The last Song [Nimue & Shio]

    • Tom

      Die Spannung die in meinem Büro herrschte, war kaum auszuhalten. Das ich Kyle wohlmöglich gekränkt hatte, war nicht Teil dieses Plans. Er sollte lediglich auf sich aufpassen.. Doch sein plötzlicher Lachanfall ließ auch mich ein wenig verwirrt darein blicken. So habe ich ihn noch nie gesehen und hatte einen kurzen Augenblick das Gefühl das er jetzt komplett durchdrehen würde. Aber er tat es nicht. Er spielte weiterhin denjenigen der alles unter Kontrolle hatte.. Versteckte seine Gefühle so gut es eben ging. Typisch Kyle.. Doch was sich dann vor meinen Augen abspielte, passte so gar nicht in das Bild. Ich sah ihm nach wie er Ms. Wilson merklich näher kam. Ich blinzelte ein paar Mal. War mir in letzter Zeit etwas entgangen? Nein.. Das wäre unmöglich.. Oder etwa doch? Ich sah zwischen den beiden hin und her. Die Anspannung stand beiden ins Gesicht geschrieben. Ich wollte nicht zwischen die Fronten geraten und ging zur Glasvitrine um mir einen Whiskey einzuschenken, öffnete das Fenster um etwas frische Luft in den Raum zu lassen und richtete meinen Blick über L.A.

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      Kyle

      Ich konnte spüren das ich einen wunden Punkt getroffen hatte, es war ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre Worte trafen mich genau dort, wo sie mich nicht treffen sollten. Was ich seit Tagen versuchte zu vermeiden. Doch sie machte es mir verdammt nochmal nicht einfach. Es verging ein kleiner Moment eh ich die richtigen Worte fand. Denn diese waren entscheidend für unsere Zusammenarbeit und für das was wohl möglich zwischen uns war.
      "Grace.." Ihr Name kam leiser als gedacht über meine Lippen, doch ihr Blick fand meinen. Ich fuhr mir mit meiner Hand über den Nacken, als würde ich zögern weiter zu sprechen. Meine Schultern spannten sich merklich an. Ein leises trockenes Lachen kam aus meinen Mund. "Ich weiß nicht was ich sagen soll.." Ich spürte wie mein Herzschlag immer lauter wurde. Natürlich wusste ich was ich sagen wollte.. doch was sollte ich machen? Ihr um den Hals fallen? Meine Gefühle fuhren gerade Achterbahn und ich wollte nicht die komplette Kontrolle verlieren. Ich machte einen halben Schritt zurück um ihr wieder mehr Raum zu geben. Meine Hände schob ich in meine Jogginghose. Kurz huschte mein Blick zu Tom, der unser Gespräch keine Aufmerksamkeit schenkte, das beruhigte mich ein wenig. Dann schenkte ich Grace wieder meine volle Aufmerksamkeit. Auch jetzt sah sie einfach nur hinreißend aus. Ich biss mir auf die Unterlippe. Innerlich ohrfeigte ich mich dafür ihr nicht einfach die komplette Wahrheit zu sagen.. "Du machst es mir gerade wirklich nicht einfach.. und ich glaube dir das du das hier nicht geplant hast.. So etwas kann man nicht planen.. Es passiert eben einfach.." Einen Augenblick lang blickte ich auf ihre Lippen. Nein es wäre zu leicht sie jetzt zu küssen und wer weiß ob sie das überhaupt erwidern würde. Ich machte keinen weiteren Schritt nach vorne oder zurück. Der Raum zwischen uns blieb bestehen. Ich war feige ja.. Doch es schien die richtige Entscheidung zu sein.
      Ich suchte nochmal ihren Blick. "Vielleicht sollten wir sehen ob das wirklich echt ist.. oder ob es nur aus dem Affekt heraus passiert ist. Schließlich waren es ein paar harte Tage für uns alle.." Meine Finger krampften sich unruhig in meiner Hosentasche zusammen. "Ich möchte das nicht klein reden. Nur.." ich atmete behutsam aus. "Vielleicht sollten wir uns nicht darauf versteifen.. denn wenn wir uns am Ende irren, dann machen wir uns wohlmöglich alles kaputt.." Dieser Abstand zwischen uns fühlte sich im jetzigen Moment so falsch an. Doch er hielt mich davon ab etwas zu tun, was ich nicht mehr rückgängig machen konnte. Ich war im Zwiespalt gefangen und kämpfte gegen meine Gefühle an. "Gibt mir etwas Zeit, das nicht sofort gegen die Wand zu fahren.. was auch immer das zwischen uns ist.. " Es war eine leise Bitte an sie.
    • Grace

      Ich verharrte vollkommen regungslos, als mein Name seine Lippen verließ. Es war kaum mehr als ein Hauch, ein Flüstern, das leiser war als alles, was ich bisher von ihm gehört hatte, und doch besaß dieser eine Klang die Wucht eines physischen Schlags. In meinem Inneren zog sich alles zusammen. Ein jähes, schmerzliches Entrüsten darüber, wie mühelos er mit einer einzigen Silbe meine mühsam errichteten Verteidigungswälle erschüttern konnte. Es weckte etwas in mir, das sich verdächtig nach einer tiefen, unstillbaren Sehnsucht anfühlte, auch wenn ich beim besten Willen nicht hätte sagen können, wonach genau ich eigentlich schmachtete.
      Ein Schauer lief mir über den Rücken, doch im krassen Gegensatz zu der eisigen Anspannung der letzten Minuten fühlte er sich seltsam angenehm an, wie ein warmer Sommerregen auf staubigem Asphalt nach einer endlosen Hitzewelle. Da war sie... diese bittersüße Erlösung die ich gestern so dringlich gesucht hatte. Oh, I'am such a wally...right now. Ich kämpfte verzweifelt dagegen an, wollte dieses verräterische Gefühl dorthin zu verbannen, wo ich sämtliche unpraktischen Regungen lagerte: in eine innere Kammer mit der Aufschrift 'später darum kümmern' tief in meinem Innersten. Es funktionierte ungefähr so zuverlässig wie ein Regenschirm in London bei Sturm. Also hob ich nur leicht das Kinn und sah ihn an. Bloody hell. Deine Haltung, Gracelyn. Lass dich nicht von einem Flüstern aus der Fassung bringen. Ich zwang mich mit aller Macht, dieses emotionale Grundrauschen zu ignorieren und mich stattdessen mit fast schon schmerzhafter Intensität auf Kyles Gesicht und seine Worte zu konzentrieren.
      Äußerlich blieb ich vollkommen still, während ich ihn fast schon fasziniert beobachtete.
      Ich nahm plötzlich jede Einzelheit mit unerträglicher Deutlichkeit wahr. Die Wärme seines Körpers, die zwischen uns in den schmalen Raum drang. Den warmen, holzigen Duft von seinen Parfum auf seiner Haut, vermischt mit einer rauchigen Note von Leder und Freiheit, die mich unverschämterweise an schlaflose Nächte und Dinge erinnerte, vor denen meine Vernunft mich stets gewarnt hatte. Die Art, wie sich beim Sprechen sein Hals bewegte. Wie seine Unterlippe für einen Sekundenbruchteil zwischen seine Zähne geriet. Wie sich unter dem Stoff seines Shirts die Spannung seiner Schultern abzeichnete, oder sich sein Brustkorb stetig hob und dank, als müsse er sich mit aller Kraft zusammenhalten. Und mein eigener Körper, dieser notorische Verräter, reagierte schneller als mein Verstand. Mein Atem wurde flacher.
      Mein Puls hämmerte mir bis in die Fingerspitzen. Die Haut an meinen Armen prickelte, als stünde ich unter Strom. Ich spürte, wie mein Herz schwer gegen meine Rippen schlug. Und meine Wangen langsam einen Hauch Farbe bekamen.
      In seinen grau-blauen Augen lag in diesem Moment so viel ungeschönte Emotion, so viel von dem, was er sonst hinter sarkastischen Sprüchen und seiner Rockstar-Attitüde verbarg, dass ich im ersten Augenblick nicht recht wusste, wohin mit mir selbst. Es war paralysierend. Ich hatte ihn oft angesehen. Durch Kameralinsen. Über Kaffeetassen hinweg. Im Streit. Im Spott. In jenen elektrischen Momenten, in denen die Luft zwischen uns dichter wurde als vernünftig war. Aber noch nie so. Während ich versuchte, in der Tiefe seines Blicks nicht den Halt zu verlieren, wurde mir mit erschreckender Klarheit bewusst, dass Kyle nun ebenfalls tiefer in meine Seele blickte, als ich es jemals für möglich oder gar gewollt gehalten hätte. Er sah hinter die kühle Fassade, direkt in mein Innerstes, wo ich meine eigenen Ängste und Schwächen so sorgfältig versteckt hatte.
      In meiner Brust breitete sich eine wohlig-schwere Wärme aus, die mein Herz fast zu sprengen drohte. Es gab in diesem Vakuum zwischen uns keine Lügen mehr, keine strategischen Spielchen und keine doppelten Böden. Es war der ehrlichste Augenblick, den wir je geteilt hatten... ein Moment, in dem wir keine Rollen mehr spielten. Wir waren einfach nur Kyle und Grace, zwei Menschen, die mit all ihrem Ballast, ihren Gedanken und den Gefühlen, die sie wie unsichtbare Rüstungen trugen, voreinander standen.
      Ich fühlte mich ihm in diesem Augenblick auf eine Weise nah, die ich mir vor wenigen Wochen nicht einmal hätte erträumen können. Es war eine Verbindung, die über Berufsbezeichnungen und Verträge weit hinausging. Und doch war da diese nagende Ungewissheit, eine Leere in meiner Magengegend, die mir zuflüsterte, dass ich die Gänze dieses Augenblicks noch immer nicht ganz fassen konnte. Blimey... Es war, als wäre ich in Trance, als wäre ich längst kein eigenständiges Wesen mehr, sondern ein Komet, der unwiderruflich in Kyles Umlaufbahn geraten war. Ein Umstand, dem ich mich trotz all meiner Vernunft und meines Stolzes einfach nicht mehr entziehen konnte.
      Als sein Blick für einen flüchtigen Moment auf meinen Lippen ruhte, zog sich alles in mir eng zusammen. Ein kaum merklicher Impuls schoss durch meinen Körper töricht, instinktiv, beinahe schamlos, die letzten Zentimeter zwischen uns zu überwinden und endlich herauszufinden, ob seine Nähe sich so anfühlen würde, wie ich es seit Tagen befürchtete. Oder erhofft hatte. Doch ich lieber blieb stehen, wo ich war. Nur meine Finger krümmten sich leicht an meiner Seite, als müssten sie sich irgendwo festhalten. Sonst hielten sie in solchen Augenblicken immer meine Kamera. Aber heute, genau jetzt und hier war da kein Puffer mehr zwischen Kyle und mir.
      Ich schluckte die aufkommenden Fragen hinunter und zwang mich zu einem langsamen, bedächtigen Nicken. Meine Geduld war eine meiner wenigen Tugenden, die mich in diesem Job und im Leben, bisher immer gerettet hatten. Auch wenn ich mich verloren fühlte in diesem Meer aus neuen Gefühlen, wusste ich, dass Kyle recht hatte. "Du hast recht. Wir haben beide viel zu verlieren beruflich wie persönlich. Es wäre... unklug, das alles wegen eines Augenblicks zu riskieren, den wir noch nicht ganz greifen können. Nimm dir die Zeit. Ich werde nirgendwo hingehen. Schließlich habe ich gerade vor einen Vertrag unterschrieben, der mich offiziell zu deinem Schatten macht. Und Schatten haben die Angewohnheit, geduldig zu sein, bis das Licht sich wieder dreht."

