Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • "Ich sag nur Kontaktgifte auf dem Verband und Kampfhelikopter über meiner Terrasse," entgegnete Santi.
      Wie sollte er Lewis denn für seine Macken auslachen, wenn er selbst sehr ähnliche hatte? Immerhin beruhten Lewis' Tagträumereien auf der Realität und konnten tatsächlich real werden.
      Santi verputzte seinen Salat in Stille, während Lewis wegen seinem Burger Töne von sich gab, die Santi glatt eifersüchtig werden ließen. Danach räumte er auf, während Lewis vor sich hin starrte. Er holte den Streuner aus seinen Träumereien, indem er dessen Joint anzündete und ihm einen Kuss auf den Scheitel setzte. Kurz rutschte der Streuner von seinem Barhocker und warf sämtliche seiner Klamotten von sich, bevor er sich in Santis Bett war.
      Santi sah ihm mit einem Lächeln und einem leichten Kopfschütteln nach, bevor er ihm folgte. Er ließ sich neben Lewis ins Bett sinken und lehnte sich gegen das Kopfteil. Er konnte sich denken, was der Streuner wollte.
      "Nur der Kopf oder willst du gleich eine Ganzkörpermassage?" fragte er und schob dabei schon eine Hand in Lewis' wilde Mähne.
      Nach ein paar Tagen mit ordentlichem Shampoo fühlten sich seine Haare noch viel besser an als vorher schon. Hin und wieder hatte es Santi sogar geschafft, Lewis mit einer ordentlichen Portion Conditioner zu behandeln (auch wenn der Streuner das nicht mitbekommen hatte, weil er sich seufzend gegen Santi gelehnt hatte, um die Kopfmassagen zu genießen). Santi spielte viel zu gern mit Lewis' dicken Strähnen.


    • Lewis wandte erstmal eine beträchtliche Zeit damit auf, es sich auf Santiagos Schoß gemütlich zu machen. Dann schmiegte er sich der Länge nach an ihn und legte seinen Kopf auf Santiagos Bauch ab, wo er ihm gleich mit den Fingern durch die Haare strich. Lewis seufzte bequem und wohlig.
      "Nur der Kopf oder willst du gleich eine Ganzkörpermassage?"
      "Hmmm du willst mich schon wieder verwöhnen."
      Er schob die Hände unter Santiagos Shirt.
      "Aber nur der Kopf, das reicht mir."
      Und Santiago tat wie gehießen, ganz der fürsorgliche und warmherzige Mann, der er unter all den Muskeln und bösen Blicken eigentlich war - aber nur für Lewis. Der genoss es in vollsten Zügen, rutschte noch ein bisschen tiefer und gab seine zufriedenen kleinen Geräusche von sich, während Santiago seine Schmerzen hinfort drückte. Es dauerte immer einen Moment, bis der Druck angenehm wurde, aber als er es dann war, schmolz Lewis regelrecht in seinem Schoß zusammen und rollte genüsslich mit den Augen. Er hatte noch keine Droge gefunden, die seine Kopfschmerzen so effektiv behandeln konnte wie Santiago und fairerweise wollte er auch gar keine solche Droge finden. Er wollte einfach immer nur Santiago haben.
      "Ich liebe das..."
    • "Ich verwöhn dich eben gern, was soll ich sagen?" schmunzelte Santi.
      Santi kämmte dem Streuner kurz durch die Haare, bevor er die Stellen fand, die am meisten Liebe brauchten. Er arbeitete sich von Lewis' Nacken langsam nach oben bis zu dessen Schläfen und dann wieder zurück, wandte sich auch kurz den Muskeln zwischen Lewis' Schulterblättern zu, bevor er wieder zu den Muskeln hinter Lewis' Ohren zurückkehrte. Er lockerte die angespannten Muskeln mit geübten Fingern, während sich Lewis auf seinem Schoß in Pudding verwandelte. Das, sowie jeder einzelne der wohligen Seufzer, nahm Santi als Kompliment auf.
      "Ich liebe das..."
      Santi lächelte und kraulte den Streuner sanft im Nacken. Es freute ihn, dass sich Lewis so entspannen konnte, dass er ihm eine solche Freude bereiten konnte mit einer einfachen Kopfmassage. Und Lewis sprach hier für sie beide. Santi mochte es nicht nur, Lewis auf diese Art zu helfen, er mochte es auch, dass er seine Zeit mit jemandem teilen konnte. Das klang vielleicht kitschig, aber es war die Wahrheit. Er hatte in seinem Leben so viel Zeit allein verbracht, diese Abwechslung war etwas, was er nicht mehr missen wollte.
      "Wie wär's, wenn du dir den Rest von heute auch frei nimmst?" fragte er nach einer Weile. "Und dich einfach ein bisschen entspannst und dich von mir verhätscheln lässt? Ich verhätschel dich nämlich gern, falls dir das noch nicht aufgefallen ist."


    • Lewis fielen keine sehr guten Argumente dagegen ein, während Santiago sogar 10 dafür zum Einsatz brachte. Die Welt würde doch nicht untergehen, wenn er ein bisschen weniger Nachrichten ansah, oder? Also seufzte er ein wenig und kuschelte sich noch näher an ihn.
      Okay. Is’n gutes Argument.
      Er lächelte und genoss das Auf und Ab der starken Finger, das Hin und Her und die unermüdlichen Kreisbewegungen. Wer hätte schon gedacht, dass ihm etwas derart Einfaches so gefallen könnte? Aber das tat es und dabei spielte es sicherlich eine große Rolle, dass Santiago einfach Santiago war. Bei jemand anderem wäre er nur halb so entzückt davon gewesen.
      Den Rest des Abends ließ er sich wirklich von ihm verhätscheln, was aber nur darin endete, dass Santiago ihn mit seinen Wunderfingern in den Schlaf lullte und Lewis bald schnarchend seinen Schoß besetzte. Dafür wachte er mitten in der Nacht auf und konnte für ein paar Stunden nicht mehr einschlafen, aber Santiago hatte anscheinend auf seinen Albtraum verzichtet und so waren sie einfach gemeinsam wach. Später schlief er dann doch wieder, eine breite Schulter als Kissen nutzend.
      Er informierte seinen Bruder über die Pause, dann war die erste Amtshandlung seines freien Tages, ins Bad zu marschieren und sich die Augen zu verbinden. Santiago bot ihm seine Hilfe an, aber das war dieselbe Situation wie bei Santiago und seiner Wunde: Da gab es nicht viel zu helfen. Lewis verband seine Augen mit geübten Handgriffen, bis er gar nichts mehr sehen konnte, auch nicht ausversehen. Danach musste er sich nur etwas zurecht finden, aber auch da hatte er keine sehr großen Schwierigkeiten, denn Santiagos Wohnung war ebenerdig. Es gab keine Treppen, die er hätte hinabstürzen können, und auch keine Stolperfallen auf dem Boden, da Santiago mit seiner Paranoia stets alles ordentlich und übersichtlich hielt. Lewis navigierte selbst zur Kücheninsel und konnte auch selbstständig essen. Wenn man manche Dinge eben ein paar Mal zu oft erledigte, wurde man darin ganz gut geübt, und Lewis hatte wohl ausreichend Übung darin, ein Blinder zu sein. Es schien ihm auch nach außen hin nichts auszumachen.
      Folglich verbrachte er seinen Tag mit reichlich Faulenzen und Joints, was er sonst auch getan hätte. Zumindest musste er sich keine Gedanken um den Fernseher machen und die In-Türen-Lauf-Quote lag auch tiefer als noch am Vortag.
      Irgendwann wurde es schließlich immer besser.
    • "Ich hab nur gute Argumente," entgegnete Santi mit einem Lächeln, das Lewis nicht sehen konnte.
      Santi machte weiter mit seiner Massage, bis es nichts mehr zu massieren gab. Lewis hatte jetzt den lockersten Nacken in ganz New York. Ein Wunder, dass er den Kopf überhaupt noch heben konnte, ohne dass ihm die dicke Murmel von den Schultern kullerte.
      Er kraulte seinen Streuner trotzdem weiter, strich ihm durch die Haare, wickelte sich eine Strähne um die Finger und fing dann wieder von vorne an. Irgendwann nickte Lewis ein und selbst dann machte Santi noch eine kleine Weile weiter, bis ihn der Ruf der Natur schließlich dazu zwang, seinen Platz unter Lewis zu verlassen. Er schob den Streuner sanft von sich, ersetzte seinen Oberschenkel mit einem seiner Kopfkissen und verzog sich leise ins Badezimmer.
      Ab da ging Santi seiner normalen, nächtlichen Routine nach, wenn auch leiser als sonst. Er hatte allerdings genug Nächte mit Lewis verbracht, um zu wissen, wie tief der Streuner schlief.
      Gegen halb eins wachte Lewis auf, zerknautscht aber entspannt und halbwegs ausgeschlafen. Santi machte ihnen beiden einen Tee, und sie verbrachte eine kleine Weile zusammen auf dem Sofa. Santi hatte eines dieser langen Kaminfeuer-Videos angemacht, sodass das sanfte Knistern eines falschen Kamins sein Apartment erfüllte, während sie beide einfach nur dalagen und sich entspannten. Als es Lewis dann doch wieder gähnend ins Bett zog, folgte Santi ihm, bewaffnet mit einem Buch - der neusten Auswahl vom Buchclub seiner mamá. Er kraulte Lewis wieder, bis dem die Augen zufielen und er leise weiterschnarchte.
      Am nächsten Morgen schrieb Santiago seiner mamá seine Meinung über das nächste Kapitel, dann machte er sich daran, Frühstück zu machen. Er war nicht besonders leise dabei, aber auch nicht besonders laut. Er wollte Lewis nicht unbedingt wecken, aber er wusste auch, dass Lewis genug Schlaf abbekommen hatte, weil er so früh schon eingenickt war. Der Streuner war aber ein guter Schläfer und so musste er ihn eben doch selbst aufwecken.
      "Frühstück ist serviert, callejero," raunte er Lewis ins Ohr, bevor er ihm einen Kuss auf die Stirn setzte.
      Dann kraulte er ihm durch die Haare, bis Lewis wach war. Der Streuner verschwand beinahe augenblicklich im Badezimmer. Wo er länger als sonst blieb, weswegen Santi sich in den Türrahmen lehnte und beobachtete, was Lewis da eigentlich machte.
      "Brauchst du Hilfe damit?" fragte er, als er Lewis mit der Augenbinde hantieren sah.
      Lewis verneinte, also mischte sich Santi nicht weiter ein. Stattdessen folgte er dem Streuner, als dieser mit verbundenen Augen durch sein Apartment stolperte. Er machte das ziemlich zielgerichtet, Santi war beeindruckt. Er zog ihm trotzdem den Barhocker an der Kücheninsel zurecht und führte Lewis' Hände an das Besteck und den Teller mit dem Frühstück.
      Den Rest des Tages verbrachten sie beide entspannt auf der Couch, auf der Dachterrasse und dann wieder auf der Couch. Sie hatten sich beide eine ordentliche Runde Langeweile verdient und Santi spürte, wie sich die Muskeln in seinem eigenen Nacken langsam entspannten. Er war zwar nicht aus der Stadt verschwunden, wie er seiner mamá gesagt hatte, aber das hier kam nah genug an Urlaub heran, dass das keine wirkliche Rolle spielte.
      "Ich nehme mal an, die Augenbinde bliebt jetzt für die nächste Zeit einfach drauf?" fragte Santi, als er am späten Nachmittag Lewis allein auf der Couch liegen gelassen hatte, um sich ihrem Abendessen zu widmen. Er würde heute wieder in Wagenladungen kochen, damit er sich morgen nicht damit beschäftigen musste.


