Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Santiago mochte Sky nicht. Das stellte er fest, als die Frau schon wieder zu spät kam. Nicht ein einziges Mal war sie auch nur ansatzweise pünktlich gewesen. Dass Jericho heute zu spät war, war zu verzeihen - der Knirps hatte wahrscheinlich auf Santiago gewartet und sich dann erst einen Uber besorgen müssen, der ja auch erstmal zu dey musste. Aber Skye... er wusste nicht einmal, wie sie zu ihren Treffen kam. Nur, dass sie es nie pünktlich tat. Das stieß Santiago ein bisschen übel auf.
      Als Apollo einmal mehr einen physischen Plan ausrollte, setzte sich Santiago auf, um von seinem Platz aus einen kurzen Blick darauf werfen zu können. Er erkannte die Baupläne sofort, Apollo benannte sie für den Rest der Gruppe einen Augenblick später. Ihre letzte gemeinsame Nummer war Santiagos erstes Mal gewesen, dass er in eine Bank eingebrochen war. Museen waren etwas anderes. Er war schon in dutzende hineinmarschiert und hatte sich bedient. Manchmal hatte er sogar was abgeliefert. Mit Kunstdiebstahl kannte er sich aus.
      "Wir überlassen die Sicherheitsvorkehrungen der Ausstellungsräume sich selbst. Was wir uns ansehen werden, ist der Lagerraum und dort drin all die Ausstellungsstücke, die dafür vorgesehen sind, in ein anderes Museum transportiert zu werden."
      Clever. So clever, dass es praktisch schon Standard war, wenn man etwas aus einem Museum stehlen wollte und wusste, woher der Wind wehte. Museen waren wir Bühnenmagier: sie steuerten die Aufmerksamkeit ihrer Besucher in ganz bestimmte Bahnen, um von anderen Dingen abzulenken. Wenn man den Trick allerdings kannte, dann verflog die Magie und eine ganz neue Welt offenbarte sich. Weniger glamourös, aber weitaus profitabler.
      Jerichos Hand schoss in die Höhe.
      "Kein Einwand, nur eine Fußnote für neuen Kontext," meinte der Knirps. "Museumscomputer sind super leicht zu hacken, ich kann uns die Transportlisten einfach besorgen. Dann wissen wir, welcher Truck der beste ist."
      Dey zuckte unschuldig mit den Schultern, als sei es das normalste der Welt, sich in einen Computer zu hacken. Für Jericho war es wahrscheinlich auch nicht viel schwerer, als sich ein Backrezept zu besorgen.
      "Wir könnten auch noch einen Schritt weiter gehen," warf Santiago ein. "Wir könnten unseren eigenen Truck packen. Beziehungsweise packen lassen. Ich weiß, das entspricht nicht dem ganzen 'wir besorgen nichts, was wir transportieren müssen', aber schwer ist es trotzdem nicht. Die Pappnase kann uns eine komplette Bestandsliste besorgen und sie gegebenenfalls bestimmt auch so justieren, dass das Museum uns einen netten Einkaufswagen packt, den wir dann nur noch abholen müssen. Zugegeben, das Met hat ordentliche Sicherheitssysteme, aber die bauen hauptsächlich auf Personal auf, nicht auf Technik. Deren Tresore sind schwer zu knacken - das ganze alte Zeug muss nicht nur wegen dem Wert ständig kontrolliert werden. Aber sobald die Stücke aus dem Tresor genommen werden, ist es so, als wolle man einem Kind das Eis stehlen."
      Nun war er es, der mit den Schultern zuckte. Er hatte schon vergessen, wie oft er sich eine Uniform geklaut und einfach in die Restaurationsräume von Museen marschiert war, ohne dass irgendjemand auch nur eine Augenbraue gehoben hätte. Im Met war er noch nicht eingestiegen, aber so viel schwerer konnte es ja nicht sein. Museum war Museum.
      "Schwieriger wird's, den richtigen Hehler zu finden. Gestohlene Kunstobjekte sind sehr lange sehr heiß. Das wird kein schneller Payday wie mit dem Gold - und der ist schon gemächlich. Je nachdem, was wir da mitnehmen, kann es Jahre dauern, bevor sich da irgendjemand rantraut - vorausgesetzt, wir haben keinen Käufer bevor wir loslegen. Deswegen mach ich solche Jobs nur auf Nachfrage. Es ist zu schwer, das Zeug wieder loszuwerden, wenn man es erstmal hat. Das ist der ganze Knackpunkt an der Sache. Ich weiß nicht, wie's dem Rest geht, aber ich sitz nur ungern auf heißer Ware rum."


    • Apollo hörte sich beide Ergänzungen aufmerksam an. Ein Glitzern trat in seine Augen, so als würde er sich darüber freuen, dass die beiden Mitglieder ihren Beitrag leisteten.
      "Das ist durchaus auch eine Möglichkeit, viele Wege führen nach Rom. Die Frage ist, ob dieser Weg auch an Roms Legionären vorbeiführt."
      Lewis warf Santiago einen kurzen Blick zu. Natürlich wusste er, allein schon von dessen Erzählung, dass er kein besonders aufrichtiges Leben führte. Aber so, wie er diese Idee anbrachte, hörte er sich an, als wäre er sogar schon einmal in ein Museum eingestiegen und sähe nichts weiter dabei. Klar, lasst uns ein paar tausend alte Kunstobjekte klauen, Lewis war da genauso entspannt wie der Kraftprotz.
      Ein bisschen hibbelte er mit seinem Bein.
      "Je nachdem, was wir da mitnehmen, kann es Jahre dauern, bevor sich da irgendjemand rantraut - vorausgesetzt, wir haben keinen Käufer bevor wir loslegen", sprach Santiago weiter.
      "Ich kann den Waren einen Transport Übersee beschaffen. Je mehr Distanz zwischen ihnen und ihrem Herkunftsort liegt, desto eher gehen sie weg. Wenn wir einen Käufer in Europa ausmachen könnten, kann das Geld über die Schweiz oder Brasilien kommen. Noch besser wäre Asien."
