The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Wyatt

      Das war offensichtlich die vollkommen falsche Antwort gewesen. Fuck, fuck, fuck! Wyatt hatte das Gefühl, dass sein kompletter Kreislauf sich für einen Augenblick verabschiedete, nur um im nächsten Moment mit doppelter Wucht zurück zu kommen. Wie konnte er das retten, ohne, dass es blöd klang? Und vor allem, ohne es noch schlimmer zu machen? Kaia sah nicht so aus, als ob sie gnädig sein würde.
      “Ähm- Ich- Also-” stotterte Wyatt ein wenig verloren, bevor sein Kopf sich endlich dafür entschied, mitzumachen und wieder mit dem Denken anzufangen. Wenn auch nicht so logisch, wie sonst, aber besser, als nichts. Er konnte das alles wirklich nicht bei einem ‘das Date war furchtbar, aber wenigstens hat er mir was mitgebracht’ belassen. Das musste funktionieren!
      “Wir kannten uns vorher schon”, brachte er schließlich über die Lippen, immer noch leicht panisch. Einen Moment lang war er trotzdem seltsam zufrieden mit sich selbst darüber, dass er überhaupt etwas gesagt hatte, bevor er realisierte, dass das für Kaia keinen Sinn ergeben würde. “Also, ich wusste vorher schon, dass du cool bist und so." Auch wenn es gerade massiv helfen würde, wenn sie ihn nicht anstarren würde, als ob sie kurz davor wäre, über den Tisch zu springen und ihn zu erwürgen. "Wenn die anderen von Dates erzählen, wirkt alles immer so steif und nicht nach Spaß und das hier ist halt...anders?" Wyatt war nie sonderlich gläubig gewesen, auch wenn seine Eltern ihr bestes gegeben hatten, ihn mit in die Kirche zu zerren, aber jetzt gerade schickte er ein kleines Stoßgebet gen Himmel, dass Kaia ihm die Erklärung abnehmen würde. Sie war ja nicht gelogen. Die anderen Jungs aus ihrer Klasse ließen Dates immer nach einer furchtbar langweiligen Pflichtveranstaltung klingen und das hier war etwas, was Spaß machen würde, wenn er nicht so nervös wäre. Im Grunde war das hier nichts, was er nicht auch mit jedem seiner anderen Freunde machen würde. Weniger durchgeplant und mehr spontan, aber trotzdem. Zum Glück besaß Wyatt nur genug Überlebensinstinkt, um das nicht laut auszusprechen.
    • Kaia

      „Hm“, machte Kaia und versuchte zu ermessen, wie zufrieden sie mit der Antwort sein konnte. Irgendwie hatte Wyatt ja recht, auch wenn sie sich nicht sonderlich lange gekannt hatten. Aber sie war zumindest schon bei Wyatts Geburtstagparty gewesen, hatte ihn betrunken gesehen, war in seinem Kleiderschrank gesessen und sie hatten mal gemeinsam Sushi gegessen. Also irgendwie gab es da schon einiges, auf das sie freundschaftlich zurück blicken konnten, oder? Mal abgesehen davon, dass sie beide mit Jude befreundet waren. Kaia zwar deutlich länger, aber… Wyatt schien sich mit ihm das Gehirn zu teilen, nur hatte er die größere Hälfte abbekommen.
      „Okay“, sagte sie und lächelte. Die Antwort reichte, dass sie kein Drama daraus machen wollte. Sie war selbst auf keinen Dates gewesen, die sie als Vergleich heranziehen konnte, also würde es wohl bei Vermutung bleiben. Vielleicht sollte sie ‚anders‘ auch als Kompliment sehen, oder so. Auch wenn es ein bisschen… schwer war. ‚Anders‘. Urgh.
      Kaia verschränkte ihre Arme auf dem Tisch und lehnte sich vor. „Aber es ist trotzdem ein Date. Du musst das positiver sehen. Auf einem Date kann ich das tun“, murmelte sie und streckte einen Arm über Tisch um Wyatts Oberarm zu berühren, und daran zu ziehen, um seine Hand auf den Tisch zu bekommen und sie festzuhalten. Sie hatte keine Ahnung, woher sie die ganze Motivation nahm, immer und immer wieder die ersten Schritte zu machen, weil sie eigentlich dachte, dass das die Aufgabe der Jungs war, aber sie hatte auch das Gefühl, dass sie nie bekommen würde, was sie wollte, wenn sie nicht die Arme danach ausstreckte. Und zumindest mangelte es ihr nicht am Selbstbewusstsein, aber in ihrem Magen entflammte gerade etwas, vielleicht die Schmetterlinge, die jetzt brutal verbrannten, weil sie zu angeheizt war.
      „Das ist okay, oder?“, fragte sie. Sie streckte nach kurzer Zeit den anderen Arm aus, hielt Wyatts Hand in beiden Händen fest und machte ihm eine Faust, streckte den Zeigefinger aus und tippte Wyatt damit auf seine eigene Nase, während sie krampfhaft ein Lachen in Schach hielt. „Immernoch okay?“
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Wyatt

      Die Antwort schien irgendwie richtig gewesen zu sein. Gut, Kaia sah ihm nicht freudestrahlend entgegen, aber wenigstens sah sie nicht mehr so aus, als ob sie ihn umbringen wollte, was Wyatt als Pluspunkt verbuchte. Ein kleiner Stolperer am Anfang des Dates, mehr nicht. Das sollte ihn nicht aus der Ruhe bringen. Das würde das restliche Date wieder ausgleichen. Er musste sich das nur irgendwie intensiv genug einreden, damit die Panik in ihm langsam nachlassen würde. Danach würde schon alles irgendwie gut werden. Zumindest, bis Kaia nach seiner Hand griff und ihn damit nach dem rapiden abwärts Gefühl in ein extremes Hoch schickte.
      Wyatt sah ein wenig irritiert auf ihre verschränkten Finger, die Kaia gerade irgendwie zurechtbog und versuchte, irgendwas zu finden, was seine Gedanken treffender zusammenfassen würde. Nicht, dass Kaia am Ende dachte, dass er das hier nicht ernst nehmen würde, oder so. Aber es war schwer, das alles in Worte zu fassen, ohne zu riskieren, dass sie ihn auslachen würde. Und dann brachte Kaia ihn dazu, sich mit dem eigenen Zeigefinger auf die Nase zu tippen, was ihn - glücklicherweise - so aus dem Takt brachte, dass er kurz unfreiwillig auflachen musste.
      "Immer noch okay", bestätigte er amüsiert, "Wenn auch ein bisschen albern." Er drückte einen kleinen Kuss auf seinen Zeigefinger, bevor er sich nach vorne lehnte und ihn gegen Kaias Stirn tippte. Nicht so gut, wie ein richtiger Kuss, aber von dem waren sie irgendwie noch weit entfernt, auch, wenn der Kuss im Schrank ständig in einem kleinen Teil von Wyatts Hinterkopf ablief. Wie ein Video, das immer wieder von vorne anfing. Er musste irgendein neues Thema finden.
      "Wie war der Film?", lenkte er also auf den Anfang ihres Gesprächs zurück. Zugegeben, Zombies waren nie so sein Thema gewesen. Wyatt hatte immer schon eine Vorliebe für Fantasy gehabt, die er wahrscheinlich nie vor irgendjemandem zugeben würde. Horror war seine zweite Wahl, die meist deutlich besser ankam. Vielleicht sollte er Zombies für Kaia nochmal eine zweite Chance geben. In Videospielen waren sie meistens ja auch ganz unterhaltsam, nicht?
      "Unternimmst du viel mit deinen Brüdern, oder war das eine Ausnahme?", fragte er weiter. Ihre Hände lagen mittlerweile wieder auf der Tischplatte. Er hatte ihre einfach festgehalten. Wenn sie diesen Punkt schon erreicht hatten, wollte er ihn auch so lange ausnutzen, bis sie sich zum Essen wieder loslassen mussten.
    • Kaia

