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Viktor blieb allein in seiner großen Bibliothek zurück. Die Luft wog noch schwer, doch wiegten die Erinnerungen leicht, schwebten sanft durch den fließenden Wind - trugen die Melodie der Harfe mit sich. Er blieb noch eine Weile in seinem Sessel und starrte Löcher in die Leere. Er brauchte einen Moment um sich wieder zu sammeln, alles zu ordnen - das Gesagte, das Geschehene.
Der Prinz ließ den Moment mit der schönen Cleveren Revue passieren und seufzte tief. Er sah auf das Tagebuch auf dem Sekretär und überlegte, ob Elise sich noch daran erinnerte. Was würde geschehen, wenn sie es lesen würde? Ihre rohen und echten Gefühle und Gedanken, niedergeschrieben auf weißem Papier. Würde sie erinnern? Sollte sie sich erinnern? Undines Worte schlichen sich in sein Bewusstsein. Vielleicht war es wahr. Vielleicht sollte er seine Schwester nicht in seine eigene Dunkelheit sperren, sondern sie zurück ans Licht kommen lassen, wenn es ihr Wunsch war. Vielleicht sollte das kleine Vögelchen selbst entscheiden, ob es seine Flügel spannt.
Er versank tief in Gedanken, weiter, weiter und immer tiefer in sein Gedankenkonstrukt hinein.
Und am Ende des langen Tunnels sah er sie - mit ihren mitternachtsblauem Haar und ihren Augen wie das Meer, wie sie ihm sagte, dass der Weg durch den Sturm führte. Durch den Sturm, dachte er. Aber was ist, wenn ich sie im Nebel verliere? Wenn auch sie schwindet?
Er könnte diesen Schmerz nie ertragen. Er wusste, dass es purer Egoismus war, der in seinen Entscheidungen lag, doch beruhte er darauf, aus Sorge und Fürsorge zu handeln. Doch die Worte Undines ließen ihn nicht los. Nie hatte ihn jemand so ins Schwanken gebracht - das war gefährlich. Abstand wäre seine letzte Option und die würde er ergreifen!
Gerade dachte er an Abstand, an Ruhe, doch war ihm diese nicht vergönnt, als es leise an der Tür klopfte. Ein Seufzen schlich sich zwischen seinen Lippen vorbei an die Luft. Er drehte seinen Kopf langsam zur Tür, überlegte einen Moment nicht zu antworten. „Prinz Viktor? Ich habe Tee für sie gekocht”, verkündete Aveline Stimme sanft am anderen Ende der Tür.
„Kommt herein”, sprach er und erhob sich langsam aus seinem Stuhl. Die Tür ging auf und sie erdbeerblonde Frau trat langsam in den Raum, ein nervöses Lippen auf ihren Lippen und einer Tasse Tee in der Hand. „Ich hoffe, ich störe Euch nicht, Hoheit”, flüsterte die Zofe und Viktor schüttelte nur den Kopf, während er die Tasse Tee aus ihrer Hand nahm. Ihre Finger streiften sanft die seinen, doch blieben die Funken in seinem Körper stillschweigend. Nichts kribbelte, nichts regte sich in ihm.
„Ihr seid so ungewöhnlich ruhig, Herr. Verschlagen Euch diese Unholde der Aurea Custodia etwa die Sprache?”. In ihrer Stimme lag ein Hauch von Abwertung, negative Energie.
Doch ganz zu ihrer Überraschung, musste der Prinz etwas lächeln, ehe er sprach: „Ja, wohl etwas mehr als ich vermutet hatte”. Aveline sah etwas entrüstet zu ihm. Sie bemerkte, dass diese Frau etwas geschafft hatte, was ihr selbst verwehrt blieb - sie gelangte in Viktors direkte Nähe. Wie konnte sie diese fiesen Zaubereien der Ketzerin nur aufhalten? Ihren Viktor vor dieser List bewahren?
„Sie ist schön nicht wahr? Sie erinnert mich an eine Flamme…Doch wer weiß, wie schnell sie sich abwendet, sobald der Wind sich dreht”, sprach sie leise und beobachtete Viktor, der sich wieder auf seinen Stuhl niederließ, seinen Blick auf die Harfe gerichtet. „Auch Elise scheint sie zu mögen. Findet ihr die Nähe zu ihr nicht auch beunruhigend? Elises Herz kann man nicht mit Gewalt schaden, nur mit Nähe…”. Sie sah das Feuer in Viktors Blick aufblitzen und Aveline fühlte sich siegessicher. Sie würde Prinzessin von Lunaris Veil werden! Endlich an der Seite ihre Liebsten, sobald dieses schäbige Weib endlich nicht mehr Viktors Blick einnimmt!
„Ihr habt wohl recht, Fräulein Aveline…”, gab er zu. Langsam nahm er seine Beine in die Hand und begab sich zur Tür. „Ich muss herausfinden, was im Innenhof vor sich ging!”, entschloss er endlich, übermütig und eilend - sein Hemd weiterhin aufgeknöpft, sein Atmen schwer vor Hast.
Mist! So hatte sie das nicht geplant! Elise sollte doch nur zum Zweck dienen, eine Keil zwischen Viktor und Undine treiben.
Aveline hastete ihm nach, die Röcke gerafft, die Wangen rot vor Zorn und Aufregung. In ihrer Hast sah sie den Holzträger nicht, bis sie direkt in ihn hineinlief. Das Feuerholz polterte scheppernd zu Boden, der Bauer stolperte zurück – und blieb dann stehen.
