Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Nichts wies daraufhin, welche Wirkung Zoras' Worte auf Kassandra haben mochten. Sie schien fast unbeeindruckt von allem, was er von sich gab, ein gewaltiger, dunkler Phönix vor dem Hintergrund eines bruchhaften Himmels, der seine ebenso gewaltigen, tierischen Augen auf Zoras gerichtet hatte. Sie hörte ihm zu, soviel konnte er erkennen, sie senkte sogar den Kopf, so als müsse sie etwas näher ran, um ihn besser verstehen zu können, aber mehr war dahinter nicht. Ihre Aura veränderte sich nicht, ihre Präsenz drückte nicht stärker oder leichter auf ihn hinab, sie gab kein Geräusch von sich, größtenteils bewegte sie sich nicht einmal. Er hatte nicht den Hauch einer Chance, ihre Gedanken zu erraten.
      Aber dann hallte ihre Stimme in seinem Kopf wieder, drei einfache Worte, die er ganz sicher selbst noch nicht vollständig verinnerlicht hatte. Aber es war ein Anhaltspunkt und deswegen nickte er.
      "Er ist einen Heldentod gestorben. Er hatte keine Schmerzen, es war... es ging schnell."
      Jetzt war er es, der sichtliches Unbehagen dabei verspürte, mit dieser gewaltigen Phönixin - auch, wenn es sich dabei um Kassandra handelte - über den Tod seines Sohnes zu sprechen. Das konnte er nicht; er hätte ihr viel erzählen können, viel von den vergangenen Jahren, von seiner Sklavenschaft und den Arbeiten, die er als Söldner verrichtet hatte, aber Amartius' Tod zu beschreiben konnte er nicht, nicht auf dem Boden kniend, nicht während Kassandra in ihrer Vogelgestalt vor ihm aufragte. Er hoffte, dass sie ihn nicht dazu drängen würde, genau das zu tun.
      Aber auch in dieser Hinsicht sollte sich herausstellen, dass ihre Gedanken unvorhersehbar waren. Schon wieder erhallte ihre Stimme in seinem Kopf, aber diesmal war sie etwas anderes. Diesmal steckte mehr... Kassandra darin, wie er fand, und das gab seinem Herz einen dringend benötigten Schubs.
      "Ich habe überlebt - ich habe alles überlebt, nur wegen dir. Du hast mir das Leben gerettet Kassandra, nicht nur damals auf dem Schlachtfeld. Du bist kein Schatten, du bist so weit davon entfernt wie Amartius davon enfernt ist, einer zu sein. Ich liebe dich."
      Als wären seine Worte dieses Mal zu viel gewesen, warf Kassandra ruckartig den Kopf in die Höhe und Panik machte sich in Zoras breit, dort, wo vor einem Moment noch Hoffnung aufgeflammt war. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem sie dieses Gespräch beendete, an dem sie ihre riesigen Schwingen ausbreitete und sich in den Himmel abstieß, um dem Leben eines freien - wenn auch verbannten - Phönixes nachzukommen. Jetzt war der Zeitpunkt, an dem nicht Zoras, sondern Kassandra die Chance ergriff, sich ein neues Leben aufzubauen. Eins, das vielleicht so weit von ihrem bisherigen entfernt war, wie es nur möglich war.
      Zoras wollte noch etwas sagen, auch wenn er sich gar nicht sicher war, was genau, aber er schloss den Mund wieder, als er entgegen aller Erwartung beobachtete, wie sich die schwarzen Flammen um Kassandra ausbreiteten und sie verschlangen. Wie schon bei ihrem Erwachen verschluckten die Flammen sie vollständig, breiteten sich zu einem gewaltigen Feuerball aus, bevor dieser Feuerball anfing zu schrumpfen und zuletzt ins Nichts verpuffte. Zurück blieb Kassandra in ihrer menschlichen Form.
      Die Illusion, die Areti Zoras von ihrer Mutter gezeigt hatte, war nicht einmal ein Schatten von dem, was jetzt vor ihnen auftauchte. Es war noch nicht einmal etwas, was Zoras sich in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können, wenn er sich Kassandra in dem schönsten Licht und den schönsten Kleider der Welt ausmalte. Es war so viel besser als das, dass es ihm die Sprache verschlug.
      Kassandras Haare waren dunkel, kräftig und lebendig. Sie umrahmten ein Gesicht, das von der Gemeinschaft aller Götter zusammen geschmiedet worden sein musste, denn eine andere Erklärung gab es dafür nicht. Es war noch immer Kassandra, die jetzt dort vor ihnen stand, mit ihren eleganten Gesichtszügen, den stechenden Augen und dem schlanken Hals, aber jetzt umgab sie eine Kraft, eine Schönheit, eine Anmut, als stünde dort nicht nur eine Göttin in menschlichem Körper, sondern als wäre die ganze Erde nur dafür geschaffen worden, ihr zu Füßen zu liegen. Ihre Augen funkelten nicht nur, in ihnen tollte das Leben und ihre Haare bauschten sich nicht nur im Wind auf, sie tanzten mit der Natur der Luft. Zoras konnte seinen Blick nicht von ihr wenden, er konnte noch nicht einmal blinzeln.
      Das alles war es wert gewesen. Sämtliche Strapazen, die er auf sich genommen hatte, all die Qualen, die er ertragen hatte, das ganze Leben, das er in den letzten vier Jahren gelebt hatte, das alles war es wert gewesen und damit hatte sich seine eigene Prophezeiung erfüllt. Kassandra hatte recht, er hätte sich ein neues Leben aufbauen können, spätestens dann, als er seiner Sklavenschaft entflohen war, aber seine Vorhersage, die er die ganzen Jahre mit sich herumgetragen hatte, ging auch nur jetzt in Erfüllung, als er so weit gekommen war: Alles Unglück würde sich gelohnt haben. Vielleicht würde er Kassandra nicht wiedersehen, vielleicht würde sie etwas an einer Wiedervereinigung hindern, aber sie sollte ihre Essenz zurückerhalten und dafür hatte er gekämpft. Und es hatte sich gelohnt.
      Zoras fühlte sich mit einem Mal schwach im Angesicht seiner Göttin. Er hätte nicht mehr aufstehen können, auch wenn er gewollt hätte. Er spürte sein Alter und er spürte jedes einzelne Hindernis, das er in den letzten vier Jahren überquert hatte, aber das war es wert gewesen. Hätte es einen Moment in den letzten vier Jahren gegeben, in dem er friedlich und sorglos sterben könnte, wäre es dieser gewesen. Es war es wert gewesen.
      Kassandra nahm einen tiefen Atemzug, dann sprach sie wieder. Dieses Mal kam ihre Stimme von ihr selbst und hallte nicht in ihren Köpfen wieder - als Gegenzug überkam Zoras die wohl schmerzlichste Sehnsucht, die er jemals hätte empfinden können. Dort war sie, endlich, seine einzig wahre Geliebte, und nichts trennte sie mehr voneinander, nichts weltliches und auch nichts göttliches. Aber Zoras konnte sich nicht rühren, auch wenn er es sehr wohl wieder wollte, und Kassandra regte sich ebenfalls nicht - aber weil sie es so wollte. Sie errichtete eine unsichtbare Schranke zwischen ihnen und Zoras spürte die Frustration in sich aufsteigen.
      "Du hast mir alles geschenkt, was ich jemals haben wollte und noch viel mehr, und ich habe auch nicht alles verloren. Ein Teil davon ist immernoch hier - du bist immernoch hier. Dich so zu sehen, es ist alles, was ich immer wollte."
      Oh bitte, Kassandra, komm her zu mir, ich liebe dich.
      "Wir waren schon längst eine Familie, in dem Moment, in dem du Amartius auf die Welt gebracht hast, nur waren wir nicht zusammen. Du und Amartius, ihr wart zusammen und dann ich und Amartius und jetzt werden wir beide zusammen sein. Er wird es wissen. Er wird es fühlen und er wird mit uns sein."
      Bitte. Bitte.
      "Kassandra."
      Fast hätte er sie nicht gehört. Fast hätte er nicht das Geständnis gehört, das sie über ihre Lippen brachte, und es schmerzte noch mehr als jegliche Folter der Welt, dass er nichts tun konnte. Er konnte nur auf dem Boden knien, Amartius in einer unbeantworteten Einladung in die Luft halten und beobachten, wie das Wesen seiner Träume weit weg stand und die Leere um sie herum nicht ganz auszufüllen schien. Seine Brust schmerzte. Er versuchte das letzte Bisschen Fassung zu bewahren, um sie nicht regelrecht anzuflehen, endlich zu ihm zu kommen.
      "Es lässt sich nicht ändern, was wir getan haben - was wir beide getan haben. Du hast ihm einen Namen gegeben, den er nicht verdient hat, und ich habe ihn im entscheidenden Moment nicht beschützen können. Das können wir nicht rückgängig machen, aber er ist deswegen nicht weniger unser Sohn. Und er ist auch immernoch hier; er hat sich entschieden bei uns zu bleiben und..."
      Er schüttelte den Kopf. Er konnte das nicht. Er konnte nicht mehr.
      "Bitte komm zu mir, Kassandra. Ich bitte dich, ich flehe dich sogar an. Ich weiß, dass du ihn geliebt hast, denn sonst hättest du ihn nicht vor Telandir geschützt. Und ich weiß auch, dass er dich braucht - ich brauche dich. Aber ich kann nicht..."
      Er blinzelte. Sein Hals fühlte sich dick an und sein Arm schmerzte, aber er weigerte sich, Amartius zu senken.
      "Ich kann nicht mehr. Ich brauche dich. Ich habe ihm ein Begräbnis gegeben, aber es war ein Menschenbegräbnis und dazu noch ein luorisches und Amartius ist genauso viel Luor wie er Phönix ist. Er braucht seine Mutter. Du musst nicht... Wir müssen keine Familie sein, aber er ist dein Sohn und du hast ihn geliebt, und er ist auch mein Sohn und ich habe ihn mindestens genauso viel geliebt und ich möchte nur... er soll nur..."
      Er konnte es nicht aussprechen. Vielleicht konnte er es genauso wenig aussprechen wie Kassandra Amartius' Namen nennen zu können schien.
      "... Nur für einen M... Moment. Bitte."
    • Nach so langer Zeit war Kassandra in einer Gestalt angekommen, die es Zoras doch ermöglichen sollte, ihre Emotionen und Gedanken erhaschen zu können. Aber ihr Gesicht schien einer Maske gleich, die mühsam aufrecht erhalten wurde und nur spärlich durchblicken ließ, dass die ganze Situation ihr gerade zusetzte. So sehr, dass sie sich hinter dem wieder verstecken musste, was sie einst benötigt hatte, um sich selbst zu schützen.
      Allerdings erhielt Zoras Kassandras ungeteilte Aufmerksamkeit mit jedem weiteren Wort, das er sprach. Er schaffte, was vielen anderen verwehrt geblieben war und brachte ihre Maske am Rand zum bröckeln. Schmerz erschien in ihrem Gesicht während sie den Mann am Boden kniend betrachtete, der all die Strapazen nur für sie auf sich genommen hatte. Der sich nicht darauf ausgeruht hatte, was sie ihm dargeboten hatte. Er war ihr gefolgt, hatte eine Stimme im Wind verfolgt und war schließlich bei ihr gelandet, nur um Boden zu kauern und die Überreste ihres gemeinsamen Sohnes präsentieren zu müssen.
      Kassandras Lippen zuckten. Ihre Nasenflügel bebten. Ihr ganzer Körper war zutiefst angespannt, während sich Areti nun vollkommen zurückzog. Leisen Trittes näherte sie sich dem großen regungslosen Leib, der ihr Vater war.
      Zoras hatte recht. Oh, er hatte ja so sehr recht. In dem Augenblick, als Kassandra realisiert hatte, dass Amartius sein Sohn gewesen war, hatte sie ein Stück von dem zurückbekommen, was ihr niemand hätte jemals nehmen können. So wie Zoras einer unsichtbaren Stimme gefolgt war, so war Amartius die Zuversicht gewesen, die sie gebraucht hatte, um daran festzuhalten, dass der Tag kommen würde, an dem sie wieder frei sein würde. Under an ihrer Seite gehen würde.
      Ihr Name aus seinem Mund ließ die Phönixin einen schweren, stotternden Atemzug machen. Sie spürte sein Verlangen bis zu ihrem Standort hinweg wie ein Leuchtfeuer, das sie zu ihm lotste. Früher wäre sie ohne zu zögern und mit hoch erhobenen Haupte zu ihm geschritten, doch davon war nicht viel übrig. Sie trug keine sichtbaren Narben auf ihrer Haut, wie Menschen es taten, wenn sie Verletzungen erlitten. Es gab keine Rechtfertigung für das, was geschehen war. Es gab überhaupt keine sinnvolle Erklärung, warum ihr kleiner, aufgeweckter Junge nun aus Stahl geformt in ihre Richtung zeigte.
      Und dann brach Zoras endgültig ein und Kassandra musste den Blick gen Himmel richten. Hatte sie diesen Mann, ihren Herzog, jemals in solch einer Verfassung erlebt? Er hatte Dinge erlebt, die für die meisten Menschen kaum zu ertragen waren und sie hielt es nicht einmal für nötig, ihn danach zu fragen? Sein Trauma zu teilen? Stattdessen stand sie hier allein, die Augen zusammen gekniffen, während in einigen Metern entfernt Zoras einsam am Boden kniete. Er hielt ihren gemeinsamen Sohn in Händen, oder zumindest das, was von ihm übrig geblieben war. Sie hatte ihm die Bürde aufgetragen, ihr das Schicksal über den Verbleib ihres Jungen zu überbringen, völlig ungeachtet dessen, was es mit ihm selbst anstellte.
      Als Kassandra den Kopf wieder senkte und die Augen öffnete, war die erdrückende Schwere ihrer Präsenz fast verschwunden. Ihre Arme lösten sich und dann setzte sie einen Fuß nach vorn. Dann den nächsten. Langsam kam sie immer näher, schweigend und zerrissen. Eine Armeslänge entfernt zum Schwert hielt sie inne. Ihre Lippen waren gepresst, ein Zucken ging durch ihre Augenbrauen als sie die Hand ausstreckte und das Schwert am Griff packte. Zoras gab die Schneide daraufhin frei und ließ Kassandra mit dem ausgestreckten Amartius so stehen. Sanft schloss sie die Augen, fühlte die Fragmente der Seele und des Schwures, mit denen dieses Schwert erzeugt worden war. Das hier war das Vermächtnis ihres Sohnes an seine Eltern. Etwas, das nie hätte sein sollen und konnte schwören, dass sie den kleinen Mann vor ihrem geistigen Auge kurz lächeln sah. Mit ihrer freien Hand strich sie gemächlich, gar liebevoll, über die aschschwarze Klinge ehe sie sie mit der Spitze gen Boden richtete und die Schneide mühelos in den Felsboden stieß. Dort blieb Amartius stolz und aufrecht stecken während er darauf wartete, dass seine Eltern wieder zu einander fanden.
      Zwei weitere Schritte, dann kam Kassandra vor Zoras zum Halten. Sie wünschte sich ihre früheres Selbst zusammen, dass nicht diesen Ekel sich selbst gegenüber verspürte. Trotzdem sprang sie über ihren Schatten, ging vor Zoras in die Knie und legte ihre Hände an seine Wangen. Wo früher ein Bart gewesen war, begrüßten sie nun nur Stoppeln. Die vier Jahre und die Kraftanstrengungen waren nicht spurlos an ihm vorüber gezogen, sodass sie neue Falten und Narben bemerkte. Aber die Grübchen, die erschienen sobald er lächelte, waren noch da. Unverändert von all dem waren seine dunklen Augen, als er ihren Blick erwiderte und sie endgültig ihre Maske verlor. Ihr Gesicht wurde weich, die Augen begannen zu glitzern während sie mit ihren Daumen über seine Wange streichelte und versuchte, ihm ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, das allerdings befleckt durch Zweifel war.
      „Du hast mich gefunden Zoras. Nach vier langen Jahren hast du mich gefunden und das Versprechen eingehalten“, sagte sie leise ehe sie vergaß, wer sie war und diesen Mann, diesen Herzog, diesen Söldner, in ihre Arme schloss.
    • Kassandra wandte den Blick von Zoras ab und vielleicht war das das schlimmste von allem. Vielleicht hätte er verkraften können, dass sie noch weiterhin auf Abstand blieb, dass sie seine Worte ignorierte und die Schranke zwischen ihnen aufrecht erhielt, aber wieso konnte sie ihn nicht weiter ansehen? Was sollte das bedeuten?
      Zoras' Gedanken überschlugen sich in Panik und Sorge, die ihn fast schwindelig machte. So viele Worte, die er auch aussprechen mochte - letzten Endes würden es nur Worte sein. Letzten Endes könnten sie nicht aufhalten, wenn Kassandra einfach umdrehen und davonfliegen würde. Letzten Endes würde er vielleicht einfach dort knien bleiben, inmitten dieser mittlerweile wohl evakuierten Festung und würde dabei zusehen, wie die Welt sich um ihn herum weiterdrehte, während die Liebe seines Lebens davonflog und er unbeweglich dort sitzen blieb.
      Umso mehr Hoffnung hatte er wieder, als Kassandra sich doch nicht ganz abwandte, sondern ihn nach einigen langen, unendlichen Momenten wieder ansah, einen Ausdruck eigener Zerrissenheit im Gesicht. Die unsichtbare Last auf seinem Körper löste sich, das Gewicht, das ihn auf den Knien gehalten hatte. Seine Knochen atmeten auf, aber auch, wenn er glaubte, sich aus eigener Kraft wieder erheben zu können, unternahm er nicht einen Versuch. Er wollte es nicht. Der Boden hatte eine tröstliche Beständigkeit für ihn bekommen, die er nicht verlieren wollte.
      Und dann kam sie. Ihr Körper setzte sich unter den luftigen, aber abdeckenden Klamotten in Bewegung, ein Muskel nach dem anderen, so als müsse sie ihnen ganz bewusst den Befehl erteilen, sich auch nacheinander in Bewegung zu setzen. Vielleicht war es auch schwierig, die Schranke zu durchqueren, vielleicht musste sie gegen das ankämpfen, was sie selbst zwischen ihnen errichtet hatte. Zoras hatte für all das Verständnis, er verspürte sogar so etwas wie Euphorie dabei. Sie kam in seine Richtung. Ihr Blick verließ den seinen nicht und sie kam auf ihn zu, langsam und bedächtig.
      Er wartete. Eine Ewigkeit, ein ganzes Leben lang kniete er auf dem Boden und erwartete seine Göttin, die sich ihm langsam näherte. Sie kam und sie blieb vor dem Schwert stehen, unbewegt, ein Ausdruck auf ihrem Gesicht, der Zoras selbst aus der Seele hätte sprechen können. Sie ergriff Amartius und für eine einzige Sekunde waren sie wirklich alle wieder vereint, sie alle drei, gebunden durch ihre Berührungen, wiedervereint in dem gebrochenen Band, das niemals geschlossen gewesen war. Dann ließ Zoras los und sein Sohn fand zu seiner Mutter zurück.
