The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

    • Vater? Vater? Isaac konnte nur starren auf den Mann, der Kais Vater sein sollte. In seinem Inneren brodelten gemischte Gefühle, darunter Überraschung und Enttäuschung. Warum hatte Kai nie etwas von seinem Vater erzählt, der Colonel war? Kai hatte generell nichts über seinen Vater gesagt - er hatte seine Familie in Hawaii erwähnt und daher hatte Isaac angenommen, dass auch sein Vater da war. Warum hatte er es verschwiegen? Und warum war er plötzlich ganz anders drauf, wo sie doch ein normales Gespräch hatten?
      "Das ist Colonel Anthony Duncan von der fucking Air Force", sagte Jack gerade in einem Tonfall, als würde er über Gott sprechen.
      "Der Colonel Duncan?", fragte Kiera.
      "Höchstpersönlich!"
      Isaac konnte nicht beiden Gesprächen gleichzeitig zuhören. Er sah Jack an, der ein wildes Leuchten in den Augen hatte.
      "Ich hatte gehofft, auf seine Base zu kommen, habe sogar einen Antrag gestellt. Wurde abgelehnt. Aber jetzt ist er höchstpersönlich hier - ist das ein Wunder oder ein Wunder? Soll ich mich vorstellen gehen?"
      "Vorstellen? Du warst doch nichtmal Lieutenant, was soll er mit dir anfangen?", sagte jemand anderes.
      "Keine Ahnung. Irgendwas. Ich muss einfach."
      Isaac konzentrierte sich wieder auf Kai. Er sprach gerade davon, was er in Afrika getan hatte, aber seiner Erzählung fehlte jegliche Farbe und seine Stimme war gänzlich tonlos. Er war wie ausgewechselt. Was war nur mit ihm? Freute er sich nicht seinen Vater zu sehen? Ganz besonders, wenn es Colonel Duncan war?
      "Ich mach's."
      Jack schob den Stuhl zurück und stand auf. Kiera verbarg das Gesicht hinter der Hand.
      "Gott, ich will gar nicht hinsehen."
      "Wir müssen ein armer Haufen sein für den Colonel", sagte ein anderer. "Besser, wenn er uns nicht sieht."
      Kais Blick traf auf Isaac. Plötzlich hatte er das Gefühl, dem Mann zur Hilfe kommen zu müssen. Mehr noch, er hatte sogar das dringende Bedürfnis aufzustehen, nach vorne zu gehen und den Colonel der Bar zu verweisen. Konnte er das? War es überhaupt das, was Kai wollte? Aber in diesem verzweifelten Blick lag eine solche Intensität, dass Isaac schon halb aufgestanden war, als Jack die Bar erreichte.
      "Sir, Colonel, Sir!"
      Er machte einen zackigen Salut.
      "Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Sie hier anzutreffen, Sir! Mein Name ist Jack Burrow und..."
      Es folgte eine lange und detaillierte Liste an Stationen, auf denen er gedient hatte, unter welchen Captains und Lieutenants er gewesen war, wie sehr er Colonel Duncan schätzte und verehrte.
      "Darf ich Ihnen die Drinks des Abends spendieren, Sir?"
    • Der Colonel erwiderte den Salut nicht sofort. Er musterte den Mann erst einige Sekunden lang mit dieser unangenehmen Sorte Ruhe, die Menschen automatisch strammer stehen ließ. Schließlich nickte er knapp.
      "At ease, Soldat." Seine Stimme war tief, kontrolliert, ohne jede sichtbare Emotion. Der perfekte Soldat eben. "Sie schmeicheln mir, Mister Burrow. Aber Männer wie Sie schulden mir keine Drinks. Sie haben bereits gedient."
      Das klang nobel. Fast schon väterlich. Das war genau die Art Satz, die Art von Ton, wegen der andere diesen Mann bewunderten. Kai hätte im Strahl kotzen können.
      "Wenn Sie allerdings darauf bestehen, dann können Sie mir einen ausgeben." Sein Blick wanderte vielsagend zu Kai. "Bourbon. Pur."
