❦Das Herz der Welt❦ [☾Rou✧Nim☽]

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    • ╭︵‿୨✧₊⊹☆⊹₊✧୧‿︵╮

      Viktor blieb allein in seiner großen Bibliothek zurück. Die Luft wog noch schwer, doch wiegten die Erinnerungen leicht, schwebten sanft durch den fließenden Wind - trugen die Melodie der Harfe mit sich. Er blieb noch eine Weile in seinem Sessel und starrte Löcher in die Leere. Er brauchte einen Moment um sich wieder zu sammeln, alles zu ordnen - das Gesagte, das Geschehene.
      Der Prinz ließ den Moment mit der schönen Cleveren Revue passieren und seufzte tief. Er sah auf das Tagebuch auf dem Sekretär und überlegte, ob Elise sich noch daran erinnerte. Was würde geschehen, wenn sie es lesen würde? Ihre rohen und echten Gefühle und Gedanken, niedergeschrieben auf weißem Papier. Würde sie erinnern? Sollte sie sich erinnern? Undines Worte schlichen sich in sein Bewusstsein. Vielleicht war es wahr. Vielleicht sollte er seine Schwester nicht in seine eigene Dunkelheit sperren, sondern sie zurück ans Licht kommen lassen, wenn es ihr Wunsch war. Vielleicht sollte das kleine Vögelchen selbst entscheiden, ob es seine Flügel spannt.
      Er versank tief in Gedanken, weiter, weiter und immer tiefer in sein Gedankenkonstrukt hinein.
      Und am Ende des langen Tunnels sah er sie - mit ihren mitternachtsblauem Haar und ihren Augen wie das Meer, wie sie ihm sagte, dass der Weg durch den Sturm führte. Durch den Sturm, dachte er. Aber was ist, wenn ich sie im Nebel verliere? Wenn auch sie schwindet?
      Er könnte diesen Schmerz nie ertragen. Er wusste, dass es purer Egoismus war, der in seinen Entscheidungen lag, doch beruhte er darauf, aus Sorge und Fürsorge zu handeln. Doch die Worte Undines ließen ihn nicht los. Nie hatte ihn jemand so ins Schwanken gebracht - das war gefährlich. Abstand wäre seine letzte Option und die würde er ergreifen!

      Gerade dachte er an Abstand, an Ruhe, doch war ihm diese nicht vergönnt, als es leise an der Tür klopfte. Ein Seufzen schlich sich zwischen seinen Lippen vorbei an die Luft. Er drehte seinen Kopf langsam zur Tür, überlegte einen Moment nicht zu antworten. „Prinz Viktor? Ich habe Tee für sie gekocht”, verkündete Aveline Stimme sanft am anderen Ende der Tür.
      „Kommt herein”, sprach er und erhob sich langsam aus seinem Stuhl. Die Tür ging auf und sie erdbeerblonde Frau trat langsam in den Raum, ein nervöses Lippen auf ihren Lippen und einer Tasse Tee in der Hand. „Ich hoffe, ich störe Euch nicht, Hoheit”, flüsterte die Zofe und Viktor schüttelte nur den Kopf, während er die Tasse Tee aus ihrer Hand nahm. Ihre Finger streiften sanft die seinen, doch blieben die Funken in seinem Körper stillschweigend. Nichts kribbelte, nichts regte sich in ihm.
      „Ihr seid so ungewöhnlich ruhig, Herr. Verschlagen Euch diese Unholde der Aurea Custodia etwa die Sprache?”. In ihrer Stimme lag ein Hauch von Abwertung, negative Energie.
      Doch ganz zu ihrer Überraschung, musste der Prinz etwas lächeln, ehe er sprach: „Ja, wohl etwas mehr als ich vermutet hatte”. Aveline sah etwas entrüstet zu ihm. Sie bemerkte, dass diese Frau etwas geschafft hatte, was ihr selbst verwehrt blieb - sie gelangte in Viktors direkte Nähe. Wie konnte sie diese fiesen Zaubereien der Ketzerin nur aufhalten? Ihren Viktor vor dieser List bewahren?
      „Sie ist schön nicht wahr? Sie erinnert mich an eine Flamme…Doch wer weiß, wie schnell sie sich abwendet, sobald der Wind sich dreht”, sprach sie leise und beobachtete Viktor, der sich wieder auf seinen Stuhl niederließ, seinen Blick auf die Harfe gerichtet. „Auch Elise scheint sie zu mögen. Findet ihr die Nähe zu ihr nicht auch beunruhigend? Elises Herz kann man nicht mit Gewalt schaden, nur mit Nähe…”. Sie sah das Feuer in Viktors Blick aufblitzen und Aveline fühlte sich siegessicher. Sie würde Prinzessin von Lunaris Veil werden! Endlich an der Seite ihre Liebsten, sobald dieses schäbige Weib endlich nicht mehr Viktors Blick einnimmt!
      „Ihr habt wohl recht, Fräulein Aveline…”, gab er zu. Langsam nahm er seine Beine in die Hand und begab sich zur Tür. „Ich muss herausfinden, was im Innenhof vor sich ging!”, entschloss er endlich, übermütig und eilend - sein Hemd weiterhin aufgeknöpft, sein Atmen schwer vor Hast.
      Mist! So hatte sie das nicht geplant! Elise sollte doch nur zum Zweck dienen, eine Keil zwischen Viktor und Undine treiben.

      Aveline hastete ihm nach, die Röcke gerafft, die Wangen rot vor Zorn und Aufregung. In ihrer Hast sah sie den Holzträger nicht, bis sie direkt in ihn hineinlief. Das Feuerholz polterte scheppernd zu Boden, der Bauer stolperte zurück – und blieb dann stehen.
      Sein Blick glitt von der eiligen Zofe, deren Atem noch schwer ging, zum offenen Flur, in dem eben noch der Prinz gestanden hatte.
      Ein Zucken, ein wissendes Heben der Brauen.
      Aveline erstarrte. Zu spät.
      „Verzeiht, Herrin“, murmelte der Mann mit einem seltsam verschmitzten Lächeln, das keinen Zweifel ließ, was er nun denken mochte.
      Sie wollte etwas sagen, sich rechtfertigen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Der Bauer hob nur das Holz auf und pfiff leise, als er den Gang verließ.
      Noch ehe die Tür ins Schloss fiel, wusste Aveline:
      Bis zum Morgengrauen würde jeder im Haus davon sprechen, dass Prinz Viktor spät in der Nacht Gesellschaft gehabt hatte.
      Und für einen kurzen, bitteren Moment musste selbst sie zugeben – es war ein guter Schachzug. Nur leider nicht ihrer.

      Viktor bemerkte nichts von alledem — unwissend über das, was er angerichtet hatte, trat er in die Küche. „Elise!”, entwich es ihm etwas zu hastig.
      „Viktor!”, erwiderte sie, und als sie sich zu ihm umdrehte, fiel ihr Blick sofort auf seine halb entblößte Brust. „Was hast du diesmal angestellt?”, zischte sie – und doch lag ein leiser, beinahe liebevoller Tadel in ihrer Stimme.
      Bevor er etwas erwidern konnte, griff sie nach seinem Hemd und begann, die Knöpfe entschlossen zu schließen.
      „Nichts!”, verteidigte er sich rasch und seufzte. „Geht es dir gut?”
      Die Frage ließ Elise schmunzeln – doch ihr Lächeln war von Spott durchzogen.
      „Bruder, mir geht es nie wirklich schlecht…”, flüsterte sie und strich ihm flüchtig den Stoff glatt.
      „Ich hoffe sehr, dass dich niemand so gesehen hat! Was sollen die anderen denn denken?” Viktor schüttelte den Kopf. „Niemand hat mich ‘so’ gesehen, Elise.” Sein Blick schweifte durch die Küche, als suche er etwas zwischen Mehlstaub und Kupfertöpfen.
      „Wo ist er hin?” „Arthur?”, fragte sie beiläufig, und sein hastiges Nicken verriet zu viel.
      „Wir unterhielten uns nur kurz im Innenhof, Viktor.” War es eine Lüge? Vielleicht.
      Denn in Wahrheit hatte dieses Gespräch etwas in ihr bewegt – etwas, das sie lieber nicht benannte.
      „Schwesterchen…”, seufzte er, sanft und beinahe flehend. „Ich sorge mich nur um dich. Diese Menschen sind Fremde – ihre Absichten unklar.” Er legte seine Hand auf ihren Arm; sein Griff war behutsam, aber fest. Elise nickte, ohne ihm in die Augen zu sehen. Dann drehte sie sich um, reichte ihm einen Teller. „Iss.” Das Wort war einfach, aber liebevoll.
      Sie schob das Gebäck für den Morgen in den warmen Ofen, während ein flüchtiges Lächeln ihre Lippen streifte – so zart, dass es im nächsten Moment vergehen könnte. Doch für diesen einen Augenblick fühlte sie es: Wärme. Ein Hauch von Leben. Arthur.


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      Die Nacht war schon tief vorangeschritten und nur das Knacken des Feuers in den Kaminen war zu hören - das leise Flüstern des Windes, welches sich durch die Türen schlich. Elise schlief tief und fest, das erste Mal seit einigen vergangenen Wintern.

      Wärme breitete sich auf ihrem Rücken aus, auf ihrer Brust und als sie die Augen öffnete, stand sie in einem Garten - Grün, mit Wildblumen bewachsen, frei von eisiger Kälte und Schnee.
      Sie sah Farben die sie noch nie erblickt hatte und zwischen dieser Pracht stand er. Den Blick auf sie gerichtet und das gleiche warme Lächeln auf seinen Lippen. „Ihr friert”, sprach der Ritter zu ihr.
      Elise wollte ihm antworten, doch zwischen ihren zarten Lippen entwich nur kalter Dunst.
      Arthur kam auf sie zu, streckte ihr seine Hand entgegen und sie spürte wie es warm wurde. So warm - zu warm! Doch wich sie nicht zurück. Sie konnte nicht. Sie wollte nicht.
      Elise hielt ihm seine Hand entgegen, während er sich ihr langsam näherte. Mit jedem Schritt den er tat, wurde das Pochen seines Herzens lauter. Unbändig und ungezähmt schlug es, als könnte sie es unter ihren Fingern spüren.
      Die Prinzessin hob ihren Blick und ihre Augen tragen seine - er sah sie und flüsterte leise: „Ihr müsst aufwachen Prinzessin…”. Doch sprach er nicht über ihren Traum. Er ergriff ihre Hand und etwas in ihr begann zu brennen. Ein lodernder Schmerz durchzog ihren Körper - wieder dieser schöne Schmerz, der sich kaum aushalten ließ, dieses Gefühl von Lebendigkeit. Hastig, ängstlich zog sie ihre Hand zurück. Sie fiel zurück ins tiefe Dunkel.

      Mit einem lauten Schrei fuhr sie hoch. Ihr Herz schlug, ein Mal, zwei Mal, bevor es wieder stillstand.
      Die Hände fest in die Decke gekrallt, bis zum Kinn hochgezogen. „Ein Traum”, realisierte sie ungläubig.
      Sie drehte ihren Kopf zum großen Fenster und erblickte den Mond.
      „Ich habe geträumt”, flüsterte sie. Ihre Stimme zitterte und ihre Glieder taten es ihr gleich - ein ungewohntes Gefühl.

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    • Arthur

      Das Feuer war fast niedergebrannt, nur die letzten Glutadern glimmten zwischen den Steinen. Arthur saß schweigend daneben, das Schwert an die Knie gelehnt, die Gedanken weit fort ....dort, wo ihr Lachen noch zu hören war. Lancelot stieß ihn mit dem Ellenbogen an. "Du bist wirklich hoffnungslos, weißt du das?" Sein bester Freund blinzelte blinzelte verwundert. "Wie bitte?" Lance hatte ihn mit einen Male aus den Tiefen seiner Gedankenwelt gezerrt, so dass es schwer war direkt einen klaren Zusammenhang zu fassen. "Na komm schon." Der schwarzhaarige Ritter grinste breit. "Wenn dich eine Frau so ansieht... ja sogar deine Hand nimmt - verdammt, Junge! Dann darfst du ruhig mal ein bisschen weniger ehrenhaft und ein bisschen mehr… menschlich reagieren." Cassian hob die Hand, als wolle er den Stachel abmildern. "Er meint's gut, Arthur. Lancelot kennt halt nur eine Sprache: die der Übertreibung." Der Ritter schnaubte. "Ich sag ja nur die Wahrheit! Vielleicht haben die Herren, vergessen dass ich im Gegensatz zu euch eine überaus glückliche Verlobte habe." Lancelot lehnte sich zurück und lachte. "Ich meine - er sitzt da, mit einer Prinzessin aus Eis, die ihn tatsächlich anlächelt sogar seine Hand ergreift, und was macht er? Er starrt in den Schnee, als wär’s das spannendste Wesen in seinen Leben." Er schüttelte den Kopf, maßlos übertrieben, um seine Enttäuschung anzudeuten. "H-hey! Vielleicht war es das auch." murmelte der Braunhaarige, doch ein kaum merkliches Schmunzeln huschte über seine Lippen. Der gelernte Magier grinste. "Stimmt. Manchmal ist Zurückhaltung die größere Tapferkeit. Nicht jede Schlacht braucht ein gezogenes Schwert." Lancelot knurrte. "Aha. Und was bringt Tapferkeit, wenn man sie nie zeigt? Frauen wollen keine Legenden, sie wollen-" Er machte eine ungeschickte Geste mit der Hand – "…Echtheit! Eroberung und einen Mann der auch mal anpackt." Arthur seufzte. "Und du glaubst, das erreicht man, indem man ihnen einfach das Herz vor die Füße wirft?" Sein bester Freund nickte bestimmt. "Wenn’s hilft - dann ja!"

      Das Gelächter der Männer hallte in den kalten Hallen wider, und für einen Moment war Lunaris Veil nicht ganz so fremd. Cassian klopfte Arthur auf die Schulter. "Er meint's nicht böse. Aber er hat recht ... du solltest dir mal erlauben, zu fühlen." Arthur schwieg einen Moment, das Lächeln verflog. "Manche Gefühle führen tiefer als jedes Schwert. Und schwerer ist, sich davon wieder zu lösen." Für den flüchigen Hauch eines Augenblick huschte ein altes Bild durch seine Gedanken. Die betende Gunivere in der Morgensonne. So zart und schön und doch... so unerreichbar. Doch der Schmerz, die Wehmut welche dieses Bild in seinen Herzen sonst hinterließ blieb aus. War es...? "Tief klingt gut." warf Lancelot ein und schlug den jungen Anführer ebenfalls kräftig auf die Schulter. "Tief heißt echt." Der Braunharige drehte seine Schukterblätter um die gut gemeinte Ratschläge seiner Freunde und ihre Hände wieder abzuschütteln. "Nein. Tief heißt gefährlich." Gerade für die Eisprinzessin. Das war es doch was dieses Umfeld ihn zu verstehen geben wollte. Sie zu verletzen war das Letzte war er im Sinn gehabt hatte. Arthur blickte ins Feuer. "Und nicht jeder kommt heil wieder raus." Diese Verwirrung durfte er nicht zulassen. Nicht als Träger des Sonnenjuwels, als Anführer der Aurea Custodia. Gerade wenn Undine sich ihrer hoffnungslos ausgesetzt fühlte. Stille. Nur das Knistern der Glut. Dann erhob sich Stine als hätte sie seine Gedanken gelesen. "Ich seh nach ihr." Yamir, ihr Zwillingsbruder sah sie überrascht an. "Nach Undine?"

      Die Blondine nickte. "Ja. Sie war lange weg... zu lange." Stine zog ihren Umhang enger, ihre Stimme ruhig, aber fest. "Wenn sie wirklich in den Gemächern ist, allein… dann sollte jemand bei ihr sein. Und ihr drei seid... verzeiht - nicht gerade die feinfühligsten, wenn's darum geht, mit einer Frau zu reden, die vielleicht Ruhe sucht." Lancelot grinste. "Autsch. Treffer.",Arthur stimmte nickend zu. "Sei vorsichtig. Undine sprach davon dass die Götter uns prüfen. Jeder auf seine eigene Weise." Stine lächelte kurz, fast mümüde"Das weiß ich. Aber ich finde sie schon. Und wenn nicht, finde ich wenigstens heraus, was sie so weit fortgelockt hat." Yamir trat zu ihr, legte die Hand auf ihre Schulter. "Pass auf dich auf, Schwesterherz." Ihr Lächeln war zart aber nicht weniger schön. "Immer, Bruder." antwortete sie leise.Dann wandte sie sich ab, ihr Schatten verschmolz mit der Dunkelheit des Ganges. Nur das leise Klirren ihrer Pfeile blieb zurück, ehe es von der Stille verschluckt wurde. Arthur blickte ihr nach. Er wusste, sie war fähig flink, präzise, mit einem scharfen Instinkt. Yamir trat näher ans Feuer. "Sie kommt zurecht. Sie hat ein Gespür für das, was echt ist und das ist hier selten." Arthur nickte. "Hoffen wir's." All seine Gefährten waren ihn lieb und teuer. Auch mit der geschickten Blondine teilte er viele Erinnerungen. "Also..." begann Lancelot "Warten wir jetzt? Oder gehst du deinem Herzschmerz nach und suchst sie beide?" Arthur warf ihm einen genervten Blick zu, doch Cassian lachte leise. "Lass ihn, Lance. Nicht jeder rennt seinen Schatten hinterher." Arthur ließ Calibur sanft wieder in die Scheide fahren ehe er sich sacht erhob. "Nicht jeder, nein-" sprach er ruhig "...Aber manchmal holen sie dich trotzdem ein." Ein leiser Wind fuhr durch die Ruinen. Irgendwo tief im Inneren des alten Gemäuers schien etwas zu atmen. Der junge Anführer hob den Kopf, lauschte für einen Herzschlag glaubte er, eine Stimme zu hören. Ein Flüstern, kaum mehr als ein Hauch "Weck mich nicht…" Er fuhr herum. Doch hinter ihm war nur Feuer, Stein und Schweigen.

      Undine

      Das Wasser war still, als würde es schlafen.
      Dann ein Rucken Undine fuhr hoch, keuchend, als hätte sie vergessen, wie man atmet. Tropfen perlten über ihre Haut, liefen über ihre Kiemen, die sich weit öffneten, gierig nach Luft und Erinnerung zugleich.
      Ein Moment völliger Stille folgte, bevor sie merkte, dass sie allein war. Dass es nur das Wasser war, das sie umschloss und nicht die Hände aus ihrer Erinnerung.

      Langsam sank sie wieder zurück, bis die Oberfläche sie wie eine sanfte Decke umhüllte. Hier, im Wasser, fühlte sie sich sicher. Hier war sie wieder ganz. Keine Maske, kein Schleier, keine Furcht vor Blicken. Nur sie und das leise Flüstern der Tiefe. Doch Sicherheit trügt. Das Wasser erinnert. Immer. Zuerst kamen nur Bilder- flüchtig, wie Spiegelungen auf Wellen.
      Ein Steg im Mondlicht. Ein Lächeln, das sie einst glaubte, lieben zu können. Ein Versprechen in flüsternden Worten, gebrochen, ehe es wirklich ausgesprochen wurden. Dann Schatten. Stimmen, die sie nicht mehr unterscheiden konnte. Hände. Kalte. Feste. Sie sah sich selbst .... jung, hoffnungsvoll, wie sie zum ersten Mal über den Sand ging, mit den neuen Beinen, noch schwach und ungeschickt, aber voller Vertrauen. Und dann... Dunkelheit. Nicht als Erinnerung, sondern als Gefühl. Als etwas, das tief in ihr wohnte und sie nie wirklich verlassen hatte. Das Wasser um sie begann sich zu regen, als würde es ihren Schmerz mitfühlen. Ein Wirbel aus aufsteigenden Blasen, zitternden Ringen.
      Undine legte eine Hand an ihr Gesicht über die Linien ihrer Kiemen, über die Haut, die anders war, nie ganz menschlich. Ihre Finger zitterten. Sie erinnerte sich an die Stimme Jungen der sie am Strand fand. "Atme, Fischlein... Kind des Wassers. Die Welt mag dich verstoßen, aber das Meer wird dich nie vergessen." Oswald. Der Erste, der sie nicht fragte, was sie war ... sondern wer. Undine öffnete die Augen. Die Dunkelheit ihrer Pupillen spiegelte das bleiche Licht, das durch das kleine Fenster fiel. "Ich habe überlebt...dank dir." flüsterte sie, kaum hörbar. ".....Aber das Meer… es trägt noch immer meine Schreie und mein Flehen." Wie lange würden sie ihr noch folgen?

      Langsam erhob sie sich. Tropfen liefen über ihre Schultern, über den feinen Stoff, der an ihr klebte. Das Wasser glitt an ihr herab, als wolle es sie nicht gehen lassen.
      Ihr Blick fiel auf den Schleier, der gefaltet am Rand des Zubers lag. Ein Teil von ihr wollte ihn wieder anlegen, wollte das Geheimnis ihrer Zähne, ihrer Vergangenheit, ihrer Andersheit verbergen. Aber sie tat es nicht.
      Nicht sofort. Denn für diesen einen Morgen wollte sie nicht das Monster aus den alten Geschichten sein. Sondern nur Undine - Tochter des Wassers, Überlebende, Hüterin eines gebrochenen Herzens. Draußen begann der Tag. Undine atmete tief, das erste Mal seit Langem ohne Schmerz. Und im Wasser unter ihr zitterte ein Schimmer als hätte das Meer selbst ihr Versprechen gehört.

      Arthur

      Der Morgen kam bleich und still über Lunaris Veil. Ein dünner Schleier aus Nebel kroch durch die zerbrochenen Fenster, füllte die alten Hallen mit fahlem Licht. Asche glomm in der Feuerstelle, die Nacht war zu Ende doch niemand hier fühlte sich ausgeruht. Arthur stand bereits in der Mitte des Raumes, die Hände auf den schweren Eichentisch gestützt. Die Müdigkeit zeichnete sich in seinem Blick, doch seine Haltung blieb aufrecht. Ein Kommandant, der selbst dann Haltung bewahrte, wenn die Seele müde war. Der kalte Glanz des Sonnenjuwels an seiner Brust schimmerte matt im Zwielicht, wie eine Erinnerung an Pflichten, die nie ruhten.

      Lancelot trat mit verschränkten Armen an ihn heran, das Grinsen eines alten Freundes auf den Lippen. "Du siehst aus, als hättest du die Nacht mit deinen Gedanken gekämpft. Und, wer hat gewonnen?" Arthur hob kaum den Blick. "Niemand. Witzbold." Lancelot schnalzte mit der Zunge. "Hah! Dachte ich's mir. Du kannst gegen Dämonen und Nebelwesen kämpfen, aber kaum lächelt dich diese Frau an, wirst du stumm wie ein Stein." Cassian, der gerade eintrat und seinen Mantel abstreifte, verdrehte die Augen. "Lance, bitte. Nicht vor Sonnenaufgang." Ein freundlicher Versuch, doch der Schwarzhaarige ließ sich nicht beirren. "Ich sag ja nur." fuhr Lancelot fort "Der große Ritter Arthur von Aurea Custodia kann Schwerter führen, Heere anführen, Könige überzeugen - aber wenn die Eisprinzessin ihm ein Lächeln schenkt, dann steht er da wie ein Rehkitz im Morgentau." Arthur sah kurz auf, der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht. "Ich erinnere dich daran, dass ich dich auch zum Späherdienst einteilen kann. In den Sümpfen." Sein bester Freund grinste breit. "Oh, Drohungen schon vor dem Frühstück - also hat dich Elise sehr wohl wach gehalten." Cassian trat näher, legte dem Jüngeren die Hand auf die Schulter. "Lass ihn, Lance. Er meint es gut. Und du weißt, was er sagen will: Manche Kämpfe gewinnen sich nicht mit Stahl, sondern mit Mut. Und Herz." Arthur schwieg. Er dachte an Lady Elise... an ihr Lächeln, das im Schnee wie ein heller Schimmer verweilte. An ihre Stimme, leise und traurig, als sie von dem sprach, was sie verloren hatte. Ein Gefühl wie Schmerz und Frieden zugleich zog durch seine Brust.
      Er hatte ihr einen Moment geschenkt oder sie ihm. Und seitdem trug er beides: den Trost und die Unruhe. Ein leises Klopfen lenkte ihn aus den Gedanken. Yamir, still wie immer, trat aus dem Schatten. "Entschuldigt. Ich sehe nach Stine. Sie wollte vorhin Undine wecken." Arthur nickte knapp. "Gut. Wir brechen bald auf." Es war wohl besser so. Als Yamir verschwand, legte sich ein kurzes Schweigen über die Gruppe. Das leise Tropfen von Wasser irgendwo in der Ferne zählte die Sekunden. Cassian kritzelte etwas in sein Notizbuch, während Lancelot sich auf einen Stuhl sinken ließ und einen Apfel drehte, als wäre er die Sonne selbst.

