengerollt und fast auf den Boden fallend, ein Buch auf dem Gesicht oder sonst irgendwo in der Nähe der Couch verstreut.
      Nachdem er Morgens dann von einer Nachricht seiner Tochter hochgeschreckt wurde – der ersten seit sicher zwei Wochen – verbrachte Ted seinen Sonntag auf der Couch. Die Nachricht war kurz und knapp und schaffte es doch, Teds ohnehin zerbrochene Welt noch ein wenig mehr zerbröseln zu lassen.

      > Mom heiratet ihren Mechaniker Dave. Dad, kannst du zur Hochzeit kommen? <

      Die Nachricht endete mit einem Datum und einer Location.

      Teds Wohnung hatte ein großes Zimmer mit einer kleinen, offenen Küche, und ein anschließendes kleines Schlafzimmer in das kaum mehr als ein Bett passte. Im Badezimmer konnte man sich geradeso umdrehen, außerdem war es in der ganzen Wohnung aufgrund schlechter Lage ziemlich dunkel. Es war nicht unbedingt… ein Ort, an dem man gerne seine Zeit verbrachte, aber mit ein paar guten Serien und Filmen ließ sich die Zeit schon überbrücken. Als Ted am Montag ins Büro kam, war er trotzdem froh, einen Tapetenwechsel zu haben.

      "Brown, ich hab heute einen Zahnarzttermin. Ich muss früher gehen", war die erste Begrüßung, die Ted erwartete. Er hing seine Jacke über den Stuhl an seinem Tisch und drehte sich herum zu einem dunkelhaarigen Jungen, der eine unangezündete Zigarette zwischen den Lippen hängen hatte. Ted runzelte die Stirn. Es heißt Detective Brown, wollte er sagen. Nimm die Zigarette aus dem Mund und tu wenigstens so, als hättest du Respekt vor mir.
      "Okay", sagte Ted. "Das hat nicht viel mit mir zu tun. Besprich das mit dem Captain"
      "Stopp", kam es von der Seite, als der Azubi sich gerade umdrehte. Richard kam aus dem Kopierraum mit einer Kiste voll Papier und ließ sie mit einem Knall auf seinen Tisch fallen. "Hast du sie noch alle?", wetterte er gegen den Jungen, obwohl er noch ein paar gute Meter entfernt war. Ted war sich nicht sicher, ob er sich einmischen wollte. Als Richard aber noch lauter wurde, beschloss er, aus dem Weg zu gehen.
      "Spuck die scheiß Zigarette aus und mach was gegen dein Verhalten. Wenn ich dich nochmal erwische, wie du jemanden hier ohne Rang ansprichst, knall ich dir eine" Der Azubi sah verschreckt aus, öffnete kurz den Mund, schloss ihn wieder, nickte und fing sich noch ein: "Hau ab und mach dich irgendwie nützlich!" ein, bevor Richard ihn endlich in Ruhe ließ. Ted konnte das selbst kaum ertragen. Richard hatte offensichtlich keine Angst vor Konsequenzen.
      Zu Teds Unglück schien Richard heute außerdem schlecht drauf zu sein, oder so, denn er wandte sich gleich an ihn. "Sag mal, wie zur Hölle bist du eigentlich zum Ausbilder geworden?", spuckte er förmlich. "Mit deiner Hilfe ist die nächste Generation an Helden ein Haufen inkompetenter, verzogener Arschlöcher"
      Ted überlegte, ob er sich die Aussage gefallen lassen sollte, und entschied sich schließlich für ein knappes: "Indem ich Kindern nicht androhe, sie zu verprügeln"
      "Ich hab ihm nur angedroht, ihm eine zu klatschen und glaub mir, das braucht er dringend, so wie er aussieht. Und wen nennst du ein Kind? Von einem 22-Jährigen kann man ein normales Ausmaß an Respekt erwarten", konterte Richard. Er lehnte sich an Teds Tisch. Nach einer ganzen Weile, in der keiner von ihnen etwas sagte, meinte Richard: "Ich hab schlechte Laune. Deine Azubis gehen mir auf den Sack"
      Ted sah ihn wieder an und blinzelte. "Das fällt kaum auf, wirklich", meinte er sarkastisch. Er schwieg, dann fragte er: "Aber es ist 8 Uhr Morgens, also hab ich das Gefühl, es liegt nicht nur an den Azubis. Von denen sowieso… erst einer da ist" Ted sah sich kurz um und realisierte, dass er vielleicht wirklich etwas stärker durchgreifen musste. Er hatte nur keine Energie mehr für so etwas.
      "Nein", seufzte Richard und verschränkte die Arme. "Mein Freund muss seinem psychotischen Verbrecher von einem Bruder noch von unserer Beziehung erzählen, wieso auch immer, und ich warte nur darauf, dass er aus Panik das Land verlässt, oder so", erklärte er.
      Ted verschluckte sich aus dem Nichts und brach in einen kleinen Hustenanfall aus. "Oh", machte er erstickt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Richard ausgerechnet heute wie aus dem Nichts damit herausplatzen würde, als hätte er Ted schon längst davon erzählt. "Ah- ähm- dann… viel Glück dabei", meinte er, weil er keine Ahnung hatte, wie er darauf reagieren sollte. Ein Verbrecher? May hatte die seltsame Familienkonstellation von Richards Freund nicht erwähnt.
      "Danke", antwortete Richard, dem es offensichtlich egal war, wie und was Ted darauf antwortete. Er sah Ted einen Moment lang an. "Ich kann dir auch eine knallen, wenn es hilft"
      "Huh?"
      "Dich in den Schlaf schicken. Damit du nicht mehr aussiehst, als wärst du vor drei Tagen gestorben"
      "Ah… hah…" Ted konnte nicht anders, als etwas zu lachen.
      "Du solltest deinem Quacksalber mal sagen, dass er Gummibärchen kleinen Kindern verschreiben kann und nicht einem Kerl, dessen Augenringe bis zum Boden hängen", meinte Richard. Ted war beinahe gerührt von der Sympathie, die hinter diesen schroffen Worten verborgen lag. Vielleicht zu gerührt. Er hatte das Gefühl, gleich wieder losheulen zu können. "Oh, Gott. Wenn du heulst, geh bitte ganz weit weg von mir und schau zu, dass deine Azubis dich nicht sehen", murrte Richard.
      "Meine Exfrau heiratet ihren Mechaniker", murmelte Ted. Darauf wusste sogar Richard erstmal nichts mehr zu sagen. Es war wieder still zwischen ihnen. Das Geschnatter ihrer Kollegen war ohrenbetäubend. Richard spürte das anscheinend auch, stützte sich vom Tisch ab und nickte Ted zu, mit ihm in den Pausenraum zu gehen. Ted folgte ohne Widersprüche, er brauchte sowieso einen Kaffee, bevor er irgendetwas tun konnte.
      Während er die Maschine einschaltete, schien Richard zu überlegen, ob er das Thema überhaupt weiterführen sollte. Ted nahm ihm die Entscheidung ab. "Mein Kind hat mich gefragt, ob ich zur Hochzeit kommen kann. Ich schätze mal, die Lage ist zuhause jetzt noch seltsamer, als bei mir, also bin ich als Elternteil wieder im Rennen. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll"
      "…Und, gehst du zur Hochzeit?"
      "Isla hat mich gefragt, also kann ich schlecht Nein sagen. Ich weiß aber nicht, ob Grace weiß, dass Isla mich eingeladen hat. Gott, wird das ein seltsamer Tag", murmelte Ted und verzog das Gesicht.
      "Nimm doch jemanden mit, dann kannst du deiner Ex wenigstens demonstrieren, dass du ohne sie besser dran bist. Ich meine, besser, als dass sie dein erbärmliches Wesen sieht", erwiderte Richard.
      Ted drehte sich herum und sah Richard, der auf der Couch saß und nebenbei auf dem Handy tippte, angewidert an. "Du meinst ein Date? Was haben alle mit Dates? Ich bin seit zehn Wochen geschieden und den einzigen Rat, den andere für mich haben, ist, dass ich wen Neuen finden soll? Lebt ihr alle noch in der Realität?"
      Richard sah mit offenbar geweckter Neugierde von seinem Handy auf. "Ach ja? Wer hat das noch gesagt?", fragte er interessiert.
      "May"
      Richard grinste. "Klar hat sie das, jetzt wo sie April hat. Vielleicht wird sie doch nicht zölibatär", schmunzelte er.
      Ted wusste nicht mehr, wie er das Gespräch fortführen sollte. Richard konnte einem wirklich die komplette Lebensenergie rauben, indem er nur einmal den Mund öffnete. Okay, Ted hatte schon irgendwie vermutet, dass zwischen den Frauen etwas lief, aber er wollte darüber nicht mit Richard reden. Das konnte in keine gute Richtung gehen.
      "Danke für deine Hilfe, Richard. Ich überlege es mir", murmelte Ted monoton und leerte sich einen Schluck Milch in den Kaffee, bevor er sich wieder zu seinem Schreibtisch begab. Er brauchte dringend stärkere Medikamente. Langsam sah er nicht mehr bloß aus wie eine Leiche, sondern fühlte sich auch wie eine. Heute Abend würde er mit Dr. Hawk mal etwas ehrlicher sein.
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    • Charles