    • Mmh-hm.”
      Lewis fläzte auf der Couch, beide Beine auf der Rückenlehne, den Kopf runterhängend. Aus der Küche hörte er das Brutzeln und gelegentliche Zischen der Pfanne, während Santiago das Essen zubereitete. Es roch natürlich fantastisch.
      Ich muss sie nicht tragen, aber so geht's schneller. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie oft meine Magie unfreiwillig getriggert wird, da würde es ohne ewig dauern, bis es wieder okay ist.
      Seine Kopfschmerzen waren jetzt schon eine Stufe schwächer und außerdem musste er nicht mehr gegen Türen laufen. Auf gar ironische Weise war sein Leben als Blinder angenehmer als mit Augen. Nur Santiago konnte er auch nicht sehen und das war ein dicker Minuspunkt.
      Früher brauchte ich sowas nicht, da konnte ich das abschalten. Aber das habe ich erzählt, oder? Ja, hab ich.
      Er wälzte sich vom Sofa, navigierte mit ausgestreckten Armen zum Brutzeln und den Küchengeräuschen und fand etwas, das groß, hart und vertraut war. Er streckte sich, drückte Santiago einen Kuss auf die Wange und begrabschte seinen Hintern ein bisschen.
      Da hatte ich aber auch keinen heißen Koch an meiner Seite”, schnurrte er und verpasste ihm einen Klaps. Dann tastete er sich weiter zum Kühlschrank und holte sich ein Bier hervor, identifizierbar am Verschluss.
      Wenn ich wählen müsste, hätte ich lieber dich als kontrollierte Magie.
      Er grinste in die Richtung, in der er Santiago erwartete, dann setzte er sich an die Kücheninsel für sein Bier.
      Sie aßen zu Abend und hingen die restliche Zeit herum. Lewis Kopfschmerzen verliefen sich weiter, bis sie zum Schluss in ein beständiges Pochen übergegangen waren, das aushaltbar war. Sicher würde am nächsten Tag wieder alles okay sein.
      Lewis trug die Binde trotzdem noch im Bett, als sie sich aneinander kuschelten.
      Wirst du schlafen?
    • Santi hantierte mit einer halb vollen Pfanne herum, in der er gerade Hackfleisch schwenkte. Mit einer Hand bewegte er die Pfanne, mit der anderen warf er Gewürze hinein, als sich plötzlich Hände um ihn legten. Santi ging auf Nummer sicher, dass sich der Streuner nicht aus Versehen an der Pfanne verbrannte, indem er sie weit zur Seite hielt. Er kicherte leise, als er den Klaps auf seinem Hintern spürte.
      Ojo, callejero! Nur, weil du dich hier blind zurecht findest, heißt das noch lange nicht, dass du dich nicht verbrennen kannst. Dein heißer Koch hat eine heiße Pfanne in der Hand und arbeitet an einem heißen Ofen," warnte er.
      Er stellte die Pfanne ab und ließ seine Arbeit ein wenig vor sich hin köcheln, während er Lewis das Bier abnahm, um es zu öffnen. Er drückte es Lewis gleich wieder in die Hand, bevor er sich dem Gemüse zuwandte, das darauf wartete, zerkleinert zu werden.
      Santi band Lewis in seine Kochkünste mit ein, ob der es wollte, oder nicht. Er mixte ein Dressing in einem Einmachglas zusammen und drückte es Lewis zum Schütteln in die Hand. Er ließ ihn auch den Salat waschen, den er selbst zuvor auseinandergenommen und in die Spüle geworfen hatte. Einfache Dinge, die nicht viel Bewegung brauchten, damit sich Lewis nicht aus Versehen verletzte. Santi übernahm wie immer das eigentliche Kochen und alles, was mit einem Messer zu tun hatte. Am Ende hatten sie ein ordentliches Abendessen zusammen und genug Reste für den morgigen Tag. Und nach dem Essen wurde Lewis zum Abtrocknen verdonnert. Santi entging nicht, wie sehr er seine Mutter ähnelte, die ihm ähnliche Aufgaben gab, wann immer er bei seinen Eltern aufkreuzte.
      Er hatte sich gerade ins Bett gelegt, Lewis hatte es sich gerade an seiner Seite bequem gemacht, als Lewis die Frage des Tages stellte: "Wirst du schlafen?"
      Santi dachte kurz darüber nach, aber eigentlich stand die Antwort fest.
      "Ja. Wenn ich es nicht jetzt mache, dann wird mich meine Müdigkeit morgen irgendwann übermannen und aus einem Powernap wird dann Alptraum. Ich hab die nicht gern tagsüber, das macht meinen Schlafrhythmus irgendwie noch schlimmer als der eh schon ist. Tagsüber zu schlafen ist immer irgendwie seltsam."
      Er drückte Lewis einen Kuss auf die Schläfe, gleich über der Augenbinde.
      "Tu mir den Gefallen und steh nicht auf, um uns heiße Schokolade zu machen, ja? Ich will nicht, dass du dir wehtust, nur weil ich schlecht geschlafen habe."
      Er griff mit dem freien Arm nach dem Rand der Bettdecke und zog sie über sie beide.
      "Heute Nacht kann ich mich mit Kuscheln zufriedengeben."

      Der Showroom war leer und still, die glänzenden Autos standen in ordentlichen Reihen, perfekt ausgerichtet, als würden sie darauf warten, stolz präsentiert zu werden. Santiago, der Autoverkäufer, ging zwischen den Fahrzeugen hindurch, seine Schritte hallten in der Stille wider. Er war allein im Raum, doch eine unheimliche Spannung lag in der Luft, als ob die Autos ihn beobachteten.
      Plötzlich sprang ein Motor an, der unerwartete Lärm durchbrach die Stille und ließ sein Herz rasen. Santiago drehte sich abrupt um und sah, wie ein roter Sportwagen auf ihn zuraste. Seine Augen weiteten sich vor Schreck, und er versuchte zur Seite zu springen, aber es war zu spät. Das Auto traf ihn mit voller Wucht, schleuderte ihn durch die Luft und ließ ihn schwer auf dem Boden aufschlagen. Schmerz durchzuckte seinen Körper, als er sich bewegungslos auf den kalten Fliesen wiederfand.
      Keuchend und mit zitternden Händen versuchte er aufzustehen, doch sein Bein war gebrochen, und jeder Versuch, sich zu bewegen, verursachte stechenden Schmerz. Er lag dort, unfähig aufzustehen, und hörte das bedrohliche Brummen des Motors, das näher kam. Doch bevor er sich vollständig erholen konnte, sprang ein weiterer Wagen an, dieses Mal ein großer SUV, und rollte direkt auf ihn zu.
      Santiago schrie, versuchte wegzukriechen, aber seine verletzten Glieder gehorchten ihm nicht. Das schwere Fahrzeug überrollte ihn, zerquetschte seine Beine und ließ ihn in einem Meer aus Schmerz und Blut zurück. Er konnte das Knirschen seiner Knochen hören, und Tränen schossen ihm in die Augen. Doch der Albtraum war noch nicht vorbei.
      Kaum hatte der SUV ihn überrollt, als auch schon ein weiteres Auto, ein silberner Kombi, ansprang und auf ihn zuraste. Er versuchte, sich zur Seite zu rollen, aber die Qualen seiner Verletzungen hielten ihn fest. Der Kombi traf ihn seitlich und schleuderte ihn gegen eine Wand. Sein Kopf prallte hart gegen die Fliesen, und Sterne tanzten vor seinen Augen.
      Santiago wusste nicht, wie lange er dort lag, das Bewusstsein kam und ging, während die Autos immer wieder über ihn rollten. Jeder Aufprall brachte neue Schmerzen, zertrümmerte weitere Knochen, und doch starb er nicht. Er war gefangen in einem endlosen Kreislauf von Schmerz und Angst. Er konnte die Motoren hören, die nur darauf warteten, erneut anzuspringen, und das metallische Kreischen der Reifen, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.
      Er lag in einer Lache aus seinem eigenen Blut, seine Sicht verschwamm, und die Welt um ihn herum wurde dunkler. Aber dann hörte er wieder das vertraute, verfluchte Geräusch eines Motors, der ansprang. Seine Augen weiteten sich vor Angst, und er versuchte zu schreien, aber kein Laut kam über seine Lippen. Ein letzter, schwarzer SUV raste auf ihn zu, und alles um ihn herum wurde dunkel.