      Dann öffnete sich die Tür. Stine trat ein... und hinter ihr Undine. Sie war still, aber ihr Schweigen war kein kaltes. Es hatte Tiefe, wie die See nach einem Sturm. Ihr Haar war noch feucht, in Strähnen über ihre Schultern gefallen. Der Schleier verbarg wieder, was sie nicht zeigen wollte, doch ihre Augen glänzten in jenem unwirklichen Blau, das die meisten nicht anblicken konnten, ohne kurz den Atem zu verlieren. Arthur hob den Kopf. Er wusste, wie es war, mit einer Last zu leben, die man nicht ablegen konnte. "Ihr seid früh wach." sagte Undine leise. Ihre Stimme trug das ferne Echo der Tiefe, weich und kühl zugleich. "Ich hoffe, ich störe nicht." Arthur schüttelte sichtlich erleichtert den Kopf, war sie doch eine der Wenigen die Lancelot zu zügeln vermochte. "Nein, ganz und gar nicht. Wir wollten ohnehin beraten."

      Cassian schloss das Buch. "Dann lasst uns beginnen. Je länger wir bleiben, desto mehr weckt der Ort, was unter ihm schläft." Undine trat an den Tisch, ihr Schatten glitt über die Steinplatten. Ein Tropfen Wasser fiel von einer ihrer Strähnen herab, versickerte lautlos in der Maserung des Holzes.
      Arthur beobachtete ihn und dachte unwillkürlich an Elise an den Schnee, der auf ihre Wangen fiel, schmolz und wie Tränen wirkte, die keine waren. Er zwang sich, die Gedanken beiseitezuschieben. "Also gut." sagte er mit fester Stimme. "Wir brechen in einer Stunde auf. Richtung Südpass. Lancelot - du sicherst die Vorhut. Cassian, prüfe das Runensiegel an der Nordwand. Undine, ich brauche deinen Rat über das Wasser im Tal." Undine nickte, ein Hauch von Stolz in ihrer Bewegung. "Natürlich, Arthur." Den Göttern sei dank- sie schien wieder sie selbst. "Nun... dann sollten wir Prinzessin Elise und den Lunaris Veil für die Gastfreundschaft danken bevor wir uns verabschieden." Lancelot grinste leise. "Er sagt ihren Namen so ernst, als wäre es ein Schwur." Undine schüttelte nur den Kopf. "Er sagt jeden Namen so." Ein schwaches Lächeln huschte über Arthurs Lippen.
      Er wusste, sie neckten ihn - aber er ließ es zu. Vielleicht, weil er spürte, dass sie alle diese kleinen Funken Menschlichkeit brauchten, hier, in der Kälte von Lunaris Veil. Draußen stieg die Sonne langsam über den Rand der gefrorenen Türme. Der Tag begann. Und mit ihm eine neue Etappe ihres Weges - dorthin, wo Licht und Schatten sich wieder berühren würden.
    • ꧁˚₊·✩ - - - ♱ - - - Viktor - - - ♱ - - - ✩·₊˚꧂
      Viktor schritt langsam an die große Tür des Raumes, in dem sich die Begleiter seiner Schwester befanden. Mit den Knöcheln seines Handrückens klopfte er sanft an die Tür, ehe er sie zögerlich öffnete. „Entschuldigt meine Präsenz”, sprach er.
      Seine Augen lagen tief in seinem Gesicht, die dunklen Schatten unter seinen Augen verrieten, dass seine Nacht wohl erst spät eingebrochen war.
      „Ich hoffe Ihr hattet eine erholsame Nacht. Elise würde euch ebenfalls gern begrüßen, doch fühlt sie sich nicht wohl. Sie bat mich sie zu entschuldigen und Euch eine sichere Reise zu wünschen”, übermittelte er. Die Sorge in seiner Stimme war kaum zu überhören. Elise war seit der Vereisung ihres Herzens nicht mehr krank gewesen.

      Als sie noch ein Kind war, war sie eine sehr kränkliche Gestalt, als ob ihrem Körper etwas fehlte, doch niemand wusste, was es war - kein Arzt, kein Gelehrter, kein Alchemist. Ihr Vater war überzeugt davon, dass dem Kind die Sonne fehle. „Sie trägt meine Gene ebenfalls!”, mahnte der Seemann. Ihr Vater war kein Prinz, kein Adliger - ein reisender Gewürzhändler, welcher auf seinem Weg durch die eisigen Meere nah Lunaris Veil kenterte, Schiff und Mannschaft verlor und drohte an den steinigen Stränden des Landes aus Eis zu erfrieren. Der große Schwarzhaarige flüsterte: „Nun ist es so weit, dies wird mein Ende sein”, als er die blasse Gestalt über sich sah. Ihre Haut so perfekt, weißes Haar und tiefblaue Augen. „Sie sandten Engel, um mich zu holen. Der heilige Nikolaus hat mich verlassen”, wimmerte er vor Schmerz und Kälte, überzeugt davon, sein Leben verloren zu haben.
      „Ihr redet zu viel, mein Herr”, sprach der Engel zu ihm. „Mit jedem Atemzug verliert ihr Lebenskraft. Zieht Schweigen in Erwägung”, riet ihm das Heilige Wesen und legte ihm sanft den eigenen Mantel über den frierenden Körper. „Ich hole Hilfe!”, hastete die bezaubernde Gestalt und verschwand. Dunkelheit überkam ihn und er wachte auf, wo Elise letzte Nacht zur Ruh ging. Eine Geschichte, an die die Prinzessin gern zurückdachte.

      Viktor sah zu den Menschen aus Aurea Custodia und bot ihnen mit fester Stimme an: „Wendet Euch bitte an mich, solltet Ihr noch etwas brauchen - Elise ist es wichtig, dass ihr vollständig ausgerüstet seid, bevor ihr aufbrecht”. Ein Lüge - Elise hatte diesen Morgen noch nichts gesagt, außer, dass sie sich nicht wohl fühle. Dunkle Wolken schienen über des Prinzen Kopfes zu schweben und immer mehr seines Lichtes absorbieren, bis nicht mehr viel davon übriggeblieben war. Die Sorgen übernahmen ihn, seine Gedanken waren verstreut, nicht klar und geradlinig - nicht Viktor. Der Blick des Prinzen schweifte noch einmal durch die Runde, ehe er sich kurz verbeugte und langsam abging.
      Eine Wächterin eilte die Treppe herunter. „Prinz Viktor!“, keuchte sie mit krächzender Stimme und lief mit gegebenem Abstand neben dem weißhaarigen Prinzen. „Das Eis scheint nicht zu schmelzen, Prinz!“, erklärte sie ihm. „Es scheint das Feuer gänzlich zu übernehmen. Der Kamin leuchtet strahlendblau, doch das Eis ist völlig unbekümmert von seiner Wärme...“. Das Nicken des Prinzen entlastete sie der Verantwortung.
      „Lasst vorerst niemanden passieren. Das erste Stockwerk bleibt leer, solange wir nicht sicher sind, was vor sich geht“, seine Stimme war drängend, doch sanft. Sie nickte, nahm sich der neuen Aufgabe an und jeweils zwei Wächterinnen positionierten sich mit gekreuzten Schwertern vor dem Treppenaufgang.
      Mit dankbarem Blick stand der Prinz aufrecht inmitten der beiden Wächterinnengruppen. Sein Arm legte sich auf seinen Rücken, die andere Hand auf sein Herz und er schenkte den Frauen vor ihm eine tiefe Verbeugung. Ergeben salutieren die vier Frauen synchron vor dem Bruder ihrer Anführerin. Kein Laut drang mehr durch die Flure. Nur das gedämpfte Zischen des blauen Feuers und das leise Knirschen des Eises – als würde das Schloss selbst den Atem anhalten.
      ※ ·❆· ※
      Stunden und Tage vergingen. Das Murmeln in der Stadt wurde zunehmend lauter, die Schwestern der Prinzessin drängten nach Antworten. Das Anwesen war bitterkalt geworden, der Boden von Eis durchzogen und die Luft schien die eigene Haut förmlich zu schneiden. Elise hatte ihr Gemach auch nach der Abreise ihrer Gefährten nicht verlassen, aß wie ein Spatz, und in der Nacht konnte man die Wände flüstern hören. Kein Feuer schien die Kälte vertreiben zu können. Gnadenlos übernahm sie jedes Licht, bis selbst die Kerzen im Flur blau erloschen.
      Viktor fand keine Ruhe. Seine Nächte waren kurz, sein Gesicht fahl, die Augenringe tief wie Gräben. Er stand oft vor Elises Tür, ohne sie zu öffnen, lauschte dem leisen Rascheln jenseits des Holzes – manchmal glaubte er, ihren Atem zu hören, manchmal war es nur der Wind. Er hatte alles versucht: Ärzte, Magier, selbst die alten Chroniken, doch keine Antwort wollte sich offenbaren. Nur ein Name kehrte immer wieder in seine Gedanken zurück – Undine.

      Seit ihrem Weggang schien etwas von ihrem Licht im Haus zu fehlen. Vielleicht war es Torheit, vielleicht bloße Sehnsucht nach Hoffnung – doch Viktor wusste, dass die Kälte nicht allein aus Stein und Schnee bestand.
      Und so, in einer jener Nächte, in denen selbst das Mondlicht schien zu frieren, traf er seine Entscheidung.
      Wenn das Eis nicht schmilzt, dachte er, dann muss er dorthin, wo Wasser noch fließt.
      Aveline war über sein Vorhaben nicht erfreut. Elise sei jung, sagte sie, sie würde wieder zu Sinnen kommen. Die Zofe sprach von Herzschmerz und Liebeskummer – die Prinzessin Liebe sei fort. Sie habe gesehen, wie die beiden miteinander umgingen, meinte sie mit gespieltem Bedauern, und als er entschied, wieder aufzubrechen, sei Elise in tiefe Sehnsucht gefallen – nach Arthur. Das musste es gewesen sein, beharrte sie. „Das ist nicht wahr“, entgegnete der Prinz, seine Stimme schärfer als beabsichtigt. „Das ist keine einfache Sehnsucht nach einem Mann“, zischte Viktor und sein Blick traf sie wie Frost. Aveline senkte den Kopf, doch in ihren Augen blitzte etwas auf – vielleicht Trotz, vielleicht etwas, das tiefer reichte. Er wandte sich ab, ging zum Fenster. Der Himmel über Lunaris Veil war bleiern, und der Schnee fiel lautlos. Einen Moment lang stand er nur da, atmete die Stille, dann sprach er leise, fast zu sich selbst:
      „Ich werde sie nicht verlieren.“ Aveline trat einen Schritt vor. „Hoheit, Ihr riskiert Euer Leben für eine Einbildung!“
      „Nein“, antwortete Viktor ruhig. „Ich riskiere es, weil sie mein Leben ist.“ Ohne sie weiter zu beachten, griff er nach seinem Mantel. Sein Entschluss stand fest – er würde Undine finden. Und wenn der Weg ihn selbst ins ewige Eis führen sollte, dann sei es so!
      Aveline versuchte noch einige Male erpicht, den Prinzen von seinem Vorhaben abzubringen – doch vergebens. Viktor schien zielgerichtet, als wüsste er genau, was zu tun war.
      „Aveline, ich bitte Euch!“, raunte er mit tiefer Stimme. „Ihr verschwendet Eure Energie an mir! Ihr solltet besorgter über den Zustand der Prinzessin sein als über mein Wohlergehen!“, erinnerte er sie an ihre Pflichten als Zofe, und ein Hauch von Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit. Seine Worte trafen die Frau wie ein Schwerthieb, doch in seiner Eile bemerkte er den Schaden nicht, den er hinterließ.
      Um den schweren Eichentisch, an dem zuvor die Truppe aus Aurea Custodia getagt hatte, stand er nun – umgeben von den Schwestern des Nordwinds. Viktor verkündete seine Abreise, kalt und voller Entschlossenheit.
      Elsvjeta, eine von Elises respektiertesten Kriegerinnen, stand dem Prinzen zur Seite. Ganz zu Avelines Unbehagen übergab er ihr die Führung, solange seine Schwester nicht eigenständig dazu in der Lage war.
      „Ich danke Euch, Prinz. Euer Vertrauen ehrt mich“, sprach sie unter dem Eid, Lunaris Veil zu schützen – auch wenn sie selbst ihr Leben lassen müsste.
      Viktor wusste, dass er das Reich in guten Händen zurücklassen würde und als er den Raum verlassen hatte, blieben die Frauen zur Beratung zurück. Die Prinzessin schien verwundbar und bot somit leichte Beute. Oberste Vorsicht war geboten. Der Prinz wusste, dass er nicht viel Zeit verlieren sollte.
      Der Schnee unter seinen festen Stiefeln knirschte vertraut. Seine Schritte waren anmutig und zielgerichtet – wie ein Wolf auf der Jagd bewegte er sich kontrolliert auf das Anwesen zu. Leise flüsterte er in den Wind: „Finde sie...“ und richtete seinen Blick auf die hohe Schlossmauer. Der pechschwarze Rabe erwiderte seinen Blick; seine Augen funkelten wie Silber im Licht von Lunaris Veil. Mit einem krächzenden Laut spreizte er die Flügel, bereit, seinem Meister ohne Zögern zu folgen. Hastig trat der Prinz auf sein treues Pferd zu und schwang sich mühelos in den Sattel, während der edle Gefährte unter dem Raben herritt. Pferd und Reiter spürten tief in sich, dass der bevorstehende Weg kein leichter sein würde, und stellten sich gemeinsam den Gefahren, die vor ihnen lagen.

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      Der Schnee knirschte unter den Hufen seines Pferdes, während der Prinz den verschlungenen Pfad entlangritt. Der Rabe flog voraus, seine schwarzen Flügel schnitten durch die eisige Luft wie Schatten. Die Bäume des Waldes standen dicht und finster, ihre Äste kratzten am Himmel, als wollten sie ihn aufhalten, doch die Entschlossenheit des Prinzen war stärker als jede Angst. Ein kalter Wind trug den Duft von nassem Moos und fernen Gewässern heran. Immer wieder glitzerte etwas zwischen den Bäumen – Lichtreflexe oder Nebelschwaden, die sich schaurig bewegten. Das Herz des Prinzen zog sich zusammen, nicht vor Angst, sondern aus Sehnsucht. Er dachte an seine Schwester, an die Angst, die sie hinter den Schlossmauern gefangen hielt, und an Undine, deren Hilfe er sich so sehr erhoffte.
      Er sprang über einen zugefrorenen Bach, dessen Wasser unter der dünnen Eisschicht geheimnisvoll glitzerte. Das Geräusch des brechenden Eises klang wie ein ferner Herzschlag und für einen Moment blieb er stehen, lauschte und atmete tief durch. Die Stille war trügerisch; jede Bewegung konnte eine Gefahr verbergen. Doch der Gedanke an seine Schwester trieb ihn weiter, Schritt für Schritt, durch den verschlungenen Pfad. Schließlich öffnete sich der Wald zu einer Lichtung, auf der Nebel über einem kleinen, klaren See lag. Das Wasser spiegelte den Mond und der Rabe ließ ein krächzendes Geräusch hören, als wollte er sagen: „Hier endet euer einfacher Weg.“ Der Prinz spürte, wie das Pferd unruhig wurde.
      Der Boden wurde matschig, die Bäume dichter und die Äste bildeten ein Labyrinth aus Schatten. Er wusste instinktiv, dass der Pfad zu unwegsam für das Tier war.
      Mit einem Seufzer stieg er ab. „Wir gehen zu Fuß weiter“, murmelte er und ließ seinen treuen Begleiter nur mit schwerem Herzen zurück.

      Der Schnee unter seinen Stiefeln war matschig, schwer vom Tau und die Stille des Waldes drückte auf seine Schultern wie schwerer Ballast. Der Rabe flog voraus, immer wieder kehrten seine silbernen Augen zurück, um Viktor zu beobachten. Jede Bewegung, jeder Schritt war spürbar – das Knacken von Zweigen, das Rascheln von Moos unter seinen Füßen. Die Bäume wurden dichter, ihre Äste drückten den Nebel zusammen. Viktor hielt inne, spürte die Kälte an den Fingerspitzen und zugleich etwas anderes: eine Präsenz, schwer zu greifen, die sich wie fließendes Wasser um ihn legte. Sein Herz schlug schneller, und er wusste instinktiv, dass er sich dem Ziel näherte, nach dem er suchte. Er ging einen schmalen Pfad entlang, der sich zwischen sumpfigen Pfützen und glitzernden Wasserflächen wand. Das Mondlicht brach sich in ihnen und ließ sie wie kleine Seen erscheinen. Viktor blieb stehen, kniete sich nieder, betrachtete die Spiegelungen und spürte dieses Ziehen wieder – wie ein leiser Atem, der über die Oberfläche lief, kaum zu hören, aber unbestreitbar. Der Prinz nahm sich einen Augenblick zeit, um Selene ein Gebet auszusprechen, ehe er weiterzog.
      Er trat vorsichtig über einen moosbewachsenen Baumstamm, das Wasser glitzerte darunter wie flüssiger Mondschein. Der Rabe landete auf einem Ast und krächzte, dann drehte er sich und sah Viktor an, als wolle er sagen: „Nicht mehr weit.“
      Viktor nickte nur stumm, spürte eine Mischung aus Erleichterung, Erwartung und Vorsicht. Es war nicht die Zeit für Ungeduld.
      Der Nebel vor ihm teilte sich wie ein Vorhang. Ein leichter Wind strich durch die Bäume, trug das leise Rauschen der Dunkelheit mit sich. Er setzte einen Schritt nach dem anderen, vorsichtig, ehrfürchtig. Viktor wusste, dass sie hier war. Ganz nah. Und doch nicht greifbar. Die Präsenz ließ ihn zugleich nervös und entschlossen werden. Er spürte, dass er das letzte Stück des Weges allein gehen musste, dass er bereit sein musste, wenn er ihr gegenübertreten würde. Jeder Schritt durch die feuchten Blätter, durch den Nebel und das fließende Wasser war wie ein Atemzug zwischen zwei Welten: Zwischen dem, was sichtbar war, und dem, was er nur fühlen konnte. Viktor spürte, dass die Begegnung bevorstand – dass er sie bald sehen würde – und dass er alles, was ihn bisher zurückgehalten hatte, hinter sich lassen musste, um ihr nahe zu sein – um Elise zu retten.

      „Finde sie und übermittle ihr, dass ich nicht weit entfernt bin. Sie wird spüren, dass etwas nicht stimmt...“, hoffte der Prinz und übergab seinem Schatten eine kleine Marke in Form einer Schneeflocke. Und so begab sich das treue Tier hin zu Viktors Hoffnung, um ihr die Nachricht mitzuteilen und verließ sich darauf, dass die schöne Taktikerin verstand.

      ꧁˚₊·✩ - - - ♱ - - - ❆ - - - ♱ - - - ✩·₊˚꧂
    • Arthur

      Der Regen hatte in der Nacht nicht aufgehört. Noch immer rann er in feinen Strähnen über die Fenster des Gasthauses, als Arthur und seine Gefährten sich am runden Tisch im Schankraum versammelten. Der Duft von feuchtem Holz und kaltem Eisen hing in der Luft. Lancelot gähnte, den Trinkbecher in der Hand. "Ich sag’s ja, Arthur. Wir hätten schlimmer schlafen können." Es war fast eine halbe Woche vergangen seit dem die Gruppe Lunaris Veil verlassen hatte, drei Tage seitdem sie die Blutzinnen passiert und in den Gasthaus 'zum alten Mühlnbogen' Rast gefunden hatten. "Wenn man den Regen ignoriert, vielleicht." erwiderte Cassian trocken und blätterte in einem Buch, das so alt war, dass der Einband knirschte. Der junge Anführer hörte kaum hin. Er saß still, die Stirn in die Hand gestützt. Seine Gedanken waren längst woanders ... die Prinzessin hatte sich unwohl gefühlt. Ob es ihr besser ging? Wie schwer wurde sein Herz unter seinem Juwel wenn er daran dachte dass ihnen ein Wort des Abschieds oder des Dank verwehrt blieb ... oh, wie schwer wurde es jedes Mal wenn ihr helles Lachen seine Gedanken durch drang....
      Stine, die bereits früher aufgestanden war, öffnete die Tür. "Undine ist noch immer draußen." sagte sie leise. "Im Regen. Sie spricht mit… einem Raben." Lancelot stellte den Becher ab. "Mit einem was? Bitte sag mir, sie fängt nicht an, mit Vögeln zu reden." Yamir hob eine Augenbraue. "Wenn du wüsstest, was Raben alles sagen, würdest du ihnen besser zuhören."

      Arthur erhob sich und trat hinaus. Der Hof des Gasthauses lag still, nur der Regen malte Kreise in die Pfützen.
      Undine stand dort, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Auf ihrem ausgestreckten Arm saß ein Rabe groß, schwarz und still, doch seine Augen leuchteten in einem seltsamen Silber, das nicht von dieser Welt war. Der Sonnenritter blieb stehen. "Undine?" Sie wandte sich halb zu ihm um, die Stimme leise "Er kam aus Norden. Wie sein Vetter einst." Der Vogel krächzte, ließ etwas fallen. Klein, metallisch, und es fiel direkt in Undines Hand. Eine silberne Schneeflocke, fein gearbeitet, auf der Rückseite das Siegel des Hauses Belyova. Undine betrachtete sie, und für einen Moment spiegelte sich das kalte Licht der Morgensonne in ihren Augen. "Das ist kein Zufall." sagte sie leise. "Er wurde geschickt."
      Arthur trat näher. "Von wem?" Undine schloss ihre AUgen und seufzte. "Lunaris Veil, jemand mit Entscheidungsgewalt .... jemand wie... seine Hoheit - der Prinz." Der Rabe stieß einen Laut aus, der beinahe wie ein Flüstern klang, ehe er aufflog und im Nebel verschwand.
      Undine schloss die Finger um das Amulett. Das Wasser tropfte aus ihrem Haar, lief über ihre Hand, über das Metall und blieb plötzlich still. Kein Tropfen fiel zu Boden. "Das Wasser flüstert." sagte sie, ihre Stimme fern, als würde sie durch Tiefen sprechen, die kein Mensch mehr hört. Sie legte ihre freie Hand auf die Pfütze zu ihren Füßen, und das Wasser begann sich zu kräuseln, bildete kleine Wellen, bis ein sanftes Murmeln erklang kaum hörbar. Cassian, der in der Tür stand, hielt den Atem an. "Was siehst du?" Undines Augen waren jetzt leer und weit. "Kälte. Nebel. Und… Schmerz. Jemand ruft. Aber nicht laut, nicht ...mit Worten." Arthur trat einen Schritt näher. "Prinzessin Elise?" Seine Beraterin konzentrierte sich auf das Gewicht der Marke in ihrer Hand. "Vielleicht. Oder jemand, der sie zu schützen versucht." flüsterte sie. "Doch das Gleichgewicht dort oben ist gebrochen. Soviel steht fest." Sie öffnete die Hand wieder, das Amulett glitt zwischen ihren Fingern.