      Die Praxis war für Charles irgendwie immer schon wie ein zweites Zuhause gewesen. Er wusste nicht, was es gewesen war, aber als er vor ein paar Jahren zum ersten Mal hereingekommen war, um seine eigene Laufbahn unter der Führung des vorherigen Arztes zu beginnen, hatte er sich irgendwie sofort willkommen gefühlt. Sie lag in einem netten Viertel, im unteren Geschoss eines Mehrfamilienhauses, umgeben von Wohnhäusern an einer Allee, unweit von ein paar kleinen Lädchen, in denen man in einer der viel zu seltenen Mittagspausen ab und an zwischenstoppen konnte. Die Anwohner waren größtenteils Studenten und Rentner, nette Leute. Die meisten, zumindest. Charles musste den kleinen Regenbogenflaggensticker, den er auf das Praxisschild geklebt hatte, trotzdem ständig überkleben, weil er laufend abgerissen wurde - was ihm vollkommen egal war, er hatte mehr als genug Sticker in der Schublade in seinem Schreibtisch liegen und ausreichend Geduld.
      Innen war die Praxis über die Jahre immer mal wieder renoviert worden. Charles hatte selbst nur die letzte mitbekommen, in der die ehemals steril weißen Tische durch welche aus warmen, hellen Holz getauscht worden waren. Mittlerweile könnte der Wartebereich wahrscheinlich auch nochmal überholt werden, aber das schob Charles noch etwas vor sich her. Er hatte erst vor Kurzem die Leitung übernommen und wollte es nicht übertreiben. Die neue Position war sowieso mit mehr Verantwortung gekommen, als er gedacht hatte, also tastete er sich Schritt für Schritt voran. Die letzte große Herausforderung war es gewesen, eine neue Sprechstundenhilfe zu finden und das war ihm wirklich gut gelungen.
      Charlotte war eine kompetente junge Frau. Sie trug immer eine Schleife im Haar und ein Lächeln auf den Lippen, war deutlich zu ruhig für ihr Arbeitsumfeld und top organisiert. Außerdem stellte sie keine unnötigen moralischen Rückfragen, wenn er bei ihr stoppte und sie zwischen Unterschriften und Rückfragen darum bat, ihm ein paar von Milos Patienten zuzuspielen. Sie lächelten ihrem Kollegen beide möglichst unschuldig zu, als er - hoffentlich nichtsahnend - überraschend früher Feierabend machen konnte. Nicht, ohne vorher nochmal entschieden abzulehnen, mehr Infomaterial für Wyatt mitzunehmen.
      “Du hattest Glück, dass er heute sowieso nicht viele Termine hatte”, merkte Charlotte an, während sie Charles den nächsten Schwung an Krankschreibungen zur Unterschrift entgegen schob.
      “Ach, ich habe eh nicht viel zu tun. Ein paar Überstunden hätte ich auch verkraftet.” Charles zuckte kurz mit den Schultern, während er seine Unterschrift unter die Zettel setzte und sie Charlotte zurück schob, irritiert darüber, im Austausch einen Kaffee zurück zu bekommen.
      “Ein Schuss Milch und ein Würfel Zucker”, merkte Charlotte mit einem kleinen Lächeln an. “Du hast noch fünf Patienten vor dir, also dachte ich, dass ich dir was Gutes tue.”
      “Oh. Danke, Lotti. Du bist wirklich ein Engel.” Charles lächelte zurück, während er den Kaffee zu sich zog und gekonnt ignorierte, dass Charlotte rot wurde. Komplimente waren seltsamerweise ihre Schwachstelle. “Mach du auch nicht mehr so lange. Sobald du den letzten Patienten reingeschickt hast, gehst du.”
      “Quatsch. Mir tun ein paar Überstunden auch nicht weh.” Sie winkte ab, während sie sich die Haare hinters Ohr strich. “Es kann in dieser Praxis nur eine Person geben, die sich selbstlos für das Team opfert und die bin ich. Du kannst nächste Woche mit Überstunden dran sein, wenn du unbedingt willst.” Charles stieß ein kleines Lachen aus, bevor er, den Kaffee in der Hand, zurück zum Untersuchungszimmer ging.
      Sie hatten ein recht gut funktionierendes System, was die Zimmerbelegung anging. Milo und er hatten je zwei Zimmer, um die sie sich kümmerten, verbunden mit ein paar Zwischentüren. Feste Termine schickte die Sprechstundenhilfe direkt zu ihnen, spontane Besucher wurden entsprechend ihrer Auslastung aufgeteilt. Wenn einer von ihnen alleine war, waren meist nur drei der Zimmer belegt, damit den Patienten die Wartezeit nicht so lange vorkam. Bisher hatten sie noch keine Beschwerden erhalten.
      “Guten Abend”, grüßte Charles fröhlich, während er die Türe des nächsten Behandlungszimmers hinter sich zuzog. Es war schwer bis unmöglich, sich jeden seiner Patienten zu merken. Die meisten kamen ihm trotzdem zumindest vom Sehen her bekannt vor. Die meisten Älteren kannte er mit Namen, weil er sie sowieso regelmäßig sah, ein paar andere blieben wegen irgendwelchen anderen herausstechenden Merkmalen hängen. Ted Brown gehörte zu letzteren. Nicht, weil er irgendwie besonders schräg aussah, oder besonders herausstechend sprach, sondern einfach, weil Charles ihn in der kurzen Zeit, die Ted jetzt bei ihm in Behandlung war, öfter gesehen hatte, als seine eigenen Eltern.
      “Mr. Brown”, grüßte er erneut, als er selbigem im vorbeigehen kurz die Hand gab und sich anschließend auf seinen Platz hinter den Schreibtisch setzte. Der Blick in die schon viel zu lange Patientenakte, die bereits auf dem Computer zu seiner rechten geöffnet war, folgte mehr aus Gewohnheit. Charles wusste, was sein Gegenüber in den letzten Wochen medizinisch durchgemacht hatte, hatte eine vage Vermutung, dass er wusste, warum er jetzt hier saß und das Gefühl, dass er Überstunden heute nicht umgehen konnte.
      "Wie geht es Ihnen?", fragte er trotzdem mit einem unbeirrten Lächeln, während er den Kaffee zur Seite schob. Ted sah müde aus, aber wenn er in den letzten Wochen eines gelernt hatte, dann, dass sie die Behebung dieses Problems heute wahrscheinlich nur erneut verschieben würden. Fortschritte waren bisher leider selten gewesen. Aber das musste nichts heißen. Ab und an musste man auch in der medizinischen Welt etwas herumprobieren, bis man etwas fand, was funktionierte, nicht?
    • Ted

