The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

    • Vater? Vater? Isaac konnte nur starren auf den Mann, der Kais Vater sein sollte. In seinem Inneren brodelten gemischte Gefühle, darunter Überraschung und Enttäuschung. Warum hatte Kai nie etwas von seinem Vater erzählt, der Colonel war? Kai hatte generell nichts über seinen Vater gesagt - er hatte seine Familie in Hawaii erwähnt und daher hatte Isaac angenommen, dass auch sein Vater da war. Warum hatte er es verschwiegen? Und warum war er plötzlich ganz anders drauf, wo sie doch ein normales Gespräch hatten?
      "Das ist Colonel Anthony Duncan von der fucking Air Force", sagte Jack gerade in einem Tonfall, als würde er über Gott sprechen.
      "Der Colonel Duncan?", fragte Kiera.
      "Höchstpersönlich!"
      Isaac konnte nicht beiden Gesprächen gleichzeitig zuhören. Er sah Jack an, der ein wildes Leuchten in den Augen hatte.
      "Ich hatte gehofft, auf seine Base zu kommen, habe sogar einen Antrag gestellt. Wurde abgelehnt. Aber jetzt ist er höchstpersönlich hier - ist das ein Wunder oder ein Wunder? Soll ich mich vorstellen gehen?"
      "Vorstellen? Du warst doch nichtmal Lieutenant, was soll er mit dir anfangen?", sagte jemand anderes.
      "Keine Ahnung. Irgendwas. Ich muss einfach."
      Isaac konzentrierte sich wieder auf Kai. Er sprach gerade davon, was er in Afrika getan hatte, aber seiner Erzählung fehlte jegliche Farbe und seine Stimme war gänzlich tonlos. Er war wie ausgewechselt. Was war nur mit ihm? Freute er sich nicht seinen Vater zu sehen? Ganz besonders, wenn es Colonel Duncan war?
      "Ich mach's."
      Jack schob den Stuhl zurück und stand auf. Kiera verbarg das Gesicht hinter der Hand.
      "Gott, ich will gar nicht hinsehen."
      "Wir müssen ein armer Haufen sein für den Colonel", sagte ein anderer. "Besser, wenn er uns nicht sieht."
      Kais Blick traf auf Isaac. Plötzlich hatte er das Gefühl, dem Mann zur Hilfe kommen zu müssen. Mehr noch, er hatte sogar das dringende Bedürfnis aufzustehen, nach vorne zu gehen und den Colonel der Bar zu verweisen. Konnte er das? War es überhaupt das, was Kai wollte? Aber in diesem verzweifelten Blick lag eine solche Intensität, dass Isaac schon halb aufgestanden war, als Jack die Bar erreichte.
      "Sir, Colonel, Sir!"
      Er machte einen zackigen Salut.
      "Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Sie hier anzutreffen, Sir! Mein Name ist Jack Burrow und..."
      Es folgte eine lange und detaillierte Liste an Stationen, auf denen er gedient hatte, unter welchen Captains und Lieutenants er gewesen war, wie sehr er Colonel Duncan schätzte und verehrte.
      "Darf ich Ihnen die Drinks des Abends spendieren, Sir?"
    • Der Colonel erwiderte den Salut nicht sofort. Er musterte den Mann erst einige Sekunden lang mit dieser unangenehmen Sorte Ruhe, die Menschen automatisch strammer stehen ließ. Schließlich nickte er knapp.
      "At ease, Soldat." Seine Stimme war tief, kontrolliert, ohne jede sichtbare Emotion. Der perfekte Soldat eben. "Sie schmeicheln mir, Mister Burrow. Aber Männer wie Sie schulden mir keine Drinks. Sie haben bereits gedient."
      Das klang nobel. Fast schon väterlich. Das war genau die Art Satz, die Art von Ton, wegen der andere diesen Mann bewunderten. Kai hätte im Strahl kotzen können.
      "Wenn Sie allerdings darauf bestehen, dann können Sie mir einen ausgeben." Sein Blick wanderte vielsagend zu Kai. "Bourbon. Pur."
      Ein Befehl, keine Bitte. Anthony Duncan bat um nichts. Und weil Kai hier arbeitete und sonst niemand da war, war er es, der sich stumm abwandte und seinem Vater einen Drink einschenkte. Er machte sich keine Hoffnungen auf Trinkgeld, nur darauf, dass sein Vater so schnell wie möglich wieder verschwand. Aber das konnte er sich abschminken, jetzt wo er einen Fan gefunden hatte. Jack tat Kai fast schon leid. Der würde sich jetzt einen ewig langen Vortrag über die Erfolge und Heldentaten des Colonel Duncans anhören müssen, angetrieben durch eine ordentliche Portion Narzissmus. Naja, wenigstens lag seine Aufmerksamkeit dann nicht auf Kai.
      Er stellte das Glas Bourbon vor seinem Vater auf den Tresen. Er gab sich Mühe, das Zittern seiner linken Hand dabei zu verbergen und direkten Blickkontakt zu meiden.
    • Unter dem indirekten Lob des Colones blähte Jack sich auf. Er genoss das Kompliment wie ein Verdurstender das Wasser.
      "Wenn Sie allerdings darauf bestehen, dann können Sie mir einen ausgeben."
      "Selbstverständlich, Sir!"
      Jack rutschte auf den Barhocker neben ihn, wie zwei dicke Kumpel. Jack und der Colonel. Wenn Isaac zuvor schon nichts hätte machen wollen, stand er jetzt umso schneller auf.
      Er kam an die Bar.
      "Verzeihung - Colonel, Sir."
      Die Augen des Mannes richteten sich auf Isaac und unter dem Blick nahm Isaac prompt Haltung an. Alte Gewohnheiten konnte man eben nicht leicht ablegen und der Blick des Colonel hatte genau dieselbe Autorität, die auch seine Gestalt bereits versprüht hatte.
      "Unser Freund wollte Ihnen sicher nicht zu nahe treten." Sein Blick schoss zu Kai und wieder zurück. Er legte die Hand auf Jacks Schulter. "Er wird Sie jetzt nicht mehr belästigen. Nicht wahr?"
      "Wieso setzen Sie sich nicht zu uns?", sagte Jack aufgeregt und deutete zu ihrem Stammtisch, wo die anderen gerade den Kopf einzogen, wie um sich zu schützen.
      "Es wäre uns eine unvorstellbare Ehre. Wir sind von den VAs, sehen Sie, Sir, und Sie sind uns ein großes Vorbild."
      Das konnte Isaac zwar nicht bestreiten, aber so ganz wohl fühlte er sich bei dem Gedanken nicht, den Colonel bei sich sitzen zu wissen. Nicht, nachdem Kai so auf ihn reagierte.
    • Es kostete Kai alles, was er an Willenskraft aufzubieten hatte, um nicht einfach schreiend davon zu rennen. Er hätte sich bestimmt irgendeine Ausrede einfallen lassen können, um kurz nach hinten zu verschwinden und einfach mal durchzuatmen. Neues Fass anzapfen, Eis holen. Irgendwas. Aber er konnte sich keine Lüge zurecht legen und gleichzeitig beschäftigt wirken und gleichzeitig nicht schreiend davon rennen.
      "Verzeihung - Colonel, Sir."
      Isaac? Isaac! Halt, stop, nein! Isaac sollte nicht mit seinem Vater sprechen. Der würde ihn doch nur um den Finger wickeln und dann würde er Kai kein Wort glauben, wenn er ihm erzählte, wieso er ihn nicht mochte. Oder vielleicht doch? Nein, sicher nicht. Soldaten mochten andere Soldaten, dazu wurden sie doch im wahrsten Sinne des Wortes ausgebildet. Nein, nein, nein, nein, nein!