      Kaia ließ doch endlich ein dämliches Kichern aus, als Wyatt seinen Finger küsste und ihr an die Stirn drückte. Wenigstens waren sie beide albern. Wenn er das noch ein paar Mal machte, würde sie seine Aussage von eben wahrscheinlich einfach vergessen. Sie rückte jetzt schon in den Hintergrund. Wahrscheinlich musste Kaia ihm einfach noch ein bisschen klarmachen, dass Dates etwas Gutes waren und er sich von den seltsamen Jungs, die sich darüber beschwerten, besser Mal Abstand nehmen sollte. Die würden nämlich nie Spaß im Leben haben.
      „Der Film war gut. Anders, als so typische Zombie-Horrorfilme. Irgendwie mehr Story und richtig gute Musik“, erzählte sie und stützte ihr Kinn in ihre Hand. Jetzt benutzte sie das Wort ‚anders’ selbst schon im positiven Sinn. Kaia tippte mit den Fingern auf Wyatts Hand herum, die sie festhielt.
      „Nö, wir machen viel zusammen. Jonah kennst du ja schon. Der hat ein Auto und Geld und ist mein Lieblingsbruder, wenn er fragt“, grinste sie. „Meine Cousine ist meistens auch dabei, wir wohnen alle zusammen. Also, meine Eltern, meine Brüder, meine Tante und meine Cousine. Meine Tante hat früher im Jugendzentrum gearbeitet und mich oft mitgenommen. Hab ich das erzählt?“ Kaia blinzelte Wyatt ein wenig nachdenklich an. „Hey. Hast du früher viel mit Milo gemacht?“, fragte sie.
      Immerhin waren Wyatt und sie beide das jüngste Geschwisterkind mit älteren Brüdern und Kaia fand sie zwar ab und zu verdammt anstrengend aber meistens waren sie ihr Freiheits-Ticket und sie machten ziemlich viel zusammen. Weil Amari und Jonah beide älter waren, konnte sie auch automatisch cooleres Zeug erleben. Milo war nochmal viel älter, und er war Kaia irgendwie nicht sehr abenteuerlich vorgekommen. Was auf mehreren Ebenen seltsam war. Erstens, wie konnte er mit Wyatt verwandt sein? Die beiden wirkten extrem unterschiedlich. Zweitens, wie konnte Aaron nur auf ihn stehen? Der war selbst jedenfalls viel lebenslustiger.
      Kaia fragte sich nunmal, ob Wyatt nur seit… Naja, seit Milo sich um ihn kümmern musste, eine seltsame Beziehung zu seinem Bruder hatte, oder ob er nie dieselbe Erfahrung gemacht hatte wie Kaia. Vielleicht war ihr Altersunterschied ja echt zu groß. Irgendwie schade, wenn Kaia nämlich plötzlich mit ihren Brüdern alleine wohnen würde, wäre es wahrscheinlich gleichzeitig richtig lustig, und es würde das maximale Chaos ausbrechen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Wyatt

      Der Themenwechsel schien die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Wy hielt Kaias Hand, während er ihr aufmerksam zuhörte und ab und an kurz nickte. Er hatte noch im Ohr, dass ihre Tante irgendwie mit dem Jugendzentrum zusammenhing, hätte es aber nicht mehr mit absoluter Sicherheit sagen können. Trotzdem war es vollkommen offensichtlich, dass Kaia sehr an ihrer Familie hing. Wyatt wünschte sich irgendwie, dass er ihre Rückfrage zu Milo und ihm genauso enthusiastisch beantworten könnte.
      “Wir haben früher relativ viel miteinander gemacht. Dann hat er sich mit unseren Eltern zerstritten und dadurch ist der Kontakt ein bisschen abgebrochen.” Damals hatte Wyatt Milo die Schuld dafür gegeben, mittlerweile war er sich da nicht mehr sicher. Offensichtlich hatten seine Eltern ein Problem mit Milos Sexualität gehabt, was objektiv natürlich vollkommen bescheuert und ziemlich verwerflich war, aber...sie waren immer noch seine Eltern. Sie hatten ihre Probleme gehabt und es hatte sicherlich auch den ein oder anderen Streit zwischen Wyatt und ihnen gegeben, aber er hatte sie trotzdem lieb gehabt. Er hatte das Thema in den letzten Wochen immer wieder vorsichtig von vorne bis hinten durchdacht, aber irgendwie war er nie zu einem befriedigenden Ergebnis gekommen.
      "Der Altersunterschied ist am Ende vielleicht doch ein bisschen groß. Immer, wenn ich in irgendeine Phase reingekommen bin, ist er aus der Phase rausgewachsen. Hatte allerdings den Vorteil, dass ich unglaublich viel Zeug von ihm bekommen habe." Wy zuckte kurz mit den Schultern. Er kannte es nicht anders, auch wenn ihm natürlich bewusst war, dass die meisten Geschwister ein vollkommen anderes Verhältnis zueinander hatten. Vielleicht war Lucas ihm deshalb direkt so sympathisch gewesen - der war auch 8 Jahre älter, als sein jüngster Bruder und konnte oft nachvollziehen, was Wy fühlte, wenn auch irgendwie in der Gegenrichtung.
      "Oh und Milo hat immer Babysitter für mich gespielt, was ziemlich cool war, weil er keine Angst hatte, die Regeln von unseren Eltern zu brechen. Ich durfte immer viel zu lange aufbleiben. Er war damals echt deutlich entspannter drauf." Irgendwie war Wyatt einfach davon ausgegangen, dass es genau so weitergehen würde, als Milo sein Sorgerecht übernommen hatte. Ein großer Fehler, offensichtlich.
      "Haben deine Cousine und deine Brüder auch ab und an im Jugendzentrum gehangen, oder warst du die einzige, die deine Tante mitgenommen hat?", fragte er zurück, während er schweren Herzens ihre Hand loslies, damit der Kellner ihre Pizzen und Getränke auf den Tisch stellen konnte. Es war seltsam, wie viel entspannter er sich langsam fühlte. Nicht vollkommen ruhig, aber wenigstens fühlten sich seine Hände nicht mehr schwitzig an. Vielleicht hatte er doch eine Chance, den Tag irgendwie zu überleben.
    • Kaia

      „Wow“, machte Kaia. „Was ist passiert, dass er so ernst geworden ist?“, fragte sie nachdenklich und schmunzelte. Es war offensichtlich nicht erst der Tod ihrer Eltern gewesen, sondern etwas davor. Vielleicht der Streit. „Wir sollten mal versuchen, ihn aus seinem Panzer zu locken. Vielleicht ne Party schmeißen“, schlug sie amüsiert vor und nahm, obwohl sie im Restaurant saßen, ein Pizzastück in die Hand und faltete es wie ein Sandwich. Natürlich schlug sie das für Wyatt vor, damit er keinen spießigen unentspannten Bruder mehr hatte, nicht wegen Aaron. Obwohl der ziemlich sicher selbst daran arbeiten würde, Milo aufzulockern, anders konnte Kaia sich das garnicht vorstellen. Trotzdem…
      „Wär doch scheiße, wenn er so ungechillt bleibt und wir uns deshalb vielleicht nicht so oft sehen können, oder so“, murmelte sie und legte mit einem Lächeln den Kopf leicht schief. Besser, sie ließ keinen Spielraum für Interpretationen wenn sie offensichtlich schon ein paar Themen hatten über die sie besser nicht redeten. War das eigentlich okay? Also, normal?
      „Eigentlich hat sie mich nur mal mitgenommen, als ich Elf war, oder so, und alle zuhause krank waren und darum hat sie mich nach der Schule mit zur Arbeit genommen“, erklärte Kaia, wieso sie mit Janelle im Jugenzentrum gewesen war. „Meine Brüder sind auch ab und zu mal dort gewesen aber Amari ist nicht so ein Fan von Menschen und Jonah mochte glaube ich die äh… Beaufsichtigung nicht. Mir war das egal. Ich hab damals Jude getroffen und wir haben uns gut verstanden also bin ich öfter hingegangen, von mir aus“ Und seit etwa einem halben Jahr kannte sie Jia und war sich sicher, dass sie für immer befreundet bleiben würden. Wyatt sah das vielleicht anders, aber für Kaia hatte Jia einfach etwas an sich, das man unbedingt festhalten und nicht mehr los lassen wollte. Sie war so unschuldig, dass es fast weh tat.
      „Du solltest mal zu Besuch kommen. Zu mir“, schlug sie vorsichtig vor. Bei ihr Zuhause war jedenfalls immer etwas los — und Kaia hatte irgendwie Mitleid weil Wyatt nur Milo hatte und das irgendwann echt langweilig werden musste — und wenn ihre Eltern Wyatt selbst mal kurz trafen, hatte sie wahrscheinlich zukünftig auch weniger Probleme und konnte aufhören zu lügen. Hoffentlich. Solange Wyatt sich nicht anstellte, aber er war in Kaias Nähe eigentlich immer lieb. Jude und/oder Jia schienen die Wurzel des Bösen in Wyatt zu sein, oder so.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Wyatt