      Im Inneren des Gasthauses sammelte sich die Gruppe rasch wieder. Tropfend, wach, und nun hellhörig.
      "Also gut." begann Lancelot, die Arme verschränkt. "Wir haben ein Zeichen von einem Raben, Wasser, welches Undine mit Visonen beglückt und noch immer die Nebel vor unsren Grenzen. Klingt wie jeder zweite Auftrag in unserem Leben." das Brummen seiner Stimme war nur eines der Vorzeichen für seinen Unmut. Wahrscheinlich hatte der Schwarzhaarige bereits gehofft beim nächsten Hahnenschrei seine Liebste wieder in seinen Arm zu halten. "Aber diesmal betrifft es mehr." entgegnete Cassian ernst. "Lunaris Veil ist nicht einfach ein Ort. Es ist ein Knotenpunkt der Strömungen. Der Sitz von Selene. Wenn dort etwas aus dem Gleichgewicht gerät, kann das übergreifen."
      Arthur stand am Fenster, sah hinaus in den Regen. Seine Finger ruhten auf dem Griff seines Schwertes. Sein Herz schlug unregelmäßig als rang es mit ihm um eine Entscheidung. "Ich kann nicht gehen..." sagte er leise. Lancelot hob eine Braue. "Wie bitte? Das du gehst ist keine Option." Leider hatte er recht. "Ja ich weiß. Der Orden braucht mich. Nach dieser Rettungsmission müssen wir den Wiederaufbau sichern, die Grenzpatrouillen…" Der Braunhaarige schloss kurz die Augen. "Ich würde gern gehen, Lance. Aber ich darf es nicht." Undine sah ihn lange an. "Dann geh ich." Arthur wandte sich zu ihr. "Allein?" Der Rabe hatte sich gezielt an sie gewand. Vielleicht war es Absicht gewesen. "Ich brauche keinen Schutz, Arthur. Nicht diesmal." Stine legte eine Hand auf Undines Schulter. "Du wirst nicht allein gehen. Ich komme mit dir. Zwei sind besser als eine, wenn der Schnee zu flüstern beginnt." Yamir nickte nur. "Ich bleibe hier. Einer muss die Verbindung halten."
      Lancelot stieß den Atem aus. "Die Nixe und die Waldläuferin Richtung Norden, wir Richtung Custodia. Klingt fast schon romantisch." Eine Aussage die er augenblicklich bereite als er die ernsten Seelenspiegel der Seejungfer traf. "Eher gefährlich." murmelte Cassian. Arthur trat zu Undine und reichte ihr die Marke zurück. "Wenn du sie findest..." sagte er leise, "Sag Lady Elise… dass sie nicht allein ist. Und sag Viktor, dass ich seinen Mut verstehe." Undine nickte. Ihr Blick war ruhig, doch in der Tiefe lag etwas wie Wehmut. "Ich werde ihnen sagen, was nötig ist. Nicht mehr ... und nicht weniger." Dann trat sie hinaus in den Regen, Stine an ihrer Seite. Der Wind trug den Nebel fort, und das Wasser unter ihren Füßen glitzerte im fahlen Licht wie eine Spur, die in den Norden führte. Arthur blieb lange in der Tür stehen, bis die beiden Gestalten im Grau veverschwande Lancelot trat neben ihn. "Du weißt, dass sie richtig handelt, oder?" Arthur nickte, ohne den Blick abzuwenden. "Ja. Aber manchmal wünschte ich, Pflicht und Herz wären leichter zu trennen."

      Undine

      Der Regen hatte nicht aufgehört, seit sie den Schutz der freien Länder hinter sich gelassen hatten. Tagelang war er ihnen gefolgt - ein feiner, silbriger Schleier, der selbst die Sonne verschluckte und die Welt in fließende Schatten tauchte. Stine stapfte neben Undine her, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, den Blick stets nach Norden gerichtet. Das Wasser stand ihnen bis zu den Knöcheln, manchmal bis zu den Waden. Nebel kroch über den Boden, als wäre er lebendig. Der Wind trug Stimmen mit sich kaum hörbar, aber für Undine zu deutlich, um sie zu ignorieren.
      "Wir kommen kaum noch voran." murmelte Stine, als sie den nächsten morastigen Hügel erklommen. "Der Regen wird stärker und wenn er den Boden noch mehr aufweicht, werden wir noch im Morast ertrinken." Undine blieb stehen. Der Regen glitt an ihrer Haut hinab, als wäre er ein Teil von ihr. "Nein." flüsterte sie. "Hier beginnt es schon. Das Wasser hier... trägt Erinnerungen." Stine blickte sie an, besorgt. "Erinnerungen?"
      Undine nickte kaum merklich. "Es kennt mich. Und es flüstert von Dingen, die ich längst vergessen wollte." Eine Weile standen sie schweigend da. Das leise Tropfen des Regens war das einzige Geräusch, bis Undine die Augen schloss. Sie lauschte. Das Wasser vibrierte, trug Bilder in ihr Bewusstsein: kalte Ufer, alte Stege, eine Hand aus Schnee und Silber, die sich nach ihr ausstreckt... und ein Herz, das rief.

      Sie öffnete die Augen und wandte sich zu Stine. "Du solltest umkehren." Stine trat näher. "Was? Nicht im Ernst. Du hast gesagt, ich soll dich begleiten." Die kluge Frau nickte. "Und du hast mich weit gebracht."antwortete Undine ruhig. "Doch ab hier ist es kein Weg mehr, den Menschen gehen sollten. Das Wasser wird dich nicht tragen." Stine wollte widersprechen, doch der Blick der Wassernixe ließ sie innehalten. Da war etwas in ihren Augen ...eine Tiefe, die keine Lüge kannte. "Ich werde den Prizen schon finden." sagte Undine leise. "Und ich werde Elise helfen. Aber du… du bist besser dort, wo das Licht noch durch die Bäume fällt." Stine zögerte, dann nickte sie schließlich. "Wenn du nicht zurückkommst…" Es war schon rührend wie sie an ihr hing. Viele der Aurea Custodia sahen in Undine irgendetwas zwischen Wegbegleiterin, Schwester oder Mutter. So auch die Zwillinge. "Dann folge einfach dem Rauschen." unterbrach Undine sanft. "Ich werde schon irgendwo darin sein."Sie tauschten einen letzten Blick, ehe Stine den Pfad zurückging. Ihre Silhouette verschwand rasch im Regen, wie ein Schatten, den das Wasser verschluckte.

      Undine blieb allein zurück. Der Wald um sie herum wirkte, als atme er mit ihr. Überall plätscherte und gluckste es, der Boden war weich, triefend, fast lebendig. In der Ferne war ein Fluss zu hören langsam, schwer, und in seinen Wellen lag etwas Unruhiges. Sie ging weiter. Schritt für Schritt durch Schlamm und flaches Wasser, bis die Bäume auseinandertraten und sie eine sumpfige Lichtung erreichte. Der Regen fiel hier dichter, der Nebel hing tief. Dann sah sie ihn.
      Eine dunkle Gestalt zwischen den grauen Stämmen, unbeweglich, als wäre sie Teil der Landschaft. Das Pferd hinter ihm schnaubte leise, Dampf stieg aus seinen Nüstern. Der Mann trug Schwarz ...schweren Stoff, Pelz an den Schultern, das Haar von Schnee und Feuchtigkeit durchzogen. Sein Blick war in die Ferne gerichtet, dorthin, wo der Nebel die Welt verschluckte.
      Undine verharrte einen Augenblick. Sie kannte diesen Anblick. Die Stille, die ihn umgab. Den Schmerz, der ihn begleitete. Der Regen perlte an seiner Haut ab, als traue sich selbst das Wasser nicht, ihn zu berühren.

      Sie trat aus dem Schatten der Bäume, leise, aber bewusst hörbar. "Ihr seid es also doch." sagte sie, und ihre Stimme war weich, beinahe melancholisch. "Ich nehme an, die Sehnsucht hat Euch nicht bis hierher gespült." Der Prinz wandte sich langsam um. Für einen Moment sah sie nur das blasse, ernste Gesicht eines Mannes, der zu lange in seiner eigenen Stille gelebt hatte. Der Blick seiner Augen - silbern wie das Licht des Mondes auf Wasser, traf sie, und zwischen ihnen spannte sich eine unausgesprochene Erinnerung. Der Rabe auf seinem Arm krächzte einmal, dann schwieg. Undine trat näher, bis der Regen zwischen ihnen zu einem stillen Vorhang wurde. Für einen Moment schien Viktor etwas sagen zu wollen, doch kein Wort kam über seine Lippen. Nur der Atem beider, vermischt mit dem Regen, erfüllte die Luft. Dann hob Undine leicht den Kopf, und ein Schatten von einem Lächeln glitt über ihr Gesicht. "Nun denn, eure Hoheit… sagen wir, das Schicksal hat uns wieder einmal an den selben Fluss geführt."
      Der Regen hatte sich zu einem feinen Nieseln gelegt, als Undine an ihm vorbeischritt. Der Nebel hing schwer zwischen den Bäumen, verschluckte jeden Laut, als wollte er sie beide allein lassen. Sie kam an Viktors Seite, ihr Blick glitt kurz über sein Gesicht ... über die feinen Schatten der Müdigkeit, die selbst der Prinz nicht mehr zu verbergen vermochte und dann weiter zu seinem Pferd. Das stolze Tier stampfte unruhig, schnaubte, als spürte es die fremde Nähe. "Schon gut." flüsterte Undine mit einer Stimme, die klang wie ein fließender Bach. Sie legte eine Hand an den feuchten Hals des Tieres, und für einen Moment schien es zu beruhigen. Das Wasser auf seinem Fell glitt sanft fort, als folge es ihrem Willen. "Ein schönes Geschöpf, bist du." murmelte sie. "So stolz. So treu. Fast wie dein Reiter, was?" Auch wenn sie ich den Tier annahm glitt ihr wacher Blick über ihre Schulter zu seinen Besitzer. Der Regen rann über den Mantel des Prinzen, tropfte von seinen Handschuhen. Er sah sie an ...diese Frau, halb Mensch, halb etwas anderes. So konnte schwer erahnen, ob sie ihm Trost oder Unruhe brachte. Undine fuhr leise fort, während sie den Sattelgurt prüfte, beinahe beiläufig:
      "Ihr seid weit gereist, Hoheit. Allein. Und ich vermute, Ihr habt Euch dabei mehr als nur den Weg verloren." Sie richtete sich auf, stand nun dicht neben ihm, das nasse Haar fiel ihr wie dunkles Glas über die Schultern. Ihre Stimme wurde weicher, fast ein Hauch:
      "Wie soll es weitergehen? Werdet Ihr weiter dem Ruf folgen, der Euch hierher geführt hat? Oder seid Ihr bereit, Euch helfen zu lassen?" Der Rabe auf Viktors Schulter bewegte die Flügel, krächzte leise, als würde er die Spannung zwischen ihnen spüren. Viktor hob den Blick, und einen Moment lang begegneten sich ihre Augen - ... Wasser und Stahl, Stille und Sturm. Undine lächelte kaum merklich, während sie sanft über den Hals des Pferdes strich. "In Ordnung. Dann sagt mir, Prinz von Lunaris Veil… wohin führt uns Euer Weg?"
    • Viktor

      Sein Blick wanderte langsam zu den Geräuschen, die sich aus dem Dunkel hinter sich herausschlichen. Er wusste, dass sie es sein musste. Valo, sein großer Rabe, blieb weiterhin stumm. Als der Prinz seinen Blick auf die Gestalt richtete, erkannte er ihre Silhouette ihres schönen Körpers. Ein flüchtiges Lächeln zeichnete sein müdes Gesicht, er wollte sprechen, doch seine Erleichterung raubte ihm seine letzten Reserven an Kraft und so hauchte er nur sanft, beobachtete, wie die Atem der beide im kalten Wind zusammenfanden und eins wurden.
      Viktor musterte Undine mit weichen Blicken - Ihr mitternachtsfarbenes Haar legte sich wie ein Vorhang in das Gesicht der Schönheit und der Prinz widerstand dem Bedürfnis, ihre tiefen Augen von diesem Schleier zu befreien. Kurz ballte er seine Hand zur Faust, um seinen Instinkten nicht nachzugeben und wandte sich gemeinsam mit ihr zu seinem treuen Pferd, dessen Unruhe sich nahezu sofort legte, als die schöne Frau seine Haut mit ihrer Hand zärtlich streifte.
      Ihre Kleidung war getränkt in kaltem Regen, doch schien es ihr nichts auszumachen. Der Prinz folgte jedem ihrer Schritte aufmerksam mit seinen hellen Augen, ließ sie nicht aus seinem Blickwinkel.
      „Lady Undine…”, sprach er, Stimme fest und die Augen gezielt in ihre blickend - die Augen ehrlich und die Stimme plötzlich weich. „Ich stoße an meine Grenzen”, öffnete er sich der Frau neben ihm, als er den Kopf dem Himmel emporhob, als wollte er, dass das sanfte Nieseln ihn seiner Sünden befreit.
      „Elise…”, bekam er heraus, bevor er mühevoll fortfuhr. „Etwas stimmt nicht. Sie verlässt ihr Zimmer nicht, isst wie eine Feldmaus und…sie verwandelt unseren Palast in eine Eislandschaft. Kein Feuer wärmt mehr und ihre Wächterinnen selbst halten der Kälte nicht mehr stand”.
      Viktor bewegte seinen Kopf langsam wieder zu Undine, als wäre sie ein Reh, welches er nicht verschrecken wolle.
      „Nachts höre ich sie leise flüstern, hat seit einigen Nächten kein Auge mehr zugetan”, verkündete er besorgt. „Und ich möchte stärkstens bezweifeln, dass ihre Zofe in der Annahme richtig liegt, dass sie den anderen Juwelenträger möglicherweise nur vermisst”, zischte er.
      „Mir ist bekannt, dass Vermissen ein intensives Gefühl ist, das Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Dennoch - solche Torheit möchte ich meiner Schwester noch nicht zuschreiben. Ich spüre, dass sie verängstigt ist, Lady Undine. Sie hat unfassbare Furcht vor etwas”. Viktor klang entschlossen und sein Blick nun scharf wie Stahl. „Aber sie weigert sich, wehrt sich gegen irgendetwas”.
      Er richtete seinen Blick gen des durchnässten Boden und sprach mit leiser Stimme, nahezu hauchend: „Ich hatte gehofft, Ihr würdet ihr möglicherweise helfen”. Seine eigene Ohnmacht beschämte ihn, jedoch vor Undine weniger, als er gedacht hatte.
      Er fühlte sich schwach, unfähig - und ganz vielleicht hatte er Angst, dass Avelines Annahme wahr sein könnte. Tief in sich hoffte er, dass auch Undine diese Möglichkeit für unmöglich halten und ihm versichern würde, dass es einen anderen Grund haben müsste. Doch vor alledem lag die große Sehnsucht danach, dass alles wieder gut werden würde.
      „Bitte, sagt mir, dass Ihr mich zurück nach Lunaris Veil begleiten werdet, um ihr zu helfen - mir zu helfen”, hoffte er. Der Prinz wandte ihr seinen Körper zu, stand nah vor ihr und blickte ihr ehrlich in die Augen. Valo verhielt sich unfassbar still auf Viktors Schulter, als würde er seine Bitte untermauern wollen. Auch sein Pferd stand ruhig und standhaft, das Atmen der Gefährten gleichmäßig und kontrolliert, als würden sie sich eine Seele teilen - als wären sie ein Teil voneinander, die alle gleichermaßen darauf warteten, von der schweren Last auf ihren Schultern erlöst zu werde, zu erfahren, dass ihre Reise nicht vergebens gewesen war. Und so bekannte er sich seiner Ohnmacht, indem er seinen Körper tief vorbeugte, sodass sein Rabe wild flatterte um das Gleichgewicht zu erhalten und sich vor der cleveren Dame vor sich demütig verbeugte.
      „In meinem eigenen Namen bitte ich Euch inständig um Eure Hilfe, Lady Undine - auf dass sie nicht u gewürdigt bleiben werde…”, flüsterte er zärtlich.
      Der Himmel um ihn herum schien sich aufzutun, als das Licht der Götter auf die beiden herab zu scheinen wirkte und der Regen fester und unbarmherziger auf die Häupter der beiden prasste - sich jedoch hinter ihm langsam das schöne Spiel aus den Farben der Welt auftat, die aus Licht und Wasser entstehen mochten. Oder waren sie doch ein Zeichen, dass der Mann vor ihr es wahrlich ernst meinte?

      ※ ·❆· ※

      Elise

      Im Anwesen der Belyovas war es derweil still geworden - niemand sprach, niemand wagte sich hinein. Die Türschlosser waren inzwischen gefroren und nur mit größter Mühe wieder zu öffnen und so bekam Elises wirre Seele, was sie wollte - Ruhe.
      Das ständige Klopfen und die Bitten der Menschen wühlte sie auf. Warum verstanden sie nicht? Warum ließen sie sie denn nicht in Frieden? Sagen sie denn nicht, dass sie in Gefahr war? Sie konnte ihr Zimmer keinesfalls verlassen! Diese Gestalt würde sie holen - früher oder später würde sie sich Zugang zu Elises Gedankenwelt verschaffen und nicht mehr gehen!
      Aber was war eigentlich real? Ist sie gerade wach? Ich könnte schlafen, dachte sie und schreckte unsanft zusammen. Ihr Blick glitt wachsam durch das Zimmer, auf der Suche nach der bösen Traumgestalt - Arthur!
      Sie kniete sich auf ihr Bett, stützte sich auf alle viere und bewegte sich vorsichtig hin zu der Kante ihres hohen Bettes, um sich herüberzubringen - sicherzugehen, dass er sich nicht unter ihrem Bett vor ihr versteckte, um im geeignete Moment über sie herzufallen. „Niemand…”, hauchte sie leise.
      Die hellen Augen der Prinzessin waren bereits Blutunterlaufen und schmerzten fürchterlich, doch sie auch nur zu lange zu schließen kam nicht in Frage! Das wäre seine Chance und die würde sie ihm nicht gewähren.
      Im Augenwinkel konnte Elise ein paar schwarze Schatten huschen sehen, Gestalten ohne Körper und ganz und gar ohne Form. Kein Gesicht war zu erkennen, sie sprachen nicht zu ihr. Sie flüsterten leise undeutliche Worte und trieben die Prinzessin weiter hinab in die Spirale ihres eigenen kleinen Wahnsinns.
      Sie fürchtete sich vor ihnen - vor allem. Wem konnte sie denn noch trauen? Woher konnte sie wissen, dass nicht auch die anderen nur eine Fassade waren, die ein dunkles Geheimnis unter sich trugen?
      Arthur hatte sie schließlich auch täuschen können - er war so herzlich, so gut und freundlich. Er schreckte bei ihren Berührungen nicht zurück und ließ sich auf die Kälte ihrer Haut ein, ließ zu, dass seine Hände seine sanft umschlossen. Da hätte sie es wissen müssen - Arthur war wahrlich die ganze Zeit schon ein Dämon gewesen und Elise geblendet von ihrem schwachen Herzen.
    • Undine

      Der Regen hing schwer in der Luft, und selbst der Wind schien für einen Moment zu lauschen, als der Prinz vor ihr stand ...so durchnässt, so müde, so verzweifelt wie ein Schiffbrüchiger, der endlich Land erblickt. Seine Anwesenheit war ein Flackern, das gleichzeitig Wärme und Unruhe in ihr auslöste. Die Dunkelhaarige stand still. Das Wasser rann über ihre Wangen wie kalte Finger, doch ihre Haltung blieb ruhig, fast feierlich. Seine Stimme erreichte sie, brüchig und zugleich fest und die Worte, die sie auffing, kreisten wie leise Echos in ihrem Kopf: Elise... Kälte... Furcht... Flüstern in der Nacht... Hilf ihr... hilf mir... Sie waren nicht laut gesprochen nicht so, wie andere sprechen würden. Sie kamen aus einer Tiefe, die er wohl selbst kaum verstand.
      Undine senkte leicht den Kopf, als müsse sie die Frage in sich tragen, bevor sie antwortete. Warum er ausgerechnet sie um Hilfe bat, war ihr ein Rätsel, das schmerzte. Ein gutes Rätsel. Ein gefährliches. "Ihr meint also, ich könnte Eure Schwester erreichen…" murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. Kein Spott, kein Zweifel eher dieses stille Erstaunen. "Mir ist nicht klar, warum Ihr dieses Vertrauen ausgerechnet mir schenkt." Sie wagte es, ihm direkt in die Augen zu sehen und dort fand sie nicht nur die Sorge eines Bruders. Sie fand ein flackerndes Vertrauen, roh und ehrlich. Etwas, das sie nicht benennen wollte. Der Prinz sank sein stattliches Haupt vor ihr nieder, und für einen Atemzug erstarrte Undine.

      Die Vergangenheit stieg scharf in ihr hoch - Hände, die sie festgehalten hatten, Schatten über ihrem Gesicht, Stimmen, die Macht kannten, aber keine Gnade. Und dann Oswalds kraftloses Flüstern: Steh auf… du lebst noch. Und jetzt kniete ein Prinz im Regen vor ihr - aus Demut. Wegen ihr. Wegen ihrer Hilfe. Die Welt hatte einen eigenartigen Sinn für Ironie. Sie atmete einmal tief durch. Das Wasser schmeckte nach Metall, wie eine Erinnerung, die nicht gehen wollte. "Bitte, Euer Hoheit, I-Ihr müsst nicht-" Ihre Stimme war sanft, nicht fordernd eher wie ein Strom, der beständig an einen Stein schlägt, ohne ihn zu brechen. Dann, ein Atemzug der Erinnerung. Sie den Blick, und Arthurs Worte erwachten in ihr, genau dort, wo sie gebraucht wurden. Ihre Stimme war leise, aber fest - wie eine Welle, die geduldig gegen Felsen schlägt. "Arthur… hat mich gebeten, Euch etwas auszurichten. "Er sagte: Wenn ich Lady Elise finde, soll ich ihr sagen, dass sie nicht allein ist. Und Euch… dass er Euren Mut versteht." Diese Worte hingen einen Moment zwischen ihnen, warm wie ein Funken im kalten Regen. Sie atmete aus, vorsichtig, ehrlich - "Ich will ehrlich mit euch sein Euer Hoheit. Ich weiß nicht, ob ich Eurer Schwester helfen kann. Ich weiß nicht, ob ich den Schatten finde, der sie bedrängt. Aber… niemand sollte allein durch eine solche Dunkelheit gehen."Sie berührte den Hals seines Pferdes, und dessen Unruhe wich sofort, als hätte es nur auf sie gewartet. "Ich werde Euch begleiten, Prinz Viktor. Nicht, weil Ihr mich darum bittet… sondern weil Ihr dennoch weitergeht. Trotz Furcht. Trotz Schmerz. Das ist Mut." Sie wandte sich ab - und mit jedem Schritt veränderte sich die Welt um sie.

