Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Santi sah auf, als Lewis zu ihm rutschte und ihm den Arm um den Hals legte. Es machte dem Streuner nichts aus? Wirklich nicht?
      Er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen und senkte den Blick wieder auf die Mullbinde, die er in der Hand hielt, in dem kläglichen Versuch zu verbergen, dass er doch tatsächlich ein bisschen rot wurde. Seine Wangen waren ganz warm, genauso wie seine Brust.
      "Gilt für mich auch. Nichtmal mein Zimmergenosse auf dem College hat es so lange mit mir ausgehalten," gab er beinahe kleinlaut zurück.
      Er lehnte sich in die sanfte Berührung, erlaubte sich den Kontakt. Lewis war nicht nur die erste Person, die es so lange mit ihm aushielt, er war auch der erste, der keine Problem damit hatte, ihn anzufassen - und Santi hatte kein Problem damit, von ihm angefasst zu werden. Normalerweise war er kein Fan davon, einfach nur wegen der Reaktionen, die die meisten Leute auf eine solche Berührung hatten. Aber mit Lewis war es irgendwie anders. Santi mochte das. Er mochte es sogar sehr.
      "Deal."
      Er hielt Lewis die Rolle Verband hin.
      "Hilfe?" fragte er lächelnd.

      Es stellte sich heraus, dass Santi nicht nur gute Arbeit mit der Naht erledigt hatte, sondern auch mit dem Saubermachen davor. Die Wunde sah zwar noch immer gemein aus (und fühlte sich auch so an) aber sie war sauber und nur so weit gerötet, wie Santi es erwartet hatte. Er musste sich also keine Sorge um irgendwelche Entzündungen oder Infektionen machen. Das war gut, denn ins Krankenhaus wollte er damit wirklich nicht.
      Mit Lewis' Hilfe verband er seinen Arm neu, dann war es an der Zeit, die Rollen wieder zu wechseln. Lewis parkte seinen Hintern wieder vor dem Fernseher, während Santi aufräumte. Während Lewis Nachrichten guckte, stellte Santi seine eigenen Nachforschungen im Darknet an, um ihren Verfolgern von gestern auf die Spur zu kommen. Viel fand er nicht. Eigentlich fand er gar nichts. Aber er legte ein paar Eisen ins Feuer und schrieb Kontakte an, die ihm vielleicht ein paar Insider Informationen der polizeilichen Ermittlungen zu der ganzen Sache geben könnten. Das brauchte allerdings Zeit.
      Nach ungefähr einer Stunde rutschte er hinter Lewis, schlang die Arme um ihn und legte seinen Kopf auf Lewis' Schulter. Er küsste ihn auf genau die Stellen, die er vorhin mit seinen Zähnen malträtiert hatte. Nach nur einer Stunde konnte man schon sehen, dass das ordentliche Spuren hinterlassen hatte. Morgen wären das ein paar nette blaue Flecke. Santi grinste.
      "Hey," meinte er und küsste Lewis' Hals. "Zeit für eine Pause."
      Er biss Lewis sanft ins Ohrläppchen. Dann griff er nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher wieder aus, damit für Lewis keine weiteren Bäume entstehen konnten.
      "Wie lange lässt dich dein Bruder das machen?" fragte er. "Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass er das nur einen Tag lang von dir haben will."


    • Hatte Lewis sich das eingebildet, oder hatte Santiagos Kopf wirklich ein wenig die Farbe seiner Haare angenommen? Das sah ja zum Anbeißen aus! Nach all den Wochen schaffte der Mann es irgendwie, Lewis trotzdem noch zu überraschen.
      Er grinste breit und zerstörte ihm die Frisur.
      "Ich bin auch nicht dein Zimmergenosse, auch wenn ich's gerne gewesen wäre. Vergiss das nicht."
      Das schien ihn schlussendlich aufzulockern und er hielt Lewis den Verband mit einem Lächeln her.
      "Hilfe?"
      "Für dich doch immer, Santi-Baby."

      Er half ihm, die Wunde zu verbinden, die für eine Streifwunde gar nicht mal so schlecht aussah, danach setzte er sich wieder vor den Fernseher. Er verabschiedete sich von Santiago mit einem Kuss, denn in der nächsten Stunde entschwand er wieder in einem Film, der ihm die Zukunft der nächsten Tage offenbarte. Das meiste war nichts neues und es gab unheimlich viele Wiederholungen dessen, was Lewis schon längst wusste, was ihm aber trotzdem noch einmal gezeigt wurde. Er hielt es durch und suchte nach Neuem, filterte nach Brauchbarem und konzentrierte sich aufs Relevante. Seine Kopfschmerzen kamen und solange er sie aktiv wahrnahm, war auch alles im Lot. Diesmal driftete er auch nicht schon wieder ab, was womöglich daran liegen konnte, dass er eine sehr eindrückliche Pause gehabt hatte und sich mehr als geerdet fühlte. Trotzdem blinzelte er ein paar Mal, als er einen dumpfen Schmerz in der Schulter und dann Lippen auf seinem Hals spürte.
      "Hey. Zeit für eine Pause."
      Er spürte einen Biss in seinem Ohrläppchen, worüber er lächeln musste. Das hier war sehr viel angenehmer als im Büro zu arbeiten. Er könnte sich schon fast daran gewöhnen, von einem hübschen Mann aus seiner Magie geholt zu werden.
      Kurz darauf verschwand das hintergründliche Bild vom Fernseher und er rieb sich ein paar Mal seine juckenden Augen, während die Bäume bereits stagnierten. Sein Schädel pochte, aber nicht sehr viel. Es würde schon besser werden - irgendwann wurde es immer besser.
      "Wie lange lässt dich dein Bruder das machen? Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass er das nur einen Tag lang von dir haben will."
      "Mal mindestens bis... bis sie zu dem Hersteller kommen, denke ich. Dann wird er vermutlich darauf bestehen, dass ich rechtzeitig hinfahr, um die Ermittlung zu beobachten. Und wenn alles gut läuft, kann ich danach wieder langsamer machen."
      Er lehnte sich nach hinten gegen Santiagos Körper, dann streckte er sich lang und ausgiebig.
      "Also sicher noch fünf Tage."
      Er drehte sich zu Santiago um und sah ihm ins Gesicht, wobei seine Pupillen direkt an ihm vorbei sprangen. Noch konnte er einen Klecks von roten Haaren zwischen seinen Bäumen erkennen, aber es würde besser werden, das tat es immer.
      "Tut mir echt leid, ich bin vermutlich kein sehr unterhaltsamer Zimmergenosse. Wie wär's, wenn du heute Abend irgendwas, äh, nicht-kochendes machst und ich helf dir beim Schneiden oder so? Das krieg ich ja wohl noch hin."
    • "Damit willst du echt die nächste Woche verbringen?"
      Das musste unsagbar anstrengend für Lewis sein. Santi würde sich etwas einfallen lassen müssen, um dem Streuner diese Zeit ein bisschen angenehmer zu gestalten. Er konnte ihn ja nicht im Stundentakt durchvögeln. Nicht ausschließlich zumindest.
      "Du bist unterhaltsamer als meine sonstigen Gäste," kommentierte Santi schlicht und sah zu seinen vielen Zimmerpflanzen hinüber, die sich gerade nach der Nachmittagssonne streckten.
      Lächelnd klaute sich Santi einen schnellen Kuss von Lewis.
      "Du darfst auch gern mitkochen. Ich bin kein Tyrann in der Küche."
      Der nächste Kuss war länger, tiefer, weil Santi bemerkte, wie unfokussiert Lewis' Blick noch immer war. Noch eine Stunde würde er dem Streuner nicht geben. Der war doch jetzt schon fertig. Nein, morgen würde Santi ihn die Nachrichten am Morgen und die Abendnachrichten gucken lassen und das war's dann. Sollte sich sein Bruder doch beschweren kommen.
      Santi schob seine Hände in Lewis' Haare und begann, ihn sanft zu kraulen. Doch aus dieser sanften Behandlung wurde schnell eine ausgewachsene Kopfmassage, weil sich Santi daran erinnerte, wie der Streuner das letzte Mal darauf reagiert hatte - und ihm selbst diese Reaktion mehr als gefallen hatte. Je mehr Zeit er mit Lewis verbrachte, desto mehr wurde Santi klar, dass er sich gern um jemanden kümmerte. Nicht in dem Sinne, den seine Arbeit früher beinhaltet hatte, sondern das hier. Er wollte dafür sorgen, dass es Lewis gut ging und es gefiel ihm, wenn es ihm gut ging, wenn er glücklich war.
      "Ich hab letzte Nacht Hähnchen eingelegt," meinte er unverbindlich. "Ich weiß nicht, wie gut du mit scharfem Essen klarkommst, deswegen habe ich mich da ein bisschen zurückgehalten."
      Seine Hände wanderten von Lewis Kopf zu dessen Nacken, den er nun ebenfalls ordentlich massierte. Nach ein paar Minuten wanderten seine Hände gleich weiter zu Lewis' Schultern.
      "Brauchst du Gras für deine kleine Nachrichten-Sache hier? Nur damit ich genug im Haus habe."
      Es war so seltsam, einfach nur langweiligen Smalltalk zu machen. Lewis hatte ihm mal gesagt, dass er kein Fan von Smalltalk war, aber solange sich der Streuner nicht beschwerte, ließ sich Santi diese kleine Sache nicht nehmen. Neben seinen Eltern unterhielt er sich nur selten mit Leuten. Die meisten machten ja schon einen Bogen um ihn, wenn sie ihn nur sahen - seltsame Aura hin oder her. Er war ein großer Mann voller Tattoos, das war schon von allein einschüchternd. So seltsam es auch war, all diese sonst so normalen Erfahrungen zu machen, Santi genoss es. Lewis war die erste Person, die ihm ein Stück Normalität schenkte. Es faszinierte Santi fast schon, wie sehr ihm das gefiel.