      Mit einem erstickten Schrei erwachte Santi in seinem Bett, sein Körper war von kaltem Schweiß bedeckt. Sein Herz hämmerte wild in seiner Brust, und er griff instinktiv nach seinen Beinen, die unversehrt waren. Genauso wie seine Arme, sein Rücken, sein Kopf.
      "Ich bin okay," murmelte er.
      Er atmete tief durch, versuchte, den Schock zu verarbeiten. So seltsam es auch klang: Träume, die auf physischen Ängsten basierten, waren so viel leichter zu verarbeiten, als die psychologischen Ängste. Er bevorzugte diese Art von Traum, wenn er wählen müsste.
      "Ich bin okay," seufzte er und ließ sich ins Bett zurück fallen.
      Er fischte nach Lewis' Hand, fand sie und hob sie an seine Lippen.
      "Ich bin okay," versicherte er dem Streuner und setzte einen sanften Kuss auf Lewis' Handrücken.
      Dann stand er auf und verschwand im Badezimmer, um sich den Schweiß aus dem Gesicht zu waschen. Gleich darauf ließ er sich aber wieder neben Lewis ins Bett sinken. Er schlang die Arme um den Streuner und vergrub sein Gesicht an dessen Bauch, machte ihn zu seinem Kopfkissen. Die Schmerzen aus seinem Traum hallten noch in seinem Körper nach, aber mit Schmerz konnte er umgehen. Schmerz war einfach.
      "Schlaf weiter," raunte er gegen Lewis Haut.


    • Mittlerweile entwickelte Lewis fast schon ein Gefühl dafür, wann Santiago einschlief und seine Albträume litt. Eigentlich war es traurig, dass er für sowas ein eigenes Gespür entwickelte, aber das ließ sich nunmal nicht mehr ändern. Lewis wachte auf und wusste gleich, was los war.
      Ohne richtig zu wissen, in welchem Stadium sich Santiago bereits befand, tastete er sich an seinem klammen Körper entlang, befreite ihn etwas von der erhitzten Decke und befühlte seine schweißnasse Stirn. Santiago zuckte unter ihm bereits und stöhnte leise. Lewis schmiegte sich an ihn, damit er fühlen konnte, wie sehr die Muskeln des anderen bereits arbeiteten. Anscheinend war es noch relativ früh im Traum.
      Er stellte sicher, dass der Mann nicht aus dem Bett fallen würde, dann stand er auf, navigierte vorsichtig durch die Wohnung, trieb ein Glas auf, ohne die anderen dabei runter zu werfen, füllte es auf und navigierte in Zeitlupe wieder zurück. Fünf Minuten dauerte es, dann hatte Lewis das Glas sicher auf Santiagos Nachttisch untergebracht und schlüpfte wieder an seine Seite. Dort schlang er den Arm um ihn und flüsterte ihm zu, dass alles gut sei, ob der es nun hören konnte oder nicht.
      Beim Aufwachen rückte Lewis gerade rechtzeitig genug ab, um keinen Kinnhaken verpasst zu bekommen. Das Bett wackelte, als Santiago sich hektisch aufzusetzen schien, und die Bettdecke raschelte laut. Der Mann atmete in Stößen, oder versuchte es zumindest, bevor er sein Mantra heraus bekam.
      “Ich bin okay.”
      In der kurzen Pause, die entstand, rutschte Lewis ein Stück näher, weil er keine Ahnung hatte, wie schlimm es gewesen war. Er konnte Santiagos Gesicht nicht sehen, nur seinen unruhigen Atem hören.
      Schließlich legte er sich wieder hin.
      “Ich bin okay.”
      Du bist okay”, bestätigte er ihm und schmiegte sich zurück an seine Seite. Er küsste seine schweißnasse Stirn und ließ sich im Gegenzug die Hand küssen. Das war auch eine Sache, die sich geändert hatte: Anfangs hatte Santiago gar nicht auf dem Schirm gehabt, dass Lewis bei ihm gewesen war, jetzt beruhigte er ihn sogar noch, als wäre er es, der es benötigte.
      Lewis küsste ihn noch einmal, um ihm zu bestätigen, dass er keinerlei Sorgen hatte.
      Ich hab dir ein Wasser hingestellt.
      Santiago stand auf, so wie er es immer tat, verschwand im Bad und ließ sich von Lewis dann in die Arme nehmen. Der zog ihn gleich an sich und strich ihm gar zärtlich durch die Haare.
      Schlaf du auch nochmal. Das schlimmste ist vorbei.
      Er verharkte die Beine mit seinen und zog ihm die Decke zurecht. Dann blieb er wach, bis er hoffte, dass Santiago auch eingeschlafen war, und driftete schließlich auch wieder weg.

      Am Morgen konnte er die Augenbinde wieder abnehmen, weil die Kopfschmerzen schon wieder weg waren. Aus Erfahrung wusste er, dass sie nicht ganz verschwunden waren, sondern schnell wiederkommen würden, wenn er wieder Nachrichten sah, aber es schränkte ihn nicht mehr so sehr ein. Dafür brauchte er gut zwanzig Minuten, bis seine Augen sich wieder ans Tageslicht gewöhnt hatten.
      Da schlenderte er grinsend auf Santiago zu und schlang die Arme um seine Taille.
      Hey Santi-Baby. Hab dein hübsches Gesicht vermisst.”
      Er küsste ihn über sein ganzes Gesicht hinweg, dann steckte er sich den ersten Joint des Tages an und schnappte sich sein Handy. Eine Nachricht von Jayden.
      Ich werde wohl langsam wieder im Büro aufkreuzen müssen. Sonst werd’ ich noch gefeuert, mein Chef ist da ein richtiges Arsch.
      Er wackelte mit den Augenbrauen.
      Wann darf ich mich wieder von dir bekochen lassen, Großer?
    • "Schlaf du auch nochmal. Das schlimmste ist vorbei."
      Santi nickte leicht. Lewis hatte Recht. Das, was ihn nach einem seiner Alpträume wachhielt, war heute Nacht nicht gegeben. Noch ein Grund, warum Santi physische Ängste bevorzugte. Mit Schmerz konnte er umgehen; Schmerz hielt ihn nicht wach, weil es seine Gedanken durch den Mixer schickte.
      Also schlief er tatsächlich noch einmal ein, obwohl er nicht sagen konnte, ob er vor oder nach Lewis einnickte. Das war aber auch eigentlich egal, denn keiner von ihnen beiden bewegte sich bis sie beide eingeschlafen waren.

      Santi wachte trotzdem vor Lewis auf. Das war kein Hexenwerk, der Streuner war ein notorischer Langschläger. Santi ließ ihm den Frieden, wohlwissend, dass Lewis den Schlaf und die Ruhe gut gebrauchen konnte. Stattdessen machte er sich daran, ein Frühstück für sie beide vorzubereiten.
      Als sich der Streuner zu rühren begann, warf er die Kaffeemaschine an, die ihnen frische Bohnen zermahlte. Als Lewis sich eine Ewigkeit später zu ihm in die Küche gesellte, hielt er dem Streuner einen frischen Kaffee hin.
      "Ziemlich gefährliche Angewohnheit, die du dir da gesucht hast, callejero," raunte er und erwiderte den Kuss. "Das ist schon das zweite Mal, dass du mich überfällst, während ich mit heißen Gegenständen bewaffnet bin."
      Er reichte dem Streuner sein Zippo, damit der sich seinen Joint anzünden konnte. Es war schön zu sehen, dass es Lewis schon so viel besser zu gehen schien. Das Fehlen der Augenbinde war da nur das offensichtlichste Zeichen. Aber Santi sah auch, dass die Augenringe blasser geworden waren, dass Lewis aufrechter saß, dass seine Bewegungen koordinierter waren, und dass sein Blick fokussierter war.
      "Wie wär's mit gleich jetzt?" entgegnete Santi und stellte einen Teller mit Frühstück vor Lewis ab.
      Zwei hartgekochte Eier, zwei Scheiben Toast, die er in der Pfanne mit Butter angebraten hatte, anstatt sie in den Toaster zu stopfen, und dann mit Käse überbacken hatte, und der obligatorische Bacon.
      "Wenn sich dein Chef über deine Abwesenheit beschwert, dann soll er das mit mir ausfechten. Kannst ihm ja sagen, dass ich dich ans Bett gefesselt habe."
      Santi schenkte Lewis ein mehr als zweideutiges Lächeln, tat aber so, als könnte er kein Wässerchen trüben, während er sich gegen die Arbeitsplatte lehnte und an seinem Kaffee nippte.
      "Freiheitsberaubung ist zwar eigentlich nicht mein Stil, aber ich denke, ich kann eine Ausnahme machen."


