The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • April

      Okay, May schien wirklich von der Idee überzeugt zu sein. Weitaus mehr, als April wahrscheinlich, sie sah in dem ganzen vorerst immerhin nur eine nette Abwechslung vom Alltagstrott, den sie sich über die letzten Jahre angeeignet hatte. Außerdem musste sie irgendwie damit klar kommen, May viel öfter um sich zu haben, als vorher und das, nachdem sie sich geküsst hatten, was April einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. Also besser ein paar übertrieben positive Gedanken machen!
      Ja, mit May zusammenzuziehen wirkte fantastisch und April freute sich trotz der ganzen Verwirrung, aber May schien fast wortwörtlich zu strahlen. Süß, eigentlich. Dass jetzt doch alles so schnell ging, war aufregend, im absolut positiven Sinne. Es war unerwartet und damit konnte April immer schon wundervoll umgehen. Außerdem war es absolut praktisch!
      “Du musst nicht-”, setzte sie an, bemüht, May nicht direkt komplett für sich zu beanspruchen, bevor sie realisierte, dass sie im Grunde keine Alternative hatte, bei der sie ihre Würde irgendwie bewahren würde. Nicht, dass sie noch viel davon übrig hätte, oder sonderlich darauf achten würde, aber vormittags im Glitzerkleidchen, oder zu großen Klamotten in der Bahn zu sitzen, wollte sie dann doch gerne vermeiden, wenn sie konnte. Vorausgesetzt, May würde auf dem Weg zum Hotel nicht realisieren, dass das doch alles eine blöde Idee wäre. Aber das konnte auch passieren, wenn April alleine losziehen würde, oder?
      “Es wäre super lieb, wenn du mich fahren könntest”, korrigierte sie also mit einem Lächeln. Es würde schon alles ganz perfekt werden!

      Es dauerte ein kleines bisschen, bis sie im Auto saßen, aber das Hotel war am Ende nicht so extrem weit weg, wie April gedacht hatte. Sie verbrachte die Fahrt damit, abwechselnd auf ihr Handy zu gucken und irgendwie zu versuchen, May, die wirklich auffällig euphorisch war, ein wenig zu bremsen. Was schwer war, wenn Caleb ihr kryptische Nachrichten schickte und May sich nicht bremsen lassen wollte. Wenigstens kam April in den Luxus, Caleb zu schreiben, dass sie gerade dabei war, bei May einzuziehen und dann ihr Handy auszuschalten, bevor sie die - zweifelsohne entweder sehr bissige, oder extrem richtende - Antwort lesen musste. Okay, ein bisschen unfair vielleicht, gemessen daran, dass ihre letzte Nachricht an ihn 'Sie ist die Frau meiner Träume, ich bin gerade dabei, bei ihr einzuziehen' war, aber hey, was hatte er erwartet, nachdem er reichlich spät gefragt hatte, wo sie übernachtet hatte? Wahrscheinlich sollte sie das Handy wirklich in der Tasche lassen, bis er die Mail bekommen hatte, dass sie aus dem Hotel ausgecheckt war.

      Nach der Fahrt kam ihr das Zusammenpacken seltsam kurz vor. Durch das ganze Reisen war ihr Gepäck sowieso immer schon ziemlich übersichtlich gewesen, aber wenn sie sich ihren kleinen Koffer so ansah war sie sich plötzlich seltsam sicher, dass May nicht mal merken würde, dass sie überhaupt bei ihr eingezogen war. Wahrscheinlich wäre eine zusätzliche Zahnbürste alles, was man von ihr finden würde.
      "Ich glaube, das war alles", verkündete April, während sie einen letzten Blick in den Schrank warf. Sie hatte das Kleid mittlerweile gegen Leggins und Sweatshirt getauscht, mittlerweile alles dreimal durchgeschaut und den Koffer problemlos zubekommen. "Bist du dir immer noch sicher mit dem Zusammenziehen? Keine Bedenken?", sicherte sie sich noch mal ab, während sie nach dem Koffer griff und sich nochmal im Hotelzimmer umsah. Gerade war es irgendwie fast traurig zu gehen. Irgendwie hatte sie sich eingelebt.
    • May

      Das letzte Mal, als May Fuß in dieses Hotelzimmer gesetzt hatte, waren seltsame Dinge passiert. Sie bekam nahezu auf der Stelle ein Flashback davon, wie sie in der Dusche ihrer Klientin gestanden hatte, weil ihre Haare von Kaffee getrieft hatten. Waren sie irgendwie dazu verdammt, in seltsame Situationen zu kommen? Während May April beim Einpacken zusah, wurde ihr sehr bewusst, dass sie kurz davor standen, zusammenzuziehen. Was… alles andere als normal war, und May wusste schon wieder nicht, was über sie gekommen war, aber sie hatte keine Intention, April jetzt noch daran zu hindern. Irgendwie wollte sie das alles ja. Sie hatte sich auch nicht geweigert, hier zu duschen, Aprils Klamotten zu tragen, mit ihr im Bett zu kuscheln und zusammen eine Serie anzusehen. Irgendwas übersah May. Warum kam sie nur in diese Situationen? War sie so ein Push-over? Sie hatte sich eigentlich immer sehr gut durchsetzen können. Aber ihr Durchsetzungsvermögen schwankte bei April enorm.
      May wärmte ihre Hände in den hinteren Taschen ihrer Jeans, denn sie waren nichtmal lange genug hier gewesen, um sich vollständig aufzuwärmen, und ihre Autoheizung hatte irgendein Problem (kein Wunder, wenn es so lange herumgestanden hatte), bevor April auf einmal schon fertig war. Was Sinn machte, wenn man bedachte, dass April eigentlich eher für einen Urlaub hier gewesen war. Der jetzt… definitiv zu etwas fixerem wurde.
      „Oh. Okay. Fahren wir“, sagte May einfach und nickte zur Tür während sie sich umdrehte. Sie stockte erst, als April ihr eine Frage stellte. Und sie sah die Kleinere wieder an. Sie zögerte eine Weile, bevor sie antwortete, nur, weil sie die richtigen Worte finden wollte.
      „Ja. Ich hab dich gerne in meiner Nähe. Und es ist praktisch für dich. Es spricht nichts dagegen. Oder hast du Bedenken?“ May hoffte gerade irgendwie viel zu sehr, dass April keinen Rückzieher machen würde. Das war alles so… seltsam. May mochte sie doch nur als Freundin, oder? Sie war bisher nur noch nie so anhänglich gewesen, wenn es um eine Freundschaft ging. Aber April war auch besonders. Also war es wohl verständlich.
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    • April

