Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Zoras war also nicht mehr gänzlich gegen Gifte immun und er würde auch nicht mehr spüren können, was Kassandra dachte - sie würde es aber bis zu einem gewissen Grad an seiner Aura ablesen können. Das war fast schon ungerecht, wie er fand.
      "Mir hat es auch gut gefallen ohne Privatsphäre. Größtenteils."
      Dafür konnten sie sich aber auch auf höchste Distanz noch spüren und Zoras würde sich auch keine Gedanken darüber machen müssen, den Schwur wie die Essenz zu verlieren. Letzten Endes waren das also doch mehr Vor- als Nachteile.
      Als Kassandra ihm schließlich den Arm anbot, schmunzelte Zoras in sich hinein. Es hätte andersrum sein müssen, aber gleichzeitig war es in dieser Form genauso richtig, ein Angebot, das durchaus in beide Richtungen gehen konnte. Und wer wäre er schon, seiner hübschen Phönixin den Arm zu verweigern? Also hakte er sich unter und ließ sich von ihr zurück zur Höhle führen.
      "Sicher, edle Frau. Aber nenn sie nicht so, sie sind immernoch meine Freunde."
      Auch, wenn sie das in einem anderen Leben wohl nicht gewesen wären.
      Sie kamen zurück in die Höhle, wo sie von Schweigen empfangen wurden, bevor es wieder um die erste Planung ging. Allerdings befassten sie sich jetzt nur noch mit dem Nötigen, da sie immerhin erst Asvoß durchqueren und nach Kuluar zurückkehren mussten, bevor sie irgendetwas davon umsetzen konnten. Keine Stunde später wickelten sie die Reste ihrer Beute in Pelzlagen ein, die sie durch Kassandras Anwesenheit nicht mehr ganz so dringend benötigten, und verließen ihr temporäres Asyl in den Klippen.

      Kassandra trieb ihnen Reittiere auf. Sie hatte noch einmal vorgeschlagen, dass sie sie auch fliegen könnte, und sogar auch gleich in einem Zug bis über den Ozean bringen könnte, aber selbst Zoras, der noch am meisten Vertrauen in die Phönixin hatte, konnte sich einfach nicht dazu durchringen, sich noch einmal in so schwindelerregende Höhen transportieren zu lassen und dann dort mehrere Stunden festzusitzen. An einem anderen Tag zu anderen Umständen hätte er sich vielleicht dazu überreden lassen, sich auch auf ihren Rücken und nicht auf ihre Kralle zu setzen, aber heute war nicht dieser Tag. Die jüngsten Ereignisse saßen ihm noch zu sehr in den Knochen und es würde noch genug auf ihn zukommen, sodass er seine Energie nicht allzu früh verbrauchen wollte.
      Kassandra konnte Reittiere auftreiben; jedenfalls betitelte sie sie so, aber für Zoras und die anderen sahen die Viecher aus wie zu groß geratene Hirsche, die mit einem einzigen Tritt ihrer breiten Hufe sicher ein ganzes Bein zerquetschen könnten. Seine Begeisterung spiegelte sich auch in den anderen wieder, von denen Faia vehement ablehnte, sich auch nur ganz kurz auf eines dieser Tiere zu setzen und Tysion ein Gesicht machte, als erwarte ihn sein Untergang. In Anbetracht dieser Lage, musste Zoras sich schließlich doch dazu durchringen, den ersten Schritt zu machen, denn ansonsten würden sie hier noch stecken bleiben und im schlimmsten Fall würden sich die beiden Frauen, die sich ganz und gar nicht miteinander zu vertragen schienen, in die Haare kommen. Er näherte sich also einem der Tiere mit ausgestreckter Hand in der Hoffnung, Kassandra wäre schnell genug, ihn vor einer Verstümmelung zu bewahren. Aber nichts dergleichen geschah und er fand recht schnell schnell heraus, dass die Tiere zwar groß und gruselig aussahen, aber das Gemüt von Kühen hatten. Er streichelte ihm über die Nüstern und das Tier - Kassandra nannte es Moulapis, was auch immer das sein sollte - blinzelte ihn unbewegt an. Entweder, die Phönixin hatte ihren Einfluss erweitert, um die Tiere ruhig zu halten, oder sie waren tendenziell von gemütlicher Natur. Wahrscheinlich letzteres, nachdem es in Asvoß wohl nicht sehr viele Raubtiere gab.
      Er schwang sich auf den Rücken und schaffte es, nach ein bisschen herumprobieren, das Tier zu lenken. Tysion war der nächste und weil Faia das Ultimatum bekam, entweder auf einem dieser Tiere oder auf Kassandra zu reiten - oder zu fliegen - schwang sie sich auch auf.
      Nach Kassandras Führung, die größtenteils im Himmel über ihnen blieb, setzten sie sich in Bewegung.
      Es dauerte nicht ganz eine Woche, bis Kassandra entweder die Geduld darüber, dass die Menschen sich so langsam fortbewegten, verlor, oder ihnen wahrheitsgemäß mitteilte, dass die "richtige" Küste nicht mehr weit entfernt sei und dass sie genauso gut jetzt entscheiden könnten, ob sie den Ozean per Fähre oder per Luft überqueren würden. Es war ganz klar ersichtlich, für was Kassandra tendierte.
      Sie brauchten einen weiteren, ganzen Tag, um sich darauf einzustellen. Zum Glück hatten sie nicht viel Gepäck bei sich und so ging es nur darum, wie Kassandra am besten drei Leute auf einmal über den Ozean fliegen sollte.

      Am Tag ihrer Abreise war es Zoras gestattet, über ihren Flügel hinweg in ihre Federpracht zu klettern und sich dort nahe des Nackens einzunisten, wo es am wenigsten Bewegung geben würde. Es missfiel ihm, die Federn fest genug zu packen, um sich daran festzuhalten, aber gleichzeitig war er fasziniert von Kassandras Federkleid, das er zum ersten Mal von Nahem betrachten konnte. Die Faszination hielt aber in etwa nur so lange an, bis die beiden anderen sich an jeweils einer Kralle festhielten und die Phönixin sich dann mit einem Schlag in die Luft beförderte.
      Der Flug dauerte lange, wenn auch keine ganzen Tage lang, so wie bei ihrer Hinfahrt, und war gänzlich albtraumhaft. Wenn Zoras sich nicht gerade mit allen zur Verfügung stehenden Gliedmaßen an Kassandra klammerte, weil jeder Flügelschlag ihn durchschüttelte und der Wind an ihm zerrte, als wolle Zeus persönlich ihn von der Phönixin herunterholen, konnte er entweder den unendlichen Ozean unter ihnen beobachten, der sich in alle Richtungen erstreckte und ihm ein Gefühl von absoluter Verlorenheit gab, oder er konnte sich gegen graue und weiße Wolken stählen, die zu dem ganzen Wind auch noch Feuchtigkeit mit sich brachten. Er hatte keine Ahnung, wie Kassandra das Fliegen so lieben konnte, wie sie es tat. Es war grauenhaft und anstrengend und obwohl er sich daran erinnerte, dass sie viel schneller waren als mit der Fähre, bereute er doch, sich nicht besser durchgesetzt zu haben. Er bereute den Moment, in dem er einen Stiefel auf Kassandras Federn gesetzt hatte.
      Die Rettung der Küste tauchte irgendwann am Horizont auf und mit ihr wurde Kassandra schneller, um dann wieder langsamer zu werden. Sie würde sie in Ellspiahafen absetzen, weil sie dort ihre Pferde zurückgelassen hatten und Zoras kleinlich genug war, dass er sich nicht von Kassadra trennen wollte. Noch nicht. Es ging auch darum, dass sie ganz sicher kein Geld hatten um sich neue Pferde anzuschaffen, aber auch, dass er sich nicht leichtfertig von seinen Pferden trennte. Er reservierte ihnen immer einen Platz in seinem Herzen, den er sich nicht herausreißen wollte.
      Kassandra peilte also Ellspiahafen an und setzte sie dort ab, wo sie vor einigen Wochen, augenscheinlich aber vor einem ganzen Leben den ersten Blick auf den Ozean hatten erhaschen können. Drei Menschen fielen wie Zecken von ihr ab, unfähig für einen eleganteren Abgang. Kassandra bot Zoras eigentlich ihren Flügel wieder an, um sich daran herabzuhangeln, aber keiner von beiden hatte mit seinen steifen Gliedern gerechnet. Eine überraschend weiche Federschwinge bewahrte ihn vor einem Nackenbruch, aber nicht davor, ungelenk auf den Boden zu klatschen. Er leistete einen sehr überzeugenden Beitrag zu dem allgemeinen Gestöhne und Gefluche.
      Sie betraten die Stadt nach einer angemessenen Erholungspause und Erinnerungen überkamen ihn an die Zeit mit Amartius hier. Er hätte Kassandra davon erzählt, wenn er dann nicht auch die weniger schönen Seiten hätte erzählen müssen. Also lieber gar nichts sagen.
      Die Pferde waren unbeschert noch im Stall und eine ungeheime Erleichterung ergriff ihn beim Anblick von Kassadra, die ihm kaum zwei Blicke würdigte, als wäre sie beleidigt darüber, dass er sie einen Monat lang im Stich gelassen hatte. Er trat in ihre Box, nachdem der Stalljunge aufgeschlossen hatte, und begrüßte sie mit zärtlichen, flüsternden Worten, während er ihr über die Nüstern, die Stirn, die Mähne und die Ohren strich. Kassadra stierte ihn unbewegt an und nachdem ihre Ohren ein paar Mal weggezuckt hatten, schnaubte sie schließlich und fing an, an seinem Pelz zu knabbern. Er belohnte sie mit einer Handvoll Heu, die sie ihm von der Handfläche schnappte, und sattelte sie dann, ehe er sie nach draußen führte und unvermittelt zu grinsen begann. Als er Kassadra damals getauft hatte, hatte er nicht daran gedacht, dass sie jemals ihrer Namensvetterin begegnen würde. Aber genau das geschah, als er mit ihr zu seiner Phönixin zurückkehrte.
      "Kassandra, dürfte ich dir wohl Kassadra vorstellen? Ich werde in Zukunft aufpassen müssen, wie ich den Namen ausspreche."
      Er grinste noch mehr. Irgendwie war das zu merkwürdig, um sich nicht höchstgradig darüber zu amüsieren.
    • Während des gesamten Fluges war Kassandra wie vom Teufel verfolgt geflogen. Ihr missfiel das Gefühl, wie Zoras mit seinen Schuhen in ihrem Nacken saß und sich seine Kleidung an ihr rieb. Wie er wackelte, was ohne ihre Anweisung auch nicht unbedingt verwerflich war, und ständig Ängste litt, doch hinab zu stürzen. Noch schlimmer waren nur noch die beiden Sterblichen an ihren Krallen. Wie Zecken klammerten sie sich in ihr fest und litten noch stärkere Todesängste, als es überhaupt möglich sein sollte. Genau das war Kassandras Ziel gewesen – den Kuluarern das Fliegen so wenig schmackhaft zu machen wie irgendwie möglich. Und mit Zoras würde sie zwangsläufig über die Etikette sprechen müssen, wenn er jemals wieder in Erwägung ziehen wollte, mit Kassandra zu fliegen.
      Völlig lautlos und durch einen Schleier verborgen vor den Augen der Menschen segelte die Phönixin über Ellspiahafen hinweg. Für einen Moment gedachte sie, einfach weiterzufliegen, doch die Diskussion mit Zoras entbrannte bereits vor ihrem geistigen Auge. So ging sie schweren Herzens in den Sinkflug und landete außerhalb der Stadt und weit genug entfernt, sodass kaum einer ihre Ankunft bemerken dürfte. Tysion und Faia schüttelte Kassandra beiläufig von ihren Ständern ab, Zoras hingegen bekam den Luxus eines ausgestreckten Flügels, den er überstürzt annahm. Dass die Stunden ihren Tribut an Zoras' Körper gefordert hatten, fiel den Beiden erst auf, als sein Akt des Herabsteigens zu einem Akt des Herabfallens wurde. Doch Kassandra schob ihre Flügel zwischen den Mann und dem Boden, sodass die Landung nicht ganz so arg ausfiel. Er rollte von ihrer Schwinge ab und fiel die letzten zwei Meter trotzdem haltlos auf den harten Erboden. Aber nichts davon sollte ihm mehr als blaue Flecken einbringen.
      Neben dem Geheul, das sich von den drei Menschen erhob, wandelte sich Kassandra wieder in ihre menschliche Gestalt. Sie bedachte die beiden Kuluarer mit einem abschätzigen Blicken, dann sah sie zur Stadt und ließ einen Umhang aus Magie um sie selbst hinab. Vor Faias und Tysions Augen löste sich Kassandra in Luft auf. Einzig Zoras konnte sie noch sehen. Das war der Trick gewesen, wie Götter unter den Menschen wandelten, ohne gesehen zu werden. Sie machten sich unsichtbar, löschten ihre Präsenz und wanderten wie Geister unter den Sterblichen, um sie zu beobachten.
      Schließlich machten sie sich auf den Weg, nachdem Kassandra Zoras angewiesen hatte, nicht inmitten der Stadt mit der Luft zu reden oder extra für sie Platz zu machen. Sie war praktisch nicht in dieser Ebene und glitt durch die Menschen einfach hindurch. Beim ersten Mal, als dies passierte, zuckte Zoras' Hand vorwärts, um seine Phönixin vor dem Zusammenstoß zu bewahren. Umso erstaunter war sein Blick, als rein gar nichts geschah und der Mensch einfach seines Weges ging. Kassandra hatte daraufhin nur mit der Schulter gezuckt und war weitergegangen.
      Durch reine Beobachtung sah man Zoras an, wie erleichtert er war, sein Pferd in den Ställen wiederzufinden. Eine kastanienbraune Stute mit eigensinnigem Blick, wie Kassandra befand. Sie blieb außerhalb der Box mit verschränkten Armen stehen und musterte, wie sich Mann und Pferd fanden. Oder eher er das Tier liebkoste, während es nur Augen für sein Futter hatte. Ohne ein Wort ließ die Phönixin Zoras die kleine Wiedervereinigung und das Pferd satteln, um ihm stumm nach draußen zu folgen. Das war also seine Gefährtin gewesen, die ihn all die Zeit an ihrer Stelle begleitet hatte. Ein stummes Tier, dessen Farbe nicht einmal ansatzweise an ihre Augenfarbe erinnerte. Es war ein dreckiges Braun, mehr nicht.
      „Vielleicht solltest du einfach damit aufhören, deinen Pferden lächerliche Variationen von deinen Liebsten Namen zu geben“, erwiderte Kassandra und folgte Zoras, nachdem er aufgestiegen war. Draußen stießen Faia und Tysion wieder zu ihnen, die scheinbar froh waren, die Phönixin nicht mehr zu sehen, aber dennoch wussten, dass sie wie ein Unheil noch unter ihnen war. Im Schritt setzten sie ihren Weg durch die Stadt fort, um das wenige Hab und Gut, das sie zu Geld machen konnten, zu versteuern.
