Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Kaum hatte Zoras ausgesprochen, was sie bis dahin vergeblich zu ignorieren versucht hatten, schien Kassandra etwas in sich zusammenzufallen. Es schien keine gute Entspannung zu sein, wenn einem die Last genommen wurde, die einen bis dahin niedergedrückt hatte, sondern eher das Schwinden ihrer Kraft, mit der sie sich nicht mehr aufrecht erhalten konnte. Oh, wie sehr er ihr das und alles andere nehmen wollte. Wenn er nur gewusst hätte wie... wenn es nur eine Möglichkeit gegeben hätte! Er hätte alles für sie getan, ohne zu zögern. Er hätte alles in seiner Macht stehende getan, um ihren Schmerz zu lindern.
      "Ich weiß", wiederholte er, leise genug, um ihre eigenen, hauchdünnen Worte nicht zu übertönen. Aber tat er das wirklich? Hatte er auch nur den Hauch einer Ahnung, was in Kassandra vorgehen mochte, als sie ihm auch noch gestand, wie sehr sie ihn vermisst hatte? Dass er die Schwäche war, die sie hatte einbrechen lassen?
      So wie sie auch seine war?
      Er konnte sich vormachen, zu wissen, was sie durchgemacht haben mochte, aber er könnte niemals die Lücke überspringen, die Jahrhunderte lange Erfahrung zwischen ihnen darstellte, ein Wissen - ein Gefühl - dass er niemals in seinem Leben nachempfinden würde. Es war schon schlimm genug, dass sie wegen ihm nachgegeben hatte, und diesen Teil konnte er vermutlich nachempfinden, aber nicht den Part, den Jahrtausende dazwischen darstellten.
      Nein, er verstand also nicht gänzlich die Ausmaße dessen, was sich in der Festung ereignet hatte. Der Prozess, der hinter all dem gesteckt hatte, als Kassandra Telandir nachgegeben hatte.
      Eigentlich wollte er mehr dazu sagen, etwa, dass sie hätte wissen müssen, dass er es nicht gewesen sein konnte, dass er doch niemals - niemals! - mit der reinen Aussicht auf Sex zu ihr gekommen wäre, dass sie den Unterschied hätte erkennen müssen in dem Moment, in dem der falsche Zoras keine Anstalten machte, sie aus der Festung zu befreien. Aber er wusste nicht, was genau vorgefallen war. Areti hatte ihm davon berichtet, aber sie hatte ihm keine Details erzählt, so wie er auch Kassandra keine Details erzählt hatte. Er konnte sich einen mit Illusionen verkleideten Telandir nur als sehr stümperhaften Zoras vorstellen, als bloße Hülle des echten Mannes mit kaum genug Wissen, um ihn auch vernünftig darzustellen, aber das entsprach vermutlich nicht der Realität. In der Realität war die Illusion mächtig genug gewesen, dass sie ganz gezielt Kassandras Sehnsucht nach ihm ansprach und in dieser Hinsicht konnte Zoras sich beim besten Willen nicht vorstellen, was vorgefallen war.
      Also sagte er stattdessen gar nichts. Er hob die freie Hand, um sie an Kassandras Kinn zu legen, ganz vorsichtig, eine reine Berührung, die sie vor Abgründen retten sollte, vor denen sie ihn vor einem Moment noch selbst weggezogen hatte, und vielleicht war es diese kleine Berührung, vielleicht war es aber auch die Tatsache, dass sie die Geschehnisse ausgesprochen hatte, dass ihre Spannung sich noch weiter verlor, ihre Hand sein Hemd freiließ und sie sich stattdessen, ohne auf Widerstand zu treffen, in seinen Schoß warf. Seine Arme schlossen sich ganz automatisch um sie, Körpergedächtnis, ja, das war es wirklich, denn sein Verstand hatte ganz sicher noch nicht zu den Händen aufgeholt, die ihm über den Rücken fuhren, da hatte er sie bereits fest an sich geschlossen, zog sie noch weiter an sich, bis nicht einmal mehr Luft zwischen ihnen Platz gehabt hätte, und vergrub die Nase in ihren Haaren. Sie war immer noch so süßlich warm, ihr Körper so wunderbar vertraut unter seinen Händen, ihr Duft immernoch wild und frei und himmlisch und jetzt mit etwas vermischt, was ganz fern an Vögel erinnerte. Kassandra eben, so wie sie sein sollte, so wie sie vor tausenden Jahren einmal gewesen war. Er roch Kassandra.
      Das brachte ihn zum lächeln, auch wenn der Moment alles andere als freudig war. Er lächelte trotzdem und hob eine Hand, die er an ihrem Hinterkopf in ihre Haare schob. Er fuhr mit den Fingern durch ihre federweichen Strähnen, drückte sie noch ein bisschen fester an sich und roch Kassandra.
      Ein Kichern entfuhr ihm, als sie einen Moment später weitersprach, der Atem ihrer Wörter ein Kitzeln an seinem Hals. Er schob ein paar ihrer Strähnen nach hinten, von ihrem Gesicht fort.
      "Ich glaube, ich kann mir vorstellen, was es mit einem Gott macht, nicht gegen einen Sterblichen anzukommen. Er wird bis in alle Ewigkeit darunter leiden müssen, gegen mich verloren zu haben."
      Noch immer lächelnd hob er den Kopf, um Kassandra anzusehen. Er strich mit dem Daumen über ihre Wange und damit wurde er wieder ernst.
      "Aber er soll nicht doch noch gewinnen, nachdem er schon verloren hat. Ich werde dich zu nichts zwingen, Kassandra, niemals. Ich werde dich nicht zwingen zu gehen und auch nicht zu bleiben, ich werde dich nicht bedrängen und dich nicht überrumpeln und ich werde so langsam sein, wie du es nur möchtest. Und im Gegenzug wirst du so langsam sein, wie ich es möchte, hm? Wie wäre das?"
      Jetzt lächelte er doch wieder, von purer Liebe ergriffen, als er so auf Kassandra herabsah. Aber das Bedürfnis, sie zu küssen, schluckte er herab und bettete stattdessen seinen Kopf wieder an ihren und ließ sich mit ihr ein wenig nach hinten sacken. Die Wand der Küstenhöhle, an der sie irgendwo, am anderen Ende dieser Welt eigentlich saßen, verhinderte, dass er sich ganz zurücklehnte, aber so ließ er sich dagegensinken und hielt Kassandra auf sich und an sich, die Arme in einer Art und Weise um sie geschlungen, dass sie den Nutzen verfolgten, die Phönixin vor jeglichen Einflüssen ihrer Umwelt zu bewahren.
      So waren sie vollständig. So war es richtig. Auf tausend verschiedene Arten war es besser als ein Kuss und Zoras würden unendlich weitere Gründe dafür einfallen, lange genug zu warten, bis Kassandra ihm einen zweiten gestatten würde - wenn es überhaupt soweit käme. Für den Augenblick war diese Nähe alles, was er jemals gebraucht hatte.
      Er schloss die Augen für einen Moment und öffnete sie dann wieder, um den Blick über die Wiesen vor ihnen schweifen zu lassen. Dann entwirrte er die Hand aus Kassandras Haar und deutete auf den fernen Hof und auf die Begrenzung der Koppel, die davor stand.
      "Kannst du uns nach dort vorne versetzen?"
      Und vielleicht war es Zufall, vielleicht war es aber auch unbewusste Absicht, dass sein Finger den einen Zaunpfahl fand, der sich mit Kassandra in sein Gedächtnis eingebrannt hatte und auf den er jetzt ganz gezielt deutete.
      "Dorthin."
      Kassandra verstand, was er meinte, und einen Augenblick später saßen sie nicht mehr mitten in den Wiesen, sondern mit dem Zaun, auf dem Kassandra vor einem - oder mehreren - Leben noch gesessen und sich gesonnt hatte, im Rücken auf der Wiese, den Blick auf die aufgehende Sonne und die weite Landschaft gerichtet, in der es - vielleicht auch vor einem oder mehreren Leben - von Tieren und Pferden gewimmelt hatte. Und Zoras ließ sich mit ihrem ganzen gemeinsamen Körpergewicht dagegen sinken und richtete seinen Blick in den Himmel hinauf, dorthin, wo die damalige Kassandra ihr eigenes Gesicht gerichtet hatte, und er ließ die Sonnenstrahlen seine Haut erwärmen, während die richtige Kassandra sich an seine Brust kuschelte.
      Auf tausend verschiedene Arten war das besser als sämtliche Erinnerungen.
    • So in Zoras' Armen zu liegen war das Einzige, was Kassandra wirklich begehrt hatte. Das stellte sie in dem Augenblick fest, als sich feste Arme um sie schlossen und mit der gleichen Nachdrücklichkeit wie sie selbst ihre Körper aneinander presste. Es war diese Berührung, diese Gewissheit über den Herzschlag des jeweils Anderen, über den jeweiligen Duft, wie er sich anfühlte... Das war der Anfang von ihrer gemeinsamen Rückkehr. Die vier Jahre hatten nicht nur Zoras in einen anderen Mann verwandelt, sondern auch Kassandras Feuer in andere Farben und Hitze getaucht. Wie schon damals spürte sie, wie er seine Nase in ihren Haaren vergrub und sich daran ergötzte, nach was sie duftete. Er hatte es ihr vor Ewigkeiten einmal erzählt, aber sie wusste es besser. So viel besser, dass sie nicht gegen das schwache Lächeln kämpfen konnte, das ihr die Spannung im Gesicht nahm. Damals hatte er eine geschwächte, verwässerte Form von ihr berührt und gerochen. Was er nun in Armen hielt, war kein Champion mehr, sondern ein echtes, aufgestiegenes Wesen. Eines, das nicht mehr nur nach der Natur roch und den Eindruck von Sonnenschein vermittelte. Er würde so viel mehr nun bemerken können, wenn er sich darauf konzentrierte. Sie musste ihn nicht einmal ansehen um zu wissen, dass er gerade lächelte – seine Aura verriet ihn mit ihren warmen Wellen.
      Der Daumen, der leicht über ihre Wange strich, ließ Kassandra leise seufzen. Ja, das war eine schöne Berührung. Das war etwas, was sie nicht mit Telandir in Verbindung brachte. Hätte sie sich nicht so sehr gegen ihn gesträubt, dann wäre er vermutlich sanfter mit ihr gewesen. Dann hätte er womöglich die Liebe gezeigt, die in seinem Herzen gewachsen war und nicht nur das krankhafte Verlangen nach ihr. Aber so konnte sie nun die klare Grenze, eindeutig und ohne Zweifel, zwischen den Beiden ziehen.
      „Ich wusste doch, dass der Diplomat noch in dir steckt“, murmelte die Phönixin ohne ihre Haltung zu verändern. „Ich weiß, dass du so viel Zeit einräumen wirst wie nötig. Das hast du schon immer und wenn sich dieser Kernaspekt deiner Persönlichkeit verändert hätte, wäre meine Sorge um dich grenzenlos.“ Endlich gingen ihr die Worte wieder flüssiger über die Lippen. So, als hätte es diesen Moment der Schwäche nicht gegeben. „So werden wir es handhaben. Aber du musst mir sagen, ab wann es nicht mehr tragbar ist. Ich kann es nur schwer einschätzen.“
      Dafür wusste sie einfach nicht, was genau man ihm angetan hatte und inwiefern er seine persönliche Grenze dabei zog. Jedoch hatte sie verstanden, dass er nur so verschreckt reagierte, wenn sie ihn von sich aus anfasste und nicht andersherum. Er hatte sie schließlich problemlos küssen und in die Arme schließen können.
      Schließlich bat Zoras Kassandra doch um einen Gefallen. Notgedrungen hob sie ihren Kopf von seinem Hals und folgte seinem Fingerzeig ehe sie verstand, worauf er hinaus wollte. Sie sagte nichts, als die Umgebung um sie herum flimmerte und sich die Landschaft veränderte. Einen Moment später saß Zoras an dem Pfahl angelehnt, den Blick auf die Weide gerichtet und Kassandra wieder zurück mit ihrem Gesicht an seinem Hals. Und dann umfing sie schließlich eine friedliche Ruhe, die bestimmt wurde durch das Rascheln von Gras, ihren gemeinsamen Atemzügen und entfernten Vogelstimmen, die sich früher manchmal spottend angehört hatten. Auch fehlte am Himmel jegliche Spur von diesem großen Greifvogel, der sie mehrfach während ihrer Reise begleitet hatte.

      Wie lange sie dort verweilten war schwierig abzusagen. Irgendwann wurde Zoras' Atmung gleichmäßig und flacher, bis Kassandra bestimmen konnte, dass er eingeschlafen war. Sie selbst kannte keine Müdigkeit mehr, keine Erschöpfung, nicht einmal mehr Hunger. Weltliche Bedürfnisse waren von ihr abgefallen, sofern sie sie nicht eigenmächtig in sich herauf beschwor.
      Also zog Kassandra die Illusion enger um sie und löste sich unbemerkt aus Zoras' Armen. Er hatte ein Abbild von ihr in seinen Armen während sie die Illusion verließ und zurück in die kalte, graue Höhle an der Küste Asvoß' trat. Vor ihr lehnte ein eingeschlafener Mann an der kargen Wand, völlig zufrieden mit sich selbst und der Welt. Da erlaubte sich Kassandra ein kurzes, warmes Lächeln, ehe sie die Güte aus ihrem Gesicht verbannte und mit wehenden Kleidern sich umkehrte, um sich dem nächsten Problem zu widmen.
      Dort hinten kauerten noch immer die beiden Kuluarer. Tysion, der Mann, war nicht mehr geplagt von seinen Schmerzen, doch das großmäulige Weib saß noch immer neben ihm und starrte zu ihr herüber, kaum hatte sie die Phönixin aufgerichtet und den Magienebel um Zoras und sie gelüftet.
      Ohne eine weitere Verzögerung schritt die Phönixin auf die beiden Menschen zu und blieb in geringer Entfergung vor ihnen stehen. Ihre glühenden Augen waren vernichtend auf sie beide gerichtet, nichts ließ mehr auf die Verletzlichkeit in Zoras' Nähe schließen.
      „Ihr beide werdet mich jetzt darüber aufklären, was es mit dieser Prophezeiung auf sich hat. Ich will jedes noch so kleine Detail darüber wissen und was es bedeutet, wenn ich Zoras nach Kuluar schaffe“, forderte Kassandra in absolut perfektem kuluarisch. „Ihr werdet mich darüber aufklären, welche Länder angrenzen, welche potenzielle Gefahren von ihnen ausgehen und wie Champions in Kuluar gehandhabt werden. Denn wenn ich die Zeichen eurer Aura richtig lese, ist Freude und Ehrfurcht nicht unter den Empfindungen, wenn ihr mich anseht. Sprecht.“
    • Tysion hatte die Augen geschlossen und war ganz offensichtlich mit der Zeit irgendwann eingedöst. Faia saß an seiner Seite und nachdem sie weder das Bedürfnis zu haben schien, die beiden Turteltäubchen zu unterbrechen, noch selbst ein Nickerchen zu halten, hatte sie die erste Wache übernommen.
      Jetzt hörte sie aber Kassandra kommen und ihr Blick wurde dunkel, als sie zu der Phönixin aufsah. Es schien ihr deutlich zu missfallen, dass sie auf dem Boden saß und Kassandra keine Anstalten machte, sich zu setzen, aber sie stand auch nicht auf. Sie hätte Kassandra vermutlich nichtmal überragt.
      Neben ihr öffnete auch Tysion die Augen, als hätte die Präsenz der Phönixin gereicht, um bis in seine Träume durchzudringen. Er sah mit unergründlicher Miene zu ihr auf und rührte sich nicht; nur seine Augen weiteten sich ein bisschen, als Kassandra in feinstem Kuluarisch sprach.
      Faia streckte Kassandra dafür das Kinn entgegen; nicht unbedingt glücklich darüber, sich mit der Phönixin unterhalten zu müssen, aber zumindest nicht abweisend ihr gegenüber.
      "Ein Gott hat uns gesagt, dass es nur eine einzige Person geben kann, die den Thron von Kuluar besteigen und halten kann, und das ist der Eviad."
      Was weder Zoras, noch vermutlich Faia oder irgendein anderer Kuluarer wusste, war, dass das Wort einer Sprache entstammte, die vor Jahrhunderten in Kuluar einmal gesprochen worden war.
      Es bedeutete unter anderem "der Träumer".
      "Weil sich alle Träger um den Thron gerissen haben, hat er ein Manifest niedergeschrieben, das besagt, dass Kuluar nur von dem Eviad regiert werden kann. Er hat ganz klare Regeln aufgestellt, wie der Eviad aussieht. Den Wortlaut bekommt man bei uns als Kind eingebläut:
      Der einzige König von Kuluar heißt Eviad.
      Eviad ist, wer Träger, aber kein Träger ist.
      Eviad ist geborener König ohne Krone.
      Eviad ist derjenige, dessen Aura menschlich ist.
      Eviad ist, wer die Tore zum Himmel kennt, aber sie nicht geöffnet hat.
      Eviad ist, wer im eigenen Namen, aber nicht für sich selbst handelt.
      Eviad ist der Gebrandmarkte.