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    • Kyle

      Für einen Augenblick fühlte es sich so an als blieb die Zeit in dem Raum stehen. Ich verlor mich vollkommen in ihren Augen und ihre Worte waren wie Musik in meinen Ohren. Sie wollte bleiben und diesen Job annehmen. Gut . Erleichterung machte sich in mir breit und meine Gesichtszüge wurden weicher. Ich atmete aus, denn ich hatte das Gefühl das ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Meine Kehle füllte sich staubtrocken an. Daher kam nur ein raues "Danke" aus meinem Mund. Ich schenkte ihr ein winziges Lächeln und einen kleinen Funken Hoffnung, der in meinen Augen aufblitzte. Ich sah wieder zu meinem Bruder und zurück zum Vertrag. "Dann wäre das ja geklärt", sagte ich dieses Mal ein wenig lauter. Tom zuckte leicht zusammen und drehte sich zu uns um. "Fertig?" Er sah zwischen mir und Grace wieder hin und her. "Mit dem was auch immer ihr besprochen habt?" Wir nickten. Tom kam ein paar Schritte auf uns zu und nahm einen goldverzierten Kugelschreiber aus seiner Schublade. Ich sah ihn an und nickte. "Dann besprecht ihr euch weiter. Ich bin in meinem Zimmer wenn etwas ist." Er nickte mir zu und ich ging aus dem Büro und schloss die Tür hinter mir. Das war knapp
      Ich folgte den Flur und bog in mein Zimmer ab um mich anschließend auf mein Bett zu werfen. Ich starrte an die Decke und meine Gedanken kreisten. Sie hat es nicht widerlegt oder abgestritten. Nein sie war ganz meiner Meinung, ohne das wir stundenlang darüber diskutieren mussten oder das sie mir ihre britischen Worte an den Kopf knallte. Es war überraschend und trotzdem fühlte ich mich ein wenig betrogen. Grace war von Anfang an nur hier um meine Aufpasserin zu spielen, das ich mich nicht vollkommen vergesse.. und das sie als Fotografin perfekt dafür war, kam meinen Bruder natürlich zu Gunsten. Eigentlich war ich stinksauer auf die Beiden, doch die Gefühle für diese Frau bannten sich ihren Weg langsam nach oben. Sie würde mich von nun an jeden Tag noch mehr begleiten, jetzt wo sie unseren Social Media Account betreute. Wir verbrachten also noch mehr Zeit zusammen als eh schon. Es wird eine Herausforderung für mich werden, die Kontrolle zu behalten und meine Maske nicht komplett abzulegen.

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      Tom

      Ich blendete das Gespräch zwischen den beiden so gut es eben ging aus. Denn was sie zu besprechen hatten, war nicht für meine Ohren bestimmt. Die goldene Flüssigkeit in meinem Glas schwankte hin und her und ich trank etwas davon. Mein Blick war weiterhin über L.A. gerichtet. Es lag eine Veränderung in der Luft und das konnte ich deutlich spüren. Ob es an der Tatsache lag das ich Ms. Wilson einen neuen Job anbot, dieses Gefühlskarussell das Kyle an den Tag legte oder das auch ich mein Leben jetzt anders gestalten werde, blieb abzuwarten. Die Stimmung in dem Raum änderte sich schlagartig, als Kyle in meine Richtung sprach. Warum ich so zusammen zuckte wusste ich nicht, vielleicht fühlte ich mich doch ein wenig schuldig, bei der ganzen Scharade mitgespielt zu haben. Mein Blick ruhte fokussiert auf den Beiden. Sie haben sich nicht die Köpfe zusammen geschlagen und sehen aus wie vorhin auch noch. Nur waren ihre Gesichtszüge ein wenig entspannter und Ms. Wilson bekam ein Hauch von Rosa auf ihren Wangen. Ich räusperte mich, stellte das Glas auf den Holztisch und legte den Kugelschreiber auf den Vertrag. Kyle verabschiedete sich von uns und ich sah ihm nach. Ich musste später unbedingt mit ihm reden. Doch nun lag meine Aufmerksamkeit wieder auf Ms. Wilson. "Sie wissen gar nicht wie froh und gleichzeitig verwirrt ich darüber bin, das Kyle nicht komplett ausgetickt ist. Auch wenn ich für einen Moment dachte, er würde explodieren oder gar durchdrehen." Ich stützte mich mit beiden Händen auf meinem Schreibtisch ab und atmete erleichtert aus. "So wie es aussieht haben wir das Go von ihm bekommen." Ich lächelte ihr zu und richtete mich wieder auf. "Dann wäre es also beschlossene Sache." Ich reichte ihr die Hand. "Ich freue mich sehr darüber sie in nun offiziell in unserem Team begrüßen zu dürfen und falls sie irgendwelche Anregungen oder sowas brauchen, dann fragen sie mich ruhig. Sie wissen ja wo sie mich finden."
    • Grace

      Ich machte eine kurze Pause und sah ihn direkt an, wobei ich versuchte, die Fassungslosigkeit über meine eigenen Gefühle zu unterdrücken. Mein Herz pochte noch immer in diesem schweren, ungewohnten Rhythmus, doch ich zwang meine Gesichtszüge zurück in die gewohnte Ruhe. Ich spürte, wie die körperliche Spannung zwischen uns langsam einer nachdenklichen Stille wich. Es war, als hätten wir beide gleichzeitig den Rand eines Abgrunds erreicht und im letzten Moment beschlossen, die Aussicht zu genießen, anstatt blindlings hinunterzuspringen. Von Kyle kam nur ein einziges, kurzes Wort aber das reichte vollends aus. Und dann... dieses Lächeln. Es war so flüchtig, dass man es fast für eine optische Täuschung hätte halten können, nur eine winzige Regung, so vorsichtig und zurückhaltend, als traue es sich selbst noch nicht ganz über den Weg. Und genau darin lag das Problem. Es war tausendmal gefährlicher und, Gott steh mir bei, charmanter als jedes dieser selbstgefälligen Grinsen, die er sonst mit so einer mühelosen, beinahe unverschämten Arroganz zur Schau trug. Das hier war kein Lächeln für die Boulevardpresse, kein einstudiertes Blitzlichtgewitter-Strahlen und erst recht kein kalkulierter Effekt, um eine peinliche Situation zu retten. Es war pur, ungeschützt und was die Sache für meine britische Vernunft nicht gerade einfacher machte, ganz offensichtlich nur für mich bestimmt. Ein kleines, schiefes Lächeln legte sich auf meine Lippen. Einfach nur, um nicht völlig die Fassung zu verlieren ...oder schlimmer noch, ihn einfach anzustrahlen, flüchtete ich mich in ein leises, aber helles Kichern. "Wow... Du klingst ja fast, als hätte ich dir gerade nochmal das Leben gerettet", erwiderte ich leise, mit ein Hauch meines britischen, wenn gleich trockenem Humor in meiner Stimme. Aber sie war weicher als sonst. Ich trat einen weiteren, bedächtigen Schritt zurück und stellte die Distanz wieder her, die uns als 'Artist Relations Managerin' und 'Künstler' zustand, zumindest auf dem Papier. Es fühlte sich an, als würde ich mich von einer Wärmequelle entfernen und zurück in den kalten Nebel Englands treten, doch es war notwendig. Jetzt erst war ich fähig einen bewussten und sehr tiefen Atemzug zu nehmen. Schlussendlich räusperte ich mich leicht. Irgendwie musste ich mich ja wieder der Normalität nähren.
      Nun gut... Ich hörte das leise Geräusch seiner Chucks auf dem Boden, als er sich schließlich umdrehte. In diesem Moment wusste ich, dass nichts mehr so sein würde wie vorher.Ich starrte auf den Kugelschreiber, den Tom mit einer beinahe feierlichen Geste auf das Papier gelegt hatte. Das kühle Gold des Stiftes schien das Licht des Büros zu reflektieren, genau wie Kyles Blick kurz zuvor die harte Schale meiner Beherrschung reflektiert hatte. Als sich die Tür hinter Kyle schloss, fühlte es sich an, als würde der Sauerstoffgehalt im Raum schlagartig wieder ansteigen. Die elektrische Spannung, die eben noch jedes Wort und jeden Atemzug aufgeladen hatte, entwich durch die Ritzen der geschlossenen Tür – und hinterließ mich mit einem Puls, der immer noch viel zu schnell gegen meine Handgelenke hämmerte. Ich spürte, wie die Hitze in meinen Wangen nur langsam wich. Ich griff nach dem Kugelschreiber. Das Gewicht des Stiftes war beruhigend schwer in meiner Hand. Mit einer flüssigen Bewegung setzte ich meine Unterschrift unter den neuen Vertrag. - Gracelyn Penelope Wilson. Mein eigener Name war mehr als nur eine berufliche Verpflichtung es war das offizielle Siegel auf ein Doppelleben, das nun keines mehr war. Die Fronten waren geklärt, die Karten lagen offen auf dem Tisch auch wenn das Spiel dadurch keineswegs einfacher geworden war. Der Vertrag war nur Tinte auf Papier, aber das, was Kyle und ich gerade unausgesprochen vereinbart hatten, war weitaus bindender. God save the Queen... und Gott helfe mir mit diesem Mann. Mein nicht mehr ganz so neuer Chef sah erleichtert aus, fast schon ein wenig fassungslos über den glimpflichen Ausgang der Situation. Als Tom mir die Hand reichte, ergriff ich sie mit festem Druck. "Ich danke Ihnen für das Vertrauen, Mr. Miller. Und was die Anregungen angeht... fangen wir am besten damit an, dass wir Kyle morgen heil durch die Untersuchung bringen." Ich schenkte ihm ein professionelles Lächeln, auch wenn mein Inneres sich immer noch anfühlte wie ein Komet in der Schwebe. "Ich werde mich dann an die Arbeit machen. Es gibt einen Social-Media-Auftritt zu entstauben und ein Image zu pflegen, das so authentisch wie möglich wirken muss – selbst wenn die Realität dahinter gerade... nun ja, kompliziert ist." Ich nickte ihm höflich zu, sammelte meine Unterlagen ein und verließ das Büro. Auf dem Flur hielt ich einen Moment inne. Mein Blick glitt zur geschlossenen Tür von Kyles Zimmer. Er war dort drinnen, hinter seiner Maske, und ich war hier draußen, fest entschlossen, meine eigene nicht ganz fallen zu lassen. Doch während ich den Weg zu meinem eigenen Zimmer einschlug, wusste ich: Ab heute gab es kein 'Zurück zur Normalität' mehr. Wir waren jetzt Kyle und Grace, in einem Arrangement, das kein Vertrag der Welt jemals wirklich abbilden konnte. Und ich musste verdammt aufpassen, dass ich in dieser neuen Umlaufbahn nicht verglühte.
    • Tom

      Ihre Aussage zu dem morgigen Krankenhausaufenthalt war mehr als berechtigt. Denn niemand kannte Kyle so gut wie ich. Er war wie eine tickende Zeitbombe, man wusste nie was in seinem Kopf vor sich ging und welche Entscheidungen er traf. Ich ging mit gemischten Gefühlen aus diesem Meeting. Nun würde die Zeit zeigen ob ich mich richtig entschieden hatte. Sobald Ms. Wilson aus meinem Büro verschwand, setzte ich mich dran um ihr Zugang zu dem Account der Band zu geben. Ich schickte ihr die Daten per Nachricht zu, jetzt lag es an ihr diese angebliche ´kreative Pause´ zum Leben zu erwecken. Ich gab Kyle noch ein wenig Zeit für sich, schließlich musste er die ganze Sache erst einmal sacken lassen. Ich trank in Ruhe mein Glas aus und widmete mich anschließend wieder meiner Arbeit.

