❦Das Herz der Welt❦ [☾Rou✧Nim☽]

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    • Elise

      Elise wandte ihr Gesicht dem Anführer zu, der in der Morgensonne leuchtete, als er ihr von dem Pferd erzählte, das er für sie ausgesucht hatte. Lyria. Sie würde sie tragen, in dieser gefährlichen Zeit ihre engste Stütze sein.
      Ein flüchtiges Lächeln huschte über Elises Lippen – so selten, dass es kostbar wirkte.
      Und in diesem Moment verstand man eine grausame Wahrheit: Man hatte ihr Herz nicht gefroren, um sie zu schützen. Man hatte es getan, um andere vor ihr zu bewahren. Denn selbst dieser Hauch eines Lächelns – ehrlich, sanft, ungeschützt – schien die Macht zu haben, Menschen zu verzaubern. Herzen zu brechen. Leben zu verändern.
      Elise selbst wusste es nicht. Aber alle, die es sahen, spürten es.
      Für dieses Lächeln würde auch der stärkste Ritter auf die Knie gehen.

      "Lyria", wiederholte sie leise, ihre Stimme weicher als sonst. Sie streckte eine Hand aus, ließ ihre Finger über die weiche Schnauze der Stute gleiten. Das Tier schnaubte sanft, als würde es sie verstehen und die Kälte, die von Elises Hand ausging, schlichtweg nicht spüren. Elise konnte sich gut auf Verbindungen mit Tieren einlassen und diese verbarg sie auch nicht. Sie trat Lyria mit einem Maß an Vertrauen und Respekt entgegen, welchen Elise den größten Herrschern dieser irdischen Welt nicht entgegenbringen würde. Mit sanften und vorsichtigen Bewegungen strich sie zärtlich über das weiche Fell des anmutigen Tiers vor ihr, wollte ihr zeigen, dass auch Elise sie mit aller Macht beschützen würde.

      "Danke, Arthur." Die Worte kamen leiser als beabsichtigt, aber sie meinte sie. Es war eine kleine Geste – ein Pferd, ausgewählt mit Bedacht – aber es bedeutete mehr, als er vielleicht ahnte. Es bedeutete, dass Er sah sie. Nicht als Werkzeug, nicht als Juwelträgerin, sondern als Mensch.
      Als er ihr seine Hand reichte, um ihr in den Sattel zu helfen, zögerte sie nur einen Herzschlag. Dann legte sie ihre kalte Hand in seine warme.
      Der Kontrast traf sie stärker als erwartet. Wärme. Wieder diese Wärme, die von ihm ausging wie Sonnenlicht. Ihr Herz zog sich zusammen – eine Warnung oder eine Sehnsucht, sie wusste es nicht.
      Sie ließ sich in den Sattel gleiten, geschmeidig und kontrolliert, und löste ihre Hand aus seiner, bevor die Wärme zu viel wurde.
      Von oben blickte sie auf ihn herab, die Augenbinde verbarg ihre Augen, aber nicht das leichte Zittern in ihrer Stimme, als sie sprach:
      "Ich werde gut auf sie aufpassen." Eine Pause. "Und sie auf mich."
      Dann richtete sie ihren Blick nach Norden, wo Viktor wartete. Wo die Kälte sie wieder willkommen heißen würde.

      Elises Sinne vernahmen jedes Wort des herzzerreißenden Gesprächs zwischen Guinevere und Lancelot. Ein tiefes Einatmen sollte sie wieder erden, ihr den Verstand zurück in den Körper hauchen, doch es war vergebens.
      Sie war kalt. Ihr Herz zu Eis geworden. Und dennoch spürte sie tief in ihrer Brust diesen einen Druck – dieses Verlangen nach etwas Ähnlichem. Es ließ sich nicht verleugnen. Elise wünschte sich, dass auch sie jemand mit dieser Sehnsucht ansah. Wie Guinevere Lancelot in die Augen blickte, als gäbe es nur ihn und sie auf dieser Welt. Wie Lancelot ihren Namen sagte, als wäre er das schönste Gebet, das seine Lippen jemals passieren durften.
      Ihre Hand ruhte auf Lyrias Hals, lenkte die Stute sanft zur Seite. Weg von dem Anblick. Weg von dem, was sie nicht ertragen konnte.
      Elises Blick – verborgen hinter der Binde, aber spürbar – schien dunkler als zuvor. Tief in ihr brodelte ein Gefühl, gegen das ihr altes Ich mit geballter Kraft ankämpfte: Eifersucht. Neid. Sie sah etwas, das sie niemals haben könnte.
      Und doch besaß sie etwas, das niemand ihr nehmen würde – das Nichts. Sie hatte nichts zu verlieren. Und auch sie konnte nicht verloren werden, denn ihre Beziehungen waren rein oberflächlicher Natur. Nur Viktor könnte sie verletzen. Und niemals würde er daran auch nur denken. Das sollte Trost sein. Sicherheit. Warum fühlte es sich dann an wie ein Gefängnis?

      Sie war erleichtert, als sie Arthurs feste Stimme zum Aufbruch rufen hörte. Lyria folgte ihm, ritt dicht hinter Arthur. Elise hatte diese Wälder vor einigen Tagen näher kennengelernt, als es ihr lieb war. Doch nun war sie vorbereitet und nicht mehr allein. Sie lauschte dem Rasseln der Blätter in den Bäumen, welche sich immer wieder aufs Neue küssten und sich wieder trennen mussten. Immer und immer wieder führte ihr Blick sie nach vorn, auf ihr Ziel gerichtet - auf den Anführer vor ihr. Sie sah ihn nicht, doch spürte sie seine Anwesenheit stark. Der Wind pfiff leise Lieder, doch blieb es vor ihr warm, denn die Sonne ritt im sanften Trab vor dem Mond. Elise lauschte aufmerksam dem Windspiel der Schatten und hörte dem Wald aufmerksam zu.
      Die Luft veränderte sich, sie war anders. Etwas hatte sich getan, doch war es keine Anspannung die Elises Körper ihr zu verstehen gab, keine Gefahr, welche von dieser Bewegung ausging.
      Elise konnte hören, wie Arthur sein Pferd antrieb und tat es ihm gleich. Sie ritt in seinem Schatten - sicher und beschützend für was auch immer hinter ihnen auftauchen mag und er erhellte ihr den Weg vor ihr, gewappnet für das, was auf sie wartete.
    • Arthur

      Der Ritt durch die Flüsterneden Wälder war, wie Undine es vorausgesagt hatte, eine Prüfung. Nicht des Kampfes, sondern der Stille. Tagelang ritten sie durch ein Zwielicht, in dem die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verschwamm. Die Bäume waren keine stillen Zeugen mehr; sie waren eine lebendige, atmende Masse aus Moos und uraltem Holz. Die Luft selbst schien Melodien zu weben, Lieder, die von weit entfernten Zeitaltern klangen. Manchmal sah er im Augenwinkel, wie die Schatten tanzten, Formen annahmen, die schnell wieder zerflossen. Doch sobald er sich konzentrierte, waren sie weg. Ein Trick des Geistes, des Waldes oder beides?
      Lancelot, der sonst immer einen trockenen Spruch auf den Lippen hatte, sprach kaum. Er ritt meist neben Undine, deren Blick, klar und unbewegt, ihn zu erden schien. Undine selbst war in ihrem Element. Sie wies den Weg, nicht mit einer Karte, sondern mit einer Intuition, die der Magie des Ortes entsprang. "Hier ist der Pfad trügerisch, Arthur." sagte sie einmal, ihr Atem bildete einen kleinen Hauch im Nebel. "Die Bäume wollen euch festhalten. Bleibt nah beieinander."
      Cassian und die Zwillinge, selbst erfahrene Wächter, wirkten angespannt. Sie hielten die Hände auf ihren Waffengefäßen, ihre Blicke suchten unablässig die dichten Schatten ab. Cassian hatte die Weisheit der Ältesten des Ordens inhaliert, aber hier, wo die Natur selbst magisch pulsierte, wirkte seine nüchterne Stärke fehl am Platz.Arthur lenkte die Gruppe, stets wachsam, das Juwel unter seiner Rüstung fühlbar, das einen fast unmerklich warmen Glimmen abgab. Er war der Anker. Doch sein Blick suchte immer wieder den Schatten hinter ihm. Elise. Er sah sie nicht oft, denn er musste den Weg führen, aber er spürte sie.Die Präsenz von Mondlicht, von Kälte und einer eisernen Entschlossenheit, die Lyria mit einer stoischen Ruhe trug. Einmal, als sie einen besonders dichten Vorhang aus Lianen durchquerten, sah er ihr Gesicht. Die Augenbinde war unbewegt, aber der Ausdruck um ihren Mund war klar: Konzentration, unerschütterlich. Es beruhigte ihn auf eine Weise, die er nicht einordnen konnte.

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      Die flüsternden Wälder ließen sie los, so plötzlich, wie sie sie verschluckt hatten. Der dicke, feuchte Dunst lichtete sich, die seltsamen Gesänge der Bäume verstummten, und die Luft wurde dünn und scharf. Vor ihnen öffnete sich die Landschaft, und was Arthur sah, ließ ihn sein Pferd abrupt stoppen. Die Blutzinnen.Eine zackige Kette aus Bergriesen, deren Felsen eine tiefrote Färbung annahmen - als wären sie im Blut versunken und erstarrt. Sie ragten wie zerbrochene Speerspitzen in den Himmel, unwirklich und feindselig. Der Pass, der sich durch sie hindurchschlängelte, wirkte wie eine klaffende Wunde."Die Blutzinne." hauchte Lancelot, dessen Augen prüfend über die steilen Hänge glitten. "Rau und lauschig, wie man sagt. Ein Zuhause für alles, was keine Regeln mag." Ein kalter Schauer lief über den Rücken des schwarzhaarigen Recken hinab. Arthur stimmte ihm stumm zu. Er spürte die Veränderung in der Luft. Die Magie des Waldes war einem härteren, irdischeren Schrecken gewichen. Hier drohte keine Verzauberung, sondern die Klinge eines Banditen oder die Keule eines Trolls."Wir haben keine Wahl." sagte Arthur, seine Stimme schnitt durch die Kälte. "Das ist der schnellste Weg zu den Ort an welchen Lunaris Veil gefangen gehalten wird. Wir müssen den Pass nehmen, bevor der Schnee fällt." Undine nickte. "Der Quellgeist sagte, der Weg würde euch prüfen. Das ist die Prüfung der Stärke, Arthur. Wir werden beobachtet."Cassian zügelte sein Pferd neben das des Anführers. "Der Fels bietet viele Verstecke. Die Trolle mögen die Höhe, die Banditen die Beute. Wir müssen uns jetzt von der Gruppe zur Einheit wandeln." Atthur nickte bedächtig. "Richtig Cassian." Er wandte sich zu den Zwillingen um. "Ihr beide, vor mir, ihr kennt euch hier am Besten aus. Haltet die Augen auf die Hänge gerichtet. Lancelot und Undine, ihr sichert die Rückhut." Er blickte über seine Schulter. "Lady Elise, reite direkt hinter mir. Deine Schnelligkeit zählt, wenn wir angegriffen werden." Er fühlte die kalte, unbewegte Präsenz, die ihm stumm zustimmte. Arthur atmete tief durch. Der Geruch von Eisen und scharfem Gestein füllte seine Lungen. Der Kontrast zu dem modrigen Duft des Waldes war brutal. Er zog sein Schwert ein Stück aus der Scheide, dann schob er es zurück - er würde es nicht vorzeitig zeigen. "Formation! Langsames Tempo. Niemand bricht die Reihe," befahl Arthur. Er trieb sein Pferd an. "Wir reiten in den Pass." Mit gesenkten Blicken und gespannt auf jede Bewegung, die ein Schatten werfen mochte, ritten sie in die düstere Schlucht der Blutzinnen. Die roten Felsen umfingen sie sofort, verschluckten das letzte Licht des späten Nachmittags. Der Wind heulte bereits in den Zinnen, ein hungriges, raues Geräusch, das sie mahnte, dass hier die Natur keine Freunde hatte.
    • Elise

      Sie kannte diesen Ort.
      Die Blutzinnen waren kein fremdes Land für sie – sondern eine Narbe aus längst vergangener Zeit. Als Kind hatte sie diese Berge bereits durchquert, auf der Flucht mit ihrem Vater, fort aus einer fremden Stadt, zurück in die eisige Heimat, um ihrer kranken Mutter die nötige Medizin zu bringen. Die Luft schmeckte damals schon nach Eisen, und selbst der Wind schien Klingen zu tragen.
      Ihr Vater hatte sich für den gefährlichen Weg entschieden, wohl wissend, dass es kaum eine Rückkehr geben würde. Jeder Schritt hallte wider von drohender Gefahr. Die Schatten zwischen den Felsen wirkten lebendig, und Elise hatte das Gefühl, dass etwas – oder jemand – sie beobachtete. Sie erinnerte sich an das Zittern in den Fingern ihres Vaters, als er den Griff seines Schwertes fester umschloss.
      Doch sie war es, die zuerst handelte. Ein Geräusch, kaum hörbar, ließ sie aufblicken – dann griff sie nach einem losen Stein, hob ihn und warf ihn in das Dunkel. Ihr Vater wollte sie gerade scharf zurechtweisen, da erschütterte ein wütender Schrei die Nacht. Ein Troll, riesig und hässlich, taumelte aus der Finsternis, das Auge von ihrem Wurf getroffen.
      Für einen Moment herrschte Stille – dann das Chaos. Schwertklingen blitzten, der Fels bebte unter schweren Schritten, und das Echo des Kampfes mischte sich mit dem Schrei des Windes. Elise erinnerte sich noch an das helle Funkeln im Blick ihres Vaters, als er sie ansah: Stolz, Angst, Liebe – und ein unausgesprochenes Versprechen. Von da an wusste König Belyova, dass er seine Tochter nicht nur hin zu einer hervorragenden Prinzessin, sondern auch zu einer eiskalten Kämpferin erziehen musste. Und so tat er es, bis sich sein krankes Herz von dieser irdischen Welt löste und das seiner Tochter in Eis gehüllt zurückließ.

      Wenn sie ehrlich gewesen wäre, hätte Elise dem Ritt durch die Blutzinnen in jeder anderen Situation nicht zugestimmt, doch ihr kaltes Herz erinnerte sie daran, für was sie sich in diesen Nebel aus alten Erinnerungen an ihren Vater begab – Viktor!
      Ihr Sitz auf dem Pferd war anmutig und stolz. Ihr Körper verriet keine Anzeichen von Angst oder Zweifel. Sie tat, wie ihr befohlen wurde und fügte sich wie ein Zahnrad der Formation. Vage erinnerte sie sich an die Wege, die sie mit ihrem Vater durch Gestein und Nebel hastete, um rechtzeitig zurück nach Lunaris Veil zu gelangen. Schmerzerfüllte Gedanken, die ihr kleines Herz sonst in starkes Beben versetzt hätten. Doch gerade, ließen sie sie kalt.
      Ihren Ohren gespitzt, aufmerksam jedes Geräusch aufnehmend ritt sie dem Trupp vor ihr hinterher. Sie sprach kein Wort, denn ihre Aufmerksamkeit galt all den Gefahren, die sie rechtzeitig hätte abwenden wollen, um die anderen nich in unnötige Gefahr zu bringen. Denn das ist es, was sie ohnehin schon tat.

      Sie ritt hinter Arthur. Die Luft hier oben scheint sich über die Jahre hinweg beruhigt zu haben – oder die Trolle und Banditen hatten schlichtweg gelernt, dass die Leichtfüßigkeit einer Katze bessere Chancen bot als das Gebrüll eines Löwen. Das Knirschen des steinigen Bodens entging der blassen Prinzessin nicht. Sie atmete tief ein, und der Hauch, der ihre Lippen verließ, schien zu kristallisieren. Zwischen ihren Fingern verdichtete sich der Atem der Kälte zu einem schimmernden Pfeil, gewebt aus Eisblumen und Sternenlicht – ein Stück ihrer Seele, eingefroren in makelloser Präzision. Sie spannte den Pfeil in die Sehne ihres Bogens und wusste, sobald sie das Feuer eröffnete, dass sich die anderen Gefährten ihrer Feinde ebenfalls zu erkennen geben würden. Sie waren barbarisch, aber umso impulsiver in ihrer Kampfweise. Niemals würden sie verdeckt bleiben, also warnte Elise den Anführer vor ihr mit einem leisen Flüstern: „Rechts höre ich einen und hinter uns werden mindestens zwei sein, denn sie rechnen nicht mit Aufmerksamkeit. Links ist eine dicke Felswand, also Augen gerade nach vorne – dort werden sie zuschlagen“. Der Pfeil zischte durch die Luft und erhellte in seiner Flugbahn die dunkle Umgebung und bot somit einen flüchtigen Blick auf all das, was sonst im Schwarz verborgen blieb.

      Das Flüstern des Winters folgte erneut ihrer Bewegung. Feine Kristalle lösten sich aus der Luft, tanzten um ihre Hände und verschmolzen zu einer Form – einem Pfeil aus purem Winter, geboren aus der Kälte selbst, die in ihren Adern ruhte. Und diese Kreation ließ sie wieder mit tödlicher Intention los.
    • Arthur

      Der Weg durch die Blutzinnen war ein Marsch in das Herz der Erinnerung aber vor allem des Misstrauens. Stundenlang hatten sie geritten, über schmale Pässe, vorbei an Felsformationen, die wie Zähne aus dem Boden ragten. Der Himmel dort oben war blasser als anderswo, als hätte selbst das Licht Angst, in diese Berge einzudringen. Der Wind roch nach Eisen und uralter Erde.
      Arthur ritt nunmehr an der Spitze, die Hand stets am Griff seines Schwertes.
      Hinter ihm bewegte sich die kleine Schar in lautloser Disziplin: Lancelot, der hin und wieder fluchte, wenn der Wind zu scharf durch die Spalten peitschte. Undine, die kaum sprach, aber den Blick stetig über Felsen und Schatten gleiten ließ. Cassian, dessen Finger in ständiger Bewegung Runen in die Luft zeichneten, um das Gelände zu deuten und die Zwillinge, Stine und Yamir, die sich wie zwei Schatten durch das Gelände bewegten... lautlos, wachsam, vertraut mit jeder Falte des Gebirges.

      Arthur hatte Elises Anblick aus dem Hof noch immer nicht vergessen. Wie sie erschienen war, ruhig und entschlossen, in jenen schwarzen Gewändern, die eher Kriegerin als Königin verrieten. Er erinnerte sich an den Moment, in dem er ihr das Pferd gereicht hatte: ihre Finger, kalt wie der Morgen selbst, aber fest und sicher, als er ihr half, den Sattel zu erklimmen. Sie hatte nichts gesagt, und doch lag in ihrem Schweigen etwas, das ihn mehr berührte als jedes Wort hätte können eine stille Entschlossenheit, die keinen Trost suchte, sondern nur Zweck kannte.
      Jetzt, Tage später, sah er sie im Augenwinkel.
      Immer ruhig, immer wachsam. Ihr Pferd bewegte sich wie ein Schatten zwischen den anderen, ihr Bogen über der Schulter schimmerte in kurzen, silbernen Blitzen, wenn das Licht auf ihn fiel.
      Manchmal, wenn der Wind aus dem Norden kam, glaubte Arthur in der Luft den metallischen Hauch ihrer Heimat zu riechen. Den Frost, das Salz des Schnees, den bitteren Atem des Nordwinds. Und jedes Mal, wenn dieser Wind ihn traf, dachte er an ihre Worte vom ersten Abend. Ein Kampf gegen die Götter. Seitdem ließ ihn der Gedanke nicht mehr los.

      "Der Weg wird schmaler!" rief Lancelot von hinten. "Wenn das noch enger wird, müssen wir die Pferde tragen." Die schlechte Laune des Schwarzhaarigen schien mittlerweile nicht einmal von seinen trockenen Humor verdeckt zu werden. "Dann bist du der Erste." brummte Stine, ohne sich umzudrehen. Lancelot lachte, aber der Klang verklang schnell im Echo der Felsen. Cassian deutete mit seinem Stab auf den Kamm über ihnen. "Seht ihr die Einschnitte dort? Das sind keine natürlichen Formationen. Jemand hat hier einst Lager errichtet ....vielleicht Wachtürme." Arthur folgte seinem Blick. "Oder Fallen. Seid also vorsichtig." Yamir, der vordere der Zwillinge, kniete sich an den Rand des Pfades, legte eine Hand auf den Boden. "Hmm... hier waren Hufe. Schwer beladen, keine Karawane ....Nein, zu unregelmäßig. Vielleicht Banditen. Drei Tage alt, höchstens." Der junge Anführer nickte. "Dann sind sie noch irgendwo hier." Der Wind drehte. Ein dumpfes, fernes Donnern rollte über die Felsen. Nicht Sturm, dachte Arthur. Kein Wetter. Er spürte es in der Brust, nicht in den Ohren. Etwas lebte in diesen Bergen.

      Sie ritten weiter, bis das Licht schwand und der Himmel sich verfärbte - ein blutiges Rot, das den Zinnen ihren Namen gab.
      Die Blutzinnen. Arthur hatte von ihnen gehört, in alten Geschichten. Orte, an denen selbst der Schnee nicht rein blieb, weil zu viel Blut den Boden getränkt hatte. Die Zwillinge bewegten sich nun voraus, wie Schatten im Dunst. Beide offensichtlich in ihren Element. Lancelot ritt neben Arthur, den Schild locker in der Hand. "Schöner Ort für einen Hinterhalt, wenn du mich fragst." Der Braunhaarige seufzte schwer. "Ich frag dich aber lieber nicht." murmelte er, aber sein Blick blieb scharf. Dann, ein Laut.
      Ein kaum hörbares Rascheln, irgendwo über ihnen. Arthur zog das Schwert leise, ohne Befehl. Die anderen reagierten sofort.
      Stine spannte ihren Bogen, Undine hob die Hand, das Wasser aus der Luft sammelte sich zwischen ihren Fingern. Cassian flüsterte ein kurzes Wort, und ein schimmerndes Licht flammte auf seiner Handfläche auf. Es geschah alles in einer Bewegung. Ein Pfeil ... nein, ein Blitz aus Frost ,schnitt durch die Luft. Er leuchtete blauweiß auf, und für einen Herzschlag erhellte er die Schatten.
      Der Ritter sah, was Elise gesehen haben musste: dunkle Gestalten, halb Mensch, halb Tier, mit Runen in die Haut gebrannt, die im Licht aufflammten wie glühende Narben.
      Die Luft erzitterte von ihrem Brüllen. Arthur riss das Schwert hoch. "Formation halten!"
      Der erste Aufprall kam von rechts genau, wie sie gewarnt hatte. Er wich zurück, parierte einen Schlag, und Funken stoben über die Felsen. Lancelot stürzte sich mit einem Fluch ins Getümmel, während Undine mit einer Geste das Eis unter den Angreifern brechen ließ. Die Zwillinge kämpften Rücken an Rücken, lautlos, tödlich. Arthur sah den Frost über den Boden kriechen, sah, wie der Atem der Feinde gefror, sah das blasse Licht, das kurz von hinten aufflammte, wo Elise ritt .... - nicht direkt, nicht greifbar, sondern wie eine Erscheinung im Sturm. Ein Streifen aus silbernem Licht, ein Schimmer von kalter Macht. Dann war der Kampf vorbei. Nur der Wind blieb, schwer atmend wie ein Tier, das sich zur Ruhe legte.
      Die Feinde ...oder das, was von ihnen übrig war - zerfielen zu Staub, vom Frost verzehrt. Arthur hielt inne, das Schwert noch in der Hand. Er sah die Felsen über sich, rot getränkt im Licht des Abendhimmels, und fühlte, wie die Stille nach dem Kampf fast lauter war als der Lärm zuvor.