      Nur wenn man alle Eigenschaften besitzt, ist man für den Thron würdig. Es gab in der ganzen Geschichte von Kuluar auch schon einen Eviad, aber er war der erste und der letzte. Ist vermeintlich an einem Herzinfarkt gestorben, aber wir wissen es besser - das Volk von Kuluar weiß es besser. Wir sind nicht dumm, wir können es sehen, wenn die Träger wieder mit ihren Fingern schnippen, um zu bekommen, was sie wollen!"
      Letzten Satz fauchte Faia geradezu heraus, als würde sie Kassandra dazu beschuldigen, eine zu sein. Neben ihr zog Tysion das Gesicht in Falten und gab ein Brummen von sich, das man nur als vollständigen Satz verstehen konnte, wenn man einige Zeit mit ihm verbracht hatte. Faia schnaubte daraufhin und erzählte etwas gemäßigter weiter.
      "Es gibt jeden Monat tausende von Anwärter um den Thron, weil es keine Begrenzung gibt. Man muss keinen Titel haben, man muss nicht von Adelsgeschlecht sein - nicht, dass es sowas bei uns noch gibt, pah - und man muss auch keinerlei Erfahrungen haben. Man muss nur die Träger und ihre Champions überzeugen, weil sie immerhin die Macht haben, solange der Thron unbesetzt ist. Sie müssen es anerkennen. Aber sowas passiert nicht. Wir wissen, dass manche in die hohen Hallen gehen und nie wieder zurückkommen. Der Eviad ist ganz eindeutig kein Träger, deswegen wird er auch keine Chance gegen einen Champion haben. Oder gegen fünf. Wenn Isch... Zoras wirklich seinen Anspruch erhebt, muss er da mit einer ganzen verfluchten Armee reinmarschieren, andernfalls werden sie ihn anhören, erkennen, dass er würdig ist und ihn einen Kopf kürzer machen. Oder... naja, ein freier Phönix würde es vermutlich schon auch tun. Schätze ich mal."
      Faia sah immernoch grimmig drein, selbst, als sie in gewissermaßen Kassandra das Zugeständnis machte. Nicht, dass die Göttin noch denken könnte, dass die Frau ihr die angemessene Ehrfurcht entgegen bringen würde.
      "Und wenn er es schafft, braucht er einen Leibwächter, wenn er auch weiterhin regieren will. Oder lieber ein ganzes Batallion davon. Aber dann, naja", sie zuckte mit den Schultern, "kann er frei herrschen, schätze ich. Er müsste nur mit dem Finger schnippen und schon würde ganz Kuluar auf ihn hören. Nach der Scheiße, der uns die Träger aussetzen, brauchen wir den Eviad dringend, wenn Kuluar nicht an ihrer Arroganz untergehen will. Sie nehmen sich, was sie wollen, sie morden, sie betrügen, sie tun, was sie wollen, tagein, tagaus! Und wehe dir, wenn du dich dagegen wehrst, dann wirst du verbrannt oder verflucht oder deine ganze Blutlinie wird verbannt und dein Haus wird eingeäschert und du bist nichts mehr! Unser ganzes Adelsgeschlecht haben sie ausradiert! Wenn du irgendwie an Reichtum oder Macht gelangst, dann behalte es lieber im Untergrund, sonst kommen sie und ziehen dir die Augäpfel raus, bevor du noch auf die Idee kommst, dich als Eviad beweisen zu wollen. Paranoide... Hochstapler und stinkende... Betrüger sind das!"
      Diesmal gab Tysion kein Geräusch von sich, um Faia einzudämmen. Er schwieg stattdessen und starrte ins Nichts.
      "Wenn Isch... Zoras also wirklich den Thron bekommt, wäre ich ihm sogar dankbar. Scheiße, ich würde mich wahrscheinlich vor ihm verbeugen und so einen Mist. Würde ihm die Treue schwören und sowas. Dabei habe ich mir geschworen, dass ich die hohen Hallen niemals betreten würde - aber so können sich die Dinge ändern, was?"
      Jetzt sah sie von sich aus zu Tysion, aber der hatte sich wohl entschlossen, an diesem Gespräch nicht teilzunehmen. Sie sah zurück zu Kassandra und zog wieder die Stirn mehr in Falten, so wie es ganz eindeutig ihr tief eingesessener Trotz war.
      "Ansonsten weiß ich nicht, was für Länder angrenzen. Woher soll ich das wissen? Ich bin Söldnerin und keine verfluchte Adelige. Besorgt Euch eine Karte, dann seht Ihr es doch. Aber was die anderen Länder angeht, haben wir zumindest diesen einzigen Vorteil unserer ach so tollen Träger: Sie halten wenigstens zusammen. Wir haben ein ausgeprägtes Militär, aber das dient hauptsächlich nur zur Show. Die wahre Kraft kommt davon, dass sich niemand mit fünf Trägern und ihren Champions anlegen will. Wir hatten schon seit... Jahrzehnten keinen richtigen Krieg mehr. Jedenfalls keinen, den ich mitbekommen hätte."
    • Ablehnung und Abneigung waren schon immer Kassandras Begleiter gewesen. So wunderte es sie nicht sonderlich, dass diese Menschenfrau ihr Kinn trotzig in die Höhe reckte, um der Phönixin wenigstens so ein wenig aufzustoßen. Dafür war Kassandra viel zu sehr darauf bedacht, keine Regung in ihrem Geischt zu zulassen, als diese Sterbliche ein Wort in den Mund nahm, das fast so alt wie ihre Rasse selbst war. Natürlich wurde die Herkunft mit der Begründung geliefert, das Wort stamme von einem Gott. Wenn sie diesen Worten dermaßen huldigte, wieso hatte sie dann nur diese Abfälligkeiten für Kassandra übrig? Kassandra, die alles dafür getan hätte, dass Zoras unbeschadet aus diesem Konflikt hervor ginge. Die dafür sorgte, dass er sich nicht von seinen Gedanken zerfressen ließ.
      Als Faia die Worte der Prophezeihung sprach, lauschte Kassandra ihren Worten aufmerksam. Ziemlich schnell verstand sie, warum man Zoras für diesen Posten auswählen konnte. Er traf auf sämtliche Kriterien zu, und das bedeutete, dass er den Thron vermutlich beanspruchen können würde. Kassandras Augen zuckten für eine Millisekunde zu Tysion, als dieser schnaubte und Faia scheinbar irgendwie maßregelte. Doch für Kassandra reichte es nicht. Wie war Zoras dazu gekommen, sich mit solchen Menschen abzugeben? Sie hätten frohlocken sollen, dass sie nun eine freie mystische Kreatur an ihrer Seite hatten, die dafür hätte sorgen können, dass ihnen allen nichts widerfahren können würde. Sicher, sie spielte einen nicht unerheblichen Teil in diesem ganzen, furchtbaren Untergangsszenario. Aber nichts davon rechtfertigte die Torheit, mit der sich dieses Weib Kassandra gegenüber benahm. Als sie geendet hatte, ließ die Phönixin die Stille für eine geraume Weile wirken, ihr Blick unnachgiebig auf das Weib am Boden gerichtet. Wie erwartet hatte sie einen Großteil der gewünschten Informationen bekommen. Auch dieses Land pflegte seinen ganz speziellen Umgang mit den Champions, nur waren sie direkt an der Spitze gesammelt. Kassandra konnte sich bildlich vorstellen, wie die Champions sich am liebsten die eigene Haut abgezogen hätten, anstatt gemeinsame Sache mit anderen zu machen. Noch immer waren die Götter vor allem stolz und egoistisch - einen Aspekt davon teilte auch Kassandra mit ihnen.
      Es waren nur ihre Augen, die eine Nuance intensiver zu glühen begannen und das leichte Verschmälern eben jener, die darauf deutete, dass sie Magie zu wirken gedachte. "Mag sein, dass du Argwohn gegenüber den Champions und den Göttern verspürst. Aber wage es nicht, mich mit denen zu vergleichen, die eurer Land in den Ruin treiben", sagte sie und Faias Mantel fing am Saum plötzlich Feuer. "Wir Phönixe heiligen das Leben und verabscheuen Gewalt. Und nun schau mich an und sieh, was die Menschheit aus mir gemacht hat. Ich habe mehr Menschenleben auf dem Gewissen als dieser Kontinent fasst und nicht eines davon nahm ich aus freien Stücken. Ihr wart es, die uns getäuscht haben und uns zu euren Waffen gemacht habt, nicht anders herum." Kassandra ging nicht in die Hocke, begab sich nicht auf Augenhöhe mit diesem Weib, das mittlerweile versuchte die Flammen an ihrem Mantel zu ersticken. Aber das Rot fraß sich weiter auf seinem Weg und der Geruch von angeschmorter Haut erhob sich langsam im Raume. Zoras war noch immer in der Illusion in seinem seeligen Schlaf versunken und würde hiervon nichts mitbekommen.
      "Wenn Zoras den Anspruch erhebt und ihm diese ominösen Champions entgegen gestellt werden, dann strecke ich sie mit Freuden nieder. Ich werde jeden einzelnen von ihnen köpfen und anschließend die dazu gehörigen Menschen zu Asche und Staub vergehen lassen. Niemand von ihnen wird Zoras auch nur die Hand auflegen können, wenn er oder ich es nicht will. So wie ich auch deine Seele vom Zyklus der Wiedergeburt abschneiden kann." Der beißende Gestank von versengten Haaren mischte sich dazu als Faias Haarspitzen die Flammen berührten. Kassandra rümpfte lediglich die Nase. "Wage es nicht zu behaupten, du füchtest den Tod nicht, denn jeder Mensch, jedes Lebewesen tut es. Ich bin kein Champion mehr. Ich bin kein Gott, der die Welt in Schutt und Asche legen will wie Loki." Obwohl sie zeitweise die Gelüste dazu verspürte, aber sie riss sich zusammen solange Zoras noch auf Erden weilte. Kaum merklich lehnte sich Kassandra nach vorn, ihre Augen noch immer warnend auf Faia gerichtet. "Ich bin diejenige, die Zoras' Sein bestimmt. Ich würde für ihn die Weltkugel einäschern und neu aufbauen wenn das bedeuten würde, ihn von seiner Qual und seinem Trauma zu erlösen. Ich kann die größte Stütze sein, die ihr jemals zur Seite gestellt bekommen könntet, also achte lieber darauf, ob du mich so abschätzig ansprichst oder nicht."
      Dann erstarb das Glühen in ihren Augen und das Feuer löste sich im Nichts auf. Faias Mantel war der stumme Zeuge von diesem Disput, ihre Haut würde nur spärlich gerötet sein. Erführe Zoras, dass sie seine Begleitung ernsthaft angegriffen hatte, dann würde das einen weiteren Keil setzen. Aber einen kleinen Denkzettel würde er ihr wohl nicht ankreiden können. Immerhin hatte sie Tysion vollständig geheilt und sich allgemein wohlwollend gezeigt. Aber in den Minuten, in denen Zoras vollkommen abgeschottet war, hielt sie nicht mehr an sich und musste die Sachverhalte klären.
      Gut. Das bedeutete, Zoras nach Kuluar zu bringen und ihn dort vorzustellen. Und wenn diese Träger dann wirklich dachten, sie könnten ihm etwas antun, dann würden wahrlich Köpfe rollen. Bis dahin musste sie ihm nur noch erklären, dass er selbst nicht mehr der ganz so wehrlose Mensch war wie zuvor. Nun hatte er ein etwas kräftigeres Arsenal, was nicht zuletzt an Amartius lag.
      Nach vollendeter Dinge kehrte Kassandra zu Zoras zurück. Vor ihm ging sie wieder in die Knie und legte ihre Hände auf seine Oberschenkel, ehe sie die Illusion löste. Sie gab ihm alle Zeit der Welt und würde solange bei ihm verweilen bis sein Schlaf vorüber war. Bis dahin würde sie wachen und dann den Plan vorantreiben.
    • Faia hatte noch immer einen Ausdruck gewisser Feindseligkeit im Gesicht, während sie Kassandra weiter betrachtete. Der änderte sich aber ganz schnell, als plötzlich das Feuer an ihrem Mantelsaum entfachte.
      Ein einziger Fluch purzelte von ihren Lippen, so lange brauchte es nämlich, um mit einem Schlag auf den brennenden Rand zu erkennen, dass das Feuer sich nicht auslöschen ließ. Dass Kassandra - die ja ganz offensichtlich dafür verantwortlich war - nicht mal so eben eine Warnung hatte aussprechen wollen. Dass sie, wollte sie es so, würde sie wider ihrer Natur handeln und ein weiteres Menschenleben fordern, diesmal sehr wohl aus freien Stücken, einfach darauf warten würde, dass das Feuer sich voranfressen würde, erst Faias Klamotten und dann ihre Haut und schließlich ihr Fleisch. Dieser ganze Gedankengang verwehrte ihr einen weiteren Fluch und stand ihr mitten ins Gesicht geschrieben.
      Selbst Tysion, der wohl eher noch die Gutmütigkeit der Phönixin hatte erfahren dürfen, versteifte sich jetzt und schien drauf und dran, sich selbst zuerst in Sicherheit bringen zu wollen. Die Gruppe hatte niemals über ihre Moralvorstellungen gesprochen, ob sie jemanden zurücklassen würden, um das eigene Leben zu retten, denn alle Mitglieder trauten sich gegenseitig einen gesunden Menschenverstand zu. Allerdings umfasste dieser Menschenverstand eben nicht, wie man mit einem Champion zu verfahren hätte - ganz zu schweigen von einer losgelösten, entfesselten Göttin.
      Diese Gedanken spiegelten sich wiederum auf Tysions Gesicht wieder, das sich in nachdenkliche und besorgte Falten gelegt hatte und mit dem er jetzt abwechselnd Kassandra und das steigende Feuer betrachtete.
      Keiner von beiden machte letztlich anstalten dazu, die Flucht zu ergreifen.
      Faia wurde panischer, je höher das Feuer stieg und je heißer es für sie dabei wurde. Ihre Versuche, sowohl das Feuer zu ersticken, als auch von Kassandra wegzukommen, verblieben beide fruchtlos, nachdem es nicht viel Möglichkeiten für sie gab. Daher blieb nur eine Sache übrig: Die Reste ihrer Würde zusammenzuhalten und in Anbetracht der brodelnden Göttin Nachsicht zu zeigen. Sie versuchte sich akzeptierend und verständnisvoll, aber zu ihrem eigenen Glück erwartete Kassandra nicht, dass dieses Gespräch weitergeführt würde. Sie ließ die Flammen erlöschen, noch ehe sie allzu großen Schaden angerichtet hätten, und die einzigen Flammen, die dann noch verblieben, waren die in Faias Augen, während sie der Göttin nachstarrte, wie sie zurück zu Zoras marschierte.

      Als Zoras irgendwann später aufwachte, war der Traum vorbei. Anstatt der weiten Ebenen des Herzogtums Luor, anstatt einer warmen Sommersonne im Gesicht, anstatt dem saftigen Gras am Boden und dem hölzernen Pfahl im Rücken, war Zoras wieder in der steinernen Küstenhöhle, den Geruch von Salzwasser mehr als alles andere in der Nase, der Rücken steif und schmerzhaft von der unbewegten Schlafposition. Es war warm, ja, zumindest das, aber die Wärme kam nicht mehr von einer Sonne. Eine Sonne wäre wohl noch angenehmer gewesen.
      Kassandra lag auch nicht mehr in seinen Armen. Von allen Dingen, die ihm abhanden kamen, in diesem Moment, wo er fest damit gerechnet hatte, endgültig in Luor aufzuwachen, ging ihm das deutlich am meisten ab. Er hätte auf Luor verzichtet mit seinen Feldern und weiten Wiesen, er hätte auf die warme Sonne und den Geruch von Pferd verzichtet, auf das Gras unter sich und den Zaunpfahl und die allgegenwärtige Idylle, die ihn ergriffen hatte. Worauf er aber nicht bereit wäre zu verzichten, war Kassandra.
      Sie war aber zumindest nicht weg, sondern saß bei ihm, so nahe, dass er nur den Arm ausstrecken bräuchte, um sie zurück an sich zu ziehen. Er hätte es auch fast getan, als er ächzend seine Glieder von sich streckte und sie dann wie ganz normal an sich ziehen wollte, so, wie es eben vor vier Jahren auch schon normal gewesen wäre. Aber er erinnerte sich gerade noch rechtzeitig und hielt sich zurück, sie wirklich zu berühren. Alles mit seiner Zeit. Er hatte Kassandra zurück, er hatte sie auch schon in seine Arme schließen dürfen und alles weitere konnte auch noch weiter auf sich warten.
      "Hey."
      Er lächelte sie sachte an, bevor er zum Höhleneingang blickte, wo noch immer die beiden Kuluarer lagen. Tysion schien diesmal ganz eindeutig die Wache übernommen zu haben, während Faia ein Stück weiter lag, eingerollt und ihnen beiden den Rücken zugewandt. Ihre Kleidung sah irgendwie mitgenommen aus, was ihn wunderte, denn er war sich zeimlich sicher, dass ihm sowas aufgefallen wäre. Sie sah so... angekratzt aus. Zerrissen.
      Auf der anderen Seite hätte ihm das bei den gestrigen Ereignissen auch sehr gut abhanden gekommen sein.
      Er rieb sich über das Gesicht.
      "Wir müssen..."
      Seine Gedanken kamen spärlich, er war noch nicht sehr wach.
      "... Egal, wie der Plan sich heute noch entwickelt, wir müssen essen."
      Sein Magen bestätigte das prompt mit einem Grummeln.