      "Auch das ist möglich. Aber wir müssen bei der ganzen Angelegenheit eine Sache bedenken: Der Transport findet statt von und zu einem anderen Museum, niemals zu einem dritten Ort. Würden die Transporte umverlegt werden, würde das Verdacht erregen. Kommt ein Transport nicht rechtzeitig an oder nicht mit den vereinbarten Kunstgegenständen, ist der Aufruhr sofort groß. Wir wollen beides vermeiden - es kommt also nicht nur auf das Metropolitan an, sondern auch wohin auch immer die anvisierten Lastwagen fahren. Wir müssen daher auf zwei Seiten operieren: Die Lastwagen an einen anderen Ort lotsen und gleichzeitig das zweite Museum darüber informieren, dass die Gegenstände doch nicht gebracht werden. Das muss zur selben Zeit geschehen, denn das Metropolitan wird aufmerksam, wenn sich noch vor der Abfahrt die Details ändern und könnte abbrechen, um zu investigieren. Wir lassen die Sachen damit sozusagen im Nichts verschwinden - sie liegen nicht mehr im Verantwortungsbereich der Metropolitan und werden niemals in den des anderen Museums übertragen. Selbstverständlich wird das irgendwann auffliegen, aber mit etwas Glück sind die Gegenstände dann schon längst an einem sicheren Ort verstaut. Was meint der IT-Experte, ist das machbar?"
    • Apollo wollte das Ding also unterwegs abziehen? Konnte der Mann keine leichten Jobs oder wollte er keine leichten Jobs. Mit einem Team wie diesem wäre es ein Leichtes, den ganzen Tresor des Met leerzuräumen, ohne erwischt zu werden und er wollet einen fahrenden Truck abfangen und verschwinden lassen? Santiago wusste nicht, was er davon halten sollte.
      "Wie gesagt: ein Museum zu hacken ist leicht. Ich kann eine Mail faken und an das Empfängermuseum schicken, wann immer wir das brauchen. Ich kann das sogar timen, dann muss ich nichtmal SENDEN drücken," erklärte Jericho gelassen.
      Aber dann verschränkte dey die Arme vor der Brust und begann, an deren Daumennagel herumzukauen. Das war Jerichos Nachdenken-Gesicht, wie Santiago mittlerweile wusste.
      "Viel schwieriger wird's, das GPS Signal des Trucks zu klonen und verschwinden zu lassen. Die haben alle einen Sender, wenn die irgendwas wertvolles transportieren, das kann ich euch garantieren. Den einfach auszuschalten würde uns sofort die Kavallerie auf die Versen hetzen. Ich muss den klonen - dafür muss ich an den Sender ran. Physisch. Es sei denn, irgendjemand kann mir Zugang zu dem richtigen Satelliten im richtigen Moment besorgen, dann brauch ich den Sender nicht."
      Die Art, wie Jericho das sagte, verriet Santiago, dass der Satellit keine Option war.
      "Sobald ich den geklont habe, kann ich den Truck auf deren Bildschirmen überall hinfahren lassen, wo wir nicht hinfahren. Zusammen mit der Mail sollte uns das einen ordentlichen Vorsprung geben. Idealerweise machen wir das auch noch an einem Tag, an dem in den Büros nicht viel los ist, dann hinterfragt niemand die Mail, weil a) alle fertig werden und nach Hause wollen, und b) die Wahrscheinlichkeit einer ununterbrochenen, schnellen Kommunikation zwischen den Museen geringer ist, wegen... naja, a)."
      "Der Tag sollte aber nicht so gewählt werden, dass am Hafen auch nichts los ist," warf Santiago ein. "Wir müssen nicht nur die Ware loswerden, sondern auch den Truck. Dazu sollte das Verschiffen so legal wie möglich sein, um die Rückverfolgung zu erschweren."
      Santiago wusste, dass Lewis der Experte in Sachen Transport war, also hielt er sich bei dem Thema zurück. Allerdings wusste er das ein oder andere über Spurenverwischung und das Verschwindenlassen von Fahrzeugen.
      "Wie beim letzten Mal, Apollo: gute Idee, aber wir brauchen mehr Details, um das auch durchzuziehen," meinte er schließlich. "Ich überlass hier den Pappnasen das Spielfeld. Ich brauch eigentlich keine Infos. Je mehr ich über die Routen des Sicherheitspersonals weiß, desto besser, aber Notwendig ist es nicht. Die sind schlecht bis gar nicht bewaffnet und haben nur eine schlechte Ausbildung in Sachen Sicherheit. Mit denen komme ich klar, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, mich zu überraschen. Wenn du das Ding auf der Straße abfangen willst, wird's schon schwieriger, aber dazu komm ich, wenn wir einen gescheiten Plan haben."
      Und damit kehrte Santiago zu seinem Platz zurück, lehnte sich wieder an den Stahlträger und schloss die Augen. Sollten die Knirpse mal diskutieren.


    • Damit war die Vorgehensweise bereits entschieden: Sie würden den Überfall in drei Schritten durchführen. Jericho würde nach Abfahrt des Wagens die beiden Museen hacken. Danach würde jemand wie Skye einen Sender anbringen, damit das GPS verfälscht und zudem der Wagen in eine Sackgasse gelenkt wurde. Und zum Schluss würde jemand wie Santiago den Wagen unter Kontrolle bringen und zum Hafen fahren, wo die Gegenstände so schnell wie möglich in einen Container umgeladen würden, der im besten Fall noch am selben Tag verschifft würde. Ein Plan, der insgesamt unmöglich schien - aber mehr unmöglich als in einen Bunker einzubrechen und sich an mehreren hundert Goldbarren zu bedienen? Wohl kaum. Nein, gemessen daran war es sogar gar nicht unwahrscheinlich.

      Bis zum nächsten Treffen holte Lewis Jay mit ins Boot, der aber gar nicht begeistert von der Idee war. Nicht etwa, weil ihm frisch geklaute Kunstgegenstände zu heiß waren - Jay hätte nicht davor gezögert, den Präsidenten selbst zu schmuggeln - sondern weil Lewis wieder so eine Nummer abzog wie die Federal. Und was würde passieren, wenn sie dabei aufflogen? Oder wenn sie in eine Schießerei gerieten? Jay war das Leben seines Bruders zu kostbar, um es für sowas unnützes aufs Spiel zu setzen. Aber Lewis beharrte darauf und wenn Jay nicht mitmachen würde, würde er sich eben ein anderes Transportunternehmen suchen. Da war die sichere Variante wohl, dass Jay doch mitmachte.
      Von dort an kümmerte Lewis sich also darum, den Hafen herzurichten, während Jay nach Käufern in Europa, Asien und sogar Australien Ausschau hielt - niemals persönlich, sondern nur über Kontakte, denen er selbst vertraute.

      Bis zuletzt hatte Lewis die rege Hoffnung, sich wie schon bei der Federal irgendwohin zurückziehen zu können und alles über Kameras zu überwachen. Er hatte sogar noch die Hoffnung, als Apollo davon redete, mit Jericho in einem zweiten Wagen zu fahren. Er hatte sogar noch die Hoffnung, als Jericho darüber sinnierte, wie dey sich im Wagen aufbauen würde. Seine Hoffnung verschwand aber, als Apollo darauf hinwies, den Transporter nach Lewis’ Anweisungen zu lenken. Das ließ sich nicht über einfache Kameras regeln, dafür musste Lewis auf der Straße sein.