    • Lewis erwiderte das Grinsen mit gleicher Intensität.
      Wieso tust du es dann nicht einfach?
      Er schob sich den Toast in den Mund und kaute mit vielversprechender Miene.
      Du bist doch ein Mann deiner Worte, nicht? Oder sind das leere Versprechungen, die ich da höre?
      Wie es sich herausstellte, war Santiago ein Mann seiner Worte und es waren keine leeren Versprechungen. Lewis verließ seine Wohnung sechs Stunden später als geplant und trug stolz zwei rote Striemen an den Handgelenken - selbstverständlich zusätzlich zu dem schmerzenden Hinterteil und diversen anderen Markierungen, die Santiago an seinem Körper hinterlassen hatte. Lewis mochte das so, von dem Mann mehr als von allen anderen. Der Schmerz war eine Erinnerung an den noch viel größeren Schmerz und die damit verbundene Lust, die bei Santiago immer intensiv war. Er liebte es.
      Santiago kutschierte ihn bis vor die Tür der Firma, wo Lewis abstieg, ihm seinen Helm zurück gab und ihn küsste.
      Ich ruf dich an, Santi-Baby.
      Er zwinkerte ihm zu, dann schlenderte er gut gelaunt hinein. Mit einem Schlüssel gelangte er in die Büroräume von Crossroads International und von dort aus in das geräumige Chef-Büro, wo Jayden bereits hinter seinem Schreibtisch saß. Natürlich, wo sollte der Kerl auch sonst sein.
      Hi.”
      Sein Bruder sah auf, als er eintrat, und lehnte sich zurück.
      “Da bist du ja.”
      Da bin ich.
      “Hat dich lange genug gebraucht.”
      Ja, hab mich verlaufen.
      Jay machte ein Gesicht und Lewis grinste ihn an. Jetzt, wo er richtig drin war, fiel ihm erst auf, wie dunkel die Augenringe seines Bruders erst geworden waren und wie ausgemergelt er schien. Neben ihm sah Lewis selbst nach seinem Dauereinsatz aus wie frisch aus dem Ei geprellt.
      Man, du siehst irgendwie scheiße aus. Wie läuft die Arbeit?
      “Gut. Passt schon. In Ordnung meine ich.”
      Jay rieb sich über die Augen.
      “Ich hab's im Griff, denke ich. Es läuft schon irgendwie.”
      Lewis blinzelte.
      Wenn du das so sagst, hört sich das eher nach dem Gegenteil an. Was sagen sie denn?
      “‘Sie’ sagen nicht viel. Es ist ein Schaden von umgerechnet etwa 873.000 $, wenn ich vom üblichen Marktpreis ausgehe, vielleicht auch eine Million. Keine Ahnung, wie sie es verticken. Das ist ja aber nur der materielle Schaden.”
      Jay sah richtig blass aus. Auch er musste die letzten Tage geackert haben, mehr als üblich.
      “Ich habe noch nichts gehört wegen… naja, wegen uns. Sie werden das nicht einfach ziehen lassen, aber momentan sind sie wohl mit anderem beschäftigt. Wir ja auch. Nichts neues an der Front bei dir?”
      Nein.”
      Lewis zog zum Fenster und lehnte sich gegen das Fensterbrett.
      Zumindest haben sie die Ermittlung beim Wrack aufgegeben. Das Koks geht eh nicht auf unsere Kappe und übermorgen werden sie auch die Ermittlung wegen der Statuen einstellen. Sonst habe ich nichts gesehen.
      “Gut. Das ist gut.”
      Jayden seufzte einmal und fuhr sich über das Gesicht. Als Lewis sich einen Joint herauskramte, sprang sein Blick auf dessen Handgelenke.
      “Alter, das ist nicht das, wofür ich es halte, oder?”
      Lewis folgte seinem Blick auf die roten Striemen hinab und grinste breit.
      Oh doch.
      “Widerlich, man.”
      Du hast gefragt.
      “Ich bereue es schon wieder.”
      Pech gehabt.
      “Ist es immernoch dein jetziger? Der mit dem Bike?”
      Ja.”
      “Das hält ja schon lange an. So ernst ist es also?”
      War es so ernst? Da musste man sich wohl nur vor Augen halten, wie lange Lewis schon bei Santiago gewohnt hatte. Und vermutlich auch, dass er noch viel länger dort hätte bleiben können.
      Schon. Ja, doch, eigentlich schon.
      “Werde ich ihn mal kennenlernen?”
      Da stutzte Lewis.
      Willst du ihn kennenlernen?
      “Wieso denn nicht? Einer von uns muss ja mal jemanden nachhause bringen. Irgendwie… ein normales Familienleben führen. Etwas Ordnung in diesen Haufen Müll bringen, der sich der Castro-Familienstammbaum schimpft. Wir können doch nicht alle Drogen verticken, Kartelle leiten und Geld waschen. Da muss irgendwo auch Normalität mit drin sein.”
      Lewis glotzte seinen Bruder für einen Moment perplex an.
      Was ist denn mit dir los?
      “Ich glaub, diese Situation macht mich richtig fertig”, seufzte Jay. Nunja, das dürfte so einiges erklären.
      Man, schalt mal einen Gang zurück, wird schon alles gutgehen. Ich bring ihn mal vorbei, dann kannst du ihn kennenlernen.
      “Okay. Wir können auch… Abendessen gehen oder sowas. Oder einen trinken.”
      Feiern?”, fragte Lewis und hob die Augenbrauen.
      “Übertreib’s nicht.”
      Ein Versuch war's wert.
      Und da war zumindest das typische Jay-Schnauben.
      “Komm her und lass dir ein paar Sachen erklären. Es gibt ein paar Updates zu besprechen.”
      Ja, Boss.

      Lewis ging am Abend heim. Er hätte natürlich auch Santiago anrufen und sich von ihm abholen lassen können, aber er musste mal wieder Zuhause vorbeischauen und vielleicht wollte der Mann sowieso mal ein bisschen Zeit für sich haben. Immerhin waren sie sich die letzten Tage schon sehr auf die Pelle gerückt. Man konnte es ja schon als richtige Beziehung bezeichnen.
      Also schlenderte Lewis nachhause und bemerkte nichts ungewöhnliches, als er die Eingangstür aufsperrte, zu seiner Wohnung hochging, den Schlüssel ins Schloss steckte und umdrehte. Doch als er die Tür aufschob und eintrat, blieb er doch verdutzt stehen.
      Seine gesamte Wohnung war in Chaos getaucht. Überall lagen Blätter, Unterlagen, Kleider verstreut. Schubladen waren herausgerissen, ausgeleert, auf den Boden geworfen. Seine Couch war zerfetzt, seine Stereoanlage teilweise auseinandergebaut, Vorhänge waren an den Nähten aufgerissen und die Gardinenstangen heruntergeholt. Möbelstücke lagen verteilt auf dem Boden, der Kühlschrank stand offen. Bilder waren von den Wänden geholt worden.
      Lewis stand einen Moment in der offenen Tür, dann holte er einen tiefen Atemzug.
      Man, das ist jetzt nicht dein scheiß Ernst, oder?
      New York. Manchmal hasste er diese Stadt wie die Pest.
      Es gab nichts wirklich Wertvolles bei Lewis zu holen und die wenigen Dinge waren schnell abgeklappert: Seine Knarre war noch in seinem Nachttisch, sein Vorrat an Gras vollständig, sein weniges Bargeld noch alles da. Was auch immer man hier gesucht hatte, man hatte es erfolglos gesucht. Das würde wohl auch erklären, wieso hier alles so wüst auf den Kopf gestellt war.
      Überraschen tat es ihn aber nicht besonders. Lewis würde sein Viertel nicht gerade als Familienviertel bezeichnen und wenn er ehrlich war, hatte er sich schon gefragt, wann es soweit sein würde. Es war wohl nur eine Frage der Zeit gewesen.
      Jetzt stand er aber in seinem verwüsteten Wohnzimmer und hatte gar keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Er hatte vielleicht einen trinken und den Abend ausklingen lassen wollen, aber so? Nie im Leben. Da griff er fast reflexartig nach seinem Handy und wählte eine bekannte Nummer aus.
      - Was machst du heute noch, Baby? :*
    • Wie sehr es Santi doch genoss, Lewis' seine Worte bereuen zu lassen. Der Streuner war schneller ans Bett gefesselt, als der gucken konnte. Dieses Mal sah Santi allerdings davon ab, ihn mit allen möglichen Szenarien zu bombardieren. Lewis war immer noch dabei, sich von seinem kleinen Nachrichtenmarathon zu erholen und Santi wollte ihn nicht mit noch mehr Kopfschmerzen peinigen. Dafür malträtierte er so ziemlich alle andern Körperteile des Streuners, der es nach vollen Zügen genoss.