      "Und unsere Vorräte aufstocken. Wir haben alles verloren mit dem..."
      Er sah Kassandra hilfesuchend an. Wie sollten sie das Ereignis nennen, bei dem die Welt eigentlich unterging, aber schließlich noch nicht untergegangen war? Beinahe-Weltuntergang? Katastrophe ohne direkte Folgen?
      "... Himmelsbruch. Und so oder so wird es einige Tage dauern, bis wir die Küste erreichen. ... Welche Küste auch immer. Wirst du uns helfen? Kannst du uns helfen, wenn möglich, ohne uns einen weiteren Flug auszusetzen?"
    • Kassandra befand sich während der Zeit des Wartes wie in einem Zustand der Starre. Ihre Lider waren geschlossen, der Rücken entspannt und auch in ihrem Gesicht lag eine wunderbare Leere, die man eher einem schlafenden Gesicht zugetragen hätte. Doch Kassandra schlief nicht, sie würde es nie wieder tun müssen seitdem ihr Herz wieder in ihrer Brust schlug. Seitdem ihre Essenz wieder bei ihr war und sie nicht mehr als Sterbliche missinterpretiert werden könnte. Also wartete sie seelenruhig ab bis die Aura Zoras' wieder zum Leben erwachte und mit seichten Wellen sein Erwachen anzeigten.
      Es war ein leichtes, ihn mit einem dezenten, wenn auch nicht minder warmen Lächeln zu begrüßen. Ächzend streckte er sich - eine Erinnerung daran, wie das Alter den Menschen seinen Zoll abverlangte - und fühlte dann, wie er sich nach ihr sehnte. Spürte bereits unsichtbare Hände auf ihren Armen, ihrem Gesicht, ihrer Hand. Ihren Rücken, wenn sich kräftige Arme um sie schlossen und sie an eine warme, menschliche Brust gezogen wurde. Aber all dies blieb aus und in ihr wuchs eine Kälte heran, die sie nicht einmal mit ihren Phönixflammen ausmerzen konnte.
      "Ah... Ich vergaß, dass ihr etwas essen solltet...", sagte die Phönixin, wobei sie beinahe etwas schuldbewusst wirkte. Sie selbst verspürte diesen durchaus sehr menschlichen Drang nicht mehr. "Ich kann dir etwas ausfindig machen. Es wird vermutlich nicht so dekatent, wie du es für gewöhnlich erwarten dürftest. Aber du wirst nicht enttäuscht sein."
      Während keines ihrer Worte blickte Kassandra auch nur ansatzweise zu den Kuluarern herüber. Wenn sich das gesamte Volk mit solch einer Einstellung entpuppen sollte, dann würde einiges an Arbeit auf sie zukommen. Arbeit und Klarstellung darüber, was es hieß, einem echten mythischen Wesen gegenüber zu stehen, dessen Auswirkungen nur ansatzweise mit einer Naturkatastrophe zu vergleichen waren. Doch für Zoras würde sie selbst ihre Hände schmutzig machen und ihm etwas für seine Grundbedürfnisse besorgen. Wenn etwas für die Kuluarer abfiel, dann hatten sie eben Glück.
      Ihre Hand streckte sich nach seiner aus und drückte sie leicht, ehe sie aufstand. "Natürlich helfe ich dir." Dir, nicht euch. "Selbstverständlich wäre es einfacher zu fliegen, du würdest dann auch einen besseren Platz erhalten, aber wenn es dir nicht beliebt, müssen wir eben zu Fuß wandern." Ein kurzes Schütteln ging durch ihren Körper als sie nur daran dachte, dass sie nicht fliegen dürfte. Vielleicht fand sie auf ihrer Tour ein paar Moulapis, eine hirschgroße Kreuzung aus Schneehase und Elch, die mit ihren breiten Füßen beste Reittiere auf dem Schnee darstellten. "Ich fliege dann einmal los. Leg am besten eine Feuerstelle an bis ich wieder da bin. Ohne mich zieht die Kälte wieder ein."
      Damit erhob sich die Phönixin und verließ den kargen Unterschlupf, wobei sie die beiden Menschen am Rande nicht eines Blickes würdigte.

      Nach gerade einmal einer Stunde schlug ein Feuerball vor der Küstenhöhle ein und enthüllte eine völlig unbeeindruckte Kassandra. in ihrer linken Hand hielt sie einen Bund von Eisäpfeln, die sie auf ihrer Tour zufällig entdeckt hatte, doch der wahre Blickfang befand sich in ihrem eisernen Griff der rechten Hand. Über den schroffen Steinboden zog Kassandra ein Tier an einem seiner Hinterläufe in die Höhle, das das Ausmaß eines ausgewachsenen Bisons hatte. Keine einzige Dampfwolke stieg von dem Tier auf, das eine frische Wunde hätte vermuten lassen können und sein dickes, hellgraues Fell war vollkommen unbefleckt. Das Tier, das sogar größer als Olaf war und mit seiner längliche Schnauze eher an ein wolliges Tapir erinnerte, wirkte eher, als würde es schlafen, während die Phönixin das tonnenschwere Tier mit einer Hand zog, als wöge es rein gar nichts. In der Höhle ließ sie von dem Tier ab, das regungslos liegen blieb und legte das Bund Äpfel daneben. Dann ließ sie ihre Schultern kreisen und nickte zustimmend, als sie die frisch errichtete Feuerstelle sah.
      "Ich nehme an, du kannst jetzt verspeisen, was du möchtest und den Rest davon für den Weg vorbereiten. Das Fell könnte man entweder behalten und verkaufen, solltest du noch finanzielle Mittel benötigen."
    • "Dekadenz habe ich schon lange zurückgelassen", gab Zoras zurück, den es unweigerlich amüsierte zu sehen, dass Kassandra kaum nach einem Tag schon vergessen haben musste, wie das Leben als Sterblicher vor sich ging. Wie mochte es sich wohl anfühlen, eines Tages keinen Hunger mehr zu verspüren? Kein Altern in den Knochen und den Muskeln, keine Falten, die sich über die Monate vertieften? Musste sie überhaupt noch schlafen? Er bezweifelte es. Sie hatte als Champion schon kaum das Bedürfnis danach gehabt, vermutlich war es jetzt ganz verschwunden.
      Eine verlockende Vorstellung.
      Kassandra reichte ihm ihre Hand beim Aufstehen und Zoras war froh um die wortlose Zustimmung nach einer Berührung. Er würde sie jetzt nicht mehr ungefragt an sich ziehen, außer sie tat es von sich aus.
      Ihre Hände berührten sich, bis zuletzt die Fingerspitzen sich voneinander lösten. Zoras sah ihr dann dabei nach, wie sie erhobenen Hauptes aus der Höhle schritt.
      Wie angekündigt zog die Kälte wieder ein, aber viel schneller, als sie alle es erwartet hätten. Zoras hüllte sich wieder in seine Schichten und ging mit den anderen beiden nach draußen, um Brennmaterial zu finden. Sein Blick fiel dabei auf Faias abgefransten Mantelsaum und er runzelte die Stirn bei dem verbrannt aussehenden Rand.
      Sie bauten ein Feuer auf, das nicht sehr groß war, weil das Holz viel zu nass und kalt war, aber schafften es doch zumindest, daraus ein funktionierendes Kochfeuer zu basteln. Kurze Zeit später kam auch Kassandra wieder, verpasste ihnen allen einen Herzinfarkt und tat dann so, als würde sie kein Monstrum hinter sich herschleifen, ein Tier, das sehr viel größer als die schlanke Phönixin war und ganz sicher sehr viel schwerer. Selbst Zoras starrte bei dem Anblick ungehemmt, nachdem nicht einmal er sowas gewöhnt war.
      Sie ließ den Fang fallen und wandte sich dann an ihn direkt. Natürlich entging ihm dabei nicht, dass sie noch immer nur von ihm sprach und den anderen beiden noch nicht einmal einen Blick zugeworfen hatte. Zusammen mit Faias angekokeltem Mantel vermutete er, dass etwas vorgefallen sein könnte, aber er kam einfach nicht darauf was. Letzten Endes war aber niemand körperlich zu Schaden gekommen und das war wohl das Wesentliche.
      "Danke. Das ist… wirklich mehr, als wir brauchen."
      Er näherte sich dem reglosen Tier, von dem er nicht einmal sicher sein konnte, dass es wirklich tot war, und zog nach einigem Zögern Amartius hervor. Er hatte kein kleineres Messer und es widerstrebte ihm, das kostbare Schwert zu nutzen, aber wenn er nicht half, würden sie die nächsten Stunden damit verbringen müssen, das Vieh zu häuten und dann zu kochen. Also zückte er es, murmelte eine leise Entschuldigung, für die er sich gegenüber Amartius verantwortlich fühlte, und hackte dann dem Monstrum gezielt den Kopf ab. Warmes Blut ergoss sich über den Boden und sammelte sich in kleinen Pfützen.
      Danach saßen sie zu dritt an dem Tier und häuteten es, keine Meisterleistung, nachdem keiner von ihnen jemals ernsthaft gelernt hatte, ein Tier zu häuten. Der Pelz, der dabei hervorkam, war aber an den meisten Stellen intakt, wenn auch nicht regelmäßig geschnitten, und würde sicher den ein oder anderen Gewinn einbringen. Sie rollten ihn zusammen und legten ihn beiseite, bevor Zoras gleichmäßige Stücke vom Rumpf herausschnitt. Er bot Kassandra auch eins an, aus reiner Höflichkeit, und nachdem sie ablehnte, verteilte er gleichmäßig unter den dreien. Sie kochten und dann aßen sie, ohne Beilagen oder Gewürze, nachdem sie alles verloren hatten. Das Fleisch war zäh und schmeckte anders als alles, was Zoras jemals gegessen hatte, aber es stillte doch zumindest den Hunger. In einer unbeobachteten Minute, in der jeder sein Essen fixierte, suchte er Kassandras Blick, fing ihn in seinem, sah demonstrativ auf Faias angekohlten Mantel hinab und runzelte dann die Stirn, als er wieder Kassandra ansah. Er hatte kein Bedürfnis dazu, laut danach zu fragen, was vorgefallen sei, er wollte sie viel eher wissen lassen, dass es ihm missfiel. Kassandra sollte es besser wissen, als ihr Feuer zu benutzen, um ihren Willen zu bekommen. Oder Faia zu bestrafen. Oder zu tun, was immer es auch gewesen war.
      Ansonsten aßen sie schweigend, zu sehr auf ihr Essen konzentriert, um Konversation zu halten. Es war Tysion, der die Stille schließlich durchbrach.
      "Also werden wir nach Kuluar zurückkehren?"
      Die Frage war an niemand speziellen gerichtet. Tysion hob den Blick nicht von seinem Stück Fleisch und regte sich auch sonst nicht auf eine Weise.
      Zoras wartete, aus reiner Gewohnheit, auf Faias Antwort. Sie war diejenige, die den Ton angab und das Ziel bestimmte, und sie alle hatten sich stets in unausgesprochener Übereinkunft gefügt. Faia hatte Erfahrung und immer den richtigen Riecher gehabt, das war wichtig gewesen. Es war ihr leicht gefallen, die Verantwortung zu übernehmen, und den anderen war es leicht gefallen, sie ihr abzugeben.
      Aber dieses Mal antwortete sie darauf nicht und sie hatte noch nicht einmal eine schnelle Bemerkung parat oder vielleicht eine lockere Plauderei, mit der sie das Thema weiter angeschubst hätte. Sie schwieg, hob den Blick, richtete ihn zuerst ganz gezielt auf Kassandra und dann erst auf Zoras.
      Da begriff er erst, dass er der einzige war, der eine Antwort darauf geben konnte. Und irgendwie machte es das endgültig: Er war kein Söldner mehr. Kassandra mochte Recht gehabt haben, er war vielleicht wirklich jemand, dem die Leute bedenkenlos folgten. Letzten Endes war er ja nun auch wieder dort gelandet.
      Mit der freien Hand fuhr er sich über das Gesicht und sah dann selbst zu Kassandra. Er betrachtete sie und sie betrachtete ihn, entspannt und scheins gleichgültig. Er könnte nach Theriss gehen, mit ihrer Hilfe ungesehen, wenn schon, um seine Familie zu suchen. Aber es würde nichts ändern. Kassandra hatte auch Recht gehabt, dass er ein gewisses Amt brauchte, wenn er den Himmelsbruch stoppen wollte.
      Also seufzte er leise.
      "Kuluar."
      Faia schlug die Augen wieder nieder, Tysion nickte ganz leicht.
      "Wie sieht der Plan aus?"
      Diesmal war es doch wieder Faia, die eine sehr knappe Zusammenfassung dessen gab, was sie vor ein paar Stunden noch Kassandra erzählt hatte. Zoras würde sich vorstellen müssen und die Champions würden entscheiden müssen, ob er die Prophezeiung erfüllte.
      "Wie wollen sie das prüfen? Geht es nach Instinkt? Nach Lust und Laune?"
      Ratlos zuckte Faia mit den Schultern.
      "Weiß ich nicht. Ich kenne keinen Kuluarer, der es jemals versucht hätte. Es besteht immerhin die Gefahr, hineinzugehen und niemals herauszukommen. Sie könnten dort ganze Kämpfe veranstalten und niemand würde es wissen."
      Hatte Zoras Lust, gegen fünf Champions anzutreten? Nicht unbedingt. Eigentlich überhaupt nicht, wenn er es sich so recht überlegte.
      Er rieb sich das Kinn und betrachtete wieder Kassandra bei der Suche nach einer verträglicheren Lösung. Eine, in der sich keiner von ihnen einer unnötigen Gefahr aussetzte.
      "Es wird nichts bringen, die Champions überzeugen zu wollen. Sie werden sich nicht überzeugen lassen, weil sie damit ihre Macht abgeben müssen. Und wenn wir ein schlagkräftiges Argument anbringen, das die Form einer entfesselten Phönixin hat, werde ich meine potentielle Herrschaft als Tyrann beginnen. Mit fünf potentiell zukünftigen Königsmördern."
      Er beobachtete Kassandra in Erwartung einer Reaktion darauf, dass er ihr die Möglichkeit verwehrte, mit Feuer und Asche den Thron zu erklimmen - oder sie davor bewahrte? Es kam wohl auf die Sichtweise an.
      "... Wir können aber das Volk überzeugen. Es wird sich gern überzeugen lassen."
      Er merkte, wie ungewohnt es war, wieder strategisch zu denken. Seine Gedanken kamen nur langsam und zähflüssig voran und egal, wohin er auch weiterdachte, alles, was er sah, waren etliche Kuluarer, die unter dem kuluarischen Wappen das Königshaus - oder wie auch immer es dort heißen mochte - stürmten.
      War das sein Fluch? Würde er für immer der Aufstandsanführer bleiben? Der Herrscher, der die Emotionen des Volkes ausnutzte, um seinen Willen zu bekommen?
      Er kniff die Augen zusammen, rieb sich die Stirn und zwang sich, Kuluar nicht als zweites Theriss zu sehen. Er wollte niemanden stürzen und er wollte auch keine Gewalt anwenden. Er wollte sich eine solide Grundlage dafür schaffen, solche Strategien bei allen zukünftigen Champions anzuwenden, die zurück ins Himmelsreich verbannt werden sollten.
      "Es hängt an der Prophezeiung, denn sie ist seine Erlösung. Wenn es glaubt, ich sei der richtige, müssen die Champions sich fügen oder Volksmord begehen."
      Faia sah scharf auf und starrte Zoras intensiv an. Der erinnerte sich, dass Faia es nicht gewohnt war, strategische Pläne zu entwerfen.
      "... Was sie nicht tun würden, denn damit würden sie Kuluar vernichten. Was haben sie davon? Wenn sie kein Land bräuchten, würden sie irgendwo auf den Bergen leben oder auf einer Insel im Meer. Oder in einer Eiswüste."
      "Was bringt es, wenn das Volk überzeugt ist? Wir sind machtlos, wir können nichts tun, um den Eviad auf den Thron zu bringen."
      "Ein Volk ist niemals machtlos. Es ist das Herzen des Landes, ohne Volk kann das Land nicht existieren. Die Champions sind von ihm abhängig, ob ihnen das bewusst ist oder nicht. Wir vermeiden einen Kampf, indem wir das Volk auf unsere Seite holen."
      Er sah wieder Kassandra an.
      "Können wir das? Mit ein bisschen… beeindruckender Überzeugungstaktik?"
    • Wie erwartet machten sich die drei Menschen daran, das Tier auseinader zu nehmen und verzehrbar zu machen. Kassandra zog sich währenddessen zurück; sie musste sich ihre Finger mit solchen Dingen nicht mehr schmutzig machen. Keinerlei Grundbedürfnisse mehr zu verspüren war zwar praktisch, aber nicht immer segenreich. Deswegen würde sie auch in Zukunft die Nüsse, auf die sie einst so versessen gewesen war, nicht verschmähen. Keinen Hunger zu verspüren bedeutete nicht, den Geschmack nicht zu wertschätzen.