      Ted bog auf dem Heimweg einmal etwas früher rechts ab, als wenn er zu seiner Wohnung fuhr. Sein neuer — mittlerweile nicht mehr so neuer — Hausarzt hatte die Praxis in Gehweite zu seiner Wohnung, was ihm heute aber trotzdem zu weit war. Die Neugikeiten über seine Exfrau hatten ihm die Kraft aus den Beinen gezogen und er konnte nur froh sein, dass er heute einen recht ruhigen Arbeitstag gehabt hatte, ansonsten hätte er jetzt auch gleich die Rettung anrufen können anstatt seinem Arzt einen Besuch abzustatten. Ted hatte das Gefühl, in den letzten Wochen um zehn Jahre gealtert zu sein.
      Er parkte, stieg aus dem Auto und betrat die Praxis, wo er lächelnd begrüßt wurde, gleich doppelt. Sowohl Teds Arzt als auch dessen Assistentin waren der Sonnenschein in Person, was Ted bei jedem Besuch das Gefühl gab, eine Art dunklen Schleier hinter sich herzuziehen. Es war fast ein wenig eklig.
      Ted gab Dr. Hawk die Hand. Mittlerweile hatte er das Gefühl, einen Freund zu besuchen. Den er mit Nachnamen ansprach und der ihm Medikamente verschrieb.
      „Gut“, log Ted reflexartig auf die Frage nach seinem Befinden. Er überlegte kurz bis er sich erinnerte, wo er war, und wieso. „Nein, eigentlich nicht“, korrigierte er fast schon peinlich berührt. Vielleicht sollte er seinem Arzt nicht unnötig ins Gesicht lügen.
      „Meine Nackenschmerzen sind wieder da und ich hab einen neuen Rekord aufgestellt, was die Anzahl der Leute angeht, die meine Augenringe kommentieren“ Haha, er war heute richtig lustig. Ob das half? „Ich bin kein Fan von den Melatonin-Gummis. Also, sie schmecken gut, aber ich hab heute Nacht vielleicht 3 Stunden geschlafen. Können wir was anderes probieren? Ein Medikament vielleicht, ein richtiges? Und was gegen die Verspannungen. Ich würde auf der Hochzeit meiner Ex gerne in der Lage sein, meinen Kopf nach links und rechts zu drehen“ Er demonstrierte eine Kopfbewegung bevor er realisierte, dass er schon wieder unnötige Informationen an seine Sätze hing. Jetzt hatte er das Bedürfnis, sich zu erklären, und das… half selten.
      „Meine Tochter hat mir gestern davon erzählt“, erklärte er, weil das schließlich mit seiner Schlaflosigkeit zusammenhing, und dann lachte er kurz etwas hysterisch. „Echt… echt verrückt, also, dass jemand sowas seinem Kind antut, oder? Als wäre die Gesamtsituation nicht schlimm genug“
      Ja, verrückt. Grace‘s Bedürfnis Dave so schnell wie möglich zu heiraten würde er gerne mal nachvollziehen können. Wusste sie, dass sie nicht alleine auf der Welt war? Aber sie war noch nie die beste darin gewesen, die Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen. Isla musste zuhause untergehen und Ted war nichtmal in der Lage, professionell mit seinem Arzt zu sprechen, ganz zu schweigen davon, für seine Tochter eine Stütze in dem Chaos zu sein. Er brauchte selbst eine Stütze, wenn sie ehrlich waren, und die hieß ‚Benzodiazepin‘!
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    • Charles

      Eigentlich war die Frage immer ein wenig rhetorisch. Niemandem, der auf dem Stuhl vor Charles saß, ging es gut, sonst wären sie überhaupt nicht hier. Trotzdem war es die netteste Art, das Gespräch zu beginnen, nicht? Meistens begannen die Leute danach sowieso sofort damit, von sich aus zu erzählen, was gerade alles schmerzte und wie Charles helfen konnte. Manche knapp und präzise, andere, so wie Ted, etwas ausschweifend und mit mehr Informationen, als er wirklich brauchen würde. Ihn hatte beides noch nie gestört. Manchmal brauchten die Menschen auch einfach jemanden, mit dem sie reden könnten - eine Medizin ganz für sich.
      Er nickte kurz, während er Ted reden ließ und nebenbei bereits ein paar Wärmepflaster und eine Creme gegen die Verspannungen aufschrieb. Die Scheidung war nichts neues und er hatte gewusst, dass sein Gegenüber eine Tochter hatte. Die Hochzeit seiner ExFrau war allerdings neu und tatsächlich etwas unerwartet. Teds Leben schien die Züge einer schlechten Telenovela anzunehmen. Leider konnte Charles ihm dagegen nur nichts verschreiben, so gerne er das auch würde.
      "Das klingt tatsächlich nach einer ziemlich großen Belastung", stimmte er mit einem mitfühlenden Lächeln auf den Lippen zu. Das war für ihn irgendwie immer der schwierigste Teil an seinem Job. Der Abstand zu den Patienten. Man brauchte Abstand. Man konnte sich nicht in jede Lebensgeschichte einfühlen, wenn man nicht direkt auf ein Burn Out zusteuern wollte, aber es war Charles immer schon schwergefallen, Grenzen zu ziehen. Er wollte helfen, egal wie, sonst hätte er sich nie für diesen Job entschieden.
      "Wir arbeiten uns einmal von der schnellen bis zur umfangreicheren Lösung durch, okay?", fragte er, während er, während er seine Hände auf dem Schreibtisch verschränkte und versuchte, kurz Ordnung in seine Gedanken zu bringen. "Ich habe Ihnen etwas gegen die Verspannungen aufgeschrieben. Dadurch, dass die wiederkehrend sind, würde ich an Ihrer Stelle über Physiotherapie, Massagen oder gezielten Sport nachdenken. Manchmal helfen auch Kleinigkeiten im Alltag. Sitzpositionen ändern und so." Aber das schien nicht das größte Problem zu sein und war ein Thema, in das man sich zur Not auch schnell einlesen konnte.
      "Was den Schlaf angeht..." Charles zögerte kurz, während er von Ted zu seinem Computer sah, schließlich eine Hand hob und kurz auf die Tasten tippte. "Langsam gehen uns die Alternativen aus, also verschreibe ich Ihnen ausnahmsweise Schlaftabletten. Mr. Brown, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass die Dinger verdammt abhängig machen. Es ist gerade wichtig, dass Sie Schlaf bekommen, also nehmen Sie sie bitte, aber versuchen Sie trotzdem, irgendeine andere Lösung zu finden." Das war der Knackpunkt an der Sache, nicht? Es war ziemlich offensichtlich, woran der Schlafmangel lag, aber Charles war kein Psychotherapeut.
      "Es tut mir leid zu hören, dass Ihre ExFrau so schnell wieder heiratet-" Wirklich schnell. Hatte sie bereits eine Affäre gehabt, oder so? Heiratete man wirklich so schnell wieder nach einer Scheidung? "-aber wenn ich so frech sein darf: Vielleicht ist das als Abschluss ganz gut. Vielleicht wünschen Sie ihr auf ihrer Hochzeit einfach alles gute und konzentrieren sich danach mal vollkommen auf sich selbst? Eine Therapie könnte helfen." Manchmal wünschte er sich, das Sprechzimmer wäre weniger professionell und eher wie ein Tisch in einem Café, bei dem er seinen Patienten aufmunternd auf die Schulter klopfen könnte, ohne schräg angesehen zu werden.
    • Ted