      Als der Plan Wochen später in die Tat umgesetzt wurde für einen Transport, den Apollo explizit gewählt hatte, fanden sich Santiago, Skye und Lewis in einem Wagen ein, Apollo und Jericho im anderen. Jericho würde erstmal nahe dem Museum bleiben, bis der Hack geglückt war, und dann dem Erstwagen folgen. Der Erstwagen würde sich gleich an den Transporter hängen, wobei Lewis bereits wusste, dass Santiago der geeignetste Kandidat dafür war.
      Als Lewis ins Auto stieg, zückte er eine Augenbinde und legte sie sich an.
      Wenn einer von euch auch nur ein Wort darüber verliert, polier ich ihm die Fresse.
      Lewis saß hinten, Skye stieg auf den Beifahrerplatz.
      “Wort.”
      Er zeigte ihr den Mittelfinger.
      Santiago fuhr an und dann hieß es, auf Jerichos erfolgten Hack zu warten.
    • Es war eine Sache, in die am besten bewachte Bank der Staaten einzubrechen. Ihr Plan war schlicht aber solide gewesen. Einfach genug, um keine Fehler zu machen. Aber dieser neue Plan war alles andere als das. Angefangen damit, dass Apollo darauf bestand, ein sich bewegendes Ziel auszunehmen, über die Tatsache, dass sie alles live machten, bis hin zu der Tatsache, dass sie sich an der wohl heißesten möglichen Ware versuchten. Santiago gefiel nichts davon. Genau deswegen machte er mit.
      Er war immer noch der Meinung, dass es einfacher wäre, sich im Met einzuschleichen und alles direkt von der Quelle her abzuzapfen, aber aus irgendeinem Grund wollte Apollo das nicht. Santiago notierte sich diese Abneigung für später. Irgendwas aus dem Mann herauszubekommen war praktisch unmöglich - noch sowas, was Santiago nicht wirklich gefiel.

      Ein paar Wochen später waren alle Rollen geklärt und er Ablauf stand. Santiago hatte darauf bestanden, dass sie alle die Strecke mindestens dreimal selbst abfuhren und alle Stops machten, die nötig sein würden, nur damit auch wirklich jeder wusste, was wann passieren musste.
      Er lehnte an dem unscheinbaren Mietwagen, den Apollo ihm besorgt hatte, und rauchte eine Zigarette, bevor es losging. Er hatte sich einen kleinen, hoffentlich harmlosen Alptraum besorgt, bevor das ganze hier losging, damit seine Paranoia ihn nicht beim Fahren ablenkte. Skye saß bereits im Auto, Lewis stieg gerade zu. Santiago warf ihm einen kurzen Blick zu, als der Streuner eine Augenbinde zückte. Er sagte nichts, da er um Lewis' Probleme mit dem Straßenverkehr wusste. Stattdessen schnickte er das Ende seiner Kippe weg und klemmte sich stumm hinter das Lenkrad. Er schob sich das kleine Funkgerät, das Jericho ihnen schon beim letzten Mal ausgehändigt hatte, ins Ohr.
      "Sie haben gerade den letzten Gegenstand gescannt und verpackt, der Transport fährt jeden Moment los," meinte Jericho in seinem Ohr, nur eine Minute später.
      "Verstanden."
      Santiago behielt den Serviceausgang des Museums im Auge. Zwei Minuten später fuhr ein unscheinbarer Transporter von dem langweiligen Parkplatz und bog in den Straßenverkehr ein.
      "Der Vogel hat das Nest verlassen," gab er an Jericho weiter.
      Er zählte innerlich bis zehn, dann bog Santiago selbst auf die Straße und folgte dem Transporter in einigem Abstand. Sie ließen den Transporter ein ganzes Stück auf seiner vorgesehenen Route fahren.
      "Mail ist raus, wir sind unterwegs," kam es von Jericho, was Santiagos Zeichen war, den Abstand zu dem Transporter zu verringern.
      Schon bald begannen die Ampeln, sich seltsam zu verhalten, als der Knirps sich in das Straßennetz hackte und die Verkehrsregelung selbst übernahm, um den Transporter umzulenken. Es dauerte nicht lange und sie waren weit weg von den Hauptstraßen. Die Fahrer des Transporters mussten sich einen Weg durch kleinere Straßen suchen. Viele andere Fahrer verloren schnell die Lust und verließen diese Strecke, bis nur noch Santiago und der Transporter auf der Straße waren. Santiago beschleunigte und setzte sich dicht hinter den Transporter. Als sich die Straße teilte, um Platz für eine Abbiegerspur zu machen, schob sich Santiago neben den Truck. Jericho ließ die Ampel auf rot springen, Santiago stand nun neben dem Transporter.
      "Bei der nächsten Kreuzung setz' ich mich wieder hinter den Transporter. Du hast 45 Sekunden," meinte Santiago zu Skye, die mit einem ihrer selbstsicheren Grinsen ausstieg, um sich im wahrsten Sinne des Wortes an den Truck zu hängen.
      Sie hatte sich gerade hinten auf den Truck gestellt, als die Ampel auf grün umsprang und sich beide Fahrzeuge wieder in Bewegung setzten. Santiago bog links ab, an der nächsten rechts, dann wieder rechts und wie versprochen war er knappe 45 Sekunden später wieder auf der gleichen Straße wie der Truck. Von Skye war keine Spur mehr. Er konnte nur hoffen, dass sie nicht runtergefallen war.
      "Sender ist dran," schallte ihre Stimme in seinem Ohr.
      "Schon gesehen. Dann lassen wir den mal in einem mysteriösen Funkloch verschwinden. Bist du soweit, Großer?" kam es von Jericho.
      "Mach einfach, Knirps."
      "Aye aye, Captain!"
      Skye tauchte wieder in Santiago's Sichtfeld auf: sie presste sich dicht an das Dach des Trucks, ausgestreckt wie eine Spinne. Im Rückspiegel konnte Santiago nun auch Apollo und Jericho erkennen, die ganz brav ein paar Meter hinter ihnen fuhren.
      "Okidoki," meinte Jericho und grinste ihn durch den Rückspiegel an. "Das Museum sieht den Truck gerade nicht. Zeit, den Motor auszuschalten. Festhalten, Skye. In drei, zwei, eins..."