      "Oh, ich habe extreme Bedenken - das macht das alles ja gerade so gut!" April grinste, während sie den Koffer zur Tür rollte und sich ihre Jacke schnappte. So fancy May mit ihrer großen Wohnung auch sein mochte - die Heizung im Auto hatte zu Wünschen übrig gelassen. Nicht, dass April noch irgendeinen Wunsch frei hätte. Im Gegenteil, irgendwie hatte sie das Gefühl, dass der Zusammenzug mit May sämtliches Glück für den Rest ihres Lebens aufgebraucht hatte. Ab jetzt konnte es nur bergab gehen. Besser ging es gar nicht mehr!
      "Na komm, Maiblümchen." April konnte sich ein kleines Zwinkern nicht verkneifen, während sie die Zimmerkarte aus dem kleinen Kästchen neben der Tür zog und damit den Strom abstellte. Zum letzten mal, offenbar. Irgendwie fühlte es sich immer noch ein bisschen seltsam an, das Zimmer einfach hinter sich zu lassen. Sicher, April war es vollkommen gewohnt, von einem Zimmer zum nächsten zu wandern, von Couch zu Couch, oder Bett zu Bett, aber bisher hatte sich das irgendwie immer nur bei Leuten ergeben, die es selbst gewöhnt waren, immer mal wieder Übernachtungsgäste zu haben. May schlug vollkommen aus der Reihe und sie wusste immer noch nicht ganz, ob das sehr, sehr gut, oder absolut schlecht war.
      Der Check Out ging relativ unkompliziert. Sie gab die Karte an den jungen Mann hinter dem Empfang zurück, versicherte, dass das Zimmer absolut wundervoll gewesen war und sie jederzeit gerne zurück kommen würde - als ob sie sich das je leisten könnte - und schon stand sie wieder neben May auf der Straße und atmete tief durch. Leider war es immer noch nicht wärmer geworden. Langsam freute sie sich wirklich auf den Sommer, wenn sie keine Jacke mehr brauchen würde.
      "Irgendwie müssen wir das feiern", merkte April an, während sie den Koffer in Mays Kofferraum hob und anschließend um das Auto herum ging, um einzusteigen. "Also nicht feiern feiern, mit Alkohol und so, aber...irgendwas halt. Das fühlt sich alles viel zu langweilig an." Eigentlich sollte ein Einzug ja keine Nachmittagsbeschäftigung sein, oder? "Wir brauchen einen Kuchen, oder so. Vielleicht ein bisschen Konfetti." Und am liebsten noch irgendjemand anderen, dem sie erzählen könnten, wie toll es war, dass sie jetzt zusammen wohnten, damit sie sich das nicht nur gegenseitig versichern mussten, aber April hatte nicht das Gefühl, dass sie jemanden kennen würde, der sich für sie mitfreuen würde. Sie traute sich immer noch nicht, ihr Handy wieder anzuschalten und sich Calebs Reaktion durchzulesen.
      "Oder wir gehen ins Kino, oder so. Irgendwas muss uns doch einfallen!", schlug sie schließlich vor. "Oder wir fahren in das nächste Möbelgeschäft und suchen uns zusammen ein Bild aus, das wir irgendwo hinhängen, oder so." Was machten normale Menschen, wenn sie eine WG gründeten?
    • May

      May sah April etwas perplex hinterher, bevor sie ihr folgte. Was war gut daran, Bedenken zu haben?! Sie überlegte bereits, ob sie April fragen sollte, was die Bedenken waren, und ob sie ihr irgendwie helfen konnte, aber sie wusste jetzt schon, wie gleichgültig April auf so etwas reagieren würde und außerdem musste sie sich selbst ihre Bedenken aktiv ausreden. Das würde schon alles… werden. Ja.
      Am Weg zurück zum Auto überflutete die Jüngere sie ohnehin sofort mit Ideen zum Feiern. Und May konnte sich nur allzu gut vorstellen, wieso Alkohol, abgesehen von ihrem Kater, gerade nicht auf der Liste stand.
      May hörte zu, überlegte, und beschloss ihrer praktischen Veranlagung nachzugeben. „Ein Möbelgeschäft klingt nach einer guten Idee. Du musst ja nicht direkt groß einkaufen, aber vielleicht finden wir ein paar Zierkissen oder eine Pflanze, die dir gefällt, damit du dich wohler fühlst“, stellte sie fest und nickte. Das würde ein paar von Aprils Bedenken vielleicht auflösen, oder? Sie konnte sich in dem Zimmer einrichten, wie sie wollte.
      „Danach können wir noch immer ins Kino. Oder Pizza bestellen“ Auf einmal schlich sich ein Grinsen auf Mays Lippen, das sie nicht zu unterdrücken schaffte. Sie… konnten jederzeit ins Kino gehen, das musste nicht heute sein. Sie konnten ab jetzt immer ins Kino gehen, wenn ihnen danach war. Freute April sich darüber genauso sehr wie May?
      Nach einem kleinen Kontrollblick zur Seite wagte May es dennoch nicht, nachzufragen. Irgendwie hatte sie das Verlangen, ihre Freude zu verheimlichen. Nicht, dass sie besonders gut darin war, Dinge zu verheimlichen.

      April und sie machten mit dem Auto noch einen Stopp in der Wohnung, um eine Kleinigkeit zu essen, April eine Chance zum Auspacken zu geben und allgemein einen Blick in das doch recht große, ziemlich leere Schlafzimmer zu werfen. May hätte einige Ideen, wie man den Raum aufhübschen könnte, aber es war dafür vermutlich zu früh. Ein Schminktisch, wie er in Aprils Hotelzimmer gestanden hatte, wäre außerdem für den Anfang vermutlich zu teuer und ein zu starkes Commitment. Aber ein Teppich… ein Teppich wäre gut. Und vielleicht ein wenig Deko. Teelichter? Vielleicht hatte April auch Bilder, die sie ausdrucken könnten, um sie aufzuhängen.
      Sie machten sich relativ schnell wieder auf den Weg, da an einem Samstag ohnehin die Hölle im Geschäft los sein würde, und so konnten sie den ganzen Nachmittag für ihren Trip einplanen. May liebte solche Ausflüge. Ein Apartment einzurichten und jede Ecke sinnvoll zu nutzen war eine Aufgabe, die Planung erforderte, und auch wenn es dafür noch zu früh war, ratterten die Zahnrädchen in ihrem Kopf bereits.
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    • April

      Die Aussicht auf eine Pizza nach dem Shoppen war alles, was April brauchte, damit der Tag automatisch zum schönsten ihres bisherigen Lebens wurde. Was vielleicht bedeutete, dass sie an ihren Ansprüchen arbeiten sollte, aber darauf kam es gerade zum Glück absolut nicht an. Zuerst müsste sie an ihrem neuen Zimmer arbeiten, womit sie wohl schon genug vor der Brust hatte. Das Zimmer war groß, im ähnlichen Stil wie der Rest der Wohnung gehalten, wenn auch deutlich neutraler. Es wirkte weniger eingelebt, als viel mehr...leer. Ihr Koffer wirkte fast fehlt am Platz, als sie ihn neben der Tür abstellte, um ihr Handy schlussendlich doch wieder anzuschalten und sich eine Liste mit Dingen zu machen, die sie brauchen würde. Sie ignorierte Calebs Nachrichten, die im munteren Staccato auf der oberen Hälfte ihres Displays auftauchten.
      Natürlich würde sie nichts großes für das Zimmer holen. Sie brauchte keinen weiteren Schrank, oder einen Schreibtisch, oder so. Aber vielleicht wirklich ein paar Bilder, oder zumindest etwas buntere Vorhänge. Was auch immer sie mit ihrem schmalen Budget hinbekommen würde. Hauptsache, May würde alles schnell genug wieder los bekommen, wenn es April doch irgendwann wieder in die Ferne rufen würde. Was ein viel zu deprimierender Gedanke war.

      "Vielleicht sollten wir uns an irgendein DIY für den Flur wagen", merkte April an, während sie kurze Zeit später in das nächstgelegende Möbelhaus eintraten. "Irgendwas, was so hässlich ist, dass es wieder süß aussieht. Kannst du Makramee? Ich weiß nicht mal, wie man das schreibt, aber das wäre perfekt! Man kommt in die Wohnung rein und denkt sich sofort 'Mit den beiden kann irgendwas nicht stimmen'." Sie strahlte, als ob das etwas vollkommen positives wäre. Für April war es das irgendwie auch. Während andere gerne ernst und wichtig wirken wollten, hatte sie feststellen müssen, dass das Gegenteil meist viel praktischer war. Wer würde schon davon ausgehen, dass das niedliche, verdrehte Mädchen etwas stehlen würde?
      "Oh, oder irgendwas mit Trockenblumen. So was spießiges halt!", fuhr sie fort, während sie die Gänge entlang ging, vorbei an Bett, Sofa und Tisch. Irgendwie waren Möbelhäuser schon cool. Es war bunt und durcheinander und alle möglichen Menschen schafften es, den genau gleichen 'Ich wäre gerade wirklich lieber irgendwo draußen' Gesichtsausdruck zu machen, während sie Stühle verglichen. Vielleicht sollten sie generell öfter herkommen.
    • May