      Santi behielt ihre Umgebung während der Fahrt genau im Auge. Er traute dem Frieden noch nicht, selbst ohne seine gesteigerte Paranoia. Er fuhr keine kilometerlangen Umwege, aber er fuhr auch nicht die direkteste Route zu der Adresse, die Lewis ihm gegeben hatte. An jeder Ampel sah sich Santi um, überprüfte den restlichen Verkehr, die Fußgänger, sowas eben.
      Sie erreichten ihr Ziel ohne weitere Zwischenfälle. Er nahm seinen Helm ab und den von Lewis entgegen.
      "Das ist deiner," meinte Santi, aber Lewis wollte ihn nicht mitnehmen.
      War vielleicht auch besser so, bedachte man, dass Santi ihn regelmäßig an Orten abholte, wo man eher weniger mit einem Helm rumrannte. Also nahm er ihn wieder mit nach Hause.
      Allerdings blieb Santi nicht lange zuhause. Während Lewis sich seinen Nachrichten gewidmet hatte, hatte sich Santi darum gekümmert, ihre Verfolger ausfindig zu machen. Es war Kleinarbeit gewesen, er hatte jedem noch so kleinen Detail hinterherrennen müssen, aber schlussendlich hatte er doch was gefunden. Nicht viel, aber es war ein Ansatz, den sie vor ein paar Tagen noch nicht gehabt hatten. Und diesem Ansatz folgte Santiago jetzt.
      Er fuhr zu einem Hotel, wo er sich nicht mit dem Personal am Empfang herumschlug, sondern sich direkt den Weg ganz nach oben zur größten Suite suchte, die dieses Gebäude zur Verfügung hatte. Im passenden Stockwerk angekommen, wurde er von einer Mauer an unheimlichen Typen in schwarzen Anzügen begrüßt. Sie wollten ihn aufhalten, doch der bloße Klang seines Names ließ sie innehalten. Sie machten den Weg frei. Innerlich schüttelte Santiago den Kopf darüber.
      Er drückte die Doppeltür zur Suite auf und fand Diego auf dem Sofa sitzend vor, Telefon am Ohr, irgendein Blondchen zwischen seinen Beinen kniend. Der Bankier der Unterwelt grinste, als er Santiago erblickte, unterbrach aber weder sein Telefonat, noch die Arbeit des Blondchens. Santiago ging rüber zu der nicht ganz so kleinen Minibar und machte Diego einen Drink, für sich selbst bloß ein Wasser. Mit beidem schlenderte er rüber zu dem Sofa, auf dem Diego saß. Er stellte den Drink für Diego auf dem Tisch ab, dann setzte er sich ihm gegenüber auf ein zweites Sofa.
      "Natürlich ist es teuer, einen Senator zu kaufen. Aber wenn man den richtigen nimmt, dann ist das ein Investment, das über Jahre hinweg Geld abwirft. Die Kunst liegt darin, sie im Amt zu halten ..... Natürlich habe ich Leute dafür. Ich kann die gern vermieten ..... Ich werde ihn nicht davon abhalten, sein Geld anderweitig anzulegen, aber wir beide wissen, dass er niemand besseren finden kann."
      Diego schob seine freie Hand in die Haare des Blondchens und zog sie von seinem Schritt. Mit einem Nicken bedeutete er ihr, zu verschwinden. Sie stand auf, gekleidet in einen Hauch von Nichts, wie Santiago feststellte, und warf ihm einen verführerischen Blick zu. Er schüttelte den Kopf ob des stillen Angebotes. Das schien sie zu enttäuschen. Sie verschwand in Richtung dessen, was Santiago als Schlafzimmer vermutete.
      "Das ist ja wohl kaum mein Problem ..... Ich habe ihm alle Optionen genannt, der Rest liegt bei ihm. Du hast meine Nummer, wenn sich was tut."
      Diego legte auf und mit einem Seufzen warf er das Telefon auf den Tisch zwischen ihnen. Er nahm einen großen Schluck seines Drinks. Wie immer hatte Santiago alles richtig gemacht.
      "Du bist wirklich ein Lichtblick dieser Tage, Santi," säuselte Diego dann. "Jemand, der die Spielregeln kennt und nicht der Meinung ist, sie umschreiben zu können, nur weil er zu einer neuen Generation gehört."
      "Wieder einer der neuen Dons?"
      "Ugh, nein, die werden mit Respekt erzogen. Das eben war irgendso ein irischer Emporkömmling aus Boston, der der Meinung ist, dass er das Spiel neu erfunden hat."
      Diego schüttelte den Kopf.
      "Aber du bist nicht hier, um dir meine Leiden anzuhören."
      Das war Santiago tatsächlich nicht. Er hatte diesen Termin mit Diego ausgemacht, als der ihm gesagt hatte, dass er eine Spur hatte. Es juckte Santiago in den Fingern, diese Information zu bekommen.
      "Was hast du für mich?"
      Diego schnippte mit den Fingern und das Blondchen kam zurück mit einer dünnen Akte in der Hand. Diego bevorzugte oft Papier - das konnte man nicht hacken und leichter zerstören.
      Das Blondchen reichte ihm die Akte und Diego reichte sie weiter an Santiago, der sich gleich ansah, was drin war. Viel war es nicht, damit hatte er auch nicht gerechnet, aber es war die Qualität der Information, nicht die Quantität. Er überflog die drei Seiten in Rekordzeit, verleibte sich die Informationen ein, weil er genau wusste, dass diese drei Seiten den Tag nicht überleben würden.
      "Söldner aus Europa?" stutzte Santiago. "Ernsthaft?"
      "Es scheint so. Teure noch dazu. Sehr professionell, aber normalerweise arbeiten die nicht hier. Wer auch immer die angeheuert hat, hat ordentlich Fäden gezogen. Du scheinst dir einen sehr mächtigen Feind gemacht zu haben, Santi."
      Santi starrte die Informationen über eine private Militärfirma aus Europa an. Die sah man nicht oft. Die meisten privaten Militärfirmen kamen aus den USA - natürlich taten sie das. Europa hieß aber auch, dass sie verdammt gut ausgebildet waren. Es war ein Wunder, dass Lewis und er mit nur einem Kratzer und einem verlorenen Motorrad aus der Sache rausgekommen waren. Santiago nahm das tatsächlich auf eine verdrehte Weise als Kompliment an sich selbst auf.
      "Irgendeine Idee, wer sie angeheuert haben könnte?" fragte er und legte die Akte wieder weg.
      "Nicht die geringste", antwortete Diego. "Irgendjemand mit den richtigen Verbindungen in Europa, der jetzt hier sitzt - ich gehe einfach mal davon aus, dass du in letzter Zeit nicht in Europa gearbeitet hast?"
      "Hab ich nicht."
      Diego brummte zustimmend. Er reichte die Akte an das Blondchen zurück, die den Papierkram in einen metallenen Mülleimer fallen ließ, gefolgt von einem Streichholz.
      Teure, exotische Elite... das war nicht viel, aber damit konnte Santiago arbeiten.
      "Bleibst du noch für's Abendessen?" fragte Diego, der Charme dick in seiner Stimme.
      Santiago warf ihm einen Blick zu, der vermuten ließ, dass er darüber nachdachte. Nur dass Abendessen mit Diego nie nur Abendessen war, wenn der Mann so drauf war.
      Sein Smartphone vibrierte und Santiago spannte seinen alten Freund noch ein bisschen länger auf die Folter, indem er sich ansah, wer ihm das schrieb.

      Was machst du heute noch, Baby? :*

      Santiago lächelte schief.
      "Lo siento, Diego. Aber ich habe schon ein Date."
      Diego zog eine enttäuschte Grimasse, als Santiago aufstand.
      "Muss ich eifersüchtig sein, Santi?"
      Santiago ging um den Tisch herum und legte seine Hand an Diegos Kinn, brachte ihn dazu, ihn anzusehen.
      "Eifersucht steht dir nicht," raunte er. "Das wissen wir beide."
      Und damit ließ er den Mann wieder allein. Er hatte noch einen Termin einzuhalten und einen weiteren zu vereinbaren, bevor sein Kopf ihn wieder in den Wahnsinn trieb.

      Nicht viel. Ich hab gerade angefangen, über Abendessen nachzudenken.
      Willst du mitkommen?


    • Die Antwort kam keine fünf Minuten später:
      - Nicht viel. Ich hab gerade angefangen, über Abendessen nachzudenken.
      Willst du mitkommen?
      Lewis las sie und fühlte einen Schwung Erleichterung. Santiago hatte ihn noch nie im Stich gelassen und das würde er wohl auch in Zukunft nicht. Irgendwann würde er sich ordentlich bei ihm revanchieren müssen.
      - Immer doch. Crypt??? ;)
      Er war nicht mehr gewesen, seit Santiago ihn dorthin entführt hatte und wenn er die Nacht noch beim Feiern verbringen würde, wäre ja alles nur noch halb so schlimm. Eine neue Couch konnte er sich morgen besorgen und was die Unordnung anging… das konnte er auch diese Woche irgendwann erledigen. Irgendwann, nur nicht heute.
      Er schickte Santiago eine Adresse, an der er ihn später abholen konnte, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte wieder nach draußen. Bis Santiago kam, würde er sich irgendwo Gras besorgen und dann vielleicht einen Milchshake. Er hatte jetzt wirklich Lust auf einen Milchshake.
      Beim Rausgehen bildete er sich ein, genauso aufmerksam wie sein Freund seine Umgebung studieren zu können, und warf einen Blick die Straße rauf und runter. Der Bürgersteg war mit Autos zugeparkt, so wie immer, und in der Gasse gegenüber stand eine Rauchergruppe, so wie immer. Sonst war hier wenig los, wenig Fußgänger und ein paar Autos. Also so wie immer.
      Lewis befand, dass hier nichts Auffälliges war, und machte sich auf den Weg.