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      Kyle

      Grace... Dieser Name spukte in meinem Kopf herum. Ich war nicht stark genug um ihn aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Nun würde es noch schwerer werden, sie zu ignorieren, diese zufälligen Momente zu vergessen und ihr aus dem Weg zu gehen. Sie war jetzt ein fester Bestandteil meines Lebens. Auf unbestimmte Zeit.
      Meine Hände fuhren mir über mein Gesicht. Ich musste weiter machen, durfte keine Zeit damit verschwenden meine Gefühle zu erforschen. Ich war Kyle Miller, ein Rockstar, Sänger der Band Triple Distortion und daran musste ich festhalten. Diese Maske darf nicht fallen. Ich hatte einen Job zu erfüllen, auch wenn ich durch meine Krankheit ein wenig eingeschränkter war. Ich vermisste dennoch das Gefühl auf der Bühne zu stehen. Der Gig war zwar noch nicht so lange her, doch ich gehörte dorthin und ich würde alles was in meiner Macht stand, dafür tun, um wieder auftreten zu dürfen. Sei es drum das ich zu diesen wöchentlichen Terminen ins Krankenhaus gehen muss.. Mir war klar das mich Tom und Grace am Anfang dahin begleiten würden, damit ich keinen Rückzieher machte. Doch wenn ich sie im Glauben lasse, das ich das wirklich durchziehen will, dann würden sie mir irgendwann so viel Vertrauen schenken und mich alleine dorthin gehen lassen. Was ich schlussendlich dann daraus machte, ist am Ende meine Entscheidung. Ich war alt genug um über mein Leben zu entscheiden und nichts und niemand kann mich daran hindern.
      Mein Handy vibrierte und eine Nachricht im Gruppenchat leuchtete auf. Sie fragten mich wie der gestrige Abend noch so verlief und ob ich auf meine Kosten gekommen bin. Mir kam das Bild von Grace in den Kopf wie sie vor dem Kühlschrank hockte und genüsslich diese Schokoerdbeeren naschte. Etwas regte sich in meinen Inneren und ich biss mir auf die Unterlippe. Ich hatte das Gefühl das ich das in ihrer Gegenwart schon des Öfteren getan hatte.. Ich musste damit unverzüglich aufhören. Ich schrieb ihnen nur kurz und knapp zurück, das der Abend kein gutes Ende nahm. Die Jungs schickten mir traurige Smileys und bemitleideten mich auf ihre lustige Art und Weise. Wie sehr ich die Beiden doch liebte.
      Ich legte mein Handy wieder auf den Nachttisch und machte mich auf den Weg nach oben auf die Dachterrasse, ich musste mich ablenken, körperlich auspowern. Die Sonne brannte von oben herab und ich zog mir mein Shirt über den Kopf. Ich schaltete die Stereoanlage an und lies einen beliebigen Musiksender laufen. Ich begann mit ein paar leichten Übungen um meinen geschwächten Körper nicht allzu zu fordern. Dennoch wollte ich in Form bleiben. Erst ein paar Sit ups, dann ein paar Liegestütze und anschließend nahm ich mir noch ein paar Hanteln um meine Arme zu trainieren. Der Schweiß rann mir auf meinem Körper hinunter, doch das war mir egal. Dieses Gefühl den Fokus zu behalten, war unbeschreiblich gut.

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    • Grace

      Kaum hatte sich die Tür meines Zimmers hinter mir geschlossen, ließ ich die Schultern sinken und atmete tief aus. Erst jetzt merkte ich, wie angespannt ich die letzten Minuten gewesen war. Ein Gespräch mit zwei Millers fühlte sich an wie ein diplomatischer Gipfel mit latentem Explosionsrisiko. Um meinen Kopf wieder zu sortieren, tat ich das, was jede vernünftige Frau in einer emotional fragwürdigen Lage tat: Ich räumte auf. Ich faltete Kleidung, stellte meine Kameratasche ordentlich neben den Schreibtisch, sortierte Akkus, Speicherkarten und Objektive mit fast meditativer Präzision. Das Bett wurde glattgezogen, Kissen aufgeschüttelt, lose Haarspangen eingesammelt. Ordnung im Raum war zumindest eine halbwegs erreichbare Ersatzhandlung für die Unordnung im Inneren.
      Gerade als ich mein Notizbuch aufschlug, vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von Tom, die Zugangsdaten zu den Social-Media-Konten der Band. Ich setzte mich an den kleinen Tisch am Fenster, öffnete Laptop und Handy parallel und loggte mich ein. Sekunden später blickten mir drei verifizierte Profile entgegen, die ungefähr so wirkten, als hätte man sie zwischen Tourbus, Katerstimmung und männlicher Impulskontrolle verwaltet. Ich seufzte leise. "Oh my goodness... wer hat euch denn digital erzogen?"
      Der Feed bestand aus wilden Sprüngen: verschwitzte Bühnenfotos, verwackelte Backstage-Videos, kryptische Songzeilen ohne Kontext, ein halb abgeschnittener Burger, Kyle mit Sonnenbrille in völliger Dunkelheit und ein Post von vor drei Monaten mit nichts als einem schwarzen Quadrat. Charmant, chaotisch, erfolgreich und katastrophal. In einer völlig wirren Komposition. Ich begann mir Notizen zu machen. Die Profile brauchten wirklich etwas Pflege. Mehr Struktur, weniger Zufall, Nahbarkeit ohne Beliebigkeit und Kunst statt Algorithmus-Panik. Ein roter Faden nicht nur für die kreative Pause. Vielleicht etwas Behind-the-scenes-Material aus den Tonstudio. Oder Songwriting-Fragmente. Licht, Schatten, Stille. Ein Narrativ von Rückzug, Neuorientierung, künstlerischer Tiefe. Und Kyle Miller möglichst so inszeniert, dass er weder gelangweilt noch eingesperrt wirkte. Also praktisch Hexerei.
      Ich war gerade dabei, eine erste Content-Woche zu skizzieren, als mein Handy erneut klingelte. Scott!
      Diesmal lächelte ich unwillkürlich, bevor ich ranging. "Na sieh mal einer an", sagte ich weich. "Der Mann mit dem beneidenswert stabilen Timing." begrüßte ich ihn kichernd. "Du klingst besser als gestern", kam sofort seine Stimme zurück. "Das liegt daran, dass ich gestern eine Mischung aus überfordert, unhöflich und dramatisch war." Ich lehnte mich zurück. "Es tut mir leid, Scott. Ich habe dich abgewimmelt. Und dich heute hingehalten." Mein Blick glitt gedankenverloren zur Zimmerdecke. Für einen Sekundenbruchteil schlich sich Kyles Gesicht in meine Gedanken. Wie er mich angesehen hatte, als gäbe es kein Morgen. Ich schüttelte den Kopf, als könnte er es durch das Telefon sehen. "Es ist viel los. Die neue Position bringt eine Menge Verantwortung mit sich", sagte ich stattdessen trocken.
      Scott lachte leise. "Das klingt nach dir, wenn du etwas nicht erzählen willst." Ich unterdrückte einen Seufzer. Dafür dass ich nur knapp zwei einhalb Wochen in San Francisco war, kannte er mich ziemlich gut. "Korrekt. Britische Höflichkeit in Aktion." Ich lachte, auch wenn es nur leere Ablenkung war. Wir unterhielten uns eine Weile über Objektive und Lichtverhältnisse, und das Gespräch über Blenden und Belichtungszeiten war wie ein kühles Pflaster auf einer brennenden Wunde. Doch dann veränderte sich das Licht im Zimmer. Warme Goldtöne krochen über den Boden, streiften die Wand, ließen selbst das graue L.A.-Gebäude gegenüber beinahe poetisch wirken. "Scott, ich muss auflegen." Ich sprang förmlich auf. "Was? Habe ich was gesagt?" Ich schüttelte mit den Kopf, auch wenn er es nicht sah. "Nein. Aber die Golden Hour hat begonnen, und ich bin keine Frau, die perfektes Licht ignoriert." sagte ich bereits auf dem Weg zur Tür und griff nach meiner Kamera. "Grace-" Ich winkte ab. "Wir telefonieren später. Versuch bis dahin nicht beleidigt zu sein." Ich legte auf, schnappte mir Kamera und ein lichtstarkes Objektiv und verließ das Zimmer. Ursprünglich wollte ich eigentlich nur einen ruhigen Ort suchen, um das Licht des späten Nachmittags einzufangen und vielleicht ein paar Textentwürfe für die erste offizielle Ankündigung zu schreiben. Wie zum Beispiel der Flügel im goldenen Abendlicht. Einzelne Notenblätter auf dem Lack. Ein Bild subtil genug, um Hoffnung zu signalisieren, kunstvoll genug, um Bedeutung vorzutäuschen. Die Dachterrasse schien der perfekte Ort zu sein – weit weg von den komplizierten Miller-Brüdern und der dichten Atmosphäre im Haus.
      Ich stieg die Stufen hinauf, die schwere Metalltür fest im Griff. Ich erwartete nichts als die flimmernde Hitze von L.A. und den weiten Horizont. Doch als ich die Tür aufdrückte, schlug mir nicht nur die Hitze entgegen, sondern auch der dröhnende Bass von Rockmusik. Zu meiner völligen Verwunderung fand ich Kyle. Er trug kein Shirt, die tiefe Sonne goss flüssiges Gold über seinen Rücken, während der Schweiß in kleinen Bächen an ihm herablief. Jede Faser meines Körpers wollte sofort wieder umdrehen, um diese fast schon schmerzhafte Intimität nicht zu stören, doch meine Finger schlossen sich bereits wie von selbst um das Gehäuse meiner Kamera. Vergessen war der Flügel. Vergessen waren die Notenblätter. Das hier war die ungeschönte Wahrheit. Ein Mann, der um seine Existenz kämpfte, getaucht in das schönste Licht, das die Natur zu bieten hatte. Oh bloody hell...
    • Kyle

      Der Bass der Musikanlage bebte über den Boden und die Übungen gingen mir damit leichter von der Hand. Die Sonne prallte auf meinen Oberkörper und meine definierten Muskeln kamen perfekt zur Geltung. Ich hob die Hanteln abwechselnd nach oben. Zwischendurch wechselte ich auf schwerere Hanteln. Ich blieb fokussiert, schaltete alles um mich vollkommen aus. Hier oben gab es nur mich und sonst niemanden. So nahm ich an.
      Die Luft schwang dann plötzlich um und ein Hauch von Zitronengras kitzelte an meiner Nase. Sofort war der Fokus weg. Mein Körper zuckte zusammen und ich lies die Hanteln auf den Boden fallen. Sie schlugen laut auf den Betonboden auf. Meine Augen scannten die Umgebung ab und dann sah ich sie. Grace stand mit ihrer Kamera in der Hand wenige Meter von mir entfernt. Dieses Timming
      Ich nahm das Handtuch und tupfte mir den Schweiß vom Körper ab, schnappte mir die Wasserflasche und trank sie in einem Zug leer. Dann wischte ich die restlichen Tropfen mit der Hand von meinem Mund. Meine Augen waren dabei die ganze Zeit auf sie gerichtet.
      Ein kleines Zucken zupfte an meinem Mundwinkeln. Normalerweise müsste ich jetzt stinksauer auf sie sein, denn eigentlich hatten wir ausgemacht das wir uns absprechen wer die Dachterrasse nutzen durfte, um unangenehmen Situationen aus den Weg zu gehen. Wie diese hier..
      Aus irgendeinem Grund war ich aber nicht sauer oder wütend. Nein ich war leicht amüsiert darüber. Ihre Augen brannten sich in meinem Körper ein und ich schüttelte leicht lächelnd meinen Kopf. „Möchtest du hier noch Wurzeln schlagen und mich weiterhin anstarren? Oder nimmst du deine Kamera in die Hand und schießt ein paar Fotos?“ Es war herausfordernd, das wusste ich aber sie gab mir keine andere Wahl.
      Alleine ihre Anwesenheit ließ meinen Körper verrückt spielen. Wie soll ich das nur überstehen wenn sie jetzt stundenlang an meiner Seite war? Auf was habe ich mich da nur eingelassen?

