The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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      April

      Oh. Offenbar war May morgen verplant. April wusste nicht ganz, was genau sie gerade fühlte. Ein wenig Erleichterung, weil sie so wenigstens einen kurzen Moment hatte um alles zu verarbeiten, was in den letzten 48 Stunden passiert war, vielleicht, aber auch ein wenig Enttäuschung, gerade weil sie sich vorgestellt hatte, dass die WG bedeutete, dass sie nun nur noch mit May rumhängen würde. Was vollkommen albern war, egal wie sehr sie die junge Frau auch mochte. Um fair zu sein - so wie May klang, wäre sie morgen auch lieber zuhause, als mit ihrer Mutter Essen zu gehen. Was April nur zu gut nachvollziehen konnte. Sie würde auch nicht gerne mit ihrer Mutter unterwegs sein.
      "Das wird schon", versicherte sie also mit einem kleinen Lächeln. "Und wenn es doch ganz furchtbar wird, kannst dich danach wenigstens direkt bei mir darüber auslassen." Das kleine Lächeln wurde zu einem Grinsen. Wenigstens etwas, oder? Eigentlich sah April sich schon mit May und zwei Gläsern Wein am Küchentisch sitzen und lästern, aber Alkohol war wirklich keine gute Idee. Oder eine zu gute. Sie hätte jetzt gerade nichts dagegen, wenn May sie nochmal küssen würde, aber sie war sich sicher, dass es danach nur weh tun würde.
      April stieß ein kleines, mitleidsvolles "Oh" aus, als Ted bestätigte, dass er schlecht geschlafen hatte. Gut, das sah man ihm offensichtlich an. "Mhm, vielleicht brauchst du einfach ein bisschen White Noise im Hintergrund. Oder guten Concealer. Ich schaue mir manchmal irgendwelche Theorievideos zu Spielen, die ich nie gespielt habe auf YouTube an, wenn ich nicht schlafen kann. Irgendwie hilft das immer." Sie zuckte kurz mit den Schultern. Eigentlich hatte sie selten Probleme, einzuschlafen. Meistens feierte sie sich eh durch die Nacht und freute sich nur noch auf das Bett. Aufwachen war deutlich schwerer.
      "Oh, oder diese Mela...nin? Melatonin? Dieses Zeug, das beim Einschlafen helfen soll, halt. Hab ich noch nie ausprobiert, also musst du mir sagen, ob es wirkt, falls du es probieren solltest." Die einzig andere Lösung, die sie parat hätte, wäre es, sich bei einem One Night Stand auszupowern, aber das wäre gerade wahrscheinlich kein sonderlich guter Ratschlag.
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      May

      May würde alles lieber tun, als mit ihrer Mutter zu essen. Was… hart klang, aber beinahe nett gemeint war. May kam mit der Vorstellung ihrer Familie besser zurecht, wenn sie ganz, ganz weit weg von ihr war. Ihre Mutter schaffte es jedes Mal mit ihrer Anwesenheit Mays ganzes Verdrängungstalent zunichte zu machen. Egal, wie sehr sie sich eingeredet hatte, dass sie wenigstens noch beide ihrer Eltern hatte, mehr oder weniger glücklich verheiratet und finanziell immer zu ihrer Unterstützung da, kam ihre Mutter um die Ecke und erinnerte sie, wie es sich anfühlte, von kochender Wut übermannt zu werden. May tat nichts weniger gern als ihren Emotionen die Kontrolle zu überlassen, aber ihre Mutter zwang sie geradezu hervor, ob es nun Wut, Irritation, Panik oder ein Wasserfall an Tränen war. Sie war nunmal ihre Familie, und Familie wusste ganz genau, auf welchen Nerv sie drücken musste.