      Die Erscheinung beider war fast unwirklich. Kassandras göttliche, aufragende Gestalt mit dem Überrest ihres Sohnes in den Händen, der in eine nicht weniger göttliche Waffe geformt war. Sie wirkten wie eine Legende, eine Begebenheit, die zu heilig war, um wirklich in dieser Form erschienen zu sein. Und doch wurde Zoras Zeuge davon, zum dritten Mal in dieser Stunde, Zeuge von etwas, das zu überirdisch war, um von menschlichen Augen beobachtet zu werden. Aber er tat es, er folgte jeder einzelnen von Kassandras Bewegungen, ohne, dass einer von ihnen etwas gesagt hätte. Es wäre auch gar nicht nötig gewesen. Keine Worte in keiner Sprache der Welt hätten das ausdrücken können, was Kassandra mit der Art, wie sie behutsam über die Länge der Klinge strich, von sich gab. Sie begutachtete das Werk, das ihr Sohn mit seinem Leben geschaffen hatte, bevor sie es mit behutsamer Anmut in den Boden stieß, wo es wie ein Mahnmal an den Rest der Welt aufragte.
      Dann war sie endlich bei ihm. Sie überbrückte die letzte Distanz zwischen ihnen und betrat die Sphäre, die man wohl als Zoras' eigene kümmerliche Präsenz betrachten konnte. So wie sie sich vor vier Jahren schon häufigst begegnet waren, war es auch jetzt nichts anderes, aber nur körperlich. In der Realität waren sie wie zwei Fremde, gefangen in zwei Körpern, die die Berührung zueinander schon längst kennengelernt hatten. Jetzt war aber alles anders, nichts war mehr wie noch vor vier Jahren.
      Zoras starrte auf die Erinnerung, die er all die Jahre gejagt hatte und die sich vor seinen Augen in die Realität gewandelt hatte. Kassandra kniete vor ihm, erstrahlt in ihrem eigenen Licht und Zoras musste den letzten Faden seines stärksten Willens aufbringen, um nicht augenblicklich die Arme nach ihr auszustrecken und sie an sich zu reißen, der alten Zeiten Willen vielleicht, oder auch, weil er sich vergewissern wollte, dass sie jetzt wirklich hier war, dass sie hier vor ihm saß und er sie zurück in die Arme nehmen konnte. Stattdessen war sie es, die ihre Hände nach ihm ausstreckte und ihm auf die Wange legte. Ihre Haut war weich, so weich, wie er es nur in Erinnerung hatte, sie war zart, die Berührung nur ein Hauch, aber sie brannte. Ihre Finger mussten brennen, oder auch ihre Handfläche, denn sie steckten seine Haut in Brand und er wollte weg davon. Sein Körper wollte weg davon, weg von einer Gefahr, die es gar nicht gab. Aber er tat es nicht. Er suchte den Trost, den diese Berührung zu spenden versuchte und er versuchte mit demselben eisernen Willen, der ihn davon abhielt, Kassandra allzu besitzergreifend an sich zu ziehen, seinen Körper zu ignorieren, die Warnsignale, die er augenblicklich ausstieß. Er hasste es. Er wollte ihre Hände an seinem Gesicht spüren. Sein Körper wollte es nicht.
      Ihr Blick wanderte über ihn hinweg, schien ihn einzunehmen, dunkle, kluge Augen, die sein Gesicht kartografierten. Er tat dasselbe; er betrachtete Kassandras ebenmäßiges Gesicht, die makellose, reine Haut, der Ausdruck, der sich von einem auf den anderen Moment änderte. Und dann war sie da. Irgendetwas in ihrem Ausdruck veränderte sich, ihre Augen wurden weich, ihre Mundwinkel zuckten, Falten erschienen an ihren Wangen, eine Grimasse, die in einem anderen Leben vielleicht zu einem Lächeln hätte werden können, aber es war Kassandra. In diesem Augenblick schien der Stein für Zoras erst zu fallen: Es war Kassandra. Kassandra war wirklich hier bei ihm. Er hatte sie gefunden.
      Da breitete sie ihre Arme aus und Zoras warf sich so schnell in sie hinein, dass er sie beide um ein Haar umgeworfen hätte. Er schlang seine eigenen gepolsterten, viel zu dicken Arme um ihren zierlichen Leib und dann war sie einfach nur da, sie war hier, in seinen Armen, zurück dort, wo sie damals aufgehört hatten, und Zoras verlor den Halt. Er presste sie an sich, drückte das Gesicht in einen Wall aus Haaren, an einen Hals, der noch viel zarter war als die Hände, nahm den vertrauten Duft von Wind und unbezähmter Natur in sich auf und verlor die Sicht vor Augen. Die Nässe in seinem Gesicht hätte kalt sein müssen, aber das war sie nicht. Dafür brannte jede einzelne Narbe auf seinem Körper, jede einzelne Erinnerung dessen, wo es überhaupt angefangen hatte.
      "Ich habe dich gefunden", wiederholte er sinnlos, genauso leise, ein Geheimnis für sie beide. Und er konnte sie nicht loslassen, er konnte nicht locker lassen, er konnte nicht aufhören, Kassandra einzuatmen. Kassandra. Kassandra.
      "Ich habe dich gefunden. Ich habe dich."
      Er kniff die Augen zusammen. Er riss sie wieder auf, weil er in den Glauben verfallen könnte, dass alles nur ein Traum sei. Er nahm einen tiefen Atemzug, der sich in drei kleinere abhackte.
      "Ich habe dich. Es tut mir leid. Es tut mir so leid, Kassandra. Wenn ich es g...", eine Pause, in der er sein aufkommendes Stammeln herunterschluckte, "... gewusst hätte, ich wäre gleich hergekommen. Ich hätte ihn eigenständig umgebracht, ich hätte Demataya umgebracht. Ich hätte dir all das erspart, es tut mir so leid. Du bist jetzt frei. Du hast es trotzdem geschafft."
      Er löste seine Arme von ihr, ein Kraftakt, der aufwendiger war, als die gesamte Reise durch die Eiswüste, und hielt Kassandra an den Schultern fest, nur ein Stück von sich entfernt. Er wollte sie küssen. Er wollte sie zurück in die Arme nehmen. Er wollte alles Geschehene, alle vier Jahre und noch viel mehr vergessen. Er wollte sich verlieren und er wollte sie mit sich nehmen. Er wollte alles und dieses Alles bestand einzig und allein aus Kassandra.
      "Meine Hübsche. Sieh dich nur an."
      Im Gegensatz zu ihr brachte er ein Lächeln zustande, aber nur ein kurzes, ein Zucken von Gesichtsmuskeln. Er umrahmte ihr schönes, göttliches Gesicht mit seinen Händen, ähnlich ihrer Geste vorher, wettergegerbte Haut auf heller, narbige Wulsten auf Reinheit, Rauheit auf Weichheit, und er strich über Wangen, an die sich seine Hände noch erinnern konnten. Es war Vertrautheit und Trost in einem. Irgendwo in seinem Inneren schloss es Wunden, die er nicht für heilungsfähig gehalten hatte.
      "Meine wundervolle Kassandra."
      Er strich ihren Hals hinab, über ihre schlanken Schultern, ihre Arme entlang, bis er ihre Hände erfassen konnte, nur eine leichte Berührung, ihre Finger auf seinen. Und er hob ihre rechte Hand an, eine altvertraute Geste, die ihm vom Blute kam, er ließ sie zwischen ihnen in der Luft verweilen, ein Angebot ohne Worte, vielleicht auch eine Einladung, vielleicht eine Ehrerbietung. Er wusste, dass er die Worte nicht aussprechen musste, dass ihm vor langer Zeit schon eine Erlaubnis erteilt worden war, aber er tat es trotzdem, denn Zoras war nicht mehr Zoras und Kassandra war auch nicht mehr Kassandra. Er tat es, weil sie nicht mehr an ihr Herz gebunden war und weil er auch kein Herzog und Familienmann mehr war, weil sie beide eine Etappe erklommen hatten, von der es kein Zurück mehr gab. Er tat es, weil er die Antwort erfahren musste.
      "Darf ich?"
    • Bis vor ein paar Herzschlägen hatte Kassandra es geleugnet. Geleugnet zu sehen, wie sich irgendetwas in Zoras sträubte, als sie ihn berührte, ihn sanft mit ihren Händen im Gesicht berührte. Willentlich hätte sie darüber hinweg sehen wollen, dass sich sein Körper bereits auf eine Rückzugsbewegung gemacht hatte, und vielleicht hatte sie genau deshalb ihn in ihre Arme geschlossen. Damit er nicht flüchtete. Damit er ihr nicht bestätigte, dass sie doch nie zu ihm gehören würde. Dass seine Worte und das, was sein Körper ihm unterbewusst riet, zwei konträr verlaufende Handlungen waren.
      Als sich seine Arme um ihren Körper schlossen, hatte sie das erste Mal seit Jahren das Gefühl, die ständige Anspannung loslassen zu können. Ihre Gedanken einfach ziehen zu lassen und zu akzeptieren, dass sie sich nicht mehr nach etwas verzehren musste. Ihre eigenen Hände legten sich sanft auf seine Schulterblätter während er sein Gesicht in ihren Haaren und an ihrem Hals vergrub. Unter ihrer Berührung fühlte Kassandra Zoras' Aura pulsieren, eine rapide Abfolge von Farben und Mustern, die sämtliche Emotionen des menschlichen Spektrums widerspiegelten. Doch dominant unter ihnen allen stach die Erleichterung hervor und ihr fiel auf, dass nicht nur sie glaubte, so unendlich viel Last fiele ihr von den Schultern.
      „Ja, das hast du“, versicherte sie ihm mindestens genauso sinnlos und streichelte über seinen Rücken hinweg. Durch die etlichen Stoffschichten konnte sie nicht spüren, ob er sich noch genauso anfühlte wie damals, aber auch hier schienen die Zuckungen nicht gänzlich von Freude herzurühren. Scheinbar war ihm wirklich etwas traumatisches widerfahren, das ihn trotzdem nicht davon abgehalten hatte nach ihr zu suchen.
      Schließlich löste er seine Arme um ihren Leib, wagte es jedoch nicht sie gänzlich loszulassen. So als fürchtete er, dass sie doch in der nächsten Sekunde wieder verschwinden könnte. Also hielt er sie an ihren Schultern auf Abstand während sie ein weiteres Mal seine Mimik beobachten konnte. Gemächlich schüttelte Kassandra nur den Kopf und sagte: „Du hättest es nicht tun können. Dir sind die Hände gebunden gewesen. Allein Telandir hätte dich schneller gerichtet als du auch nur einen Fuß vorsetzen könntest.“
      Und wenn er das getan hätte, dann wäre Kassandra endgültig ausgerastet. Sie hätte in ihrer Rage sämtliche ihrer Ressourcen verbrannt, einfach nur um Telandir mit sich zu reißen und wäre dann einfach dahin geschieden. So wie es der große Phönixleib am Rande ihrer Wahrnehmung gerade tat unter der Trauer seiner verbliebenen Tochter.
      Dann fanden Zoras' Hände ihren Weg an Kassandras Wangen und sie schloss ihre Augen. Insgeheim hatte sie damit gerechnet, dass sie seine Berührung nicht so dankbar hinnehmen würde. Nach all dem, was passiert war, dachte sie, sie könne sich dem nicht mehr so hingeben. Er hätte noch lange so ihr Gesicht berühren können und sie wäre keiner einzigen Sekunde davon müde geworden. Erst als er seine Hände über ihren Hals und ihre Schultern weiter abwärts führte, bemerkte sie eine leise Gegenwehr, die sich in ihr regte. Über all die Zeit waren Berührungen dieser Art etwas gewesen, gegen das sie sich wissentlich gesträubt hatte. Sie waren etwas gewesen, das sie nicht gewollt hatte und ihren Kopf jetzt umzustellen war etwas, das ihr nicht binnen Augenblicken gelang. Allerdings glitten seine Hände über ihre Arme bis zu ihren Händen hinab und nahmen ihr damit dieses ungute Gefühl auf der Stelle. Er nahm ihre rechte Hand, hob sie zwischen ihnen beiden und sie wusste genau, was er damit beabsichtigte. Ihre Lippen zuckten in Aufbegehren als sich ein Lächeln auf ihr Gesicht stehlen wollte. Kassandra atmete tief durch, selbst wenn die Antwort nur ein einziges Wort sein mochte.
      „Tut mir ja furchtbar leid, dass ich eure Zusammenkunft stören muss, aber was soll das werden, Kassandra?“
      Die Männerstimme ließ den Körper der Phönixin umgehend versteifen, das angedeutete Lächeln verschwand augenblicklich. Allerdings machte sie keine Anstalten, sich umzudrehen sondern suchte eher Zoras Blick in der Hoffnung, dass er ihr die benötigte Kraft geben würde.
      Hinter Kassandra stand in nur knapp drei Metern Entfernung ein junger Mann mit braunem, leicht gewelltem Haar. Seine smaragdgrünen Augen waren auf das Paar am Boden gerichtet während er seine Hände in den Taschen seiner Weste, die viel zu kühl für diesen Ort war, vergraben hatte. Er stand lässig hinter ihnen, aber in seinem Gesicht lag eine gewisse Missgunst. So als gefiele ihm nicht, was er dort sah. „So war das nicht geplant. Dass du Telandir getötet hast, war ein netter Zeitvertreib, aber was sitzt du da am Boden vor diesem Menschen? Hast du vergessen, was du eigentlich tun wolltest?“
      Kassandras Lippen waren nur noch ein dünner Streifen. „Eigentlich wollte ich überhaupt nicht hier sein, Loki.“
      Loki rollte die Augen und trat von einem Bein auf das andere. „Stimmt, du solltest eigentlich längst auf dem Weg nach Theriss sein und die Hauptstadt niederbrennen, so wie du es teilweise schon in Veren damals getan hast.“
      „Meine Ziele haben sich.... geändert“, presste sie hervor und etwas erschien in ihren Augen, das man am ehesten mit einer Spur Sorge verbinden konnte. Sie hatte Zoras nie gesagt, dass sie damals das Unheil gewesen war, das etliche Soldaten niedergebrannt und das Land terrorisiert hatte.
      „Ach komm schon, du kannst mir nicht erzählen, dass ein paar verträumte Worte eines Sterblichen ausreichen, um deinen Hass zu tilgen. Ich hab so lange daran gearbeitet, dass du nichts anderes mehr siehst und dann kommt der da“, er zeigte abfällig auf Zoras, „und lässt das einfach so verpuffen?“ Es schwang ein gereizter Unterton in Lokis Stimme mit, den Kassandra so noch nie bei ihm gehört hatte. Ein schlechtes Zeichen.
      Mindestens genauso schlecht wie der Zorn, der plötzlich in ihren Augen entflammte. Nun nahm sie doch die Hand aus der von Zoras und drehte sich noch am Boden zu Loki um. Es spielte keine Rolle, dass sie am Boden saß und zu ihm aufsehen musste. Diese Spielereien hatten unter Göttern keinen Stellenwert, ebenso wie das Geschlecht. Mit brennenden Augen begegnete sie den grünen Iren. „Sag das noch mal. Sag nochmal, dass das alles dein Verdienst ist und -“
      „Und was?“ Loki legte den Kopf schief. „Ich bin nicht derjenige, der dir über Jahrtausende das alles angetan hat. Ich habe Telandir keine Flausen in den Kopf gesetzt. Wobei. Moment. Doch, ein bisschen vielleicht weil ich ihm gesagt hab, dass du dich auf einen Menschen einlässt.“
      Er musste abbrechen als Kassandra binnen Sekundenbruchteilen auf den Füßen und vor Zoras postiert war. Ihre Haltung ähnelte wieder der Zorneshaltung, die sie an den Tag legte bevor sie völlig ausrastete. „Er ist wegen dir aus dem Himmel gekommen und dem Verfall begegnet! Er wäre nie auf die Erde gekommen wenn du ihn nicht verleitet hättest!“
      „Korrektur, meine Liebe. Er wäre unter anderen Umständen gekommen. Ich hab nur dafür gesorgt, dass er hier landet, damit er dich in diese Abgeschiedenheit bringt und dein Menschlein da dich eigentlich nicht findet. Aber ich muss gestehen, dass es so noch viel besser gelaufen ist, als ich gedacht hab.“ Er grinste und zeigte beiläufig mit einem Zeigefinger in den Himmel, der immer noch aus den Rissen blutete. „Weißt du eigentlich wie furchtbar langweilig die Alten da oben sind? Ich wollte eigentlich nur ein bisschen den alten Trott beschleunigen, aber dass die Grenze bricht ist ein spaßiger Zufall.“
      „Spaßig?“, fauchte Kassandra zurück.
      „Ja? Wenn es keine Trennung mehr zwischen Götterebene und der Erde gibt, dann wird eine neue Ordnung ausgerufen. Zwar wird die Realität wie wir sie kennen dadurch erst einmal zerstört, aber nach Zerstörung kommt Wiederaufbau. Du kennst das Spielchen ja. Reinkarnation und so.“
      Kassandras Augen weiteten sich. Dieser alte Gott vor ihr musste einen an der Klatsche haben. Völlig durchgedreht musste er sein. Wie konnte denn so ein Gott nicht als verdorben gelten? „Wieso bricht es erst jetzt ein?“
      „Du hast das Gleichgewicht vollends gestört. Die Erde ist nicht dafür gemacht, dass Götter auf ihr wandeln und hält nur ein bestimmtes Maß davon aus. In dem Augenblick, als du komplett gefallen bist und deine Essenz zurück erhalten hast, hast du das Gleichgewicht gebrochen und nun wird der Himmel fallen. Daran wird sich nichts ändern, wenn ich zurückgehe oder du Areti schickst. Diese Welt hier hat zu viele Götter versklavt und Halbgötter erschaffen.“ Loki sah kurz zu Amartius und bevor sie sich versehen konnten trat er mit solch einer Kraft gegen das Schwert, das es samt Steinboden etliche Meter weit weg flog. Dass Kassandra sich dabei nicht rührte war Beweis genug, dass sie es in Lokis Anwesenheit nicht wagte, derart aufmüpfig zu sein. Sie wusste es besser und ballte die Hände zu Fäusten.
      „Also ist das mit dem Himmel meine Schuld, ja?“ Ihre Stimme war dunkel verzerrt von unterdrücktem Hass.
      Wohingegen Lokis Grinsen nur noch breiter wurde. „Exakt! Und weißt du, wie man das beheben kann? Du musst einfach nur wieder einen Pakt eingehen und dann schließt sich der Riss wieder. Einfach, nicht wahr?“
      Das würde bedeuten, dass sich Kassandra wieder dort befand, wo sie angefangen hatten. Sie würde ihr eigenes Wohl unter das der beiden Welten stellen müssen, damit die Ordnung nicht fiel. All der Gewinn, den sie jetzt hatte, und ihre Aufopferung waren dann für Nichts gewesen. Oder zumindest solange bis die Erde eine Anzahl an Göttern beherbergte, mit der sie das Gleichgewicht noch aufrecht erhielten. Das würden sie nur erreichen können, wenn systematisch alle gebundenen Götter und Halbgötter vom Anlitz der Erde verschwanden.
      Loki stellte sie gerade vor die Wahl, ihresgleichen systematisch auszuradieren.