      Der Truck machte einen Satz, dann schlingerte er ein wenig, bevor er relativ schnell zum Stehen kam. Santiago wich dem Truck aus und bremste ebenfalls ab; hinter ihm stieg Apollo in die Eisen. Santiago stieg aus und mimte den besorgten Mitbürger, als er zur Fahrerseite hastete. Skye nutzte die Ablenkung und kletterte in der Zwischenzeit hinten vom Truck herunter.
      "Alles in Ordnung da drin?" fragte Santiago den Fahrer, der geschockt dreinblickte.
      "Ja! Ja, Gott sei Dank. Bei Ihnen?"
      "Ja, alles in Ordnung. Ich konnte ausweichen und der hinter mir hat gute Bremsen."
      "Glück gehabt."
      "Kann man wohl sagen. So ein geplatzter Reifen kann einen ordentlichen Unfall verursachen."
      "Uns ist ein Reifen geplatzt?"
      "Ja. Gleich da, hinten links."
      Santiago deutete auf das hintere Ende des Trucks und machte einen Schritt von der Tür weg, um dem Fahrer Platz zum Aussteigen zu lassen. Der Mann in Uniform stieg aus, um sich den Schaden anzusehen. Er kam einen Schritt weit, gerade genug, um aus dem Blickfeld der Beifahrerin zu kommen, bevor Santiago ihm auf die Schulter tippte. Der Mann drehte sich instinktiv zu ihm um und schon legte Santiago ihm die Hand an die Wange. Seine Magie begehrte auf und griff sich die Angst des Mannes, der leise wimmerte, bevor seine Augen nach hinten rollten und er zusammenbrach, in seinem eigenen Alptraum gefangen. Hinter seiner Sonnenbrille waren Santiagos Augen tiefschwarz.
      Er machte gerade einen großen Schritt über den Fahrer, als die Beifahrerin um die Ecke kam.
      "Da ist überhaupt kein kaputter Reifen-"
      Sie stockte und griff zu dem Taser an ihrer Hüfte.
      "Hey! Stehen bleiben!" rief sie Santiago zu.
      Der reagierte blitzschnell, war in zwei schnellen Schritten bei der Frau und griff sich ihr Handgelenk in einem schraubstockartigen Griff. Er verdrehte ihr den Arm auf den Rücken und schlang seinen freien um ihren Hals.
      "Ssshhh. Nicht wehren. Es ist gleich vorbei," flüsterte er ihr sanft ins Ohr.
      Er drückte seinen nackten Handrücken gegen ihre Wange und ließ seine Magie noch einmal von der Leine. Die Frau begann zu zappeln, sich zu wehren, doch Santiago ließ sie nicht los, bis auch sie das Bewusstsein verlor und in ihren Alptraum versank. Santiago nahm ihr den Taser ab und schob ihn in seine Hosentasche. Er warf sich die Frau über die Schulter und trug sie in eine angrenzende Gasse. Apollo hatte sich in der Zwischenzeit den Fahrer geschnappt und folgte ihm nun. Sie setzten die beiden Fahrer hinter einer Mülltonne ab, wo Apollo ihnen die Hände und Füße mit Kabelbinder zusammenband. Santiago warf die Taser der beiden in den Container.
      Während die beiden damit beschäftigt war, war Jericho zum Truck gehumpelt und saß nun auf der Fahrerseite. Dey dokterte unter dem Armaturenbrett herum auf der Suche nach dem GPS Sender. Als der Jericho ihn gefunden hatte, hielt dey ein kleines Gerät dagegen, das nach ein paar Sekunden leise piepte.
      "Hab ihn!" verkündete Jericho und schob sich gleich wieder aus dem Fahrersitz.
      Santiago, nun bereit, selbst einzusteigen, half dem Knirps aus dem Wagen. Dann stieg er ein und startete den Motor. Skye ließ sich im gleichen Moment hinter das Lenkrad des Mietwagens sinken und Apollo saß schon wieder in seinem Wagen. Sobald Jericho und Lewis auf ihre jeweiligen Beifahrersitze gerutscht waren, fuhren alle los. Skye folgte ihnen noch einen Moment, während Apollo bei der nächstbesten Gelegenheit abbog. Zwei Blocks später war auch Skye weg. Jetzt hing alles an Santiago als Fahrer und Lewis als Navigator, um sie sicher zum Hafen zu bringen, während Jericho ihr GPS Signal fälschte und auf den Bildschirmen des Museums sonst wo hinschickte.
      Viele bewegliche Teile hatten alle perfekt ineinander gegriffen, wie ein Schweizer Uhrwerk, um sie soweit zu bringen. Die ganze Aktion hatte weniger als zwei Minuten gedauert. Santiago gab sein bestes, sich nicht jetzt schon von dem Rausch dieses Diebstahls mitreißen zu lassen. Noch waren sie nicht fertig.


    • Der Plan verlief makellos und wie vorhergesagt, ganz so, als hätten sie ihn mithilfe einer wahrhaftig vorhersehenden Magie geschaffen. Kaum hatte die Verfolgung gestartet, ließ Jericho im anderen Auto bereits deren Magie spielen und spannte das Netz dort, wo sie es haben wollten. Beide Wagen wurden von der Straße weggelenkt und nur kurz darauf ertönte Santiagos Genehmigung.
      "Bei der nächsten Kreuzung setz' ich mich wieder hinter den Transporter. Du hast 45 Sekunden."
      Skye stieg aus und Lewis zog sich die Augenbinde ab.
      Er blinzelte ein paar Sekunden lang ins Tageslicht, starrte genauso lange aus der vorderen Scheibe und warf auch einen Blick zurück. Die Straße war leer, alles ruhig, keine Bäume. Da machte er es sich gemütlich und hielt die Augen offen.
      Sie befuhren eine Nebenstraße und kamen hinter dem Transporter wieder heraus. Der schien noch nichts von seiner unsichtbaren Mitfahrerin bemerkt zu haben und war wohl auch nicht drauf und dran, sie zu bemerken. Lewis blieb still, damit er den Funkkontakt nicht unnötig überschwemmte.
      Pünktlich brachte Skye den Sender an. Sie waren jetzt etwa auf der Hälfte des Weges, also noch weit genug vom Museum entfernt, um sich nicht beeilen zu müssen. Jericho zündete seine kleine Technik-Bombe und der Transporter kam schlingernd zum Stehen.