      Die Tatsache, dass April ihr aufmunternd zulächelte und anbot, nach dieser Höllenerfahrung morgen für sie da zu sein, beruhigte sie jedoch ungemein. Hm. Es kam ihr nicht unbedingt normal vor, dass sie sich binnen zwei Sekunden mit ihrem Schicksal abfinden und wie auf einer Wolke schwebend fühlen konnte, aber sie nahm, was sie kriegen konnte. Und als Ted wieder von seinem Schlafmangel anfing — obwohl es eigentlich April gewesen war und May hätte vielleicht erwähnen sollen, dass das Thema auch eher zu umgehen war — kam ihr plötzlich ein Gedanke, der sie erstmal auf ihre Zunge beißen ließ, weil er sie so überraschte. Sie trank einen Schluck Limonade, hörte April weiter zu und überlegte noch immer, ob sie ihren Gedanken aussprechen sollte.
      „Ich nehme… Melatonin… -gummibärchen“, erklärte Ted, der langsam aussah, als hätte man ihn im Kampf besiegt. Nur, dass niemand mit ihm kämpfte, er hatte wohl einfach einen inneren Kampf aufgegeben. Seiner Aussage nach zu urteilen halfen die Gummibärchen mehr schlecht als recht. May hatte zum Thema Schlaflosigkeit auch nicht wirklich viel sinnvolles hinzuzufügen, immerhin hatte sie seit Jahren eine Abendroutine, an die sie sich normalerweise streng hielt, weil sie sich eben bewährte. Sie hatte keine Probleme. Sie schlief wie ein Baby und wachte, meistens, erholt auf, wenn sie morgens nicht direkt ein Mail für ihren nächsten Fall wie ein Schlag in den Magen traf. Das hatte ihr Job so an sich. Er war allgemein ein Schlag in den Magen, oder, zumindest kein Spaziergang im Park.
      „Hey“, fing sie an. „Du könntest auch mal was ganz anderes probieren. Immerhin scheinen Medikamente und so nicht wirklich zu funktionieren, ähm… ich glaube generell, dass du als erstes an deinem Mindset arbeiten musst“
      „Ich bin noch nicht so weit, auf Therapie zurückzugreifen“, schnitt Ted sie ab, wenn auch ziemlich unmotiviert. May wagte zu vermuten, dass das was mit dem allgemeinen Stolz von Helden zu tun hatten, die sich für absolut unfehlbar hielten. Oder, zumindest könnte Ted die Angst haben, von den besagten Helden verarscht zu werden. May verkniff sich ein Augenrollen.
      „Nein, ich meine, du könntest mal ausgehen. Nicht mit Kollegen in eine Bar, wo wir uns alle nur ansaufen und beschweren. Dates. Du könntest auf Dates gehen. Zwanglos, aber es bringt dich vielleicht auf andere Gedanken“ May rührte mit ihrem Strohhalm etwas nervös in der Limo herum, weil sie wusste, wie dieser Vorschlag aus ihrem Mund klingen musste. Ted schien auch erstmal keine Antwort zu haben.
      „Das ist eine furchtbare Idee, May, das letzte das ich will, ist auf Dates zu gehen“, sagte Ted schließlich gerade heraus und hörte endlich auf zu starren. Gut, May war normalerweise auch Verfechterin davon, dass Liebe eine Marketingstrategie und Beziehungen der schnellste Weg zum psychischen Zerfall waren, aber… Sie wusste selbst nicht, wie sich rechtfertigen sollte. Der Gedankensprung war seltsam gewesen. Erst freute sie sich, April als seelische Unterstützung zu haben, und dann dachte sie, dass Ted vielleicht mal wen neuen kennenlernen sollte. Aber wahrscheinlich war es zu früh, oder? May kannte die… üblichen Zeitspannen zwischen Beziehungen nicht, aber sie ging davon aus, dass eine Ehe einen längeren Buffer hatte.
      „Ich wäre nur… enttäuscht, weil niemand so ist… wie Grace“, murmelte Ted plötzlich, seine Stimme seltsam schwach und zittrig, und Mays Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen, als Teds Augen glasig wurden. Okay, irgendwie hätte sie damit rechnen können.