      Als die Erkenntnis in Kassandras Gesicht trat, wurde Lokis Grinsen unmenschlich, gleich wahnhaft. Hierhin hatte er sie getrieben und das alles nur, weil ihm langweilig gewesen war.
    • "Gegen Telandir hätte ich nichts ausrichten können. Aber gegen Demataya. Menschen sind fehleranfällig und ich hätte ihre Fehler gefunden."
      Zoras sprach es so selbstsicher aus, als wäre ein Schlachtplan schon längst festgestanden und als wäre er jetzt nur einer kleinen Abweichung unterlegen gewesen. Natürlich war dem nicht so. Sie hätten eine ganze Festung ablenken müssen, inklusive diverser Champions und Telandir, der sich wohl dagegen gesträubt hätte, Kassandras Seite zu verlassen, und dann hätten sie auch noch Demataya unterwerfen oder austricksen müssen, um überhaupt an die Essenzen zu kommen. Es war also offensichtlich, wie viel besser es gelaufen war, nachdem Kassandra wohl von selbst ihr Herz zurück erhalten hatte, aber Zoras hätte nicht vor einer Sache gezögert. Nicht vor einer einzigen Sache.
      Aber jetzt brachte es sowieso nichts mehr, darüber zu reden. Sie waren zusammen, er hatte Kassandra wiedergefunden. Die Welt hätte untergehen können und es wäre ihm ganz und gar gleichgültig gewesen. Jetzt wartete er nur auf eine Antwort, ihre zierliche, zarte Hand in seiner haltend.
      Er bekam sie aber nicht. Stattdessen tauchte ein sechster in ihrer Runde auf, unverhofft, nachdem ihn nichts oder niemand angekündigt hätte. Zoras sah ihn noch nicht einmal, denn erst als er ihn hörte, entdeckte er auch die Bewegung im Augenwinkel.
      Der Mann, der hinter Kassandra aufgetaucht war, wirkte unscheinbar, wenn man von seinen rein körperlichen Aspekten ausgehen wollte. Er war nicht auffallend groß oder auffallend breit, auffallend schön oder hässlich, auch nicht auffallend ehrfurchtgebietend; er war einfach nur da. Er stand hinter ihr, ein paar Meter entfernt und er war einfach nur anwesend.
      Aber seine Augen erzählten eine andere Geschichte. Zoras war sich in der ersten Sekunde, in der sein Blick den Mann fand, vollkommen sicher, dass er Steine als Augen hatte. Ihnen fehlte die Menschlichkeit. Stattdessen schienen sie tief und unendlich zu sein und wenn er nicht aufpasste, war er sich sicher, könnte er direkt in sie hineingezogen werden.
      Kassandra musste sich gar nicht erst zu dem Neuankömmling umdrehen, sie reagierte schon auf seine Stimme alleine. Ihre Hände verhärteten sich in Zoras' und ihr Oberkörper zuckte, als er sich versteifte. Die Stimme hatte schon ausgereicht, um etwas unsichtbares in ihr auszulösen, das Zoras noch unbekannt war.
      Er versuchte beide anzusehen. Er wollte nicht dem eindringlich werdenden Blick seiner Phönixin ausweichen, der sich in ihn bohrte, aber er wollte auch nicht die Augen ignorieren, die die Macht zu haben schienen, eine ganze Seele zu verschlingen. Eigentlich verspürte er jetzt auch, so wie wohl Kassandra, den dringlichsten Wunsch, dass der Mann wieder dorthin verschwinden würde, von wo er gekommen war.
      Es war Loki. In dem Moment, in dem Kassandra seinen Namen aussprach, wurde auch Zoras bewusst, dass die Anwesenheit des Gottes etwas zu bedeuten hatte. Niemand anderes war hier, nachdem ein Phönix gestorben war und Kassandra kurz davor gewesen war, die ganze Festung niederzubrennen. Keiner der anderen Champions war gekommen, auch nicht Demataya, um dem ganzen Einhalt zu gebieten - aber Loki. Irgendwie war Loki schlimmer als alle anderen.
      Dann sprach der Gott aber weiter und Zoras' Gedanken sprangen in einem Moment von der momentanen Situation zu einem Zeitpunkt von vor vier Jahren zurück. Was hatte er da gerade gesagt? Was hatte er gesagt?
      "Was?"
      Sie sollte auf dem Weg nach Theriss sein? So wie damals in Veren?
      Erinnerungen kamen ihm hoch, die ihm jetzt alles andere als gelegen kamen, denn sie passten auf fast grauenvolle Art mit der jetzigen Situation zusammen. Vielleicht hätte er Kassandra glauben können, dass Loki nur seine Tricks mit ihnen spielte. Er hätte ihr vermutlich viel glauben können, wenn da nicht dieser Schatten gewesen wäre, der ihre wunderschönen, hellen Augen trübte, mit denen sie ihn betrachtete. Es war der einzige, ausschlaggebende Beweis, den er nie hätte haben wollen.
      Grauen stieg in ihm auf, als sich ihre Hände gleichzeitig voneinander lösten - Zoras, weil er dazu Anstalten machte, endlich wieder aufzustehen, und Kassandra, weil sie sich zu Loki umdrehte. Irgendwie wünschte er sich, dass er nicht so schnell begriffen hätte, dass er vielleicht zu müde gewesen wäre, um sich etwas anderes einzureden. Er wünschte, dass er nicht gerade Kassandra damit in Zusammenhang brachte, was vor vier Jahren Veren heimgesucht hatte. Heimgesucht. Es war wie eine Naturgewalt gewesen, nur so präzise, tödlich - zielorientiert. Kassandra. Kassandra.
      Während er noch im Griff dieser Gedanken feststeckte, die durch sein Gehirn wälzten wie eine Lawine, die alles andere mit sich riss, führten die beiden Götter ihre Unterhaltung unbeirrt fort. Lokis Stimme war teilweise gereizt geworden und Kassandras dafür gehässig. Sie schienen sich gegenseitig hochzuschaukeln, denn nur einen Moment später war es auch um Kassandras Fassung geschehen und sie sprang auf. Ihre Präsenz erhöhte sich, war wieder anwesend und obwohl sie nicht wieder auf Zoras eindrückte, konnte er doch fast die Luft um sie herum dick werden spüren. Alarmiert sah er zu Amartius und erkannte, dass er zu weit entfernt war, um ihn einfach zu nehmen. Noch viel beunruhigter richtete er seine Aufmerksamkeit auf die grünen Abgründe, die Lokis Augen darstellten.
      Ganz anscheinend hatte der Gott des Chaos viel mehr Fäden in diesem Spiel gezogen, als ihnen bekannt gewesen war - als sie sich hätten vorstellen können. Er war dafür verantwortlich, dass Telandir gekommen war und Kassandra wie eine Trophäe errungen hatte. War er auch für viel mehr verantwortlich? Dass Kassandra den richtigen - oder eher falschen - Menschen in die Arme gelaufen war? Dass sie dort gelandet war, wo sie eigentlich nicht hätte landen dürfen? Dass sie Zoras getroffen hatte?
      "... Ich wollte eigentlich nur ein bisschen den alten Trott beschleunigen, aber dass die Grenze bricht ist ein spaßiger Zufall."
      "Spaßig?", fauchte Kassandra.
      "Grenze?", fuhr Zoras auf. Ein weiterer Rückschluss zog sich in seinem Gehirn, auf den er auch gut hätte verzichten können. Sein Blick sprang in den Himmel hinauf, den er für einen Moment vergessen hatte, und starrte auf den riesigen, unwirklichen Riss, der sich dort sichtbar über die ganze Länge der Atmosphäre zog. Die Grenze - etwa zum Olymp? Zu seinem noch viel größeren Grauen bestätigte Loki das auch noch.
      Zoras war gelähmt von den Informationen, die jetzt auf ihn einprasselten. Zu viele Götter auf der Erde, das Gleichgewicht gestört, der Himmel würde einstürzen. Zu viele Halbgötter. Viel zu spät merkte er die Parallele, da war Loki bereits nach vorne getreten und schleuderte Amartius durch die Luft hinweg fort. Zoras zuckte, wäre um ein Haar dem Schwert - seinem Sohn - nachgesprungen, aber er hielt sich gerade noch ab. Er würde sich in Luft auflösen wie schon zuvor, er würde sich an seiner Seite wieder neu bilden. Sicher würde er das auch tun, wenn Zoras nur allzu deutlich seinen Willen danach ausrichtete.
      Seine Aufmerksamkeit zurück auf Loki haltend bekam er gerade noch mit, dass es wohl Kassandras Schuld sein sollte, dass das geschehen war. Kassandras Schuld. Zoras mochte verwirrt sein, aufgewühlt von einer Information, die nur Kassandra ihm letzten Endes bestätigen konnte, davon, dass gerade die Grenze zwischen Himmel und Erde in Brüche ging, aber er wusste doch, dass sie nicht daran Schuld war. Das war die einzige Sache, die unumstößlich für ihn war.
      "Es ist nicht Kassandras Schuld. Sie ist die einzige, die unfreiwillig hier ist, sie hatte keinerlei Einfluss darauf, dass mehr Götter nachgekommen sind. Dass sie alle mehr Halbgötter geschaffen hatten."
      Natürlich beeindruckte sein Einwurf hier niemanden, nur richteten sich jetzt diese unweltlichen, von Chaos durchtriebenen Augen auf Zoras und ließen seine Haut frösteln.
      "Wieso habt Ihr Euren Einfluss ausgeübt? Der Olymp ist auch Eure Heimat, wenn er fällt, werdet Ihr genauso betroffen sein! War das dieser ganze Aufwand etwa wert?"
    • In der Sekunde, in der sich Lokis Aufmerksamkeit auf Zoras verschob, änderte sich auch Kassandras Haltung. War sie vorhin noch stoisch und eher impulsiver Natur, so schob sie sich jetzt zielgerichtet vor Zoras und versuchte mit ihrer kleineren Gestalt den Menschen vor den griftgrünen Augen ab zuschirmen. Ihre Haltung war aufgeblüht, gar protzig, so wie sich Vögel aufplusterten, um größer zu wirken.
      „Zoras...“, fing Kassandra mit unterdrückter Stimme den Faden als Erste auf, „dass die Grenze gerissen ist, ist meinem Verfall und meinem Rückgewinn meiner Macht geschuldet. Aber ich bin nicht der Grund, warum zahllose Götter auf die Erde hinabstiegen.“
      Lokis Augen funkelten mit abertausenden Lichtern in ihnen. „Sondern ich. Denkst du, die Alten wagen sich aus ihren sicheren Sitzen heraus ohne auch nur mit der Wimper zu zucken? Ich habe Äonen dafür gebraucht, dass sie verführt waren, der Erde einen Besuch abzustatten. War es also der Aufwand wert? Ja!“ Er riss die Hände aus den Taschen seiner Weste und breitete sie langsam seitlich aus. Mit jedem Zentimeter an Raum, den er gewann, verwusch sich seine Kontur, seine Gestalt wurde weniger greifbar und löste sich schließlich in einem wirren Misch aus Farbe und Form auf, nur um sich neu zusammen zu setzen. Einen Augenblick später stand Golm, wie Zoras ihn kannte, vor ihnen, was Loki seitens Kassandra nur einen abschätzigen Blick einbrachte.
      „Ich bin der Gott der Täuschung. Ich kann alles sein, was sich dein mickriges Köpfchen ausdenken kann. Wer alles und jeder sein kann, der hat auch überall eine Heimat. Ich bin der, der ohne Heimat in die Existenz trat.“
      Kassandra schnaubte, angewidert durch diese schiere Arroganz des Gottes. Wäre er nicht so mächtig gewesen, hätte sie ihn längst mit ihren Feuern bekannt gemacht. So waren ihr allerdings die Hände gebunden, wobei sie sich jederzeit in die Bresche geworfen hätte, sollte Loki auch nur mit dem Gedanken spielen, Hand an Zoras zu legen. Um Amartius musste sie sich keine Sorgen machen – sie spürte bereits, wie er sich auflöste und sich langsam in der Schwertscheide an Zoras' Hüfte neu sammelte.
      Loki hingegen seufzte nur einmal bevor er an Kassandra heran trat und während der Bewegung wieder in die Gestalt von zuvor schlüpfte. Alte, knorrige Männer wie sein Göttervater waren nicht sein Stil. Ohne zu zögern legte er seine Hände aus die Schultern der Phönixin, die so spröde erschien wie ein Stück Stahl mit Glashärte. Er nötigte sie dazu, sich umzudrehen, damit sie Zoras auf Augenhöhe begegnete. Noch immer lagen seine Hände auf ihr als er sich zu ihr beugte, ganz nah an ihr Ohr, so als wolle er ihr etwas ins Ohr flüstern. Doch er hielt den Blickkontakt zu dem Menschen vor ihnen unentwegt.
      „Weißt du, kleiner Mensch, was dazu geführt hat, dass sie in dieser Feste gebrochen ist?“
      Seine Stimme war nur ein Säuseln und doch besaß es alle Macht, um Kassandra jegliche Farbe und Ausdruck aus dem Gesicht zu wischen.
      „Sie hat sich so, so lange wacker gehalten. In den dunklen Zellen der Feste ohne Tageslicht und Freigang. Weißt du, was dafür gesorgt hat, dass ihre Abwehr bricht?“ Er grinste und es sah beinahe so aus, als hauche er ihr einen Kuss ins Ohr. „Du, Zoras. Du allein. Ihre Sehnsucht nach dir war so groß, dass ich Telandir lediglich deine Gestalt verleihen musste. Seine Stimme zu deiner machte und er den Rest perfekt spielte, dass die Sehnsucht und Verzweiflung den letzten Rest an Widerstand in ihr brach. Das war das erste Mal, dass sie zugelassen hat, dass jemand außer dir sie berührt.“
      Kassandra konnte nicht weiter zuhören. Sie wollte raus aus ihrem Körper, raus aus dieser Situation und die Erinnerungen vergessen, die sich in ihren Verstand so lebhaft eingebrannt hatten. Der Tag, an dem Amartius entstanden war, der Tag, an dem sie das verlor, was sie ausmachte. Das so vor Zoras zu hören hielt sie nicht aus und so blieb ihr nichts anderes übrig als die Augen zu schließen und es auszuhalten. Sie hatte schon viel ausgehalten. Was waren dann diese paar Minuten schon?
    • Zoras starrte wortlos erst von Loki und dessen unnatürlich grünen Augen zu Kassandra, die sich zwischen sie beide geschoben hatte. Das hier war ein Gespräch, in dem Zoras allerhöchstens Zuhörer sein konnte, kein Partizipant. Er hatte keine Ahnung, was göttliche Machenschaften betraf. Er hatte seinen Glauben, seine Religion, aber er war sich ziemlich sicher, dass das von der Realität schon abwich.
      Aber worin er sich sicher war, war Kassandra. Er hatte ein Jahr an ihrer Seite verbracht, hatte sie kennengelernt, hatte ein Band zwischen ihnen beiden hergestellt und dem fühlte er sich auch jetzt noch zugeordnet. Kassandra war nicht dafür verantwortlich, dass dieser Riss entstanden war. Nicht alleine.
      Zur selben Zeit hatte er aber auch gerade erst erfahren, dass es Kassandra gewesen sein soll, die damals in Veren gewütet hatte. Vielleicht wusste er doch nicht so viel, wie er gedacht hatte.
      Also schwieg er und lauschte dem, was Lokis zwiegespaltene Zunge ihnen vermittelte. Nur, als der Gott plötzlich in die Form von Golm überwechselte, stieß er ein Zischen aus. Er hätte es wissen müssen. Er hätte es zumindest ahnen müssen! Hatte Amartius ihn erkannt? Er hätte es doch Zoras gesagt, oder nicht?
      Kassandra ließ sich davon keineswegs beeindrucken, aber sie konnte sicher abschätzen, mit was sie es zu tun hatte. Zoras konnte es nicht. Was stand noch alles in Lokis Macht? Wen hatte er vielleicht noch verkörpert? Den Mann, der Faia angestellt hatte? Der Wirt, der versucht hatte, sie über den Tisch zu ziehen? Die Wachen am Tor? Areti? Aber Areti war doch ganz sicher persönlich gekommen, wie hätte sie Zoras sonst Kassandra zeigen können? Wie hätte sie sie finden können?
      Außer, das lag ebenfalls in Lokis Macht. Konnte er etwa genauso Wunder verbringen wie Morpheus in ihren Träumen, nur dass alles in der Wirklichkeit geschah? Hatte er an Amartius Begräbnis teilgenommen?
      Zoras wusste es nicht, aber es konnte sein. Es war möglich und das verunsicherte ihn zu tiefst. Nur Kassandra war ein beständiger Punkt in diesem Moment.
      ... Sie war doch Kassandra, oder?
      Zoras blinzelte und ob es jetzt nun daran liegen mochte oder nicht, aber das Bild der unendlich grünen, tiefen Augen hatte sich so sehr in sein Gedächtnis gebrannt, als ob sie sich noch immer durch ihn hindurchbohren würden. Er blinzelte erneut und nahm sich vor, keinen Augenkontakt mehr zu dem Gott aufzunehmen.
      Zu demselben Gott, der jetzt zu ihnen kam und Kassandra zu Zoras umdrehte. Er verweigerte sich, in die grünen Augen zu sehen, und starrte stattdessen vehement Kassandra an. Lokis Gesicht lungerte neben ihrem wie ein Raubtier mit aufgerissenem Schlund.
      Er musterte seine Phönixin. Er konnte beobachten, wie ihr bei Lokis Worten das Blut aus dem Gesicht wich, wie ihre Augen trüb und fahrig wurden. Für einen Moment konnte er sehen, wie sich die Erlebnisse der letzten Jahre hinter einer Wand versteckten, die sie hinter ihren Augen aufzog. Er konnte es deshalb sehen, weil er es selbst nicht anders tat.
      Kassandra hatte das Leid erfahren, das ihr schon immer zugeteilt worden war. Sie hatte ihre Tage, Wochen, Monate in einer dunklen Zelle verbracht, vermutlich angekettet, so wie sie es seit Äonen schon gewohnt war. Sie hatte eine unbestimmte Zeit dort verbracht, bis sie schließlich doch gebrochen worden war - nur, dass dieser Moment auch gleichzeitig ihr Schlüssel zur Freiheit gewesen war. Zoras hätte sie niemals gefunden, hier in Asvoß, am Ende der Welt, in einem Land, das kaum bedeutend genug war, um irgendjemandes Aufmerksamkeit zu erregen. Er hatte sie nur mit Amartius' Hilfe gefunden und der war, auf makabere Art, durch eine Illusion seines eigenen Vaters gezeugt worden.
      Es war Zoras' Schuld. Gleichzeitig war er der Schlüssel gewesen, um Kassandra auch wieder dort herauszuholen.
      "Ich weiß", murmelte er. Er sah Loki immernoch nicht an, auch wenn er sich einbildete, dass Loki gleichzeitig sein eigenes Gesicht und das von Golm und das von Millionen anderen hatte. Instinktiv griff er nach Amartius und legte die Hand auf den Schwertgriff.
      "Ich weiß, was passiert ist."