      Als sie wenig später gemeinsam am Feuer saßen, jeder jedoch mit seinem persönlichen Abstand zum jeweils anderen, ließ Kassandra ihren Blick erneut schweifen. Wie war es eigentlich gekommen, dass Zoras mit solchen Leuten reiste? Sicher, er war als Söldner untergekommen, aber musste man dazu mit so einem Volk reisen? Vermutlich war es einfacher, in einer Gruppe gewisse Aufträge zu erledigen und er hatte sich mit der Zeit an diese Leute gewöhnt. Während sie so darüber sinnierte, begegnete sie Zoras' Blick und folgte dem stummen Hinweis zu Faias angesengten Saum ihrer Mäntel. Daraufhin blinzelte sie ihn mehrmals an, ehe sie mit den Schultern zuckte und sich absolut keiner Schuld bewusst war. Ihr war klar gewesen, dass er es nicht gutheißen würde, wenn sie mit seinem Fußvolk aneinander geriet. Aber Respektlosigkeit musste vergolten werden und das Weib konnte sich nur glücklich schätzen, ohne Brandnarben hervor gegangen zu sein. Das Feuer war ein Teil Kassandras, und auch wenn es keine Form besaß, gehörte es zu ihr. Vielleicht würde sie ihn darauf hinweisen, dass sein Fußvolk ihr mehr Respekt erweisen sollte, damit sie ihnen weiterhin half. Denn was für Zoras galt, war nicht die Regel für alle anderen Sterblichen. Das fiel ihr jetzt wieder viel stärker auf als je zuvor. Der krankhafte Stolz mancher Götter keimte in ihr wieder auf und sie sah keinen Grund, etwas dagegen zu unternehmen.
      Irgendwann durchbrach Tysions Stimme, sehr zu Kassandras Überraschung, die Stille. Jedes Mal aufs Neue war sie erstaunt, wenn der alte Mann seine Stimme erhob und sie war sich sicher, dass er zwar wenig von sich preisgab, dafür aber eine Geschichte tiefer als so mancher See besaß. Er hatte sie mit anderen Augen angesehen, als Faia es getan hatte. Seine Motive waren etwas anderes und die Einsamkeit, die ihn wie einen zusätzlichen Mantel umgab, war nicht abzusprechen. Rote Augen richteten sich auf Zoras, um sein Urteil zu hören.
      "Menschen sind und bleiben ein machthungriges Volk. Siehe mich", schaltete sich die Phönixin dazwischen. "Wenn jemand in Erscheinung tritt, der potenziell die Führung über ein ganzes Land übernehmen kann und damit die bisherigen Herrscher absetzen kann, werden eben jene alles notwenige tun, um genau diesen Fall zu verhindern. Es gab mit Sicherheit noch andere potenzielle Anwärter auf den Rang des Träumers, aber sie werden sich vermutlich der Gefahren bewusst gewesen sein und sich dem erst gar nicht gestellt haben."
      Sich diesem Rat dort zu präsentieren bedeutete nicht, sich ihm allein zu stellen. Davon war in keinem Abschnitt dieser Prophezeihung die Rede gewesen. Was bedeuten würde, dass Kassandra im Notfall wirklich alle enthaupten können würde, die es auch nur wagten, aufzubegehren. In ihrem Geiste ging sie die Option bereits durch, doch dann stockte sie kurz. Eine ähnliche Unterhaltung hatten sie und Zoras doch schon einmal geführt... Er wolle kein Tyrann sein, der mit Gewalt das Zepter an sich riss. Das war allerdings der Herzog Zoras gewesen, der diese Ansicht gepflogen hatte. Was war mit dem aktuellen? Sie bekam kurz darauf die Antwort, wobei ihr der Fokus eher missfiel. Er sprah nicht von sich, sondern sprach für sie.
      "Ich werde nicht in Erscheinung treten und einfach alles niederbrennen. Ich hoffe, das ist dir klar", merkte sie trocken an. "Aber sollten sie Anstalten machen, dir Schaden zuzufügen, kann ich für nichts garantieren. Aber jetzt bist du ja nicht mehr ganz so wehrlos wie früher." Sie zuckte mit den Schultern und warf ein Stöckchen ins Feuer, das zischend an Feuchtigkeit verlor.
      "Bring ein ganzes Volk dazu, gegen die amtierenden Herrscher zu rebellieren und setz eine Figur an vorderster Front. Wie Zoras schon richtig sagte, fällt ein Herrscher mit seinen Untertanen, die ihn nähren und stärken. Sorge dafür, dass die Champions gegen das gewöhnliche Volk antreten und ich schreite ein. Ich werde diejenigen schützen, die es nicht selbst können und das Bild einer echten mythischen Kreatur berichtigen. Die aktuellen Träher sollten dich anhören, wenn du ein wenig Gebrauch von dem Bund machst, den du mit mir und Amartius teilst." Sie schmunzelte ein wenig, als sie dieses Mal den Namen ihres Sohnes aussprach. Sie legten beide eine schützende, metaphorische Hand auf jeweils eine Schulter dieses Mannes und er hatte es bis jetzt noch nicht gespürt. "Besinn dich auf das, was in dir ist. Wer dir zur Seite steht, das Feuer, das sich über deinen Rücken und deine Hand hin erstreckt. Lausche in dich, finde deinen Anteil und halt ihn fest. Dann wirst du eine Aura ausstrahlen, die die eines gewöhnlichen Menschen übertrifft. Damit verschaffst du dir Gehör gegenüber diejenigen, die denken, deine Stimme sei zu leise."
    • Kassandras Reaktion war verwirrend, denn obwohl Zoras ihre Meinung darin teilte, dass sie nicht einfach auftauchen und alles niederbrennen sollte, fragte er sich, ob sie wusste, welchen Eindruck sie als Phönixin hinterließ. Sie sollte ein von Natur aus friedliebendes Wesen sein, brannte aber Faias Klamotten an - vermutlich aus einem Grund, aber Faia war in einer solchen Situation schließlich gänzlich wehrlos -, zerfetzte ihren Artgenossen und brachte Feuer und Asche über Veren herein. Selbstverständlich hatte Zoras diese letzte Sache noch nicht vergessen und auch jetzt brachte sie eine gewisse Bitterkeit hervor. Die Nachricht damals war ein Schock gewesen und jetzt erst zu erfahren, dass Kassandra dahinter steckte, hatte ihn nicht minder überrascht. Darüber würden sie noch reden müssen.
      Aber woher kam dann der Umschwung? Was sollte Kassandra daran hindern, jetzt nicht mehr ihre Natur einzusetzen? Jetzt, wo sie ihr unbeschränkt zur Verfügung stand?
      Er musterte sie. Mit einem Mal war er froh, dass es keine Essenz mehr gab, die seine Gedanken hätte widerspiegeln können.
      "Nein, so klar ist mir das nicht. Vielleicht sollten wir uns bei Gelegenheit darüber auseinandersetzen."
      Faia sah zu ihm, nachdem er wieder auf therissisch gewechselt hatte, oder vielleicht weil eine gewisse Bitterkeit in seinem Tonfall mitgeschwungen hatte. Er ignorierte sie. Sein Blick hing mit unausgesprochenen Fragen auf Kassandra.
      Dafür gab es auch ihren Segen, wenn es einer war, der ihm helfen konnte, auch wenn er nicht wusste, was genau sie getan hatte. Sie hatten jetzt eine Verbindung, aber bisher hatte er nichts davon gespürt, nicht eine Veränderung. Es war sogar weniger als mit der Essenz.
      Und dann hatte er natürlich noch die Erfahrung eines Rebells, der seinen Plan zur Gänze in die Tat umgesetzt hätte, wäre nicht ein Phönix dazwischen getreten. Er wusste, dass das Volk einen Namen brauchte, jemand, hinter dem es sich verstecken konnte, der die Verantwortung auf sich nahm, die damit einherging. Den sie dem Löwen zum Fraß vorwerfen könnten, wenn alles schiefging - oder dem sie sich anschließen könnten, wenn er den Weg ebnete. Sie brauchten eine Spitze und in Kuluars speziellen Fall brauchten sie eine Aufklärung ihrer Weltsicht, etwa in Form einer schützenden Phönixin.
      Sollte der Plan aufgehen, würde es wirklich etwas einfaches sein, den Thron zu besteigen. Mit genügend Vorarbeit würde der Thron vermutlich sogar zu ihnen kommen.
      Aber alles mit seiner Zeit. Zunächst musste Zoras überhaupt erst begreifen, was Kassandra mit ihrer letzten Aussage meinte, denn wenn er sich "auf das besann, was in ihm war", spürte er hauptsächlich die Nachwirkungen eines unangenehmen Schlafes, die Müdigkeit, die damit einherging, den Hunger in seinem Magen, der sich mit jedem Bissen erst verfestigt hatte, und letztlich die Anspannung darüber, sich wieder einen Herrschertitel anzueignen. Aber er bezweifelte stark, dass es das war, was sie meinte.
      Er legte die Reste seines Essens nieder.
      "Ich will ehrlich mit dir sein: Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was du meinst. Erleuchte mich - draußen?"
      Kassandra willigte ein und sie verließen die Höhle, um sich draußen, außerhalb des Blickfelds der anderen, an die Klippe zu stellen. Der Wind war hier frisch und kalt und stellte einen direkten Kontrast zu der Wärme dar, die Kassandra beständig ausstrahlte.
      Zoras verschränkte die Arme und wandte sich ihr zu.
      "Erkläre mir auch, warum du dich weigerst, alles niederzubrennen. Ich möchte alles andere, als dich dazu zu ermutigen, aber du scheinst früher auch kein Problem damit gehabt zu haben."
    • Große Töne spucken war einfach. Sehr leicht sogar gegenüber Menschen, die nicht wussten, wo die wahren Grenzen von Champions und Götter lagen. Kassandra hingegen wusste es ganz genau, genauso wie sie wusste, dass sie ihre Grenzen nicht klar kommunizierte. In ihrem entfesselten Zustand war sie praktisch jedem Champion überlegen, aber das galt schlichtweg für einen von ihnen. Sollte sich die Gruppe dazu entscheiden, gemeinsam gegen sie zu ziehen, dann würde selbst sie nicht so einfach gegen gleich fünf Champions bestehen können. Es waren immer noch Götter – zwar beschnitten in ihrer Macht, aber alles andere als unfähig.
      Diesen Gedanken hing die Phönixin noch hinterher, da fiel ihr auf, wie Zoras sie musterte. Mit einem Ausdruck in den Augen, den sie von Menschen kannte, die die potenzielle Gefahr ihres Gegenübers einzuschätzen versuchten. Das, gepaart mit seiner Aussage, entlockte Kassandra eine Spur Überraschung. Da schwang doch noch ein Ton in seiner Stimme mit, den sie so von ihm ihr gegenüber nicht erwartet hatte. Ihm war nicht klar, dass sie nicht wie eine Naturgewalt plötzlich über das Land fegen würde? Er hatte sie doch nie zuvor so eingeschätzt, ganz davon zu schweigen, dass sie ihm stets ein anderes Bild hatte vermitteln wollen. Binnen Sekundenbruchteilen ließ sie einige ihrer Unterhaltungen Revue passieren, ehe sich ihre Augen minimal weiteten. Das einzige Indiz, dass sie etwas erkannt hatte.
      Für alle anderen Menschen hatte sie das Paradebeispiel eines Phönix gespielt. Aber nur in Zoras' Gegenwart hatte sie sich eingestanden, das zu sein, was sie von all den anderen Phönixen unterschied. Dank Areti und vielleicht auch Amartius hatte Zoras gesehen, wie sich echte Phönixe verhielten und den Kontrast geliefert, damit auch Zoras endlich in Schwarz und Weiß unterteilen konnte. In dieser Sekunde bemerkte Kassandra, dass sie genauso dieses Denken von Zoras mit aller Macht hatte fernhalten wollen. Scheinbar erfolglos.
      Von all dem ließ sich Kassandra allerdings nicht ablenken und führte den Rest ihrer Unterhaltung aus, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem er sein Essen beiseite legte und wieder ins kuluarische wechselte. Natürlich verstand er nicht, was sie meinte. Sie sprach immerhin in kryptischen Versen, denn nichts davon ergab für einen Sterblichen Sinn, der noch nie zuvor Zugriff auf Magie besaß.
      „Sicher“, willigte sie ein und erhob sich, wobei sie Staub von ihren Kleidern klopfte.
      Zusammen verließ das Duo die Höhle und ließen die beiden Kuluarer allein am Feuer zurück. Mittlerweile hatte der Wind vor der Küste aufgefrischt, sodass Wellen und Gischt geifernd nach ihren Füßen schlugen. Nach Kassandras Vorschlag bestiegen sie die zerklüftete Klippe und stellten sich oben nahe des Randes, von wo aus sie über das stürmische Meer blicken konnten. Gierig verlangte der Wind nach ihren Haaren, die den Stößen in Wellen Folge leisteten. Gedanklich sortierte sie bereits, wie sie ihrem Schwurpartner am besten erklären konnte, welche Auswirkungen eben jener besaß, da kam er mit einem völlig anderem Thema um die Ecke. Umgehend zeichnete sich die Muskulatur an ihrem Kiefer ab, als er genau das ansprach, was sie vorhin bereits vermutet hatte. Unbewusst bestätigte er ihre Befürchtungen. Er hatte sich in das grausame Abbild von ihr verliebt und nicht in das, was sie eigentlich sein sollte, und vielleicht sogar auch wollte.
      Nun war es an Kassandra, ihr Gegenüber zu mustern. Dann schwenkte sie ihren Blick wieder hinaus aufs Meer. „Du hast gesehen, was aus mir geworden ist, kaum hatte ich meine Essenz zurück. Ich war eine erdrückende Macht aus Zorn und Trauer, die alles niedergewalzt hätte, wenn du nicht gewesen wärst. Aber wer sagt, dass ich irgendwann, sei es in drei oder dreihundert Jahren, meine Taten nicht bereut hätte?“
      Mit bedächtigen Schritten näherte sie sich weiter der Klippe bis ihre Zehenspitzen bereits über die Kante hinaus ragten. Unter ihr brandete das Meer, als bleckte es mit seinen weißen Schaumkronen die Zähne. „Als ich einst auf Erden kam, bin ich ebenfalls nicht wie eine Naturgewalt über das Land gefegt. Ich habe mich bedeckt gehalten, die Geschichten meiner Art unter den Menschen verbreitet und mich nicht eingefügt. Ich hatte seit je her die Neigung für Machtdemonstrationen. Im Götterhimmel habe ich mich mit anderen gemessen, was sonst niemals einem Phönix in den Sinn gekommen wäre. Aber zu keinem einzigen Zeitpunkt kann ich vergessen, wie schwer das Leben wiegt. Nicht, wenn ich an den Zyklus der Wiedergeburt denke, der alles andere als angenehm ist.“
      Kassandra ließ sich in die Hocke sinken und wirkte nun eher wie ein zierlicher Vogel, der an einer Klippe saß und nach etwas Ausschau hielt. Etwas, das weit in der Ferne lag. „Es gibt da diesen Konflikt in mir, der so tief verwurzelt ist, dass ich es nie aus meiner Seele reißen könnte. Ich habe das Tier, das ihr verspeist habt, nicht gedankenlos getötet. Ich habe seine Seele in den Kreis der Wiedergeburt geführt und ihm für sein jetziges Leben gedankt. Ich ehre es. Aber während meiner Versklavung nährte mich der Zorn, die Gier und die Niederträchtigkeit der Menschen. Es färbt früher oder später auf uns Götter ab, deswegen ist der Kontakt mit euch auch so schädlich für uns. Deswegen habe ich versucht, Amartius einzubläuen, dass er niemals den Hass der Menschen teilen darf. Nicht mit der Macht, die ihm innewohnen könnte. Denn wenn ich ohne Sinn und Verstand meinen Gelüsten nachgegeben hätte, dann wäre ganz Asvoß ein geschwärzter Punkt auf jeder Karte.“ Nicht nur Asvoß. Sie würde die gesamte Weltlandschaft neu strukturieren, sodass alle Kartografen wieder von vorn beginnen müssten. So viel Mach wohnte ihr inne, Macht, die es nicht gedankenlos auszuüben galt.
      „Glaubst du, ich habe nicht bereut, Telandir getötet zu haben?“, setzte sie leiser hinzu. Echtes Bedauern lag in ihrer Stimme, die nicht daran glauben ließ, dass sie ihn wirklich aus freien Stücken getötet hatte. „Ich war wie in einem Rausch. Völlig vernebelt und nicht fähig, klar zu denken. Ich habe erst Stunden später begriffen, dass ich einen Meinesgleichen gewaltsam das Leben genommen habe. Seine Schreie klingen noch immer in meinen Ohren und du hast nur seine animalischen Schreie gehört.“ Sie hingegen hatte seine Worte vernommen. Das wutentbrannte Kreischen, das zum panischen Aufbegehren und schließlich zu kläglichem Flehen wurde. Auf nichts davon hatte Kassandra reagiert und nun trug sie einen weiteren Schatten auf ihrer Seele, den sie niemals abstreifen können würde.
      „Ich habe jetzt meine Macht wieder. Und mit Macht darf niemals gedankenlos umgegangen werden. Auch da wart ihr Menschen mir ein gutes Beispiel.“
    • Zoras lauschte wortlos, als Kassandra zu erklären begann, weitaus mehr, als er erwartet hatte. Bisher hatte sie ihm nicht sehr viel mehr eröffnet, als von ihren Artgenossen verbannt worden zu sein, eine beträchtliche Zeit auf der Erde in Phönix-Gestalt verbracht zu haben und dann hinunter gekommen zu sein, um sich an Shukran zu binden. Dass weitaus mehr dahinter gesteckt haben musste als die reine Oberfläche war auch Zoras bewusst, aber er hätte nicht gewusst, wonach er hätte fragen sollen. Jetzt füllte sie zumindest ein paar der Lücken.