Sein Blick glitt von der eiligen Zofe, deren Atem noch schwer ging, zum offenen Flur, in dem eben noch der Prinz gestanden hatte.
Ein Zucken, ein wissendes Heben der Brauen.
Aveline erstarrte. Zu spät.
„Verzeiht, Herrin“, murmelte der Mann mit einem seltsam verschmitzten Lächeln, das keinen Zweifel ließ, was er nun denken mochte.
Sie wollte etwas sagen, sich rechtfertigen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Der Bauer hob nur das Holz auf und pfiff leise, als er den Gang verließ.
Noch ehe die Tür ins Schloss fiel, wusste Aveline:
Bis zum Morgengrauen würde jeder im Haus davon sprechen, dass Prinz Viktor spät in der Nacht Gesellschaft gehabt hatte.
Und für einen kurzen, bitteren Moment musste selbst sie zugeben – es war ein guter Schachzug. Nur leider nicht ihrer.
Viktor bemerkte nichts von alledem — unwissend über das, was er angerichtet hatte, trat er in die Küche. „Elise!”, entwich es ihm etwas zu hastig.
„Viktor!”, erwiderte sie, und als sie sich zu ihm umdrehte, fiel ihr Blick sofort auf seine halb entblößte Brust. „Was hast du diesmal angestellt?”, zischte sie – und doch lag ein leiser, beinahe liebevoller Tadel in ihrer Stimme.
Bevor er etwas erwidern konnte, griff sie nach seinem Hemd und begann, die Knöpfe entschlossen zu schließen.
„Nichts!”, verteidigte er sich rasch und seufzte. „Geht es dir gut?”
Die Frage ließ Elise schmunzeln – doch ihr Lächeln war von Spott durchzogen.
„Bruder, mir geht es nie wirklich schlecht…”, flüsterte sie und strich ihm flüchtig den Stoff glatt.
„Ich hoffe sehr, dass dich niemand so gesehen hat! Was sollen die anderen denn denken?” Viktor schüttelte den Kopf. „Niemand hat mich ‘so’ gesehen, Elise.” Sein Blick schweifte durch die Küche, als suche er etwas zwischen Mehlstaub und Kupfertöpfen.
„Wo ist er hin?” „Arthur?”, fragte sie beiläufig, und sein hastiges Nicken verriet zu viel.
„Wir unterhielten uns nur kurz im Innenhof, Viktor.” War es eine Lüge? Vielleicht.
Denn in Wahrheit hatte dieses Gespräch etwas in ihr bewegt – etwas, das sie lieber nicht benannte.
„Schwesterchen…”, seufzte er, sanft und beinahe flehend. „Ich sorge mich nur um dich. Diese Menschen sind Fremde – ihre Absichten unklar.” Er legte seine Hand auf ihren Arm; sein Griff war behutsam, aber fest. Elise nickte, ohne ihm in die Augen zu sehen. Dann drehte sie sich um, reichte ihm einen Teller. „Iss.” Das Wort war einfach, aber liebevoll.
Sie schob das Gebäck für den Morgen in den warmen Ofen, während ein flüchtiges Lächeln ihre Lippen streifte – so zart, dass es im nächsten Moment vergehen könnte. Doch für diesen einen Augenblick fühlte sie es: Wärme. Ein Hauch von Leben. Arthur.
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Wärme breitete sich auf ihrem Rücken aus, auf ihrer Brust und als sie die Augen öffnete, stand sie in einem Garten - Grün, mit Wildblumen bewachsen, frei von eisiger Kälte und Schnee.
Sie sah Farben die sie noch nie erblickt hatte und zwischen dieser Pracht stand er. Den Blick auf sie gerichtet und das gleiche warme Lächeln auf seinen Lippen. „Ihr friert”, sprach der Ritter zu ihr.
Elise wollte ihm antworten, doch zwischen ihren zarten Lippen entwich nur kalter Dunst.
Arthur kam auf sie zu, streckte ihr seine Hand entgegen und sie spürte wie es warm wurde. So warm - zu warm! Doch wich sie nicht zurück. Sie konnte nicht. Sie wollte nicht.
Elise hielt ihm seine Hand entgegen, während er sich ihr langsam näherte. Mit jedem Schritt den er tat, wurde das Pochen seines Herzens lauter. Unbändig und ungezähmt schlug es, als könnte sie es unter ihren Fingern spüren.
Die Prinzessin hob ihren Blick und ihre Augen tragen seine - er sah sie und flüsterte leise: „Ihr müsst aufwachen Prinzessin…”. Doch sprach er nicht über ihren Traum. Er ergriff ihre Hand und etwas in ihr begann zu brennen. Ein lodernder Schmerz durchzog ihren Körper - wieder dieser schöne Schmerz, der sich kaum aushalten ließ, dieses Gefühl von Lebendigkeit. Hastig, ängstlich zog sie ihre Hand zurück. Sie fiel zurück ins tiefe Dunkel.
Mit einem lauten Schrei fuhr sie hoch. Ihr Herz schlug, ein Mal, zwei Mal, bevor es wieder stillstand.
Die Hände fest in die Decke gekrallt, bis zum Kinn hochgezogen. „Ein Traum”, realisierte sie ungläubig.
Sie drehte ihren Kopf zum großen Fenster und erblickte den Mond.
„Ich habe geträumt”, flüsterte sie. Ihre Stimme zitterte und ihre Glieder taten es ihr gleich - ein ungewohntes Gefühl.
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