      Er sah Kassandra noch immer an, aber jetzt hatte sie die Augen geschlossen. Vielleicht versuchte sie seinem Blick auszuweichen, vielleicht konnte sie ihn nicht mehr ansehen, ohne daran denken zu müssen. Das war vermutlich das schlimmste von allem. Zoras wollte nicht das Bild des falschen Telandirs in ihrem Gedächtnis innehaben. Er hätte sie nie, nie, niemals angerührt, hätte er sie tatsächlich in ihrer Zelle besucht. Er hätte ihr die Tür aufgehalten und sie nach draußen in die Freiheit gewunken.
      Aber das Gehirn sponn sich merkwürdige Szenerien, wenn es zu lange in einem dunklen Raum alleine gelassen wurde. Auch das wusste Zoras.
      "Und trotzdem steht sie hier, oder nicht? Trotzdem hält sie mich nicht für eine Illusion. Trotzdem hat sie ihr Herz zurück."
      Er richtete seinen Blick jetzt doch auf die grünen Augen und das war ein Fehler, denn sie schienen ihn in sich aufzusaugen zu wollen, aber er musste es tun. Loki war wie ein Aasfresser, der die Angst roch.
      "Seid Ihr etwa stolz auf dieses kleine Kunststück, das Ihr damals aufgeführt habt? Dass Ihr ihre Schwäche in einem Moment größter Verletzlichkeit ausgenutzt habt? Ihr seid der Gott der Täuschung, so habt Ihr Euch uns eben noch vorgestellt und doch verschwendet Ihr Eure Macht für einen einfallslosen Taschenspielertrick? Wie lange habt Ihr dafür gebraucht, um darauf zu kommen? Ich weiß, dass Amartius kaum älter als ein paar Monate war. Drei Jahre? Habt Ihr drei Jahre dafür benötigt, einem Phönix ein neues Aussehen und eine neue Stimme zu verleihen?"
      Zoras trat näher. Er wusste, dass er sich hier in Gefilde begab, die er schlichtweg nicht überleben konnte, aber er wollte sich auch gar nicht mit dem Gott anlegen. Er wollte, dass Kassandra aus seinen Worten ihre Stärke zog.
      "Und dabei war sie es, die ihre Existenz in einem Kerker gefristet hat, die ihr Herz hinter dutzenden Wänden wusste, die nicht mehr mit ihrer Macht anfangen konnte, als vielleicht eine Kerze zu entzünden. Sie war nicht diejenige, die Freigang hatte, wohin auch immer sie wollte. Ich möchte wetten, dass Demataya Euch viel Freigang gegeben hat, nicht wahr? Sie hat Euch sicherlich tun lassen, was Ihr wolltet, schließlich seid Ihr ein namenhafter Gott. Nur Kassandra hat sie nichts tun lassen, außer sich von Telandir aufdrängen zu lassen. Und dennoch habt Ihr drei Jahre benötigt."
      Zoras stand jetzt vor Kassandra und weil er ein bisschen größer als sie war, konnte er auch auf Loki hinabsehen, der seinen Kopf auf ihrer Schulter platziert hatte. Der Gott hielt sich sicherlich nicht mit solchen Kleinigkeiten wie höhergestellten Positionen auf, aber Zoras zog daraus ein bisschen Selbstbewusstsein, das er im Anblick der giftgrünen Augen dringend benötigte.
      "Was wollt Ihr mir also damit sagen, wenn Ihr mir erzählt, dass es meine Gestalt war, die Kassandra "gebrochen" hat? Dass Ihr einen ganz passablen Zoras Luor darstellen konntet? Das kann ich auch, stellt Euch das nur vor. Oder wollt Ihr mir sagen, dass Kassandra, eine Phönixin mit geringster Macht, die ihr Leben lang schon damit zu kämpfen hatte, von einem Kerker in den nächsten zu wandern, auch diesen hier überstanden hat, trotz anwesenden Gott der Täuschung, trotz Telandirs Drang? Ihr hättet ihr vom ersten Tag an etwas vorspielen können und trotzdem hat es drei Jahre lang gedauert. Was wollt Ihr mir damit also sagen, außer, dass hier nur ein Sieger herausgegangen ist? Und das seid nicht Ihr. Das seid Ihr bei weitem nicht."
    • Am liebsten hätte Kassandra die Zeit zu etwas gemacht, das sich gänzlich nach ihrem Willen beugen ließ. Doch das lag nicht in ihrer Macht und so musste sie mit geschlossenen Augen zuhören, wie sich Zoras immer weiter in Gefilde begab, aus denen er nicht mehr unversehrt zurückkehren würde. Das Gewicht von Lokis Händen lastete immer noch schwer auf ihren Schultern, so schwer, dass sie dachte, sie allein würden ihren Körper zu Boden zwingen. Und dann veränderte sich etwas in Lokis Atmung, dass sie dazu brachte, ihre Augen doch wieder zu öffnen.
      Loki war extrem gut darin, Täuschungen zu erschaffen. Aber es lag nicht in seiner Macht, oder vielleicht wollte er es auch gar nicht, die Aura eines Menschen zur Perfektion nachzubilden. So hatte sie damals in der Zelle erkannt, dass es nicht der echte Zoras gewesen war, der zu ihr gekommen war. Genauso, wie sie nun zu einhundert Prozent sicher wusste, dass dieser Mann vor ihr der Echte sein musste. Seine Aura, mit diesen Verwirbelungen in seinem Zentrum, hätte sie unter Milliarden Menschen wiedererkannt. Allerdings waren es seine Worte, die er nun aussprach, die ihre Augen immer weiter weiteten. Jedes Wort, das er unbedacht an Loki sprach, war eines zu viel. Kassandra als entfesselte Göttin war diesem wahren Gott noch immer hörig, aber ihr Stand gewährte ihr einen gewissen Grad an Narrenfreiheit, was ihre Wortwahl betraf. Dies bezog sich jedoch nicht auf einen Menschen, wie Loki bereits mehrfach angedeutet hatte. Und so konnte Kassandra nur mit einer stummen Warnung auf den Lippen ihren Herzog ansehen, der sogar noch einen Schritt näher trat auf das, was ihn gleich den Kopf kosten würde. In diesem Moment wollte sie sich von Loki losreißen und auf Zoras stürzen. Ihn den Mund verbieten, damit er nicht noch weitere Provokationen aussprach. Aber der Schaden war bereits angerichtet.
      Unter Lokis Händen war Kassandra wie erstarrt. Ein Schmunzeln erschien auf Lokis schmalen Lippen, das immer breiter wurde und keinerlei Wärme besaß. Es reichte nicht bis zu seinen grünen Augen, die noch immer unentwegt auf Zoras gerichtet waren. In einer trägen Bewegung gab er seine kauernde Haltung auf Kassandra auf und zog seine Hände von ihren Schultern währen er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und mit Zoras auf Augenhöhe war. Niemand sprach ein Wort und die Aura des Gottes, die auf die Phönixin wie eine Nulllinie wirkte, ließ sie vollkommen erstarren. Beide Götter wussten, dass es jetzt Konsequenzen für die Worte dieses Sterblichen geben würde, wobei Kassandras Puls zu rasen begann. Sie ahnte, wer die Konsequenzen tragen würde.
      Loki verschwendete kein weiteres Wort an den Moment, sondern handelte. Zoras sah nicht, was er tat, dafür bekam er mit, wie Kassandra vor ihm einen Schritt vorwärts taumelte. Ihre Hände waren um etwas gekrallt, das aus ihrer Brust erwachsen schien. Ihr Gesicht war verzerrt in einer Mischung aus Schock, Fürbitte und... Schmerz. Sie gab kein einziges Geräusch von sich während sie mit ihren Händen den Arm umklammerte, der aus ihrer Brust ragte. Kein Tropfen roten Blutes beschmierte den Arm, dessen Hand einen Batzen Fleisch hielt, der sich erst auf den zweiten Blick als ein Herz entpuppte. Kassandras Augen hefteten sich auf Zoras' Gesicht. Das Gesicht, von dem sie viel zu wenig gesehen hatte. Jenes Gesicht, das unzählige Emotionen widerspiegelte und das Selbstbewusstsein, was er gerade noch aufgebaut hatte, zerbrach. Ihre Lippen teilten sich, um Worte hervorzubringen, doch das schaffte sie nicht mehr. Loki riss seine Hand zurück und Kassandra brach zwischen den Männern zusammen.
      „Ah, ah“, ermahnte Loki Zoras, der Anstalten machte, zu der Frau am Boden zu stürzen. „Das war für deine unbedachten Worte. Fahr damit fort und ich werde dafür sorgen, dass dein Kopf das Erste sein wird, was sie nach ihrer Wiedergeburt zu sehen bekommt.“
      Er schüttelte seinen Arm aus, dann streckte er ihn wieder entgegen Zoras aus. Er öffnete seine Hand und präsentierte ihm das vollkommen unblutige Herz, das still in seiner Handfläche lag.
      „Ich glaube, sie hätte nichts dagegen, wenn ich dir ihr Herz überreiche. Sie hat es ohnehin an dich verloren, also warum nimmst du es nicht?“, fragte er mit Belustigung in seiner Stimme während der Wind durch Kassandras schwarzes Haar strich und es das einzige war, was sich noch an ihr bewegte. Die Ränder ihrer Konturen wurden bereits unscharf und das Schwarz, das auch Amartius' Körper verzehrt hatte, begann sich über ihren Leib hinwegzumachen.
    • Etwas in Lokis Augen bewegte sich.
      Der Gedanke war völlig absurd und aus der Luft gegriffen, aber als Loki sich aufrichtete, als er sich auf Zoras' Augenhöhe begab und Zoras sich einem Lächeln gegenübersah, das nicht mehr als das Bewegen von Muskeln im Gesicht des Gottes war, erkannte er die Reichweite dessen, was hinter diesen Augen steckte und was schon zuvor einen solchen Einfluss auf ihn genommen hatte.
      Schließlich sah er sich einem Gott gegenüber. Hinter diesen Augen gab es keine Seele, dort gab es nur die Unendlichkeit. Die Unendlichkeit in Form von Loki.
      Hätte die Erkenntnis ihn früher erfasst, dass er sich von der menschlichen Gestalt des Gottes nicht täuschen lassen sollte, hätte er vielleicht seine Nerven gezügelt. Vielleicht hätte er sich zurückhalten können, vielleicht hätte er den Schwall an Überheblichkeit zurückdrängen können. Vielleicht hätte er aufhalten können, was ein paar Sekunden darauf geschah.
      Aber es kam zu spät. Sehr viel kam zu spät. Kassandra taumelte mit einem Mal nach vorne, ihr Gesicht zu einer allzu menschlichen Grimasse verzerrt. Ihre Arme schossen nach oben und ihre Hände schienen für einen Moment Luft zu umfassen. Zoras' Herzschlag sprang warnend in die Höhe.
      "Kassandra?"
      Ihr Blick ließ ihn nicht los, genauso wenig wie Lokis, aber dafür konnte er die Bewegung sehen, die jetzt von ihren Armen ausging. Etwas schob sich von ihr weg - nein, etwas schob sich durch sie hindurch. Ein dritter Arm war ihr mit einem Mal gewachsen und dieser dritte Arm hielt ein Stück Fleisch in der Hand. Als Zoras das Etwas sah, versagte sein Herz vollständig.
      "Kassandra!"
      Er verstand nicht. Sein menschlicher Verstand verweigerte sich dazu, die Informationen auf die gewöhnliche Art zu verarbeiten, denn das Resultat daraus hätte jenem gleichen Verstand die Existenz beraubt. Die Tatsache, dass der Arm mit einem Mal wieder verschwand und Kassandra wie eine leblose Puppe vornüber fiel, war schon Angriff genug auf Zoras' gesamte Psyche.
      "Nein!"
      Seine Knie gaben ihm schon nach bei dem Drang, Kassandra zu folgen, es war ganz egal wohin, in diesem Fall aber auf den Boden. Nur Lokis säuselnde Stimme, die durch ihn hindurchfuhr wie ein Messerstich, ließ seine Glieder erstarren, weshalb er doch nicht einknickte. Vor ihm lag Kassandra auf dem Boden, reglos, tot. Sie hatte kein Loch in der Brust. Irgendwie war es so viel schlimmer, dass dort keine sichtbare Wunde an ihrem Körper war.
      Nur mit Mühe und Not schaffte es Zoras, seinen Blick von ihrer Leiche zu Loki zu heben. Auf seiner Handfläche lag das Herz, Kassandras Herz - Kassandras Herz, bei allen Göttern, ihr Herz, es war ihr HERZ - und der Gott hielt es Zoras mit einem Schmunzeln entgegen. Es war keine ernstgemeinte Frage, ob er es nicht nehmen wollte. Dieser Gott stellte keine Fragen, er ließ höchstens Taten sprechen, wie er soeben zweifellos dargestellt hatte. Zoras würde es nehmen, weil er die Konsequenzen zu tragen hatte, sein Wort gegen diesen Gott erhoben zu haben.
      Er streckte ganz mechanisch den Arm aus. Er öffnete die Hand und Loki ließ das Organ hineingleiten.
      Es war warm. Es war warm und es war etwas wabbelig. Da war kein Blut, als wäre es nie in Benutzung gewesen, aber Zoras wusste es besser. Sein Verstand wusste es besser. Er starrte auf das Herz in seiner Hand, das er fühlen konnte, das vor einer Minute noch in Kassandras Körper geschlagen hatte. Das für ihn geschlagen hatte. Das auch für ganz andere Dinge geschlagen hatte.
      Übermannt von einer Welle abgrundtiefen Entsetzens, das ihm so tief in die Knochen eingezogen war, dass es bereits an den Rändern seines Verstands nagte, erzitterte Zoras unter dem Gefühl des Herzens. Unter ihm fing Kassandra an, sich langsam, so wie Amartius, in schwarze Asche aufzulösen, aber das Herz blieb intakt. Es pochte nicht, es lag sehr still und unwirklich in seiner Handfläche.
      "... Sie hat es nicht verdient, Loki."
      Er wusste gar nicht, was er genau meinte. Er konnte seinen Blick nicht von seiner Hand nehmen. Wenn das Herz sich bewegen würde, würde er vermutlich schreien, so stand es schon um seine geistige Verfassung. Er würde schreien und dann würde er... das wusste er selbst nicht so genau.
      Der schwarze Schleier legte sich irgendwann auch über das Organ. Es würde sich auch auflösen und es würde Zoras zweifellos aus seiner Starre holen. Es würde diesen Moment aber nicht ungeschehen machen.
      "... Lasst ihr ihren Frieden. Es ist das einzige, was ihr geblieben ist."
    • Das Grausame daran, ein Gott zu sein, war in der Tat der Teil der Unsterblichkeit. Sobald ein Gott im vollen Besitz seiner Mächte war, bedurfte es spezielle Herangehensweisen, um ihn endgültig aus seiner Existenz zu löschen. Gerade Phönixe erwiesen sich hier als besonders hartnäckig und schwierig, denn sie belebten sich in der Regel meistens selbst wieder.
      Genau das war der Grund, warum Kassandras Verstand noch arbeitete, obwohl Loki ihr Herz bereits aus ihrer Brust gerissen hatte. Bis zu dem Moment, in dem sie fiel und Himmel und Erde ihre Positionen tauschten, sah sie jede Regung auf Zoras' entsetztem Gesicht. Hörte jede Silbe, wie er ihren Namen sprach, erst zögerlich, dann voller Entsetzen. Der Schmerz war nur entfernt wahrnehmbar, wie ein dumpfes Pochen, da Götter keinen Schmerz spüren dürften. Sie bluteten nicht, wie Menschen es taten. Und dadurch war ihr kein schneller Tod vergönnt. Als sie schlussendlich fiel, hörte sie noch einen seiner Ausrufe, und dann wurde alles dunkel und still.
      So still und kalt, wie sie es zu oft in ihrer Existenz bereits hatte erleben müssen und nie sich diesem Zyklus hatte erwehren können.

      Loki fühlte nichts als er sah, wie der Mensch vor ihm durch seine Worte allein an seiner Aktion gehindert wurde. Der Gott wusste exakt um die Wirkung seiner Worte auf die Sterblichen, weshalb es ihn nicht berührte, wie dieser Mann voller Terror zu der Phönixin am Boden sah und dann wieder seinem eigenen Blick begegnete. Das Herz, das auf seiner Hand zwischen ihnen beiden wie ein Mahnmal lag, war totenstill. So still wieder der dazugehörige Leib am Boden. Als spiele die Zeit für diesen Augenblick keine Rolle wartete Loki stillschweigend ab bis Zoras seine Hand unter seiner ausstreckte. Er hätte das Herz einfach fallen lassen können, oder jegliche andere Aktion damit ausführen können. Stattdessen legte er das noch warme Herz geradezu behutsam in die Hand des Menschen und ließ seine Hand anschließend sinken. Seine grünen Iren waren unentwegt auf den Sterblichen vor ihn gerichtet, dessen Blick auf dem Herzen Bände sprach.
      „Dieser Phönix hier ist ruhelos. Sie ist als eine Nemesis auf die Erde losgelassen worden, um genau das zu tun, was sie in Veren angefangen hatte. Kassandra“, Loki stuppste ihren Rücken mit seiner Stiefelspitze an, „wird keinen Frieden mehr finden. Erst die endgültige Löschung ihrer Existenz wird ihr Frieden sein. Alles, was sie bis jetzt erlebt hat, ist zu ihrem Schatten geworden. Und niemand wird je seinen Schatten los.“
      Er streckte einen Arm zur Seite aus, der den genannten Schatten hinter sich warf und seine Worte unterstrich. Ihm fiel auf, dass dieses Jahr, dass dieser Mensch und Kassandra miteinander verbracht hatten, von Lücken geprägt war. Der Sterbliche hatte sich in das Bild verliebt, was sie ihm willentlich gezeigt hatte, und das war – mitnichten – das volle Spektrum ihrer Persönlichkeit. Dieser Mensch wusste nicht um die Horror, die diese Phönixin heimsuchten. Wie sehr sie eigentlich hasste, dass sie -
      Lokis Augen zuckten zur Seite, als ein Flammenblitz grell auf zuckte. Areti hatte in der Zwischenzeit den Leib von Telandir verabschiedet, der ebenfalls zu Asche zerfiel und vom Wind langsam und stetig davon getragen wurde. Jetzt stand sie, zum allerersten Mal, höchstgradig am Rande tiefsten Zornes etliche Meter von ihnen entfernt und starrte Loki an. Selbst mit ihrer begrenzten Existenz wusste sie instinktiv, dass sie diesem Gott nicht entgegenzusetzen hatte. Was ihre Wut nur noch weiter anfeuerte.
      „Pass auf, das Ganze hier läuft nun wie folgt ab. Du wirst zurück in den Himmel gehen. Je weniger entfesselte Götter auf Erden wandeln, umso besser. Berichte ihnen meinetwegen gern, dass ich daran Schuld bin. Aber erläutere ihnen im gleich Zug, dass sie gefälligst dort bleiben und zusehen sollen. Sonst können sie sich über ihren Machtverlust freuen“, richtete Loki seine Worte an Areti, die selbst auf die Entfernung hin hörbar nach Luft schnappte. „Oder soll deine Mutter noch ein weiteres Kind verlieren?“
      Diese Warnung schien bei ihr zu fruchten. Die Flammen um ihren Leib veränderten sich, wirkten weniger gefährlich sondern schmiegten sich vielmehr an ihren Körper. Sie warf Zoras einen hilflosen Blick zu, der noch immer das schwarz werdende Herz in seinen Händen betrachtete. Sie konnte hier nichts mehr tun. Nicht, wenn Loki zwischen ihnen allen stand und bei einer Gemütsänderung sie alle auslöschen könnte. Also biss sie die Zähne zusammen, verwandelte sich in ihre Phönixgestalt und hob mit ausladenden Flügelschlägen ab. Einige Momente später war sie durch einen der Risse verschwunden und die bunten Schlitze erzitterten, als ein Gott die Erde verließ.