      "Das ist das Seltsame - ich weiß nicht, ob er generell humorlos geworden ist, oder ob er nur bei mir so streng ist." Wyatt seufzte kurz und verdrehte die Augen. Eine Party klang nach einer verdammt guten Idee, auch, wenn er irgendwie Zweifel hatte, dass Milo das so einfach absegnen würde. Außerdem müssten sie sich irgendwie über die Gästeliste einig werden - entweder, Wy würde nur seine eigenen Freunde einladen und Milo würde sich wieder zurückziehen, wie an seinem Geburtstag, oder Milo müsste seine Freunde davon überzeugen, dass es Spaß machen würde, mit ein paar Teenagern zu feiern, die eigentlich nicht mal Alkohol trinken dürften. So oder so würde Aaron wieder dabei sein und den wollte Wy wirklich nicht öfter sehen, als unbedingt nötig.
      "Obwohl er seltsam entspannt war, als ich ihm erzählt habe, dass wir ein Date haben", schob er hinterher, während er fasziniert zusah, wie Kaia ihre Pizza klappte. Das hatte sie auf seinem Geburtstag auch schon so gemacht, nicht? Irgendwie war es seltsam niedlich. Er aß seine Pizza zwar auch mit den Fingern, allerdings ohne die Sandwich-Technik. "Er hat nur-" Wy stoppte sich selbst, bevor er Kaia erzählen konnte, dass Milo ihm nochmal eine kurze Sexualkunde-Zusammenfassung gegeben hatte. Mit jedem anderen könnte er wahrscheinlich darüber lachen, aber hier würde das alles wahrscheinlich nur komisch machen. Nicht auf humorvolle Weise. Zum Glück redete Kaia bereits weiter.
      Wyatt musste fast ein wenig lachen, als Kaia erzählte, dass sie wegen Jude öfter zum Jugendzentrum gegangen war. Offensichtlich waren sie sich in der Hinsicht ähnlich, auch, wenn Wy selbst die letzten Wochen nicht mehr da war. Wenn er mit Jude abhängen wollte, würde er ihm einfach eine kurze Nachricht schreiben. Es gab deutlich coolere Orte, als das Jugendzentrum, was Kaias Brüder offenbar ähnlich sahen. Auch wenn Kaias Vorschlag, dass er mal zu ihr kommen könnte, direkt den nächsten Panikschub durch seinen Körper schickte.
      "Oh. Klar! Gerne!", stimmte er in dem Wissen zu, es sofort zu bereuen. Gut, er hatte einen von Kaias Brüdern schon kennen gelernt, aber damals hatte er noch nicht daran gedacht, Kaia zu daten. Sofort ihre Familie kennen zu lernen kam ihm wie eine Drohung vor. Was, wenn sie ihn nicht leiden könnten? Wenn sie nicht wollten, dass Kaia mehr Zeit mit ihm verbrachte?
      "Willst du ein Stück tauschen?", wechselte er erneut das Thema, während er seine Spinat und Feta Pizza kurz ein wenig in Kaias Richtung schob. Es brachte nichts, sich jetzt schon Panik zu machen, richtig?
    • Kaia

      Kaia nickte hastig und schnappte sich nach ihrem letzten Bissen ein Stück Pizza von Wyatts Pizza und klappte es sofort zusammen um weiter zu essen. Dann schob sie ihren Teller etwas näher an Wyatts. Irgendwie hatte sie ziemlich Hunger. Stress-Hunger? Obwohl sie sich garnicht mehr so nervös fühlte wie noch vor einigen Minuten.
      "Hättest du deinen Eltern auch davon erzählt?", fragte Kaia nachdenklich. "Also, von dem… Date" Es war schon ein wenig seltsam, das Wort 'Date' auf ihrem eigenen Date tausend Mal zu benutzen. Sie redeten zu viel über ihr 'Date'. Aber es interessierte Kaia trotzdem, was Wyatt in ihrer Situation machen würde. "Ich hab nur meinem Bruder – also, dem anderen, Amari – erzählt, was ich heute mache, aber meine Eltern sind ein bisschen… streng? Eigen? Überfürsorglich? Nervig, jedenfalls, und ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass Jonah wieder übertreibt und meinen Eltern etwas erzählt wie letztes-" Kaia stoppte.
      Okay, eins wusste sie, und das war, dass man auf einem Date nicht über irgendwelche anderen Leute redete. Nicht, dass sie jemals eine Beziehung oder überhaupt ein Date gehabt hätte, aber sie hatte so ihre Ansammlung an Crushes. Sie hatte sich nie auch nur ansatzweise darum bemüht, überhaupt nur mit einem von ihnen zu reden, aber das 'letzte Mal', als Jonah übertrieben und ihren Eltern etwas erzählt hatte, war, als sie möglicherweise ein wenig auf einen von Amaris Freunden gestanden hatte und möglicherweise ein bisschen zu oft bei den Jungs im Zimmer gewesen war, um irgendwelche beliebigen Dinge zu holen, zu fragen oder zu bringen. Im Nachhinein betrachtet waren ihre Brüder wahrscheinlich einfach nur genervt gewesen und deshalb hatte Jonah irgendwas erfunden und sie verpetzt und zufällig richtig gelegen. Es hatte ihrem Fall nicht geholfen, dass der Typ drei Jahre älter gewesen war als Kaia. So oder so würde sie Jonah niemals freiwillig von irgendwelchen Dates oder sonst etwas erzählen. Wer wusste schon, zu was er fähig war.
      "Jedenfalls ist es cool, dass Milo dich wenigstens nicht bei allem micro-managed. Vielleicht mag er mich aber auch einfach", grinste sie.

      Aaron

      Aaron hatte nicht unbedingt ein gutes Gewissen dabei, eine Erkältung vorgetäuscht zu haben und drei Stunden früher von der Arbeit gegangen zu sein, aber sobald er das Chaos in seiner Wohnung gesehen hatte, hatte er genügend Rechtfertigungs-Material vor sich selbst. Er verbrachte ab halb 4 Nachmittags jede freie Sekunde damit, Aufzuräumen, Staubzusaugen, seine Küche und sein Badezimmer zu putzen – auch wenn Milo wahrscheinlich kaum das winzige Fenster im Bad beachten würde – und schaffte es, irgendwie rechtzeitig mit dem Kochen anzufangen und parallel zu duschen. Manchmal verlor Aaron den Überblick, was in seiner Wohnung wirklich Chaos war, und was Deko und Schnickschnack und Merchandise und… obstförmige Lampen und bunte Kissen waren. Aber es wurde langsam übersichtlicher. Alles in allem fühlte Aaron sich ein wenig, als wäre er gerade im Krieg. In einem Krieg gegen seine eigene zeitbedingte Unordentlichkeit und gegen die Knoten in seinen Haaren.
      Aaron hatte eine Weile im Bademantel vor seinem Bett gestanden und überlegt, ob er es neu beziehen sollte. Im Prinzip hatte er mit Milo ein Abendessen vereinbart. Er hatte angerufen und kurz und knapp erzählt, dass Wyatt beschäftigt sein würde und sie hatten wohl beide in Sekundenschnelle ihre Chance genutzt. Milo, um Aaron zu sehen, und Aaron, um Milo zu sich nachhause zu bekommen. Was… nicht verwerflich war, oder? Es war nur ein Abendessen. Aaron hatte hauptsächlich die Ruhe und Privatsphäre im Hinterkopf gehabt, die sie bisher kein einziges Mal gehabt hatten, wenn sie sich gesehen hatten. Es machte ihn ein wenig nervös, jetzt, wo er länger drüber nachdachte, und sich tatsächlich entschloss, sein Bett frisch zu beziehen. Ugh, was machte er hier eigentlich? Es war nahezu unmöglich, Zeit zu finden, um Milo überhaupt zu sehen. Diese ganze Idee mit dem Dating und dem… Hoffen, dass Wyatt Aaron nicht irgendwann abstechen würde… Das war alles furchtbar dämlich, aber je öfter Aaron Milo sah (und es war wirklich nicht oft), desto weniger konnte er sich von seiner Hoffnung verabschieden, dass doch irgendwie etwas daraus werden würden. Und er… er hatte ein wirklich komplexes Verhältnis zu Sex vor einer festen Beziehung, und sie sollten wahrscheinlich allgemein mal regeln, wie sie überhaupt zu einander standen, aber…
      Aaron ließ sein Kopfkissen fallen und lief mit zügigen Schritten aus dem Schlafzimmer um nervös durch seine Wohnung zu kreisen und ab und zu das Ofengemüse zu kontrollieren. Alles war okay. Er war vollkommen wahnsinnig aber sonst war alles okay.
      Nachdem er sich ein wenig beruhigt und sich angezogen hatte, widmete er sich mit einem neuen Versuch dem Schlafzimmer. Frisch gewaschene Bettwäsche war immer gut, und er würde sich heute Abend freuen, wenn er alleine in sein Bett fallen und morgen den ganzen Tag durchschlafen würde.
      Er entschied sich für eine etwas bequemere schwarze, weite Stoffhose, ein schwarzes Tanktop und eine flauschige weiße Weste. Alles, was diesen Abend gemütlich machte, war gut. Sie konnten sich heute besser kennenlernen, reden, essen… Sie hatten Zeit und Milo konnte hoffentlich den Teil seines Gehirns sorgenfrei abschalten, der sich um Wyatt drehte. Direkt nachdem er Aaron erzählt hatte, wie es zu diesem Date gekommen war. Er war halt neugierig! Vor allem, wenn es um Wyatt und eine 50/50 Chance ging, dass Milo sich demnächst noch mehr oder etwas weniger den Kopf zerbrechen würde.
      Aaron steckte ein paar silberne Ohrringe in seine Ohrlöcher, suchte sich eine Kette aus und stopfte seine Haare in drei verschiedene Haarspangen, bevor er sie doch offen ließ und mit Parfum einsprühte. Klar, das war ein gemütlicher Abend, aber es gab Dinge, bei denen konnte er nicht anders.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Wyatt