      „Es ist doch sicherlich ein mulmiges Gefühl zu sehen, wie ein Gott unsichtbar inmitten der Menschen läuft, oder nicht? Manche Religionen glauben daran, dass das Göttliche stets unter ihnen weilt. Welch Entzückung es sein muss, wenn sie je herausfinden, wie nah ihr Glauben an der Wahrheit ist“, dachte sie laut nach während sie Ausschau nach einem Händler hielt, dem man gewinnbringend das Fell verkaufen konnte. Mit jedem Schritt verlor sich etwas ihrer Lockerheit und Schweigen wurde zu ihrem Begleiter. Bis sie es irgendwann selbst brach in dem Wissen, das nur Zoras und sonst niemand sie hören konnte. Selbst in dem konstanten Rauschen der Stadt, entstanden durch die Stimmen der Menschen, Tiere und Geschäftigkeiten, war ihre Stimme für Zoras glasklar zu hören. „Weißt du, wie seht es mich einfach nur freuen würde, in einem Gasthaus mit dir einzukehren? Wo nicht eisige Wände mein Gefängnis sind, sondern knarrendes Holz einen jeden unserer Schritte untermalt? Oh, oder wie das Zedernholz im Kamin riecht? Die kratzigen, billigen Decken, die mehr Juckreiz auslösten als alles andere?“ Melancholie schwang in ihrer Stimme mit, ihr Gesicht war gezeichnet von Sehnsucht. Früher hätte sie solch einfachen Dingen abgeschworen. Doch nach all der Beschwerlichkeit war selbst das besser als alles andere, was sie bekommen könnte. Solange Zoras an ihrer Seite war, würde sie allem einen anderen Wert beimessen.
      Vermutlich.
    • "Lächerlich? Kassadra ist alles andere als lächerlich - immerhin war Kassandra schon vergeben", platzte Zoras heraus, bevor seine Erinnerung darüber eingesetzt hatte, dass er für alle anderen gerade mit der Luft redete. Das war etwas, an das er sich ganz sicher nicht so schnell gewöhnen würde; für ihn stand Kassandra direkt vor ihm, majestätisch und stolz wie noch nie zuvor, ein Leuchtfeuer in dem Fluss aus Menschen, das unweigerlich sämtliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen sollte. Stattdessen wurde sie von allen Seiten ignoriert und auch noch angerempelt, wenngleich niemand zu begreifen schien, dass man gerade eine Phönixin durchquert hatte. Nein, daran würde Zoras sich definitiv nicht so schnell gewöhnen.
      Er wollte noch etwas dazu geben, sah dann aber ein, dass er eine gewisse Würde aufrecht zu erhalten hatte, zu der zählte, dass er keine Selbstgespräche führte.
      Dazu zählte aber nicht, dass er nicht mit seinem Pferd sprach, also tätschelte er Kassadra den Hals und murmelte ihr zu, dass sie nicht darauf hören sollte und dass sie einen ganz entzückenden Namen hatte. Faia warf ihm dafür komische Seitenblicke zu.
      Die weiteren Kommentare der Phönixin beantwortete er mit einem Brummen, das zumindest zeigen sollte, dass er ihr immernoch zuhörte, auch wenn er es vermied, allzu offensichtlich auf sie zu reagieren. Die drei Reiter machten sich auf dem Weg durch die Stadt hindurch, bis Zoras' unvermittelter Ausruf die anderen beiden zusammenfahren ließ.
      "Wirklich?"
      Er bemerkte die Blicke nicht, während er jetzt doch entgeistert zu Kassandra hinab blickte. Sie hatte Sehnsucht nach... einem Gastzimmer? Sie wollte ganz willentlich und wahrhaftig sich in ein Gasthaus zurückziehen, ein Zimmer nehmen und dort nach guten Zeiten willen die Nacht verbringen? Wegen der Atmosphäre? Wegen dem Holz? Wegen der Menschlichkeit?
      Wegen der Nostalgie? Wegen der Freiheit, die es ihr erlauben würde, genau das zu tun? Zoras wusste es wirklich nicht - aber wer wäre er schon, ihr diesen einfachen, höchst banalen Wunsch abzustreiten? Die Reise saß ihm selbst noch spürbar in den Knochen, mitsamt seines unangenehmen Abstiegs von Kassandras Rücken und er hatte selbst nichts dagegen, die Nacht wieder in einem ordentlichen Bett zu verbringen, bevor sie sich wieder auf Zelte beschränken würden. Götter, er hatte sogar den Wunsch, wieder in einem Zimmer zu sein mit einem Feuer und mit genügend Wasser, dass er sich wieder anständig waschen und rasieren könnte. Sie waren nur etwa einen Monat lang in Asvoß gewesen, wesentlich kürzer als Kassandra in ihrer Festung, aber trotzdem vermisste er die alltäglichen Dinge des Festlandes mehr, als ihm vermutlich bewusst gewesen war.
      Scheiße ja, er wollte ein Zimmer mit Kassandra beziehen. Seine Begeisterung blühte unvermittelt auf, als er sich an die anderen beiden wandte, um die Idee mitzuteilen. Es kam zwar nicht unbedingt eine Zustimmung, aber auch keine Gegenworte, also sah er sich bereits schon mit großem Eifer nach einer geeigneten Unterkunft um.
      Vorher waren sie aber auch noch auf dem Weg, die Pelze zu verkaufen. Verschiedene Händler unterbreiteten ihnen verschiedene Angebote, aber nachdem sie den höchst bietenden ausgewählt und sämtliche überflüssige Felle eingetauscht hatten, fiel Zoras auf, dass sie noch viel mehr zu besorgen hatten. Sie hatten alles in Asvoß verloren; sie brauchten neue Kleidung, neuen Proviant, im besten Fall neues Schuhwerk, neue Zelte, neue Ausrüstung. Der Gewinn der Felle war das einzige Einkommen, dass sie im Moment hatten erzielen können und nicht einmal Kassandra hatte die Macht, ihnen einfach Goldstücke zu zaubern.
      Er behielt die meisten Gedanken für sich, teilte aber allen mit, dass es wohl besser wäre, sich auch gleich für die Reise einzudecken. Also erweiterte sich der Besuch der Marktstände darum, sich wieder mit grundlegender Versorgung einzudecken. Als sie auch damit schließlich fertig waren, hatte Zoras kein Politurmittel, keine Rüstung, kein extra Futter für Kassandra und auch kein Zelt und trotzdem gerade noch genug für ein Abendessen, nicht aber für ein Zimmer, selbst nicht in der schäbigsten Absteige, die sie hier hätten finden können. Unter seine Enttäuschung mischte sich Scham, als er Kassadra etwas abseits lenkte, um einigermaßen ungestört mit Kassandra reden zu können.
      "Ich habe nicht genug für ein Zimmer - tut mir leid. Ich wünschte, ich könnte dir eine angemessenere Ankunft bieten als... das alles hier. Vielleicht in der nächsten Stadt? Okay?"
      Er sprach gar nicht erst die Sorge darum aus, wie sie bis zum nächsten Gasthaus schaffen sollten, genügend Münzen aufzutreiben. Es war zwar nicht so, dass er sich davor drücken würde, seine üblichen Arbeiten zu verrichten, aber nicht vor Kassandra. Sie sollte nicht eigens sehen, wie weit er mittlerweile gesunken war.
    • Unverkennbar erschien die Begeisterung auf Zoras' Gesicht, als er nur daran dachte, wie sie sich ein Zimmer mit ihm teilen wollte. Oder weil es ein Gasthaus war? Oder dachte er einfach mit derselben Melancholie wie Kassandra es auch tat? Ihr fiel auf, dass es wirklich vieles schwieriger machte, nicht mehr alle Gedanken mitanzuhören zu können. Also beschloss sie in der Zeit, in der die Menschen ihre Beute an den Mann brachten, darüber zu sinnieren. Bis jetzt hatten sie beide nur spärliche Zweisamkeit genießen können. Vielleicht war das ja der Punkt, der Zoras am meisten motivierte? Nein, auf keinen Fall. Sie wusste doch, wie er reagierte, wenn sie ihn berührte. Wie sie reagierte, wenn er wohl zu viel von ihr forderte.... Oder... wollte er sie singen hören? Nur für sich? Wenn sie darüber nachdachte, war ihr allerdings nicht danach. Phönixe taten es aus den Launen heraus und eigentlich nicht auf Befehl. Wenn man sie zwang, waren ihre Lieder nie so schön wie jene gesungen aus freien Stücken.
      Gedankenverloren folgte sie noch immer in ihrer Tarnung ihrem Partner und achtete nicht recht darauf, was er mit der erworbenen Summe kaufte. Geld hatte für Kassandra spätestens ab jetzt seine Bedeutung vollkommen verloren, denn als entfesselte Gottheit konnte sie ungelogen alles haben. Das war für sie so selbstverständlich, dass sie nicht einmal einen Gedanken daran verschwendete, dass Zoras es womöglich gar nicht realisierte.
      So wunderte es Kassandra ein wenig, als Zoras ihr bedeutete, sich ein wenig von den Menschengruppen zu entfernen. Nicht, dass sie sie eh nicht gehört hätten. Unverständnis stand ihr ins Gesicht geschrieben während sie versuchte zu verstehen, warum da Scham in den wunderbaren dunklen Augen geschrieben stand. „Sobald wir deinen Platz klargemacht haben, werden wir wohl eher weniger in so kleinen Unterkünften rasten können. Alles in Ordnung, nur weil ich wieder frei bin heißt das nicht, dass ich mir zu schön dafür bin.“
      Die Phönixin ließ ihm ein flüchtiges Lächeln zuteil werden, dann wandte sie sich schon wieder ab und winkte ihn mit einer Geste hinter sich her. „Zeig mir mal, welches Gasthaus du gewählt hättest. Mich interessiert deine Wahl.“

      Die Gruppe hatte vor einem durchaus moderaten Gasthaus gehalten. Hin und her gerissen zwischen der Notwendigkeit des Sparens und dem Willen, Kassandra nicht in einer absoluten Bruchbude nächtigen zu lassen, war das Gasthaus im zweiten Distrikt eine gute Mischung. Nur vielleicht nicht.... jetzt.
      Kassandra begutachtete das Gebäude, dann vollführte sie eine Geste und der Schleier fiel von ihr ab. Zeitgleich verlor sich ihre göttliche Präsenz und ihre weiten, transparenten Gewänder wichen einer dem Wetter entsprechenden Bekleidung. Wenig ließ jetzt noch darauf schließen, dass sie eine ungebundene Gottheit war. Allerdings war die Selbstverständlichkeit, mit der sie nun das Gasthaus betrat, durchaus nicht eines normalen Bürgers würdig. Aber irgendwie zog sie noch immer kaum Aufmerksamkeit auf sich. So als befände sie sich auf einer seltsamen Zwischenebene. Denn der Gastwirt hinter der Schenke bemerkte die sich nähernde Kassandra durchaus. Hinter ihr folgte Zoras auf dem Fuß, während Faia und Tysion draußen mit Pferden und Proviant warteten.
      Kassandra war kaum an die Schenke getreten, da war der bärtige Gastwirt schon zur Stelle. Er musterte Kassandra nicht einmal und fragte auch nichts. Er sah ihr einfach nur ins Gesicht.
      „Ich hätte gerne zwei Zimmer. Für je zwei. Eines davon direkt mit Waschmöglichkeit. Morgen kostenloses Frühstück und Stallplätze für unsere Pferde“, sagte Kassandra.
      Es verging ein kleiner Moment, dann nickte der Wirt. Einfach so. „Ein Zimmer für zwei habe ich noch, das zweite wird schwieriger.“
      „Aber es gibt noch Platz im Gemeinschaftssaal.“ Keine Frage. Eine Festellung.
      Erneut nickte der Wirt, irgendwie seltsam apathisch. Oder eher benebelt. „Der Saal ist über den hinteren Abschnitt zu erreichen. Das Zimmer ist das letzte oben unterm Dach. Stellt eure Pferde einfach in den Stall“, resümierte der Mann, der sich daraufhin einfach abwandte und nach seinen Fässern mit Bier sah. Dann stockte er, schüttelte den Kopf und brüllte schroff nach einem seiner Angestellten, offensichtlich wieder Herr seiner Sinne.
      Süffisant grinsend lehnte sich Kassandra mit der Hüfte gegen die Schenke. „Und so einfach geht das, wenn man ein Gott ist.“ Als sie Zoras Gesichtsausdruck sah, rollte sie mit den Augen. „Ich weiß schon, es gefällt dir nicht. Aber ihr braucht eine ordentliche Unterkunft, etwas ordentliches zu essen und einen Aufenthaltsort für die Pferde. Die ihr nicht einfach so draußen stehen lassen könnt. Sagen wir, es geht dieses Mal auf...“ Sie pausierte, als sie nach der richtigen Redewendung suchte. „Meine Kappe. Oder Deckel? Wie war die Redewendung noch mal korrekt?“
    • Im Gegensatz zu Zoras war Kassandra gänzlich unbeeindruckt davon, dass er sich kein Zimmer leisten konnte. Ehrlicherweise war ihm das aber lieber alsdass sie die Angelegenheit weiter angesprochen hätte. Er wollte sich weder sonderlich darüber bewusst werden, dass er nicht annähernd den Status und das Ansehen des einstigen Herzogs hatte, noch, dass seine jetzige Lebenslage nicht annähernd ausreichte, um eine Phönixin zu versorgen. Zu seinem geringen Glück brauchte sie nicht sonderlich Essen, Ausrüstung oder gar Pferde, aber wenigstens eine Unterkunft hätte er ihr bieten können. Wenigstens den banalen Wunsch nach einem Gastzimmer hatte er ihr erfüllen wollen, aber nicht einmal dazu waren seine Mittel ausreichend.
      Er erinnerte sich unweigerlich daran, sich vor nicht allzu langer Zeit genügend Geld für eine Tafel Schokolade für Amartius zusammengespart zu haben, mit der er versucht hatte, seinem Sohn die wenigen Freuden des Lebens näher zu bringen. Jetzt stritten sich in seinem Inneren die Gefühle darüber, wenigstens einem Teil seiner abgehackten Familie eine Freude gemacht zu haben und aber dem anderen Teil nicht gerecht zu werden. Er schwieg daher, während er Kassandra den Weg wies.
      Anfangs hatte er mit dem Gedanken gespielt, sie in dasselbe Gasthaus einzuladen, in das er auch mit Amartius eingekehrt war, aber das war nur aus der Sicht eines armen Söldners passabel gewesen. Aus der Sicht einer Phönixin und auch noch einer entfesselten, war es eine billige Absteige, die ihrer nicht gerecht war.
      Genauso wenig war es seine Alternative, aber zumindest sah es hier noch mehr wie der Rest der Gebäude aus.
      Zoras stieg ab, als Kassandra sich sichtbar machte. Die beiden Kuluarer zuckten zusammen, als sie einfach neben ihnen auftauchte, jetzt in der Form einer gewöhnlichen Frau. Nicht einmal Zoras konnte noch viel Göttliches an ihr erkennen, auch dann nicht, als sie vor ihm hineinstolzierte.
      Kurzweilig hinterfragte er, ob sie nicht doch Goldmünzen heraufbeschwören konnte. Er ging sogar sein gesamtes, begrenztes Wissen von Göttern und Phönixen durch, um noch auf eine Antwort zu kommen, bevor sie den Tresen erreicht hatte. Aber alles, was sich ihm auftat, waren Fragezeichen.
      Der Wirt wirkte irgendwie merkwürdig. Er antwortete auch auf eine merkwürdige Weise, die Zoras nicht zu entschlüsseln wusste. Kannte er Kassandra? Wohl kaum. Er schien auch nicht wie der Typ von Mann, der seine Zimmer zu wohltätigen Zwecken herausgab, auch nicht für eine Göttin. Hier in Kuluar erst recht nicht für eine Göttin.
      Es wurden aber keine Fragen gestellt und kein Preis verhandelt. Schlüssel wurden übergeben und der Wirt wandte sich ab, als wäre dieses Geschäft damit erledigt, während Kassandra sich zu Zoras umdrehte. Sie musste seine Fraglosigkeit in seinem Gesicht erkannt haben, denn ein süßes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
      "So einfach geht was? Was ist da gerade passiert?"
      Er senkte die Stimme ein wenig, paranoid darüber, dass sie die anderen Gäste hören könnten.
      "Was hast du da gemacht?"
      Letzten Endes war es nicht relevant, weil sie schließlich die Schlüssel bekommen hatten. Zoras gefiel aber nicht, wie sie sie bekommen hatten.
      "Kappe", murrte er schließlich doch. "Es geht auf deine Kappe. Das passt schon."
