Kaum hatte Zoras ausgesprochen, was sie bis dahin vergeblich zu ignorieren versucht hatten, schien Kassandra etwas in sich zusammenzufallen. Es schien keine gute Entspannung zu sein, wenn einem die Last genommen wurde, die einen bis dahin niedergedrückt hatte, sondern eher das Schwinden ihrer Kraft, mit der sie sich nicht mehr aufrecht erhalten konnte. Oh, wie sehr er ihr das und alles andere nehmen wollte. Wenn er nur gewusst hätte wie... wenn es nur eine Möglichkeit gegeben hätte! Er hätte alles für sie getan, ohne zu zögern. Er hätte alles in seiner Macht stehende getan, um ihren Schmerz zu lindern.
"Ich weiß", wiederholte er, leise genug, um ihre eigenen, hauchdünnen Worte nicht zu übertönen. Aber tat er das wirklich? Hatte er auch nur den Hauch einer Ahnung, was in Kassandra vorgehen mochte, als sie ihm auch noch gestand, wie sehr sie ihn vermisst hatte? Dass er die Schwäche war, die sie hatte einbrechen lassen?
So wie sie auch seine war?
Er konnte sich vormachen, zu wissen, was sie durchgemacht haben mochte, aber er könnte niemals die Lücke überspringen, die Jahrhunderte lange Erfahrung zwischen ihnen darstellte, ein Wissen - ein Gefühl - dass er niemals in seinem Leben nachempfinden würde. Es war schon schlimm genug, dass sie wegen ihm nachgegeben hatte, und diesen Teil konnte er vermutlich nachempfinden, aber nicht den Part, den Jahrtausende dazwischen darstellten.
Nein, er verstand also nicht gänzlich die Ausmaße dessen, was sich in der Festung ereignet hatte. Der Prozess, der hinter all dem gesteckt hatte, als Kassandra Telandir nachgegeben hatte.
Eigentlich wollte er mehr dazu sagen, etwa, dass sie hätte wissen müssen, dass er es nicht gewesen sein konnte, dass er doch niemals - niemals! - mit der reinen Aussicht auf Sex zu ihr gekommen wäre, dass sie den Unterschied hätte erkennen müssen in dem Moment, in dem der falsche Zoras keine Anstalten machte, sie aus der Festung zu befreien. Aber er wusste nicht, was genau vorgefallen war. Areti hatte ihm davon berichtet, aber sie hatte ihm keine Details erzählt, so wie er auch Kassandra keine Details erzählt hatte. Er konnte sich einen mit Illusionen verkleideten Telandir nur als sehr stümperhaften Zoras vorstellen, als bloße Hülle des echten Mannes mit kaum genug Wissen, um ihn auch vernünftig darzustellen, aber das entsprach vermutlich nicht der Realität. In der Realität war die Illusion mächtig genug gewesen, dass sie ganz gezielt Kassandras Sehnsucht nach ihm ansprach und in dieser Hinsicht konnte Zoras sich beim besten Willen nicht vorstellen, was vorgefallen war.
Also sagte er stattdessen gar nichts. Er hob die freie Hand, um sie an Kassandras Kinn zu legen, ganz vorsichtig, eine reine Berührung, die sie vor Abgründen retten sollte, vor denen sie ihn vor einem Moment noch selbst weggezogen hatte, und vielleicht war es diese kleine Berührung, vielleicht war es aber auch die Tatsache, dass sie die Geschehnisse ausgesprochen hatte, dass ihre Spannung sich noch weiter verlor, ihre Hand sein Hemd freiließ und sie sich stattdessen, ohne auf Widerstand zu treffen, in seinen Schoß warf. Seine Arme schlossen sich ganz automatisch um sie, Körpergedächtnis, ja, das war es wirklich, denn sein Verstand hatte ganz sicher noch nicht zu den Händen aufgeholt, die ihm über den Rücken fuhren, da hatte er sie bereits fest an sich geschlossen, zog sie noch weiter an sich, bis nicht einmal mehr Luft zwischen ihnen Platz gehabt hätte, und vergrub die Nase in ihren Haaren. Sie war immer noch so süßlich warm, ihr Körper so wunderbar vertraut unter seinen Händen, ihr Duft immernoch wild und frei und himmlisch und jetzt mit etwas vermischt, was ganz fern an Vögel erinnerte. Kassandra eben, so wie sie sein sollte, so wie sie vor tausenden Jahren einmal gewesen war. Er roch Kassandra.