      „Ahh… das weißt du garnicht. Ich bin sicher, dass extrem viele Frauen da draußen besser sind, und du musst sie nur finden“, sagte sie unüberzeugt, weil sie schlecht darin war, andere in solchen Fällen zu trösten. Ein gebrochenes Herz konnte sie nicht ernst genug nehmen, um gute Tipps zu geben, was… definitiv nichts war, womit sie angeben sollte. Selbst war sie beim Ende einer Beziehung bisher nie am Boden zerstört sondern nur wutentbrannt gewesen.
      Ted zerbrach nun entgültig vor April und Mays Augen und schnappte sich eine Serviette, um sich die Tränen aus dem Gesicht zu tupfen. Dabei hatte er keinen Tropfen Alkohol intus und ihre Pizzen waren noch nicht einmal da. May lehnte sich zurück, ihre Niederlage akzeptierend.
      „Vielleicht solltest du auch einfach noch ein paar Mal versuchen, Isla anzurufen, oder sie von der Schule abholen“, schlug sie als letzten Ausweg vor.
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      April

      Therapie! Therapie wäre wahrscheinlich eine viel bessere Idee, als Aprils kleiner Einfall mit den One Night Stands, auch, wenn May das offenbar nicht gemeint hatte und Ted nicht so wirkte, als ob er mit dieser Lösung zufrieden wäre. Was April wirklich nicht nachvollziehen konnte. Therapie musste unfassbar genial sein. Man bezahlte jemanden, damit er sich all deine Probleme und Sorgen anhörte und am Ende noch einen produktiven Rat gab. Das war doch durchweg super, oder? Aber Ted schien eher Team “Men will do anything before going to therapy” zu sein. Zu schade.
      April blinzelte kurz irritiert, als Dating angesprochen wurde. “Aber ist es nicht irgendwie das Ziel jemanden zu finden, der eben nicht wie Grace ist? Immerhin lasst ihr euch scheiden. Wäre doch besser, wenn deine nächste Freundin sich nicht von dir scheiden lässt.” Grace hatte offensichtlich nicht funktioniert, also musste ja eine Frau her, die nicht so war, wie sie. Was eigentlich ziemlich offensichtlich sein musste, aber wohl nicht sonderlich gut ankam. April schob Ted ihre Serviette entgegen, als er in Tränen ausbrach. Irgendwie schienen sie keinen guten Job dabei zu machen, ihn aufzumuntern. Obwohl sie mal gelesen hatte, dass es einem besser ging, nachdem man geweint hatte. Vielleicht würde das ja irgendwie helfen, auch wenn sie nicht wusste, wie viel. Das letzte mal, dass sie geweint hatte, war Ewigkeiten her, wenn man die paar Tränen, die ihr in die Augen geschossen waren, als sie letzte Woche mit ihrem Schienbein gegen ihr Bett gestoßen war, nicht mitzählte. Nach denen hatte sie sich zumindest nicht sonderlich besser gefühlt. Vielleicht wäre ein Themenwechsel gut.

      Ein Themenwechsel hatte tatsächlich geholfen. Nicht direkt - das Heulen hatte noch ein bisschen angehalten - aber als die Pizzen serviert wurden, redeten sie darüber, welche Sendungen sie zuletzt gesehen hatten und keiner von ihnen schluchzte mehr. April hatte zwar immer noch nicht das Gefühl, dass die Stimmung ideal war, aber sie war auf jeden Fall besser, als vorher. Als sie sich am Ende von einander verabschiedeten, meinte sie sogar ein kleines Lächeln auf Teds Lippen erkennen zu können, auch, wenn sie ihn wahrscheinlich nicht gut genug kannte, um einschätzen zu können, ob es echt war, oder nicht. Oder ob sie es sich nicht generell einfach nur einbildete.