      Er blickte sich um. Undine, ruhig, kontrolliert. Cassian, erschöpft, aber wachsam. Die Zwillinge, mit ernsten Mienen. Lancelot, der sich den Staub aus dem Haar schlug. Und dort drüben, ein Stück entfernt, halb im Schatten, halb im Licht - Lady Elise. Fast wie die leuchtende Göttin selbst. Arthur sagte nichts. Doch in seinem Innern wusste er, dass sie den gefährlichsten Teil des Weges noch nicht hinter, sondern vor sich hatten. Die Blutzinnen waren kein Hindernis - sie waren eine Prüfung. Und die Schatten, die hier hausten, kannten ihren Namen.

      Der Wind legte sich, doch die Stille blieb unnatürlich schwer. Über den Gipfeln der Blutzinnen sank die Sonne unerbittlich weiter. Das Licht färbte den Schnee rot...nein, blutig. Arthur wischte den Dreck von seiner Klinge und blickte in die schmalen Schluchten, die sich zwischen den Felsen öffneten.
      "Da." sagte Yamir plötzlich, und deutete mit seinem Dolch auf eine schmale Spalte im Stein. Ein kaum sichtbarer Eingang, halb verschüttet, von Wind und Zeit verborgen.
      Der Boden davor war glattgetreten. Kein Zufall. Cassian trat näher, murmelte eine Formel, und ein fahles, bläuliches Licht flackerte in seiner Hand auf. Die Schatten zogen sich zurück, und Arthur erkannte, dass der Spalt tiefer führte, als er zunächst geglaubt hatte hinab in das Herz der Blutzinnen.
      "Das muss es sein." sagte Undine leise. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. "Der alte Zugang, den der Rabe erwähnt hat."
      Arthur nickte. "Wir gehen zu Fuß. Die Pferde bleiben hier." Lancelot verzog das Gesicht. "Du weißt - ich hasse enge Räume." Natürlich wusste er das, immerhin waren die jungen Männer engste Freunde. "Dann bleib bei den Pferden." erwiderte Arthur ruhig. "Und verpassen, wie du dich als Held aufspielst? Keine Chance." Ein kurzes, geisterhaftes Lächeln zuckte über Arthurs Lippen, ehe er sich in den Schatten des Felsens beugte und als Erster den Abstieg begann.
      Die Luft dort unten war kalt und feucht, sie roch nach Erde, altem Blut und Stein. Der Gang führte steil nach unten, teils so eng, dass selbst Lancelot den Atem anhalten musste, um weiterzukommen.

      Arthur wandte sich um, als er Schritte hinter sich hörte ...sie war es. Lady Elise. Die blasse Schönheit von Lunaris Veil. Die Eisprinzessin. Und auch... sein Gegenstück die Trägerin des Mondjuwels. Ihr Atem zeichnete sich im schwachen Licht von Cassians Zauber als Nebel ab, ihre Bewegungen waren lautlos und präzise, doch in der Enge des Gangs zwang sie die Nähe auf eine Weise, die ihn unerwartet traf. Er hob den Arm, um ihr den Weg zu weisen, doch der Gang war so schmal, dass sie beinahe aneinander stießen. Ihr Mantel streifte seinen Unterarm. Kühl wie das Herz des Winters und tatsächlich...für einen Moment meinte Arthur, die Kälte würde durch den Stahl seiner Rüstung kriechen.
      "Vorsicht." sagte er leise, beinahe flüsternd, als sie eine schmale Felsspalte erreichten.
      Er legte eine Hand an die raue Wand, die andere leicht an ihren Rücken, um sie hindurch zu führen. Es war eine höfische Geste, ritterlich, kontrolliert - und doch blieb sein Herzschlag nicht unberührt. Die Berührung war kaum mehr als ein Atemzug lang, und doch hallte sie in ihm nach wie ein Schwur, den er nie ausgesprochen hatte.
      Elises Blick war kurz, kaum wahrnehmbar hinter der dunklen Augenbinde, und doch hatte er das Gefühl, dass sie ihn sah ... nicht mit den Augen, sondern mit etwas Tieferem.
      Sie besaß dies Kälte, die zugleich Anmut trug ließ etwas in ihm erzittern, das er nicht benennen wollte. "Ich gehe voraus." sagte er dann, etwas fester.


      Arthur ging weiter, nun stets ein paar Schritte vor ihr, doch er spürte sie – ihren Blick, ihre Gegenwart, den Hauch von Frost, der seine Gedanken kälter machte als die Felsen um sie herum. Es war töricht, sich davon berühren zu lassen. Und doch … fühlte es sich lebendig an.
      Fackeln entzündeten sich nacheinander, das Licht flackerte über Wände, die von Runen durchzogen waren - uralte Zeichen, in den Fels gebrannt. Cassian las sie leise, während sie gingen. "Verlorenes Blut… gebunden an den Mond… hier schweigt das Licht." Arthur runzelte die Stirn. "Ein Ort, an dem selbst die Sonne schweigt." Undine legte die Hand an den Stein, und winzige Wassertropfen perlten über ihre Finger. "Der Fels weint. Das hier ist älter als wir dachten." Die Zwillinge bewegten sich an den Rändern der Gruppe, ihre Bögen gespannt, jede Regung beobachtend. Einmal glaubte Stine, Bewegung im Dunkel zu sehen, aber als Cassians Licht dorthin glitt, war da nichts nur Fels, Risse, und die unendliche Tiefe. Je weiter sie vordrangen, desto deutlicher spürte Arthur den Druck auf seiner Brust. Nicht nur Angst etwas anderes, ein Widerhall, als würde der Fels selbst atmen.

      Dann öffnete sich der Gang. Vor ihnen lag eine gewaltige Höhle so groß, dass selbst das Fackellicht sie kaum fassen konnte.
      Und in der Ferne, halb verschlungen von Nebel und Stein, erhob sich die Ruine einer Festung. Türme, deren Spitzen gebrochen waren, Mauern, die sich wie Knochen aus der Erde reckten. Über ihr hing der Mond schwach, milchig, aber sichtbar, selbst hier tief unter der Erde. "Finsterhall" hauchte Cassian ehrfürchtig. "Das vergessene Bollwerk." ergänzte Undine. "Die Stadt der Gefangenen." Arthur trat näher, bis der feuchte Boden unter seinen Stiefeln zu knirschen begann. Er sah Spuren Fackelreste, Abdrücke, Schlieren im Staub. Hier war jemand gewesen. Vor nicht allzu langer Zeit. "Der Rabe hatten recht." murmelte er. "Er ist hier." Er dachte nicht laut aus, wen er meinte doch Undine sah es in seinem Blick. Elises Bruder und ihre Lanzenschwestern. Der Grund für all das.

      Die Gruppe begann, den schmalen Pfad hinab zur Festung zu nehmen. Der Nebel wurde dichter, die Luft kälter. Überall hallte Tropfenfall, gleichmäßig, unendlich als würde die Zeit selbst in diesem Ort stillstehen. "Wir sollten rasten." sagte Stine schließlich. "Nicht hier." widersprach Arthur. "Nicht bevor wir wissen, was uns erwartet." Ein Laut. Tief aus der Dunkelheit. Kein Echo, kein Wind ... ein Brummen. Etwas lebte in diesen Mauern.
      Cassians Licht flackerte, als würde es gewarnt. Lancelot griff fester um seinen Speer. "Na, dann. Willkommen im Herzen der Legenden." Arthur zog langsam sein Schwert. "Nein." sagte er ruhig. "Willkommen im Schatten von Selene." Der Mond über der Ruine begann matt zu glühen. Ein blasses Licht fiel auf die Mauern, auf uralte Inschriften ...und auf ein Siegel, das halb im Fels versunken lag. Runen, blutrot, pulsierend. Arthur wusste in diesem Moment, ohne dass jemand es aussprach:
      Das hier war kein einfacher Gefängnisort.
      Das hier war ein Grab. Und was immer Lunaris Veil gefangen hielt ... - es schlief nicht.
    • Elise

      Der lange und ruhige Weg lud dazu ein, tief in Gedanken zu versinken. Elise lauschte der Umgebung genaustens, hörte ihr zu und vernahm jedes Wort, welche die Klingen des Windes ihr zuflüsterten. Doch hörte sie nur das Wimmern alter Zeiten, gefallener Krieger und toter Feinde – allein waren sie nicht. Die Schneeprinzessin war sich dessen mehr als nur sicher und mit ihrem Blick auf ihre Gefährten gerichtet, wusste sie, dass sie diese Präsenz ebenfalls spürten.

      Elises Gedankenwelt war trotz alle dem lebendig und spielte ihr ein Theater vor. Wie eine Aufführung spielten sich die letzten Momente vor ihrem inneren Auge ab, wenn sie dem Träger des goldenen Juwels näherkam. Sie verstand es als eine Warnung des Teils ihres Verstandes, den sie noch nicht endgültig aufgegeben hatte. Arthur machte etwas mit ihr, er löste etwas in ihr aus. Ewig hatte sie nicht mehr lächeln können. Ihr Herz schlief sonst so ruhig in ihrer Brust. Nun schien es wach werden zu wollen, als kämpfe es gegen sein eisiges Gefängnis an. Es packte die dicken Stäbe seiner Zelle und rüttelte fest daran. Lass mich raus! Lass mich fühlen!, schreit das Herz des kleinen Mädchens, immer und immer wieder seitdem es gefangen wurde. Elise seufzte kaum merklich und ihr Verstand sprach sanft zu ihren Gefühlen: Törichtes kleines Herz! Würdest du es doch niemals überstehen nochmal zu fühlen, ohne vollends zu zerbrechen...
      Ihr Verstand hatte recht. Wie solle sie die ganzen Gefühle, die sich über die letzten Jahre in ihr anstauten, denn überstehen? Traurigkeit, Freude, Wut,...Arthur. Es sollte nicht so sein. So wollte sie nicht enden, keinesfalls! Doch wäre es nicht schön, zu spüren, was die Berührungen des Anführers in ihr auslösen würden? Wie ihr Herz zu rasen beginnen würde, als wäre sie gerade wie wild mit ihrem Vater durch den Schnee in ihrem Garten gerannt? Wie ihr Bauch kribbeln würde, wenn er sie wieder so ansah, wie er es heute morgen getan hatte, als er sie sah – so, wie es früher war, wenn Viktor sie rief, als sie sich versteckte und Elise sich ihr leises Kichern verkneifen musste. Würde es sich so anfühlen, oder doch ganz anders? Neugier stieg in dem blassen Mädchen auf, doch endete dies nur in Traurigkeit, denn erfahren, konnte sie es nicht.

      Yamirs Stimme zog Elise aus ihrem Gedankenverlies. „Da.“, sprach er und deutete auf einen schmalen und verdeckten Eingang. Elise sah hinunter und eine kalte Brise stieg ihr in die Nase, die sie tief einatmete. Ähnlich kalt wie die heimische Luft, dennoch gefüllt mit Leid und Dreck, nicht mit Liebe und Gastfreundschaft, wie in Lunaris Veil. Liebend gern hätte die Prinzessin ihren Gefährten die belebten Gassen und die freundlichen Gesichter ihrer Stadt gezeigt, doch würden sie jetzt auf eine traurige und müde Gegend treffen.
      Vor ihr lief Arthur und sie folgte ihm mit sanften Schritten, leise und unbemerkt. Ihre Atmung war flach, dennoch hinterließ sie einen sanften Nebel vor ihren Lippen. Ein gewohnter Anblick, der Elises Brust mit zärtlicher Ruhe füllte. Der schmale Gang drängte sie dazu, dem Sonnenjungen näherzukommen, als es ihr wahrscheinlich guttun würde. Ihre Hand streifte respektvoll über die Felswände, um sich zu orientieren. Dieser Ort musste traurig sein. Diese Felsen und die Erde unter ihnen hatten schon ewig nichts anderes geschmeckt als Blut und Tränen der Traurigkeit – nichts anderes gespürt als Hass und Tod. So schenkte sie dem harten Gestein etwas Zärtlichkeit.
      Arthur blieb stehen und warnte Elise mit einem leisen Flüstern. Ihre Hand, die noch immer behutsam über den kalten Stein fuhren, stießen plötzlich auf die Rüstung des Anführers. Trotz des kalten Stahls seines Schutzkleides, konnte sie die Wärme seiner Haut förmlich unter ihren Fingern spüren. Eine Hitzewelle durchfuhr den zierlichen Körper der Schneeprinzessin und das Feuer begann in ihr zu brennen, während Arthurs Hand auf ihrem seinen Platz fand. Der Nebel vor ihrem Mund verdichtete sich, als Elise ein leises Hauchen ausstieß – schmerzerfüllt, jedoch nicht leidend. Ihre Haut brannte. Seine Berührungen hinterließen noch lange ein Gefühl der Präsenz auf ihrer Haut.
      Sie passierte ihn langsam, nur so schnell es der schmale Spalt zuließ und verharrte so kurz vor ihrem Gegenstück - ihre Hand noch immer an seine Seite gelegt, glitt diese langsam weiter über seine dicke Rüstung, um sich an ihm vorbeizunavigieren. Elise blickte auf und sie war Arthur fast so nah, dass ihre Nase sein Kinn berührte. Ihr war vorher nicht aufgefallen, wie viel größer er doch war. Ihr Herz schrie, polterte und wehrte sich gegen das, was es zurückhielt. Am liebsten wäre sie für einen weiteren klitzekleinen Moment in dieser Position verharrt, doch ihr verbittertes Herz meldete sich zu Wort. Es schlug! Nur kurz, einen Herzschlag lang und doch führte es dazu, dass Elise ein schmerzliches Stöhnen nicht verbergen konnte. Schnell, fast schon hektisch stieß sie sich von dem Anführer ab. Sie hatte Angst und lief weiter, würdigte den Juwelenträger keines weiteren Blickes.

      Erleichtert seufzte sie, als sie in der großen Halle ankamen und den Worten der anderen lauschte. Leichtsinnig!, mahnte ihr Verstand, doch Elise nahm ihre Augenbinde ab und sah sich um. Das Licht des Mondes, das durch Risse im Gestein fiel, bekräftigte sie, und für einen kurzen Moment ließ sie ihre Anmut los, um ihrer Göttin zu danken.
      Elises helle Augen schienen in der mondurchfluteten Dunkelheit zu glühen, als sie den Atem anhielt.
      Sanft hauchte sie in ihre Hände, formte aus ihrem Frost einen schimmernden Pfeil – ein Zeichen des Glaubens, ein stilles Versprechen. Der kalte Wind und Selenes Schein gaben ihr Mut. Unter dem Blick ihrer Göttin fühlte sie sich sicher – doch tief in der Erde begann etwas zu beben. Ein Laut. Kaum hörbar, aber da. Wie ein ferner Herzschlag – oder das leise Atmen eines uralten Wesens.
      Elise hob den Kopf. Ihr Blick wanderte zu Arthur, dann in die Dunkelheit des Ganges vor ihnen. Etwas rührte sich jenseits der Felsen.
    • Arthur

      Die Luft wurde schwerer, je tiefer sie stiegen. Der Gang hinter ihnen schloss sich mit einem Laut, der wie ein grabtiefes Atmen klang. Dunkelheit senkte sich über sie. Lebendig, wachsam, fast wie der Herzschlag des Berges selbst. Arthur spürte, wie sich die Welt um ihn veränderte dichter, lauschender, als hielte der Fels selbst den Atem an. Nur Cassians Licht zitterte dünn über den feuchten Steinen. Ein fahler Dunst kroch zwischen ihren Beinen hindurch, suchte nach Leben, das er löschen konnte.
      "Dies ist wahrlich kein gewöhnlicher Ort." flüsterte Cassian. Sein Blick glitt über Runen an der Wand, die schwach im Zwielicht glühten als lauschten sie einer vergessenen Sprache. Der Juwelenträger nickte. "Halte dein Licht ruhig. Wir verlieren hier unten mehr als nur den Weg, wenn wir nicht aufpassen." Lancelot atmete hörbar aus "Ich hasse enge Räume aber das hier ist anders. Ich schwör' diese Wände sehen uns an." Stine blieb stehen, ihren Bogen gespannt und wand sich leicht herum. "Dann geben wir ihnen etwas zu sehen." Ihr Bruder kniete nieder, strich über den feuchten Fels. "Frische Spuren. Keine Tiere. Menschen vielleicht. Und sie wissen, dass wir hier sind." Undine legte eine Hand an die Wand. Feuchtigkeit sammelte sich an ihren Fingerspitzen, Wassertropfen schimmerten im Dunst. "Das hier… atmet." Cassians Licht flackerte, als reagiere es auf ihre Worte. "Finsterhall schläft nicht." murmelte er. "Vielleicht hat es nie geschlafen." Ein Laut vibrierte durch den Boden tief, entfernt, wie ein Klagelied. Staub rieselte von der Decke. Etwas war hier. Und es war wach.

      Irgendwann öffnete sich der Gang in eine gewaltige Halle. Die Decke verlor sich im Nebel, durch den fahles Mondlicht fiel, das durch Risse im Fels sickerte. Über ihnen stiegen Schatten auf, formten sich aus Dampf und Dunkelheit. Der Geruch von altem Blut lag schwer in der Luft. Der Braunhaarige spürte das Pulsieren alter Energien ein Flüstern, das durch die Wände glitt, uralt und prüfend. "Hier sammelt sich magische Energie." sagte Cassian leise. "Gebunden an Nebel und Zwielicht. Haltet euch bereit." Undine zog ihre Hand vom Stein zurück. "Wir sind nicht allein." Dann kam ein Laut. Metallisch. Rhythmisch. Schritte. Arthur hob seine Waffe, Calibur die Klinge der Morgensonne. "Formation." Der Nebel teilte sich. Etwas trat daraus hervor. Eine Gestalt, groß, gehüllt in schwarze Rüstung, matt wie Asche. Kein Glanz spiegelte sich darin selbst Cassians Licht glitt daran ab, als würde es verschluckt. Der junge Anführer spürte, wie sich sein Herz verengte. Etwas an dieser Bewegung war ihm vertraut, und doch zu fremd, um es zu begreifen. "Wer seid Ihr?" Seine Stimme hallte an den Felswänden wider gedämpft, als würde selbst der Berg lauschen. Die Antwort kam nicht mit Worten sondern mit Stahl. Ein schneller, präziser Schlag. Arthur parierte im letzten Moment. Funken stoben, und die Wucht des Aufpralls ließ seine Arme erzittern ... beinah zu stark für einen Menschen. "Er kämpft nicht blind." keuchte Lancelot. "Er weiß, was er tut!" Arthur antwortete nicht. Seine Bewegungen wurden kontrollierter, ruhiger. Der Feind prüfte ihn. Ein stilles abwegen - Spiegel gegen Spiegel.
      Dann, mit einem einzigen Schlag, veränderte sich alles. Die Welt erstarb. Kein Atem, kein Laut, kein Flackern der Fackeln. Cassian, Undine, die Zwillinge alle waren erstarrt. Selbst der Nebel hing unbewegt in der Luft.
      Arthur stand allein. Vor ihm der Schwarze Ritter. Reglos, und doch atmend. Der Nebel rann an ihm hinab wie Wasser über Glas. Der junge Anführer wusste um den Ernst der Lage, doch jede Bewegung kostete Kraft, als kämpfe er gegen das Gewicht eines Traums.
      Er hob Calibur. Das Licht der Klinge flammte auf, zerriss die Stille für einen Herzschlag und starb wieder. Dann begann der Kampf.

      Schlag um Schlag, zwischen Herzschlägen. Kein Geräusch, kein Widerhall, nur Bewegung im Vakuum. Der Ritter war schnell, beinahe übermenschlich. Seine Angriffe kamen präzise, als wüsste er jeden Atemzug, jeden Gedanken Arthurs. Einmal wandte sich der junge Mann, sah seine Gefährtin - sah Stine, eingefroren, die Hand halb erhoben. Angst lag in ihrem Blick. Nicht vor ihm. Vor den Feind. Schlagartig sprang er dazwischen, hob die Klinge und spürte den Schlag, der ihn traf, wo sie hätte stehen sollen. Schmerz brannte über seine Wange. Blut. Echt. Zu echt. Zu lebendig. "So...Ihr kämpft, um zu schützen." hauchte der Fremde. Ein Lächeln huschte über das Gesicht unter dem schwarzen Helm nicht höhnisch, sondern traurig. "Pff...Schützen... was für eine noble Motivation ... aber vor wem, Sonnenritter? Vor mir - oder vor dem, was Ihr selbst nicht seht?" Arthur schwieg. Worte verloren im Nebel ihre Richtung. Also trat er vor.
      Ein Laut wie splitterndes Glas durchschnitt die Stille, als die Klingen aufeinandertrafen. Der Aufprall trieb ihn zurück. Der Schwarze Ritter kämpfte fließend, beinahe schön, mit einer Kälte, die alles Leben aus der Luft sog. Arthur parierte den nächsten Hieb knapp, drehte das Handgelenk, konterte - eine saubere Linie, gelernt aus unzähligen Stunden disziplinierter Übung. Doch jeder Stoß, jeder Schwung seines Gegners war vertraut... wie gespiegelt. "Ihr kämpft, als würdet Ihr mich schon lange kennen." stieß der Sonnenritter zwischen zwei Schlägen hervor. "Vielleicht kenne ich Euch." antwortete der Fremde leise. "Vielleicht wart Ihr immer das, wofür ich vergessen musste zu kämpfen." Arthur verstand die Worte nicht. Er drängte ihn zurück, schlug mit einer Kraft, die aus seinem Innersten kam – aus Feuer und Furcht zugleich. Doch Dunkelheit griff nach ihm, zog an seinem Bewusstsein. Der Nebel flüsterte in seinen Gedanken, zeigte ihm Bilder aus einem anderen Leben, aus einem anderen Selbst.

      Dann .... er klang eine Stimme. Sanft, kaum mehr als ein Hauch. Sein Name, gesprochen mit einer Wärme, die durch jede Rüstung schnitt. "Arthur." -Elise! Nur dieses eine Wort... sein bloßer Name - doch es schnitt durch die Finsternis, wie Licht durch Glas.
      Er hob den Kopf. Der Nebel wich zurück. Calibur begann zu leuchten. Golden, pulsierend wie ein Herzschlag. Er spürte die Wärme des Juwels an seiner Brust, spürte sich selbst wieder. Der Schwarze Ritter wich zurück. Für den Bruchteil eines Augenblicks sah Arthur den Blick des Anderen.... stahlgrau, wie seiner. Gleich, und doch unendlich fern. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken ehe er wieder zuschlagen konnte. Das Licht durchdrang die Dunkelheit, zerschnitt Nebel und Trugbild gleichermaßen. Für einen Atemzug sah er das Gesicht seines Gegners - sein eigenes, jünger, härter, verloren. Das Juwel an seiner Brust flammte hell, zerschnitt den Nebel, und mit einem Aufschrei aus Stahl zerfiel der Ritter zu Asche. Die Welt kehrte zurück. Zeit floss wieder. Atemzüge. Herzschläge.