      "Unser Freund wollte Ihnen sicher nicht zu nahe treten. Er wird Sie jetzt nicht mehr belästigen. Nicht wahr?"
      Kai begegnete Isaacs Blick, so kurz der auch war. Kam er ihm etwa doch zur Hilfe?
      "Wieso setzen Sie sich nicht zu uns? Es wäre uns eine unvorstellbare Ehre. Wir sind von den VAs, sehen Sie, Sir, und Sie sind uns ein großes Vorbild."
      Ja, geh weg, alter Mann. Warte... Nein! Nicht zu denen! Nicht zu Isaac!
      Kai senkte den blick sofort wieder angestrengt auf das Glas, das er gerade spülte, als sich die Aufmerksamkeit seines Vaters wieder auf ihn richtete.
      "Warum nicht?" antwortete der Colonel schließlich. "Barkeep: nochmal eins von allem, was die Herrschaften gerade trinken."
      "Kommt sofort, Sir."
      Kai war froh, einen Grund zu haben, sich abzuwenden. Aber er hasste die Tatsache, dass sich sein Vater jetzt bei seiner Stammkundschaft einschleimte. Bestenfalls würde sich Kai in den kommenden Wochen anhören müssen, wie toll der Colonel doch war. Schlimmstenfalls kam raus, dass Kai sein Sohn war und dann würden diese Soldaten Kai ständig nach seinem Vater fragen.
      Er verfehlte die Bierflasche dreimal mit dem Flaschenöffner, bevor er aufgab und seine zitternde linke Hand massierte. Sein Handgelenk tat weh.
      Der Colonel war in der Zwischenzeit Gott sei Dank zu dem Tisch der Soldaten gewandert. Glück im Unglück oder sowas.
    • Der Colonel stimmte zu und Jacks Gesicht leuchtete regelrecht. Er schien wie ausgewechselt, ein gänzlich anderer Mann, als er aufstand und auf dem Weg hinüber den Colonel mit seinen Diensten vollquatschte. Isaac erhaschte einen Blick auf die anderen, deren Gesichter teilweise Entsetzen und teilweise Freude ausdrückten, den Colonel zu sich zukommen zu sehen. Einer stand sogar auf und verabschiedete sich hastig, humpelte zur Bar, legte Kai einen passenden Geldschein auf den Tresen und verschwand dann nach draußen.
      Isaac blieb bei Kai zurück, der sich hastig daran machte, die neuen Gläser zu füllen. Er wartete darauf, dass sie alleine an der Bar waren, dann lehnte er sich hinüber, um nicht zu laut reden zu müssen.
      "Das ist dein Dad? Mensch, Kai, wieso hast du mir das denn nicht erzählt? Das ist ja Wahnsinn."
      Er warf einen verstohlenen Blick hinüber, wo der Colonel eine Vorstellungsrunde über sich ergehen ließ.
      "Ist er zu Besuch hier? Oder auf Durchreise?"
    • Kai zwang sich dazu, tief durchzuatmen, dann griff er wieder nach der Bierflasche und öffnete sie. Je schneller er sich wieder hinter dem Tresen verstecken konnte, desto besser, dachte er sich.
      "Das ist dein Dad?" fragte Isaac, der zurückgeblieben war. "Mensch, Kai, wieso hast du mir das denn nicht erzählt? Das ist ja Wahnsinn."
      Er hatte Isaac schon an der Angel? Indem er einfach nur hier saß? Verdammt...
      "Ist er zu Besuch hier? Oder auf Durchreise?"
      "Keine Ahnung," entgegnete Kai kurz angebunden. "Ist mir auch egal."
      War es nicht. Er hoffte inständig, dass sein Vater nur kurz hier war, um ihm Angst einzujagen, und dann gleich wieder verschwand. Nach Alaska oder so. Oder gleich ins Ausland, wo Kai ihn nie wiedersehen musste.
      Kai parkte alle Getränke auf einem Tablett und hieve es auf seine rechte Hand. Seiner linken vertraute er nicht. Er eilte zum Soldaten-Tisch und servierte jedem den gewünschten Drink, ohne dabei mit irgendwem Augenkontakt aufzunehmen. Insbesondere nicht mit seinem Vater. Mit dem Tablett under dem Arm, huschte er dann schnell zurück hinter die Bar, wo er sich damit beschäftigte, irgendetwas zu tun, damit er auch ja nicht aussah, als ob er nichts tat, oder gar seinen Vater beobachtete.
      Als er sich ein Glas Wasser einschenkte, zitterte seine Hand so sehr, dass er das Glas abstellen musste, um es nicht fallen zu lassen.
      "Fuck," zischte er leise.
      Wäre er schnell genug, um sich im Kühlraum zu verstecken und eine Panikattacke zu haben und das Ganze als einfache Pinkelpause zu verkaufen?
    • "Keine Ahnung. Ist mir auch egal."
      Isaac wartete darauf, dass noch mehr kam. Eine Erklärung, wieso sein Vater plötzlich hier aufgetaucht war, wieso Kai Isaac noch nie etwas von ihm erzählt hatte, wieso er jetzt ganz anders war. Isaac sah dabei zu, wie die Flasche in Kais Hand wackelte, wie es ganz untypisch für ihn war.
      Aber es kam nichts. Keine weitere Erklärung. Kai hob das Tablett hoch, manövrierte sich hinter der Bar hervor und ging mit zielstrebigen Schritten an Isaac vorbei. Ohne ihn anzusehen. Verblüfft blieb Isaac an Ort und Stelle stehen und beobachtete, wie Kai die Getränke verteilte. Colonel Duncans Blick bohrte sich regelrecht in seinen Kopf, aber Kai sah seinen Vater nicht ein einziges Mal an - auch die anderen nicht, die er sogar heute schon angelächelt und gegrüßt hatte, so fröhlich, wie es für ihn eben typisch war. Jetzt war er plötzlich wie verschlossen. Isaac musste daran denken, wie er ihm gestern erzählt hatte, dass er mal eine stille, graue Maus gewesen sein sollte. Zu seinem Entsetzen konnte er es sich bei diesem Anblick plötzlich vorstellen.
      Kai kam zurück, schlüpfte hinter die Bar und wischte das soeben benutzte Tablett unnötigerweise ab. Dann schenkte er sich ein Glas Wasser ein. Seine Hand zitterte.
      "Fuck."
      Isaac, der sich noch immer nicht gerührt hatte, starrte ihn an. So langsam glaubte er, das Problem zu erkennen, zumindest oberflächlich. Das Problem war gute 1,80 m groß, saß ein paar Tische weiter und hatte angefangen, seine Zuhörer mit seinen Geschichten zu beehren. Manchmal sah er allerdings herüber und Isaac konnte seinen Blick förmlich spüren, wie ein Scheinwerfer, der durch den Raum flog, um sich auf Kai zu legen. Vor diesem Scheinwerfer schien sich Kai verstecken zu wollen.
      Isaac stieß sich von der Bar ab und kam darum herum hinter den Tresen. Er nahm Kai beim Handgelenk, bevor der wieder nach der Flasche greifen konnte, und schloss die Faust um Kais Hand, sodass auch er sie zur Faust ballen musste. Unter seinen Fingern spürte er Kais Muskeln zucken.
      "Kai. Kai. Entspann dich."
      Er starrte ihn kurz aufmerksam an, dann sah er sich um. Vermutlich durfte er gar nicht hier hinter der Bar sein, aber sicher konnte man mal eine Ausnahme machen. Da waren die Toiletten, die den Gang hinter waren, neben der Bar, aber vermutlich stank es dort schon. Hinter der Bar selbst war eine schmale Tür mit der Aufschrift "Nur für Personal". Isaac zog Kai dorthin, öffnete die Tür und trat mit Kai in den Gang dahinter. Auf der einen Seite ging es zur Hintertür und zum Lager, auf der anderen Seite glaubte er ein Büro zu erkennen und eine dicke Eisentür, die wohl der Kühlraum war. Isaac blieb mit Kai mitten im Gang stehen, der schmal genug war, um von ihnen beiden ausgefüllt zu werden. Dort musterte er Kai besorgt.