      Hoffentlich hatte May noch mehr so interessante Freunde. Im Vergleich hierzu fühlte sich der Gedanke, bei May einzusteigen und zu ihrer gemeinsamen Wohnung zu fahren wenigstens nicht mehr ganz so komisch an. Immer noch ungewohnt, weil April irgendwie schon automatisch im Kopf durchging, was sie gleich machen würde, wenn sie wieder im Hotel war und sich selbst daran erinnern musste, dass sie nicht mehr ins Hotel fahren würde, aber wenigstens heulte noch keine von ihnen. Das war etwas, oder?
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      May

      May war erschöpft, als sie endlich wieder im Auto saß. Gut, sie war verkatert und hatte heute trotzdem schon einiges hinter sich. Sie war froh, endlich nachhause zu kommen und zu entspannen, aber… es war fraglich, wie entspannt sie tatsächlich sein konnte, wenn sie zum ersten Mal eine Mitbewohnerin hatte. April hatte heute allerdings alles viel erträglicher gemacht, so wie eigentlich immer, egal was sie zusammen machten. Mit April gemeinsam kamen May die meisten Dinge garnicht mehr so erdrückend vor.
      In der Wohnung angekommen, ließ May außer Atem einen Teil der Einkäufe fallen und fühlte sich, als würde sie gleich zerfließen und durch die Fliesen sickern. Sie stieß ein langes Seufzen aus, bevor sie die Taschen schließlich wieder in die Hände nahm und in April neues Zimmer schleppte. Sie half dabei, den Teppich auszurollen und einen Platz für alles zu finden – hauptsächlich, weil das ihre Belohnung des Tages war, aber eigentlich ließ sie April ohnehin alles entscheiden. Sie war gut drin, Grenzen zu setzen und sich an diese zu halten, und sie hatte für sich selbst von der ersten Sekunde an die Grenze gesetzt, dass sie in diesem Zimmer nichts mehr zu sagen hatte. So… funktionieren Wohngemeinschaften doch, oder? Alles, was hinter diesem Türstock lag, war für May dagegen noch eine Anreihung aus sehr verschwommenen Regeln. Sie wollte April jedoch auch nicht überrumpeln, also sollte sie vielleicht einfach mal… alles auf sich zukommen lassen, oder so. Egal, wie schwer sich das anfühlte.
      "Ich gehe duschen", kündigte May an, sobald sie fertig waren. Sie musste sich diesen Tag abwaschen. "Willst du… einen Film schauen, oder so? Du kannst was aussuchen" Irgendwie mussten sie ihren ersten Abend als Mitbewohner doch einweihen, und Alkohol war wirklich keine Option. Abgesehen davon, dass May höchstens noch Kräuterschnaps zuhause hatte, und darauf konnte sie sowieso verzichten.
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      April

      Irgendwie faszinierte sie der Teppich ein wenig. April konnte nicht genau sagen, warum. Vielleicht, weil sich der Raum direkt belebter anfühlte, als sie ihn zusammen ausrollten und zurecht schoben. Wie ein Zimmer, in dem sie tatsächlich leben würde, statt nur ein Gästezimmer, in dem jede beliebige Person bleiben könnte. Die Topfpflanze landete auf der Fensterbank und schon hatte sie das Gefühl, tatsächlich hierbleiben zu können. Was schräg war. Bisher hatte sie nie langzeit bei ihren Freunden gewohnt. Ihre komplette Taktik im Leben war darauf ausgelegt gewesen, möglichst wenig Zeug auszupacken, um niemandem im Weg zu sein und im Zweifel schnell wieder abreisen zu können. Das hier war das absolute Gegenteil davon.
      "Das klingt nach einer guten Idee", stimmte sie May zu, als sie einen Film vorschlug. Etwas herrlich normales in einer WG, oder nicht? Gott, sie musste wirklich aufpassen, sich nicht zu sehr an das alles zu gewöhnen.


      Charles

      "Du bist überraschend früh hier." Charles sah von seiner Uhr zu Milo, um sicher zu gehen, dass sein Kollege tatsächlich zu früh und er selbst nicht einfach zu spät war, aber nein. Er war zur selben Zeit in der kleinen Arztpraxis, wie sonst auch immer, während Milo, der sonst mindestens eine Stunde nach ihm eintrudelte, schon die erste Tasse Kaffee vor sich stehen hatte.
