The last Song [Nimue & Shio]

    • Kyle

      Bei ihrem ersten Satz musste ich leicht schmunzeln. Aber ja ich tauchte immer da auf wo sie gerade war.. Weil sie dich anzog
      "Vielleicht ist das ein verstecktes Talent von mir." Ich schob meine Hände in die Taschen der Jogginghose und beobachte jegliche Regung, jede Bewegung die sie gerade machte. Mir blieb kurz die Spuke weg, als sie ihre Strickjacke so langsam wie es eigentlich nötig war, von ihren Schultern streifte. Sie wusste ganz genau welche Knöpfe sie drücken musste, das man sich noch mehr in ihr verliert.
      Als sie mir von ihrem Abend erzählte, breitete sich doch ein wenig die Erleichterung in meinem Inneren aus. Sie war nicht mit einem anderen Mann zusammen.. sondern wirklich nur mit Ms. Farrow Taylor und ihrem kleinen Schoßhund. "Ja Tiere zeigen ihre Liebe auf ihre eigene Art und Weise", sprach ich beiläufig, während ich sie weiterhin beobachtete. Sie fragte mich natürlich auch was ich gemacht hatte. Doch bevor ich antworten konnte, kam sie auf mich zu gelaufen. Schritt für Schritt immer näher.. meine Füße bewegten sich keinen Zentimeter. Mein verräterisches Herz schlug wieder in seinem eigenen Takt. Lass dich nicht von ihr so in den Bann ziehen
      Mein Kopf hatte leicht reden.. wie sollte man so einer Frau wie sie es war, widerstehen können? Sie war perfekt, natürlich schön und umwerfend.. und genau das machte sie so gefährlich für mich.
      Sie traf den Nagel beinahe auf den Kopf. "Ich war tatsächlich noch einmal oben und genoss die Ruhe hier im Loft. Mein Bruder ist bisher auch noch nicht zurück gekehrt." Ihr Blick fixierte meinen. Das ich mir dort oben beinahe den Kopf über sie zerbrochen hatte, erwähnte ich nicht. Die Spannung zwischen uns war automatisch wieder aufgeladen. Ich horchte auf, als sie mir sagte sie habe mir etwas mitgebracht. "Ach wirklich, wie nett von dir." Mein Blick ging zu ihrer Tasche und ich sah wie sie die Packung Bonbons herauszog. Sie wedelte damit vor mir herum und dann sah ich das es Zitronenbonbons waren. Mir stand der Mund für einen Augenblick offen. Das konnte doch nicht sein.. Wieso fiel ihr ausgerechnet heute diese Bonbons ein? Als sie davon sprach das sie glaube beinahe den Verstand hier zu verlieren, wollte ich schon ansetzten ihr zu sagen das ich meinen bereits verloren hatte.. doch mir blieben die Worte im Halse stecken.
      Ich trat einen Schritt auf sie zu. "Dann sind wir schon zu zweit", kam es leise aus meinem Mund. Mein Blick glitt zu den Zitronenbonbons und dann wieder zu ihr zurück. Für einen Moment vergaß ich alles um mich herum. Das Loft, die Stille und sogar den Grund warum ich mir eigentlich vorgenommen hatte, Abstand zu halten. Ich stand jetzt so nah vor ihr, das ich ihren Duft einatmen konnte. Zitronengras, Süß und scharf zugleich
      "Du spielst ein ziemlich riskantes Spiel, weißt du das?" Ich wich keinen Schritt zurück sondern kam ihr noch näher. Sie konnte mir nicht ausweichen, hinter ihr war lediglich die Küchentheke. Ich hob meine Hand nach oben und strich ihr eine lose Strähne hinter ihr Ohr. Es war nur eine kleine Geste, aber sie machte so viel mit mir. Ich stützte meine Hände jetzt rechts und links neben ihr auf der Theke ab. Mein Herz schlug jetzt so laut, dass ich schwören konnte, das sie es hörte. "Warum tust du das mit mir?" Dieser Satz kam wie ein Hauch aus meinem Mund und mein Blick sank automatisch auf ihre Lippen. Verdammt Ohne wirklich darüber nachzudenken, was passieren könnte, beugte ich meinen Kopf ein Stückchen weiter nach unten. Nur ein paar Zentimeter trennten uns noch. Ich spürte die Wärme ihrer Haut. Die Spannung zwischen uns war elektrisierend und greifbar. Mein Atem stockte.
      "Grace..", hauchte ich ihren Namen. Noch ein Stück kam ich näher, unsere Lippen berührten sich fast..
      Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit uns. Ein *Pling* ließ mich aufhören und die Fahrstuhltür öffnete sich. "Was ein Timming", flüsterte ich ihr ins Ohr, ehe ich mich von ihr löste und genug Abstand gewann, das es nicht mehr den Anschein machte, das wir uns beinahe geküsst hätten.

      Tom schritt aus dem Fahrstuhl heraus und sah uns überrascht an. "Guten Abend ihr beiden. Ich dachte ich bin der Letzte der noch wach ist." Ich schüttelte mit den Kopf. "Nein ich wollte gerade.." Ich zeigte mit den Daumen in Richtung meines Zimmers. "Aber Grace wollte mir noch ihre Zitronenbonbons geben." Ich schenkte ihr ein Lächeln und nahm ihr die Packung vorsichtig aus der Hand. Ein letztes Mal streifte ich zärtlich ihre Finger. "Danke dafür. Gute Nacht." Meine Augen wirkten intensiver als vorher, beinahe hungriger..
      "Das ist aber nett von ihr." Tom blickte uns verwirrt an, aber er sagte nichts. Wer weiß was für eine Szene sich gerade in seinem Kopf abspielte. Ich nickte ihm zu und schlang meinen Arm um ihn. "Wie war dein Abend so großer Bruder?" Wir liefen die Treppe hoch, ich sah nochmal über meine Schulter zu ihr und etwas zog sich bei ihrem Anblick schmerzhaft in meiner Brust zusammen. Am liebsten wäre ich umgedreht und hätte sie auf diese Theke gehoben und sie solange geküsst, bis ihre Lippen geschwollen wären.
      Doch das war mehr als unvernünftig.. ich wollte doch Abstand gewinnen.. und nicht blindlinks in irgendwas hinein stürzen.
      Ich zwang mich wieder nach vorne zu drehen, während ich mit Tom die Stufen hochstieg.
      "Mein Abend war ganz gut", antwortete er schließlich und musterte mich jedoch von der Seite an. "Du wirkst.. abgelenkt." "Das bildest du dir ein", erwiderte ich schneller, als das es überzeugend klang. Meine Finger schlossen sich ein wenig fester um die Bonbonpackung. "Mhm na gut." Er ließ es dabei und löcherte mich nicht weiter. Oben angekommen, klopfte er mir auf die Schulter und wünschte mir eine gute Nacht. Langsam atmete ich aus und öffnete meine Zimmertür. Kaum hatte ich sie hinter mir geschlossen, lehnte ich mich mit den Rücken dagegen. Ich fuhr mir mit meiner freien Hand durch mein Haar. "Fokus..", sprach ich zu mir. Doch mein Blick fiel wieder auf die Zitronenbonbons. Ohne groß darüber nachzudenken, öffnete ich die Packung und nahm eins heraus. Ich wickelte das Papier ab und steckte mir das Bonbon in den Mund. Der saure Geschmack breitete sich sofort auf meiner Zunge aus. Er war intensiv und gleichzeitig schmerzhaft.. genau wie der Kloß in meiner Brust. Grace Ich stieß mich von der Tür, legte die Packung auf den Tisch und lief in meinem Zimmer auf und ab. Es war sinnlos.. all das was ich mir versuchte einzureden, verpuffte in den Augenblick wenn sie vor mir steht. Ich fiel mit den Rücken auf mein Bett und starrte an die Decke. Das Bonbon schob ich in meinen Mund hin und her. Was mache ich nur?
    • Grace

      Ich spürte die kühle Marmorplatte der Küchentheke im Rücken, während Kyles Präsenz jeden Fluchtweg abschnitt. Das Rascheln der Zitronenbonbons in meiner Hand klang in der plötzlichen Stille des Lofts wie ein Gewitter. Als er seine Hände rechts und links von mir aufstützte und mich förmlich einmauerte, schrumpfte die Welt auf die wenigen Zentimeter zwischen uns zusammen.
      "Warum tust du das mit mir?", hauchte er, und dieser Satz traf mich härter als jede seiner provokanten Ansagen zuvor. Er klang nicht wie ein Rockstar, der ein Groupie um den Verstand brachte. Er klang wie ein Mann, der die Kontrolle verlor und mich dafür verantwortlich machte.
      Ich wollte antworten. Ich wollte sagen, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich hier gelandet war – in der Küche eines Mannes, der mein berufliches Ticket nach oben sein sollte und stattdessen gerade dabei war, mein gesamtes emotionales Koordinatensystem zu löschen. Doch sein Blick sank auf meine Lippen, und mein Verstand setzte schlichtweg aus. Alles, was ich noch wahrnahm, war die Hitze, die von ihm ausging, und dieser Geruch nach Nachtluft und Gefahr.
      Als er meinen Namen hauchte, schloss ich unwillkürlich die Augen. Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut, das sanfte Prickeln kurz vor der Berührung, die alles verändern würde. Mein Herz schlug so heftig, dass es wehtat. Ich war bereit zu fallen. Ich wollte es sogar.
      Und dann… das Pling
      Die Realität riss uns mit der Gewalt eines Flugzeugabsturzes auseinander. Kyles Flüstern in meinem Ohr, bevor er zurückwich, brannte nach, während ich versuchte, meine Atmung zu normalisieren, bevor Tom uns erreichte. Ich griff mechanisch nach meinem Wasserglas und nahm einen Schluck, der sich anfühlte wie flüssiges Blei.
      "Gute Nacht", wiederholte ich abwesend, und spürte den flüchtigen Kontakt seiner Finger an meinen, als er die Bonbons nahm, was sich anfühlte wie ein verbotenes Versprechen.
      Ich sah den beiden Brüdern hinterher, wie sie die Treppe hinaufstiegen. Mein Körper fühlte sich seltsam schwer an, fast taub. Tom wirkte skeptisch, und Kyle… Kyle sah noch einmal zurück. Dieser eine Blick über seine Schulter raubte mir den letzten Rest Sauerstoff. Er sah hungrig aus, fast schon verzweifelt, und in meiner Brust zog sich alles schmerzhaft zusammen.
      Erst als die Türen oben ins Schloss fielen, ließ ich mich langsam an der Theke heruntergleiten, bis ich auf dem Boden der Küche saß. Ich starrte auf meine leeren Hände, die eben noch die gelbe Tüte gehalten hatten. "Großartig, Grace", flüsterte ich in die Dunkelheit des Lofts. Meine Stimme zitterte. "Wirklich ganz fantastisch gemacht."
      Ich dachte an das Foto in meiner Cloud. Das Bild mit dem ehrlichen Lächeln. Jetzt wusste ich, warum ich es nicht teilen konnte. Weil dieses Lächeln die Vorstufe zu dem war, was gerade eben fast passiert wäre. Und weil ich, wenn ich dieses Bild posten würde, den Rest der Welt an etwas teilhaben ließe, das ich selbst noch nicht einmal ansatzweise begriff.
      Ich stand mühsam auf, löschte das Licht in der Küche und schlich wie eine Diebin in mein Zimmer. Dort angekommen, warf ich mich aufs Bett, ohne mich auszuziehen. Der Geschmack des Martinis war weg, aber die Erinnerung an Kyles Nähe war so präsent, dass ich sie fast noch auf meiner Haut spüren konnte. Ich starrte an die Decke und dachte an das saure Zitronenbonbon, das er jetzt wahrscheinlich in seinem Zimmer auspackte. Wir waren beide verloren. Und das Schlimmste daran war: Ich wollte gar nicht gefunden werdDie Nacht war eine einzige, zähe Endlosschleife aus Erinnerungen gewesen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, spürte ich wieder diesen winzigen Abstand zwischen Kyles Lippen und meinen, hörte das raue Echo seines Atems und sah das dunkle Leuchten in seinen Augen. Schlaf war unter diesen Umständen ein völlig utopisches Konzept.