      Arthur stand da, keuchend, das Schwert sinkend. Die Wunde an seiner Wange brannte. "Arthur?" Undines Stimme klang fern. "Du hast dich keinen Augenblick bewegt." Der Ritter wischte das Blut ab, der Blick leer. "Dann war es doch kein Traum." Lancelot trat näher, die Augen schmal. "Ich hatte recht. Etwas hat uns gesehen... und offensichtlich hat der Gegener es auf dich abgesehen." Arthur nickte, langsam. Sein Blick glitt in die Dunkelheit, wo der Nebel sich wieder sammelte schwer, uralt, lebendig. "Ja." sagte er leise. "Und jetzt weiß es, dass wir hier sind." Aus der Tiefe antwortete ein Laut - wie ein fernes, ersticktes Lachen. Arthur wurde schlagartig klar, dieser Ort.... nein, dieser fremde Kämpfer hatte ihn geprüft und er war sich nicht sicher ob er wirklich bestanden hatte. Noch immer hing der Dunst träge zwischen den Säulen der alten Halle, doch etwas an ihm war gebrochen - als hätte die Finsternis selbst den Blick gesenkt. Mit einem letzten Atemzug schob der Juwelenträger das Schwert zurück in die Scheide. Das leise Klicken hallte nach, wie ein Siegel über das, was geschehen war. Dann wandte er sich um und fand Elise. Sie stand nur wenige Schritte entfernt, das Licht seines Juwels spielte in ihren Augen, kühl wie Mondlicht und doch mit einer Wärme, die ihn traf, tiefer als jeder Hieb.
      "...Ich hätte mich verloren…" Seine Stimme war rau, ein Hauch von Erschöpfung und Dank zugleich. "Wenn Ihr mich nicht gerufen hättet." Arthur trat einen Schritt näher, neigte leicht den Kopf. Eine Geste, ritterlich, doch ehrlich, fast zärtlich. "Ihr habt mich zurückgeholt, Mylady." sagte er leise. "...Aus einem Schatten..." Einen Moment standen sie dort, still, zwischen Nebel und Stein, und der Wind trug den Duft von kaltem Eisen und altem Schnee durch die Halle. Bald wandte Arthur sich ab, blickte in die Tiefe der Halle, wo Dunkelheit und Wind erneut erwachten.
      Doch diesmal trug er nicht nur sein Licht bei sich.
    • Elise

      Elise sah sich genaustens um. Sie beobachtete genau, wie die anderen der Truppe auf ihre Umgebung reagierten und sie trat ebenfalls näher an die Wände. Sie wusste, dass sie diesen Ort wieder zu etwas hellerem machen würde, sobald das ganze Unheil ein Ende finden würde. Tief in ihrer Brust wollte sie das Leiden dieses Ortes beenden, das Wimmern dieser Felsen verstummen lassen. Dieses Gestein solle nicht mehr weinen müssen. Doch die Halle, welche sie betreten hatten, trieften nur vor magischer Energie. Sie schien ihre Kehle zuzuschnüren, ihre Brust zu erdrücken. Die Magie, die diesen Raum füllte war dunkel, voller Traurigkeit und Hass.

      Dieser Unmut schien sich zu manifestieren und stieg in Form eines pechschwarzen Ritters aus dem Nebel heraus. Elises Atem stockte, als sich die Luft schwer in ihre Lunge legte und die Klingen der beiden Ritter das erste Mal aufeinandertrafen. Das Bild vor ihren Augen verschwamm und die beiden Ritter traten im Kampf gegeneinander an, standen sich gegenüber wie zwei Spiegelbilder. Ihre Bewegungen waren verzerrt, als wären sie lediglich die flackernde Abfolge mehrere Bilder die ineinanderflossen. Sie erkannte die Linien der beiden Männer - ihre Bewegungen fließend. Die Worte der beiden verstand sie nicht. Sie hallten in den hohen Decken des Saals, doch waren sie dermaßen verzerrt, dass Elise keinen Sinn aus ihnen gewinnen konnte. Arthurs Gegner schien übersinnlich stark mit einer anmutigen Art zu Kämpfen, sodass seine verletzlichen Hiebe fast wie ein Tanz voll Schönheit dahinflossen. Fast wie hypnotisiert folgten der Blick der Schneeprinzessin dem Fluss des dunklen Ritters. Jedoch hielt sein Bann nur für kurze Dauer, denn das Licht Arthurs zog Elise magisch an. Sie konnte ihre Augen nicht von dem schönen Ritter abwenden, auch wenn seine Wärme ihre Augen zu verbrennen drohten und ihr Augenlicht zum erlöschen bringen würde. Die Sonne in ihrer wahrhaftigen Form stellte sich dem tiefen Schwarz des Bösen.
      Elise konnte ihren Körper nicht bewegen, er gehorchte ihr nicht mehr. Doch dann - ihre Augen wurden klarer denn je, als sie das Blut des anderen Juwelenträgers sah und den Schnitt an ihrer eigenen Wange buchstäblich fühlen konnte. Ein brennendes Gefühl durchzog das schmale Gesicht der Prinzessin und Sorge wanderte durch den zierlichen Körper des blassen Mädchens. "Arthur!", stieß es aus ihr hervor. Sie erkannte, wie ihn das Dunkel zu verschlingen drohte und sein Licht langsam zu verblassen drohte. Ihr Juwel pochte wie wild, leuchtete auf und versicherte ihr, dass sie das Richtige getan hatte, denn mit einem stählernen Schrei wich der Nebel zurück und das Zahnrad der Zeit schien seine Zähne wieder in die korrekte Fassung gelegt zu haben. Elise atmete tief aus, während sie ihre Finger und Beine wieder bewegen konnte.

      Nicht weit von ihr stand der Juwelenträger und ihre unverbundenen Augen trafen seinen Blick. Die nachhallenden Sorgen zeichneten sich noch sanft in ihren hellen Augen ab. Als er zu sprechen begann, senkte die Prinzessin ihren Blick wehmütig - ein ungewohnter und neuer Anblick. Das Resultat aus einem Gefühl, welches Elise selbst kaum kannte - ehrliche Erleichterung. Seine Worte berührten sie und sie schlichen sich langsam durch die Risse der dicken Eisschicht hin zu ihrem Herz. Eine leichte Röte schlich sich in das sonst so blasse Gesicht der Prinzessin, ehe sie sich höfisch, ebenso elegant vor ihm verbeugte. "Willkommen zurück, Sir...", sprach sie leise, den Blick aus eigenem Schutz noch immer abgewandt - oder konnte es Verlegenheit sein?

      Als er sich von ihr abwendete, folgte Elise seinem Blick hinein in die tiefe Halle, die vor ihnen lag und sie betete zu Selene, dass sie dem gewachsen sein würden, was dort lauerte.
    • Arthur

      Lancelot war der Erste, der die Stille brach.
      Ein schiefes Grinsen legte sich auf seine Lippen, als er die Art sah, wie Arthur und Elise noch einen Herzschlag zu lang einander ansahen die Kälte der Halle schien sich an diesem Punkt kaum zu halten. "Wenn ich's nicht besser wüsste." murmelte er, die Hände an den Gürtel gelegt, "...würde ich sagen, unser Sonnenritter hat vergessen, dass wir mitten in einem verfluchten Grab stehen." Arthur blinzelte, sein Blick noch immer halb im Nebel, halb in jenem Moment, der sich in ihm eingebrannt hatte. Dann wandte er sich langsam um, das Schwert lose an der Seite, und schüttelte kaum merklich den Kopf. "Spare dir deine Späße, mein Freund." sagte er ruhig. Doch die Wärme, die seine Stimme trug, ließ vermuten, dass er den Stich nicht wirklich übelnahm.
      Lancelot aber lachte leise. "Ich meine ja nur ... ein Hauch mehr Ritterlichkeit, ein Priese mehr Tugendhaftigkeit und selbst der Dunst glüht rosarot." Da trat Undine vor, ihre Bewegungen fließend, fast lautlos. Das matte Licht der Fackeln spiegelte sich in ihren Augen, kalt und klar. "Genug, Lancelot." sagte sie mit jener Ruhe, die gefährlicher war als Zorn. "Wenn du Energie übrig hast, dann nutze sie, um wachsam zu bleiben. Wir sind hier nicht in Aurea Custodia und falls du dich erinnerst.... Guinevere wartet daheim." Lancelots Lächeln erstarb, nur für einen Atemzug. Dann senkte er leicht den Kopf. Ihr Tonfall war so scharf, dass er sich wünschte sie hätte ihn einfach nur die Ohren lang gezogen. "Autsch... doch das habe ich wohl verdient." Arthur sah kurz zwischen ihnen hin und her, und ein leises, kaum sichtbares Lächeln huschte über seine Züge.
      "Sie hat recht." sagte er, und die Müdigkeit in seiner Stimme klang wie aus weiter Ferne. "Wir sollten weiter."

      Cassian trat neben ihn, sein Stab warf silberne Kreise an die Wände, die sich im Nebel verloren. "Die Luft verändert sich." sagte Yamir leise. "Die Runen sprechen... hört ihr sie?" Tatsächlich! Arthur spürte das Summen. Wie Atem im Stein. Wie ein Herz, das unter Tonnen von Gestein schlug. "Hier unten schläft etwas." flüsterte Stine. "Und ich glaube, es träumt von uns."
      Der Weg führte tiefer, in gewundene Korridore aus schwarzem Gestein. Tropfen fielen lautlos von der Decke, Nebel schob sich wie Schleier an den Wänden entlang. Der Boden war glatt, und manchmal glaubte Arthur, im Fels alte Abdrücke zu erkennen Hände, Gesichter, vielleicht bloß Schatten, die zu lange gewartet hatten. Cassians Himmelsstein glühte mattblau. Arthur hob Calibur, und das Sonnenjuwel antwortete mit goldenem Licht. Zwei Flammen, die sich suchten. "Die Himmelsjuwelen zeigen uns den Weg." sagte Arthur. "Sie führen zu den Vermissten."

      Undine

      ༺☆༻◇◇༺☆༻


      Die Welt veränderte sich, als Undine die Schwelle zur nächsten Halle überschritt. Sie war gewaltig, getragen von Säulen, die wie eingefrorene Flammen wirkten. Nebel kroch über den Boden, kalt wie Glas. Die Luft war still ...zu still. Kein Tropfen, kein Atem, kein Laut. Das Licht der Juwelen webte ein Geflecht aus Gold und Silber über die alten Steine, und die Magie hier war so dicht, dass sie sie schmecken konnte. Bitter. Alt. Voll von Erinnerung. Und dann sahen die wachen Augen sie - Lunaris Veil: Körper, geordnet, still, mit blasser Haut und verschlossenen Lidern. Zu viele, um sie zu zählen.
      Undine kniete nieder. Ihr Atem bildete kleine Wolken, als sie die Hand über eines der Gesichter hielt. Die Haut war eiskalt, aber nicht leblos. Ein kaum merklicher Puls, tief verborgen, vibrierte unter der Oberfläche.
      "Sie leben." sagte sie, und ihre Stimme hallte zwischen den Pfeilern. "Doch ihre Seelen sind fort." Cassian hatte gut Mühe das Licht seines Stabes zu verstärken. "Fort?" Zu seinem Glück erhellte das Licht der Himmeljuweln langsam den gesamten Innenraum. "Gebunden." antwortete Undine leise nickend. Sie spürte es wie feine Fäden oder das Rauschen ferner Wellen, die aus den Körpern stiegen, verloren im Dunkel über ihnen. "Zwischen den Welten. Wie Fliegen im Spinnennetz." Arthur trat zu ihr, Calibur erhoben. Das Licht seines Juwels legte sich auf die Schlafenden - warm, sanft, fast zärtlich. Undine beobachtete, wie das goldene Leuchten über die Gesichter glitt, und hier und da ein Finger zuckte, ein Atemzug flackerte. "Dein Licht rührt sie." sagte sie leise. "Aber es reicht nicht, sie zu wecken." Vorsichtig und mit bedacht sicherten Lancelot und die Zwillinge den Raum. "Die Seelen folgen dem Ruf der Himmelgestirne. Wenn sie gebunden sind, müssen wir die Quelle finden, die sie hält." antwortete Cassian ehrfürchtig.
      Arthur hob Calibur höher. Das Licht des Sonnenjuwels verband sich mit dem silbernen Schimmer von Elises Himmelsstein. Wo Arthurs Licht sichtbar machte, da beruhigte Elises Strahl. Die Seelen, die zuvor geflohen waren, hielten inne - wie Kinder, die dem sanften Ruf der Mutter lauschen. "Sonne und Mond." Murmelte er Arthur. "Zwei Lichter, die einander tragen."
      Und so geschah es.

      Undine trat in das Zwielicht aus Gold und Silber, und die Welt um sie hielt den Atem an.
      Sie spürte sie - die verlorenen Seelen, zerrissen zwischen Schmerz und Erinnerung. Manche wanden sich, gefangen in ihren eigenen Albträumen, andere lagen still, wie erloschene Sterne. Ihre Finger glitten über die Luft, und ein Hauch von wässrigen Dunst folgte ihrer Bewegung. Dann atmete sie tief ein .... - und begann zu singen.

      "Verloren in Gedanken, ganz allein,
      wo Wellen flüstern, wohin wir zieh’n.
      Sanft weht der Wind, erzählt von Zeit,
      von Pfaden, die sich nie entflieh’n.
      Der Strom des Lebens trägt dich fort,
      zur Quelle, wo dein Herz einst schlug.
      Vergiss den Schmerz, verlass den Ort,
      wo Schatten sanken, Hoffnung trug.
      Wenn Tag und Nacht vereinen sich,
      und Schweigen summt von alter Pflicht,
      erkenn im Traum, was Wahrheit spricht -
      das Licht entsteht aus eigner Sicht."

      Ihre Stimme erfüllte den Raum mit tiefer Sehnsucht und hallte bittersüß von den Säulen wieder. "....Folgt dem Ruf." flüsterte sie. "Eure Körper warten… eure Zeit ist noch nicht zu Ende." Zum Schluss war da kein Wort, kein Gebet, sondern ein Klang, der schimmerte wie Wasser im Mondlicht.
      Zuerst war er kaum hörbar, dann trug ihn der Nebel. Die Schatten begannen zu zittern.
      Die Stimmen der Toten verstummten, als lauschten sie. Der Nebel, der ihre Seelen hielt, wurde durchlässig. Das Licht der Juwelen tat ihr übriges. Undine sah, wie die Schemen sich lösten tastend, wie Schwimmer, die an die Oberfläche steigen.
      Einer nach dem anderen kehrten sie zurück.
      Wie Wellen, die sich brechen und zurückziehen, fanden die Seelen den Weg in die leblosen Körper. Hände zuckten. Lippen bebten. Farbe kehrte in Wangen zurück. Nach und nach erklang ein leises Aufkeuchen. Und der einzige Mann neben ihr schlug die Augen auf schlug die Augen auf. Er war jung, aber gezeichnet, als hätte die Dunkelheit selbst ihn berührt. Sein Blick irrte - bis er sie fand. Die unergründlichen Tiefen ihrer meerblauen Augen. Sein kühler, ernster Blick, geprägt von einer stillen Strenge, ließ ihn gleichzeitig unerreichbar und faszinierend wirken. Das silberweiße Haar umrahmte sein markantes Gesicht, das von Lebenserfahrung geprägt und doch von einer fast unnahbaren Eleganz war. Für einen Moment vergaß sie zu atmen. Er sah sie an, und in seinen Augen lag dieselbe tiefe Melancholie, die sie kannte - wie Spiegel, die einander erkannten.
      Sein erster Atemzug, sein erster Blick nach der Ewigkeit... waren sie. Ihre Stimme. Ihre Augen. Undine wich instinktiv zurück, als hätte sie ein unsichtbarer Schlag getroffen. Ihr Herz klopfte zu schnell, zu laut. Das war falsch, dieser Augenblick war nicht für sie bestimmt sondern für die zarte Eisprinzessin mit den Mondjuwel. "Er lebt." hauchte sie, und ihre Stimme klang nun wieder beherrscht.
      Undine erhob sich rasch und wandte sich ab "Lady Elise! Eurer Bruder ist erwacht." Elise eilte herbei, und Undine trat einen Schritt zurück als wolle sie die unsichtbare Verbindung zwischen ihnen abschneiden, bevor sie wuchs. Doch sein Blick blieb an ihr hängen, als suche er etwas, das er im Traum verloren hatte. Undine spürte es. Diese unerklärliche Schwere, diese leise Sehnsucht in seinen Augen.... dieselbe, die sie in sich trug, seit sie aus dem Meer gekommen war. Vielleicht war es das, was ihn zurückgerufen hatte. Nicht ihr Lied. Sondern das, was in beiden ungesagt blieb.

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    • ╭︵‿୨✧₊⊹☆⊹₊✧୧‿︵╮

      Ein Strom bahnte sich seinen Weg durch Elises Körper, als sie die leise Stimme ihres Bruders hörte. Am liebsten hätte sie sich auf ihn gestürzt und fest in ihre Arme geschlossen, doch stürzte sich dieses elektrisierende Gefühl mit voller Wucht auf ihre größte Schwachstelle. Elises schmalen Hände glitten instinktiv an ihre Brust und sie fiel ohne Gnade auf die Knie. Ihr Herz drohte fast aus ihrer Brust zu springen, als sie mit gläsernen Augen und den schmerzerfülltesten Blick, den man zu Lebzeiten erblicken konnte, zu Undine sah.
      „Ich verdanke Euch sein Leben!“, sprach die Prinzessin mit zittriger Stimme. „Aller Leben!“, fügte sie hinzu, während ihr qualvoll die Tränen im Gesicht überflossen. Sie senkte den Kopf und der Griff an ihrer Brust wurde immer fester. „Ich stehe auf ewig in Eurer Schuld, Lady Undine…!“, war es kaum noch aus ihrem Mund zu verstehen.
      „Elise, dein Herz!“, mahnte ihr Bruder. Seine Kräfte waren schwächlich und er versuchte sich zu erheben. „Schwester, Du musst es schützen!“, tadelte er seine jüngere Hälfte und Elise tat dies sichtlich nicht zum ersten Mal. Unheil breitete sich vor seinem inneren Auge aus, sah wie seine Schwester an ihrem schwächlichen Herzen dahinsiechte und er nichts dagegen tun konnte. Er wollte sie um keinen Umstand verlieren und beschützte sie vor allen weltlichen Gefahren, so gut er nur konnte - Liebe, Freude, Traurigkeit sollten seiner Schwester verborgen bleiben. Und so schloss er das kleine Vögelchen zurück in seinen silbernen Käfig, aus welchen es hinaus auf die Welt blicken kann, dessen Wind es jedoch zwischen seinen Federn niemals spüren wird. Und damit das kleine Vögelchen nicht in Versuchung kam, nahm er ihm das Augenlicht.
      Vor ihrer Brust leuchtete ein hellweißes Licht, gegen dass sich das Juwel an ihrer mit aller Kraft sträubte, doch reichten die Signale ihrer Göttin nicht, um den Sorgen ihres Bruders zu widersprechen. Und so machte die junge Prinzessin sich gewiss, dass sie ihr Herz wieder zu Eis gefror. Ihr Körper litt darunter. Die rosige Farbe, welche sich gerade erst wieder auf ihren Wangen verteilt hatte und die kleinen warmen Tränen auf diesen froren mit einem Fingerschnips wieder zu majestätischen Kristallen.
      Ein erleichtertes Seufzen entwich dem groß gewachsenen Prinzen, ehe er es schaffte sich wieder zu erheben. Die Sorge zeichnete sich deutlich in seinem Gesicht ab, wich nach und nach davon. Sein Blick wanderte zu der verhüllten Schönheit vor ihm. „Lady Undine, richtig…?“, sprach er mit tiefer, dennoch melodischer Stimme. Langsam verbeugte er sich vor ihr, griff souverän ihre Hand- sie sah in seiner recht winzig aus - und respektvoll küsste er diese…nicht. Mit dem Blick weiterhin in die meeresblauen Augen seiner Retterin gerichtet, deutete er einen Kuss nur an, um seine Dankbarkeit höfischer Natur auszudrücken. Er war eingenommen von ihrer natürlichen Schönheit und erkannte sie, trotz ihrer Verhüllung. Victor wusste, dass ihre Schönheit über das rein Äußerliche hinausging, dass ihre Seele so viel mehr zu bieten hatte, als nur ein schönes Gesicht mit bezaubernden Augen. Tief in seiner Brust spürte er sie - eine Verbindung zu dieser unbekannten Frau, welche er noch nicht so wirklich ausmachen konnte.
      „Unendlichen Dank. Eure wundervolle Stimme leitete uns alle aus der Dunkelheit zurück in unsere Heimat. Und Ihr schenktet mir Euren Blick. Nahezu dachte ich, das Meer hätte mich geholt, doch wäre das die wundervollste Art fortzugehen - in Euren Augen ertrinken zu dürfen“. Ein verspieltes Grinsen kräuselte seine Lippen, ehe er sich von ihr abwendete und seine Schwester mühelos auf seine Arme hob. Er war noch immer schwach, seine Arme bebten förmlich, doch um nach Hilfe zu fragen, dafür war sein Stolz zu groß. Vielleicht sprach dort auch nur seine tiefe Angst aus ihm, davor, dass Elise sich jemals verlieben könnte.
      Die Menschen der Lunaris Veil eilten um den Trupp herum, doch ihr Weg führte immer in eine kleine Halle, welche links von einer nahezu monströsen Treppe leg. Ihre Bewegungen waren fließend und kontrolliert. Die Menschen in diesem eisigen Land besaßen schöne Gesichter mit blasser Haut und weißem oder schwarzem Haar. Nur wenige Gesichter zierte ein Lächeln, doch ging von ihnen dennoch eine Herzlichkeit aus, die sich mit einfachen Worten schlecht beschreiben ließ.

      „Bitte“, sprach der Prinz mit einer gezielten Handgeste. „Wir möchten Euch danken!“.
      Victor schritt mit langen und eleganten Bewegungen in Richtung der kleinen Halle. Ein großes, mit Ornamenten versehenes Tor stand weit offen und lud die Truppe in ihr Herz ein.
      Die Gebetshalle der Selene - ein mit Mondlicht durchflutetes Heiligtum mit riesigen Fenstern, welche zuließen, dass Selene ihr Licht in alle Ecken des wunderschönen Raumes verteilen konnte. Die Menschen brachten nach und nach Geschenke, Essen, Kleidung, Kleinigkeiten in das Heiligtum, um ihren Rettern zu danken, ehe sie sich im Mondlicht segneten.
      „Die Dankbarkeit unseres Landes sei Euers“, sprach der Prinz, sein Blick immer wieder in Undines Augen versinkend.
      Dann wanderte sein Blick jedoch zu Arthur, als seine Arme langsam zu kollabieren drohten. Er wollte sprechen, jedoch entschied er sich dagegen, Arthur um Hilfe zu bitten. War er es, der das Herz seiner geliebten Schwester weich und schwach machte? Wollte er ihr schaden? Ein tiefes Knurren sammelte sich in seinem Hals, welches seinen Blick nicht unverschont ließ. Victor überkam ein ungutes Gefühl, also übergab er Elise eine ihrer Gottesschwestern. Diese trug sie langsam hin zu einem Ornament, welches aus Mosaik sorgfältig in den Boden gesenkt war. Die Schwester ließ sie nieder und Elise blieb allein im Schein des Mondlichts zurück, wo sie mit neuer Kraft belohnt werden sollte. Sie saß dort, das Gesicht auf den Boden gerichtet, als würde sie trauern. Und das tat sie. Ihr Herz schmerzte, doch genoss sie dieses Gefühl mit jeder Faser ihres Körpers.
      „Selene sprich, warum wollt Ihr mich quälen…?“, sprach das zierliche Mädchen zu ihrer Göttin.
      „Warum gabt Ihr mir ein Herz und machtet es so schwach und zerbrechlich? Was bedeutet es zu Leben ohne zu fühlen? Es führt hin zu nichts außer dem Tod. Sagt mir, was ist mein Leben wert?“.
      Eine tiefe Traurigkeit breitete sich in Elises Körper aus, in ihrem Herzen brodelte Wut, sie kochte! Doch das Eis sorgte dafür, dass diese Wut verschachtelt und gut versteckt hinter Elises kalter Miene verborgen blieb.