      Makramee? Das waren doch diese… verknoteten Stoffteile, nicht? May ließ sich das einen Moment durch den Kopf gehen, unsicher ob sie mit dem Gesichtsausdruck eher Richtung Ekel oder Gleichgültigkeit kippen sollte. „Eh… In dein Zimmer kannst du hängen, was du willst, und im Gang will ich ein Veto“, stellte sie fest. Auch wenn sie sich noch nicht sicher war, ob sie das Veto beim Makramee einsetzen würde, so enthusiastisch wie April ihre Vorschläge brachte.
      Im Gegensatz zu den meisten Leuten verbrachte May ihre Freizeit gerne zwischen Tischen und Waschmaschinen. Vielleicht, weil es so selten passierte. Aber sie genoss jeden Schritt den sie in Richtung der für sie nützlicheren Abteilungen machten.
      „Ich dachte mir, ich kaufe einen Teppich. Für dein Zimmer. Das wollte ich sowieso schon ewig, also bezahle ich den. Und ich schenke dir eine Pflanze für den Einzug, die kannst du aussuchen“, begann May ihre Zielorte zu planen. „Was hältst du von einer netten Bettwäsche und Zierkissen?“ Sie blieb einen Moment stehen, um sich einen Pfannenwender aus Edelstahl anzustehen. Schön… Sie kochte kaum, aber trotzdem schön. „Ich guck mal kurz zu den Töpfen-“, kündigte sie April bereits an, als sie auf einmal seitlich angestoßen wurde.
      „Oh- oh, tut mir leid- May?“
      May drehte den Kopf herum, zu dem Mann, der offensichtlich genauso begeistert von Pfannenwendern war und sie deshalb nicht gesehen hatte. „Ted… hi“, murmelte sie, als sie ihn erkannte. Hörbar unbegeistert. Nicht, weil sie Ted nicht mochte, sondern weil er ihren glücklichen Nachmittag mit April unterbrach.
      „Ich hab dich noch nie in… was anderem, als einem Blazer gesehen“, meinte er etwas stutzig und betrachtete kurz Mays dünnen Strickpullover.
      „Huh?“, fragte sie irritiert. War das wichtig? Konnte sie jetzt gehen? Sie wollte sich die Töpfe mit April ansehen.
      „Oh…“, machte Ted und trat einen Schritt zur Seite, damit May an ihm vorbei in den Gang gehen konnte. Sie zog April mit sich. „Ah! Du bist nicht alleine hier“ Ted lächelte leicht. „Hi, ich bin Ted, ich arbeite ab und zu mit May… Ähm… Dann lasse ich euch alleine“ Er war ein wenig seltsam drauf, irgendwie wuselig, und May würde der Sache an jedem anderen Tag vermutlich nachgehen, aber sie hatte zu tun! Wichtiges. Also lächelte sie ebenfalls leicht, wenn auch etwas offensichtlich abweisend weil sie schließlich andere Dinge im Kopf hatte, und drehte sich ganz einfach weg um die Töpfe anzusehen. „April, kochst du gerne? Ich glaube ich brauche einen neuen Wok“, meinte sie.
      „April?“, kam es schon wieder von der Stimme, von der May jetzt eigentlich überzeugt gewesen war, sie frühestens Montag wieder zu hören. „Ah, also bist du die Klientin? Ich hab Richard vor einiger Zeit mal… beim Telefonieren gehört. Nicht, dass ich gelauscht hab, oder so, er redet einfach verdammt laut, weißt du? Wie, als würde er alleine auf der Welt leben oder so, haha…“ Ted lachte leicht, klang leicht verzweifelt und May verzog das Gesicht. Mussten sie jetzt ein Gespräch führen? Sie sahen sich doch sowieso viel zu oft nach Feierabend! Sie wollte doch nur… Ach, Mann.
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    • April

      "Veto abgelehnt", verkündete April frohgelaunt, bevor sie kurz nickte, als May den Teppich und die Pflanze erwähnte. Hoffentlich hatte sie nichts gegen Plastikpflanzen, alles andere würde bei April binnen Sekunden verkümmern. Obwohl sie sich vielleicht ein bisschen mehr Mühe geben würde, wenn die Blume von May kam. Vielleicht war das die Motivation, die sie brauchte, um ihren supergrünen Damen zu entdecken! Oder vielleicht würde sie die Pflanze in ein paar Tagen unauffällig verschwinden lassen müssen. Sie würde sehen.
      April hatte keine Chance, May davon in Kenntnis zu setzen, dass sie tragischerweise kein Zierkissen-Typ war, bevor May plötzlich von der Seite angerempelt wurde. Offenbar von jemanden, den sie kannte, weshalb April den bissigen Kommentar, der ihr auf den Lippen lag, wieder runterschluckte und ihn stattdessen nur kurz musterte. Er sah...fertig aus. Ein bisschen. May arbeitet wirklich mit seltsamen Leuten zusammen - April selbst eingeschlossen. Sie winkte trotzdem mit einem fröhlichen "Hi!" zurück, als Ted sich vorstellte. Zum Glück schien es bei einem kurzen Gespräch zu bleiben, was April nicht gerade unlieb war. Töpfe waren zwar auch kein Highlight, aber wenigstens lag eine Pizza am Ende des Tunnels, was - Oh Gott, war April wie ein Kind, das man mit einem Happy Meal dazu bringen konnte, alles mitzumachen?
      April wurde aus ihrer Selbsterkenntnis gezogen, als Ted sie erneut ansprach. Offenbar würde das Gespräch sich doch noch etwas ziehen. Sie nickte kurz, als Ted sie als Mays Klientin identifizierte und ignorierte, dass das die ganze Situation irgendwie nur wieder seltsamer machte. Nicht nur, dass sie sich hier trafen, sondern auch den Einzug.
      "Genau", stimmte sie kurz nochmal zu, bevor der Kommentar zu Richard sie kurz zum lachen brachte."Oh, den durfte ich gestern kennen lernen", merkte sie an. "Allerdings in einem Club, da muss man laut reden, wenn man nicht gerade Scharade-Weltmeister ist." Obwohl sie keinen sonderlich schlechten Eindruck von ihm gehabt hatte. "May hilft mir so wundervoll dabei, meine Unschuld zu beweisen, dass ich sie jetzt irgendwie dazu überreden will, sich den hässlichsten Teppich zu holen, den wir finden können. Wonach suchst du?"
    • Ted