      Ein Befehl, keine Bitte. Anthony Duncan bat um nichts. Und weil Kai hier arbeitete und sonst niemand da war, war er es, der sich stumm abwandte und seinem Vater einen Drink einschenkte. Er machte sich keine Hoffnungen auf Trinkgeld, nur darauf, dass sein Vater so schnell wie möglich wieder verschwand. Aber das konnte er sich abschminken, jetzt wo er einen Fan gefunden hatte. Jack tat Kai fast schon leid. Der würde sich jetzt einen ewig langen Vortrag über die Erfolge und Heldentaten des Colonel Duncans anhören müssen, angetrieben durch eine ordentliche Portion Narzissmus. Naja, wenigstens lag seine Aufmerksamkeit dann nicht auf Kai.
      Er stellte das Glas Bourbon vor seinem Vater auf den Tresen. Er gab sich Mühe, das Zittern seiner linken Hand dabei zu verbergen und direkten Blickkontakt zu meiden.
    • Unter dem indirekten Lob des Colones blähte Jack sich auf. Er genoss das Kompliment wie ein Verdurstender das Wasser.
      "Wenn Sie allerdings darauf bestehen, dann können Sie mir einen ausgeben."
      "Selbstverständlich, Sir!"
      Jack rutschte auf den Barhocker neben ihn, wie zwei dicke Kumpel. Jack und der Colonel. Wenn Isaac zuvor schon nichts hätte machen wollen, stand er jetzt umso schneller auf.
      Er kam an die Bar.
      "Verzeihung - Colonel, Sir."
      Die Augen des Mannes richteten sich auf Isaac und unter dem Blick nahm Isaac prompt Haltung an. Alte Gewohnheiten konnte man eben nicht leicht ablegen und der Blick des Colonel hatte genau dieselbe Autorität, die auch seine Gestalt bereits versprüht hatte.
      "Unser Freund wollte Ihnen sicher nicht zu nahe treten." Sein Blick schoss zu Kai und wieder zurück. Er legte die Hand auf Jacks Schulter. "Er wird Sie jetzt nicht mehr belästigen. Nicht wahr?"
      "Wieso setzen Sie sich nicht zu uns?", sagte Jack aufgeregt und deutete zu ihrem Stammtisch, wo die anderen gerade den Kopf einzogen, wie um sich zu schützen.
      "Es wäre uns eine unvorstellbare Ehre. Wir sind von den VAs, sehen Sie, Sir, und Sie sind uns ein großes Vorbild."
      Das konnte Isaac zwar nicht bestreiten, aber so ganz wohl fühlte er sich bei dem Gedanken nicht, den Colonel bei sich sitzen zu wissen. Nicht, nachdem Kai so auf ihn reagierte.
    • Es kostete Kai alles, was er an Willenskraft aufzubieten hatte, um nicht einfach schreiend davon zu rennen. Er hätte sich bestimmt irgendeine Ausrede einfallen lassen können, um kurz nach hinten zu verschwinden und einfach mal durchzuatmen. Neues Fass anzapfen, Eis holen. Irgendwas. Aber er konnte sich keine Lüge zurecht legen und gleichzeitig beschäftigt wirken und gleichzeitig nicht schreiend davon rennen.
      "Verzeihung - Colonel, Sir."
      Isaac? Isaac! Halt, stop, nein! Isaac sollte nicht mit seinem Vater sprechen. Der würde ihn doch nur um den Finger wickeln und dann würde er Kai kein Wort glauben, wenn er ihm erzählte, wieso er ihn nicht mochte. Oder vielleicht doch? Nein, sicher nicht. Soldaten mochten andere Soldaten, dazu wurden sie doch im wahrsten Sinne des Wortes ausgebildet. Nein, nein, nein, nein, nein!
      "Unser Freund wollte Ihnen sicher nicht zu nahe treten. Er wird Sie jetzt nicht mehr belästigen. Nicht wahr?"
      Kai begegnete Isaacs Blick, so kurz der auch war. Kam er ihm etwa doch zur Hilfe?
      "Wieso setzen Sie sich nicht zu uns? Es wäre uns eine unvorstellbare Ehre. Wir sind von den VAs, sehen Sie, Sir, und Sie sind uns ein großes Vorbild."
      Ja, geh weg, alter Mann. Warte... Nein! Nicht zu denen! Nicht zu Isaac!
      Kai senkte den blick sofort wieder angestrengt auf das Glas, das er gerade spülte, als sich die Aufmerksamkeit seines Vaters wieder auf ihn richtete.
