The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

    • "Hätte ich nicht, aber habe ich."
      Isaac stellte Cola und Salzstangen auf dem Tisch ab, wo auch ein ungenutzter Malblock lag. Er wusste nicht, ob er Kai jemals mit einer leeren Seite gesehen hatte, die nicht sofort von irgendetwas bemalt wurde. Es lagen auch genug Zeichenutensilien herum, um die Seite zu füllen, aber Kai hatte es trotzdem nicht getan. Es musste schlimm sein, wenn er schon nicht zeichnen wollte.
      Isaac schob ein paar Deckenhügel beiseite und setzte sich neben ihn auf die Couch. Die restliche Hühnersuppe blieb auf dem Herd warm.
      "Ich weiß, wie einsam es sein kann, wenn man den ganzen Tag nur in der Wohnung hockt. Und jetzt sitzen wir wenigstens zu zweit hier drinnen. Draußen ist es sowieso noch viel zu warm."
      Sein Blick fiel auf die Schiene an Kais Handgelenk. Die hatte er gestern noch nicht getragen; die hatte er auch sonst noch nie getragen, denn Isaac wäre sie aufgefallen, nachdem sie an seiner linken Hand war, wie auch Isaacs Prothese. Er nickte darauf.
      "Was ist mit deiner Hand passiert?"
    • Kai löffelte brav seine Suppe, auch wenn ihm überhaupt nicht danach war.
      "Ich weiß, wie einsam es sein kann, wenn man den ganzen Tag nur in der Wohnung hockt. Und jetzt sitzen wir wenigstens zu zweit hier drinnen. Draußen ist es sowieso noch viel zu warm."
      Er brummte unbestimmt auf Isaacs Ausführungen hin und schob sich einen weiteren Löffel in den Mund, um nicht verbal antworten zu müssen.
      "Was ist mit deiner Hand passiert?"
      "Hm?"
      Kai betrachtete seine gute, alte Schiene.
      "Zickt rum," meinte er mit einem Schulterzucken. "Hab mir das vor Jahren mal gebrochen und hin und wieder erinnert es mich eben daran."
      "Du weißt, was das letzte Mal passiert ist, als du der Meinung warst, mir widersprechen zu müssen. Oder muss ich dich noch einmal daran erinnern?"
      Kai stellte seine Suppe weg, zog die Beine an und sich eine Decke über den Kopf. Er wollte nicht, dass Isaac sah, wie seine Hände zitterten.
    • "Achso."
      Isaac wartete darauf, dass noch mehr kam. Eine kleine Geschichte, wie Kai sich mal beim Turnen verletzt hatte oder bei irgendeiner anderen Aktivität aus seinem bunten Leben. Er wartete darauf, dass Kai so fröhlich vor sich hin plapperte wie sonst.
      Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen stellte Kai seine halb leere Schüssel auf den Tisch und verkroch sich zurück in seinen Decken, bis nichts mehr zu sehen war als seinem Gesicht. Stille trat ein, in die Isaac die Stirn runzelte. Kai hatte eine merkwürdige Stimmung, wenn er krank war. Ganz so wie Isaac, wenn er sich am liebsten vor allem verstecken wollte.
      "Willst du was ansehen?" Er angelte nach der Fernbedienung. "Irgendwas leichtes? Friends, vielleicht?"
      Kai gab nur ein unbestimmtes Grummeln von sich, das kein Ja und kein Nein war. Isaac entschied daher für ihn, schaltete ein und zappte ein bisschen herum. Er legte sich auf etwas fest, das wasserfrei wirkte, und lehnte sich zurück, immer ein halbes Auge auf Kai gerichtet. Wenn es ihm doch schlechter gehen würde, wollte er da sein. Dafür war er schließlich gekommen.
    • Kai hatte eigentlich überhaupt keine Lust darauf, zusammen mit Isaac irgendetwas zu gucken. Aber er sagte nichts. Auch nicht, als Isaac irgendetwas anmachte und sich dann entspannt zurücklehnte.