      Der Regen hatte etwas von seiner Barmherzigkeit verloren, als der Wald sich lichtete. Der Nebel kroch über den Boden wie ein bleierner Schleier, und der Boden unter Undines Füßen war weich und träge. Das Rascheln der Bäume wurde zu einem tiefen Raunen, als würde der Wald selbst erwachen. Der Prinz ging neben ihr, still, sein treues Pferd am Zügel und den klugen Vogel auf der Schulter. Undine spürte, dass seine Gedanken weiter vorne lagen in einem eisigen Zimmer, bei einem Mädchen, das nicht mehr schlief. Doch ihre eigenen Sinne wanderten in die andere Richtung.
      Zu dem, was hinter ihnen lauerte. Der Wald wich zurück und gab eine weite Ebene frei: die Hügelnauen. Gras, vom Regen schwer, braune Flecken von abgestorbenen Blumen, ein Wind, der ein tiefes, unruhiges Flüstern trug. Die Kälte kroch in die Luft, die Erde schien unter ihren Schritten zu knarren. "Wir sind nicht alalle." murmelte die Nixe schließlich. Ihr Begleiter hörte sie zunächst nicht. Er war zu sehr mit den Erinnerungen an Elise beschäftigt, mit der Kälte in ihren Gemächern, mit den Nächten, in denen er ihre Stimme gehört hatte. Undine hob den Blick - und sah ihn. Einen Schimmer im Nebel.So schnell, dass jeder andere ihn übersehen hätte. Ihre Atmung wurde ruhiger. Ihre Sinne weit. Das Flattern der Vögel in den Bäumen war falsch. Zu hastig. Zu gehetzt. "Prinz Viktor." sagte sie sanft, aber bestimmt. "Wir müssen vorsichtig sein." Der Regen wurde schwerer. Der Nebel dichter. Der Boden sumpfig. Die Stille spannte sich wie ein gespanntes Seil. Undine blieb abrupt stehen. Ihre Sinne öffneten sich ...wie Wasser, das jede Erschütterung fühlt. Links… Bewegung im Farn. Rechts… ein Atemzug, der nicht zum Regen passte. Vor ihnen… eine Präsenz, die den Boden selbst zu wiegen schien. Banditen! Sie fühlte sie noch bevor sie sie hörte. Mit einer geschmeidigen Bewegung hob sie eine Hand ein Zeichen an ihren eigenen Herzschlag, ruhig zu bleiben und zog Viktor mit sich hinter einen breiten, vom Regen glänzenden Baumstamm. Ein leises Klirren durchschnitt die Luft. Sieben Männer. Vielleicht neun. Gut verteilt. Bereit. Der Hinterhalt war längst gespannt. Zu spät, um zu fliehen. Ihre Hand wanderte zu ihrem Messer, der Griff vertraut, wie ein alter Freund in der Dunkelheit.
    • Viktor

      Viktor sah zu der schönen Frau vor ihm, als sie langsam in Gedanken zu versinken schien. Mit sanften Augen beobachtete er die kleinen Tropfen, die ihre Haut zu liebkosen vermochten und dann zärtlich von ihrem Kinn hinunter in den Tod stürzten.
      Der kühle Prinz fragte sich, woran sie sich gerade erinnerte, welche Bilder sich vor ihrem inneren Auge abspielten und was es in ihr auslöste. Sanft wandte er seinen Blick wieder von Undine ab, als sie zu sprechen begann. Der sonst so wortgewandte Prinz schien ruhiger zu sein als sonst und seine Worte mit Bedacht gewählt, als wolle er in der klugen Frau keine Unmut auslösen - so nickte er nur dankbar und richtete seine hellen Augen dann wieder in ihr Gesicht, verfolgte ihre Schritte mit seinen Augen und musterte ihre Bewegungen. Um sie herum schien die Welt sich ihr zu beugen, jeden Schritt wahrzunehmen und sich ihrem Wesen anzupassen.

      Als Undine dem Prinzen Arthurs Worte ausrichtete, zog sich in dem Magen der Hoheit etwas zusammen - ein Gefühl, das er nicht erklären konnte. Weder jemandem, noch sich selbst, doch sprach er leise: „Richtet ihm bei Gelegenheit meinen Dank aus“. Er war zu erschöpft, um sich nun Gedanken darum zu machen, warum dieser Ritter seiner Schwester so nah war - Warum er sich um sie sorgte, sich um sie kümmerte. Also verschob er diesen Gedanken auf einen andere Moment, aber versprach sich, diesem Umstand beizeiten doch noch näher auf den Grund zu gehen. „Ich habe nicht um Eure Hilfe gebeten, weil ich denke, dass ihr genau wisst, wie meiner Schwester zu helfen ist. Ich denke, Ihr seid jedoch die Person, die inständig versucht ihr Bestes zu tun…“, sprach der Prinz mit ehrlichem Ton zu ihr.

      Sein Weg führte ihn neben Undine durch klatschenden Regen des Waldes. Er war nicht davon ausgegangen, dass der Weg leicht und ohne Begegnungen vonstatten gehen würde, jedoch zogen seine Gedanken ihn in ein tiefes Loch aus Chaos und Sorge. Ein Gefühl von peinlicher Berührung durchzog ihn, als Undine ihn mit ihren Worten aus seinen Gedanken riss - er war unaufmerksam und entschuldigte sich flüsternd bei seiner Begleitung. Sein Blick wurde wacher und sein Gang strenger. Er drehte sich nach hinten, um zu sehen was es auf die beiden abgesehen hatte.
      Der Griff der hübschen Frau zog ihn in ein Versteck hinter einem dicken Baumstamm, der ihnen jedoch nur für eine kurze Weile Schutz gewähre würde. Viktors Hand glitt mit einer schnellen Bewegung an den Griff seines Schwertes, welches noch ruhig in der Schwertscheide schlief und nur darauf wartete, von seinem Meister wieder in Gebrauch genommen zu werden. Zu lange hatte Viktor sein Schwert nicht mehr im Kampf geschwungen, doch zuckten seine Glieder angespannt - ein vertrautes Gefühl, welches den Prinzen früher zahlreiche Male erfüllt hatte. Er hatte nie einen Kampf provoziert, jedoch ging er auch nie einem guten Gefecht aus dem Wege.
      Stumm stand er neben Undine - unwissend darüber, wie sie sich entscheiden würde, wollte er sie mit seinem eigenen Willen nicht überrumpeln und so nickte er ihr zu. Sein Blick flüsterte leise: „Was wollt Ihr nun tun?“ - bereit in den Kamp zu ziehen, jedoch auch bereit leise abzuwarten, bis sie abgehen würden.

      Doch die Entscheidungsgewalt lag nicht bei den beiden. Einer der Banditen näherte sich dem Baum. Viktor horchte jedem Schritt des Mannes und konnte sein diabolisches Grinsen förmlich riechen - es kotzte ihn an, wie diese Menschen sich an vergossenem Blut und Schreien vor Schmerz ergötzten, als wäre es die einzige Lust die diese Barbaren jemals gespürt hatten.
      Mit einer gezielten Bewegung legte Viktor seine Hand an Undine Schulter und drückte sie gen Boden, griff mit der anderen das Schwert, dass er zwischen den Dolch und seine Kehle gleiten ließ. Er hatte es also nicht verlernt - das Kämpfen. Seine Sinne waren noch scharf und seine Reflexe gut.
      Mit einer sanften Bewegung entwaffnete er den Banditen, der seinem fliegenden Dolch hinterherschaute, als würde er seine Liebste ziehen sehen. Viktor ahnte, dass dies nur der Anfang eines unerbittlichen Kampfes werden würde, denn sie waren umzingelt, in der Unterzahl und zudem war er eine Last, die schon lange nicht mehr aufrichtig gekämpft hatte.

      Sein Blick wanderte langsam herüber zu Undine - seine Aura schien dunkler und bestimmter als zuvor, als hätte der Griff seines Schwertes einen anderen Mann aus ihm gemacht. Er schwieg, kein Wort passierte seine Lippen und der sonst so poetische Prinz wirkte plötzlich wie ausgewechselt, als schlummere eine zweite Persönlichkeit in ihm, welche nur darauf brannte, geweckt zu werden.
    • Undine

      Die Wassernixe spannte ihre Muskeln. Ihr Griff festigte sich um ihr Messer, ihre Sinne schärften sich noch einmal ... ein letzter Versuch, eine Öffnung zu finden. Doch sie sah keine. Kein Wasser in der Nähe, das ihr hätte helfen können. Kein Unterholz, das Flucht erlaubte. Nur Männer, die den Ring enger zogen.Ein leises, kaum hörbares Knurren vibrierte in der Kehle eines der Banditen. Ein anderer hob bereits die Hand.
      Sie wusste, was jetzt folgte. Die Dunkelhaarige hob ihr Messer reflexhaft, doch ein Schlag gegen ihre Rippen raubte ihr kurz die Luft. Sie ging nicht zu Boden. Nicht sofort, doch ein Arm schlang sich von hinten um sie, riss ihr die Waffe aus der Hand, presste sie fest. Für einen Herzschlag lang trafen sich ihre Blicke. Viktors - voller Zorn, dunkel und brennend. Ihrer - ruhig, aber blitzend vor innerem Kalkül. Er lebt. Ich lebe. Dafür jetzt… Die Kluge wusste, wann ein Kampf verloren war. Dieses Mal nicht durch Fehler, sondern durch Übermacht. Ein raues Seil schloss sich um ihre Handgelenke.
      Ein zweites um die des Prinzen. Die Hügelnauen schwiegen. Der Regen wurde schärfer. Und die Nacht… begann sie zu verschlingen.

      Die Dunkelheit kam nicht plötzlich. Sie sickerte zurück. Wie Wasser zwischen Steinen, träge, kalt, schwer. Bewusstsein war ein fernes, flackerndes Licht, das erst nicht zu ihr wollte… und dann doch. Die Dunkelhaarige regte sich kaum merklich. Ein dumpfer Schmerz pochte in ihrer Seite - da, wo der Schlag sie getroffen hatte. Die Luft, die sie einatmete, schmeckte nach feuchter Erde, Schweiß, altem Eisen und dem schwachen, abgestandenen Rauch eines verlöschten Feuers. Eine Zelle. Steinboden unter ihrer Wange. Rauer, kalter Boden. Nasses Heu, das an ihren Fingern klebte.
      Sie warf den Kopf leicht zurück, nicht viel - nur genug, um den drückenden Nebel aus ihren Gedanken zu vertreiben. Ein Knirschen in ihrem Nacken antwortete ihr. Gut. Schmerz bedeutete, dass ihr Körper noch unter ihr war.
      Ein leises, unwillkürliches Keuchen entwich ihr, als sie sich vorsichtig auf den Rücken drehte. Die Welt schwankte. Nicht wie das Meer. Nicht wie vertrautes, lebendiges Wasser. Hier schwankte nichts. Nur sie.
      Mit einem langsamen Atemzug sammelte die Nixe ihre Sinne. Ein vertrautes Training - Wasser hören, selbst wenn keines da war. Geräusche filtern wie Strömungen. Sie hörte Tropfen. Unregelmäßig. Nah am Gitter. Sie hörte Schritte. Schwer. Ungeduldig. Weiter entfernt. Sie hörte… leises Atmen. Nicht ihr eigenes!

      Sie öffnete die Augen ein Stück weiter, blinzelte den milchigen Schleier fort. Die Zelle war klein... zu klein, zu eng, der Stein an den Wänden feucht und von Moos durchzogen. Ein schmaler Spalt in der Decke ließ kaltes, graues Licht hereinfallen. Und dort im Rand des Blickfeldes, im Dunkeln sitzend: Eine Gestalt. Schweigend. Ruhig. Doch nicht schlafend. Ihr Herz schlug einmal stärker. Prinz Viktor! Er war angelehnt an die Wand, die Hände auf den Rücken gefesselt, das Gesicht halb im Schatten verborgen. Sie konnte nicht erkennen, ob er verletzt war - nur, dass er wach genug war, um zu merken, dass sie sich rührte. Sein Atem veränderte sich kaum, doch sie spürte sein Aufmerken wie eine Welle, die gegen ihre Haut strich.
      Die junge Frau richtete sich ein wenig auf und biss die Zähne zusammen, als ihre Rippen protestierten. Kein Jammern. Kein Laut. Nur ein scharfes Ausatmen, das den Schmerz durchschnitten ließ. Die Wassernixe legte die Stirn kurz an den kalten Stein neben sich - ein kurzer, stiller Versuch, Klarheit zu sammeln.
      Dann hob sie den Blick in seine Richtung. "Ihr… seid wach." Ihre Stimme war heiser, tiefer als sonst, leicht brüchig. Ein Hauch, kein Vorwurf. Eher eine Bestätigung für sich selbst, dass er lebte. Sie erwartete keine Antwort. Nicht jetzt. Vielleicht gar nicht. Sie musste zuerst verstehen, wo sie waren, wie viele Banditen es gab, welche Schwachstellen die Zelle aufwies, ob Wasser in der Nähe war, ob - Ein plötzliches Pochen über ihr ließ sie innehalten. Ein Eimer, grob abgestellt. Schritte, Stimmen. Ein tiefes Lachen. Der Griff ihrer Fesseln schnitt leicht in ihre Haut, als sie die Hände testete. Sie atmete erneut. Ruhig. Wie vor einem Tauchgang. Noch lebe ich. Noch lebe er. Das genügte für den ersten Moment. Mehr brauchte es nicht, um weiter zu funktionieren.

      Die Nässe der Zelle kroch ihr bis in die Knochen, und je länger sie wach blieb, desto deutlicher begriff sie das Ausmaß ihrer Lage.
      Nicht ihre eigene Gefangenschaft war es, die ihr die Luft schwer machte. Nicht einmal die Schmerzen. Es war die Zeit. Zeit, die Elise nicht hatte. Zeit, die Lunaris Veil nicht hatte. Zeit, die Viktor… auf seinen Schultern trug wie ein geflügeltes Ungeheuer aus kaltem Eisen. Die Dunkelhaarige spürte es in jeder seiner Bewegungen - selbst jetzt, im Halbdunkel einer Zelle, wo niemand königlich sein musste. Die Stille zwischen ihnen war kein leerer Raum. Sie war gefüllt mit der Last seines Herzens. Die Nixe hob den Kopf erneut, zwang ihre schmerzenden Muskeln zur Ruhe. Die Situation war verzweifelt. Zwei Gefangene, ohne Waffen, ohne Kräfte, ohne Verbündete. Eine kleine, nasse Zelle inmitten eines Banditenlagers. Sie konnte Schritte hören, mehr als fünf, vermutlich acht. Vielleicht mehr im Hintergrund. Metallene Schlösser. Wahrscheinlich nur ein Ausgang. Keine Geräusche von fließendem Wasser. Keine Gnade. Und doch… war da Hoffnung. Eine, die nur sie kannte. Ihr Atem stockte kurz. Sie durfte auch daran denken. Sie musste. Aber gleichzeitig… oh, ihr Götter wie sie davor zurückschreckte. Sie wandte den Blick leicht zu Viktor. Er hatte den Kopf ein Stück gehoben, nur um sicherzugehen, ob es ihr gutging. Seine Augen blass, erschöpft, aber noch klar ... trafen sie im Halbschatten. So viel Verantwortung lag in diesem Blick. So viel Angst, so viel Mut. Für seine Schwester. Für sein Königreich. ....Für sie? Nein. Das durfte sie sich nicht fragen.

      Die junge Frau richtete sich weiter auf, lehnte sich an die Wand, um besser atmen zu können. Ein schmerzhaftes Ziehen in ihrer Brust erinnerte sie an den Schlag, der sie zu Boden geschickt hatte. Sie überlegte einen Moment, rang mit der Entscheidung - dann flüsterte sie leise, mehr wie ein Atemhauch: "Prinz Viktor ... Ihr dürft nicht verzweifeln." Keine Befehle, keine Phrasen. Nur ruhige, klare Worte. "Eure Schwester braucht Euch. Und Eure Heimat… hat keinen Platz für Hoffnungslosigkeit." Sie sah, wie sein Atem sich einen Moment lang veränderte. Nur ein Hauch, ein kaum wahrnehmbares Beben, das zeigte, dass ihre Worte ihn erreichten. Sie hätte gerne mehr gesagt. Etwas Tröstliches, Sanftes. Doch sie war nicht gut in solchen Dingen. Und vor allem… weil sie wusste, was folgte.
      Langsam hob sah sie mit ihren wachen Augen über ihre Schulter wo ihre Hände fixiert waren, ruhig betrachtete sie das Metall, das sich scharf in ihre Handgelenke drückte. Das Eisen war dick, grob geschmiedet, für Männerhände gemacht, nicht für eine Nixe.
      Aber es war Metall. Und Metall… konnte sie zerreißen. Ihr Magen zog sich zusammen. Ihr Herz pochte mit Nachdruck, als wolle es sie warnen. Das, was sie verbarg, war kein hübsches Geheimnis. Kein liebliches Mädchending. Es war ein Teil ihres Wesens, das selbst andere Nixen fürchteten. Sie schluckte. Ihre Zunge fühlte sich schwer an.
      Wenn sie es tat - wenn sie das zeigte, würde es nicht nur die Fesseln zerschneiden. Es würde ihr wahres Erbe entblößen. Ihr Fischmaul, die versteckten Reihen scharfer Zähne, die im Inneren lauerten wie eine zweite Kreatur. Sie wollte das nicht. Nicht vor irgendwem. Nicht vor ihm. Ihre Finger zitterten leicht, als sie die Ketten prüfte. Es wäre so leicht. Ein Biss. Zwei Atemzüge. Freiheit.

      Undine schloss die Augen. Ein seltsamer, brennender Schmerz lief ihre Kehle hinunter. Eine Mischung aus Scham, Angst und bitterem Pflichtgefühl. Er braucht mich nicht so zu sehen. Niemand braucht das zu sehen.
      Aber wir müssen hier raus. Sie öffnete die Augen wieder, langsam, wie eine Frau, die das Urteil der Welt annimmt. Ihre Stimme war kaum hörbar, aber fest: "Es… gibt einen Weg." Viktor hob leicht den Kopf. Fragend, hoffnungsvoll. Die Nixe sah ihn jedoch nicht an. Noch nicht. Sie wagte es nicht. "Aber…" Ihre Kehle schnürte sich zu, als müsste sie sich gegen ein unsichtbares Seil behaupten. "Ihr müsst mir vertrauen.“ Undine spürte, wie ihr Herz nun schneller schlug als zuvor - nicht wegen der Banditen, nicht wegen der Schmerzen, sondern wegen seiner Nähe. Wegen dem, was sie gleich tun müsste. Der Atem brannte ihr in der Brust, fast wie Salz in einer frischen Wunde. Ihre nächste Bitte… war schwerer als jede Kette aus Eisen. Langsam hob sie den Kopf, diesmal direkt zu Viktor. Nur einen Atemzug lang hielt sie seinem Blick stand - dann senkte sie die Lider, als könnte das die Scham in ihrem Inneren besänftigen. "Euer Hoheit…" begann sie leise, und selbst im Flüstern vibrierte ein seltsamer Ernst, den er wohl nur selten von ihr gehört hatte. Ihre Stimme wurde noch sanfter, fast rau vor Zurückhaltung. "Wenn ich Euch sage, dass ich uns hier hinausführen kann… dann ist das die Wahrheit. Doch… es wird nicht angenehm sein, was Ihr hören werdet. Es wird Geräusche geben…" Ein Zittern in ihrer Stimme - ein menschliches Zittern. "Geräusche, die Ihr nicht deuten könnt. Die Ihr… vielleicht nicht deuten solltet." Ein Moment des Schweigens. Nur ihr Atem. Seiner. Der Wind, der durch die Ritzen der Holzwand pfiff.

      Dann fasste die Wassernixe all ihren Mut, hob das Kinn und sah ihm so ehrlich in die Augen wie nie zuvor: "Prinz Viktor… egal was Ihr hört, egal was geschieht…" Ihre Stimme brach fast ... vor Furcht, nicht vor Schwäche. "…Ihr müsst die Augen geschlossen halten."Ein Atemzug. "Ich bitte Euch inständig darum. Öffnet sie nicht - unter keinen Umständen." Sie rückte ein Stück näher, bis nur noch ein paar Fingerbreit sie trennten, und flüsterte: "Nicht, wenn Ihr mir vertraut." Und nachdem sie es ausgesprochen hatte, fühlte sie, wie ihr Herz so hart gegen ihre Rippen schlug, dass selbst die Kälte der Zelle es nicht beruhigen konnte.
      Denn sie wusste: Wenn er sah, was sie war…
      Dann gäbe es kein Zurück. Eine Maske, die sich nur lösen ließ, wenn sie das tat, was sie niemals vor einem Menschen tun wollte. Sie senkte den Kopf. Sie wusste, was kommen musste. "Viktor…" Ihre Stimme vibrierte hinter dem Stoff. Es war das erste Mal das sie den Poeten mit seinem bloßen Namen adresierte. "Egal was geschieht… haltet die Augen geschlossen. Bitte." Dies war kein Befehl. Es war Flehen und Warnung zugleich. Der Prinz reagierte nicht sofort. Also fügte sie schärfer hinzu: "Schließt sie. Und öffnet sie nicht." Er gehorchte; sie hörte es an der Stille.

      Die Nixe lehnte sich vor, so weit sie konnte, und presste den Stoff der Maske zwischen ihre Zähne. Die Magie brannte sofort. Der Stoff war nicht fest - er war nachgebend, warm, glitt wie weicher Nebel zwischen ihren Zähnen - doch er wehrte sich. Er pulsierte gegen ihr Gebiss wie ein Herz, schlug kleine Schockwellen aus Schmerz durch ihren Kiefer. Sie biss zu. Ein Zischen durchfuhr den Raum, arkaner Stoff spannte sich, als würde er versuchen, ihr Maul geschlossen zu halten. Doch Undine war stärker. Ihr Gebiss schnappte fester zu, die Muskeln ihrer Kiefer bebten, Blut sammelte sich bereits unter dem Stoff, weil das Gewebe ihre Haut rieb und schnitt, bevor es endlich nachgab. Mit einem letzten, ruckartigen Ziehen riss sie die Maske von ihrer Haut... nicht mit den Händen, sondern mit dem Biss einer Kreatur, die für solche Fesseln nicht geschaffen war. Der Stoff löste sich, fiel wie verbrannt zu Boden, zerfiel sofort in glitzernde Reste arkaner Energie.Kaltes Nachtlicht berührte ihr entblößtes Hai-Gebiss. Ihr Kiefer spannte sich, die Muskeln zitterten unter der Anstrengung, als sie ihr Gebiss entblößte - zwei Reihen rasiermesserscharfer, gezackter Zähne, die sich im Dämmerlicht sickzender Feuchtigkeit leicht spiegelten.
      Sie wagte nicht, Viktor anzusehen. Undine hielt den Kopf tief gesenkt. Keine Augen. Kein Blick. Nicht von ihm. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Befehl aus zitterndem Atem: "Euer Hoheit- Haltet eure Augen geschlossen." Undine wandte sich zu den Gitterstäben. Sie musste nicht sehen, ob er gehorchte. Sie musste es glauben. Sie öffnete den Mund- die Kiefer schmerzten sofort, als müsste sie gegen jahrelange Zurückhaltung ankämpfen. Dann: Krack.

      Der erste Biss jagte Metallsplitter gegen ihre Zunge und ihr Zahnfleisch. Der Schmerz war brennend, scharf, ließ ihre Augen tränen. Blut füllte ihren Mund, metallisch, warm. Aber sie hörte nicht auf. Der zweite Biss riss ein Stück Stahl aus der Verankerung. Splitter bohrten sich in die weichen Stellen zwischen Zahn und Fleisch. Sie spürte, wie etliche Zähne leicht wackelten ... - doch sie biss weiter. Für Elise. Für Viktor. Für die, die sie nicht verlieren wollte. Krack. Der dritte Stab brach. Der vierte splitterte. Der fünfte bog sich, bis er schließlich nachgab. Blut tropfte ihr aus dem Mund, rann ihr über das Kinn und mischte sich mit dem Staub des Bodens. Sie schmeckte Eisen. Schmerz. Aber auch Freiheit. Ein letzter, tiefer Atemzug ...und dann wandte sie sich um, zu ihm. "Gebt mir… eure Hände." presste sie hervor.
      Viktors Fesseln waren ebenfalls aus gehärtetem Metall, grob geschmiedet, aber nicht dafür ausgelegt, einer Kreatur wie ihr standzuhalten. Sie senkte den Kopf, schnappte die Ketten zwischen die Zähne und Krack! Der Schmerz ließ sie innerlich schreien. Aber ihr Körper blieb still. Nur ihre Finger krallten sich ins Nichts. Der zweite Biss ließ die Verbindung reißen. Der dritte löste die letzte Öse - die Fesseln fielen klirrend auf den Boden.