      Vor Lokis Füßen war Kassandras Gestalt mittlerweile nicht mehr als ein Haufen Asche, der sich dem Wind widersetzte und an Ort und Stelle blieb. Das Herz, das der Mensch noch in den Händen hielt, war kohlrabenschwarz geworden und bröselte ebenso langsam zwischen seinen Fingern weg.
      „Ich könnte es mir einfach machen und ihr wirklich deinen Kopf präsentieren. Dann hätte ich mein Wunschszenario erreicht“, verkündete Loki unfassbar unbeeindruckt und steckte wieder die Hände in unschuldiger Geste in die Taschen seiner Weste. „Oder aber, ich ziehe das Spektakel ein wenig weiter hinaus. Sie hört jetzt nicht, was wir besprechen, also wird es deine Aufgabe sein ihr klarzumachen, was ihr Beide nun tun werdet.“
      Und da war wieder dieses belustigte Grinsen in seinem Gesicht, das das Grün in seinen Augen zum Strahlen brachte.
      „Ihr dürft versuchen, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Wenn es nicht gelingt, verlieren wir unsere Mächte und die Erde wird aussehen wie nach einem Meteoriteneinschlag. Alles Leben wird von der Oberfläche getilgt werden und neu wieder auferstehen müssen. Großzügig, nicht wahr?“
      Die letzten Aschekörner rieselten durch die Spalte zwischen den Fingern des Menschen bis er nichts mehr außer Luft in Händen hielt. Der Haufen Asche zwischen ihnen war heiß, so als lodere in seinem Inneren ein Schwelbrand, der nicht gelöscht worden war.
      „Damit das gelingt, braucht ihr Zeit. Die ihr nur bekommt, wenn du sie dazu bringst, wieder in einen Bund zu treten. Sie muss ihre Kraft wieder an einen Menschen abgeben, dann schließen sich die Risse vorerst. Dann hast du genug Zeit, mit ihr zusammen so viele andere Götter und ihre Nachkommen zu töten, bis die Erde Kassandras volle Macht ertragen kann. Nur so kannst du deine Welt und deine Familie so schützen, wie du es dir wünschst. Du bekommst sogar das Leben mit ihr, welches du dir wünschst und kannst ihr am Ende den Teil deines Schwures erfüllen. Deine Wahl.“
      Mit einem breiten Grinsen schloss Loki seine Worte. Mal sehen, was ein Sterblicher zustande brachte, wenn er eine Entscheidung zu treffen hatte, die den Verstand eines Menschen überstieg.
    • Loki tippte Kassandras Rücken mit seinem Stiefel an und Zoras zuckte, als würde er selbst dort unten zwischen ihnen liegen. Als Reaktion wackelte das Herz auf seiner Handfläche - es war nicht viel, aber es war genug, dass er die bewegte Masse spüren konnte, dass er sich allzu genau vorstellen konnte, wie das Herz in Kassandras Brust gearbeitet hatte, wie es das Blut durch ihren Körper gepumpt hatte. Eine Welle der Übelkeit überkam ihn, ganz dicht gefolgt von einem eiskalten Schauer. Vielleicht würde auch sein Kreislauf aufgeben, bevor er zu einem Ergebnis darüber gekommen wäre, was der Ausgang dieser Situation wäre. Vielleicht würde ihm schwarz vor Augen werden und er würde einfach kollabieren. So sehr, wie er wusste, dass das ein glimpflicher Ausgang wäre, im Gegensatz zu dem, was ihn sonst erwarten würde, wusste er, dass das nicht passieren würde. Sein Körper würde ihn nicht im Stich lassen, nicht bis er seine Grenze nicht erreicht hatte. Nur war die psychische Grenze dabei eine ganz andere als die physische.
      Er schluckte, zwang seine Nerven unter Kontrolle, zwang Lokis Worte in den Vordergrund. Er hatte unrecht, Zoras wusste es. Seine Zunge war gespalten, wie man es von Loki kannte, er erzählte Lügen, alles, um die Gemüter seiner Opfer zu plagen. Er nährte sich von den Abgründen, in die Zoras' Psyche gerade abrutschte. Deswegen musste Zoras ihm entgegenhalten. Deswegen und für Kassandra.
      "Ich..."
      Nein. Mit Vorsicht genießen. Zoras hatte schon einmal bereut, den Gott angesprochen zu haben.
      "Ihr habt..."
      Nein. Nein. Das Herz war Beweis genug, dass er still sein sollte. Es gab keine Ehre zu verteidigen, wenn Kassandra tot vor Zoras auf dem Boden lag - ein entfernter Teil in ihm, der nicht ganz von dem Anblick des Herzens vereinnahmt worden war, schrie darum, dass Kassandra tot vor Zoras auf dem Boden lag, bei den Göttern, tot vor ihm! - und Zoras selbst in den Augen des Gottes nicht viel mehr Wert war als eine Ameise. Es gab nichts zu gewinnen. Es gab keine Wörter, die ihm in diesem Moment einen Vorteil verschafft hätten.
      Also schluckte er und schloss den Mund wieder, die abgeschnittenen Sätze in seinem Gehirn unausgesprochen. Er konnte den Blick nicht ein Mal vom Herz wenden, auch nicht, um Loki anzusehen. Wenn er es tat, würde sich irgendetwas in Gang setzen, das ihn in diesen Abgrund schubsen würde, der in seinem Inneren schlummerte. Er schwieg. Er schwieg und starrte.
      Ein Lichtblitz von der Seite prüfte sein Beherrschung. Er wich nicht und er zuckte nicht. Aus dem Zusammenhang seiner Umgebung konnte er schließen, dass es Areti war, um die es ging.
      Das Herz wurde von dem schwarzen Schleier eingeschlossen. Loki beorderte die Phönixin im Plauderton in den Himmel hinauf, derselbe Tonfall, mit dem er einem Koch aufgetragen hätte, welches Menü in welcher Reihenfolge aufzutragen wäre. Nur das Geräusch, das Areti von sich gab, zeugte davon, dass es bei weitem nicht der Ton war, der hier die Musik spielte. Auch nicht unbedingt die Worte selbst, die Loki aussprach. Es war seine Präsenz ganz alleine, die eine solche Macht auf sie alle ausübte.
      Areti fügte sich. Weiteres Licht flackerte in Zoras' Augenwinkel auf, denn wurden sie von einem Luftzug ergriffen, der ihn für einen Moment panisch machte. Das Herz war jetzt ganz schwarz und fing an, sich an den Rändern langsam aufzulösen. Darunter hatte bereits der größte Teil von Kassandras Leichnam seinen Weg in schwarzen Staub gefunden. Er hielt den Arm weiter ausgestreckt, starrte weiter darauf, rührte sich nicht.
      Loki redete wieder mit ihm. Oder eher, er hielt einen Monolog ab, in dem Zoras eine Rolle zugeteilt wurde. Er konnte die Informationen nur stoisch empfangen, abspeichern, so wie jeden anderen, ganz gewöhnlichen Auftrag. Kassandra überreden, was zu tun ist. Das Gleichgewicht wiederherstellen. Die Erde davor bewahren, unterzugehen. Ein langer Auftrag. Was war die Bezahlung?
      Das Gewicht des Herzens wurde jetzt leichter. Die Asche rieselte über seine Hand, wurde von Wind aufgewirbelt, fiel durch seine Hände hindurch. Das Herz wurde leichter, immer leichter, immer weniger, es zerfiel in seiner Hand, es verstreute sich auf dem Boden, aber ein bisschen was musste auch vom Wind weggetragen werden. Es würde für immer fort sein.
      Zoras nahm einen Atemzug, der ihm in der Brust schmerzte, als er begriff, dass er seit geraumer Zeit schon die Luft angehalten hatte. Ein Geräusch entfuhr ihm, eine Mischung aus einem hörbaren Atemzug und purem Leid. Das letzte Bisschen des Organs verpuffte zu Asche und rieselte von seiner Hand und das brach ihn schließlich aus seinem tranceartigen Zustand. Er wich zurück, den Blick jetzt auf den glühenden Aschehaufen gerichtet, der Kassandra ausmachte. Telandirs Narbe brannte auf seiner Brust, seine Lunge pochte angestrengt, seine Hand, mit der er das Herz gehalten hatte, war nicht mehr die seine. Das Gewicht fehlte und gleichzeitig hätte es nie dort sein dürfen. Er legte sie an seinen Schwertgriff, mehr aus Instinkt als aus allem anderen, aber erinnerte sich dabei auch gleich an den Sohn, den er dort trug. Amartius. Er packte das Schwert fest, wickelte seine Finger darum, bis sie schmerzten. Amartius. Kassandra hatte sich soweit aufgelöst, dass nichts mehr von ihr übrig war. Sie brannte jetzt nur noch.
      Amartius.
      Er schluckte. Seine anderen Narben brannten jetzt auch, jede einzelne von ihnen. Seine Lungen hatten vergessen, wie sie sich selbstständig Luft beschaffen sollten. Er nahm einen weiteren, fast zittrigen Atemzug, fest darum verbissen, kein weiteres Geräusch von sich zu geben. Nach einer Unendlichkeit konnte er auch den Blick zu Loki heben und zurück in die göttlichen Weiten blicken, die seine Augen darstellten.
      "Ich... verstehe."
      Tat er das wirklich? Er wusste es nicht. Das würde er wohl später herausfinden. Im Moment konnte er nicht viel denken.
      "Ich werde es tun."
      Seine Stimme war nicht die seine. Zu sprechen bedarf einer körperlichen Anstrengung, die ihm unbekannt war. Er musste sich dazu erinnern zu atmen. Er konnte Kassandras Herz noch immer in seiner Hand spüren, auch wenn er sie so fest um Amartius geschlungen hatte, dass ihm die Muskeln schmerzten.
      Amartius.
      Er konnte die Asche spüren, die ihm federleicht über die Haut fiel, sich im Wind verlor. Die Asche von Kassandras Herz.
      Atmen.
      Seine Lungen füllten sich mit Luft. Er sah von Loki wieder auf Kassandras brennende Überreste hinab.
      "Wann..."
      Ihr Herz in seiner Hand. Es zerfiel zu nichts, es rann von seiner Hand. Kassandras Leichnam, ausgestreckt vor ihm auf dem Boden.
      Er schluckte.
      "Wann wird sie wieder...?"
      Atmen. Das Wort kam ihm fremd vor. Amartius tat ihm weh. Nein, seine Hand tat ihm weh. Kassandras Herz auf seiner Hand. Amartius, wie er sich in dieselbe Asche auflöste, wie sich sein Gewicht in Zoras' Armen auf dieselbe Weise verlor.
      Würde er sich auch so auflösen, wenn er in seinen Abgrund fiel? Wenn er fiel und fiel und fiel und für immer weiterfiel? Wenn die Schwärze ihn vereinnahmte und ihn nie wieder ausspuckte?
      Wenn er doch in den Abgrund hineingeschubst wurde?
    • Das Grinsen, das seit geraumer Zeit Lokis Gesicht zierte, wurde erst hart und wich dann einer erstaunlich neutralen Miene. Eine, die man beinah schon als ausdruckslos beschreiben konnte. Es stand außer Frage, dass der Mensch dort verstand. Leere Worte fanden ihre Wege nach draußen, einzig und allein um den vor ihm stehenden Gott nicht weiter zu reizen. Oft genug hatte Loki diese Art des Sprechens bei den Sterblichen gehört, sodass er ihnen keinerlei Wert mehr beimaß. Dafür sah er dabei zu, wie dieser Mensch kurz vor dem Rande des Wahnsinns stand. So nah am Rand der unendlichen Schlucht stand, dass er nur einen Schritt gehen musste, um sich in den freien Fall zu stürzen. Seine Lippen zuckten verräterisch. Die meisten hätten dem wohl eine mitfühlende Note zugeschrieben, doch Loki fühlte nur Belustigung, wie man sich selbst so geißeln konnte. Solche Qualen erlitt, die einen schwächer machten als alles andere.
      „Gib ihr ein paar Stunden. Dann wird sie wieder so vor dir stehen wie vor ein paar Minuten“, antwortete Loki, seine Aufmerksamkeit war weg von dem Menschen oder dem Aschehaufen hin zu dem Schwert gewandert, das an der Hüfte des Mannes hing. Es vibrierte, so schnell, dass sein Träger es vermutlich nicht einmal bemerkte. Die Aura, die dieses Schwert verströmte, war unmissverständlich. Loki hatte sich diesem Mann nicht weiter zu nähern, geschweige denn eine Hand an ihn zu legen. Tatsächlich konnte der Gott über diesen mickrigen Versuch nur lachen, denn die Aura würde ihn nicht einmal eine Sekunde lang abhalten. Trotzdem war es das erste Mal, dass Loki ein Artefakt antraf mit einer lebhaften und reaktiven Aura seines Ursprungs.
      Lokis Interesse an Amartius riss jäh ab, was sich mit einem tiefen Seufzen äußerte. „Was auch immer du da gerade in deinem kleinen Hirn zusammen spinnst, stell es für später an. Vor dir ist das, was du über Jahre gesucht hast. Also nimm es in Empfang, schlag dein Lager auf und warte, bis sie fertig ist mit ihrem Zyklus. Die Anwesenheit ihres Sohnes wird es beschleunigen. Bis dahin überleg dir lieber gute Argumente, damit sie dir folgt.“
      Damit schnellte eine seiner Augenbrauen in die Höhe und verlieh dem Gott einen spöttischen Gesichtsausdruck, ehe er mit Zoras' nächstem Blinzeln im Nichts verschwunden war. Ohne ein Geräusch, ohne ein Gefühl, nichts.
      Als hätte es diese Unterhaltung mit Loki nie gegeben.

      Nach fast zwei Stunden bewegte sich etwas in dem Aschehaufen. Nach ganzen zwei Stunden veränderten sich die kleinen Hügel, so als kämpfe sich etwas darunter ans Tageslicht. Ungeachtet des bissigen Windes hatte die Asche ausgeharrt, gar festgeklebt wirkte sie auf dem felsigen Boden, der ohne die Anwesenheit der Phönixe wieder Frost angesetzt hatte. Zoras hatte seinen Posten an der Asche nicht einen Augenblick verlassen, sodass seine Gefährten behilfsmäßig ein Lager an Ort und Stelle errichteten mit Waren aus dem Schloss, das plötzlich wie leergefegt war. Wie sich herausstellte war die komplette Belegschaft ein einziges Lügenkonstrukt gewesen. Bis auf Demataya und die Feste an sich war rein gar nichts mehr real gewesen. So viel Einfluss hatte Loki auf diesen Ort ausgeübt, dass niemand die verlassene Feste als solche erkannt hatte. Und wenn Zoras nicht hinein ging, dann brachten Faia und Tysion eben Tische und Teppiche gegen Wind und Eis zu ihm.
      Die Haufen Asche fielen zur Seite, als sich etwas Helles aus dem Schwarz schälte. Zaghaft und abgehackt wühlte sich ein winziger Schnabel samt nacktem Kopf durch die Asche ins Freie. Der Rest seines Körpers blieb in der Asche verborgen, doch sekündlich konnte man dabei zusehen, wie der frisch geschlüpft wirkende Vogel kräftiger wurde und langsam Federn bekam. Nach einigen Minuten hatte er bereits einen Flaum um den Körper und sich fast vollkommen aus dem Aschehaufen gelöst. Er machte keine Anstalten, sich von jemanden anfassen zu lassen noch bewusst Kontakt aufzunehmen. Er war einfach... da.
      Es dauerte fast eine halbe Stunde bis der Vogel sein rechtes Federkleid bekam. Die Kiele sprossen zunächst rote Federn, die sich asbald schwarz färbten und weiße Ringe bekamen. Der lange, schlanke Hals war nun deutlich zu erkennen und als der nur hundsgroße Vogel seine rubinroten Augen auf Zoras richtete, war auch das Bewusstsein zurückgekehrt, das Kassandra hieß.
      Kassandra betrachtete Zoras einige Augenblicke lang, legte den Kopf schief und flatterte mit den Flügeln. Erst jetzt bewegte sich die Asche unter ihr, stob zu allen Seiten und ritzen fort, um außerhalb des Notlagers vom Wind erfasst zu werden. Man hatte Zoras seine Privatsphäre in diesem Lager gegeben. Seine Begleiter hatten sich nach draußen zurückgezogen und konnten nicht fassen, dass all die Wachen nicht echt gewesen sein sollten.
      Indes ging im Inneren des Lagers ein Puls von Kassandra aus. Eine warme, wogende Welle, die über Zoras und Amartius hinweg schwappte und endlich dafür sorgte, dass sich das Schwert wieder beruhigte. Und dann ging der Vogel in Flammen auf, schwarze Flammen, so tief schwarz wie das Federkleid selbst, und wuchs in der Höhe an. Nur Sekunden später enthüllte sich Kassandras Gestalt so, wie sie vor Stunden vor Zoras getreten war. Wieder befanden sie sich in der ähnlichen Situation wie zuvor; Er saß auf dem Boden mit nicht mehr genug Kraft, um stehen zu können, wohingegen sie vor ihm aufragte, eine Göttin durch und durch. Doch jetzt schüttelte sich Kassandra, als wäre ihr etwas zuwider. Und das war es auch. Das Nichts, das die Reinkarnation begleitete, war ein furchtbares Gefühl. Es war kalt, einsam und die Amnesie war je nach Ort und Zeit undankbar. Aber jetzt spürte sie keinen Gott mehr in der Nähe. Ihr Herz war wieder an Ort und Stelle und der unendliche Zorn, der sie einst erfüllt hatte, war lächerlich klein geworden. Alles, was sie jetzt wollte, war ihn wieder an sich zu spüren.
      Schon in der nächsten Sekunde fiel Kassandra auf die Knie und riss Zoras regelrecht an sich. Ihre Arme schlossen sich um ihn wie ein Gefängnis, das gar keines war. Es war ein Panzer, ein Schutzwall, der niemanden hindurch lassen sollte. Sie presste ihn so fest an sich, dass ihr kurz darauf siedend heiß einfiel, dass sie vielleicht zu viel Kraft besaß. Also löste sie sich wieder von Zoras und fasste ihm fahrig an die Wangen. Er war echt. Seine Aura war echt. Selbst mit diesen Zeichen der Zeit in seinem Gesicht war dies der Mann, der sie über vier lange Jahre gesucht hatte. Und der jetzt... gebrochen wirkte?
      Kassandra nahm einen sehr tiefen, ausgedehnten Atemzug. Stimmt, sie war vor seinen Augen gestorben. Etwas, das ein Mensch nicht so einfach verarbeiten konnte.