Das brachte ihn zum lächeln, auch wenn der Moment alles andere als freudig war. Er lächelte trotzdem und hob eine Hand, die er an ihrem Hinterkopf in ihre Haare schob. Er fuhr mit den Fingern durch ihre federweichen Strähnen, drückte sie noch ein bisschen fester an sich und roch Kassandra.
Ein Kichern entfuhr ihm, als sie einen Moment später weitersprach, der Atem ihrer Wörter ein Kitzeln an seinem Hals. Er schob ein paar ihrer Strähnen nach hinten, von ihrem Gesicht fort.
"Ich glaube, ich kann mir vorstellen, was es mit einem Gott macht, nicht gegen einen Sterblichen anzukommen. Er wird bis in alle Ewigkeit darunter leiden müssen, gegen mich verloren zu haben."
Noch immer lächelnd hob er den Kopf, um Kassandra anzusehen. Er strich mit dem Daumen über ihre Wange und damit wurde er wieder ernst.
"Aber er soll nicht doch noch gewinnen, nachdem er schon verloren hat. Ich werde dich zu nichts zwingen, Kassandra, niemals. Ich werde dich nicht zwingen zu gehen und auch nicht zu bleiben, ich werde dich nicht bedrängen und dich nicht überrumpeln und ich werde so langsam sein, wie du es nur möchtest. Und im Gegenzug wirst du so langsam sein, wie ich es möchte, hm? Wie wäre das?"
Jetzt lächelte er doch wieder, von purer Liebe ergriffen, als er so auf Kassandra herabsah. Aber das Bedürfnis, sie zu küssen, schluckte er herab und bettete stattdessen seinen Kopf wieder an ihren und ließ sich mit ihr ein wenig nach hinten sacken. Die Wand der Küstenhöhle, an der sie irgendwo, am anderen Ende dieser Welt eigentlich saßen, verhinderte, dass er sich ganz zurücklehnte, aber so ließ er sich dagegensinken und hielt Kassandra auf sich und an sich, die Arme in einer Art und Weise um sie geschlungen, dass sie den Nutzen verfolgten, die Phönixin vor jeglichen Einflüssen ihrer Umwelt zu bewahren.
So waren sie vollständig. So war es richtig. Auf tausend verschiedene Arten war es besser als ein Kuss und Zoras würden unendlich weitere Gründe dafür einfallen, lange genug zu warten, bis Kassandra ihm einen zweiten gestatten würde - wenn es überhaupt soweit käme. Für den Augenblick war diese Nähe alles, was er jemals gebraucht hatte.
Er schloss die Augen für einen Moment und öffnete sie dann wieder, um den Blick über die Wiesen vor ihnen schweifen zu lassen. Dann entwirrte er die Hand aus Kassandras Haar und deutete auf den fernen Hof und auf die Begrenzung der Koppel, die davor stand.
"Kannst du uns nach dort vorne versetzen?"
Und vielleicht war es Zufall, vielleicht war es aber auch unbewusste Absicht, dass sein Finger den einen Zaunpfahl fand, der sich mit Kassandra in sein Gedächtnis eingebrannt hatte und auf den er jetzt ganz gezielt deutete.
"Dorthin."
Kassandra verstand, was er meinte, und einen Augenblick später saßen sie nicht mehr mitten in den Wiesen, sondern mit dem Zaun, auf dem Kassandra vor einem - oder mehreren - Leben noch gesessen und sich gesonnt hatte, im Rücken auf der Wiese, den Blick auf die aufgehende Sonne und die weite Landschaft gerichtet, in der es - vielleicht auch vor einem oder mehreren Leben - von Tieren und Pferden gewimmelt hatte. Und Zoras ließ sich mit ihrem ganzen gemeinsamen Körpergewicht dagegen sinken und richtete seinen Blick in den Himmel hinauf, dorthin, wo die damalige Kassandra ihr eigenes Gesicht gerichtet hatte, und er ließ die Sonnenstrahlen seine Haut erwärmen, während die richtige Kassandra sich an seine Brust kuschelte.