      Sie war nicht immer schon so gewaltliebend gewesen, das leuchtete ihm wohl ein. Dass sie gerne ihre Macht demonstrierte, war ihm allerdings etwas Neues - oder war es das wirklich? Er dachte zurück an ein Schlachtfeld bei Nacht, auf dem Kassandra sich zwischen den Fronten aufgebaut und einen Phönix präsentiert hatte, der Kerellins Soldaten in Angst und Schrecken versetzt hatte. Das hatte ihr gefallen, oder nicht? Und das Massaker in Veren, das war auch nicht unter verdeckter Hand geschehen, sie hatte sich gezeigt, wenngleich als unerkanntes Ungetüm. Suchte sie Anerkennung? Wollte sie den Status einer Kriegsgöttin erreichen? Oder wollte sie für andere Taten angepriesen werden als die Erhaltung und Ehrung des Lebens?
      Die Frage lag ihm bereits auf der Zunge, aber er schluckte sie herunter, als Kassandra sich am Klippenrand hinkniete. Ihre feine, schlanke Gestalt, das im Wind wilde Haar und die makellose Haut standen in einem so direkten Kontrast zu dem grauen Hintergrund des Ozeans, dass sie zu leuchten schien. Eine wahre Göttin inmitten weltlicher Schichten. Zoras neigte den Kopf leicht und ließ sie ungestört weiterreden.
      Dann kam die eigentliche Erklärung und sie war wohl alles andere als überraschend. Der Einfluss der Menschen war daran schuld, dass sie entgegen ihrer Natur zu mörderischen Mitteln griff. Sie hatten sie verdorben und bei den Göttern, Zoras wusste, dass sie dafür lange genug Zeit gehabt hatten. Mehr noch, dass sie weitaus genug Chancen dazu hatten, Kassandra so weit von ihrer Natur wegzuzerren, wie es nur möglich war.
      Weit genug, dass sie Rachegelüsten unterlag und ihren eigenen Artgenossen zerfleischte. Die Erinnerung war noch lebhaft genug, dass Zoras sich an sämtliche Details erinnern konnte - wie war es dann nur für Kassandra? Konnte sie noch immer fühlen, wie sie Telandir unter sich den Schnabel in den Hals gestoßen hatte? Hatte sie seine Schreie dabei verstehen können? Natürlich hatte sie das. Für Zoras waren es nur animalische Laute gewesen, aber für Kassandra war es eine Unterhaltung gewesen, eine, die er vermutlich nicht verstehen wollte, selbst wenn er es konnte. Er wusste nicht, wie es sein mochte, wenn ein Gott um sein Leben bangte. Er beschloss kurzerhand, es nie herausfinden zu wollen.
      Aber jetzt war sie frei. Jetzt gab es keinen Menschen mehr, der sie leiten könnte und niemand, der sie zu solchen Taten zwingen könnte.
      Niemand, bis auf Zoras.
      Bis zu dem Zeitpunkt war ihm nicht im geringsten bewusst gewesen, was für ein Vertrauen sie in ihn steckte. So, wie auch Telandir seinen Stolz verletzt gesehen hatte, dass er einem Menschen unterliegen musste, musste es auch für Kassandra schwierig sein, ihre neu gewonnene Freiheit an ihn zu binden. Wenn er starb, wenn der Himmel wieder aufbrach, würde sie sich einem neuen Menschen zuwenden? Sich an jemand neuen binden? Er bezweifelte es, sehr stark. So wie sie die Kuluarer schon ansah, Zoras' Freunde, wie er fand, gab es wohl auf der ganzen Welt niemanden, dem sie sich so schnell wieder zugewandt hätte.
      Aber Vertrauen ging in beide Richtungen. Und Zoras war sich jetzt auch, mehr denn je, bewusst, dass er Kassandra nicht aufhalten könnte, wenn sie etwas durchsetzen wollte.
      Vergangene Geschehnisse hatten das bezeugt.
      "Bereust du auch Veren?"
      Er musste die Stimme heben, um den Wind zu übertönen, der um sie herum peitschte. Das Krachen von Wasser gegen die Klippe unter ihnen kam mit dazu.
      "Für Veren hattest du damals schon Macht genug gehabt. Und soweit ich mich erinnere, habe ich keinen Zorn verspürt, der groß genug gewesen wäre, um dich damit dazu zu verleiten. Das war allein dein Wille, ohne mein Zutun. Ohne mein Wissen."
      Er glaubte, sie verstehen zu können. Es war nicht so, dass ihre Erklärung ihm völlig fremd lag; aber sie hätte darüber stehen müssen. Wenn schon nicht eigenständig, dann doch zumindest für ihn.
      "Loki hat es erwähnt, deswegen weiß ich es überhaupt. Du hast nichts davon gesagt, selbst als du zurückgekommen bist. Warum, Kassandra? Du wusstest, weshalb ich deine Macht nicht einsetzen wollte. Ich habe dir vertraut, als du losgezogen bist, um Morpheus zu suchen! Ich habe mir Sorgen gemacht, unendliche Sorgen, als wir die Nachricht bekommen haben und du noch immer nicht da warst! Ich habe Tage damit verbracht zu überlegen, ob ich dich zurückrufen sollte, damit du nicht in die Quere damit kommst, was auch immer in Veren wütet! Ich dachte, du bist ihm vielleicht schon längst begegnet, als du so lange für deine Rückkehr gebraucht hast! Aber trotzdem kein Ton?"
      Für einen Moment war der Wind und das Wasser das einzige Geräusch zwischen ihnen.
      "... Woher weiß ich, was du möchtest? Du bist eine Phönixin und du ehrst den Lebenszyklus, du sprichst dich gegen Gewalt aus, aber tust es trotzdem."
      Es dauerte einen weiteren, langen Moment bis die richtige Frage erst hervorkam.
      "Woher weiß ich, dass du es nicht noch einmal tun wirst?"
    • Die Frage nach Veren traf Kassandra völlig unvorbereitet. Üblicherweise gab es wenig, was sie überrumpeln konnte oder gar dafür gesorgt hätte, dass sie ihren Blick von etwas abwandte, das sie gerade in Augenschein nahm. Aber diese Frage sprengte das Übliche. Es war keine schnelle Drehung des Kopfes, die Kassandra tat, um zu Zoras aufzusehen. Aber sie kam zweifellos ohne Zögern. Was würde es sein, was sie in seinen Augen sah? Abscheu? Gar.... Ablehnung? Furcht?... Wut?
      Unverständnis war das Erste, was sie in seinem Blick ausmachen konnte. Ihre eigenen Haare peitschten ihre wie einzelne schwarze Lederriemen über das makellose Gesicht während sie nicht anders konnte als den Funken Furcht in ihren Augen aufleuchten zu lassen. Stimmte, sie hatte ihm bis jetzt jegliche Information über Veren verwehrt und auch nie gesagt, dass sie dafür zuständig gewesen war. Weil sie ein Teil dessen vor ihm verheimlichen wollte, der sie war. Das, was damals mit ihr geschehen war, war nur ein winziger Ausbruch dessen, was aus ihr hätte werden können, wenn man sie an der Eisfeste nicht bekehrt bekommen hätte.
      „Ob ich Veren bereue? Den Verlust meiner Kontrolle? Nein.“ Die Worte kamen ihr schneller als gedacht über die Lippen während sie eisern ihren Blickkontakt aufrecht erhielt. „Aber die sinnlosen Toten bereue ich, ja. Es ist leichter für mich, wenn mir der Befehl gegeben wurde, zu töten. Aber das, was in Veren passiert ist, war kein Befehl. Jeder einzelne Soldat, den ich damals eingeäschert habe, war mein persönlicher Entschluss.“
      Mein Rachefeldzug, den nur dein Schmerz gestoppt hat.
      „Jedes Leben, das ich damals genommen habe, trägt zu dem Schatten auf meiner Seele bei. Ich sage das nicht einfach so; ich kann dir nicht die Namen eines jeden Soldaten nennen, dafür kann ich dir aber sagen, dass es 4702 Männer waren bevor Veren aus Angst aufgehört hat, Soldaten auf die Straßen zu schicken. Denn das war mein einziges Ziel gewesen.“
      Ihr Blick wanderte kurz auf den felsigen Boden zu ihren Füßen ehe sie sich mit einer geschmeidigen Bewegung wieder erhob. „Ich bin nicht nach Veren gereist, um gezielt Menschen zu töten und Unheil zu bringen. Ich wollte nicht die Furcht der Menschen, die mich am Himmel erblickten. Aber es war das erste Mal seit hunderten von Jahren, dass ich eine Spur dessen fühlen konnte, was ich einst gewesen war.“ Sie legte eine geballte Faust an ihre Brust, das Gesicht gefärbt von Schuld und der Hoffnung auf Verständnis. „Stell dir vor, dir würde das Privileg genommen werden, auf Pferden zu reiten. Du hast es dein Leben lang getan, es ist dir in Fleisch und Blut übergegangen. Stattdessen musst du dich um die besten Tiere des Landes kümmern. Irgendwann, nach Jahrzehnten, kommt der Moment, wo du dich auf den Rücken eines tollen Hengstes schwingst und dich dabei niemand sieht. Könntest du einfach wieder absteigen? Einfach so?“
      Selbstverständlich war ihr nicht entgangen, dass Zoras sich Sorgen um sie gemacht hatte. Weil sie nicht nach der versprochenen Zeit zurückgekehrt war. Sie hatte sich vergessen und es war zu einem nicht sehr geringen Teil Scham, dass sie es ihm damals nicht gesagt hatte. Außerdem wusste sie, dass er sie für ihren Kontrollverlust mit diesen vorwurfsvollen Augen angesehen hätte, die er sogar jetzt noch teilweise an den Tag legte. Also ließ sie einen Augenblick der Stille einziehen, einen Augenblick, den sie der Natur zugestand und Wind und Wasser den Ton bestimmen ließ.
      Hätte sie es lieber nicht getan, denn die folgenden Fragen waren noch schlimmer als jene nach den Geschehnissen in Veren.
      Kassandras Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Die Antworten auf diese Fragen waren erschreckend einfach. Nur war einfach manchmal gleichbedeutend mit unangenehm, wenn nicht gar desaströs. Aber eigentlich sollte zwischen ihnen Ehrlichkeit herrschen und spätestens nach dem Schwur sollten die Fronten eigentlich klar sein. Jetzt würde sich zeigen, ob die Liebe eines Menschen sein Misstrauen und niederträchtigen Gelüste überwinden konnte.
      „Du weißt es nicht, ob ich es nochmal tun werde oder nicht.“
      Es gab keine Garantie für ihr Verhalten. Außer, sie würde ihm einen Eid leisten, der ihr Wort bindend machte. Nur dann hätte er die absolute Versicherung, dass es nicht nochmal geschah. Allerdings wäre das ein massiver Vertrauensbruch.
      „Ich habe damals die Beherrschung verloren. Das Machtgefühl, der Eindruck, sich für alles revanchieren zu können, was mir angetan worden ist. Es war einfach zu viel. Natürlich hast du meinen Zorn damals nie gespürt. Weil ich ihn sorgsam vor dir maskiert habe. Ich habe dich nicht spüren lassen, wie viel Hass und Trauer und Abscheu mir innewohnte. Alles, was ich dir zeigen wollte, waren die guten, hellen Seiten von mir. Selbst das ist mir nur teilweise gelungen.“
      Sie hatte genau gespürt, wie sehr er sie bestaunt hatte. Als sie ihre Rüstung trug und sich durch Soldaten gepflügt hatte. Wie sie als riesige Erscheinung einen Wall des Feuers dargestellt hatte, die reine Machtdemonstration. Er war fasziniert, in den Bann gezogen von etwas, das ihrem puren Selbst nahe gekommen war. Dabei hatte er nicht einmal die Kriegslieder gehört, die Phönixe sangen, wenn sie ernsthaft kämpften. Bis auf den Tag der Eisfeste. Stattdessen hatte sie ihn mit weichen, lieblichen Gesängen besänftigt. Aber war das nicht auch ein Teil von ihr gewesen?
      Kassandra richtete ihren Blick wieder hinaus aufs Meer. „Ist dir eigentlich nicht aufgefallen, dass sowohl Telandir als auch Areti beide rotes Haar besitzen und ich nicht?“ Wie zur Untermalung strich sie sich die wild gewordenen Strähnen aus dem Gesicht. „Das ist eines unserer Markenzeichen. Als ich auf die Erde verbannt worden war, war auch mein Haar rot. Es hat sich erst über die Jahrhunderte in Gefangenschaft schwarz gefärbt. Als Zeichen dafür, welcher Schmutz auf meiner Seele lastet. Deswegen war Telandir so angewidert, als er das erste Mal meine schwarzen Flammen gesehen hatte. Auch sie waren nicht immer so. Sie werden nie wieder die Farbe haben, die sie einst besaßen.“
    • Zoras' Worte mussten wie eine Kanone einschlagen haben, denn Kassandra sah sich sehr gezielt nach ihm um, kaum als er sie ausgesprochen hatte. Seine Gesichtszüge mochten nicht viel mehr preisgeben als seine Bitterkeit, die er verspürte, und auch Kassandra ließ kaum mehr Einblick auf ihre Gedanken zu. Aber in ihren Augen blitzte es auf. Er konnte es sehen, als würde er direkt auf ihre Seele blicken, genau so, wie er in die unendlichen Weiten des Wahnsinns gesehen hatte, als Lokis Blick ihn aufgefangen hatte. Aber in ihren Augen konnte er Angst lesen. Ja, sein Thema hatte getroffen.
      Eigentlich waren diese Augen ihm schon Antwort genug, denn sie beantworteten seine wesentlichen Fragen, aber Kassandras eigentliche Antwort machte das alles wieder zunichte. Sie bereute zwar die Tode, aber nicht, es getan zu haben. 4702 Männer hatten ihr Leben gelassen, kaum ein ganzes Battalion. Zoras hatte in seinem Aufstand sehr, sehr, sehr viel mehr Tode verursacht.
      Aber es ging auch nicht um Zahlen, so sehr es ihn im Hintergrund beeindrucken mochte, dass sie sich wirklich jedes einzelnen Lebewesens bewusst gewesen war. Es ging ihm auch nicht darum, dass verenische Soldaten ums Leben gekommen waren, denn wirklich, nach ihrem missglückten Attentat hatte Zoras wenig Mitleid für Veren übrig. Aber es ging darum, dass Kassandra sich trotz seiner wiederholten Mahnung eingemischt hatte. Dass sie sogar so weit gegangen war, Veren zurück in ihr Herzogtum zu verbannen, damit sie sich nicht der Schlacht anschließen würde. Dass sie mit Terror gehandelt hatte, wo Zoras den Aufstand hatte agieren lassen wollen. Dass sie Kriegsregeln missachtet hatte und dass sie nichts davon ihm mitgeteilt hatte, keine einzige Sache. Er war froh gewesen, dass sie wiedergekommen war, hatte sie nach Morpheus gefragt und sie hatte ihm Antworten geliefert, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie hatte ihm ihren Ausflug verschwiegen, selbst dann, als sie selbst hatte begreifen müssen, dass man sogar schon an der Front von dem wütenden Etwas in Veren gehört hatte.
      Und wenn sie ihm selbst das verschwiegen hatte, was hatte sie noch getan ohne sein Wissen? Was mochte in Theriss alles geschehen sein, was sie hinterrücks geleitet hatte und von dem er keine Ahnung hatte?
      Sie sprach weiter und Zoras zwang sich dazu mitzudenken, auch wenn er eigentlich dem Frust gerne Luft gemacht hätte, der sich jetzt in ihm breit machte. Dafür traf sie ihn aber auch selbst genau dort, wo er es spüren konnte: Die Götter selbst konnten nur wissen, wie lange er bei seiner Flucht auf Kassadra geritten war, als er zum ersten Mal seit Jahren wieder in einem Sattel gesessen war. Er war geritten, bis sie nicht mehr konnte und wenn es gegangen wäre, wäre er nie abgestiegen.
      Ja, er konnte es nachvollziehen. Trotzdem brauchte er einen Moment, ehe er ein grummeliges "Nein" auf ihre Frage herausgepresst hatte.
      Und dann kam erst die entscheidende Antwort, die eine Hoffnung in ihm zerbrach, derer er sich bis dahin gar nicht bewusst gewesen war. Hoffnung auf was? Dass sie eine friedliebende Phönixin wäre? Dass sie beide, zu jeder Zeit, die gleichen Ziele verfolgten?
      Geräuschvoll atmete er aus und drehte den Kopf, bis er Kassandra nicht mehr ansah und der Wind ihm stattdessen frontal gegen das Gesicht blies. Vielleicht hätte er es anders aufgenommen, wenn sie ihm vor vier Jahren davon berichtet hätte. Dann hätte er sie womöglich getadelt, dazu ermahnt, sich nicht noch einmal einzumischen und hätte konkrete Nachforschungen dazu betrieben, wie hoch der Schaden in Veren letztlich ausgefallen war. Dann hätte er in einer ruhigen Minute vielleicht mit ihr gesprochen und sich das angehört, was sie ihm jetzt schilderte.