      Sie atmete schwer, Blut tropfte von ihrem Kinn, ihr Kiefer pulsierte vor Schmerz. Doch bevor Viktor sie ansehen konnte, riss sie sich herum... rasch, so schnell, dass ihr dunkles Haar wie ein Schleier aus Nacht über ihre Wangen fiel und das, was nicht gesehen werden durfte, verbarg. Zumindest teilweise. Sie hielt ihren Körper in einer Drehung, die ihn zwang, hinter ihr zu bleiben. "Seht mich nicht an ... - Bitte... nicht." Ihr Atem kam zittrig, doch ihre Stimme, ihre Stimme war ein Befehl. Hart. Unverrückbar. Entschieden. "Ihr müsst jetzt gehen. Geht. Sucht Eure Schwester. Ich… werde nachkommen." Ein Zittern lief ihren Nacken hinab, als ein weiterer Blutstropfen zu Boden fiel. "Bitte… Euer Hoheit." Ihre Stimme wurde weicher, nur einen Herzschlag lang, brüchig vor Erschöpfung und dem Wunsch, dass er ihr vertraute. "Dreht Euch nicht um. Seht mich nicht an."Dann, mit der Kraft einer Frau, die alles aufgaben würde, um ihn und Elise zu retten: "Geht. Jetzt. Damit ich Euch folgen kann."
    • Viktor
      . ݁ ˖the trees. ݁ ˖

      Der Kopf des Prinzen dröhnte und pochte. Ein Schmerz durchzog seinen Kiefer - sein Gesicht. Die Luft die er atmete hinterließ einen modrigen Geschmack in seinem Mund und legte sich mit bleierner Schwere in seine Lunge. Ein leises Raunen entwich seiner Kehle, sein Kopf rollte etwas zur Seite und wieder durchfuhr dieser stechende Schmerz seinen Kopf. Viktors Hand wollte instinktiv an seine Schläfen gleiten, doch spürte er nur Hemmungen - etwas hielt in auf. Das kalte Gefühl von engem Metall umschloss seine Handgelenke. Die Fesseln lösten in ihm ein Gefühl von Unbehagen aus, doch seine Glieder waren zu schwach, um sich gegen dieses Gefühl zu wehren. Wieder ein leises Stöhnen, welches er nicht zurückhalten konnte, selbst wenn er gewollt hätte.
      Er wagte es nicht seine Augen zu öffnen - seine Lider fühlten sich schwer an und versperrten ihm die Sicht auf das, was vor ihm lag. Doch was war eigentlich geschehen? Er erinnerte sich nur vage an die vergangenen Momente und versuchte sich zu sammeln. Was war passiert, nachdem er Lunaris Veil verlassen hatte? Die einzelnen Szenen spielten sich ab, als würde er sie gerade erleben - der unbarmherzige Ritt durch die dichten Wälder, der peitschende Wind und kalte Regen, der seinen ganzen Körper einnahm. Prinz...
      Er begab sich auf die Suche nach Hilfe, jemanden der möglicherweise wusste, wie man Elise helfen konnte - Undine!
      Mit einem Schlag riss er seine schweren Lider auf und für einen kurzen Moment schien es ihm, als hätte man ihm das Augenlicht gestohlen. Zu schnell, zu hastig öffnete der Prinz seine Augen und konnte kaum erkenne, was um ihn herum geschehen war. Er konnte nicht erkennen, wo er sich befand. Nur der Geruch von feuchtem Moos und Regen blieb ihm fürs Erste erhalten.

      Zu wild schüttelte er seinen Kopf, um sich dem hellen Schleier seiner Sicht zu entledigen, doch ein stechender Schmerz in Nacken und Kopf war alles was es ihm brachte. Auch wenn der Prinz mit aller Macht versuchte einen kühlen Kopf zu bewahren, jagten ihm die Momente vor seinem inneren Auge Sorge ins Herz - Banditen, die ihn fesselten und in dieses dunkle Loch schubsten. Er konnte förmlich spüren, wie er sich gegen ihre Hände wehrte, wie sein Blut in ihm zu brodeln begann. Er konnte seine eigene Stimme hören - tief, nahezu diabolisch und brutal in seinen Worten. "Krümmt ihr nur ein Haar und ich werde dafür sorgen, dass Ihr Euch wünschtet tot zu sein!"- die Worte schienen animalisch und sein Ton kamen eher einem Knurren gleich - seine Vorstellungen waren unvorstellbar. Wären sie wahr geworden, so hätte man den Prinzen wohlmöglich verbannt, für ein Monster gehalten, doch beirrte ihn das keineswegs. Er spürte das Grinsen, welches seine Lippen zierten, als er einem der Banditen geradewegs in die Augen blicken konnte. Die Ruhe, die ihn sonst ausmachte, war verschwunden und es wirkte, als wäre sie auf ewig verloren. Seine Zähne wirkten scharf und seine Worte, sein Zischen wie Schwerthiebe. Sein Atem ging stoßweise, zu schnell, zu tief – wie der eines Tieres, das kurz davor ist, sein Maul in Fleisch zu schlagen. Etwas Dunkles klammerte sich an seine Gedanken und zerrte an der Vernunft, die ihn sonst so sicher führte. Er wusste, dass er diese Gedanken nie laut aussprechen würde, doch das Gefühl, seine Gedanken in die Realität zu manifestieren schienen für einen Moment so unendlich einfach - zu einfach, zu vertraut und nah. "Betet! Betet, dass Eure blutigen Hände nun keine Fehler machen!", drohte er knurrend, als er spürte, dass die Banditen ihm die Fesseln um das Handgelenk legten und er wehrte sich nicht, überließ seinen Feinden ihrem eigenen Schicksal, nun bloß keinen falschen Handschlag zu tun. "Wenn ihr sie verletzt, dann werde ich meinen letzten Atemzug nutzen, um Euch-..." - "Ihr… seid wach."
      Undine! Er erkannte ihre Stimme augenblicklich und seine Atmung entspannte sich. Sein Körper schien sich zu erden, seine Seele fand zurück in seinen Körper, doch sprach er keinen Ton - aus Erschöpfung? Scham? War es ihm unangenehm, sich vor ihr so vergessen zu haben? Viktor verwarf diesen Gedanken. Es sollte ihm nicht solch Unbehagen bereiten, was sie von ihm zu denken vermochte.
      Er vernahm ihre Stimme wie ein weit entferntes Flüstern, doch nahm er jedes Wort in sich auf. Erleichterung breitete sich in ihm aus, erweichte seine Sinne ein wenig. In diesem Moment gab es nur das Flüstern des Windes, das Plätschern des modrigen Wassers und ihre Stimme- doch klang sie anders. Ihre Worte zitterten. Ihre Stimme bebte unsicher und er wusste, dass es ihr ernst war, was sie ihm zu sagen versuchte. Immer wieder wiederholte sie sich und bat den Prinzen um Blindheit. Er nickte unentwegt um ihr Sicherheit zu schenken, doch sprach er nicht. Noch immer diese ungewöhnliche Ruhe die ihn umgab, dieser Hauch Dunkelheit, die er sonst nicht auszustrahlen schien.
      Er sah noch ein letztes Mal zu ihr, bevor er seine Augen durchgehend für eine ganze Weile schloss und er spürte, dass es sich für Undine wie eine Ewigkeit anfühlte, die für den Prinzen jedoch in einigen Atemzügen durchbrochen war.

      Sie hatte recht - die Geräusche die er vernahm, waren für ihn nicht zu deuten und er schob seine Neugier, sein Interesse an dem, was gerade vor seinen bloßen Augen geschah sehr weit in seine Hintergedanken. Er wollte ihr Vertrauen nicht missbrauchen - auch wenn es gerade die einzige Möglichkeit gewesen war, ihm zu vertrauen, wollte er nicht, dass es sich für sie als Fehler herausstellte. Und so hielt er seine Augen fest verschlossen, trotz des bebenden Instinkt in ihm, sie öffnen zu wollen.
      Knirschen, das Geräusch von reibendem Metall - ihr schnelles Atmen. Er lauschte, doch sah er nicht hin.


      „Gebt mir… eure Hände“, forderte die dunkle Schönheit, und der Prinz gehorchte ohne Zögern.
      Noch nie war die Versuchung so groß gewesen, die Augen zu öffnen wie in diesem Moment – doch hielt er stand. Er spürte, dass es diesmal mehr bedeutete als all die Sekunden zuvor.
      Freiheit. Seine Handgelenke brannten, als sich die Fesseln lösten – als müsste sein Körper erst wieder begreifen, was Bewegung war. Vorsichtig kam Viktor auf die Beine, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Undine ihm den Rücken zukehrte. „Nicht ansehen“, hatte sie scharf erinnert. Verstand sie denn nicht, wie sehr er genau das wollte? Schon bevor sie ihm diesen Blick verboten hatte.
      Ein tiefer Atemzug hob seinen Brustkorb, dunkel und schwer, doch voller unausgesprochener Dankbarkeit. Etwas klirrte über den Boden, rollte und kam vor Undines Füßen zum Stillstand: ein silbernes Amulett, schlicht, aber mit dem Wappen seiner Linie – ein Rabe, die Flügel erhoben, als wollte er auffliegen. „Ich werde Euch finden, wenn Ihr mir nicht folgt, Lady Undine“, sprach er, die Entschlossenheit in seiner Stimme unerschütterlich. „Ich weiß, dass Ihr ohne mich besser zurechtkommt, als ich es je könnte… und dass Ihr meiner Hilfe nicht bedürft. Doch ich werde da sein. Um Euch zu schützen. Immer.“
      Dann hallte das metallene Knirschen seiner Stiefel durch den engen Durchgang, während Viktor sich in Bewegung setzte – langsam genug, dass sie ihm folgen konnte.
      Auf dem Weg hinaus war jedes Geräusch wie ein Versprechen.
      Und jede Bedrohung, die ihnen begegnete, verwandelte sich unter seiner Aufmerksamkeit in nichts weiter als ein blutiges Andenken, bis hin zurück nach Hause - zurück zu Elise.
    • Undine

      Die Seejungfer hielt inne, als das Amulett über den Boden glitt und vor ihren Zehen zum Stillstand kam. Ein schwacher Schimmer fing sich im Silber, ließ den Raben wie ein stummes Schwurzeichen aufflammen. Sie wagte es nicht, sich umzuwenden. Nicht jetzt. Nicht so kurz nach dem Biss, der ihr Kieferknochen brennend pochen ließ und Metall geschmeckt hatte wie Blut aus alten Wunden. Viktors Schritte entfernten sich langsam. Schwer. Bestimmt. Jeder Klang trug etwas von seinen Worten mit sich fort - Worte, die zärtlicher gewesen waren, als sie je wieder hören wollte. Worte, die tiefere Narben rührten als Fesseln. Gefährlicher als jede Klinge. Als sein Schritt verklang, fiel die Stille wie kaltes Wasser über sie.

      Die Dunkelhaarige stand allein in der halbdunklen Zelle. Aufgebrochene Stäbe ragten wie schwarze Rippen in den Raum. Der metallische Geschmack ihres eigenen Blutes lag scharf auf ihrer Zunge. Alles in ihr dröhnte und dann brach etwas auf, so leise, dass sie es zunächst kaum bemerkte.

      Ein Gedanke. Eine Erinnerung. Ein Schmerz, der schon vor Jahren zu tief gewesen war, um ihn je zu verlieren. Jede Fessel, die sie je getragen hatte. Jeder Blick, der sie verurteilt hatte. Jedes geflüsterte 'Monster'. Und vor allem: Oswald. Warm in ihren Armen. Sein Atem, der versiegte. Die Stille danach. Etwas in ihr brach auf, und mit den Schluzen kamen auch die Tränen. Erst zögerlich, dann unaufhaltsam. Sie fiel auf die Knie, und als die Tropfen ihre Wangen verließen, verwandelten sie sich in Perlen.

      Eine nach der anderen schlugen sie auf den Stein. Plick. Plack. Plock. Der Klang war klar. Rein. Schonungslos. Jede Perle sprang ein Stück, rollte durch die Stille, bis sie in einer Ritze verschwand. Es klang wie ein zerbrechlicher Regen ...ein Beweis, dass selbst die härtesten Seelen manchmal brechen dürfen. Sie versuchte, den Sturm zu halten. Aber er war älter als ihre Maske, älter als alle Zweifel. Er gehörte zu ihr. Und so ließ sie ihn gehen. Plick. Plack. Plock. Als der letzte Tropfen fiel, wurde ihr Atem ruhiger. Die Perlen lagen verstreut wie erstarrte Erinnerungen, doch der Blick der jungen Frau wurde klar. Härter. Schärfer. Sie wischte sich mit der Schulter die Wange trocken. Nur dann, wenn der Schmerz abfließen durfte - war sie bereit, wieder aufzustehen. Doch zunächst musste sie sich selbst befreien. Ohne, dass er sah, was sie wirklich war.

      Ein Hauch entwich ihren Lippen, kaum mehr als der Schatten eines Lautes. Weich wie Morgendunst, doch getragen von uralter, gezeitenhafter Autorität. Das Echo der Venus. Wenige Herzschläge später taumelte ein Bandit den Gang entlang. Sein Blick trübte sich, suchte etwas, das er nicht benennen konnte und dennoch verlangte. Er klammerte sich an die Gitterstäbe wie ein Schlafwandler.
      "Löst … mich." flüsterte die Meerjungfrau. Es reichte. Der Befehl glitt in ihn wie lauwarmes Wasser. Finger schlossen sich um die Fesseln. Ein Klicken. Freiheit. Ihre Arme sanken brennend, taub, aber frei.Ein zweiter, kaum hörbarer Laut. "...Schlaf... schlaf tief und fest." Der Mann brach zusammen, sank brinah augenblicklich in tiefen Schlaf. Undine kniete sich zu ihm, nahm den Dolch aus seinem Stiefel und schnitt Stoff aus seinem Mantel. Mit geschickten, noch zitternden Fingern band sie sich den groben Stoff als neue Maske um den blutigen Kiefer.

      Dann wandte sie sich den Stäben zu. Allein der Anblick machte die vergangenen Sekunden wieder so spürbar. Der erste Biss brannte wie Feuer. Der zweite schmeckte nach Blut. Der dritte nach alter Angst. Metallsplitter drangen in ihr Fleisch. Warm tropfte Blut an ihrem Kinn hinab. Doch sie biss weiter. Immer weiter. Für die, die sie schützen musste. Für die, die sie verloren hatte. Bevor sie ging, schwankte sie einen Moment im Türrahmen. Nicht aus Schwäche, sondern weil der Schmerz so vertraut war, dass er beinahe beruhigte. Er erinnerte sie daran, dass sie überlebt hatte. Wieder und wieder.
      Die Perlen glänzten noch auf dem Boden, doch die Dunkelhaarige trat über sie hinweg, als wären sie nur Spuren eines Sturms, der vorübergezogen war. Leise, beinah lautlos, folgte sie den Spuren, die Viktor hinterlassen hatte. Nicht zu nah ...aber nah genug, um ihn zu erreichen, sollte er straucheln. Ihre alten Wunden rissen. Ihre neuen pochten. Doch die Entschlossenheit in ihrer Brust wurde nur fester. Denn sie war Undine. Meeresschöpfung.Kämpferin. Überlebende. Denn sie war Undine. Ein Wesen des Wassers und doch weinte sie nur sehr selten.
      Doch wenn sie es tat, erhob sie sich wie die stärkste Welle des Ozeans und nichts, kein Felsen, kein Gitter, kein Schicksal, könnte ihren Gefühlen standhalten.

      Die Wassernixe folgte dem Pfad des Prinzen wie ein lautloser Schatten, der sich an den Wänden entlang bewegte. Das Licht der Fackeln flackerte unregelmäßig, malfand ihre Gestalt, mal verschluckte es sie. Schmerz pochte in ihrem Kiefer, ein hartnäckiger Herzschlag aus Metall und Blut, doch er hinderte sie nicht. Er hielt sie wach, klar, fokussiert.

      Viktors Schritte waren deutlich für sie nicht wegen ihrer Ohren, sondern weil er eine Spur aus Atem, Anspannung und Entschlossenheit hinterließ, der sie mühelos folgte. Ein Mensch mochte sie nicht wahrnehmen, aber eine Kreatur des Meeres las sie wie Strömungen unter der Oberfläche. Er war schneller geworden. Oder vielleicht war er einfach entschlossener als zuvor.
      Elise. Das Gewicht dieses Namens trieb ihn vorwärts wie Wind und Wellen zugleich.

      Undine beschleunigte, glitt aus einer Biegung hervor... - und da war er. Der Prinz. Mit dem Rücken zu ihr, Schwertlos, aber mit dem Blick eines Mannes, der keinen Rückzug mehr kannte. Er spannte sich an, als er ihr Kommen hörte, doch drehte er sich nicht sofort um. Vielleicht aus Vorsicht. Vielleicht aus Respekt. Vielleicht, weil er wusste, dass sie nicht gesehen werden wollte, wenn sie nicht sahen ließ. Die Dunkelhaarige blieb ein paar Schritte entfernt stehen, ihr Atem ruhig, ihre Maske festgebunden, ihr Haar wie ein dunkler Schleier über Schultern und Wangen. "Prinz Viktor." sagte sie leise. Er wandte sich ihr zu langsam, als bräuchte er einen Herzschlag, um sicherzugehen, dass sie wirklich zu ihm zurückgekehrt war. Sein Blick glitt prüfend über sie, doch sie hielt ihr Anlitz von ihren Haaren verborgen entschlossen und unnahbar. "Ich habe…" Sie hob ihre Hand, in der der stählerne Dolch glänzte schlicht, aber scharf genug, um den Unterschied zwischen Leben und Tod zu bedeuten. "…nur dies." Sie hielt ihm die Waffe hin, vorsichtig, darauf bedacht, nicht zu nahe zu kommen - weder an ihn noch an sein Licht. "Ich hätte Euch gern mehr gebracht. Doch die Wache trug nur diesen Dolch bei sich. Keine weitere Klinge. Kein Schild. Nicht einmal ein Zweitmesser." Ihre Stimme blieb ruhig, aber es schwang etwas darin, das Viktor nicht deuten konnte etwas zwischen Entschuldigung und unerbittlicher Klarheit.
    • Viktor


      Der Prinz bestritt seinen Weg ohne kehrt zu machen. Er sah nicht zurück, ging nicht sicher, ob Undine seinen Schritten folgen konnte.
      Mit nervösen Fingern spielte er an dem Saum des festen Stoffes seiner Jacke und spürte das raue Gefühl der sauberen Nähte zwischen seinen Fingerspitzen. Seine Atmung wat inzwischen wieder sanfter geworden, doch brodelte in dem Prinzen noch immer diese rastlose Anspannung. In ihm breitete sich das Gefühl aus, dass er nicht genug getan hatte. Am liebsten hätte er die Banditen-…Am liebsten würde er sie…Seine Gedanken trieben nur so dahin, seine Adern fingen Feuer und seine Hand ballte sich zu einer Faust, so stark, dass seine Fingernägel tiefe Abdrücke in seiner Handfläche hinterließen. Seine Beine machten keinen Halt, er lief immer weiter Richtung Lunaris Veil - zu seiner Schwester.
      Leise konnte er vernehmen, wie sie sich hinter ihm ankündigte und sein Tempo wurde immer langsamer bis hin zum Stillstand.
      Viktor drehte sich nicht zu der Schönheit um, auch wenn sein Körper sich danach verzerrte - er wartete auf ein Zeichen. Auf ein Gefühl, einen minimalen Impuls, der es ihm erlaubte sich umzudrehen.
      Und da war er. „Prinz Viktor“, sprach die Schönheit mit ihrer lieblichen Stimme. Aber noch nicht, jetzt noch nicht, sprach seine innere Stimme zu ihm und er wartete noch eine kleine Sekunde, ehe er sich zu ihr wandte. Sein Blick musterte sie vorsichtig, schon fast als fürchte er sich davor, dass sie direkt wieder verschwinden würde - dass er durch Trugbild zum Narren geworden war. Vielleicht war er aber auch zögerlich, weil er nicht sehen wollte, ob sie verletzt war.
      Ihr mitternachtsblaues Haar verbarg ihr Antlitz vor ihm und ein seufzen entglitt seinen Lippen. Erleichterung, ein wenig Freude.
      „Lady Undine“, sprach er sanft zu ihr. „Mit Eurer Rückkehr brachtet Ihr alles mit Euch, was ich mir erhofft hatte“ und er senkte sein Haupt höfisch, etwas tiefer als erwartet, etwas länger als nötig.
      Viktor hatte dieses Gefühl, dass Undine nicht unnötig lang angesehen werden wolle und dies unterließ er instinktiv. Mit gesenktem Blick nahm er den Dolch in die Hand und verkündete leise: „Ich werde diesen Dolch in Ehren halten, als Andenken daran, dass Ihr mir zum zweiten Mal das Leben rettetet, Lady…“.
      Sanft bewegte er sich in Richtung Anwesen und sah nicht zu ihr, doch seine Glieder zuckten sehnsuchtsvoll, wollten ihr tief in die Augen blicken, dennoch sprach sein Verstand dagegen.
      „Ich denke, fremde Hilfe werdet Ihr ohnehin ablehnen, also werde ich die nötigen medizinischen Mittel auf ein Zimmer bringen lassen und unsere vertraute Schneiderin wird Euch eine neue Maske vor die Tür legen“, sagte er bestimmt - es war kein Angebot, sondern ein entschlossenes Vorhaben.
      Er grinste verschmitzt und trug diesen Blick mithin in seine Stimme und daraus entstand ein neckischer Ton, mit welchem er locker zu ihr sprach: „Braun steht Euch nämlich außerordentlich schlecht“. Viktor warf ihr einen verspielten Blick zu, jedoch ganz bewusst zu kurz um ihr Gesicht irgendwie erkennen zu können. Der Prinz wollte der Frau das bestmögliche Gefühl von Sicherheit und Verständnis schenken - sich bei ihr nicht nur materiell revanchieren.
      „Bitte kümmert Euch erst einmal um Euer Wohl, solange wie es nötig ist. Versorgt Eure Wunden und wendet Euch gezielt an mich, solltet ihr etwas benötigen. Ich bin mir überaus sicher, dass Elise in dieser Zeit noch zurechtkommen wird. Ich lasse Euch Essen vor die Tür stellen und wenn Ihr wollt, könnt Ihr ungestört ein Bad nehmen“.
      Während die Worte nur so aus ihm hervorbrodelten, lief er gezielt vor Undine, um sicherzustellen, dass sie sich nicht beobachtet fühlte, hielt der hübschen Dame jedoch höflich die Tür auf, als sie am Anwesen ankamen.
      Das Innere, welches vorher so einladend und warm gewesen war, trug nun ein Gewand aus eisiger Kälte - kein Kamin brannte mehr, kein Feuer hielt den Eisblumen stand, die sich über den Boden hinweg zogen und bei jedem gesprochenen Wort zog vor einem ein heller Nebel auf. Das Zuhause Belyova glich nun dem Herzen seiner Anführerin mehr denn je.