      Santiago bot ein erstaunliches Schauspiel-Talent, so wie er gleich aus dem Auto sprang und mit höchst besorgtem Blick auf den Wagen zuging. Lewis blieb derweil sitzen, sah die Straße an und auch die beiden Fahrer. Die Unterhaltung baute sich bereits vor seinem inneren Auge auf und zudem auch noch, wie Santiago in wenigen Sekunden seine Magie zum Einsatz bringen würde. In der Bank hatte er sowas nicht gesehen, weil er da auch noch gar nicht wusste, wie die Magie des Mannes funktionierte, aber jetzt konnte er alles mit präziser Klarheit voraussagen. Nachdem kein Handlungsbedarf für ihn bestand, blieb er einfach sitzen und wartete darauf, dass sich diese neuen Bäume von selbst auflösen würden, was sie dann auch bald taten. Die Bewusstlosen wurden entsorgt und die Wagen getauscht.
      Jetzt fuhren Santiago und Lewis mit ihrer Beute weiter und eigentlich hätte man hier schon zelebrieren können - immerhin hatten sie den größten Teil geschafft und das auch noch mit Bravour. Jetzt hatten sie ihre Beute quasi im Nacken sitzen und würden schon bald Feierabend machen können. Ab dann war es nur noch das tägliche Geschäft, das Lewis ablegte, und das seiner Firma eine derartig einzigartige Quote einbrachte. Die Katze war also im Sack.
      Ein bisschen grinste er dabei schon und lehnte den Kopf zurück an die Kopfstütze, während er weiter die Straße ansah. Später würde er natürlich alles Jay erzählen und sich daran laben, was für große Augen sein Bruder machen würde. Wer weiß, vielleicht wurden Raubzüge ja Lewis' neues Markenzeichen? Das Potenzial dazu hatte er ja ganz anscheinend.
      Sie ließen die unbefahrenen Seitenstraßen hinter sich für einen direkten Weg zum Hafen. Die anderen Autos wurden wieder mehr und damit auch Lewis' Bäume, aber ihm entging nichts und ihm fiel auch nichts auf. Die Stadt war ruhig und interessierte sich nicht für einen einzelnen Museumstransporter.
      Dann ließ er den Blick über einen roten Jeep gleiten, der mit einem Dutzend anderen Autos aus der Parallelstraße kam und spürte mit einem Mal das Ziehen, das er auch früher gespürt hatte, wenn seine Magie ihm etwas mitzuteilen hatte. Nur klopfte sie schließlich nicht mehr an und so war dieses Ziehen auch nur der Vorbote für den wahren Wasserfall an Knoten, der sich mit einem Mal vor Lewis' Augen ergoss, so als hätte er einen unsichtbaren Hahn aufgedreht. Knoten um Knoten um Knoten bildeten sich, weiter und weiter, fächerten sich in alle Richtungen auf und Lewis versteifte sich unwillkürlich. Früher einmal hatte er häufig den Fehler begannen, gleich ans Ende springen zu wollen, bevor ihm klar geworden war, dass manche Pfade nunmal kein so schnelles Ende besaßen. Heute hatte er binnen eines Atemzugs die Ursache des neuen, gewaltigen Baums ausgemacht. Er hatte genauso schnell erkannt, wie viele blaue Polizeiwagen in diesen ganzen neuen Knoten vorkamen und was es daher zu verhindern galt.
      "Wir sind aufgeflogen, roter Jeep, Kennzeichen GHR 2392, 72nd Street, Glatzkopf am Steuer, wird mit dem Handy Polizei rufen in geschätzt 12 Sekunden. Roter Jeep, GHR 2392, 72nd Street."
      Sie fuhren mit dem Transporter an der Straße vorbei, in der der Jeep gerade an einer Ampel zum Halten kam. Der Mann hatte sie schon längst bemerkt und gaffte sie an. Zu offensichtlich, um nicht etwas vom eigentlichen Musemstransport zu wissen.
      Nun hatten sie natürlich einen Notfallplan und einen Fluchtplan und einen Plan B und einen Plan Z. Gerade war es Plan B der in Kraft trat, da Lewis die Gefahr vorausgesehen hatte, bevor sie eingetroffen war. Es war wohl Skye in ihrem Auto, die dem Ziel am nächsten war.
      "Ich ramm ihn", kam ihre Stimme aus ihren Ohrstöpseln.
      Das war etwas radikal für eine Ablenkung, die den Mann daran hindern sollte, die Polizei wegen ihnen zu rufen, aber Lewis sagte nichts dazu. Er starrte in Santiagos Rückspiegel, den der extra so eingestellt hatte, dass auch Lewis reingucken konnte.
      "Jericho, Ampeln. Alle auf grün."
      Jericho tat wie gehießen und hinter dem Wagen verknäulte sich die Straße regelrecht, als alle zu fahren begannen. Nun waren sie weit genug entfernt, um Skyes Zusammenstoß mitzukriegen, aber Lewis konnte es in seinen Bäumen sehen. Die Knoten änderten sich, bewegten sich, die Abzweigungen wurden größer. Polizei-Knoten verschwanden, andere Polizeiknoten erschienen. Nur ergab sich dadurch eine Schwierigkeit: Er konnte nicht unterscheiden, ob die Polizei durch die Straße jagte wegen dem Zusammenstoß, oder weil der Anruf doch durchgegangen war. Er konnte Polizei sehen, aber sie konnte wegen irgendwas anderem unterwegs sein. Es konnte auch etwas drittes sein.
      Lewis hob die Hand an den Mund und knetete seine Lippe. Er rutschte unruhig hin und her, während seine Augen pausenlos über die Bäume huschten, rauf und runter, runter und wieder rauf, nach vorne und nach hinten. Die Kopfschmerzen kamen mit ihrem bekannten anfänglichen Pochen. Er suchte nach dem Knoten, in dem sie unweigerlich mit der Polizei zusammenstoßen müssten, aber mittlerweile waren seine Bäume so groß und so weit gefächert, dass es wertvolle Sekunden benötigte. Und während dieser ganzen Zeit kamen immer neue Knoten hinzu, mehr und mehr und mehr, weil die Straßen von New York niemals stillstanden und niemals ruhig wurden.
      Lewis fing an, mit dem Bein zu schaukeln.
      "Jericho, mach uns eine Umleitung. Ich brauch leerere Straßen."
      Dey begann zu arbeiten und Santiago lenkte den Wagen entsprechend weiter. Es schien auch alles gut zu gehen, bis -
      "Nein! Fuck, nicht da rein! Nicht die Straße!"
      Lewis sah den Knoten aufploppen, aber das einen Tick zu spät. Santiago trat auf die Bremsen und riss das Lenkrad herum, anscheinend so sehr an Lewis' Wort hängend, dass er es nicht wagte, auch nur wegen Verkehrssicherheit dagegen zu verstoßen. Hinter ihnen quietschte es und Autos drückten auf die Hupe.