      „Es ist alles gut“, sagte sie leise, die ersten Worte, die sie sprach, waren immer noch rauer als gewöhnlich. „Ich bin noch immer da. Es ist alles gut, wir haben uns nicht verloren. Nicht noch einmal, hörst du? Zoras?“ Ihre Hände verließen sein Gesicht, wanderten seinen Hals hinab, wo sie seinen Puls fühlen konnte. Die Wärme, die er ausstrahlte. Selbst das Gefühl von erkaltetem Schweiß, der von Angst und Anspannung herrührte. All dies waren Zeichen dafür, dass er lebte, echt und hier war. Und das ließ Kassandras Finger zittrig werden.
      „Darf ich dich berühren?“, fragte sie leise als sie sich daran erinnerte, wie sich sein Körper versteift hatte, als sie ihn angefasst hatte. Zaghaft löste sie ihre Hände von seinem Körper und fing eine seiner nicht mehr behandschuhten Hände ein. Seine rechte war eiskalt und leicht rot verfärbt. Eisbrand und Abdrücke eines Schwertgriffes zeugten von den letzten Stunden. Bestimmt ergriff sie mit beiden Händen seine Hand, die unter ihrer Berührung sofort begann, die kränkliche Verfärbung zu verlieren und wieder warm zu werden, und führte seinen Handrücken an ihre Lippen, wo sie siedend heiß auf kühle Haut trafen.
    • Ein paar Stunden.
      Was waren schon ein paar Stunden, wenn schon ganze Jahre dahinter standen? Was waren ein paar Stunden, wenn alles binnen eines einzigen, belanglosen Herzschlags vorüber sein könnte? Zoras nickte mechanisch, was sollte er schon anderes tun? Ein paar Stunden. Ein paar Stunden.
      Loki wirkte gelangweilt. Vielleicht war das ganze Spektakel für ihn jetzt vorüber, vielleicht hatten sie den Höhepunkt erreicht, den er sich ausgemalt hatte. Vielleicht gab es aus Zoras nichts mehr herauszuholen als stoische Blicke und mechanische Antworten. Mehr gab er auch nicht von sich bei dem Versuch, nicht zu stolpern, denn, oh Himmel, es würde keinen Boden geben, der ihn auffing. Er starrte nur und wahrscheinlich war dem Gott das irgendwann zu einfältig.
      Er verschwand ohne ein weiteres Wort an ihn. Er hinterließ noch nichtmal eine Spur, ein Geräusch, einen Luftzug, ein Gefühl, er war einfach nur weg. An seiner Statt erhoben sich die Zinnen des Schlosses im Hintergrund und der freigelegte Stein dieser riesigen Fläche, auf der die Phönixe den Schnee weggeschmolzen hatten. Es war kalt, so ganz ohne jegliches Feuer. Es war auch totenstill.

      Zoras rührte sich nicht. Er war vollständig unbewegt, etwa einen Meter von dem Aschehaufen entfernt, der Kassandra darstellte (wäre dieses ganze Ereignis nicht vor wenigen Minuten passiert, hätte er schon anfangen können, die Verbindung zwischen Haufen und Leiche anzuzweifeln. Leider war ihm dieses Glück verwehrt). Er hielt Amartius immernoch am Griff gepackt und langsam begann auch seine Hand zu schmerzen. Nicht, dass er etwas dagegen hätte tun können.
      Es gab nichts in seiner Umgebung, um das Verstreichen von Zeit deutlich zu machen und so wusste er nicht, wie lange er schon dort gestanden hatte im Kampf mit sich selbst und seinem Inneren, als Faias Stimme hinter ihm ertönte.
      "Isch... Zorah?"
      Sie stand hinter ihm, fast nahe genug, um ihn zu berühren, aber für ihn hätte sie auch am anderen Ende der Welt stehen können. Nicht einen Augenblick dachte er daran, den Blick von Kassandras Aschehaufen zu lösen.
      Daher bekam er auch nicht mit, wie Faia zaghaft die Hand nach ihm ausstreckte, nur um sich in letzter Sekunde doch noch daran zu erinnern, dass er nicht berührt werden wollte. Er bekam die Blicke nicht mit, die sie mit Tysion austauschte, der noch in einiger Entfernung stand, leichenblass und vermutlich selbst am Rande seiner Beherrschung. Bis auf Faias Stimme bekam er tatsächlich gar nichts mit.
      "Wir... Wir sollten reingehen, Zorah. Hier draußen ist es kalt und wenn der Gott zurückkommt..."
      Zoras schüttelte den Kopf. Das brachte allerdings sein Sichtfeld zum Wackeln und daher setzte er noch ein raues "Nein" hinterher. Der Haufen blieb unbewegt. Ein paar Ascheflocken bewegten sich im Wind.
      "Es wird ein paar Stunden dauern. Wir können reingehen und uns nur kurz aufwärmen. Vielleicht kann man uns etwas zu Essen machen. Unser Wagen muss auch noch irgendwo sein."
      Ihr Angebot blieb ungehört. Zu einem anderen Zeitpunkt - in einem anderen Leben vielleicht, in einem Leben, in dem der jetzige Zoras noch ein anderer Zoras gewesen war - hätten ihre Argumente seine Rationalität angeregt. Ja, es war kalt, Kassandra würde nicht kommen, sie sollten schauen, dass sie hier vorübergehend irgendwo unterkommen könnten. Sie würden sie nicht verpassen.
      Allerdings hatten die Geschehnisse den jetzigen Zoras hervorgebracht und dieser Zoras war weit davon entfernt, irgendwelche rationalen Entscheidungen zu treffen. Er starrte nur und kämpfte um seine innere Balance.
      Das musste auch Faia irgendwann begreifen, denn sie sprach nicht wieder mit ihm. Ganz entfernt konnte er beide Kuluarer reden hören, aber sie waren zu leise, als dass er ihre Worte hätte verstehen können. Dann gingen sie zum Schloss und auch das bekam er nicht mit.
      Nach einer unbestimmten Zeit setzte er sich auf den Boden. Nach einer weiteren, unbestimmten Zeit, hörte er Schritte und angestrengtes Schnaufen. Dinge schoben sich in seine Augenwinkel, die ihn genauso wenig davon abhielten, sich von Kassandras Asche abzuwenden, wie Faia es getan hatte. Seine Hand hatte sich schmerzhaft um Amartius verkrampft und auch das konnte er nicht rückgängig machen.
      Der Wind nahm ab, aber dafür war der Stein selbst durch die vielen Schichten an Kleidung eiskalt. Zoras zitterte. Seine Augen brannten, weil er sie die ganze Zeit nur auf eine Stelle gerichtet hielt und zu wenig blinzelte. Seine Muskeln taten ihm weh, denn obwohl sie schon viel Belastung erfahren hatten, war doch still sitzen nichts, was sie allzu sehr gewohnt waren. Sein Gesicht tat ihm auch weh, das Kinn und die Wangen, wo ihn vor einer langen Zeit, in einem anderen Leben, ein Bart warmgehalten hatte. Jetzt war nichts mehr davon übrig. Von diesem damaligen Zoras war auch nur wenig übrig.
      Es interessiert mich nicht, was morgen ist.
      Irgendwann bewegte sich der Haufen von selbst und wenn Zoras zu dem Zeitpunkt nicht schon halb mit dem Boden festgefroren wäre, hätte er sich auch bewegt. Eine feste Form schob sich aus der Asche, ganz langsam und unkoordiniert, bevor ihm auch ein Körper folgte. Winzig klein und federlos schälte sich ein Vogel heraus, die Augen geschlossen oder vielleicht auch halb geöffnet, ganz so sehr konnte man es nicht erkennen. Das Gewicht der Asche schien ihm zu schaffen zu machen, der kleine Körper wälzte sich dagegen bei seinem Weg in die Freiheit.
      Zoras starrte.
      Es dauerte eine weitere, unbekannte Zeit, bis dem winzigen Vogel Federn wuchsen und er die Augen öffnete. Er wurde größer, dicker, schwerer, sein Gesicht wurde älter. Die Augen wurden tiefer, glühender, lebendiger und irgendwann richteten sie sich so gezielt auf Zoras, dass ihn ein Schauer durchfuhr.

      Der Vogel richtete sich auf, schlug mit seinen Flügeln und ein Puls ging durch Zoras hindurch, der ihm bis in seine Knochen vordrang. Es war warm, aber zeitgleich auch erfrischend, eine Woge, die ihn aus seiner Teilnahmslosigkeit holte und seine verkrampften Glieder löste. Selbst der Atemzug, den er währenddessen nahm, war warm und unvorstellbar beruhigend.
      Dann ging der Vogel in Flammen auf und einen Moment später, so kurz danach, dass Zoras erst richtig bewusst wurde, wie lange er hier schon unbewegt auf dem Boden gesessen hatte, stand Kassandra vor ihm, hoch aufragend, wunderschön und unverletzt. Loki hatte recht gehabt; sie war noch genauso wie vor den paar Stunden, eine vollkommene Göttin, eine traumgleiche Phönixin.
      Seine Phönixin.
      Sie starrten sich beide gegenseitig an, einen weiteren Augenblick nur, und rührten sich schließlich gleichzeitig. Zoras nahm endlich die Hand von Amartius und bemühte sich darum, seinen Körper in Bewegung setzen zu wollen, aber das hätte ihn wohl weitere Stunden gekostet, während Kassandra sogleich zu ihm auf den Boden stürzte und ihre Arme um ihn schlang. Der erstaunlich kräftige Ruck, der ihn nach vorne zu ihr zog, brachte ihn fast dazu, auf sie zu fallen.
      Aber Kassandra wich nicht. Sie war wie eine Statue, an die er sich lehnen konnte, was er auch mit seinem vollen Gewicht tat, als ihn erst der süßlich vertraute Geruch von Natur und frischer Luft, aber auch Asche und Feuer ergriff. Er schlang seine eigenen, steifen Arme um sie und dann war er endlich wieder Zuhause, dann hatte er Kassandra in seinen Armen, ihre schlanke, zierliche Gestalt, ihr langes, weiches Haar, das ihr in Wellen über den Rücken fiel. Ihre makellose, zarte Haut ihres Halses, an die er sein eigenes raues, stoppeliges Kinn drückte. Er hatte sie wieder, sie war hier.
      "Hey..."
      Sie war auch erstaunlich stark. Ihre Arme ließen kaum Raum dafür, sich von ihr zu entfernen, auch wenn Zoras das nicht einen Moment lang gewollt hätte. Sie drückten ihn unter den Schichten seiner Kleidung hinweg an sich und er hätte sich alle Rippen von ihr brechen lassen, es war ihm ganz egal. Er hatte sie wieder, sie war bei ihm. Er sog ihren Geruch in sich auf, als hätte er keine andere Luft, um seine Lungen zu füllen.
      Dann ließ sie ihn wieder los und Zoras richtete sich ein Stück auf, bevor ihre Hände zu seinen Wangen fuhren und sein Gesicht in ihnen einbetteten. Es war eine vertraute Geste, nichts, was seinem Körper hätte fremd sein sollen, aber die verblassende Kälte dimmte die Wirkung ein, das tiefsitzende Entsetzen, das noch immer irgendwo in Zoras verankert war und von den letzten Stunden nicht verschwunden, aber in den Hintergrund geschoben worden war. Er spürte sie, aber es war zu wenig. Das alles war zu wenig. Er hätte sie zurück in die Arme schließen und Stunden mit ihr verbringen müssen, um zu beginnen, auch nur einen Ansatz dessen zu spüren, was er damals mit ihr verloren hatte. Vielleicht war es mittlerweile auch unerreichbar für ihn geworden.
      Dann sprach sie zu ihm und auch, wenn ihre Stimme noch etwas heiser wirkte, war es doch unvergleichlich dieselbe Melodie in ihr, die sich in Zoras' Gedächtnis gebrannt hatte. Es war Kassandra, die zu ihm sprach - kein Geist, keine Einbildung, kein Traum, keine Illusion, nur die wirkliche, echte Kassandra, die jetzt in seinen Armen saß und ihre jetzt zittrigen Hände an seine Wangen gelegt hatte. Kassandra. Ein Teil von ihm hatte diese Stimme benötigt, um das erst vollständig zu ergreifen.
      Stumpf nickte er ihr zu und bekam nach einem weiteren Augenblick - nach einem Schlucken und einem Atemzug - ein recht solides "Ich weiß" zustande. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht, langsam und vorsichtig. Er prägte sich ihre Gesichtszüge ein, legte sie über die Erinnerung, die er mit sich herumtrug, all die Jahre schon, und kam zu dem ebenfalls so tröstlichen Entschluss, dass es dieselben waren. Die Bilder stimmten eins zu eins miteinander über, wenn auch die jetzige Kassandra (er wusste jetzt ganz sicher, dass es auch bei Kassandra einmal ein anderes Leben und eine andere Kassandra gegeben haben musste, welche zusammen die jetzige Kassandra zustande gebracht hatten) eine andere Ausstrahlung besaß: Fester, deutlicher, präsenter. Vollkommener. Eine wahre Göttin, von den Ballen ihrer Füße bis zu den Spitzen ihrer Haare hinauf.
      Auch das war etwas, was er benötigt hatte. Kassandra hatte es geschafft.
      Dann fragte sie ihn allerdings, ob sie ihn berühren dürfe und die Realität krachte wieder auf sie beide hinab. Sie waren wieder zusammen, ja, sie hatten sich wieder gefunden, aber es war nicht mehr wie vor vier Jahren. Es würde nie mehr wieder so wie in Theriss werden und der Beweis lag in Zoras' eigenem Zögern, wie sich sein Puls erhöhte, eine rein körperliche Angewohnheit, ein Reflex, den er nicht abschalten konnte. Amartius hatte er damals erzählt, dass es Angst war, die ihn leitete. Jetzt erkannte er erst, im Angesicht von Kassandra, bei der er wohl alles empfunden hätte außer Angst, dass es keinen Moment ohne Angst gab. Es war nicht die ständige Anwesenheit von Angst, die ihn leitete, sondern die Abwesenheit davon, die es ihm versagte, seinen Körper zu entspannen. Bei Kassandra - mit Kassandra - begriff er es erst.
      Also entschied er sich ganz willentlich dagegen. Ein Mal nur, ein einziges Mal würde er sich nicht dieser Angst beugen. Er würde seinem Körper das Gegenteil wieder beibringen, koste es was wolle.
      Daher nickte er, auch wenn er den Kopf schütteln wollte. Er zwang Entspannung in seine Muskeln, wo sie vor Kassandra scheuen wollten. Er hielt seinen Blick auf die Phönixin - auf seine Phönixin - gerichtet, wenn seine Lunge zu wenig Luft schöpfte. Er beobachtete sie und er beobachtete, wie sich ihre Lippen, sanft und zärtlich auf seinen Handrücken drückte.
      Auf seinen
      Handrücken.
      Vieles geschah in diesem Augenblick gleichzeitig: Seine Lunge versagte ihm schlussendlich den Dienst. Sein Herz zersprang ihm in der Brust - er konnte spüren, wie es zerbrach. Sein ganzer Körper entglitt seiner Selbstkontrolle wie ein einstürzendes Haus.
      Er dachte nicht.
      Mit einem Ruck entriss er seine Hand, die jetzt nicht mehr so starr war, die jetzt warm war und auf der er noch immer Kassandra undeutlich spüren konnte. Ein Zittern ging durch seinen Arm, aber es war viel eher sein ganzer Körper, der erschüttert wurde.
      Er konnte nicht mehr.
      "Scheiße, Kassandra..."
      Sie verschwamm vor seinen Augen, so schnell, dass er in Panik darüber verfiel, sie entgegen aller Vernunft doch wieder zu verlieren. Seine Hand schoss wieder nach vorne und er bekam ihr Handgelenk zu greifen, bevor die ersten Tränen von vielen über sein Gesicht strömten. Sie waren kalt, Kassandra war warm.
      "Es tut mir s-so l... lei..."
      Er atmete nicht. Er wusste auch nicht, wofür er sich entschuldige - vielleicht für alles geschehene, vielleicht für das, was noch kommen würde.
      Für das, was Loki ihm aufgetragen hatte.
      "Ich ha... habe es v... v... versucht, ich ko..."
      Er hatte sie finden wollen. Er hatte sie befreien wollen. Er hatte Loki davon überzeugen wollen, dass es nicht Kassandra war, die für alles verantwortlich war.
      "Konnte, ka-kann es nicht auf...aufhalten, es war nicht mö... möglich, ich wu... wusste es n... nicht, ich wusste es n-nicht..."
      Er war wieder im Kerker. Er wusste nicht, wo Kassandra sein sollte.
      Jetzt wusste er es.
      Er weinte noch mehr.
      "Es tut mir so le-leid, es hätte n-nicht p-passieren dürfen, es darf ni... du darfst n-nicht..."
      Mittlerweile wusste er selbst nicht mehr, was er genau meinte. Alles Geschehene hatte sich in einer einzigen, grauen Masse in seinem Gehirn zusammengedrückt und er konnte sie nicht mehr auseinanderzupfen.
      Seine Finger hatten sich wie ein Schraubstock um Kassandras Handgelenk verkrampft.
      "Es tut m-mir l-l-leid, K... Kas... Kas..."
    • Schon immer hatte Kassandra gewusst, dass ihre Berührungen bei Menschen elektrisierend wirken konnten. Zumeist waren es die gleichen Reaktionen, entweder getrieben aus Angst und vielleicht sogar Argwohn, oder eben aus Wollust. Nicht dergleichen hätte sie nun bei Zoras erwartet, sondern vielmehr Erleichterung. Freude. Unbändige Freude sogar darüber, dass ihr nichts geschehen war, Loki von Dannen gezogen war und sie einander wieder hatten. Stattdessen spürte sie noch bevor sie es sah, wie sich sein Puls veränderte. Wie eine Reaktion seinen Körper durchlief und ihn auf höchste Alarmstufe setzte. Jene Stufe, die schlussendlich dafür sorgte, dass er seine Hand aus ihren riss und die Phönixin regelrecht erschüttert zurückließ. Sie wusste nicht, was genau ihn dazu trieb, aber sie sah ihn völlig unverhohlen vor den eigenen Augen in tausend Teile brechen. Das traf Kassandra dermaßen unvorbereitet, dass sie ihn nicht einmal mehr festhalten konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte. Völlig perplex starrte sie Zoras an, dessen Reaktion auf vollkommene Verwunderung traf. Ebenso sein Fluch, den sie allgemein so selten aus seinem Mund gehört hatte.
      „Zoras, was um -“, begann Kassandra und schreckte ein Stück zurück, als ihr Gegenüber plötzlich nach ihr langte und ihr Handgelenk erwischte. Er packte sie mit solch einer Urgewalt, dass es einer normalen Frau das Handgelenk wohl zerquetscht hätte. Doch Kassandra war kein Mensch und so spürte sie seine Krafteinwirkung nicht einmal richtig. Ihre Augen waren wegen einem anderen Grund geweitet, und der saß ihr nur wenige Zentimeter gegenüber auf Augenhöhe.
      Hatte sie Zoras je zuvor so weinen sehen?