      Für eine kleine Weile saßen sie einfach nur so da und machte einfach gar nichts, außer sich von den Medien berieseln zu lassen. Irgendwann (relativ schnell sogar) nervte weder das, noch Isaacs Anwesenheit Kai. Er war sogar ziemlich dankbar dafür, nicht ganz allein mit seinen Gedanken zu sein. Er ließ sich ganz unglamourös zur Seite kippen und legte seinen Kopf auf Isaacs Schoß. Er war müde. So unendlich müde. Nach dem Stress gestern Abend und der durchgemachten Nacht war das eigentlich auch gar kein Wunder.
      Dieses Mal, als ihm die Augen zufielen, blieben die Bilder aus seiner Vergangenheit weg, als beschütze Isaac ihn davor. Also hörte Kai auf, sich zu wehren und erlaubte es sich endlich, ein bisschen zu schlafen.
    • Irgendwann ließ Kai sich zur Seite kippen und machte es sich ganz vertraulich in Isaacs Schoß gemütlich, als würden sie sich schon ewig kennen, als wäre das nichts neues. Isaac hatte sich noch nicht ganz daran gewöhnt, wie wenig Kai sich um Körperkontakt kümmerte, aber er ließ ihn machen. Es fühlte sich sogar gut an. Er mochte die Nähe, die Kai ihm so leicht bot. Behutsam tätschelte er ihm die Schulter, was er durch die gewaltige Decke vermutlich sowieso nicht spürte. Dann sah er weiter fern.
      Aber seine Aufmerksamkeit lag auf Kai. Er spürte sein Gewicht auf seinem Schoß, beruhigend und entspannend. Es war ziemlich bequem so, mit Kais Gewicht auf ihm. Fast wünschte er sich, der Mann hätte sich mehr auf ihn gelegt.
      Er sah irgendwann hinab, um ihn an die Suppe zu erinnern, als er sah, dass Kai eingeschlafen war. Sein Gesicht war entspannt, die Stirn geglättet, seine müden Augen geschlossen. Sein Mund war leicht geöffnet und Isaac lächelte ganz automatisch. Was für ein hübscher Mann, selbst wenn er schlief, selbst wenn er von Krankheit ganz müde und ausgelaugt war. Seine Locken waren zerrupft und ungekämmt, standen ihm in alle Richtungen ab, und doch konnte Isaac nicht anders, als mit dem Blick seinem Kinn zu folgen, seiner Wange, die langen, dunklen Wimpern zu betrachten. Kai war ein unfassbar schöner Mann, sowohl außen, als auch innen. Ein einzigartiger Mann.
      Er streckte die Hand nach ihm aus und schob behutsam eine Locke nach hinten. Kai regte sich kurz, schluckte, schob die Hand unter Isaacs Bein und schlief wieder ein. Ermutigt davon schob Isaac die Finger tiefer in sein Haar, strich es beiseite, kraulte ihn. Kais Haut war warm unter seinen Fingern, warm und weich. Er lächelte mehr, als Kai ein winziges Geräusch von sich gab.
      Damit war der Fernseher völlig vergessen. Isaac hatte nur noch Augen für Kai übrig. Er kraulte ihm den Kopf, fuhr mit den Fingern durch seine Haare, streichelte ihm vorsichtig über den Nacken. Kai schlief und ließ ihn. Vermutlich sollte Isaac ihn aufwecken, damit er ins Bett gehen und ordentlich schlafen konnte, aber der Gedanke kam ihm nicht. Stattdessen sank er tiefer und tiefer in die Kissen hinein, während das dämmrig werdende Licht ihn langsam einlullte. Doch selbst als er eindöste, hingen seine letzten Gedanken noch immer an Kai in seinem Schoß.