      Später sollte Lewis sich fragen, was sie hätten anders machen können. Woran es denn gelegen hatte. Wenn Skye den Jeep nicht gerammt hätte, vielleicht wäre Lewis von den ganzen Polizeiknoten nicht so verwirrt gewesen. Wenn Jericho eine andere Umleitung gebaut hätte, vielleicht wären sie dann gar nicht an der Polizei-Absperrung entlang gekommen. Wenn Santiago nicht so scharf gebremst hätte, vielleicht hätten sie sich doch noch aus dem Staub machen können. Wenn Lewis mehr Erfahrung in solchen Einsätzen hätte, vielleicht hätte er sich gar nicht erst verwirren lassen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.
      Doch im Moment zählte nur, dass sein Sichtfeld mit Bäumen geflutet wurde und dass er trotz der Anzahl nur ein Ende vorhersehen konnte: Sie waren entdeckt worden. In diesem Moment wurden Blaulichter angeschaltet, die sie noch gar nicht sehen konnten.
      "Wir sind aufgeflogen. Wir sind aufgeflogen. Sichtkontakt in 4'. Zusammenstoß in..."
      Er wusste wie Santiago fahren konnte, konnte es wie einen Film vorhersehen. Konnte absehen, wann die Polizeiautos aufholen würden, welche Straßen sie benutzen würden. Es war noch nichts verloren, aber... fuck. Seine Schläfen pochten.
      "In 13'. Zusammenstoß in 13' auf der Fifth Avenue. Du musst sie abschütteln, Santiago."

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    • Santiago fuhr so entspannt wie noch nie in seinem Leben. Normalerweise, wenn er ein Auto nahm, wurde er von imaginären Polizisten, Attentätern, Killer-Kommandos und manchmal auch von den Geistern seiner Vergangenheit gejagt. Aber in diesem Truck war das Leben geradezu langweilig. Er lehnte sich im Fahrersitz zurück, legte eine Hand entspannt auf die Tür und hielt das Lenkrad nur am unteren Ende mit den Fingern fest. Er musste sich an sämtliche Verkehrsregeln halten, durfte nicht zu viel zu schnell fahren, um keine Aufmerksamkeit zu erregen und alles andere wurde von Lewis und Jericho übernommen. Jetzt, wo sein Job getan war, war er nur noch der Depp vom Dienst, bis sie alles am Hafen untergebracht hätten. Und selbst dann brachte er ja eigentlich nur den Müll raus. So ließ sich Geld doch gut verdienen.
      Doch dann folgten Worte, die Santiago hinterfragen ließen, ob er nicht schon in einem Alptraum feststeckte.
      "Wir sind aufgeflogen," informierte Lewis sie.
      Sofort richtete sich Santiago auf, sofort hatte er beide Hände am Lenkrad. Sie hatten Pläne für sowas, eine Menge Pläne. Aber entspannt war Santiago trotzdem nicht mehr.
      Er fuhr nach Lewis Anweisungen weiter, achtete selbst auf den Straßenverkehr, nutzte seine professionelle Paranoia, um sie sicher von A nach B zu bringen. Doch es schien nicht zu helfen. Genauso wenig wie Skyes kleiner Stunt oder Jerichos Einmischung in die Verkehrsführung. Lewis wurde immer hibbeliger neben ihm - das war kein gutes Zeichen.
      "Nein! Fuck, nicht da rein! Nicht die Straße!"
      Santiago trat auf die Bremse, justierte das Lenkrad, damit sie nicht irgendwo gegen krachten. Hinter ihm hupte es, doch das interessierte ihn nicht. Er konnte nicht zurück, da waren zu viele andere Autos, also drehte er umständlich, um sie aus dieser Kreuzung zu bekommen, doch auch das schien nur wenig zu helfen laut Lewis.
      "In 13'. Zusammenstoß in 13' auf der Fifth Avenue. Du musst sie abschütteln, Santiago."
      "Das wollen wir doch mal sehen," grummelte Santiago.
      Für genau solche Situationen ging Santiago immer sicher, dass alle seine Mitfahrer angeschnallt waren. Mit dem Truck war es schwerer als mit einem normalen Fahrzeug, aber er schaffte es trotzdem, so einiges aus dem Ding rauszuholen. Er nahm die Kurven eng, eine Hand immer an der Handbremse, die andere fest um das Lenkrad geschlossen. Er musste ihnen genug Zeit verschaffen, um den Truck liegen zu lassen und zu verschwinden, bevor die Cops sie erreichten. Die Ladung war ab jetzt vollkommen egal.
      Er bretterte durch ein paar Seitengassen, die Autos normalerweise nicht nehmen sollten, kürzte durch den ein oder anderen Parkplatz ab und nahm einige Kreuzungen mit halsbrecherischem Timing. Dank Jericho vergrößerte sich das Verkehrschaos noch ein bisschen mehr. Schließlich brachte Santiago den Truck auf dem Parkplatz eines vor dem Tode stehenden Restaurant zum Halten.
      "Raus!" brüllte er Lewis an.
      Er wusste, dass der Streuner in seinem Zustand nichts sehen konnte - das war okay. Santiago wollte nur, dass er sich abschnallte.
      Er schlüpfte aus dem Truck, umrundete die Motorhaube und riss die Tür auf. Er zog Lewis aus seinem Sitz und warf ihn sich recht unelegant in einem Feuerwehrgriff über die Schulter. Effizienz war gerade wichtiger als Komfort. Er rannte mit Lewis über den Parkplatz und verschwand in der Unterführung einer Mall. Außer Sichtweite von allem setzte er Lewis ab. Er patschte ihm ein bisschen grob gegen die Wange.
      "Hey. Augen geradeaus," forderte er, doch Lewis war noch immer in anderen Sphären unterwegs.
      Der Streuner musste sich fokussieren. Santiago musste was tun. Kurzentschlossen küsste er Lewis, fest, lang, und dreckig.
      "Wieder da?" fragte er, besorgt um ihre Sicherheit, ja, aber ein schiefes Lächeln konnte er sich dann doch nicht verkneifen. "Tief durchatmen. Wir gehen uns jetzt ein Auto klauen und dann verschwinden wir von hier."