      „Ich weiß sehr wohl, dass Eure Reise noch nicht beendet ist. Doch bitte lasst mich Euch einen Platz zum Rasten anbieten, sodass Ihr wieder zu Kräften kommen könnt“, bat Victor, doch klang es eher wie eine Aufforderung.
      Er zeigte auf das große Anwesen, zu welchem die große Treppe führte und lud die Truppe vor ihm erneut ein.
      „Lasst Uns Euch mit Essen und Trinken, sowie einem warmen Bad danken, bevor Ihr weiterzieht…“, schlug der Mann mit dem weißen Haar vor, ehe er sich langsam auf den Weg zum Anwesen begab.
      Tief in Victor schlummerte die leise Hoffnung, die unbekannte Frau näher kennenlernen zu können. Er wollte wissen, was es mit diesem Band auf sich hatte, warum ihre Augen ihn so unaussprechlich stark fesselten. Am liebsten hätte er seinen Blick nie wieder von ihr abgewendet, denn sie strahlte eine Melancholie aus, welche er sonst nur in seinem Spiegelbild fand. Noch nie, hatte er so eine Frau getroffen und er wollte sie nicht direkt wieder weiterziehen sehen. . Er wollte diesen tiefen Augen auf den Grund gehen.
      Auf unerklärliche Weise, sehnte sich der weiße Prinz nach der Fremden, denn er konnte spüren, dass sie nicht lange bleiben würde.

      ╭︵‿୨✧₊⊹☆⊹₊✧୧‿︵╮

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    • Arthur

      Arthurs Verstand konnte das Geschehen noch immer nicht recht fassen. Es war einfach geschehen. Die Himmeljuwelen waren ganz von allein erwacht und schienen beinah instinktiv zu wissen, was zu tun war. Beide Steine reagierten aufeinander, ergänzten sich fließend in ihren Kräften, als wollten sie selbst Leben spenden, wo keines mehr war. Ein Zeichen der Hoffnung und ein Wunder, wenn man bedachte, wie zerstritten die Zwillingsgötter einst gewesen waren.
      Für den Hauch eines Augenblicks fragte sich Arthur, ob auch ihre Träger ....Prinzessin Elise und er selbst, zu einem solchen Einklang fähig wären. Ob Licht und Mond, Sonne und Nacht sich auch in sterblichen Herzen vereinen konnten. Doch bevor der Gedanke Wurzeln schlug, schüttelte er ihn ab. Jetzt war nicht die Zeit für Träumereien.Sie standen inmitten des Volkes, das man längst verloren glaubte. Die Menschen der Lunaris Veil bewegten sich vorsichtig, fast ehrfürchtig, als wären sie selbst noch nicht sicher, ob sie wirklich erwacht waren. Arthur sah die Hoffnung in ihren Gesichtern, sah aber auch die Müdigkeit darin – und verstand. Es war nicht leicht, aus der Dunkelheit in das Licht zu treten.

      Er hielt sich im Hintergrund, während Victor sprach, während Elise zu Boden sank und Undine an ihrer Seite kniete. Das Licht, das aus der Brust der Prinzessin strömte, war fast zu hell, zu rein. Arthur spürte es bis in die Fingerspitzen.
      Er hatte schon vieles gesehen, doch nichts war so erschütternd wie dieser stille Kampf – Herz gegen Schicksal.

      Undine war die Ruhe im Sturm. Er beobachtete, wie sie sprach, sanft und klar, ihre Hände ruhig, ihre Augen leuchtend wie die Oberfläche eines tiefen Sees. Kein Zögern, keine Furcht. Er hob den Blick und sah Elise, wie sie im Licht der Selene kniete. Bleich, erschöpft, aber schön in einer Weise, die beinahe schmerzte. Das Licht brach sich auf ihren Tränen wie auf glattem Eis, und für einen Moment wollte er hinzutreten, wollte ihr Halt anbieten, wollte sagen, dass sie nicht allein sei ...doch das durfte er nicht.
      Er sah, wie Victor sich vor ihr verneigte, wie er ihre Hand nahm, dabei entging ihn nicht die leichte Anspannung ihres Körpers. Die Halle der Selene lag im Glanz des Mondes, als Victor seine Dankesworte sprach. Der Prinz war schön, stolz, so sicher in sich selbst - ein Mann, dem alles zuzufallen schien, was Arthur sich erarbeiten musste. Er sprach mit Wärme zu Undine, seine Worte glitten wie Seide über blanken Stein, und Arthur spürte, wie Lancelot neben ihm leise schnaubte. Der Schwarzhaarige war wahrlich mit feinem Gespür für Spannungen gesegnet und zugleich unfähig, sie zu ertragen, durchbrach das Schweigen mit spitzem Humor. "Bei allen Göttern." murmelte er. "Bei ihnen kann sich wohl niemand kurz fassen. Und ich dachte, Arthur wäre der Schwafler von uns." Arthur warf ihm einen Blick zu, der halb Tadel, halb müdes Schmunzeln war. "Du hast ein Talent, Lancelot." sagte er leise, "Zur falschen Zeit das Richtige zu sagen." Doch bevor er weiter sprechen konnte, Undine wandte sich zu den Rittern um, ihr Blick ruhig, fast mütterlich streng. Ein Anblick der beide unwillkürlich schlucken ließ. "Lancelot." sagte sie sanft doch ihr Lächeln blieb eine stille Warnung. "Manchmal verlangt das Herz mehr Worte, als der Verstand ertragen mag." Ihr Ton war kein Tadel eher eine Erinnerung. Lancelot und hob beschwichtigend die Hände. "Wie du meinst. Ich wollte nur sicherstellen, dass keiner hier im Reden ertrinkt."

      Arthur atmete kaum hörbar aus. Sein Blick glitt wieder zu Elise blass, erschöpft, und doch von einem Licht umgeben, das selbst das kalte Mondglas zu wärmen schien. Etwas in ihm regte sich, ein Ziehen, leise, unausweichlich. Doch er zwang es nieder. Er war ein Ritter. Ein Ritter schützt, er begehrt nicht. Ehre war sein Schild, Pflicht seine Sprache. Und so blieb er stehen, reglos, die Hände am Schwert, während um ihn das erwachende Volk seine Retter segnete und das Mondlicht auf Elise ruhte wie ein stilles Gebet. Lediglich Undine bemerkte aus wachen Augenwinkel, wie seine Finger zitterten. Die kühle Hand seiner Begleiterin schon sich behutsam über seine. "Vielleicht sollten wir uns alle darauf besinnen .... uns so lange wir hier verweilen, so nützlich zu machen wie es möglich ist." Der Braunhaarige nickte stumm.

      Undine
      Es war in diesen Augenblick, als hielte das Mondlicht selbst den Atem an. Der silberne Schimmer glitt durch die hohen Fenster, über Mosaike und kalten Marmor, und spiegelte sich auf den Gesichtern derer, die man längst verloren geglaubt hatte. Mittendrin stand sie bleich und schön wie ein stilles Gebet, Hoffnung und Müdigkeit lagen gleichermaßen in der Luft, jedes Lächeln zögerte noch, wie ein Herz, das nach zu langem Schweigen wieder zu schlagen beginnt.

      Da trat er vor sie: Victor, Prinz des Mondreichs. Seine Stimme war tief, warm, getragen von der Gelassenheit eines Königssohns, der gelernt hatte, dass Worte Gewicht haben.
      Undine neigte leicht das Haupt, als Victor sich verbeugte. Es war durchaus befremdlich mit den Titel der Lady bedacht zu werden. "Dankt nicht mir sondern der Gnade der Götter, ich war nur... ihr Medium." Seine Hand nahm die ihre - groß, sicher, und doch schwang darin eine kaum wahrnehmbare Schwäche mit, als habe sich seine Kraft eben erst zurückgefunden. Es war sonderbar, wurde ihre Berührung ohnehin immer als kühl beschrieben, in einer Hand zu liegen welche ihre warm erscheinen ließ. Er führte ihre Hand zum Mund, hielt inne ... nur ein Hauch, ein höfischer Gruß, doch Undine spürte die Wärme seines Atems wie ein leises Flüstern. Victors Lächeln war höfisch, geübt, wie ein Schleier aus Glanz und Geheimnis auf seinem Gesicht. Undine senkte die Lider. "Dann solltet Ihr lernen, zu schwimmen, Hoheit. Das Meer ist gnädig nur mit jenen, die sich ihm nicht ganz überlassen." Ein kaum merkliches Zucken umspielte seine Züge. Er war es nicht gewohnt, dass man seine Anmut mit Gleichmut beantwortete. Doch Undine war das Meer. Und das Meer kniet vor niemandem. Victor wandte sich ab, hob seine Schwester auf - blass und zerbrechlich in seinen Armen, und darin lag Liebe: festhaltend, nicht befreiend. Seine Sorge brannte sich in seine Züge, die Liebe klammerte wie ein Anker an die Flügel einer Möwe. Auch sie drehte sich herum. Sie wurde nun mehr an anderer Stelle gebraucht und wand sich den beiden Scherzbolden zu, welche bis gerade eben noch Ritterschaft miemten.

      Während die Menschen der Lunaris Veil ihre Retter mit Geschenken, Stoffen und Dank überhäuften, blieb Undine still. Sie hörte die Worte des Prinzen kaum, als er sie bat, zu rasten, zu bleiben, sich zu stärken. Jeder Satz, höflich und verbindlich, war wie ein Versuch, sie zu binden ... nicht mit Befehl, sondern mit Bewunderung. Sie lächelte, mehr mit den Augen als mit den Munde natürlich und entzog sich langsam.
      Ihr Blick wanderte durch die Marmorhalle, suchte Lancelot, Cassian, Arthur.

      Arthur stand etwas abseits, im Schatten, die Hand am Schwert, das Licht mied ihn oder prüfte ihn. Dies war nicht seine Welt Zu viel Silber, zu wenig Boden. Doch wie der Fels unter den Wellen würde er tragen, unbewegt. Sie kannte das Gefühl nur zu gut, der Fisch auf dentrockenen zu sein. Unter dem stillen Licht der Selene, zwischen zerbrochenen Säulen, saß Lancelot auf einer umgestürzten Steinbank, die Hände fest über den Knauf seines Schwertes gelegt. Undine trat näher, ließ ihr Blick über das leuchtende Fenster wandern, in dem sich das Mondlicht wie Wasser brach.

      "Sie sind anders." begann Lancelot leise, ohne den Blick zu heben. "Diese Lunaris Veil. Alles an ihnen ist aus Mondlicht gewebt... Stimmen, Gang, selbst ihr Schweigen klingt wie ein Gebet. Ich weiß nicht, ob ich das je begreifen kann." Undine wandte den Kopf, ihr Gesicht halb in Licht und Schatten getaucht. "Vielleicht musst du es nicht begreifen, Lance. Manchmal reicht es, zuzuhören." Er schnaubte, halb spöttisch, halb verlegen. "Zuhören, ja? Ich bin mehr mit Stahl als mit Worten aufgewachsen. Mir fehlen die Worte für ihre Rätsel und Poesie. Doch sie schauen mich an, als müsste ich es." Ein sanftes Lächeln spielte um Undines Lippen. "Der Puls des Meeres wird auch vom Lauf des Mondes beeinflusst. Du bist wie ich aus Sturm und Salz geboren, doch dein Herz schlägt im Takt ihres Rhythmus ... vielleicht ist es nicht so verschieden, wie du denkst." Lancelot hob den Kopf, ein müdes Lächeln auf den Lippen. "Wie immer hast du recht. Aber leichter wird es dadurch nicht. Ich fühle mich fehl am Platz. Sie sprechen in Gleichnissen, als sei jedes Wort verzaubert. Ich stolpere nur hinterher." Es war beinah verlegen wie sich der Ritten am Hinterkopf krazte.

      Seine Gesellschafterin nickte. "Manchmal." antwortete Undine leise, "...braucht es genau die, die stolpern, damit andere nicht fallen." Er lachte leise. "Du klingst wie eine Priesterin." Die Augen der Frau blitzen eh sie den Schwarzhaarigen liebevoll in die Wange kniff. "Und du wie ein trotziges Kind." entgegnete bestimmt aber warm mit der Geduld des Meeres. Lancelot schüttelte den Kopf, doch das Lächeln blieb. "Ich weiß, du meinst es gut. Aber schwer ist es für mich. Du bist für mich…" Er brach ab, suchte Worte. "Du bist wie mein Blut. Jemand, der mich versteht ohne Worte. Doch bei ihnen…" Er machte eine leere beinah hilflose Geste. "Bei ihnen bin ich ein Fremder in einem Tempel." Undine trat näher, legte ihm die Hand auf die Schulter, ruhig und beständig wie eine Welle am Ufer. "Und doch bist du hier. Das Meer trifft das Land, und beide verändern sich. Vielleicht bist du genau dort, wo du gebraucht wirst." Lancelot senkte den Blick, nickte langsam. "Schon gut. Dir zu Liebe probiere ich es ja. Freundlicher, offener zu sein." Dann folgte ein schelmisches Grinsen "Aber Verse singen? Nein. Du bleibst das Wasser, ich das Schwert." Sie lachte leise, das Licht brach sich in ihren Augen wie in Wellen. "Das Meer singt, wenn der Mond es ruft." Ihr Gespräch klang leise aus, während Arthur im Schatten stand, still lauschte. Sein Blick war auf die Gefährten gerichtet, aber auch auf das Spiel von Licht, Meer und Mond. In seinem Herzen wuchs die stille Erkenntnis: Das Zusammenwirken der Gegensätze braucht Zeit - und er würde tragen, was sich in dieser Welt wandelt.

      Schließlich seufzte die kluge Strategin schwer. "Wenn du dich noch nicht für diese Menschen erwärmen kannst, vielleicht fängst du bei deinen besten Freund an. Es scheint als könnte Arthur Kompanie gebrauchen." Ihr Blick wanderte durch die Halle und stoppte kurz als sie den Prinzen in mitten der Menschen erfasste. Es wäre wohl sehr unhöflich diese freundliche Einladung einfach so beiläufig abzutun. Als atmete sie tief um den wallenden Strom in ihren Inneren zu besänftigen und nährte sich ihn an. So richtig musste sie es gar nicht denn auch dieser Mann schien erneut ihre Nähe zu suchen. "Euer Reich ist schön." sagte sie ruhig. "Doch kein Ort des Abendlichts darf jene zu lange halten, die im Sonnenschein wandeln. Wir bleiben, bis Eure Schwester neue Kraft schöpft. Dann ruft uns unser Weg weiter." Victors Blick haftete auf ihr, wie eine Welle, die nicht abebbt. Und Undine spürte, wie in ihr selbst das Meer und der Mond gemeinsam atmeten zwischen dem Atem des Wassers und dem Schein der Selene. "Wenn Ihr mich jetzt entschuldigend würdet... ich glaube ich werde an anderer Stelle gebraucht." Sie sah hinüber zu Elise, die kniend im Mosaik des Mondlichts lag. Arthur wagte es nicht, aus Angst sie in größere SSchwierigkeiten zu bringen, doch sie konnte behutsam handeln um beiden zu helfen. Lautlos ließ sie sich neben die holde Maid sinken. "Dein Herz ist nicht aus Eis, Prinzessin… es schläft nur. Doch wehe dem, der es zu früh weckt."
    • Viktor & Elise

      Für Viktor war es ein neues Gefühl, nicht zugleich umworben zu werden, sobald er einer Maid zusprach. Das Pflichtbewusstsein und die dahergehende Bescheidenheit Undines gefiel ihm, vielleicht sogar etwas mehr als er je erwartet hatte.
      Möglicherweise interpretierte der Prinz in ihr Verhalten mehr Ablehnung hinein, als intendiert, doch schlich ihm ein leichtes Grinsen über die Lippen. Er war selbstbewusst, doch frei von Hochmut. Viktor kannte seinen Wert – in Wissen wie in Anmut – und trug ihn mit aufrichtiger Gelassenheit. Jedoch würde er sich niemals über einen anderen Menschen stellen, auch wenn er oft den Eindruck erweckte. Er spielte gern mit Reaktionen anderer und genoss es, dass er hier und da bei den Begleitern seiner Schwester auf einen Hauch von Ablehnung stieß. Eine Fassade war es nicht, was Viktor preisgab - er war ganz er selbst und dazu stand er auch, mit jeder seiner Taten und jeder seiner Worte. So hatte er auch für seine Schwester nur die besten Absichten.
      Und so bedankte er sich erneut, als Undine von der Genesung seiner Schwester sprach. „Gedankt sei den Göttern“, sprach er mit Blick auf ihre Worte der vorherigen Konversation und er warf ihr einen aufmerksamen Blick zu und nickte flüchtig. „Seid bis dahin voll und ganz unsere Gäste. Natürlich nur so lange wie Euer sonniges Gemüt es zulässt“, sprach er verständnisvoll.
      Die Frau vor ihm entschuldigte sich, bevor sie sich seiner Schwester zuwandte. Er nickte sanft und sah ihr nur flüchtig hinterher. Ihre Bewegungen flossen wie Wasser und hinterließen ein wiegendes Gefühl in seinen Gedanken. Wieder schlich sich ein sanftes Lächeln auf seine Lippen, doch war nun nicht die Zeit für Gedankenspiele.
      Viktor dachte daran, was passiert war und ehe man sich versah, trommelte der Prinz mit einer Handbewegung die Beschützer des Landes zusammen. Ihre Formationen waren genauestens getacktet, niemand fiel außer Reihe. Jeder kannte seinen Platz und die Frauen, die dieses Land beschützen, taten dies mit reinstem Gewissen.
      „Wir sind bei Weitem noch nicht wieder sicher“, verkündete der Prinz mit fester Stimme, die einen erschrecken lassen konnte.
      „Bleibt wachsam, bewacht die Tore und Bewohner! Auffälligkeiten werden sofort mitgeteilt!“, verordnete er und die Frauen nickten.
      „Doch schont Euch. Achtet auf Euren Nächsten und helft denen, die Hilfe benötigen“. Seine Stimme klang nun sanfter. „Die Küchen dieser Stadt werden Euch stärken“. Er lächelte ihnen stolz zu, ehe er sich auf den Weg zum Anwesen begab. Die Führung der beiden Geschwister war bestimmt und schien strenger, als sie es eigentlich war. Disziplin war das erste Gebot der Frauen und die männlichen Kämpfer wussten, dass sie ihr Leben für jede einzelne Schwester der Prinzessin lassen würden.
      Vor dem Tor der Halle positionieren sich zwei Frauen mit langen silbernen Kriegssensen bewaffnet. Wie sie sich aufstellten glich fast schon einem einstudierten Tanz. Ein kurzer Schwung ihrer Waffen demonstrierte, dass sie genauestens wussten, wie sie diese einzusetzen hatten und kreuzten diese im letzten Zug synchron. Dahinter steckte mehr als reines Imponieren - die Frauen verstanden sich untereinander blind, taub und stumm, als sprächen ihre Seelen die gleiche Sprache. Lunaris Veil war mehr als nur ein Schleier aus Mondschein, sondern eine Einheit voller Zusammenhalt.

      Elise sah zu Undine, erwiderte ihren Blick. Doch mit ihrem Herz war auch das Gemüt der sonst so sanften Prinzessin erstarrt – und dennoch: Undines Anwesenheit ließ sie nicht unberührt. Dass die Frau ihr zärtliche Worte schenkte, bedeutete ihr mehr, als sie zu zeigen vermochte.
      „Ich schätze Eure Worte sehr, Undine…“
      Elise unterschied sich in vielem von ihrem Bruder – sie sprach weniger, wog ihre Worte sorgfältig, anstatt sie leichtfertig in die Welt zu streuen. Schon als Kind, als ihr Herz noch lebendig schlug, suchte sie Trost zwischen den Seiten alter Bücher, statt in der Bühne gesprochener Worte.
      Während Viktor der strahlende Schein des Mondes war, war Elise sein Schatten – ruhig, sanft, und doch nicht ohne Licht.
      „„Ich war einst anders… voller Leben, voller Liebe“, flüsterte das blasse Mädchen, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Doch nun bin ich nur die Hülle dessen, was ich einst war.“
      Sie senkte kurz den Blick, ehe sie fortfuhr – leiser, ehrlicher:
      „Was ist ein Mensch ohne Gefühle, Undine? Ich bin nichts weiter als ein Mechanismus, der noch atmet, weil er es muss. Mein einziges Gefühl ist die Sehnsucht nach meinem alten Selbst… doch würde ich sie stillen, wäre das mein Tod.“
      Elise hob den Kopf, sah in Undines schöne Augen – und in diesem Moment gab sie der Frau den Schlüssel zu ihrer Seele, so wie sie ihn einst Arthur anvertraut hatte. In ihren hellen Augen loderte der Schmerz, ein stilles Feuer, das sie nicht zu löschen wagte – aus Angst, dann gänzlich zu verlöschen.
      Voller Vorsicht legte Elise ihre kalten, zierlichen Finger um Undines Hand und führte sie behutsam an ihre Brust. Kein Pochen, kein Leben – nur eisige Stille, die selbst durch den Stoff drang.
      Langsam glitt ihre Hand weiter, bis sie über Undines Herz ruhte. Dort, unter ihren Fingerspitzen, spürte sie das sanfte, beruhigende Pochen – warm, lebendig, echt.
      „Spürt Ihr es?“, flüsterte Elise, ein leises Lächeln auf den Lippen, das mehr Wehmut als Freude trug. „Das Leben in Euch… wie wunderschön es sein muss. Dieses Kribbeln, das Zittern, dieses unbändige Gefühl zu sein.“
      Einen Moment lang hielt sie fest, als wollte sie das fremde Leben in sich aufnehmen, ehe sie hastig zurückwich. Sie senkte den Blick.
      „Bitte… verzeiht mir“, hauchte sie.
    • Undine

      Undine erstarrte. Elises Finger ... kühl wie Marmor und doch so zart, dass selbst der Atem den Moment hätte zerbrechen können - ruhten auf ihrer Brust. Genau dort, wo die Haut dünn wurde, fast durchscheinend, und unter ihr das leise Flimmern lag ... die Spur dessen, was sie einst war.
      Ein leiser Laut, kaum hörbar, entwich Undine, mehr ein scharfes Einziehen des Atems als ein Wort. Sie wich zurück, rasch, beinahe erschrocken über die Heftigkeit, mit der ihr Körper reagierte. Für einen Herzschlag pochte etwas an ihrem Hals - das alte, instinktive Beben der Kiemen, die sich regten, als hätten sie die Berührung gespürt wie einen Ruf aus der Tiefe. Ihre Hand schoss hoch, schützend, beinahe unbewusst, über das Schlüsselbein. Der Stoff ihres Mantels raschelte, als sie sich abwandte, um den Blick der anderen zu meiden. "Bitte...nicht dort." hauchte sie, leiser, als sie beabsichtigt hatte. Ihre Stimme bebte, und die Luft um sie schien für einen Moment kühler zu werden als hätte die Erinnerung an das Meer, an Salzwasser und Stille, sich zwischen sie geschoben. Sie schloss die Augen, atmete tief ein. Die Fassung kam langsam zurück, wie ein Schleier, den sie wieder über sich zog. "Es ist nichts." sagte sie schließlich, bemüht um Ruhe, doch die Spannung in ihrer Haltung verriet mehr, als Worte leugnen konnten. Elises Blick ruhte noch auf ihr, suchend, beinahe besorgt. Das war spürbar. Undine zwang sich, ihr zu begegnen und sah darin keine Neugier, keine Verurteilung, nur ehrliches Mitgefühl. "Ihr konntet es nicht wissen." murmelte Undine, sanfter jetzt, und ihre Finger glitten über die Stelle, wo die Kiemen verborgen lagen, die feinen Linien, die unter ihrer Haut manchmal im Licht schimmerten. "Es ist… eine empfindliche Stelle bei meinesgleichen." Ein bitteres, kaum wahrnehmbares Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Auch wenn es durch ihren Schutz nicht zu sehen war, so zeigte es sich doch kurz in ihren Augen. "Man nennt es den Atempunkt. Unsere Herzen schlagen nicht allein hier-" sie legte die Hand über die Brust "-...sondern auch dort, wo das Meer uns atmen lehrte. Berührt jemand diese Stelle, ohne es zu wissen…" Sie schüttelte leicht den Kopf. "Dann weckt es Erinnerungen, die besser schlafen sollten." Einen Augenblick lang herrschte Stille zwischen ihnen ...dicht, ehrfürchtig. Dann, leiser, fast flüsternd, fuhr Undine fort nachdem sie ihren inneren Fokus etwas gesammelt hatte. "Ihr tragt den Frost im Herzen, Prinzessin - ich das Meer in der Haut. Vielleicht sind wir beide mehr Gebundene, als wir glauben wollen." Sie hob den Blick, sah Elise an. Nicht mit Zorn, sondern mit einem stillen Verständnis, das irgendwo zwischen Schmerz und Zuneigung lag. "Aber glaubt mir…" Ihre Stimme senkte sich zu einem kaum hörbaren Ton. "Ich spüre Leben in Euch. Tief, verborgen... aber es ist da. Und wenn Ihr es nicht spürt, so vielleicht, weil Ihr es zu lange in Eis eingeschlossen habt." Undine wandte den Blick ab, blickte in den Nebel, der durch die Felsen zog, als würde er auf ihre Worte lauschen. "Manchmal..." flüsterte sie, "...muss etwas oder jemand uns berühren, um zu zeigen, dass wir noch fähig sind zu fühlen selbst wenn es wehtut." Ein Zittern lief über ihre Finger, doch diesmal ließ sie es zu.
      Denn irgendwo unter der Kälte von Finsterhall und Elises Frost, hatte auch in ihr etwas zu schlagen begonnen. Nicht Meer. Nicht Luft. Etwas Drittes. Etwas Menschliches.