      Aber jetzt war es vier Jahre später, die Lage hatte sich geändert und, Himmel, sein Bild von Kassandra hatte sich auch geändert. Hätte er auch nach ihr gesucht, wenn er vorher davon gewusst hätte? Selbstverständlich. Aber…
      "Woher soll ich wissen, wie viele Seiten du mir noch nicht gezeigt hast? Woher soll ich wissen, was du sonst noch alles getan hast, von dem ich nichts weiß? Wo hört es auf?"
      Er sah wieder zu ihr und als ihre roten Augen auf seine trafen, löste sich endlich der Frust in ihm und überschwemmte ihn mit Enttäuschung. Er wollte sein Vertrauen in sie nicht verlieren. Götter, er hatte sie gerade erst wiedergewonnen, er wollte sich nicht mit Sorgen darüber beschäftigen, wie viele Seiten von ihr sie ihm vorenthalten hatte, damit sie hinter seinem Rücken sonst was tun konnte. Er wollte die Schwerelosigkeit zurück, die sie sich einst an einem ungestörten Sommertag geschaffen hatten. Er wollte Kassandra zurück bei sich und nicht auf der anderen Seite.
      Als könne sie seine Gedanken lesen, sah sie wieder weg und Zoras starrte auf den Stein unter seinen Stiefeln hinab. Er musste ihr Haar nicht betrachten, um zu wissen, wie pechschwarz und samtig weich es war.
      "Ich habe es gestern herausgefunden. Hatte vorher noch nicht die Ehre, einen anderen Phönix zu sehen. Ich habe dich immer für eine einzigartige, wunderschöne Phönixin gehalten."
      Zumindest er log nicht bei seinen Worten. Er hatte noch nie gelogen, nicht gegenüber Kassandra. Es gab keine Geheimnisse, die er ihr vorenthalten hätte.
      Außer natürlich: Nun, er hatte ihr nicht alle Details der letzten Jahre unterbreitet. Aber das war auch in Ordnung, das war etwas anderes. Nicht wahr?
      Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und über dichter werdende Bartstoppeln. Als er wieder zu ihr sah, fächerte der Wind gerade ihre Haare hinter ihr auf, als wollten sie sich verselbstständigen und davonfliegen.
      So wie Kassandra sich verselbstständigen und davonfliegen könnte.
      "Ich will dich nicht verurteilen für das, was du getan hast. Ich hätte es nicht gut geheißen und ich hätte dich bestimmt… naja, ich hätte gesagt, wie sehr es mir zuwider ist, aber ich hätte zumindest erwartet, dass du es mir sagst. Vorher, hinterher, das ist irrelevant. Warum nicht? Wieso hast du es geheim gehalten? Ich dachte…"
      Er zuckte knapp mit den Schultern, was Kassandra gar nicht sah. Seine Stimme wurde irgendwie kleinlaut.
      "... Ich dachte, wir sind Partner…"
    • Enttäuschung fühlte sich klamm an. Eine kühle Feuchte, die allmählich zwischen sämtliche Ritzen kroch, wo kein Zug herrschte, und dort zu schimmeln begann. Etwas, das man ausmerzen musste. Dass gesundheitsgefährdend war. Genau das war es, was Kassandra nun seitens Zoras zu spüren bekam. Enttäuschung darüber, dass sie ihm damals nicht von Veren berichtet hatte. Oder möglicherweise sich ihm gegenüber anders gegeben hatte, als sie eigentlich war. Enttäuschung darüber, dass er nun für sich nicht mehr wusste, welche Kassandra er eigentlich geliebt hatte und schlussendlich die Antwort sein würde: den ChampionKassandra. Nicht die Göttin, nicht die Frau. Nur den Champion.
      Kassandra legte den Kopf in den Nacken und sah in den verhangenen Himmel empor. „Es war gut ein Jahr, dass du mich kanntest. Dass du mich als Champion kanntest, dem man die Flügel gestutzt hatte und über Ewigkeiten in einem Sumpf hatte schmoren lassen. Glaubst du nicht, dass mir bewusst war, wie es wirkt, wenn ich mich gebe wie ich bin? Es ist einfacher das Leid zu ertragen, wenn man die heiligsten Teile seiner Seele verbarrikadiert. Dann hast du den Handel vorgeschlagen, an dessen Ende ich meine Essenz zurückbekommen sollte. Natürlich tat ich dann das Notwenige, um diese Einstellung nicht zu gefährden. Am Ende hin konnte ich nicht mehr leugnen, dass du selbst gegen meinen Willen die Masken gebrochen hast. So, wie es einst Shukran tat. Ich konnte meine Gefühle nicht mehr ignorieren, die permanente Sorge um dich. Du hast mir ein Versprechen abgerungen, dass deinen Tod beinhaltete, und ich habe dem zugestimmt mit leeren Worten. Weißt du wie lange ich darüber nachgedacht habe, wie ich am Besten dafür sorgen kann, dass eben jener Fall nicht eintritt?“
      Die Wolken rasten über ihren Köpfen in aberwitzigem Tempo hinweg. Von den Rissen war nichts mehr zu sehen, und selbst wenn hätte die graue, flauschige Decke sie verhüllt. „Ich habe dir von Veren nichts erzählt, weil ich mich dafür geschämt hab. Dass ich den Kampf gegen Rachegelüste verloren habe. Diese Soldaten waren nur eine Ausrede für die Rache, die ich sowieso nicht finden kann. Weil all die Peiniger längst tot sind.“ Sie lachte kurz und trocken auf. „Dein Schmerz damals hat mich aus dem Wahnzustand gerissen. Sonst hätte ich vermutlich noch länger dort gewütet. Noch nie zuvor habe ich dermaßen die Kontrolle über mich verloren und das nur, weil ich schlichtweg die Macht besaß. Das war alles. Irgendwann habe ich versucht, deinen Wunsch, deinenPlan“, sie betonte das Wort besonders abfällig, „zu akzeptieren. Mich damit zu arrangieren, dass du womöglich sogar in meinen Armen dort stirbst. Und dann hätte ich ebenfalls akzeptieren müssen, dass der daraus resultierende Kontrollverlust den aus Veren in den Schatten stellen würde. Du warst mir dermaßen wichtig, dass nach deinem Tod nur Leere für mich die Zukunft bestimmen würde. Das war das einzige Mal, dass ich dir etwas verschwiegen habe.“
      Denn sie hatten nun mal so unglaublich wenig Zeit gehabt. Selbst in Menschenjahren war die Zeit viel zu kurz gewesen, um zu behaupten, dass man jemanden wirklich kennenlernen konnte. Wie hätte Zoras als Träger denn jemals alle Seiten an Kassandra, einer versklavten Gottheit, überhaupt entdecken können? Erst jetzt, wo ihr Herz wieder in ihrer Brust schlug, bekam er dazu die Möglichkeit. Bei den Pforten, sie hätte sogar gegen die höchste Regel verstoßen und sein Leben im Tausch gegen Anderes verlängert, damit sie nun mehr Zeit miteinander haben konnten. Doch nun spürte sie die anwachsenden Zweifel. Auch ohne ihn anzusehen wusste sie, dass er sämtliche Aktionen in der Vergangenheit hinterfragte. Ob sie hinter seinem Rücken nicht doch etwas manipuliert hatte. Und wenn ein Mensch einmal anfing zu zweifeln, bedeutete das dauerhaften Schaden für die Vertrauensbasis.
      Kassandra schloss die Augen. Sie fühlte, wie das Urvertrauen, was sie zueinander aufgebaut hatten, wie Sand durch ihre Finger rann. Beständig hätte sie danach greifen können, doch Sandkörner würden immer wieder durch die Ritzen zwischen ihren Fingern rieseln. Es war nicht greifbar, nicht festzuhalten, nicht zu kitten.
      Vielleicht hätte sie diesen Schwur doch nicht leisten sollen. Es wäre leichter gewesen, einfach aufzustehen und davon zu fliegen und erst in hundert Jahren auch nur einen Fuß auf die Erde zu setzen. Dann wäre alles vergessen, über alles Gras gewachsen. Nur müde Erzählungen in manchen Geschichtsbüchern würden auf sie schließen lassen können und die Menschheit würde vergessen, dass es einst einen schwarzen Phönix gegeben hatte.
      Aber konnte eine Gottheit aufrichtig vergessen?
      Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich Zoras über sein Gesicht fuhr. Beinahe hätte die Phönixin geschmunzelt. Früher hatte er sich oft an den Bart gefasst, wenn er schwierige Unterhaltungen führte, und scheinbar war ihm dies mehr oder minder im Gedächtnis geblieben. Doch dann sagte er ein Wort, das für Kassandra mindestens so vernichtend war wie für Zoras die Enthüllung über die Geschehnisse in Veren.
      Dieses Mal wirkte es zäh als Kassandra ihren Kopf zu Zoras drehte und dieses Mal völlig von Masken absah. Was nun in ihrem Gesicht geschrieben stand, war neben Entsetzen unfassbare Betroffenheit.
      „Partner?“, wiederholte sie sein Wort, so als wäre es die schlimmste Beleidigung, die er ihr an den Kopf hätte werfen können. „Ich hätte dich niemals nur alsPartner bezeichnet.“ Partner bedeutete zwar gleichgestellt, aber es fehlte die Bindung. Die Bedeutung für den jeweils anderen. Sie hatte erwartet, dass er sie als seine Haria bezeichnete. Oder irgendetwas in dieser Richtung. Aber ganz bestimmt nicht nur Partner.
      „Ich habe diesen Schwur nur wegen dir geleistet und sonst niemanden. Mir ist diese Erde, diese Ordnung zu diesem Zeitpunkt egal gewesen, ich liebe nicht mehr jedes Lebewesen. Für dich habe ich mich wieder beschneiden lassen, wenn auch deutlich subtiler. Aber du trägst mein Siegel auf dem Rücken.“ Wie zur Bestätigung glühte es unter den zahlreichen Schichten Stoff auf Zoras' Rücken auf und verströmte eine Wärme, die bis in seinen Kern reichte. „Du kannst nach deinem Willen meine Macht, meinen Einfluss, auf ein Minimum reduzieren und solange halten, wie du es willst. Ich habe praktisch meine Macht mit dirgeteilt - das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem Schwur und dem Abgeben der Essenz. Denkst du, ich schwöre wahllos?“
      Dampfwölkchen begannen um die Phönixin herum aufzusteigen, als sich ihre Gefühle in Form von Hitze entlud. Ihre Magie troff aus ihr wie Lava und erhitzte das Gestein um sie herum bis es so warm wurde, dass die Feuchtigkeit zu verdampfen begann. In ihren Augen brannte wieder dieses Feuer, doch dieses Mal wurde es nicht von Hass und Vergeltung gespeist.
      „Du bist der erste Mensch, dem ich jemals geschworen habe, Zoras.“
    • Wenn Zoras gedacht hatte, dass damit die größten ihrer Geheimnisse aufgedeckt wären, hatte er sich getäuscht. Gewaltig getäuscht. Seine Augen wurden groß, während er Kassandras Hinterkopf anstarrte.
      Sie hatte seinen Tod zu verhindern gewollt. Natürlich wusste er, dass sie seinen Plan nicht gutgeheißen hatte und er wusste auch, wie sehr sie sich dagegen ausgesprochen hatte, wie er ihn auszuführen gedachte, aber er hätte nicht gedacht, dass dieser Wille auf ihre Gefühle zurückzuführen wäre. Er hätte gedacht, sie sei dagegen, weil sie als Phönixin das Leben ehrte oder zumindest, weil sie nicht einen neuen Tod einer ihrer Träger spüren wollte, aber nicht, dass es aus Liebe geschah.
      Dass er mit Shukran gleichauf war.
      Und obwohl Zoras anhand Shukran gewusst hatte, dass Kassandra stark genug fühlen konnte, um sich in einen Menschen zu verlieben, waren zwischen den beiden Männern Jahrhunderte vergangen und er war sich ziemlich sicher gewesen, nicht mit Shukran mithalten zu können. Wie viel Zeit er nur damit verbracht hatte, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob er Kassandra richtig behandelte, ob sie es guthieß, wenn er sich ihr annäherte, ob er sie mit dem angemessenen Respekt ansprach, sie nicht als Mensch betrachtete, aber auch nicht als abgehobene, als Gleichberechtigte, aber ohne Mensch zu sein, aber ohne Göttin zu sein. Er hatte damit Erfolg gehabt, ganz offensichtlich, denn sie hatte es ihm schließlich gestattet, sich ihr anzunähern, aber trotzdem hatte er nicht gedacht, dass ihre Gefühle so tief gingen.
      Er hatte es nicht gedacht, aber gehofft.
      Und jetzt eröffnete sie es ihm, zusammen mit dem Geständnis, dass sie allzu menschliche Emotionen dabei gehabt hatte, Veren auszumerzen, und dass sie nach Zoras' Tod ein viel größeres Unglück heraufbeschworen hätte. Dann hätte sie seinen gesamten Plan und die Folgen, die daraus resultieren sollten, tatsächlich vollkommen vernichtet.
      Trotz der Wärme war ihm jetzt kalt. Die Winde waren hier manchmal feucht, wenn das Wasser zu hoch spritzte und dann weitergetragen wurde. Er steckte die Hände unter die Schichten seiner Pelze, weil er das Gefühl von peitschendem, feuchten Wind auf seinen Narben nicht ertragen wollte.
      Kassandra drehte sich wieder zu ihm um, ganz langsam diesmal, als müsse sie gegen das Unwetter ankommen. Ihre roten Augen erschienen wieder und in ihnen stand diesmal ganz unverhohlener Unglaube.
      Zoras schluckte unter ihrem Blick. Was könnte er sonst für sie sein, wenn nicht Partner? Etwa Träger? Würde sie ihm gleich eröffnen, dass er niemals etwas besseres gewesen war, als ein ganz passabler Träger?
      Aber ihre nachfolgenden Worte passten nicht zu seiner aufkeimenden Befürchtung und auch nicht, dass sich gleich darauf ein Gefühl von seinem Rücken ausbreitete, das die vorher entstandene Kälte ausnahmslos zurückdrängte, ihm wie sehr warmes, aber angenehmes Blut durch den Körper floss und in jedem Winkel seines Seins zu glühen schien. Es verdrängte die Empfindung von peitschendem Wind und die Rückenschmerzen, die sich mit dem unangenehmen Schlaf eingestellt hatten, es verdrängte sogar die unangenehme Spannung auf seiner Haut, die sich bis auf seine Muskeln hinabgefressen zu haben schien. Er starrte Kassandra ungläubig an, weil ihre Erklärung wirklich gar nicht dazu passte, dass er nichtmal mehr ihr Partner sein sollte.
      Sie hatte ihre Macht mit ihm geteilt. Sollte das heißen… aber er hatte gedacht, er könnte sie nur einschränken. Ihre Macht zu teilen ist etwas anderes - etwas ganz anderes.
      Und er war der erste Mensch, dem sie jemals geschworen hatte.
      Zoras trat einen Schritt nach vorne, hinein in den Dunst, der langsam von der Phönixin aufstieg, womöglich eine Reaktion auf die Hitze, die sich bei ihr ansammelte. Er wusste nicht, was ihr anflug von Magie bedeuten sollte, aber er wusste doch, dass hinter den glühenden Augen ihre Gedanken arbeiteten und arbeiteten, ohne ein Ende, wenn er dem keins setzen würde. Er musste aber erst seine eigenen Gedanken sortieren, bei den vielen Wahrheiten, die ihn getroffen hatten, bevor er sich bei ihr hinhockte. Die Feuchtigkeit war jetzt unangenehm warm auf seiner Haut, aber sonst schien er von ihrer ausgehenden Magie nicht erfasst.
      "Soll das heißen… meintest du, wir sind nicht nur Partner?"
      Er musste es hören. Nach seiner anfänglichen Panik brauchte er eine klare Aussage.
      "Es ist mir ganz egal, wie wir das nennen. Es macht für mich keinen Unterschied. Wir sind Partner, Gefährten, Freunde, Geliebte; wenn wir irgendetwas nicht sind, dann sag es mir. Scheiße Kassandra, ich habe dich vier Jahre lang gesucht, ich war bereit, eine ganze Festung auszuheben, um dich dort rauszuholen, ich hätte ganz Asvoß niedergebrannt, wenn es dir nur eine Chance auf Freiheit gegeben hätte. Es ist mir ganz egal, was wir sind, denn ich liebe dich. Und dein Schwur ist… ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin. Du vertraust mir so sehr, um dich wieder an mich zu binden, auf eine Art, die dir gar nicht geläufig ist. Ich will dir das gleiche Vertrauen geben, auch wenn ich dafür keinen Schwur habe, der uns bindet. Versteh mich nicht falsch, ich bin trotzdem… enttäuscht, dass du mir die Sache mit Veren nicht gesagt hast. Ich bin enttäuscht, weil du geglaubt hast, einen Teil von dir vor mir verstecken zu müssen."
      Er streckte ihr die Hand entgegen, nur eine Einladung, keine Aufforderung. Es lag an Kassandra allein, die letzte Distanz zu überbrücken.