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      Als der Morgen endlich graute, fühlte ich mich, als hätte mich ein Güterzug überrollt ... nur dass dieser Güterzug nach holig wamrer Nachtluft roch. Ich wusste, dass heute ein entscheidender Tag war. Die Untersuchung stand an, Kyles medizinische Realität würde uns einholen, und ich musste verdammt nochmal professionell sein. Seriosität war mein einziger Rettungsanker, um nicht völlig in diesem Gefühlschaos zu versinken. Das brauchten wir, for God sake, nicht auch noch! Vielleicht konnte ich uns Beiden ja irgendwie einreden, dass am letzten Abend nicht doch einfach geträumt zu haben.
      Erinner dich an dass, was du im Studium ggelernt hast Grace! Gerade heute. Ich kniff mir viel zu fest in den Arm und stand schließlich auf. Ich schlüpfte in meine hellblaue Jeans, deren fester Denim sich an meine Hüften schmiegte, und zog das weiße, fein gerippte Shirt sowie meine heißgeliebte schwarze Strickjacke über. Das Shirt saß knapp und ließ einen Streifen Haut frei. Breit genug um den ganzene ine coole Lässigkeit zu geben und den Blick zu fangen, aber schmal genug um nicht anstößig zu wirken. Dann griff ich zu meinen schwarzen Wildledersneakern, das kräftige Obsidian und die weißen Streifen waren genau der harte Kontrast, den ich heute brauchte.
      Die Längen meiner Haare drehte ich in weiche, große Wellen, die mir schwer über den Rücken fielen. Um den Look etwas zu bändigen, nahm ich die oberen Strähnen zurück und fixierte sie mit einer großen, cremeweißen Blumenklammer, die mir Farrow mal geschenkt hatte. Sie fühlte sich glatt und fest in meinem Haar an. Beim Make-up entschied ich mich für Zurückhaltung. Ich stäubte einen Hauch von warmem Terracotta auf meine Lider und verblendete es sanft, sodass meine Augen weich und ausdrucksstark wirkten. Ein wenig Highlighter auf den Wangenknochen fing das Licht ein, als ich mich im Spiegel drehte. Zum Schluss tupfte ich nur ein wenig glossiges Rosé auf meine Lippen. Ich schnappte mir meine große, cognacfarbene Ledertasche, hockte mich kurz hin, um den allesWichtige darin zu verstauen, und atmete den Duft von frischem Leder ein.
      Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel. Mein Gesicht war vielleicht ein wenig blasser als sonst, und der Concealer musste Höchstleistung vollbringen, um die Schatten unter meinen Augen zu kaschieren, aber die Fassade stand. Darauf kam es an, darauf kam es vorallem heute an.
      Mit einem tiefen Atemzug verließ ich mein Zimmer und steuerte die Küche an. Der Duft von frischem Kaffee und Rührei schlug mir entgegen, ein wunderbar normaler Geruch, der so gar nicht zu dem emotionalen Trümmerfeld passte, das ich in mir trug. Martha wirbelte bereits am Herd herum. "Guten Morgen, Liebes!", begrüßte sie mich freudig und nichtsahnend, während sie eine Pfanne schwungvoll bewegte. "Du siehst ja bezaubernd aus heute. Hast du gut geschlafen?" Ich zwang mir ein Lächeln ab, das hoffentlich überzeugender wirkte, als ich mich fühlte. "Guten Morgen, Martha. Ja, danke... der Kaffee riecht fantastisch. Genau das, was ich jetzt brauche." Ich setzte mich an die Kücheninsel, genau dort, wo Kyle gestern Abend gestanden hatte. Mein Körper schien sich an die exakte Stelle zu erinnern, an der seine Hände den Marmor berührt hatten. Ich griff hastig nach einer Tasse, um meine zitternden Finger zu beschäftigen, während ich innerlich betete, dass er nicht jeden Moment durch die Tür kommen würde. Ich wusste nicht, ob meine mühsam errichtete Professionalität einer direkten Begegnung im hellen Tageslicht schon standhalten konnte.
    • Kyle

      Ich lag die ganze Nacht wach und steckte mir ein Bonbon nach dem anderen in den Mund. Mir war klar das das nicht gesund war, aber das war Grace auch nicht.. Nein sie war pures Gift für meinen Körper und meinem Verstand. Meine Gedanken kreisten nur um sie.. Das konnte nicht gut sein.. Ich hatte sie verdammt nochmal beinahe geküsst!!
      Irgendwann schlief ich ein.. Der Schlaf war weniger erholsam und ich war nicht bereit für diesen Tag. Erst die Untersuchung im Krankenhaus, dann soll ich auch noch weiter an meinem neuen Song schreiben. Mein Körper fühlte sich so schwer und ausgelaugt an, doch dieses Mal konnte ich nicht liegen bleiben.. Tom würde mir sonst die Tür einrennen. Im Bett reckte ich mich noch einmal und stand dann auf. Ich hatte tatsächlich vergessen mich umzuziehen.. soweit war es also schon gekommen.
      Im Badezimmer machte ich mich fertig für den Tag. Ich rasierte mir die wenigen Bartstoppeln weg, putzte die Zähne und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Meine Augenringe waren deutlich zu sehen. Ich hatte keine Möglichkeit sie zu kaschieren. Hier in dem Loft gab es keine Makeup Spezialisten, wie beim Fotoshooting. Dann musste ich eben damit leben. Im Schlafzimmer stand ich vor meinem Kleiderschrank und irgendwie war mir heute nach All Black . Ich schnappte mir ein Shirt wo eine andere Band drauf zu sehen war, zog mir eine enge zerrissene schwarze Hose an und schlüpfte in meine Converse Chucks. Am Spiegel richtete ich meine Locken noch ein wenig und schnappte mir meine schwarze Lederjacke und steckte mein Handy, das Portemonnaie und ein paar Zitronenbonbons in die Jackentasche.
      An der Tür meines Zimmer hielt ich inne, atmete tief durch und drückte die Klinke nach unten. Nicht bereit ihr jetzt schon zu begegnen.

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      Tom

      Diese merkwürdige Begegnung gestern Abend ging mir auch heute Morgen nicht aus dem Kopf. Ich hatte das Gefühl das ich die beiden beinahe bei etwas erwischt hatte, das alles andere als professionell wirkte. Was wäre passiert, wenn ich ein paar Minuten später nach oben gefahren wäre? Ich wollte es mir nicht ausmalen und fuhr mit meinen elektronischen Rasierer über mein Kinn. Heute lag der Fokus darauf Kyle durch diese Untersuchungen zu bringen und ihn bei Laune zu halten. Ich schlüpfte in einen dunkelblauen Anzug mit einem weißen Hemd. Meine schwarzen Lackschuhe ergänzten das Bild von einem Mann der alles im Griff hatte.
      Ein paar Spritzer von einen teuren Parfum und meine goldene Armbanduhr, durften natürlich nicht fehlen. Mein Handy wanderte in meine Hosentasche und ich schritt aus meinem Zimmer heraus. Ich lief auf den Flur heraus und stieß beinahe mit meinem Bruder zusammen. Er sah mich an als hätte er einen Geist gesehen. "Guten Morgen Kyle. Alles in Ordnung bei dir?" Ich sah seine Augenringe und er wirkte ein wenig von der Rolle. "Ähm ja guten Morgen.." Ich zog eine Augenbraue nach oben und musterte ihn. "Wirklich?" Ich glaubte ihn kein Wort. Irgendwas ist passiert und ich werde der Sache noch auf den Grund gehen. "Hab nur schlecht geträumt.. mehr nicht." Er tat es mit dieser einfachen Ausrede ab.. Na schön, dann eben nicht.
      Ich folgte ihm wie er beinahe die Treppe herunterstolperte, als wäre er auf der Flucht. Dann blieb er abrupt stehen und sein Blick landete auf Ms. Wilson. Er straffte seine Schultern und fuhr sich mit der Hand durch seine Haare. So ist das also

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      Kyle

      Das ich ausgerechnet meinen Bruder beinahe über den Haufen gerannt hätte, war nicht so geplant. Ich war trotzdem froh ihn zu sehen, anstatt sie. Meine Antwort klang wie eine billige Ausrede.. ich war nicht fähig ihm die Wahrheit zu sagen, wenn ich selbst noch nicht wusste was hier eigentlich passiert ist. Meine Füße setzten sich in Bewegung und er folgte mir nach unten in die Küche. Mein Blick ging automatisch zu ihr. Na großartig sie war schon hier.. Ich atmete tief ein und aus und richtete mich auf. Dann lief ich weiter und setzte mich an den Tisch. "Guten Morgen." Ich konnte meinen Blick kaum von ihr abwenden. Sie sah so unverschämt gut aus heute morgen. Doch sie versuchte ihre Augenringe unter ihrem Makeup zu verstecken. Anscheinend war ihre Nacht genau so unruhig wie meine.
      Ich goss mir und Tom eine Tasse Kaffee ein und gab bei mir einen Schluck Milch dazu. Tom gesellte sich dann auch zu uns. "Guten Morgen zusammen. Mhhhm Martha das riecht fantastisch." Sie schenkte ihm ein Lächeln und dann setzte er sich ebenfalls an den Tisch und nahm mir die Tasse aus der Hand. Ich versuchte meinen Blick von Grace abzuwenden.. Es war beinahe unmöglich. Sie stand genau da wo wir uns gestern fast geküsst hätten. Der Gedanke daran ließ meine Finger kurz an der Tasse verkrampfen. Der Kaffee schwappte leicht über den Rand der Tasse und ein Tropfen landete auf meiner Hand. Er war heiß genug um mich wieder zurück in das hier und jetzt zu bringen. Tom sah zu mir auf. "Alles gut?" Sein Blick war prüfend und es sah aus als würde er versuchen mich zu lesen. "Ja..", murmelte ich und stellte die Tasse vor mir auf dem Tisch ab. Meine Hände fingen an zu schwitzen und ich wischte mir die Handflächen auf meiner Jeans ab. Ich konnte im Augenwinkel sehen wie sie sich endlich von dieser Theke löste und sich fast mir gegenüber setzte. Martha stellte uns das Rührei auf den Tisch und eine Schüssel mit Obst. Tom lächelte ihr dankbar zu, doch meine Augen wanderten wieder kurz zu dem Blondschopf. Ich zwang mich den Blick loszureißen um auf meinen Kaffee zu starren.
      "Also", begann Tom neben mir, während er sich etwas von dem Rührei nahm. "Wer von euch beiden erzählt mir jetzt, warum die Stimmung hier so seltsam ist?" Ich hob den Kopf und sah Grace an. Unsere Blicke trafen sich. Für einen Moment war es still. Ich räusperte mich und wandte den Blick wieder zu Tom. "Da gibt es nichts zu erzählen." "Aha." Tom blieb weiterhin misstrauisch. "Das glaube ich sofort." "Es ist nichts", wiederholte ich diesmal fester und sah wieder zu Grace. Ich nickte ihr stumm zu.
    • Grace

      Ich setzte mich an die Kücheninsel und beobachtete Martha einen Moment lang. Die Art, wie sie das Geschirr handhabte, strahlte eine mütterliche Wärme aus, die in diesem kühlen, modernen Loft eigentlich keinen Platz hatte. "Weißt du, Martha", begann ich leise und umschlang meine Kaffeetasse, "du bist die gute Seele dieses Hauses. Du schaffst es jedes Mal, dass ich mich hier wohl und geborgen fühle. Fast wie zu Hause." Martha hielt in ihrer Bewegung inne, drehte sich um und schenkte mir ein sanftes, aufrichtiges Lächeln. "Das freut mich sehr zu hören. Ein Heim ist schließlich mehr als nur Wände und Designermöbel." Sie lehnte sich kurz gegen die Arbeitsplatte. "Erzähl mir doch von deiner Familie. Wie sieht es bei dir zu Hause aus?" Ich nahm gerade einen Schluck Kaffee und verschluckte mich prompt. Hustend setzte ich die Tasse ab. Woher kam das denn jetzt auf einmal? Und warum mussten jetzt auch noch ausgerechnt die Miller-Brüder hier auftauchen. Normalerweise war ich eine ganze Weile allein mir Martha. Aber vielleicht lag es auch an den Terminen... und... genau deshalb, vor allem wegen ihn, durfte ich mir nichts anmerken lassen. "Meine Familie? Nun ja... ich bin das siebte von insgesamt fünfzehn Kindern. Leibliche wie auch adoptierte." Ich lächelte bei der Erinnerung. "Wir leben auf dem englischen Land, auf einem riesigen Bauernhof. Meine Eltern führen einen Hofladen, da gibt es nicht nur frische Lebensmittel, sondern auch selbstgemachte Seifen und all diesen Kram. Es ist... laut, chaotisch und absolut wundervoll." Martha war sichtlich beeindruckt.
      Mein Blick suchte instinktiv Kyle, und als sich unsere Augen trafen, spürte ich, wie meine Wangen unter dem Blush kurz heller leuchteten als die kalifornische Morgensonne. In mir schrie eine bittersüße Sehnsucht auf, ein Echo des gestrigen Abends, das mich fast aus der Fassung gebracht hätte. Doch die Erzählungen über meine Familie und Marthas ruhige Art wirkten wie ein Schutzschild. Ich blieb sonst zumindest äußerlich ruhig und gefasst. "Lass mich dir helfen, Martha", sagte ich und stand auf, um den Tisch zu decken. Während ich die Teller arrangierte, beantwortete ich Marthas weitere Fragen zu unserem Hofleben. "Aber...", fragte Martha mit einem nachdenklichen Blick, während sie das Rührei servierte, "was macht eine junge Frau wie Sie bei so einer tollen Familie hier in der Ferne?" Plötzlich stockte ich. Meine Augen wurden groß und finster, mein ganzer Körper spannte sich an, als hätte jemand den Strom eingeschaltet. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Martha sah mich erschrocken an und wollte gerade ansetzen, sich zu entschuldigen, dass sie zu weit gegangen war. "Den Teil finden, den ich nicht kenne", antwortete ich schließlich mit einer Trockenheit in der Stimme, die mich selbst überraschte. Ich schüttelte kurz den Kopf, blinzelte heftig und wischt mir mit dem Handrücken eine winzige Träne aus dem Augenwinkel. "Sch-schon gut. Geht gleich wieder. Lasst... lasst uns einfach essen."
      Ich zwang mich, mich zu setzen. Eigentlich sollte ich Martha danken. Dieser kurze, schmerzhafte Moment war das Einzige, was stark genug war, um mich von dieser unsinnigen Schmachterei bezüglich Kyle abzulenken. Heute gab es Wichtigeres: Kyles Untersuchung.
      Als wir alle am Tisch saßen, fing ich mich schnell wieder. Ich war ein Profi, verdammt nochmal. Ich spürte Kyles Blick auf mir, er brannte förmlich auf meiner Haut. Aber ich versuchte ganz und gar bei mir zu bleiben. Nur bis zum Tellerrand Gracy... Nach einiger Zeit begann Tom dann ein Gespräch. Das Thema passte mir gar nicht. Ich sah stumm auf und fand Kyles Augenpaar. "Das sind die Bonbons. Sauer macht lustig." Ohne auf eine Reaktion zu warten, aß ich ruhig weiter und wandte mich dann an die Hausdame. "Martha, könnte ich bitte noch einen Kaffee haben?" Dann sah ich zu Tom, der am Kopfende saß. "Mhm... Mr. Miller, können wir nachher über die Social-Media-Strategie sprechen? Wenn Kyle... verhindert ist?" Ich räusperte mich kurz. "Außerdem wollte Farrow wissen, ob ihr beide jetzt zu dieser Veranstaltung der Magnolia Society kommt oder nicht. Sie meinte, wenn ihr jemand nicht bald antwortest, kreuzt sie wohl wieder persönlich hier auf. Und wir wissen alle, dass sie das ernst meint."
    • Kyle