      ※ ·❆· ※

      Elise

      Für jeden waren die Temperaturen in Elises Gemach eine Tortur gewesen, es sei denn man ist groß, flauschig und mit weißem Fell geschmückt - und auch Elises Körper trug Spuren der Kälte. Ihre Haut war blass und fahl, mit blauen und roten Fäden marmoriert und ihre Lippen hatten jegliche Farbe verloren, die noch übrig gewesen war.
      Der Wahnsinn trieb voran und zeichnete sich in ihrem zierlichen Gesicht ab, war deutlich zu erkennen. Die großen Augen waren müde - todmüde, doch tat Elise kein Auge zu. Zu groß war die Angst vor den Traumgestalten, die sich jedoch auch inzwischen in ihre Realität einschlichen. Wahnvorstellungen, Trugbilder des Mangels von Schlaf. „Elise?“ - eine vertraute Stimme vor der Tür, ein festes Klopfen gegen das dicke Holz. Das Eis welches am Türrahmen hinaufgestiegen war, knackte unerbittlich. „Elise…Undine ist für dich hergekommen. Magst du sie nicht hereinlassen?“, fragte ihr Bruder und Elise erwiderte nur mit einem leisen, dennoch ungewöhnlich schroffem „Nein!“ - dann wieder Stille.
      „Ihr habt Euch sicher mit ihm verbündet!“. Mehr Worte, als Elise in den letzten Tagen zu ihrem Bruder gesprochen hatte. Ihre Stimme schien schwach und unsicher, jedoch so voller negativer Gefühle.
      Viktor blickte zu Undine und zog die Schultern etwas unwissend hoch, legte dann seinen Kopf wieder nah an die Tür und flüsterte verständnisvoll: „Mit wem sollen wir uns denn verbündet haben, Schwesterherz? Nur wir zwei sind hier. Niemand sonst!“. Er hielt kurz inne und dann erschien es ihm wie ein Gedankenblitz. „Arthur ist nicht hier, Elise“ - wieder ein sanfter Blick zu Undine. „Undine hat ihn weggelockt, damit Du vor ihm sicher bist“.
      Eine Zeit lang hörte man aus dem Gemach erneut keinen Mucks. Unfassbar laute Stille trübte die Atmosphäre, ehe sich die Klinke langsam bewegte und das Tor hinein in Elises Traumwelt sich öffnete - langsam, leise quietschend.
      Elise war inzwischen weit von der Tür weggetreten und saß vor dem Fenster auf dem Boden - zusammengekauert, aber völlig unaufmerksam wild umherschauend. Ihr langes weißes Haar hatte seine natürliche wellige Struktur zurückerlangt und hing ihr wüst über Schulter und Rücken. Ihr Blick starr auf Undine gerichtet, sah sie zu ihr wie ein Reh im Visier eines Jägers - verängstigt, die Intention fest ergriffen, jeden Moment zu flüchten.
      „Er will mich töten, wusstet Ihr das?“, sprach sie mit zitternder Stimme, ein Flüstern geboren aus vielen Nächten ohne Schlaf. Verängstigt rutschte sie ein Stück zurück, als hätte sie etwas bedroht.
      „Sobald ich meine Augen schließe, steht er da! Ganz dicht vor mir!“, ein scharfes Kichern entwich der Prinzessin. „Und manchmal spüre ich ihn - seinen Atmen in meinem Nacken. Ich höre es!“.
      Ihre schmalen Finger glitten zitternd über die feine Haut an ihrem Hals entlang. „Es ist, als stünde er dicht hinter mir“, ihre Augen fuhren zu ihrem linken Schulterblatt, rastlos suchend. „Genau da…“, flüsterte sie mit gebrochener Stimme.
      „Er wartet nur darauf, dass ich meine Augen schließe“, hauchte sie leise. Viktor schien unruhig. Er hatte seine Schwester schon aufgelöst erlebt, kurz vor einem gebrochenem Herzen - schreiend vor Schmerz. Doch Wahnsinn war auch dem geliebten Bruder neu und sein Körper konnte dieses undefinierbare Gefühl nicht unterdrücken. Der Prinz schluckte merklich, wich ein kleines Stück zurück.
      Die Prinzessin richtete ihren Blick wieder Undine zu - ein vertrautes Gefühl von Wohlwollen breitete sich in Elise aus. Ein Gefühl, welches sie lang nicht gespürt hatte - etwas kindliches. Als würde sie ihrer Mutter tief in die Augen blicken. Elise näherte sich Undine auf allen Vieren, bewegte sich voran wie eine verwundete Raubkatze auf der Suche nach Antworten. Leise flüsterte sie: „Wenn ihr ihn vertrieben habt, Undine…“ - ihre Stimme brach für einen kurzen Augenblick - „…warum höre ich ihn dann noch so nah bei mir? Ich kann seine Wärm unter meiner Haut spüren!“. Sanft rieb sie die Finger ihrer Hand aneinander, als hätte Arthur sie gerade berührt.
      Elises Körper bebte bitterlich. Ihre Glieder standen kaum still und schienen nahezu ununterbrochen auf der Hut vor etwas zu sein. Ihre Worte taten es ihrem Körper gleich und ein Unterton aus tiefer Enttäuschung und Schmerz durchzogen ihre Stimme.
      „Er hat mein Herz berührt, es warm gemacht um mich verwundbar zu machen. Um mir Angst zu machen, Undine! I-Ich…“, stotterte die Prinzessin. „…Ich habe ihm vertraut, wirklich!“, öffnete sie sich Undine mit weinerlicher Stimme und kam knapp vor ihr zum Stillstand. „Warum hat er das nur getan? Es tut so weh!“. Ihre Hand glitt an ihren Brustkorb. Sanft nahm sie Undines Hand in ihre und führte sie vorsichtig an die Stelle, an welcher ihr Herz schlagen sollte.

      Und dann -
      Pock.

      Einige Sekunden Stille.
      War es ein Versehen?
      Ein Echo?
      Ein Traumrest?

      Dann wieder -
      Pock.

      „Sagt mir, Undine. Warum möchte er mich tot sehen, obwohl ich dachte, dass er wahrlich wollte, dass ich lebe?“.
      Noch immer hielt sie Undines Hand sanft in ihrer, zärtlich auf ihren Brustkorb gelegt in dem es unregelmäßig und ohne Rhythmus schlug.
      Das Herz der Schneeprinzessin war selbst so voller Verzweiflung - ein Herz welches nicht wusste, ob es schlagen oder sterben sollte.

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    • Undine

      Die Schritte des Prinzen verhallten gedämpft im Frost, doch die junge Frau hinter ihm hörte jeden einzelnen - klar, beinahe schmerzhaft. Seine Worte klangen in ihr nach, nicht wie höfische Formeln, sondern wie etwas, das sie nicht einordnen konnte. Warum…? Warum bemühte sich ein Königssohn so sehr um sie? Warum behandelte er sie, als wäre sie von Wert ... oder schlimmer: als wollte er sie nicht verlieren?

      Die Dunkelhaarige senkte den Blick, während sein leiser Dank sie erreichte. Der Dolch in seiner Hand, den er hielt, als sei er heilig. Dass er sagte, sie habe sein Leben zweimal gerettet, löste ein zitterndes, kaum hörbares Seufzen aus ihr. "Ich sagte Euch bereits..." murmelte die Nixe, ohne ihn anzusehen. "Das war nicht ich… sondern der Segen der Himmelsgötter." Sie hätte sagen können, dass sie selbst nichts Wertvolles besaß. Kein Licht, kein Segen nur eine Gabe, die mehr Fluch war als Geschenk. Doch sie schwieg.Der Prinz sprach weiter von Medizin, Stoffen, einer Schneiderin, die ihr eine neue Maske fertigen würde. Von warmem Essen und einem Bad. Dinge, die Fürsorge bedeuteten, Dinge, die ihr seit Jahren niemand angeboten hatte. Sie war zu erschöpft, um höfisch zu widersprechen. Zu müde, um Stolz über Sinn zu stellen. Und es wäre unhöflich gewesen, das Angebot eines Prinzen abzuschlagen. Das sagte sie sich zumindest, als sein neckisches Lächeln sie flüchtig traf. Erwiderte sie trocken, mit einem Hauch Schmunzeln: "Dann werde ich Euren modischen Einschätzungen vertrauen, Hoheit. Ihr habt bewiesen, dass Ihr ein Auge für Details besitzt." Ein sanfter Seitenhieb ...ungewohnt weich.

      Dann öffnete er die Tür zu einem Haus, das nun ganz aus Winter zu bestehen schien. Kalt. Stumm. Erstarrt. Und überall ein Hauch von Elise. Die Seejungfer blieb kurz stehen, nicht wegen der Kälte, sondern weil die Vorstellung eines warmen Bads fast süß schmerzte. Doch das Wasser hier war still, tot, ohne Stimme. Und die Zeit drängte. Elise wartete. Gefahren näherten sich. Sie schob die Sehnsucht fort und trat ein.
      Im bereitgestellten Zimmer versorgte sie zuerst ihre Wunden. Mit ruhigen Fingern zog sie Metallsplitter aus ihrem Zahnfleisch, jeder einzelne brennend, reißend. Einer saß so tief, dass Blut über ihre Lippen rann. Doch sie machte weiter. Wie immer. Als sie fertig war, bemerkte sie die Dinge vor ihrer Tür. Sorgsam hingelegt. Nicht abgestellt, nein, niedergelegt wie ein Geschenk, das man nicht entweihen durfte. Eine bestickte Maske. Sanfte Seide. Schimmer wie Mondlicht auf dunklem Wasser. Winzige Perlen, gestaffelt wie Tränen von Seegeistern. Und darunter ein Kleid. Nicht nur ein Kleid ...ein Gewand. Es war anmutig und außergewöhnlich zugleich: feine Seide, deren Farben von hellem Himmelblau zu silbrigem Weiß glitten, als sei Mondlicht in Stoff gefasst. Mehrere Lagen flossen wie Nebelschleier übereinander, jede Falte eine sanfte Welle. Auf einer Schulter ruhte eine kunstvolle Drapierung, die die Silhouette asymmetrisch und erhaben wirken ließ wie die Gewandung einer Mondpriesterin. Zarte Stickereien zogen sich darüber wie hauchfeine Gezeitenlinien, durchsetzt mit Perlen, die funkelten wie Tränen der Tiefe. Der Stoff selbst schimmerte, als trüge er Sternenstaub. Ein Kleid aus Wasser und Mond. Ein Kleid, das atmete. Das erzählte. Erhaben und feierlich, doch weich wie ein Flüstern. Ein Gewand der Lunaris Veil. Jeder Schritt darin würde erscheinen, als ließe man Sternennacht erblühen. Undine stand lange davor, während der zarte Schimmer über ihre Fingerspitzen glitt als wollte das Gewand sie begrüßen. Sie hob die Maske an und ihr Atem stockte. So schön. So sorgfältig. So liebevoll.
      Und doch so gewöhnlich. Ohne göttlichen Schutz. Ohne Macht gegen das Dunkle in ihr.
      Nichts wie jene Maske, die Oswald ihr gegeben hatte… gesegnet vom Sonnengott selbst. Ein Stich alten Schmerzes durchzuckte sie. Doch sie schob die Angst beiseite. Nicht jetzt. Sie legte das Kleid an, fädelte die Maske vor ihr Gesicht und band die Bänder fest. Jede Bewegung ein Schnitt durch die Vergangenheit. Jeder Knoten ein Hauch von Freiheit ... oder der Anschein davon.

      Als sie den stillen Gang entlangging, suchten ihre Gedanken den Prinzen, ob sie wollte oder nicht. Er hatte seine Schritte so gesetzt, dass sie sich sicher fühlen konnte.
      Er hatte sie angesehen, ohne sie zu mustern.
      Er hatte Respekt gezeigt echten, keinen höfischen. Sie fand ihn im halbdunklen Flur, wartend, ohne Ungeduld. "Bitte… zeigt mir den Weg zu Prinzessin Elise." Ihre Stimme war ruhig, fester, mit einem Hauch kontrollierter Dankbarkeit. Nicht zu viel nur so viel, wie ihr Herz zuließ. Die Dunkelhaarige trat ein, lautlos wie fallender Schnee. Die frostige Kälte des Raumes schien sie kaum zu berühren; tiefere Winter waren ihr vertraut, jene, die im Inneren wohnten.
      Elise saß am Fenster wie ein brüchiger Wintergeist. Ihre Augen irrten über Mauern und Schatten, suchten etwas Unsichtbares. Als sie Undine bemerkte, spannte sie sich an wie ein verletztes Reh. Die Worte der Prinzessin kamen brüchig, gepresst: Von Atem im Nacken. Von Schatten im Schlaf. Vom Gefühl, verfolgt zu werden. Undine tat, was Viktor nicht konnte: Sie blieb ruhig. Stille wie dunkles Wasser, das Stürme überdauert. Langsam kniete sie sich vor Elise nieder. Ihr nachtblaues Haar fiel wie ein Schleier zwischen die Prinzessin und die drohenden Schatten. "Kind des Winters." sagte sie leise, ihre Stimme wie warmer Wellengang. "Angst ist ein schlechter Ratgeber. Sie zeigt dir Schatten, die nicht da sind und vergrößert jene, die es sind.";Elise rückte näher, zitternd.
      Als sie Undines Hand an ihr Herz führte, blieb die Nixe still. Unter ihren Fingerspitzen ... Unruhig. Verletzlich. Undine schloss Elises Hand mit ihren Fingern ein. "Elise." hauchte sie "Sein Schatten liegt nicht mehr hier. Du hörst ihn, weil dein Geist müde ist. Du spürst ihn, weil dein Herz Angst hat verletzt zu werden. Das sind Erinnerungen - keine Hände, die nach dir greifen." Ein zitternder Atemzug löste sich aus der Prinzessin. "Arthur würde niemals zulassen, dass dir etwas geschieht." fuhr die Nixe fort. "Er hält Abstand, weil er nichts falsch machen will. Nicht, weil er dich bedrohen würde." Sie hob Elises Kinn, lenkte ihren Blick weg von den Schatten. "Was dir nachstellt, liebstes Winterkind, ist nicht Arthur. Es ist die Nacht, die du zu lange wach gehalten hast."

      Dann nahm sie Elises Finger etwas fester ...nie hart. "Komm." Sie führte sie zum Bett, Schritt für Schritt, wie ein verletztes Reh im tiefen Schnee. Elise folgte, erschöpft und ausgelaugt. Undine setzte sich zuerst.
      Dann öffnete sie die Arme still, fraglos, ein sicherer Hafen. Elise sank hinein wie schmelzender Schnee. Die Meerjungfrau hielt sie sanft, stützte ihren Kopf, ließ eine Hand in das weiße Haar gleiten. "Ich bin hier." murmelte sie. "Ich gehe nicht fort. Nicht diese Nacht. Nicht, solange du mich brauchst." Elise klammerte sich an sie, verzweifelt. Und Undine begann zu summen ... tief, alt, wie Gesang aus vergessenen Tiefen. Ein Klang, der Zittern löste und Schatten zurückdrängte. Sie wiegte die Prinzessin, kaum merklich. "Schließ deine Augen, verlorene Schneeflocke." flüsterte sie. "Ich wache über dich, bist du deinen Platz wieder gefunden hast. Kein Schatten kommt an mir vorbei." Elises Atem wurde ruhiger, ihr Herzschlag gleichmäßiger, die Lider schwer. Und Undine hielt sie ... wie eine Mutter, wie ein sicherer Hafen, wie Stille, die den Sturm besiegt.
    • Elise

      Elise sank müde in die Arme der mütterlichen Frau. Ihr zierlicher Körper schmiegte sich wie feine Seide in ihre Form, als wäre sie ein fehlendes Puzzleteil, welches endlich seinen Platz gefunden hatte.
      Ihre Glieder entspannten sich nahezu instinktiv und wie ein kleines Bärenbaby schloss Elise ihre Augen - das sanfte Summen wiegte die Prinzessin wellenartig in den Schlaf, bis sie vollends zur Ruhe gekommen war. Elise schlief ein und es schien, als würde ihre Seele das erste Mal seit Tagen wieder zurück in ihren Körper finden.
      Ihre Gedanken tapsten immer tiefer in die Traumwelt - Elise wurde unruhig, ihr Körper zuckte und wollte wieder zurück in die Realität, fürchtete sich vor dem Unwahren, dass dort auf sie wartete. Doch die sanften Melodien, die Undine mit ihrer zärtlichen Stimme wie eine Nachtigall im Morgenrot summte, gaben ihr ein Gefühl von Sicherheit, ein Gefühl von Zuhause - und so ließ sie sie zu, die tiefe Dunkelheit.

      Ein warmes Licht stieg empor, ein wohliges Orange füllte ihre düstere Dunkelheit und leise vernahm sie ihren Namen. Eine vertraute Stimme. „Prinzessin Elise…“, sprach sie.
      „Sir Arthur?“, erkundigte sie sich vorsichtig und zögerlich manifestierte er sich vor ihr. Sein hübsches Gesicht, seine hellen Augen, sein blondes Haar und stattliche Statur - sein unvergleichlich süßes Lächeln, welches ihre Welt etwas heller, etwas fröhlicher leuchten ließ. „Ich habe euch unrecht getan, Sir Arthur. Bitte verzeiht mir…“, begann sie wehmütig zu sprechen. Ihre Stimme war zärtlich und voller Vorsicht - entschuldigend, ein wenig beschämt. „Ich habe geglaubt, dass ihr mir Schaden zufügen wolltet. Doch das stimmt nicht, nicht wahr?“, ging sie mit ihren Fragen hervor. „Ihr würdet mir nie böswillig Schaden zufügen, Arthur. Oder?“. Gerade öffnete er seinen Mund. Wollte er ihr antworten? Warum tat er es nicht? „Lady Elise…“, sprach er in ihrem Traum höflich zu ihr. „Das müsst ihr Arthur fragen“. Ein Lächeln, welches sie nicht so recht zuordnen konnte. Ihr Blick zeichnete Verwirrung. „Ich bin lediglich ein Abbild Eurer Vorstellung“ - und dann verschwand er langsam, löste sich Stück für Stück in kleinste Partikel auf, bis er ihre Gedanken wieder in völliger Dunkelheit zurückließ.
      „Arthur!“, sprach Elise und fuhr mit einem Schrecken hoch, sah sich suchend um und erkannte, dass die zurück in ihrem Zimmer gewesen war. Viktor war bereits in seine eigenen Gemächer zurückgekehrt, doch Undine hielt ihr Versprechen und war der Prinzessin nicht von der Seite gewichen. Elise seufzte erleichtert und mit sanfter, doch schwacher Stimme sagte sie ihren Namen leise. „Lady Undine…“. Ein Lächeln zierte ihre Lippen, welches wohlmöglich Banditen in die Knie hätte zwingen können. „Vielen Dank…“ - ihre Arme umschlossen zärtlich den Körper der schönen Frau und flüchtig schenkte Elise Undine ihr schwach pochendes Herz.
      Und erneut flüsterte sie: „Unendlichen Dank…“.
      Langsam löste sie sich aus der liebevollen Umarmung und sah der Frau vor ihr tief in die Augen. Ein ehrlicher Blick mit einem wichtigen Hauch von Gefühl.
      „Ihr seid also die ganze Zeit hier gewesen? Ihr müsst doch unglaublich hungrig sein…“. Sehr langsam erhob Elise ihren noch geschwächten Körper und hievte sich behutsam auf die zittrigen Beine. Sie fühlte sich, als hätte sie gerade erst wieder gelernt zu laufen.
      „I-Ich weiß…“, stotterte sie, „…dass Ihr nicht wohl mit solchen Dingen seid. Viktor teilte es mir sofort mit, damit ich Euch nicht in Unannehmlichkeiten bringen würde“ Ihr Lächeln blieb noch eine ganze Weile auf ihren Lippen. „Aber bitte, lasst mich Euch ein Bad einlassen und Euch etwas zu Essen bringen. Ich würde mich gern bei Euch bedanken“, offenbarte sie sich Undine.
      „Ich könnte einen Vorhang spannen und Euch so Gesellschaft leisten. Wäre Euch das genehm?“, fragte sie ehrlich. Sie wollte keine Antwort, die sie glücklich stimmte, sondern ernsthaft wissen, womit sie Undine ihre Dankbarkeit zeigen konnte, ohne sie in eine missliche Lage zu versetzen.
      Und erst jetzt merkte sie, dass sie Undines Hand sanft in ihrer hielt, während sie sich mit ihr unterhielt.
    • Undine

      Die kluge Meerjubgfrau fuhr zusammen, als der Name des Ritters den Raum durchschnitt. Nicht laut, nicht gellend, sondern wie ein erstickter Hilferuf, der dennoch tief genug schnitt, um das Herz einer Nixe kurz stocken zu lassen. Elises Atem bebte, ihre Augen suchten verzweifelt nach Halt; und Undine, die all dies still beobachtet hatte, spürte ein eigenartiges Ziehen in der Brust. Arthur… Ein Name wie eine Münze, die auf den Grund eines stillen Brunnens sinkt. Kreisend. Schimmernd.
      Die junge Frau atmete sanft aus, denn mit diesem einzigen Wort holte die Prinzessin nicht nur den Ritter zurück in ihre Gedanken sondern auch Undine selbst in die Ferne. Aurea Custodia. Das goldene Herz der Sonne am Fuße der heiligen Eiche.
      Für einen Atemzug, es kaum länger als ein Flackern, sah die Seejungfer nicht das Zimmer einer sterbenden Prinzessin.
      Sondern das Licht, das durch das Blätterdach ihrer Heimat brach. Und jene ihrer Gefährten, die vielleicht in diesem Moment fragten, ob sie lebte… ob sie kämpfte… ob sie jemals zurückkehrte. Was sie wohl gerade taten? Ob sie ein Fest bereiten? Oder ob sie in der Halle der Könige lauschen, ob ein Bote ihren Namen trug? Ob sie wussten, dass sie noch hier in Lunaris Veil war? Oder spüren sie nur den Bruch in der Strömung… Der Schmerz darüber blieb tief, lautlos. Aber er blieb. Heimweh. Obwohl es doch eigenlich nicht die Heimat war, nachdem sich ihr Herz noch immer so sehnsüchtig verzog.
      Die Dunkelhaarige kehrte in die Wirklichkeit zurück, als die zarte Stimme der Prinzessin sie erreichte. Die Nixe wusste: Der Dank, das Lächeln, die Umarmung - all das war aufrichtig. Zärtlich. Gefährlich zärtlich, für ein Herz, das nie für solche Nähe geschaffen wurde. Doch sie erwiderte den leichten Druck der Arme, den flüchtigen Herzschlag gegen ihre Brust, ohne ein Zucken, ohne Fluchtversuch. Nur mit ruhiger, vertrauter Wärme. Als Elise sich erhob und ihr all die gut gemeinten Angebote machte, hob die junge Frau sanft die Hand und schüttelte kaum merklich den Kopf. Nicht tadelnd. Nur ruhig und elegant. "Ihr müsst mir nichts geben." sagte die Meerjungfrau leise, ihre Stimme weich wie schimmernde Tiefsee. "Ich bin nicht ausgehungert, und ich brauche kein Bad… zumindest nicht eher als Ihr." Ein kleines, fast neckisches Blinzeln verriet, dass sie diese Worte bewusst sanft verpackte.
      Die Nixe war kein zerbrechliches Glas. Keine Kreatur, die man mit Samthandschuhen berühren musste. Aber sie war auch nicht fähig, die Herzflut der Prinzessin gänzlich zurückzugeben. "Doch Ihr..." fügte sie behutsam hinzu "...Würdet ein warmes Bad und eine Mahlzeit vertragen. Ihr seid schwächer, als Ihr selbst spürt." Ihre Finger strichen einen Moment über Elises Hand - ein zärtlicher, aber sehr bewusster Hinweis besser auf sich selbst zu achten.