Auf tausend verschiedene Arten war das besser als sämtliche Erinnerungen.
"Ich weiß", wiederholte er, leise genug, um ihre eigenen, hauchdünnen Worte nicht zu übertönen. Aber tat er das wirklich? Hatte er auch nur den Hauch einer Ahnung, was in Kassandra vorgehen mochte, als sie ihm auch noch gestand, wie sehr sie ihn vermisst hatte? Dass er die Schwäche war, die sie hatte einbrechen lassen?
So wie sie auch seine war?
Er konnte sich vormachen, zu wissen, was sie durchgemacht haben mochte, aber er könnte niemals die Lücke überspringen, die Jahrhunderte lange Erfahrung zwischen ihnen darstellte, ein Wissen - ein Gefühl - dass er niemals in seinem Leben nachempfinden würde. Es war schon schlimm genug, dass sie wegen ihm nachgegeben hatte, und diesen Teil konnte er vermutlich nachempfinden, aber nicht den Part, den Jahrtausende dazwischen darstellten.
Nein, er verstand also nicht gänzlich die Ausmaße dessen, was sich in der Festung ereignet hatte. Der Prozess, der hinter all dem gesteckt hatte, als Kassandra Telandir nachgegeben hatte.
Eigentlich wollte er mehr dazu sagen, etwa, dass sie hätte wissen müssen, dass er es nicht gewesen sein konnte, dass er doch niemals - niemals! - mit der reinen Aussicht auf Sex zu ihr gekommen wäre, dass sie den Unterschied hätte erkennen müssen in dem Moment, in dem der falsche Zoras keine Anstalten machte, sie aus der Festung zu befreien. Aber er wusste nicht, was genau vorgefallen war. Areti hatte ihm davon berichtet, aber sie hatte ihm keine Details erzählt, so wie er auch Kassandra keine Details erzählt hatte. Er konnte sich einen mit Illusionen verkleideten Telandir nur als sehr stümperhaften Zoras vorstellen, als bloße Hülle des echten Mannes mit kaum genug Wissen, um ihn auch vernünftig darzustellen, aber das entsprach vermutlich nicht der Realität. In der Realität war die Illusion mächtig genug gewesen, dass sie ganz gezielt Kassandras Sehnsucht nach ihm ansprach und in dieser Hinsicht konnte Zoras sich beim besten Willen nicht vorstellen, was vorgefallen war.
Also sagte er stattdessen gar nichts. Er hob die freie Hand, um sie an Kassandras Kinn zu legen, ganz vorsichtig, eine reine Berührung, die sie vor Abgründen retten sollte, vor denen sie ihn vor einem Moment noch selbst weggezogen hatte, und vielleicht war es diese kleine Berührung, vielleicht war es aber auch die Tatsache, dass sie die Geschehnisse ausgesprochen hatte, dass ihre Spannung sich noch weiter verlor, ihre Hand sein Hemd freiließ und sie sich stattdessen, ohne auf Widerstand zu treffen, in seinen Schoß warf. Seine Arme schlossen sich ganz automatisch um sie, Körpergedächtnis, ja, das war es wirklich, denn sein Verstand hatte ganz sicher noch nicht zu den Händen aufgeholt, die ihm über den Rücken fuhren, da hatte er sie bereits fest an sich geschlossen, zog sie noch weiter an sich, bis nicht einmal mehr Luft zwischen ihnen Platz gehabt hätte, und vergrub die Nase in ihren Haaren. Sie war immer noch so süßlich warm, ihr Körper so wunderbar vertraut unter seinen Händen, ihr Duft immernoch wild und frei und himmlisch und jetzt mit etwas vermischt, was ganz fern an Vögel erinnerte. Kassandra eben, so wie sie sein sollte, so wie sie vor tausenden Jahren einmal gewesen war. Er roch Kassandra.