    • Irgendwann, mitten in der Nacht, grabschte Kai nach einem seiner vielen Kopfkissen. Stattdessen fand er einen knallharten Waschbrettbrauch. Verwirrt blinzelte er bis er erkennen konnte, warum sein Kopfkissen so hart war. Weil es gar kein Kissen war. Es war Isaac! Es dauerte noch einen Augenblick bevor er erklären konnte, warum Mitternacht auf einmal so hell war - es war Morgen und die Sonne schien schon. Oops.
      Müde setzte sich Kai auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Isaac saß da, mehr als tiefenentspannt, weil er selbst schlief. Er hatte sich wohl die ganze Nacht lang nicht bewegt. Doppel Oops.
      Kai sah sich um und sah die Überreste seiner Suppe, die Salzstangen, den Softdrink. Isaac hatte sich wirklich um ihn gekümmert, auf seine eigene Art. Kai schmunzelte.
      Vorsichtig schälte er sich aus seinem Kokon und legte zumindest eine der Decken über Isaac, als er aufstand. Kurz streckte er sich, dann schnappte er sich die Suppenschüssel und räumte sie schnell in die Küche. Der Rest der Suppe stand entspannt da, und er entschied sich, die für später aufzuheben. Daraus konnte man bestimmt irgendeine Sauce oder so machen.
      Er beschäftigte sich damit, seine Küche ein bisschen aufzuräumen, bevor er Frühstück machte. Ihm stand der Sinn nach Waffeln. Und ihm stand der Sinn danach, sie mit seinem persönlichen Ritter in weißer Rüstung zu teilen.

      "Hey, Isaac."
      Kai stupste den Riesen an der Schulter an. Dann hielt er ihm eine Waffel unter die Nase.
      "Aufstehen~" säuselte er. "Frühstück. Ich hab Waffeln gemacht. Wenn du dir keine nimmst, dann verputz ich die alle selbst."
    • "Hey, Isaac."
      Isaac öffnete die Augen zu Sonnenlicht und dem Geruch nach Waffeln. Mh. Er mochte Waffeln.
      "Aufstehen~", säuselte eine Stimme hinter ihm und er erkannte Kai, als seine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten. Er schien munter und fröhlich, ganz wie der alte Kai.
      "Frühstück. Ich hab Waffeln gemacht. Wenn du dir keine nimmst, dann verputz ich die alle selbst."
      "Bloß nicht. Ich liebe Waffeln. Her damit."
      Er schnappte sich die Waffel mit den Zähnen, bevor Kai sie noch wegnehmen konnte, und richtete sich auf. Ein unangenehmer Schmerz zog durch seinen Nacken weiter in seinen Rücken hinab und Isaac zuckte zusammen. Das hatte er davon, wenn er die ganze Nacht in einer Position verbrachte. Es war auch nicht sein erstes Mal.
      Er drehte sich hierhin und dorthin, dehnte seinen Nacken, bis er es knacken hörte, dann stand er auf. Sein Blick glitt erst über die aufgeräumte Küche, bevor er auf Kai landete, ganz ohne Decke und mit einer Mähne aus zerzausten Haaren. Isaac kicherte.
      "'Tschuldigung. Deine Haare sind etwas... überall."
      Er deutete seine Mähne mit den Händen an und verschwieg lieber, dass das teilweise seine Schuld war. Es stand ihm auch, diese zerzauste Frisur. Er sah süß aus.
      Isaac biss von seiner Waffel ab.
      "Hast du auch Ahornsirup da?"
    • Isaac nahm ihm die Waffel ab, was Kai als Sieg verzeichnete. Dann kicherte der Riese und deutete auf seine Haare.
      "'Tschuldigung. Deine Haare sind etwas... überall."
      "Hm? Oh... ja... Wenn ich die nicht jeden Tag zur Ordnung rufe, dann artet das ganz schnell aus..."