      "Wy hat ein Date."
      "...um halb sieben Uhr morgens?"
      "Was? Nein! Nicht heute. Generell. Am Wochenende, glaube ich." Milo schob seine Brille hoch, um sich über die Augen zu wischen. Er sah müde aus. Charles machte sich die mentale Notiz, Lottie darum zu bitten, ein paar von Milos Terminen auf ihn umzulegen und ihn stattdessen früher nach Hause zu schicken.
      "Oh", antwortete er knapp. "Das ist doch nett, oder? Wie alt ist er jetzt? 16? Da fängt das eben an." Charles zuckte kurz mit den Schultern, während er an Milo vorbei zur Kaffeemaschine ging. "Ich hatte meine erste Beziehung mit 15. Hat zwei Wochen gehalten, wenn ich mich richtig erinnere, aber wir sind bis zum Ende der Schulzeit Freunde geblieben."
      "Schon. Ich gönne es ihm ja auch, aber-" Milo stockte kurz und drehte sich zu ihm. "Wir hatten gestern das Gespräch."
      "Das-? Oh!" Charles schaffte es nicht ganz, sein Lachen zu unterdrücken. "Lief's gut?", fragte er, die Stimmlage vielleicht ein bisschen höher, als sonst.
      "Es war awkward, Charlie. Ich glaube, er hasst mich jetzt mehr als vorher. Er war noch nie so schnell fertig für die Schule, wie heute morgen und hat jedes mal das Radio lauter gedreht, wenn ich den Mund aufgemacht habe. Hör auf zu lachen. Das ist nicht witzig."
      Charles hatte Milo immer schon gemocht. Vom ersten Tag an, als er in die Praxis gekommen war - unerfahren und etwas verschlossen, aber gut vorbereitet und zielstrebig. Okay, zugegeben, es war schwer jemanden zu finden, den Charles nicht irgendwie mochte, aber Milo hatte in ihm in etwa das selbe Gefühl ausgelöst, das ein Kind auslöste, das alleine auf der Straße umherirrte: Man wollte ihm einfach helfen. Das Hilfsbedürfnis war schlimmer geworden, seit er das Sorgerecht für Wyatt übernommen hatte und sich jetzt am laufenden Band über ihn aufregte. Charles kannte Wyatt bei weitem nicht so gut, wie Milo. Er konnte wahrscheinlich an einer Hand abzählen, wie oft sie sich getroffen hatten. Was nicht hieß, dass er ihn weniger mochte. Wyatt hatte ein Talent dafür, sich in Schwierigkeiten zu bringen, aber er wirkte auf Charles trotzdem wie ein aufgeweckter junger Mann, der einfach gerade eine schwere Phase durchmachte.
      "Das wird schon", merkte er also aufmunternd an, während er seinem Freund kurz auf den Rücken klopfte. "In ein paar Jahren wird er dir dafür dankbar sein. Hatte dein Freund keine Tipps? Der arbeitet doch mit Kindern. Du solltest ihn mal mitbringen."
      Milo warf ihm einen Blick zu, als ob er gerade behauptet hätte, dass die Erde eine Scheibe wäre. "Sicher. 'Hey, ich weiß, dass wir nicht genug Zeit haben, um auf ordentliche Dates zu gehen, aber willst du mir bei dem Aufklärungsgespräch mit meinem Bruder helfen und danach meinen äußerst neugierigen Freund kennen lernen?' kommt bestimmt mega gut an." Milo verschränkte die Arme auf dem Tisch.
      "Ich fänds super. Du redest immer von Aaron, als ob er der fantastischste Mensch der Welt wäre-"
      "Tu ich nicht", schnitt Milo ihm das Wort ab.