      Er ergriff Lewis Hand und führte ihn durch die Unterführung. Dankenderweise hatte die mehrere Ein- und Ausgänge und einer davon führte auf eine Straße mit noch ein paar Restaurants. Santiago suchte sich eins aus, das nach solider Mittelklasse aussah. Er zog Lewis weiter hinter sich her, bis sie ein geläufiges Model einer geläufigen Marke in einer geläufigen Farbe fanden. Santiago sah sich nicht groß um, das würde nur Aufmerksamkeit erregen. Stattdessen zog er eine Nadel aus einem Geheimfach an seiner Uhr heraus, trat an das Auto heran als gehörte es ihm, und knackte das Schloss. Von außen wirkte es, als sei er der Besitzer des Autos und sein Schlüssel stecke fest. Kaum hatte er es geknackt ließ er sich geschmeidig auf den Fahrersitz sinken.
      "Steig ein," meinte er freundlich zu Lewis, während er unter das Armaturenbrett griff.
      Ein paar Sekunden später brummte der Motor, den Santiago kurzgeschlossen hatte und er parkte aus. Er reihte sich ganz brav in den Verkehr ein und fuhr vor den Siren im Hintergrund davon, ohne sich hetzen zu lassen. Wieder griff er auf seine professionelle Paranoia zurück, um sie aus der Gefahrenzone zu navigieren.
      "Adresse ist auf euren Handys," kam Jerichos Stimme aus den Kopfhörern. "Wir sehen uns nächste Woche."
      Das war Teil ihres Fluchtplans: eine Woche Funkstille, dann ein Treffen um sicherzustellen, dass niemand von ihnen erwischt wurde - oder sie verraten hatte. Kurz darauf brach der Funkkontakt ab - Jericho hatte die Kopfhörer deaktiviert. Santiago riss sich seinen aus dem Ohr und warf ihn aus dem Fenster.
      Ein paar Minuten später fuhr er in eine öffentliche Tiefgarage. In besagter Tiefgarage hatte er gestern eine Kamera kaputt gemacht. In der Ecke mit der kaputten Kamera parkte er nun den geklauten Wagen. Er stieg aus und zückte den Schlüssel für einen Mietwagen.
      "Alles okay?" fragte er beim Umsteigen in Lewis Richtung.
      Wieder parkte er aus. Er nahm einen zweiten Ausgang aus der Tiefgarage heraus. Er fuhr nur drei Blocks weiter, parkte auf dem nicht bewachten Parkplatz eines Yoga-Studios, und schaltete den Motor aus. Sein Motorrad stand auf der anderen Seite des Parkplatzes, aber er machte noch keine Anstalten, auszusteigen. Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Was war schiefgelaufen? Er wollte sich nicht eingestehen, dass es bloßer Zufall gewesen war. Was hatten sie übersehen?
      "Fuck!" fluchte er laut und schlug von innen gegen die Tür.
      Seine Gewalt war für gewöhnlich sehr kontrolliert. Er neigte nicht zu Wutsaubrüchen. Aber heute war anders. Er hatte Apollo wieder und wieder gesagt, dass ein bewegliches Ziel Schwachsinn war. Dass sie das einfacher regeln konnten. Aber der Mann hatte ja nicht hören wollen. Und Santiago hatte sich von der Herausforderung verführen lassen. Apollo hatte ihn mit seinem Charme eingewickelt und die goldene Karotte eines Jahrhundertdiebstahls vor ihm baumeln lassen und er war darauf reingefallen.
      Santiago atmete tief durch. Beim Ausatmen knurrte er geradezu. Jetzt wollte er Apollo noch viel mehr ins Gesicht schlagen.
      Stattdessen stieg er aus und zündete sich eine Zigarette an. Er wartete darauf, dass Lewis von selbst ausstieg. Wenn der Streuner Zeit für was auch immer brauchte, sollte er sich die nehmen. Eine Gruppe Frauen in Sportklamotten spülte aus dem Yoga-Studio auf den Parkplatz. Ein paar lächelten Santiago zu, ein paar huschten mit gesenktem Blick an ihm vorbei. Hinter seiner Sonnenbrille sah er keine einzige von ihnen an.
      "Lass uns von hier verschwinden," grummelte Santiago, als er seine Zigarette fertig geraucht hatte und er keine Sirenen hören konnte.
      Er schwang sich auf sein Motorrad, wartete bis Lewis sich an ihn klammerte, dann brauste er davon. Er wusste nur nicht, wohin er sollte. Er wollte nach Hause fahren, aber das verstieß gegen ihren Plan. Scheiß drauf. Er fuhr nach Hause, machte aber einige Umwege, als hätte er eine seiner paranoiden Phasen.
      Als er in seiner Einfahrt parkte, war er noch immer angefressen. Das Schließen des Tores half. Die Schlösser an seiner Tür ebenfalls. Die Routine vom Öffnen und Verschließen von so vielen, so gewohnten Schlössern beruhigte ihn. Drinnen steuerte er direkt seinen Kühlschrank an, holte zwei Bier raus, öffnete sie mit Hilfe der Kante seiner Arbeitsplatte, und schob eins zu Lewis rüber, bevor er einen sehr großen Schluck aus seinem eigenen nahm. Während dem zweiten Schluck durchsuchte er eine Schublade. Er warf einen kleinen Plastikbeutel mit Gras und Papier und sogar Filtern vor Lewis auf die Kücheninsel. Er hatte schon vor einer Weile Gras für Lewis besorgt. Er hatte gewusst, dass der Streuner das heute brauchen würde, allerdings hatte er sich die Umstände anders erdacht.


    • Niemand anderes hätte diesen Transporter so fahren können wie Santiago es tat, als er jetzt seine ganze bisherige Zurückhaltung fallen ließ und aufs Gaspedal trat. Lewis wurde auf seinem Sitz herumgeworfen und tastete blind nach einem Griff, um sich damit einigermaßen zu stabilisieren. Vor seinen Augen verschwanden Knoten, als Santiago die eine Abzweigung und nicht die andere nahm. Er behielt die Polizeiwägen im Auge, er behielt die Straßen im Auge und er konnte insoweit zu Diensten sein, Santiago daran zu hindern, die falsche Straße zu nehmen. Aber mehr war es auch nicht. Alle Wege endeten in einer Sackgasse für sie.
      Zum ersten Mal ertönte Apollos Stimme in ihren Ohren. Der Mann hatte sich bei diesem und auch beim letzten Job immer rausgehalten, empfand es jetzt aber wohl für nötig, seinen Beitrag zu leisten.
      "Lassen sich die Wagen wechseln? Ist dafür noch genug Zeit?"
      "Nein. An der nächsten nicht links."
      "Ich will eine klare Ansage haben: Ist noch etwas zu retten?"
      Der Mann konnte gut reden, er saß ja auch nicht im gestohlenen Fahrzeug mit der Beute hintendrin. Er gurkte mit Jericho irgendwo durch die Straßen und konnte gleich heimdüsen, während sie nun irgendwie den scheiß Laster loswerden mussten.