      Ted nickte und hörte Dr. Hawk dabei zu, wie er verschiedene Lösungsansätze durchging. Ted wollte bei jedem einzelnen sagen 'Ja, das machen wir. Und das auch'. Er wusste trotzdem im Inneren, dass Physiotherapie seinen Verspannungen nur mäßig helfen konnte, denn er hatte Dr. Hawk nicht davon erzählt, dass sie davon kamen, weil er regelmäßig auf seiner viel zu kleinen Couch schlief, wenn er es vermeiden wollte, alleine in seinem, für eine Person zu großen, Bett zu schlafen. Sein Genick war nicht für solche Schlafpositionen gedacht und es mangelte Ted nicht an Bewegung, er war nicht… alt und immer noch ziemlich sportlich unterwegs bei der Arbeit. Auch, wenn er sich nicht sehr fit fühlte. Manchmal gab es Tage, wo er viel saß, aber er bemühte sich zumindest aufrecht zu sitzen, aber selbst das viel ihm in den letzten Tagen schon schwer. Nur wusste er eben ganz genau, woher die Nackenschmerzen kamen. Er beschloss, sich dazu einmal nicht zu erklären. Er fühlte sich schon armselig genug.
      Fast hätte Ted erleichtert geseufzt, als sein Gegenüber nachgab und auf Schlaftabletten zurückgreifen wollte. Sie machten abhängig, hm? Es war nicht so, als wüsste Ted das nicht, aber er wusste nicht, was die Alternative war. Was sollte diese 'andere Lösung' sein? Therapie? Das würde seine Probleme nicht von heute auf morgen lösen und wenn Isla es irgendwie mitbekam (auch wenn sie momentan kaum Kontakt hatten, aber Ted arbeitete daran, das zu ändern), dann würde sie vermutlich völlig das Vertrauen in ihn als Erwachsenen verlieren, auf den sie sich verlassen können sollte. Er hatte das Gefühl, Therapie würde da alles nur noch schlimmer machen. Er wollte seine Tochter nicht denken lassen, dass er sich nicht um sich selbst kümmern konnte.
      Das Mitleid in Dr. Hawks Stimme, als er die Hochzeit ansprach, ließ Ted noch ein wenig mehr bereuen, dass er ein offensichtlich so intensives Redebedürfnis hatte, dass ihm Dinge ständig rausrutschten. Aber… was er sagte, erinnerte ihn daran, was Richard ihm heute Morgen geraten hatte, und was auch May ihm ans Herz legen wollte. Einen Abschluss, hm? Gewissermaßen war die Hochzeit seiner Exfrau wirklich ein erzwungener Abschluss, da es keine Chance mehr gab, ihre Beziehung wieder aufleben zu lassen. Nicht, dass Ted das wollte, jetzt wo er wusste, was Grace in den letzten Jahren gedacht hatte. Sie war mit ihren Scheidungsgründen sehr ausführlich gewesen. Ted war dadurch bewusst geworden, dass sie vermutlich einfach… nicht kompatibel waren, aus Graces Sicht zumindest. Denn die Probleme, die sie mit ihrer Ehe gehabt hatte, hätten sich kaum lösen lassen.
      Womöglich musste Ted diesen offiziellen Abschluss auch zu einem eigenen, inneren Abschluss machen.
      Er überging den Vorschlag der Therapie wie gewohnt vollkommen. "Ich hab garnicht erwähnt, dass ich zur Hochzeit gehe, aber es ist wohl offensichtlich, hm?", schmunzelte Ted. "Ich habe schon das Gefühl gehabt, dass, so schockierend die Nachricht meiner Tochter mit ihrer Einladung auch war, ich wahrscheinlich auch nicht glücklich darüber wäre, nicht hinzugehen. Vielleicht ist das wirklich die Chance auf einen Abschluss. Auch, wenn meine Exfrau wahrscheinlich keine Ahnung hat, dass ich komme", meinte er. Er überlegte und fand das Ganze auf einmal irgendwie amüsant. Vielleicht drehte er jetzt komplett durch.
      "Das wird sie wahrscheinlich umhauen. Und Dave" Ted verzog das Gesicht. "Aber dem helfe ich gerne nach, falls er noch steht. Wer heiratet so schnell nach einer Scheidung? Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden eine Affäre hatten" Seit der neuen Information jedenfalls. Er wäre in den letzten Jahren nicht einmal auf die Idee gekommen, irgendetwas zu hinterfragen, das Grace tat. Er hatte ihr völlig vertraut. Aber Ted kam auf keine andere Schlussfolgerung.
      Dafür legte er gerade die Reste seines hinterbliebenen Filters ab. "Ich hab ehrlich gesagt garnicht so viel Interesse daran, ihr irgendetwas anderes als Pech für den Rest ihres Lebens zu wünschen, schon alleine deshalb, weil sie zwei Monate nach unserer Scheidung heiratet und ihre eigene Tochter damit foltert. Anders kann ich mir nicht erklären, dass Isla mich nicht mehr ignoriert. Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie ihre Mutter drauf ist. Vollkommen vertieft in ihre Hochzeitsplanung und überglücklich, wahrscheinlich, während Isla sich wieder in ihrem Zimmer einschließt. Wer hat sich die letzten Jahre darum gekümmert, dass sie rauskommt und was unternimmt? Hah, jedenfalls nicht meine Frau- Exfrau" Ted war verloren in seinem Redeschwall. "Mein Kollege hat mir heute empfohlen, jemanden mit zur Hochzeit zu nehmen, um ihr zu zeigen, dass ich besser dran bin, aber ich würde sie gerne einfach nur schockieren. Sie vielleicht auch mal Nachts wach liegen lassen mit dem Gedanken, ob ich über die Jahre auch eine Affäre hatte. Ist das grausam? Ich meine, sie verdient meine Sympathie nicht, oder?" Ted fuhr sich durch die Haare und seufzte, er sah eine Weile im Raum herum und landete mit dem Blick dann wieder auf Dr. Hawk. Er war ein ziemlich junger Arzt, nicht? Und jetzt musste er sich die Lebensgeschichte eines alten Kerls anhören. Ob er selbst verheiratet war? Zumindest trug er keinen Ring. Aber er war sympathisch, hatte eine vertrauenswürdige… Aura, oder wie Isla es nannte, und außerdem war er gutaussehend genug, dass ihm bestimmt nicht die Chancen auf Freundinnen ausgingen. Pff. Ted lächelte.
      "Sie haben Besseres zu tun, als mir zuzuhören, oder?", fragte er. Er sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. "Die Praxis sperrt doch demnächst zu. Dann sollte ich mich auch noch beeilen, in die Apotheke zu kommen" Ted setzte sich etwas auf aber eigenartigerweise wollte er lieber hier bleiben, als nachhause zu gehen. Was war nur aus ihm geworden?
      "Wenn Sie mich auf die Hochzeit begleiten würden, wäre der Schockfaktor wenigstens garantiert", grinste Ted.
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    • Charles