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    • Grace

      Ich blinzelte einmal langsam, während ich dort stand und versuchte mich wieder auf den Wesentliche zu besinnen. Doch es schlich sich ein Gedanke in mein Bewusstsein, der so gar nicht zu meiner üblichen, unterkühlten Professionalität passen wollte. Kyle Miller sah im Licht der golden Hour wie etwas, das man vor Jahrhunderten aus Marmor gehauen und auf einen Sockel gestellt hätte. Halb nackt, von Schweiß überzogen, jede Linie seines Körpers scharf vom Sonnenstand gezeichnet, erinnerte er mich auf unerquicklich präzise Weise an die Götter- und Heldenstatuen, die ich einst zwischen den Tempeln und Säulen Griechenlands bestaunt hatte. An jene stillen Wächter der Akropolis, deren Schönheit so übertrieben vollkommen war, dass sie beinahe beleidigend wirkte. Ein perfektes Verhältnis aus Kanten, Linien und Proportionen. Im wahrsten Sinne des Wortes die legendäre goldene Mitte. Ich stand also auf einer Dachterrasse in Los Angeles und dachte über antike Ästhetik nach, während ein verschwitzter Rockstar Gewichte stemmte. Zumindest bis zu dem Moment, in dem seine Hantel mit einem dumpfen Krachen auf dem Boden aufschlug und mich abrupt aus meiner kleinen Exkursion in die Kunstgeschichte riss. Reiß dich zusammen, Wilson. Du bist hier, um Content zu generieren, nicht um eine kunsthistorische Abhandlung über die Anatomie eines Rockstars zu schreiben. "Oh, mutig. Heb du erst einmal wieder die Hantel auf, bevor du hier Regieanweisungen gibst.", entgegnete ich schließlich mit einer Spur meines trockensten Humors und trat vollends in das warme Licht. Ich ließ meinen Blick mit einer fast schon geschäftsmäßigen Kühle über seinen Oberkörper gleiten, auch wenn mein Puls dabei einen Rhythmus einschlug, der locker mit dem Bass seiner Anlage mithalten konnte. Good Lord. "Ich analysiere lediglich die Lichtverhältnisse. Du bist in diesem Moment nichts weiter als eine Ansammlung von Schatten und Highlights." Ich hob die Kamera wieder an. "Aber wenn du mich schon so charmant dazu aufforderst..." Das mechanische Surren des Objektivs war das einzige Geräusch zwischen uns. Als ich ihn durch das Objektiv in den Fokus gleiten ließ atmete unwillkürlich tiefer ein. Großer Fehler. "Dann beweg dich gefälligst. Ich brauche keine Standbilder für ein Museum, Kyle. Ich brauche etwas, das den Leuten da draußen zeigt, dass du noch Feuer im Blut hast und nicht nur dekorativ in der Gegend herumstehst." Ich drückte ab. Klick. "Außerdem", fuhr ich fort, während ich durch den Sucher beobachtete, wie er die Wasserflasche absetzte, "wer hat eigentlich behauptet, dass ich dich um Erlaubnis fragen muss wenn ich die Profile mit Kontent fütter? Laut meinem neuen Vertrag bin ich dein Schatten. Und Schatten fragen nicht nach dem Terminkalender, sie sind einfach da. Deal with it." Ich senkte die Kamera ein Stück und sah ihn über den Gehäuserand hinweg an. "Also, Mr. Miller Junior? Willst du mir jetzt zeigen, wie ein Rockstar an seinem Comeback arbeitet, oder soll ich das Foto von der leeren Wasserflasche als dein heutiges Tageshighlight posten? Die Fans wären sicher... begeistert."
    • Kyle

      Natürlich schoss sie zurück, aber genau das wollte ich auch erreichen. Ich mochte diesen Schlagabtausch zwischen uns. Das hier war kein Spiel mehr, es war echt, ungeschminkt und nicht geskriptet. Und ich musste zugeben das sie recht mit ihrer Aussage hatte. Wenn wir den Menschen da draußen etwas bieten wollten, dann sicherlich kein Bild von einer Wasserflasche. „Also gut. Dann tu ich jetzt einfach so als wärst du gar nicht hier und ich mache mit meinen Übungen weiter, wenn es dich glücklich macht.“ Ich schenkte ihr ein weiches Lächeln und hob die Hanteln wieder vom Boden auf und machte dort weiter wo ich aufgehört hatte. Sie wollte es so also bekam sie die volle Dröhnung.
      Ich spürte ihren Blick auf mir, kaum dass ich mit der ersten Wiederholung begann. Meine Konzentration lag auf meinem Atem und ich ließ die Hanteln kontrolliert nach oben gleiten und genauso ruhig wieder sinken.
      Ich setzte die Hanteln nach der ersten Wiederholung kurz ab, wischte mir mit dem Handrücken über die Stirn und griff direkt wieder danach. Kein einziger Blick ging zu ihr, ich blieb fokussiert, auch wenn es in meinen Inneren gerade ganz anders aussah. Ich genoss es wie sie mich beobachtete und hier und da vernahm ich das Klicken ihrer Kamera. Nach einiger Zeit spürte ich wie meine Muskeln anfangen zu zittern. Es war genug. Mein Körper begann zu rebellieren. Ich kam an meinen Grenzen, viel zu schnell. Die Hanteln legte ich auf dem Boden ab. Ich verzog mein Gesicht ein wenig und nahm das Handtuch wieder auf und legte es um meinen Hals. Vorsichtig setzte ich mich auf eine der Liegen. „Ich hoffe du kannst was mit den Bildern anfangen, für heute reicht es.“ Gott sei Dank hatte ich noch eine Flasche Wasser dabei und trank auch diese schnell leer.
      Wie sehr ich mich nach einer Dusche sehnte. Doch vorerst sollte ich meinem Körper die kurze Ruhe gönnen. Es war niemanden geholfen das ich die Treppe hinunter stürzte.

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    • Grace

      Ich beobachtete ihn schweigend durch die Linse, während er seine Übungen fortsetzte. Das sanfte Lächeln, das er mir zuvor geschenkt hatte, wollte mir dabei einfach nicht aus den Kopf gehen. Dennich versuchte ich mich zu fokussieren und behielt den Finger am Auslöser. Das Klicken der Kamera wurde zum einzigen Rhythmus in der stillen, goldenen Luft, während er die Gewichte hob. Ich sah, wie sich die Adern an seinen Unterarmen abzeichneten, wie seine Brust sich hob und senkte und wie der Schweiß neue Bahnen auf seiner Haut zog. Es war ästhetisch berauschend, ja, aber es war auch schmerzhaft zu beobachten. Ich sah das Zittern, das erst kaum merklich begann und dann seine Muskeln erfasste. Er ging bis an die Grenze und vielleicht ein Stück darüber hinaus. Als er die Hanteln schließlich endgültig ablegte und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Liege sinken ließ, senkte ich die Kamera sofort. "Wow...wow, Langsam trinken." sagte ich scharf, als er schon wieder ansetzte, alles in einem Zug zu leeren. "Du bist kein ausgedörrtes Kamel nach einer Wüstendurchquerung. Selbstinszenierung ist schön und gut, Kreislaufkollaps eher weniger fotogen." Ich blieb vor ihm stehen, die Arme verschränkt, und ließ meinen Blick über ihn wandern, prüfend, professionell... zumindest redete ich mir das ein. "Du hast überzogen. Keine Frage sondern eine klare Feststellung. Tom bekam sonst noch einen Herzinfarkt, und ich müsste den restlichen Abend damit verbringen, ihn wiederzubeleben, anstatt deinen Instagram-Account zu revolutionieren. Ich hob die Kamera erneut an, machte noch ein letztes Bild von ihm auf der Liege verschwitztes Haar, Handtuch um den Hals, Abendlicht auf der Haut, dieser Ausdruck zwischen Erschöpfung und Stolz. Perfekt. Dann ließ ich das Gerät wieder sinken und musterte ihn offen. Ich setzte mich mit gebührendem Abstand auf die Kante der Nachbarliege und begann, fast schon beiläufig, die ersten Bilder auf dem kleinen Display der Kamera durchzusehen. Das Licht flackerte über mein Gesicht. "Du hast wirklich Glück. In diesem Licht und aus den richtigen Winkel sieht wirklich jeder unverschämt gut aus." Das goldene Licht fing sich in seinen Zügen, ließ ihn weicher aussehen als sonst. Für einen Moment hielt ich seinen Blick fest, ehe ich mich wieder der Kamera zuwand.Ich spürte seinen Blick auf mir wie eine physische Berührung, während ich durch die Galerie meiner Kamera scrollte. Das Display war klein, aber die Intensität, die Kyle auf jedem einzelnen Bild ausstrahlte, drohte fast den Rahmen zu sprengen. Es war dieses gefährliche Knistern in der Luft, das mich normalerweise dazu veranlasst hätte, fluchtartig das Weite zu suchen, doch das Adrenalin des Shootings oder vielleicht auch einfach die unverschämte Nähe dieses Mannes, hielt mich auf der Liege fest. Ein kleines Lächeln stahl sich auf meine Lippen. "Sobald du wieder Farbe im Gesicht hast, machen wir noch ein Bild, das Licht ist zu gut um es nicht für Kontent zu nutzen. Aber dieses Mal mit Shirt. Ich möchte die Fans schließlich nicht kollektiv ohnmächtig machen."
    • Kyle

      Sie stand plötzlich neben mir und musterte mich mit diesem typischen Blick. Ich nahm die Flasche von meinen Lippen und drehte meinen Kopf zu ihr. "Bist du jetzt auch noch Ärztin oder machst du dir gerade ernsthafte Sorgen um mich?" Ein kleines Lächeln umspielte meinen Mund und ein Hauch von Sarkasmus schwang in meiner Stimme. Seit heute Morgen ist etwas anders zwischen uns, das konnte ich deutlich spüren. Auch wenn ich selbst nicht genau wusste was es war. Die Karten wurden neu verteilt und nun blieb es abzuwarten wie es zwischen uns laufen wird. Ich folgte ihr mit meinen Augen, als sie sich neben mich auf die andere Liege setzte und die bereits entstanden Bilder anschaute. Sie wirkte zufrieden damit und ein kleines Funkeln blitzte in ihren haselnussbraunen Augen auf. "Gefällt dir was du da siehst, Grace?" Mein Blick war nun vollkommen auf sie gerichtet. Ich wollte jede einzelne Regung in ihrem Gesicht und Körper mitbekommen. Ich ließ meinen Blick ein wenig länger auf ihr ruhen, als beabsichtigt. Zu meinem Erstaunen wich sie mir nicht aus. Ich hob die Flasche erneuert an und trank jetzt einen kleinen Schluck davon. Ein schiefes Grinsen legte sich auf meine Lippen. Sie bewegte sich ein Stück nach vorne und eine Strähne löste sich aus ihren Space Buns und fiel nun locker über ihre Wange. Meine Lippen öffneten sich ein kleines bisschen und mein Herzschlag wurde wieder etwas lauter. Verdammt
      Ich löste den Blick schnell wieder von ihr und legte meinen Arm über die Augen. "Gib mir noch einen kurzen Moment, dann bin ich wieder ganz bei dir. Während die Sonne langsam aber sicher tiefer stand, versuchte ich meinen Körper in den Griff zu bekommen. Das Zucken meiner Muskeln ließ allmählich nach, doch mein Puls war immer noch in utopischen Höhnen. Ob es daran lag das mich ihre Anwesenheit nervös machte oder ob ich mir doch am Ende beim Training zu viel abverlangt hatte? Vielleicht war es eine Mischung aus beidem.
      Minuten vergingen und ich wollte Grace nicht enttäuschen, schließlich wollte sie den perfekten Shoot haben. Ich rappelte mich hoch und schnappte mir mein T- Shirt und zog es mir wieder drüber. "Dann geben wir meinen Fans etwas weniger nackte Haut."
      Wie der Profi der ich war posierte ich nicht so das es gestellt wirkte, ich machte langsame fließende Bewegungen, richtete meinen Blick über L.A, lehnte mich lässig über die Glasmauer und schenkte Grace am Ende mein schönstes ehrliches Lächeln. "Ich hoffe das passt so." Meine Füße setzten sich in Bewegung und ich kam auf sie zu. Ich beugte mich zu ihr runter. "Jetzt zeig Mal her." Meine Finger strichen sanft über ihre. Es war eine kleine Berührung, die die Luft hier oben veränderte.
    • Grace