      Ted war nicht dumm. Er sah den etwas überforderten, ablehnenden Blick in den Augen der Anwältin, den er sonst sah, wenn sie sich über ihre Mutter beschwerte oder wenn Richard seinen Mund öffnete. Er sah es, er akzeptierte es, er wollte gehen. Oder zumindest redete er sich das ein. Er wusste, dass May ein liebenswerter Mensch war, und dass man ihr alles im Gesicht ablesen konnte. Dass er es trotzdem ein wenig persönlich nahm, konnte er nicht ändern. Und doch schien sein Gehirn in einem Kurzschluss das Ganze ausreizen zu wollen. Vielleicht war es die Umgebung — die etlichen Pärchen, die sich über die richtige Geschirr-Farbe stritten und ihr erstes gemeinsames Bett kauften. Es war… ja, das war es definitiv. Genau deshalb legte sich, nach erstmaliger Irritation über Aprils Antworten, ein deutlich erkennbarer trauriger Schleier über sein Gesicht.
      „Ich, äh… äh… Besteck, eigentlich“, murmelte er. Es war ihm derartig peinlich, überhaupt hier zu sein, dass er die Worte kaum hervor brachte. Wahrscheinlich sah es nicht so seltsam aus, wie er dachte, und niemand hier konnte seine Gedanken lesen, aber für ihn war es das höchste Maß an Demütigung, dass er mit 48 Jahren nach Besteck suchte, als wäre er gerade in seine allererste eigene Wohnung gezogen. Er hatte Besteck. Messer und Gabeln und sogar einen Pizzaschneider, aber nichts davon würde er je wieder sehen, weil seine Frau der Meinung war, er hätte nichts davon gekauft. Was nicht stimmte und- Sie war nicht seine Frau. Exfrau. Exfrau war das Wort, das ihm bitter auf der Zunge lag.
      Ted fand keinen anderen Ausweg aus diesen Gedanken, die normalerweise sowieso 24 Stunden am Tag sein Leben einnahmen, sodass er lieber zurück zur Irritation von vor zwanzig Sekunden wollte.
      „Teppich…?, fragte er verwirrt nach und schwenkte mit dem Blick zu May, die ihn ebenso starr zurück-ansah. Sie sah nicht aus, als wollte sie die Situation erklären. „Moment, du warst mit Richard in einem Klub?“, ruderte Ted auf einmal zurück. „Wieso…“ Er stockte. „Entschuldige, ist nicht meine Angelegenheit“ Er ging davon aus, dass April eine von Richards… Bekanntschaften war. Was ihm am logischsten vorkam und sich ihm dennoch nicht ganz erschloss, weil er sich ziemlich sicher gewesen war, dass er mittlerweile eine Freundin oder sowas haben musste. Aber vielleicht war das ja April. Und jetzt… freundete sie sich aus irgendeinem Grund wohl mit May an. Nope, da stimmte etwas nicht.
      Er verzog nachdenklich das Gesicht und vergaß schon wieder, dass er sich gerade eben noch fürs Einmischen entschuldigt hatte. „Also… ziehst du um, May? Oder brauchst du… einfach dringend einen Teppich?“, fragte er vollkommen verloren.
      May zögerte. Aber nur kurz. Sie schien sich entschieden zu haben, die Umstände doch noch zu erklären.
      „April zieht bei mir ein und wir richten mein 2. Schlafzimmer deshalb her. Wir verstehen uns sehr gut und das war eine praktikable Entscheidung. Später bestellen wir Pizza zum Feiern“
      Sie ratterte diese Erklärung derart roboterhaft herunter, dass Ted sich kurz fragen musste, ob sie von ihrer Klientin als Geisel gehalten wurde, aber April sah ziemlich normal und… okay, vielleicht etwas zu glücklich aus.
      „Ah… das ist doch super“, sagte Ted, versucht euphorisch, aber er scheiterte. „Pizza? Hier ist in der Nähe eine Pizzaria. Wenn ihr feiern wollt, lade ich euch gerne auf eine Runde… irgendwas ein, was auch immer ihr wollt“ Woher kam dieser Vorschlag nochmal? Aus dem penetranten Verlangen, nicht alleine zu sein oder um May, die immer ziemlich freundelos wirkte, zu diesem offensichtlich großen Schritt zu gratulieren?
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    • April

      Hatte May eigentlich einen einzigen Kollegen, der nicht irgendwie ein bisschen schräg war? Seltsamerweise hatte April Richard irgendwie als sympathischer empfunden, als Ted. Obwohl 'sympathisch' vielleicht nicht das richtige Wort war, immerhin hatte sie beide bisher nur kurz kennen gelernt, aber wenigstens hatte Richard sie nicht so runtergezogen. Ted hatte den selben leicht deprimierenden Schleier um sich, wie Caleb und I-Aah.
      Trotzdem wollte April der Einladung reflexartig zusagen. Einladungen auszuschlagen war ein ein Luxus, den sie sich bisher irgendwie nie hatte leisten können. Egal, wie seltsam die Person war, oder wie klar die Intention hinter der Einladung. Ein paar Pommes ausgegeben zu bekommen bedeutete, das Geld einen Tag weniger strecken zu müssen. April war nie gut mit Geld gewesen, aber diesen Grundsatz hatte sie verinnerlicht. Aber das galt gerade nicht mehr, oder? Sie war bei May. Sie musste sich keine Gedanken um Geld für eine Unterkunft machen. Sie konnte alles, was sie hatte, für Essen und Kleidung rausschmeißen. Außerdem wirkte May nicht sonderlich begeistert. Vielleicht sollte das der Hauptgrund sein, um abzusagen.
      "Äh...ich weiß nicht, wie lange wir jetzt brauchen, um nach einem Teppich und so zu schauen, aber das zieht sich bestimmt deutlich länger, als die Suche nach dem Besteck", merkte sie so diplomatisch an, dass sie fast ein bisschen stolz auf sich selbst war. Sie sah kurz fragend zu May. Ted war immerhin ihr Kollege, nicht? Auch, wenn April nicht wusste, in welchem Kontext - wie ein weiterer Anwalt sah er zumindest nicht aus.
      "Außer, du weißt schon ungefähr, was du willst?", schob sie etwas unsicher hinterher. Sie selbst hätte auf einen pinken Teppich gesetzt. Ab und an konnte man das Mädchen-Dasein auch mal raushängen lassen. Aber sie hatte keine Ahnung, wie Mays Meinung dazu aussah. Was ziemlich abenteuerlich war, gemessen daran, dass sie gerade dabei waren, zusammen zu ziehen.
    • May

      Das hatte sie gerade noch gebraucht. Sich selbst bei ihrer Entscheidung aufzuhypen war deutlich schwerer, wenn sie sie vor Außenstehenden laut aussprach. Es klang vollkommen irre, war es auch, aber sie hatte sich mit April gemeinsam irgendwie sehr erfolgreich einreden können, dass es das nicht war. Jetzt, wo Ted sie so irritiert ansah, kam ihr das langsam wieder in den Sinn. Glücklicherweise schien ihn absolut alles an der Situation gerade so zu verwirren, dass er kaum sinnvolle Rückfragen stellte, und May wollte eigentlich vermeiden, dass es noch dazu kam… Also wieso musste er ihnen jetzt ausgerechnet eine Einladung aussprechen?
      May nickte, als April ihr mit der Antwort zum Glück zuvorkam. Was sie sagte klang sogar ziemlich einleuchtend.
      „Ah, ich will euch auf keinen Fall stressen. Lasst euch Zeit! Ich hab noch ein paar andere Dinge auf meiner Liste“, lächelte Ted darauf hin und May überlegte, wie realistisch es war, dass Ted sich später umbrachte, wenn sie jetzt zu gemein ablehnte. Das Risiko erschien ihr relativ hoch.
      „Bist du sicher?“, fragte May zögerlich nach. „Könnte schon noch eine ganze Weile dauern“ Und wie es das würde. Sie wollte jede Sekunde in diesem Geschäft auskosten.
      „Klar, ich meine, dann könnt ihr mir später erzählen wie es zu diesem… Arrangement gekommen ist und was Richard damit zu tun hat und ich gebe euch zur Feier des Tages etwas aus“ Ted schien seltsamerweise ein bisschen weniger blass auszusehen während er das sagte. Er war in letzter Zeit echt ein Haufen Elend. May konnte sich vorstellen, dass das in die entgegengesetzte Richtung von Partystimmung gehen würde. Obwohl das vielleicht genau das war, was April und sie brauchten, um ihre ganz normale Freundschaft zu festigen… Wer wusste schon, was passierte, wenn sie später zuhause in zu feierliche Stimmung kamen.
      … Eigentlich war es schlimm genug, dass dieser Gedanke überhaupt in Mays Kopf schwirrte.
      „Okay, dann sehen wir uns später. Ich rufe dich an, wenn wir fertig sind, damit wir uns draußen treffen können“, meinte May diplomatisch. Sie wollte wenigstens die Zeit hier drin alleine mit April verbringen. In einem Möbelgeschäft würde ja kaum etwas unvorhersehbares zwischen ihnen passieren können.
      Sie verabschiedete sich von Ted indem sie April mit sich weiterzog und die Töpfe wohl oder übel hinter sich zurück ließ. Dann beugte sie sich zu April und flüsterte: „Ted arbeitet in Richards Dezernat. Er ist ein echt lieber Kerl, aber seit seine Frau ihn verlassen hat, ist er wie eine wandelnde Leiche drauf. Tut mir echt leid. Aber mit ein bisschen Alkohol besteht eine 50/50 Chance, dass er anfängt zu weinen oder richtig gut drauf ist!“ Zugegeben, die Aussichten wirkten nicht besonders gut, aber May konnte Ted auch nicht einfach so wegschicken. Sie waren Freunde, irgendwie, wenn man sowas als Freundschaft zählte. Und man sah ihm leider zu sehr an, dass jegliche Ablehnung ihn endgültig zerbrechen lassen könnte.
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    • April