      Kassandras nun wieder in ihrer Brust schlagendes Herz zog sich zusammen, schrumpelte auf die kleinst mögliche Größe überhaupt an. Warum weinte er so bitterlich? Sie war wieder vollkommen, eine weitere Trennung würde sie nicht zulassen. Nicht mal eine Sekunde würde sie gewähren. Nichts außer den Göttern würde sich noch zwischen ihnen stellen. Reaktiv versteifte sie sich leicht als der gestandene Mann vor ihr begann, zu stottern. Auch das hatte sie schon Ewigkeiten nicht mehr so gehört. Er versuchte sich, mit brüchigen Silben und Worten zu verständigen, doch kein einziges von ihnen ergab einen zusammenhängenden Satz. Und schließlich konnte auch sie nicht tatenlos da sitzen.
      Kassandras Miene wurde weich. So unglaublich weich wie die einer Mutter, die ihrem Kind den Horror eines Alptraumes nahm. Bestimmt zog sie mit ihrem Arm, dessen Handgelenk noch immer von ihm umklammert war, zu sich und damit auch den ehemaligen Herzog. Gegen ihre Kraft hatte er nichts entgegen zu setzen als sie ihn beherzt nach vorn und zu sich zog. Sie setzte sich nach hinten gelehnt auf ihren Steiß, die Beine weit ausgestellt, sodass Zoras zwischen ihnen Platz fand. Sollte er sie doch weiter festhalten, alles, was sie brauchte, war ihn an ihr. Kassandra bettete Zoras' Gesicht seitlich an ihrer Brust, ihre Beine schlossen sich an seinen Körper an während sich ihre freie Hand in sein Haar stahl und dort beruhigend über die Kopfhaut strich.
      „Hörst du das?“, fragte sie leise und schwieg einen Moment, in dem sie sich sicher war, dass er ihren Herzschlag hören können würde. „Mein Herz schlägt genau wie deines. Und solange es das tut, wird es uns gut gehen. Nichts wird mehr passieren, was uns schaden kann. Hörst du es, Zoras? Hör zu.“
      Langsam legte die Phönixin den Kopf in den Nacken, die Lider leicht geschlossen. Sie hatte vergessen, wie er sich in ihren Armen anfühlte. Wusste nicht, was aus dem Mann geworden war, den sie vor vier Jahren zwar gerettet, dafür aber aus den Augen verloren hatte. Vier Jahre waren für Menschen eine lange Zeit, in der sie sich maßgeblich verändern konnten. Den Beweis dafür hielt sie in ihren Armen, fest an ihre Brust gedrückt. Trotzdem war es neben dem Moment, als sie ihr Herz wiederbekommen hatte, das schönste Gefühl überhaupt gewesen. Denn jetzt hatte sie sie beide wieder.
      In diesem Moment würde sie für sie beide atmen. Ihr Herz für sie beide schlagen lassen und seine Last solange tragen, bis er seine Schultern wieder gestärkt hatte. Bis dahin konnte sie ihm die Zeit geben, die er benötigte. Zeit, in der sie ruhig Luft holte und ein leises Summen anstimmte, das sich verdächtig nach dem Lied von Morgen anhörte.
    • Zoras konnte Kassandras Miene nicht richtig sehen. Tränen versperrten ihm die Sicht und gebrochene Gedanken verhinderten Empathie. Er konnte sich nicht in sein Gegenüber hineinversetzen, wie es wohl aussehen mochte, dass dieser einstige Herzog, Aufstandsanführer, Kavallerist, Söldner, Veteran (Sklave, Gefangener, Flüchtling) auf dem Boden in tausend Einzelteile zerbrach, auseinandergenommen lediglich von einem schmerzhaft vermissten und tröstlichen Handkuss, denn er war zu sehr damit beschäftigt, sich wieder zusammenflicken zu wollen. Auch das war etwas, das ihn wohl von dem früheren Zoras unterscheiden mochte: Die rohe Gewalt an Gefühlen, die ihn aufriss, so wie die Wunden seiner Narben einst seine Haut aufgerissen hatten. Wie lange würde es dauern, bis auch das sich zu einer rauen Schicht vernarbt hätte?
      Was er aber durchaus mitbekam, war die Veränderung in Kassandras ganzer Präsenz. Selbst durch dein Schleier seiner tiefsten Verzweiflung konnte er erkennen, wie die Spannung aus ihrem Oberkörper wich, die sie bis zuletzt in einer misstrauischen, fast fluchtorientierten Pose gehalten hatte, und die sich jetzt auflöste. Er konnte auch schwören, dass es für einen Moment wärmer wurde, als sie ihren Arm zurückzog und Zoras, dessen Hand sich nicht lockern ließ, mitfiel. Sein Geplapper erstarb - er wusste selbst, dass seine Worte keinen Sinn ergaben, aber wenig machte Sinn, wenn man zwischen dem Vergangenen und dem Hier und Jetzt umhersprang wie ein aufgescheuchter Marder - und er fiel an Kassandras Brust. Die zierliche Frau hätte allein von der oberflächlichen Logik her unter seiner massiveren Gestalt begraben werden müssen, aber Kassandra war ein unnachgiebiges Wesen, warm und einladend und unzerstörbar. Zoras nahm einen inkonsistenten Atemzug und schlang die Arme um ihren Leib, um die Rettung, die sie ihm bot.
      Ihre Stimme erklang ganz leise und zärtlich über ihm. Auch, wenn sein Körper noch lange nicht fertig damit war, weitere Tränen zu vergießen, war doch zumindest sein Unterbewusstsein aufmerksam genug, Kassandras Stimme auch als solche zu erkennen, als Kassandra. Zoras nahm noch einen Atemzug und hielt dann die Luft an, zwang seinen zitternden Körper dazu, nur für einen Moment still zu halten, wenn nicht schon für die Worte, die sie an ihn gerichtet hatte, dann doch zumindest, um ihre leise Stimme ein weiteres Mal zu hören. Und da konnte er es tatsächlich vernehmen, das dumpfe Pochen eines Herzens unter seinem Kopf, nicht schnell, aber auch nicht langsam.
      Das Herz, das er vorhin in der Hand gehalten hatte.
      Nein, Kassandra.
      Er schloss die Augen, kniff sie so fest zusammen, dass es weh tat, nur um zu versuchen, weitere Tränen bei ihrem Ausgang zu hindern. Er vertraute seiner Stimme nicht genug, sich an weiteren Worten zu versuchen, ohne dabei wieder in Geplapper zu verfallen, daher schwieg er, aber er hörte es. Er hörte Kassandras Herz schlagen.
      Unter ihm bewegte sie sich leicht, dann entspannte sich ihr Oberkörper wieder. Einen Moment später erfüllte ihre sanfte Melodie den kleinen Raum.
      Er dauerte lange, der Moment, in dem sie so beieinander saßen oder lagen. Die Tränen wollten nicht versiegen, egal, wie sehr Zoras sich darum bemühte. Er schluchzte in einem fort, unermüdlich, pausenlos, begleitet von einer fast bekannten Melodie, die gleichzeitig sein Segen und sein Fluch war. Er weinte alle ungeweinten Tränen, alle Momente, in denen er geschrien, geflucht, gebettelt, gefleht hatte, in denen er nichts gefühlt hatte. In denen er Kassandra vermisst hatte.
      Er weinte um Amartius.
      Er weinte um alle verloren gegangene Zeit.
      Er weinte um sein Zuhause.
      Er weinte um seine Familie.
      Er weinte auch um eine Kassandra, eine andere Kassandra, die in einem anderen ihrer tausend Leben zurückgelassen worden war, damit diese jetzige Kassandra existieren konnte.
      Es interessiert mich nicht, was morgen ist.
      Er weinte um alles, was hätte sein können.
      Es dauerte vielleicht Stunden oder auch Minuten, bis keine Tränen mehr nachkamen. Es dauerte noch länger, bis sein zitternder Körper sich beruhigt hatte. Ein bisschen länger dauerte es noch, bis er soweit klar im Kopf war, dass ihm andere Dinge auffallen konnten: Wie warm ihm mit Kassandras Präsenz geworden war, wie sehr seine Arme schmerzten, wie fest er sie die ganze Zeit über gehalten hatte.
      Es interessiert mich nicht, was morgen ist.
      Sie rührte sich nicht, als er sich mit langsamen Bewegungen begann, von ihr zu lösen. Langsam wurden ihm auch weitere Sachen gewahr, die ersten rationalen Gedanken, die zu ihm zurückkehrten. Er hatte schon seit geraumer Zeit nichts mehr gegessen, der Steinboden war unbarmherzig hart, seine Gelenke waren steif von dem vielen nicht-bewegen. Er hatte Kassandra vollgeweint.
      Es interessiert mich nicht, was morgen ist.
      Er setzte sich vorsichtig auf, wischte sich mit dem Ärmel fahrig über das Gesicht. Als er dann auf Kassandra blickte, konnte er sie zum ersten Mal richtig betrachten, ohne die Beeinträchtigung seiner eigenen Gebrechlichkeit.
      Und er lächelte.
      "Ich habe mir hundert verschiedene Szenarien vorgestellt, in denen wir uns auf hundert verschiedene Weisen wiederbegegnen. Aber dieses hier war in keinem davon vertreten, aus gutem Grund, möchte ich behaupten."
      Er blickte an sich herab und rieb sich noch einmal über das Gesicht. Das Lächeln war verschwunden, als er Kassandra wieder ansah.
      "Was ich eigentlich versucht habe zu... artikulieren, war, dass es mir leid tut, Kassandra. Es tut mir leid, dass ich den Weg nicht früher hierhergefunden habe, dass es den Tod deines Sohnes und Lokis Machenschaften benötigt haben, um dir zurückzugeben, was von Anfang an dir gehört hat. Es hätte so nicht sein dürfen. Die Moiren haben ihre Schicksalsfäden um dich gewebt und sie so fest gezurrt, wie selbst du es nicht aushalten konntest. Jemand hätte dem ein Ende setzen müssen, früher als das, Jahrhunderte früher sogar. Es hätte nicht sein dürfen."
      In dem Moment der Pause, die entstand, wuchs sein Lächeln wieder an, ganz fein aber ehrlich.
      "Aber sieh dich nur an, du hast es geschafft. Du hast es wirklich geschafft. Dein Herz ist wieder dein. Und mir wurde sogar die Ehre zuteil, dich mit menschlichen Tränen zu besudeln. Was wäre einer göttlichen Wiedervereinigung besser würdig als das?"
      Der Hauch eines Grinsens zierte seine Lippen, dann wurde er wieder ernst.
      "Meine wunderschöne Kassandra."
      Er streckte die Hand zu ihr aus, die Handfläche nach oben gerichtet, eine reine Einladung.
      "Gestatte es mir, der erste zu sein, der deine Göttlichkeit auf der Erde willkommen heißt. Zum zweiten Male."

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    • Zeit war etwas, von dem Kassandra mehr als genug hatte. Zeit war ein Konstrukt, das von jedem Wesen anders wahrgenommen wurde. Für sie existierte kein Gefühl, wie schnell oder langsam die Zeit dahin floss sondern nur, was währenddessen geschah. Das war in diesem Falle Zoras in ihren Armen, der all das los ließ, was sich über vier lange Menschenjahre in ihm angesammelt hatte. Er brauchte keine weiteren Worte für das, was er an ihrer Brust gerade von sich stieß. Zwar konnte Kassandra keine Gedanken lesen, aber die stark fluktuierende Aura des Mannes zeigte ihr immer wieder auf, ob er gerade trauerte oder wütete. Ob er verzweifelte oder bettelte. Jedes Gefühl, jede Regung, brachte eine andere Farbe der Aura mit sich, die Kassandra meisterhaft zu lesen wusste. Dieser Ausbruch wurde von ihrem leisen Summen begleitet und einer Hand auf Zoras Rücken, die sanft seinen Rücken streichelte.
      Irgendwann versiegten die Tränen und Bewegung kehrte in den Körper des Mannes zurück. Noch während er sich aufsetzte, holte Kassandra ihre Hände in ihren Schoß zurück und beobachtete Zoras dabei, wie er sich allmählich fing. Er wischte sich fahrig über sein Gesicht, wobei er die Nässe mehr über sein Gesicht verteilte als alles andere. Doch das Lächeln, das er ihr nun entgegen brachte, war das alles wert gewesen. Das war das Lächeln, was die Phönixin am meisten an den Herzog erinnerte, den sie einst kennengelernt hatte. Der die kleinen Falten an den Augenwinkeln bekam, wenn er lächelte, und die zu Kratern wurden, wenn er lachte. Die Anspannung, die Verwirrung, gar der Horror war aus seinem Gesicht gewichen und hatte der Warmherzigkeit Platz gemacht, von der sie schon befürchtet hatte, dass er sie verloren hatte. Es brannte sich regelrecht in ihr Gedächtnis ein, denn nach einer kurzen Selbstmusterung war es schon wieder verschwunden.
      Seine Worte waren von falscher Überzeugung geprägt. Er hätte in ihrer Vorstellung den Weg zu ihr erst gar nicht einschlagen dürfen. Er hätte sich von ihr absetzen müssen mit dem Leben, was sie ihm geschenkt hatte. Doch angesichts des Ausbruches, den er soeben durchlitten hatte, ahnte sie bereits, dass das Leben kein Gutes gewesen sein musste. Dass er damals auf dem Feld nicht gestorben war, hatte ihn in eine Lage manövriert, die unglaublich schädlich für seine Seele gewesen musste. Das löste tatsächlich Schuldgefühle in Kassandra aus, die nicht nach der Devise lebte, Hauptsache sein Leben gerettet zu haben. Sie wollte den Menschen Zoras retten und nicht irgendein Leben. Offensichtlich war das nach hinten losgegangen. Außerdem hätte es Amartius in dieser Konstellation gar nicht erst geben sollen, geschweige denn, dass die Beiden zueinander fanden. Das waren Fügungen, über die Kassandra keine Herrschaft besitzen konnte. Dafür brauchte sich Zoras niemals bei ihr zu entschuldigen.
      Sein dezentes Lächeln wurde auf gleicher Art von ihr erwidert. „Es war das erste Mal überhaupt, dass du in meiner Gegenwart geweint hast“, erinnerte sie ihn und griff ohne zu zögern nach der geöffneten Hand, die er ihr anbot.
      Doch anstelle Zoras machen zu lassen was er wollte, drehte Kassandra ihre eingeschlagenen Hände um und stand auf. Dabei zog sie den überrumpelten Zoras geradewegs mit auf seine Füße, und das mit solch einer Leichtigkeit, als wäre er nicht schwerer als eine Feder. Ihr dezentes Lächeln wurde ein wenig breiter als sie ihre Finger mit den seinen verschränkte und ihre Hände zwischen sich hob. Sein Handrücken war zu ihr gewandt und zum ersten Mal konnte sie das Mal begutachten, das ihr gemeinsamer Sohn auf der Haut seines Vaters hinterlassen hatte. Ein Blick ihrerseits genügte, um die Aura zu erkennen, die um das Mal pulsierte und im Gleichklang mit dem Schwert in Zoras' Scheide schlug.
      Kassandra musste eine Kloß hinunterschlucken als sie für einen Moment ihren kleinen Sohn schräg hinter seinem Vater stehen sah. „Wusstest du, dass er dir das Schwert nicht einfach nur erschaffen hat? Ihm wird es nicht zuteil werden, wiedergeboren zu werden. Seine Seele wurde in einen Schwur verwandelt. Hier in deiner Hand, rund um das Mal herum, pulsiert Amartius' Aura. Seine Seele steckt in dem Mal und dem Schwert und damit in dir. Er hat sich bewusst gegen die Wiedergeburt und dafür für dich entschieden.“
      Ein Schwur war das Mächtigste, was ein Gott einem Menschen entgegen bringen konnte. Mit einem Schwur überschrieben sie Teile ihrer Macht an den Menschen, dem sie ihre Verbundenheit schworen. Diese Verbindung brach nur bei Tod oder Auflösung des Schwächeren. Sollte jemals Zoras' Zeit gekommen sein, dann würde sich auch das Schwert im Nichts auflösen, so als hätte es Amartius nie gegeben. Dann wäre er endgültig befreit worden.
      Gerade wollte Kassandra Zoras an seiner Hand zu sich ziehen, da erschütterte ein Beben den Boden unter ihren Füßen. Ein Grollen zerriss die Luft, das unter ihren Füßen entsprang und dafür sorgte, dass selbst Kassandra erschrocken gen Boden starrte. Draußen hörte man zwei Menschen rufen und das notdürftig errichtete Lager brach weg. Regale und Tische fielen zur Seite, Teppiche und Vorhänge verrutschten und legten die karge Umgebung frei.
      Das Grollen war die Erde, die unter ihren Füßen aufriss. Der Boden bebte, weil es Erdbeben waren, die den Boden aufrissen und Spalten und Schluchten entstehen ließen. Wie riesige Narben zogen sie sich kreuz und quer über den gesamten Vorplatz der Festung. Zu ihren Köpfen fingen die Risse im Himmel an, an den Rändern zu verlaufen und undeutlich zu werden.
      Ein nasser Tropfen klatschte auf Kassandras Wange, als sie den Blick gen Himmel gerichtet hatte. Mit ihrem Handrücken wischte sie den Tropfen fort und begutachtete ihre Hand. Ein violetter Schleier bedeckte ihre Haut.
      „Das Gleichgewicht bricht vollkommen ein“, erklärte sie und verengte die Augen während vereinzelt Tropfen violetten Regens ohne ersichtliche Wolken vom Himmel fielen. „Was hat Loki zu dir gesagt, nachdem er mich getötet hat, Zoras? Er wird dir etwas mitgeteilt haben, bevor er verschwunden ist. Was war es?“
    • "Das erste und das letzte Mal. Ich möchte - ich werde dich nicht mit Tränen assoziieren."
      Kassandra legte ihre Hand in seine und da spürte Zoras endlich das vertraute Gewicht, die Wärme, die sanfte Haut. Da war er endlich wieder Zuhause. Er lächelte, mehr noch als zuvor - und wurde prompt auf die Füße gezogen.
      "Oh."
      Das war nun definitiv eine Sache, an die er sich erst gewöhnen müsste: Kassandra ohne körperliche Beschränkungen. War sie auch vorher schon so göttlich stark gewesen? Das wäre ihm sicherlich aufgefallen.
      Seine Beine protestierten und seine Gelenke schmerzten, aber all das war nichts im Vergleich zu der Tatsache, dass er nun endlich Kassandra ungestört gegenüberstand. Sie war bei ihm, in ihrer vollendeten Form und noch immer so wunderschön wie damals, so vollkommen, so perfekt, ganz das Wesen, das er in Erinnerung gehabt hatte. Aber diese Kassandra hier war echt und berührte seine Hand; sie verschränkte ihrer beiden Finger miteinander und Zoras spürte seinen Geist auf eine Weise wiederbeleben, wie er sie schon längst wieder verlernt hatte. Das hier war ganz allein Kassandra vorbehalten. Nichts hatte auch nur annähernd einen solchen Effekt auf ihn wie das hier.
      Kassandra musterte das Mal auf seiner Hand und Zoras musterte im Gegenzug sie. Ein paar Strähnen fielen ihr nach vorne, während sie sich darüber beugte, und Zoras wollte sie ihr zurückstreichen. Er wusste nicht, wieso er es nicht tat. Vielleicht war der Moment zu fragil, um ein Risiko einzugehen.