      Später stand er an einer Straßenecke an einen Pfosten gelehnt und schlürfte an einem Shake, als das mittlerweile bekannte Bike auf ihn zugerast kam. Er grinste seinem Freund schon von weitem entgegen und warf seinen Becher in den Mülleimer.
      Hey Baby! Lang nicht mehr gesehen, es werden bestimmt sechs Stunden gewesen sein. Führen wir jetzt schon eine Fernbeziehung?
      Er wackelte mit den Augenbrauen, während er den Helm - seinen Helm, wie Santiago ihm gesagt hatte - entgegen nahm. Eifrig setzte er ihn auf und schwang sich aufs Bike.
      Wo geht's hin?
    • Santiago machte, abgesehen von seinen professionell paranoiden Umwegen, nur einen einzigen weiteren Schlenker. Er musste noch einmal zu sich nach Hause, um ein paar Sachen - unter anderem Lewis' Helm - abzuholen, bevor er den Streuer aufsammeln fahren konnte. Bevor er sein Apartment verließ, schrieb er eine Nachricht an eine Nummer, die keinen Namen hatte, in der Hoffnung, dass man ihm in den nächsten vierundzwanzig Stunden die Adresse eines stillen Briefkastens nannte. An Julian ranzukommen war noch komplizierter, als ein Treffen mit Diego zu vereinbaren. Diego war scharf auf Santiago in mehr als nur einer Hinsicht und ihre Beziehung war irgendwann einmal mehr gewesen als nur Boss und Schläger. Santiagos Verbindung zu Julian allerdings war rein professionell. Entsprechend musste sich Santiago mit dem Papierkram beschäftigen, wenn er mit dem Mann reden wollte. Immerhin gehörte er zu den Leuten, die das Privileg hatten, eine Audienz bei Julian selbst zu erhalten. Die meisten mussten mit unangenehmen Besuchen von Julians innerem Kreis vorliebnehmen.

      Santi mochte die neuen Bremseinstellungen, die sein neues Bike hatte. Die griffen viel schneller und viel stärker.
      Er brauste mit seinem Bike in Richtung der Adresse, die Lewis ihm geschrieben hatte und bremste erst im letzten Augenblick ab, als sei es gar nichts - mit den neuen Bremsen war es auch nichts.
      "Hey Baby!" grüßte Lewis.
      Santi schüttelte bloß den Kopf ob des ganzen Schmelzkäses, der da von Lewis' Worten tropfte.
      "Also flirten kannst du schonmal nicht," erwiderte Santi und reichte dem Streuner seinen Helm.
      "Wo geht's hin?" fragte Lewis.
      "Hirnzellen hast du also auch keine mehr? Vor einer halben Stunde wolltest du noch ins Crypt."
      Santi drückte den Kickstart durch und ließ seine Maschine aufheulen, anstatt Lewis antworten zu lassen. Das Crypt war eine gute Option. Nicht nur gab es da viel zu viele Leute, um irgendwas zu starten - Santi kannte die Leute auch. Sollten diese europäischen Söldner auf die Idee kommen, sie noch einmal angreifen zu wollen, dann hatte Santi eine Armee im Rücken, die ihm helfen konnte.

      Santi schlängelte sich mit der gleichen Präzision durch das Crypt, mit der er sich vor ein paar Minuten noch durch den abendlichen verkehr New Yorks geschlängelt hatte. Er zog Lewis an der Hand hinter sich her. Wie auch schon beim letzten Mal war der Streuner mit ihm hier, was bedeutete, dass man ihm den Rücken genauso freihalten würde wie Santi.
      Oben im Restaurant angekommen, grinste Trixie sie gleich an und brachte sie zu einem freien Tisch.
      "Muss ja was ernstes sein, wenn Santi dich mehr als einmal mitbringt," scherzte sie, als sie ihnen die Karten reichte.
      Heute waren ihre Haare neon-orange. Sie sah nie wie eine Kellnerin aus, sondern stets so, als wäre sie auf dem Weg zu einem richtig guten Rave. Aber der kleinen Frau stand es irgendwie.
      "Wir haben auch schon mehr als einmal zusammen gegessen, Trix," erinnerte Santi sie.
      "Ja. Und wir hatten eine richtig heiße Romanze dazu."
      Mit einem überzogenen Zwinkern ließ Trixie die beiden Männer allein. Santi sah ihr mit einem Kopfschütteln und einem Lächeln hinterher.


    • Lewis ließ sich höchst vergnügt von Santi ins Crypt und dann auch noch durch die Menge hindurch leiten. Sie bekamen einen freien Tisch im Restaurant, wie schon beim letzten Mal, und wie beim letzten Mal war auch Trixie wieder da. Ihre Haarfarbe schien jetzt in der Düsternis zu leuchten und ihr eigenes Licht zu verströmen. Lewis fand das cool.
      "Muss ja was ernstes sein, wenn Santi dich mehr als einmal mitbringt."
      "Das will ich doch hoffen. Sonst war all meine Mühe bisher umsonst."
      Er grinste erst Trixie, dann seinen Freund an, der ihn vorhin noch einen Flirt-Banausen genannt und dafür jetzt eben mit den Konsequenzen zu leben hatte. Lewis und schlecht flirten? Bestimmt nicht!
      "Wir haben auch schon mehr als einmal zusammen gegessen, Trix", konterte Santiago dafür gleich. Lewis zog die Augenbraue hoch.
      "Ja. Und wir hatten eine richtig heiße Romanze dazu."
      "Ohne mich? Man, jetzt muss ich euch gleich eine Szene machen."
      Er bestellte sich bei ihr gleich einen Cocktail, bevor Trixie grinsend wieder abzog. Da lehnte Lewis ein Stück nach vorne.
      "Es sind die Haare, oder? Ich dachte mir schon, dass blond out ist. Vielleicht sollte ich mir rot besorgen, dann gehen wir im Partnerlook. Oder blau? Steht mir blau?"
      Er schüttelte seine Haare wie zur Demonstration. Sie landeten in einem anderen, genauso unordentlichen Chaos.
      "Ich mach das aber nicht selber. Hey, Trixie", er nahm seinen Cocktail, als sie ihn ihm brachte, "Färbst du mir die Haare für ein extra Trinkgeld? Irgendwas, was ihm dort gefällt. Ich muss einen Mann beeindrucken."
      Er wackelte mit den Augenbrauen. Nicht, dass es heute passieren würde; dafür müsste er die Kellnerin mal wannanders abpassen. Unwahrscheinlich, solange er nicht ohne Santiago hier hereinkam.
      Er wartete darauf, dass sie wieder außer Hörweite war, bevor er sich wieder Santiago zuwandte.
      "Man, bei mir wurde eingebrochen. Kannst du dir das vorstellen? Da ist man mal eine Woche nicht Zuhause und dann sowas. Was wollen sie bei mir denn auch finden? Etwa die Goldbarren der Federal?"
      Er schüttelte den Kopf.
      "Sogar meine Anlage haben sie zerlegt. Ich weiß gar nicht, ob ich die reparieren kann. Ich habe keinerlei Talent, was Technik angeht."
    • "Mit deinen Haaren ist alles in Ordnung," gab Santi zurück.
      Er lehnte sich über den Tisch nach vorn und schob eine Hand durch die Mähne des Streuners, brachte wenigstens ein bisschen Form in das allgegenwärtige Chaos.
      "Ich mag deine Haare genau so, wie sie sind."
      Er wickelte sich eine dicke Strähne um die Finger. Dann packte er zu und zog leicht daran, ein vielsagendes Lächeln auf den Lippen.
      "Ist gut für die Hebelwirkung," raunte er.
      Er ließ Lewis wieder los und sank gegen die Lehne seines Sessel-Stuhls, als sei überhaupt nichts passiert, als Trixie mit ihren Cocktails angetanzt kam.
      "Süßer, Farbe wird das Vogelnest da oben nicht retten," kommentierte sie. "Lern erstmal, deine Haare zu stylen, bevor wir da Farbe reinmachen. Damit sammelst du sowieso viel mehr Punkte bei unserem gruseligen Freund."
      Sie neckte Santi kurz mit dem Ellenbogen. Der nickte bloß ob ihrer Worte. Er war zwar nicht unbedingt ein Snob, aber er kümmerte sich eben gern um seine Haare. Damit konnte man gut die Zeit totschlagen, wenn man sich selbst im eigenen Apartment einschloss, weil man Angst davor hatte, dass der eigene Hairstylist einem die Schere in den Hals rammte.
      "Ich nehm das Übliche," bestellte Santi bei Trixie.
      "Bist du dir sicher, Sweetie? Das Tagesspecial könnte dir gefallen?"
      Santi hob die Augenbrauen und sah sich besagtes Special an.
      "Ihr habt Salsa de Semillas?" fragte er erstaunt und Trixie nickte.
      "Und gut ist das Zeug auch noch," versicherte sie.
      "Dann nehme ich wohl das Flanksteak mit Spargel und Salsa de Semillas."
      Trixie nickte grinsend und nahm auch noch Lewis' Bestellung auf, bevor sie wieder davon tänzelte.
      Als sich Lewis geradezu verschwörerisch nach vorn lehnte, tat Santi es ihm gleich.
      "Bei mir wurde eingebrochen."
      Sämtliche Alarmglocken in Santis Kopf begannen, loszuheulen. Er war klar genug im Kopf, um zu wissen, dass die Verbindung, die er zwischen diesem Einbruch und der Verfolgungsjagd zog, nicht auf seiner schwachsinnigen Paranoia beruhte. Die Sache war ernster, als er gedacht hatte. Naja, eigentlich war sie genauso ernst, wie er erwartet hatte. Nur hatte er gehofft, mehr Zeit zu haben.
      "Deine Anlage ist unser geringstes Problem, fürchte ich."
      Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und ließ dabei seinen Blick unauffällig durch das Restaurant gleiten. Sie wurden nicht aktiv beobachtet, das war gut.
      "Das war kein normaler Einbruch, die haben nicht nach irgendwas gesucht. Die haben nach jemandem gesucht. Nach dir. Die Frage ist nur, warum."
      Santi seufzte.
      "Ich war heute bei Diego, um mir ein paar Infos über unsere Freunde von letzter Woche abzuholen. Viel war's nicht, aber trotzdem genug, um mich nervös zu machen, jetzt wo ich weiß, dass bei dir eingebrochen wurde. Alles deutet darauf hin, dass unsere Freunde aus Europa kommen. Und sie sind nicht zum Urlaub machen hier. Sowas ist teuer. Du und dein Bruder, arbeitet ihr mit irgendwem in Europa zusammen? Habt ihr jemandem ans Bein gepinkelt, der sich was Privates aus Europa und deren Verschiffung hier her leisten kann? Was ist mit dem Truck? Der Inhalt hat doch jemandem gehört."
      Die Sache wurde heikler und heikler. Santi war durchaus bewusst, dass sie beide überhaupt nur noch am Leben waren, weil er sich mit solchen Jobs auskannte und wusste, wie diese Kerle vorgingen. Er konnte entsprechende Gegenmaßnahmen treffen. Aber selbst er war machtlos gegen eine Privatarmee.