      War das ihr Ernst? Sie tat einfach so als wäre nichts zwischen uns passiert.. Sie tat es mit ihrer Aussage ab, das es an den Zitronenbonbons lag. Wow. Respekt Grace.. Schön wie sie ihre Maske aufrechterhalten konnte, während meine langsam zu bröckeln begann. Gut auf einer Seite war es schon ein kluger Schachzug von ihr gewesen, sich so zu verhalten wie immer und mir eine kleine Spitze entgegen zu bringen. Tom sollte schließlich keinen Verdacht schöpfen. Dennoch traf es mich ein wenig.. Ich rührte mit dem Löffel gedankenverloren in meiner Müslischüssel herum und schwieg.. Ich hatte heute keine Lust auf diesen Schlagabtausch zwischen uns.

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      Tom

      Ich hatte das Gefühl das hier etwas nicht stimmte. Kyle sahs da als wäre ihm eine Laus über die Leber gelaufen und Ms. Wilson blieb so professionell wie sie eben war. Da mir keiner von beiden eine ehrliche Antwort geben wollte, musste ich es wohl dabei belassen und mir meine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Ich setzte mich aufrecht hin und aß mein Frühstück weiter, bis mir Ms. Wilson eine Frage stellte. Mit der Serviette tupfte ich mir den Mund ab und wandte mich zu ihr. "Das können wir gerne machen. Wir haben dann schließlich genügend Zeit dafür." Die Untersuchung im Krankenhaus würde den halben Tag in Anspruch nehmen und ich war schon sehr gespannt was für Ideen ihr gekommen sind. Ich nahm die Tasse Kaffee in meine Hand und trank einen Schluck. Doch bei der nächsten Aussage von ihr, verschluckte ich mich beinahe. Die Tasse stellte ich wieder auf den Tisch ab und räusperte mich. Kyle lachte kurz vor sich hin, worauf er von mir einen strengen Blick kassierte. Ich sah wieder zu Ms. Wilson. "Oh das habe ich anscheinend vergessen. Ich werde ihr umgehend eine Nachricht schreiben." Ich biss mir von innen auf die Wange. Wie konnte ich vergessen ihr zu schreiben. Das war gar nicht meine Art. Ich zückte mein Handy hervor und suchte sie in den Kontakten. Ihre Nummer war schnell gefunden und ich tippte ihr eine Nachricht.
      ´Guten Morgen Ms. Taylor. Ich wollte mich entschuldigen, das ich ihnen noch keine Rückmeldung bezüglich der Veranstaltung gegeben hatte. Mein Bruder und ich würden die Einladung gerne annehmen. Schicken Sie mir einfach alle weiteren Details zu. Vielen Dank. Tom Miller´
      Ich schob das Handy wieder in meine Hosentasche. "Ist erledigt. Wir wollen sie ja schließlich nicht verärgern." Ich lächelte in die Runde, doch innerlich hätte ich mich schon gefreut, wenn sie hier wieder auftauchen würde..

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      Kyle

      Mein Bruder sah plötzlich so verlegen aus, als Grace den Namen von Ms. Taylor in den Mund nahm. Ich konnte mir ein leichtes Lachen einfach nicht verkneifen auch wenn ich sogleich die Quittung kassierte. Er wollte mich ernsthaft zu einer dieser langweiligen Veranstaltungen mitschleppen, ohne mich vorher zu fragen.. Super.. Das wird einer der Abende den ich gerne aus meinen Kalender streichen würde.. Aber Tom ließ mir wohl keine andere Wahl. Ich verdrehte die Augen und warf ihn einen fragenden Blick zu. "Muss ich da wirklich mit?" "Ja. Dort sind genügend wichtige Leute und es wäre schön, wenn nicht ich alleine dort aufkreuzen würde. Außerdem hat uns Ms. Taylor beide eingeladen. Also gehen wir dort auch gemeinsam hin. Ohne Wiederrede." Ich lehnte mich auf dem Stuhl zurück und schob meine Schüssel von mir weg. Mir war irgendwie der Appetit vergangen.
      Nachdem der Tisch abgeräumt war und Martha sich ihren Aufgaben widmete, folgte ich Tom und Grace nach unten, wo bereits James mit dem Wagen auf uns wartete. Lust auf den Termin hatte ich nicht, aber ich konnte ja schlecht davor fliehen, wenn ich so einen Begleitschutz an meiner Seite hatte. Während der Fahrt zum Krankenhaus versuchte ich meinen Blick kein einziges Mal zu Grace zu richten. Ich blickte starr aus dem Fenster und beobachtete das Geschehen außerhalb des Wagens durch die getönten Scheiben. Ich presste die Lippen aufeinander und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Tom legte eine Hand auf meine Schulter und sah mich mitfühlend an. "Es wird schon alles gut sein. Schließlich haben die Medikamente schon eine gute Wirkung gezeigt. Wir müssen jetzt nur dran bleiben." Er sagte das so leicht, als wäre es das Einfachste auf der Welt.. Niemand mochte Krankenhäuser und schon gar nicht wenn man wie ich gezwungen war, regelmäßig dort aufzutauchen..
      Der Wagen verlangsamte sich, bevor er in die Einfahrt zum Krankenhaus abbog. Mein Blick löste sich vom Fenster und blieb an dem Gebäude hängen. Willkommen zurück.. James hielt an, steig aus und öffnete uns die Tür. Nach einander stiegen wir aus dem Wagen aus. Tom trat neben mich. "Bereit?" Mir blieb ja wohl nicht anderes übrig.. "Jap.. Bereit."

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    • Grace

      Ich saß auf der Rückbank des Wagens und starrte auf meine gefalteten Hände. Die Stille im Auto war so dicht, dass ich fast das Bedürfnis hatte, sie mit einem Messer zu zerschneiden, aber ich wagte es nicht. Kyle war wie eine Mauer aus unterdrücktem Groll und Anspannung. Er würdigte mich keines Blickes, und obwohl ich wusste, dass es so besser war professioneller, sicherer, fühlte es sich an wie ein eisiger Entzug nach der Hitze der letzten Nacht.
      Als das massive Klinikgebäude vor uns auftauchte, spürte ich, wie sich bei Kyle alles verkrampfte. Das war nicht mehr der provokante Rockstar, das war ein Mann, der sich gegen seine eigene Verletzlichkeit wehrte. Wir traten durch die automatischen Glastüren in die sterile Welt aus Desinfektionsmittelgeruch und gedämpften Stimmen. Tom übernahm die Anmeldung, während ich einen halben Schritt hinter Kyle blieb. Ich sah den Nacken seiner perfekt geschnittenen Lederjacke, die kleinen Härchen an seinem Hinterkopf, und der Drang, einfach meine Hand auf seinen Rücken zu legen, um ihm zu sagen, dass er nicht allein war, war fast schmerzhaft. Aber ich hielt mich zurück. In dieser Lage und den Ergebnissen von letzter Nacht, würde es ihm die Sache wahrscheinlich nur schwerer machen. Das letzte was er wollte war Mitleid. Aber.... wegen den was auch immer wir hatten, konnte ich auch nicht Nichts tun. Mein Herz begann schneller zu schlagen als ich mich Kyle schließlich doch zuwandte. Zum ersten Mal seit dem Vorfall an der Küchentheke suchte ich ganz bewusst seinen Blick. "Keine Sorge, Miller", sagte ich leise, wobei mein trockener britischer Humor wieder mitschwang. "Ich passe auf, dass sie dir keine Gehirnwäsche verpassen. Wir brauchen deinen Sarkasmus noch... Ich brauch-" Stopp! Ich hielt inne. Ein Wort lag mir bereits auf der Zunge. Ich brauche dich noch.
      Ich schluckte es hinunter, bevor es gefährlich werden konnte. Sicherheitshalber biss ich mir auf die Lippe. Nein, nein. Diese Linie durfte ich nicht überschreiten. Schon gar nicht hier und schon gar nicht in meiner Position. Ich schluckte und sah ihn an. Ich kannte dieses grau-blaue Augenpaar, welches mir an die raue wilde See meiner Heimat erinnerte, mitlerweile so gut. Ich verlor mich soga viel zu gern darin. In diesem Moment gab es kein Social Media, keine Farrow, keinen geschönten Luxus und keine sorgfältig gezogenen Grenzen. Da war nur er, ein Mann, der Angst hatte, ohne es jemals zugeben zu würden und ich, eine Frau, die ihm nichts Größeres anbieten konnte als ein paar saure Bonbons, trockenen Humor und die stille Gewissheit, dass sie nicht weggehen würde. Egal, was gleich kam. Neben uns räusperte sich jemand. "Mr. Miller? Der Doktor erwartet Sie jetzt", sagte eine Krankenschwester mit professionellem Lächeln. Die Worte fielen wie ein Stein ins Wasser. Die Oberfläche blieb ruhig, doch darunter geriet alles in Bewegung.
    • Kyle

      Wir gingen durch die große Glasschiebetür und Tom verschwand sofort in Richtung Anmeldung. Ich blieb wenige Meter von ihm stehen und ließ meinen Blick durch die Gänge schweifen. Dieser Geruch.. diese weißen sterilen Wände.. einige Ärzte und Schwestern huschten an uns vorbei. Ich schluckte und war nicht fähig mich zu bewegen. Am liebsten würde ich sofort umdrehen und mir einen schönen Tag mit den Jungs machen.. Aber nein ich trug diese verdammte Krankheit in mir, die mein Leben von heute auf morgen auf den Kopf gestellt hatte. Wenn das nicht schon genug wäre.. Ich spürt wie Grace wenige Zentimeter hinter mir stand. Konnte ihre Anwesenheit und ihren Duft deutlich spüren. Meine Nackenhaare stellten sich automatisch auf. Ihre Anziehung war nicht gut für mich.. Als sie vor mich trat und mich ansah, zog sich mein Herz wieder ein Stück weit zusammen. Meine Augen suchten ihre und für einen kleinen Moment schien die Zeit wieder still zu stehen. Sie versuchte die ganze Situation durch ihren Humor ein wenig zu lockern. Sie konnte mir ein leichtes Schmunzeln entlocken. Doch dann brach sie mitten im Satz ab und sie biss sie auf ihre Lippe. Ich versuchte in ihren Augen eine Antwort zu finden. "Du brauchst was?" In meinen Kopf spielten sich viele Möglichkeiten ab. Ich wollte einen Schritt näher treten, sie dazu zwingen mir zu antworten, doch das hier war der falsche Ort dafür. Dann zerplatzte die kleine Seifenblase um uns herum und ich zuckte zusammen als die Krankenschwester mich aufforderte ihr zu folgen. Ich warf Grace noch einen kurzen Blick zu und folgte der Krankenschwester durch die Gänge. Na schön, ich werde ihr die Antwort noch aus der Nase ziehen, wenn nötig.
      Der Geruch von Desinfektionsmitteln war einfach nur unerträglich. Die Krankenschwester wies mich in einem kleinen Raum Platz zu nehmen. "Der Doktor wird gleich kommen." Sie schenkte mir ein höfliches Lächeln und verließ den Raum. Ich wippte ungeduldig mit meinen Bein. Meine Gedanken gingen schlagartig wieder zurück zu Grace. Sie wollte irgendwas sagen.. Vielleicht hatte sie Angst das es etwas verändern würde, wenn sie die Worte aussprach. Mein Herz schlug wieder schneller bei dem Gedanken daran das sie mir eventuell etwas gestehen wollte. Doch mein Kopf widersprach all dem.. Es kann gut möglich sein das ich mir das alles nur einbilde.. und schon soweit in der Sache drinnen steckte, das ich nicht mehr zwischen Traum oder Realität unterscheiden konnte.
      Die Tür öffnete sich und der Doktor riss mich aus meinen Gedanken. "Guten Morgen Mr. Miller. Schön sie wiederzusehen." Er schenkte mir sein professionelles Lächeln und setzte sich an seinen Schreibtisch. "Bevor wir mit den Untersuchungen beginnen, habe ich ein paar Fragen an sie." Ich nickte ihm zu. "Hatten sie in den letzten Tagen gesundheitliche Probleme. Nasenbluten, Schwindel, Unwohlsein?" Ich schüttelte mit den Kopf. "Ich habe nur gestern beim Sport ein wenig übertrieben. Anscheinend bin ich nicht mehr ganz so fit wie vorher." Der Doktor schaute von seinem Computer aus. "Das liegt wohl an den Medikamenten. Ich kann ihnen versichern, das das wieder besser wird. Aber bitte übertreiben sie es nicht." "Wird gemacht Dok." Er notierte sich alles auf seinem Computer und stand dann auf. "Ziehen sie sich bitte bis auf die Unterhose aus. Ich möchte gerne ihre Lymphknoten, die Milz und die Leber abtasten um zu fühlen ob sie sich vergrößert haben." Ich stand von dem Stuhl auf und zog mir meine Sachen aus. Nun gab es kein zurück mehr.