    • Lewis verstand für einen Augenblick nicht, was Santiago mit seinen “sonstigen Gästen” meinte, nachdem er nicht sehen konnte, wo der Mann hinsah. Aber er kannte seine Wohnung und als es ihm klar wurde, lachte er laut auf.
      Hah! Wow. Echt? Du kannst ja so charmant sein, wenn du das willst.
      Er lachte wieder und ließ sich dann mit einem Kuss zum Schweigen bringen.
      “Du kannst auch gern mitkochen. Ich bin kein Tyrann in der Küche.”
      Aber meine Magie.
      Lewis grinste und tippte sich gegen die Schläfe.
      Und wegen kochendem Wasser oder bratendem Fleisch Kopfschmerzen zu kriegen, ist irgendwie unter meiner Würde. Wegen Bullen - okay. Wegen Wasser? Komm schon, man. Wie würde das denn auf meinem Grabstein aussehen?
      Er kicherte noch einmal. Santiago musste das Argument einsehen, dann hakte er es ab und legte Lewis die Hände an die Wangen. Der drehte sich extra ganz um, kroch ein wenig herauf und fand eine gemütliche Position, wo er Santiago küssen konnte - lange, tief, eindringlich. Seine Augen blieben offen, weil er sich jetzt auf Santiagos Gesicht konzentrierte, auf diese schöne Bernsteinfarbe in seinen Augen, die sich unter all den Knoten gut erkennen ließ. Seine Aufmerksamkeit lag aber auf dem Kuss, auf den Lippen, die sich fast sanft gegen seine bewegten. Er richtete sich noch ein bisschen mehr auf, schmiegte sich an den Mann, legte die Arme um seinen Hals und hielt ihn an sich. Irgendwann schloss er doch die Augen und genoss in vollsten Zügen, was sie hier hatten, was sie hier taten. Es war ein so vollständiger Kontrast zu dem harten Sex, den sie vor zwei Stunden noch gehabt hatten, und das machte es so schön, so einzigartig. Santiago konnte ihn an den Haaren reißen und ihm blaue Flecken verpassen, er konnte ihn aber auch auf seinem Schoß halten und ganz weich küssen, bis Lewis nicht mehr so sehr von einen Bäumen abgelenkt war. Ihm gefiel beides, beide Santiagos, und als ob das allein nicht schon erstaunlich genug für ihn gewesen wäre, war er sich auch in Momenten wie diesen nicht sicher, welchen von beiden er lieber hatte.
      Dann schob Santiago die Finger durch seine Haare und Lewis entschied sich schlagartig dazu, dass er diesen Santiago absolut am liebsten hatte. Er zog die Beine an, bis er auf seinem Schoß ordentlich zu sitzen kam, dann legte er den Kopf auf Santiagos Schulter ab. Die kräftigen Finger bewirkten wahre Wunder, wie sie in Kreisbewegungen auf seine Kopfhaut drückten, hinter der es noch immer pochte und stach. Sie waren nicht zu fest und auch nicht zu weich, sie waren gerade genug, dass sie den Schmerz unter sich begruben. Lewis mochte es unglaublich gern. Er gab eine Reihe von zufriedenen Seufzern und wohligen Brummern von sich und wurde in Santiagos Armen weich wie Butter.
      "Ich hab letzte Nacht Hähnchen eingelegt. Ich weiß nicht, wie gut du mit scharfem Essen klarkommst, deswegen habe ich mich da ein bisschen zurückgehalten."
      "Mhhh. Ich mag's scharf."
      Er fühlte Santiago lächeln und lächelte gleich mit. Das hier war wie ein schöner Traum, der nie enden sollte.
      "Brauchst du Gras für deine kleine Nachrichten-Sache hier? Nur damit ich genug im Haus habe."
      "Wie viel Gramm ist denn noch da?"
      Santiago nannte es ihm.
      "Mhh. Das könnte eng werden. Ich kiff einfach nicht ganz so viel und dann wird das schon was. Ist dein Dealer weit von hier?"
      Doofe Frage - natürlich war er das. Als ob Santiago die Art von Mann war, der sein Geschäft dort verrichtete, wo er auch wohnte.
      "Wir sehen einfach, ob's hinhaut. Ich werd schon nicht verrecken, wenn's mir ausgeht."
      Tatsächlich war er sich da aber nicht ganz so sicher.

      Zwei Runden hatte er noch vor sich und dann würde der Tag auch schon vorbei sein. Dabei war der erste Tag einer solchen Überstunden-Fahrt nie sehr schlimm, denn wenngleich die Kopfschmerzen lästig waren, waren sie nur das: Kopfschmerzen. Und solange Lewis sich nicht überstrapazierte - was er mit seinen einstündigen Häppchen nicht tat - konnte er damit auch umgehen. Nur hoffte er, dass die restlichen Tage auch so glimpflich ablaufen würden, was aber recht unwahrscheinlich war. Lewis kannte sich eben.
    • "Vergiss es. Ich besorg dir, was du brauchst, keine Widerrede."
      Lewis würde nicht wegen ihm mehr leiden als er sowie so schon musste. Santi konnte ihm vielleicht nicht dabei helfen, sich durch die Nachrichten und alle Möglichen Optionen zu fressen, aber er konnte die Symptome lindern. So wie Lewis seine linderte. Noch war es nicht ganz zu Santi durchgedrungen, aber er entspannte sich schneller nach einem Alptraum, wenn Lewis bei ihm war, ihm durch die Haare strich und einfach bei ihm war. Das war so viel besser, als einsam durch die Nacht zu tigern, wie Santi es sonst immer tat.

      Lewis bestand auf eine weitere Runde Nachrichten, also ließ Santi ihn machen. Aber die vierte, da hatte Santi etwas gegen und er machte seinen Standpunkt mehr als deutlich. Er ging sogar soweit, die Fernbedienung einfach als Geisel zu nehmen. Und als Lewis dann sein Smartphone auspacken wollte, da schnappte er sich den Streuner am Hosenbund und zog ihn an seine Brust.
      "Ich hab Nein gesagt," raunte er.
      Er wirbelte Lewis herum und presste ihn zwischen sich und die Arbeitsplatte seiner Küche. Vor Lewis lag ein Schneidebrett und ein Messer, daneben stand eine Schüssel mit Pilzen.
      "Waschen und in Scheiben schneiden," raunte Santi ihm ins Ohr. "Und danach zeige ich dir, wie man Zucchini Nudeln macht."
      Er küsste eine der Stellen an Lewis' Hals, die er heute Mittag malträtiert hatte, dann löste er sich von Lewis, um die Zucchini und das eingelegte Hähnchen aus dem Kühlschrank zu holen. Er arbeitete um Lewis herum, kochte aber noch nicht, um Lewis' Magie nicht zu ärgern. Er bereitete lediglich alles vor. Sobald Lewis fertig mit den Pilzen war, nahm Santi ihm das Messer ab und ersetzte es durch einen einfachen Julienne-Schäler und eine Zucchini. Er trat hinter Lewis und legte seine Hände auf die des Streuners, zeigte ihm wie er beides zu halten hatte und wie man aus einer Zucchini sowas ähnliches wie Nudeln machte. Sobald Lewis den Dreh raus hatte, küsste Santi ihn erneut auf diese empfindliche, rote Stelle in der Halsbeuge, bevor er sich von ihm löste.
      Als Lewis auch mit den Zucchini fertig war, scheuchte Santi ihn aus der Küche. Allerdings hatte er Lewis bei einem ihrer Aufeinandertreffen das Telefon aus der Hosentasche geklaut. Zusammen mit der Fernbedienung hielt es nun als Geisel gefangen, damit sich Lewis keine Nachrichten ansehen konnte, während Santi kochte. Das Hähnchen war zuerst dran, weil es am längsten brauchte. Danach wandte er sich dem Gemüse zu. Er sautierte die Pilze zuerst mit Knoblauch und ein paar Kräutern, die er aus seinem kleinen Garten unten in der Einfahrt, wahlweise seiner Fensterfront geerntet hatte. Am Schluss warf er die Zucchini Nudeln mit dazu. Er war zwar nicht Gordon Ramsay, aber Santi wusste eindeutig, wie man sich durch eine Küche bewegte. Selbst ohne jede Kettenreaktion erkennen zu können behielt er alles immer optimal im Blick. Er kochte und räumet hinter sich auf, wann immer er eine freie Sekunde hatte. Seine Küche war ein organisiertes Chaos, ständig im Wandel.
      Und dann stand plötzlich Essen auf dem Tisch. Zucchini Nudeln mit sautierten Pilzen, dazu Paprika Hühnchen. Es sah gut aus, es roch gut - und es schmeckte auch gut; zumindest nach Santis Meinung.
      "Nächstes Mal mach ich's ein bisschen schärfer, jetzt wo ich weiß, dass du damit kein Problem hast," kommentierte Santi während dem essen. "Ich hoffe, es schmeckt dir trotzdem."
      Es war geradezu surreal, wie häuslich diese Situation gerade war. Es war so entspannt, so gemütlich, so... richtig? Dank seiner Magie wusste Santi gar nicht, wie sich Normalität anfühlte, aber das hier kam sehr nahe dran - und Santi mochte es. Er mochte es sehr. Ohne dass er es bemerkte, schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht.