      Ich hielt die Kamera mit einer Festigkeit umklammert, die eigentlich nur meine eigene innere Instabilität überspielen sollte. Als Kyle sich über mich beugte, drang sein Geruch diese berauschende Mischung aus Salz, warmen Holz und der schwindenden Hitze des Tages, ungefiltert in meine Sinne. Und dann geschah es. Ich hob kaum den Blick vom Display, als er sprach, doch mein Körper registrierte seine Nähe leider deutlich schneller als mein Verstand. Ich nahm mir einen Moment, ehe ich antwortete, ließ die Bilder durchscrollen, als wäre ich völlig unbeeindruckt. Eine glatte Lüge selbstverständlich. "Frag lieber nicht so frech Panorama-Prinz, wenn du gerade beinahe von einer Hantel besiegt wurdest." Oi, of course I’m worried, you wally. Immerhin lag er bei unserer ersten Begegnung bewusstlos im Schlamm. Und... ich konnte ja vieles leugnen aber sicher nicht dass mir Kyle Miller irgendwie wichtig oder zumindest alles andere als egal war. "Aber ein bisschen medizinisches Grundwissen hatte ich im Studium und einer meiner großen Brüder ist Arzt." Und auch wenn er es nicht wahr haben wollte, sahs der Tieger im Käfig weil er Leukämie diagnostiziert bekommen hatte. Ich lächelte sanft, konzentrierte mich mit meinen letzten Fünkchen Fokus jedoch lieber wieder auf meine Arbeit. Zumindest bis Kyle abermals versuchte mich aus den Konzept zu bringen. Mein Daumen hielt mitten in der Bewegung inne. Langsam hob ich den Kopf.
      Sein Blick ruhte offen auf mir, aufmerksam, zu lange, zu direkt. Und zu meinem eigenen Erstaunen wich ich ihm nicht aus. Vielleicht, weil ich müde geworden war, ständig so zu tun, als hätte diese Spannung nichts mit mir zu tun. Vielleicht auch, weil ich wissen wollte, wie lange er es aushielt. "Das kommt darauf an", sagte ich ruhig. "Sprichst du von den Fotos oder von deinem auffällig bemühten Versuch, beiläufig charmant zu wirken?"
      Meine Stimme war trocken, aber mein Puls war es nicht. Dennoch rang er mir ein sanftes Schmunzeln ab. Eine lose Strähne hatte sich aus meinem Bun gelöst und fiel mir über die Wange. Ich strich sie nicht zurück. Zu viel Bewegung hätte verraten, dass ich mir plötzlich sehr bewusst war, wie er mich ansah. Dann legte er sich den Arm über die Augen und bat um einen Moment. Ich musterte ihn seitlich. Die leichte Unruhe in seinem Atem. Das Nachbeben seiner Muskeln. Die Art, wie seine Brust sich hob und senkte. Er wirkte erschöpft und gleichzeitig gefährlich lebendig. Ich hörte jede Veränderung seines Atems, jedes leise Verrücken auf der Liege, jedes kaum wahrnehmbare Geräusch seiner Bewegungen, als wäre mein Nervensystem plötzlich ausschließlich auf Kyle Miller kalibriert worden. Hochprofessionell, Gracelyn. Als er sich schließlich aufrappelte, hob ich den Blick fast zu schnell. Ein Fehler, denn damit gönnte ich mir ungewollt das vollständige Bild: der leichte Glanz auf seiner Haut, die noch arbeitenden Muskeln unter dem Sonnenlicht, dieser beiläufige Zug von Kraft in jeder Bewegung, als wäre selbst das schlichte Aufstehen bei ihm eine Form von Inszenierung. Dann griff er nach seinem Shirt und zog es sich über. Ich hob nur eine Braue und rang meine Miene zurück in die vertraute Zone britischer Würde. "Wie rücksichtsvoll von dir. Die Öffentlichkeit wird es die sicher danken." Innerlich war ich deutlich weniger gefasst. Ich stand schließlich auf gezwungenermaßen dicht an ihm vorbei und strich dabei die lose Haarsträhne zurück hinter mein Ohr. Mein Arm streifte seinen leicht, ein Unfall, der keiner war. Dann begann er sich zu bewegen. Und leider tat er es mit jener natürlichen Präzision, die man nicht lehren konnte. Keine gestellten Posen, keine eitle Übertreibung. Kyle bewegte sich langsam, fließend, mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, die jede Kamera liebte und jede vernünftige Frau misstrauisch machen sollte. "Wir brauchen noch ein letztes Bild", erklärte ich sachlich und trat hinter ihn. "Rücken zur Skyline. Kopf leicht nach links. Nein, dein anderes links." Er lehnte sich an die Glasmauer, sah über Los Angeles hinweg, als gehöre ihm die halbe Stadt, und schenkte mir am Ende dieses ehrliche, offene Lächeln. Für einen Moment vergaß ich beinahe, den Auslöser zu drücken. Ich fing mich gerade noch rechtzeitig, hob die Kamera fester an und tat so, als hätte ich alles vollkommen unter Kontrolle. "Du hast dich übrigens erstaunlich brauchbar angestellt", sagte ich und neigte den Kopf. "Fast so, als würdest du gern beobachtet werden." Meine Lippen zuckten, doch schlussendlich erlaubte ich mir das freche Grinsen. "Wobei das vermutlich keine neue Erkenntnis ist." Dann setzte er sich in Bewegung. Ich spürte seine Nähe, bevor ich sie wirklich sah. Diese seltsame Veränderung in der Luft, als würde der Raum enger werden, wärmer, dichter. Mein Rücken richtete sich unwillkürlich auf. Mein Puls verriet mich augenblicklich. Er beugte sich zu mir hinunter. Seine Stimme war nah genug, um eher über meine Haut als durch meine Ohren wahrgenommen zu werden. Ich hielt die Kamera fest, obwohl meine Finger plötzlich nicht mehr ganz so zuverlässig arbeiteten wie sonst. Seine Finger streiften die meinen, nur ein flüchtiger Kontakt, kaum mehr als das Flattern eines Schmetterlingsflügels, und doch fühlte es sich an, als hätte jemand einen Kurzschluss in meinem gesamten Nervensystem verursacht. Ein winziger Stromschlag jagte meinen Arm hinauf, direkt dorthin, wo ich meine mühsam errichtete britische Beherrschung gelagert hatte, und ließ sie in tausend Stücke zerspringen. Seine Haut warm von Sonne und Bewegung, meine Finger kühl vom Metallgehäuse der Kamera. Kein Griff, kein Festhalten. Nur ein langsames Streifen, sanft genug, um unschuldig zu wirken, bewusst genug, um jede Ausrede lächerlich zu machen. Es war dieselbe Art Berührung wie gestern mit dem Eisteeglas. Diese gefährlich subtile Sorte Kontakt, die nichts verlangte und trotzdem alles sagte. Ein elektrisches Ziehen lief mir über die Handfläche den Arm hinauf bis irgendwo tief in meine Brust, wo mein Herz daraufhin beschloss, sich vollständig lächerlich zu machen. Ich atmete langsamer ein, um nicht sichtbar zusammenzuzucken. Ich drehte den Bildschirm leicht zu ihm, spürte dabei noch immer das Echo seiner Finger auf meiner Haut und verfluchte mich dafür, wie sehr ich diese kleinen, beiläufigen Berührungen inzwischen wahrnahm. "Hier. Siehst du? Sehr überzeugend. Mysteriös, attraktiv, dezent unerreichbar." Dann hob ich den Blick zu ihm. "Also im Grunde völlig realitätsfern." Ich versuchte ernst zu klingen, doch als meine Augen sich in seinen fingen begann ich an leise zu kichern. Ich wusste nicht, wer von uns beiden zuerst den Blick lösen sollte. Also lächelte ich nur leise. "Das mit der Distanz läuft erstaunlich schlecht für uns."

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    • Kyle

      Die Luft veränderte sich schlagartig zu etwas was ich nicht zu ordnen konnte. Ihre Nähe ließ mich nicht kalt und ich spürte immer noch die Wärme ihrer Finger an meinen. Ich war ihr so nah, das ihr Duft mich beinahe um den Verstand brachte. Es war gefährlich und doch musste ich die Beherrschung behalten. Mein Blick ging zu dem Bildschirm und ruhte dann anschließend auf ihr. Meine Gesichtszüge wurden weicher und ich verlor mich beinahe in ihren Augen. Was tue ich hier?
      Ich schluckte merklich und mein Herz schlug noch schneller. Ich hatte beinahe das Gefühl das sie es hören könnte, so laut war es.
      "Dann bin ich beruhigt das ich dich von meinem Können überzeugt habe. Schließlich bin ich es gewohnt vor der Kamera zu stehen."
      Mein Lächeln erreichte jetzt sogar meine Augen.. etwas was vorher nie passiert ist. Ihre Anwesenheit veränderte mich, ließ mich schwächer wirken. Mir war plötzlich wärmer, als vorher und das lag nicht alleine an meiner sportlichen Aktivität und der Sonne.. Nein es lag auch an ihr. Sie hatte natürlich recht damit das wir uns jetzt näher waren, als beabsichtigt. Ich hätte einen Schritt zurückgehen sollen um wieder etwas Abstand zu gewinnen. Doch ich tat es nicht. Ich blieb stehen, so wie ich war. Mein Blick glitt erneuert zu ihr und blieb dieses Mal noch länger an ihrem hängen. Ich wollte ihn wieder von ihr lösen, doch es klappte nicht. Etwas an ihr zog mich in ihren Bann. Ich atmete tief ein, doch das war ein Fehler, denn ihr Duft war jetzt noch präsenter als vorher. Er legte sich wie ein Schleier über meine Gedanken und machte es mir schwerer klar zu denken. "Wir sollten.." , begann ich, aber der Satz hing in der Luft. Ich wusste selbst nicht wie ich ihn weiterführen sollte.. Abstand halten?, Professionell sein? Konzentriert sein? Alles klang plötzlich nicht mehr richtig. Meine Finger zuckten leicht, noch immer spürte ich ihr Finger. Ich ballte meine Hände unbemerkt zu Fäusten um den Drang zu widerstehen ihr zu verfallen. "... uns vielleicht wieder darauf zu konzentrieren, wofür wir hier sind." Meine Stimme hatte nicht mehr diese Festigkeit wie vorhin, nein sie wirkte anders. Innerlich hoffte ich das sie mir zustimmen würde, aber auf der anderen Seite wollte ich das sie es nicht tat. Ich war hin und her gerissen und ich stellte mir selbst die Frage was ich hier eigentlich machte und warum ich hier nicht mehr weg wollte?
    • Grace

      Sein Blick brannte sich in meinen, und für einen Moment gab es kein Entkommen mehr. Das weiche Lächeln, das nun auch seine Augen erreichte und sie in diesem unglaublichen, silbrigen Blau leuchten ließ, war meine endgültige Kapitulation gegenüber der Situation. Kyle Miller, der unnahbare Rockstar, wirkte in diesem Licht so entwaffnend echt, dass mein gesamtes Arsenal an sarkastischen Verteidigungsmechanismen einfach den Dienst quittierte.
      Ich spürte, wie die Wärme in meinen Wangen nichts mehr mit der Abendsonne zu tun hatte. Er bewegte sich nicht weg, und ich.. Gott helfe mir, tat es auch nicht. Sein Geruch, diese berauschende Mischung aus Holz, Moschus und der Hitze seiner Haut, zerrte langsam an meinen Verstand. Ich schluckte merklich, während mein Herz beinah bis zum Hals schlug ein unaufhörlicher, verräterischer Takt. Verdammt. Ich beugte den Kopf leicht zur Seite und ließ mir Zeit mit meiner Antwort. Ein langsames, warmes und vollkommen unvernünftiges Lächeln glitt über meine Lippen. "Du solltest vorsichtig sein", sagte ich leise, ohne den Blick von ihm zu lösen. ich machte nur eine kurze Pause, in der die Welt um uns herum gefühlt aufhörte zu existieren. "Schau mich nicht so an... ich bin heute ohnehin schon gefährlich nachgiebig." Mein Lächeln wurde einen Hauch weicher und meine Augen blitzten ein kleinen Wenig heller. "Und am Ende könnte ich noch anfangen, dich zu mögen." Denn es war leider die verdammte Wahrheit und nichts, als die verdammte Wahrheit.
      In mir tobte ein gewaltiger Kampf. Ein Teil von mir schrie danach, die Kamera zu schnappen, aufzustehen und die professionelle Distanz wie eine Ritterrüstung wieder anzulegen. Doch der andere Teil ... der Teil, der gerade jeden Millimeter seiner Wärme und das Prickeln seiner Finger an meinen registrierte, wollte diese Magie nicht zerstören. Es war einfach perfekt, genauso wie es gerade war. Es war eine jener seltenen, zerbrechlichen Seifenblasen, in denen die Zeit stillsteht und...
      "Gracelyn???!!!"
      Die Stimme dröhnte von unten herauf wie ein Donnerschlag. Ich zuckte heftig zusammen und mein ganzer Körper spannte sich an. Farrow? Oh! Ja. Ich war ja heute mit Farrow zum Gassigehen verabredet! Das hatte ich... ganz vergessen...
      Die magische Seifenblase zerplatzte nicht nur, sie wurde regelrecht pulverisiert. Die Realität klopfte in Form einer sehr ungeduldigen Geschäftsfau an die Tür. Ich sah zwischen Kyle und der Treppe hin und her, völlig benommen von dem abrupten Wechsel der Atmosphäre. Mein Verstand versuchte mühsam, wieder in den 'Arbeitsmodus' zu schalten, während mein Herz noch immer auf der Dachterrasse bei Kyle feststeckte. "Wir sollten... ja", murmelte ich, wobei ich mich auf seine vorherige Aussage bezog, auch wenn sie sich jetzt wie eine bittere Medizin anfühlte. Ich nickte ihm hastig zu, unfähig, noch einen weiteren sassigen Kommentar abzugeben. "Ich... ich muss. Farrow wartet." Ich verabschiedete mich leise, fast schon fluchtartig, und stolperte die Treppen hinunter in mein Zimmer.
      Meine Bewegungen fühlten sich hölzern an, als würde ich durch tiefes Wasser waten. Im Zimmer legte ich die Kamera fast schon ehrfürchtig auf den Schreibtisch. Ich sah in den Spiegel, sah die verräterische Röte auf meinen Wangen und meine geweiteten Pupillen, ein verräterisches Zeichen, dass ich gerade fast diesen Panorama-Prinz geküsst hätte.
      Mit zitternden Fingern löste ich meine Space Buns, sie sahen genauso verstreut aus wie ich. Ich hatte nicht die Zeit mich Farrow Ansprüchen anzupassen, aber ich musste es wenigstens versuchen. Ich schüttelte mein Haar aus und fixierte es mit einer Haarspange halb offen, aber ordentlich am Hinterkopf. Ein tiefer Atemzug. Dann schnappte ich mir meine Tasche und eilte zum Fahrstuhl, wo Farrow bereits mit dem Fuß wippte, während Gatsby freudig zwischen ihnen hin und her sprang. "S-Sorry... ich war... J-jetzt kann's losgehen. Kommt nicht wieder vor", stammelte ich, während ich den Blick senkte. Ich wusste in diesem Moment selbst nicht, was genau ich meinte. Das Zuspätkommen oder diesen brandgefährlichen Moment auf der Terrasse, der mein gesamtes Leben in L.A. gerade völlig aus den Angeln gehoben hätte.
    • Kyle