      Mürrisch wandte er sich ab und fügte sich seinem neuen Schicksal.
      Sie brachten die Pferde unter und aßen zu Abend - endlich etwas anderes als ungewürztes Fleisch. Zoras hätte niemals gedacht, dass er Fisch vermissen könnte, aber er tat es so sehr wie nichts anderes, als er das gekochte Fischfleisch herunterschlang. Alles schmeckte ihm. Sein Geldbeutel allein hinderte ihn an Nachschlag und er wollte auch nicht, dass Kassandra ihre gruseligen Fähigkeiten wieder auspackte.
      Sie verabschiedeten sich von den Kuluarern - oder zumindest Zoras tat das. Die beiden hatten anstandslos akzeptiert, dass Zoras und Kassandra das Zimmer bekommen würden, vermutlich, weil sie es nicht mit der Phönixin aufnehmen wollten. Auch das war etwas, was ihm nicht sehr gefiel: Die Distanz, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte. 8 Monate waren sie schon miteinander unterwegs gewesen und er würde ihnen sein Leben anvertrauen, aber jetzt schienen sie sich voneinander zu trennen. Auf eine unterschwellige Weise tat das weh; Faia hatte sich damals seinem fürchterlichen kuluarisch erbarmt, Tysion seinem Drang zum Kampf. Beide hatten ihren Beitrag dazu geleistet, dass Zoras überhaupt so weit gekommen war, und jetzt fühlte es sich falsch an, es ihnen so zu vergelten.
      Er sagte aber nichts, als sie sich verabschiedeten. Es gab nichts, was er dazu hätte sagen können.
      Das Zimmer unter dem Dach war nicht sonderlich groß und sicherlich nicht luxuriös, aber es hatte ein Doppelbett, einen kleinen Tisch, ein Fenster mit einem Ausblick auf den Ozean und sogar einen angrenzenden Waschraum. Besonders letzteres hatte es Zoras angetan, wenn da nicht noch eine andere Sache gewesen wäre.
      "Kassandra."
      Er drehte sich zu ihr um, kaum als er die Tür hinter ihnen geschlossen und zugesperrt hatte. Gewohnheitshalber ließ er den Schlüssel stecken.
      "Ich kann nicht weiter nicht so tun, das wird mich noch wahnsinnig machen. Ich möchte dir nicht zu nahe treten, ich weiß nicht, wann es für dich... zu weit ist, aber ich würde wirklich gerne..."
      Er zögerte, deutete unverfroren auf das Bett.
      "Ich würde dich wirklich gerne nehmen, in dieses Bett befördern und vier lange, verlorene Jahre mit dir nachholen. Auf welche Weise auch immer du es gestattest, auf welche Weise du möchtest. Nur..."
      Er trat auf sie zu.
      "Götter, ich vermisse dich - immernoch. Ich möchte dich so gerne küssen, schon eine ganze Woche lang, und ich tue es nicht, weil ich dich nicht verletzen will, aber... sag es mir. Sag mir, ob ich dich lieben darf. Du setzt die Grenzen."
      Er lächelte ein bisschen.
      "Ich wasche mich auch ganz sicher gründlich, bevor ich mich in dieses Bett lege."
    • Zoras' Reaktion verdeutlichte Kassandra, dass sie noch immer überschätzte, was er von Göttern zu wissen gedachte. Früher hatten die Menschen bei ihrem Anblick ihr Wunder zugeschrieben oder die schlimmsten Katastrophen der Weltgeschichte. Es gab nichts in der Welt, was sich dem Wirken eines Gottes entziehen könne. Und so wie sich Kassandra ganz einfach unsichtbar unter die Menschen mischen konnte, so einfach konnte man deren Bewusstsein manipulieren. Ihre reine Präsenz reichte aus, um den Körper der Sterblichen zu einer Reaktion zu zwingen. Ihre reine Natur als etwas Göttliches reichte aus, um die limitierten Geister der Menschen nach ihrem Willen zu biegen. So hatte Götter damals die Menschen in Kriege geführt, die sie niemals gewinnen konnten. Einfach nur, um die Langweile der Götter zu besänftigen.
      Kassandra hatte vor ihrer Knechtschaft kaum Gebrauch von diesem Stand gemacht. Sie hatte abgeschieden gelebt, wie ein stiller Beobachter das Treiben der Sterblichen verfolgt. Hin und wieder war sie in den Mengen untergetaucht, doch überkam sie nicht das Bedürfnis, etwas von den Menschen zu verlangen. Damals hatte sie sich wirklich als ein mythisches Wesen gefühlt. Mächtig, unnahbar, anders. Es fiel ihr schwer zu verstehen, wie sie damals so hatte fühlen können. Ein weiterer Beweis, dass sie nicht mehr die unbefleckte Phönixin von einst mehr war.
      Beispielsweise hätte sie damals nie darüber auch nur einen Gedanken verloren, wie der gekochte Fisch wohl schmecken würde, den Zoras und die beiden Kuluarer nun am Tisch verspeisten. Er hatte sich vehement dagegen gesträubt, dass sie ihren Einfluss ein weiteres Mal einsetzte, um Vorteile für sie alle zu generieren. Also gab sie nach und ließ ihn für sein spärliches Mahl bezahlen, während sie neben ihm am Tisch saß und ihm dabei zusah, wie er sein Essen verschlang. Dass Faia und Tysion nicht dagegen argumentieren, dass das Zimmer natürlich Zoras und ihr gehörten, stimmte die Phönixin zumindest etwas versöhnlicher. Trotzdem bemerkte sie diese subtile Veränderung in Zoras' Haltung und Wortwahl. Etwas schien ihm zu missfallen als die Beiden ihren Weg gingen und Kassandra endlich die Privatsphäre hatte, die sie sich gewünscht hatte. Sie wusste nicht, wie lange genau die drei schon zusammen gereist waren. Inwiefern sich eine Beziehung aufgebaut hatte, denn selbst nach all dieser Zeit unter den Menschen konnte sie nicht greifen, wie schnell sich Freundschaften entwickelten. Dafür brauchte man ein Zeitgefühl, das ihr über die Dauer abhanden gekommen war.
      Also stiegen Kassandra und Zoras die Treppe bis unters Dach allein empor. Sie hatten tatsächlich das einzige Zimmer, das direkt unter dem Dach angesiedelt war. Die Ausstattung war entsprechend mittelständig. Ein gutes Doppelbett, mit wohl den eher weniger kratzigen Decken, war Dreh- und Angelpunkt des Zimmers. Der kleine Tisch war eher als Nettigkeit aufgestellt und im Gegensatz zu gewissen anderen Gasthäusern fand sich hier kein Kamin vor. Dafür gab es ein Fenster mit Meerblick und einen schmalen Durchgang, der in einen anderen Raum führte. Ein kurzer Blick bestätigte Kassandra, dass es ein Waschraum war. Sie war gerade von ihrem kurzen Nachsehen zurück, da hörte sie das Klicken des Schlosses der Tür und Zoras, der sie ansprach. Sie blieb in seiner Reichweite stehen und musterte ihn. Ihr Ausdruck wurde unleserlich als sie seine Worte hörte und nicht wusste, wie genau sie sich nun fühlen sollte. Es war ein wildes Durcheinander zwischen Sorge und Vorfreude. Sehnsucht und Zweifel. Die Art, wie er zögerte bevor er auf das Bett deutete, machte es nicht unbedingt besser. Er trat einen Schritt auf sie zu, sie wich nicht zurück. Ihre Augen waren groß und rot und tief während sie seine Worte verarbeitete. Seine Wünsche waren doch so einfach. So leicht zu erfüllen und doch war da nicht ganz die Leichtigkeit wie früher. Ihre Blick senkte sich kurz, ganz kurz, dann fing sie seinen Blick wieder ein.
      „Ich habe dir zu keiner einzigen Sekunde verboten, mich nicht zu lieben. Denkst du, ich würde deine Blicke nicht sehen? Wie deine Hände manchmal zucken wenn du bemerkst, dass sich dein Körper beinahe von selbst bewegt?“ Sie legte ihre Hände an seine Arme und strich langsam Richtung seiner Schultern. „Jetzt auch vermittelst du mir den Eindruck, ich sei zerbrechlich. Dabei bist du damals so sehr vor mir zurückgeschreckt, dass ich dachte, du verabscheust meine Berührungen.“
      Ein kleiner Blick in das, was sie gedacht hatte, als sie ihn endlich wieder vor sich hatte und ihn berühren konnte. Dieser Moment war nur kurz gewesen, die Aktion so geringfügig, und doch hatte es sich in ihre Erinnerung gebrannt wie kaum etwas anderes.
      Ihre Finger glitten über seine Brust zu den Knöpfen seiner Jacke, die sie Knopf für Knopf öffnete. „Ich hatte erwartet, dass du nicht so zögerlich bist. Ungestümer, wenn man bedenkt, wie lang vier Jahre sind. Stattdessen hältst du dich zurück aus.... Rücksicht?“ Ihre Hände schoben sich unter die Jacke und befreiten seine Arme aus den Ärmeln. Dann legte sie die Jacke zusammengeschlagen auf den Tisch und kehrte zu Zoras zurück. Sanft griff sie nach einer seiner Hände und schenkte ihm ein sanftes Lächeln.
      „Wenn du es schaffst, das Waschen zu überstehen, darfst du mich gerne küssen.“ Damit zog sie ihn nach nebenan in den Waschraum.

      Entgegen der Annahme zog Kassandra Zoras nicht aus. Sie ließ es ihn in seinen eigenem Tempo machen während sie auf einem Schemel nahe des Zubers Platz nahm. Der Raum war sehr klein, was aber vollkommen ausreichend war, und der Zuber mit dem Schemel allein füllte den Raum beinahe aus. Vermutlich war es mal eine Abstellkammer gewesen. Jetzt sah Kassandra dabei zu, wie Zoras langsam Schicht um Schicht seiner Kleidung ablegte. Seine Arme kannte sie ja bereits, aber als er seine kräftigen Beine entblößte, blinzelte sie einige Male. Ihr Blick fiel auf seine Füße, besser gesagt seine Zehen. Die Nägel waren deformiert und rissig und verrieten ihr, dass sie unzählige Male gezogen worden sein mussten, um so auszusehen. Ihr wurde allein bei dem Gedanken eiskalt zumute, doch das war nichts zu dem Anblick, als er schlussendlich sein Hemd ablegte.
      Kassandras Augen weiteten sich, als sie die unverkennbare Narbe auf seiner Brust sah. Eine Brandnarbe, so großflächig, dass sie vermutlich bis heute wetterfühlig sein musste. An der Stelle, wo sonst seine Rüstung ihn geschützt hätte.
      Dort, wo einst ihr Amulett gehangen haben musste.
      Kassandra atmete einmal kontrolliert durch. „Die stammt von ihm“, stellte sie fest ohne Namen zu nennen. Wie versprochen hatte Telandir Zoras nicht getötet, ihn aber auf Lebzeiten gebrandmarkt und eine immerwährende Erinnerung hinterlassen. Eine Erinnerung daran, wann ihrer beider Trauma begann und wer es ausgelöst hatte. Aber nicht nur die offensichtliche Narbe versetzte die Phönixin in Schweigen. Über den gesamten Körper verliefen verschiedenste Narben in unterschiedlichen Ausprägungen und verschwanden noch unter dem Bund seiner Unterhose. Dieser Foltermeister hatte offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Seine Physiognomie war ungebrochen, aber seine Haut ein einziger Teppich voller Erinnerungen. Wie sollte Kassandra ihn da berühren, ohne Erinnerungen an dunkle Zellen auszulösen?
      Kassandra lehnte sich vorwärts und stützte ihre Ellbogen auf den eigenen Oberschenkeln ab. Eine Hand hatte sie vor ihren Mund gelegt während sie wortlos Zoras' Körper betrachtete und das Grauen sich zu flüssigem Feuer in ihren Augen wandelte.
    • Zoras' Gesicht legte sich in Falten, während er so unverblümt von Kassandra vorgehalten bekam, wie durchsichtig er damit war, dass er ihre Nähe wollte. Nein, er hatte sich wahrlich noch nie sehr darum geschert, ob es offensichtlich war, welche Gefühle er hegte. Aber jetzt wusste er nicht, ob das gut oder schlecht war. Ob er es lieber ganz hätte unterdrücken oder ausführen sollen.
      "Ich verabscheue deine Berührungen nicht", murmelte er, noch während sein Körper sich unter ihren vorsichtigen Händen versteifte. Seine Narben brannten, wo seine Kleidung mit einem gewissen Druck auflag, eine Warnung nur, aber eine Grenze dazu, unangenehm zu werden. Jetzt war er sich darüber bewusst, dass seine Hände nach Kassandra zuckten, aber er war noch nicht zu einem Entschluss gekommen, was er damit anfangen sollte.
      "Und ich halte mich nicht aus Rücksicht zurück... nicht nur. Ich möchte nur nicht", dass du vor mir zurückzuckst so wie ich vor dir gezuckt bin, "dass es zu schnell für dich geht. Oder für einen von uns."
      Temporär dachte er darüber nach, ihr seine Theorie darüber zu erzählen, dass er mittlerweile ein anderer Zoras und sie eine andere Kassandra war, aber der Zeitpunkt war nicht der richtige für weitere Worte. Ihre Hände glitten behutsam unter seine Jacke und streiften sie ihm ab, alles, während Zoras noch immer hin und hergerissen war zwischen dem Bedürfnis, sie an sich zu ziehen oder ihr Freiraum zu geben. Es lief darauf hinaus, dass er unbewegt dastand, bevor sie ihm gestattete, dass er sie küssen dürfte, wenn er das Waschen überstand.
      ... Wenn er das Waschen überstand?
      Anfängliche Erleichterung und Begeisterung wich Nervosität, als Kassandra ihn schon nach drüben zog. Wenn Zoras gedacht hatte, dass er sich alleine waschen könnte und die Phönixin im Nebenzimmer warten würde, hatte er seine Rechnung gänzlich ohne sie gemacht. Sie ließ ihn erst los, als sie beide drüben waren und er bereits in Angst darüber verfiel, dass sie vorhaben könnte, ihn auszuziehen.
      Stattdessen ließ sie ihn dort stehen wo er war und ging zu dem einzigen Schemel im Raum, um sich darauf zu setzen. Sämtlicher Protest war wohl spätestens in der Sekunde wirkungslos, als sie ihren wartenden, geduldigen Blick auf ihn richtete. Sie benötigte keine Worte, damit er verstanden hatte, dass weder einer von ihnen den Raum verlassen, noch sie sich in irgendeiner Weise einmischen würde. Er starrte in ihre tiefen, roten Augen und hob die Hände erst nach einem weiteren Moment, um sich aus seiner Kleidung zu schälen.
      Es war nicht das erste Mal, dass er sich vor jemandem ausgezogen hätte; es war aber das erste Mal, dass derjenige keine Peitsche in der Hand hatte. Von allen Momenten, die sie bisher miteinander geteilt haben, war dieser der erste, der ihn hinterfragen ließ, ob es so eine gute Idee gewesen war, sich nicht lieber vorher jemand anderem anvertraut zu haben. Er hätte die lästigen Beschränkungen seines Geistes schon vorher brechen können, um nicht genau jetzt damit konfrontiert zu werden, wo er doch eigentlich Kassandras Anwesenheit genießen wollte.
      Also improvisierte er und startete mit seiner Hose, was definitiv etwas anderes war. Er wandte auch den Blick nicht von Kassandra ab und konnte daher genau den Moment beobachten, als ihre Augen zu seinen Beinen hinabsprangen. Sie sagte nichts, aber Worte wären hier auch überflüssig gewesen. Ihr Blick teilte mehr mit, als Worte es getan hätten.