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      Tom

      Hier im Krankenhaus entstand eine ganz andere Spannung, als im Loft oder im Auto. Normalerweise ging ich immer professionell an solche Sachen ran, doch heute ging es nicht um mich, sondern um meinen Bruder. Die Frau an der Anmeldung erkannte mich sofort wieder und schenkte mir ein Lächeln. "Ich werde den Doktor Bescheid geben." "Vielen Dank." Sie tippte auf dem Telefon herum und nahm den Hörer an ihr Ohr. "Ja Mr. Miller ist jetzt da. In Ordnung. Ich gebe es weiter." Sie legte auf und wandte sich wieder zu mir. "Er wird gleich abgeholt." Ich lächelte ihr dankend zu. Wenige Augenblicke später kam eine Krankenschwester und ich drehte mich von der Anmeldung weg um mich von Kyle für den Moment zu verabschieden, doch er war gerade in einem Gespräch mit Ms. Wilson verwickelt. Ich lehnte mich an eine der Säulen die den Eingangsbereich schmückten und beobachtete die Beiden aus sicherer Entfernung. Mein Bruder wirkte in ihrer Näher ganz anders und das zeichnete sich auch in seinem Gesicht ab. Die Krankenschwester schien den Moment zwischen den Beiden gestört zu haben, denn ich sah wie Kyle Ms. Wilson noch einen Blick zu warf, der Bände sprach. Sie stand nun da als wirkte sie verloren in diesem riesigen Gebäude. Ich ging ein paar Schritte auf sie zu und sah sie an. "Ms. Wilson? Kommen sie wir gehen solange in die Cafeteria." Ich wies sie an mir zu folgen. In einer kleinen versteckten Sitzecke nahmen wir schließlich Platz. Ich faltete die Hände vor mir auf den Tisch und sah sie an. "Möchten sie etwas trinken oder kann ich ihnen etwas gutes tun?"
    • Grace

      Ich blinzelte benommen, als Tom plötzlich vor mir stand. Die Leere, in dieser großen Eingangshalle, fühlte sich an wie ein plötzlicher Temperatursturz. Ich sah Tom an und brauchte eine Sekunde, um seine Worte zu verarbeiten. Die Cafeteria. Ein neutraler Ort, weit weg von den sterilen Geräten und dem Arzt, der Kyle gerade buchstäblich unter die Lupe nahm. "Ich... ja, danke. Ich denke das ist eine gute Idee. Besser als hier rum zu stehen.", antwortete ich mechanisch und folgte ihm durch die verwinkelten Gänge.
      In der kleinen Sitzecke war es ruhiger, der Geruch von frischem Gebäck kämpfte hier tapfer gegen das allgegenwärtige Desinfektionsmittel an. Ich setzte mich Tom gegenüber und spürte, wie die Anspannung der letzten Stunden schwer auf meine Schultern drückte. Tom wirkte ruhig, fast schon zu ruhig, aber ich sah das leichte Zittern seiner Finger, als er seine Hände faltete. Er war der Fels in der Brandung, aber auch Felsen bekamen Risse, wenn die Brandung zu stark wurde.
      "Möchten sie etwas trinken oder kann ich ihnen etwas gutes tun?", fragte er mit dieser sanften, kontrollierten Stimme, die er wohl über Jahre hinweg für Krisenmomente wie diesen perfektioniert hatte.
      Ich schenkte ihm ein schwaches, aber ehrliches Lächeln. "Ein schwarzer Tee reicht völlig, danke. Und... eigentlich tun Sie mir schon etwas Gutes, indem Sie mich hier nicht alleine im Flur stehen lassen. Dieses Gebäude hat die unangenehme Eigenschaft, dass man sich darin sehr klein fühlt."
      Ich strich mir eine Locke hinter das Ohr und merkte, dass ich immer noch die Blumenklammer trug, die ich heute Morgen so sorgfältig befestigt hatte. Sie fühlte sich jetzt wie ein absurder Überrest aus einer Welt an, in der Styling und Image noch eine Rolle spielten. "Mr. Miller?", begann ich vorsichtig und suchte seinen Blick. "Ich weiß, dass ich hier bin, um Kyles Image zu managen und eine Strategie zu entwerfen. Aber ich sehe auch, was das alles mit Ihnen macht. Mit euch beiden." Ich machte eine kurze Pause und senkte die Stimme. "Er ist stark, aber er verlässt sich mehr auf Sie, als er zugibt. Und ich... ich möchte, dass Sie wissen, dass ich nicht nur hier bin, um Fotos zu machen. Wenn es hart auf hart kommt, stehe ich hinter Ihnen. Hinter der ganzen Familie Miller." Ich biss mir kurz auf die Wange. Es war die Wahrheit, aber es war auch gefährliches Terrain. Tom war schlau; er hatte die Blicke zwischen Kyle und mir längst bemerkt. Ich fragte mich, ob er in diesem Moment die Fotografin in mir sah oder die Frau, die gerade dabei war, ihre eigene professionelle Distanz in einem Scherbenhaufen zu begraben. "Wie gehen Sie damit um?", fragte ich ihn direkt, während ich meine Hände um die noch nicht vorhandene Teetasse legte, um sie zu wärmen. "Mit dieser ständigen Ungewissheit? Kyle spielt den Unantastbaren, aber Sie tragen die Verantwortung für alles. Das muss... einsam sein." Ich wollte ihn ablenken, ihm den Raum geben, einmal nicht der große Bruder und Manager sein zu müssen. Und vielleicht hoffte ich insgeheim, dass er mir ein Zeichen gab... ein Zeichen, dass es okay war, sich in diesem Chaos menschlich zu fühlen, selbst wenn man eigentlich nur zum Arbeiten hier war.
    • Tom

      Sie wirkte abgelenkt, so als wäre sie gerade mit den Gedanken ganz woanders. Ich gab ihr den Raum den sie brauchte und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Sie wollten einen schwarzen Tee und dankte mir dafür das ich sie nicht alleine gelassen hatte. „Den bekommen sie und sie brauchen sich nicht dafür bedanken. Sie sind schließlich jetzt ein fester Bestandteil in unserem Leben.“ Ich stand kurz auf und holte uns etwas zu trinken. Ich stellte ihr die Tasse Tee hin und mir einen starken schwarzen Kaffee. Sie fühlte sich im Moment nicht wohl hier, was ich auch vollkommen nachvollziehen konnte. Krankenhäuser wirken auf die Menschen immer unterschiedlich. Gerde wenn man ein Familienmitglied hier her begleitet.
      Als sie meinen Namen sagte sah ich wieder zur ihr auf. In ihrem Blick lag ein Hauch von Sorge und ich hörte ihr aufmerksam zu.
      „Das weiß ich sehr zu schätzen. Kyle ist eben schwierig. Er möchte alles mit sich selbst ausmachen und nimmt Hilfe nicht unbedingt an. So war er schon immer..“
      Mir kam die Zeit wieder hoch als er unter Drogen stand, nur um den Unfall unserer Eltern zu vergessen. Ich atmete zittrig aus und trank einen Schluck von meinem Kaffee. Ihre nächste Frage war nicht überraschend. Ich schätze ihre fürsorgliche Art. Meine Gesichtszüge wurden ein wenig weicher. „Hören sie..“ Ich hielt kurz inne. Versuchte die richtigen Worte zu finden, abzuwägen was ich ihr sagen sollte und was nicht. Aber um ehrlich zu sein wäre es das schlauste jetzt mal nicht den taffen Mann zu spielen. Sondern einfach einmal Tom zu sein.
      „Mir geht es damit nicht gut. Ich habe meine Bedürfnisse komplett zurück gestellt für ihn. Seit dem Tod unserer Eltern habe ich Kyle groß gezogen. Er stand immer an erster Stelle für mich.“ Mir standen leicht die Tränen in den Augen. Ich hatte eventuell eine Grenze überschritten, da ich ihr Boss war, aber ich wusste das sie damit diskret umgehen würde. Ich wischte mir mit der Hand über meine Gesicht. „Entschuldigen sie.“
    • Grace

      Das leise Klirren meines Löffels gegen die Teetasse war das einzige Geräusch zwischen uns, nachdem Tom geendet hatte. Ich sah ihn an und spürte, wie sich mein mitfühlendes Herz für diesen Mann zusammenzog, der so viel mehr trug als nur die Verantwortung für eine Weltkarriere. Er trug das Erbe seiner Eltern und die zerbrochene Seele seines Bruders auf seinen Schultern.
      "Sie müssen sich für gar nichts entschuldigen, Mr. Miller", sagte ich leise und stellte den Tee beiseite, um mich ganz zu ihm vorzulehnen. "Nicht vor mir. Also.... wenn sie meinen kleinen Gefühlsausbruch am Frühstückstisch vergessen dann... habe ich nichts gesehen außer zwei Menschen die mit a good old chinwag die Zeit vertreiben." Ich beobachtete, wie er sich über das Gesicht wischte, und für einen Moment sah ich nicht den mächtigen Manager der Miller-Brüder, sondern einen Jungen, der viel zu früh erwachsen werden musste. Die Maske, die er so sorgfältig für die Öffentlichkeit und vielleicht auch für Kyle aufrechterhielt, hatte Risse bekommen, und ich fühlte mich geehrt, dass er sie vor mir abgelegt hatte. "Das ist bei Gott keine Schwäche", fuhr ich fort, meine Stimme fest und warm. "Ehrlich gesagt, ist es das Menschlichste, was ich seit meiner Ankunft in L.A. gesehen habe. Sie haben ihm sein Leben zurückgegeben, als er im Dunkeln stand. Aber wer gibt Ihnen Ihres zurück?" Ich dachte an meine eigene riesige, chaotische Familie auf dem Bauernhof. Dort gab es immer jemanden, der die Last auffing, wenn einer stolperte. Hier, in dieser glitzernden, harten Stadt, schien Tom ganz allein am Ruder zu stehen. "Sie sagen, ich sei ein fester Bestandteil Ihres Lebens geworden", wiederholte ich seine Worte von vorhin. "Dann lassen Sie mich auch ein Teil der Lastträger sein. Ich kann Kyle nicht gesund machen und ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber ich kann dafür sorgen, dass Sie heute nicht alleine in dieser Cafeteria sitzen. Und ich kann dafür sorgen, dass die Welt da draußen nur das sieht, was Kyle schützt, während Sie im Hintergrund kurz durchatmen." Ich suchte langsam seinen Blick, der sich deutlich von den Augen unterschied. "Kyle hat Glück, Sie zu haben. Aber er ist alt genug, um zu lernen, dass auch sein großer Bruder mal eine Schulter zum Anlehnen braucht." Ein kurzes, trauriges Lächeln stahl sich auf meine Lippen. "Und was das Diskrete angeht: In meiner Familie haben wir ein Sprichwort. Was man am Küchentisch ...oder in einer Krankenhaus-Cafeteria... teilt, das gehört der Familie. Und für mich fühlt sich das hier gerade sehr nach Familie an. Nach einer sehr schrägen und sehr komplizierten L.A. - Familie. Aber ich wollte ja auf meiner Suche ein paar Abentuer erleben alsoooo... that'll do, I reckon. Things never go to plan, do they?" Ich nahm einen Schluck von meinem Tee, der mittlerweile genau die richtige Temperatur hatte. Die bittere Note des schwarzen Tees passte seltsamerweise perfekt zu diesem Moment. Wir saßen dort, zwei Menschen, die versuchten, einen Mann zu retten, der sich selbst oft genug im Weg stand.
    • Tom