    • Lewis freute sich darüber, dass Santiago ihm eine solche Aufmerksamkeit entgegenbrachte und ihm sein Gras besorgen würde. Es war so eine kleine Geste und doch machte es ihn sehr glücklich.
      Was ihn viel weniger glücklich machte, war Santiagos Einmischen in seine Arbeit, als er sie ihm verbot - denn Nachrichten zu schauen war Lewis' Arbeit und auch, wenn er mit seinem üblicherweise so sorglosen Verhalten kaum den Eindruck erweckte, nahm er sie doch ernst. Er wollte Jayden nicht enttäuschen und außerdem war es die einzige Verantwortung, die er zu tragen hatte. Eine so simple noch dazu: Die Geschehnisse in New York voraussagen und seinem Bruder Bescheid geben. Er musste sich ja noch nicht einmal um die weitere Abwicklung kümmern, er musste nur schauen und seine Magie spielen lassen.
      Das konnte er aber nicht, wenn ihm ein Riesenaffe die Fernbedienung wegnahm und sie ums biegen und brechen nicht wieder herausrücken wollte. Da wollte Lewis auf sein Smartphone zurückgreifen - nur deswegen hatte er es überhaupt - aber Santiago hielt ihn auch davon ab.
      "Ich hab Nein gesagt."
      Widerspenstig kniff Lewis die Augen zusammen. Bevor er aber etwas sagen konnte, wirbelte Santiago ihn herum und verdonnerte ihn auf unverschämt sexy Weise dazu, mit dem Schneiden anzufangen.
      Die Nachrichten konnten ja wirklich noch einen Moment warten.
      "Aber danach schau ich", stellte er grummelnd fest, wogegen Santiago nichts einwand. Zumindest nicht aktiv.
      Ab da an führten sie ein geradezu häusliches Leben in der Küche. Santiago zeigte ihm, wie er zu schneiden hatte und wie der Schäler zu benutzen war, während er selbst alles andere erledigte. Lewis hatte keine Ahnung, was sie hier machten, machte aber brav alles mit und schielte dann und wann zu Santiagos Portionen, um sich einen Reim aufs Große und Ganze zu machen. Es sah gut aus, auch wenn er noch keine Vorstellung hatte, wie zum Schluss alles zusammengeführt werden sollte. Das blieb dann aber an dem anderen Mann hängen, denn er würde sich keinen Baum vom Wasser reinziehen. Da pilgerte er also aus der Küche raus und ging auf die Dachterrasse, um sich die Nachrichten auf dem Handy anzusehen. Die Fernbedienung wurde ja immernoch als Geisel gehalten.
      Nur war sein Handy nicht mehr da. Und Lewis brauchte nur eine Sekunde, bis er eins und eins zusammengezählt hatte und missmutig wieder reingestapft kam.
      "Mistkerl!"
      Einen zweiten Überlistungsversuch wagte er aber nicht. Goliath war an diesem Tag nicht zu fällen und außerdem würde er damit sicher seine Bäume hervorlocken.
      Also musste er ausharren und legte sich auf die Couch, wo er nach und nach von dem köstlichen Geruch aus der Küche eingehüllt wurde. Es roch wirklich unglaublich lecker. Jedes Mal dachte Lewis, dass der Mann ihm schon alle seine Kochkünste präsentiert hatte und dann übertraf er sich selbst doch noch einmal.
      Als es fertig war, kam Lewis an den Tisch, setzte sich und ließ sich das Gourmet-Gericht schmecken. Für ihn war es jedenfalls Gourmet und das nicht nur, weil es so außergewöhnlich war. Santiago konnte immerhin einen einfachen Thunfischsalat unglaublich gut schmecken lassen, wie er schon vorgeführt hatte. Es lag einfach an dem Mann selbst.
      Lewis aß auch brav seinen Teller auf und trank genug, was den anderen hoffentlich für das kommende genug besänftigte. Denn danach lag er fordernd die Hand auf den Tisch.
      "Her damit. Handy oder Fernbedienung."
      Und als Santiago nicht einwilligte, wurde er doch gereizt. Das war das erste Mal überhaupt, dass er in der Gegenwart des Mannes schlechter Stimmung war, aber er konnte es nicht verhindern. Dabei wollte er ihm gar nicht böse sein, was das irgendwie nur noch schlimmer machte.
      "Ich werde schauen und entweder ich tu's auf dem Fernseher, der angenehm groß ist, oder auf dem Handy, wo ich meinen Kopf verrenken muss. Deine Entscheidung. Aber da führt kein Weg dran vorbei."
    • Santi verschränkte die Arme vor der Brust. Lewis nahm diese ganze Sache mit den Nachrichten wirklich ernst. Aber nahm er seine eigene Gesundheit ähnlich ernst?
      "Wie viel kann sich schon verändert haben in drei Stunden?" fragte er und legte die Fernbedienung auf die Kücheninsel zwischen sie beide, ließ sie aber noch nicht los. "Es reicht doch, wenn du morgen früh wieder die Nachrichten guckst."
      Aber Lewis gab nicht nach. Also ließ Santi die Fernbedienung mit einem Seufzen los und ließ ihn ziehen. Das Smartphone gab er ihm auch zurück. Er sah ihm nach, beobachtete ihn für ein paar Minuten, bevor er sich dazu aufraffte, den Abwasch zu erledigen und die Reste ordentlich zu verpacken und in den Kühlschrank zu verfrachten. Er würde morgen nicht kochen müssen, was gut war, da er nach einer Nacht voller Alpträume nur selten Lust dazu hatte.
      Den Rest der Stunde verbrachte Santi damit, sich online nach Motorrädern umzusehen. Das machte er aber nur halbherzig. Er wusste, was er von einem Motorrad wollte und er wusste, welche Modelle dafür in Frage kamen. Den Papierkram für das Kaufen eines neuen Motorrads hatte er auch direkt fertig - er war eben gut vorbereitet, dank zahlloser Nächte in denen er wirklich nichts besseres zu tun hatte, als seine falsche Steuererklärung auszufüllen.
      Also fand er sich schnell auf dem Sofa wieder, die Beine ausgestreckt, den Laptop auf dem Schoß. Er saß auf der kurzen Seite des Sofas, damit er Lewis im Auge behalten konnte. Er scrollte durch eine Website, die Motorradhelme verkaufte. Er würde sich den gleichen holen, den er zuvor auch schon gehabt hatte, aber er scrollte trotzdem. Vielleicht wollte Lewis ja einen, der nicht einfach nur schwarz war?
      Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass Lewis wieder stiller wurde, weswegen er ihn mit dem Fuß auf eine neckende Weise anstieß.
      "¡Ey! ¡Callejero!"