      "Oh wie reizend." Erklang eine Stimme hinter ihnen, zuckersüß wie Honig und doch... durchzogen von einem unterschwelligen Druck. Sie glitt zwischen den schweren seidenen Vorhängen hervor, wobei das Licht des Raumes sofort ihre Figur umfing. Eine junge Dame, welche auf den ersten Blick das Ideal einer holden Jungfrau verkörperte. Ihr langes Haar, eine seltene und zarte Mischung aus hellem Rosa und Erdbeerblond - fiel in weichen Wellen über die Schultern, zusammengehalten von einem einzigen, feinen Spange, die fast wie ein Diadem wirkte. Ihr Gesicht war von makelloser, fast porzellanartiger Blässe, gerahmt von sanften, perfekt geformten Zügen. Ihre Augen groß und von einem ununschuldigen haselnussbraun vermittelten einen Eindruck von aufrichtiger Treue, der jeden Zweifel sofort verstummen ließ. Sacht ließ sie sich neben der Prinzessin nieder. Sacht strich sie ihrer Herrin einzelne silberne Strähnen aus den Gesicht. "Gar rührend… wirklich. Aber wir sollten Euer Herz nicht überanstrengen. Lasst mich für Euch sorgen. Lasst es ruhig sein." Undine spürte, wie die Fremde bewusst das Gewicht auf Elise verlagerte, die Aufmerksamkeit und Verantwortung klar auf die Prinzessin zog und auf diese Weise Undine fast unsichtbar machte. Doch das kalte Funkeln in Undines Augen ließ nicht zu, dass die Zofe die Kontrolle über den Moment gewann. "Ich tue niemandem Gewalt oder Böses." sagte Undine ruhig, die Stimme fest, klar, als müsse sie ihre eigene Präsenz behaupten. "Nur was notwendig ist." Die junge Dame mit dem erdbeerblonden Haar lächelte, das Lächeln schien Elise zu umhüllen. "Natürlich. ...Undine, richtig? Sicherlich habt Ihr es gut gemeint, versteht sich… Aber Eure Bemühungen, so bewundernswert sie sein mögen, dürfen das Herz der Prinzessin nicht belasten. Sie ist zu kostbar für Vi- Veil. Zu kostbar für uns alle Lunaris Veil um zu viel auf einmal zu tragen." Undine spürte das subtile Spiel, die stille Drohung, den Druck, der auf ihr lastete.

      Die Fremde wollte sie klein sehen, wollte sie irritieren, ihren Fokus brechen. Doch diesmal ließ Undine es zu, ohne zurückzuweichen. Sie atmete ruhig, spürte das Echo ihres eigenen Pulses, das Flüstern des Meeres unter ihrer Haut, und wusste: Sie würde nicht beugen, nicht weichen. Die stürmische See ließ sich einfach ungern bändigen. Denn unter der Kälte dieses Ortes und trotz der manipulativen Präsenz der vermeintlichen Jungfer schlug etwas in Undine, das weder Meer noch Frost war. Etwas Menschliches. Und unbeirrbar. Undine rückte wieder ein Stück vor, ihr Blick unverwandt auf Erdbeerblonden gerichtet. Ihre Stimme war ruhig, klar, fest. Kein Zögern, kein Schmachten, nur Wahrheit, direkt wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit. "Ach? Auch Ihr mögt Eure Worte gut meinen..." sagte sie schließlich "Aber ihr versucht, die Kontrolle hierher zu lenken, die Aufmerksamkeit von der Prinzessin auf Euch. Das wird nicht funktionieren." Ihr gegenüber lächelte, die Lippen weich, die Augen funkelnd. "Ach, Undine… ihr versteht nicht. Alles, was ich tue, ist zu ihrem Besten. Immerhin bin ich, Aveline, ihre Zofe und... engste Vertraute." Undine schüttelte den Kopf, ungerührt. "Vielleicht glaubt Ihr das. Aber wahre Sorge zeigt sich nicht in Kontrolle. Sie zeigt sich im Blick auf das Herz, nicht auf die Hände, die es halten wollen." Sie machte eine kleine Pause, ließ die Worte in der Luft hängen, sanft, aber wie ein Pfeil, der sein Ziel nicht verfehlt. "Wir sind hier, um zu helfen, nicht zu beugen. Und ich werde nicht zulassen, dass Ihr Elise die Wahl raubt oder ihr Herz schwächt, indem Ihr vorgibt, es besser zu wissen."

      Ein Moment der Stille. Aveline war sichtlich überrascht, dass Undine nicht nur stillhielt, sondern mit ruhiger Stärke und unerschütterlicher Geduld entgegentreten konnte. Kein Zorn, keine Überheblichkeit nur die klare, ehrliche Stimme einer, die wusste, wer sie war und warum sie hier stand. "Hmpf." murmelte Aveline, das Lächeln noch da, aber die Klinge in den Augen schärfer. "Sehr wohl… Ihr habt gesprochen. Wohlmöglich können selbst ketzerische Sonnenanbeter mit Worten umgehen." Undine konnte ein leises seufzen nicht unterdrücken. "Das Herz der Prinzessin, wie auch unseres eigenen, bleibt unantastbar. Ich hoffe Ihr habt verstanden und schlag den Rat nicht einfach ausschlagen." Und in diesem Moment wusste Undine, dass sie trotz Finsterhalls Schatten und Avelines subtiler Macht standhielt. Nicht aus Trotz. Nicht aus Stolz. Sondern aus dem einfachen Wissen, dass Wahrheit und Geduld manchmal mächtiger sind als jede List.
    • Elise

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      Elise sah wie ihre Zofe Aveline langsam aus dem Schatten der großen Säulen trat und sie musterte sie flüchtig. Aveline begleitete sie schon länger, unterstützt sie wo sie nur kann. Doch auch ihrem kalten und unerfahrenem Herzen blieben die Blicke nicht verborgen, die Aveline Victor schenkte.
      Ihre Naivität in diesen Thematiken bedeutete nicht, dass Elise nicht verstand, worauf Aveline es eigentlich abgesehen hatte. Leugnen konnte die Prinzessin jedoch nicht, dass die Zofe ihr nicht oft Gesellschaft leistete, auch wenn das Zusammensein mit Elise häufig ein sehr ruhiges und distanziertes gewesen war - sie fühlte sich nicht von ihr verurteilt, sondern hatte das Gefühl, dass die Zofe hinter ihr stand und ihr Verständnis schenken konnte.
      Doch zweifelte sie oft an ihrer Ehrlichkeit, denn Aveline hatte die Angewohnheit, sich von den Worten ihres Bruder verzaubern zu lassen und so sprach sie ihm häufig nach dem Mund. Es störte die Prinzessin nicht, denn letztendlich war sie nicht allein und auch wenn ihr Herz sich dieses Gefühl nicht in ihrem Körper manifestieren ließ, mochte Elise Gesellschaft - vor allem Gute.
      Sie war bei Weitem kein Feind des Alleinseins, verzerrte sie sich oft nach der Ruhe und der Harmonie die mit der Abwesenheit anderer Menschen kam. Und auch gerade machte sich in ihr das innige Bedürfnis breit, die Flucht zu ergreifen. Avelines Art bereitete der kalten Prinzessin ein wenig Unbehagen, denn auch mit vereistem Herzen spürte Elise die Reinheit, die von Undines Worten ausging.
      „Wohlmöglich können selbst ketzerische Sonnenanbeter mit Worten umgehen."“, sprach ihre Zofe und brachte Elise dazu scharf einzuatmen.
      „Entschuldigt Aveline…Ich bedaure, dass dies wohl wirklich nicht die Art ist, mit der wir in Lunaris Veil unsere Nächsten behandeln!“, zischte Elise mit kühlem Blick. Ihre Augen schienen sich in das Haupt der erdbeerblonden Frau neben ihr zu bohren.
      Wenn Elise eins verabscheute, dann war es Überheblichkeit, falscher Stolz!
      Ihr Herz hatte zum Vorteil, dass die Prinzessin sich nicht mehr darum scherte, was jemand davon hielt, wenn sie mal etwas strenger redete und so erlangte sie schnell Respekt. Es war ihr nicht möglich zu lügen, denn ein Herz aus Eis ist nicht nur Kalt, sondern auch Klar.
      Vor Elises inneren Auge tat sich eine wunderschöne Gestalt auf- aufrichtig, schön und warm - Arthur! Ketzerisch? Wohl kaum! Anders als sie? Sehr wohl. Doch konnte sie es nicht so stehen lassen, dass solche Worte über die Aurea Custodia unter ihrer Führung geäußert wurden und sie tat es auch nicht.
      „Diese Menschen kamen neben mir zurück in dieses Land, Aveline und ich verlange von Euch, dass Ihr sie als solche behandelt- ebenbürtig!“, beendet sie ihren Tadel und erhob sich langsam, streckte Undine ihre Hand entgegen und sprach mit sanfter Stimme. „Bitte lasst mich Euch Euer Gemach zeigen und etwas Essen auf euer Zimmer bringen. Ihr seid sicher erschöpft…“, vermutete sie, den Grund für die Erschöpfung ließ sie jedoch unkommentiert.
      Auch wenn Viktor härter wirkte und sein Auftreten oft dem des Narziss glich, war er den Menschen gegenüber sanfter. Fehltritte solcher Art durften geschehen und er war den solchen nicht nachtragend. Seine Schwester hingegen war dieser Zärtlichkeit schon lange entfernt gewesen und Aveline hätte es gewiss sein müssen, dass sie mit solchen Aussagen wohl eher bei Viktor hätte unbemängelt passieren dürfen.

      Elise lief voran durch die Kälte ihrer Heimat. Alles war schneebedeckt, doch die Wege frei davon. Kleine warme Lichter erhellten die Straßen von Lunaris Veil und eine große Statue Selenes schmückte den üppigen Marktplatz. Der Abend war schon tief eingebrochen und die Menschen schienen lebendiger als zuvor. Sie betrieben Tauschgeschäfte untereinander, durch die Luft zogen sich die verschiedensten Düfte Kräuter und Gewürzen und alles schien so viel belebter, als es über Lunaris Veil erzählt wurde.
      „Entschuldigt bitte, Lady Undine“, begann sie leise. „Erst überrumpel ich Euch mit meiner törichten Unwissenheit und dann noch mit meiner eifersüchtigen Zofe“, seufzte sie zu Ende.
      „Lasst mich wissen, wenn ich es wieder gut machen kann…“, bat sie die schöne Frau neben ihr.
      Sie schwieg für einen Moment, während sie durch die Mengen der Leute lief und fuhr erst wieder fort, als sie auf den ruhigen Weg zum Anwesen angelangt sind. „Vielleicht ist es töricht, Euch darum zu bitten. Vergesst die Frage, sollte Sie Euch verletzen!“. Elise sah mit sanfter Miene zu Undine und mit aller Zärtlichkeit, die noch in ihrer Stimme übrig geblieben war, fragte sie leise: „Würdet ihr mir verraten, worauf ich zu achten vermag? Vielleicht bei einer Tasse Tee?“. Ehrlichkeit, keine Neugier. Sie war nicht beschämt darüber, sich blamiert zu haben, sondern entzürnt, Undine in eine missliche Lage gebracht zu haben.
      „Nur wenn es Euch kein Unbehagen bereitet…“.

      Sie lief gerade auf das Tor vor dem Anwesen zu, welches zwei ihrer Schwestern bewachten. Zügig nahmen sie ihre Verteidigung herunter und verbeugten sich - vor der Prinzessin, sowie der klugen Taktikerin und Elise tat es ihnen gleich.
      Elise bot Undine den Vortritt an und holte schnell wieder auf.
      „Willkommen auf dem Anwesen der Familie Belyova. Seid auf ewig ein Teil davon“, verkündete sie höflich und trat dann gemeinsam mit ihr in die große Halle ein.
      „Seht Euch gern um, solange ich Euer Gemach herrichte“, lud sie ein und verschwand dann in den tiefen Gängen des Anwesens.

      Das Innerre des Anwesen der Belyova war dunkel und möglicherweise mochte es auf einige etwas schaurig wirken, doch war es mit Wärme gefüllt. Kerzen erhellten die Gänge, Bilder verzierten die Wände und auf den großen Teppichen ließ sich hier und da ein Kätzchen nieder, welches sich in der herzlichen Atmosphäre des kleinen Schlosses wärmen wollte. Die Temperatur war nicht, wie vielleicht zu vermuten, kalt, sondern angenehm warm. Es wirkte wie ein Zuhause, in welchem einst viel Liebe herrschte, welche nur darauf wartete, wie der große Kamin im Wohnraum wieder entfacht zu werden.
      441cf461eb0d0dfd0e582e594f41e01a.jpgUnd so hießen die Belyovas ihre neuen Bekannten in ihrer Heimat willkommen - die Gemächer richtete Elise allein her, denn Bedienstete hatte es schon lang nicht mehr gegeben und die Küche gehörte ihr ebenfalls allein, sofern ihr niemand Gesellschaft leisten wollte. Und schnell zog schon bald der bekannte Duft der Straßen durch die heimischen Gänge.

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    • Undine

      Die Dunkelhaarige schwieg, als Elises Stimme erklang nicht laut, doch mit jener Kälte, die kein Sturm übertönen konnte. Ihre Worte galten Aveline, und doch spürte die schlichte Schönheit die Wellen, die durch den Raum gingen. Sie brauchte die Zofe nicht anzusehen das Zittern in deren Atem war Antwort genug. Ihr Blick blieb auf der Prinzessin. In ihr erkannte sie etwas Seltenes. Haltung, nicht nur Stärke. Kein Hochmut, sondern Würde, die man sich erarbeitet, Schicht um Schicht, wie Eis, das über Wunden wächst und sie zugleich schützt. Ein Hauch von Erleichterung durchzog die junge Frau, doch sie ließ ihn nicht zu. Jetzt war nicht der Moment für Dankbarkeit, sondern für stillen Respekt. Als Elise sich erhob und ihr die Hand reichte, nahm Undine die Geste an nicht als Untergebene, sondern als Gleichwertige. In den Augen der Prinzessin lag keine Pflicht, sondern Sorge. Das war neu. Und gefährlich. Denn Sorge machte verwundbar. Sie folgte Elise hinaus in die winterliche Stille. Der Schnee flüsterte unter ihren Schritten, die Lichter von Lunaris Veil spiegelten sich weich in den Fenstern. Dieses Land war wie Elise selbst von außen gefasst in Frost, doch darunter regte sich Wärme, kaum sichtbar, aber da. "Lasst uns nicht aus Entschuldigungen einen Grund zum Kennenlernen machen." sagte die kühle Strategin leise. "Ich schätze ehrlicheres Licht." Vor dem Anwesen der Belyovas blieb sie stehen. Kein kalter Palast, sondern ein Haus, das atmete Kräuterduft, Kerzenlicht, das Knistern von Holz. Dunkel, ja, aber nicht leer. Die Schatten waren weich, wie der Nachhall eines alten Liedes. In ihnen wohnte Erinnerung, das Flackern eines Feuers, das nie ganz erloschen war.

      Sie spürte: Dies war ein Zuhause. Kein Ort der Macht, sondern einer, an dem Liebe schlief, wie Eis, das auf das Frühjahr wartete. Die Dunkelhaarige fühlte sich nicht fremd, doch auch nicht daheim als hätte das Haus sie erkannt, aber noch nicht entschieden, ob es sie willkommen heißen wollte. Elise war wie dieses Haus - kühl an der Oberfläche, still und gemessen, doch tief darunter regte sich Bewegung. Eis war einst Wasser, dachte sie. Und Wasser vergisst nie, dass es sich bewegen soll. Sie wünschte, der Prinzessin zeigen zu können, dass Kälte nicht schützt, sondern fesselt. Vielleicht konnte sie ihr helfen, das Eis zu lösen nicht mit Feuer, sondern mit Geduld, mit jener leisen Kraft, mit der Wasser selbst Felsen höhlt.
      Am Fenster blieb sie stehen, das Licht von Lunaris Veil malte flüssiges Gold auf ihre Haut. Ja, hier konnte sie verweilen lang genug, um zu verstehen, warum das Herz der Prinzessin so still schlug. Für diesen Augenblick lauschte sie dem Atem des Hauses und ihrem eigenen. Und irgendwo, tief in ihr, begann etwas zu tauen. Vielleicht, dachte sie, konnte sie hier etwas finden, das selbst das Meer ihr nie gegeben hatte: Zugehörigkeit.

      Arthur
      Der junge Ritter stand im Innenhof des Hauses der Belyovas und lauschte. Der Schnee fiel leiser als anderswo, als würde er Rücksicht nehmen auf die Schatten, die in den Mauern wohnten. Der Himmel hing tief, grau und fast durchsichtig, und in der Ferne rief ein Nachtvogel, dumpf und einsam.
      Die Fackeln warfen flackernde Linien über das Pflaster, und der Braunhaarige folgte ihnen mit dem Blick, bis sie im Dunkel verschwanden. Das Haus war eine Festung und zugleich ein Zufluchtsort. Stein, der Schutz versprach. Schatten, die prüften. Ein Ort, an dem jedes Geheimnis einen Platz hatte. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, als Elise sie hierhergeführt hatte. Vielleicht Frost, vielleicht Stille. Doch gefunden hatte er Leben. Kerzenlicht. Wärme. Und in ihr in der Prinzessin etwas, das sich keiner einfachen Wahrheit fügte.

      Der Sonnenritter beobachtete sie unauffällig, während sie durch die Halle schritt. Elise trug Würde wie einen Mantel, doch manchmal, wenn sie glaubte, unbeobachtet, glitt ihr Blick ins Ferne, als suchte sie etwas, das verloren schien. In diesen Augenblicken war sie nicht Eisprinzessin, sondern Mensch still, schön, unerreichbar. Er erinnerte sich an den Kampf im Nebel. An das Gesicht unter dem schwarzen Helm. An diese Illusion die beinahe sein eigenes Spiegelbild sein konnte, welches ihn herausgefordert hatte. Vor wem kämpfst du, Arthur? Vor Dunkelheit oder vor dem, was in dir nach Licht verlangte?
      Er atmete die kalte Luft ein. Sie schmeckte nach Eisen, nach Stein… und einem Hauch von Parfum, etwas zwischen Schnee und Feuer.

      Ein Laut ließ ihn aufsehen. Über der Treppe hing das Familiengemälde: Elise, jung, lächelnd; Victor, stolz; der Vater ernst; die Mutter gütig; dazwischen ein Bruder, den Elise nie erwähnt hatte. Ein Schatten glitt durch die Brust des jungen Mannes, leise wie ein Gedanke. Er trat näher, die Stiefel knirschten kaum. In den Augen der jungen Elise erkannte er Hoffnung ...dieselbe, die ihn einst nach Camlann geführt hatte. Er streckte die Hand aus, zog sie aber sofort zurück. Man berührt keinen Schmerz, der nicht der eigene ist. Hinter ihm flackerte eine Tür auf. Elises Stimme gedämpft, ein Hauch von Müdigkeit, vielleicht Trauer. Er drehte sich nicht um, wollte sie nicht stören. Doch ihr Schatten fiel schmal über den Boden, und etwas in seiner Brust zog sich zusammen. Wie seltsam, dass ein Herz, das Licht führen soll, sich nach dem Kältesten sehnt, das ihm begegnet ist. Leise drang Undines Stimme durch die Flure, klar wie Wasser über Stein. Worte, die keine Lautstärke brauchten, um Gewicht zu haben. Aveline antwortete süß wie Gift, unter dem sich Stahl verbarg. Der junge Ritter hörte nur den Ton, und doch verstand er: stille Kämpfe, in denen kein Schwert gezogen, aber jedes Wort zur Waffe wurde. Er trat ans Fenster. Draußen schneite es feiner, fast zaghaft, als lausche selbst der Winter. Im Licht der Fackeln tanzten die Flocken über den Hof, glitten über den Brunnen, hinterließen spärliche, schmale Spuren Elises. Aus dem Korridor klang noch einmal ein Hauch erhobener Stimmen, dann Stille. Undine hatte gesprochen, mit jener stillen Kraft, die Schatten zähmt. Er ließ den Blick zurück zum Gemälde schweifen. Elise, jung, aufrecht, das Licht des Mondes auf ihrer Stirn. Nicht mehr nur Farbe und Öl - gezeichnet, aber nicht gebrochen. Das Licht in ihr war nicht vergangen, nur verschüttet unter Frost. Ein Laut hinter ihm - Schritte, leise, zögerlich. Der junge Ritter wandte sich halb, sah den Schein ihrer Kerze, ehe sie stehen blieb. Er sprach nicht, wollte sie nicht fortscheuchen. Doch in diesem Atemzug lag mehr, als Worte vermochten.
    • Viktor

      Viktor schritt leichtfüßig durch die Gänge. Sein Zuhause fühlte sich wieder vollständig an - nie ganz, doch war das verlorene Schaf wieder bei seinem Hirten angelangt. Und es hatte Wölfe mitgebracht. Doch zwischen diesen Wölfen war dieses eine wunderschöne Wesen - Undine. Er erblickte sie von der oberen Etage aus und lehnte sich mit verschränkten Armen an das Geländer, sah über die Schulter zu ihr herunter. „Lady Undine…“, rief er mit sanfter Stimme. „Hat meine Schwester Euch direkt wieder verlassen? Das ist eine schlechte Angewohnheit von ihr“, verkündete er mit Ehrlichkeit und konnte ein leichtes Seufzen nicht verkneifen.
      Ihre Haut glänzte sanft im goldenen Licht, in welches sie die Straßen von Lunaris Veil hüllte. Ein Stern, dachte der Prinz. Sie sieht aus wie ein Stern und so einen schönen, hatte er noch nie zu Gesicht bekommen. Viktor wirkte anders als zuvor, gelassener und weniger gespielt, so als würde die Wärme seiner Heimat ein Stück Wahrhaftigkeit aus ihm hervorrufen.
      „Erdrückt Euch unsere Heimat?“, fragte er sie interessiert. „Ihr seid anderes gewohnt, nicht war? Unser Meer ist gefroren, unsere Tage dunkel. Die Sonne scheint hier nur zwischen den Wolken“.
      „Aber unsere Nächte sind klar und ein Meer aus Sternen fließt jede Nacht über unseren Köpfen herbei“. Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen. „Es lässt sich gut mit der Tiefe Eurer Haare vergleichen, Lady Undine. Sie ist der Farbe unseres Nachthimmels fast identisch“, bemerkte er und schenkte ihr ein warmes Lächeln.
      Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen und schritt neben die schöne Frau am Fenster.
      Das Licht umspielte sanft seine markanten Gesichtszüge und zeichnete sanft flackernde Pinselstriche auf seiner Haut ab. Er sah zu Undine und dann langsam aus dem Fenster heraus in den kleinen Innenhof. Weiche Flocken fielen vom Himmel herab auf den schneebedeckten Boden und hüllten den Garten in ein ebenmäßiges Weiß.
      Ehe er weitersprechen wollte, erkannte er zwei Silhouetten im schatten des Mondes und er kniff seine Augen leicht zusammen. Das warme Licht einer Kerze war zu erkennen, doch erkannte er nicht, um wen sich handelte. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, versuchte er herauszufinden, wer sich dort im Innenhof befand.
      „Hm…“, brummte er leise und für mit der Spitze seiner Zunge sanft über die Kanten seiner Zähne.
      Eine Unruhe durchfuhr seinen stämmigen Körper und hinterließ eine bemerkbare Anspannung in seinen Gliedern.