      Charles blinzelte ein wenig überfordert. Mit so einem Redeschwall hatte er irgendwie nicht gerechnet. Ted gehörte definitiv zu den Patienten, die mehr erzählten als sie mussten, aber das war neu. Offenbar hatte die Hochzeit seiner ExFrau etwas in ihm gebrochen, was nachvollziehbar war. Charles selbst war - sehr zum Missfallen seiner Eltern - nicht verheiratet, oder überhaupt in irgendeiner ernsten Beziehung, aber er konnte sich vorstellen, wie schrecklich es sich anfühlen musste, eine Person zu verlieren, an der man so gehangen hatte, vor allem, wenn eventuell eine Affäre im Raum stand.
      Also ließ er Ted reden. Er nickte erneut zwischendurch, ein kleines Zeichen, dass er zuhörte und Ted weiterreden sollte. Kommentieren konnte er das ganze eigentlich sowieso nicht, auch wenn er genug Fragen hatte. Säßen sie jetzt als Freunde in einem Café zusammen, hätte Charles sich nach Teds Tochter erkundigt. Wie das Sorgerecht geregelt war und ob das Mädchen nicht einfach zu ihm könnte, wenn es ihr offenbar so schlecht ging. Sie musste alt genug sein, um eine eigene Meinung zu haben, oder? Wenn Ted nicht überraschend spät Vater geworden war, musste sie mindestens…10 Jahre alt sein, oder so? Zählte da die Meinung des Kindes vor Gericht? Vorausgesetzt, Teds Tochter ging es tatsächlich so schlecht, wie er behauptete, Charles bekam hier immerhin nur eine Seite der Geschichte erzählt und Ted redete sich offenbar gerade mehr und mehr in Rage. Leider saßen sie nur nicht gemütlich in einem Café, sondern in einer Praxis als Arzt und Patient, also hielt Charles den Mund.
      “Ein paar Überstunden machen mir nichts aus”, versicherte er, als Teds kleiner Monolog einen Abschluss fand. Die nächsten vier Patienten, die er noch vor sich hatte, würden voraussichtlich nicht zu lange brauchen. Kleinigkeiten. Danach fing der private Stress an - Einkaufen, aufräumen, Hobbys ignorieren und sich darüber schlecht fühlen, dass man seine Hobbys ignorierte. Vielleicht würde er das alles auch einfach insgesamt ignorieren und nach dem letzten Patienten einfach etwas rausfahren und eine Runde spazieren gehen, um den Kopf frei zu bekommen. Er hatte seine Wanderschuhe und einen Pullover immer im Auto, speziell für solche Tage wie heute. Er könnte einfach-
      Teds abschließende Bemerkung entlockte Charles ein kurzes, unfreiwilliges Auflachen. “Das wäre wahrscheinlich tatsächlich ein kleiner Schock”, stimmte er zu. Eigentlich wäre das wahrscheinlich der Moment, in dem er aufstehen und Ted einen schönen Abend wünschen sollte, oder? Aber sein Gegenüber blieb kerzengerade auf seinem Stuhl sitzen, also bewegte Charles sich irgendwie auch nicht. “Wollen Sie wirklich schockieren?”, fragte Charles schließlich, während er nach seiner Kaffeetasse griff. “Oder sind Sie gerade einfach nur wütend?” Charles hatte das Gefühl, dass er das Ende dieser Geschichte zwangsläufig sowieso erfahren würde. Spätestens, wenn auch die Racheaktion nicht dazu führte, dass Ted besser schlief und er wieder auf dem Stuhl vor ihm endete.
    • Ted

      Ihm machten Überstunden nichts aus? Sagte er das aus reiner Freundlichkeit heraus oder weil er wirklich nichts dagegen hatte, dass Ted den Patientenverkehr aufhielt? So oder so lehnte der Ältere sich wieder etwas zurück und freute sich insgeheim viel zu sehr über die Rückfrage.
      „Ich bin nicht wirklich wütend“, erklärte er und fuhr dann deutlich ehrlicher fort, als sonst: „Ich bin hauptsächlich traurig. Ich dachte 22 Jahre lang, dass ich mein ganzes Leben mit der Frau verbringen werde und ich hab bis vor ein paar Wochen keine Sekunde daran gezweifelt. Ich glaube, plötzlich zu erfahren, dass die andere Person schon sehr lange anders gedacht hat, löst eine… eigenartige Mischung an Emotionen aus“ Wut war in dem Cocktail definitiv auch drin, aber es war deutlich zu komplex, um alles darauf zu reduzieren.
      „Für mich war die ganze Sache ein Schock aber meine Exfrau hatte Jahre Zeit, um sich mit dem Gedanken abzufinden. Vielleicht will ich sie deshalb schockieren. Und eine kleine Lüge würde auch nichts mehr ändern, also… finde ich die Idee von meinem Kollegen mit jeder Minute besser“ Ted lächelte leicht. Auch wenn Richard nicht gesagt hatte, dass Ted einen Mann mitbringen sollte. Der witzige Einfall war ihm ganz von selbst gekommen. Nachdem Ted sowieso nicht vorhatte, demnächst ernsthaft jemanden zu daten, wäre es sogar die bessere Option. Mit einer Frau als Begleitung zur Hochzeit zu gehen könnte ihn ziemlich runterziehen.
      „Außerdem hat Grace mich in verschiedensten Ausführungen und Worten einen Langweiler genannt, also würde ich sie gerne denken lassen, dass sie sich geirrt hat“, meinte er schließlich noch und zuckte mit den Schultern. Sie das ‚denken‘ lassen, ja, weil Ted nicht leugnen konnte, dass er ein ziemlicher Durchschnittsmensch war. Das störte ihn nicht und er hatte nicht gedacht, dass es Grace störte, aber sie hatte wohl über die Jahre hinweg eine Abenteuerlust entwickelt, die vorher nicht da gewesen war. Auch, wenn Ted so gut wie alles mitgemacht hätte, wenn sie mal einen Vorschlag gebracht hätte, aber darauf wollte er sich garnicht aufhängen. Es war wohl auch seine Schuld, dass er nie irgendetwas mitbekommen hatte. Aber das würde nun eh nichts mehr ändern und so konnte er jetzt wenigstens ohne schlechtes Gewissen weiterhin mittelmäßig sein, aber das musste Grace ja nicht wissen.
      „Wenn Sie Ende Mai noch nichts vorhaben, können Sie sich ja überlegen, ob Sie das Drama live miterleben wollen“, meinte Ted, mehr im Scherz als ernst. „Wenn ich mich nicht irre, ist Dave gute 10 Jahre jünger als meine Exfrau, also… Wie alt sind Sie? Dreißig? Ich weiß nicht wieviele Schockebenen es braucht, um einen Herzinfarkt zu provozieren — das können Sie mir vielleicht sagen — aber wahrscheinlich kämen wir da hin. Sie müssten nur aufpassen, dass meine Exfrau Dave nicht am Altar stehen lässt und Sie da stattdessen rauf zieht“
      Er wollte Grace nicht unterstellen, dass ihre Entscheidung oberflächlich war, aber… Ted kannte Dave und ehrlich gesagt würde er für den Körper sogar selbst überlegen, ihm schnell einen Ring anzustecken, und er war nicht schwul.
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    • Charles

      Charles stieß ein kleines, mitfühlendes "Mhm" aus, als Ted versuchte, seine Gefühlswelt zusammenzufassen und überlegte, ob er sich als Arzt eigentlich für psychologische Fortbildungen anmelden durfte. Es war schwer. Wenn Milo als Freund mit dem Problem vor ihm sitzen würde, wüsste er genau, was er sagen müsste, aber Ted war als Patient eine ganz andere Sache. Er wollte nichts falsches sagen, aber das übliche 'eine Nacht drüber schlafen' schien schon lange nicht mehr zu helfen, im metaphorischen und wortwörtlichem Sinne. Ganz davon abgesehen, dass Ted offenbar selbst sehr von seiner Idee überzeugt war. Und dann war Charles plötzlich selbst Teil der Idee.
      "Zweiunddreißig", bestätigte er etwas irritiert, während Ted ihn vor den hypothetischen Altar schob. Charles' Eltern wären von der Idee mit der spontanen Hochzeit bestimmt begeistert, er selbst war sich ziemlich sicher, dass das das schlimmste wäre, was passieren könnte. Eine Beziehung war für ihn irgendwie nie so wichtig gewesen. Sicher, er hatte Freundinnen gehabt, aber er hatte irgendwie nie aktiv nach ihnen gesucht. Beziehungen hatten sich immer einfach ergeben. Er war glücklich alleine, er war glücklich, wenn er jemanden bei sich hatte, er war gerade unverhältnismäßig glücklich drüber, dass ihm keine seiner Freundinnen fremdgegangen war.
      "Ich habe das Gefühl, dass ich Sie darauf hinweisen muss, dass ich dazu verpflichtet bin, Erste Hilfe zu leisten, falls das alles in einem Herzinfarkt enden sollte. Falls Ihre Rachegedanken Mord beinhalten sollten, wäre ich also denkbar ungeeignet", scherzte er. Nicht, dass es Ted schwerfallen würde, jemanden zu finden, der ihn begleiten würde. Abgesehen von den Augenringen war er gepflegt, nett - wenn man seinen kleinen mentalen Tiefpunkt gerade ignorierte - und wenn die Akte aktuell war, arbeitete er als Held, worauf wahrscheinlich genug Leute anspringen würden, nicht? Es war nur fraglich, welche Art von Mensch darauf anspringen würde, uneingeladen auf einer Hochzeit aufzutauchen, um dem Brautpaar den Tag zu verderben.
      "Wissen Sie was?", setzte Charles an, ohne richtig nachzudenken, was er bereute, sobald er den Mund wieder öffnete. "Ich gehe gerne spazieren. Wandern eigentlich, aber das lässt sich schlecht nach einem Arbeitstag erledigen." Oh. Er war offensichtlich gerade dabei, eine Grenze zu überschreiten, oder? Aber der Gedanke, der sich eben in seinen Kopf gedrängt hatte, hatte irgendwie ein unaufhaltbares Eigenleben entwickelt, weshalb Charles fast so überrascht wie Ted war, als er weiterredete. "Kommen Sie mit. Eine Stunde höchstens, keine anstrengende Tour. Wenn Sie Ihre Frau am Ende immer noch schocken wollen halte ich mir Ende Mai frei. Ich brauche hier höchstens noch eine Dreiviertelstunde."
      Er wusste selbst nicht, was das gerade war. Übertriebener Helferdrang? Schob er einfach das Problem auf, weil er gerade nicht wusste, was er sagen sollte? Irgendwie fühlte es sich seltsam richtig an, Ted das Angebot zu machen. Er konnte ja immer noch ablehnen.
    • Ted