      "Oh, das...merkt man ihm kaum an", kommentierte April Mays Erklärung, über Teds Scheidung trocken. "Er wirkte ein bisschen anhänglich", schob sie hinterher, während sie einen kurzen Blick zurück auf Ted warf. Eigentlich hatte sie nichts gegen anhänglich, man konnte sie selbst manchmal ja auch nur schwer los werden, aber das war...anders gewesen. Jetzt hatte sie fast ein bisschen Mitleid.
      "Denkst du, er weiß, dass Richard mit einem Mann zusammen ist? Vielleicht gleicht das ja unsere relativ, äh", April machte eine vage Handbewegung, während sie nach dem richtigen Wort suchte, "langweilige Erklärung zu unserem Zusammenzug wieder wett." Denn genau das war es eigentlich - langweilig. May hatte immerhin nicht gelogen, sie verstanden sich gut und zusammen zu ziehen hatte für beide nur Vorteile. Nicht mehr. Kein Drama, keine Beziehung, kein Plottwist. Eine WG, wie jede andere, nur, dass April immer noch überzeugt war, dass May der hübscheste Mensch auf dem Planeten war und sie sich betrunken geküsst hatten. Aber das konnte sie zum Glück wunderbar verdrängen. Sie dachte schon gar nicht mehr daran! Okay, ein bisschen vielleicht noch, aber auch nur, weil der Kuss eigentlich ganz nett gewesen war.
      Es würde Pizza geben! Vielleicht sollte April sich mehr darauf konzentrieren. Und auf den Teppich. Es gab viel zu viele Teppiche. Wer sollte sich da auch nur ansatzweise entscheiden können? April deutete mehr zufällig auf Teppiche, wahrscheinlich ohne May dabei eine große Hilfe zu sein. Am niedlichsten waren natürlich die Kinderteppiche, aber wahrscheinlich wollte die Anwältin eher ungerne einen Walfisch, oder eine Blume auf ihrem Boden liegen haben. April musste sich dringend darum kümmern, mehr Kitsch an May zu bekommen.
      "Geht ihr öfter Pizza essen?", fragte April, als die Teppiche langsam ihren Reiz verloren und dringend ein neues Thema hermusste. Sie war sich ziemlich sicher, dass May erwähnt hatte, dass sie ab und an mit ihren Kollegen was trinken ging. "Ihr müsst eine furchtbar seltsame Runde sein. Also objektiv betrachtet."
    • May

      May lächelte entschuldigend auf Aprils ironischen Kommentar hin. „Er ist auch ein bisschen anhänglich, zumindest in letzter Zeit. Laut Richard hat er sich nicht einmal bei der Arbeit richtig im Griff“, erklärte sie. Scheinbar hatte man ihn schon das ein oder andere Mal beim Heulen im Pausenraum erwischt. Er konnte einem schon echt leid tun. May wusste, dass er über zwanzig Jahre verheiratet gewesen war, und die beiden hatten sogar eine Tochter zusammen. So plötzlich ausziehen zu müssen war sicher hart, wenn man das Familienleben gewohnt war. Und dann ließ Ted sich anscheinend auch von seinen Azubis auf den Arm nehmen, weil sie kaum arbeiteten. Allerdings kam diese Info von Richard und der hatte bekanntermaßen seltsame Meinungen.
      „Oh, äh“, machte May überrascht, als sie auf einmal überlegen musste, ob Ted von Richards Beziehung wusste. War es überhaupt eine Beziehung? Sie hatte selbst nichts davon gewusst, und Ted arbeitete zwar enger mit Richard zusammen aber sie glaubte trotzdem nicht, dass Richard so etwas erzählte. Er hatte gern mit seinen One Night Stands angegeben, aber das war etwas anderes.
      Während sie sich durch die Teppichabteilung gruben überlegte May, was April unter ‚seltsam‘ verstand. Sie kamen gut miteinander aus, trotz ihrer Unterschiede. Die Treffen waren nicht seltsam, sie beschwerten sich meistens über Dinge, die mit ihren Jobs einhergingen, hörten Richard bei seinen ekelhaften Angebereien zu und in letzter Zeit auch Ted bei seinen depressiven Monologen. Alkohol machte alles ziemlich erträglich. May genoss diese Treffen, und sie waren außerdem nicht immer nur zu dritt, aber da die beiden oft an Fällen arbeiteten, die auch in Mays Gebiet fielen, sagen sie sich eben oft. Aber wenn April mit ‚seltsam‘ ihre Charaktere meinte…
      „Ich nehme an, es ist ein bisschen seltsam“, schlussfolgerte May. „Aber es ist okay, zumindest ist es unterhaltsam und wir teilen alle eine Liebe für Bier also wird es wirklich nie langweilig. Aber jetzt wo ich so drüber nachdenke sollte vielleicht mal jemand aufpassen, dass Ted nicht zum Alkoholiker wird“ Aber war das Mays Aufgabe? Ted sollte einfach mal eine Therapie machen, oder so, das würde bestimmt helfen.
      „Wir waren aber noch nie zusammen Pizza essen. Denkst du, es ist okay, Richards Beziehung anzusprechen? Es wäre zumindest interessant, Ted‘s Reaktion zu sehen. Die Tatsache, dass es jemanden gibt, der Richard auf die Art aushält, geht mir noch immer nicht ganz in den Kopf. Ich mag ihn, was ich selbst nicht ganz verstehe, aber definitiv nicht genug um ihn freiwillig nüchtern zu treffen“
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      April

      "Naja, heute können wir ja darauf aufpassen, dass er nichts trinkt", merkte April mit einem Schulterzucken an, während sie immer noch versuchte, sich die drei zusammen an einer Bar vorzustellen, oder an einem Tisch, oder generell im selben Raum. Irgendwie passten sie nicht zusammen. Ted war deutlich älter, als Richard und May. May wirkte irgendwie zu lieb für die beiden und Richard zu selbstbewusst. Drei Personen, die wahrscheinlich nichts miteinander zu tun hätten, wenn sie nicht zusammen arbeiten würden. Vielleicht ging April fester Arbeit genau deshalb aus dem Weg - damit sie sich nicht mit Leuten auseinandersetzen musste, die vollkommen anders drauf waren, als sie.
      Sie musste kurz auflachen, als May wieder zurück auf Richard und Calebs Beziehung kam. "Naja, ich werde Richard wahrscheinlich sowieso nur äußerst selten sehen und Cal kann mich eh schon nicht leiden, also hab ich nichts zu verlieren, wenn ich die Beziehung anspreche", merkte sie an. April hatte sich nie wirklich etwas vorgemacht, wenn es um ihre Beziehung zu Caleb ging. Sie war ihm zu überdreht, zu offen, stellte zu viele Fragen. Er half ihr, weil sie für ihn arbeitete, nicht aus Freundschaft heraus, oder so. Wenn er doch etwas mit ihr machte, dann nur, weil er keine Alternative hatte. Es war wie mit einem Kühlschrank, den man öffnete, kurz hinein sah, wieder schloss, die eigenen Ansprüche senkte und ihn wieder öffnete. April war nicht viel mehr, als ein Scheiblettenkäse, der zwar leicht über dem Verfallsdatum war, den man sich aber trotzdem reinstopfte, wenn man den Kühlschrank zum dritten mal geöffnet und immer noch nichts zufriedenstellendes gefunden hatte. Und das war okay. Mehr als okay - spannend. April hatte immer noch keine Ahnung, warum er der Party zugestimmt hatte.
      "Obwohl es Ted vielleicht nicht gut tut, wenn wir es ihm sagen", überlegte April laut weiter. "Ich meine, 'hey, sorry wegen der Scheidung, lass uns über ein Pärchen reden' ist wahrscheinlich nicht so gut, oder?" Sie ließ ihre Finger über den Teppich fahren und seufzte, bevor sie entschlossen aussah. "Egal. Vergiss das. Richard und Caleb sind ein seltsames Pärchen und ich habe Redebedarf. Das ist wichtiger. Und wehe, er kommt mit so einer 'Sollen sie doch' Nummer! Ich will das analysieren, interpretieren und was auch immer es noch mit -ieren gib!"
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      May