      Elise

      Das Haus war lebendiger als zuvor – erfüllt von Stimmen, Atem, Bewegung. Elise genoss diesen Anblick, denn er schenkte ihr für einen flüchtigen Moment den Anschein von Normalität. Menschen, die sich um sie herum bewegten, als wäre sie ein Teil von ihnen.
      In den Fluren hallten gedämpfte Worte wider, doch der Hof lag still, abgeschirmt von allem. Aus der Hintertür der Küche trat Elise hinaus in die winterliche Luft. Leichtfüßig wie eine Katze tapste sie durch den Schnee – doch schmolz dieser nicht unter ihren Schritten, als wolle ihr Körper selbst den Winter bewahren.
      Das Mondlicht legte sich wie silberner Staub auf ihr Haar und ließ sie wirken, als trüge sie ein Stück des Himmels in sich. Ihr schwarzes Kleid machte das helle Leuchten ihrer Gestalt nur noch reiner, fast überirdisch. Sanft klopfte sie sich das Mehl von den Händen, und schon beim ersten Atemzug in der kalten Luft spürte sie es: diese sanfte Wärme, dieses goldene Leuchten- Arthur.
      Langsam wandte sie sich um, und ihr Blick traf den seinen. „Sir Arthur…“, sprach sie leise, mit einem Hauch von Zurückhaltung, der beinahe Zärtlichkeit glich. Sie neigte den Kopf in respektvoller Begrüßung und strich sich eine silberne Strähne hinter das Ohr. „Ich wollte Eure Ruhe nicht stören, entschuldigt bitte“, bat sie den edlen Ritter, ehe sie offen fortfuhr. „ In der Küche wird es mir schnell zu warm“, berichtete sie ihm und würdigte ihm jedoch keines Blickes. Doch tat sie dies nicht aus Arroganz, ganz im Gegenteil schien sie seiner Selbst ehrfürchtig zu sein. Elise ließ sich auf einer kleinen Bank nieder, welche nah am Eingang zur Küche ihren Platz bekommen hatte - ihre Beine elegant zur Seite gelegt und ihre Hände sanft auf ihren Knien ruhend, den Blick weiterhin gesenkt.
      Sie wusste, was der Blick dieses Mannes mit ihrem Herzen anstellen könnte, dass es poltern und toben würde und seine Wärme sich langsam und unvermeidlich in ihren Adern ausbreiten würde, bis sie von innen heraus Feuer fangen und daran elendig zugrunde gehen würde.
      Es fiel der Prinzessin schwer, dem Antlitz des schönen Mannes zu widerstehen, denn es löste etwas in ihr aus, was sie zuvor noch nicht zu spüren bekommen hatte. Langsam ließ sie ihren Blick zu der strahlenden Sonne wandern, welche sich in dem winterlichen Innenhof des kleinen Anwesens verirrt hatte und ließ die helle Prinzessin schlucken.
      Langsam rückte sie ein wenig auf der Bank zur Seite und sie deutete mit der flachen Hand auf den freien Platz neben ihr, doch blieb zwischen den beiden Juwelenträgern genügend Platz, sodass sich niemand den Flurfunk hätte anheizen können.
      „Leistet Ihr mir Gesellschaft, Sir Arthur? Ich werde schon bald wieder in der Küche verschwunden sein“, versicherte sie dem aufrichtigen Mann und sah ihn mit zärtlichen Augen an - verständnisvoll, falls er ihre Bitte lieber ablehnen würde. Doch lag in ihrem tiefen Atemzug ein leiser Schimmer von Hoffnung und in ihren Gedanken Undines herzliche Stimme.
    • Undine

      Undine spürte, wie sich der Name auf seinen Lippen legte ...Lady Undine ...und wie er in der Luft nachklang, als wäre er zu schwer für sie allein. 'Lady'. Ein Wort, das sie nie beansprucht hatte, das sich anfühlte wie ein kostbares Kleid, das jemand über ein Wesen aus Salz und Schaum gelegt hatte schön, aber fremd. Sie hob leicht den Kopf, ohne ihm ganz ins Gesicht zu sehen. "Ich bin keine Lady." Sie hatte weder Land noch Titel, weder Gold noch Macht. Nur Wasser unter der Haut und eine Stimme aus Tiefe und Schweigen.
      Doch dieser Mann sah sie anders. Sein Blick war warm und prüfend zugleich, als könnte er mehr erkennen, als andere je gesehen hatten. Er hatte die Farbe ihrer Haare bemerkt - Mitternachtsblau, so tief wie der Nachthimmel, hatte er gesagt. Niemand hatte das zuvor bemerkt. Für die meisten war ihr Haar schwarz wie Schatten im Kerzenlicht. Aber Viktor hatte das Blau erkannt, jenen dunklen Schimmer, der nur dann erscheint, wenn das Licht es will.
      Warum gerade ihm? fragte sie sich.
      Warum fiel es ihm auf – und warum war es ihm wichtig genug, es auszusprechen? Hatte sie ihn unwillentlich verzaubert, statt lediglich den Schleiernebel von ihm zu lösen? War es das Echo der Venus, diese alte Gabe aus den Tiefen ihres Blutes, die Herzen band, Verstand und Willen verführte? Jahrhunderte war es her, dass Undine diese Macht bewusst eingesetzt hatte, als sie noch frei durch das Rauschen des Meeres schwamm. Wenn es nun geschehen war, musste sie es schleunigst brechen. Sie wollte niemanden täuschen.

      Er trat näher, und das goldene Licht der Fackeln legte sich wie flüssiger Bernstein auf seine Züge. Seine Stimme war warm, zu warm für dieses Haus aus Frost und Stein. Doch ehe sie den Gedanken fassen konnte, wanderte sein Blick hin zum Fenster, hinaus in den Hof. Draußen zeichneten Kerzenschein und Schnee zwei Silhouetten: Elise und Arthur. Zwei Seelen, die in ihrer Nähe zueinander fanden. Etwas Warmes regte sich in Undines Brust ... stille Freude, vielleicht auch Sehnsucht, die nicht ihr gehörte. Diese Momente gehörten den beiden allein. Also tat sie, was sie sonst nie tat: Sie trat einen halben Schritt näher, so dass sich ihre Schultern fast berührten. Der Duft von Winterblüten und Meeressalz hing zwischen ihnen. Flüchtig und vertraut. Ihre Hand fand wie zufällig seinen Arm, sanft, höflich, bedacht und doch von einer Wärme, die den Frost der Mauern vergessen ließ. "Ich hörte..." flüsterte sie, der Blick zugleich Bitte und Versuchung, "...dass Bibliotheken mehr über einen Menschen oder Ländereien verraten als jedes Bild und jeder Lied." Ein Hauch von Neckerei lag in ihrer Stimme, doch ihr Lächeln nahm ihm die Schärfe. Ihre Augen funkelten im Kerzenlicht, dunkelblau wie Tinte unter Mitternachtssonne."Vielleicht erlaubt Ihr mir, sie zu sehen ... Eure Bibliothek. Ich würde gern wissen, welche Schriften sie hütet." Sie bemerkte das Flackern in seinem Blick, das kurze Spiel zwischen Kontrolle und Verlangen. Macht und Bedauern zugleich. "Bitte." sagte sie leise, "Zeigt mir, was Ihr bewahrt. Worte sind Schätze, nicht wahr? Ein Mann, der so spricht wie Ihr, muss sie hüten wie andere ihr Gold." Als er sich schließlich bewegte, blieb sie an seiner Seite eingehakt. Der Schnee fiel lautlos weiter und niemand sah, wie zwei Gestalten im goldenen Schein der Fackeln den Flur hinabschritten: der Prinz von Eis und Schnee - und die Frau, deren Blick das Eis wieder zu Wasser werden ließ...

      Arthur

      Der junge Ritter verweilte noch immer im stillen Hof, umgeben vom Schnee, der das alte Pflaster mit Schweigen bedeckte. Die Luft war klar, fast gläsern, und sein Atem stieg in feinen Schwaden empor.
      Eigentlich so dachte er, so hoffte ein Teil von ihm, zöge sie vorbei. Doch es kam anders. Eine passende Anrede und sein Name, kaum mehr als ein Hauch, und doch zuckte sein Körper fast unmerklich. Unter der Rüstung blieb die Bewegung verborgen, aber sie war da. Es war nur ein Name – sein Titel, nicht einmal sein bloßer Name –, und doch traf ihn der Klang wie ein warmer Pfeil.
      Er kannte dieses Wort, tausendfach gehört, aus dem Mund von Rittern, Boten, Lords. Doch nie hatte es so geklungen. Nie war es so weich gefallen, so nah an etwas, das kein Hofprotokoll beschreiben konnte.

      Er hob langsam wieder sein braunes Haupt.
      Und da stand sie - die Eisprinzessin, im silbernen Mantel des Mondes. Ihr Haar fing das Licht, als hätte es selbst den Glanz der Sterne aufgenommen. Sie schien aus Schnee und Atem geformt, zu fein für die Welt, die ihn geprägt hatte. Elise. Nur in Gedanken wagte er, ihren Namen auszusprechen, und schon das kam ihm zu Weilen wie ein Sakrileg vor.
      Er atmete ruhig, so ruhig, wie er es auf dem Schlachtfeld gelernt hatte, doch sein Herz schlug ungehorsam gegen jede Tugend, die er je geschworen hatte. Arthur schluckte ehe er die Worte wiederfand. "Mylady." sprach er schließlich, und die Höflichkeit in seiner Stimme war so klar wie kalter Stahl. "Ihr stört meine Ruhe nicht. Im Gegenteil ... Ihr macht den Ort lebendiger." Er neigte leicht den Kopf, zu ehrerbietig vielleicht, denn er brauchte die Geste, um die Unruhe in sich zu verbergen.
      Sie lächelte, und das schwache Glitzern in ihrem Blick war gefährlicher als jedes Schwert.

      Sie setzte sich, und als sie mit der flachen Hand auf den Platz neben sich deutete, fühlte er, wie sich etwas in ihm regte. Ein Wunsch, zu folgen, der stärker war als Vernunft. Der junge Anführer zögerte. Ein Ritter saß nicht neben einer Prinzessin, ohne Erlaubnis, ohne Absicht. Und doch - ihre Stimme, ihr Blick, ihre Sanftheit hatten etwas in ihm gelöst, das er lange begraben geglaubt hatte.
      Langsam trat er näher, mit der Ruhe eines Mannes, der sich selbst zu zügeln wusste. Er setzte sich, achtete jedoch auf den gebührenden Abstand, so dass kein Hofdiener ihm etwas hätte nachsagen können. Die Kälte des Steins unter ihm, das Wispern des Schnees, der Duft von Essen und winterlicher Luft ... all das mischte sich zu einem Moment, der so schlicht war, dass er beinahe heilig wirkte. Er wagte es, sie flüchtig anzusehen. Ihr Profil war still und edel, ihr Atem hob sich sacht im Licht.

      Und wieder spürte er, wie sich die Erinnerung an Guinevere in ihm regte. Die alte Wunde, die noch nicht ganz verheilt war. Doch die Wärme, die von dieser Frau ausging, war anders. Kein Sturm. Kein Schmerz. Nur das stille Bewusstsein, dass selbst Eis tauen kann. "Ihr fühlt Euch wohler hier, unter freiem Himmel?" fragte er leise, und seine Stimme klang, als fürchte sie, zu laut zu sein. Er hielt den Blick auf den Schnee gerichtet, denn er wusste, dass er verloren wäre, würde er sie zu lange ansehen. In ihm tobte ein stilles Ringen. Pflicht gegen Sehnsucht. Ehre gegen Herz.Und doch ... als der Wind sacht ihr Haar berührte, als er den feinen Duft spürte, der sie umgab, wusste der junge Mann, dass dies kein flüchtiger Moment war.
      Etwas in ihm war erwacht, still, vorsichtig, aber unwiderruflich. Und so saß er dort, der Sonnenritter, neben der Prinzessin aus Eis, und schwieg aus Furcht, dass jedes weitere Wort das Gleichgewicht zerbrechen könnte.
    • Viktor

      "Nun, Lady Undine", sprach er. "Das ist wohl auch nur eine weitere Floskel um die Menschheit zu spalten, nicht? Jede Frau ist eine Lady, wenn der gegenüber sie als solche ansieht. Schließlich ist es nur ein Titel ohne Gewicht", verkündete er seine Meinung und lächelte ein wenig schief. Er beobachtete wie die schöne Frau vor ihm langsam in Gedanken versunken war und sie auf einem Floß immer weiter hinaus aufs offene Meer von Gedankenspielen hinabtrieb. Er fragte sich, worüber eine Frau ihresgleichen wohl so intensiv nachdenken würde? Sie unterschied sich von denen er zuvor begegnet war und ihr Wesen ließ in nur schwer los. Er musterte ihren Blick, verlor sich für einen Augenblick in das tiefe Blau ihrer Augen, welche das Meer in seiner vollen Pracht selbst Wiederspiegeln zu schienen.

      Viktor unternahm den Versuch sich aus ihren Augen zu befreien und sein Blick wanderte hinaus in den Innenhof. Zwei dunkle Gestalten - kaum zu erkennen und doch zueinanderfinden. Sein Blick wurde schärfer und seine Sinne aufmerksamer, als er versuchte herauszufinden, wer im sanften Schneefall die Anwesenheit des jeweils anderen zu genießen begann. War es etwa- sein Blick wanderte auf seinen Arm, langsam und vorsichtig, um das zarte Reh nicht zu verschrecken. Undines Hand hatte auf seinem Arm gefunden und wärmte sein Gemüt. Er vergaß was draußen vor sich ging, als der sanft blumig Duft seiner Gesprächspartnerin seine Sinne ins schwanken brachten, wie ein Sturm ein kleines Papierboot auf hoher See. Ein neckisches Grinsen kräuselte seine Mundwinkel und er musterte Undine flüchtig - nicht bewertend, sondern überrascht. "Gern", sprach er leise, während er jedes ihrer Worte in sich aufnahm. Doch wusste er, was hier vor sich ging, entschied sich jedoch dazu, seinem Willen nachzugeben. Vielleicht konnte er aber auch gar nicht anders, denn die Stimme der Frau schien ihn magisch gefügig zu machen. Sanft und nur flüchtig legte er seine Hand an Undines Rücken, um sie in Richtung Bibliothek zu lenken. Der hübsche Prinz biss sich auf die Lippe, jedoch gelang es ihm nicht dem körperlichen Verlangen zu widerstehen - er lachte. Seine Hand glitt an seinen Bauch und er bot einen Blick darauf, wie schön es wohl klingen musste, wenn Elise lachte. Viktors Lachen war warm und herzlich, leise aber eindringlich. Er sah rüber zu seiner bezaubernden Begleitung. "Ihr seid sehr gewieft, das muss ich euch lassen", lachte er, ehe sein Lachen zu einem sanften, aber dunklen Lächeln wurde. "Ich habe sie gesehen. Meine Schwester".
      Er ließ seinen Blick nicht von ihr, schritt trotzdem weiterhin zu seiner Bibliothek. "Hört. Ich verstehe gut, dass meine Maßnahmen meiner Schwester nicht gefallen, aber Ihr wisst nicht, wie fragil ihr Herz wirklich ist". Ein tiefes Seufzen unterbrach ihn, während er Undine die Tür zu seiner großen Bibliothek aufhielt und einladend nickte. "Ich möchte auch nun wirklich nicht über meine Schwester reden, wenn Ihr mir so eine schöne Bitte entgegenbrachtet - mag sie auch nur zum Schein sein". Viktor grinste, ein Zusammenspiel aus Verärgerung und Belustigung. "Elise und ich besitzen ein Band aus Blut. Der Juwelenträger scheint sie zu Berühren, genauso wie Ihr es tut". Seine Miene wurde wieder sanfter. "Es erfüllt mich mit Freude, meine Schwester Lächeln zu sehen. Aber Undine - gleichermaßen reißt es mir mein Herz in abertausende Fetzen aus Wut, Sorge, Angst...". Langsam schritt er hinüber zu dem großen Sekretär aus dunklem Holz und er öffnete mit einem Schlüssel, welchen er um seinen Hals trug, ein kleines Fach. In seinen Händen hielt er ein weißes Buch, welches auf dem Einband in schöner, dunkelblauer Schrift das Wort Tagebuch trug. Es war Elises aus vergangener Zeit. "Es ist ein Geheimnis, welches ich Euch hiermit anvertraue" und er wusste nicht warum er es tat. "Niemand weiß davon, aber Ihr seht meine Schwester mit anderen Augen. Das spüre ich...", flüsterte er nahezu. Er sah auf das Buch, das Undine in ihrer Hand hielt und schloss den Sekretär wieder zu. Die Entscheidung es zu lesen, überließ er der cleveren Frau selbst.
      "Nun gut!", beendete er seinen Monolog. "Dann heiße ich Euch herzlich in meiner Bibliothek willkommen, da es euch ja so hierher verzerrte", lachte er sarkastisch und lud sie mit beiden Händen ausschweifend in die tiefen seiner literarischen Vorlieben ein.

      Philosophie, Fiktion, Mathematik reihten sich durch das dunkle Holz, aber nichts war so oft vertreten wie die Poesie. Er las solche aus aller Welt und schien nichts anderes so zu begehren wie die schönen, aber auch dunklen Zeilen voller Reim und Metapher. Es bildete seine eigene kleine Welt, in welche er sich fast täglich begab. Es war eine Reise in die Tiefe des eigenen Selbst und er genoss dieses Gefühl schon seit Kindertagen. "Seht Euch so innig um, wie es Euch beliebt". Der Prinz setzte sich auf einen tiefen Sessel nah am Feuer und sah zu seiner hübschen Begleitung, doch in seinem Blick lag Sorge. Er wusste, dass es gefährlich war, seine Schwester allein zu lassen, unbeaufsichtigt ihren eigenen Gefühlen hilflos ausgesetzt. Das kleine Vögelchen entkam für einige Momente seinem silbernen Käfig und er ließ ihn fliegen, nur für einen kleinen Moment - nur diesen Augenblick. Dennoch fürchtete Viktor, dass sein kleines Vögelchen die Welt erblicken und für immer fortfliegen könne. Er verschränkte seine Arme und der feine Stoff seines Hemdes spannte, legte sich wie Seide um die Abzeichnungen seiner Muskulatur. Viktor war wie seine Schwester mehr als nur ein adliger Mann - er war ein begnadeter Kämpfer und viel mehr als nur warme Worte und ein hübsches Gesicht. Angespannt öffnete er den obersten Knopf seines Hemdes, dann den zweiten. Der gleiche Anblick ergab sich, den seine Arme schon zu vermuten ließen. Er war von sehr sportlicher Statur und mit eleganter Bewegung lehnte er sich etwas nach hinten, tiefer in den weichen Sessel hinein. Wie eine Raubkatze fing sein Blick die dunkle Schönheit vor ihm wieder ein, doch nur von kurzer Dauer, ehe er höflich seinen Blick wieder abwendete. Ein Grinsen blieb auf seinen Lippen allein zurück.

      Die Bibliothek war geräumig, jedoch nicht protzig riesig - eine Behauptung, die man über das schöne Instrument am großen Fenster nicht stellen konnte. Eine wunderschöne Harfe stand im Mondlicht. Die Saiten des umwerfenden Instruments glitzerten im Licht Seltenes, als hätte der Mond seine Strahlen dafür in feine Stränge gewebt. Viktor erkannte den Blick seiner Begleitung. "Die Harfe meiner Mutter. Sie hat sie auf einer Reise von einer Frau geschenkt bekommen. Mutter sprach viel darüber. Diese Dame blieb ihr bis in ihren Tod in Gedanken und bat mich, diese Mitgift auf ewig zu Ehren", sprach er. Die Ornamente, die das schöne Instrument zierten, flossen weich wie der Strom und die Wellen des Meeres und auf der Spitze des Instruments saß sie - das Abbild einer wunderschönen Nymphe zierte das Haupt des Harfe. Während er sprach erhob er sich und stellte sich neben die Schönheit. Sein Blick wanderte auf die Spitze und leise hauchte er: "Sie ist wunderschön, nicht wahr?". Seine leisen Worte blieben noch einen Moment im Raum und verklungen mit purer Ehrlichkeit in der Wärme seiner Bibliothek.

      Elise

      Ihr Lächeln blieb noch einen kurzen Moment, als der schöne Braunhaarige neben ihr seinen Platz fand. Eine direkte Wärme breitete sich um die beiden Juwelenträger aus, doch entschied sich die Kälte nicht gegen die sanfte Wärme zu kämpfen, sondern nahm sie bei der Hand und verbrannte sich an der Berührung. Feuer und Eis tanzten miteinander, mit zärtlicher Berührung - gefährlich nah.
      Elise musste etwas Kichern, als er ihr sagte, dass sie den Ort lebendiger machte. Ein Geräusch, welches noch einen kurzen Augenblick durch die Luft schweben zu schien - ehrlich, sanft und mit wunderschönem Klang. "Sie ist schon etwas paradox, Eure Wahrnehmung, mein Herr", witzelte sie und sah zu ihm. "Denn bin ich so unlebendig, wie ein wandelndes Wesen es nur sein kann", sprach sie leise zu ihm. Ihre Stimme hinterließ einen sanften Nebel in der Luft und er schien die Nähe des Mannes neben ihr zu suchen.
      "Danke", entglitt es ihr leise. "Eure Gesellschaft lässt mich etwas lebendiger fühlen", entgegnete sie es ihm und nickte höfisch - etwas tiefer, als sie musste, um danach ihren Blick in dem weiten Weiß des Hofes verschwinden lassen zu können. Elise flüchtete nicht vor seinem Blick, sondern versteckte sich vor ihm - in ihr die leise Hoffnung, von ihm gefunden zu werden.