    • "Wie viel kann sich schon verändert haben in drei Stunden?"
      Zumindest legte Santiago jetzt die Fernbedienung auf den Tisch.
      "Ich bin kein wirklicher Hellseher, ich sehe nicht, was in ganz New York abgeht. Mir hätte von Anfang an etwas entgehen können, was ich jetzt erst sehen könnte. Deswegen verlasse ich mich nicht auf meine Bäume alleine, sondern schaue immer wieder."
      "Es reicht doch, wenn du morgen früh wieder die Nachrichten guckst."
      "Santiago", murrte er warnend. "Ich sag dir auch nicht, wie du deine Jobs auszuführen hast, oder?"
      Das schien nun endlich zu ziehen und er ließ sogar beide Geiseln frei. Lewis strafte ihn mit seinem Blick, nahm beide Sachen an sich, ging zur Couch, kam wieder zurück, packte Santiago am Kinn und küsste ihn forsch.
      "Idiot."
      Dann ging er zu seinem Arbeitsplatz zurück und machte sich ans Werk.
      Das vierte Mal des ersten Tages war schon anstrengender als die vorangegangenen drei Male. Die Kopfschmerzen kamen schon früher und Lewis merkte, wie er manchmal gedanklich abdriftete. Dabei bekam er nicht einmal mit, dass er dabei auch in seine Magie abdriftete, bevor Santiago ihn nicht anstupste.
      "¡Ey! ¡Callejero!"
      Lewis drang in seinen Körper zurück und streckte sich ein bisschen.
      "Huh? Ich hör Stimmen. Die Toten sprechen zu mir. Oder deine Zimmerpflanzen."
      Danach musste er vor Verstreichen der Stunde sowieso abbrechen, weil die Kopfschmerzen zu viel wurden. Santiago hatte ihm aber schon einen Joint gedreht und den nahm er sich jetzt, zündete ihn sich an und tastete sich blind zu dem Mann hinüber, um sich an seiner Seite entlang zu schlängeln, bis er sich an ihn geschmiegt hatte. Dann legte er seinen Kopf auf seiner Schulter ab und kiffte, bis seine Augen sich wieder auf etwas anderes als die Bäume konzentrieren konnten.
      "Was machst du da?"
      Er sah nach Helmen, was Lewis für den ersten Moment nicht verstand, weil er schließlich einen hatte. Dann klickte es ihm, dass Santiago ihn immer ohne Helm durch die Gegend kutschierte, während er Lewis den Helm aufdonnerte.
      Der Mann wollte sich einen zweiten Helm besorgen. Weil Lewis ständig mitfuhr. Vorher hatte er noch nie einen zweiten Helm gebraucht.
      Irgendwie gefiel ihm das. Er nötigte Santiago dazu, die seriöse Seite mit Helmen zu verlassen und stattdessen eine "interessantere" aufzusuchen, wo es schrille Helme in allen Formen und Farben gab. Lewis zeigte auf einen roten Teufelshelm mit Hörnern und verbrachte dann eine beträchtliche Zeit damit, darüber zu kichern, wie gut der Helm zu Santiago passen würde. Da spielte das Gras sicher eine Rolle in seinem Heiterkeitsanfall.
      Sie scrollten noch ein wenig herum, dann befand Santiago, dass es langsam Zeit fürs Bett wäre, wogegen Lewis rein gar nichts einzuwenden hatte. In seinem Schädel hämmerte es dumpf, auch wenn es nach dem Joint schon besser sein würde. Er schlich mit Santiago ins Bad, machte sich fertig und schlüpfte mit ihm ins Bett, wo er sich wie immer an seine Brust schmiegte.
      "Brauchst du noch was? Für die Nacht?"
    • Lächelnd schüttelte Santi den Kopf und wandte sich wieder seiner Recherche zu. Kurz darauf hob er einen Arm, um Lewis Platz zu machen, der einen frühen Feierabend hingelegt hatte und sich jetzt an ihn kuschelte.
      "Weiß dein Boss, dass du früher Schluss gemacht hast?" fragte er.
      Er drehte den Laptop ein bisschen, damit Lewis auch was sehen konnte. Natürlich hatte der Streuner Meinungen zu den Helmen und bevor er es sich versah, war er schon auf einer Website, die ausschließlich Helme mit fragwürdiger Aerodynamik anbot. Er würde den Teufel (ha ha, Lewis) tun, und sich einen von denen besorgen. Die waren viel zu auffällig, als dass er damit unerkannt durch die Stadt fahren könnte. Er würde Lewis auch einen schwarzen besorgen, vielleicht mit dem Blatt einer Marihuana Pflanze darauf, die waren leicht zu finden.
      Als er das dritte Mal in nur zehn Minuten gähnte und fühlte, wie es immer schwieriger wurde, die Augen offenzuhalten oder gar zu denken, beschloss Santi, in den sauren Apfel zu beißen. Er klappte den Laptop zu und drückte das Gesicht in Lewis wilde Mähne, küsste ihn auf den Scheitel.
      "Schlafenszeit," grummelte er.
      Lewis schien keinen Einwand zu haben und so standen sie auf, um ins Bett zu gehen. Santi bemerkte, dass er sich weniger vor seiner direkten Zukunft fürchtete, als sonst. Er war immer noch nervös, weil er wusste, was kommen würde, aber der Anblick seines Bettes löste nicht mehr den Drang wegzulaufen aus. Er sah zu Lewis, der sich mit Elan in besagtes Bett fallen ließ. Er lächelte.
      Santi warf sich (im wahrsten Sinne des Wortes) neben Lewis ins Bett. Der Streuner kuschelte sich sofort an seine Seite und fand binnen eines Herzschlages eine bequeme Position. Sie passten einfach viel zu gut aneinander...
      "Brauchst du noch was? Für die Nacht?"
      Santi schüttelte den Kopf und gähnte erneut.
      "Nur ein Versprechen von dir: Wenn ich mich viel bewege, halt Abstand. Ich will dir nicht wehtun."
      Er strich Lewis eine Strähne aus dem Gesicht, küsste ihn. Er wollte nicht schlafen, wollte diese Sorge nicht in Lewis' Gesicht sehen.
      Als Lewis ihm endlich das Versprechen gab, küsste er ihn noch einmal, dann machte er es sich auch bequem. Er zwang sich dazu, sich zu entspannen, was mit Lewis an seiner Seite tatsächlich schneller ging, als er erwartet hatte. Und dann war er auch schon eingeschlafen.

      Santiago stand in einem endlosen Flur, dessen Wände sich unheilvoll zusammenzogen. Der Geruch von Desinfektionsmitteln und steriler Kälte lag in der Luft. Neonlichter flackerten unregelmäßig, warfen unnatürliche Schatten und ließen ihn sich wie in einem surrealen Gemälde fühlen. Doch der schlimmste Teil war das Geräusch – ein durchdringendes Piepen, das durch die Leere hallte, begleitet von einem langsamen, bedrohlichen Herzschlag. Beides hämmerte durch seinen gesamten Körper.
      Bubumm bubumm bubumm.
      Er rannte den Flur entlang, seine Schritte hallten wider und wurden von der Stille verschluckt. Jede Tür, an der er vorbeikam, war verschlossen, und aus jedem Zimmer drang ein gedämpftes Weinen oder Flüstern.
      "Mamá!" rief er verzweifelt, seine Stimme zitterte und brach unter der Last der Angst. Doch das Echo, das zurückkam, klang hohl und fremd. Es lachte ihn aus.
      Bubumm bubumm bubumm.
      Schließlich erreichte er eine Tür am Ende des Flurs. Sie war halb geöffnet, und durch den Spalt konnte er seine Mutter auf einem Krankenhausbett liegen sehen. Ihre Augen waren geschlossen, und sie wirkte so klein und verletzlich inmitten der kalten, klinischen Umgebung. Maschinen standen um sie herum, Kabel und Schläuche verbanden ihren Körper mit blinkenden Monitoren.
      Santiago spürte, wie seine Kehle sich zuschnürte, als er die zahlreichen medizinischen Geräte sah, die das fragile Leben seiner Mutter überwachten.
      Bubumm bubumm bubumm.
      Er trat näher, doch plötzlich begann der Boden unter seinen Füßen zu schwanken, als ob er auf dünnem Eis stünde. Er rutschte aus, kämpfte sich wieder auf die Füße und versuchte, die Tür zu erreichen. Mit jedem Schritt wurde es schwieriger, voranzukommen, als würde eine unsichtbare Kraft ihn zurückhalten.
      Bubumm bubumm bubumm.
      "Mamá, bitte wach auf!" flehte er, seine Stimme klang verzweifelt und hilflos. Doch sie reagierte nicht, lag nur still da, ihr Atem war kaum wahrnehmbar.
      Das Herzmonitorsignal änderte sich. Der langsame, rhythmische Herzschlag begann zu beschleunigen, wurde immer schneller und schneller und schneller, bis er in ein durchgehendes Piepen überging. Panik ergriff ihn, seine Hände zitterten, als er versuchte, den Raum zu erreichen.
      "Nein, das darf nicht passieren!", schrie er, doch seine Stimme ging im ohrenbetäubenden Alarm unter.
      Die Wände des Raums begannen sich zu verengen, schlossen sich bedrohlich um das Bett seiner Mutter. Er war nun nur noch wenige Schritte entfernt, aber seine Beine fühlten sich schwer an, als ob sie aus Blei wären.
      Endlich erreichte er das Bett und griff nach der Hand seiner Mutter, doch in dem Moment, als er sie berühren wollte, zerfiel sie zu Staub. Der Schock ließ ihn erstarren, und er starrte fassungslos auf die leere Stelle, wo ihre Hand gewesen war.
      "Mamá!" Seine Stimme war nur noch ein Flüstern, und Tränen strömten über sein Gesicht.
      Die Dunkelheit schloss sich um ihn, und der Raum, das Bett und seine Mutter verschwanden in einem Strudel aus Leere. Santiago fiel in einen bodenlosen Abgrund.