      "Warum nicht?" antwortete der Colonel schließlich. "Barkeep: nochmal eins von allem, was die Herrschaften gerade trinken."
      "Kommt sofort, Sir."
      Kai war froh, einen Grund zu haben, sich abzuwenden. Aber er hasste die Tatsache, dass sich sein Vater jetzt bei seiner Stammkundschaft einschleimte. Bestenfalls würde sich Kai in den kommenden Wochen anhören müssen, wie toll der Colonel doch war. Schlimmstenfalls kam raus, dass Kai sein Sohn war und dann würden diese Soldaten Kai ständig nach seinem Vater fragen.
      Er verfehlte die Bierflasche dreimal mit dem Flaschenöffner, bevor er aufgab und seine zitternde linke Hand massierte. Sein Handgelenk tat weh.
      Der Colonel war in der Zwischenzeit Gott sei Dank zu dem Tisch der Soldaten gewandert. Glück im Unglück oder sowas.
    • Der Colonel stimmte zu und Jacks Gesicht leuchtete regelrecht. Er schien wie ausgewechselt, ein gänzlich anderer Mann, als er aufstand und auf dem Weg hinüber den Colonel mit seinen Diensten vollquatschte. Isaac erhaschte einen Blick auf die anderen, deren Gesichter teilweise Entsetzen und teilweise Freude ausdrückten, den Colonel zu sich zukommen zu sehen. Einer stand sogar auf und verabschiedete sich hastig, humpelte zur Bar, legte Kai einen passenden Geldschein auf den Tresen und verschwand dann nach draußen.
      Isaac blieb bei Kai zurück, der sich hastig daran machte, die neuen Gläser zu füllen. Er wartete darauf, dass sie alleine an der Bar waren, dann lehnte er sich hinüber, um nicht zu laut reden zu müssen.
      "Das ist dein Dad? Mensch, Kai, wieso hast du mir das denn nicht erzählt? Das ist ja Wahnsinn."
      Er warf einen verstohlenen Blick hinüber, wo der Colonel eine Vorstellungsrunde über sich ergehen ließ.
      "Ist er zu Besuch hier? Oder auf Durchreise?"
    • Kai zwang sich dazu, tief durchzuatmen, dann griff er wieder nach der Bierflasche und öffnete sie. Je schneller er sich wieder hinter dem Tresen verstecken konnte, desto besser, dachte er sich.
      "Das ist dein Dad?" fragte Isaac, der zurückgeblieben war. "Mensch, Kai, wieso hast du mir das denn nicht erzählt? Das ist ja Wahnsinn."
      Er hatte Isaac schon an der Angel? Indem er einfach nur hier saß? Verdammt...
      "Ist er zu Besuch hier? Oder auf Durchreise?"
      "Keine Ahnung," entgegnete Kai kurz angebunden. "Ist mir auch egal."
      War es nicht. Er hoffte inständig, dass sein Vater nur kurz hier war, um ihm Angst einzujagen, und dann gleich wieder verschwand. Nach Alaska oder so. Oder gleich ins Ausland, wo Kai ihn nie wiedersehen musste.
      Kai parkte alle Getränke auf einem Tablett und hieve es auf seine rechte Hand. Seiner linken vertraute er nicht. Er eilte zum Soldaten-Tisch und servierte jedem den gewünschten Drink, ohne dabei mit irgendwem Augenkontakt aufzunehmen. Insbesondere nicht mit seinem Vater. Mit dem Tablett under dem Arm, huschte er dann schnell zurück hinter die Bar, wo er sich damit beschäftigte, irgendetwas zu tun, damit er auch ja nicht aussah, als ob er nichts tat, oder gar seinen Vater beobachtete.
      Als er sich ein Glas Wasser einschenkte, zitterte seine Hand so sehr, dass er das Glas abstellen musste, um es nicht fallen zu lassen.
      "Fuck," zischte er leise.
      Wäre er schnell genug, um sich im Kühlraum zu verstecken und eine Panikattacke zu haben und das Ganze als einfache Pinkelpause zu verkaufen?
    • "Keine Ahnung. Ist mir auch egal."
      Isaac wartete darauf, dass noch mehr kam. Eine Erklärung, wieso sein Vater plötzlich hier aufgetaucht war, wieso Kai Isaac noch nie etwas von ihm erzählt hatte, wieso er jetzt ganz anders war. Isaac sah dabei zu, wie die Flasche in Kais Hand wackelte, wie es ganz untypisch für ihn war.