      Wyatt zuckte ein wenig unsicher mit den Schultern, als Kaia seine Eltern ansprach. Er hatte in den letzten Tagen selbst immer wieder mit dem Gedanken gespielt. Hätte er es ihnen gesagt? Wie hätten sie reagiert? Er hatte mit seinen Eltern nie wirklich über Beziehungen geredet. Sie hatten ab und an mal kleine Andeutungen gemacht, wenn er von irgendeinem Mädchen geredet hatte, aber es war nie wirklich ernst gewesen. Wahrscheinlich hatten sie Angst gehabt, dass er auch bi war und das Thema deshalb totgeschwiegen. Oder er war in ihrem Kopf immer ein kleines Kind gewesen und Beziehungen hatten immer in weiter Ferne gelegen. Er würde es nie erfahren.
      Kaia schien sich bei der Reaktion ihrer Eltern deutlich sicherer zu sein, was kein sonderlich gutes Gefühl in Wyatt auslöste, wenn er ehrlich war. Es war schon schlimm genug, so darüber nachzudenken, dass er ihre Eltern irgendwann kennen lernen würde. Er wollte gar nicht wissen, wie viel Abneigung er im vornherein von ihnen bekommen würde. Kaia zu daten schien eine ziemlich anstrengende Lebensaufgabe zu sein. Nicht, dass ihn das von irgendwas abhalten würde.
      Wenigstens brachte Kaias optimistische Annahme, dass Milo sie einfach mochte, ein kleines Lachen aus Wyatt heraus. "Mir würde nichts einfallen, was man nicht an dir mögen kann", setzte er an und war einen Moment lang selbst ziemlich zufrieden mit dem Flirt, "aber ich muss anmerken, dass er das Date als Druckmittel genutzt hat, um mich ans Lernen zu bringen. Es kann also sein, dass es nur das Mittel zum Zweck war. Wenn ich ab morgen nicht mehr auf deine Nachrichten reagiere, hoffe ich, dass du dich auf machst um mir zu helfen, von zuhause auszubrechen. Der Escape Room ist eigentlich nur das Training dafür." Er grinste amüsiert, während er nach dem nächsten Stück Pizza griff. Langsam lief es doch ziemlich gut, oder?
      "Was hast du deinen Eltern denn erzählt, wenn du nicht sagen wolltest, dass du ein Date hast?"


      Milo

      Wyatt hatte ein Date. Irgendwie kam Milo immer noch nicht ganz darüber hinweg. Es war seltsam - als Wy ihm davon erzählt hatte, hatte alles in Milo danach geschrien, ihm auf die Schulter zu klopfen, ein paar fragwürdige Ratschläge zu geben und zu sehen was passieren würde. Wenn es gut laufen würde, würde er sich freuen und wenn es den Bach runter ging, könnte er immer noch ihren Eltern das Problem hinschieben. Wy war ja nicht seine Verantwortung. Aber ihre Eltern waren tot und Wy lag voll und ganz in seiner Verantwortung. Milo ging natürlich nicht davon aus, dass Wy irgendetwas vollkommen desaströses abziehen würde, aber dadurch, dass er selbst im Begriff war, zu Aaron zu fahren, wollte er gerne jede Art von Stress vermeiden.
      Irgendwie war es auch sein erstes richtiges Date. Das erste mal, dass er mit Aaron alleine sein würde, ohne andere Leute, auf die er aufpassen musste. Nach den ganzen Telefonaten in den letzten Tagen tat es schon gut, Aaron einfach nochmal live zu sehen, aber die Tatsache, dass sie ungestört sein würden, brachte Milos Vorfreude zum Überlaufen. Ihm war sogar fruchtbar egal gewesen, was sie machen würden. Aaron hatte ein Essen bei sich vorgeschlagen. Milo hatte darauf bestanden, das Dessert mitzubringen, sich sonst aber nicht weiter gewehrt. Er wäre mit ihm auch freudestrahlend nochmal über eine Kunstausstellung gelaufen, solange er ihn einfach nochmal an sich ziehen konnte. Solange er Aaron einfach nur im Arm halten könnte, könnten sie auch gerne den ganzen Abend auf der Couch sitzen und über belanglose Sachen reden. Wie Wys Date.
      Ugh. Das würde ihn den ganzen Abend verfolgen. War das ein schlechtes Omen? Er hatte Wy lange nicht mehr so strahlen sehen wie in dem Moment, als er verkündet hatte, dass er ein Date hat. Gut, gemessen an der Zeit, die Wy mit Nachrichtenschreiben verbrachte, war Milo kurz davon ausgegangen, dass er Jude daten würde. Kaia war eine positive Überraschung gewesen. Sie war ihm zumindest nicht ganz so planlos und chaotisch vorgekommen.
      Milo packte die Tiramisu ein, die er gemacht hatte und schwor sich, heute nicht mehr an seinen Bruder zu denken. Das war sein Abend mit dem wundervollsten Mann, den er kannte und er wollte sich das nicht unnötig stressig machen. Punkt. Er seufzte kurz und warf beim Rausgehen noch einen kurzen Blick in den Spiegel neben der Tür. Er sah nicht mehr ganz so müde aus, wie sonst, was ein riesen Vorteil war. Er hatte sich für einen dunkelblauen Pullover und ein paar Jeans entschieden, einfach, weil es zu kühl für Hemden war. Für ihn zumindest, aber er war ja eh eine Frostbeule. Alles in allem könnte es schlimmer sein.
      Als er kurze Zeit später vor Aarons Haustür stand, war er trotzdem ein wenig nervös. Milo wusste selbst nicht ganz, warum und ob es überhaupt an Aaron lag, oder daran, dass es für ihn so ungewohnt war, einen Abend zu haben an dem er tun konnte, was er wollte. Es musste letzteres sein. Als Aaron die Tür öffnete und endlich wieder in Reichweite war, fühlte sich der ganze Stress wie weggeblasen an.
      Aaron sah aus wie ein Panda, roch als ob er zu lange in der Parfumabteilung gestanden hätte und war damit so sehr er selbst, dass Milo es einfach lieben musste. Er grüßte mit einem fröhlichen "Hey", bevor er die Tiramisu zur Seite hielt, damit nichts zerdrückt wurde, während er Aaron an sich zog und einen kleinen Kuss auf seine Lippen hauchte. "Geht es nur mir so, oder findest du es auch verdammt seltsam, dass Wy ein Date hat?"
      Fuck.
    • Kaia

      „Wow, bösartig“, meinte Kaia mit einem Schmunzeln als Wyatt beichtete, dass Milo ihr Date als Druckmittel benutzt hate. Konnte sich nichtmal jemand freuen oder so? Aber das hatte sie von Milo gemessen an seiner Art schon eher erwartet.
      „Klar, helfe ich dir. Ich komme mit Fluchtwagen. Mein Bruder hat mich ein paar Mal auf Parkplätzen fahren lassen, aber erzähl‘s keinem, wenn du weiterhin einen Fluchtwagen mit Fahrerin haben willst“, sagte sie. Sie hatte vor, nächstes Jahr mit ihrem Führerschein anzufangen, damit sie auch legal Fluchtfahrerin spielen konnte, immerhin schien ihr Freundeskreis ein beachtliches Bedürfnis dafür zu haben.
      „Meine Eltern denken ich bin im Jugendzentrum. Das ist das Gute daran, wenn man oft genug hingeht, dass es als Ausrede glaubwürdig wird“