      Kai fuhr sich mit einer Hand durch besagte Mähne, blieb hängen und verzog das Gesicht. Autsch. Er würde wohl einige Zeit damit verbringen müssen, sich um dieses Vogelnest zu kümmern. Da half nur das volle Kur-Programm. Was praktisch ein ganzes Tagesprojekt darstellte. Mist. Naja, er war ja selbst dran schuld.
      "Hast du auch Ahornsirup da?" fragte Isaac.
      "Das nicht. Aber Vanille-Eis!"
      Kai hüpfte zurück in Richtung Küche und zauberte die Packung mit dem Eis zum Vorschein. Er parkte sie neben einem großen Stapel Waffeln und setzte sich dann auf die Arbeitsplatte. Mit einem Löffel schaufelte er Eis aus der Packung in seinen Mund, bevor er von einer eigenen Waffel abbiss. So sparte man sich das Saubermachen von Tellern.
      Nach den ersten paar Bissen seufzte Kai. "'Tschuldigung wegen gestern, übrigens. Ich hatte nicht geplant auf dir einzuschlafen."
    • Ahornsirup hatte er lieber, aber zu Vanille-Eis würde Isaac auch nicht Nein sagen. Was für ein Frühstück; als wären sie im Urlaub. Isaac lächelte wieder und machte sich daran, mit viel Aufwand das Eis auf seiner Waffel zu verteilen. So gut es eben ging.
      "'Tschuldigung wegen gestern, übrigens", sagte Kai mit einem Seufzen. "Ich hatte nicht geplant auf dir einzuschlafen."
      "Das macht nichts." Isaac wurde ein bisschen verlegen, als er daran dachte, Kai betrachtet zu haben. Auch jetzt konnte er es noch sehen, mit der Morgensonne im Hintergrund, die ein hübsches Licht auf Kais Wangen zeichnete. Kai war... eben Kai. Rundum toll.
      "Das war bequem. Kennst du diese Gewichtsdecken? Die finde ich super. Hat sich fast genauso angefühlt."
      Er nahm einen Bissen von seiner Eis-Waffel und leckte schnell mit der Zunge nach, als das Eis tropfte. So ganz hatte er den Belag nicht hinbekommen.
      "Geht's dir besser? Du wirkst wieder... fröhlicher."
    • "Das macht nichts. Das war bequem. Kennst du diese Gewichtsdecken? Die finde ich super. Hat sich fast genauso angefühlt."
      Kai lächelte ein bisschen. Er wusste, dass Isaac so seine Macken mit Körperkontakt hatte, daher war es gut zu hören, dass es ihn nicht besonders gejuckt hatte, dass Kai einfach so auf ihm eingeschlafen war.
      "Geht's dir besser?" fragte Isaac. "Du wirkst wieder... fröhlicher."
      Kai seufzte und stocherte ein bisschen im Eis herum.
      "Ja und Nein?" antwortete er nach einem Moment des Schweigens. "Meine Motivation ist wieder da, ja. Meine Stimmung... naja. Work in Progress. Waffeln und Eiscreme helfen."
      Er schmierte sich einen ordentlichen Löffel voll auf seine Waffel, faltete sie und schob sich, grinsend, viel zu viel auf einmal in den Mund.
    • "Hm. Immer ein Schritt nach dem anderen nehmen."
      Isaac sah zu, wie Kai sich übermutig den Mund mit Waffel und Eis vollstopfte, bis seine Backen ausgefüllt waren wie ein Hamster. Isaac lächelte; wie typisch von Kai, einfach das beste daraus zu machen. Sein Blick blieb dabei einen Augenblick zu lang an seinen Lippen hängen, die noch feucht vom Eis waren.
      "Wenn meine Stimmung naja ist, geh ich immer schlafen. Das hilft meistens. Ein paarmal schlafen und die Welt sieht wieder anders aus."