      "Was ist los? Sprich mit mir, Kai. Was ist mit dir?"
    • Ein große Hand packte ihn am Handgelenk. Kai wollte die Hand instinktiv zurückziehen, aber der Griff war stärker.
      Nein, nein, nicht schon wieder! Er hatte doch gar nichts gemacht! Er hatte doch-
      "Kai. Entspann dich."
      Kai sah auf und sah sich Isaac gegenüber, der ihn besorgt anstarrte.
      Bevor Kai irgendetwas sagen konnte schaute sich der Riese schnell um und zerrte ihn dann nach hinten in den Flur. Isaac sollte doch gar nicht hier sein, was machte der denn hinter der Bar? Hier hinten beim Büro. Frank würde das sicher nicht gefallen.
      "Was ist los? Sprich mit mir, Kai. Was ist mit dir?"
      Isaac füllte den ganzen schmalen Gang mit seinen Schultern aus.
      "Ich... nichts. Mir geht's gut." Er befreite sein Handgelenk aus dem Griff des Soldaten. "Mein Handgelenk zuckt rum, nichts weiter. Geh zurück zu deinen Freunden, ich komm schon klar."
      Wenn sein Vater rausfand, dass er sich vor ihm versteckte, dann gäbe es bestimmt Ärger...
    • Wenn es eines gab, was Isaac mit absoluter Bestimmtheit wusste, dann dass es Kai nicht gut ging. Dafür musste er ihn nicht einmal kennen, dafür reichte die Art, wie Kais Blick über Isaacs Schulter ging und wie eingesunken seine Haltung war. Er hatte schon lange genug Zeit mit seinesgleichen verbracht, um diese Zeichen leicht zu erkennen.
      Er hat PTSD.
      Nein, hatte er nicht. Wahrscheinlich. Vielleicht schon. In jedem Fall war Isaac kein Psychologe, um sowas zu erkennen, und mehr noch: Er hatte vielleicht gar kein Recht, es überhaupt zu hinterfragen. Kai war sein Freund, ja, aber das gab Isaac noch immer nicht das Recht, herumzustochern, bis er eine Antwort bekam. Er hatte selbst lange gebraucht, bis er Kai von seinem Wasserproblem erzählt hatte. Da hätte Stochern auch nicht geholfen.
      Das ist etwas anderes.
      Ja, aber das machte es nicht weniger wichtig.
      Isaac nickte.
      "Okay. Ich glaube dir das. Ich sag dir was."
      Er warf einen Blick auf eine alte Uhr, die beim Büro hang.
      "Wir bleiben jetzt noch hier hinten. Für - 30 Sekunden. Niemand wird dich in 30 Sekunden brauchen, wir bleiben einfach noch ein bisschen hier stehen. Wenn du mir etwas sagen möchtest, dann sagst du es mir und ich hör dir zu, solange es dauert. Und wenn du nichts sagen möchtest, dann gehe ich in 30 Sekunden wieder raus, zurück zu den anderen und trinke mein Bier. Und gehe dann wahrscheinlich Zuhause. Und freue mich trotzdem auf Samstag."
      Er lächelte knapp und nahm den Blick nicht von Kai.
      "Einverstanden?"
    • "Okay. Ich glaube dir das. Ich sag dir was. Wir bleiben jetzt noch hier hinten. Für - 30 Sekunden. Niemand wird dich in 30 Sekunden brauchen, wir bleiben einfach noch ein bisschen hier stehen. Wenn du mir etwas sagen möchtest, dann sagst du es mir und ich hör dir zu, solange es dauert. Und wenn du nichts sagen möchtest, dann gehe ich in 30 Sekunden wieder raus, zurück zu den anderen und trinke mein Bier. Und gehe dann wahrscheinlich Zuhause. Und freue mich trotzdem auf Samstag. Einverstanden?"
      Aber sein Vater würde bemerken, dass er dreißig Sekunden nicht da gewesen war, dass er seine Arbeit nicht richtig gemacht hatte, dass er ein Versager war, dem man Disziplin einhämmern musste.
      Kai nickte und lehnte sich gegen die Papierdünne Wand zwischen Flur und Büro. Er schloss die Augen, lehnte den Kopf an die Wand. Er kannte das doch. Was sein Therapeut gesagt? Durchatmen und die Gedanken einfach loslassen. Die Gegenwart wahrnehmen, nicht die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Sein Kopf konnte sich Dinge viel schlimmer vorstellen, als sie sein konnten.
      Kai atmete ein und strich mit den Händen über die Wand, konzentrierte sich auf das Gefühl von alter Tapete und dünnen Pressspahnplatten. Er lauschte dem Ticken der alten Uhr über der Tür zum Büro. Er atmete aus und ließ seine Gedanken ziehen.
      "Mein Vater hat schon vor langer Zeit aufgehört, mein Dad zu sein," murmelte er. "Hab ihn das letzte Mal vor drei Jahren gesehen und dabei hätte ich's auch gern belassen."
      Er machte einen Schritt von der Wand weg und auf Isaac zu - was in der Enge des Flurs so ziemlich das Gleiche war.
      "Kann ich..." er zögerte. "Ich könnt jetzt echt 'ne Umarmung von jemanden mit langen Armen gebrauchen."
    • Kai stimmte zu und sie verharrten in Schweigen. Kai lehnte sich gegen die Wand und schloss die Augen, Isaac blieb stehen wo er war, das Gewicht auf beide Beine verteilt. Er zählte die Sekunden, ohne wirklich darüber nachzudenken, und beobachtete Kai, wie er gar nichts tat. Es war einigermaßen still in dem Gang, die Geräusche der Bar nur ein Hintergrundrauschen. Es roch nach Holz, diversen Alkoholen und Rauch. Irgendwo, vermutlich im Büro, surrte ein Ventilator.
      Bei Sekunde 23 durchbrach Kai die Stille.
      "Mein Vater hat schon vor langer Zeit aufgehört, mein Dad zu sein. Hab ihn das letzte Mal vor drei Jahren gesehen und dabei hätte ich's auch gern belassen."
      Isaac nickte und sagte nichts. Er hätte gerne mehr gewusst, warum das Verhältnis so war, wie es war den Colonel als Vater zu haben, was vor drei Jahren geschehen war. Aber Kai hatte gesagt, was er vermutlich sagen wollte, und beließ es dabei bleiben.
      "Kann ich... Ich könnt jetzt echt 'ne Umarmung von jemanden mit langen Armen gebrauchen."
      Isaac schnaubte. Das hörte sich schon eher nach Kai an.
      "Ich bin jemand mit langen Armen. Das muss ein Zufall sein."
      Er streckte die Arme aus, was in dem Gang nicht sehr weit war, und schloss sie um Kai. Er zog den Mann sanft an sich und legte die Hände lose auf seinen Rücken. Kai war warm, erhitzt von der Bar, und seine Locken kitzelten Isaac überall, wo sie ihn auch nur streiften. Er roch nach einem Erdbeer-Shampoo, nach dem RB und entfernt auch nach Schweiß. Isaac war froh darum, den Schweiß riechen zu können. Er duftete selbst wahrscheinlich auch nicht unbedingt.
      Die Umarmung fühlte sich gut an. Er wusste gar nicht, warum sie das nicht schon früher getan hatten. Es fühlte sich zu einfach an, Kais Präsenz zu genießen und wie er gegen Isaacs Schulter atmete. Kurzzeitig legte er den Kopf auf Kais Scheitel ab.