      „Keine Sorge, ich hab nicht das Zeug zum Mörder“, schmunzelte Ted. Das Gespräch war seltsam aufmunternd. Bei May oder Richard wäre Ted schon längst wieder in Tränen ausgebrochen, aber… vielleicht lag das wirklich weniger an ihm selbst und mehr an seinen Gesprächspartnern.
      Nach dem ‚Wissen Sie was‘ hatte Ted sich bereits wieder aufgesetzt, voll überzeugt in der Erwartung, dass etwas folgen würde wie ‚Reden wie darüber nochmal nachdem Sie die Schlaftabletten genommen haben!‘, aber sowas kam nicht. Stattdessen schien Dr. Hawk an der Reihe zu sein, ungefragt von seinem Leben zu erzählen. Ted blinzelte, blieb sitzen und warf ein kleines „Oh, ja, ich auch“ ein, aufs Spazierengehen bezogen. Er ging wirklich gerne spazieren, Wanderungen hatte er zuletzt mit einer kleinen, widerspenstigen Isla gemacht, aber darauf schien Dr. Hawk sowieso nicht mehr hinaus zu wollen.
      Ted wusste kurz nicht, wie er reagieren sollte. Sein… Hausarzt lud ihn auf einen Spaziergang ein. Ted konnte sich das nicht anders erklären, als dass er in Dr. Hawk ein derartiges Mitleid ausgelöst hatte, dass dieser sein Glück jetzt selbst in die Hand nehmen wollte, auch außerhalb der Praxis.
      „Ah…“, Ted lachte leicht. „Weil das… die Schlafqualität verbessert, oder?“, fragte er und machte sich auf ein ‚Bazinga!‘ gefasst, das nie kam, also musste er schnell reagieren.
      „Ähm, klar, sehr gerne“ Er wollte seinen Arzt nicht irgendwie beleidigen. Und es war nicht so, als wäre Ted abgeneigt, aber der Vorschlag war ein wenig seltsam.
      Als er aufgestanden war, stockte er nochmal. „Moment, jetzt? Also heute?“, fragte er. War das nicht… absolut plötzlich? „Okay… Ich gehe in der Zwischenzeit in die Apotheke und… und dann warte ich hier, nehme ich an? Wohin gehen wir?“ War sein Hausarzt nebenberuflich Serienmörder und das war alles bloß eine Masche, weil er heute festgestellt hatte, dass Ted blöd genug war um mit ihm mitzukommen?
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    • Charles

      "Bewegung und frische Luft verbessern irgendwie alles", erklärte Charles mit einem kleinen Lächeln. Auch, wenn das diese etwas seltsame Situation nicht lösen würde. Dazu war alles viel zu durcheinander. Ganz davon abgesehen, dass Kontakt zu Patienten außerhalb der Sprechstunden eigentlich ungerne gesehen war. Aber das alles war ja nur eine...etwas außergewöhnliche Behandlung? Sie waren nicht befreundet. Charles hatte nur das Bedürfnis, Ted irgendwie nicht ganz so alleine mit seinem Problem zu lassen.
      "Ja, heute. Lottie macht Ihnen bestimmt noch einen Kaffee, falls es doch etwas länger dauern sollte", erklärte er und deutete kurz zurück in Richtung Empfang. "Ich würde ganz schlicht den Hyde Park ansteuern, am Kensington Palace anfangen und dann einfach eine Runde drehen." Nicht unbedingt eine der Strecken, die er normalerweise lief - er mochte Abgeschiedenheit und Einsamkeit auf seinen Spaziergängen, aber vielleicht war es etwas diesmal etwas besser, nicht ganz so alleine zu sein. Gott. Er musste dringend Milo anrufen.

      Zum Glück waren die restlichen Patienten weniger pflegebedürftig, als Ted. Zwei waren schneller druch, als er gedacht hatte und die anderen beiden hielten ihn zumindest nicht überdurchschnittlich lange zurück, weshalb Charles kein allzu schlechtes Gewissen hatte, als er in dem kleinen Mitarbeiterraum, in dem sie ihre Kleidung wechseln konnten, sein Handy zückte und schnell auf Milos Kontakt drückte. Ted würde nicht zu lange warten müssen.
      Es klingelte nicht sonderlich lange, bis Milo abhob. Charles sparte sich sämtliches Vorgeplänkel. “Hey. Ich brauche eine zweite Meinung.”
      “Medizinisch?”
      “So halb.” Charles seufze, während er überlegte, wie er Teds Problem möglichst knapp zusammenfassen konnte. “Stell dir vor - rein hypothetisch, natürlich - du wärst verheiratet.”
      “Okay.” Er konnte Rascheln im Hintergrund hören. Wahrscheinlich störte er Milo gerade beim Einkauf-Einräumen, oder so.
      “Und nach einer sehr langen Ehe möchte deine Frau plötzlich die Scheidung. Du bist eh schon am Boden und dann findest du heraus, dass sie nach zwei Monaten schon wieder heiratet.”
      “Affäre?”, fragte Milo. Das Rascheln hatte aufgehört. Entweder war er fertig mit Einräumen, oder die Story war zu spannend. Charles tippte auf Letzteres.
      “Ich nehme es an. Was würdest du tun?”
      “Einfach. Mit ihrem Zukünftigen schlafen und ihr die Beweise zur Hochzeit schenken.”
      “Du-” Charles stockte, öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Es war seine Schuld. Er hatte die Frage zu offen formuliert. “Wenn du dich nochmal wundern solltest, warum Wyatt so ist, wie er ist, erinnere dich an diese Antwort.”
      Milo lachte. “Das ist die Standard Drama Route, oder nicht? Was wäre denn deine hypothetische Antwort gewesen?”
      Charles presste die Lippen aufeinander. “Ich bin eventuell als eingeladen worden, als sein Date auf der Hochzeit aufzutauchen, aber nach deiner vollkommen Antwort klingt das plötzlich vollkommen normal und gut durchdacht.”
      "Sag einfach Nein, Charlie." Milo klang viel zu amüsiert über das alles. "Das klingt wie eine aufgewühlte, sehr überstürzte Idee. Nächste Woche ist das wieder vergessen."
      Charles presste erneut die Lippen aufeinander, während seine Gedanken durch seinen Kopf rasten. Milo hatte Recht. Aber irgendwie sagte sein Gewissen ihm was anderes. "Eigentlich wollte ich nur wissen, ob du das genau so überstürzt findest, oder ob es an mir liegt. Aber du hast ja offenbar ganz andere Probleme. Vielleicht solltest du Aaron wirklich mal mitbringen. Ich habe gerade das Bedürfnis, ihn zu warnen."
      "Ganz sicher nicht. Und es liegt nicht an dir. Es ist etwas...übertrieben."
      "Sehr gut. Dann mache ich jetzt mit meiner überstürzten, übertriebenen Idee weiter. Bis morgen." Charles legte das Handy zur Seite, als er aufgelegt hatte und tauschte Kittel gegen Jacke, bevor er das Handy wieder einsteckte. Er hatte wirklich schon vieles in dieser Praxis erlebt, aber das war auch für ihn vollkommen neu. Würde schon irgendwie schiefgehen. Im Zweifelsfall würde er nur einen Patienten verlieren, oder?
      Charles tastete kurz seine Jackentaschen ab und zückte seinen Autoschlüssel, während er wieder zurück zum Empfang ging und Ted ein Lächeln zuwarf. "Also. Wollen wir?"
    • Ted