      Er bedeckte seine Waffel mit gemäßigtem Eis und kümmerte sich eher darum, das Eis auch in seinem Mund zu halten. Keine Ahnung wie Kai das schaffte, Isaac konnte den Mund vielleicht einfach nicht so weit aufmachen. Ihm würde alles aufs T-Shirt fallen. Wieso saßen sie eigentlich so weit weg voneinander? Isaac starrte auf die Distanz zwischen seinem Ellbogen und Kais Oberschenkel und fragte sich, ob sie immer schon so weit auseinander gesessen hatten. Im Park, als sie gelesen hatten, sicher nicht, da hatten sich fast ihre Beine berührt, und bei der Übernachtungsparty mit dem Deckenzelt auch nicht, da hatten sie schließlich quasi gekuschelt. Auch gestern im Innenhof nicht. Aber jetzt? Irgendwie kam es ihm zu weit weg vor. Wahrscheinlich hatte er sich einfach an die Nähe gewöhnt, nachdem Kai auf seinem Schoß geschlafen hatte. Das musste es gewesen sein.
      "Was machst du denn, wenn es dir nicht gut geht? Zeichnen? Rausgehen?" Er hob die Waffel an. "Essen?"
    • "Wenn meine Stimmung naja ist, geh ich immer schlafen. Das hilft meistens. Ein paarmal schlafen und die Welt sieht wieder anders aus. Was machst du denn, wenn es dir nicht gut geht? Zeichnen? Rausgehen? Essen?"
      Kai brauchte einen Moment für seine Antwort. Nicht, weil ihm die Worte fehlten oder sowas, sondern weil er mit der Waffel in seinem Mund kämpfte. Vielleicht hatte er doch ein bisschen zu viel abgebissen. Ups.
      "Schlafen ist langweilig," meinte er, als er endlich Platz zum Sprechen fand. "Das kann ich machen, wenn ich alt bin." Er schluckte den Rest herunter. "Ich bin eher der 'sinnlos die Wand anstarren'-Typ, weißt du? Irgendwann verirrt sich dann wieder eine Hummel in meinen Hintern und ich mach irgendwas. Meistens malen. Meistens hasse ich, was ich dabei produziere, aber das ist ja irgendwie Sinn und Zweck der Sache. Nimm den ganzen doofen Kram und schmeiß ihn auf die Leinwand. Und dann verkauft man das an irgendeinen reichen Schnösel, der sich denkt, damit super intelligent rüberzukommen und schon hat man die Miete für zwei Monate drin. Das macht mich immer wieder happy."
      Vielleicht sollte Kai das mal wieder tun. Das letzte Mal war schon ein bisschen her - und hatte ihm wirklich gutes Geld beschert. Damit wäre sein Vater wenigstens zu irgendetwas zu gebrauchen.
      "Hm..."
      Kai rutschte von der Küchentheke und wanderte zu seiner Sammlung leerer Leinwände hinüber. Er durchsuchte sie ein bisschen, bis eine Größe, eine Form zu ihm sprach. Dabei hatte er seinen Eiscreme-Löffel immer noch im Mund. Als er drei gleichgroße Leinwände fand, schlug bei ihm der Blitz der Inspiration ein. Er fischte sie aus dem Stapel und warf sie auf den Boden, genau da, wo er sonst immer malte.
      "Ich kann das nur empfehlen, weißt du?" meinte er über seine Schulter an Isaac gerichtet, während er seine Auswahl an Farben und Materialien betrachtete, um die richtigen zu finden. Er warf eine Palette neben die Staffeleien.
      "Deine Emotionen in was physisches zu verwandeln. Kann helfen, sie zu verarbeiten."
      Dann fraß er sich durch all seine Farbtuben und -flaschen. Was auch immer sich richtig anfühlte stapelte er in seinen Armen.
      "Außerdem kann es ziemlich lustig - und befreiend - sein, einfach mal was anzuzünden," beendete Kai seinen kleinen Vortrag. Er sah auf und grinste Isaac an.