      "Tust du. Und ich hoffe, er weiß das, weil es wirklich süß ist." Charles lächelte in seinen Kaffee hinein, bevor er wieder auf seine Uhr sah. Vielleicht war es ein bisschen unfair, aber jedes mal, wenn er das nagende Gefühl hatte, dass sein eigenes Leben etwas zu ruhig war, führte er sich vor Augen, wie ungerne er mit dem Chaos in Milos Leben tauschen wollte. "Meine ersten Patienten müssten gleich reinkommen. Könntest du einmal den Plan für nächsten Monat durchgehen? Ich war mir nicht mehr sicher, wie die Urlaubsverteilung geplant war."
      Milo nickte kurz, während er mit seiner Kaffeetasse spielte.
      "Und wünsch Wyatt viel Glück für sein Date von mir. Wenn er irgendwas an deinen Ausführungen nicht verstanden hat, haben wir hier sicher irgendwo noch Schaubilder rumliegen."
      "Kannst du dich jetzt bitte einfach um deine Patienten kümmern?"
      Diesmal hielt Charles sein Lachen nicht zurück, als er die Tür für die kleine Küche hinter sich zuzog.
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      Ted

      Eine schlaflose Nacht war für Ted nichts Neues. Zwei schlaflose Nächte auch nicht. Manchmal war es Grace, die ihn in seinen Gedanken wach hielt, manchmal waren es Sorgen um Isla. Und manchmal waren es grauenvoll peinliche Momente, wie ein Heulkrampf in einer Pizzeria vor zwei Frauen, die sowieso besseres zu tun gehabt hätten, als mit ihm Essen zu gehen. Nachdem Ted den ganzen Sonntag nichts zu tun hatte und ihm seit Wochen nicht danach war, sich mit irgendwelchen Freunden zu treffen, tat er einfach… nichts. Seine Wohnung war nach ganzen zwei Monaten immernoch beinahe leer, aber langsam hatte er zumindest die lebensnotwendigen Dinge. Grace hatte ihm beim Auszug außerdem alles gelassen, das er in der Garage finden konnte. Islas alte, kleine, grüne Couch etwa, und den Fernseher, den sie nach dem Austausch nie verkauft hatten. Er hatte in den ersten zwei Tagen nach seinem Einzug auf der Couch geschlafen, weil er kein Bett hatte, und obwohl gerade mal die Hälfte seines Körpers richtig Platz darauf fand, hatte er sich ein bisschen mehr wie zuhause gefühlt. Er hatte Isla immer wieder mal schlafend auf dieser Couch gefunden, zusammengerollt und fast auf den Boden fallend, ein Buch auf dem Gesicht oder sonst irgendwo in der Nähe der Couch verstreut.
      Nachdem er Morgens dann von einer Nachricht seiner Tochter hochgeschreckt wurde – der ersten seit sicher zwei Wochen – verbrachte Ted seinen Sonntag auf der Couch. Die Nachricht war kurz und knapp und schaffte es doch, Teds ohnehin zerbrochene Welt noch ein wenig mehr zerbröseln zu lassen.

      > Mom heiratet ihren Mechaniker Dave. Dad, kannst du zur Hochzeit kommen? <

      Die Nachricht endete mit einem Datum und einer Location.

      Teds Wohnung hatte ein großes Zimmer mit einer kleinen, offenen Küche, und ein anschließendes kleines Schlafzimmer in das kaum mehr als ein Bett passte. Im Badezimmer konnte man sich geradeso umdrehen, außerdem war es in der ganzen Wohnung aufgrund schlechter Lage ziemlich dunkel. Es war nicht unbedingt… ein Ort, an dem man gerne seine Zeit verbrachte, aber mit ein paar guten Serien und Filmen ließ sich die Zeit schon überbrücken. Als Ted am Montag ins Büro kam, war er trotzdem froh, einen Tapetenwechsel zu haben.