      Ted hatte auf der Heimfahrt, dem Weg in die Apotheke, zurück zur Praxis und anschließend bei einer Tasse Kaffee noch genügend Zeit gehabt, um irritiert zu sein. Er war sich nicht sicher, wie er an diesem Punkt angelangt war. Er hatte gescherzt, Dr. Hawk zur Hochzeit seiner Exfrau mitzunehmen und jetzt gingen sie spazieren? Das war zweifelsfrei ein Scherz, der von einer Partei missverstanden worden war.
      Ted stellte die Tasse zur Seite und stand auf, als Dr. Hawk in Charles-Hawk-Kleidung auf ihn zukam und blinzelte ein wenig, weil die Alltagskleidung das Ganze, wenn möglich, fast noch eigenartiger machte. Aber hey, vielleicht hatte er am Ende des Tages ja tatsächlich einen Schockmoment für Grace im Repertoire.
      Ted nickte und stand auf um… Charles aus der Praxis zu folgen. Jetzt konnte er sich doch nicht mehr zurückhalten. „Also, kommt dieser Spaziergang in die Krankenakte oder ist das ein völlig persönlicher Akt des Mitleids?“, fragte er schlichtweg. „Und wie eigenartig fänden Sie es, wenn ich Sie im Hyde Park mit ‚Dr.‘ anspreche?“ Das könnte von Außen betrachtet fast nur als seltsames Rollenspiel betrachtet werden. Dr. Hawk sah zu jung aus, um Ted‘s Hausarzt zu sein. Und man würde mit seinem Hausarzt im Normalfall in einer Arztpraxis verbleiben.
      Es wurde schlimmer, als Ted in dem fremden Auto saß. „Ist das so eine Neue-Ärzte-Generation Sache?“, fragte er, immernoch etwas verwirrt. „Sie wissen schon, dass ich einen Witz gemacht hab, als ich Sie zur Hochzeit eingeladen habe, oder? Ich weiß, dass ich nicht besonders lustig bin, aber… Oh, aber ich würde Sie definitiv nicht ausladen, das Missverständnis ist ja meine Schuld. Ich muss Sie nur vorwarnen, dass Sie dann mitten im Familiendrama stecken werden. Wenn Ihnen sowas Spaß macht, nehme ich Sie gerne mit, dann ist das Ganze vielleicht auch gleich weniger erdrückend“ Ted schmunzelte. Dann drehte er den Kopf zu Dr. Hawk. „Sind Sie schwul?“
      War das noch eine Frage, die über ihr Kennenlern-Level hinausging? Für Ted verschwammen die Grenzen und vor allem nach seinem Gespräch mit Richard heute Morgen war er abgehärtet. Er musste weniger Zeit mit Richard und mehr Zeit mit normalen Menschen verbringen.
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    • Charles

      Charles war Fragen gewohnt. Aber das waren wirklich viele Fragen in wirklich kurzer Zeit. Er gab sich Mühe, so gut es ging hinterher zu kommen. Zugegeben, er war die ganzen Fragen wahrscheinlich selbst Schuld. Das hier war alles andere, als normal. Eigentlich wusste er selbst nicht genau, was er tat und warum er es tat. Er hörte ab und an auf sein Bauchgefühl, ja, aber normalerweise ging es dabei um Sachen, wie das Mittagessen, oder welchen Pullover er anziehen sollte.
      Ob der Spaziergang in die Krankenakte kam, oder Mitleid war? "Weder noch, das ist einfach ein persönliches Angebot."
      Wie Ted ihn ansprechen sollte? "Ich interessiere mich ehrlichgesagt nicht wirklich für Titel."
      Ob das eine neue Ärzte-Sache war? "Ich denke nicht."
      Ob er wusste, dass Ted einen Witz gemacht hatte? "Schon irgendwie, aber besorgt bin ich trotzdem."
      Bei der letzten Frage würgte Charles fast das Auto ab, statt es zu starten. "Nein", antwortete er irritiert, während er Ted einen Blick zuwarf. "Das soll auch kein Date werden, oder so. Ich hatte nur den Eindruck, dass Sie sich etwas von der Seele reden müssen und frische Luft eventuell helfen könnte, um einen freien Kopf zu bekommen. Sie müssen sich nicht gezwungen fühlen, mitzukommen." Er gab Ted einen Moment, um eine Entscheidung zu treffen und fuhr schließlich los, als er sitzen blieb.
      "Ich machte das normalerweise nicht", schob er schließlich hinterher, bevor Ted weitere Fragen stellen konnte. "Aber wenn es funktioniert sollte ich das vielleicht als Behandlungsmethode aufnehmen. Macht es Ihnen etwas aus, auf dem Rückweg einen Fragebogen auszufüllen?" Er grinste leicht in Teds Richtung, um zu signalisieren, dass er das alles nicht ernst meinte. Auch wenn das eigentlich gar keine so schlechte Idee wäre. Er hätte am Ende des Tages genug Schritte auf dem Tacho und seinen Patienten ging es besser. Das wäre ideal!
      "Und ich weiß, dass es unhöflich ist, aber darf ich das Du anbieten? Ich bin Charles." Womit wahrscheinlich jede Grenze überschritten wäre, die noch zwischen ihnen stand. Aber gerade war eh irgendwie alles ungewöhnlich und falsch, also kam es darauf wahrscheinlich auch nicht mehr an. Vielleicht war Charles selbst derjenige, der eine Nacht drüber schlafen sollte, bevor er seine komischen Ideen als Impuls durchzog. Vielleicht hätte er doch keine Überstunden machen sollen. Vielleicht war er selbst derjenige, der psychologische Hilfe brauchte. Ugh. Zum Glück hatte er ja gleich genug Zeit, um darüber nachzudenken.
    • Ted