      Aaron

      Es klingelte an der Tür nur kurze Zeit nachdem Aaron sich entschieden hatte, welche und wieviele seiner Lampen eingeschaltet werden sollten, um das perfekte Verhältnis von gemütlich aber nicht zu dunkel zu erreichen. Er hatte einige Kerzen angezündet, etwas leise Musik im Hintergrund eingeschalten und seinen winzigen Tisch mit zwei Stühlen am Rand seiner offenen Küche gedeckt. Eine bunte, Chamäleonförmige Karaffe mit Wasser stand am Couchtisch neben zwei blau gesprenkelten Gläsern. Alles war in ein gemütliches, orangetöniges Licht getränkt, teils dank der letzten Sonnenstrahlen, die sich durch die offenen Jalousien stahlen. Aaron stoppte bei zwei Spiegeln am Weg zur Tür, bevor er Milo endlich herein ließ und bei seinem Anblick sofort lächeln musste.
      „Hi“, sagte er und streckte die Arme nach Milo aus im Gedanken, dass dieser ihn umarmen würde, war von dem Kuss aber genauso positiv überrascht. Und dann war er kurz etwas sprachlos und schloss erst einmal die Tür. „Oh, ich weiß nicht, ob ‚seltsam‘ das Wort meiner Wahl wäre, ähm…“, fing er an. Yup, Milo musste das definitiv einmal durchsprechen bevor er es loslassen konnte.
      Aaron schwieg kurz und machte wieder einen Schritt auf ihn zu, strich ihm über den Arm und dann fiel ihm die Tupperware ins Auge. „Oh, ist das… Tiramisu?“, fragte er nachdem er sich kurz zur Seite gebeugt und einen Blick durch das transparente Plastik geworfen hatte. Er schnappte es sich strahlend. „Ich hab mich schon gefragt, was du mitbringst“, sagte er und lachte leicht und stellte es schließlich im Kühlschrank ab, der nur ein paar Schritte von ihnen entfernt war. Seine Wohnung war nicht riesig. Im Vergleich zum Haus musste Milo sich hier wie in einem Clown-Auto fühlen. Auf… mehreren Ebenen.
      „Willst du dich mal setzen? Wir können später essen, es ist alles fertig, aber ich will sowieso wissen, wie die letzten Wochen bei dir waren“, meinte er. „Oh- da ist das Badezimmer, dort hinten ist mein Schlafzimmer und in der Wohnküche stehst du schon. Ich hoffe du fühlst dich nicht eingeengt“, schmunzelte Aaron auf dem Weg zu seiner Couch. „Wieso findest du Wyatt‘s Date seltsam? Mit wem ist es? Jemand, den du kennst?“, fragte Aaron.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Milo

      "Wenn dein Bad und dein Schlafzimmer jetzt nicht unverhältnismäßig groß sind, ist deine Wohnung nicht so viel kleiner, als meine es war", erklärte Milo, während er Aarons Bedenken abwinkte. Er hatte nie sonderlich viel Platz gebraucht - er war im Grunde eh kaum zuhause gewesen. Eigentlich würde er sich hier fast mehr zuhause fühlen, als in dem Haus seiner Eltern, wenn Aarons Einrichtung ihn nicht langsam aber sicher immer mehr überforderte, je länger er sie ansah. Er hatte keine Ahnung, wohin er zuerst sehen sollte. Egal wo, überall standen oder lagen außergewöhnliche, bunte Gegenstände und Möbel. "Du...mochtest als Kind Wimmelbücher echt gerne, hm?", neckte er, während er sich einen Ruck gab und sich setzte. Es war ein bisschen überfordernd, aber auf seine eigene Art und Weise seltsam stimmig. Knallig. So durcheinander, dass es seinen eigenen Stil entwickelt hatte. Aaron sah in seiner schwarz-weiß Kombi fast fehlplatziert aus.
      "Ich hab immer gedacht, dass er irgendwann Emma daten würde, dann hab ich auf Jude getippt. Offenbar ist es Kaia geworden." Es hätte deutlich schlimmer enden können. Das war es, woran Milo sich festhalten musste, nicht? Vielleicht glichen die beiden sich ja irgendwie aus. Vielleicht würde Kaia es ja schaffen, ihn von irgendwelchen schrägen Aktionen abzuhalten. Wy hatte sich zumindest zu intensiv auf das Date vorbereitet, als dass er das versauen wollte. "Sorry. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, nicht darüber zu reden. In meinem Kopf streitet sich nur gerade das erziehungsberechtigte 'Hoffentlich stellt er nichts an' mit dem geschwisterlichen 'Wer ist verzweifelt genug, um mit ihm auszugehen' und das ist eine sehr seltsame Mischung." Er seufzte, während er seine Brille richtete. "Die ganze letzte Woche war schräg. Wy hat ein Date, mein bester Freund ist plötzlich Teil eines Rache-Dates und redet seit dem über nichts anderes mehr. Ich hatte zeitweise das Gefühl, dass ich die einzige normale Person bin. Frag nicht." Er warf Aaron ein kleines Lächeln zu. Gott, tat es gut, ihn wieder zu sehen.
      "Wie lief es bei dir? Ich hoffe, deine letzten Wochen waren etwas weniger chaotisch." Dafür wahrscheinlich anstrengend, wie die Wochen zuvor. Immerhin hatten sie es bis heute nicht geschafft, sich für ein Date zu treffen. Irgendwie tat es Milo mit jeder Sekunde mehr leid, dass er das Thema mit Wy überhaupt angesprochen hatte. Es war ziemlich offensichtlich, dass Aaron sich Mühe mit der Atmosphäre gegeben hatte. Er hatte das Gefühl, dass er das gar nicht richtig würdigte. Er würde Aaron wirklich jeden Wunsch von den Lippen ablesen müssen, wenn sie endlich mehr Zeit für einander hatten.
    • Aaron

      „Haha, witzig“, gab Aaron ebenso neckend zurück und stützte zu Milo gedreht nach dem Setzen einen Ellenbogen auf die Couchlehne. „Du kannst dafür nicht leugnen, dass es schwer ist, hier drin traurig zu sein“ Er legte seinen Kopf in seiner Hand ab, nur um gleich wieder aufzuschrecken.
      „Kaia?“, fragte er irritiert. „Kaia, die ich kenne?Die Eis mit Essiggurken isst-Kaia?“ Aaron kannte Kaia seit sie mit ihrer Tante das erste Mal einen Fuß ins Zentrum gesetzt hatte und sich in viel zu hoher Geschwindigkeit mit der Hälfte der Kinder entweder angelegt oder angefreundet hatte. Das Temperament hatte sich ein wenig gelegt, oder drückte sich jetzt anders aus, zumindest lag ihr Fokus oft darauf, den Jungs ihre Meinung aufzudrücken, egal worum es ging.
      „Kann Wyatt außergewöhnlich gut mit Kritik umgehen?“, fragte Aaron mit gerunzelter Stirn, aber er wollte sich die Frage schon selbst beantworten. Aaron hatte zwar mitbekommen, dass alles an Wyatts Geburtstag sehr harmonisch abgelaufen war, aber er wusste auch, dass einer von den beiden einen relativ dünnen Geduldsfaden zu haben schien und der andere ein Talent dafür, sich nicht für Geduldsfäden zu interessieren.
      „Ich meine, gut für ihn. Kaia ist jedenfalls keine, die ihn dazu bringen würde, etwas anzustellen. Denke ich. Zumindest nichts… schwerwiegendes“, meinte Aaron. Jetzt war er allerdings auch interessiert. Obwohl es irgendwie ein gutes Zeichen war? Aaron strich Milo über die Schulter. „Du wolltest doch, dass er ein paar unproblematische neue Kontakte knüpft, oder? Ich meine, wenig ist in dem Alter wirklich unproblematisch aber zumindest scheint er jemanden gefunden zu haben, mit dem er sich super versteht und dem er sich öffnet, oder- Hast du gesagt, du dachtest, er dated Jude?“ Aaron fiel das so plötzlich wieder ein, dass er kurz lachen musste. Er brauchte einen Moment, um sich wieder einzukriegen.
      „Okay, okay. Ich sehe was du meinst — irgendwie haben die beiden schon bewiesen, dass sie sich eine Hirnzelle teilen, was nicht… sehr beruhigend war. Jude ist nicht wirklich jemand der sich auflehnt, aber ein Risikokandidat für dumme Entscheidungen. Aber Kaia? Mach dir keine Sorgen. Sie ist super. Hat eine starke Meinung, äußert sie auch gerne… Ohne großartig drüber nachzudenken. Solange sie nicht ihre ganze Moral über Bord wirft, weil sie so in deinen Bruder verschossen ist, hast du gute Chancen, dass sie ihn sogar eher gerade biegt. Vermutlich“ Aaron musste schon wieder lachen. „Ahh… tut mir leid, das ist so… das ist irgendwie meine Schuld oder? Weil ich dir geraten hab, ihn in ein Jugenzentrum zu schicken, und Wyatt ist anscheinend deutlich sozialer als man erwarten würde“ Aaron richtete sich etwas auf und wischte sich übers Gesicht, um sein Grinsen unter Kontrolle zu bringen.
      „Mach dir keine Gedanken, meine letzten Wochen waren langweilig genug dass ich am Montag wahrscheinlich immer noch darüber lachen werde“, schmunzelte er. Er drehte Milo wieder den Kopf zu. „Was hast du zu ihm gesagt? Als er von dem Date erzählt hat?“
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nao.nline ()