    • "Das war kein normaler Einbruch, die haben nicht nach irgendwas gesucht. Die haben nach jemandem gesucht. Nach dir. Die Frage ist nur, warum."
      Lewis starrte Santiago ungläubig an. Er hatte seinem Freund nur davon erzählt, weil er seinen Ärger irgendwo ablassen und sich vielleicht ein bisschen darüber aufregen wollte, was für ein Pissloch diese Stadt manchmal sein konnte. Er hätte niemals gedacht, dass der andere es so ernst nahm.
      Oder in Verbindung mit ihrer Verfolgungsjagd brachte. Das waren doch zwei völlig unterschiedliche Dinge - nicht?
      "Warum sollten sie denn nach mir suchen? Ich hab nichts wertvolles, ich weiß nichts wertvolles. Jeder, der mich durch meine Firma kennt, weiß, dass ich nur der Schnorrer der Familie bin, der sich an seinem Erbe satt frisst. Jeder, der mich von den Clubs kennt, weiß, dass ich den ganzen Tag nur feier und mich zudröhn. Ich bin nicht unbedingt der Typ, der irgendwas interessantes verspricht. Und sonst -"
      Sonst, wollte er gerade sagen, kannte ihn doch niemand von irgendwo anders. Aber das wollte er gerade ausgerechnet dem Mann sagen, der ihn von irgendwo anders kannte. Aber die Jobs waren vorbei, aus, beendet, und auch wenn ihr letztes Treffen nicht gerade friedlich abgegangen war, schätzte er niemanden ihrer Truppe als besonders nachtragend ein. Warum auch? Beim ersten Job hatten sie alle dasselbe bekommen und beim zweiten auch - nämlich gar nichts.
      Das passte doch nicht zusammen. Oder?
      "Ich war heute bei Diego, um mir ein paar Infos über unsere Freunde von letzter Woche abzuholen. Viel war's nicht, aber trotzdem genug, um mich nervös zu machen, jetzt wo ich weiß, dass bei dir eingebrochen wurde. Alles deutet darauf hin, dass unsere Freunde aus Europa kommen. Und sie sind nicht zum Urlaub machen hier. Sowas ist teuer. Du und dein Bruder, arbeitet ihr mit irgendwem in Europa zusammen? Habt ihr jemandem ans Bein gepinkelt, der sich was Privates aus Europa und deren Verschiffung hier her leisten kann? Was ist mit dem Truck? Der Inhalt hat doch jemandem gehört."
      Irgendwie machte ihn das jetzt auch nervös. Er zog einen Joint heraus und knipste ihn sich an.
      "Europa ist eine Hausnummer. Wir haben nur Schiffe, die rübergehen, und handeln nur intern. Unsere Auftraggeber sitzen alle im Raum New York und heuern selbst die Europäer an. Vergiss nicht, dass wir nur den Weg sicherstellen, alles andere interessiert uns nicht. Wenn uns jemand anheuert, handeln wir genau aus, wann wir die Ware wo an wen übergeben und von diesem Jemand haben wir nicht den blassesten Schimmer, um wen es sich handelt. Diskretion, du weißt schon. Wenn was schief läuft, ist es die Verantwortung des New Yorkers, weil er uns angeheuert hat. Wenn die Europäer also sauer werden, würden sie sich an ihn wenden und er sich dann an uns. Ein New Yorker würde aber doch keine Europäer anheuern, um irgendwas für ihn in New York zu erledigen. Oder?"
      Zum ersten Mal bereute er es ein bisschen, nicht mehr in der Firma aufzupassen. Sein Bruder hätte Santiago sicher viel bessere Antworten geben können, aber der hatte schon genug mit dem explodierten Truck zu tun.
      Er zog an seinem Joint und blies den Rauch auf die Tischplatte.
      "Der Truck war... das ist komplizierter. Wir arbeiten für..."
      Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
      "Man, das darf ich dir echt nicht sagen, mein Bruder wird mich umbringen. Aber lieber mein Bruder als die Europäer schätz ich. Die Ladung gehörte dem Sinaloa in Mexiko. Die haben noch andere Wege, weil wir erst durch Bryce empfohlen wurden, deswegen haben wir auch nur einen "kleinen" Schaden gemacht."
      Das Sinaloa-Kartell war das mächtigste Drogenhaus in ganz Mexiko, wenn nicht sogar in der ganzen Welt. Sie exportierten rund 20 Tonnen Koks im Jahr, von dem längst nicht alles über International Crossroads versandt wurde. Dafür war der Vertrag zu frisch.
      "20 Pfund, verteilt auf die Statuen, die da überall standen. Jay sagt, sie sind angepisst, aber die Mexikaner machen keinen Umweg über Europa und erst recht nicht über irgendwelche aufwendigen Verfolgungsjagden. Sie würden ins Büro kommen und uns einfach abknallen. Außerdem hätten sie es doch dann auf Jay abgesehen, nicht? Er ist derjenige, den Bryce kontaktiert hat, und er hat sich auch mit ihnen getroffen, ich war nicht dabei. Die wissen nicht mehr von mir, als dass ich der zweite Vorstand bin und dasselbe Blut wie mein Bruder hab. Das wäre doch zu lasch für so viel Aufwand."
      Er zog nochmal an seinem Joint.
      "Wieso überhaupt in meine Wohnung einbrechen? Sie könnten mich doch einfach im nächsten Club abpassen, wenn sie es auf mich abgesehen hätten. Ist ja nicht so, dass ich es besonders geheim halte, wenn ich nachts rausgehe."
    • Santi war hergekommen, um einen netten Abend mit Lewis zu verbringen. Stattdessen saß er jetzt hier und arbeitete, während er auf sein Essen wartete. Denn was war es, wofür man ihn anheuerte. Gefahreneinschätzung und -abwehr. Nur war er dabei eigentlich nicht sein eigener Klient.
      "Es würde in den Stil der Mexikaner passen," dachte er laut nach. "Den nächsten Verwandten, den Partner, den besten Freund, einzupacken und als Geisel zu nehmen. So fordern die gern ihr Geld zurück. Du warst die ganze letzte Woche nicht auffindbar, vergiss das nicht. Vielleicht waren sie in deinen Stammlokalen. Es ist sogar ziemlich sicher, dass sie da waren. Aber du hast recht: die Mexikaner heuern keine Europäer an. Das wäre schwachsinnig. Camorra, Cosa Nostra, `Ndrangheta, Bratwa... mit denen will man sich nicht anlegen und die kein einziges Kartell in Mexico wäre dumm genug, das zu machen. Die Mexikaner - gerade die Sinaloas - haben genug eigene Leute für sowas. Mann nennt es nicht umsonst Drogenkrieg. Die haben besser aufgestellte Armeen als manch eine Nation."
      Santiago lehnte seinen Kopf nach links und nach rechts, ließ seine Nackenwirbel knacken. Gedankenverloren drehte er sein Glas hin und her, während er für einen langen Moment die Tischplatte anstarrte. Er konnte eine Verbindung durch Lewis und Jay ausschließen. Er konnte eine Verbindung durch sich selbst auch ausschließen - zwar war er ein gesuchter Mann, aber niemand würde dafür europäische Privatanbieter in die USA verfrachten. Es musste also einen dritten Ansatzpunkt geben, den er noch nicht gefunden hatte - oder beweisen konnte.
      "Du solltest dich eine Weile von deinem Standard fernhalten," meinte er schließlich. "Normalerweise würde ich empfehlen, in öffentlichen Räumen zu bleiben, aber das dürfte deiner Magie nicht gefallen. Also empfehle ich dir, deine Routine aufzugeben und bei deinem Bruder zu bleiben. Oder bei mir. Irgendwo, wo dir jemand helfen kann, schnell zu verschwinden, wenn was passiert. Ich hoffe, dass ich mich bald mit einem Kontakt treffen kann, der mir zumindest mehr über diese Typen erzählen kann, die da auf uns angesetzt wurden. Bis dahin müssen wir die Füße still und die Köpfe eingezogen halten. Ich weiß, dass du drauf stehst, gefesselt zu sein und festgehalten zu werden, aber ich werde dir trotzdem beibringen, sich aus den meisten Griffen zu befreien. Nur für den Fall."
      Das war nicht unbedingt, wie sich Santi seine Zeit mit Lewis vorgestellt hatte, aber er würde den Teufel tun und diesen Kampfhunden ein einfaches Leckerli hinwerfen. Santi konnte auf sich selbst aufpassen. Lewis brauchte Hilfe. So einfach war das.
      "Lehn dich in dein Image als Schmarotzer," empfiehl er. "Zeig der Öffentlichkeit so wenig wie möglich von dir, aber wenn du was zeigen musst, dann stell dich selbst als so inkompetent wie möglich dar. Das ist keine Beleidigung, das ist dein Schutzschild. Nutze ihn."