      Dann legte sie den Kopf leicht schräg, ihre dunklen Haare flossen wie Tinte über die Schultern. "Aber…" Ein kaum hörbarer Seufzer, beinahe ein Lächeln, huschte über ihre Lippen. "Wenn Ihr den Tee noch immer wünscht - den, den Ihr mir einst verspracht, dann könnte ich mich dazu… verleiten lassen." Es war kein Ja aus Höflichkeit. Es war ein Ja aus einer stillen Form von Verbundenheit. Und so, kurze Zeit später, als der Tee dampfte und der Raum warm und ruhig war, setzte sich die junge Frau nieder jedoch nicht einander zugewandt. Sondern Rücken an Rücken. Die Prinzessin vor ihr, zierlich, noch etwas wackelig. Die Nixe hinter ihr, wachsam wie ein Schild, aber nicht aufdringlich. Sie schob die Maske nur ein wenig mit einen Finger nach unten. Gerade genug, um trinken zu können. Eine Geste, die sie gewöhnlich tief beunruhigt hätte ...doch... Schutzlosigkeit war ihr fremd. Denn heute… war etwas anders. Ihre Schultern waren gespannt, ja.
      Ihr Atem etwas kontrollierter. Ihr Blick unruhig, als suche er Gefahren in jeder Ecke. Aber Angst? Nein. Seltsamerweise .... nein. "Ihr müsst nicht dankbar sein, Prinzessin. Wirklich nicht. Ich bin hier, weil ich es sein will und weil ich Arthur entlasten wollte." flüsterte Undine schließlich und ein Hauch, kaum mehr als der Schatten eines Lächelns, zeigte sich auf ihren Lippen. Die Dunkelhaarige fühlte sich in diesem Moment nicht fern von Aurea Custodia. Nicht fern von Arthur. Nicht fern von sich selbst. Sondern ...zum ersten Mal seit ihrer Ankunft ....ein wenig angekommen.
    • Elise

      Elise blickte wieder ein wenig lebendiger drein. Das belebende Bad tat ihr gut, doch aus irgendeinem Grund blieb ihr der Hunger verwehrt.
      Sie hielt mit leicht zittrigen Händen die heiße Tasse Tee in der Hand und sah für einen Augenblick nur in das wohlriechende Gemisch aus Kräutern und Gewürzen. Lunaris Veil war wie geschaffen für die Herstellung von Tee, durch die Vielzahl an Gewürzen. An blumigen Noten mangelte es ihnen jedoch fast gänzlich. Die Temperatur der Flüssigkeit, die sich über die ganze Tasse verteilte, verbrannte der Prinzessin nahezu die zarten Finger, doch genoss sie das Gefühl, wieder eine Kleinigkeit zu spüren. Vielleicht erinnerte sie das warme Gefühl aber auch an etwas. Was war es gewesen?
      Schweigend neigte sie den Kopf auf dem zierlichen Hals etwas zur Seite und strich sanft über die glatte Oberfläche der Tasse. Ihre Augenlider sanken sanft nieder und sie versuchte sich zu erinnern, woher dieses vertraute Gefühl stammte. Dieses herrliche Kribbeln in ihren Fingerspitzen, dieses warme Zucken ihrer Adern.
      Die Worte, die Undine sprach, wirkten so weit entfernt und Elise konnte sich diesem Phänomen nur schwer entziehen. Es zog sie immer tiefer in seinen Bann. Innerlich entwich ihr ein leises Hauchen, das Geräusch eines wohlgestimmten Lächelns.
      Das Flüstern Undines schlich sich in ihr Unterbewusstsein: „…weil ich es sein will und weil ich Arthur entlasten wollte.“
      Arthurs Hände. Elise schlug die langen Wimpern auf und sah wieder auf die Tasse, ehe sie sie beschämt zur Seite stellte, ohne auch nur einen Schluck davon genommen zu haben.
      Die Prinzessin sammelte sich schneller, als es ihr lieb gewesen wäre und sie wandte ihre Blick von der Tasse neben sich hinaus aus dem großen Fenster.
      „Nun…“, begann sie leise zu sprechen, kaum lauter als ein Flüstern. „…Dankbar bin ich dennoch. Euretwegen und auch wegen Sir Pendragon. Genauso sehr wie ich für all die anderen Eurer Gefährten dankbar bin!“. Sie unterdrückte den Drang auch ihre Namen alle einzeln zu nennen und nervös spielte sie sanft an ihren Fingern.
      „Wisst Ihr, Undine. Es ist für mich oft eine Qual, anderen Menschen eine lange Zeit nah zu sein. Oft löse ich in Menschen ein Unwohlsein aus. Vor allem, wenn sie mich schon eine ganze Zeit kennen. Ich denke, dass sie es nicht übers Herz bringen, sich in meiner Gegenwart so zu verhalten, wie sie es damals taten, aus Angst mich traurig stimmen zu können“.
      Dann wieder - ein sanftes Lächeln in ihrer Stimme.
      „Bei Euch habe ich dieses Gefühl nicht. Ihr seid ehrlich zu mir, verstellt Euch nicht. Jeder Herzschlag schmerzt unendlich, aber Eure Nähe übertüncht diesen stechenden Widerstand in meinem Herzen“.
      Elise hob langsam den Kopf und blickte von ihren Händen auf in die Ferne.
      „Vielleicht klingt es leichtsinnig. Ich weiß, dass es leichtsinnig erscheint! Aber…“, sie stockte und man konnte spüren, dass sie die nächsten Worte mit Bedacht wählte. „…Ich möchte mein Herz nicht mehr davon abhalten, ein Herz zu sein. Ich glaube inständig, dass mein Traum mir dies mitteilen wollte und Arthur bot nur als Gefäß, diese Nachricht zu überbringen“. Sie dachte viel an ihn, doch den Gedanken schob sie weit beiseite. Arthur…
      Es geling ihr nicht und in ihrem Gesicht breitete sich eine rosige Farbe aus, ein warmes Gefühl, dass sie nur schlecht deuten konnte.
      „Oh, Undine…“, seufzte die Prinzessin und sie ließ sich mit dem Kopf voran auf ihr Bett fallen, sodass Undine wusste, dass sie sie nicht ansehen würde. „…Ich bin eine Närrin“, stöhnte sie nuschelnd in den dicken Stoff ihrer Decke.
      Zum ersten Mal schien die Prinzessin menschlich zu sein, ihre Gefühle zuzulassen. Und ihr Herz poltere und schlug heftig gegen ihre Brust - wie eine fragile Kuckucksuhr schlug es in ihrer Brust zehn und das kleine Vögelchen krakelte lautstark vor sich hin, drohte jeden Moment das feine Gehäuse in Abertausende kleine Fragmente zu zerreißen. Ein Schmerz, den Elise sich nicht anmerken ließ. Sie wollte nicht, dass die Menschen um sie herum wussten, was für eine irrsinnig naive Entscheidung dies gewesen war. Doch trotz des unbeschreiblichen Schmerz in ihrer Brust genoss die Prinzessin das Gefühl ein Gefühl zu spüren - die Freude zuzulassen, die sie spürte, dass Undine ihr Gesellschaft leistete. Das Gefühl von Schmerz ungefiltert wahrzunehmen. Sie liebte es zu spüren und sie verzerrte sich danach, zu lieben.
    • Undine

      Undine schob die Maske wieder an ihren Platz, das vertraute Gewicht schenkte ihr Ruhe. Ihre Hände ruhten auf ihrem Schoß um ihre dampfende Teetasse, nur die Fingerspitzen bewegten sich leise, am Tassenrand, als lauschten sie dem Herzschlag der Welt. Elises Worte hallten in ihr nach wie das ferne Echo eines Gesangs.
      Langsam, sehr langsam, beugte sich die Dunkelhaarige ein wenig zurück, sodass ihre Stimme die Prinzessin erreichte wie eine Hand, die den Nacken eines nervösen Fohlens sanft beruhigt. "Ihr seid keine Närrin, Prinzessin." Die Nixe ließ eine kurze Stille folgen. Keine drückende Stille nur Raum, damit die Worte sinken konnten wie Perlen im Wasser. "Eine Närrin wäre jene-" fuhr sie schließlich fort, "-die vor ihren eigenen Gefühlen davonrennt, weil sie fürchtet, verletzt zu werden. Ihr aber… Ihr wagt, zu fühlen. Trotz Schmerz. Trotz der Kälte, die Euch so lange in Ketten hielt." Ein leises, warmes Schnauben, fast ein zarter Hauch von Humor, entwich der Meerjungfrau. "DAS ist nicht närrisch. Es ist mutig." Die Seejungfer hob eine Hand, nur ein wenig, ohne Elise zu berühren. Doch die Geste trug Fürsorge. Dann senkte die kluge Strategin den Blick.
      "Doch ich muss Euch widersprechen." Ihre Stimme blieb sanft, doch sie schimmerte nun klarer, wie Mondlicht auf Wasser. "Wenn Ihr sagt, ich sei ehrlich zu Euch… so stimmt das nicht ganz. Ich… verberge Dinge. Nicht aus Bosheit, nicht aus Misstrauen. Sondern ...weil ich wollte, dass deine Welt nicht schwerer wird durch meine Schatten." Ein kurzer, entschuldigender Atemzug folgte. "Aber das bedeutet, dass du mit deinem Vertrauen richtig liegst. Ehrlichkeit ist nicht Perfektion, sondern das stetige Bemühen, einander nicht zu verlieren." Sie ließ den Satz stehen wie einen Stein, den sie auf ein ruhiges Wasser setzte. Kein Drängen. Nur Offenheit. "Aber alles, was ich Euch sage, ist wahr. Und alles, was ich tue, geschieht, weil ich es will nicht aus Pflicht, nicht aus Schuld." Die Meerfrau rückte ein klein wenig näher, sodass sie direkt hinter Elise saß; nicht bedrängend, eher schützend. "Ihr habt Recht: Ihr löst in vielen Menschen Unsicherheit aus. Nicht, weil Ihr ihnen Angst macht… sondern weil Ihr sie tief berührt. Manche Herzen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen." Sie neigte den Kopf. Das Licht, das hereinfiel, zeichnete Linien über die Perlen an ihrer Maske. "Ich hingegen… kenne die Geschichten von Herzen, die im Dunkeln leben. Ich muss mich nicht verstellen, um Euch zu verstehen." Ein ruhiger Atemzug. "Und was Arthur betrifft…"
      Die Nixe lächelte hinter der Maske nicht verspielt, sondern wissend. "…werde ich Euch sagen, was ich kann, ohne sein Vertrauen zu verletzen: Er würde nie etwas tun, das Euch verletzt. Ihr ahnt nicht, wie sehr er sich zurücknimmt, weil er glaubt, Ihr verdient nur das reinste Ideal. Keine Unbeherrschtheit, kein unbedachter Blick. Er glaubt an Euch, nicht an das, was andere in Euch zu sehen vermögen ." Sie hob den Blick ein wenig, als könnte sie in der Ferne eine Zukunft sehen, die sich erst zu formen begann. "Ihr habt ein Herz, das wieder beginnt zu leben. Das ist kein Fehler. Keine Gefahr. Kein Wahnsinn." Ihre Stimme wurde sanft wie Wellen an einem ruhigen Strand. "Es ist der Anfang."
      Dann, etwas leiser wie eine Schwester: "Und Herzen… die sich neu öffnen, sind immer schön." Ein leichtes Zittern klang im letzten Hauch ihrer Worte. Waren es doch jene Worte mit dem ein kleiner Junge sie damals aus den Dünen rettete. Jetzt... trug sie diese weiter, weiter an die Ohren einer zweifelnden Seele welche an einen sehr ähnlichen Scheideweg angekommen war. "Schaut… Euer Herz ist kein Feind, der gezähmt werden muss. Es ist ein Kompass. Und er zeigt immer dorthin, wo Ihr wachsen könnt -manchmal über Euch selbst hinaus. Wenn Ihr fürchtet, zu viel zu fühlen, dann lasst es zu. Denn wenn Euer Herz spricht, kann die Zukunft nur heller werden. Vielleicht nicht leicht… vielleicht nicht ohne Schmerz. Aber heller."
    • Elise

      Elise lauschte den Worten Undines aufmerksam.
      „Dinge bewusst zu verbergen, sehe ich jedoch nicht als eine Lüge an. Oft tun wir ja genau das, um einander nicht zu verletzen. Wie ihr schon sagtet - sich stetig zu bemühen einander zu bewahren, sollte uns doch so viel bedeuten…“, murmelte die Prinzessin leise in ihre knisternde Decke hinein.
      Die Worte der Frau neben ihr waren warm und legten sich um ihre Seele wie ein leichtes Gewand - wie eine sanfte Umarmung.
      „Doch die Wiedergeburt meines Herzens, bedeutet auch seinen Tod…“, hauchte Elise leise und ihre Finger fuhren über den weichen Stoff unter ihr. Mit tauendem Herzen, tauten auch alte Ängste auf - Unsicherheiten, Ereignisse, vor denen sie sich fürchtete.
      „Es ist unklar, wie lange mein Herz blühen darf, nachdem es der Welt seine Knospe öffnet, doch was ist wenn es direkt welk wird? Wenn es sofort stirbt?“. Sie seufzte tief, doch nahm sie jedes von Undines Worten tief in sich auf. Herzen, die sich neu öffnen, seien schön, sagte sie. Wie es sich wohl anfühlen würde? Neugier stieg in dem Körper der Prinzessin auf und ihre schmalen Finger malten sanfte Kreise auf die dunkle Deckenhülle.
      Dann wurde ihr Gesicht jedoch sanft bedrückt. „Ihr seid eine gute Freundin. Ich verstehe gut, warum Sir Arhtur so viel auf Euer Wort gibt, Lady Undine“, sprach sie ehrlich zu ihr und gab ihre Beobachtungen preis.
      „Er muss es ja noch schwerer haben. Er fühlt alles in voller Gänze und…“, stockte sie kurz. „Er widersteht. Er ist wahrlich ein guter Mensch. Macht es ihn denn nicht unendlich traurig?“.
      Noch nie zuvor hatte Elise so intensiv mit jemanden über Gefühle gesprochen. Viktor wich diesem Thema undurchdringlich aus, weil er befürchtete, dass er etwas in Elise wecken könne, das nicht mehr zurück in den Schlaf finden würde. Er fürchtete sich mehr vor dem Tag an dem Elise sich dazu entscheiden würde ihr Herz tauen zu lassen als alles andere. Und seine kleine Schwester genoss diese Unterhaltung ungemein.

      Sie erinnerte sich zurück an einen Tag aus ihrer Kindheit und ein sanftes Lächeln huschte über ihre Lippen.
      „Mein Vater und ich saßen einst an einem Hafen, weit entfernt von Lunaris Veil. Ich erinnere mich noch ganz genau - bildlich sehe ich es vor mir. Vater hatte mich am Rande des Stegs sitzen lassen und ich hielt meine roten Schuhe in den Händen. Sie glänzten wie reife Kirschen im Sonnenschein und meine Füße baumelten weit oben über dem Wasser. Mein Vater war ein wahnsinnig begabter Geschichtenerzähler und immer wieder erzählte er diese eine Geschichte, in denen Meerjungfrauen sein sinkendes Schiff an Land zogen, um ihn und seine Mannschaft zu schützen. Und als Kind stellte ich es mir immer vor, wenn ich auf das offene Meer blickte. Diese Bilder sind schon ewig erloschen. Diese Erinnerungen fallen mir nur äußert selten in die Gedanken“, dann ein leises Kichern - flüchtig und schmerzerfüllt, dennoch herzlich ehrlich.
      „Und gerade ist es, als würde ich die warme Sommersonne auf meinem Haar spüren…“. Sanft legte sie ihre flache Hand auf ihr Haupt.
      „Lustig, welch Streiche die Gedanken einen spielen können, nicht wahr?“, fragte Elise leise.
      Undines Gegenwart lies Elise etwas leichter fühlen, als würde sie auf dem weiten Meer sanft auf der Oberfläche nur so dahintreiben - keine Angst vor dem Ertrinken, kein Ziel. Nur Stille und das sanfte Rauschen der Wellen. Ein wiegendes Auf und Ab und das zarte Gefühl der Meeresluft auf der Haut.
      „Undine…“, sprach die Prinzessin leise, etwas zögerlich. „Ihr habt einen unfassbar schönen Einfluss auf die Welt um Euch herum. Ein wenig so, als würde alles plötzlich zu blühen beginnen, sobald Ihr etwas Eurer Präsenz widmet. Aber - so ganz unbewusst. Nicht überschwänglich oder überheblich, sondern so ganz und gar ehrlich und wahr“. Sie wollte Undine nicht schmeicheln, wollte ihr keine Lorbeeren schenken. Elises Worte entstanden einzig und allein aus dem Bedürfnis, ihren inneren Zustand in Worte zu fassen - Sie wollte mitteilen, was in ihrem Körper passierte, denn sie selbst verstand nicht, wie das möglich gewesen war.

      Plötzlich klopfte es sanft an der Tür, nicht aufdringlich drängend. Fragend hallte das Geräusch in Elises Gemach und Viktors tiefe Stimme schnitt durch die Atmosphäre. „Was treibt Ihr denn da drinnen?“, fragte er mit ehrlichem Interesse. „Wollt Ihr euch etwa noch ewig in diesem muffigen Gemach verstecken?“. Muffig?!, dachte Elise und schreckte entsetzt auf, tat ihre Gedanken kund.
      „Ja! Muffig, Schwesterherz! Ihr solltet Lady Undine nicht zwingen weiterhin in diesem Land der schlechten Gerüche verweilen zu müssen!“, teilte er ihr lachend mit und vor der Tür waren das quietschende Geräusch der sich öffnenden Fensterläden zu vernehmen. Viktors Lachen intensivierte sich - ein unbeschwertes und ungewöhnlich warmes Geräusch.
      „Darf ich eintreten?“, fragte der Prinz höflich und Elise überließ ihrer netten Gesellschaft die Entscheidung ihn hereinzubitten, oder wieder in die tiefen Höhlen seiner Bibliothek zu schicken.
    • Undine

      Die junge Wassernixe verharrte einen Augenblick, als hätte sie selbst die Wärme jener fernen Sommersonne gespürt, von der Elise sprach. Ein sanftes Leuchten huschte über ihr Gesicht kaum sichtbar, eher ein inneres Aufglimmen. Als sie sprach, klang ihre Stimme wie eine Antwort auf das Atmen des Raumes. "Wisst Ihr..." begann sie leise. "Wenn wir etwas verbergen, dann selten aus Falschheit, sondern aus Fürsorge. Doch Fürsorge ist nicht immer Wahrheit." Ihr Blick senkte sich, ein Hauch von Selbstironie darüber. "Ich mag Menschen bewahren wollen… doch das nimmt ihnen manchmal die Gelegenheit, selbst zu wachsen. Es ist eine schmale Linie, auf der ich tanze. Deshalb widerspreche ich Euch nur in diesem einen Punkt: Schweigen schützt nicht immer. Manchmal droht es nur aus dem Hintergrund." Ein mildes Lächeln folgte, sanft wie Wasser im frühen Morgenlicht. "Aber ich verstehe, warum Ihr so denkt. Und dass Ihr es so seht, macht Euch nicht weniger wahrhaftig." Als Elise von der Vergänglichkeit ihres Herzens sprach, wurde Undines Ausdruck ernster, doch nicht traurig ... eher bedachtsam. "Jedes Herz, das wiedergeboren wird, trägt ein Echo seines alten Todes in sich. Und gerade das macht es schön. Was welken kann, kann auch blühen. Was stirbt, schafft Platz für etwas Stärkeres."
      Sie neigte leicht den Kopf. "Herzen sind wie Gezeiten. Sie ziehen sich zurück, bis man denkt, sie seien verloren… und dann kommen sie zurück. Mit ihnen das Leben." Die Strategin lauschte Elises Erinnerungen, ihre Augen weich, als sähe sie selbst den Steg, das Meer, die roten Schuhe über dem Wasser. "Diese Geschichte Eures Vaters…" murmelte sie ehrfürchtig. Was waren das für Zeiten gewesen, in denen sie unbeschwert durch die Wellen sprang oder die tiefsten Abgründe erkundete? Und welche Versuchung war es, den Sterblichen, oder ihren Boten, kleine Streiche zu spielen. Ein warmes, verschmitztes Lächeln glitt über ihr Gesicht. "Vielleicht waren es nicht Eure Gedanken, die Euch einen Streich spielten. Vielleicht war es eine Erinnerung, die entschieden hat, endlich wieder aufzuwachen." Als Elise von Arthur sprach, wurde Undines Miene sanft und nachsichtig wie keine Worte es je sein könnten. "Ja… er fühlt alles. Manchmal mehr, als gut für ihn ist. Doch in Eurem Fall widersteht er nicht, weil es ihn nicht berührt, sondern weil ihn eure Verbindung zu sehr berührt." Die Nixe senkte die Stimme. "Er ist nicht traurig, Eure Hoheit. Nicht wie einer, der leidet. Er ist… ehrfürchtig. Vielleicht erstaunt, dass jemand wie Ihr existieren könnt. Er glaubt, jedes seiner Gefühle könnte ein zu großer Schritt sein. Also geht er winzige. Damit Ihr nie stolpert." Als Elise schließlich sagte, Undine habe eine blühende Wirkung auf die Welt um sich, schloss die Dunkelhaarige einen Moment die Augen, nicht aus Bescheidenheit, sondern aus einer leisen Überforderung, fast Schmerz aus Ungewohnheit. "Wenn etwas an mir zu blühen beginnt", murmelte sie, "...dann nur, weil jemand wie Ihr hinblickt. Ihr verwechselt Ursache und Wirkung. Ich mache die Welt nicht schöner oder heller. Ich bin nur ein Spiegel. Und manchmal…" ,sie lächelte, "…habt Ihr vergessen, wie viel Schönheit Ihr selbst ausstrahlt."

      Dann ertönte das sanfte Klopfen. Undine hob den Kopf, geschmeidig wie eine Kräuselwelle. Doch ehe sie sich der Tür zuwandte, sah sie Elise noch einmal an. "Euer Bruder… und Ihr…", sagte sie warm aber seufzend, "...messt mir einen Wert bei, den ich nicht verdiene. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie schief unsere Wahrnehmung von Menschen manchmal sein kann. Eure Augen sehen in mir ein Wunder. Und ich sehe nur mich ... ein Mädchen, das schwimmt, weil es nicht weiß, wie man an Land geht." Die Worte verklangen behutsam, wie Mondlicht über stiller See. "Vielleicht haben wir alle einfach noch nicht gelernt, uns richtig zu sehen." Sie richtete sich auf, bereit, die Tür zu öffnen.
      Die kluge Dame hob kaum merklich den Kopf, als Viktors Stimme durch die Tür drang. Warm, kräftig, leicht spöttisch und doch beunruhigend ehrlich. "Muffig?" Der unwillkürliche Laut, der Elise entfuhr, entlockte Undine ein verstecktes Lächeln. Dann hörte sie den Prinzen lachen - offen, hell, unerwartet. Ein Klang, den sie nie zuvor von ihm gehört hatte. So klingt er also, wenn auch seine kontrolierte Eiseskälte taute. Undine trat zwei Schritte zurück, elegant wie eine Welle, die dem Ufer Raum schenkt. "Nun, Lady Elise... Ich denke, dies ist nun eine Familienangelegenheit." Sagte sie zunächst leise und wurde mit jeden Wort lauter. Ein verschmitztes Funkeln lag in ihren Augen, als sie Elise zuraunte: "Wir setzen unser Gespräch ein anderes Mal fort… und dann ohne fremde Ohren." Mit einem anmutigen Knicks glitt sie zur Tür und öffnete sie. "Prinz Viktor." sagte sie mit einem leichten Lächeln. "Ich überlasse Euch Euere werte Schwester. Sie braucht Euch heute mehr als meine Gesellschaft."