      Ihre zarten Finger griffen leicht den Stoff ihres Kleides und ließ so ihre Nervosität in die feinen Bewegungen ihrer Fingerspitzen laufen. Sie konzentrierte sich auf das Gefühl des Stoffes an ihrer Haut und die Prinzessin schien einen Moment lang in ihren Sinnen zu verschwinden. Der weiche Stoff auf ihren zierlichen Oberschenkeln, zwischen ihren Fingern - wie seine Finger auf ihren eigenen, auf ihrem Rücken, als sie die Blutzinnen überquerten. Wie sie sich wohl- seine leise Stimme riss sie aus ihren Gedanken, bevor sie sie beschämen konnten. Wie verzaubert zog seine Stimme ihren Blick hin zu seinem - Doch seiner hatten ihren nicht gefunden. Weiterhin blieb sie versteckt, also richtete sie ihren Blick zurück in den Schnee. So war es ohnehin besser gewesen, denn Viktor warnte sie genau davor - vor dieser lodernden Sehnsucht, die in ihren Adern brannte. Mit gespreizten Fingern fuhr die Prinzessin sich kurz durch die Spitzen ihrer Haare, als der Wind diese zu flechten versuchte und Elise legte ihr weißes Haar verspielt über eine Schulter, bevor sie ihre Finger wieder in dem zarten Stoff ihres schwarzen Kleides vergrub.
      "Ja", antwortete sie ihm, unsicher darüber, ob sie nicht etwas zu lange gebraucht hatte. "Die Natur hier fühlt sich sehr warm für mich an. Wieder etwas irrsinnig, nicht?", fragte sie ihn und erhob dann ihren Blick in die Sterne. "Seht nur, welches Gemälde Selene uns jeden Abend schenkt. Mit welch Mühe sie uns diese Bilder zeichnet". Unüberlegt lehnte die Prinzessin sich näher herüber zu dem Ritter neben ihr, völlig unbedacht darüber, dass ihre Hand auf der Bank nur eine Haaresbreite von seinem Bein entfernt gewesen war. Alles was sie wollte war seinen Blickwinkel einzunehmen, aber was sie stattdessen tat, war es Arthur dem süßen Duft ihrer Haare, der Nähe ihrer zärtlichen blassen Haut und der Versuchung willenlos auszusetzen. Elise hob ihren Finger. "Dort, den kleinen Wagen erkennt man von hier aus besonders deutlich", erzählte sie ihm, ohne auch nur den leisesten Schimmer darüber zu besitzen, wie nah sie ihm gerade eigentlich war.

      Langsam machte sie wieder kehrt und setzte sich aufrecht neben den hübschen Mann - mit gerechtem Sicherheitsabstand. "Ist es nicht faszinierend? Was der Mensch und die Natur von den Göttern geschenkt bekommen?", philosophierte die Prinzessin.
      Und sie lächelte noch immer, so sanft, dass ihr langsam die Wangen wehtaten. Was ein wunderschönes Gefühl..., dachte sich das blasse Mädchen und legte beide Hände auf ihre Wangen. Dieser Schmerz durch etwas wundervolles tat so wundervoll weh, fuhr sie innerlich fort und ihr Lächeln schwand. Mit geradem Blick sah sie in den Nachthimmel über ihr und dachte: Vielleicht würde sie der Schmerz ihres Herzens sie töten, wenn es anfangen würde zu schlagen. Doch was wenn dieser Schmerz das Schönste wäre, was sie je zu spüren bekommen würde? Und so richtete Elise ihren sanften Blick zu Arthur - unverfroren und ehrlich, ganz ohne Fluchtversuche.
    • Undine

      Viktor redete über Titel, über Frauen, über die leeren Worte der Welt ... so ruhig, dass sie beinahe vergessen hätte, wie scharf seine Gedanken wirklich sein konnten. So edel und zugleich so gefährlich. Undine hätte lachen können. Stattdessen neigte sie nur leicht den Kopf, ließ ihn aus ihren klaren Augen nicht los. Er sprach von Menschlichkeit, von Schein, und als er dann andeutete, ihre Bitte, die Bibliothek zu sehen, sei wohl "nur zum Schein" ... eine Ablenkung gewesen - da fror etwas in ihr ein. Nicht vor Kälte. Vor Kränkung. Ein Hauch von Stolz, kaum spürbar, spannte ihre Haltung. Doch als sie antwortete, klang ihre Stimme sanft, beinahe verspielt "Wenn ich täuschen wollte, Eure Hoheit, würde ich Euch schmeicheln. Und glaubt mir .... Ihr würdet es merken." Ein schwaches Funkeln trat in ihre Augen, ein Schimmer von Spott und Würde zugleich. "Aber Bücher… sie sind ehrlicher als Menschen. Sie lügen nicht. Und darum wollte ich sie sehen nicht Euch prüfen, sondern verstehen." Ihre Finger glitten an einem Regal entlang, über den Rücken lederner Bände, deren Goldprägung vom Alter stumpf geworden war. "Ihr sagt, ich sei gewieft." murmelte sie. "Doch ich bin nur neugierig. Das Meer selbst hat mich gelehrt, dass Tiefe selten an der Oberfläche wohnt." Die Dunkelhaarige liebte es immernoch in die kältesten, finsterersten Tiefen hinab zu tauschen. Sie trat weiter in den Raum hinein.
      Der Geruch nach Tinte, nach Staub, nach alten Gedanken umhüllte sie... wie die Brandung, die ans Ufer schlägt.
      Dann fiel ihr Blick auf das kleine, weiße Buch in Viktors Händen. Ein Tagebuch. Zart, beinahe zerbrechlich. Und sie spürte sofort, ohne dass er es aussprach, dass es Elises war. Er legte es in ihre Hände, und die Geste war schwerer als das Gewicht des Buches selbst. Seine Worte hallten nach. Undine sah auf das Tagebuch. Das Licht des Feuers spiegelte sich auf dem Einband, und für einen Herzschlag lang spürte sie die Versuchung, die Seiten aufzuschlagen - zu lesen, was Elise dachte, fühlte, träumte. Die Neugier flackerte auf wie eine kleine Flamme im Sturm. Doch sie tat es nicht. Sie legte ihre Hand sacht darauf, ließ den Daumen über das Wort Tagebuch gleiten dann atmete sie tief ein und reichte es ihm wortlos zurück. "Ein Herz, das man bewahren will." sagte sie leise. "Sollte man nicht durch fremde Augen lesen. Ihr Blick traf seinen ernst, unerschütterlich, fast traurig. "Ich will wissen, wer sie ist. Aber nicht, wer sie war." Für einen Moment stand die Zeit still. Viktor sah sie an überrascht, vielleicht sogar bewegt, doch Undine wandte sich schon ab, bevor sein Gesicht mehr verraten konnte, als er wollte.

      Sie ging tiefer in den Raum, ihre Finger über die Buchrücken gleitend, bis sie vor der Harfe stand. Ein wundervolles Instrument, in goldenes Mondlicht getaucht. Die zarten Saiten funkelten, als atmeten sie. Ein Klang. Kein wirklicher Ton eher ein Flüstern, das sie nur fühlen konnte. Undine hob die Hand, fast unbewusst, und legte eine Fingerspitze auf eine der Saiten. Ein Laut löste sich so weich, dass sie zusammenzuckte. Die Harfe antwortete, als lebte sie, und in derselben Sekunde spürte Undine Bewegung.
      Er stand neben ihr. So leise, dass sie ihn nicht hatte kommen hören. So nah, dass sie glaubte seinen Atem auf ihrer Haut spüren zu können, warm, echt, gefährlich beruhigend. Der Ton vibrierte zwischen ihnen, schwebte in der Luft wie ein Herzschlag. "Verzeiht." murmelte sie, ohne den Blick zu heben. "Ich… dachte, sie ruft mich." Viktors Lächeln war kaum zu sehen, aber sie spürte es. Eine Mischung aus Verständnis, Verwunderung und dieser leisen, unausgesprochenen Faszination, die wie Nebel zwischen ihnen lag. Sie lächelte zurück schelmisch, aber mit einem Hauch Wehmut.
      "Vielleicht liegt es daran, dass die See in mir lebt." flüsterte sie. "Oder daran, dass der Mond uns beide zu sehr liebt." Er lachte leise, ein warmer Laut, der den Raum noch heller machte.
      Undine ließ ihre Hand langsam von der Harfe gleiten, und die Saiten erzitterten ein letztes Mal, süß und klagend. "Euer Reich ist wahrlich wunderschön, Prinz Viktor. Ich... spreche nicht von Euren Land sondern von Dem hier." sagte sie ruhig. "Nun wisst Ihr hoffentlich, dass mein Interesse kein Spiel war. Ich sammele keine Geheimnisse - nur Klänge, Worte, die das Herz berühren." Dann fügte sie leise hinzu, fast so, als spräche sie nur zu sich selbst. "Vielleicht… so wie Ihr selbst."

      Sie trat ein Stück zurück, blickte zu den unzähligen Büchern, die im Feuerlicht glühten
      und die Harfe spielte in der Stille weiter, ganz leise, als wolle sie sich über die beiden erheben, über Eis und Wasser, Stolz und Nähe über zwei Herzen, die wagten, sich für einen Augenblick zu verstehen. "Darf ich…?" Flüsterte sie leise zu sich selbst, kaum mehr als ein Atemzug, und ließ den Finger sanft über eine weitere Saite gleiten. Der Ton vibrierte durch den Raum und löste eine Kaskade von Resonanzen aus, die sie in ihren eigenen Rhythmus mitnahm. Ein kleiner, summender Laut entwich ihren Lippen, unbewusst, als versuche sie, mit dem Instrument zu sprechen. Dann wurde der Ton klarer, fast wie ein Flüstergesang, der sich leise in den Raum ausbreitete. Sie wagte es, eine Melodie anzudeuten, die so leicht und zart war, dass sie selbst den Atem anhielt, als die Harfe antwortete. Undine spürte die Harfe unter ihren Händen, als würde sie mit ihr atmen. Jeder Ton schien eine Geschichte zu erzählen, die nur sie verstehen konnte und für einen Moment vergaß sie alles andere. Die Welt außerhalb des Raumes, die Regeln, die Pflichten, sogar die flüchtige Gegenwart des anderen Menschen neben ihr - alles löste sich auf in der Musik.

      "Ein Lerchenvogel, im Jägersnetz gefangen,
      Sang süß und rein, so klar seine Klänge erklangen.
      Als könnte sein Lied, voller Zauber und Ton,
      Sprengen die Fesseln und tragen davon.

      Es graut der Tag, der Jäger naht,
      Um ihm das Leben zu nehmen, so hart.
      Es stirbt der Vogel, stirbt der Mensch zugleich,
      Doch sein Lied lebt fort, hell, rein und reich."

      Es war als würde das himmlische Instrument, welches wie Lunaris Veil zu Schlummer verdammt war, durch Undines Stimme, endlich wieder Gehör finden. Sie summte noch leise mit, ihre Stimme kaum hörbar, die Töne fügten sich wie kleine Lichtfunken in das Spiel der Harfe. Ein unwillkürliches Lächeln spielte auf ihren Lippen, während die Schwingungen sanft über ihre Fingerspitzen zogen und den Raum erfüllten. Noch einmal hob sie die Hand, strich über eine Saite, und die Harfe antwortete wie ein Echo ihrer eigenen Stimmung mal klar und hell, mal sanft vibrierend, als wolle sie das Wesen der Spielerin selbst spiegeln. Undine atmete tief ein und ließ den letzten Ton verklingen, summte ihn leise nach, bis er verschwand. Ein kurzer Augenblick der Stille folgte. Undine spürte, wie etwas in ihr nachhallte... ein winziges Band zwischen Musik, Raum und jener stillen Gegenwart neben ihr, das so schwer zu fassen war wie Licht in Wasser.

      Arthur

      Ihr Lächeln verweilte noch in der Luft wie ein Schimmer, der sich weigert zu vergehen.
      Der junge Ritter hätte schwören können, dass selbst der Schnee innehielt, als sie lachte.
      Ein leises, gläsernes Kichern so fein, dass es hätte zerbrechen können, wenn man es zu lange anhörte. Kein höfisches Lächeln, kein geübter Laut, sondern etwas Echtes. Etwas, das ihn traf, ohne dass er wusste, warum.
      Er wagte kaum, sie anzusehen, und doch brannte sich das Bild ihres Mundes, das sanfte Funkeln in ihren Augen, in ihn wie Licht auf kaltes Metall.
      Als sie sprach, lag in ihren Worten ein Widerspruch ... Schmerz, Stolz und ein Hauch von Selbstspott. Arthur horchte auf.
      Unlebendig? Das Wort gefiel ihm nicht, nicht aus ihrem Mund. Er fühlte, wie ihm das Blut heiß in die Wangen stieg, ehe er überhaupt darüber nachdenken konnte. "Verzeiht, Mylady." entfuhr es ihm, leiser als beabsichtigt, doch mit einer Wärme, die kein Protokoll erlaubte. "Doch das... das kann nicht wahr sein." Er suchte Halt in seinen Gedanken, fand ihn nicht, und sprach trotzdem weiter unbeholfen vielleicht, aber aufrichtig. "Ihr sprecht, als wäret Ihr ein Schatten dabei…" Er stockte, zu spät, um die Wahrheit zurückzuhalten. "… dabei seid Ihr jene Stimme, die selbst durch die stärkste Illusion dringt. Ich sah viel Trug in Finsterhall, Mylady ... doch nie etwas Wahreres als Euch oder mein Name der aus Euren Munde kam."

      Stille. Der Wind griff in ihr Haar, ließ es tanzen, als wolle er seine Worte bestätigen. Der Jüngling schluckte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was er gesagt hatte.
      Zu vertraut. Zu ehrlich. Er senkte leicht den Blick, sammelte Haltung, wie man es ihn gelehrt hatte - ein Ritter spricht mit Zunge und Zügel zugleich. "Verzeiht." fügte er leiser hinzu, nun gefasster, doch ohne Reue. "Ich meinte nur, dass es schade wäre, Euch so über Euch selbst sprechen zu hören." Er zwang sich, still zu werden aber in ihm hallte etwas nach. Denn für einen flüchtigen Moment hatte er geglaubt, in ihren Augen etwas gesehen zu haben: einen Schimmer, so fein und echt, dass es ihm vorkam wie Dank.
      Oder wie das erste Licht nach einer langen Nacht. In diesem Augenblick hatte Arthur das Gefühl, als hätte er ihr, ohne es zu wollen, etwas zurückgegeben: einen Atemzug Wärme, klein, aber wahr genug, um in der Kälte zu bestehen. Sie dankte ihm leise und der Klang ihrer Stimme blieb in der Luft hängen, weich, wie Nebel über Wasser. Als sie den Blick wieder in den Schnee tauchte, spürte er, dass sie diesen Moment nicht zerbrach, sondern still bewahrte.

      Die Kälte des Steins, das Wispern des Windes, der zarte Duft von Essen und winterlicher Luft all das umhüllte sie beide.
      Ein Schweigen lag zwischen ihnen, das nicht leer war, sondern getragen wie das leise Atmen zweier Seelen, die für einen Atemzug denselben Rhythmus fanden. Sie sprach von Sternen, von Selene, vom Licht und der Wärme der Natur. Er lauschte, und seine Gedanken verirrten sich in ihrer Stimme, sanft und fern zugleich. Dann lehnte sie sich vor, um ihm den Himmel zu zeigen. Ihr Haar glitt über ihre Schulter, streifte beinahe seine Wange, und der süße Duft ihrer Nähe raubte ihm den Atem. Ihr Finger wies nach oben. Der Braunhaarige nickte stumm. Er sah nicht den Himmel. Nur sie. Die feinen Schatten ihres Gesichts, das Licht auf ihrer Haut und die gefährliche Zartheit, die ihm das Herz enger schnürte als jede Wunde. Als sie sich wieder aufrichtete, mit bedächtigem Abstand, atmete er ruhig aus, obwohl ein Teil von ihm diesen winzigen Zwischenraum bereits vermisste. Arthur lächelte schwach."Vielleicht..." begann er schließlich, "...liegt das größte Geschenk darin, dass wir noch staunen können selbst dann, wenn wir längst glauben, alles verloren zu haben." Sie lächelte dieses sanfte, ehrliche Lächeln, das ihm den Boden unter den Füßen nahm. Und für einen Herzschlag lang hatte er das Gefühl, sie sähe ihn wirklich. Nicht als Ritter. Nicht als Juwelenträger. Sondern als den Mann, der er war. In seiner Brust rang Pflicht mit Sehnsucht. Ehre mit Herz. Doch in diesem Augenblick wusste Arthur, dass ihm keine Rüstung und keine Klinge diesen Kampf bewahren würde, wenn sie ihn nur noch einmal so ansähe. Und so schwieg er, während der Schnee weiterfiel, leise und stetig, als wolle selbst der Winter lauschen,
      wie der Sonnenritter und die Prinzessin aus Eis nebeneinander saßen und zum ersten Mal zwischen höfischer Etikette und den Glanz der Sterne wirklich lebendig waren.
    • Viktor

      Viktor sah zu ihr und grinste, als sie von Täuschung sprach. Sie neckte ihn und in ihm loderte ein kleines Feuer auf, welches schon lange niemand mehr entfacht hatte. „Also sollte ich nun jede Schmeichelei für eine List halten? Welch herber Schlag für mein Herz! Und ich war schon überzeugt, unsere Liebesgeschichte stünde unter einem besonders guten Stern.“, führte er sarkastisch theatralisch vor und konnte sein Grinsen nicht mehr abschütteln.
      Sein Blick fiel auf die Hände der Frau, wie sie die letzten Memoiren seiner lebenden Schwester in den Händen hielt. Er nickte sanft, erfreut darüber, dass jemand reges Interesse an ihr gefunden hatte. „Ihr seht sie und darüber bin ich mehr als erfreut. Dennoch-”, unterbrach er sich selbst. „Die Frau, zu der sie herangewachsen ist, ist eine andere. Wir waren uns nie sehr ähnlich und ruhig war sie schon immer. Doch begegnete man ihr nie ohne ein Lächeln auf den Lippen und oh…“, seufzte er verletzt. „…wie sie es liebte zu tanzen“. Viktors Lächeln füllte sich nur so mit Nostalgie, ehe seine Kehle trocken und sein Blick dunkler wurde. „Heute erträgt sie kaum den Klang von Musik. Seit Jahren hat sie die Tasten ihres Flügels nicht mehr berührt“.
      Die nächsten Worte fielen ihm unheimlich schwer. Viktor war sich bewusst, dass er an dem Zustand seiner Schwester mitverantwortlich war, aber kalt ist doch besser als tot! Wer hätte es ihm nicht gleich getan? Wer hätte nicht ebenso gehandelt, wenn die eigene Schwester schreiend am Totenbett ihrer Mutter gekauert hätte, bedroht davon jede Sekunde an einem gebrochenen Herzen dahinzugehen, dem Tod persönlich die Hand zu reichen und diese irdische Welt zu verlassen. Und doch sprach er: „Nennt mich einen Lügner und einen Teufel, doch wünschte ich mir oft, es hätte einen anderen Weg gegeben…Nicht um meines Willen, sondern Elises“, gab er offen zu. Sein Blick war ehrlich und es wurde klar, dass seine überaus intensive Vorsicht nie der Eifersucht galt, sondern aus einer tiefen Angst entstanden ist. Er möchte seine Schwester nicht für sich beanspruchen, doch wusste er, dass sie ohne ihn Gefahr laufen würde eines schmerzhaften Todes zu sterben.

      Ihre Worte berührten ihn auf eine sanfte Weise. „Es freut mich sehr, dass ihr Gefallen an unserem Heim finden konntet, obwohl es eurem so gänzlich fremd ist“, sanft lächelte er seine Worte und sprach so leise, sodass der Bass in seiner Stimme diese Situation nicht weckte. Er wollte noch ein wenig weiter träumen, denn gerade genoss der Prinz so gänzlich unbesorgt zu sein.

      Viktor störte den Moment zwischen der schönen Frau und der Musik nicht. Er beobachtete respektvoll, wie die Harfe nach ihr rief, Undine magisch anzog und er trat ein paar Schritte zurück, ließ sich in dem Stuhl seines Sekretärs nieder. Ängstlich darüber, auch nur einen Wimpernschlag davon zu missen, wandte er die Augen nicht von ihr ab. Gespannt lauschte er ihrer Stimme, dem Klang der Saiten die der Wind sanft durch den Raum trug.
      Tief in dem Stuhl und der Stille versunken, schloss der Prinz die Augen und alles was noch da war, war die Musik. Die Töne durchfluteten seinen Körper und die Worte zeichneten sich Kalligraphisch vor seinem inneren Auge ab. So saß er da, durchzogen von einer endlosen Entspannung, die seine Glieder hängen ließen und seine Mundwinkel in die Höhe zogen.

      Viktor wusste, dass er davon nie genug bekommen könnte, denn der seichte Klang dieses himmlischen Instruments und die göttliche Stimme der wunderschönen Frau, waren alles was er brauchte, um für einen Augenblick inneren Frieden zu erlangen. Seine Stimme war noch immer leise, flüsternd, um die Ruhe dieses Moments nicht zu verlieren und so brummte er leise: „Lady Undine, ihr dürft damit nie wieder aufhören…”. Bestimmtheit wiegte in seiner Stimme mit, doch war es keine Aufforderung, kein Befehl - schlichtweg nur eine Sehnsucht, ein Kompliment. Langsam öffnete er wieder die Augen und erblickte Undine an der Harfe sitzend, wie der Mondschein sie erhellte, als wäre nur sie, die Harfe und der Mond. Er lächelte.
      „Versprecht mir, dass Ihr mir bald noch einmal die Ehre erweist, Euch lauschen zu dürfen”. Eine leise Bitte - voller Respekt und dem Gefühl, diesem Moment nicht gerecht zu sein, denn hatte der anmutige Prinz den Anschein, dass dieser Augenblick den Göttern vorbehalten war und nun war er gesegnet worden. Es war ihm erlaubt, diesen himmlischen Moment flüchtig und einmalig zu genießen und er befürchtete, dass er eine unendlich lange Zeit auf einen ähnlich schönen Moment warten müsste.
      Und so blieb er versunken in dem Stuhl, die Arme verschränkt und versuchend jede Erinnerung zu packen und sie tief in seinem Herzen zu bewahren, sodass er bei Mondschein die Harfe erblicken und den vergangenen Klängen lauschen könne.

      Elise

      Elise sah zu dem Ritter neben ihr, als ihm die Worte aus dem Mund fuhren und ihr einen leichten Schauder über den Rücken sandten. Der Griff an dem Stoff ihres Kleides festigte sich und eine leichte Nervosität machte sich in ihren Bewegungen bemerkbar. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Das passierte ihr häufiger, denn hatte ihr kleines Herz verlernt zu lügen, wenn es nötig gewesen war. Sie grübelte, doch fuhr er fort und zerschlug erneut das Trugbild, welches Elises Sinne sich zurechtgesponnen hatte. Nie etwas Wahreres als sie? Elise spürte ein ungutes Gefühl in sich. Skepsis. Sie glaubte ihm nicht und wandte ihren Blick von ihm ab. „Ich bin mir bewusst, dass Ihr in Eurer Tugend nichts sagen würdet, was mich kränken könnte. Sir Arthur, mich hat schon ewig nichts mehr traurig gemacht und es wäre falsch von mir, Euch zu täuschen”. Sie schluckte und sah wieder zu ihm. „Alles was Ihr von mir seht, ist nur ein Schein. Mein Rufen nach Euch war reiner Impuls, eine Körperreaktion - nichts weiter…”, sprach sie. Doch ihre eigenen Worte verletzten sie. War sie ehrlich? Steckte nicht mehr hinter all dem? Ihr Herz weinte stille Tränen, während die Prinzessin es weiterhin verleugnete. Es war so einsam geworden in seinem kalten Gefängnis und seine strengste Wächterin sollte doch eigentlich seine Retterin sein. Es hoffte so sehr, dass es wieder schlagen konnte, es wollte reagieren auf das, was Arthur sagte. Freude sollte die zierliche Prinzessin durchströmen und ihr Herz tanzen lassen, doch war es nur das Gefühl - welches Gefühl war es eigentlich?
      Arthur zog sie wieder aus dem festen Dickicht von schlechten Gedanken. Ihre Augen blickten zu ihm und ihre Augen dankten ihm still und leise.
      Die Gefühle in ihr kämpften einen unerbittlichen Kampf gegeneinander. Zweifel versus Dankbarkeit, Kälte gegen Wärme.
      "Ich meinte nur, dass es schade wäre, Euch so über Euch selbst sprechen zu hören."
      Der innere Ritter, welcher für die Fraktion der Wärme kämpfte wich einen Schritt zurück und versetzte ihrem Zweifel einen heftigen Stoß.
      Warm, so warm!, zog es wie ein Mantra durch Elises Gedanken und ihre Hand wanderte an ihren Brustkorb. Nicht mehr als ein leises Hauchen entwich ihren zarten Lippen und ein sanftes „Danke” erhellte die kalte Luft. Es war, als würde man ein leises Knacken hören, als würde sich in der Brust der Prinzessin etwas bewegen, worüber sie keine Macht gehabt hatte. Für einen Moment hielt sie den Atem an, wollte dieses warme Gefühl nicht verlieren, auch wenn es drohte, sie zu verbrennen.
      Mit dem Blick auf den Schnee gerichtet, atmete sie langsam aus - ängstlich davor, diese Erinnerung wieder gänzlich zu verlieren.