      Er ließ sich Zeit mit seinem Hemd, weil auch das etwas war, was er sonst nicht getan hätte und was seinem energischen Herz dabei half, etwas Atem zu holen. Als er es fallen ließ, wurden Kassandras Augen so groß, dass er umso mehr in ihnen lesen konnte, als sie ihm womöglich zugestanden hätte. Sie lagen ausschließlich auf seiner Brust, auf Telandirs Narbe, die sich nicht nur von ihrer Größe und Breite von den anderen Narben unterschied. Unbewegt beobachtete Zoras Kassandra dabei, wie sie seinen Oberkörper musterte, bevor sie das offensichtliche aussprach. Er wusste nicht, wieso sie den Drang verspürte, gerade jetzt das offensichtliche auszusprechen, aber irgendwie passte es zu der Andersartigkeit der Narbe. In gewisser Weise gab es ihm einen Ausblick darauf, was wohl geschehen könnte, sollte sie eines Tages erfahren, weshalb er im Kerker gelandet war.
      Er nickte nur, weil er nicht fand, dass die Narbe es verdient hatte, dass noch mehr Wörter wegen ihr gesprochen wurden. Er zögerte auch, weil sich ein Ausdruck in Kassandras Augen stahl, der ihm nicht unbedingt gefiel. Es war der Ausdruck eines rachegetriebenen Phönixes, der einen anderen mit seinem Schnabel aufspießte. Zoras hätte aber gerne die Kassandra gesehen, die über ihm in einem dämmrigen Zelt saß und auf ihn hinab blickte.
      Zuletzt schob er die Finger unter seine Unterhose und entfernte auch den Rest seiner Bekleidung. Sein Sklavenmal prangte auf seiner unteren Hüfte, schwarze Schrift auf bleicher Haut, die Initialen seines ersten Händlers, sein Geburtsjahr, ein großes M. Kassandras Blick sprang auch darauf und Zoras verspürte das plötzliche, sehr eindringliche Bedürfnis, sich wieder anzuziehen und den Raum zu verlassen. Noch nie war etwas so schwierig gewesen, als nackt vor Kassandra zu stehen und ihren Blick zu ertragen.
      "Sieh mich nicht so an. Bitte."
      Ihre Augen schossen zu seinen hinauf und nie zuvor hatte er sich so sehr gewünscht, die Kassandra von vor vier Jahren vor sich zu haben - vermutlich sogar der Champion Kassandra. Dann hätte er vielleicht gewusst, was er tun sollte und er hätte auch gewusst, wie er sie dazu hätte bringen können, dass ihr Blick weich wurde. So standen sie sich aber nur gegenüber und starrten sich an.
      Irgendwann wurde ihm unangenehm genug, dass er nach vorne trat und in den Zuber stieg. Er war nicht besonders groß, aber das Wasser war warm, wärmer, als es vermutlich hätte sein dürfen, zweifellos durch Kassandras Einfluss. Es war angenehm und beruhigend. Seine Muskeln entspannten sich unweigerlich und er machte es sich so gemütlich, wie es nur möglich war.
    • Jedes Wort, was nun über Kassandras Lippen gekommen wäre, war das Zeugnis darüber, wie sehr sie die Taten ihres Artgenossen verurteilte. Noch immer befand sie sich in dem Spagat aus Genugtuung und Reue, einen der ihren getötet zu haben. Aus purem Zorn, all dem, was einen Phönix nie erreichen sollte. Also schwieg sie, zumindest bis zu dem Augenblick, als Zoras auch die letzte stoffliche Hülle fallen ließ und ihr Blick wie magisch angezogen auf das schwarze Mal an seiner Hüfte fiel. Es war grobschlächtig und schwarz wie die Nacht. Kassandra war sich sicher, dass es sich wulstig unter ihren Fingern anfühlen würde, sollte sie es berühren. Hatten sie es ihm tätowiert? Oder gar gebrannt? Die Initialen sagten ihr nichts, dafür war aber das Geburtsjahr und sein Geschlecht verewigt worden. Wenn sie es so recht betrachtete, dann gab es kaum eine Stelle, die nicht befleckt worden war am Körper dieses Mannes. Und die Gewissheit, dass irgendwo da draußen der Kerl noch herum lief und weiter seinem Handwerk nachging, brachte die Phönixin beinahe um den Verstand.
      „Sieh mich nicht so an. Bitte.“
      Schuldbewusst zuckte ihr Blick wieder nach oben. Im Gegensatz zu ihr trug er gut sichtbare Narben überall auf seinem Körper, wohin gegen Kassandra nur seelische Narben davon getragen hatte.
      „Soll ich das Mal von dir nehmen?“, fragte sie leise als Zoras das Starren beider Seiten unterbrach und in den Zuber stieg. Ehrlicherweise erwartete sie keine Antwort, und die bekam sie auch nicht direkt. Sie hatte ihn nicht anstarren wollen... wie einen Kriegsgefangenen. Doch die Vorstellung, was er alles hatte ertragen müssen, ließ sich nicht so einfach abstellen. Allerdings löste sich ihre angespannte Haltung als sie einen Blick auf seinen Rücken erhaschte. „Oh.“
      Kassandra erhob sich von dem Schemel und schritt langsam hinter Zoras' Rücken. „Lehn dich bitte nach vorn“, bat sie ihn und er tat es ohne zu zögern. Erst hier eröffnete sich das volle Bild von dem Mal, welches sie ihm aufgebürdet hatte. Tiefschwarze Linien wanden sich über die komplette Breite seines Rückens. Auf seinen Schulterblättern bildeten sie Linien größere Flächen, die von Weitem den Eindruck von zwei Schwingen vermittelten. Nach unten hin liefen die Linien in Fransen aus. Flammenzungen, wie sie erkannte. Es war so groß, das es seinen Rücken zum größten Teil bedeckte und an den Stellen, wo ihr Mal war, die Narben unterbrach. Die Linien waren nicht nur tiefschwarz, sondern auch aalglatt.
      „Mein Mal ist... sehr ausgeprägt....“, gestand sie ein bisschen mit Scham verbunden. Eigentlich hieß es immer, die Male würden kleiner ausfallen. Sie entzogen sich dem Willen des Gottes der sie aussprach sondern entstanden aus der Kombination beider Parteien. „Ist das Wasser warm genug?“
      In einem geflochtenem Korb neben dem Zuber befanden sich kleinere Lappen und billiges Waschmittel. Es reichte für das Nötigste aus und beherzt griff Kassandra nach einem Lappen. Sie befeuchtete ihn im Zuber, gab etwas des Mittels darauf und legte ihn auf Zoras' Schulter.
      „Wenn du es nicht mehr ertragen kannst, gib Bescheid.“ Kein Vorwurf. Keine Härte. In ihrer Stimme lag ausschließlich zartes Verständnis für seine Situation. Sie hatte ihn vor eine Aufgabe gestellt, die ihm so vielleicht gar nicht bewusst war. Aber sollte er abweisend oder schreckhaft reagieren, wenn sie gemeinsam im Bett lagen, würde das auch Kassandra verletzen, ob sie es zugab oder nicht. Diese erste Hürde musste fallen, damit es keine Kettenreaktion gab.
    • Es kam kein weiterer Kommentar, nicht über die Narbe und auch nicht über das Mal. Kassandra fragte lediglich in einem Tonfall, der keinen Spielraum für weitere Interpretationen ließ, ob sie es ihm nehmen sollte.
      Zoras wusste es nicht. Wenn er bei dem Mal angefangen hätte, hätte er nicht bei den anderen Narben aufhören dürfen. Wenn er alle unfreiwilligen Veränderungen seines Körpers rückgängig machen wollte, würde darunter auch Amartius' Mal fallen, das er sich genauso wenig gewünscht hatte - das aber nicht annähernd mit den gleichen Gefühlen einherging wie alles andere. Aber wo sollte er eine Grenze ziehen? Gab es überhaupt eine Grenze?
      Sein Schweigen war vielleicht Antwort genug, vielleicht drängte Kassandra ihn aber auch nicht weiter. Ihre Aufmerksamkeit schien sich sowieso zu verlegen, als er sich vollends hingesetzt hatte und sie ihn bat, sich ein Stück nach vorne zu legen.
      Mittlerweile wusste er, dass sie ihn nicht berühren würde, nicht, wenn sie ihm nicht vorher die Möglichkeit gäbe, sich der Berührung zu entziehen. Jetzt wurde ihm erst bewusst, wie dankbar er dafür war, als sie in seinem Rücken stand und zweifellos betrachtete, was ihr Schwur auf ihm hinterlassen hatte. Der Tonfall ihrer Stimme, als sie es ansprach, erweckte seine Neugier.
      "Wie sieht es aus?"
      Natürlich könnte er in den Spiegel schauen, um es zu sehen, auch wenn er sich dafür verrenken müsste, aber es interessierte ihn viel weniger, wie es wirklich aussah, sondern wie Kassandra es sah. Er wollte nach ihrer Stimme horchen und danach, was sie ihm unterschwellig mitteilte, neben den Worten die sie wählte.
      Es schienen wohl schwingenähnliche Formen zu sein, schwarz wie ihre Federn, so breit wie sein Rücken. Nach unten hin verliefen sie in Flammen aus, auch wenn kein Rot auftauchte. Unmittelbar fragte er sich, ob ein Schwur tendenziell nur einfarbig sein konnte, oder ob es an Kassandra persönlich lag, dass dieser hier nur Schwarz hinterlassen hatte.
      Er bestätigte ihre Frage danach, ob das Wasser warm genug sei, und lehnte sich wieder zurück, als sie wieder bei ihm auftauchte. Es hätte beinahe wie vor vier Jahren sein können, so wie sie den Lappen an seiner Schulter ansetzte, so wie er Skepsis dabei empfand, dass die Phönixin ihn und nicht andersherum waschen würde. Er konnte sich genau daran erinnern, als sie es das erste Mal getan hatten, als Kassandra sich über seine Überraschung amüsiert hatte, dass sie einen Menschen zu waschen gedachte. Jetzt war aber nichts von der Leichtfertigkeit von damals übrig. Ihre Stimme war zu weich, zu frei von Späßen oder sogar von Frohmut, seine eigenen Gedanken nicht gänzlich bei dem Wunder, von einer Göttin versorgt zu werden. Stattdessen begriff er, dass das hier nichts mit damals zu tun hatte, dass Kassandra sich nicht einmal dazu "herabließ", ihn zu waschen. Dass es auch gar nicht um die Tätigkeit an sich ging, sondern um etwas anderes, auf das er seinen Finger nicht direkt legen konnte.
      Er versuchte sich trotzdem zu entspannen. Es half, dass sie bei seiner Schulter begann und sich danach erst seinen Armen widmete. Er lernte auch, dass es einfacher war, dass sie den Lappen nur einmal auflegte und von dort aus seine Haut entlang strich, ohne ihn noch einmal abzusetzen. Er lernte, dass es gut war, ihre Bewegungen voraussagen zu können und den Lappen im Blick zu behalten. Er lernte, dass es gut war, wie langsam sie war und wie wenig sie sich daran zu stören schien, dass sie eine halbe Ewigkeit brauchten, so lange, dass das Wasser eigentlich schon längst wieder hätte kalt sein müssen. Aber sie wich nicht von seiner Seite und je mehr Zeit verstrich, desto mehr entspannte er sich wirklich, desto weniger brannten seine Narben auf eine Weise, die ihn warnte, und desto mehr erlaubte er es sich, zwischendurch auch die Augen zu schließen. Immerhin war es Kassandra, die ihn berührte. Nur Kassandra.
      "Ich liebe dich", flüsterte er irgendwann, als sie seine Beine erreicht hatte. Sein Blick ruhte auf ihr, die ganze Zeit, während sie mit ihren gleichmäßigen Bewegungen fortfuhr. Seine Brust schmerzte, zur gleichen Zeit. Er blinzelte das Brennen in seinen Augen fort.
      Der Zuber wurde irgendwann unangenehm und das war ein überaus gutes Zeichen, weil es Normalität darstellte. Götter, wie hatte er Normalität vermisst.
      Er ließ Kassandra jeden Fleck seines Körpers berühren, meistens entspannt, manchmal weniger, und stand erst auf, als sie es ihm eigenhändig bedeutete. Sie reichte ihm das Handtuch, wohl damit er sich in seinem eigenen Tempo abtrocknen konnte, so wie er sich schon ausgezogen hatte, aber er nahm es nicht entgegen. Er streckte ihr dafür den Arm hin.
      "Ich vertraue dir."
      Vielleicht hätte er aussprechen müssen, was er stattdessen meinte, aber Kassandra fügte sich trotzdem.
      Er lernte von dem kratzigen Handtuch, dass auch unangenehme Berührungen okay waren. Er lernte, dass seine Narben eigentlich gar nicht schmerzten - bis auf Telandirs - sondern dass es die Angst war, die ihm bereits einen Phantomschmerz bereitete. Er lernte, seinen Körper im Zaum zu halten.
      Schließlich fühlte er sich entspannt genug, dass das Lächeln, welches er Kassandra schenkte, sogar recht natürlich kam.
      "Darf ich dir den Gefallen erwidern? Oder werden Götter nicht schmutzig?"
    • Diese Waschung erinnerte eher an ein sorgfältiges Abtasten. Tatsächlich nutzte Kassandra die Situation, um besser beurteilen zu können, inwiefern sie Zoras berühren konnte, ohne dass er auf die Barrikaden ging. So tastete sie sich mit Hilfe des Lappens über seinen gesamten Körper, prägte sich die Stellen ein, die ihn besonders verspannen ließen. Es lag kein Lächeln auf ihrem Gesicht oder gar die Leichtfertigkeit wie früher. Aber ihre Augen waren butterweich während sie sich vorarbeitete. Stetig ließ sie dabei ihre Magie in das Wasser tröpfeln, damit es eine konstante Wärme behielt. Hier lief ihnen nicht die Zeit weg, und selbst wenn, dann nahm sich Kassandra so viel davon, wie sie es wollte. Jetzt war sie frei genug es zu entscheiden.
      Als sie an seinen Beinen angekommen war und dem schwarzen Mal einen kurzen, abwertenden Blick unterzogen hatte, sagte Zoras das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit etwas. Kassandra hielt inne und sah auf zu ihm. Sie erwiderte nichts, hüllte sich ein Schweigen. Doch ihre Augen waren so warm wie die Sonne, in der sie so gern gebadet hatte. Ihre Züge waren weich, als erwärme das Wasser nicht nur seine Muskeln sondern auch ihre. Nach ein paar Sekunden fuhr sie mit ihrer Arbeit fort bis sie mit seinen Zehen abschloss und zufrieden vom Zuber zurückwich. Geschmeidig erhob sie sich und holte eines der Handtücher, um es Zoras anzureichen.
      „Das sollte vorerst genügen“, sagte sie und sah ihn nur an, als er keine Anstalten machte, das Handtuch zu nehmen.
      „Ich vertraue dir.“ Er streckte ihr einen Arm entgegen.
      Ein Herzschlag verging, dann begann sie damit, seinen Arm abzutupfen. Immer wieder warf sie einen Blick auf sein Gesicht, um nicht zu verpassen, wenn ihm etwas missfiel. In ihrem Beisein würde er nicht frieren, sie hielt die Temperatur im Raum konstant gleichmäßig. So konnte sich die Phönixin auch hier genug Zeit nehmen, um ihr Werk zu einem Abschluss zu bringen. Als sie fertig war, schlug sie das Handtuch sichtlich zufrieden aus und legte es zur Seite. „Das war besser, als ich erwartet habe.“
      Ehrlicherweise hatte Kassandra mit mehr Widerstand gerechnet. Widerstand, den Zoras womöglich nicht vollständig hatte kontrollieren können. Das hätte sie ihm verziehen nach allem, was er durchgemacht hätte. Welche Sprache sein Körper sprach mit all den Geschichten auf seiner Haut.