      "Brown, ich hab heute einen Zahnarzttermin. Ich muss früher gehen", war die erste Begrüßung, die Ted erwartete. Er hing seine Jacke über den Stuhl an seinem Tisch und drehte sich herum zu einem dunkelhaarigen Jungen, der eine unangezündete Zigarette zwischen den Lippen hängen hatte. Ted runzelte die Stirn. Es heißt Detective Brown, wollte er sagen. Nimm die Zigarette aus dem Mund und tu wenigstens so, als hättest du Respekt vor mir.
      "Okay", sagte Ted. "Das hat nicht viel mit mir zu tun. Besprich das mit dem Captain"
      "Stopp", kam es von der Seite, als der Azubi sich gerade umdrehte. Richard kam aus dem Kopierraum mit einer Kiste voll Papier und ließ sie mit einem Knall auf seinen Tisch fallen. "Hast du sie noch alle?", wetterte er gegen den Jungen, obwohl er noch ein paar gute Meter entfernt war. Ted war sich nicht sicher, ob er sich einmischen wollte. Als Richard aber noch lauter wurde, beschloss er, aus dem Weg zu gehen.
      "Spuck die scheiß Zigarette aus und mach was gegen dein Verhalten. Wenn ich dich nochmal erwische, wie du jemanden hier ohne Rang ansprichst, knall ich dir eine" Der Azubi sah verschreckt aus, öffnete kurz den Mund, schloss ihn wieder, nickte und fing sich noch ein: "Hau ab und mach dich irgendwie nützlich!" ein, bevor Richard ihn endlich in Ruhe ließ. Ted konnte das selbst kaum ertragen. Richard hatte offensichtlich keine Angst vor Konsequenzen.
      Zu Teds Unglück schien Richard heute außerdem schlecht drauf zu sein, oder so, denn er wandte sich gleich an ihn. "Sag mal, wie zur Hölle bist du eigentlich zum Ausbilder geworden?", spuckte er förmlich. "Mit deiner Hilfe ist die nächste Generation an Helden ein Haufen inkompetenter, verzogener Arschlöcher"
      Ted überlegte, ob er sich die Aussage gefallen lassen sollte, und entschied sich schließlich für ein knappes: "Indem ich Kindern nicht androhe, sie zu verprügeln"
      "Ich hab ihm nur angedroht, ihm eine zu klatschen und glaub mir, das braucht er dringend, so wie er aussieht. Und wen nennst du ein Kind? Von einem 22-Jährigen kann man ein normales Ausmaß an Respekt erwarten", konterte Richard. Er lehnte sich an Teds Tisch. Nach einer ganzen Weile, in der keiner von ihnen etwas sagte, meinte Richard: "Ich hab schlechte Laune. Deine Azubis gehen mir auf den Sack"
      Ted sah ihn wieder an und blinzelte. "Das fällt kaum auf, wirklich", meinte er sarkastisch. Er schwieg, dann fragte er: "Aber es ist 8 Uhr Morgens, also hab ich das Gefühl, es liegt nicht nur an den Azubis. Von denen sowieso… erst einer da ist" Ted sah sich kurz um und realisierte, dass er vielleicht wirklich etwas stärker durchgreifen musste. Er hatte nur keine Energie mehr für so etwas.
      "Nein", seufzte Richard und verschränkte die Arme. "Mein Freund muss seinem psychotischen Verbrecher von einem Bruder noch von unserer Beziehung erzählen, wieso auch immer, und ich warte nur darauf, dass er aus Panik das Land verlässt, oder so", erklärte er.
      Ted verschluckte sich aus dem Nichts und brach in einen kleinen Hustenanfall aus. "Oh", machte er erstickt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Richard ausgerechnet heute wie aus dem Nichts damit herausplatzen würde, als hätte er Ted schon längst davon erzählt. "Ah- ähm- dann… viel Glück dabei", meinte er, weil er keine Ahnung hatte, wie er darauf reagieren sollte. Ein Verbrecher? May hatte die seltsame Familienkonstellation von Richards Freund nicht erwähnt.