      "Aber lass mich dich lieben, Kassandra. Die, die du bist und nicht die, die du mir gerne zeigen möchtest. Ich weiß, dass ein Jahr nicht genug Zeit dafür war, aber jetzt haben wir kein einzelnes Jahr mehr, jetzt haben wir länger als das. Viel länger, hoffe ich doch. Und ich möchte jede einzelne freie Stunde damit verbringen, auch die Seiten an dir kennenzulernen, die ein Land in Schutt und Asche legen und die sich für etwas rächen, das nicht mehr gerächt werden kann, weil sie genauso zu dir gehören. Ich will die Kassandra lieben, die durch das Lazarett geht und Verwundete heilt und ich will die lieben, die sich als gigantischer Phönix an einem anderen rächt. Ich will wissen, wenn du so sehr vereinnahmt bist, um dich für eine Göttin zu menschlich zu fühlen und ich will auch wissen, wenn du diesen Gefühlen unterliegst. Ich werde dich nicht beschränken, niemals. Ich werde dich unterstützen, wann immer ich nur kann, auch wenn das bedeutet, dass wir irgendwohin fliegen und 4702 Soldaten umnieten müssen."
      Er lächelte in dem Versuch, die Stimmung wieder etwas aufzuheitern.
      "Aber du musst mich lassen. Okay? Kannst du diese eine, letzte Sache für mich tun?"
    • Scheinbar hatte es bei Zoras endlich Klick gemacht. Ja, sie waren nicht nur Partner. Sie hatten kein temporäres Bündnis geschlossen, aus dem sie gegenseitig Nutzen beziehen konnten. Für eine unheimlich kurze Zeit waren sie womöglich Partner gewesen, aber noch bevor Zoras von Morpheus angegriffen worden war, hatte sich dieser Zustand bereits gelockert. Spätestens, als Kassandra jedweden Stein gedanklich umzudrehen suchte, waren sie keine Partner mehr. Sie hatte zugelassen, dass er mehr für wurde als nur ein Sterblicher unter Millionen und als sie ihn damals allein auf das Schlachtfeld hatte ziehen lassen, wurde sein Status zu einem 'Gefallenen'. Nicht eine Sekunde hatte sie das akzeptiert und alles getan, damit dies nur ein Wort, unausgesprochen in der Luft, blieb.
      Stoisch hielt die Phönixin ihren Blick auf den Menschen vor ihr gerichtet. Sorgsam lauschte sie jedem einzelnen Wort, das ihm über die Lippen kam und ihr nur das widerspiegelten, was sie unlängst wusste. Ihr war klar, dass er keine Bezeichnung benötigte. Dass sie sein Antrieb gewesen war, um ihn bei Verstand zu halten und, ja, dass er es versucht hätte, die Feste auf eigene Faust zu infiltrieren. Aber all diese Worte wirkten auf sie wie ein veraltetes Bild. Er hatte die Erinnerung verfolgt. Das, was er vor vier Jahren verloren hatte, was ihm gewaltsam entrissen worden war und wie ein Fiebertraum in seinem Kopf waberte. So wie er nun nicht mehr der gütige Herzog von Luor war, hatte auch Kassandras Seele einen weiteren Rückschlag erhalten. Einen, den sie nicht einfach maskieren und verstecken konnte. Zoras hatte ein anderes Bild geliebt, und das hatte sie ihm genauso erklärt. Niemand garantierte ihr, dass er ihr aktuelles Ich ebenfalls....
      „.... denn ich liebe dich.“
      Kassandras Lippen zuckten. Der stoische Gesichtsausdruck bekam allmähliche Risse und die aufsteigenden Dampfwölkchen wurden langsamer, weicher. Natürlich war er enttäuscht gewesen. Etwas anderes war gar nicht zu erwarten, immerhin hatte er ihr in einer ganz bestimmten Nacht genau das gesagt: Er wolle jede einzelner ihrer Seiten lieben. Egal, wie falsch und schmutzig sie in ihren eigenen Augen wirkte. Wie hatte sie das denn vergessen können?
      Vor ihr streckte sich eine raue Hand nach ihr aus. Wie ein unausgesprochenes Versprechen schwebte sie zwischen der Phönixin und dem Mann, der vor sich das Einzige hatte, wofür er möglicherweise die letzten vier Jahre gelebt hatte. Jedenfalls, nachdem sein erster und einziger Sohn gefallen war. Doch er wusste nicht um die Schwere, die seine Worte innehatten. Zeit war etwas gefährliches, und scheinbar hatte er nicht mehr daran gedacht, dass sie seine verbleibende Zeit sah. Jede Sekunde, jede Minute, die ihm hier auf dieser Erde verblieb und die Grenze bildete, die sie als Phönixin nicht überschreiten durfte. Denn wenn sie diese Grenze brach – und das hatte sie 4702 Mal in Veren – würde sich immer mehr Schwarz in ihrer Seele anhäufen bis das Gleichgewicht unwiderruflich gestört war und schließlich aus den Fugen geriet. So wie das Lächeln, das er ihr ganz am Ende präsentierte. Es hatte nicht diese überschwängliche Wärme und Freude, die er früher in sein Lächeln gelegt hatte, wenn er sie ansah. Es war eine Abstufung dessen und trotzdem reichte es, um auch die dunkelste Ecke von Kassandras Herz zu erleuchten.
      Also griff sie ohne weiteres Zögern nach seiner Hand und zog ihn an sich. Sie wusste, dass er immer wieder darüber erstaunt war, wie viel Kraft diese zierliche Frau an den Tag legen konnte, und so lächelte sie schmal als er durch den Ruck zu ihr stolperte.
      „Ich fürchtete, du würdest einer Erinnerung hinterher jagen“, sagte sie, legte einen Arm um seine Taille und die Stirn an seine Schulter. „Nur durch Hoffnung hatte ich ausgehalten, weil ich dachte, du würdest kommen. Aber ich war besorgt weil vier Jahre eine lange Zeit für euch Menschen sind. Mir war klar, dass mich ein anderer Zoras erwarten würde und davor.... fürchtete ich mich ein wenig.“
      Sanft drückte sie sich wieder von ihm ab und sah auf in sein Gesicht. Die dunklen Bartstoppel waren wie ein Gruß aus der Vergangenheit, der in ihrem Geist kurz das Bild des Herzoges mit dem üppigen Bart hervorrief. Über genau diese Stoppeln ließ sie nun beide ihrer Hände gleiten als sie sein Gesicht umrahmte. „Alles, was ich wollte, war, dass du in Frieden dein Leben lebst. Und was ist daraus geworden? Durch mein Einwirken, das deine Rettung sein sollte, habe ich dich in die Folterkammer gebracht.“ In ihren Augen flackerte der allgegenwärtige Zorn gegenüber Feris auf, den sie wohl nie ersticken können würde. „Ich hätte viel mehr aufbegehren können in der Eisfeste. Aber ich tat es nicht...“
      Kassandra tat einen tiefen, ruhigen Atemzug. Die Hitze, die sie ausgestrahlt hatte, war abgeklungen und die Dampfwölkchen versiegt. Träge strichen ihre Daumen über seine Wangenknochen.
      Zeit. Davon hatten sie nun immerhin wirklich mehr als nur ein Jahr.
      „Ich lasse dich“, hauchte sie, „aber ich kann diese eine, letzte Sache nicht für dich tun. Es wird nämlich nicht die Letzte sein, die ich für dich zu tun gedenke.“ Sie würde mehr tun als nur diese letzte Bitte zu erfüllen.
      Der Druck in ihren Händen verstärkte sich als Kassandra Zoras zu sich hinab führte. Wann hatte ihr Herz das letzte Mal so in ihrer Brust geschlagen, so wild und befreit? Sie wusste es nicht. Stattdessen verschloss sie ihre Augen vor der Welt, kaum hatten ihre Lippen einander gefunden. Dieses Mal verspürte sie nicht den Impuls, sich zu versteifen, ihn von sich zu weisen. Stattdessen ließ sie ihre Lippen zärtlich über seine streifen, die rau und aufgesprungen waren. Einen Kontrast zu ihren eigenen, samtigen Lippen bildete.
      Es war ein unglaublich sanfter Kuss, der erste wirklich echte, nachdem er sie aus der Feste geholt hatte. Kurz löste sie ihre Lippen von seinen, um Worte zu sprechen: „Danke, dass du gekommen bist.“
      Das hätte Amartius auch so gewollt. Das hatte Areti gewollt und Kassandra war so, als spürte sie ihre Tochter von oben auf sie beide hinab lächeln.
    • Wenn es einen Beweis dafür gegeben hätte, dass Zoras es tatsächlich geschafft hatte, in dem einen Jahr Kassandras Masken zu durchdringen, so wie sie es ihm offenbart hatte, dann zeigte es sich in der Tatsache, dass es auch jetzt geschah. Keine ihrer vorherigen Reaktionen kam so schnell und unverhohlen wie das Zucken ihrer Lippen oder wie der Dunst um sie herum seichter wurde, als er ihr sagte, dass er sie liebte. Zoras hätte darüber triumphieren können, dass er die Phönixin - jetzt wieder die vollwertige Göttin - so sehr an sich gebunden hatte, dass diese einfachen Worte dazu reichten, ihre Gesichtszüge aufweichen zu lassen, aber er spürte bei diesem Anblick nichts als Erleichterung. Wenn sie es vorher nicht selbst gesagt hätte, war das der Beweis dafür, dass auch sie noch Gefühle für ihn übrig hatte.
      Genauso beflügelte es ihn, dass sie nach seiner Hand griff, ohne erst darüber nachzudenken. Ihre Finger schoben sich an seinen vorbei, schlossen sich unwiderruflich um ihn und dann zog sie ihn mit einem Ruck nach vorne, den Zoras beinahe auf die Nase fliegen gelassen hätte. Er hatte schon wieder vergessen, wie viel Kraft in Kassandra steckte, denn wirklich, sie sah nicht danach aus, überhaupt nicht. Dafür schlang sie aber auch den Arm um seine Taille, bevor er noch weiter nach vorne über den Rand der Klippe gestolpert wäre.
      Er zögerte auch selbst nicht davor, den eigenen Arm um ihre Schultern zu legen und sie lose festzuhalten, fest genug, um seinen Drang dazu, sie in einer vollen Umarmung an sich zu drücken, wenigstens etwas zu besänftigen, aber immernoch locker genug, damit sie sich von ihm lösen könnte. Er widerstand gerade noch dem Bedürfnis ihren Scheitel zu küssen, oder ihr Gesicht anzuheben und ihre Stirn zu küssen oder noch viel mehr zu küssen. Dafür legte er aber den Kopf sanft auf ihren, um den Geruch ihrer Haare wieder in sich aufzusaugen.
      Natürlich hatte sie befürchtet, dass er sich in den vier Jahren verändert hatte. Wie hätte es auch nicht sein können, schließlich hatte sie damals ein Schlachtfeld verlassen, das unweigerlich Probleme hervorrief, sollte er dort nicht verenden. Sie musste auch gewusst haben, dass der Aufstand nicht so hätte weitergehen können und wenn doch, dass Zoras dann kaum die Zeit gehabt hätte, sich vier Jahre lang damit zu beschäftigen, wo sie abgeblieben war. Dann hätte er es vielleicht auch niemals herausgefunden, denn Theriss war wesentlich weiter entfernt als nur über die Küste hinaus.
      Außer natürlich, Loki hätte einen Weg gefunden, ihn aus seinem Herzogtum herauszulocken und über die halbe Welt zu schicken, um Kassandra zu befreien. Götter, einem solchen Gedanken wollte er gar nicht nachgehen. Es war besser, dass Amartius, anstatt Loki, ihn gefunden hatte.
      Er schloss die Augen, öffnete sie aber gleich wieder, als Kassandra sich wieder etwas löste und ihre Hände sanft an sein Gesicht legte. Ihre Augen fuhren dem Lauf seines Gesichts nach und was immer sie dort auch entdeckte, Zoras untermalte es mit einem Lächeln, das ihr vorher stets der Bart verwehrt hatte. Es wurde aber steif, als sie unwissentlich ihre Schuld an seiner Folter bekannte. Ja, sie war der Grund dafür gewesen; hätte man ihn ansonsten für etwas anderes dort gehalten? Wohl kaum. Feris' damalige Berater mussten ihm dazu geraten haben, Zoras so schnell wie möglich öffentlich hinzurichten und das einzige Argument, das jemals dagegen stünde, war jenes, dass die Möglichkeit bestand, Kassandra zurück zu holen. Andernfalls wäre er womöglich sogar auf dem Schlachtfeld gestorben.
      Dann wäre er aber auch nie zur Festung gekommen und Kassandra hätte nie gewusst, ob er noch lebte oder nicht. Sie hätte 50 Jahre dort verbringen müssen, bevor sämtliche Chancen, dass er noch am Leben war, endgültig verstrichen waren, und selbst dann war es fraglich, ob sie jemals der Festung entkommen wäre. So, wie sie also dafür gesorgt hatte, dass er weiterlebte, hatte sie sich in gewisser Weise auch selbst gerettet.
      Es war trotzdem ein falscher Gedanke. Er wollte nicht so denken und er wollte auch nicht, dass sie jemals so dachte.
      Er schüttelte den Kopf.
      "Es lag nicht in deiner Verantwortung, dich um mich zu kümmern. Ich habe meinen eigenen Weg gefunden und der hat mich zu dir gebracht. Er würde mich jedes Mal wieder zu dir bringen."
      Dann beantwortete sie ihm auch endlich seine Frage und für Zoras war es, als würde sich jetzt erst ein Gewicht von ihm lösen. Keine Geheimnisse mehr voreinander. Sie würde ihm alle ihre Seiten zeigen und Zoras würde sie gut genug kennenlernen, um sie mit vollem Herzen lieben zu können.
      Die Hände an seinen Wangen verstärkten sich und Zoras ließ sich leiten, hauptsächlich von ihrer Kraft, nachdem ihre eigentliche Richtung auf Widerstand traf. Sie wollte doch wohl nicht...? Aber sie wollte. Er sah es in ihren Augen, die sich auf seinen festgesetzt hatten, er sah es in der Art und Weise, wie sie den Kopf zu ihm neigte und wie sich ihr ganzer Körper nach ihm ausrichtete. Sein Herz machte plötzlich einen Satz und er wurde nervös, als sei er wieder ein Teenager, als Kassandra ihn zu ihren Lippen leitete. Er wollte es nicht noch einmal falsch machen, er wollte sie nicht nochmal von sich stoßen, weil er zu unsorgsam gewesen war. Er wollte sie mit einem Kuss nicht an Dinge erinnern, die es nicht verdienten, einen Platz in Erinnerungen zu halten.
      Entsprechend zurückhaltend waren seine eigenen Bewegungen, als ihre Lippen seine endlich streiften und als er, trotz der flüchtigen Berührung, allzu deutlich ihre Weichheit spüren konnte, ihren Sanftmut, ihre Hingabe, die sie hinter den vorsichtigen Schichten versteckte. Er schmolz in den Kuss hinein. Seine Lider flatterten zu und er war gerade dazu bereit, sich doch dem aufkeimenden Bedürfnis hinzugeben, den Widerstand fallen zu lassen und Kassandra in seine Arme zu schließen und zu küssen, küssen, küssen, was sie in den letzten vier Jahren nicht getan hatten, als sie sich wieder von ihm zurückzog. Er ließ sie, wenngleich seine Augen aufsprangen. Er hätte sie gehen gelassen, auch wenn sich die Schwere damit wieder auf ihn gelegt hätte.
      Aber sie bedankte sich nur. Es war eine lächerlich einfache Erwiderung darauf, was er die letzten Jahre auf sich genommen hatte, und er lachte leise, während er jetzt doch seine beiden Arme um sie legte. Er zog sie nicht an sich, er berührte sie nur. Er schwelgte darin, Kassandra spüren und berühren zu können.
      "Bitte, gern geschehen. Ich würde es wieder tun. Ich werde immer zu dir kommen."
      Ihr Atem strich über seine Lippen, so nah waren sie sich auch jetzt noch. Der Wind schien sich zwischen sie drängen zu wollen, aber Zoras ließ ihn nicht, als er sich noch einmal nach vorne neigte, auch jetzt auf keinen Widerstand traf, und seine Lippen mit ihren vereinte. Der von ihm initiierte Kuss war ein bisschen fester, nachdrücklicher, als er diesmal gleich die Augen schloss und sich ganz darauf konzentrierte, Kassandras Lippen zu spüren. Er tastete sie mit seinen fast ab, probierte sie, erfühlte, was er in den Jahren vermisst hatte. Er liebte sie. Und auch, wenn er mehr als das wollte, wenn er die lästigen Schichten an Kleidung loswerden und Kassandra spüren wollte, so wie er sie in Erinnerung hatte, hielt er sie noch immer nicht fest. Sie war frei in seinen Armen, ein freier Vogel, der zu jeder Zeit seine Flügel ausstrecken und sich in die Lüfte heben konnte. Seine freie, entfesselte, wunderschöne Phönixin.
      Der Kuss endete, indem sich einer von ihnen zurückzog, wer genau wusste Zoras auch nicht, als er die Augen wieder öffnete. Sämtliche Härte war jetzt aus den Zügen der Phönixin verschwunden und sie betrachtete ihn auf eine Art, die ihm nicht unbekannt war. Er lächelte seine Reaktion darauf, hob die Hand und fuhr mit dem Finger die Kante ihres Gesichts entlang. Kein Wind und kein Wasser und kein Loki hätte sie in diesem Moment trennen können.
      "Meine schöne, unglaubliche Phönixin..."
      Ihre Haut war bezaubernd weich unter seinem Finger. Er löste ihn von ihr, bevor er ihren Hals erreicht hätte, und ergriff stattdessen ihre Hand, um einen unerfragten Kuss auf ihren Handrücken zu drücken. Einen langen Kuss. Er hätte ihn noch viel länger ausgeschöpft, wären sie an einem ruhigeren Ort gewesen.