    • Milo

      "Ja, die Ka- Wer isst Eis mit Essiggurken?" Er hatte in seinem Leben als dezent verarmter Student und Arzt schon ziemlich viele seltsame Essens-Kombinationen erlebt, aber das war wirklich...eklig und vielleicht ein bisschen bedenklich und wahrscheinlich genau das richtige für Wy. Vielleicht passten die beiden doch besser zueinander, als Milo ursprünglich gedacht hatte.
      Aarons Frage nach Wys Kritikfähigkeit beantwortete Milo schlicht mit einem Blick. Aaron hatte ihn getroffen und selbst unter ihm gelitten. Milo war sich ziemlich sicher, dass Wy nicht mal wusste, wie man "kritikfähig" buchstabierte, wenn man es ihm auf einer Tafel entgegenhalten würde. Aber das war sein Problem, nicht Milos. Nicht Milos. Das musste er sich immer wieder sagen. Wy hatte seine Beziehungen schon im Griff. Oder nicht. Konnte ihm egal sein, auch, wenn er ihm natürlich nur das Beste wünschte. Im Zweifelsfall schien "das Beste" sogar zu beinhalten, dass Kaia ihm irgendwie die Flausen aus dem Kopf schlagen würde, was ziemlich gut klang, nicht?
      "Hey, um fair zu sein, er schreibt mehr mit Jude, als mit Kaia und er hat dabei ein ziemlich dämliches Grinsen auf den Lippen. Und ich bin wirklich der Letzte, der ihn in irgendeine Schublade stecken will oder darf." Milo musste selbst grinsen, während er nach Aarons Hand griff, die auf seiner Schulter lag und eine kleine Gänsehaut durch seinen Arm jagte. Er drückte einen kurzen Kuss auf den Handrücken, hielt sie fest und fing an, ein wenig mit seinen Fingern zu spielen, während er darauf wartete, dass Aaron sich ausgelacht hatte.
      "Ich glaube, ich habe eine halbe Minute gelacht, bevor ich bemerkt hat, dass er es ernst meint", beantwortete er die Frage nach seiner Reaktion, während er selbst gegen ein kleines Lachen ankämpfen musste. Im Nachhinein kam ihm das gar nicht mehr so ernst vor. Vielleicht lag das aber auch einfach an Aaron. "Dann hab ich ihm gesagt, dass er seinem Date mein Beileid ausrichten soll und hab ihm geholfen, das Date zu organisieren. Wenn ihm seine mangelnde Kritikfähigkeit nicht auf die Füße fällt, dürfte er relativ erfolgreich sein." Zugegeben, er hatte bis zuletzt immer noch damit gerechnet, dass Wyatt ihm offenbaren würde, dass das alles nur ein einziger großer Scherz war, aber er schien es ernst zu meinen.
      "Eventuell hab ich ihm zwischendurch noch einen Sexualkunde Crash-Kurs gegeben. Ich meine, er ist 16. Ich war auch mal 16. Sicher ist sicher. Er ist überraschend lange sitzen geblieben, bevor er sich eine Ausrede einfallen gelassen hat, um gehen zu können und er war am nächsten Tag echt früh fertig für die Schule. Vielleicht sollte ich das öfter machen." Zumindest war das bis jetzt die effektivste Methode gewesen, um Wy zeitig aus dem Haus zu bekommen, auch, wenn er das Erlebnis wirklich ungerne wiederholen würde.
    • Aaron

      Aaron verzog, immernoch amüsiert, das Gesicht und sog scharf Luft ein. „Auf ein Aufklärungsgespräch mit meinem Bruder könnte ich auch verzichten“, sagte er und hatte fast ein wenig Mitleid mit Wyatt, auch wenn es irgendwie herzerweichend war, dass Milo sich das überhaupt antat. Wobei er ja auch Arzt war und sich alles mögliche wahrscheinlich schönreden konnte, indem er es aus medizinischer Sicht betrachtete. Aber Aaron konnte sich kaum vorstellen, dass es das besser machte, vor allem weil er gesehen hatte, wie die beiden interagierten und wahrscheinlich hätte Aaron sich schon aus Fremdscham alleine einen Kopfschuss gegeben. Vermutlich. Ziemlich sicher, wenn Wyatt mittendrin sogar weggelaufen war. Aber wahrscheinlich war es noch immer etwas besser, als sich alles von seinen Eltern anzuhören. Aaron war ganz für Transparenz und Aufklärung aber er unterstützte auch sehr, dass es diese Intiativen an Schulen gab, oder Jugendzentren, weil er selbst sich das Ganze damals von seiner höchst religiösen Mutter erklären lassen durfte, und das war für sie beide schlimm genug gewesen, dass Leo das Gespräch später erspart geblieben war. Und wer von ihnen hatte jetzt zwei Kinder? Tja. Ganz abgesehen davon, dass ihre Mutter sich auf die notwendigsten, ausgesprochen heteronormativen Informationen beschränkt hatte.
      „Finde ich trotzdem gut, dass du es wenigstens angesprochen hast“, sagte Aaron nach einem Räuspern und versuchte erfolglos, sein Grinsen zu unterdrücken. „Ich hab so das Gefühl, dass dich eine ungeplante Teenie-Schwangerschaft jetzt nicht so glücklich machen würde. Vielleicht doch eher mit einem Haustier anfangen“ Aaron gab sich alle Mühe nicht wieder in Lachen auszubrechen. Er fand das alles so bizarr witzig — hauptsächlich weil es um Wyatt und Kaia ging — dass er garnicht so sehr auf seine Hand in Milos geachtet hatte. Aber ihm fiel langsam auf, dass jemand mit seinen Fingern spielte.
      „Hoffen wir mal, dass es gut läuft, oder? Wyatt muss, auch wenn er es sich nicht anmerken lässt, ein Fan von Direktheit sein, sonst wäre da kaum ein Date entstanden“, meinte Aaron und lächelte. Das war eigentlich nicht besonders überraschend. Egal wieviel Mühe Milo sich gab, auf Wyatt mussten die Umstände momentan trotzdem chaotisch und unsicher wirken. Klare Grenzen waren immer besser, als Unsicherheit, und dass er sich genau mit den zwei Leuten anfreundete, die keinen Filter besaßen, sprach für sich.
      „Denkst du, du kannst damit für heute abschließen und Wyatt morgen fragen, wie es gelaufen ist?“, fragte Aaron und flüsterte im Anschluss: „Und mir erzählen, was er geantwortet hat“ Er war doch auch kein Heiliger.
      „Wir könnten… essen und uns dann einen Film anschauen oder ich mache uns Tee“, schlug er vor und strich über Milos Nacken mit der Hand, die noch auf der Lehne gelegen hatte. Es war irgendwie schwer, seine Hände bei sich zu lassen.
      „Irgendwas, das gut zu Tiramisu passt. Vielleicht ein Früchtetee. Ich hab übrigens Hähnchen und Ofengemüse gemacht, ich hoffe das ist okay, sonst hab ich mindestens zehn Alternativen weil ich einen kleinen Panik-Einkauf gemacht hab“ Aaron schmunzelte.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nao.nline ()