      Sie hatte heute Morgen einen Gefühlsausbruch vor dem Frühstück? Da war meinen Augen wohl etwas entgangen. "Danke. Und es tut mir leid das weder ich noch Kyle heute morgen etwas davon mitbekommen hatten. Wenn ich etwas für sie tun kann dann sagen sie es mir ruhig." Ich fühlte mich ein wenig dafür verantwortlich das es ihr genau so gut ergeht, wie allen wichtigen Menschen um mich herum. Meine Hände umfassten die Kaffeetasse wieder. Mein Blick ruhte auf ihr. "Wer mir mein Leben zurück gibt? Nun das kann niemand." Das Leben wäre anders verlaufen, wenn es niemals zu diesen Unfall gekommen wäre. Dann wäre mein Leben und das von Kyle mit Sicherheit anders verlaufen, als bisher. Man konnte die Zeit jedoch nicht zurückdrehen. Ihre Worte gingen mir sehr nah. Sie war wirklich gut darin die richtigen Worte zu finden. "Ich möchte ihnen aber nicht jegliche Last aufdrängen. Schließlich haben sie genug eigene Probleme.." Mit meinem Bruder hatte sie allerdings recht. Ich musste mich einfach mehr zurücknehmen. Die Kontrolle abgeben und mehr an mich denken. "Glauben sie mir ich möchte so gerne etwas Abwechslung in meinem Leben haben, aber mein Job verlangt so vieles von mir und ich kann nicht einfach auf Pause drücken. Kyle hingegen führt ein ruhigeres Leben als ich. Ich bin derjenige der alles am Laufen hält und alles regelt." Doch was würde passieren wenn ich es einfach mal wagen? Ich kann nicht für immer in diesem Glaskasten sitzen und mich in meinem Büro verschanzen. Ich habe schon so viele Jahre meines Lebens verstreichen lassen, ohne überhaupt an die Konsequenzen zu denken. Ich war mittlerweile 30 Jahre alt und hatte bisher keine richtige Beziehung, da mir die Arbeit und Kyle immer wichtiger waren. Doch daran war nichts zu ändern. Ich konnte nur nach vorne blicken und mein Leben in eine andere Richtung lenken.
      Ihre nächste Worte berührten mich tief in meinem Herzen. Ich sah sie sanft an und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. "Das ist.. Entschuldigen sie, aber mir fehlen gerade die richtigen Worte dafür." Ich trank einen Schluck von meinem Kaffee und räusperte mich. "Ich kann ihnen gar nicht genug für ihre Worte danken. Ms. Wilson.. Nein, Grace." Mein Lächeln wurde größer. "Vergessen wir diese Förmlichkeiten. Das war schon längst überfällig." Ich reichte ihr meine Hand. "Ich danke dir das du ein Teil dieser chaotischen Familie bist und mir zugehört hast."

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      Kyle

      Der Doktor untersuchte jeden Lymphknoten an meinem Körper und er schien zufrieden damit zu sein. "Es ist bisher nichts größer geworden. Die Milz und Leber scheinen ebenfalls in Ordnung zu sein. Sie können sich wieder anziehen. Die Schwester wird ihnen noch Blutabnehmen, damit wir schauen können wie hoch der Anteil der jeweiligen Blutkörper ist und ihre Vitalwerte messen." Ich zog mir meine Sachen wieder an und setzte mich auf die Liege. Die Krankenschwester kam in den Raum und bereitete alles dafür vor um mir Blut abzunehmen. Es dauerte nicht lange und sie hatte mir genügend Blut abgezapft. Sie klebte mir noch ein Pflaster drauf und ermittelte noch meine Vitalwerte. Ich sollte mich dann noch auf die Wage stellen und sie notierte sich alles auf ihrem Klemmbrett. "Okay Mr. Miller. Sie dürften dann noch zum MRT gehen. Dies befindet sich in der unteren Etage." "Wird gemacht." Ich nahm meine Lederjacke vom Stuhl und ging aus dem Behandlungszimmer heraus. Zum MRT ging es an der Anmeldung vorbei. Ich konnte sehen das Tom und Grace nicht mehr hier waren. Vielleicht haben sie sich in die Cafeteria zurück gezogen und besprechen sich gerade. Neben der Anmeldung ging ich ein paar Treppen nach unten und bog dann zum MRT ab. Dort meldete ich mich an und wartete darauf bis ich aufgerufen wurde.
    • Grace

      Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Tee und ließ ihn beinah quälend langsam meine Kehle herunterlaufen. Die bittere Note legte sich wie ein kleiner Anker auf meine Zunge. Genau das brauchte ich gerade, um nicht komplett durchzudrehen. Die beiden hatten davon wirklich nichts mitbekommen? Gott sei Dank. Mein britisches Pokerface war also doch noch zu etwas nütze, selbst wenn mein Inneres sich heute Morgen wie eine schlecht belichtete Langzeitaufnahme angefühlt hatte. Ich schüttelte erleichtert den Kopf und spürte, wie die Anspannung der letzten Stunden zumindest ein winziges Stück von mir abfiel. Als er dann lächelte, traf es mich völlig unvorbereitet. Es war ein sanftes, charismatisches Lächeln, das seine Züge auf eine Weise aufhellte, die mir den Atem raubte. Es war nicht unerwartet schließlich waren sie Brüder, aber die Ähnlichkeit in diesem Moment war fast schmerzhaft. Für einen Sekundenbruchteil, sah ich Kyle. Es war dasselbe Leuchten, nur ohne den trotzigen Unterton, den Kyle fast immer wie einen Schutzschild vor sich hertrug. Es war, als würde ich eine ruhigere, gefestigtere Version desselben Motivs betrachten, und für einen Moment wusste ich nicht, wohin mit meinem Blick. Ich schob die Verwirrung beiseite und konzentrierte mich auf seine Hand, die er mir reichte. Ich legte meine Hand in seine und drückte sie fest. "Sehr gern...", sagte ich und ließ ein kleines, aufmunterndes Lächeln zu. "Abgemacht. Keine Förmlichkeiten mehr. Und was meine 'Probleme' angeht... die sind im Vergleich zu dem, was ihr stemmt, nur kleine Stolpersteine. Aber danke, der Nachfrage." Wir saßen noch einen Moment schweigend da, während der Lärm der Cafeteria um uns herum zu einem fernen Hintergrundrauschen verschwamm. Tom wirkte gelöster, als hätte das Aussprechen seiner Einsamkeit den Druck im Kessel ein wenig gemindert. Ich wollte gerade fragen, was er als Erstes tun würde, wenn er tatsächlich einmal auf 'Pause' drücken könnte, als mein Blick zur gläsernen Eingangstür der Cafeteria wanderte.
      Ich sah Tom an und spürte, dass ich einen Moment für mich brauchte, um die Eindrücke zu sortieren. "Ich bin gleich wieder da, Tom", sagte ich leise und schenkte ihm ein kurzes Nicken, bevor ich mich von unserem Tisch in der Cafeteria erhob.
      Ich steuerte zielstrebig auf den Empfangstresen zu. Dort saß dieselbe ältere Dame, die uns schon bei bei meinen ersten Besuch hier, mit dieser ganz speziellen Mischung aus Effizienz und schlecht gelaunter Autorität empfangen hatte. Ich setzte mein freundlichstes Gesicht auf, auch wenn ich wusste, dass Charme bei ihr vermutlich abprallte wie Regen an einer polierten Windschutzscheibe. "Entschuldigen Sie die Störung", begann ich höflich und lehnte mich ein Stück über den Tresen. "Könnten Sie mir sagen, ob Mr. Miller bald fertig ist? Er ist bei den Untersuchungen." Die Frau blickte über den Rand ihrer Brille hinweg auf ihren Monitor, tippte etwas ein und sah mich dann mit einem Blick an, der deutlich machte, dass ich gerade ihren Rhythmus störte. Zumindest wusste sie dieses Mal gleich, dass ich zu den Millers gehörte. "Er ist mit der Blutabnahme und den Vitalwerten durch", brummte sie ruppig, ohne eine Miene zu verziehen. "Er wurde gerade zum MRT nach unten geschickt. Das ist der letzte Punkt auf der Liste für heute. Erwarten Sie keine Wunder, das MRT dauert seine Zeit." Ich seufzte leise. "Vielen Dank für die Auskunft", erwiderte ich knapp. Ich hatte nicht vor, mich von ihrer schroffen Art aus der Ruhe bringen zu lassen. Mein Blick glitt zu der Schale mit den gelben Zitronenbonbons, die direkt vor mir auf dem Tresen stand. Mit einer beiläufigen Eleganz, als würde es ganz natürlich dazugehören, griff ich hinein und schnappte mir fünf Stück. Das Knistern des Plastiks klang in der sterilen Stille fast schon provozierend laut. Ich ließ sie mit einer flinken Bewegung in meine Tasche gleiten, schenkte der Dame ein letztes, fast schon diebisches Lächeln und machte auf dem Absatz kehrt. Ich lehnte mich gegen eine der kühlen Säulen in der Lobby, weit genug weg vom Tresen, um unverdächtig zu wirken, und wartete. Ich spürte das Gewicht der Bonbons an meinem Oberschenkel ...ein kleiner Vorrat an saurem Trost. Ich wusste nicht, wie lange das MRT da unten im Keller dauern würde, aber ich wusste, dass ich nirgendwo anders sein wollte. Ich rollte eines der Bonbons zwischen Daumen und Zeigefinger in meiner Tasche hin und her und starrte auf die automatischen Türen. Irgendwo da unten lag Kyle in einer engen Röhre, umgeben von technischem Lärm, und hier oben stand ich, mit stiebitzten Süßigkeiten und einem Herzen, das viel zu laut für eine bloße Angestellte schlug. Sour-tasting food improves your mood, Grace. Das hast du selbst gesagt. Oder es sorgt zumindest dafür, dass man den bitteren Beigeschmack der Realität für einen Moment vergisst. Ich schob mir eines der Bonbons in den Mund und spürte, wie die Säure auf meiner Zunge prickelte. Ich kniff die Augen zusammen und atmete tief durch. Halt durch, Panorama-Prinz. Wir sind fast fertig für heute.
      Zurück in der Cafeteria ließ ich mich wieder auf den Stuhl gegenüber von Tom sinken. Ich spürte das Gewicht der Bonbons in meiner Jeans und fühlte mich seltsamerweise ein kleines bisschen besser. "Ich habe nachgefragt", sagte ich und griff nach meinem nun fast kalten Tee. "Er ist mit dem ersten Teil fertig. Er ist jetzt unten beim MRT. Das ist die letzte Station." Ich machte eine kurze Pause und sah Tom fest an. "Es dauert wohl noch ein Weilchen, aber der schlimmste Teil des Wartens liegt fast hinte uns."
    • Kyle

      Die Wartezeit hier unten machte mich allmählich wahnsinnig. Und das schlimme an der Sache war, das ich nichts hatte um mich zu beschäftigten. Meine Hand ging an meine Jackentasche wo mein Handy drinnen steckte. Ich wollte es so gerne herausnehmen und mir damit die Zeit vertreiben, doch es war strengstens verboten ein Handy zu nutzen. Ich lehnte mich an die Lehne des Stuhls zurück und ließ meinen Hinterkopf gegen die Wand fallen. Meine Hand ruhte noch immer auf der Tasche. Ich konnte fühlen das da noch etwas drinnen steckte und krabbelte mit meinen Fingern hinein. Dann erinnerte ich mich das ich heute Morgen ein paar dieser Zitronenbonbons hinein getan hatte. Ich fische eins heraus, sah es mir an und ließ es zwischen meinen Fingern hin und her wandern. Sofort kam mir der gestrige Tag wieder in den Kopf und somit auch Grace.. Ich seufzte auf, wickelte das Bonbon auf und ward es mir in den Mund. Ich verzog leicht das Gesicht aufgrund der Säure, doch das verging nach wenigen Augenblicken wieder. Irgendwas muss geschehen das ich sie aus meinem Kopf bekomme, denn wenn ich mich weiter in ihr verliere, gibt es kein zurück mehr.. Und wir waren schon kurz davor alles zu ändern. Bei dem Gedanken daran das wir uns fast geküsst hatte, wurde mir ein wenig warm ums Herz. Vielleicht wäre es klug sie irgendwie zu ignorieren.. Doch sobald ich in ihre Augen sah war ich verloren.. Hoffnungslos verloren.
      Vor ein paar Tagen wäre noch ziemlich einfach gewesen sie links liegen zu lassen, aber jetzt war sie in einer anderen Position, dank meinem Bruder. Somit verbrachten wir noch mehr Zeit mit einander, als so schon. Ich weiß echt nicht wie ich das verkraften soll..