      „Okay, wenn du es ansprichst, mache ich dafür irgendetwas anderes für dich“, klärte May sich einen Deal, weil sie wirklich, wirklich wissen wollte, worüber Richard mit Ted normalerweise sprach und was seine Reaktion darauf wäre. Die beiden waren doch auch irgendwie Freunde, nicht? Zumindest sahen sie sich praktisch jeden Tag, was öfter war, als May. Und May konnte Richard bis heute nicht ganz durchschauen. War das alles bloß ein Act und er war privat mit engen Freunden ganz anders? Hatte er überhaupt enge Freunde? War er nur bei Frauen so seltsam drauf oder bei jedem Menschen? So viele Fragen. Vermutlich konnte May Richard auch gerade deshalb ganz gut leiden, weil sie auf all ihre Fragen keine Antworten hatte. Sie kannte ihn gut, aber nicht gut genug, um ein vollständiges Bild von ihm zu haben, und manchmal dachte sie, dass es wahrscheinlich besser so war. Außerdem musste sie Richard im Vergleich zu April noch deutlich öfter sehen. Ihre Neugierde ließ sie trotzdem nicht los, sie interessierte sich viel zu sehr für die Leben anderer Leute. Eine grauenvolle Angewohnheit und jedes Mal, wenn es ihr bewusst wurde, durchfuhr sie die Realisation wie ein Schauer, weil sie sich sofort in den Fußstapfen ihrer Mutter sah.
      „Ohh, Ted ist leider aber jemand, der zu allem ‚sollen sie doch‘ sagt“, sagte May mit einem entschuldigenden Lächeln, aber sie wollte April keine zu großen Hoffnungen machen in Ted jemanden zum Lästern zu finden. „Er bekommt für einen Detective erstaunlich wenig mit, wenn er nicht in erster Linie misstrauisch ist. Und bei seinen Kollegen, Freunden und Familie… Ich meine, er lässt andere echt auf sich herumtrampeln aber tappt währenddessen im Dunkeln. Irgendwie hat er mir schon immer ein bisschen leid getan. Er hat einfach keinen Grips. Und es ist ein bisschen herzbrechend, wenn solche Menschen dann nichtmal was tun, wenn es ihnen auffällt. Jedenfalls… ein ‚ah, wow, naja, sollen sie doch‘ könnte ich mir Wort für Wort so aus seinem Mund vorstellen“
      All diese Punkte ließen May plötzlich einsehen, dass jemandem wie Ted wahrscheinlich nichts besseres passieren konnte, als jemanden wie Richard als Freund zu haben. May konnte zwar auch ihre strenge Ader durchscheinen lassen, aber sie blieb dabei gerne rücksichtvoll und das würde sie oft wahrscheinlich zurückhalten, etwas überhaupt anzusprechen. Auch wenn sie ihm oft genug über ein paar Bier gesagt hatte, er solle seine Exfrau endlich vergessen weil er ohne sie besser dran war. May konnte sich allerdings gut vorstellen, dass Richard Ted einfach an den Kopf werfen würde, ob er eigentlich Augen im Kopf hatte, und dass er mal härter durchgreifen sollte. Hauptsächlich jedoch, wenn es um Arbeit ging, so wie sie Richard kannte. Hm. Wahrscheinlich konnte solchen Leuten wirklich nur mit Therapie geholfen werden. Ted hatte eine Opfer Mentalität, ob er wollte oder nicht. Irgendwann würde mal was schlimmeres passieren, als eine kaputte Ehe, und wie rappelte er sich dann wieder auf? Garnicht?
      „Hey, ich weiß, er hat keinen guten Eindruck gemacht, aber ich will ihn irgendwie aufmuntern“, murmelte May zu April, den Blick weiterhin geradeaus auf die nächste Abteilung fixiert. „Vielleicht werde ich einfach kostenlos seine Scheidungsanwältin. Ich meine, echt jetzt? Die Frau konnte ihm nichtmal ein paar Gabeln und Löffel lassen?“
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      April

      “Ah”, merkte April fast ein wenig enttäuscht an, als May erklärte, dass Ted wahrscheinlich eher weniger mitlästern würde. Was die ganze Sache natürlich sofort weitaus weniger interessant machte. Trotzdem konnte sie May verstehen. Ted hatte keinen schlechten Eindruck gemacht, nur einen…verlorenen und irgendwie wollte April ihn auch wenigstens etwas aufmuntern. Auch wenn das alles definitiv nicht ihre Baustelle war und May dringend bessere Kollegen benötigte.
      “Oh. Ich kann mir gut vorstellen, dass er es super finden würde, wenn du ihm helfen würdest. So deprimiert, wie er aussah, hat er sich da wahrscheinlich noch gar keine Gedanken drum gemacht…” Und sowas konnte sich ziehen, nicht? Zumindest las April das immer online. Eine Ehe war für sie eh nie in Frage gekommen, also hatte sie sich mit dem Thema Scheidung nie näher auseinandersetzen müssen. In der Hinsicht konnte das Leben wundervoll einfach sein.
      “Oh! Oh! Oh! Wie ist es mit dem Teppich?”

      Einen Teppich, zwei Bilder, ein Zierkissen und eine Topfpflanze, bei der April sich jetzt schon mental entschuldigte, später ließ April sich mit einem kleinen zufriedenen Seufzen auf einen der dunklen Holzstühle beim Italiener fallen. Langsam kamen die Kopfschmerzen zurück. Vielleicht war sie doch endlich in dem Alter, in dem sie nach einer Nacht voller Alkohol nicht mehr einfach eine Tablette einwerfen und weitermachen konnte, egal, wie unterhaltsam das Möbelshoppen auch war.
      Wenigstens war es nicht unangenehm. May und sie schienen den Kuss erfolgreich verdrängt zu haben. Es fühlte sich langsam gar nicht mehr so bescheuert an, bei May einziehen zu wollen, und ihre Konversationen wurden deutlich leichter. Und jetzt durften sie zusammen Seelsorge für Mays Kollegen betreiben. Wenigstens würde es bei ihr wohl nie langweilig werden.
      “Hast du Besteck gefunden?”, fragte April Ted über den Tisch hinweg, während sie die leicht abgegriffene Karte durchblätterte. Sie saßen nah am Fenster, May und April nebeneinander, Ted ihnen gegenüber. Es war angenehm voll - es waren genug Leute da, um sich nicht seltsam alleine und beobachtet zu fühlen, aber nicht genug, als dass es zu laut werden würde. Ein herzhafter Geruch lag in der Luft und ließ Aprils Magen knurren. Hoffentlich würde die Pizza nicht zu lange auf sich warten lassen.
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      Ted