    • Milo

      Oh Gott. Alleine bei dem Gedanken an eine Teenager-Schwangerschaft war Milo bereits zum Heulen zumute. Nein, wenn das passieren würde, würde er Wy an der nächstbesten Tankstelle aussetzen und zurück in sein altes Leben flüchten. Selbst das von Aaron erwähnte Haustier wäre gerade zu viel, ganz davon abgesehen, dass Milo sich noch nie Gedanken über Haustiere gemacht hatte, abgesehen von dem obligatorischen Kindheits-Hamster.
      “Ich werde dir absolut nichts erzählen”, antwortete er mit einem zuckersüßen Lächeln auf den Lippen. “Zumindest nicht am Telefon. Wenn du wissen willst, wie das Date ausgegangen ist, wirst du wohl oder übel Zeit finden müssen, um nochmal mit mir auszugehen.” Vielleicht ein bisschen unfair, aber mit etwas Glück würde das sie beide dazu motivieren, sich möglichst schnell wieder etwas Zeit füreinander zu schaffen. Es war…okay, so wie es war. Sie waren beide beschäftigt. Das passierte. Aber vielleicht könnten sie es schaffen, sich wenigstens ein bisschen öfter zu sehen, wenn auch nur, um kurz über seinen Bruder zu lästern.
      “Aber der Rest klingt wundervoll”, merkte er an, während er sich die mentale Notiz machte, dass sie wohl beide ein bisschen runterkommen mussten. Er wollte definitiv nicht für Aarons Panikkäufe verantwortlich sein. “Ich wollte eigentlich gar nicht mit dem Thema anfangen. Tut mir wirklich leid. Ich habs nur nicht aus dem Kopf bekommen.” Milo seufzte kurz. Er wiederholte sich, nicht? Ugh.
      “Sollen wir einfach nochmal von vorne anfangen?”, fragte er, während er Aarons Hand losließ und sich etwas aufrechter hinsetzte. “Hey Sonnenschein. Ich hab dich vermisst. Du siehst - wie immer - unfassbar gut aus. Deine Wohnung ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich rede mir ein, dass das deinen Charme ausmacht, also passt das schon. Ich bin allerdings vorsichtig neugierig, wo du das ganze Zeug herbekommst.” Wer stellte schon Karaffen her, die wie Chamäleons aussahen? Oder das ganze andere, viel zu bunte Zeug, das so unfassbar gut zu Aaron passte?
      “Wie geht es dir? Abgesehen von deiner langweiligen Woche?” Milo lehnte sich ein wenig nach vorne, um eine von Aarons Haarsträhnen hinter sein Ohr zu streichen. Er hatte das dringende Bedürfnis, Aaron an sich zu ziehen und bis morgen früh nicht mehr aufzustehen, wusste aber nicht genau, woher es kam. Entweder lag es daran, dass sie sich so lange nicht mehr gesehen hatten, oder daran, dass Aaron seine Finger heute offenbar auch nicht bei sich behalten konnte. Nicht, dass ihn das stören würde. Sie hatten es vor zwei Wochen geschafft, sich zu küssen und dann nebeneinander einzuschlafen und sich danach einfach nicht mehr gesehen, was furchtbar unfair gewesen war. Vielleicht sollte er es sich wirklich angewöhnen, nach Feierabend noch für wenigstens 10 Minuten bei Aaron vorbei zu schauen. Das einzige, was ihn davon abhielt war, dass er genau wusste, dass es nicht bei 10 Minuten bleiben würde, was normalerweise kein Problem wäre, wenn er nicht nebenbei noch darauf aufpassen müsste, dass Wy nicht versehentlich im Knast landen würde, oder so. Das alles war viel zu kompliziert, aber Aaron war es definitiv wert.
    • Aaron

      Aaron ließ empört den Mund aufklappen, bis Milo seine Anforderungen zuende ausgesprochen hatte. "Okay, gut, ich will nämlich nicht extrem neugierig wirken, aber es zählt fast schon als Verbrechen, wenn du mich nach dem Gespräch eben einfach hängen lässt und mir keine Updates gibst. Ein Date lässt sich schon einrichten, wenn es sein muss" Er presste die Lippen etwas aufeinander, um nicht zu sehr zu grinsen und sich zurückzuhalten, Milo um den Hals zu fallen und ihn zu küssen. Gott, irgendwas war heute in der Luft oder so.
      Aaron nickte lächelnd, als Milo einen Neustart vorschlug, und hörte begeistert bei seiner Begrüßung zu. Er konnte nicht anders, als zwischendrin zu lachen.
      "Du gewöhnst dich schneller dran, als du denkst", meinte er grinsend. "Hast du Minimalismus erwartet? Dann kennst du mich nämlich ganz schlecht. Das meiste ist von Kunstmärkten, sind also Einzelstücke, oder im Internet bestellt, oder manchmal auch selbst gebastelt, bemalt, bestickt, was auch immer. Ich mag es bunt. Wenn du willst, bemale ich dir ein paar Gläser und beglitzere deine Bilderrahmen, damit du zuhause auch was von dem Charme hast" Er lachte leise. Milo brauchte definitiv ein bisschen was buntes, helles im Haus.
      "Miiiir… geht mein Bruder auf den Keks, weil er mich heute zum Babysitten buchen wollte, aber ich hab allem und jedem erzählt, dass ich eine Erkältung habe", erzählte Aaron und ließ sich währenddessen versucht unauffällig etwas in Milos Richtung kippen.
      "Ich hab die Woche drei Workshops zu Drogenprävention begleitet. Drei. Bei mir funktioniert die Prävention jedenfalls mittlerweile ziemlich gut" Er drehte sich kurzerhand herum und ließ sich sanft mit dem Kopf auf Milos Schoß fallen. Er blinzelte ihm von unten entgegen und hatte das Gefühl, nach ihrem letzten Treffen vielleicht seine letzten Hemmungen verloren zu haben.
      "Ich schreibe gerade zwei Arbeiten und habe in den nächsten Wochen immer wieder mal Prüfungen, was nicht so toll ist, weil ich richtig schlecht darin bin, zu lernen. Hab ich das schonmal erwähnt? Ich enttäusche dich ungern aber zwischen dir und mir bist du das Genie und ich das Wunderkind, von dem keiner erwartet hätte, dass er mal einen Abschluss hat. ich hoffe, dass ich dir intellektuell nicht irgendwann zu langweilig werde" Aaron grinste. Okay, das war alles nur halb richtig. Ja, er hatte ein unheimlich schlechtes Lerngedächtnis und seine Schulnoten hatten absolut zu wünschen übrig gelassen, aber er machte alles irgendwie mit harter Arbeit wett. Auf Doktorniveau konnte er wahrscheinlich trotzdem nicht mithalten. Solange Milo ihm keine mathematischen Aufgaben stellte oder eine Diagnose für irgendwas von ihm erwartete, waren sie aber gefühlsmäßig wahrscheinlich auf der sicheren Seite.
      Aarons Grinsen milderte zu einem sanften Lächeln. "Ich kann nur hoffen, dass ich dich davon irgendwie ablenken kann", murmelte er. Vielleicht mit ein paar Wimpernschlägen und echt gutem Ofengemüse.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Milo

      “Ich fürchte, du könntest mir alles andrehen”, erklärte Milo mit einem Seufzen und der furchtbaren Realisation, dass das nicht gelogen war. Er würde jeden glitzernden Bilderrahmen und jedes bemalte Glas von Aaron mit einem freudigen Lächeln annehmen und dann unverhältnismäßig happy sein, wenn er die Sachen in seinem Haus sah, weil es ihn an Aaron erinnern würde. Offenbar steckte er tiefer in der rosaroten Phase ihrer Beziehung, als ihm bewusst war. Seltsamerweise war er irgendwie vollkommen okay damit, auch, wenn er hoffte, dass Aarons Einrichtungsstil nicht vollkommen auf ihn überschwappen würde. Milo war zwar selbst kein Verfechter des Minimalismus', aber ein wenig Ruhe war nicht schlecht.
      Er hörte mit einem Lächeln zu, als Aaron von seinen letzten Wochen erzählte und fing automatisch an, mit seinen Fingern durch die blonden Haare zu streichen, als er seinen Kopf auf seinen Schoß fallen ließ. "Ich könnte dir beim Lernen helfen, wenn du möchstest", bot er an, während er sanft Aarons Kopfhaut massierte. "Ich kann dich abfragen. Bei jeder falschen Antwort brauche ich ein Date mehr, bevor ich dir erzähle, wie es mit Wy und Kaia weitergeht, oder so." Er lächelte leicht, während er auf Aaron runter sah. Irgendwie kam es ihm immer seltsamer vor, dass Aaron das alles mitmachte. Wyatts offene Abneigung, die wenigen Treffen, das hohe Stresslevel - Aaron könnte es wahrscheinlich deutlich leichter haben, wenn er jemand anderen daten würde.
      "Ich glaube nicht, dass du mich davon ablenken musst", erwiderte Milo mit einem Lachen, als Aaron seine Bedenken über seinen Intellekt äußerte. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass Aaron überhaupt je langweilig werden könnte. Der Mann hatte eine Wohnung wie ein Zirkuszelt, 'Langeweile' war wirklich nichts, was er je mit Aaron in Verbindung bringen würde. "Aber du kannst es natürlich trotzdem gerne tun. Ich will dir da nicht im Weg stehen." Er zog sanft an einer der blonden Strähnen, bevor er mit der Massage weiter machte. "Aber ehrlich - ich helfe dir gerne beim Lernen, wenn du etwas Motivation brauchst, oder so", fügte er wieder ernster hinzu. Vielleicht konnte er Aaron wenigstens bei dem Stress ein wenig helfen.
    • Aaron