      Mit einem keuchenden Atemzug wachte Santi auf, seine Augen weit geöffnet, der Raum um ihn herum noch immer dunkel und still. Er spürte den kalten Schweiß auf seiner Haut und das rastlose Pochen seines Herzens. Er setzte sich auf und sah sich um, die vertrauten Umrisse seines Schlafzimmers gaben ihm nur wenig Trost. Die Realität des Traums hing noch immer schwer in der Luft, und die Angst, seine Mutter zu verlieren, war so real und greifbar wie nie zuvor.
      Mit zittrigen Händen griff er nach dem Telefon neben seinem Bett und wählte die Nummer seiner Mutter. Ein Teil von seinem Hirn wusste, dass sie nicht abnehmen würde, dass es mitten in der Nacht war, aber er musste sie einfach anrufen.
      "Mamá. Tuve un mal sueño. Por favor, devuélveme la llamada. Necesito escuchar tu voz. Te amo, mamá."
      Er legte auf und starrte den Bildschirm an in der irren Hoffnung, dass sie ihn sofort zurückrief. Es würde nicht passieren. Sie schaltete ihr Telefon jeden Abend aus und ließ es unten im Esszimmer liegen. Sie würde seinen Anruf erst am nächsten Morgen beim Kaffee sehen, während sein papito die Zeitung las.
      Santi zwang sich, das Smartphone wegzulegen und sank zurück in die Kissen.
      "Ich bin okay," murmelte er und legte eine Hand über die Augen. "Sie ist okay," murmelte er und unterdrückte die Tränen, die in seinen Augen brannten. "Das war nur ein Traum," murmelte er, und versuchte, seine eigenen Worte auch zu glauben.


    • Lewis schlief tief und fest, eng an Santiago gekuschelt - bis er es nicht mehr tat. Ein gewaltsamer Ruck ging durch den Körper des Mannes und damit war Lewis hellwach.
      Wie schon die zwei Male zuvor setzte er sich auf, rückte diesmal aber auch ein Stück ab, weil Santiago im Schlaf wirklich unruhig war und Lewis sich gewissenhaft an seine Warnung halten wollte. Der kräftige Körper neben ihm zuckte noch einmal und Santiago stieß einen Laut aus, der fast an ein Wimmern erinnerte.
      Es zerbrach Lewis das Herz, ihn so zu sehen. Tagsüber war er unerschütterlich, unerschrocken, ein Fels in der Brandung, in jeder Hinsicht stark und kräftig, aber nachts, jetzt, schien er in seinem großen Bett zu versinken und sich lebensrettend an die Decke zu klammern. Der Preis für seine Magie schien Lewis zu hoch, viel zu hoch, wenn sie sowas aus ihm machte.
      Santiago stöhnte wieder und diesmal wollte Lewis eine andere Schiene fahren. Vorsichtig - als könne der Mann überhaupt aufwachen - kroch er aus dem Bett hinaus und schlich ins Badezimmer hinüber. Er nahm sich das nächstbeste saubere Handtuch, schlich dann wieder heraus und hockte sich vor Santiago auf den Boden.
      Er musste den Moment verschlafen haben, als der Traum angefangen hatte, denn der Mann hatte bereits ein Stadion erreicht, wo ihm der Schweiß auf der Stirn perlte und er die Finger um die Decke verkrampfte. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen, unter seinen Augenlidern huschten seine Augen hin und her. Sein Kiefer malte und Lewis musste kein Arzt sein um zu wissen, dass das hier sehr weit von erholsamen Schlaf entfernt war. Es war eigentlich nur noch mehr Anstrengung.
      Lewis betrachtete ihn für einen Moment unzufrieden, wie er andere Dämonen zu bekämpfen hatte, dann nutzte er eine realtiv ruhige Sekunde aus, um ihm wenigstens den Schweiß von der Stirn zu wischen. Eigentlich hatte er sich vorgestellt, ihn auch von seiner Decke zu befreien, damit er nicht so schwitzen musste, aber das schien ihm jetzt unmöglich, so wie er sich daran klammerte - nicht nur, weil er gegen den festen Griff vermutlich nichts ausrichten konnte, sondern auch, weil die Decke Santiago sicherlich einen zusätzlichen Schutz gab. Und wer wäre schon Lewis, ihm den zu entreißen? So beschränkte er sich darauf, seinen Kopf vom Schweiß zu befreien.
      Der Traum dauerte an und Lewis verzog sich bald wieder ins Bett, weil ihm die Wärme mehr taugte. Er blieb aber aufrecht sitzen und musterte Santiago immer wieder, wenn er ein Geräusch von sich gab, wenn sein Körper ruckte und zuckte und er sich herumwälzte. Anscheinend war es nichts gutes, was die Frau in der Notaufnahme geträumt hatte. Lewis wäre nur froh, wenn es bald vorbei sein würde.
      Santiago kämpfte noch weiter, dann riss er mit einem Schlag die Augen auf und sog scharf die Luft ein. Das war immer ein gruseliger Anblick, ihn so rapide aufwachen zu sehen, wenn er bis eben noch überhaupt nicht auf Lewis reagiert hatte. Aber mit einem Mal war er wach und starrte die Decke an.
      Lewis wartete auf das Mantra von dem er glaubte, dass es ihm wie ein Zeichen war, dass er sich jetzt vorsichtig bemerkbar machen könnte, aber stattdessen tastete Santiago zu seinem Handy. Lewis gab keinen Ton von sich, während er eine Nummer wählte und es sich ans Ohr hielt. Es klingelte viele Male, aber keiner hob ab. Dann:
      "Mamá. Tuve un mal sueño. Por favor, devuélveme la llamada. Necesito escuchar tu voz. Te amo, mamá."
      Seine Mutter? Das war etwas neues. Lewis wusste zwar, dass Santiago und dessen Mutter sehr eng waren, aber dass er sie nach einem Albtraum anrufen würde, das hatte er bisher nicht getan. Lewis wusste nicht, ob das normal war oder eher untypisch für ihn.
      Dann sah er dabei zu, wie Santiago scheins verzweifelt den reaktionslosen Bildschirm anstarrte, bevor er es endlich langsam beiseite legte und sich zurücksinken ließ. Wie die anderen beiden Male auch bedeckte er seine Augen.
      "Ich bin okay. Sie ist okay. Das war nur ein Traum."
      Da war es, das Mantra, das er diesmal mit erstickter Stimme aussprach. Lewis konnte sich einfach nicht mehr zurückhalten, er ertrug es nicht, den Mann so zu sehen.
      "Hey."
      Er bewegte sich, damit der andere erst die Bewegung im Bett spürte. Dann rutschte er heran, beugte sich herab und küsste seine erhitzte Stirn.
      "Du bist okay, alles in Ordnung. Du bist okay."
      Er entzog ihm die Decke ein bisschen, damit er abkühlte und legte sich neben ihn. Mit der freien Hand ergriff er Santiagos und verschränkte ihre Finger miteinander, dann küsste er seine Schulter.
      "Okay? Was war's diesmal? Willst du drüber reden?"
    • In der Sekunde, in der Santi die Stimme von Lewis hörte, in der er die Bewegung neben sich spürte, da zerbrach seine fragile Selbstkontrolle. Er rollte sich zur Seite und schlang seine Arme fest um den Streuner, als sei er der Rettungsring, der ihn vor dem Ertrinken retten würde. Er presste sich gegen den schlanken Körper, vergrub sein Gesicht an Lewis' Brust. Die Tränen konnte er nicht mehr zurückhalten; sie rannen ihm frei über die Wangen. Seine Schultern bebten. Aber er schluchzte nicht. Er weinte in der Stille seines Apartments, während er sich an Lewis klammerte wie ein Kleinkind.
      "Meine..." er räusperte sich, "Meine Mutter ist... ich hab davon geträumt, dass sie stirbt. Dass sie allein stirbt. Sie ist einfach zu Staub zerfallen, als ich endlich bei ihr war."
      Sein Griff wurde fester, als sich die Szene erneut durch seinen Verstand fraß, genauso detailreich wie beim ersten Mal. Er konnte den schrillen, anhaltenden Piepton noch immer hören. Dieser Traum war so viel schlimmer gewesen, weil es nicht nur die Angst dieser namenlosen Frau aus einem Wartezimmer war. Es war seine eigene Angst. Eine Angst, die ihn in der wachen Welt begleitete, jeden Tag. Eine Angst, die er nicht einfach so ablegen konnte, nachdem er aufwachte.
      Die Angst fraß sich durch seine Adern, weigerte sich, zu verschwinden oder gar nachzulassen. Der Schmerz des Was-wäre-wenns blieb, steigerte sich sogar. Santi war wach, das wusste er, aber er konnte diese Bilder einfach nicht verscheuchen. Anstatt sich zu beruhigen begann er, zu hyperventilieren. Er zitterte, aber das hatte nichts mit der Temperatur zu tun.
      Der logische Teil seines Hirns wusste, dass er eine Panikattacke hatte und dass er dutzende Strategien kannte, um sich selbst daraus zu befreien. Das Problem dabei war nur, dass er gerade alles andere als logisch denken konnte. Er war gefangen in seiner Angst. Und das war ein sehr realer Alptraum.