      Er löste sich von ihm, sobald Kai sich zurückzog. Dabei lächelte er.
      "Besser?"
    • Kai ließ sich an Isaacs Brust ziehen und fühlte sich sofort wohler. Umgeben von so viel Muskel und Mann konnte er sich doch nur sicher fühlen. Er drückte sich an den anderen Mann, der ihn einfach nur festhielt, und ließ dieses Gefühl der Sicherheit über sich fallen wie eine warme Decke.
      Isaac war auf seiner Seite, stellte er fest. Er hatte die Wahl gehabt zwischen ihm und dem Colonel und er hatte ihn gewählt. Damit war die Welt doch gleich wieder ein bisschen besser.
      Kai schniefte kurz, als er sich wieder von Isaac löste, wischte sich schnell über die Augen. Er würde jetzt nicht losheulen. Nicht, wenn er gleich wieder seinem Vater unter die Augen treten musste.
      "Besser?" fragte Isaac und Kai nickte.
      "Besser."
      Er schob sich umständlich an Isaac vorbei in Richtung Tür.
      "Hör mal," meinte er, bevor er zurück an seinen Arbeitsplatz hinter der Bar kehrte. "Können wir für uns behalten, dass er mein Vater ist? Deine Freunde scheinen ziemlich auf ihn abzufahren und ich hab keine Lust, ständig über ihn reden zu müssen, wenn er wieder weg ist."
      Hoffentlich verschwand er wieder. Es gab keinen Grund für ihn, zu bleiben. Die nächste Air Base war zwei Städte entfernt und die war auch nur klein - nichts, wo sich ein hochdekorierter Colonel herumtreiben sollte.
      Kai kehrte an die Bar zurück und versuchte, sich nichts von seiner Panik anmerken zu lassen. Dank Isaac war das eine ganze Ecke leichter. Es war als hätte der Mann sie ihm einfach abgenommen und beiseite gelegt für später, wenn Kai den Freiraum hatte, zusammenzubrechen.
    • Kai löste sich und schniefte kurz. Isaac übersah absichtlich die Feuchte in seinen Augen, die ihm einen Stich in der Brust versetzte. Irgendwie mochte er Colonel Duncan gerade nicht besonders.
      "Hör mal, können wir für uns behalten, dass er mein Vater ist?", fragte Kai. "Deine Freunde scheinen ziemlich auf ihn abzufahren und ich hab keine Lust, ständig über ihn reden zu müssen, wenn er wieder weg ist."
      "Ja klar. Ich sag gar nichts."
      Das war das mindeste, was er tun konnte. Außerdem konnte er sich selber vorstellen, dass eine solche Publicity ziemlich anstrengend war. Immerhin wäre er der einzige der wusste, dass Kai dem Colonel nicht nahe war und damit auch keine Fragen beantworten wollte.
      Er nahm sich vor, das Geheimnis mit seinem Leben zu hüten und ging mit Kai wieder nach draußen. Kai schien jetzt nicht mehr so aufgeregt wie vorhin und damit fiel es Isaac leichter, ihn alleine zu lassen. Er lächelte, ging zurück an den Tisch und setzte sich an sein frisches Bier.
      Wenn der Colonel Kais Verschwinden bemerkt hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Er war gerade in eine Geschichte vertieft, die wohl von einer Frage der anderen hervorgerufen worden war und hielt dabei seine kleine Rede. Isaac betrachtete ihn, während er so sprach; seine Haltung war tadellos, sein Ausdruck stolz, die Zähne blitzten beim Sprechen weiß auf. Isaac war zwar nie sonderlich an der Air Force interessiert gewesen, aber natürlich kannte er den Colonel von den Nachrichten und von den ganzen Heldengeschichten, die man sich über den Mann erzählte. Er war ein Wunder und Amerikas größter Stolz; und außerdem Kais Vater, was man nicht ganz glauben würde, wenn man die beiden zusammen sähe. Wo Kai fröhlich und leichtfertig war, war der Colonel so steif wie ein richtiger Soldat. Die Haare hatte Kai definitiv nicht von ihm geerbt und die Augen auch nicht, wobei Isaac glaubte, eine gewisse Ähnlichkeit in der Nase zu entdecken. Auch egal. Kai war seinem Vater nicht nahe und so versuchte auch Isaac, nicht allzu sehr auf den Mann reinzufallen.
      Was ihm nach einer gewissen Zeit immer schwerer fiel.
      Denn so sehr er auch distanziert bleiben wollte, er merkte trotzdem, wie die Geschichten des Mannes ihn anzogen, wie er die Atmosphäre der Army geradezu schmecken konnte, während der Colonel sie erzählte, voller Ruhm und gewonnenen Auseinandersetzungen. Isaac wollte nicht zu sehr darüber nachdenken, aber er vermisste die Army, natürlich tat er das. Sein plötzlicher Abbruch hatte ihn schwer getroffen und mit der Zeit war es nicht leichter geworden, es war nur in den Hintergrund gerückt. Jetzt neben dem Colonel zu sitzen und zu hören, was sich in letzter Zeit alles tat, ohne selbst eingreifen zu können, war schwer zu ertragen. Sogar mehr noch als das, in einer anderen Welt hätte der Colonel ein Vorbild für ihn sein können, eine Rolle und Person, die er selbst erreichen und werden wollte. In einer anderen Welt hätte er sich zu ihm hocharbeiten wollen, sich beweisen wollen, und eines Tages, da hätte er dem Colonel als gleichrangig gegenüber treten können. Das war jetzt vorbei, für immer vorbei. Die Army konnte keine Krüppel gebrauchen und erst recht keine, die sich vor dem Regen fürchteten.
      Isaac sah in sein mittlerweile leeres Bierglas. Das war einfach kein Leben, das er jetzt noch verfolgen konnte.
      Dafür habe ich jetzt Kai.
      Hatte er. Und Kai hatte seinem Leben bereits eine Seite gezeigt, die er ohne womöglich vermisst hätte.
      Er stellte sein Bierglas in einer universellen Geste des Aufbrechens auf den Tisch.
      "Colonel, ich entschuldige mich. Schönen Abend wünsche ich."
      Den anderen nickte er beim Aufstehen zu. Es waren sowieso nicht mehr viele, denn alle, die sich vor dem Colonel fürchteten, waren bereits geflohen.
      Er ging auf dem Weg nach draußen bei der Bar vorbei und bezahlte.
      "Gute Nacht, Kai. Schreib mir, wenn du Zuhause bist."
      Dann ging er heim.
    • Wie jedes Mal, wenn Kais Vater anwesend war, fühlte sich Kai, als könnte jeder Atemzug ein Fehltritt sein. Er konzentrierte sich angestrengt darauf, die Bar auf Hochglanz zu polieren, während sich die Soldaten darum stritten, wer dem Colonel zuerst die Schuhe ablecken durfte.
      Die Unterhaltung mit Isaac hatte zwar geholfen, konnte gegen jahrelange Konditionierung aber nicht viel ausrichten. Immer wieder huschte Kais Blick rüber zu dem Tisch, um jeden leeren Drink zu bemerken und entweder aufzufüllen oder wegzuräumen. Nur eine Sekunde Verzögerung könnte schon die Kritik des Colonels erregen. Kais einziger Lichtblick war, dass sie nicht allein waren und sein Vater demnach ausschließlich Worte benutzen würde.
      "Colonel, ich entschuldige mich. Schönen Abend wünsche ich."
      Kai sah auf, vielleicht ein bisschen zu schnell, als er Isaac das sagen hörte. Er wollte gehen? Jetzt? Aber der Colonel war doch noch da!
      "Gute Nacht, Kai. Schreib mir, wenn du Zuhause bist."