    • Lewis stieß ein lautes, geradezu theatralisches Stöhnen aus.
      "Man, ich bin gern bei dir, echt gern, aber ich kann nicht die ganze Zeit in der Bude hocken. Da werd' ich noch wahnsinnig. Kann ich nicht einfach... weiß nicht. In andere Clubs gehen? Kannst du mir nicht einen Passagierschein fürs Crypt besorgen? Hier ist es doch bestimmt sicher."
      Er versuchte sich an einem halben Lächeln. Die Vorstellung, die nächsten Tage auch noch in diesem Quarantäne-ähnlichen Zustand wie bisher zu verbringen, war furchtbar. Lewis musste raus, an die frische Luft, sich unter Leute mischen, Alkohol trinken, das Leben genießen, sonst würde er noch eingehen. Er war einfach nicht gemacht für einen so zurückgezogenen Lebensstil, wie ihn Santiago hatte.
      "Ich weiß, dass du drauf stehst, gefesselt zu sein und festgehalten zu werden, aber ich werde dir trotzdem beibringen, sich aus den meisten Griffen zu befreien. Nur für den Fall."
      "Das halt ich noch aus. Machen wir ein Lehrer-Schüler-Szenario draus?"
      Aber zum Spaßen war er nicht unbedingt noch aufgelegt. Ihm war die ganze Sache jetzt auch nicht mehr wirklich noch geheuer.
      "Zeig der Öffentlichkeit so wenig wie möglich von dir, aber wenn du was zeigen musst, dann stell dich selbst als so inkompetent wie möglich dar. Das ist keine Beleidigung, das ist dein Schutzschild. Nutze ihn."
      "Oh, ich seh das nicht als Beleidigung. Das kann ich wirklich."
      Er hob seinen Joint an, wie um Santiago zuzuprosten.
      "Ich bin genug unter Junkies, um selbst wie einer auszusehen. Damit hab ich keine Probleme."
      Aber ob ihn das davor schützen würde, von irgendwelchen Auftragsmännern umgenietet zu werden? Daran zweifelte Lewis selbst mit der Aussicht, von Santiago einen Selbstverteidigungskurs zu bekommen.

      Nach dem Essen bestand er darauf, noch in den Keller zur Musik zu gehen. Sie beide waren zwar nicht unbedingt bei bester Laune nach solchen Neuigkeiten, aber umso wichtiger war es da, wenigstens für einen Abend loszulassen. Sie tanzten, tranken Shots und diesmal verzichtete Lewis auf andere Drogen. Es war ihm gut genug, bei Santiago zu sein, die Stimmung zu genießen und wenigstens für ein paar Stunden nicht daran denken zu müssen, was ihn Zuhause erwarten könnte, wenn er in der nächsten Zeit wieder dorthin zurückkehren würde.
      Wenn.
    • "Ich schätze, deine Haarkur muss noch ein wenig warten, wenn du dich als Junkie tarnen willst."
      Santi schenkte dem Streuner ein schiefes Lächeln. Er hatte hier den Teufel an die Wand gemalt - und die Gefahr war durchaus real - aber Santi wusste auch, dass der Angriff auf sie beide laut und schlampig gewesen war. Sie beide waren nicht die einzigen, die gerade unter dem Radar fliegen mussten. Die Europäer waren sicherlich legal eingereist und mussten demnach ihre eigenen Stories aufrechterhalten - Ermittlungen wegen einer Verfolgungsjagt und Schießerei mitten in New York konnten sie sogar noch weniger gebrauchen, als Santi und Lewis.
      "Sei einfach ein bisschen vorsichtiger, wenn du das Haus verlässt. Kein Grund, sich in Isolationshaft zu begeben. Geh in keinen Club mehr als zweimal, und niemals direkt hintereinander, lass jemand anderen dein Gras holen, bestell kein Essen zu dir nach Hause. Das sollte reichen."
      Er zuckte mit seiner gesunden Schulter (mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, seinen verletzten Arm zu schonen). Dann kam auch schon Trixie mit ihrem Essen angerannt.

      Nach dem Essen ließ sich Santi von Lewis mit in den Keller zerren. Er wehrte sich nicht besonders dagegen. Nach ein bisschen hin und her ließ sich Santi sogar dazu überreden, ein paar Shots mit Lewis zu kippen - was die Heimfahrt ausschloss. Santi war gut in dem, was er tat, aber selbst er konnte nicht geradeaus fahren, wenn er ein paar Shots intus hatte. Und dabei hatte er extra einen Virgin Cocktail zum Abendessen getrunken.
      Irgendwann packte er die Schwarzlichtfarben wieder aus, die er extra bei sich zusammen mit dem Helm eingesammelt hatte. Während Lewis mit den Tattoos direkt über seiner Gürtellinie beschäftigt war, schmierte sich Santi recht unelegant irgendeine der Farben auf die Lippen. Er packte Lewis am Hinterkopf und und zerrte seinen Kopf zur Seite, sodass den Nacken des Streuners küssen konnte - und damit sehr deutliche Spuren auf ihm hinterließ. Als er den Kopf wieder hob, grinste er breit mit seinen noch immer im Dunkeln leuchtenden Lippen. Um irgendwelche europäischen Profikiller konnte er sich auch morgen noch Gedanken machen.


    • Sobald klar war, dass Santiago nicht mehr fahren würde, drängte ihm Lewis ein paar Gläser mehr auf und dann hatten sie auch schon größtenteils vergessen, was außerhalb ihrer kleinen Welt aus dröhnendem Bass, schallender Musik und fließendem Alkohol vor sich ging. Zu Lewis' absoluter Begeisterung hatte der Mann auch dieses Mal seine Farben dabei und so konnte er sich wieder über seinen Körper hermachen. Der Reiz der ganzen Aktion war keineswegs verloren; Lewis kicherte und lachte und gab hirnlose Sprüche von sich, während er sich auf Santiago verewigte. Er mochte das, sehr sogar. Im Gegenzug bekam er einen dicken Schmatzer auf den Nacken und vergolt es damit, die leuchtende Farbe von Santiagos Lippen küssen zu wollen. Sie waren betrunken, verschwitzt und viel zu geil aufeinander. Lewis hätte sich keinen besseren Abend vorstellen können.
      Wie schon beim letzten Mal im Crypt zogen sie hinterher auch ins selbe Hotel und weihten das Bett ähnlich intensiv ein wie schon beim letzten Mal. Angesichts ihrer Beziehung und ihren bisherigen Eskapaden fühlte es sich schmutzig und verboten an, weshalb Lewis es umso mehr genoss. Diesmal kuschelte er sich gleich an Santiago beim Einschlafen und diesmal versuchte der andere auch nicht, ihm einen Blowjob zu geben, den er gar nicht haben wollte. Sie genossen ihre Zeit zusammen nach höchstem Maß.

      Einen Tag darauf stand er in Jaydens geräumigem Wohnzimmer und sah sich um.
      "Du kannst auf der Couch pennen."
      "Wow, wie großzügig. Wann wurde die das letzte Mal benutzt? Hast du sie sauber gemacht?"
      Sein Bruder sah ihn unbeeindruckt an.
      "Ich bin nicht du. Die Couch ist sauber."
      "Richtig. Du bist langweilig."
      Jay schüttelte den Kopf und ging ihm Bettwäsche holen.
      "Erklär mir das nochmal mit den Typen und warum du nicht nachhause solltest."
      "Naja, entweder es ist jemand von uns wegen dem Truck, oder von irgendwo anders wegen irgendwas anderem. Aber bei mir wurde eingebrochen und mein Freund meinte, ich soll ein bisschen vorsichtiger sein. Ich muss sie immerhin nicht dazu einladen, mich zu überfallen."
      "Dein Freund, ja, stimmt. Und der weiß das so genau, weil?"
      Darauf wusste Lewis im ersten Moment keine Antwort.
      "Der hat eben Kontakte. Außerdem weiß er gar nichts, es sind nur Vermutungen."
      Jay sah ihn wieder an und seufzte.
      "Das sind harte Vermutungen. Wenn es wirklich so ist, wie du sagst, dann solltest du nirgends mehr alleine hingehen. Ich kann dir jemanden zur Verfügung stellen, das Geld dafür haben wir ja. Und ich will, dass du deinen Standort aktiv lässt. Wir laden den auf unseren Server hoch, dann weiß man immer, wo du steckst."
      Lewis stöhnte. Das war ja fast noch schlimmer als bei Santiago.
      "Man, ich bin keine 12. Behandelt mich nicht alle wie ein Kind."
      "Lass dich nicht behandeln wie eins und gut ist. Wann hast du das letzte Mal Schießübungen gemacht?"
      "Keine Ahnung. Vor drei Jahren?"
      Jay glotzte ihn dümmlich an.
      "Hast du deine Knarre nicht bei dir?"
      "Nein. Die liegt Zuhause im Nachttisch."
      Jay schnaubte.
      "Ach. Und was macht sie da?"
      "Liegen."
      "Sehr hilfreich für dich."
      "Man kommt nunmal nicht in die Clubs mit einer Pistole, Jay", entgegnete Lewis trocken.
      "Dann geh in keine Clubs, bis das nicht vorbei ist. Ich besorg dir eine andere Knarre, aber trag sie auch bei dir."
      Damit standen die nächsten Tage Schießübungen bei Jay und Selbstverteidigung bei Santiago an. Lewis konnte nicht sagen, dass ihm das sonderlich Spaß bereiten würde. Es fühlte sich eher so an, als würde man ihn darauf vorbereiten, jetzt erst recht in Ärger zu geraten.