    • Lewis hatte kaum seine ersten Worte beendet, da schien etwas in Santiago durchzugehen. Ohne Umschweife rollte er sich herum, bekam den schlanken Mann zu fassen und drückte sich nach Leibeskräften an ihn. Sein großer Körper schien in sich zusammenzuschrumpfen, als er sein Gesicht an Lewis’ Brust verbarg.
      Oh, hey.
      Plötzlich mehr als nur besorgt, schlang er die Arme um ihn und schob die Hand in seine Haare.
      Da begann der Mann zu weinen. In der Stille der Wohnung weinte er ganz lautlos, fest an Lewis gepresst, als versuche er es noch aufzuhalten, selbst als es schon zu spät war. Lewis fühlte seine Schultern beben, sein ganzer Körper verkrampfte sich.
      Oh nein, hey.
      Er schlang die Arme noch fester um seinen Körper, noch unnachgiebiger, versuchte ihn zu halten, so gut es nur ging. Santiago zitterte und bebte in seinen Armen.
      “Meine…”
      Er benötigte zwei Anläufe, um die Worte heraus zu pressen.
      “Meine Mutter ist... ich hab davon geträumt, dass sie stirbt. Dass sie allein stirbt. Sie ist einfach zu Staub zerfallen, als ich endlich bei ihr war.”
      Deswegen also der Anruf. Und deswegen auch die Angst, die der Mann verspürte und die dieses Mal nicht nur der Albtraum eines anderen war. Lewis wusste, wie nahe er seiner Mutter stand und konnte sich vorstellen, wie schwer so etwas sein konnte.
      Allerdings war es neu, dass ein Albtraum ihn so persönlich treffen konnte.
      Schhhh, hey…
      Lewis drückte ihn noch fester an sich, schob die Finger in seine Haare, streichelte seinen Hinterkopf.
      Ihr geht's sicher gut. Ihr geht's ganz sicher gut. Schhh ist okay…
      Am liebsten hätte er Santiago in dem Moment von all seinen Albträumen befreit. Sollte Lewis doch von einer sterbenden Mutter träumen, er hatte es schon hinter sich. Aber Santiago so zu sehen, war furchtbar.
      Schhhh…
      Er küsste seine Stirn. Er streichelte ihm über den erhitzten Rücken, über seine Schulterblätter. Aber Santiagos Atemzüge wurden nur abgehackt und flach, als er an seiner Brust weinte. Er schien sich nur noch mehr zu versteifen, sein Nacken ganz steif, seine Hände zittrig. Mit steigender Besorgnis kämmte Lewis ihm Haare aus der Stirn.
      Atmen, Baby. Hey, tief durchatmen. Alles wird gut. Atme für mich, okay? Santi.
    • "Atmen, Baby. Hey, tief durchatmen. Alles wird gut. Atme für mich, okay? Santi."
      Santi kniff die Augen zu, versuchte, einen tiefen Atemzug zu nehmen. Er kämpfte gegen seine eigenen, in Flammen stehenden Lungen an. Er konnte nicht. Er konnte nicht atmen.
      Er schlug die Augen wieder auf und versuchte, sich auf Lewis' Gesicht zu konzentrieren. Seine starkes Kinn. Seine vollen Lippen. Seine dunklen Augen. Santi schob eine zittrige Hand in Lewis' Haare. Sie waren so weich, so angenehm weich.
      Langsam, ganz langsam, beruhigte sich Santis Atmung, gefolgt vom Rest seines Körpers. Er hörte auf zu zittern, er hörte auf zu weinen. Er fand zu sich zurück, zurück in die Realität. Seine logischen Gedanken wurden stärker und er begriff, dass er nur geträumt hatte, dass seine Mutter friedlich in ihrem Bett schlief. Die Bilder aus seinem Traum ließen in Ruhe und Santi konnte wieder atmen.
      Erschöpft ließ er den Kopf wieder gegen Lewis' Brust sinken, ließ sich bereitwillig vom ruhigen Herzschlag des Streuners einlullen.
      "Entschuldige," murmelte er und wischte sich die Tränen von den Wangen und aus den Augenwinkeln.
      Das war wirklich nicht sein attraktivster Moment gewesen. Er benahm sich wie ein Kleinkind, wie er hier lag und rumheulte, weil er davon geträumt hatte, dass seine Mutter starb. Erbärmlich.
      Santi löste sich von Lewis und rollte sich auf den Rücken, legte einen Arm über seine Augen. Das war eine Lüge. Er entfernte sich nicht ganz von Lewis: seine freie Hand suchte noch immer den Kontakt mit dem Streuner, verschränkte die Finger mit ihm. Die bloße Anwesenheit von Lewis erdete ihn auf eine Weise, die er kaum kannte. Santi konnte ihn gar nicht loslassen. Wenn er das tat, dann würde er sicherlich gleich wieder ertrinken.


    • Santiago hob den Kopf an, nur leicht. Seine Augen waren gerötet und so voll unendlicher Trauer, dass es kaum auszuhalten war. Lewis wollte ihn nicht so sehen, er wollte wieder das Lächeln in seinem Gesicht sehen und sein leises Lachen hören, wenn Lewis mal wieder etwas dummes gesagt hatte. Er sollte nicht so traurig sein.
      "Atmen, Baby. Okay?"
      Es folgten einige unstete Versuche, die Lewis ihm ansehen konnte, dann langsam, nach und nach, wurden seine Atemzüge wieder tiefer und gleichmäßiger, wenn man es denn so bezeichnen konnte. Lewis kraulte ihm über den Rücken.
      "So ist's gut..."
      Er lächelte ein bisschen, zumindest bis Santiago sich wieder an ihn schmiegte. Da nahm er ihn wieder in seinen Armen auf und küsste seinen Scheitel.
      "Entschuldige."
      "Nicht dafür. Niemals dafür."
      Jetzt schien es langsam besser zu gehen, auch wenn Lewis noch immer wachsam zusah, als der andere sich langsam wegrollte. Seine breite Brust hob sich immernoch etwas unregelmäßig, aber es wurde besser.
      Irgendwann wurde es wohl immer besser, was?
      Er ließ ihre beiden Hände miteinander verschränken und wartete ab, bis Santiago sich einigermaßen geerdet zu haben schien. Da rutschte er wieder näher und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
      "Ich hätte jetzt wirklich Lust auf eine heiße Schokolade, weißt du das? Hast du Schokolade da? Wenigstens Milch wirst du haben, oder?"
      Er wartete noch ganz geduldig ab, bis Santiago entweder bereit war, ihn ziehen zu lassen, oder mit ihm aufzustehen, was auch immer er wählen würde. Dann stand Lewis auf, machte ein Licht an, ging in die Küche hinüber und kippte Milch in einen Topf. In dem Moment, in dem er den Herd anschaltete, konnte er sehen, wann die Milch aufkochen würde. Das machte es sehr leicht, sich einfach wieder abzuwenden.
      Er bereitete ihnen beiden eine Tasse zu, stattete Santiago mit seiner aus und ließ sich dann wieder an seiner Seite nieder. Noch war es zu heiß zum Trinken, was Lewis ganz einfach dadurch herausfand, dass er sich vornahm, jetzt zu trinken, und davon prophezeit bekam, dass er sich die Zunge davon verglühte. Das würde er so lange wiederholen, bis es keine Vorhersage mehr gab.
      "Besser? Wirst du heute Nacht nochmal versuchen zu schlafen?"
    • Eine neue Form der Wärme explodierte in Santis Burst, als er Lewis' Worte hörte. "Nicht dafür. Niemals dafür." Vier kleine Worte und doch rüttelten sie an etwas tief in Santis Inneren. Es brachte ihn fast wieder zum Weinen. Noch nicht ein einziges Mal in seinem Leben hatte jemand seine ganzen Macken einfach so akzeptiert. Niemand brach gern auf eine solche Weise zusammen, besonders nicht vor jemand anderem, aber Lewis... Lewis nahm es nicht einfach nur hin und wollte, dass es schnell vorbei war, damit er weiterschlafen konnte. Er blieb bei ihm, hielt ihn fest - und es machte ihm nichts aus.
      Santi hob Lewis' Hand an seine Lippen und drückte einen langen Kuss auf dessen Handrücken.
      "Ich hätte jetzt wirklich Lust auf eine heiße Schokolade, weißt du das?"
      Santi lachte kurz. Dieser Streuner.
      Er nickte, wischte sich noch einmal mit der Hand über das Gesicht.
      "Gib mir... gib mir eine Minute."
      Er atmete einmal tief durch, verjagte die letzten Beben seines Alptraumes (oder versuchte es zumindest), dann stand er auf und schlurfte ins Badezimmer, wo er sich mehrfach kaltes Wasser ins Gesicht spritzte. Gedanklich wiederholte er immer und immer wieder sein Mantra. Er war okay. Seine Mutter war okay. Alles war okay.
      Als er aus dem Badezimmer kam, stand Lewis schon in der Küche vor einem kleinen Topf, den er gerade mit Milch füllte. Milch aufkochen musste viel einfacher sein, wenn man wusste, wann sie überkochte.
      Santi gesellte sich zu ihm und fischte die Schokolade aus einem Schrank. Er reichte sie Lewis, nicht in der Stimmung, sich selbst darum zu kümmern. Es war seltsam, jemanden da zu haben, der sowas für ihn übernahm. Normalerweise würde er sich jetzt auf der Couch zusammenrollen und irgendwelche dämlichen Serien im Fernsehen schauen. Alte Talkshows oder sowas. Stattdessen stellte er zwei der handgemachten Tassen raus und schlang einen Arm um Lewis. Er wollte ihn nicht loslassen. Nicht eine Sekunde lang. Er tat es erst, als Lewis die Tassen füllen musste. Er ließ sich eine aushändigen, dann ging er mit Lewis zurück in sein Schlafzimmer. Santi setzte sich and Kopfende, schob die nackten Füße unter die Decke. Er hielt die Tasse mit beiden Händen fest, aber es war mehr als hielte er sich an der Tasse fest.
      "Wirst du heute Nacht nochmal versuchen zu schlafen?"
      Er rutschte tiefer ins Bett, um seinen Kopf bequem auf Lewis' Schulter legen zu können.
      "Ich sollte," murmelte er. "Der Traum ist rum, jetzt könnte ich eigentlich schlafen. Aber..."
      Aber die Bilder tanzten noch immer am Rand seiner Wahrnehmung, warteten nur darauf, dass er die Augen schloss, damit sie über ihn herfallen konnten wie ein Schwarm ausgehungerter Wölfe. Nur weil der Alptraum seiner Magie rum war, hieß das nicht, dass er keine eigenen haben konnte.
      "Ich weiß nicht, ob ich mich traue, nochmal zu schlafen," flüsterte Santi, während er in seine Schokolade starrte.