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      Tom

      Sie war zu bescheiden und ich nahm mir zur Aufgabe, sie bei allen zu unterstützen wo sie nur Hilfe benötigte. Grace hatte im Büro erwähnt das sie nach ihren Wurzel suchen möchte. Viellicht kann ich ihr damit auch ein wenig die Last von den Schultern nehmen.
      Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich als sie mir die Hand reichte und mir ins Gesicht sah, als würde sie jemand anderen in mir sehen.
      Als sie aufstand und sagte das sie gleich wieder kommen würde, tat ich mit einem sanften Lächeln ab.
      Während Grace aus der Cafeteria verschwand, zog ich mein Handy aus der Hosentasche. Ms. Taylor hatte noch nicht geantwortet, aber anscheinend war sie viel zu beschäftigt gewesen oder es war die Quittung dafür, das ich solange mit einer Antwort gewartete hatte.
      Eine Nachricht ploppte auf dem Bildschirm aus und sie war von den beiden Jungs. Sie schrieben das sie Kyle alle Daumen der Welt drückten und ich soll ihn später lieb von den beiden grüßen. Ich tippte schnell eine Antwort und schickte sie ab. Das Handy legte ich auf den Tisch und trank den restlichen Schluck meines Kaffees aus. Ich holte mir noch einen und setzte mich wieder, in dem Moment kam auch Grace wieder zurück. Sie wirkte ein wenig beruhigte. Sie erklärte mir das Kyle gerade im MRT ist und das der letzte Punkt war. Erleichtert atmete ich aus. "Gut vielen Dank das du nachgefragt hast. Also bliebt uns wohl noch ein wenig Zeit." Ich senkte meinen Blick auf die Tasse. "Möchtest du noch über die Arbeit reden? Heute morgen klang es so als hättest du noch ein paar Fragen an mich."
    • Grace

      Ich strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und beobachtete, wie der Dampf von Toms neuem Kaffee in der kühlen Luft der Cafeteria aufstieg. Dass er mir nun offiziell das 'Du' angeboten hatte, machte die Atmosphäre zwischen uns deutlich entspannter, aber die Frage nach der Arbeit fühlte sich in diesem Moment fast wie ein kleiner Kulturschock an.
      Eben noch hatten wir über Einsamkeit, Familie und die Scherben unseres Lebens geredet, und nun saßen wir hier und sollten über Klickzahlen und Image-Kampagnen sprechen. Ein trockenes Lachen stieg in mir auf, das ich jedoch mühsam unterdrückte.
      "Du hast recht, eigentlich wollte ich das", sagte ich und griff nach meiner Tasche, nur um sie dann doch stehen zu lassen. "Aber um ehrlich zu sein... sich jetzt über Social-Media-Metriken zu unterhalten, während Kyle da unten in dieser Röhre liegt, fühlt sich ein bisschen so an, als würde man die Farbe des Rettungsboots diskutieren, während man noch mitten im Sturm steckt." Ich lehnte mich zurück und spürte die harten Bonbons in meiner Tasche. Ich öffnete gerade den Mund, um Tom nach seiner Einschätzung zu fragen, als mein Handy in meiner Tasche vibrierte. Ein kurzer Blick auf das Display ließ mein Herz für einen Moment aussetzen. Farrow Taylor. "Ohje...", murmelte ich unwillkürlich. Das war sie also, die Quittung für meinen kleinen Alleingang heute Morgen. Ich sah Tom entschuldigend an. "Entschuldige, das ist... Farrow. Ich geh lieber ran. Ähm... sorry."
      Ich erhob mich mit einem verlegenen Lächeln und hastete in eine etwas ruhigere Ecke der Cafeteria, hinter eine große Palme, die zumindest einen Hauch von Privatsphäre bot.
      "race?", Farrows Stimme klang gefährlich entspannt, was bei ihr meistens ein schlechtes Zeichen war. :Ich komme gerade aus meiner Pilatesstunde und was sehe ich? Eine Nachricht von Mr. Miller, in der er sich zuerst bei mir entschuldigt? Du willst mir doch sicherlich dringend etwas Kontext dazu liefern?" Ich biss mir auf die Lippe und lächelte ertappt in den leeren Raum hinein. "Ich... nun ja, ich habe dich und die Magnolia Society vielleicht ein ganz kleines bisschen vors Loch geschoben, um von etwas anderem abzulenken", gab ich kleinlaut zu. "Von was? Von deiner kleinen Tragödie mit Kyle?", hakte sie sofort nach. "Moment... ablenken? Mr. Miller lässt sich von der Magnolia ablenken? Sehr interessant." In ihrer Stimme schwang plötzlich eine Art kühler Stolz mit. "Herzlichen Glückwunsch, Gracelyn. So langsam scheinst du ja doch etwas von mir zu lernen." Das kam so unerwartet, ich verschluckte mich fast an meinen eigenen Atemzug. "Wie bitte?", entgegnete ich verwirrt. "Wie man sein Wissen über das Gegenüber nutzt, um es in die gewünschte Richtung zu lenken", dozierte sie. "Du hast eine Schwachstelle gefunden und sie effizient bespielt." In der Leitung wurde es kurz still, und ich konnte fast hören, wie die Zahnräder in ihrem Kopf zu rotieren begannen. "Hmmm... weitere Details schicken also..." Das klang verdächtig danach, als würde sie bereits einen Plan aushecken, der für alle Beteiligten.... vor allem für die Millers, anstrengend werden könnte. Ich schluckte schwer. "Bitte, Farrow, tu nichts, was ich nicht auch tun würde."
      Sie lachte ein kurz und trocken. "Natürlich nicht. So... ich muss jetzt. So unterhaltsam es auch ist, ich kann mich nicht die ganze Zeit mit deinen Celebrity-Dramen herumschlagen. Aber... meld dich, wenn ihr wieder zurück seid, ja?" Klick. Sie legte auf, ohne meine Antwort abzuwarten. Großartig. Das konnte ja heiter werden.
      Ich atmete tief durch, ging zum Tresen und bestellte mir ein stilles Wasser und ein weiteres für Tom. Mit den kühlen Flaschen in der Hand kehrte ich zu unserem Platz zurück und ließ mich wieder auf den Stuhl sinken.„
      "Ich soll schöne Grüße ausrichten...", log ich so flüssig, wie es nur eine Britin kann, deren Nerven gerade blank lagen. "Sie klang... produktiv und mal wieder sehr beschäftigt." Dass das wahrscheinlich bedeutete, dass sie bald wieder wie ein Wirbelsturm in seinem Büro auftauchen würde, verschwieg ich lieber. "Wo waren wir stehen geblieben?" Ich nahm einen Schluck Wasser und versuchte, das Gefühl loszuwerden, dass Farrow gerade den ersten Dominostein für die Magnolia Society umgestoßen hatte.
    • Tom

      Es stimmte, nun war nicht der richtige Zeitpunkt um über die Arbeit zu sprechen. Vielleicht schnitt ich das Thema nur an um mich von meinen eigenen Gefühlen abzulenken. Aber ja hier ging es jetzt um Kyle und nicht um ihre Arbeit als Social Media Beauftragte. Als ihr Telefon klingelte, sah ich zur ihr auf. Ihr Blick sah aus als hätte sie auf eine Zitrone gebissen, als sie auf ihr Handy starrte. Doch dann veränderte sich etwas in meinem Gesicht, als sie diesen Namen in den Mund nahm. Ich biss mir von innen auf die Wange. "Tuen sie sich keinen Zwang an", sprach ich schließlich zu ihr, bevor sie sich von iherem Platz erhob.
      Farrow Taylor.. die Frau die vor einigen Tage kostbare Zeit geopfert hatte um in meinem Büro aufzutauchen und mir immer wieder in den Kopf kommt, sobald ihr Name auch nur genannt wurde. Vielleicht hatte Erik mit seinen Worten doch recht, das ich schauen sollte ob da etwas zwischen ihr und mir war. Auch wenn ich es im Moment nicht für möglich halte. Es waren nicht einmal 5 Minuten, die wir geredet hatten. Aber diese Minuten reichten aus, um einen bleibenden Eindruck bei mir zu hinterlassen. Meine Finger tippten an die Kaffeetasse. Vielleicht würde Grace ja mit weiteren Neuigkeiten zurückkehren, nachdem sie das Telefonat mit ihr beendet hatte.
      Ich wartete geduldig, sah immer wieder auf meine Armbanduhr und dachte zurück an Kyle. Ich hoffe inständig er hielt die letzten Minuten noch durch. Ich konnte mir vorstellen wie unangenehm es für ihn sein musste in einer vollkommen geschlossenen Röhre zu stecken, ohne sich darin bewegen zu dürfen. Ich lockerte meine Krawatte ein wenig. Durchhalten kleiner Bruder
      Ich war froh als Grace wieder zurück kam und nahm ihr dankend die Flasche Wasser aus der Hand. "Vielen Dank. Ich hoffe das Telefonat ist gut verlaufen?" Sie richtete mir liebe Grüße von ihr aus, was mich natürlich aufhorchen ließ. Etwas stutzig darüber, sah ich sie nun an. "Was anderes hätte ich mir bei ihr auch nicht vorstellen können." Und ich merkte wie ähnlich wir uns eigentlich waren. Wäre das mit Kyle nicht passiert, würde ich jetzt nicht hier sitzen und ein Kaffee trinken, fast wahnsinnig vor Sorge werden, sondern würde in meinem Büro sitzen und bis spät am Abend arbeiten. Doch dem war nicht so.
      Ich trank einen Schluck von dem Wasser und sah wieder zu Grace ab. "Nur noch wenige Minuten, dann ist er endlich erlöst und wir können diesem weißen Gefängnis für heute den Rücken zuwenden."

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      Kyle

      Langsam konnte ich nicht mehr still sitzen bleiben und lief den Flur auf und ab. Immer wieder kamen Schwestern an mir vorbei, doch niemand von ihnen forderte mich auf ihnen zu folgen. Ich wartete schon gefühlt eine Ewigkeit und Grace und Tom fragen sich sicherlich auch schon wo ich bleibe. Dann öffnete sich endlich eine Tür. "Mr. Miller?" Eine Frau steckte ihren Kopf durch die Tür und sah mich an. "Ja hier." Ich hob meine Hand und sie schenkte mir ein Lächeln und öffnete die Tür vollkommen. Wir traten in einen Zwischenraum und sie wies mich an alles abzulegen was Metall beinhaltet. Ich zog meine Jeans und meine Schuhe aus. Legte meine Kette ab und folgte ihr in den anderen Raum. Dort fiel mein Blick auf diese große Röhre mitten im Raum. "Mr. Miller ich gebe ihnen noch ein paar Ohrstöpsel, dann ist es dort drinnen nicht so laut. Legen sie sich bitte auf die Liege, dann fahren wir sie hinein. Für den Fall das sie plötzlich Platzangst oder eine Panikattacke bekommen, drücken sie auf den roten Knopf der sich unmittelbar in ihrer Nähe befindet. Dann brechen wir sofort ab und holen sie daraus. Alles klar?" "Okay." Ich atmete aus, steckte mir die Stöpsel in mein Ohr und legte mich hin. Die Schwester trat nochmal an die Seite und sah mich an. "Schön ruhig und entspannt bleiben und Atmen nicht vergessen. Es wird ungefähr eine halbe Stunde dauern." Das war schon einmal gut zu wissen. Nur noch eine halbe Stunde durchhalten, dann ist es geschafft und dann war zu hoffen das die Ergebnisse alle in Ordnung waren.
    • Grace