      "Danke", antwortete Richard, dem es offensichtlich egal war, wie und was Ted darauf antwortete. Er sah Ted einen Moment lang an. "Ich kann dir auch eine knallen, wenn es hilft"
      "Huh?"
      "Dich in den Schlaf schicken. Damit du nicht mehr aussiehst, als wärst du vor drei Tagen gestorben"
      "Ah… hah…" Ted konnte nicht anders, als etwas zu lachen.
      "Du solltest deinem Quacksalber mal sagen, dass er Gummibärchen kleinen Kindern verschreiben kann und nicht einem Kerl, dessen Augenringe bis zum Boden hängen", meinte Richard. Ted war beinahe gerührt von der Sympathie, die hinter diesen schroffen Worten verborgen lag. Vielleicht zu gerührt. Er hatte das Gefühl, gleich wieder losheulen zu können. "Oh, Gott. Wenn du heulst, geh bitte ganz weit weg von mir und schau zu, dass deine Azubis dich nicht sehen", murrte Richard.
      "Meine Exfrau heiratet ihren Mechaniker", murmelte Ted. Darauf wusste sogar Richard erstmal nichts mehr zu sagen. Es war wieder still zwischen ihnen. Das Geschnatter ihrer Kollegen war ohrenbetäubend. Richard spürte das anscheinend auch, stützte sich vom Tisch ab und nickte Ted zu, mit ihm in den Pausenraum zu gehen. Ted folgte ohne Widersprüche, er brauchte sowieso einen Kaffee, bevor er irgendetwas tun konnte.
      Während er die Maschine einschaltete, schien Richard zu überlegen, ob er das Thema überhaupt weiterführen sollte. Ted nahm ihm die Entscheidung ab. "Mein Kind hat mich gefragt, ob ich zur Hochzeit kommen kann. Ich schätze mal, die Lage ist zuhause jetzt noch seltsamer, als bei mir, also bin ich als Elternteil wieder im Rennen. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll"
      "…Und, gehst du zur Hochzeit?"
      "Isla hat mich gefragt, also kann ich schlecht Nein sagen. Ich weiß aber nicht, ob Grace weiß, dass Isla mich eingeladen hat. Gott, wird das ein seltsamer Tag", murmelte Ted und verzog das Gesicht.
      "Nimm doch jemanden mit, dann kannst du deiner Ex wenigstens demonstrieren, dass du ohne sie besser dran bist. Ich meine, besser, als dass sie dein erbärmliches Wesen sieht", erwiderte Richard.
      Ted drehte sich herum und sah Richard, der auf der Couch saß und nebenbei auf dem Handy tippte, angewidert an. "Du meinst ein Date? Was haben alle mit Dates? Ich bin seit zehn Wochen geschieden und den einzigen Rat, den andere für mich haben, ist, dass ich wen Neuen finden soll? Lebt ihr alle noch in der Realität?"
      Richard sah mit offenbar geweckter Neugierde von seinem Handy auf. "Ach ja? Wer hat das noch gesagt?", fragte er interessiert.
      "May"
      Richard grinste. "Klar hat sie das, jetzt wo sie April hat. Vielleicht wird sie doch nicht zölibatär", schmunzelte er.
      Ted wusste nicht mehr, wie er das Gespräch fortführen sollte. Richard konnte einem wirklich die komplette Lebensenergie rauben, indem er nur einmal den Mund öffnete. Okay, Ted hatte schon irgendwie vermutet, dass zwischen den Frauen etwas lief, aber er wollte darüber nicht mit Richard reden. Das konnte in keine gute Richtung gehen.
      "Danke für deine Hilfe, Richard. Ich überlege es mir", murmelte Ted monoton und leerte sich einen Schluck Milch in den Kaffee, bevor er sich wieder zu seinem Schreibtisch begab. Er brauchte dringend stärkere Medikamente. Langsam sah er nicht mehr bloß aus wie eine Leiche, sondern fühlte sich auch wie eine. Heute Abend würde er mit Dr. Hawk mal etwas ehrlicher sein.
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