    • Lewis hob die Hand und streichelte Santiagos Wange, als er seinen Kopf auf seiner Schulter ablegte. Sie saßen wieder im Bett, beide die Tassen in den Händen, und es war irgendwie recht idyllisch, wenn man ignorierte, weshalb sie wach waren.
      Lewis pustete auf seine Schokolade.
      "Ich weiß nicht, ob ich mich traue, nochmal zu schlafen."
      Ein solches Geständnis zu hören schien nicht richtig; nicht für diesen Mann, der sonst vor nichts Hemmungen verspürte. In diesem Augenblick schien er verletzlich wie sonst nie und Lewis verspürte den ungebändigten Drang, ihn zu beschützen.
      "Dann tust du es nicht und ich mache dir so viele Schokoladen, bis sie dir irgendwann zum Hals raushängen. Und dann noch ein paar mehr."
      Er lächelte, beugte sich hinab und erschlich sich einen knappen Kuss. Dann versuchte er sich an der Schokolade, die ihm zwar nicht mehr den Mund verbrannte, aber trotzdem noch heiß war. Die freie Hand ließ er auf Santiagos Schenkel liegen.
      "Wir haben noch die ganze Nacht vor uns. Wir könnten etwas anschauen, einen Serienmarathon machen oder sowas. Wir können auch ein Spiel daraus machen: Wir machen einen Film an und du versuchst, vor meiner Magie herauszufinden, wie er ausgehen wird. Wenn du's schaffst, dann mach ich dir die nächste Tasse. Wenn du's nicht schaffst, mach ich sie dir trotzdem, weil du es immerhin versucht hast."
    • "Du musst wegen mir nicht wachbleiben, Lewis. Du hattest einen anstrengenden Tag und morgen hast du auch einen."
      Lewis unterbrach ihn mit einem Kuss. Und Santi gab klein bei, hörte auf zu argumentieren. Lewis würde zusammen mit ihm wach bleiben und daran konnte er nicht rütteln, ob er wollte oder nicht. Er gab sich geschlagen.
      "Ich will keinen Film gucken. Können wir einfach... ich weiß nicht. Hier liegen bleiben?"
      Es war so bequem. Nicht nur körperlich - sicher, sein Bett war unendlich bequem, seine Laken weich, und Lewis war eine perfekte Wärmequelle. Aber da war noch eine andere Ebene, eine die Santi nicht benennen konnte. Er hatte sich noch nie so wohl in seinem Schlafzimmer gefühlt. Erst recht nicht nach einem so heftigen Alptraum. Er wollte dieses Gefühl noch ein bisschen länger behalten.
      Sie tranken ihre Schokolade in relativer Stille. Hier und da gab einer von ihnen mal einen belanglosen Kommentar ab, versuchte sich an Smalltalk, aber alles endete eher früher als später in angenehmer Stille.
      Santi stellte seine leere Tasse auf den Nachttisch und rutschte noch tiefer ins Bett, kuschelte sich noch enger an Lewis. Ihm fielen die Augen von ganz allein zu. Santi hatte nicht geplant, noch einmal einzuschlafen, aber die friedliche Atmosphäre zwischen ihnen lullte ihn ein, machte seine Lieder schwer. Und dann schlief er doch noch einmal ein.

      Santi wurde von keinem neuen Alptraum heimgesucht. Er schlief friedlich in Lewis' Armen ein und dabei blieb es auch. Für mehrere Stunden sogar. Und nicht nur das: er schlief auch noch länger als sonst. Die Sonne ging auf, flutete sein Apartment und Santi schlief einfach weiter. Er verpasste sogar den Anruf seiner Mutter, als sein Smartphone neben der leeren Tasse vibrierte. Sie schrieb ihm eine Nachricht gleich nachdem es aufhörte zu klingeln und er nicht abgenommen hatte.


    • "Ich will keinen Film gucken. Können wir einfach... ich weiß nicht. Hier liegen bleiben?"
      "Klar."
      Lewis lächelte, zog die Decke ein bisschen hoch und verhakte darunter ihre Beine miteinander. Er lehnte sich an Santiago, so wie der sich an ihn lehnte, und genoss seine Schokolade in der Stille der Wohnung. Zuhause hatte er rund um die Uhr das ferne Geräusch von den Straßen von New York, hier war wirklich alles still. Es war angenehm, auch wenn es ihn schneller schläfrig machte, als er eigentlich gern haben wollte. Er hatte tatsächlich einen anstrengenden Tag hinter sich und auch, wenn er trotzdem mit Santiago wach geblieben wäre, war er doch nicht ganz so unglücklich über die Gelegenheit, noch ein paar Stunden zu schlafen.
      Sie tranken ihre Tassen leer, dann kuschelten sie sich wieder aneinander. Diesmal lagen sie direkt nebeneinander, fest aneinander gedrückt, und Lewis konnte damit schnell merken, wie Santiagos Atem langsamer und gleichmäßiger wurde. Ganz still blieb er liegen und sah diesem Phänomen zu, das ihm bisher noch nie untergekommen war, nämlich wie Santiago neben ihm einschlief. Seine Miene wurde dabei ganz entspannt, sein Körper erschlaffte und zuletzt sah er rundum friedlich und zufrieden aus. Lewis betrachtete ihn in der Dunkelheit der Wohnung eine ganze Weile lang, dann reckte er sich und küsste hauchzart seine Nasenspitze.
      "Schlaf gut."
      Diesmal wurde Santiago nicht von Albträumen heimgesucht, bis Lewis eingeschlafen war.