      Schlussendlich fragte er sie, ob er ihren Gefallen erwidern dürfte. Kassandras Zögern, das nur einen weiteren Herzschlag andauerte, verriet mehr, als sie gewollt hatte. Obwohl ein findiger Beobachter wohl auch bemerkt hätte, wie sich ihre Mundwinkel leicht verzogen.
      „Wir... werden natürlich nicht schmutzig...“, gab sie zögerlich zu. „Aber das bedeutet nicht, dass ich die Geste nicht schätze.“
      Eigentlich hätte Kassandra von einer Sekunde auf die andere nackt sein können. Ihre Kleider hätten sich in Luft aufgelöst oder sie wäre aus einem Flammenmeer getreten. Aber etwas hielt sie davon ab, es so zu tun. Stattdessen zog sie ihre Arme aus den dehnbaren Ärmeln hervor und begann auf ganz klassische Art und Weise sich ihrer Bekleidung zu entledigen. Selbst als entfesselte Göttin trug sie noch Unterwäsche, die in Zoras' Augen vermutlich eher wie sehr spärliche Fetzen Stoff erscheinen mussten. Immer, wenn ein Stück Gewand den Boden berührte, ging es in hellen Flammen auf und löste sich praktisch in Luft auf. Als sie nur noch mit den Fetzen vor ihm stand, hielt sie ein. Der Stolz, der sonst ihr Begleiter war, war vollkommen verflogen. Von der Eitelkeit war rein gar nichts mehr zu sehen. Vielmehr wirkte sie klein, so wie sie dort vor ihm stand und mit einer Hand den Oberarm der anderen Seite umfasste.
      „Ich habe gedacht, dass du mich nicht mehr berühren willst nach dem, was Telandir mit mir gemacht hat. Dass du den Eindruck gewinnst, er habe mich beschmutzt“, offenbarte sie ihm seine Gedanken. Denn genauso fühlte sie sich. Beschmutzt und unrein. Etwas, das man nicht mehr begehrte weil es von jemand anderem verunreinigt wurde. „Ich wollte nicht, dass er in deiner Erscheinung mich so anfasst. Mir solche Worte ins Ohr flüsterte. Ich wusste ganz genau, dass du es nicht sein konntest, aber ich bin schwach geworden.“ Ich habe mich nach dir gesehnt.„Ich wusste es besser und habe ihn doch nicht abgewiesen. Bei euch heißt es doch, dass ich dich damit betrogen habe, oder nicht?“
      Kassandras Finger drückten sich fester in ihr eigenes Fleisch. Sie konnte ihm nicht weiter direkt ins Gesicht sehen, sondern fraß sich mit ihren Augen an dem Wasser im Zuber fest.
    • Eigentlich hätte es ein Angebot zu alten Zeiten willen werden sollen, eine schlichte Auflockerung ihrer beider Nerven, damit sie den Fokus auf etwas anderes als auf Zoras' Narben legen konnten. Aber in dem Moment, als Kassandra zögerte, nur eine Sekunde lang, nur so kurz, dass man es gut hätte übersehen können, ging Zoras auf, dass auch sie Narben auf sich tragen musste, die sie nicht so einfach herzeigen konnte. Es waren keine körperlichen Narben, sondern viel schlimmer.
      "Nur, wenn du das möchtest", schob er gleich hinzu, während er sich bereits darüber ärgerte, eine solche Frage gestellt zu haben. Es ging gar nicht darum, ob Götter schmutzig würden, genauso wenig wie es wirklich darum gegangen war, dass Kassandra ihn wusch. Er hätte es auch selbst machen können, so wie sie völlig dazu imstande war, sich auch selbst zu waschen. Er hätte etwas anderes fragen müssen und das wussten sie beide.
      Aber sie verzieh es ihm und einen Moment später begann sie, so wie er schon vorhin, sich aus ihren Klamotten zu schälen. Sie war langsam damit und Zoras - Zoras wurde mit einem Schlag bewusst, dass er seit vier Jahren keine Frau mehr in den Armen gehabt hatte. Ihm wurde auch bewusst, schon bei den nackten Armen, die sie präsentierte, dass dort vor ihm die Fantasie stand, die ihm seit vier Jahren jede Nacht Gesellschaft geleistet hatte. Dass nichts, nichtmal mehr ein Kleidungsstück ihn von Kassandra und ihrer makellosen, warmen Haut trennte. Dass er noch nicht einmal mehr machen müsste, als nur die Hand auszustrecken.
      Der Raum war mit einem Schlag nicht mehr warm, sondern zu heiß. Das Blut rauschte ihm durch den Körper und zwar an Stellen, an denen er es gerade nicht haben wollte, von dem er es abzuhalten versuchte, Götter, nicht jetzt. Er zwang sich zu einem kühlen Kopf, zu angespannten Nerven und dennoch verschlang er jeden Zentimeter Haut, den Kassandra ihm offenbarte, mit seinem Blick. Und als sie vor ihm stand, beinahe gänzlich entblößt, wären dort nicht sehr dünne Fetzen Stoff, die ihre süßesten Stellen noch verdeckten, strahlte sie eine Wärme aus, die ihn völlig im Bann hatte. Das Bad war unwichtig geworden. Alles war unwichtig, er konnte nur noch daran denken, Kassandra zu haben.
      Aber diese Gedanken verpufften mit einem Schlag, als sie das Wort erhob und er erst da erkannte, dass etwas ganz und gar nicht richtig war. Sein Blick schoss wieder empor zu ihrem Gesicht, Überraschung und Entsetzen darin gleichermaßen an der Vormacht. Noch nie zuvor hatte er so viel Sehnsucht danach verspürt, Kassandras Essenz wieder zu tragen.
      "Nein! Bei allen Göttern im Olymp, Kassandra."
      Diesmal hielt er seine zuckenden Hände nicht auf. Er umrahmte ihr Gesicht und er zog sie gleichzeitig an seine Brust, ein klitzekleiner Moment der Unaufmerksamkeit, in dem er seinem tiefsten Bedürfnis mehr nachgab. Es war jetzt vermutlich auch dem Bad und seinen entspannten Nerven zuzuschreiben, dass Kassandras Körper an seinem nichts weiter auslöste als die tiefe Wärme, die sie ausstrahlte.
      "Es heißt nicht, dass du mich betrogen hast, es heißt, dass Telandir dich schamlos ausgenutzt hat. Ich könnte niemals, niemals so von dir denken. Es ist Telandir alleine zuzuschreiben, was er getan hat, nicht dir. Niemals dir. Kassandra."
      Er nötigte sie dazu, zu ihm aufzusehen. Es widerstrebte ihm in sämtlichen Fasern seines Körpers, sie auf diese Weise zu sehen. Seine wundervolle, unbesiegbare Phönixin, zusammengesunken und verletzlich, ausgelöst von einem einzelnen Artgenossen. Er wollte sie beschützen vor den Erinnerungen, die sie plagte, wollte sie in seinen Armen einschließen und nie wieder zulassen, dass sie ein zweiter entführen und vergewaltigen würde. Er wollte sie vor der ganzen Welt beschützen, wenn es nötig wäre.
      "Er hat dich nicht beschmutzt. Hörst du mich? Er hat dich ausgenutzt und sich an dir vergangen und bei uns wäre er dafür ein toter Mann. Aber für mich bist du noch immer meine schönste, einzigartige, atemberaubendste Phönixin. Die hübscheste von allen, die intelligenteste von allen. Meine liebste, allerwerteste Haria. Ich werde niemals, niemals wieder zulassen, dass dir Leid widerfährt."
      Behutsam strich er mit dem Daumen über ihren Wangenknochen.
      "Es gibt nichts auf der Welt, was ich lieber machen wollte, als dich wieder bei mir zu wissen, als dich zu berühren und zu spüren und zu erfühlen in allen erdenklichen Weisen, die ich mir vorstellen kann. Ich möchte deinen Körper erkunden, ich möchte meine Erinnerung darüber auffrischen, wie es ist, dich in meinen Armen zu halten und dich unter mir und über mir zu wissen und wie es sich anfühlt, wenn du dich unter mir streckst und wie es sich anhört, wenn du meinen Namen seufzt. Ich möchte dich neu kennenlernen, weil vier Jahre eine verdammt lange Zeit sind und nichts von meinen Erinnerungen auch nur ansatzweise die Realität ersetzen kann. Und wenn ich könnte, wenn ich mir sicher sein könnte, dass mein Gesicht nicht plötzlich wie das von Telandir scheint, dann würde ich all das noch heute Nacht mit dir anstellen und auf Schlaf verzichten. Aber was ich unter keinen Umständen möchte, ist dich zu verletzen. Auf welche Weise auch immer."
      Genauso behutsam strich er über Kassandras Haarpracht, beobachtete, wie die Strähnen von ihrem Gesicht wegfielen, wie ihre hübschen, traurigen Augen zu ihm aufsahen. Er sprach absichtlich leise, so als könnte eine zu laute Stimme sie verschrecken.
      "Er hat schon genug Schaden angerichtet. Dabei ist er schon tot, er wird niemals wieder etwas tun können. Lass ihn tot sein und gib ihm nicht das Vergnügen, uns auch aus dem Jenseits heraus noch zu plagen. Ich liebe dich, Kassandra. Du bist meine wundervolle Göttin, das wird niemand jemals ändern können. Besonders nicht Telandir."
    • Gerade hatte Kassandra ihren Satz beendet, da brandete Zoras regelrecht auf. So sehr, dass sie unweigerlich zusammenzuckte und ihn doch wieder ansah. Sie tat es ein weiteres Mal, als er seine Hände an ihr Gesicht legte und sie dann an sich zog. Im Gegensatz zu ihm versteifte sie nicht, sondern ließ sich butterweich an ihn ziehen. Seine Haut an ihrer schien sie beide in Brand zu stecken, so heiß fühlten sich die Stellen an, wo sie sich berührten. Da fiel ihr wieder auf, wie sehr sich Menschen und Götter unterschieden. Telandir hatte sich nie so angefühlt, wenn er seinen Leib an den ihren gebracht hatte. Dieser Funke, der zwischen ihr und Zoras übersprang, war von Telandir nicht reproduzierbar gewesen.
      Am liebsten wäre sie noch länger so an seinen Körper gedrückt stehen geblieben, aber er löste sie ein wenig von sich, damit er in ihr Gesicht sehen konnte. In ihren Augen stand nicht mehr so stark die Scham wie noch Sekunden zuvor. Dafür schienen sie noch tiefer zu werden mit jedem Wort, das er an sie richtete. Nach ein paar Sätzen wurde klar, dass der Ausdruck in ihren rubinroten Augen nicht tiefer wurde, sondern dass sie glasig wurden. Weil sich Feuchtigkeit in ihnen sammelte, der Kassandra es verbot, sich ihren Weg aus ihren Augenwinkeln zu bahnen. Sie stellte fest, dass sie nicht das gleiche Zeitgefühl wie Zoras besaß und sich dafür schuldig fühlte. Weil sie nicht recht greifen konnte, wie lang vier Jahre für Menschen waren, die einer Illusion, einem Traum, hinterher jagten ohne zu wissen, ob man sie je einholen würde.
      Stattdessen präsentierte Zoras abermals seine Fürsorge für seine Phönixin. Dass auch er nicht vergessen hatte, dass sie unsichtbare Narben trug und sie hinter Flammen und Feuer zu verstecken wusste. Nur er durfte dahinter treten und sehen, was dort im Dunkel lauerte, gut versteckt vor neugierigen Augen. Mit absoluter Sicherheit konnte sie sagen, dass sein Gesicht niemals wie das von Telandir erscheinen würde. Nie wieder würde sie einer Täuschung so leicht verfallen und das schloss die Bilder in ihrem Kopf mit ein. Auf all diese Worte gab es nichts mehr zu sagen. Sein Standpunkt war vertreten und sie schalt sich dafür, ihn jemals angezweifelt zu haben. Also hob sie einen Arm, legte ihn um Zoras' Nacken und holte ihn zu sich herunter. Er hatte die Aufgabe bestanden, er war noch in tadelloser Verfassung nach dem Waschen, das hatte der kurze Augenblick vor ihren Zweifeln deutlich belegt. So belohnte die Phönixin den Mann mit einem Kuss, wie er ihn vermutlich schon länger erträumt hatte. Er begann leicht, als sich ihre Lippen trafen und seine dieses Mal nicht mehr so trocken und spröde waren. Dann lockte sie ihn mit ihrer Zunge, die sie über seine Unterlippe gleiten ließ. Fast augenblicklich öffnete sich sein Mund und sie folgte seiner Einladung. Ihre andere Hand legte sich an seinen Rücken, drückte sich an ihn während ihm ein kehliges Seufzen entwich. Sie verloren sich bestimmt eine halbe Minute in diesem einen Kuss ehe Kassandra ihre Lippen von seinen löste und sich abschließend mit der Zunge über die eigenen Lippen fuhr. Ihre Nasenspitzen berührten sich noch immer, ihre Lider waren halb geschlossen als sie gegen seine Lippen hauchte: „Wolltest du mich nicht waschen?“
      Sicherlich hatte Zoras nicht bemerkt, dass in der Zwischenzeit die letzten Fetzen Stoff von Kassandras Körper verschwunden waren. Dass sie nackt an seinem entblößten Leibe stand, eng an ihn geschmiegt und in der Lage, jedes bisschen Regung von ihm sofort zu bemerken. Es war noch immer ein Balanceakt, aber jetzt bewegten sie sich auf einem Seil, das nur noch zwei Meter über dem Boden gespannt war, und keine zwanzig Meter mehr. Das Wasser in dem Zuber war noch immer warm. Wobei warm eigentlich untertrieben war, denn es sprudelte. Leicht, aber die etlichen kleinen Bläschen waren nicht zu übersehen. Ausgelöst durch Kassandras Emotionen, durch den Kuss, durch die Nähe, hatte das Wasser an Temperatur zugelegt und sprudelte nun, völlig irrsinnig wenn man die hiesigen Temperaturen bedachte. Allerdings würde das für die feurige Phönixin kein Hindernis darstellen.
    • Zoras bekam keine Antwort mehr. Vielleicht gab es keine richtige Antwort auf den überschwenglichen Wortschwall, den er gerade auf Kassandra einregnen gelassen hatte, vielleicht wusste sie auch nicht, was sie darauf hätte entgegnen sollen. Ihre Handlung sprach dafür aber Bände an sich, als sie den Arm um seinen Nacken legte und ihn zu einem Kuss zu sich zog.
      Die Welt schrumpfte auf ihre Lippen zusammen. Alles, ausnahmslos alles wurde unbedeutend neben der sengenden Hitze, die sich auf Zoras' Mund legte und nur eine einzige Quelle hatte. Er wollte gar nichts anderes mehr fühlen oder hören als Kassandra, er wollte, dass sie hier und jetzt im Nichts verschwanden und dass es nur noch sie beide gäbe, ungestört von sämtlichen äußeren Einflüssen. Er wollte so sehr in diesem Kuss aufgehen, wie es ihm nur möglich war.
      Ihre Zunge überraschte ihn, die leichte Berührung an seiner Lippe, die ihm einen Schauer durchs Rückgrat sandte. Er gehorchte sofort, öffnete sich für sie, lud sie zu ihm ein und es war alles, was er sich jemals gewünscht hatte. Es war Kassandra in ihrer Vollkommenheit, die sich an ihn presste und ihn eroberte und Zoras ließ sie, er wollte gar nichts mehr anderes. Für ihn gab es nichts mehr als Kassandra und die eindeutige Gewissheit, dass auch sie ihn noch immer wollte, vier lange Jahre hin oder her.