      Er würde sich zukünftig alles Notwendige im Internet bestellen, so viel wusste Ted. Er hielt die Stimmung im Geschäft kaum aus. Alles, was er in seinen Einkaufswagen legte, weckte Erinnerungen und ließ einen bitteren Nachgeschmack zurück. Dazu an jeder Ecken Familien zu sehen machte ihn fertig. Besonders die mit kleinen Kindern. Er vermisste die Zeit, in der er mit Grace und einer winzig kleinen Isla Hand in Hand durch die Gegend gelaufen war. Isla hatte sich früher in Läden jedes Kuscheltier geschnappt, das in ihrer Reichweite war, und sie hatte gelacht und sich daran festgekrallt und dann eine Szene gemacht, wenn Grace und Ted ihr Grenzen setzen mussten. Heute würde Ted garnicht mehr davon träumen, Isla Grenzen zu setzen. Er würde sich gerne mit tausenden von Kuscheltieren ihre Sympathie zurück erkaufen, aber seit seinem Einzug vermied sie sogar, zu telefonieren. Ted machte nicht nur auf sich selbst einen miesen Eindruck, sogar seine Tochter musste ihn für wahnsinnig armselig halten und Ted konnte, auch wenn es ihm das Herz brach, irgendwie verstehen, dass sie Abstand hielt und seine lächerliche Wohnung nicht von innen sehen wollte. Aber er vermisste sie. Noch mehr als Grace. Und er vermisste auch seine 500 Pfund Matratze und die Siebträger-Kaffeemaschine.

      Nachdem er seine Einkäufe im Auto verstaut hatte und er endlich beim Italiener saß, konnte er sich von all dem Vermissen ein wenig besser ablenken. Er musste nur seine ganze Energie auf April und May lenken. Es war ein wenig bizarr, dass sie April und May hießen.
      "Besteck, Handtücher, Kleiderhaken… War ein erfolgreicher Einkauf. Wie sieht es bei euch aus? Braucht ihr für das Zimmer auch noch Möbel?", fragte er zurück und warf einen Blick auf die große Speisekarte. Er sollte Isla mal eine Nachricht schreiben und fragen, ob sie am Wochenende mit ihm Pizza essen gehen wollte.
      "Es ist eingerichtet, aber April kann meinetwegen alles neu einrichten, ich hänge an den Sachen nicht besonders", antworte May und warf April ein kleines Lächeln zu. Ted schwieg einen Augenblick.
      "Woher kennt ihr euch nochmal?", fragte er. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die beiden nach ein paar Wochen Zusammenarbeit auf einmal eng genug waren um zusammen zu wohnen. Besonders May konnte er nicht mit einer derartig spontanen Energie sehen. Sie war eher der vorsichtige Typ und Ted war sich ziemlich sicher, dass sie ihn nicht einmal als Freund sondern eher als Kollegen betrachtete, obwohl sie sich schon ziemlich lange, und sogar ziemlich gut kannten.
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      April

      "Gut, dass du fragst." April lächelte, während sie die Speisekarte vor sich legte. Wahrscheinlich würde es eh bei einer baisc-Pizza bleiben. Thunfisch, oder Salami, oder so. Aber das hier war wichtiger. Ted hatte ihr eine Möglichkeit gegeben, zu reden und die würde sie nutzen.
      "Also", setzte sie an, während sie ihre Hände auf dem Tisch übereinander faltete, fast so, als wären sie in einem Meeting und weniger bei einem lockeren Pizza-Essen. "Ich war auf einer Party. Furchtbare Party, nebenbei erwähnt, die Musik war schrecklich und der Champagner hat billig- warte, das ist voll irrelevant. Egal, irgendwann ist plötzlich das Licht angegangen und die Party wurde gestürmt, weil offenbar ein paar Leute dabei waren, die es mit dem Gesetz nicht ganz so ernst nahmen." Könnte man die Geschichte abkürzen? Höchstwahrscheinlich. Aber so hatte April noch nie getickt.
      "War mir eigentlich egal, weil ich nichts angestellt hatte, aber irgendjemand hat es wohl witzig gefunden, mir einen Stein unterzumogeln." Mittlerweile fuchtelte sie mit ihren Händen, als würde sie die komplette Geschichte zeitgleich pantomimisch darstellen. May hatte nur seltsame Freunde und sie würde offenbar dazugehören. "Also hatte ich eine wundervolle Rest-Nacht auf einem Dezernat, weil die Polizei davon ausgegangen ist, dass ich gestohlen habe. Blödsinn, natürlich. Wenn ich gestohlen hätte, dann nicht so unkreativ." Sie lachte kurz, als ob es sich dabei um einen Witz handeln würde. Es war keiner.
      "Zum Glück hat ein Freund von mir meine Kaution gezahlt und mich dann an May verwiesen und jetzt sitzen wir hier. Und weißt du, was das interessante an der Geschichte ist?" Sie lehnte sich kurz nach vorne, gerade so, als ob sie tatsächlich eine Antwort erwarten würde, auch, wenn Ted den Twist am Ende nie erraten könnte. Weil es ihn wahrscheinlich auch nicht interessierte, aber das konnte April zum Glück vollkommen egal sein.
      "Gestern haben wir dann rausbekommen, dass der Freund von mir offenbar mit Richard zusammen ist. Wild, oder?" Womit sie an dem Punkt angekommen wären, auf den April hingearbeitet hatte. "Wahrscheinlich hat er mich deshalb an dich verwiesen. Irgendwie süß, dass Richard an dich gedacht hat", fügte sie in Mays Richtung hinzu, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass May und sie sich wahrscheinlich nur kennen gelernt hatten, weil Caleb privates und geschäftliches durcheinander geworfen hatte. Manchmal waren Männer vielleicht doch zu etwas gut.
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      Ted