      Ted nickte. Er hatte mit der Frage keine Grenze überschreiten wollen, er hatte nach dem heutigen Tag einfach schlichtweg keine Hemmungen mehr. Der irritierte Blick eben war nicht beleidigt gemeint gewesen, sondern überrascht, oder?
      „Oh, ich frage nicht wegen dem Spaziergang, sondern weil ich eben daran denken musste, dass ich meine Tochter vorwarnen müsste, wenn Sie tatsächlich mit zur Hochzeit kommen würden. Da musste ich daran denken, dass ich nicht weiß, ob das Szenario für Sie auch so unwahrscheinlich wäre, wie für mich“, erklärte Ted vorsichtig. „In jedem Fall, äh… Ist das ein wirklich netter Vorschlag gewesen. Ich hab ehrlich gesagt abseits von meinen Arbeitskollegen schon länger keine Leute mehr getroffen und meine Kollegen schaffen es meistens, dass es mir nachher schlechter geht als vorher“ Ted runzelte kurz die Stirn. Ja, aber sie machten das nicht absichtlich, oder? Sie waren nicht sozial ein wenig unfähig. May war toll, sie war einfühlsam, aber ihr Helferdrang war so intensiv, dass er das alles überschattete und manchmal komplett nach hinten losging. Richard war… Richard. Ted‘s Azubis brachten ihn um den Verstand, mit Thomas hatte er noch nie mehr als einen Satz gewechselt und einigen der anderen Kollegen stand er nicht nah genug, um über seine gescheiterte Ehe zu sprechen. Dass er Richard nah genug stand, war seltsam genug, aber der Kerl machte einfach etwas mit einem— in seiner Nähe wurde einem plötzlich egal, wie man auf andere wirkte, weil man neben ihm eh nur gut dastehen konnte.
      „Okay, Charles“, stimmte Ted den Vornamen schneller zu, als Charles seine Meinung noch hätte ändern können. „Ted. Und ich muss mir jetzt keinen anderen Hausarzt suchen, oder? So, wie Chirurgen keine Familienmitglieder operieren dürfen?“ Er schmunzelte. „Du musst mir jetzt auch etwas von dir erzählen, übrigens. Ich kann nicht mit jemandem spazieren gehen, der meine Lebensgeschichte kennt, und ich weiß nichts über ihn. Spazierengehen ist einfach zu intim“, sagte Ted ernst. Hoffentlich verstand Charles den Witz diesmal wirklich. „Du hast gestern dein Medizinstudium abgeschlossen, richtig?“
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    • Charles

      "Strenggenommen schon, aber ich verrate es keinem, wenn du es niemandem verrätst", antwortete Charles mit einem kleinen Zwinkern und der Hoffnung, dass sich wirklich nie jemand hieran stören würde. Sonst hätte er wirklich ein riesen Problem. Im Zwiefelsfall würde Milo Ted wahrscheinlich für ihn übernehmen, aber irgendwie hatte Charles das Gefühl, dass es unfair für alle Beteiligten wäre und außerdem...wollte er jetzt schon wissen, wie die Geschichte mit seiner Scheidung ausging, nicht? Es wäre schade, Ted zu verlieren, bevor er sich nicht zumindest sicher sein konnte, dass er einen Schlussstrich unter seine gescheiterte Ehe gezogen hatte. Jeder Mensch hatte ein bisschen Glück verdient.
      Teds nächster Kommentar brachte ihn ein wenig zum Schmunzeln. Er nichte kurz. "Veterinärmedizin, eigentlich. Deshalb kommt es mir so normal vor, mit meinen Patienten spazieren zu gehen", stimmte er in einem gespielt ernsten Tonfall zu. Auch, wenn das nicht ganz so weit hergeholt war, wie es klang. Tierarzt hatte wirklich auf der Liste seiner möglichen Traumberufe gestanden. Am Ende hatte er nur zu gerne mit Menschen gearbeitet, als dass sich der Beruf durchgesetzt hätte.
      "Eigentlich gibt es gar nicht so viel über mich zu erzählen. Ich bin in London geboren, nie weggezogen, hab mich durch ein Medizinstudium gequält und darf mir seit meinem Abschluss die Frage von meinen Eltern anhören, wann ich endlich heirate und Kinder bekomme. Der normale Wahnsinn halt." Und definitiv nicht so tragisch, wie Teds Schicksal. Ja, seine Eltern konnten wirklich nerven, aber sie meinten es wenigstens gut und wollten am Ende nur nicht, dass er alleine war. Außerdem konnte er sie zum Glück ziemlich leicht ablenken, wenn die Fragerei nach der Familienplanung zu massiv wurde. Irgendwas fand er immer - das Wetter, die Politik, oder im äußersten Notfall Milos Leben. In der Hinsicht konnte er sich zumindest nicht beschweren. Als Milos Eltern verstorben sind, hatte er seine eigenen zurückhalten müssen, sofort einzuspringen. Sie waren überfürsorglich.
      "Du arbeitest als Held, richtig?", spielte er den Ball zurück in Teds Feld der Unterhaltung. "Stelle ich mir ziemlich aufregend vor. Oder verteilt ihr am Ende doch nur Knöllchen, oder so?"
    • Ted

      Ted lachte. Okay, schön, er war der Hund in dem Szenario. So lustig der Gedanke auch war, würde er immernoch mehr Sinn machen, als ihre jetzige Situation. Ted war sich weiterhin sicher, dass Charles viel besseres zu tun haben musste, als mit einem Patienten durch einen Park zu laufen. Oder vielleicht hatte er keine Freunde? War er einsam, oder so? Bei dem Gedanken wollte Ted plötzlich bei absolut allem mitspielen, so unwahrscheinlich es ihm auch vor kam. So ein hübscher, junger Kerl mit einer eigenen Praxis und er war einsam und allein? Dann musste irgendwas mit ihm nicht stimmen, aber er war auch noch verdammt nett und hilfsbereit und witzig.
      „Mhhm“, machte Ted und nickte, als er doch noch ein Stückchen von Charles Lebensgeschichte erzählt bekam. „Eltern und Enkelkinder“, murmelte er. „Ich bin froh, dass ich meine Arbeit schon erledigt hab, phew“ Ted seufzte gespielt erleichtert. Er fand die Vorstellung, seine Kinder zu einem Leben zu zwingen, das sie nicht wollten, vollkommen irre. Glücklicherweise hatten seine eigenen Eltern nicht einmal den Wunsch nach Enkelkindern geäußert, oder sonst etwas, abseits davon, dass sie Ted und seinen Bruder glücklich sehen wollten. Und genau so führte er das in seiner eigenen Familie auch fort. Die Welt machte einem ohnehin schon genug Druck bei allem, da musste das nicht zusätzlich von den Eltern kommen.
      „London ist schön, aber weißt du, was schöner ist? Lille“, meinte Ted. „Dort hab ich die erste Hälfte meiner Kindheit verbracht, bevor meine Eltern mit uns nach Bristol gezogen sind. Mein Bruder und ich sind später separat nach London gezogen und irgendwann haben wir unsere Eltern gezwungen, nachzukommen, damit sich jemand um sie kümmern kann. Außerdem ist es nett für meine Tochter, ihre Großeltern in der Nähe zu haben. Zumindest musst du deine Eltern so nirgends mitnehmen, die sind einfach schon da. Außer natürlich, du willst lieber weg von ihnen. Dann empfehle ich Lille. Aber dann brauche ich wirklich einen neuen Hausarzt“
      Zumindest gab es in Lille sowie in Bristol etwas weniger Angriffsfläche für gewisse Soziopathen, die sich derzeit ihren Weg durch europäische Hauptstädten bombten. Sie konnten nur hoffen, dass London nach dem manuellen Blitzeinschlag in der Kirche, wieder vom Radar war.
      „Oh, ja, Held“, sagte Ted, als würde er sich selbst gerade erst daran erinnern. „Wir haben unterschiedliche Aufgabengebiete“, erklärte er. „Meistens ist recht viel zu tun, London hat erschreckend viele Einbrecher und Diebe, aber an anderen Tagen bringe ich meinen Azubis bei, wie ein Drucker funktioniert. Die… die Schwankungen sind ein bisschen extrem. Wir haben aber unsere Leute, die ganz spezifisch dafür da sind, Schwerverbrecher einzufangen. Ich bin bei solchen Dingen eher dafür zuständig, Täterprofile zu erstellen, Spuren zu verfolgen, aber ich laufe definitiv niemandem nach, wenn ich nicht muss. Ich hänge an meinem Leben, vielleicht zu sehr, um Held zu sein“
      Ted fragte sich manchmal, ob das einer der Gründe war, wieso Grace ihn verlassen hatte. Weil er ungerne Risiken einging. Aber so war er nicht gewesen, als er damals die Ausbildung begonnen hatte, natürlich nicht. Er hatte nur sehr früh geheiratet, etwas Wichtigeres in seinem Leben gefunden, und spätestens mit Isla dann das Bedürfnis gehabt, so lange wie möglich am Leben zu bleiben.
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