      Aber es kam nichts. Keine weitere Erklärung. Kai hob das Tablett hoch, manövrierte sich hinter der Bar hervor und ging mit zielstrebigen Schritten an Isaac vorbei. Ohne ihn anzusehen. Verblüfft blieb Isaac an Ort und Stelle stehen und beobachtete, wie Kai die Getränke verteilte. Colonel Duncans Blick bohrte sich regelrecht in seinen Kopf, aber Kai sah seinen Vater nicht ein einziges Mal an - auch die anderen nicht, die er sogar heute schon angelächelt und gegrüßt hatte, so fröhlich, wie es für ihn eben typisch war. Jetzt war er plötzlich wie verschlossen. Isaac musste daran denken, wie er ihm gestern erzählt hatte, dass er mal eine stille, graue Maus gewesen sein sollte. Zu seinem Entsetzen konnte er es sich bei diesem Anblick plötzlich vorstellen.
      Kai kam zurück, schlüpfte hinter die Bar und wischte das soeben benutzte Tablett unnötigerweise ab. Dann schenkte er sich ein Glas Wasser ein. Seine Hand zitterte.
      "Fuck."
      Isaac, der sich noch immer nicht gerührt hatte, starrte ihn an. So langsam glaubte er, das Problem zu erkennen, zumindest oberflächlich. Das Problem war gute 1,80 m groß, saß ein paar Tische weiter und hatte angefangen, seine Zuhörer mit seinen Geschichten zu beehren. Manchmal sah er allerdings herüber und Isaac konnte seinen Blick förmlich spüren, wie ein Scheinwerfer, der durch den Raum flog, um sich auf Kai zu legen. Vor diesem Scheinwerfer schien sich Kai verstecken zu wollen.
      Isaac stieß sich von der Bar ab und kam darum herum hinter den Tresen. Er nahm Kai beim Handgelenk, bevor der wieder nach der Flasche greifen konnte, und schloss die Faust um Kais Hand, sodass auch er sie zur Faust ballen musste. Unter seinen Fingern spürte er Kais Muskeln zucken.
      "Kai. Kai. Entspann dich."
      Er starrte ihn kurz aufmerksam an, dann sah er sich um. Vermutlich durfte er gar nicht hier hinter der Bar sein, aber sicher konnte man mal eine Ausnahme machen. Da waren die Toiletten, die den Gang hinter waren, neben der Bar, aber vermutlich stank es dort schon. Hinter der Bar selbst war eine schmale Tür mit der Aufschrift "Nur für Personal". Isaac zog Kai dorthin, öffnete die Tür und trat mit Kai in den Gang dahinter. Auf der einen Seite ging es zur Hintertür und zum Lager, auf der anderen Seite glaubte er ein Büro zu erkennen und eine dicke Eisentür, die wohl der Kühlraum war. Isaac blieb mit Kai mitten im Gang stehen, der schmal genug war, um von ihnen beiden ausgefüllt zu werden. Dort musterte er Kai besorgt.
      "Was ist los? Sprich mit mir, Kai. Was ist mit dir?"
    • Ein große Hand packte ihn am Handgelenk. Kai wollte die Hand instinktiv zurückziehen, aber der Griff war stärker.
      Nein, nein, nicht schon wieder! Er hatte doch gar nichts gemacht! Er hatte doch-
      "Kai. Entspann dich."
      Kai sah auf und sah sich Isaac gegenüber, der ihn besorgt anstarrte.
      Bevor Kai irgendetwas sagen konnte schaute sich der Riese schnell um und zerrte ihn dann nach hinten in den Flur. Isaac sollte doch gar nicht hier sein, was machte der denn hinter der Bar? Hier hinten beim Büro. Frank würde das sicher nicht gefallen.
      "Was ist los? Sprich mit mir, Kai. Was ist mit dir?"
      Isaac füllte den ganzen schmalen Gang mit seinen Schultern aus.
      "Ich... nichts. Mir geht's gut." Er befreite sein Handgelenk aus dem Griff des Soldaten. "Mein Handgelenk zuckt rum, nichts weiter. Geh zurück zu deinen Freunden, ich komm schon klar."