      Kai zwang sich zu einem kleinen Lächeln und nickte. "Bis dann," presste er aus sich heraus.
      Als die Tür hinter Isaac zufiel, schien der Raum dunkler und kälter zu werden. Kai schluckte. Er musste sich aktiv daran erinnern, dass er nicht allein mit dem Colonel war. Noch nicht.

      Nicht ganz zwei Stunden später änderte sich das. Die Soldaten verschwanden nach und nach, bis sich auch der letzte, Jack, verabschiedete und auf den Heimweg machte. Er betonte noch einmal, was für eine Ehre es gewesen sei, den Colonel getroffen zu haben.
      Kai verstekcte da Zittern seiner Hand so gut er konnte, als er Jack sein Wechselgeld gab und sich mit vollem Customer Service Gesicht bei ihm verabschiedete.
      Sobald die Tür zugefallen war, ließ er die Maske fallen. Sein Vater setzte sich zu ihm an die Bar. Um diese Uhrzeit war nie viel los, weswegen Kai sich normalerweise damit beschäftigte, aufzuräumen, damit er nicht länger machen musste. In einer Stunde würde die Bar ja sowieso schließen. Ob er seinem Vater verkaufen konnte, dass Zapfenstreich war? Vielleicht, aber das würde ihn auch nicht weiterbringen. Der Mann würde einfach darauf bestehen, Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Scheiße.
      Kai klammerte sich an die Hoffnung, dass er vielleicht doch ohne größere Probleme aus dieser Sache herauskam, und machte sich an seine Routine. Als erstes schnappte er sich einen Lappen und warf sich ein Handtuch über die Schulter, schlenderte zu dem Tisch, an dem die Soldaten bis eben noch gesesen hatten, und wischte ganz brav ab. Dann stapelte er die benutzten Gläser in die Spülmaschine. Er machte alles, was man eben so machte, wenn man eine Bar aufräumte, um sie zu schließen. Und während all der Zeit beobachtete ihn sein Vater einfach nur. Kai sträubten sich die Nackenhaare auf. Er wartete darauf, dass der Colonel irgendetwas sagte, irgendetwas machte, aber nichts passierte. Gar nichts.
      Schließlich war es Kai, der aufgab.
      "Warum bis du hier?" fragte er.
      "Das habe ich doch schon gesagt: Ich wollte sehen, was mein Sohn dieser Tage so macht."
      "Jetzt hast du's ja gesehen. Also kannst du auch wieder gehen und mich in Ruhe lassen."
      Der Colonel schmunzelte.
      "Deine Zunge ist so scharf wie eh und je, wie ich sehe."
      Den Vortrag hatte Kai schon gehört. Mehrfach. Sein Vater bereute es, ihn mit seiner Mutter hatte gehen zu lassen. Er war der Meinung, dass seine Familie ihn auf der Insel verzogen hätte. Dabei hatten sie bloß dafür gesorgt, dass Kai sich sicher fühlte. Dass er herausfinden konnte, wer er wirklich war.
      Und ja, sein Vater hielt ihm diesen Vortrag heute auch wieder. Kai hörte gar nicht zu. Jedes Gegenargument war hier verschwendeter Atem. Stattdessen beschäftigte er sich damit, die Kasse zu schließen.
      "Wen von denen fickst du, hm?"
      Kai hätte beinahe die Geldkassette fallen lassen.
      "Bitte was?"
      "Oh bitte, spiel nicht den Ahnungslosen. Du hast so oft hilfesuchend zu uns rübergeschaut - und ich weiß, dass du damit nicht mich gemeint hast. Also: mit wem von denen steigst du ins Bett."
      Kai konnte seinen Vater nur offen anstarrten. War das gerade sein Ernst?!
      "Niemanden."
      "Ah. Also wirst du von einem gefickt. Macht Sinn. Selbst dafür bist du nicht Mann genug."
      "Ich wüsste nicht, was dich mein Sexleben angehen sollte. Selbst wenn wir gut aufeinander zu sprechen wären."
      "Und wessen Fehler ist das, hm? Ich habe immer dafür gesorgt, dass du alles hast, was du brauchst. Du bist derjenige, der weggerannt ist. Das ist alles was du kannst. Wegrennen. Dich hinter jemand anderem verstecken."
      Hinter der Bar ballte Kai die Hände zu Fäusten. Er biss sich auf die Zunge. Wenn er nur lange genug Ruhe gab, dann würde sein Vater schon von allein verschwinden. Das tat er immer.
      "Ich wette es ist der Kerl mit der Handprothese. Schade. Der sah aus und hat sich verhalten wie ein richtiger Soldat. Marine... für die kann ich ein bisschen Respekt erübrigen. Für richtige Marines, jedenfalls. Wusste gar nicht, dass die Schwuchteln in ihren kleinen Club lassen."
      Kai schmeckte Blut. Lass ihn einfach reden, sagte er sich.
      "Wie funktioniert das eigentlich, mit so einer Hand?"
      "Raus."
      Der Colonel hob eine Augenbraue.
      "Du hast mich gehört. Raus. Du hast hier Hausverbot."
      Der Colonel lachte. Lachte.
      "Ist das dein kläglicher Versucht, mir weiszumachen, dass dir ein paar Eier gewachsen sind?" fragte er.
      "Das bin ich, mit dem Hausrecht, der dir sagt, dich zu verpissen und deine vorsintflutliche Einstellung mitzunehmen. Dafür, dass du so homophob bist, hast du ein überraschend großes Interesse daran, was in einem schwulen Schlafzimmer abgeht. Ist dir das schonmal aufgefallen?"
      Der Colonel stand auf und war mit zwei großen Schritten bei Kai hinter der Bar.
      "Pass auf, was du sagst, du kleiner Scheißer," zischte der Colonel.
      Er packte Kai am Handgelenk - am linken - und drückte zu. Kai biss die Zähne zusammen und gab sich Mühe, so wenig wie möglich zu reagieren. Er versuchte, den Schmerz zu ignorieren, der seinen ganzen Arm hinauf schoss. Er versuchte, die Erinnerungen zu ignorieren, die sich ihren Weg an die Oberfläche suchten.
      "Du weißt, was das letzte Mal passiert ist, als du der Meinung warst, mir widersprechen zu müssen. Oder muss ich dich noch einmal daran erinnern?"
      Der Griff wurde fester.
      "Nein," hauchte Kai.
      "Wie bitte?"
      "Nein, Sir."
      Der Colonel ließ Kais Hand los. Nur um ihn ihm Nacken zu packen und an sich zu ziehen.
      "Ich bin noch ein paar Tage in der Stadt," raunte der Colonel ihm ins Ohr. "Wir sollten essen gehen. Reden. In drei Jahren kann viel passieren."
      Er ließ Kai los, lächelte, dann verschwand er.
      Und Kai sackte zitternd zu Boden, um sich die Seele aus dem Leib zu heulen.

      Kai meldete sich für den folgenden Tag krank. Sowohl im Center, als auch im Rula Bula. Er hatte, nachdem er es endlich vom Boden der Bar geschafft hatte, seine Sachen geschnappt und war nach Hause geeilt. Dabei hatte er immer wieder über die Schultern gesehen, um sicherzugehen, dass der Colonel ihm nicht folgte. Er hatte Isaac geschrieben, während er mit zitternden Fingern versucht hatte, seinen Schlüssel aus seiner Tasche zu ziehen. Und dann hatte er sich in seinem Bett unter drei Decken zusammengerollt und einfach nichts getan. Er hatte nicht einmal geschlafen. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, waren da die Bilder von früher. Und die wollte er nicht sehen.
      Irgendwann war er aufgestanden, um sich zu erleichtern und sich seine Schiene für das Handgelenk zu holen. Er legte sie an, dann kletterte er zurück in sein Bett-Nest.