      Wage war er sich des Geräuschs bewusst, das sie ihm entlockte und das allenfalls in seinen Anfangszügen war, von dem sich noch viel mehr in seiner Brust aufstaute. Sehr deutlich war er sich bewusst, dass spätestens jetzt jede Hoffnung auf Besserung verloren war. Sein Unterleib glühte mit der Hitze zweier aneinander gepresster Körper, bei denen ihm die Reibung ganz sicher nicht half oder die weiche Haut oder der Atem an seiner Wange oder die Rundungen, die sich an seine Brust drückten. Seine Hände fanden ihren Weg von ganz alleine zu Kassandras Rücken, strichen ihr dort entlang, hielten sie von ganz alleine fest, er hatte nun wirklich keine Kapazität mehr zum Denken. Alles, was er denken konnte, war Kassandra.
      Nichts hätte ihn davon abhalten können, die Phönixin zu ergreifen, hochzuheben und hinüber ins Bett zu tragen. Selbst, als sie sich von ihm löste, damit beide einen dringend benötigten Atemzug nehmen konnten, jagte er ihren Lippen noch immer nach. Erst ihre Worte ließen ihn selbst innehalten.
      "Oh. Wollte ich das?"
      Er richtete sich wieder ein Stück auf. Er blickte an ihnen beiden hinab und -
      "Götter, Kassandra."
      In seinem Unterleib prickelte es von einem erneuten Schauer, der ihm durch den ganzen Körper zog. Er beugte sich hinab, legte die Lippen an ihre Schulterbeuge, küsste ihre weiche Haut, wollte sich einen Weg zu ihrer freigelegten Brust hinab küssen, seine Hände wanderten bereits weiter nach unten, er wollte Kassandra, nichts anderes. Dann setzte er aber in einem Moment der Klarheit abrupt wieder ab, löste eine Hand von ihrem Rücken und fuhr sich stattdessen damit übers Gesicht.
      "Entschuldige. Waschen, ja. Okay."
      Blind angelte er nach ihrer Hand, ergriff sie und ließ sie sich vollständig von ihm lösen, was sein Schicksal besiegelte, weil er jetzt sehen konnte, dass Kassandra definitiv völlig nackt war. Ehrlicherweise wusste er nicht, ob er eine ganze Waschroutine so wie sie aushalten könnte. Er würde es versuchen aber... Götter, sie war wirklich noch so wunderschön wie damals, wenn nicht sogar besser. Wenn nicht um tausendfach besser, weil sie jetzt wieder bei ihm war und weil es diesmal keine Zeit gab, die sie irgendwann wieder auseinanderreißen würde. Weil sie jetzt bei ihm bleiben würde.
      Er hielt ihr unnötigerweise die Hand, während sie in den Zuber stieg, wo das Wasser bereits angefangen hatte zu kochen. Der Dampf breitete sich in dem winzigen Raum rasend schnell aus und brachte Feuchtigkeit mit sich. Zoras fühlte sich in etwa so heiß wie das Wasser sein musste.
      Kassandra setzte sich. Sie gab ihm den Genuss, das Wasser an ihrer makellosen Haut entlang laufen zu sehen, über ihre Brüste, ihren Bauch, zwischen ihren Schenkeln. Zoras wollte nicht starren, aber auch für Willen gab es mittlerweile nicht mehr genug Blut in seinem Kopf. Stattdessen versuchte er, es nicht ganz so auffällig zu gestalten.
      "Himmel, du bist wunderschön, Kassandra. Ich kann kaum glauben, dass ich dich wirklich wieder bei mir habe. Es ist fast wie ein Traum."
      Er nahm sich den Lappen, tauchte ihn in das Wasser und begann auch bei ihren Schultern. Liebevoll, als wäre ihre Haut etwas heiliges und er der segende Priester, fuhr er ihr die Arme entlang, über ihr Schlüsselbein, ihre Brüste, ihren Bauch. Als er unten angekommen war, lehnte er sich nach vorne, stützte sich mit beiden Armen im Wasser ab und suchte nach dem nächsten Kuss. Kassandra erbarmte sich seiner und lehnte sich ihm entgegen, diesmal aber für einen kürzeren Kuss. Es prickelte trotzdem auf seinen Lippen und als er sich wieder zurückzog, stand ihm ein Lächeln im Gesicht.
      "So wunderschön."
      Er umgarnte auch ihre Beine, wusch sie, küsste sie, verehrte sie. Die ganze Prozedur dauerte viel länger als sie müsste, aber Zoras konnte einfach nicht anders. Eine Mauer war gefallen und er sah sich unfähig dazu, sie in naher Zukunft wieder aufzurichten.
      Hinterher trocknete er sie ab, verlor aber auf halbem Weg den Faden, als sie ihm einen neuen Kuss gestattete und ihn jetzt nichts mehr daran hinderte, die Arme um sie zu schließen und die Phönixin so fest an sich zu pressen, wie es ihm möglich war. Ihre Küsse waren Feuer und Zoras ließ sich auf jede nur erdenkliche Art verbrennen. Er wollte sie und mittlerweile machte er keinen Hehl daraus, sie diese Tatsache mit jedem Atemzug und jedem Keuchen wissen zu lassen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Codren ()

    • Kassandra schmunzelte noch in direkter Nähe zu Zoras' Lippen. „Ja? Zumindest wolltest du mir den Gefallen erweisen“, erinnerte sie ihn ehe er sich ein wenig aufrichtete und seinen Blick an ihr herab wandern ließ. Für einen winzigen Moment überkam sie der Drang, sein Kinn zu ergreifen und seinen Blick auf ihr Gesicht zu zwingen. Ganz kurz nur, solange, wie die Unsicherheit währte. Doch sein Ausruf ließ diese Gedanken so kurz bleiben wie sie gekommen waren. Mit großen, roten Augen sah sie an, sie sah nicht nur, was er fühlte, sondern spürte es auch direkt vor sich. Seine Aura untermalte diesen Eindruck nur noch. Vorhin war sie bereits einmal kurz ausgeschlagen und hatte sich dann wieder in die ebenmäßige Kontur geglättet, wie sie oft um seinen Körper lag. Nun jedoch pulsierte sie wie ein eigenes Lebewesen. Schneller als sie es wartet hatte, war sein Kopf an ihrem vorbei getaucht und siedend heiße Lippen lagen an ihrer Halsbeuge. Wie von selbst neigte sich ihr Haupt ein wenig zur Seite, um ihm mehr Platz zu gewähren, den er gar nicht brauchte. Seine Hände malten den Weg seiner Lippen bereits und ihr gesamter Körper erschauderte kurz bei der Vorstellung daran.
      Doch dann hörte er plötzlich auf und Kassandra riss ihre Augen auf. Ihr war vollkommen entgangen, dass sie sie überhaupt geschlossen hatte. Sie war vollkommen in seiner Aura ertrunken und hatte sich vom Strom treiben lassen. Jetzt blinzelte sie als sich Zoras über das Gesicht fuhr und eine unmenschliche Fassung zur Schau stellte. Jedenfalls solange, bis sie einen Schritt zurücktrat und er ihren unverhüllten Körper sah. Sofort schlug seine Aura wieder in Spitzen aus und das Schmunzeln kehrte in Kassandras Gesicht zurück, als sie sich an ihrer Hand in den Zuber geleiten ließ. Sie ließ es völlig unkommentiert, wie er sich an ihrem Körper satt sah und nahezu jeder einzelnen Wasserperle folgte, die sich ihren Weg über diesen göttlichen Körper bahnte.
      „Soll ich dich kneifen damit du weißt, dass es kein Traum ist? Und es kein böses Erwachen gibt?“, fragte sie während er noch ihre Arme anbetete und sie sich nach hinten lehnen konnte. „Nur könnte es sein, dass ich ein wenig zu fest kneife.“
      Damit auch sie wusste, dass es kein Traum oder Trug war.
      Das eigentlich kurz angedachte Bad entwickelte sich zu einer ausgewachsenen Waschung. Zwischendurch spielte die Phönixin bereits mit dem Gedanken, Zoras zu erlösen und ihm zu sagen, dass er aufhören konnte. Aber da war er bereits schon weiter gewesen, hatte einen weiteren Kuss aufgedrückt oder eine Stelle besonders aufmerksam gewaschen. Schließlich fand es doch ein Ende – immerhin war ihr Körper endlich – und sie erhob sich aus dem Wasser. Sie streckte ihm abwechselnd ihre Gliedmaßen entgegen, damit er sie trocknen konnte. Seine Augen über ihrem Körper waren wie Tiere, die ihrer Beute nach hetzten bis sie sie am Ende stellten. Aber das störte Kassandra nicht. Eher sogar das Gegenteil war der Fall, denn dies war immer wieder die Bestätigung, dass er sie noch immer begehrte. Dass seine Worte stimmten und sie in seinen Augen nicht weniger wert war. Er hatte gerade einmal ihren Oberkörper zu trocknen geschafft, da brach seine Kontrolle. Das Handtuch wurde hinter ihren Rücken geknüllt und ihr ganzer Leib an seinen gepresst. Ihre Lippen fanden sich erneut und langsam waren die vorsichtigen Annäherungen aufgebraucht. Sie suchten nicht mehr sorgsam gegenseitig ihre Lippen, ein Nachdruck hatte sich eingeschlichen. Unlängst zeichnete er sich hart gegen ihren Unterbauch ab und blitzschnell schoss ihr ein Gedanke in den Sinn: Hatte er in den vier Jahren keine andere Frau zu Bett getragen?
      Kassandra brach den Kuss ab und befreite sich aus Zoras' Griff. Da war ein Feuer in ihre Augen eingekehrt, dass sie eigentlich vor Jahren selbst verloren geglaubt hatte. Aber es war noch da, brannte für Zoras und nicht für Telandir oder wen auch immer. Dieses Feuer zu erblicken war sein Privileg. Es lag nur ihr Atem in der Luft, keine Worte und nur vielsagende Blick. Dann fasste sie nach seiner Hand und führte ihn aus dem Waschraum wieder herüber zum Hauptzimmer und zum Bett. Nach außen hin wirkte sie vielleicht gefasst, tatsächlich aber war Kassandra nervös. Eine kleine Spur Nervosität, die sich in jede ihrer Handlungen eingenistet hatte und sich nie komplett vertreiben ließ.
      Vor dem Bett ließ sie ihn los, drehte sich um und ließ sich auf die Bettkante sinken. Von dort sah sie zu ihm auf, ließ den Blick über seinen gezeichneten Körper wandern, über das unbestreitbare Zeichen, dass er sie wollte. Das, wenn sie es genauer betrachtete, tatsächlich von Narben verschont geblieben war. Warum hatte man ihm da nichts angetan? Weil er es... noch brauchte?
      Sachte schüttelte sie den Kopf. „Bist du dir sicher? Dass du es aushalten kannst? Denn sonst zieh hier den Schlussstrich und ich verspreche dir, ich nehme es dir nicht übel. Wir haben einander. Wir haben Zeit. Niemand drängt uns“, versicherte Kassandra ihm sanft, wobei sie um seine Antwort bereits wusste und ihm die Hand auf seinen Hüftknochen legte. Sie folgte der Erhebung zu seinen Lenden bevor sie nur mit den Fingerspitzen über seine Länge fuhr. Ihr Blick zuckte zu seinem Gesicht hoch. Erwartungsvoll. Abschätzend.
    • Allein der Blick, der in Kassandras Gesicht loderte, wäre schon alles wert gewesen, das ganz alleine. Da war ein Feuer in ihren Augen, das Zoras schon einmal kennengelernt hatte, das jetzt aber mit einer Intensität glühte, das alles andere in den Schatten stellte. Immerhin gab es jetzt keine Grenzen der lodernden Flammen mehr, die sich in diesen tiefroten Augen abspielten.
      Er leckte sich die Lippen, bewahrte sich jeden letzten Rest von Kassandra auf, bevor sie seine Hand ergriff. Eigentlich hätte der Weg vom Waschraum hinüber nicht lange sein dürfen, kaum fünf Schritte, die sie ernsthaft vom Bett trennten, aber kaum, als sie den Dampf hinter sich gelassen hatten, legte sich eine Kühle auf Zoras' Brust, die sich anfühlte, als hätte er das Zimmer verlassen. Fast wäre er stehengeblieben und hätte sie gebeten, dass sie drüben bleiben würden, in der kleinen Höhle, die sie sich geschaffen hatten. Aber gleichzeitig musste er sich fragen, woher dieser Gedanke nun wieder gekommen war und schob ihn beiseite.
      Kassandra ließ ihn beim Bett los und setzte sich, aber auch an ihr schien etwas vonstatten gegangen zu sein, kaum als sie die Schwelle der Räume übertreten hatten. Das Feuer in ihren Augen war noch immer da, aber vielleicht lag es auch an Zoras' eigener Einbildung, dass es eine Spur Farbe verloren hatte. So als war es sich nicht sicher, ob es in diesem Raum, zu dieser Zeit wirklich so stark wüten konnte, wie es das wollte.
      Aber auch das schob er beiseite in seinem eigenen Verlangen danach, mit Kassandra das Bett zu teilen. Es war so, so lange her und auch wenn sie es ihm versicherte, er konnte nicht länger warten. Es war ihm ganz egal, wie viel Zeit ihnen noch bliebe, er fand sich außerstande dazu, jetzt aufzuhören.
      "Ich bin mir sicher. Es geht mir gut, Kassandra, wirklich. Ich will dich, nichts anderes."
      Nun endlich, was wohl eine Ewigkeit gedauert zu haben schien, folgte ihre Hand dem abschätzenden Blick, dem sie ihn bereits unterzogen hatte und von dem er sich bis zuletzt nicht sicher gewesen war, was er davon halten sollte. Schließlich warf er sogar einen beunruhigenden Gedanken auf: Wollte sie ihn auch immer noch? Selbst mit der Narbe ihres Artgenossen unübersehbar auf seiner Brust und wulstigen, verhärteten Narben, die sich über genauso raue Haut zogen? Er hatte damals Kampfnarben gehabt, aber es waren nicht so viele gewesen und er hätte zu jeder eine Geschichte erzählen können. Von diesen hier konnte er es nicht, selbst wenn er es gewollt hätte.
      Ihre findige Hand gab ihm aber zumindest eine Antwort, auf die er mit seinem zuckenden Glied selbst antwortete. Ihre Berührung war hauchzart und beschwörte trotzdem einen Schauer, der ihm die Wirbelsäule herab fuhr. Er holte einen Atemzug und trat näher an sie heran.
      "Wirklich. Es gibt nichts, was ich jetzt mehr begehren könnte."
      Ihre Augen setzten sich auf seinen fest, suchend, vielleicht lockend. Hätte er gewusst, wie Kassandra seine Aura wahrnahm, hätte er sein möglichstes getan, um ihr zu zeigen, wie sehr er sie haben wollte, wie sehr er diesen Moment in all den Jahren herbeigesehnt hatte. Auch jetzt noch raste ihm sein Herz vor gespannter Euphorie und in seinem Magen kribbelte es. Er hob ein Knie auf den Bettrand, um sich weiter nach vorne zu lehnen, stets Kassandra nach, die sich von ihm zurückdrängen ließ. Ihr ganzer Körper streckte sich unter ihm aus, einladend, verführerisch, ein Traum, der ihm in Erfüllung ging. Er kroch ihr nach und zog zuletzt die Decke ein Stück über ihrer beider Körper.
      "Ich sage Stop, wenn es zu viel wird. Und du auch, okay? Niemand wird irgendwem etwas übel nehmen."
      Sie bestätigte es ihm. Er lehnte sich weiter vor und ihre Lippen fanden endlich wieder zueinander.
      Sie machte ihm zwischen ihren Beinen Platz. Er legte sich auf sie, aber nicht mit seinem vollen Gewicht, nicht einmal jetzt, als volle Göttin. Er stützte sich ab, aber es war dennoch genug, dass ihr Bauch gegen seinen streichelte, dass ihre Brüste sich an seine Brust drückten, dass ihre Schenkel an seiner Hüfte lagen. Ihm war jeder einzelne Fetzen Haut, der ihn streichelte, vollkommen bewusst, die ganze Länge entlang, ihre Hände, die sich ganz behutsam an seine Arme schmiegten, ihr Kinn, das unter den Küssen an seinem eigenen jetzt rasierten entlang strich. Ihr Atem an seiner Wange, die Wärme die sie ausstrahlte, zu jeder Sekunde, eher noch die Hitze. Die Bewegung ihres Bauches, wenn sie einatmete und seinen Bauch deutlicher streifte. Ihre Haare, die sich teilweise zu seinen Armen verirrt hatte.