      Ihre Schritte waren im Flur noch nicht ganz verhallt, da stand sie beinahe direkt vor Aveline. Die einstige Kammerzofe wirkte wie eine Schattengestalt im Halbdunkel, die Hände verkrampft, das Lächeln dünn, ohne jeden Funken in den Augen. "Oh." hauchte Aveline süßlich. "Ihr schon wieder. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie Ihr es schafft…" Eine künstliche Pause. Ein Augenaufschlag. "Der Prinz, die Prinzessin… sie hängen an Euren Worten, als wäret Ihr eine Heilige. Dabei seid Ihr doch-" Ihr Blick glitt abfällig über Undines fremde Eleganz. "…eine Sonnenanbeterin. Eine Fremdländerin. Eine, die nicht zu uns gehört." Undine schwieg. Sie wartete, wie Wasser wartet, bis die Welle ganz aufläuft, bevor es zurückschlägt. "Es ist… befremdlich. Beunruhigend. Wie Ihr Euch in die Herzen der Königskinder schleichen konntet. Erst Prinz Viktor… jetzt seine Schwester. Glaubt Ihr wirklich, Ihr könntet hier Einzug halten?" fuhr Aveline nun mit härteren Ton fort. Die Worte trafen wie ein versteckter Dolch. Undine hob langsam den Blick. Kein Funkeln, kein Zorn nur eine stille, gefährliche Ruhe. Die Art von Ruhe, hinter der die See sich weitet, bevor sie sich erhebt. "So? Ihr nennt es schleichen." Sagte sie mild. "Ich nenne es gesehen werden, Aveline." Aveline blinzelte irritiert. Die Wassernixe trat einen kleinen Schritt näher. Nicht drohend, nur so unausweichlich wie eine heranrückende Flut. "Es liegt nicht an mir. Sondern daran, dass sie lange niemanden hatten, der ihnen zuhört, ohne etwas zu fordern." Ein kaum merkliches Zittern durchzuckte die erdbeerblonde Magd. "Ihr… wagt viel." presste sie hervor. "Nein." erwiderte Undine leise. "Ich bin nur ich." Ihre Worte tropften wie Wasser auf heißem Stein, leise, aber nicht aufzuhalten. "Und vielleicht… macht Euch nicht mich Angst, Aveline. Sondern die Möglichkeit, dass Eure Nähe zu den Königskindern längst nicht mehr so unerschütterlich ist, wie Ihr glaubt." Die Luft zwischen ihnen spannte sich, vibrierte wie eine gespannte Harfensaite. Avelines Augen flackerten: Ein Stich. Ein Treffer. Undine neigte den Kopf beinahe höflich und wandte sich ab, geschmeidig und sicher. "Einen schönen Abend noch." Aveline blieb zurück, versteinert das Lächeln zerbrochen wie dünnes Porzellan.
    • Viktor & Elise

      „Vielleicht messen wir Euch einen Wert zu, den ihr noch nicht seht, Undine“, sprach sie mit sanfter Stimme. „Mein Bruder mag vielleicht manchmal ein Trottel sein und Ihr werdet sicher Geschichten über ihn hören, die einem Prinzen nicht ganz entsprechen“, begann Elise. „Doch vertraut mir, wenn ich Euch sage, dass er ein ehrlicher Mann ist“, versicherte sie der hübschen Frau vor ihr. Elises Worte waren sanft wie herrlich herab prasselnder Schnee, der ihre Worte wie ein kleines Versprechen auf Undines Haupt legte.
      „Ihr seid eine Bereicherung für diese Welt - auch wenn Ihr Eure Einflüsse nicht als so wichtig empfindet, denke ich dennoch, dass ihr einen unbegreiflich schönen Effekt auf die Menschen in Eurer unmittelbaren Nähe habt, Lady Undine“.
      Elise schien sich der Frau unentwegt anzuvertrauen, öffnete ihr ihr kaltes Herz und Tag für Tag erblühte die kleine Blume und windete sich durch die schmalen Risse des Eises - ließ das warme Licht der Sonne herein und schmolz das feste Eis zu Wasser.
      Dieses Gefühl schmerzte sie wie Abertausende Nadelstiche in das kleine Fleck Leben in ihrer Brust - es brannte bei jedem Impuls und quälte sie wie loderndes Fegefeuer, welches sie für diese Sünden bestrafen solle. Diese schöne Gefühle schienen nicht für sie gemacht, sollten ihr verwehrt bleiben - doch genoss Elise jeder dieser kleinen Sünden mehr, als ihr die Schmerzen jemals anhaben könnten. Und man merkte es ihr an. Man könnte die kleinen Blüten förmlich riechen, welche in ihrer Brust zu blühen begonnen - gewässert durch Undines sanft mütterlicher Worte, gewärmt durch den verbotenen Gedanken an Arthurs zärtlicher Ritterlichkeit; an Sir Arthur selbst. Elise spürte wie ihr die Hitze zu Kopf stieg. Damit sie nicht stolperte, sprach Undine zu ihr, doch Elise fühlte sich, als würde sie gerade wieder lernen zu gehen. Sie war bei Weitem nicht so ehrfürchtig, wie Arthur es gewesen war. Das machte die zierliche Prinzessin nervös - sie hoffte, dass niemand ihre Gedanken lesen konnte, dass niemand ihre Vorstellungen ebenfalls sah, wie sie sich-…
      Das feste Klopfen ihres Bruders zog sie rasch aus aus dem Dickicht ihrer Gedanken.

      Viktor trat langsam ein, sein Blick wanderte kurz durch den Raum und haftete nur flüchtig an der schönen Frau, welche sich ihren Weg langsam aus dem Gemach seiner Schwester bahnte. Sie sah so umwerfend aus. Die Maske schmiegte sich wie Seife an ihr Gesicht, das Kleid wandte sich um ihren Körper wie seichte Wellen im Mondschein. Er konnte nicht anders, konnte seinen Körper nicht zügeln und so schlich sich ein Grinsen auf seine Lippen.
      „Lady Undine“, sprach er mit sanfter Stimme. „Vielen Dank, ich werde Elise nicht lange in Anspruch nehmen…“, fuhr er fort. Er hielt ihr die Tür auf, neigte seinen Kopf und leitete sie mit einer höflichen Handgeste hinaus. Als sie herausschritt schwebten die Worte des Prinzen wie weiche Schneeflocken in das Gehör Undines. „Ihr seht bezaubernd aus, Lady Undine…“.
      Dann schloss er ohne einen weiteren Blick langsam die schweren Flügel der Tür zum Gemach seiner Schwester - das Grinsen noch immer fest auf seine Lippen, sodass seine Schwester ihn mit einer ihrer vollen Federkissen als Geschoss zurück an die Front befördern musste.
      „Prinz Viktor, ich bitte Euch!“, sprach sie gespielt überhöfisch, doch fühlte er sich nicht ertappt, denn die Stimm seiner Schwester war so voll mit glücklichem Spott, dass er kurz vergaß, dass diese Stimme ein Produkt aus schwerem Schmerz war.
      Viktor wandte sich zu ihr herum und nickte.
      „Bitte entschuldigt. Ich habe mich kurz in meiner Kleiderauswahl verloren. Ein bezauberndes Kleid, nicht?“, redete er sich heraus und hielt seine kleine Schwester nur mäßig zum Narren.
      „Mh-hm, das wird es wahrlich sein, Bruderherz“, mahnte sie mit einem sanften Kopfschütteln, jedoch mit dem Hintergedanken, dass auch sie der Beichte längst überfällig gewesen war.
      Viktor sah besorgt auf das Lächeln Elises - sah sie nun als eine Puppe aus gebrechlichem Porzellan, voller Risse in den Händen eines unbändigen Kindes. Am liebsten würde er sie nehmen und nie wieder hergeben, doch ihr Lächeln. So lange war es ihm verwehrt geblieben, seit so vielen Mondphasen hatte er Elise nicht mehr ausgelassen gesehen. Wieder umspielte seine Mundwinkel ein sanfter Hauch von Glückseligkeit.
      „Wie fühlst Du dich?“, fragte er ernsthaft besorgt und ließ sich auf dem Sessel neben dem großen Bett nieder, verschränkte die Arme. „Du hast sicher Schmerzen. Bist du Dir wirklich sicher, dass du nicht-…“.
      „Nein!“, fuhr sie ihm in die Worte. „Ich werde es nicht tun, Viktor“. Ihre Stimme zitterte, aber ihre Worte waren gefüllt mit Entschlossenheit. Sie würde nicht zurück in diese eisige Kälte flüchten. Die Neugier brannte in ihren Adern - sie wollte unbedingt erfahren, was es hieß zu fühlen. Sie würde wissen, wann es zu viel würde und könne schnell genug handeln - würde dann ihr kleines Herz wieder in das kalte Gefängnis sperren.
      Viktors Zähne knirschten, als sie krachend aufeinandertrafen, sein Kiefer war angespannt - doch er nickte. Mit Widerwillen akzeptiere er die Entscheidung seiner Schwester, denn er wusste, dass auch er ein wenig seinen Verstand verloren hatte. Beide sahen sich einige Augenblicke nur an, kommunizierten ausschließlich über ihre Augen, als würden sie rege miteinander diskutieren, als würden sie sich gegenseitig umstimmen wollen. Viktors Augenbrauen zogen sich zusammen und hinterließen ernste Falten auf seiner Stirn. Elise erwiderte seinen Blick - bestimmt, entschlossen. Er brachte sie zum Lachen. Laut und herzlich schallte es zwischen den Wänden des warmen Gemachs und lud ihren Bruder dazu ein, einzusteigen.
      Er hatte dieses Gefühl ebenso sehr vermisst wie Elise selbst - er hatte sich nach solchen Momenten gesehnt. Dieses Lachen seiner Schwester wandelte sein Herz in ein weit reichendes Bündel aus zartem
      Licht, welches er selbst nicht erloschen sehen wollte.
      Vorsichtig erhob er sich, wollte nicht riskieren, dass seine Schwester ihr Lachen verlor. Langsam ging er auf sie zu und zog sie an ihrem Handgelenk zu sich, legte seine Hand bedacht an ihren Rücken und drückte seine kleine Schwester sanft an sich. Brüderlich mahnend sprach er leise, während er sie in seinen Armen hielt: „Ich hoffe, dass du weißt, was du tust, Schwesterchen!“.
      Sie erwiderte seine Umarmung und flüsterte kichernd ebenso leise: „Ich hoffe, Du ebenso“.
      Noch eine ganze Weile genossen sie diesen Moment zu zweit, welcher ein paar Wochen zuvor noch undenkbar schien - so voller Gefühl und Hoffnung, ehe Viktor sich in den großen Wohnsaal zurückzog.
      Seine Gedanken waren ungewöhnlich ungeordnet - eine verwirrende Mischung aus Freude und Sorge huschten durch sein Wesen wie Plagegeister und immer wieder schwappte Undine in seine Gedanken wie die Flut im geregelten Rhythmus der Gezeiten.
      Erschöpft von angeregter Grübelei fiel er in einen der gemütlichen Sessel nah am Kamin. Der große Prinz schränkte seine Arm hoch, die Hände sanft an seine Schläfen gelegt. Der feine lockere Stoff seines Hemdes spannte um seine Arme und umspielten das, was sonst nur reine Vorstellung blieb, wenn er gehüllt in den festen Stoff seiner Gewänder gewesen war. Sein Kopf rollte in seinen Nacken und entlockte ihm ein tiefes Brummen.
      Wie ein geschwächter Bär saß er da, einladend sanft aussehend, doch nicht weniger gefährlich wirkend. Das Knistern des Feuers erfüllte den Raum mit einem warmen Geräusch, welches nur dazu verführte sich in ihm zu verlieren und nur so zu verweilen. Ganz langsam sanken des Prinzens Lider und seine Arme, sein Kopf und sein Gemüt entspannten sich völlig.
      Er brummte erneut, weniger angespannt und vielmehr ausgelassen, als würde er sachte auf dem weiten Meer treiben - auf und ab wippend, ohne ein Ziel.

      Während ihr Bruder versuchte seine Gedanken in Reih und Glied zu befördern, begab Elise sich in den geräumigen Tempel. Sie schluckte, zog ihren warmen Mantel fester und hielt ihre Arme fest umschlungen um ihren eigenen Körper.
      Die große Halle war üppig geschmückt mit Fenstern aus Mosaik, welche den Mond anpriesen - in seiner schönsten Pracht zwischen strahlenden Sternen darstellten und das Mondlicht, welches auf die Bänke des Tempels fiel, sanft in seine Farben tauchte. Elise trat in ein kleines Kämmerchen, gehüllt in sanftes Kerzenlicht. Ehrfürchtig kniete sie sich vor eine Gestalt, gehüllt in ein schwarzes Gewand - ohne Form und ohne Gesicht stand es da und sprach mit weiser Stimme: „Was belastet Euch, mein Kind?“.
      Die Prinzessin schwieg für einige Sekunden - für Elise fühlten sie sich an wie eine halbe Ewigkeit, die nicht vergehen wollte und sie brach die Stille des Raumes. Ihre Stimme schien ihr zu laut, zu schrill, wobei sie nur leise flüsterte: „Weise Botin, ich habe gesündigt…“.
    • Undine

      Sie bewegte sich ziellos, doch nicht orientierungslos durch die stillen Flure des alten Belyova-Anwesens. Jeder Schritt klang gedämpft, als würde der Stein selbst darauf achten, sie nicht zu laut atmen zu lassen. Der Mond, der durch die hohen Fenster fiel, glitt über ihre Haut wie Erinnerungen an kühles Wasser und doch blieb alles trocken, schwer, seltsam eng. Sie hätte zurück in ihr Gemach gehen können. Hätte ihre Robe ablegen, in die bereitstehende Wanne steigen, sich in die illusionäre Nähe zum Kristallbad ihres Volkes flüchten können. Doch etwas in ihr drängte weiter, zog sie fort von Kerzenlicht und Menschenwärme. Die Dunkelhaarige bog um eine Ecke, ließ einen langen Korridor hinter sich und fand sich wenig später im Kreuzgang wieder jenem stillen, alten Übergang, dessen Bögen bei Nacht wie gefrorene Wellen wirkten. Von dort aus führte ein Torbogen in den Wintergarten: ein stilles Reich aus Glas und gedämpftem Kräuterduft, halb Ruheort, halb Zufluchtsort. Doch ehe sie ihn betrat, bemerkte sie ihn. Ein dunkler Schatten löste sich aus der Höhe eines steinernen Balkens. Ein kaum hörbares, aber bestimmtes Flügelschlagen. Dann landete er vor ihr: der große rabenschwarzer Gefährte des Prinzens mit seinen klugen Augen, die mehr sahen, als sie je zugab. Undine blieb stehen und neigte den Kopf leicht. "Ihr schon wieder." murmelte sie leise, nicht unfreundlich. Der Rabe krächzte, aber es klang beinahe wie ein Begrüßungslaut. Er stolperte einen Schritt auf sie zu, hob die Flügel etwas und senkte sie wieder. Ein höfischer Gruß, auf seine Art. Die Seejungfer lächelte sanft "Ich nehme an, Ihr habt mich hergelockt." Vola neigte den Kopf. Seine dunklen Federn reflektierten das schmale Mondlicht wie nasses Obsidian. Dann tappte er näher und zupfte vorsichtig an einer Falte ihres Kleides nicht fest, nur behutsam. Eine stille Aufforderung. "Ihr seid wie wir." flüsterte sie. "Ihr fliegt, wie wir schwimmen. Ihr seid verspielt und stolz, und Eure Treue gilt nur denen, die sie verdienen." Der Rabe stieß ein leises Gurren aus ein Geräusch, das an ein zufriedenes Blubbern erinnerte, wie es die Jungen ihres Volkes machten, wenn sie in seichten Gewässern spielten. Er schob seinen Kopf leicht gegen Undines Hand, und sie hob die Finger, strich sachte durch das seidige Gefieder an seinem Hals. "So weich…" hauchte sie. "Die Menschen denken immer, schwarze Federn seien rau. Dabei sind sie sanfter als die meisten Herzen, die sie besitzen." Vola blinzelte langsam, was bei Raben einem tiefen Vertrauen gleichkam. Dann hüpfte er zur Seite, drehte den Kopf und sah zum Wintergarten wartend. Undine folgte seinem Blick. "Ihr wollt, dass ich dort hineingehe?" fragte sie. Er antwortete nicht mit Laut, sondern mit einem kleinen Flügelschlag.Die Wassernixe seufzte sanft und setzte sich in Bewegung. Als sie die Schwelle überschritt, folgte Vola ihr nicht fliegend, sondern zu Fuß, als wolle er ihr Gesellschaft leisten. Der Wintergarten lag still und frostig. Dünne Eisschlieren zogen sich über einige der Scheiben, und die Pflanzen wirkte im Schlaf gefangen. Doch in einer Ecke plätscherte ein kleines Becken, gespeist von einer verborgenen Leitung das leiseste Echo von Wasser in diesem steinernen Ort. Undine blieb davor stehen. Sie spürte die Sehnsucht tief in ihrem Brustkorb, wie ein Pochen, das nicht von einem Herz kam, sondern von einer Erinnerung. Meine Strömungen. Mein Volk. Meine Brüder und Schwestern unter der Oberfläche… Wie ergeht es ihnen? Wie atmen sie ohne mich? Sie kniete sich hin. Die Fingerspitzen berührten die Wasseroberfläche; ein kaum hörbares Zittern lief über das Becken, als hätte das Wasser sie erkannt. Vola setzte sich neben sie, legte den Kopf schief und betrachtete sie aufmerksam. "Ihr fragt Euch, warum ich bleibe, nicht wahr?" flüsterte Undine. Der Rabe krächzte leise kurz, aber eindringlich. "Ich weiß es selbst nicht." gab sie zu. "Ich denke an meine Gefährten, an die endlosen Räume unter den Wellen… an die Freiheit, an das Schweigen, das dort atmet. Ich frage mich, ob sie gerade jetzt nach mir suchen oder mich längst abgeschrieben haben, wie verlorene Flut." Vola watschelte einen Schritt näher, stupste sie sanft mit dem Schnabel an die Schulter. Die Meerjungfrau sah ihn an und zum ersten Mal dieses Abends löste sich die Schwere ein wenig. "Ihr seid ein merkwürdiger Trostspender, Vola." sagte sie mit einem kleinen Lächeln. "Aber ein wirkungsvoller." Der Rabe hob ein Bein, streckte es wie im Gruß aus und Undine konnte nicht anders, als ihn mit einem leisen Lachen zu bedenken.Dann senkte sie wieder die Hand ins Wasser, und die Oberfläche glitt wie Mondlicht zwischen ihren Fingern hindurch. "Vielleicht…" ,murmelte sie, "sollte ich nicht an das Meer denken. Sondern an das hier. An diesen Ort. An die Menschen, die mich…" Sie verstummte. Selbst in Gedankensprache konnte sie das Wort kaum denken…brauchen. Vola krächzte leise, zustimmend. "Ich bin keine Heilerin für Herzen." flüsterte Undine. "Ich weiß nicht einmal, wie man an Land geht, ohne Halt zu suchen. Und doch… führe ich Schritte, die ich nie gelernt habe." Der Rabe stieß ein tiefes, warmes Gurren aus, das fast wie ein Lachen klang. Und Undine, die Tochter der See, die Wanderin zwischen den Gezeiten, schloss die Augen und lauschte den zwei leisesten Dingen in diesem stillen Wintergarten: Dem Atem des Wassers. Und dem Herzschlag eines Raben. Beide führten sie weiter. Und beide ließen sie spüren, dass sie nicht allein war.

      Aveline

      Aveline hatte kaum den letzten Schatten Undines hinter sich gelassen, da fühlte sie, wie ihr eigenes Herz schneller schlug. Wut, Kränkung, Unsicherheit ...all das wühlte in ihr wie aufgescheuchte Vögel. Doch stärker als jedes dieser Gefühle war der brennende, fast verzweifelte Wille, sich zu behaupten. Undines Worte schmerzten noch wie frische Kratzer auf der Haut. Der Gedanke, dass ihre Nähe zu den Königskindern ins Wanken geraten könnte, nagte an ihr wie ein leiser, aber beharrlicher Zweifel.Sie zog sich aus dem Halbdunkel des Flures zurück, suchte einen Ort, an dem sie wieder Kontrolle spüren konnte. Ihre Schritte trugen sie den vertrauten Korridor entlang, durch den warmen Duft nach brennendem Feuer und Politur, bis zum großen Wohnsaal. Schon von der Tür aus nahm sie die Atmosphäre des Raumes in sich auf: das knisternde Feuer, die schweren Schatten, die Wärme, die sich an die Wände schmiegte wie ein schützender Mantel. Und mitten darin saß Viktor. Einer, der zu groß war für jeden Stuhl, zu stark für jedes gewöhnliche Wort... und doch wirkte er in diesem Moment unendlich erschöpft. Aveline trat noch einen halben Schritt näher, und während ihre Lippen Worte formten, die süß und sanft klangen, rumorte in ihrem Inneren ein ganz anderes Geflecht aus Gefühlen. Seit Jahren liebte sie diesen Mann - still, glühend, unermüdlich. Keine Liebe, die im Licht gewachsen war, sondern eine, die sich in den Schatten entwickelte, dort, wo niemand sie sah. Sie hatte Viktor bewundert, verehrt, begehrt, lange bevor er sich überhaupt der Möglichkeit bewusst war, dass jemand wie sie ihn so tief ansehen konnte. Und jedes Mal, wenn er lächelte, wenn seine Stimme warm wurde, wenn er Elise an die Stirn küsste oder ihr als starker Bruder zur Seite stand, hatte sie sich ein kleines Stück davon gewünscht. Diese Güte, diese Aufmerksamkeit, diese Kraft - sie wollte sie für sich allein. Doch Elise stand zwischen ihnen. Immer hatte sie es getan. Eine Prinzessin, rein, gütig, geliebt. Viktor hatte sie stets als Erstes gesehen, als Wichtigstes. Und nun… nun war da auch noch diese Fremde. Diese unverschämte Sonnenanbeterin, die sich mit milden Worten und fremder Eleganz in die Herzen der Königskinder schlich. Undine. Eine, die nichts dafür tun musste, um Aufmerksamkeit zu bekommen... sie musste nur atmen. Es war ein Dorn in Avelines Innerem, scharf und bitter. Jeder Blick, den Elise Undine schenkte, jede Sekunde, in der Viktor von ihr sprach, bohrte sich tiefer in Avelines Brust, bis es schmerzte. Und sie wusste: Wenn sie nicht handelte, würde sie verlieren. Nicht nur Viktors Wohlwollen - sondern vielleicht auch ihren Platz. Also sammelte sie alles, was sie war: süße Demut, leise Reinheit, Sanftmut wie gezuckerte Milch. Und sie legte es ihm zu Füßen mit der Präzision einer Klinge. "Euer Hoheit, Ihr habt Euch verausgabt." hauchte sie, ihre Stimme weich wie warmer Honig, ihre Augen groß und glänzend. "Niemand würde Euch verdenken, wenn Ihr erschöpft seid. Nicht nach allem, was Ihr erlebt habt, was Ihr ertragen musstet." Die Worte klangen liebenswürdig, doch in ihr war ein anderes Rauschen. Ein Flüstern, das ihr sagte: Noch näher. Noch süßer. Noch unentbehrlicher. Sie schob vorsichtig eine Strähne ihres Haares zurück, eine kleine Geste, die ihre Wange entblößte, die weich und hell im Feuerschein schimmerte. Ihre Finger berührten beinahe den Stoff seines Hemdes, doch sie hielt rechtzeitig inne gerade so weit entfernt, dass der Körper die Nähe spürte, ohne berührt zu werden. Ein leises Spiel, das sie bestens beherrschte. "Ich… mache mir Sorgen um Euer Wohlergehen mein Prinz." murmelte sie. Ihre Stimme war fast ein Flüstern. Ein Flüstern, das Geborgenheit versprach, aber in Wahrheit Besitz ergreifen wollte. Ein leiser Blick zu seinem angespannten Arm, zu dem kaum verheilte Ziehen seiner Muskeln. Aveline spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Nicht aus Zärtlichkeit, sondern aus Hunger. Ein Hunger nach einem Platz, nach Bedeutung, nach dem Gefühl, endlich gesehen zu werden. Endlich geliebt zu werden. Von ihm. Doch etwas brannte in ihr, und es war keine Zärtlichkeit. Es war der Gedanke an Undine. Diese Fremde, die plötzlich alles zu sein schien, was Elise und Viktor suchten. Eine, die nichts tat ... und doch bekam, was Aveline seit Jahren begehrte. Sie lächelte nun, zart, unschuldig - ein Meisterwerk aus Kontrolle und gut verstecktem Gift. "Lasst mich doch ein wenig bei Euch bleiben." hauchte sie. "Ich habe Euch Tee gekocht und ein einige Speisen aus der Küche gebracht." Sie senkte den Blick in gespielter Bescheidenheit, während ihr Inneres brannte wie glühende Kohle. Sie war bereit, jede Süße, jede Reinheit, jedes gute Wort einzusetzen, um Viktor wieder dorthin zu ziehen, wo er aus ihrer Sicht hingehörte: An ihre Seite. Nicht an die der Prinzessin. Und schon gar nicht… an die dieses fremden Weibs.