      April war ihm bisher sehr sympathisch rübergekommen. Sie wirkte nicht schüchtern oder stumm oder unfreundlich, und auch wenn Ted mit den meisten Arten von Menschen gut klarkam, war es immer wieder schön, jemanden mit sozialer Kompetenz zu treffen. Er lächelte, als April sich nach vorne lehnte, scheinbar aufgeregt ihre Kennenlerngeschichte zu erzählen.
      Ted hatte trotzdem keine Flut aus Worten erwartet. Er war ein bisschen… befremdet. Er lächelte weiterhin, versuchte Aprils Sprüngen zu folgen und konnte nicht verhindern, immer wieder Seitenblicke zu May zu machen. Aber die Anwältin saß bloß ganz ruhig da, das Kinn in eine Hand gestützt, und beobachtete April mit einem sanften Lächeln auf den Lippen bei ihrer wild herumfuchtelnden Tirade. Das war… ein echt eigenartiger Anblick. Sie zuckte nicht einmal weg, als eine von Aprils Händen sie beinahe im Gesicht traf.
      Ted wurde erst ein wenig aus dem passiven Zuhören herausgerissen, als April auf einmal Richard ansprach. „Was?“, fragte er, ohne dass Aprils Worte noch ganz bei ihm angekommen waren. Und war es süß, dass Richard als erstes an May gedacht hatte? Wahrscheinlich hatte er sich genau die Person gesucht, die ihm am ehesten keinen Gefallen ausschlagen würde. May lebte nahezu für Gerechtigkeit. Manche Anwälte und Helden waren schon schräge Vögel.
      „Warte, du meinst Richard ist in einer Beziehung mit einem deiner Freunde?“, wiederholte Ted schließlich. Ted wusste nicht einmal, dass Richard Männer datete, aber das war nicht der Punkt. Er war wirklich in einer Beziehung? Und half den Freunden seines Partners sogar bei Dingen aus, die ihm selbst nichts brachten? Obwohl, so weit sollte Ted garnicht springen. Wer wusste schon, ob er sich in Beziehungen nicht auch ständig Deals herausschlug.
      „Hah…“, machte Ted, immernoch etwas überrascht. „Ich meine, seit ein paar Wochen hängt er ständig an seinem Handy und telefoniert im Pausenraum und er macht weniger Überstunden, also dachte ich mir schon irgendwie, dass er entweder eine Beziehung hat oder einfach kurz davor ist, seinen Job zu schmeißen und auf die dunkle Seite zu wechseln. Er war auch ein bisschen freundlicher, als normalerweise, also hab ich eher auf letztes getippt, ehrlich gesagt. Also, so, wie alte Leute die kurz vor ihrem Tod mit allem Frieden schließen, irgendwie“
      „Glaub mir, es war ein seltsamer Anblick, aber auch nur, wenn man weiß, dass sie in einer Beziehung sind“, erwiderte May mit etwas verzerrtem Ausdruck. „Sonst hätte Caleb auch genauso gut irgendeiner seiner One Night Stands sein können, so wie sie sich im Klub verhalten haben. Aber die Dinge, die er gesagt hat… Ah, keine Ahnung, ich hab nicht erwartet, dass er es mal mit irgendjemandem ernst meinen könnte“
      Ted blinzelte. Er musste May recht geben. Er betrachtete Richard als guten Freund, oder, naja, Freund mittlerer Klasse, aber man musste schon blind sein, um seine Mängel nicht zu sehen. Er war erfolgreich und gutaussehend, keine Frage, aber nicht unbedingt… wie Ted einen Romantiker oder jemanden mit… Empathie beschreiben würde.
      „Wow. Aber, naja, solange beide damit glücklich sind“, sagte er schließlich. Sie mussten sich doch keine Sorgen um Aprils Freund machen, oder?
      May schmunzelte auf einmal und Ted lächelte sie verwirrt an. „Was denn? Findest du es so seltsam?“, fragte er.
      „…Ja. Aber… egal“, sagte sie, winkte ab und grinste weiter in sich hinein. Dann wandte sie sich zu April. „Weißt du schon, was du willst? Willst du eine ganze Pizza?“, fragte sie, was in Ted‘s Augen fast etwas zu fürsorglich klang. Was war sie, Aprils Mutter? Ihm fiel auf, dass April vorhin erzählt hatte, May tatsächlich erst seit ihrer Zusammenarbeit zu kennen.
      „Habt ihr noch Pläne fürs Wochenende?“, fragte Ted, weil er auf einmal mehr über diese eigenartige Freundschaft zwischen den beiden herausfinden wollte.
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      April

      Aww, so wie Ted es erzählte, klang es fast süß. Also der Part mit dem ständigen Telefonieren zumindest. Irgendwie hatte sie Caleb nicht wie jemanden eingeschätzt, der ständig mit seinem Partner telefonierte. Eher wie jemanden, der ignorierte, dass es noch andere Leute in seinem Leben gab, bis er sie nicht mehr ignorieren konnte. Allerdings hatte sie auch nie erwartet, dass er je in einer Beziehung enden würde. Das machte das Thema ja gerade so brisant. Wenn ihr eigenes Liebesleben schon nicht gut lief, konnte sie ja wenigstens über das von andern Leuten tratschen, oder?
      Die Vermutung mit den alten Leuten war eher unterhaltsam. Wenigstens schien es in der Konversation schon mal in die richtige Richtung zu gehen. April war absolut darauf vorbereitet, jede kleine Interaktion zwischen den beiden durchzugehen und sie zu analysieren, als Ted ihr den Wind aus den Segeln nahm, indem er genau das sagte, was May eben prophezeit hatte. Langweilig.
      "Aber-" Setzte sie an, die Unterhaltung wieder zurück in die Richtung zu lenken, die sie wollte, die Ablenkung, die sie brauchte, als May ihr mit der nächsten Frage einen Strich durch die Rechnung machte. Sie nickte kurz. "Ich glaube, ich könnte gefühlt gerade auch zwei Pizzen essen." Vielleicht hätte sie heute morgen mehr zu sich nehmen sollen, als nur einen Kaffee. Aber sie hatte nicht das Gefühlt gehabt, mehr runter zu bekommen. Langsam hatte sich alles zumindest so weit beruhigt, dass sie wieder essen konnte. Hoffte sie zumindest. Teds nächste Frage ließ sie da wieder etwas unsicher werden.
      "Oh. Ähm, ich denke, wir werden uns irgendwie einfach einleben? Also ich werde mich einleben, May hat ja schon da gewohnt, aber sie muss sich ja auch an das WG Leben gewöhnen und so. Also ja. Das. Denke ich", antwortete sie mit einem kleinen Schulterzucken. Irgendwie wurde ihr jetzt erst bewusst, dass sie auch einfach ganz normal neben May existieren musste, wenn sie zusammen wohnen würden. Irgendwie war ihre Vorstellung von der WG mit Fernsehabenden und Kissenburgen gefüllt gewesen, aber damit konnte man wohl kaum einen ganzen Tag füllen, oder? Jetzt fühlte sich das alles fast wieder irreal an. Sie sah kurz zu May.
      "Was ist dein Plan?", wandte sie sich wieder an Ted. "Hoffentlich ausschlafen. Tut mir leid, dir das so sagen zu müssen, aber du siehst übermüdet aus." Man könnte fast meinen, dass er gestern mit ihnen mitgefeiert hätte, wenn man sie so zusammen sah, nicht?
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      Ted

      May nickte. Sie schien mit der ganzen Sache wirklich Frieden geschlossen zu haben, wenn es nicht sogar ihre Idee gewesen war. Wirklich out-of-character, wie Ted fand.
      „Ich muss vielleicht ein paar Dinge für die Arbeit vorbereiten, und sonst… oh! Oh, Gott“ Mays Augen weiteten sich auf einmal und Ted sah sie überrascht an. „Meine Mutter. Meine Mutter wollte morgen mit mir Mittagessen gehen“ May stieß ein beinahe angewidertes Seufzen aus und sank etwas in sich zusammen.
      „Oh… Es ist nur ein Essen, das überlebst du schon“, versuchte Ted sie aufzumuntern, musste gleichzeitig aber Schlucken weil er sich plötzlich vorstellte, wie Isla sich bei ihren Freundinnen so über ein Mittagessen mit ihrem Vater beschweren könnte.
      „Sorry, der Schock hat mich gerade… so gepackt. Ich hab garnicht mehr daran gedacht“, murmelte May. Soweit Ted wusste, war Mays Mutter etwas, das man nett nur als Tyrann beschreiben konnte. Herrscherisch, immer mit der Nase in Mays Privatangelegenheiten und überzeugt davon, nie falsch zu liegen. Ted hatte sehr liebevolle Eltern, die ihn bei allen Entscheidungen unterstützt hatten, also konnte er davon nichts nachvollziehen, auch wenn seine Eltern mittlerweile schon recht alt waren und er froh sein konnte, dass seine Geschwister sich regelmäßig um sie kümmerten. Grace‘s Eltern dagegen hatten Ted Feuer unter dem Arsch gemacht. Ah, da war sie, die eine Sache, die er nicht vermissen würde.
      Ted blinzelte, als April seine Müdigkeit so direkt ansprach und nickte nur zögerlich. „Ja, ich hab… nicht sehr gut geschlafen“ In den letzten Wochen. Mit seine Insomnie würde er vor den beiden jetzt aber dennoch nicht angeben, auch wenn man ihm offensichtlich ansah, das etwas nicht stimmte. Wie schön. Er musste dringend wieder zum Arzt. Die Medikamente, die er nahm, halfen nur sporadisch, und er hatte es satt, seltsame Tees zu trinken. War Therapie vielleicht… doch eine bessere Option? Aber er war noch überzeugt davon, seine Probleme irgendwie alleine lösen zu können. Er wollte es sich ein wenig selbst beweisen. Vielleicht konnte er vor Grace und Isla dann auch weniger wie ein Opfer auftreten. Hoffentlich hatte sein Arzt demnächst einen Einschubtermin, um ihm nochmal etwas anderes zu verschreiben.
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