Das brachte ihn zum lächeln, auch wenn der Moment alles andere als freudig war. Er lächelte trotzdem und hob eine Hand, die er an ihrem Hinterkopf in ihre Haare schob. Er fuhr mit den Fingern durch ihre federweichen Strähnen, drückte sie noch ein bisschen fester an sich und roch Kassandra.
Ein Kichern entfuhr ihm, als sie einen Moment später weitersprach, der Atem ihrer Wörter ein Kitzeln an seinem Hals. Er schob ein paar ihrer Strähnen nach hinten, von ihrem Gesicht fort.
"Ich glaube, ich kann mir vorstellen, was es mit einem Gott macht, nicht gegen einen Sterblichen anzukommen. Er wird bis in alle Ewigkeit darunter leiden müssen, gegen mich verloren zu haben."
Noch immer lächelnd hob er den Kopf, um Kassandra anzusehen. Er strich mit dem Daumen über ihre Wange und damit wurde er wieder ernst.
"Aber er soll nicht doch noch gewinnen, nachdem er schon verloren hat. Ich werde dich zu nichts zwingen, Kassandra, niemals. Ich werde dich nicht zwingen zu gehen und auch nicht zu bleiben, ich werde dich nicht bedrängen und dich nicht überrumpeln und ich werde so langsam sein, wie du es nur möchtest. Und im Gegenzug wirst du so langsam sein, wie ich es möchte, hm? Wie wäre das?"
Jetzt lächelte er doch wieder, von purer Liebe ergriffen, als er so auf Kassandra herabsah. Aber das Bedürfnis, sie zu küssen, schluckte er herab und bettete stattdessen seinen Kopf wieder an ihren und ließ sich mit ihr ein wenig nach hinten sacken. Die Wand der Küstenhöhle, an der sie irgendwo, am anderen Ende dieser Welt eigentlich saßen, verhinderte, dass er sich ganz zurücklehnte, aber so ließ er sich dagegensinken und hielt Kassandra auf sich und an sich, die Arme in einer Art und Weise um sie geschlungen, dass sie den Nutzen verfolgten, die Phönixin vor jeglichen Einflüssen ihrer Umwelt zu bewahren.
So waren sie vollständig. So war es richtig. Auf tausend verschiedene Arten war es besser als ein Kuss und Zoras würden unendlich weitere Gründe dafür einfallen, lange genug zu warten, bis Kassandra ihm einen zweiten gestatten würde - wenn es überhaupt soweit käme. Für den Augenblick war diese Nähe alles, was er jemals gebraucht hatte.
Er schloss die Augen für einen Moment und öffnete sie dann wieder, um den Blick über die Wiesen vor ihnen schweifen zu lassen. Dann entwirrte er die Hand aus Kassandras Haar und deutete auf den fernen Hof und auf die Begrenzung der Koppel, die davor stand.
"Kannst du uns nach dort vorne versetzen?"
Und vielleicht war es Zufall, vielleicht war es aber auch unbewusste Absicht, dass sein Finger den einen Zaunpfahl fand, der sich mit Kassandra in sein Gedächtnis eingebrannt hatte und auf den er jetzt ganz gezielt deutete.
"Dorthin."
Kassandra verstand, was er meinte, und einen Augenblick später saßen sie nicht mehr mitten in den Wiesen, sondern mit dem Zaun, auf dem Kassandra vor einem - oder mehreren - Leben noch gesessen und sich gesonnt hatte, im Rücken auf der Wiese, den Blick auf die aufgehende Sonne und die weite Landschaft gerichtet, in der es - vielleicht auch vor einem oder mehreren Leben - von Tieren und Pferden gewimmelt hatte. Und Zoras ließ sich mit ihrem ganzen gemeinsamen Körpergewicht dagegen sinken und richtete seinen Blick in den Himmel hinauf, dorthin, wo die damalige Kassandra ihr eigenes Gesicht gerichtet hatte, und er ließ die Sonnenstrahlen seine Haut erwärmen, während die richtige Kassandra sich an seine Brust kuschelte.
Auf tausend verschiedene Arten war das besser als sämtliche Erinnerungen.