      Er lauschte ihr aufmerksam, als sie in ihrem Monolog versank und unterbrach sie nicht. Es freute sie, dass jemand sich die Zeit nahm, ihr zuzuhören. Denn unterbewusst sprach sie nur, damit dieser Moment durch Stille nicht endete. Elise wollte diesen Moment noch etwas genießen, sich fühlen wie ein normales Mädchen, das belangloses Geschwätz aufbringt, damit sie nur ein paar Sekunden länger eine Prinzessin sein darf, die unter dem schönste Sternenhimmeln sitzt und sich an der Gesellschaft eines edlen Ritters ergötzt. Auch wenn die Kälte in ihr sich standhaft dagegen sträubte, wollte sie die sanfte Wärme Arthurs noch ein wenig länger bewahren und fürchtete bereits den Moment, in dem Kälte sie wieder gänzlich verschlingen würde.

      Vielleicht..." begann er schließlich, "...liegt das größte Geschenk darin, dass wir noch staunen können selbst dann, wenn wir längst glauben, alles verloren zu haben”. Ihr Blick wanderte zu ihm.
      In ihr tat sich ein Sturm auf. Wellen der Sensationen prassten auf sie sein, wie das Wasser, welches unermüdlich gegen das feste Gestein der Klippen schlug. Und wieder - dieses sanfte Lächeln auf ihren Lippen. Und diesmal spürte sie es. Er sah sie nicht nur an, sondern er sah sie gänzlich und umfänglich. Er verstand sie.
      Plötzlich drehte sich die Prinzessin mit ihrem Oberkörper zu dem ehrlichen Ritter neben ihr und ihr Blick fixierte ihn, nicht aufdringlich - aufmerksam.
      „Ihr mögt sie, nicht wahr?”, sprach sie. Sie erinnerte sich zurück an ihren Aufbruch aus Aurea Custodia, wie er ihren Schmerz teilte, als das Herz zweier Liebenden zueinander fand, nur um dann schmerzlich wieder voneinander getrennt zu werden. In diesem Moment vergaß sie ihr Selbst völlig und es wirkte, als fühle sie ihre eigene Gefühle nicht, doch seine dafür umso stärker.
      Ihre Hand griff vorsichtig seine, sanft und mit Bedacht - beruhigend und verständnisvoll.
      „Ich sah Euren Schmerz in Euren Augen, Sir Arthur. Es war sehr deutlich zu erkennen, dass Ihr zwischen zwei Welten wandertet und nun eine Chance verloren hattet, die ein anderer ergriff…”, seufzte sie.
      „Welch Tragödie ein fühlender Mensch zu sein”, sprach sie - doch ohne Spott, kein Witz.
      „Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, in der mein Herz noch schlug”, offenbarte sie sich ihm, ihre Hand noch immer zärtlich auf seiner ruhend.
      “Es ist diese Symphonie aus Euphorie und Schmerz, die das Leben so aufregend macht. Dieser Kampf zwischen Vernunft und Irrsinn”, sie lächelte sanft.
      Langsam ließ sie von seiner Hand ab und es war als würde das Wetter selbst etwas dagegen haben, dass sie dieser Berührung abließ. Der Wind wehte um die beiden herum und sein warmer Duft traf Elises Sinne. Für einen kurzen Moment war sie verloren. Alles was sie spürte war er, als würde sich in ihrem Körper alles fügen. Ihre Finger fanden wieder Platz auf ihren Oberschenkeln, doch verzerrten sie sich schon jetzt nach dem warmen Gefühl seiner Haut. Wie eine Flucht aus dieser Misere wollte Elise am liebsten nie wieder zurück in die Realität. Der Schnee fiel sachte herab und zeichnete eine märchenhafte Landschaft, doch war ihre Gedankenwelt eine noch viel schönere.
      Nur einige Sekunden waren vergangen, doch befürchtete Elise, dass sie viel zu lange geschwiegen hatte und so sprach sie fast flüsternd: „Ihr seid ein guter Mann, Arthur. Und ein noch viel besserer Freund”. Sie hoffte, dass ihre Ehrlichkeit in nicht verwirrte, dass ihre Worte nicht zu ungehalten aus ihr heraussprudelten. Insgeheim sorgte sie sich darüber, was er von ihr dachte und als würde das Universum sie seiner Reaktion entziehen wollen, schlug die große Glocke am Heiligtum.
      Elise erhob sich und verbeugte sich mit tiefem Respekt vor dem Ritter. „Bitte entschuldigt, ich muss zurück in die Küche…”.
      Schnellen Schrittes verschwand Elise hinter der Tür neben ihnen. Sie stand in der Wärme der Küche und das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit genoss die Prinzessin das wohlig warme Gefühl, dieses vertraute Gefühl - diese Erinnerung an ihn - Sir Arthur.
    • Undine

      Ach so war das also? Seine Hoheit von Eis und Schnee ward auf einmal zu Scherzen auferlegt? Hört, hört. Ihre Augen zeigten für den Bruchteil eines Augenblick, ein schelmisches Glitzern, als hätte Irgendetwas gewagt die schlafende Wasseroberfläche eines Sees in unruhige Bewegung zu setzen. "Ach? So ist das? Ich dachte ein solch begabter Wortkünstler wie Ihr sucht vielmehr nach einer neuen Muse, welche ihm inspiriert - als nach einen artigen Frauenzimmer welches sanft sein Ego streichelt." So scherzhaft diese Aussage gemeint war...so wahr war sie gewisser Weise auch. Lang verweilte das spielerische Sticheln der Beiden jedoch nicht im Raum. Bald schon zog eine melancholische Schwere ihre Kreise immer enger durch die kleine, aber beachtliche, Bibliothek. Der Verstand der klugen Frau begriffen recht rasch dass es die Ketten waren, welche sich der Prinz selbst auferlegt hatte während des Versuchs Elise Herz zu bewahren, noch bevor sie Undine zu erdrücken drohten. Für eine Sekunde schloss sie beinah erschöpft ihre Augen während sie einen langen Atemzug tat. "Ich halte Euch für keine dieser Gestalten." Die Dunkelhaarige wusste nur all zu gut, egal wie sanft sie ihre Worte wählte, die Wellen ihrer Bedeutung würde wohlmöglich wie ein Sturm über das Ufer ihres Gastgebers hereinbrechen. Vielmehr... glaube ich, seit ihr ein armer Wicht, zweifelsohne eine Seele der das Schicksal viele Prüfungen stellte aber.... genau wie eurer Schwester habt Ihr Euch in den Fluten verloren, die Ihr einst zu bändigen versuchtet." Ihre Stimme war leise, aber klar wie das Wispern von Wasser an Felsen. "Ihr habt Mauern errichtet, um den Sturm fernzuhalten… und doch, Hoheit, habt Ihr Euch selbst dahinter eingeschlossen." Sie öffnete die Augen wieder, sah ihn an ...diesen Mann, der aussah, als trüge er die ganze Last eines gefrorenen Meeres auf seinen Schultern. Das Mondlicht legte silberne Linien auf sein Gesicht, wie Schimmer auf Eis. "Ich verstehe Euch." sagte sie leiser. "Das Meer schützt, indem es verschlingt. Es umschließt, bis man glaubt, die Tiefe sei Heimat… doch wer zu lange darin verweilt, vergisst den Weg zurück ans Licht." Sie trat einen halben Schritt näher, nicht fordernd, eher wie eine Welle, die sacht das Ufer berührt. "Ich sehe, was Ihr bewahrt und was Ihr dafür verloren habt. Euer Schutz ist wie ein Hafen aus Stein: sicher, aber still. Kein Wind, kein Segel, kein Lied." Ein Hauch von Trauer lag in ihren Worten, doch auch Wärme, wie Abendglut auf Wasser. Undine wandte sich leicht zur Seite, ihr Blick wich zum Fenster. "Manchmal..." flüsterte sie, "...führt der Weg hinaus nicht fort, sondern hindurch. Durch den Sturm, durch das Brechen der Wellen, durch das, was wir fürchten. Nur so… kann man wieder atmen." Ihr Blick suchte den seinen... fest, aber ohne Urteil. "Ich sage das nicht als Tadel, dazu hab ich kein Recht. Ich weiß, wie es ist, gefesselt zu sein an Schuld, an Erinnerung, an ein Meer, das niemals stillsteht. Doch glaubt mir… es gibt Strömungen, die tragen, wenn man sich ihnen anvertraut." Es war die Wahrheit, zwar verbindlicht aber ungeschönt. So war sie halt... der Fisch auf den Land und doch fürchtete ein kleiner Teil ihres inneren den Mann verschreckt zu haben. Augenblick lang war alles still. Nur das leise Knistern des Feuers und das ferne Heulen des Windes durch die Fensterrahmen. Langsam senkte sie ihren Blick. "Verzeiht… ich rede zu viel." flüsterte sie, und in der sanften Unsicherheit ihrer Stimme lag etwas Unerwartet Zerbrechliches.

      Der letzte Laut der Harfe war noch immer nicht ganz verklungen. In der Schönen stieg der Drang dem bezaubernden Instrument weitere Töne zu entlocken. Diese Harfe war der Verstorbenen nicht ohne Grund teuer gewesen. Es war ein Instrument das jedes Herz berühren konnte, da es sie laß und all das unausgesprochenen Gefühle in Lieder fasste. Für den Hauch eines Moments, ja, da war Etwas ... vielleicht war es Einbildung, vielleicht Wahrheit. Doch sie schwor, es waren die unausgesprochenen Worte der einstigen Besitzerin, die durch den Raum hallten: sanft, tröstend, wie ein Echo aus einem anderen Leben. Worte, die ihr Kind hören sollte. Das Kind, das nun als adretter Mann vor ihr saß - aufrecht und doch in sich zusammengesunken, ein Prinz aus Schnee und Pflicht, der die Welt mit wachsamen Augen musterte, als fürchte er, das Leben könne jeden Augenblick zerbrechen.
      Wie merkwürdig still er wirkte in diesem Moment. Wie menschlich. Dankbarkeit schwoll in ihrer Brust und ergoss sich wie warmer Regen über ihre Glieder. "Machmal... reichen gesprochene oder gelesene Worte nicht aus. Ich glaube sie wollte schon lange dass Ihr hört... nein, ... fühlt was Worte nicht transportieren können." Einen Augenblick herrschte Stille jene zarte, beinahe heilige Stille, die nach einem Gebet folgt. Das Feuer knisterte leise im Kamin, die Schatten der Bücherregale flimmerten im goldenen Licht. Undine sah, wie sich sein Gesicht entspannte, wie etwas in ihm, kaum merklich, weich wurde. Da war keine Kälte mehr in seinen Zügen, keine schneidende Distanz. Nur ein Mann, der für einen flüchtigen Moment nicht Prinz, nicht Wächter, nicht Bürde war. Die Harfe schwieg. Nur das Echo ihres Spiels schwebte noch zwischen ihnen, wie feiner Nebel über stiller See. Undine erhob sich leise, beinahe lautlos, wie eine Welle, die sich zurückzieht, ohne Spuren zu hinterlassen. Sie legte die Hände glatt über den Saum ihres Gewandes, ein Ausdruck von Ruhe und Beherrschung. Doch in ihren Augen glomm für den Bruchteil eines Herzschlags jene Wärme, die sie ihm nicht auszusprechen wagte. "Ich danke Euch, dass Ihr mich habt spielen lassen." sagte sie schließlich mit einer leichten Neigung des Hauptes. Ihre Stimme war ruhig, doch darin lag etwas Weiches, etwas, das an Abschied erinnerte. "Es war mir eine Ehre, Eurer Erinnerung dienen zu dürfen und Eurer Stille."

      Sie wandte sich dem Regal zu, ließ den Blick über die alten Bände streifen, bevor sie zum Ausgang schritt. "Ich sollte mich zurückziehen. Man würde sonst womöglich glauben, ich hielte Euch vom Schlaf oder den Geschäften des Hofes ab." Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihre Lippen, halb spöttisch, halb ernst. "Und Gerüchte gedeihen im Dunkeln wie Algen im tiefen Wasser nährt man sie, wachsen sie einen schnell über den Kopf." Sie blieb kurz an der Tür stehen, der Schatten des Mondlichts lag über ihrer Schulter. „Bewahrt die Melodie, Hoheit. Nicht um ihretwillen... sondern um Eurer selbst.“ Mit einer eleganten Verneigung verließ Undine die Bibliothek. Ihre Schritte verklangen auf den kalten Marmorfliesen, und die Tür schloss sich mit einem leisen Laut hinter ihr. Zurück blieb nur der Schein des Feuers, der Prinz und die Erinnerung an eine Melodie, die noch immer zwischen den Regalen schwebte, wie ein flüchtiger Hauch des Meeres inmitten von Eis.

      Arthur

      Als die schwere Holztür hinter ihr zufiel, blieb Arthur reglos sitzen. Der Klang hallte noch nach dumpf, fast feierlich, wie ein Herzschlag, der sich in den Stein senkte. Ein Teil von ihm hätte aufspringen, ihr folgen wollen. Doch etwas in der Art, wie sie gegangen war so rasch, so entschlossen hielt ihn zurück. Nicht aus Kälte. Sondern aus einem Gefühl, das ihm fremd und doch vertraut war: Rücksicht.
      Als hätte er geahnt, dass sie etwas beschützen wollte, das zart und unvollständig in ihr wuchs und das jedes zu hastige Wort hätte zerstören können.
      Der Wind blies eine Handvoll Schnee durch den offenen Torbogen. Die Flocken legten sich auf seinen Umhang, schmolzen dort und hinterließen feuchte Spuren,so wie ihre letzten Worte in seinem Inneren. ...ein guter Mann, ein viel besserer ... Freund ... Er wiederholte es in seinen Gedanken, als wolle er prüfen, ob die Luft es tragen konnte. Doch je öfter er es in Gedanken sprach, desto weniger verstand er es. Freund. Ein so kleines Wort und doch größer als jedes Gelübde, das er je abgelegt hatte.

      Er lehnte sich zurück, schloss kurz die Augen.
      Die Kälte kroch in seine Finger, aber er spürte sie kaum. In seinem Geist lebte noch immer die Wärme ihrer Hand, so zart, dass sie kaum da gewesen sein konnte und doch unauslöschlich. Er erinnerte sich, wie sie ihn angesehen hatte: nicht als Ritter, nicht als Held. Nur als Mensch. Und das war gefährlicher als jeder Schwerthieb. Ein leises Lächeln stahl sich auf seine Lippen, aber es blieb nicht lange. Denn unter der Wärme lag etwas anderes ein kaum spürbarer Schmerz. Er hatte viel verloren auf seinem Weg: Kameraden, Vertrauen, sogar ein Teil seiner selbst. Doch nichts hatte ihn so verwirrt wie dieses Gefühl, das Elise in ihm geweckt hatte. Etwas, das sich nicht in Pflicht oder Ehre fassen ließ. Etwas, das lebte. Vielleicht glaubte sie nicht lebendig zu sein, doch Arthurs Inneres wurde durch sie lebendig, gar ungestüm. Welch bittersüße Ironie das war!

      Die Glocke hatte ihren Klang längst verloren,
      doch in seinem Inneren hallte sie nach
      wie das Ende eines Liedes, das man nicht vergessen kann. Er atmete tief ein.
      Der Duft von Schnee und fernen Gewürzen hing noch in der Luft. Spuren aus der Küche,
      wo Elise jetzt war. Vielleicht sprach sie gerade zu den Mägden, vielleicht zwang sie sich, ruhig zu wirken, wie sie es immer tat, wenn sie sich selbst vor sich schützen wollte.
      Arthur wusste, dass er bleiben sollte, wo er war. Ein Ritter, ein Freund. Nicht mehr. Doch seine Gedanken gehorchten ihm nicht. Er sah zu dem Platz neben sich, dort, wo sie gesessen hatte. Im Schnee lag noch die schwache Spur ihres Mantels... ein feiner Abdruck, der langsam verwehte. Und mit ihm alles, was er hätte sagen wollen. "Ein besserer Freund also..." Er sprach die Worte leise, als wollte er sich selbst davon überzeugen. Aber die Wahrheit brannte anders. Denn tief in seiner Brust wusste er, dass kein Gebot und keine Krone ihn lange würden davon abhalten können, wieder in ihre Nähe zu treten. Seine Pflicht als Anführer der Aurea Custodia verlangte sogar danach.

      Der Schnee fiel dichter. Arthur erhob sich, legte die Hand auf den Griff seines Schwertes, nicht aus Kampfeslust, sondern um sich daran zu erinnern, wer er war.
      Ein Ritter. Ein Diener des Lichts. Und doch - ein Mann, der zum ersten Mal begriff, wie schwer es war, gegen das eigene Herz zu kämpfen. Er wandte sich den Hof zu, wo die Lichter aus der Küche warm durch die Fenster glommen. Und während sein Atem als Nebel in die Nacht stieg, flüsterte er, kaum hörbar "Wenn das Staunen das größte Geschenk ist, dann seid Ihr mein erstes Wunder, Lady Elise." Dann ging er langsam, bedächtig, während der Schnee seine Spuren bedeckte und die Stille der Nacht ihm ein Geheimnis anvertraute, das er weder benennen noch vergessen konnte.

      Der Wind flüsterte in den Gängen von Lunaris Veil wie eine alte Stimme, die Geschichten erzählte, die man lieber nicht hören wollte. Arthur war allein unterwegs, sein Blick suchte Halt an den Wänden, deren kalte Nässe im Fackelschein glänzte. Er wusste selbst nicht, warum er nicht bei den anderen blieb - vielleicht wollte er nur die Stille hören,
      vielleicht brauchte er sie, um das Chaos in sich zu ordnen. Elises Worte hallten noch in seinem Kopf nach, sanft und scharf zugleich wie eine Klinge aus Glas. Ihr Lächeln, dieses zarte, echte Lächeln, hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt wie das letzte Licht eines verlöschenden Tages. Und er, der Ritter, der gelernt hatte, sein Herz hinter Rüstung und Pflicht zu verbergen, spürte plötzlich, wie gefährlich warm dieses Licht werden konnte.

      Er bog um eine Ecke .... und blieb stehen. Dirt stand eine vertraute und doch fremde Gestalt. - Undine. Nicht wie sonst ruhig, gesammelt, in dieser unnahbaren Gelassenheit, die sie wie ein Gewand trug.
      Nein. Sie wirkte anders. Verloren fast.
      Ihr Blick haftete an den Wänden, als sähe sie durch den Stein hindurch. Ihre Schultern waren leicht gesenkt, ihr Atem flach, und in ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, den Arthur noch nie bei ihr gesehen hatte: Zerstreutheit. Oder… Schmerz. "Undine?" fragte er leise.Sie zuckte zusammen, wandte sich ihm zu und für einen Herzschlag lang war sie einfach nur eine Frau, die aus einem Traum erwacht war. "Arthur… ich hab dich gar nicht gehört." Er trat ein paar Schritte näher, suchte ihren Blick. "Das kommt selten vor. Du bist sonst die Erste, die merkt, wenn jemand sich anschleicht." Ein schwaches Lächeln. Kein schelmisches wie sonst, sondern müde.
      "Vielleicht hab ich mich anschleichen lassen." Arthur neigte leicht den Kopf. Wohlmöglich war er schon wieder in einer Issulion gefangen. Erst der Augenblick mkt Prinzessin Elise auf der Bank und nun die Begegnung mit der getrübten Wassernixe. "Alles in Ordnung?" Undine schwieg einen Moment. Dann ließ sie die Fingerspitzen über die Wand gleiten. "Ich weiß es nicht." flüsterte sie. "Dieser Ort… er atmet. Hörst du das nicht? Als würde er sich an etwas erinnern, das er nie vergessen durfte."

      Arthur lauschte. Nur Wind. Schnee und... vielleicht...Tropfendes Wasser. Und doch... sie hatte einmal mehr recht, da war etwas. Eine Schwere. Ein Flüstern, das nicht aus dieser Welt kam. "Ich höre es." sagte er schließlich. "Aber ich verstehe es nicht." Seine Beraterin, welche sonst immer kühl und gefasst an seiner Seite war - so beim Atmen die Luft scharf ein ehe sie sich regte als wolle ihr Körper etwas abschütteln. "Vielleicht sollst du das auch nicht." murmelte sie. Dann hob sie den Kopf, und ihre Augen trafen seine. Das Blau darin wirkte seltsam fern, wie Wasser, das zu still steht, um klar zu sein.
      "Die Götter prüfen uns, Arthur. Jeden von uns auf seine eigene Weise. Ich spüre es…" Sie brach ab, als wolle sie nicht weiterreden. "Ich versteh' nicht.... Undine?" Ihre Worte waren sonst so weise, hier und da waren sie Impulse über die es nachzudenken galt aber nun war es anders. "Nichts." Sie schüttelte leicht den Kopf, doch er sah, dass sie log.
      "Ich hab nur einen Moment vergessen, wer ich bin. Kommt vor, wenn sich ein Fisch zu lange an Land verliert."

      Arthur trat näher, sodass das Licht der Fackel beide Gesichter halb erhellte. "Du hast dich noch nie vergessen." Ein Lächeln, flüchtig, traurig. "Dann wird’s wohl Zeit, oder?" Sie wollte an ihm vorbeigehen, doch Arthur hob die Hand, legte sie sanft an ihren Arm. "Undine… was ist passiert? Oder ist es eine Vision?" Ihre Augen glitten zu seiner Hand, dann zu ihm. Einen Augenblick lang war alles still. Die Seejungfer schluckte. "Etwas, das ich gehofft hatte, nie wieder zu sehen. Und jemand, der mir zu vertraut vorkam." Er wollte etwas erwidern, aber sie löste sich aus seinem Griff, schob sich mit einer fließenden Bewegung an ihm vorbei, wie Wasser, das jede Form findet ...nur keine, die man halten kann. "....M-Mach dir keine Sorgen, Arthur." flüsterte sie beim Gehen. "Ich komme schon klar. Ich brauche nur etwas Zeit allein um mir alles wieder ins Gedächtnis zu rufen. Aber du… du solltest dich nicht so tief in dieses Licht stürzen. Manchmal blendet es mehr, als es wärmt." Er blieb allein zurück. Der Fackelschein flackerte, warf ihren Schatten über die Wand lang, schmal und seltsam gebrochen. Arthur starrte ihm nach, bis das Licht erlosch.Dann sagte er leise, fast zu sich selbst "Undine… was versteckst du?" Die Antwort kam nicht. Nur das Wispern der Steine, und das ferne Echo eines Atemzugs, der nicht seiner war.

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