      Wir waren nur noch wenige Augenblicke davon entfernt das sich unser Leben von jetzt auf gleich änderte. Sie war so nah und ich konnte spüren das sie sich ebenfalls zurückhielt. Was ist nur in den letzten paar Stunden zwischen uns passiert, das wir hier oben stehen und es beinahe so wirkte als würden wir uns ineinander verlieren?
      Mein Blick ging wieder leicht auf ihre Lippen, es wäre viel zu einfach sie jetzt und hier zu küssen. In meinem Kopf spielten sich tausende von Szenen ab.. Mein Herzschlag wurde immer schneller und lauter. "Du hast recht.. vielleicht sollten wir vorsichtiger sein.." Dennoch ging mein Kopf automatisch ein Stück weiter nach unten. Viel näher als beabsichtig.. Doch dieser Moment, der nur uns beiden galt, wurde durch eine schrille Stimme durchschnitten. Perplex sah ich auf und löste mich ein Stück von Grace. Ich fuhr mir leicht errötet durch meine Haare. "Ja.. sollten wir", stammelte ich, unfähig einen klaren Satz herauszubringen. Ich sah ihr nach als sie durch die Tür ging und dahinter verschwand. Nun stand ich hier oben, alleine, mit einem pochenden Herzen und kreisenden Gedanken.. Ich steckte meine Hände in die Jogginghose.. Der Bass der Musik lief immer noch im Hintergrund. In meinem Bauch kam wieder dieses Kribbeln auf. Ich musste mich abkühlen.. Mein Körper fühlte sich an als würde er jeden Moment in Flammen aufgehen. Ich stapfte zur Anlage und schaltet sie aus, dann machte ich mich auf den Weg nach unten in mein Zimmer, ich sperrte die Tür hinter mir zu und ging in das angrenzende Badezimmer. Die Klamotten strich ich mir vom Körper und warf sie in den Wäschekorb.
      Das warme Wasser der Dusche lief über meinen Körper und ich fühlte wie ich mich langsam entspannte. Ich lehnte meinen Kopf gegen die kalten Fliesen und schloss die Augen. Eigentlich wollte ich mich nur abkühlen, doch dann tauchte ihr Gesicht wieder vor mir auf. Wie sie mich ansah, dieser Moment zwischen uns der sich anfühlte als würde die Welt um uns nicht mehr existieren.. Das Wasser lief mir über das Gesicht, vermischte sich mit meinem leisen Atemzug, der fast wie ein Seufzen klang.. Doch je mehr ich versuchte nicht daran zu denken, desto klarer wurde ihr Bild. Mein Körper reagierte sofort darauf. Ich blickte an mir hinunter. Reiß dich zusammen
      Ihr Lächeln, ihr Duft und ihre Augen waren alles woran ich denken konnte. Nicht fähig etwas daran zu ändern. Ich ließ meine Hand sinken. Ein leises Geräusch kam aus meinen Mund, während ich meine Hand schneller werden ließ. Ich konnte es selbst nicht fassen was ich hier gerade machte.. doch das war die einzige Lösung meine überschüssige Energie loszuwerden.. Es dauerte auch nicht lange und ein wohliger Schauer durchlief meinen Körper. Nachdem ich mich gründlich geduscht hatte, zog ich mir frische Kleidung an. Irgendwie fühlte ich mich gerade wie neu geboren. Ein leises Klopfen riss mich aus meinen Gedanken, ich sperrte die Tür auf und sah das Tom dahinter stand.

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      Tom

      Ich war so sehr vertieft in meine Arbeit, das ich die Zeit vollkommen aus den Augen verloren hatte. Doch es war bald an der Zeit mit Kyle zu reden. Er sollte sich ja jetzt ein wenig beruhigt haben. Als ich gerade aus meinem Büro gehen wollte, hörte ich diese Stimme, die sofort einen Schauer durch meinen Körper jagte. Was machte Farrow Taylor hier? Doch eh ich der Sache auf den Grund gehen konnte, sah ich wie Ms. Wilson völlig überrumpelt in ihr Zimmer rannte. Ich hob eine Augenbraue nach oben und lehnte mich soweit an die Tür, das man mich nicht gleich sehen konnte. Wenige Augenblicke später kam auch Kyle aus der selben Richtung wie sie. Okay.. jetzt bin ich doch ein wenig neugierig. Er verschwand in sein Zimmer und ich konnte deutlich hören das er die Tür absperrte. Gut dann musste ich eben noch einen Moment länger auf das Gespräch warten.
      Ich hörte erneuert Schritte auf den Flur und Ms. Wilson eilte die Treppe hinunter ging. Anscheinend war Ms. Taylor wegen ihr hier. Ein kleines bisschen war ich enttäuscht darüber, das sie mich nicht wieder mit ihrer Anwesenheit beerte. Aber vielleicht war es auch besser so..
      Eine halbe Stunde verging und ich klopfte nun doch an die Tür von Kyle. Sofort wurde sie entriegelt und ich musterte sein Gesicht. Er wirkte verändert und ich wurde dadurch noch etwas misstrauischer. "Was willst du?" Er legte sofort seine Maske wieder auf und verschränkte die Arme vor der Brust, ein klares Zeichen für sein Abwehrverhalten. "Ich wollte mit dir reden. Darf ich?" Er trat einen Schritt zu Seite und ich trat hinein und blickte mich in seinem Zimmer um. "Es hat sich nichts verändert, seit ich das letzte Mal hier drinnen war." Es war eine ganze Weile her das ich dieses Zimmer betrat. "Komm auf den Punkt. Ich habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit." Ich sah zu Kyle und konnte spüren wie verletzt er wirklich war. "Ich wollte mich dafür entschuldigen das ich dich bezüglich der Sache mit Ms. Wilson..." "Grace...", sprach er dazwischen. "Na schön Grace." Ich seufzte auf. Es tut mir leid das ich dich angelogen hatte. Ich wollte es dir nicht verheimlichen.. aber ich hatte keine andere Lösung parat." Sein Blick ruhte auf mir und es war so still in den Raum, das man beinahe das leise Ticken meiner Armbanduhr hören konnte. Ich war bereit dafür das mein Bruder, das wandelnde Pulverfass, zu explodieren drohte. Ich krempelte meine Ärmel meines Hemdes ein Stück weit nach oben und fixierte seinen Blick weiterhin. Ich konnte sehen wie er mit sich haderte.. Ich war bereit und gewappnet für alles was kommen mag..
    • Farrow

      Ich tippte mit der Spitze meines maßgefertigten Absatzes ungeduldig auf den polierten Boden des Lofts. Ein Blick auf meine diamantbesetzte Armbanduhr verriet mir, dass wir bereits sieben Minuten über der Zeit waren. Sieben Minuten, in denen ich bereits drei Kooperationsanfragen hätte sichten oder zumindest mein Licht-Setting für das nächste Reel optimieren können.
      Gatsby, wuselte wie ein aufgezogener Flummi um meine Knöchel. Seine kleine, feuchte Nase suchte den Boden nach Spuren von Grace ab, während er immer wieder den Kopf in den Nacken legte, um sich an mir zu orientieren. Ich strich mein cremefarbenes Leinenkleid glatt und spürte die kühle, leicht raue Struktur des Stoffes unter meinen Fingern. Das eng anliegende Mieder saß perfekt, und die architektonisch geschnittenen Schößchen an meiner Hüfte wippten bei jeder meiner genervten Bewegungen wie exklusive Blütenblätter.
      "Gatsby, komm her", zischte ich und beugte mich langsam vor um den Kleinen schwungvoll auf den Arm zu heben. Er passte perfekt in die Beuge meines Ellenbogens, direkt neben den rauen Henkel meiner gewobenen Korb-Handtasche. Ich rückte meine dunkle Sonnenbrille zurecht und sah mich im weitläufigen Wohnbereich um. Nichts.
      "Glaubst du das, Gatsby?", murmelte ich in sein seidiges Fell, während mein Blick durch das Loft schweifte. "Mindestens 146 Menschen in dieser Stadt wollen gerade meine ungeteilte Aufmerksamkeit, von meinen Followern ganz zu schweigen und dieses britische Landei lässt mich hier einfach stehen." Meine Geduld war offiziell am Ende. Ich straffte die Schultern, wobei das beigefarbene Samthaarband in meinem Dutt kurz aufblitzte. Die kleinen Perlen, die den Stoff übersäten, funkelten im einfallenden Licht wie winzige Sterne. Ich holte tief Luft.
      "Grace? .... GRACELYN???!!!", rief ich, und meine Stimme hallte mit einer Schärfe durch den Raum, die keinen Widerspruch duldete.
      Endlich bewegte sich etwas. Grace tauchte oben an der Treppe auf, wirkte seltsam derangiert und signalisierte mir mit einer fahrigen Geste, dass sie gleich so weit sei, bevor sie wieder in ihrem Zimmer verschwand. Ich stöhnte genervt auf, ließ Gatsby wieder auf den Boden gleiten und fischte mein Handy aus der Tasche. Mein Gesicht, das dank einer Prise metallischem Lidschatten und einem Hauch von Schimmer perfekt für jedes Blitzlichtgewitter bereit war, leuchtete im Schein des Displays auf. Ich tippte eine schnelle Antwort an meine Agentur, während meine Lippen in ihrem matten, rosafarbenen Ton fest aufeinandergepresst blieben.
      Als Grace schließlich den Fahrstuhl erreichte, blieb mein Daumen über dem Bildschirm hängen. Ich senkte das Handy und hob skeptisch eine Augenbraue. Ihr Haar war nun zwar ordentlich festgesteckt, aber sie sah aus, als wäre sie gerade erst aus einem Wirbelsturm entkommen oder aus etwas anderem, das ihr die Sprache verschlagen hatte.
      "So willst du raus?", fragte ich mit einem Blick, der jedes Detail ihres Outfits gnadenlos sezierte. Grace schluckte schwer und wirkte merkwürdig fahrig. "Wir... wir gehen doch nur Gassi, Farrow." Ich räusperte mich und korrigierte den Sitz meiner Sonnenbrille. "Magst du, dass ich noch mehr deiner kostbaren Zeit verschwende?" Ich stieß ein theatralisches Seufzen aus, das meine Verachtung für ihre funktionale Einstellung zu Mode deutlich machte. "Na schön. Bewegung. Gatsby wird nicht jünger und mein Teint braucht frische Luft, bevor das Licht schlechter wird." Ich drehte mich auf dem Absatz um und stolzierte Richtung Ausgang, Gatsby triumphierend an meiner Seite. Dass Grace hinter mir fast über ihre eigenen Füße stolperte und einen Blick im Gesicht hatte, als wäre sie noch zur Hälfte auf der Dachterrasse, entging mir natürlich nicht aber das würde ich mir für später aufheben. Erst einmal brauchten wir das perfekte Foto im Park.