    • Am Morgen ging Isaac zum ersten Mal mit Jack laufen.
      Mit ihm waren drei andere aus der Army, die Isaac nicht kannte; eine Frau, deren Hals mit einer hässlichen Verbrennung verunstaltet war, die sich wohl auch über ihren Körper zog; ein Mann, der Isaac anlächelte und dabei mit seiner linken Gesichtshälfte zuckte, und ein weiterer Mann, dessen Blick irgendwie an Isaac vorbei ging. Allesamt Veteranen, allesamt vom Dienst gezeichnet und unfähig, dazu zurückzukehren. Isaac fühlte sich mit seiner Hand fast wie ein Hochstapler, wenn er so beobachtete, wie der Mann mit dem Gesicht zuckte. Fairerweise war die Hand auch nicht sein einziges Problem und womöglich auch nicht dasjenige, das ihm den Wiedereintritt ins Militär versaute.
      Jack wünschte ihm einen wunderschönen Morgen, ein fettes Grinsen im Gesicht.
      “Isaac mein Mann, du hast es geschafft. Bist ja gestern ganz schön früh abgehauen, du hast alles verpasst. Der Colonel hat noch geredet, es war der Wahnsinn.”
      “Ja, ich wollte ausgeschlafen sein”, sagte Isaac mit einem feinen Lächeln und gab ihm die Hand. Jack schlug ein. “Wie lange bist du denn noch geblieben?”
      “Bis es nicht mehr ging natürlich! Ich wäre auch noch viel länger geblieben, wenn wir heute nicht zum Laufen verabredet gewesen wären, aber ich habe gesagt “Nein, Colonel, Sir, ich kann meine Jungs nicht im Stich lassen, ich muss jetzt einfach schlafen gehen” und das fand er gut, das fand er richtig gut, das mit dem Jungs und alles. Dass ich Verantwortung übernehm. Wir wollen ja alle nicht versauern hier, stimmt’s?”
      “Das tun wir noch, wenn du so weiterquatscht, Jack”, sagte die Frau gutmütig, die sich in der Zwischenzeit bereits aufgewärmt hatte. Ihre Arme stachen muskulös hervor.
      “Ja sicher, sicher. Gehen wir, laufen wir ein Ründchen. Damit wir Colonel Duncan stolz machen!”
      Isaac sagte nichts dagegen, ließ Jack einfach machen. Er wusste, dass er der einzige war, der gegen den Colonel etwas einzuwenden hatte, weil Kai mit ihm - mit seinem Vater - nicht gut stand und das Bild einfach nicht passte. Sollte Colonel Duncan nicht ein Traumbild von einem Vater sein, eine Vorbildsfigur, wie sie im Buche stand? Wieso war er es dann für Kai nicht? Das machte einfach keinen Sinn und wenn Isaac wählen musste zwischen dem Bild, was die Öffentlichkeit von dem Colonel hatte und Kais Bild, dann würde er Kais wählen, jederzeit. Allein weil er der beste Freund war, den Isaac sich vorstellen konnte.
      Sie liefen los, in Zweierreihen, Jack vorneweg. Es war ein bisschen merkwürdig, ganz ohne Uniform, ganz ohne jemanden, der den Takt angab, aber Jack gab ein angemessenes Tempo vor und sie verfielen ganz von selbst in Gleichschritt, ein jahrelanges Training, das jetzt Überhand nahm. Locker liefen sie durch die noch schlafende Stadt.
      Am Park mit den zwanzig Liegestützen schwächelte Isaac bereits, nachdem seine Hand bei dem Gewicht unangenehm ziepte, aber er kämpfte sich durch und freute sich darüber, wie gut es sich anfühlte. Sein Körper schrie regelrecht danach, sich auszupowern und die Monate an Lähmung abzuschütteln, die ihn gefangen gehalten hatte, und Isaac tat nichts lieber, als ihm genau das zu geben. Wer wusste schon, wann der nächste Regen ihn wieder einsperren würde.
      In der Fußgängerzone verlief sich ihre Formation, nachdem der Mann mit den Zuckungen schwächelte und zurückfiel. Jack ließ sich dafür zu Isaac zurückfallen, der bereits ordentlich keuchte. Jack zeigte noch keine Anzeichen von Ermüdung.
      “Meinst du, der Colonel ist in einem der Hotels untergebracht?”, fragte Jack beim Laufen. Isaac zuckte mit den Schultern, so gut es beim Laufen ging.
      “Vielleicht.”
      “Ich sollte mal sehen, ob ich ihn finden kann. Ein bisschen mit ihm reden kann. Er hat sicher einen Platz für jemanden wie mich, der sie noch alle zusammenhat. Die Verfassung. Körperlich und geistig. Nichts für ungut, Mann.”
      “Kein… Ding.”
      Isaac wusste zwar nicht, ob der Colonel diesem “alles zusammenhaben” bei Jack zustimmen würde, aber er wollte Jacks Vision nicht zerstören.
      “Vielleicht… gibt er dir… eine Stelle.”
      “Das wär was! Wieder in der Army irgendwo! Vielleicht sogar als Versorgungsflieger? Ich muss ja nicht zurück ins Kriegsgebiet. Ich kann auch so fliegen.”
      Jacks Augen leuchteten und Isaac freute sich für ihn.
      “Schon… möglich. Mach dir nur keine… so große… Hoffnungen.”
      “Im Squad vom Colonel, das wär was! Mann, das wär was! Wir würden zusammen Amerika verteidigen, nur wir beide, und die scheiß Hasenfresser würden sich alle in die Hose scheißen! Hah! Denkst du, er nimmt mich auf?”
      “Ich denke… so funktioniert das… nicht.”
      “Ach, scheiß doch auf Rang und alles, ich muss mich ihm ja nur beweisen. Wenn der für mich ein Wort einlegt, ich meine Colonel Duncan höchstpersönlich, dann müssen die mich zurückholen. Zurückholen und befördern und alles. Müssen sie.”
      “Du kannst ja… mit ihm reden. Mit dem… Colonel.”
      “Das muss ich schon gezielt angehen. Der Colonel ist ein Mann von Taten und nicht von Worten! Ich muss ihm nur zeigen, dass ich’s noch drauf hab. Irgendwie muss ich es ihm zeigen.”
      “Ja… mach das.” Er legte die Hand auf Jacks Arm. “Du hast meine volle… Unterstützung.”
      Jack grinste ihn breit an.
      “Danke, Mann. Auf dich kann ich mich verlassen.”

      Um 7 war Isaac wieder Zuhause, als andere in die Arbeit gingen. Er unterzog sich einer langen und anstrengenden Dusche und saß um 8 trocken und sauber und in neuen Klamotten auf seinem Sofa beim Frühstück. Sein Blick ging zu Kais Fenster auf der anderen Seite hinaus, das noch geschlossen war. Der Mann würde sicher schlafen bis 10, vielleicht auch 11, je nachdem wie spät es gestern noch geworden war. Ob sein Vater noch mit ihm gesprochen hatte? Isaac fragte sich, wie schlimm es um die beiden wirklich stand.
      Er zog sein Handy heraus und sah sich die Nachricht nochmal an, die Kai in der Nacht geschrieben hatte. Isaac hatte mit einem Daumen hoch darauf reagiert. Keine Anzeichen, dass er schon wach war.
      Er schrieb ihm eine Nachricht.
      - War mit Jack laufen, ich hab’s immernoch drauf. Hab mich sogar direkt gewaschen. Willst du später in den Park? Hab da heute einen hübschen Platz gesehen, schattig. Hab Zeit.