      Wenn sein Vater rausfand, dass er sich vor ihm versteckte, dann gäbe es bestimmt Ärger...
    • Wenn es eines gab, was Isaac mit absoluter Bestimmtheit wusste, dann dass es Kai nicht gut ging. Dafür musste er ihn nicht einmal kennen, dafür reichte die Art, wie Kais Blick über Isaacs Schulter ging und wie eingesunken seine Haltung war. Er hatte schon lange genug Zeit mit seinesgleichen verbracht, um diese Zeichen leicht zu erkennen.
      Er hat PTSD.
      Nein, hatte er nicht. Wahrscheinlich. Vielleicht schon. In jedem Fall war Isaac kein Psychologe, um sowas zu erkennen, und mehr noch: Er hatte vielleicht gar kein Recht, es überhaupt zu hinterfragen. Kai war sein Freund, ja, aber das gab Isaac noch immer nicht das Recht, herumzustochern, bis er eine Antwort bekam. Er hatte selbst lange gebraucht, bis er Kai von seinem Wasserproblem erzählt hatte. Da hätte Stochern auch nicht geholfen.
      Das ist etwas anderes.
      Ja, aber das machte es nicht weniger wichtig.
      Isaac nickte.
      "Okay. Ich glaube dir das. Ich sag dir was."
      Er warf einen Blick auf eine alte Uhr, die beim Büro hang.
      "Wir bleiben jetzt noch hier hinten. Für - 30 Sekunden. Niemand wird dich in 30 Sekunden brauchen, wir bleiben einfach noch ein bisschen hier stehen. Wenn du mir etwas sagen möchtest, dann sagst du es mir und ich hör dir zu, solange es dauert. Und wenn du nichts sagen möchtest, dann gehe ich in 30 Sekunden wieder raus, zurück zu den anderen und trinke mein Bier. Und gehe dann wahrscheinlich Zuhause. Und freue mich trotzdem auf Samstag."
      Er lächelte knapp und nahm den Blick nicht von Kai.
      "Einverstanden?"
    • "Okay. Ich glaube dir das. Ich sag dir was. Wir bleiben jetzt noch hier hinten. Für - 30 Sekunden. Niemand wird dich in 30 Sekunden brauchen, wir bleiben einfach noch ein bisschen hier stehen. Wenn du mir etwas sagen möchtest, dann sagst du es mir und ich hör dir zu, solange es dauert. Und wenn du nichts sagen möchtest, dann gehe ich in 30 Sekunden wieder raus, zurück zu den anderen und trinke mein Bier. Und gehe dann wahrscheinlich Zuhause. Und freue mich trotzdem auf Samstag. Einverstanden?"
      Aber sein Vater würde bemerken, dass er dreißig Sekunden nicht da gewesen war, dass er seine Arbeit nicht richtig gemacht hatte, dass er ein Versager war, dem man Disziplin einhämmern musste.
      Kai nickte und lehnte sich gegen die Papierdünne Wand zwischen Flur und Büro. Er schloss die Augen, lehnte den Kopf an die Wand. Er kannte das doch. Was sein Therapeut gesagt? Durchatmen und die Gedanken einfach loslassen. Die Gegenwart wahrnehmen, nicht die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Sein Kopf konnte sich Dinge viel schlimmer vorstellen, als sie sein konnten.
      Kai atmete ein und strich mit den Händen über die Wand, konzentrierte sich auf das Gefühl von alter Tapete und dünnen Pressspahnplatten. Er lauschte dem Ticken der alten Uhr über der Tür zum Büro. Er atmete aus und ließ seine Gedanken ziehen.
      "Mein Vater hat schon vor langer Zeit aufgehört, mein Dad zu sein," murmelte er. "Hab ihn das letzte Mal vor drei Jahren gesehen und dabei hätte ich's auch gern belassen."
      Er machte einen Schritt von der Wand weg und auf Isaac zu - was in der Enge des Flurs so ziemlich das Gleiche war.
      "Kann ich..." er zögerte. "Ich könnt jetzt echt 'ne Umarmung von jemanden mit langen Armen gebrauchen."