      Sein Herz raste. Er küsste sie, fest und ohne Zurückhaltung, drückte ihren Kopf dabei auf die Matratze. Er nahm sich diesmal den Luxus, seine Hand an ihren Hals zu legen und der Spur ihres Körpers zu folgen, hinab zu ihren weichen Brüsten, zu der Kurve ihrer Taille, zwischen sie beide hinab zu ihrem Geschlecht. Er setzte seine Küsse aus, verharrte so dicht an ihren Lippen, dass er ihren Atem spüren konnte, damit er die Veränderung genau spürte, als er die Finger zwischen ihre Lippen führte und erkundete, wonach er sich so sehr verzehrte. Die Hitze zwischen ihren Schenkeln war verheerend, ein Feuer, an dem er sich gut verbrennen könnte. Und Zoras stachelte es nur weiter an, ließ seinen Finger in sie gleiten, nährte sich an der deutlichen Lust, die die Phönixin im Griff hatte.
      Seine Narben begannen zu brennen.
      Er ignorierte das Gefühl, schob sich weiter in Kassandra vor, glitt gleichzeitig an ihrem Gesicht vorbei und zu ihrem Ohr, küsste die weiche Haut dahinter. Öffnete den Mund und fuhr mit den Zähnen nach unten ihren Hals entlang. Labte sich an sämtlichen Regungen, an jedem Geräusch, das Kassandra dabei verursachte.
    • Es gab nicht einen einzigen Funken Zweifel an dem, was Zoras Kassandra sagte. Seine Worte waren frei von Lügen, seine Haltung aufrecht, seine Aura gleichmäßig. Allein der Ton seiner Stimme hätte genügt, damit die Phönixin ihm glaubte, dass er in diesem Augenblick vielleicht sogar die Luft zum Atmen verweigert hätte. In seinen dunklen Augen lag diese bestimmte Dunkelheit, ein uralten Verlangen, gar Begehren, das so anders war wie die roten Augen eines verschiedenen Phönixes. Auch sie hatten das begehrt, was sich vor ihnen ausgebreitet hatte, doch ihm wurde nie das zuteil, was Zoras unlängst besaß. Gefühlt eine Ewigkeit sahen sich Kassandra und Zoras nur an. Dann setzte er sein Knie auf die Matratze und die Phönixin wich zurück. Langsam, seinem Tempo entsprechend, sodass es eher eine wortlose Lockung als eine Flucht war. Sie ließ sich auf ihre Ellbogen sinken, schlussendlich auf den Rücken bis sich Zoras' größerer Leib über sie schob. Seine Körperwärme sprang direkt auf Kassandra über, eine Gänsehaut rollte über ihre Haut hinweg noch bevor er die Decke leicht über sie beide gezogen hatte. Gemächlich öffnete sie die Beine für ihn, damit er bequem zwischen ihnen Platz finden konnte. Überdeutlich spürte sie, wie sehr ihn allein der Anblick und die Verheißung schon anstrengte und sie lächelte sanft als sie bemerkte, dass er noch immer nicht sein volles Gewicht auf sie hinab ließ.
      „Natürlich.“ Ein Wort, mehr brachte sie nicht hervor während sie so zu diesem Mann aufsah. Ohne seinen Bart und frisch rasiert wirkte er tatsächlich nicht mehr wie das Spiegelbild, das ihr noch immer im Kopf herum spukte. Der Herzog von einst, mit dem Telandir sie getäuscht hatte, war nicht mehr. Aber die Augen waren die gleichen. Die Form war die gleiche. Seine Stimme war es. Es mochten noch so viele Narben seine Haut entstellen, sie taten rein gar nichts gegen diese hell leuchtende Aura und Augen, die sie mit Haut und Haar verschlingen mochten.
      Kassandra vergaß sich in dem Kuss, in den Zoras sie nun verwickelte. Sie schloss die Augen und tastete nach seinen Armen, um mit ihren Fingerspitzen Kreise auf seiner Haut zu zeichnen. Immer wieder atmete sie besonders tief ein, damit sich ihre Brust an seine presste und sie diesen wunderbaren Herzschlag bis zu ihr spüren konnte. Wie es raste, wie es kräftig schlug und manchmal vielleicht sogar seinen Rhythmus kurz vergaß. Das Zeichen, dass er alles bis hier her überlebt hatte. Das nicht einmal Telandir es vollbracht hatte, dieses Herz zum Halten zu zwingen.
      Jegliche Gegenwehr war von Anfang an zum Scheitern verursacht. Mit ähnlichem Nachdruck begegnete sie seinen Lippen, ließ sich von ihm weiter in die weiche Matratze drücken während sie langsam vergaß, wo sie eigentlich war. Alles in ihrer Wahrnehmung bestand nur noch aus Zoras. Seinem Körper, seinen Lippen, seiner Aura, seiner Wärme, alles. Kassandra winkelte ihre Beine an, die Knie eng an seine Hüfte gedrückt. Dann tauchte eine Hand an ihrem Hals auf und folgte ihrer natürlichen Körperlinie. Hinab über ihre Brust, wo sie viel zu kurz nur verharrten, weiter abwärts zwischen sie beide.
      Kassandra hielt sie Luft an. Zeitgleich damit unterbrach Zoras den Kuss, doch er schwebte nur Millimeter über ihren Lippen. Dafür konnte die Phönixin ihre dichten Wimpern nicht aufschlagen. Vor ihrem geistigen Auge malte sie den Pfad, den seine Finger gerade bestritten. Ihre Knie drückten sich noch fester an ihn in dem kläglichen Versuch, doch ihre Beine vor ihm zu verschließen. Aber die Verheißung, die Versuchung, ließ sie es nicht mit der Kraft tun, die sie zur Verfügung hatte. Unaufhaltsam wagte sich Zoras vor bis er ihre Scham erreicht hatte und Kassandra den angehaltenen Atem scharf ausstoßen musste. Sein Mund war ihrem noch so nah, dass sie spüren konnte, wie ihr Atem von ihm abprallte. Nun war ihr Herz an der Reihe, zu rasen. Bis zu dem Augenblick, als er nur einen einzigen Finger in sie gleiten ließ.
      Kassandra biss sich auf die Unterlippe und widerstand dem Drang nicht, den Kopf in den Nacken zu legen. Es war nur ein verdammter Finger, er füllte sie ja nicht einmal ansatzweise aus, aber dieses Gefühl... Diese Vorsicht im fragilen Spagat mit der Lust war unverkennbar für Zoras. Ihre Finger bohrten sich in seine Arme während sie Geist und Körper in Einklang brachte. Viel Zeit dafür ließ Zoras ihr nicht, denn er forderte mehr Raum ein, fiel mit einer unglaublichen Zuneigung über sie her, dass sie darüber hinaus beinahe vergaß, wer sie selbst sein sollte. Hier war sie nicht die Göttin über schwarzes Feuer und die Luft. Hier war sie seine Geliebte, seine Haria, die er endlich nach vier langen Jahren wieder berühren durfte.
      Als er mit den Zähnen an ihrem Hals abwärts glitt konnte sich Kassandra einem leisen Stöhnen nicht mehr erwehren. „Mehr“, raunte sie. Ein unklarer Befehl. Wovon mehr? Zoras konnte ihr von allem so viel mehr geben, doch es glich an ein Wunder, dass er verstand, was sie damit meinte. Ein Finger reichte ihr nicht aus und so versenkte er einen zweiten in ihre, ohne auch nur eine Sekunde den Kontakt von Zähnen und Haut zu lösen. Prompt bog sie leicht ihren Rücken durch, präsentierte ihm regelrecht ihre Brust, wo einst sein Kolibri geruht hatte.
    • Zoras konnte nicht genug von jeder einzelnen Regung bekommen, die Kassandra ihm offenbarte. Jeder seiner Sinne war vollkommen auf sie eingestellt, alles darauf ausgerichtet, Kassandra und nur sie alleine wahrzunehmen. Ihr heißer Atem, der ihm am Ohr entlang strich, der hörbare Atemzug, ihre Stimme, ganz fein und leicht, ein Geheimnis, nur für ihn alleine. Der Geruch ihrer Haare, ihres Halses, ihrer Haut, die ungebändigten Winde einer gigantischen Landschaft, frei, wild und voll lebendigem Feuer, ein Eindruck von Weite und Tiefe, Höhe und Unendlichkeit, alles Kassandra. Ihre Finger, die sich in seine Arme bohrten, ein dumpfer Schmerz, der kaum seiner Beachtung wert war. Die glühende Hitze zwischen ihren Beinen, der unmissverständliche Beweis ihrer Lust, den Zoras nur noch weiter entlockte. Die Muskeln ihrer Beine, die sich an seinen Hüften anspannten und wieder entspannten, die Bewegung ihrer Brüste, wann auch immer sie Atem holte.
      Seine Narben loderten bei jeder Berührung auf.
      Er gewährte ihr den Wunsch, auch wenn er selbst gar nicht wusste, was von mehr er ihr geben sollte. Es gab nichts, was er ihr noch hätte geben können, sie hatte bereits alles von ihm: Seinen Körper, seinen Geist, sein Herz. Alles, was ihnen bleiben könnte, wäre die Zweisamkeit ihrer Lust, die sie in diesem Moment aneinanderband.
      Als er seinen zweiten Finger in sie einführte, reagierte ihr ganzer Körper darauf, eine Belohnung dafür, dass er gehört hatte. Und auch, wenn sie diesmal keine Worte dafür fasste, konnte er doch ihren nächsten Wunsch so deutlich ablesen, als hätte sie ihm ins Ohr geflüstert. Er küsste sich weiter hinab, presste seine Lippen auf weiche, zuckende Haut, erspürte Kassandra auch mit diesem Sinn. Er erreichte ihre Brüste, seine Finger in einem langsamen, fast trägen Rhythmus, angemessen für das Tempo, das er angeschlagen hatte, fast schon andächtig. Seine Zunge erfasste Kassandras Nippel und er war angekommen, es gab nichts Schöneres, das war es, das war sein Himmel, hier wollte er sein und nirgendwo anders, nur bei Kassandra, auf Kassandra, in Kassandra. Das war es, wonach sein Herz sich sehnte, nichts anderes. Kassandra war sein Lebenselixier.
      Ihr Daumen bewegte sich auf seinem Arm und ein Stich fuhr ihm durch den Körper, als hätte er plötzlich realisiert, dass hier Gefahr auf ihn lauerte.
      Die Bewegung hätte minimal sein müssen, kaum genug, um ihm aufzufallen. Es wäre ihm auch gar nicht aufgefallen, bis auf die Narben, die unter Kassandras Berührung protestierten, wäre da nicht etwas an ihrem neuen Griff gewesen, das ihn abschreckte. Etwas bestimmtes. Etwas endgültiges. Ihre Hand lag jetzt dort und egal, was er versuchen würde, sie würde dort bleiben, an der einzigen Stelle seines Körpers, die von was auch immer folgen mochte, verschont bleiben würde. Nur wegen der Hand.
      Er stockte in seinen Bewegungen, nicht mehr, bloß eine ganz kurze Unterbrechung, und richtete sich ein Stück auf. Die Bewegung sorgte aber für eine Kettenreaktion, denn die Hand würde bleiben, sie würde nicht weggehen, sie würde ihn festhalten und es würde nichts gutes folgen, es kam niemals etwas gutes, die Hand war schließlich nur eine von zwei. Aber als er sich weiter aufrichtete, ein bisschen schneller, ein bisschen zielgerichteter, und seinen Arm dabei mit sich zog, fiel die Hand von ihm ab. Die Finger lösten sich von ihm und er empfand fast augenblicklich Erleichterung bei der Kälte, die jetzt an ihrer Statt auf seinem Arm lag.
      Er richtete sich weiter auf und blickte Atem schöpfend auf Kassandra hinab. Ihr Geruch lag noch immer in seiner Nase, hüllte ihn ganz in sich ein, genauso wie die pulsierende Hitze, die jetzt von ihr ausging. Allerdings hatte auch sie jetzt die Augen wieder geöffnet und beobachtete ihn eingehend.
      "Entschuldige", flüsterte er sanft, griff sich ihre Hand, beugte sich wieder über sie, küsste ihren Handrücken. Er platzierte ihre Finger in seinem Haar, eine neutrale Zone, und gab sich dem unsichtbaren Zug hin, der ihn zu ihr lockte. Er neigte sich zu ihr herab, küsste sie warm und eindringlich und setzte dann wieder ab.
      "Vorsichtig. Okay?"
      Vorsichtig. Er musste es für sich selbst noch einmal wiederholen, damit es auch wirklich ankam. Vorsichtig.
      Die aufbrodelnde Panik verschwamm. Kälte wurde von Wärme ersetzt und aufkeimende Erinnerungen von Kassandra, als er seine Finger vorsichtig aus ihr herauszog und stattdessen sein eigenes Glied ansetzte. Nervosität keimte auf, Anspannung und Vorfreude, allesamt Gefühle, die er so sehr willkommen hieß wie all die Liebe und Zuneigung, die er für seine Göttin im Moment aufbringen konnte. Ein Blick bezeugte ihm, dass es Kassandra ähnlich ging.
      Er setzte an und Stück für Stück, Zentimeter für Zentimeter schob er sich in die heiße, feuchte Glut, die zwischen ihren Beinen loderte, ein Inferno aus Empfindungen, das ihn völlig beanspruchte. Er hatte sich selbst nicht berührt in den letzten Minuten - ein deutlicher Fehler, weil die Begierde jetzt zu jeder Sekunde aus ihm herauszubrechen drohte. Sein Atem wich ihm aus der Brust und er lehnte sich ein bisschen zu sehr auf die Phönixin unter ihn, aber das bemerkte er gar nicht, nicht bei dem Hochgefühl, das ihn zu schmelzen drohte. Blind senkte er den Kopf wieder und verlangte nach Kassandras Lippen, nach dem letzten Puzzleteil, das ihn zusammenfügen würde.
      Seine Narben schmerzten an jeder Stelle, an der Kassandras Haut über seine streifte.
    • Kassandra war ein Geschöpf des Feuers. Sie gebot über Flammenheere in all ihrer Pracht und jedwede Temperatur. Aber nichts war vergleichbar mit dem Feuer, das Zoras gerade in ihr entfachte. Sie wollte sich dagegen wehren, den kühlen Kopf im Sinne der Vorsicht noch ein bisschen länger beibehalten, aber seine Zunge machte alles zunichte. Mit einer Finesse, die sie ihm ungeübt gar nicht zugeschrieben hätte, liebkoste er ihre Brustwarze und ihre Finger an seinen Armen wurden eindringlicher, fester. Er hatte sie dermaßen in seiner Gewalt, dass ihr zunächst gar nicht auffiel, wie er einmal stockte. Sie hätte es einer neuen Aktion zugeschrieben, eigentlich allem, was auch nur im Entferntesten mit ihrer Liebelei zu tun hatte. Aber als sich sein Gewicht von ihr entfernte, nur ein bisschen, geriet auch das Feuer in ihrem Inneren ins Stocken. Die züngelnden Flammen schrumpften obzwar der Verwirrung, die sich in ihr meldete.