      Dann wanderte sein Blick selbst hinab und er musterte das deutliche Zeichen auf seinem Handrücken, das selbst jetzt noch hervorstach. Amartius. Nein, es war ihm nicht bewusst gewesen. Und er wusste auch nicht, was er mit dem Wissen anfangen sollte, dass sein Sohn sich gegen eine Wiedergeburt entschlossen hatte, für einen Schwur. Zoras brauchte keinen Schwur, so geehrt er sich dabei auch fühlen mochte. Er brauchte seinen Sohn.
      "Er hätte es nicht tun sollen. Er hat sich für uns geopfert, ganz ohne zu zögern."
      Seine Mundwinkel zuckten. Er streckte die Hand und das Mal bewegte sich mit ihr.
      "Ganz wie sein alter Herr. Zum Schluss war ja doch genug Luor in ihm wie in allen von uns."
      Eine Entgegnung darauf bekam er nicht mehr. Kassandras Hand zuckte unter seiner und dann wütete die Erde.
      Das erste Beben, das sie ergriff, kam ausgesprochen überraschend und irgendwie drohend. Es war laut und fest, intensiv genug, um sie ins Wanken zu bringen, aber nicht so stark, um ihnen den Boden unter den Füßen wegzureißen.
      Das geschah erst beim zweiten Beben.
      Zoras wirbelte überrascht herum, auch wenn er nicht wusste, wohin genau, und entriss Kassandra reflexartig seine Hand, um sie stattdessen an Amartius zu legen. Ein rationaler Teil in ihm ärgerte sich darüber. War er wirklich so stumpf geworden, dass er sämtliche Bedrohungen mit der Waffe zu bekämpfen versuchte? Er sollte besser als das sein. Er war besser als das.
      Aber im Anbetracht des auseinander fallenden Gleichgewichts wurden wohl zu irrationalen Methoden gegriffen - zum Beispiel Amartius zu ziehen, als der Boden um sie herum wegbrach.
      Zoras fluchte lautstark. In der Entfernung schrie jemand einen anderen Fluch, einen kuluarischen. Sinngemäß waren beide Flüche identisch.
      Der Himmel antwortete dem Grollen der Erde. Die Konversation beider war in einer Sprache, die mit lautem Krachen, mit furchteinflößendem Grollen und mit ohrenbetäubendem Lärm abgehalten wurde. Dann fiel auch ein Regen vom Himmel, der kein Regen war und der ganz sicher auch nicht das letzte sein würde, was sie von diesem Gespräch mitbekommen würden.
      Zoras wandte sich Kassandra nur halb zu, nachdem sie gesprochen hatte, nachdem sein Blick zu sehr auf den Boden fixiert war, der sich ganz eindeutig aufspaltete. Der sich aufspaltete. Vor seinen eigenen Augen entstand eine Schlucht im Stein, die sich tiefer und tiefer und tiefer grub, als würden die beiden Wände sich gegenseitig abstoßen. Und das war auch nicht der einzige Spalt. Mehr und mehr kamen dazu, eine einzige Karte aus Rissen und Fugen, die versprachen, sich noch mehr auszubreiten.
      Er konnte nicht verstehen, wie Kassandra davon scheinbar unbeeindruckt blieb.
      "Was… Was Loki gesagt hat?"
      Scheiße, er hatte viel gesagt. Zu viel. Viel zu viel von den Sachen, die Zoras nichtmal in Erwägung ziehen sollte.
      Ein weiteres Erdgrollen, ein Knacken. Der Stein brach weiter auf. Die Erde bewegte sich unter ihren Füßen und Zoras taumelte zurück.
      Was Loki gesagt hatte. Er dachte an den Gott mit den unendlichen Augen und der gespaltenen Zuge. Er dachte an Kassandras Herz, das auf seiner Handfläche gelegen hatte, während der Gott Konversation betrieben hatte. Er dachte an Kassandras Leiche zwischen ihnen.
      Was er gesagt hatte.
      Ein weiterer violetter Tropfen fiel und platschte mit einem widerlichen Geräusch neben Zoras' Füßen auf. Die Erde bewegte sich wieder und diesmal war es keine Drohung, diesmal war es Zorn. Sie bäumte sich auf und Zoras ging halb in die Knie, wie er es immer tat, wenn er auf einem Pferderücken stand, nur dass das hier kaum etwas brachte. Gehetzt versuchte er, die Bewegung der Erde nachzuvollziehen, bevor er nicht ausversehen in eine dieser Klüfte stolpern würde.
      Was Loki gesagt hatte.
      "... Er hat gesagt, wir müssen die Götter und ihre Nachkommen töten, um das Gleichgewicht wiederherzustellen!"
      Er musste mittlerweile die Stimme erheben. Das Getöse war zu laut, um sich anständig unterhalten zu können.
      "Weil zu viele auf der Erde sind! Aber wir brauchen Zeit! Die Risse sind nicht… sie können…"
      Oh, götterverfluchter, haariger Teufel! Er würde nicht nach Lokis Regeln spielen. Es gab eine Lösung, es gab immer eine Lösung!
      Die Erde antwortete ihm, indem der nächste Riss sich ausbreitete und auf Zoras zuschoss. Er sprang zur Seite und erinnerte sich gerade rechtzeitig noch, auch bei Kassandra zu bleiben.
      "Er lügt, Kassandra! Er spricht nichts als Lügen! Du kannst nicht darauf vertrauen, was er sagt! Er tut es nur um seinetwegen! Wir werden eine Lösung finden!"
    • Während um sie herum wortwörtlich die Welt unterzugehen schien, stand Kassandra einfach nur dort und sah gen Himmel. Als Götter wussten sie um die Barriere, die die Erde vom Himmelreich trennte. Aber dass sie brechen konnte, war ihr nicht bewusst gewesen. Vermutlich wussten auch etliche andere der Götter nicht, dass sie es konnte und wähnten sich in trügerischer Sicherheit.
      „Ja, was hat er gesagt?“, wiederholte Kassandra ihre Frage, wobei ihre Stimme primär in Zoras Kopf widerhallte und sie es dadurch nicht nötig hatte, ihre eigentliche Stimme zu erheben. „Er wird dir irgendeine lächerliche Geschichte erzählt haben. Was war es?“
      Ihre rubinroten, flackernden Iren folgten den zahllosen Rissen, die sich immer weiter auftaten. Weiter hinten sah sie die zwei Menschen, die wohl zu Zoras gehörten, wie zwei irre Tänzer zwischen den Rissen hin und her springen. Zoras selbst wich einigen von ihnen aus, wohingegen die Phönixin völlig unberührt auf dem felsigen Boden stehen blieb.
      Kassandra blinzelte bei der spärlichen Antwort, die sie von Zoras bekam. Alle Welten, egal welche, basierten auf einem Gleichgewicht, das es zu halten gab. Folglich war es nur logisch, dass sich die Erde nun aufbäumte und der Himmel versuchte, sein Konstrukt beisammen zu behalten. Loki hatte gesagt, dass es ihre Schuld gewesen sei. Dass sie der Grund dafür sei, dass die Grenze brach. Und da fiel ihr ein neues Detail auf.
      Die Risse und Spalten im Boden besaßen ein Zentrum, von dem sie ausgingen.
      Kassandra stand im Zentrum.
      „Er lügt nicht“, sagte sie nach einer Weile und ging in die Hocke, während der Boden auch sie durchzuschütteln suchte. Ihre Hand legte sich flach auf den Felsen, nur kurz, und als sie sie wieder anhob, war der Stein darunter rissig. „Dachte ich es mir...“, murmelte sie und sah nun zu Zoras. „Wenn wir nichts unternehmen, sofort unternehmen, dann bricht die Grenze vollständig. Loki hat es nicht seinetwillen getan. Er hat dir gesagt, was du tun kannst um es aufzuhalten.“
      Denn sonst geht die Welt unter und der Himmel verliert seine Macht.
      Hatte Loki Zoras vor eine Wahl gestellt? Wie töricht kann dieser Gott nur gewesen sein, einem Menschen so wichtige Verhalte zu erzählen, wenn er kurz davor war, den Verstand zu verlieren? Auf ihrem Oberschenkel ballte Kassandra die Hand zur Faust. Sie wusste, worauf es hinauslief.
      Sie sah erneut zu Zoras, der noch immer lautstark fluchte. Loki würde höchstwahrscheinlich etwas bestimmtes von ihm gefordert haben. Etwas, das er nicht leichtfertig einfordern würde. „Er hat dir aufgetragen mir zu sagen, dass ich meine Macht wieder abgeben soll“, stellte sie fest und erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung.
      Loki wollte, dass sie in das Verhältnis zurückkehrte, aus dem sie sich gerade befreit hatte. Das war die einzige Möglichkeit, wie man den Verfall jetzt noch stoppen konnte. Das wäre die Zeit, die sie sich erkaufen konnten, um eine Lösung für ihre Misere zu finden. Ihre Macht, die nun entfesselt und voll von Hass, Trauer und Zorn gewesen war, wog zu schwer auf dieser Erde. Ihre Präsenz war zu viel. So knapp hatten sie sich also bereits an der Grenze befunden und sie hatte die Waage nun zum kippen gebracht.
      Ob Areti das wohl gewusst hatte?
      Kassandra brauchte nur einen Wimpernschlag ehe sie neben Zoras stand und ihn an seinem Arm zu sich und weg von einem neuen Riss zog, der eine Sekunde später unter seinen Füßen aufbrach. Das Knirschen war so laut, dass es jegliche Worte verschluckte und sie warten mussten bis es sich beruhigt hatte.
      „Wie sehr willst du, dass die Erde und deine Familie fortbesteht?“, fragte Kassandra ernst und fing die dunklen Augen des ehemaligen Herzoges mit ihren eigenen ein. „Ich bin mir sicher, dass das, was hier gerade geschieht, auf der ganzen Welt vonstatten geht. Es wird auch in Theriss passieren, bei Teal und Roran und Elive. Willst du, dass es aufhört und du mehr Zeit mit mir bekommst? Sag mir, was du willst, Zoras.“
    • Zoras wusste genau, was Loki gesagt hatte. Nicht mehr alles davon, denn der Gott hatte tatsächlich zu viel geredet, aber doch das Wesentliche. Das Wichtigste. Das, was er jetzt an Kassandra weitergeben müsste.
      Deshalb hielt er auch so verbissen die Lippen aufeinander gepresst, als er sich neben Kassandra stabilisieren konnte. Hier war das Beben zwar auch anwesend, aber es bewegte sich mit anderen Wellen, es wanderte von Kassandra weg und nicht mehr willkürlich.
      Es waren Lügen. Alles Lügen. Es gab sicher noch einen anderen Weg, Zoras war sich dessen sicher. Es musste noch einen anderen Weg geben. Sie musste nicht erfahren, was Loki gesagt hatte.
      Nur kam Kassandra dann schon selbst darauf.
      Zoras biss die Zähne so fest aufeinander, bis sein Kiefermuskel schmerzte. Sein Schweigen musste Antwort genug sein, nachdem er nicht einmal mehr fluchte, als sich die Erde unter ihm erneut bewegte.
      Kassandra trat zu ihm. Sie zog ihm von einem Riss fort und Zoras starrte sie im Gegenzug mit aufgerissenen Augen an.
      "Du kannst ihm nicht ernsthaft glauben, oder?!"
      Es war keine Antwort auf ihre Frage. Der dröhnende Boden verschluckte fast seine Worte.
      Er hielt sich bei der nächsten Erschütterung an Kassandras Arm fest, nachdem sie sichtlich unbeeinflusst davon war.
      "Loki lebt von dem Chaos, das er hier anrichtet! Natürlich sagt er solche Dinge, wie könnte er auch nicht! Es ist keine Lösung!"
      Aber es war auch keine Lösung, jetzt in diesem Moment darüber zu diskutieren, oder? Und wenn es stimmte, dass es zu viele Götter auf der Erde gab, dann würde es helfen, wenigstens den mit dem größten Einfluss temporär wieder in einen Champion zu verwandeln. Kassandra könnte ihre Essenz jederzeit wiederbekommen.
      Oder die nächsten zehntausend Jahre mit ihrer Existenz fristen.
      Zoras starrte verbissen in die tiefroten Augen vor ihm, in Kassandras vertrautes, wunderschönes Gesicht. Er konnte nicht. Wie sollte das jemals gut ausgehen?
      "Du kennst meine Antwort! Ich will, dass ihr alle fortbesteht!"
      Sein Griff um ihren Arm verstärkte sich, nicht nur, weil die Schluchten jetzt tiefer wurden.
      "Ich will, dass du glücklich wirst! Dass du frei bist! Ich will, dass du bewahrt bist, genau vor dem, was du die letzten vier Jahre durchmachen musstest!"
    • Als Gott war sich Kassandra absolut im Klaren darüber, dem Gott der Täuschung nicht allzu viel Glauben zu schenken. Jedoch war das Brechen der Grenze nichts, was er allein hätte bewerkstelligen können. Es hatte süffisante Planung bedurft und eine Menge Arbeit, vielleicht sogar Jahrtausende an Arbeit, um das alles zu schaffen. Sie selbst war in diesem Plan nur ein kleines Zahnrad gewesen, aber wenn dieses kleine Zahnrad nun blockierte, stand die ganze Apparatur des Untergangs still.
      Sofern sie es denn wünschte.
      „Nichts hiervon ist eine Lösung, aber du brauchst Zeit, um eine zu finden“, stellte sie unter all dem Getöse fest während sie sich bildlich vorstellen konnte, wie Loki Zoras mit der einzigen Möglichkeit zum Zeit erkaufen konfrontiert hatte. Erst recht, wenn man bedachte, wie verbissen er ihrem Blick standhielt. Und ja, sie kannte seine Antwort, und dennoch musste sie es ausgesprochen von ihm hören. Genauso, wie sie jedes einzelne Wort glaubte, was ihm über die Lippen kam.
      Nichts an Kassandras Haltung deutete darauf hin, was sie als nächstes tun würde. Nicht einmal ihr Gesicht verriet, wie sie darüber dachte oder gar fühlte, was sie in den nächsten Minuten tun würde. Bestimmt packte sie auch mit ihrer zweiten Hand nach Zoras' anderem Arm und hatte ihn somit an beiden Oberarmen gepackt. Sie standen sich frontal gegenüber während etwas mit Kassandra geschah. Sie hielt ihre Augen unentwegt auf den Mann ihr gegenüber gerichtet während die Temperatur um sie beide herum zu explodieren schien. Die Aura, die sie ständig umgab, manifestierte sich in grauen Schlieren aus halbtransparenten Wellen, die sich um Phönixin und Mensch woben, bis eine einzelne Zeile, in einem Singsang gesprochen, ertönte.
      Und die Zeit bleibt steh'n.“
      Es war Kassandras Stimme, die omnipräsent über alles tönt, doch sie bewegte ihre Lippen nicht. Mit einer schieren Urgewalt zwang sie Zoras auf die Knie – fort war das sanftmütige Wesen, das sie in seinen Augen vielleicht einmal gewesen war. Nun lag in ihrem Ausdruck das erste Mal das, was die Menschen den Göttern nachgesagt hätten. Erhabenheit, Macht und Absolution. Um sie herum war das Chaos zur Ruhe gekommen. Der Lärm war einer ohrenbetäubenden Stille gewichen, die Risse taten sich nur noch im Zeitlupentempo auf und auch Faia und Tysion bewegten sich kaum noch. Alles um sie herum schien verlangsamt zu sein, außer ihnen beiden.
      Du batest um eine Gunst. Du bekommst dafür das Feuer.“
      Die Worte waren derart fernab von dem, wie Kassandra sprach, dass es sofort klar war, dass dies hier eine Handlung war, die den üblichen Kontakt mit der Menschheit versagt blieb. Kassandras Hände strichen Zoras' Arme hinauf, über seine Schultern, seitlich seinen Hals hoch bis sich ihre Finger an seinen Kiefer legten und sein Kinn anhoben, damit er sie ansah.
      Verwirkt wird deine Existenz sein und neu erheben sollst du dich aus meiner Asche.“
      Denn das, was Kassandra hier intonierte, war kein Bündnis, durch das Champions entstanden.
      Du wirst in meinem Namen brennen. Meine Flamme wird dein Herz befeuern, meine Flügel deinen Rücken zieren..“
      Kassandra beugte sich zu Zoras hinab und legte ihre Stirn an seine. Diesen Ritus hatte sie in ihrer kompletten Existenz nicht ein einziges Mal durchgeführt, nicht einmal bei Shukran. Sie atmete tief durch und rote Flammen stachen durch die grauen Schlieren hindurch. Sie umfingen ihrer beider Leiber, machten sie zu einem und fraßen sich durch Stoff und Haut auf Zoras' Rücken. Zeitgleich taten sie einen gemeinsamen, geteilten Atemzug.
      Wir schwören einander den Flammenbund. Du wirst gestärkt durch meine Macht für die Dauer deiner Lebzeit hier auf Erden. Dafür wirst du mein Vasall, meine Feder und mein Auge.“
      Zoras wusste es nicht, aber auf seinem Rücken erstreckte sich ein pechschwarzes Zeichen. Wie aus Asche aufgemalt zogen sich zwei Schwingen über seine Schulterblätter abwärts, das Zeichen des Schwures, den Kassandra gerade geleistet hatte. Sie rückte von Zoras ab, gab ihn frei, richtete sich auf und sagte ein Wort, das niemals Gehör finden würde.
      Und dann gab es einen Lichtblitz, so grell, dass er sie alle für eine volle Minute verblitzte. Erst nach dieser Minute stellte sich eine Sicht wieder ein und das Ausmaß des Chaos wurde ersichtlich. Das Grollen der Erde hatte abrupt aufgehört, ebenso wie der violette Regen nachgelassen hatte. Die Risse und Spalten im Boden blieben, doch die im Himmel schienen sich wieder zu schließen und Platz für das Blau eben jenen zu machen. Kassandra sah kurz nach oben, so als müsse sie ihr Werk begutachten. Dann senkte sie ihren Blick zu Zoras, der noch immer am Boden kniete und reichte ihm eine Hand.
      „Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht, dass du nun nicht mit einem Champion angeben kannst“, sagte sie und zog ihn zum zweiten Mal auf die Füße. „Man muss keinen Trugschluss eingehen, um mehr Zeit zu erkaufen. Vermutlich hat Loki das vergessen. Ein Schwur tut es nämlich auch.“
      Sie schmunzelte. „Ich werde dir die Vorteile in einer ruhigen Minute erklären, aber nicht jetzt. Wichtig ist nur, dass du jetzt darüber verfügst, ab wann meine Fähigkeiten limitiert werden. Diese Übertragung der Gewalt ist völlig ausreichen für das Gleichgewicht, wie es scheint.“
      Ein schlanker Finger zeigte gen Himmel, dessen Risse kaum noch sichtbar waren. Mit dem Schwur gab es kein Objekt, das man weltlich weiterreichen konnte. Somit würde sie ihre Freiheit nicht mehr verlieren, wie Zoras es fürchtete. Mit seinem Tod wäre sie wieder frei, aber diesen Wimpernschlag der Zeit würde sie nun auch noch verkraften können.