      "So sehr ich den Rest meiner Zeit damit verbringen möchte, meine Sehnsucht nach dir auszumerzen, müssen wir doch bald wieder rein. Wir brauchen auch noch einen Plan, der uns beide so wenig Gefahr aussetzt wie nur möglich."
      Er verschränkte locker seine Finger mit ihren, den Blick keine Sekunde lang nicht auf Kassandras wunderschöne, tiefe, rote Augen geheftet.
      "Aber sag mir zuerst, was es mit dem Schwur auf sich hat. In so wenig kryptischen Wörtern wie es geht, wenn möglich."
    • Kassandra war in der Eisfeste zweifellos vergewaltigt worden. Körperlich, mental und seelisch. Aber dieser Kuss mit Zoras auf der zerklüfteten Klippe, wo der Wind mit all seiner Macht an ihnen riss, bewies ihr, dass man ihr nicht alles hatte nehmen und suggerieren können. Telandir hatte sie geliebt, auf seine ganz eigene Art und Weise. Aber er wäre niemals so weich geworden in ihren Armen, hätte sich führen lassen und sämtlichen Widerstand aufgegeben. Dieser Kuss ließ in Zoras keine Alarmglocken schrillen, er versteifte nicht, wehrte sich nicht. Und egal wie viele Küsse Telandir ihr abgerungen hatte – nicht einer war auch nur ansatzweise mit so viel Gefühl genommen worden wie sie diesen gerade schenkte.
      So weich hatte sie ihn nicht in Erinnerung gehabt. In ihrer Erinnerung war Zoras fürsorglich, aber leidenschaftlich gewesen. Er hätte ungestümer sein müssen, sein sollen, doch er zog sie nicht einmal in eine adäquate Umarmung. Er fing sie nicht in seinen Armen ein wie damals. Er ließ ihr Raum, was ihr erst auffiel, nachdem sie sich von ihm gelöst und sie dort einen Hauch Widerstand gespürt hatte. Um dem scheinbar nicht ganz nachzugeben, legte er nun doch seine Arme um sie. Doch das war es auch schon.
      Kassandra schmunzelte. Sie hatte Zoras mit dem mächtigsten Zauber belegt, den sie zur Verfügung hatte und den nicht einmal ein Gott leichtfertig beschwören konnte. Diese vier Jahre hatten bewiesen, dass er niemals an Macht verloren hatte. Ständig hatte er weiter nach ihr gesucht, und selbst wenn er ein weiteres Mal von ihr getrennt werden würde, würde er sie suchen. Nur mit dem Unterschied, dass er es dieses Mal deutlich schneller können würde.
      Ein Zauber, der den Mann dazu nötigte, erneut Kassandras Lippen zu fordern. Sie ließ es zu, lehnte sich ihm entgegen und schmeckte den Nachdruck, den er nun an den Tag legte. Über seine Aura hinweg spürte sie, wie es ihn trieb, ihn befeuerte. Kein schneidender Wind der Erde würde die Hitze aus ihm verbannen können, die er entfachte. Doch eine kühle Ahnung legte sich um Kassandras Schultern. Ein Kuss mit ihrem Geliebten war eine Sache. Sich ihm hinzugeben, wie sie es einst tat, eine gänzlich andere. In Händen und Berührungen lag eine völlig andere Sprache verborgen, die den meisten Männern ähnlich kam. Sie hatte es so weit schon geschafft, das Trauma in den Hintergrund zu schieben. Aber sie würde auf Grenzen stoßen, dessen war sie sich durchaus bewusst. Grenzen wie Zoras sie auch hatte. Er fühlte sich zu ihr hingezogen, und doch war er unter den meisten Berührungen ihrerseits zu Stein erstarrt. Gegen seinen Willen.
      „Ich bin nicht schön. Ich bin atemberaubend“, korrigierte die Phönixin den Mann, der scheinbar seine Finger nicht von ihrem Gesicht lassen konnte. Jedoch belehrte er sie eines Besseren, als er nicht an ihrem Hals weitermachte sondern stattdessen ihre Hand ergriff. Ihre Augenbrauen schossen beinahe empört nach oben als Zoras ungefragt, wie er es sonst nie tat, einen sehr ausgiebigen Kuss auf ihren Handrücken drückte. Gerade legte sie ihren Kopf leicht schräg, um ihn darauf hinzuweisen, dass es schönere Orte als diese Klippe gab, da ergriff er selbst wieder das Wort.
      „Wieder rein? Wenn da nicht dein lästiges Fußvolk wäre, würde ich dich einfach in die Lüfte entführen und dich an einen Ort verschleppen, wo dich niemand finden kann“, verkündete sie, ein Funkeln lag in ihrem Blick. „Für mich gibt es kaum Gefahren und selbst du wirst jetzt weniger leicht zu töten sein.“
      Als wäre das das Schlagwort gewesen lenkte Zoras das Gespräch wieder auf das andere Thema zurück, weshalb sie initial überhaupt die Höhle verlassen hatten. Für einen Moment musterte sie weiter die dunklen Augen, die sie so sehr an Amartius erinnerten. Dann seufzte sie und löste ihre Finger aus seinen, damit sie sein Handgelenk mit ihnen umfassen konnte. Lang streckte sie seinen Arm aus, noch an ihrem Kopf vorbei und betrachtete Zoras.
      „Götter und mythische Wesen wie ich können Schwüre mit euch Menschen austauschen. Wenn wir das tun, geben und verlangen wir etwas von euch. Wird der Schwur geschlossen, teilen wir unsere Macht mit euch Sterblichen, wobei je nach Schwur das Potenzial anders ausfällt. Erinnerst du dich noch, wie ich einst sagte, Champions können ihre Träger nicht verletzen? Diese Verbindung haben wir nicht mehr was bedeutet, dass ich dich jederzeit töten kann, wenn ich das will. Oder dein Fleisch versengen.“
      Sie schob ihm den Stoff von seinem Arm zurück bis man seinen nackten Unterarm mit all den Narben sehen konnte. Noch während sie im Begriff war, ihre andere Hand auf seine Haut zu legen, loderte sie in heißen Flammen auf, die er unweigerlich auch spüren würde. Ohne zu warten presste sie ihre Hand auf seinen Arm – und nichts geschah. Einzig das Fell an seinem Mantel begann sich unter der enormen Hitze zu kräuseln und zu stinken.
      „Das hier ist mit Absicht, dich zu verletzen. Dass du keine Schmerzen und Schaden erleidest liegt nicht an meinem Wohlwollen, sondern dem Schwur. Er macht dich immun gegen das Element meiner Natur, in dem Falle Feuer. Und weil du mein Zeichen auf dem Rücken trägst, wird du in der Lage sein, ständig nachvollziehen zu können, wo ich bin. Und umgekehrt. Wie eine Ahnung, in welche Richtung du gehen musst, wie weit ich in etwa entfernt bin und so weiter.“
      Die Flammen erstarben und sie krempelte den Ärmel in aller Ruhe wieder zurück. Dann bedeutete sie ihm, dass er seinen Arm senken konnte. Dann wich sie etliche Schritte vor ihm zurück, sodass sie sich schon fast anschreien müssten, um den Wind zu übertönen. Nicht, dass Kassandra das nötig hätte.
      „Du kennst die Grenzen der Menschlichkeit. Du weißt, dass wir schneller und stärker als das menschliche Auge sind.“ Ein Hinweis, mehr nicht. Und dann verschwand Kassandra innerhalb eines Wimpernschlages von der Bildfläche, nur um vor Zoras an genau der gleichen Stelle wieder aufzutauchen, von der sie eben weg gegangen war. Als sie die Verwunderung in seinen Augen sah, lächelte sie. „Natürlich wirst du nicht auf dem Level eines Gottes sein. Aber du wirst besser sehen, besser reagieren können. Wir sind nicht mehr ganz so unsichtbar, wenn wir uns bewegen und wenn du es früh genug antizipierst, kannst du sogar einen Angriff blocken. Und mit Amartius an deiner Seite wird dir kein Champion mehr die Waffe zerschlagen können. Du wirst Angriffe parieren können.“
    • Zoras grinste, auch wenn er dabei das Bedürfnis hatte zu erklären, dass sein Grinsen nicht bedeuten sollte, dass er sich über Kassandra lustig machte. Er genoss einfach, bis in die hinterste Faser seines Körpers, seine Phönixin wieder zu haben.
      "Du bist atemberaubend. Und brillant und überwältigend und hinreißend. Und trotzdem noch schön."
      Sie schien sich auch darüber zu empören, dass er es nur wagen konnte, ihren Handrücken zu küssen, aber ihre Hand zog sie trotzdem nicht weg. Eigentlich tat sie rein gar nichts, um ihn davon abzuhalten, außer ihn mit einem Blick zu beobachten, der auch gut herausfordernd hätte sein können.
      "Mein lästiges Fußvolk? Du redest schon wie eine wahre Göttin. - Nicht, dass du vorher keine gewesen wärst, o große Herrlichkeit. Die Freiheit bekommt dir nur gut."
      Er freute sich viel zu sehr an der temporären Unbeschwertheit, die sie hier am Rande der Klippe an den Tag legten, um es nicht in vollsten Zügen zu genießen. Das war ganz eindeutig die Kassandra, die er kannte und die er so heiß liebte wie das Feuer eines Vulkans. Nicht einen Tag hätte er länger ausgehalten ohne die Frau, die er damals verloren hatte.
      Es lag vermutlich an dieser vorherigen Unbeschwertheit, dass er nicht näher darüber nachdachte, als sie sein Handgelenk erfasste und seinen Arm ausstreckte. Er konnte die Narbe spüren, die ihre Finger streiften und die seine Muskeln dazu verleiten wollte, sich gegen die Berührung zu verkrampfen, aber er ließ sie nicht. Er ließ locker und konzentrierte sich stattdessen auf Kassandras himmlisches Gesicht, das ihn ihrerseits musterte.
      Jetzt die Erklärung mit einfacheren Worten zu hören, die auch für einen Sterblichen verständlich waren, klärte so manches auf. Er hatte wohl nicht mehr dieselbe Immunität, die er als Träger gehabt hatte, was beinhaltete, dass Kassandra ihn nicht mehr unfreiwillig verschonen konnte. Würde sie sich eines Tages dagegen entscheiden, ihre Bindung weiterhin zu tragen, könnte sie dem ein schnelles Ende setzen.
      Nicht, dass Zoras dachte, dass sie etwas derartiges geplant hätte. Es erleichterte ihn aber zu wissen, dass der Phönixin weniger Grenzen aufgesetzt waren.
      Aber noch während sie ihm bewies, dass ihr Feuer ihm nichts mehr anhaben konnte, runzelte er die Stirn. Sein äußerster Mantel kokelte ein bisschen, aber mehr als die Hitze, die von ihrer Hand ausging, konnte er nicht ausmachen.
      "Das heißt, ich bin nicht mehr gegen Gifte immun? Das war nützlich. Hat mir sogar mal das Leben gerettet."
      Er schmunzelte trotzdem noch ein bisschen, während er den Arm wieder runternahm. Dafür zu wissen, wo sich Kassandra zu jeder Zeit befand und auch umgekehrt, ersparte sicher ein paar aufreibende Gedanken.
      Himmel, es hätte ihm ein paar aufreibende Kerkerbesuche erspart, aber darauf ging er nicht mehr als diesen einen flüchtigen Gedanken ein.
      Dann trat Kassandra einige Schritte zurück und Neugier erfasste Zoras, die erste Neugier seit Tagen, überhaupt, während er darauf zu schließen versuchte, was die nächste Sache wäre. Als es dann tatsächlich geschah, war er nicht vorbereitet; Kassandra verschwand vom Fleck, tauchte aber gleich darauf wieder auf, als hätte er lediglich einmal geblinzelt. Die Bewegung verwirrte ihn; er konnte sich daran erinnern, wie sich Kassandra früher stets so schnell bewegt hatte, dass das menschliche Auge ihr nicht folgen konnte, aber das hier war irgendwie anders. Greifbarer, wenn auch noch immer genauso weit entfernt. Sein Gehirn hatte nur noch nicht begriffen, wie es diese neue Information verarbeiten sollte.
      "Also so wie Amartius. Ein bisschen."
      Er lächelte, weil das etwas war, was Kassandra nicht nachvollziehen könnte, was er aber trotzdem mit ihr teilen wollte. Er erleuterte nicht genauer, was er meinte, aber sie konnte an seinem Lächeln erkennen, was sie wissen musste.
      "Das ist ansonsten eine Sache für die Zukunft - Kuluar, vielleicht. Kannst du noch immer meine Gedanken spüren? Ich deine? Kann ich dich zu mir rufen? Oder dir nonverbal mitteilen, dass du nicht so nahe am Rand stehen solltest?"
      Er versuchte, ihr auch gedanklich mitzuteilen, dass er sie wieder bei sich haben wollte, nur um die Verbindung zwischen ihnen zu testen. Das wäre wiederum eine Sache, die er vermissen würde. Er hatte Kassandras Impulse gemocht, wenn er sie zu einer besonders starken Emotion verleitet hatte.
      "Kann jemand anderes den Schwur an sich reißen? So wie jemand deine Essenz hätte stehlen können?"
    • „Nicht immun, nein. Aber wesentlich empfindlicher in Bezug auf die Wahrnehmung von Giften.“
      Das war ein durchaus nützlicher Effekt gewesen, als Kassandra ihre Essenz abgelegt hatte. Damals bedachte sie Shukran mit einem Schutz, nachdem Gifte überdurchschnittlich häufig eingesetzt wurden, um Widersacher aus dem Weg zu räumen. Da dieser Effekt aber grundlegend durch die Magie der Phönixe bestimmt wurde, traf der Effekt nicht mehr über einen Schwur zu. Kassandra konnte jegliches Gift heilen, war aber per se nicht immun dagegen. Würde man es ihr verabreichen, wenn sie für längere Zeit bewusstlos war oder keine Magie wirken konnte, so würde es selbst bei ihr eine gewisse Wirkung entfalten. So musste sich Zoras damit zufrieden geben, das Gift in seinem Getränk beim nächsten Mal wenigstens bemerken zu können.
      Und dann nahm Zoras unverwandt wieder den Namen ihres gemeinsamen Sohnes in den Mund. Die Unbeschwertheit wich ein klitzekleines Stückchen, als ihr Blick hinab zu Zoras' Hand wanderte und dort das Mal spürte, was Amartius ihm hinterlassen hatte. In einer ruhigen Minute konnte sie ihn sicherlich spüren, die letzten fahlen Farben seiner Aura. Demnach musste er schnell gewesen sein. Sehr schnell sogar. Der Gedanke ließ ihr die Brust eng werden und beinahe hätte sie eine Hand an ihren Brustkorb gelegt.
      „Deine Gefühle zu spüren ist nun anders als damals“, erklärte Kassandra, wobei sie ihn etwas spöttisch anblickte, als er den geringen Abstand zur Klippe kommentierte. „Ich sehe sie anhand deiner Aura, aber ich spüre sie nicht mehr so, als seien sie die meinen. Gleiches wird wohl auch andersherum gelten. Wir haben unsere jeweilige... Privatsphäre wieder.“
      Sie ließ sich jedoch dazu hinreißen, tatsächlich zwei spärliche Schritte von den bröckeligen Kante weg zu treten. Allerdings nicht mehr. „Folglich weiß ich nicht mehr, was du denkst. Nonverbal Anweisungen erteilen funktioniert ebenfalls nicht mehr, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, wo du deine neue Fähigkeiten vernünftig einsetzen kannst.“ Das Lächeln auf ihren Lippen bekam ebenfalls spöttische Züge. „Jedoch teilen wir ein Band, das uns über die gesamte Weltkugel zusammen hält. So, wie du mich jederzeit orten kannst, kannst du auch Signale, Impulse, über diese Verbindung schicken. Diese Spitzen bemerkt der Andere und damit kann man kommunizieren, dass man denjenigen ruft.“
      Erst dann ließ sie den Spott aus ihren Zügen weichen und schlenderte zu ihrem Schwurpartner herüber. Sie hatte nicht gehört, dass er sie an seiner Seite wissen wollte, allerdings war sein eindringlicher Blick genug der Worte gewesen. „Niemand kann den Schwur an sich reißen. Du kannst ihn lösen, aber nicht übertragen. Selbst wenn man dir die Haut vom Rücken schälen würde, bliebe der Schwur intakt.“
      Von Natur aus wusste die Phönixin, dass ihr Zeichen auf seinem Rücken prangen würde. Dass sich höchstwahrscheinlich schwarze Male wie Tattoos über seinen breiten Rücken spannten und eindeutig klar stellte, wem er seinen Schwur geleistet hatte. Dabei ahnte sie nicht, wie groß ihr Zeichen wirklich war. Oder wie es überhaupt aussah. Immerhin war Zoras der erste, dem sie schwor und noch hatte sie keinen Blick auf seinen Körper erhaschen können.
      Zu anderer Stunde, sagte sie sich.
      Schließlich bot Kassandra Zoras ihren Arm an. Eine verkehrte Welt, wie man vielleicht denken mochte, aber nicht in ihrem Aspekt. Zoras war nicht mehr irgendein Mensch, der unter Milliarden auf Erden wandelte. Er war zu mehr geworden, spätestens als er ihre Essenz an sich genommen hatte.
      „Wollen wir? Dein Fußvolk wartet....“