      "Das kannst du laut sagen", antwortete ich und spürte, wie die kühle Plastikflasche in meinen Händen Kondenswasser bildete. "Dieses weiße Gefängnis hat eine ganz eigene Art, einem die Energie aus den Knochen zu saugen." Ich sah Tom an und spürte plötzlich den Drang, reinen Tisch zu machen, was den Überfall in seinem Büro vor ein paar Tagen anging. Ich kratzte mir verlegen an der Wange und schenkte ihm ein schiefes, entschuldigendes Lächeln. "Wegen Farrow... ich wollte mich eigentlich noch dafür entschuldigen, dass sie einfach so in dein Büro geplatzt ist", gestand ich und senkte die Stimme ein wenig. "Sie hat mich mit ihrem Hund abgelenk. So ist sie halt, wenn sie etwas will, setzt sie ihren Willen durch. Ich hätte sie eigentlich aufhalten müssen, aber gegen Farrow im Angriffsmodus bin ich manchmal machtlos. Das war schon immer so. Es tut mir wirklich leid, dass ich da versagt habe." Ich erinnerte mich an unser letztes Treffen außerhalb der Arbeit und ein kleines Schmunzeln stahl sich auf meine Lippen. "Bei unserem letzten gemeinsamen Cocktail meinte sie übrigens ziemlich trocken, dass du jetzt exakt 4,37 Minuten bei ihr gut hättest. Frag mich nicht, wie sie auf diese krumme Zahl kommt, wahrscheinlich hat sie die Zeit gestoppt, die sie in deinem Büro verbracht hat." Ich lachte leise und schüttelte den Kopf. "Sie ist... nun ja, sie ist eben Farrow... ich weiß, dass diese Stadt sie als die berechnende Eiskönigin wahrnimmt. Und sicher, das ist sie auch, sie wäre nicht so weit gekommen mit allem, was sie sich aufgebaut hat, wenn sie nicht knallhart wäre. Aber sie ist eben auch mehr als das. Sonst wären wir beide wohl kaum so eng befreundet." Ich machte eine kurze Pause und sah Tom fest an. "Ihr Mitgefühl und ihre Wertschätzung stecken oft im unausgesprochenen Subtext, genau wie bei Kyle. Es braucht nur eine Menge Geduld, Übung und ein gewisses Feingefühl, um das in den kleinen Dingen zu erkennen. Dass sie dir diese 4,37 Minuten 'gutgeschrieben' hat, ist zum Beispiel so eine kleine Sache. In Farrows Welt ist das fast schon eine Liebeserklärung an deine Effizienz." Ich zwinkerte ihm zu und nahm einen kräftigen Schluck Wasser. Auch wenn sie das niemals so direkt zugeben würde." Ich rückte meinen Stuhl ein Stück zurecht, das Quietschen der Metallbeine auf dem Linoleum schnitt unangenehm durch die sterile Ruhe. Tom sah mich an, und ich konnte sehen, wie er die Information über die 4,37 Minuten verarbeitete. Es war fast amüsant zu beobachten, wie ein Mann, der eine berühmte Band wie Triple Distortion managte, von Farrow Taylors mathematisch präziser Arroganz aus dem Konzept gebracht wurde. Ich schob mir eines der stiebitzten Bonbons in die Wange, ohne es dieses Mal zu zerbeißen. Die Säure war mittlerweile fast vertraut, ein kleiner, scharfer Fokuspunkt in dieser verschwommenen Wartezeit. "Mhm... Glaubst du eigentlich...", begann ich vorsichtig und sah Tom an, "dass Kyle uns jemals verzeiht, dass wir hier sitzen und aus eigener Verzweiflung über seine Vermarktung oder Farrow reden, während er unten im MRT liegt? Manchmal komme ich mir als ARM vor wie ein Geier, der nur auf den perfekten Moment wartet, um zuzuschlagen." Ein tiefes, wehmütiges Seufzen entwich mir. Die schlaflose Nacht und die emotionale Achterbahnfahrt des Morgens forderten nun endgültig ihren Tribut. Trotz des schwarzen Tees. "Auf jeden Fall sollten wir schleunigst unser bestes 'Ich-habe-alles-unter-Kontrolle'-Pokerface wieder aufsetzen. Sonst denkt Kyle am Ende noch, wir bräuchten hier die ärztliche Behandlung und nicht er." Ich zwang mich zu einem Lächeln, doch mein Blick glitt unweigerlich zurück zur Uhr an der Wand. Die Sekunden krochen dahin. Mein Herz fühlte sich schwer an, fast so, als hätte ich selbst ein MRT-Kontrastmittel im Blut, das jede meiner Emotionen auf einem Bildschirm für alle sichtbar machte. Ich hatte heute Morgen im Loft die Heldin gespielt. Die taffe Britin, die alles im Griff hat. Aber die Wahrheit war... jedes Mal, wenn ich an Kyle da unten dachte, fühlt es sich an, als würde jemand meine professionelle Distanz mit einem Vorschlaghammer bearbeiten. Sehr unprofessionell, das war mir die ganze Zeit schon bewusst. Farrow würde mir wahrscheinlich eine Standpauke über emotionale Unabhängigkeit halten, während sie sich die Fingernägel maniküren lässt. Aber Kyle hat diese... Art. Er provoziert mich, er treibt mich in den Wahnsinn mit seiner Dickköpfigkeit, und wenn er mich dann an sah, vergaß ich glatt, dass ich eigentlich nur hier warum, um die Beiden zu begleiten und Kyles Gesicht gewinnbringend zu vermarkten. Wahrscheinlich ist es einfach der Schlafmangel. Mein Gehirn versucht bloß, die Lücken mit romantischem Unsinn zu füllen, um nicht über die Laborwerte nachdenken zu müssen. Eine klassische neurologische Fehlleistung. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Ich sah ihn fest an, die Maske saß wieder, zumindest halbwegs. "Wenn er gleich hier durch die Tür kommt, werde ich ihn wahrscheinlich erst einmal necken, weil er uns so lange hat warten lassen. Das ist die einzige Sprache, die er versteht, wenn er sich verletzlich fühlt. Und ich... ich werde dafür sorgen, dass er nicht merkt, dass ich in der letzten Stunde fast vergessen habe zu atmen." Ich schob das Zitronenbonbon in meiner Wange von links nach rechts. Der saure Geschmack war eine Wohltat. Er war real. Er biss. Genau wie Kyle. "Also... Bist du langsam wieder bereit für den großen Auftritt?", fragte ich Tom und straffte die Schultern.
    • Tom

      Eins musste man Grace wirklich lassen, sie war eine der ehrlichsten Personen, die ich jemals kennenlernen durfte. Sie fühlt sich anscheinend nicht wohl dabei bestimmte Dinge für eine lange Zeit in sich zutragen, ohne mit jemanden darüber gesprochen zu haben. "Du musst dich nicht dafür entschuldigen bei mir. Wenn es ihre Art ist dann hat sie das absichtlich gemacht und eigentlich sollte ich mich geehrt fühlen, das sie mir ihre wertvolle Zeit geschenkt hatte." Zeit ist eben Geld und hier in L.A tickten die Uhren eben anders. Ich nahm einen Schluck von meinem zweiten Kaffee, bevor dieser endgültig zu kalt wurde. Ich stellte die Tasse wieder vorsichtig auf dem Tisch ab und sah sie überrascht an. "Ach so ist das also? Es wird hinter meinen Rücken über mich geredet?" Ich sagte es mit einem Lächeln auf meinen Lippen. "Nun dann darf ich mich glücklich schätzen noch weitere 4,37 Minuten die Gunst von Ms. Taylor genießen zu dürfen." Ich schmunzelte bei dem Gedanken daran, schließlich wusste ich nicht wann sie mir diese Minuten schenken würde. Es blieb abzuwarten und ich sollte mich überraschen lassen.
      Als sie sich ein wenig schuldig fühlte, das wir hier einfach saßen und Small Talk betrieben, ließ mich ein wenig innehalten. Doch dann schüttelte ich den Kopf und sah sie an. "Ich denke nicht. Kyle möchte das wir uns so normal wie möglich gegenüber ihn verhalten, also dürfen wir zwei auch einmal zusammenbrechen, wenn er nicht in der Nähe ist." Ich zwinkerte ihr zu. Ich schob die Kaffeetasse zur Seite und überprüfte die Uhrzeit. Nicht mehr lange und dann konnten wir wieder durchatmen. Ich erhob mich und räumte unsere Tassen weg und blieb gleich an meinem Stuhl stehen und stützte mich mit den Händen darauf ab. "Tu dir keinen Zwang an, er braucht das ab und zu Mal, das jemand ihn die Stirn bietet." Ich lächelte ihr erneuert zu. Mein Blick ebenfalls zur Tür gerichtet. "Ich bin bereit wenn du es bist."
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      Kyle

      Als ich in dieses Ding geschoben wurde, hielt ich für einen Moment den Atem an. Hier drinnen war es so unangenehm eng und laut und ich durfte mich nicht bewegen. Das werden die schlimmsten 30 Minuten meines Lebens werden. Atmen nicht vergessen. Die Worte der Krankenschwester gingen mir durch den Kopf. Es wäre niemanden geholfen wenn ich hier drinnen kollabiere. Ich musste an etwas Schönes denken. Ich schloss meine Augen und dachte an die Jungs, an die Songs die wir noch veröffentlichen werden, an meinen Bruder.. und an haselnussbraune Augen.. Mein Herzschlag wurde bei dem Gedanken an sie wieder schneller. Mein Atem versuchte ich zu kontrollieren um möglichst ruhig liegen zu bleiben. Wie sich ihre Lippen wohl anfühlten? Gott.. ich durfte hier drinnen nicht an sowas denken. Sobald ich hier raus bin muss meine Maske wieder sitzen.. ich durfte nicht vollkommen errötet hier aus dem Raum treten. Sonst stellt Tom wieder irgendwelche unangenehmen Fragen. Ich betete inständig das er Grace nicht noch einmal darauf angesprochen hatte. Sie hatten schließlich genügend Zeit zum quatschen.
      Der Geschmack von dem Zitronenbonbon war noch auf meiner Zunge zu schmecken und ich hielt daran fest. Bis ich endlich aus dieser Röhre herausgefahren wurde. Ich richtete mich vorsichtig auf. Nahm die Ohrstöpsel aus meinen Ohren. "Sie sind fertig." Ich nickte ihr zu und stand auf. "Wir melden uns bei ihnen wenn wir die Ergebnisse haben." "Danke." Zurück in dem kleinen Raum, zog ich mir meine Sachen wieder an, legte meine Kette um den Hals und schnappte mir meine Jacke. "Nichts wie raus hier", sprach ich zu mir selbst.
      Schnellen Schrittes sprang ich förmlich die Treppenstufen nach oben ins Foyer. Ich blickte mich um, aber ich konnte die beiden nicht entdecken. "Sie sind in der Cafeteria", sprach die Empfangsdame zu mir. Ich bog also dahin ab und schritt durch die kleine Glastür. Ich konnte die beiden in einer Ecke ausfindig machen und ging auf sie zu. Tom schlang mich gleich in seine Arme. "Ein Glück. Ich dachte schon wir müssen hier noch übernachten." "Sehr witzig." Dann ging mein Blick zu ihr. "Du bist ja auch noch da. Dachte schon dir ist die Warterei hier zu lang geworden und du hast die Flucht ergriffen." Die Spitze musste sein um meinem Chaos im Kopf ein wenig Normalität entgegen zu bringen.
    • Grace

      Ich spürte, dass mir ein unwillkürliches Lächeln über meine Gesicht huschte, als Kyles Stimme die gedämpfte Stille der Cafeteria durchschnitt. Da war sie wieder die vertraute Reibung, der Schutzwall aus Worten. Er sah blass aus unter dem unbarmherzigen Neonlicht, ein wenig mitgenommen von der Prozedur, aber sein Stolz war offensichtlich unversehrt. "Oh, glaub mir, Miller, ich war kurz davor", konterte ich trocken und erhob mich mit einer Gelassenheit, die ich eigentlich gar nicht besaß. Ich strich meine Jacke glatt und schenkte ihm einen Blick, der irgendwo zwischen professioneller Strenge und einem unterdrückten Funken Erleichterung schwankte. "Aber dein Bruder hat mich mit schwarzen Tee bestochen und die freundliche Dame am Empfang hat mir versichert, dass ich eine Medaille für Tapferkeit bekomme, wenn ich es schaffe, dich heute ohne einen Nervenzusammenbruch nach Hause zu bringen." Ich trat einen Schritt näher, mein Blick suchte ganz kurz den seinen nur eine Millisekunde lang, um sicherzugehen, dass er wirklich okay war. Sein kleiner Seitenhieb war wie eine vertraute Melodie, und so weh er vorhin im Loft vielleicht getan hätte, jetzt war er das beste Zeichen dafür, dass er wieder kämpfte. "James wartet sicher schon draußen", sagte ich, meine Stimme nun wieder voll im Modus der organisierten Koordinatorin. "Wenn ihr beide also mit eurem dramatischen Wiedersehen fertig seid, könnten wir dieses Etablissement verlassen. Ich habe heute Abend noch eine Verabredung mit meinem Laptop und ein paar sehr unvorteilhaften Lichtkurven, die ich glätten muss." Ich ging ein Stück voraus, den Kopf hoch erhoben, die Hände lässig in den Taschen vergraben. Ich spürte Kyles Blick in meinem Rücken wie eine physische Wärme. Er wusste nicht, dass ich vor fünf Minuten noch fast den Verstand verloren hätte.
      Als wir die automatischen Türen des Krankenhauses passierten und die warme kalifornische Luft uns entgegenschlug, atmete ich zum ersten Mal seit Stunden richtig durch.Die Heimfahrt verlief in einer seltsamen, fast schon meditativen Stille. Das monotone Summen der Reifen auf dem Asphalt von Los Angeles wirkte wie Balsam. Die Fahrt im hinteren Teil des Wagens war eine Übung in kontrollierter Selbstbeherrschung, die mich an die Grenzen meiner britischen Disziplin brachte. Kyle saß so verdammt nah neben mir, dass ich die Hitze, die von seinem Körper ausging, durch den Stoff meines Ärmels spüren konnte. Es war eine Qual.
      Eigentlich hätte mein Verstand laut 'Stopp' schreien müssen, immerhin kamen wir gerade aus einem Krankenhaus, die Luft war noch erfüllt von der Sorge um seine Gesundheit. Doch mein Körper scherte sich nicht um den Kontext. Während er da saß, blass und erschöpft, sehnte sich jeder verdammte Millimeter von mir nach einer Intimität, die weit über ein tröstendes Händchenhalten hinausging. Es war verstörend. Wie konnte man in einem Moment so viel Angst um jemanden haben und im nächsten von einem Verlangen heimgesucht werden, das so dunkel und tief war, dass es mich fast erschreckte?
      Normalerweise reichte ein Blick in seine Augen, um alles den Bach runtergehen zu lassen ...diese Momente, in denen die Welt um uns herum einfach verschwand. Aber jetzt war nicht einmal mehr dieser Blickkontakt nötig. Wir starrten beide stur geradeaus, doch der Raum zwischen uns war so aufgeladen, dass man ihn mit einem Skalpell hätte zerschneiden können. Es war dieses typische Knistern, eine elektrische Spannung, die sich nicht im Kopf abspielte, sondern tiefer, irgendwo zwischen den Beinen, im Zentrum meines Seins. Es war fast schon unverschämt, wie diese Anziehungskraft funktionierte. Sie fragte nicht nach Erlaubnis, sie nahm keine Rücksicht auf Diagnosen oder die Anwesenheit seines Bruders auf dem Beifahrersitz. Sie stand einfach schwer und fordernd im Raum.
      Ich krallte meine Fingernägel in die Handflächen und fixierte ein Schlagloch auf der Straße. Reiß dich zusammen, Grace. Er kämpft um sein Leben, und du denkst an die Art, wie seine Hände sich auf deiner Haut anfühlen würden. Es war ein bizarrer Kontrast aus Mitgefühl und reinem, unverfälschtem Verlangen, der mich beinahe um den Verstand brachte. Schlussendlich gab es nur ein Ausweg. Ich konzentrierte mich starr auf mein Handy, tippte belanglose Notizen ab, nur um meine Finger zu beschäftigen und nicht versehentlich seine Hand zu berühren, die nur Zentimeter von meiner entfernt auf dem Leder lag. Aber auch das wollte einfach nicht so recht helfen. Verdammt. "Wenns hart auf hart kommt, schlaf doch endlich mit ihm. Immerhin seit ihr beide Erwachsen und dann ist die erste Luft schon einmal raus." Hatte Farrow gestern behauptet. Sie hat gut reden, bei ihr und Max scheint das ja zu funktionieren. Aber ich war anders...
      Als wir schließlich vor dem Loft hielten und James uns die Türen öffnete, fühlte es sich an, als würden wir eine andere Zeitzone betreten. Wir traten ein, und kaum dass der Fahrstuhl im obersten Stockwerk hielt, schlug uns ein Duft entgegen, der sofort jegliche Krankenhaus-Assoziation auslöschte: Frische Kräuter, Knoblauch und etwas angenehm Erdiges. "Endlich seid ihr zurück", ertönte Marthas warme Stimme. Sie kam uns bereits im Flur entgegen, die Schürze umgebunden, das Gesicht von einem mütterlichen, besorgten und doch freundlichen Lächeln erhellt. "Ich habe schon gewartet. Setzt euch erst einmal hin, ihr seht alle drei aus, als hättet ihr eine Weltreise hinter euch." Marthas Stimme wirkte wie ein Anker, der mich zurück in die Realität zog und den Dunstkreis aus unterdrücktem Verlangen und Krankenhausmuff endlich auflöste. Ich spürte, wie sich meine Schultern unter dem Duft von Knoblauch und frischen Kräutern merklich lockerten. "Eine Weltreise trifft es ziemlich gut, Martha", erwiderte ich und versuchte, meine Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen, während ich meine Tasche an der Garderobe abstellte. "Wobei ich glaube, dass Kyle die Abenteuer-Tour durch die Magnetresonanz-Röhre gebucht hat, während Tom und ich uns eher im Extrem-Warten geübt haben."