    • Kai stimmte zu und sie verharrten in Schweigen. Kai lehnte sich gegen die Wand und schloss die Augen, Isaac blieb stehen wo er war, das Gewicht auf beide Beine verteilt. Er zählte die Sekunden, ohne wirklich darüber nachzudenken, und beobachtete Kai, wie er gar nichts tat. Es war einigermaßen still in dem Gang, die Geräusche der Bar nur ein Hintergrundrauschen. Es roch nach Holz, diversen Alkoholen und Rauch. Irgendwo, vermutlich im Büro, surrte ein Ventilator.
      Bei Sekunde 23 durchbrach Kai die Stille.
      "Mein Vater hat schon vor langer Zeit aufgehört, mein Dad zu sein. Hab ihn das letzte Mal vor drei Jahren gesehen und dabei hätte ich's auch gern belassen."
      Isaac nickte und sagte nichts. Er hätte gerne mehr gewusst, warum das Verhältnis so war, wie es war den Colonel als Vater zu haben, was vor drei Jahren geschehen war. Aber Kai hatte gesagt, was er vermutlich sagen wollte, und beließ es dabei bleiben.
      "Kann ich... Ich könnt jetzt echt 'ne Umarmung von jemanden mit langen Armen gebrauchen."
      Isaac schnaubte. Das hörte sich schon eher nach Kai an.
      "Ich bin jemand mit langen Armen. Das muss ein Zufall sein."
      Er streckte die Arme aus, was in dem Gang nicht sehr weit war, und schloss sie um Kai. Er zog den Mann sanft an sich und legte die Hände lose auf seinen Rücken. Kai war warm, erhitzt von der Bar, und seine Locken kitzelten Isaac überall, wo sie ihn auch nur streiften. Er roch nach einem Erdbeer-Shampoo, nach dem RB und entfernt auch nach Schweiß. Isaac war froh darum, den Schweiß riechen zu können. Er duftete selbst wahrscheinlich auch nicht unbedingt.
      Die Umarmung fühlte sich gut an. Er wusste gar nicht, warum sie das nicht schon früher getan hatten. Es fühlte sich zu einfach an, Kais Präsenz zu genießen und wie er gegen Isaacs Schulter atmete. Kurzzeitig legte er den Kopf auf Kais Scheitel ab.
      Er löste sich von ihm, sobald Kai sich zurückzog. Dabei lächelte er.
      "Besser?"
    • Kai ließ sich an Isaacs Brust ziehen und fühlte sich sofort wohler. Umgeben von so viel Muskel und Mann konnte er sich doch nur sicher fühlen. Er drückte sich an den anderen Mann, der ihn einfach nur festhielt, und ließ dieses Gefühl der Sicherheit über sich fallen wie eine warme Decke.
      Isaac war auf seiner Seite, stellte er fest. Er hatte die Wahl gehabt zwischen ihm und dem Colonel und er hatte ihn gewählt. Damit war die Welt doch gleich wieder ein bisschen besser.
      Kai schniefte kurz, als er sich wieder von Isaac löste, wischte sich schnell über die Augen. Er würde jetzt nicht losheulen. Nicht, wenn er gleich wieder seinem Vater unter die Augen treten musste.
      "Besser?" fragte Isaac und Kai nickte.
      "Besser."
      Er schob sich umständlich an Isaac vorbei in Richtung Tür.
      "Hör mal," meinte er, bevor er zurück an seinen Arbeitsplatz hinter der Bar kehrte. "Können wir für uns behalten, dass er mein Vater ist? Deine Freunde scheinen ziemlich auf ihn abzufahren und ich hab keine Lust, ständig über ihn reden zu müssen, wenn er wieder weg ist."
      Hoffentlich verschwand er wieder. Es gab keinen Grund für ihn, zu bleiben. Die nächste Air Base war zwei Städte entfernt und die war auch nur klein - nichts, wo sich ein hochdekorierter Colonel herumtreiben sollte.
      Kai kehrte an die Bar zurück und versuchte, sich nichts von seiner Panik anmerken zu lassen. Dank Isaac war das eine ganze Ecke leichter. Es war als hätte der Mann sie ihm einfach abgenommen und beiseite gelegt für später, wenn Kai den Freiraum hatte, zusammenzubrechen.
    • Kai löste sich und schniefte kurz. Isaac übersah absichtlich die Feuchte in seinen Augen, die ihm einen Stich in der Brust versetzte. Irgendwie mochte er Colonel Duncan gerade nicht besonders.