      Als er am Morgen erwachte, weckte Santiago ihn nicht wie üblich auf. Etwas schien anders, als er sich murrend dehnte und streckte, bis seine Gelenke knackten. Dieses Etwas fiel ihm auf, als er den Kopf drehte.
      Santiago schlief noch immer, tief und fest. Er lag direkt neben Lewis auf dem Bauch, die Arme unter das Kopfkissen geschoben, ein Bein leicht angewinkelt. Er schnarchte nicht, aber er gab hörbare, tiefe Atemzüge von sich.
      Verdutzt betrachtete Lewis den Mann im Tageslicht, das von den halb geöffneten Rollläden herein strömte. Er sah so ungestört aus, so friedlich, als wäre in der Nacht rein gar nichts passiert und als würde er nur schlafen so wie sonst. Aber die Sache war eben, dass Santiago sonst nicht schlief und dass er ganz sicher nicht länger als Lewis schlief. Das war in all den Monaten eine Prämiere.
      Entsprechend starrte Lewis ihn noch eine Weile lang an, um sich diesen Anblick ins Gedächtnis zu brennen, wie friedlich Santiago in seinem Bett schlummerte. Dann kroch er in Zeitlupe aus dem Bett, um ihn bloß nicht aufzuwecken, stand auf und warf sich Santiagos Sachen über.
      Und jetzt? Er hatte quasi das Apartment für sich alleine und das war auch eine Prämiere. Normalerweise war Santiago immer irgendwo hier unterwegs und wenn Lewis ihn nicht sehen konnte, konnte er ihn doch irgendwo hören.
      Jetzt hatte er nichtmal Frühstück. Sollte er sich daran wagen, sich an Eiern und Speck zu versuchen? So schwer konnte das doch nicht sein?
      Zuerst verschwand er im Bad, wo er die Klospülung nicht betätigte, um Santiago nicht ausversehen aufzuwecken. Dann ging er in die Küche und holte eine Pfanne in Zeitlupe hervor, aus genau dem gleichen Grund. Danach setzte er sich erstmal an die Kücheninsel und sah sich ein Youtube-Video auf minimaler Lautstärke an, weil er keine Ahnung hatte, was er eigentlich tun sollte. Das letzte Mal war sicher über zehn Jahre her.
      Er schaltete den Herd an, er kippte Öl rein, er wartete, bis die Pfanne heiß genug war. Dann gab er den Speck rein und zuckte zusammen, weil es zischte und brutzelte und er damit rechnete, dass das Geräusch Santiago sicher aufwecken würde. Aber so laut war es dann doch nicht und drüben im Bett regte der massive Körper sich nicht.
      Da machte Lewis sich etwas enthusiastischer an sein kleines Frühstück. Es war nichts wildes, nur Eier und Speck und den Toast, den er erst dann machen würde, wenn Santiago auch wach war. Immer wieder sah er nach Lebenszeichen herüber.
      Als der Mann sich dann irgendwann auch endlich regte, kam Lewis gleich herangeschossen. So, wie auch Santiago es immer bei ihm tat, ging er vor dem Bett in die Hocke.
      "Hey, Schlafmütze. Willst du noch den ganzen Tag verschlafen? Ich hab uns Frühstück gemacht."
    • Santi drückte sein Gesicht tiefer in sein eigenes Kopfkissen und rollte die Schultern. Schmerz schoss durch seinen verletzten Arm, aber damit konnte er umgehen. Er fühlte sich seltsam ausgeruht.
      "Hey, Schlafmütze. Willst du noch den ganzen Tag verschlafen? Ich hab uns Frühstück gemacht."
      Er wandte Lewis den Kopf zu, blinzelte gegen das Tageslicht an.
      "Was?" nuschelte er.
      Den Tag verschlafen? Was redete Lewis denn da? Und warum war er schon wach?
      Santi rollte sich auf die Seite und ließ den Blick durch sein Apartment wandern. Es war taghell, die Sonne war schon lange aufgegangen. Aus der Küche wehte der Geruch von Eiern und Bacon zu ihm herüber. Er rieb sich über die Augen und konnte dann sogar das Frühstück sehen.
      "Bin ich nochmal eingeschlafen?" fragte er völlig überrascht davon, dass ein Ja überhaupt eine Option war.
      Santi drehte sich auf den Rücken und rieb sich ordentlich über die Augen, fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Was passierte hier gerade?
      "Frühstück," murmelte er. "Du hast Frühstück gemacht."
      Er sah wieder zu Lewis, dann grinste er.
      "Und ich habe geschlafen. Richtig geschlafen.
      Santi warf einen Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch. Als er die Uhrzeit sah, begann er zu lachen. Es war fast zehn. Er hatte volle sechs Stunden geschlafen. Mehr sogar!
      Er packte Lewis bei den Haaren und zog ihn an sich, küsste ihn voller Schwung. Ohne ihre Lippen voneinander zu lösen zog er den Streuner zu sich ins Bett, auf ihn, dann rollte er sich zur Seite bis Lewis unter ihm lag. Grinsend hob er den Kopf.
      "Ich hab geschlafen!" verkündete er voller Freude, bevor er Lewis noch einmal küsste.
      Schließlich setzte er sich auf, das Grinsen war nicht mehr aus seinem Gesicht zu denken.
      "Und du hast Frühstück gemacht," murmelte er kopschüttelnd.
      Er sprang auf und verschwand kurz im Badezimmer. Er grinste noch immer, als er wiederkam. Er ergriff Lewis' Hand und eilte mit ihm in die Küche, weil er unbedingt das Frühstück probieren wollte, das Lewis gemacht hatte - weil er geschlafen hatte!
      "Ich würde ja gern sagen, dass du einen schlechten Einfluss auf mich hast, aber das wäre die größte Lüge seit dem letzten Präsidenten Interview. Also: Frühstück?"


    • Es dauerte so einige Sekunden, bis Santiago überhaupt anwesend genug schien, um seine Lage zu begreifen. Schwerfällig rollte er sich auf die Seite und ließ seinen verschlafenen Blick durch die Wohnung gleiten.
      Lewis grinste. So hatte er ihn noch nie gesehen, aber es war ein niedlicher Anblick.
      "Bin ich nochmal eingeschlafen?"
      "Sogar vor mir."
      Lewis grinste breit, weil sich das wie ein Triumph anfühlte. Santiago und er siegten über seine Schlaflosigkeit.
      "Und danach hast du geschlafen wie ein Baby."
      Santiago rollte sich auf den Rücken und rieb sich die Augen. Lewis richtete sich noch immer schmunzelnd auf.
      "Frühstück. Du hast Frühstück gemacht."
      "Jep."
      "Und ich habe geschlafen. Richtig geschlafen."
      "Jep. Mit allem drum und dran."
      Santiagos Blick wanderte zu der Uhr auf seinem Nachttisch - und dann begann er zu lachen, laut und losgelöst. Lewis sah ihn nur lächelnd an, da packte der Mann ihn plötzlich bei den Haaren, zog ihn an sich und küsste ihn mit allem, was ihm zur Verfügung stand. Lewis gab einen gedämpften, überraschten Laut von sich und dann einen gleich noch viel eindrücklicheren, als der Mann ihn einfach ins Bett zog und ihn unter sich begrub. Lewis klammerte sich an ihn und schnappte nach Luft, kaum als der andere den Kopf hob. Sein Grinsen war breit und so glücklich.
      "Ich hab geschlafen!"
      Da musste er selbst wieder lachen, denn wenngleich er wusste, was sowas für Santiago bedeutete, war es doch ein wirklich komischer Anblick. Ja, er hatte geschlafen, lange sogar.
      "Das hast du! Sogar die ganze Nacht lang."
      Santiago beugte sich gleich wieder zu ihm hinab und Lewis kicherte in den Kuss hinein. Er hatte den Mann noch nie so glücklich erlebt und in diesem Moment entschied er, dass er den Anblick des überschwänglichen Santiagos liebte. Sein Gesicht ging dabei in lauter schönen Lachfalten auf.
      "Und du hast Frühstück gemacht."
      Er schüttelte den Kopf, als könnte er es gar nicht fassen.
      "Erwarte lieber nicht so viel, es ist nur ein bisschen Speck und Eier."
      Das schien den Mann aber keineswegs zu stören. Voller Energie sprang er schon auf, verschwand im Badezimmer und schnappte sich gleich Lewis, um ihn in die Küche zu ziehen. Er hatte sich zumindest schon wieder aufgesetzt, andernfalls hätte der Mann ihn womöglich noch auf den Armen hinüber getragen.
      Dort angekommen steckte Lewis erstmal die Toasts in den Toaster und richtete ihnen dann zwei Teller an. Bei ihm sah alles etwas karg aus, bei Santiago sah es stets wie ein Festmahl aus.
      "Ich hätte dir auch Kaffee gemacht, aber das wäre zu laut gewesen. Und du hast wirklich tief geschlafen."
      Er grinste und stellte ihnen beiden Wasser hin. Dafür, dass es ein so einfaches Frühstück war, schien Santiago sich unheimlich darüber zu freuen.
      "Ich glaube übrigens, deine Mom hat zurückgerufen. Dein Handy hat zumindest vibriert."