      Erst als sich Zoras noch weiter aufrichtete, weg von ihr, flogen ihre Augen auf. Ihre Hand rutschte von seinem Arm als er sich ihr gnadenlos weiter entzog und seine fehlende Körperwärme sie wie tausend Eiszapfen traf. Nichts war mehr von der Lust auf ihrem Gesicht zu sehen, nur die Ausläufer ihres erhöhten Atems zeugten von dem, was Sekunden zuvor stattgefunden hatte. Ihre Augen waren groß und endlos, teilweise besorgt als auch erschüttert, vollkommen auf Zoras' Gesicht fixiert. Jetzt in diesem Augenblick fühlte sie sich nackt, so nackt, wie sie es gerade auch war. Beraubt der schützenden Schichten, die sich um ihr Selbst gesponnen hatten und nun zeigten, wie sehr es sie doch mitnahm, dass leichteste Berührungen an seinem Arm von ihr ausgereicht hatten, damit er auf Abstand ging. Damit er flüchtete.
      Seine Entschuldigung reichte nicht aus, damit Kassandra diesen kurzen Augenblick des Schocks vollends verdauen konnte. Sie hatte es geahnt, sie hatte es befürchtet und am Ende genau das erfahren. Sie wusste, wieso er so reagierte und auch, was genau diese Entschuldigung galt. Trotzdem wirkte ihre Hand starr in seiner, als er sie ergriff und ihr einen Kuss auf den Handrücken drückte. Noch während er ihre Hand in sein Haar geleitete, betrachtete sie seine Aura und verlor beinahe die Lust an all dem. Seine Aura war ein heilloses Durcheinander. Ein Chaos höchster Güte, ausgelöst durch so tiefe Ängste, das kein Bewusstsein dieser Welt diese Aura wieder glätten mochte. Immer wieder brachen Spitzen aus dem unruhigen Rand heraus, Spitzen der Panik und Angst, wie sie erkannte. Ausgelöst durch ihre Berührungen, angeheizt durch alte Erinnerungen. Selbst der Kuss, den er ihr im Anschluss gab, wirkte fader als zuvor.
      „Richtig. Vorsichtig.“ Ihre eigenen Worte klangen in ihren Ohren seltsam fremd.
      Kassandra erinnerte sich erst wieder an die Finger, als Zoras sie aus ihr zog. Ihr Unterleib zuckte, als sie die Spitze spürte und ihre Hand fiel aus seinem Haar ab. Beide Hände lagen nun seitlich neben ihrem Kopf auf dem Bett, die Finger leicht in den Überwurf gedreht. Ihr Körper berührte seinen nur noch an den notwendigsten Stellen und wo immer er sie anfassen wollte. Ihre Atmung beschleunigte sich wieder, als er den Druck erhöhte und ihr Körper automatisch wusste, was geschehen würde. Immer wieder hatte sie geleugnet, dass ihr der Sex mit Telandir keinen Spaß bereitet hatte. Und während ihre Psyche genau diese Meinung teilte, hatte ihr Körper andere Signale ausgestrahlt. Diese Diskrepanz war es, das ihr bis zum Schluss die meisten Qualen bereitete. Und dieser Moment gerade erinnerte sie an die etlichen Male, wo sie versucht hatte, ihre Seele von ihrem Körper zu trennen. Die Nervosität in Zoras' Augen teilte Kassandra, ebenso wie die Anspannung. Aber von Vorfreude oder gar Glück war zu diesem Zeitpunkt keine Rede.
      Mit jedem Zentimeter, den er sich tiefer in sie vergrub, wuchs ihre Anspannung. Kein Glück erfüllte sie, nur das Brennen der Empfindungen, die eigentlich Lust und Hingabe sein sollten. Dann lehnte sich Zoras ein bisschen mehr auf Kassandra und sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Sie konnte nicht atmen. Sie bekam keine Luft. Das Gefühl zwischen ihren Beinen, die Haltung, das schwere Atmen eines Mannes... Oh, wie gut sie Zoras verstehen konnte. Wie gut sie nachvollziehen konnte, wie mächtig Erinnerungen sein konnte, gerade, wenn sie jung waren. Halb geblendet bemerkte sie, wie sich sein Kopf senkte und er eindeutig nach ihren Lippen suchte. Aber das konnte sie nicht. Nicht jetzt.
      Halt“, sagte Kassandra mit einer Stimme, die völlig brach lag. Sie hatte sich nicht getraut ihn anzufassen, ihn zu berühren aus Angst, eine Reaktion wie vorhin auszulösen. Doch nun verlor sie sich selbst und musste nach jedem Faden greifen. Ihr Verstand wusste genau, dass sie ihn nicht festhalten sollte. Aber ihr Unterbewusstsein verlangte es. Ruckartig schlang sie ihre Arme um ihn, presste ihre Schenkel an seine Seiten und zog ihn so eng an ihre Brust, dass sie sich selbst dadurch die Luft zu atmen nahm. Aber sie musste ihn spüren. Wissen, wensie da in Armen hielt. Wer sich da in ihr vergrub. Ihr Körper badete in seiner Aura, die wieder mit den Spitzen drohte. Doch genau die waren es, die ihr unmissverständlich den Unterschied zu einem gewissen Phönix vermittelte. Das, und wie sich seine Körperwärme anfühlte. Wie rau seine Haut an ihrer war. Dass er nun nach billigem Waschmittel roch und seine Haare noch leicht feucht waren, als sie ihre Nase in sie drückte.
      Es war in Ordnung. Er war es wirklich. Er stoppt jederzeit. Er liebte sie.
      Ein Mantra, das ihr ständig durch den Kopf ging während sie ihn eisern an ihre rasende Brust presste. Ihre Augen hatte sie zusammen gekniffen, denn damals hatte der Schein auch getrügt. Also verließ sie sich auf die Sinne, die ihr die Wahrheit vermittelten. Langsam, aber stetig.
    • Zoras verging in der alles einvernehmenden Hitze von Kassandra, der reine Explosion an Empfindungen, die ihn nach vier Jahren heimsuchte. Es war nicht nur Kassandra selbst, die er unter sich und um sich herum spürte, mit ihr war es auch die erstickende Wärme eines aufgeheitzten Zeltes, der hölzerne Geruch seines eigenen, längst vergangenen Schlafzimmers, die beruhigende Empfindung von Heimat. Atemzug um Atemzug nahm er die neue Note ihres Geruchs in sich auf, um ihn so schnell wie möglich mit dem vermischen zu lassen, was sich bereits in seinen Erinnerungen hervor arbeitete. Er wollte nichts anderes als Kassandra. Kurzweilig dachte er, trotz sämtlicher Hindernisse, trotz Überwindung, die es ihn gekostet hatte, endlich hier zu sein. Angekommen zu sein. Seine Reise hatte ein Ende gefunden.
      Nur seine Lippen fanden nicht zu ihrem Gegenstück. Sein ersuchter Kuss blieb unbeantwortet, sein Begehren unvollständig, nicht vollends ausgereift mit dieser Kleinigkeit, die ihm verwehrt blieb. Die Hand war wieder aus seinen Haaren gefallen, die Finger glitten ihm nicht wieder über den Arm und selbst Kassandras Brust hob sich nur marginal, als würde sie sich davor hüten, ihn allzu stark zu berühren. Aber es half, auf eine verkehrte, unmögliche Weise.
      Zumindest bis er ihre Stimme hörte.
      Das "Halt" war so geringfügig, so zögerlich ausgesprochen, als hätte sie etwas ganz anderes sagen wollen. Vielleicht versteckte sich dahinter auch ein ganzer Satz, mehrere vielleicht, die sich nun aber in vier Buchstaben gequetscht hatten, kaum genug, um die vollständige Nachricht zu übermitteln.
      Es war aber dennoch genug, dass er in seiner Bewegung gefror, auch wenn es ihn gerade jetzt weiter danach trieb, das letzte Stück in die Phönixin hinein zu pressen. Aber sämtliche Lust an jedweder Bewegung war mit einem Schlag vorüber.
      Er sah auf sie hinab. Er sah die harten Linien in ihrem Gesicht und den leichten Schleier, der über ihren Augen lag. Er sah die angestrengten Muskeln ihrer Arme, die sie neben ihrem Kopf liegen hatte, als wäre sie eine Täterin, die auf ihre Festnahme wartete. Er sah die angestrengten Atemzüge.
      Und er hätte es nicht bemerkt. Die ganze Zeit über hatte er sich mehr und mehr in dem verloren, was er tatsächlich begehrte, ohne darauf zu achten, ob Kassandra mit ihm mithielt. Er hatte nicht an sie gedacht.
      Mit einem Stich Panik in der Brust richtete er sich auf.
      "Kassandra -"
      Aber sie war schneller. Ihre Arme fingen ihn ein und zogen ihn zurück an sich, zurück zu der Wärme und der Hitze, die ihn jetzt aber am ganzen Körper verglühte. Es gab keine Stelle mehr, an der sie nicht fest aneinandergepresst waren, aber wo er vor einem Leben womöglich noch Genuss daran gefunden hätte, ihr so nahe sein zu dürfen, keimte jetzt seine eigene Panik mit schmerzenden Narben auf.
      Und er hasste sich dafür. Er wollte jetzt nicht in sein eigenes Loch fallen, er wollte für Kassandra da sein, sie brauchte ihn jetzt. Würde er es wirklich nicht auf die Reihe bekommen, eine einfache Umarmung zu ertragen, auch wenn das bedeutete, dass sie ihr helfen könnte?
      "Kassandra..."
      Sie hielt ihn eisern fest, ihre Arme an seinem Rücken, die Narben darunter wie Stacheln, die ihm unter die Haut fuhren. Aber es war Kassandra, Kassandra brauchte ihn und er würde sie nicht, niemals, im Stich lassen.
      "Hey..."
      Ganz langsam hob er einen Arm, vorsichtig für sich und für sie, und strich ihr zärtlich über die Haare. Ihre Augen waren geschlossen, aber die Härte blieb in ihrem Gesicht, in ihren Muskeln, überall. Er hasste auch das.
      "Ganz ruhig... meine Liebste... atme, okay?"
      Er hätte sie geküsst, ihre ganze Haut geküsst, um das zu erreichen, was tiefer lag, aber er traute sich nicht. Er rührte sich kein Stück, versuchte nur einen klaren Kopf bei brennendem Körper zu bewahren.
      Blind angelte er nach der Decke hinter sich und zog sie höher, über Kassandras Arme hinweg, bis sie ihm auf den Schultern lag und seine Nacktheit etwas senkte - auch Kassandras. Wie ein Schutzschild, das sie vor der Außenwelt und all seinen Grausamkeiten schützen würde.
      "Es ist in Ordnung, ganz ruhig. Meine schöne, starke Göttin..."
      Mittlerweile konnte er sich wohl nicht mehr bewegen, auch wenn er es gewollt hätte. Wenn er jetzt aktiv bemerkt hätte, dass Kassandra ihn nicht freiließ, hätte er sich beiden keinen Gefallen getan. Also verharrte er, erfroren am ganzen Leib und versuchte, sie mit langsamen Streicheleinheiten über ihren Kopf zu beruhigen.
      "Wir können aufhören, jederzeit... okay? Möchtest du aufhören?"
    • Ein Mensch, der seine Augen fest verschloss, nahm sich selbst die Sicht. Wenn Kassandra ihre Augen fest verschloss, dann war sie nicht komplett erblindet. Dann fühlte sie noch immer die Anwesenheit einer Aura und selbst ohne ihre Augen sah sie vor ihrem geistigen Auge Zoras' Aura. Jene Aura, die sich vorhin erst noch geglättet hatte, nun aber Wellen schlug, als seine Lust verebbte und er stattdessen wachsam wurde. Panik, die tiefe Wellen in seine Aura schlug und nur von den Spitzen abgelöst werden konnte, die ihn heimsuchten, kaum hatte Kassandra ihn in seine Fänge genommen. Wie gerne hätte sie ihre Sinne vor der Welt verschlossen, aber wenn sie dies nun tat, dann würde sie in ein endloses schwarzes Loch fallen. Tief und unendlich, sodass sich selbst eine Phönixin davor fürchtete. Also ertrug sie es mit anzusehen, wie die Aura ihre scharfen Spitzen ausbildete, ausgelöst durch ihre Berührung. Ihr entging im ersten Augenblick, wie sich Erschütterungen gegen die Spitzen stellten und versuchten, sie zu bekämpfen. Wut, wie sie kurz darauf erkannte. Wut auf sich selbst, etwas anderes konnte es nicht sein. Er spürte seine Panik selbst und wollte sie von sich weisen. Nur konnte er es nicht.
      „Bitte bleib“, hauchte sie, wenn auch mit ein wenig mehr Nachdruck als das Halt von zuvor. Wenn er jetzt vor ihr wich, dann würde sie fallen. Tief in den Schlamm, der ihre Federn beschmutzen und beschweren würde, sodass sie nicht mehr abheben können würde.
      Zoras durfte allerdings seine Arme bewegen. Dies nutzte er, um mit seichten Berührungen über ihr Haupt zu streicheln und das reichte schon, damit ein großer Teil der Anspannung abfiel. Telandir hatte sie nie so beruhigt. Nie hatte er ihr diese Zuwendung zuteil werden lassen. Immer deutlicher stellte sie fest, dass der Phönix sich nur um sein eigenes Wohl geschert hatte und in seinen Liebesbekundungen nur seine Selbstliebe stecken konnte.
      Die Decke wurde ein wenig höher gezogen und Wärme sammelte sich unter ihr. Langsam bekam Kassandra wieder mehr Luft, die Atemzüge wurden tiefer und der Horror wich langsam aus ihren Gliedern. Im gleichen Maße löste sich nun auch der Klammergriff, den sie um seinen Leib gelegt hatte. Ihre Beine lagen noch immer an seinen Hüften an, aber ihre Arme rutschten von seinem Rücken und verließen ihn komplett.
      Sie bewegte sich ein wenig unter ihm und er erhob sich gerade soweit von ihr, damit er ihr ins Gesicht sehen konnte. Ihre tiefroten Augen banden seinen Blick und endlich lag dort kaum noch alter Schmerz verborgen. Ihre Finger fanden seine Wangen, als sie bedacht den Kopf schüttelte. „Nein. Ich will nicht aufhören. Ich will mich daran erinnern, wie es sich anfühlt, wenn man wahrlich geliebt wird.“
      Und das konnte ihr nur Zoras geben. Er war der einzige Mann auf Erden wie in Himmeln, der über diese einzigartige Macht verfügte. Zeitgleich war sie diejenige, die ihn als Einzige wohl jemals wirklich zu Fall bringen können würde. „Sei nicht böse auf dich selbst, wenn deine Narben brennen. Ich bin auch nicht böse auf mich selbst wenn ich vergesse, dass ich atmen kann.“ Ihre Finger drückten sich in sein Gesicht, als sie ihn zu sich hinab holte und ihn zärtlich küsste. Als hätte es die vergangenen Minuten gar nicht gegeben. „Wir müssen uns einfach damit arrangieren, dass wir nicht mehr so unbefangen sind wie zuvor.“
      Sie küsste ihn ein weiteres Mal, atmete tief durch und löste somit auch die letzte Verspannung in ihrer Brust. Sie würde einen Weg finden, damit er keine Panik mehr spürte, wenn sie ihn berührte. Es musste nicht heute sein. Oder morgen. Immerhin plante Kassandra, längerfristig als nur ein paar Monate mit Zoras zu verbringen. „Zeig mir, dass du mich begehrst, Zoras. Brenne für mich...“
      Vorsichtig kippte sie ihr Becken ab, damit er nun endlich auch das letzte Stückchen Platz in ihr einnahm. In den letzten Minuten war er ein wenig geschrumpft – was nicht verwunderlich war – und nun musste sie darauf bauen, dass es die Stimmung nicht vollends abgetötet hatte. Für sie fühlte es sich jedenfalls so an, als wäre ein straff gespanntes Band gerissen, das ständig an ihrer Seele gezerrt hatte. Die Reste waren immer noch sichtbar und hingen ihr an, aber der Zug war nicht mehr so allmächtig wie zuvor.