      Er steckte das Handy wieder ein und beschloss, spontan noch einkaufen zu gehen, für den Fall, dass Kai wirklich noch in den Park wollte. Er schnappte sich eine Tasche und ging nach draußen, beflügelt von der Tatsache, dass er heute schon joggen gewesen war, dass er geschwitzt hatte, dass er sich gewaschen hatte und jetzt trotzdem noch nach draußen ging. Wie so ein richtig normaler Mensch! Seine Schritte federten richtig.
      Vor der Eingangstür schickte er Kai ein Bild von seiner Zeichnung. An einigen Stellen war die Farbe etwas verblasst, wo Leute drübergelaufen waren, aber alles in allem war es noch intakt. Der Hase trug jetzt einen kringeligen Schnauzbart, der vorher noch nicht da gewesen war.
      - Du hast einen Ghost-Drawer. Du solltest Kameras aufstellen.
      Noch keine Lebenszeichen, aber es war ja auch früh. Isaac ging einkaufen.
      Um 10 war er wieder Zuhause und hatte eingeräumt. Er checkte sein Handy und bemerkte, dass Kai heute länger schlief. Auch fein. Um 11 hatte er noch immer nicht geantwortet.
      Und um 12 war das Fenster nichtmal auf, dabei lüftete Kai immer, wenn er aufstand. Nicht, dass Isaac ihn stalken würde, natürlich nicht; es war ihm einfach nur aufgefallen. Er runzelte die Stirn.
      Um 1 hatte sich das “zuletzt online” immernoch nicht aktualisiert. Um 2 auch nicht. Isaac las seine letzten Nachrichten noch einmal durch und referenzierte die mit dem Park.
      - Um 5, vor deiner Schicht? Ja, Nein, Vielleicht?
      Keine Antwort, gar nichts. Kein geöffnetes Fenster. Langsam kam es Isaac merkwürdig vor, sehr merkwürdig sogar. Er fläzte auf seiner Couch und dachte nach.
      Ob gestern noch was passiert war? Aber Kai hatte ihm schließlich geschrieben, als er nachhause gekommen war, er war also da. Er musste auch ziemlich sicher ins Bett gegangen sein, denn sonst hätte er sicher noch was geschrieben. Und lang schlafen war keine von Kais Eigenschaften, denn er hatte die Schicht in der Bar und außerdem seinen Malkurs. Ob er unten war? Aber dann hätte er das Fenster schon längst geöffnet. Oder er hätte sich gemeldet. Isaac war gestern doch nicht zu weit gegangen, oder? Als er mit ihm nach hinten gegangen war? Aber dann hätte Kai es ihm auch gesagt. Dann hätte er irgendein Lebenszeichen von sich gegeben.
      Isaac runzelte die Stirn. Es schien alles Kai nicht ähnlich. Ob er schnell mal rübergehen und nachsehen sollte?
      Er haderte mit sich. Schließlich tat er es nicht, um Kai den Freiraum zu geben, den er vielleicht brauchte, und versuchte nicht mehr allzu viel darüber nachzudenken. Dafür sah er trotzdem alle paar Minuten auf sein Handy.
      Gegen 8 hatte Kai noch immer nicht geantwortet und noch immer das Fenster nicht aufgemacht und Isaac beschloss, ins RB zu gehen. Entweder er war da und es war alles gut, oder er war eben nicht da und dann würde er zu ihm gehen und klopfen und… keine Ahnung. Er könnte den Vorwand nutzen, dass seine Waschmaschine kaputt sei und ihn fragen, ob er eine Ladung waschen könnte. Irgendetwas würde ihm schon einfallen, doch jetzt machte er sich hauptsächlich Sorgen.
      Er zog sich an und ging in die Bar. An so einem Wochentag war es mäßig besucht und Isaac hatte sofort freien Blick auf die Bar. Kein Lockenkopf. Er ging nach vorne und konnte seine Enttäuschung nicht unterdrücken, die andere Barkeeperin zu sehen. Sie grüßte ihn und lächelte ihn an, aber Isaac lächelte nur schwach zurück. Sein Blick scannte die gesamte Bar, bevor er wieder auf ihr landete. Kein Kai. Sie bot ihm sein übliches Bier an.
      “Nein, danke. Uhm, arbeitet Kai heute nicht?”
    • "Uhm, arbeitet Kai heute nicht?"
      Es war ja fast herzzerreißend, wie verloren der blonde Koloss sich in der Bar umsah, um Kai zu finden. Julie und Frank hatten nach Kais Urlaub Wetten darauf abgeschlossen, wie lange die beiden noch umeinander herumtanzen würden. Frank meinte, das würde noch dauern. Julie hatte auf einen Monat gesetzt. Zeit, ein bisschen die Kupplerin zu spielen.
      "Nope. Der hat sich heute morgen so gegen sechs oder so schon krankgemeldet. Ich schätze mal, der hat sich die Nacht lang die Seele aus dem Leib gekotzt oder sowas."
      Okay, das war vielleicht nicht die richtige Strategie, um die beiden Turteltauben näher zueinander zu kriegen... Weniger Kotze, mehr Romanze, Julie!
      "Ich würd ja bei ihm vorbeischneien, wenn ich die Zeit hätte, um nach dem Rechten zu sehen. Aber wie du siehst bin ich ein bisschen eingespannt."
      Sie deutete auf die Bar um sich herum, die zwar nicht voll, aber doch gut besucht war. Viel besser, Julie!

      Kai hatte sein Nest im Laufe des Tages irgendwann aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer verlegt, aber ansonsten hatte sich bei ihm nicht viel geregt. Vor ihm auf dem Sofatisch lag sein Notizbuch und ein Skizzenblock, beide offen, beide unangetastet. Ihm war einfach nicht danach, zu zeichnen. Oder zu malen. Oder sonst irgendetwas zu tun. Stattdessen starrte er sein Smartphone an und scrollte durch lustige Videos, in der Hoffnung, bei irgendwas zu lächeln, auch wenn Kai wusste, dass das nicht passieren würde.
    • "Krank?"
      Isaac machte große Augen. Kai und krank? Dabei hatte er gestern noch ganz gesund ausgesehen. Was konnte denn so schlimm sein, um ihn über Nacht auszuknocken?
      "Ich schätze mal, der hat sich die Nacht lang die Seele aus dem Leib gekotzt oder sowas", sagte die Barkeeperin ganz gelassen. Isaac runzelte die Stirn; was für ein Bild.
      "Ich würd ja bei ihm vorbeischneien, wenn ich die Zeit hätte, um nach dem Rechten zu sehen", fügte sie schnell, fast entschuldigend hinzu, "aber wie du siehst bin ich ein bisschen eingespannt."
      "Klar. Nicht schlimm. Ich ruf ihn an."
      Daraufhin lächelte sie, als hätte Isaac gerade etwas besonders schönes gesagt. Er schob es auf seine Überraschung, dass sie ihm so komisch vorkam.
      "Schönen Abend."
      Er spürte ihren Blick in seinem Rücken, bis er nach draußen gegangen war und dort das Handy gezückt hatte. Krank; kein Wunder, dass er nicht antwortete. Wie schlecht es ihm wohl ging? Ob er den ganzen Tag vor dem Klo verbracht hatte? Ob er überhaupt aus dem Bett kam? Isaac hatte Kais Kontakt schon ausgewählt, als sein Daumen auf dem Anrufknopf zögerte. Wahrscheinlich würde er sowieso nicht antworten, wie den ganzen Tag schon nicht. Noch viel wahrscheinlicher war, dass er schon schlief, wenn es so spät war. Das konnte Isaac sich gleich sparen.
      Besser, er ging kurz bei ihm vorbei. Ja. Um zu sehen, wie es ihm ging. Nur mal nachzusehen.
      Er hatte den Gedanken noch kaum zu Ende gedacht, da schrieb er Kai schon eine nächste Nachricht.