      „Mhhmmm, du wirst mich noch so weit treiben, dass ich Wyatt selbst frage wie‘s gelaufen ist, und dann ermordet er uns beide“, murmelte Aaron und schloss die Augen, um sich dem sanften Kraulen und Ziepen in seinen Haaren hinzugeben. Gut, dass er die Knoten noch in den Griff bekommen hatte — ein Hoch auf seinen Conditioner. Er rutschte etwas tiefer und überlegte, ob er jetzt einfach schnell einen Nap machen und seinen verlorenen Schlaf aufholen sollte. Er hatte sich bei Milo von Anfang an zu wohl gefühlt, aber seit der Übernachtung war Aaron an einem Punkt angekommen, wo er sich am liebsten quer über ihn legen und durchschlafen wollte. Aaron hatte das noch nie erlebt, aber er war sich sicher, dass es ein gutes Zeichen war. Er brauchte nur die Garantie, dass Milo sich nicht wegschleichen würde, während er schlief, oder so.
      Aaron schlug sanft blinzelnd die Augen auf und lachte leicht. „Ich bin schon mitten im Ablenkungsmanöver“, sagte er und hob einen Arm um eine Hand an Milos Wange zu legen. „Und ich hab das Gefühl, dass ich mich nicht konzentrieren könnte, wenn du mit mir lernst. Erstens hätte ich Angst, dass du nach der dreiundzwanzigsten falschen Antwort aufgibst und mich nie wieder sehen willst und Zweitens, ich würde die ganze Zeit nur Nachhilfe-Fantasien durchleben“ Aaron hatte bei ihrem aller ersten Treffen im Pub schon die Fantasie gehabt, Milos Brille abzunehmen und ihn abzuknutschen, und das würde wirklich nicht besser werden, wenn sie zusammen ‚lernten‘.
      Aaron seufzte. „Ist aber nicht meine Schuld. Wer hat dir gesagt, dass du dich wie ein sexy Mathelehrer anziehen sollst?“ Er schwieg kurz und hatte dann plötzlich ein Funkeln in den Augen, das schrie, dass er einen neuen Einfall hatte. „…Sag mal, nimmst du deinen Arztkittel eigentlich auch mit nachhause? Kann ich dich mal damit sehen?“ Aaron grinste verspielt und ließ seinen Zeigefinger Milos Brust nach unten gleiten. Er wusste selbst nicht mehr, was er ernst meinte und was nicht, aber der Arztkittel würde ihn schon interessieren.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Milo

      “Da ist dein Denkfehler - jeder Fehler von dir würde mir nur ein weiteres Date sichern. So selten, wie wir uns sehen, würden 23 Dates die nächsten sechs bis sieben Jahre abdecken. Warum sollte mich das stören?” Milo lachte leicht. Sechs bis sieben Jahre waren zumindest ein Anfang. Er hatte das Gefühl, dass er Aaron deutlich länger aushalten würde. Das hier war der erste wirklich ruhige Moment, den er in den letzten Wochen gehabt hatte. Aaron war für ihn durch und durch besonders.
      “Deine Nachhilfe-Fantasien könnten sich ja dann ab einer bestimmten Anzahl von richtigen Antworten ergeben.” Es war ein wenig überraschend, wie anders Aaron flirtete, wenn sie alleine waren. Nicht besser, oder schlechter, sondern einfach überraschend. Milo hatte nicht wirklich an Sex gedacht, als er eben in sein Auto gestiegen war und er war sich ziemlich sicher, dass er auch nicht daran gedacht hätte, wenn Wy nicht das Thema nummer eins in seinem Kopf gewesen wäre. Das hier war ihr erstes richtiges Date, irgendwie war Milo einfach davon ausgegangen, dass es genau so laufen würde, wie Aaron es eben beschrieben hatte: Essen, einen Film schauen und dann endlos viel Zeit damit verbringen, sich zu verabschieden, weil Milo nach Hause musste, aber lieber bis in die frühen Morgenstunden bleiben würde, um das alles voll auszunutzen. Aaron schien langsam andere Pläne zu entwickeln. Obwohl Milo nicht behaupten konnte, dass er vollkommen abgeneigt wäre.
      "Der Kittel bleibt in der Praxis. Die werden regelmäßig professionell gereinigt, damit ich nicht jede Influenza mit nach Hause schleppe. Das wäre weniger sexy und mehr...zum kotzen. Wortwörtlich." Er wickelte sich eine der blonden Strähnen um den Finger. Vielleicht konnten sie auch einfach den ganzen Abend so sitzen bleiben. Er mochte den Ausblick. "Aber du kannst jederzeit gerne in der Praxis vorbeischauen. Charlie will dich eh kennenlernen. Der glaubt mir wahrscheinlich immer noch nicht, dass du real bist. Offensichtlich beschreibe ich dich immer als viel zu perfekt, oder so. Nicht, dass das überhaupt möglich wäre. Danach kannst du immer noch entscheiden, ob es eine Grippe wert wäre, einen Kittel rauszuschmuggeln."
    • Aaron

      Sechs bis sieben Jahre… Das klang so, als würde Milo ihre undefinierte Beziehung ernst meinen, oder? Auch, wenn er anfangs extrem skeptisch gewesen war und sie sich kaum sahen. Das war gut. Aaron wollte Milo auch öfter sehen, oder länger, oder was auch immer. Er wäre verdammt deprimiert, wenn es zwischen ihnen nicht funktionieren würde, was ein wenig beängstigend war, weil sie sich schließlich… kaum kannten. Oder ihre Beziehung in einem sehr seltsamen, verkehrten Rhythmus angingen. Solange Milo sich vorstellen konnte, Aaron wiederzusehen, war aber alles okay.
      Er lächelte. „Du solltest solche Sachen nicht unüberlegt sagen, das kommt alles mit auf die Liste. Du hast mir schon versprochen Fußball zu spielen und dich von mir verarzten zu lassen“, warnte Aaron ihn amüsiert. „Aber das klingt nach einem guten Plan. Wenn ich alle meine Prüfungen verhauen will jedenfalls“ Er lachte. Vielleicht würde er eine Study-Session mit Milo mal in Betracht ziehen, wenn er das Gefühl hatte, schon ausreichend vorbereitet zu sein, damit von dem gemeinsamen Lernen nicht zu viel abhing. Was zwar irgendwie dem Grund widersprach, aber Aaron ging es eh nur um ein weiteres Date und die Nachhilfe-Fantasien, wenn Milo schon mitspielte.
      Aaron lachte und setzte sich beim Thema Influenza schließlich wieder auf. Einerseits weil er gleich empört spielen musste und andererseits weil er bizarrerweise Hunger bekam. „Ich besuch dich gerne Mal und beweise Charlie, dass du nicht lügst, aber mir einen Influenza-Kittel anzudrehen ist frech. Ich meine, bestell doch einen neuen im Internet. Mir ist egal, woher er kommt“, lachte Aaron und ließ seine Schulter an Milos Schulter tippen bevor er aufstand. „Obwohl ich ein sehr gutes Abwehrsystem entwickelt hab. Und du vermutlich auch“, lächelte er und reichte Milo eine Hand, um ihn zu sich zu ziehen. Er drückte ihm einen furchtbar schnellen, kurzen Kuss auf die Lippen, als wären sie seit dreißig Jahren verheiratet und stillte sein Bedürfnis, sich an Milo festzuketten, damit absolut nicht. Er drehte sich trotzdem herum und ging in Richtung Küche und Miniaturesstisch.
      „Was willst du trinken?“, fragte er. „Wasser, Saft, Sirup, Cola, Bier, Wein, Rum“, listete Aaron der Reihe nach auf. „Je nachdem wie hart deine Woche war, halt“, grinste er über die Schulter, bevor er das Backrohr öffnete, das ihr Essen warm gehalten hatte.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nao.nline ()