      Wir bogen in den Park ein, und die kühle Brise, die vom Ozean herüberwehte, spielte mit den losen Strähnen an Graces Schläfen. Ich führte Gatsby mit der Souveränität einer Frau, die es gewohnt war, dass ihr sogar der Wind gehorchte. Grace hingegen lief neben mir wie ein Geist, der vergessen hatte, in welches Grab er gehörte. "Also", begann ich und korrigierte den Sitz meiner Sonnenbrille, obwohl es bereits dämmerte. "Wollen wir so tun, als hättest du vorhin im Fahrstuhl nur ein wenig zu viel kalifornische Sonne abbekommen, oder erzählst du mir jetzt, was Kyle Miller noch mit dir angestellt hat?" Grace starrte auf den Gehweg. "Nichts, Farrow. Wir haben nur gearbeitet. Die Lichtverhältnisse waren..." Ich hatte eigentlich auf gestern angespielt aber diese Information war ja noch besser. Dann war er also auch dort oben gewesen. "Wenn ich noch einmal das Wort Lichtverhältnisse aus deinem Mund höre, lasse ich dich hier stehen und Gatsby darf den Rückweg allein navigieren", unterbrach ich sie kühl. Ich blieb stehen und zwang sie, mich anzusehen. "Deine Pupillen sind so geweitet, dass man darin die Skyline von London spiegeln könnte. Und dein Atem geht immer noch flacher als bei einem Model vor der Fashion Week. Das war kein Job, Grace. Das war eine chemische Reaktion." Ich beobachtete, wie sie nervös an ihrem Taschenriemen spielte. "Es ist nur... er ist krank, Farrow. Und trotzdem ist da diese Kraft. Und heute auf der Terrasse... es war einfach alles so nah." Ich schnaubte leise. "Nah ist das Vorstadium von gefährlich. Er ist ein Tiger im Käfig, das hast du selbst gesagt. Aber vergiss nicht: Auch im Käfig hat er Krallen. Und du wirkst gerade so, als hättest du dich freiwillig als Dompteurin gemeldet, ohne die Peitsche mitzunehmen." Wir liefen weiter, während die Straßenlaternen ansprangen. Gatsby schnüffelte an einem Hydranten, während ich Grace schweigend Zeit gab, ihre Fassade wieder aufzubauen oder zumindest den Mörtel glattzustreichen. "Übrigens", sagte ich, als wir uns langsam wieder Richtung Auto bewegten. Ich kramte in meiner Korb-Handtasche und zog einen kleinen, kunstvoll zu einem Herz gefalteten Fünf-Dollar-Schein hervor. "Unsere Wette wegen Caroline. Sie hat ihm tatsächlich ihre Nummer gegeben und er hat die Burger bezahlt. Da wir beide recht hatten, teilen wir uns den Gewinn. Betrachte es als Anzahlung für deine nächste Therapie-Sitzung, falls Kyle dein Herz endgültig als Plektrum benutzt." Ich drückte ihr das kleine Geld-Herz in die Hand. Grace sah es an und ein schwaches, echtes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. "Komm schon", sagte ich und steuerte zielstrebig auf meinen geparkten Wagen zu. "Du gehst jetzt noch nicht zurück in dieses Loft. Wenn du Kyle in diesem Zustand begegnest, fällst du ihm vermutlich rein 'berufsbedingt' in die Arme."
      "Farrow, ich sollte wirklich..." Ich hob den Finger und drückte ihn auf ihren Mund. "Du solltest gar nichts, außer mir zuzuhören. Wir gehen jetzt in die Bar um die Ecke. Ein Cocktail. Etwas Starkes, das nach Vernunft schmeckt. Ich bringe dich danach am Loft ab, wenn dein Kopf wieder klar genug ist, um den Unterschied zwischen einem Motiv und einem Mann zu erkennen."
    • Kyle

      Er drang in meinen persönlichen Bereich ein als gäbe es kein Morgen mehr. Und dann kam er mit dieser plumpen Entschuldigung um die Ecke. "Tzz..", drang aus meinem Mund. "Du glaubst wirklich damit wäre die Sache vom Tisch?" Er irrte sich gewaltig. Er hatte Grace in mein Leben geschleust und jetzt dreht mein Köper völlig durch wegen ihr. Ich lief in meinem Zimmer auf und ab und überlegte was ich sagen sollte. Ich spürte den Blick von ihm auf mir ruhen. Das er trotz allem noch seine Haltung bewahren konnte, war beeindruckend. "Ich weiß das du sauer auf mich bist, aber ich habe es nur zu deinem eigenen Schutz getan." Ein spöttisches Lachen kam aus meinem Mund und dann sah ich ihn direkt an. "Zu meinem eigenen Schutz? Denkst du ich brauche jemanden der auf mich aufpasst. Hast du Angst ich könnte wieder abstürzen?" Seine Miene verrutschte ein wenig. "Das ist es nicht Kyle.." Mein Blick war starr auf ihn gerichtet. "Was ist es dann? Rück schon raus mit der Sprache!" Tom schluckte und er kam ein paar Schritte auf mich zu. "Ich habe Angst um dich. Versteh das doch.. Du.. Du bist doch meine einzige Familie." Dann brach der Damm.. der Damm der all meine Emotionen und Gefühle zurückgehalten hatte. Tränen strömten über mein Gesicht und auch mein Bruder war nah am Wasser gebaut. "Hör auf sowas zu sagen, Tom.." "Aber es ist die Wahrheit. Ich möchte dich nicht auch noch verlieren.. Deshalb habe ich Grace eingestellt.. nicht als Kontrolle, sondern als Anker, emotionale Stütze, als Bezugsperson.. Glaub mir wie oft ich schon beinahe durchgedreht wäre in den letzten Tagen, wenn sie nicht dagewesen wäre.." Er spielte auf den Abend an, wo ich vollkommen betrunken nach Hause kam. "Sie hat mir gesagt das sie sich um dich kümmert und das ich ins Bett gehen sollte.. Ich bat sie nicht darum." Ich wischte mir die Tränen aus meinem Gesicht und sah ihn verwirrt an. "Du hast sie nicht darum gebeten?" Tom schüttelte den Kopf. "Nein." Ein Ziehen machte sich in meinem Inneren breit. Sie hat es aus freien Stücken gemacht und auf mich an diesen Abend gewartet. Verdammt
      Das änderte tatsächlich etwas an der gesamten Situation. "Kyle ich vertraue ihr wie keinen anderen Menschen davor. Ich weiß ihre Arbeit sehr zu schätzen und ich hoffe das du das auch eines Tages kannst." Wenn er wüsste wie tief ich schon in dieser Sache drinnen steckte. Dann würde er anders reden. Ich nickte leicht mit dem Kopf. "Komm schon her." Er zog mich in seine Arme und man konnte deutlich spüren das die Anspannung der letzten Tage von unseren Schultern fiel und auf den Boden einschlug. "Ich wollte dich nicht verletzten oder hintergehen..", flüsterte Tom mir entgegen. "Das weiß ich jetzt.." Ich erwiderte seine Umarmung und hielt mich an ihm fest. Er wollte nur das Beste für mich, das wurde mir allmählich bewusst.. Nun musste ich nur noch meine Gefühle was Grace betrifft zuordnen.
    • Grace

      Der Wagen glitt geschmeidig durch den Abendverkehr von L.A., während draußen die Neonreklamen zum Leben erwachten. Gatsby war auf meinen Schoß eingenickt, doch in meinem Kopf herrschte alles andere als Ruhe. Als wir an einer Kreuzung hielten, sah ich das grelle Logo eines Supermarkts. Ein impulsiver Gedanke schoss mir durch den Kopf. "Könnten wir hier kurz halten?", fragte ich den Fahrer, noch bevor ich richtig darüber nachgedacht hatte. Farrow, die gerade eine E-Mail auf ihrem Smartphone tippte, hielt inne. Sie schob die Sonnenbrille ein Stück nach unten und sah mich entgeistert an. "Hier? Grace, wir sind auf dem Weg in eine Bar, deren Warteliste länger ist als dein Lebenslauf. Warum zur Hölle müssen wir jetzt an einem Supermarkt halten?" Ich setzte Gatsby vorsichtig neben mir ab und kraulte ihn entschuldigend. "Ich muss nur schnell etwas besorgen", antwortete ich ausweichend und griff bereits nach dem Türgriff. "Was könnte jetzt so wichtig sein, dass wir unseren Zeitplan für ein Etablissement mit Neonröhren und Linoleumböden opfern?", hakte sie ungehalten nach, während ihr Absatz nervös auf der Fußmatte wippte. "Zitronenbonbons", sagte ich knapp. "Bitte, Farrow. Es dauert nur eine Minute."
      Sie stieß ein theatralisches Seufzen aus und warf die Hände in die Luft. "Zitronenbonbons. Ernsthaft? Wenn das eine britische Marotte ist, von der ich bisher nichts wusste, ist sie furchtbar unpraktisch." Nein... keine britische Marotte, viel schlimmer... ein Insider. Sie gab dem Fahrer ein kurzes Zeichen. "Na gut. Aber beeil dich!" Natürlich kam sie nicht mit aber das war auch besser so. In einem normalen Supermarkt wäre eine Erscheinung wie Farrow Taylor komplett fehl am Platz. Sie würde wahrscheinlich einen diplomatischen Zwischenfall auslösen, nur weil ihr Outfit mehr kostete als das gesamte Inventar dieser Filiale. Der Wagen hielt am Bordstein. "Du hast 5 Minuten!", rief sie mir noch hinterher, während sie sich bereits wieder ihrem Handy und ihren Geschäften widmete. Ich sprang aus dem Wagen und hastete durch die Automatikschiebetüren. Die kühle, leicht abgestandene Luft des Ladens schlug mir entgegen. Ich ignorierte die verwirrten Blicke einiger Kunden, vermutlich wirkte ich in meinem Zustand immer noch ein wenig wie ein aufgeschrecktes Reh. Ich steuerte zielstrebig auf das Süßwarenregal zu. Meine Finger zitterten leicht, als ich die gelbe Tüte mit den sauren Zitronenbonbons aus dem Regal fischte.
      Warum ich sie kaufte? Vielleicht, weil ich das Gefühl hatte, dass sie Kyle die Kraft gaben die Behandlung auch wirklich durch zu ziehen. Weil es.... das Erste war, was ich ihn gegeben hatte und das erste Thema.... das erste Ding was uns verband wie Nichts anderes in dieser Stadt, Sarkasmus und Zitronenbonbons. Kyle... Ich bezahlte hastig an der Kasse, ignorierte das Kleingeld und rannte zurück zum Wagen. Farrow sah nicht einmal auf, als ich die Tür hinter mir schloss. "Erledigt? Gut. Können wir jetzt endlich zu den Cocktails übergehen, bevor ich vor lauter Vorstadt-Ambiente einen Ausschlag bekomme?" Ich nickte nur, presste die Tüte in meiner Tasche fest und sah aus dem Fenster, während der Fahrer den Wagen wieder in den fließenden Verkehr einreihte. Zwei Stunden und einen sehr treuen Cocktail später hielt der Wagen wieder vor dem Miller-Loft. Die Fahrstuhltüren glitten mit einem leisen Ping auseinander, und kaum hatte ich die spiegelnde Kabine betreten, fiel die Stille wie eine zweite Haut über mich. Kein Lachen mehr, kein Klirren von Gläsern, kein Farrow, die mit chirurgischer Präzision die Schwächen anderer Leute seziert. Nur ich, mein Spiegelbild und leider auch meine Gedanken. Ich lehnte mich gegen die kühle Metallwand, verschränkte die Arme und spürte die Tüte mit den Zitronenbonbons in meiner Tasche, fast wie ein kleiner, viel zu bedeutungsschwerer Beweis dafür, dass ich längst aufgehört hatte, rational zu handeln. Brillant, Grace. Wirklich. Absolut vorbildlich. Mein Blick glitt zu meinem Handy. Die Bilder aus der Cloud warteten dort. Sauber sortiert, perfekt belichtet, bereit für genau den Zweck, für den ich bezahlt wurde: eine Geschichte zu erzählen. Seine Geschichte. Mein Daumen schwebte über dem Display, öffnete die Galerie fast automatisch. Da war es! Dieses eine letzte Bild von der Dachterrasse. Kyle an die Glaswand gelehnt, die Skyline hinter sich, das Licht der Golden Hour wie ein Heiligenschein, den er ganz sicher nicht verdient hatte. Und dieses Lächeln… Nicht das kalkulierte, nicht das provozierende. Das echte. Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust unangenehm zusammenzog. Oh my goodness…
      Genau dieses Bild wäre perfekt. Es würde einschlagen. Die Fans würden es verschlingen, kommentieren, analysieren, sich darin verlieren. Es wäre der ideale Auftakt für diese inszenierte 'kreative Pause'. Nahbar, ehrlich, fast verletzlich. Und genau deshalb… wollte ich es nicht posten. Ich starrte mein Spiegelbild an, als könnte ich mich selbst zur Vernunft zwingen. "Das ist absurd", murmelte ich leise. "Unprofessionell. Egoistisch. Und überschreitet gerade elegant die Grenze zur emotionalen Fahrlässigkeit." Die Wahrheit war unangenehm simpel: Ich wollte dieses eine Lächeln für mich behalten. Nicht für die Öffentlichkeit, nicht für Likes, Reichweite oder irgendeine verdammte Marketingstrategie. Für mich. Ich schnaubte leise. "Sod it..." flüsterte ich und ließ den Kopf kurz gegen die Wand sinken. "Ausgezeichnet, Grace ... jetzt bist du nicht nur unprofessionell, sondern auch hoffnungslos verloren."
    • Tom