    • Isaac hob die Augenbrauen.
      "Du verkaufst deine Gemälde für zwei Monatsmieten? Wow. Ich bin neidisch."
      War er wirklich, denn Kai schien so leicht zeichnen zu können wie Isaac ein Buch las. Wenn er auch so schnell Geld machen könnte, würde er es auch dem Schlaf vorziehen, ganz sicher.
      "Hm..."
      Kai rutschte von der Platte und ging zu den leeren Leinwänden hinüber. Isaac beobachtete ihn dabei, wie er eine davon auswählte, sich dann drei auf einmal schnappte und auf den Boden fallen ließ.
      "Ich kann das nur empfehlen, weißt du?"
      "Zeichnen? Ich weiß nicht. Das letzte Mal habe ich wahrscheinlich in der Schule gemalt."
      Kai kauerte sich hin und suchte sich sein Werkzeug zusammen.
      "Deine Emotionen in was physisches zu verwandeln. Kann helfen, sie zu verarbeiten."
      Isaac schnaubte. "Du hörst dich an wie ein Therapeut. Wäre vielleicht ein Alternativjob, wenn deine Bilder sich mal nicht verkaufen."
      Er stand auf und steckte sich das letzte Stück Waffel dabei in den Mund.
      "Außerdem kann es ziemlich lustig - und befreiend - sein, einfach mal was anzuzünden", sagte Kai über die Schulter hinweg und grinste dabei wie ein frecher Junge.
      "Woah. Ganz langsam. Wenn du hier zündelst, muss ich dich an den Vermieter verpetzen."
      Er kam zur Couch und lehnte sich dagegen, um Kai beim Machen zuzusehen. Der legte sich das Zeug zurecht, dann legte er sich die Leinwände zurecht und begann, seine Künstlersachen darauf zu machen. Isaac kam um die Couch herum, setzte sich und sah ihm ein paar Minuten lang zu. Bisher machte Kai aber nichts außergewöhnliches, was Isaac nicht tatsächlich auch selbst hinbekommen hätte, und er ließ seinen Blick schweifen. Er fiel auf Kais Skizzenbuch.
      "Hast du auch Papier da? Normales Papier?"
      Hatte Kai, natürlich. Isaac nahm sich etwas davon mit einer harten Unterlage, dann setzte er sich zurück auf die Couch.
      Ein bisschen zeichnen. Ein bisschen die Hände benutzen. Bei Kai sah das sehr leicht aus, aber Isaac brauchte lange, bis er überhaupt eine Idee fand. Dann begann er zu malen.
      Und verlor glatt den Stift aus seiner Prothese.
      "Mist."
      Er klaubte ihn wieder auf, positionierte ihn so, wie er glaubte, Stifte früher gehalten zu haben, und versuchte wieder zu zeichnen. Das Fehlen an Gefühl erschwerte die ganze Sache ungemein. Er wusste nicht, wie viel Druck er ausübte, in welche Richtung er den Stift drehen konnte, in welchem Winkel er ihn halten musste. Er glitt ihm wieder zwischen die Finger und beim nächsten Mal konzentrierte Isaac sich so sehr auf den Stift, dass er gar nicht mitbekam, wohin er die Linie überhaupt zog. Er seufzte. Dann also mit der rechten Hand.
      Mit der rechten war alles viel schwieriger und krakeliger, aber zumindest bekam er einigermaßen hin, was er sich vorgenommen hatte. Er hielt das Blatt Papier hoch und drehte es um, um es Kai zu zeigen. Es war nicht viel mehr als ein typischer Kindergarten-Baum. Ein Stamm, ein wolkiges Blätterdach und ein paar Striche in dem Versuch von Zweigen.
      "Wie viel wird das einbringen, meinst du? Könnte ich mir davon wenigstens Zahnpasta kaufen?"