      "Hör mal, können wir für uns behalten, dass er mein Vater ist?", fragte Kai. "Deine Freunde scheinen ziemlich auf ihn abzufahren und ich hab keine Lust, ständig über ihn reden zu müssen, wenn er wieder weg ist."
      "Ja klar. Ich sag gar nichts."
      Das war das mindeste, was er tun konnte. Außerdem konnte er sich selber vorstellen, dass eine solche Publicity ziemlich anstrengend war. Immerhin wäre er der einzige der wusste, dass Kai dem Colonel nicht nahe war und damit auch keine Fragen beantworten wollte.
      Er nahm sich vor, das Geheimnis mit seinem Leben zu hüten und ging mit Kai wieder nach draußen. Kai schien jetzt nicht mehr so aufgeregt wie vorhin und damit fiel es Isaac leichter, ihn alleine zu lassen. Er lächelte, ging zurück an den Tisch und setzte sich an sein frisches Bier.
      Wenn der Colonel Kais Verschwinden bemerkt hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Er war gerade in eine Geschichte vertieft, die wohl von einer Frage der anderen hervorgerufen worden war und hielt dabei seine kleine Rede. Isaac betrachtete ihn, während er so sprach; seine Haltung war tadellos, sein Ausdruck stolz, die Zähne blitzten beim Sprechen weiß auf. Isaac war zwar nie sonderlich an der Air Force interessiert gewesen, aber natürlich kannte er den Colonel von den Nachrichten und von den ganzen Heldengeschichten, die man sich über den Mann erzählte. Er war ein Wunder und Amerikas größter Stolz; und außerdem Kais Vater, was man nicht ganz glauben würde, wenn man die beiden zusammen sähe. Wo Kai fröhlich und leichtfertig war, war der Colonel so steif wie ein richtiger Soldat. Die Haare hatte Kai definitiv nicht von ihm geerbt und die Augen auch nicht, wobei Isaac glaubte, eine gewisse Ähnlichkeit in der Nase zu entdecken. Auch egal. Kai war seinem Vater nicht nahe und so versuchte auch Isaac, nicht allzu sehr auf den Mann reinzufallen.
      Was ihm nach einer gewissen Zeit immer schwerer fiel.
      Denn so sehr er auch distanziert bleiben wollte, er merkte trotzdem, wie die Geschichten des Mannes ihn anzogen, wie er die Atmosphäre der Army geradezu schmecken konnte, während der Colonel sie erzählte, voller Ruhm und gewonnenen Auseinandersetzungen. Isaac wollte nicht zu sehr darüber nachdenken, aber er vermisste die Army, natürlich tat er das. Sein plötzlicher Abbruch hatte ihn schwer getroffen und mit der Zeit war es nicht leichter geworden, es war nur in den Hintergrund gerückt. Jetzt neben dem Colonel zu sitzen und zu hören, was sich in letzter Zeit alles tat, ohne selbst eingreifen zu können, war schwer zu ertragen. Sogar mehr noch als das, in einer anderen Welt hätte der Colonel ein Vorbild für ihn sein können, eine Rolle und Person, die er selbst erreichen und werden wollte. In einer anderen Welt hätte er sich zu ihm hocharbeiten wollen, sich beweisen wollen, und eines Tages, da hätte er dem Colonel als gleichrangig gegenüber treten können. Das war jetzt vorbei, für immer vorbei. Die Army konnte keine Krüppel gebrauchen und erst recht keine, die sich vor dem Regen fürchteten.
      Isaac sah in sein mittlerweile leeres Bierglas. Das war einfach kein Leben, das er jetzt noch verfolgen konnte.
      Dafür habe ich jetzt Kai.
      Hatte er. Und Kai hatte seinem Leben bereits eine Seite gezeigt, die er ohne womöglich vermisst hätte.
      Er stellte sein Bierglas in einer universellen Geste des Aufbrechens auf den Tisch.
      "Colonel, ich entschuldige mich. Schönen Abend wünsche ich."
      Den anderen nickte er beim Aufstehen zu. Es waren sowieso nicht mehr viele, denn alle, die sich vor dem Colonel fürchteten, waren bereits geflohen.
      Er ging auf dem Weg nach draußen bei der Bar vorbei und bezahlte.
      "Gute Nacht, Kai. Schreib mir, wenn du Zuhause bist."
      Dann ging er heim.