      - Komme in 20 min rüber.
      So lange brauchte er zwar nicht nachhause, aber zur Apotheke und wieder zurück. Der Gedanke hatte nämlich Form angenommen.
      Eine halbe Stunde später stand er vor Kais Tür und klopfte. Er hatte eine Tüte von der Apotheke dabei mit Magentabletten und zusätzlich Cola, Salzstangen und eine Packung Hühnersuppe. Das sollte alles gegen Erbrechen helfen, wie er von seiner Mutter wusste. Und wenn das nicht genug war, dann hatte er sich vorgenommen, sich zusammenzureißen und Kais Haare zu halten, während er sich auskotzte. Seine Angststörung konnte ihn gerade kreuzweise.
      Es dauerte lange, während nichts passierte. Isaac versuchte es noch einmal.
      "Kai? Ich bin's."
    • Komme in 20 min rüber.
      Kai starrte die Pop-Up Benachrichtigung an, bis sie von allein verschwand. Isaac wollte rüberkommen?
      Mit einem Stöhnen drehte sich Kai um, verknotete sich selbst noch ein bisschen fester in seinen Decken, und drückte den Kopf in die Sofapolster. Er mochte Isaac, aber er wusste wirklich nicht, ob er heute Lust auf ihn hatte. Er hatte keine Lust auf irgendwen, wenn man es genau nahm.
      Ein Klopfen an seiner Tür holte ihn aus seinem Dämmerzustand. Kai wollte nicht aufstehen. Die Tür war eh viel zu weit weg. Vielleicht, ganz vielleicht, ging wer auch immer da vor seiner Tür stand ja weg, wenn er so tat, als sei er gar nicht zuhause. Oder tot. Ja. Er war ein Opossum und stellte sich einfach tot.
      Das nächste Klopfen ignorierte Kai, wie nur ein scheintotes Opossum es konnte.
      "Kai? Ich bin's."
      "Geh weg," rief er der Tür zu, "Ich bin ein totes Opossum."
      Doch Isaac schien nicht nachzugeben. Dämlicher Sturkopf. Gutaussehender, dämlicher Sturkopf. Gutaussehender, zu ihm stehender, dämlicher Sturkopf.
      Mit einem tiefen Seufzen rollte sich Kai mit seinen Decken herum, bis er vom Sofa plumpste. Er kämpfte sich auf die Füße, dann tapste er mit winzigen Schritten in Richtung Tür. Vielleicht war er doch kein Opossum, sondern eher ein Wurm. Oder eine Made. Oder eine Raupe, die gerade dabei gestört wurde, ihr Kokon zu basteln.
      Er machte die Tür auf und schlurfte gleich wieder zurück zum Sofa. Das war genug Bewegung für heute gewesen. Heute war einfach kein aufrechter Tag. Heute war eher waagerecht.
      Mit dieser glorreichen Einstellung ließ sich Kai äußerst unelegant auf die Couch zurückfallen.
    • "Geh weg," kam die gedämpfte Stimme aus dem Wohnzimmer. "Ich bin ein totes Opossum."
      "Ein was?" Isaac blinzelte, dann schmunzelte er. Auf so eine Schnapsidee konnte auch nur Kai kommen. "Ich glaube, tote Opossums können nicht reden."
      Wieder Stille. Kai schlüpfte jetzt wohl ganzheitlich in seine neue Rolle.
      "Ich bin den ganzen weiten Weg gekommen, ich kann unmöglich wieder heimgehen", versuchte es Isaac nochmal. "Es hat mich Stunden gebraucht. Tage. Besser ich komm kurz rein, damit es nicht umsonst war?"
      Zuerst war es noch still, aber dann, da hörte er Schritte und die Tür öffnete sich. Isaac hatte kaum ein "Hi" herausgebracht, da drehte Kai schon wieder um und wanderte zur Couch zurück, seine Decke wie einen Umhang um die Schultern tragend. Er ließ sich auf die Couch fallen und blieb dort als großer Haufen liegen.
      Isaac kam herein und machte die Tür zu. Drinnen schlug ihm ein bekannter Geruch entgegen, der Duft nach ungeöffnetem Fenster und ungewaschenem Schweiß. Er war ihn zwar in anderen Ausmaßen gewöhnt, aber bekannt war er ihm in dieser Form trotzdem. Mitleidig betrachtete er Kai, der unter seinen Decken auf der Couch lag. Er hatte mit seinem eigenen Regen zu kämpfen.
      "Deine Freundin hat mir verraten, dass du krank bist. Ich hab dir ein paar Magentabletten mitgebracht und Salzstangen."
      Er stieg über ein paar Farbdosen hinweg und stellte seine Tüte in der Küche ab. Dort stand noch Geschirr vom gestrigen Abend, vor Kais Schicht, dafür keine Anzeichen von Frühstück.
      "Hast du heute schon was gegessen?"
      Er räumte das Geschirr in die Spüle, dann suchte er nach einem Topf. Er fand einen, wollte ihn mit Wasser füllen und erinnerte sich, dass er keine Kopfhörer dabei hatte. Mist. Unschlüssig sah er sich um, bis sein Blick auf die Dunstabzugshaube fiel. Er schaltete sie an, auf volle Geschwindigkeit, dann füllte er den Topf mit einem leichten Wasserstrahl. So funktionierte es auch.
      "Ich mach dir Hühnersuppe. Das hilft bei Magen."
      Echtes Fleisch darin hätte noch viel besser geholfen, aber Isaac hatte lange nicht mehr gekocht und das wollte er Kai nicht antun.
      Er machte ihm die Suppe warm, dann brachte er eine Schüssel zur Couch und beugte sich über ihn. Sein Gesicht war kaum zu sehen, dafür die wirren Locken, die überall hin abstanden.
      "Kai. Iss was."
      Er zupfte prüfend an seiner Decke.
      "Wird sonst kalt."
    • "Deine Freundin hat mir verraten, dass du krank bist. Ich hab dir ein paar Magentabletten mitgebracht und Salzstangen."
      Kai verbuddelte sich noch tiefer in seinen Decken, als er das hörte. Er hatte sich ohne große Kommentare krank gemeldet, also musste der Kram über Magenbeschwerden von Julie kommen. Jetzt machte sich Isaac so eine Mühe, um ihm zu helfen, dabei war da doch gar nichts, das er mit seinen Tabletten behandeln konnte. Oh man...
      "Hast du heute schon was gegessen?"
      Kai grummelte etwas unbestimmtes. Er hatte tatsächlich noch nichts gegessen. Er hatte einfach keinen Hunger gehabt. Hatte er immer noch nicht.
      "Ich mach dir Hühnersuppe. Das hilft bei Magen."
      Er rührte sich nicht, während sich Isaac damit beschäftigte, besagte Hühnersuppe zu machen. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Auf der einen Seite wollte er allein sein, wollte nicht wahrgenommen werden. Auf der anderen Seite war es geradezu erleichternd, jemanden hier zu haben, der dafür sorgte, dass er zumindest seinen wichtigsten Funktionen nachkam.
      Isaac zupfte ein par Minuten später an seinem Kokon.
      "Kai. Iss was. Wird sonst kalt," sagte er.
      Kai grummelte und rollte sich auf die Seite. Essen wirkte so unnötig aufwendig. Dafür müsste er sich aufsetzen, einen Teil seines Kokons loswerden, die Schüssel halten, tatsächlich essen...
      Mit einem Seufzen zwang sich Kai dazu, sich aufzusetzen. Er nahm Isaac die Schüssel mit beiden Händen ab, weil er seinem linken Handgelenk nicht vertraute, auch wenn er es in seine Schiene gezwungen hatte, die es beinahe vollständig imobilisierte.
      "Danke," murmelte Kai. "Hättest du aber nicht machen müssen."