      Das Gespräch mit meinem Bruder war besser gelaufen als erwartet und ich konnte deutlich fühlen wie der Druck, der auf meinem Herzen lag, verschwand. Wir hielten uns noch eine ganze Weile aneinander fest, sprachen kein einziges Wort mehr. Die Stille in dem Raum war nicht beängstigend, sie fühlte sich genau richtig an. Kyle löste sich als erstes von mir und betrachtete mein Jackett. "Tut mir leid.. Es ist jetzt ganz nass von meinen Tränen." Ich winkte ab und lächelte ihn an. "Wozu gibt es eine Waschmaschine?" Er nickte mir zu und schnappte sich ein Taschentuch von seinem Nachttisch und schnäuzte hinein. "Komm wir sollten was essen. Ich hab irgendwie Hunger bekommen." "Dir nach." Unten angekommen duftete es schon lecker nach Essen und Martha war gerade dabei den Tisch zu decken. Kyle sah auf den Tisch und blickte dann Martha an. "Nur zwei Gedecke?" Sie stellte das Glas hin und sah uns an. "Ja Ms. Wilson ist heute Abend nicht zu Hause." Sie lächelte uns an. Doch der Gesichtsausdruck von meinem Bruder veränderte sich etwas. "Alles gut?" "Ja.. alles gut." Er lächelte mich an, doch das Lächeln wirkte nicht echt. Ich kniff meine Augen kurz zusammen und überlegte ihn zu fragen, doch ich ließ es. Schließlich sind heute schon genügend Emotionen übergekocht.
      Martha servierte uns das Essen und ich dankte ihr dafür. Kyle sahs am Tisch und wirkte sehr nachdenklich.. Irgendwas ging ihm im Kopf rum. "Sag Mal was hast du für heute noch geplant?" Er schob sich die Gabel in den Mund und blickte mich an. "Nichts weiter und du?" "Ich werde mich nachher wieder mit Erik treffen." Kyle stach in seinem Essen herum. "Das ist doch ein ehemaliger Freund von dir?" Ich nickte. "Ja und er schrieb mir vorhin wieder ob wir uns treffen wollen." "Das ist doch schön. Ich werde die Ruhe genießen. Der Tag war aufregend genug." Es war sehr vernünftig, das er nicht auf den Gedanken kam sich heute Abend die Kannte zu geben. Somit konnte ich meinen Abend ohne Sorge um ihn genießen.
      Nachdem Essen zog ich mich um und machte mich auf dem Weg zur Bar. Erik wartete dieses Mal drinnen auf mich und begrüßte mich mit einer Umarmung. "Schön das du es einrichten konntest. Wie war dein Tag?" "Sehr durchwachsen, aber am Ende überraschend gut." Ich erzählte ihm natürlich nichts von all dem was Geschehen war. Manche Dinge sollte mal wohl für sich behalten.

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      Kyle

      Martha räumte die restlichen Sachen in die Schränke und wischte ein letztes Mal über die Oberfläche, bevor sie mir noch einen schönen Abend wünschte. Nun war ich ganz alleine in diesem großen Loft. Ich war selten alleine, schon gar nicht hier drinnen. Ständig war ich unterwegs und lebte in den Tag hinein, doch heute genoss ich diese Ruhe. Meine Gedanken war schon laut genug, da konnte ich den Trubel da Draußen überhaupt nicht gebrauchen. Ich schnappte mir ein alkoholfreies Bier aus dem Kühlschrank und öffnete es. Dann holte ich meine Zigaretten aus meinem Zimmer und ging wieder nach oben auf die Dachterrasse. Die Luft war hier oben war nun nicht mehr voller Spannung, sie war rein und klar. Ich nahm einen Zug von der Zigarette und blies den Rauch in den Himmel. Ich versuchte meine Gedanken so zu lenken, das etwas anderes heraus kam.. Doch ich kehrte immer wieder zurück zu ihr. Ich lehnte mich an die Glasmauer und starrte über die Lichter der Stadt. Was wird sie gerade machen? Tom erzählte mir zwar das sie mit Ms. Taylor unterwegs war, aber das ist schon einige Zeit her. Was ist wenn sie.. Der Gedanke lies meine Brust ein wenig zusammenziehen. Es war lächerlich, das alleine der Gedanke daran, das sie eventuell mit einem anderen Mann zusammen war, mich so aus dem Konzept brachte. Ich nahm einen Schluck aus der Flasche. "Was ist nur mit dir passiert?", sprach ich zu mir. Ich blieb noch eine ganze Weile hier oben sitzen und sah in die Ferne. Dann machte ich mich wieder auf den Weg nach unten um die Bierflasche wegzuräumen. Tom schien noch nicht zu Hause zu sein und auch als ich an dem Zimmer von Grace vorbei ging war von Drinnen nichts zu hören. Ich blieb noch eine Weile vor ihrer Tür stehen. Vielleicht schlief sie auch schon längst. Meine Füße setzten sich wieder in Bewegung und ich ging die Metalltreppe nach unten und steuerte die Küche an um die leere Flasche in den Kasten zu stellen. Dann sollte ich wohl auch ins Bett gehen. Als ich wieder zur Treppe lief hörte ich Schritte und ich zuckte leicht zusammen. Ich drehte mich auf dem Absatz um und blickte in die Augen von Grace. Für einen Moment vergaß ich wie man atmete. Alles in mir wurde plötzlich still. Das gedämpfte Licht von Außen ließ ihre Augen dunkler wirken. Ich schluckte. "Du bist noch wach." Meine Stimme klang ein wenig rauer als beabsichtigt. Ich musterte sie. Sie sah nicht gerade aus als würde sie aus dem Bett kommen, sondern so als wäre sie gerade erst nach Hause gekommen. "Ich hoffe du hattest einen schönen Abend." Sie wird sicherlich einen schönen Abend gehabt haben.. wieso interessiert es mich so sehr ob sie sich amüsiert hatte oder nicht? .. Weil ich seit Stunden an nichts anderes mehr denken kann als an sie und es mich beinahe wahnsinnig gemacht hat, schoss es mir durch den Kopf. Das hier konnte nicht wahr sein.. Es konnte doch nicht sein das eine einzige Frau in so kurzer Zeit mein Leben auf den Kopf stellte und meine Gefühle durcheinander brachte.. Ich musste aus dieser Situation entfliehen, doch meine Füße blieben wie angewurzelt stehen. Ich war wie gelähmt und nicht fähig einen Schritt zurück zu setzen. Sie hielt mich mit ihrem Blick gefangen und ich war gerade dabei darin zu ertrinken.
    • Grace

      Die Fahrstuhltüren glitten hinter mir zu, und mit einem kaum hörbaren Surren setzte sich die Kabine in Bewegung. Mein Kopf lehnte noch halb gegen das kühle Metall, mein Stolz lag irgendwo zwischen Erdgeschoss und erster Etage verstreut, als sich die Türen wieder öffneten. Und dort stand er. Kyle.
      Mit einer leeren Flasche in der Hand, leicht zerzaustem Haar und diesem Blick, der mich mit einer Zielgenauigkeit, die an Sabotage grenzte. Einen Moment lang sah er aus, als hätte man ihn aus meinen Gedanken direkt in das Loft gestellt was unverschämt unfair war, da ich gerade eben noch innerlich beschlossen hatte, mein Gefühlschaos zumindest für heute Abend zu ignorieren. Offenbar hielt sich das Universum nicht an meine Pläne.
      Ich blieb im Türrahmen stehen, zwang meine Gesichtszüge in jene elegante Neutralität, die britische Frauen seit Jahrhunderten perfektioniert hatten, und trat hinaus, als wäre mein Puls nicht gerade in völlig unnötige Höhen geschnellt. Ironischer Weise begrüßte er mich genau mit der selben Frage, die ich ihn vor ein paar Tagen gestellt hatte. Natürlich war ich wach. Ich hatte gerade im Fahrstuhl eine emotionale Kernschmelze über ein Foto von dir erlitten. Schlaf war derzeit kein realistisches Konzept.
      Ich hob langsam eine Braue. "Und du bist erstaunlich talentiert darin, nachts plötzlich aufzutauchen wie ein schlecht erzogener Geist." Sein Blick glitt über mich, offen genug, dass ich es spürte wie eine Berührung. Ich hasste, wie sehr mir das gefiel. Seine nächste Aussage machte das Ganze keinen Deut besser... im Gegenteil, diese beiläufig formulierte Frage, unter der sich etwas ganz anderes verbarg. Ehrliches Intresse und das machte es, gerade von ihm, so gefährlich charmant.
      Ich stellte meine Tasche auf der Kücheninsel ab, ließ mir Zeit, zog meine schwarze Strickjacke aus und hängte sie über einen Stuhl, bevor ich ihn wieder ansah. "Er war unterhaltsam. Farrow hat drei Egos zerlegt, drei Drinks kritisiert, den Gästen demonstriert wie echte Ernüchterung aussieht und den Barkeeper beigebracht wie es richtig geht. Während ein kleiner süßer Hund mir gezeigt hat, dass bedingungslose Liebe manchmal vier Pfoten hat." Ich machte eine kleine Pause, dann trat ich zum Kühlschrank, nahm eine Flasche Wasser heraus und drehte sie auf. "Also ja", sagte ich und nahm einen Schluck "Im Grunde ein voller Erfolg." Er bewegte sich noch immer nicht. Stand da, als hätte sein Körper vergessen, wie Fortgehen funktioniert.
      Mein Blick suchte fast automatisch nach seinen Augen. "Und... Du warst oben? Nachdenken, trainieren oder dich melodramatisch gegen die Skyline lehnen?"
      Ich trat einen Schritt näher, langsam genug, um ihm jede Gelegenheit zum Rückzug zu lassen. Er nutzte keine davon. "Und bevor du lügst", fügte ich hinzu, "du riechst nach Nachtluft, Nikotin und dieser sehr speziellen Sorte Selbstzerstörung, die Männer für Tiefgang halten." Ein Hauch eines Lächelns zog an meinen Mundwinkeln was zu schnell viel zu sanft wurde. Dann griff ich in meine Tasche, zog die gelbe Tüte hervor und hielt sie zwischen uns hoch. "Außerdem", sagte ich leichthin, "habe ich dir etwas mitgebracht."
      Ich ließ die Zitronenbonbons in meiner Hand rascheln. "War so eine Art Impulskauf. Offenbar verliere ich in dieser Stadt zunehmend den Verstand." Ich spürte, wie sich etwas Weiches und Gefährliches zwischen uns ausbreitete. Da war es wieder, ohne dass ich mich den Ganzen auch nur einen Millimeter entziehen konnte.
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