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    • Kyle

      Da war sie ja wieder, die Grace, die dachte sie hatte alles im Griff. Sie warf mir ebenfalls eine Spitze an den Kopf, die ich nur mir einem kleinen Schmunzeln abtat. Tom löste sich von mir und sah mich an. "Haltet mich bitte daraus. Ich habe hier niemanden bestochen." <Ich wandte mich zu ihr. "Dann bin ich ja froh das du aus freien Stücken hier auf mich gewartet hast." Meine Stimme war ein wenig rauer geworden und ich fixierte sie mit meinen Augen. Sie hatte ihre Maske perfekt aufgesetzt. Vor Tom kann sie ja so tun als wäre sie professionell, doch ich wusste das es nicht so ist. Sie verbarg ihre Gefühle genauso gut wie ich meine.
      Als sie uns dann quasi aufforderte hier endlich zu verschwinden, da sie noch andere Verpflichtungen hatte, sah ich sie noch etwas intensiver an. "Du denkst Tom und ich haben heute keine weiteren Verpflichtungen?" Tom sah zwischen uns hin und her. "Ich für meinen Teil bin froh wenn ich die Füße hochlegen kann, denn ich möchte heute Abend unbedingt noch ein wenig an dem zweiten neuen Song schreiben. Also glaub nicht das du die einzige bist die noch etwas besseres zu tun hat, als hier rumzusitzen.." Die Luft hier drinnen veränderte sich ein wenig. Tom räusperte sich und versuchte die Situation zu entschärfen. "Vorerst sollten wir von hier verschwinden und dann sehen wir weiter." Ich stimmte meinen Bruder zu und sah Grace nach als sie an uns vorbei lief, in Richtung Ausgang. Tom hielt mich kurz zurück. "Bitte sei nicht so schroff zu ihr. Sie will dir nichts böses." Ich sah ihn fragend an, löste mich von ihm und wir gingen nach Draußen wo James bereits freudestrahlend auf uns wartete. Tom setzte sich auf den Beifahrersitz, während ich mit Grace hinten einstieg.
      Großartig
      Während der Fahrt sagte keiner ein Wort. Mein Blick war nach vorne gerichtet. Doch ich spürte sie. Jede Faser meines Körpers reagierte auf sie. Immer wieder kitzelte ein Hauch von Zitronengras an meiner Nase. Unsere Hände lagen gefährlich nah nebeneinander und ich musste mich zusammenreißen sie nicht zu berühren. Ich ließ meinen Kiefer kurz anspannen, atmete langsam durch die Nase aus und nahm meine Hände weg und legte sie auf meine Beine. So war es viel besser.. Ich ließ meinen Blick dennoch kurz zu ihr rüber wandern, doch sie sah nicht zurück. Sie war damit beschäftigt wahllos auf ihrem Handy herum zu scrollen. Ich wusste ganz genau das sie das nur tat um sich abzulenken.. Ich konnte spüren das meine Nähe sie ebenso nervös machte, wie mich ihre.
      Ich schluckte trocken und lehnte meinen Kopf an die Kopfstütze an und schloss für einen Moment die Augen, was sich als Fehler heraus stellte. Sofort war wieder das Bild in der Küche da.. ich stand nah vor ihr.. unsere Lippen nur einen Hauch voneinander entfernt. Ich dachte darüber nach wie oft wir uns in letzter Zeit so nah gekommen sind ohne das wirklich etwas passiert ist.. Ich atmete scharf ein und öffnete meine Augen wieder. Reiß dich zusammen
      Ich war froh als wir endlich das Loft erreichten und aus dem Wagen stiegen. Ich reckte und streckte mich ein wenig und wir fuhren dann nach oben. Oben angekommen umhüllte uns ein Duft, der mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Martha wartete schon auf uns und begrüßte uns mit ihrer Fröhlichkeit. "Hallo Martha. Ja wir haben es geschafft und Kyle scheint sich gut geschlagen zu haben." Tom verstrubbelte mir die Haare. "He!" Ich warf meinen Bruder einen ernsten Blick zu und richtete meine Haare wieder vor dem Spiegel im Flur. Martha schenkte uns ein Lächeln und wies uns an uns zu setzen. Als wir zum Tisch gingen folgte die nächste Spitze von Grace. Ich
      schnaubte leise bei ihren Worten und ließ mich auf den Stuhl fallen, als hätte mein Körper entschieden jetzt nachzugeben. "Du redest von einer Abenteuertour?" Ich fuhr mir mit den Händen über mein Gesicht. "Kann ich nicht empfehlen. Viel zu laut, zu eng und der Service war ebenfalls miserabel." Ich nahm die Hände wieder von meinem Gesicht. Meine Mundwinkel zuckten ein wenig und dann sah ich wieder zu ihr. Sie wirkte gefasst.. viel zu perfekt sortiert. Als hätte sie die letzten Stunden einfach in eine Schublade gesteckt und abgeschlossen. Mich täuscht sie nicht, im Auto wirkte sie anders als hier im Loft. Ich lehnte mich ein Stück zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. "Du hast das extreme Warten doch erstaunlich gut überstanden. Ich sehe keine sichtbaren Schäden, von daher kann es nicht so schlimm gewesen sein." Mein Lächeln kam zurück und ich blieb einen Moment zu lange an ihr hängen. Tom warf mir einen strengen Blick zu. "Können wir uns nicht einfach von Marthas Kochkünsten verzaubern lassen und fürs erste euren Schlagabtausch beiseite legen?" Er setzte sich ebenfalls an den Tisch. "Von mir aus." Ich konnte sehen wie Tom erleichtert ausatmete. Ich konnte nichts dafür.. sie hatte damit angefangen und ich spielte einfach mit.

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    • Grace

      Ich konnte nicht anders. Ein helles, echtes Kichern entwich meinen Mund, bevor ich meine britische Beherrschung wiederfinden konnte. Es war der Anblick von Kyle, der sich trotz der Erschöpfung und des gerade erst überstandenen MRT-Albtraums mit einer fast schon rührenden Ernsthaftigkeit vor dem Flurspiegel die Haare richtete. Dass Tom ihm die Frisur verstrubbelt hatte, war so ein herrlich banaler, menschlicher Moment gewesen. Fernab von Luxus-Lofts, Krankenhausdiagnosen und Image-Beratern waren sie in diesem Augenblick einfach nur zwei Brüder, die sich gegenseitig auf die Nerven gingen. Und Kyle, der Rockstar, der gerade noch in einer Todesröhre gelegen hatte, sorgte sich nun um seine widerspenstigen Strähnen. Es war erschreckend süß. "Ganz ruhig, Panorama-Prinz", warf ich amüsiert ein, während ich beobachtete, wie er konzentriert sein Spiegelbild prüfte. "Ich verspreche dir, die Welt wird sich weiterdrehen, auch wenn eine Strähne zwei Millimeter weiter links liegt als auf dem Cover deines letzten Albums. Aber schön zu sehen, dass deine Prioritäten nach dem Krankenhausbesuch sofort wieder beim Wesentlichen liegen." Ich folgte den anderen in die Küche. Kyle steuerte direkt auf seinen Stammplatz zu, seine Bewegungen waren etwas langsamer als sonst, was mein Herz sofort wieder in diesen unruhigen Rhythmus versetzte. Ich setzte mich Tom gegenüber, so weit wie möglich weg von Kyle, ohne dass es auffällig wirkte. Mein Handy lag neben mir auf dem Tisch wie eine Art stumme Erinnerung an Farrows Rat. Schlaf einfach mit ihm. Ich unterdrückte das Bedürfnis, laut aufzustöhnen. Wenn es nur so einfach wäre. Bei Farrow klang alles immer wie eine logische Transaktion, aber Farrow hatte auch nicht dieses Kribbeln in den Fingerspitzen, sobald Kyle nur den Raum betrat.
      Martha stellte eine Schüssel mit dampfendem Lachs und Quinoa vor uns auf den Tisch. Ich starrte auf meinen Teller. Der Lachs sah fantastisch aus, aber mein Magen fühlte sich an, als hätte ich vorhin in der Klinik nicht nur Zitronenbonbons, sondern gleich eine ganze Batterie Blei verschluckt. Ich spürte Kyles Präsenz am anderen Ende des Tisches. Er war still, ungewöhnlich still.
      "Alles okay bei dir?", fragte ich leise und hob den Blick. Es war ein Fehler. Unsere Augen trafen sich über der dampfenden Schüssel, und da war es wieder dieses verdammte Knallen im Kopf, dieser Moment, in dem der Sarkasmus versagte und die nackte, unverschämte Anziehung den Rest der Welt einfach ausblendete. Da war etwas anderes in seinem Blick. Etwas Suchendes, ich wusste nur nicht was. Ich hielt seinem Blick stand, länger als es für eine Assistentin angemessen gewesen wäre, während Martha und Tom leise über irgendetwas sprachen. In diesem Moment war mir der Lachs egal, die Arbeit egal und sogar Farrows Ratschläge waren vergessen. Ich schob mir einen Bissen Quinoa in den Mund, schmeckte aber fast gar nichts. Die Luft im Loft war plötzlich genauso aufgeladen wie im Wagen, und ich wusste, dass dieser Nachmittag noch lange nicht vorbei war. Ich spürte, wie Toms mahnender Blick fast schon physisch zwischen uns in der Luft hing. Er hatte recht wir führten uns auf wie zwei Teenager, die sich auf dem Schulhof schubsten, nur um nicht zugeben zu müssen, dass sie eigentlich Händchen halten wollten. Es war lächerlich. Es war anstrengend. Und es war das Einzige, was mich davor bewahrte, über diesen Tisch zu klettern und Kyle einfach nur zu küssen, fast so wie gestern Abend. Ich kaute mechanisch auf dem Lachs herum, während das Gespräch am Tisch zu einem Hintergrundrauschen verschwamm. Kyle saß da, die Arme vor der Brust verschränkt, und ich wusste genau, dass er mich beobachtete. Er suchte nach dem Riss in meiner Maske. "Sie sind heute ungewöhnlich still, Grace", bemerkte Martha plötzlich und goss mir Wasser nach. "War der Tee im Krankenhaus eine kulturelle Beledigung?" Ich schluckte meinen Bissen herunter. "Doch, war ganz in Ordnung. Nichts gegen Ihre Scones", log ich und schenkte ihr ein schnelles Lächeln. "Ich bin nur im Kopf schon bei den Bearbeitungen." Sie seufzte schwer. "Bei aller Liebe, manchmal weiß ich nicht wo ich arbeite bei einer Wohngemeinschaft oder der Selbsthilfe Gruppen für drei Workaholics."
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