      Lewis' Augen brannten. Er sah schon gar nichts mehr anderes als seine Knoten, aber seine Magie wurde trotzdem noch durch die Straße gefüttert.
      "Nein! Abbrechen, alles wird abgebrochen!"
      Danach rührte sich Apollo nicht mehr und nur Jericho mochte wissen, was in dem Mann nun vor sich ging.
      Santiago brachte sie auf einem halsbrecherischem Pfad durch die Straßen, während Lewis nur weiter die Sekunden zählte, bis das erste Polizeiauto Sichtkontakt zu ihnen hätte. Die Zeit variierte von 4 Minuten hinunter auf 2 Minuten 21 Sekunden, wenn Santiago eine Abkürzung wählte, und pendelte hoch auf 5 Minuten 51 Sekunden, weil die Schar an Polizisten die andere Richtung wählten. Aber es war ein Wettlauf gegen die Zeit und Lewis' Aufmerksamkeit und er wusste, mit jedem weiteren Hämmern in seinen Schläfen, dass er so einen Wettlauf immer verlieren würde.
      Dann kam der Wagen plötzlich mit einem Mal zum Halten und Santiago brüllte ihn an auszusteigen. Sofort riss Lewis den Sicherheitsgurt raus und die Tür auf; er vertraute dem Mann vollkommen, dass er ihn nicht mitten auf der Straße aussteigen ließ, denn mittlerweile konnte Lewis wahrhaftig nichts mehr sehen. Alles vor ihm waren nur Knoten, Knoten und noch mehr Knoten und während er immernoch die Polizisten beobachtete, tastete er sich aus dem Türrahmen hinaus. Er hätte springen müssen und wäre vermutlich direkt aufs Gesicht geflogen, da kamen bereits Schritte angelaufen und zogen ihn mit einem Ruck heraus. Lewis gab einen knappen Schrei von sich, dann beförderte Santiago ihn auf seiner Schulter weiter. Es wurde dunkler, so viel konnte er noch ausmachen, dann wurde er zurück auf seine Füße gesetzt. Wenn er so blind war wie jetzt, hatte er nichtmal einen guten Gleichgewichtssinn; er schwankte und musste von der starken Hand an seinem Arm gestützt werden. Die Bäume hörten zwar auf sich weiterzubilden, aber sie veränderten sich noch immer und Lewis konnte einfach nicht anders, als sie weiter abzusuchen.
      Eine zweite starke Hand patschte ihm mehrmals gegen die Wange.
      "Hey. Augen geradeaus."
      "Ich versuch's ja, man."
      Er tat es wirklich, aber er wusste noch nicht einmal, wohin er sehen musste, um Santiago in die Augen zu blicken. Seine Pupillen zuckten in sämtliche Richtungen umher, überall hin, nur standen sie nicht still.
      Dann drückten sich hitzige Lippen auf seine, eine Zunge erzwang sich Zugang zu seinem Mund und fuck. Sein Gehirn erlitt einen Kurzschluss, als Santiago ihn zu sich holte, an sich presste und ihn mit unnachgiebigen Lippen und einer findigen Zunge eroberte, die Lewis schier den Verstand raubte. Die Knoten waren immer noch da, selbst als er die Augen schloss, aber er bekam zumindest ein Gefühl für seinen Körper zurück und für die stahlharten Muskeln, die sich da an ihn pressten. Er küsste Santiago zurück, die Außenwelt und ihre Gefahren dabei völlig ignorierend. Sie könnten jeden Moment von der Polizei gefunden werden, aber er hatte alles Vertrauen in diesen Mann, dass er das nicht zulassen würde.
      Nach einem sehr langen Moment lösten sie sich und als er die Augen öffnete, konnte er zumindest Santiagos Gesicht ausmachen. Ein schiefes Lächeln bildete sich auf diesem verschlagenen Gesicht und Lewis musste unweigerlich zurückgrinsen.
      "Wieder da?"
      "Ne. Mach das nochmal."
      Natürlich war das keine Option. Zum Glück übernahm Santiago aber alles weitere, denn Lewis hätte in seiner Überforderung vermutlich nichts auf die Reihe gekriegt.
      Er rieb sich die brennenden Augen, starrte auf den Boden und ließ sich von Santiago nach draußen führen. Sie klauten einen Wagen und auch das tat der Mann nicht zum ersten Mal. Binnen Minuten saßen sie im neuen Wagen. Lewis war ganz aufgewühlt und das teilweise von dem Adrenalin, das ihm noch immer durch die Blutbahnen schoss, und von der Tatsache, dass er absichtlich darauf verzichtete, aus dem Fenster zu sehen. Wenn ihm nun doch etwas entging, gerade weil er nicht hinsah? Aber seine Schläfen pochten immernoch und langsam glaubte er, dass sein ganzes Gehirn von einem Pochen ergriffen war, das im Rhythmus seines Pulses hämmerte.
      "Adresse ist auf euren Handys. Wir sehen uns nächste Woche."
      Die Ansage erhielt keine Rückmeldung. Sie entsorgten die Kopfhörer und fuhren vom Parkplatz. Lewis legte sich seine Augenbinde wieder an.
      Bis zur Tiefgarage hüllten sie sich in Schweigen, dann fiel etwas von der allgemeinen Nervosität ab, als sie erfolgreich den Wagen gewechselt hatten und noch immer kein Blaulicht hinter ihnen auftauchte. Zumindest empfand Lewis es so.
      "Alles okay?"
      Er nickte in die Richtung der Stimme. Es war ganz erstaunlich, dass der Mann sich selbst in einer solchen Situation noch den Moment nahm, um bei Lewis nachzufragen. Irgendwie rührte ihn das auf eine ganz eigene Weise.
      "Alles cool. Wird besser."
      Er sah schon nichts mehr außer Schwarz und seine Kopfschmerzen nahmen langsam wieder ab. Trotzdem fühlte er sich wie ausgelaugt und gleichzeitig unter Strom gesetzt.
      "Ich würde töten für einen scheiß Joint", murrte er.
      Wieder fuhren sie an, wieder ging es durch die Gegend, wieder musste Lewis aktiv den Drang unterdrücken, die Augenbinde abzunehmen und die Straßen zu beobachten. Er wollte es wirklich, es machte ihn fast wahnsinnig, es nicht zu tun. Aber er vertraute Santiago und der brachte sie ohne Blaulicht weiter, bis er irgendwann wieder stehenblieb.
      Für ein paar Sekunden war es still, dann:
      "Fuck!" gefolgt von einem kurzen Knall. Lewis zuckte zusammen und knetete dann seine Lippe. Fuck, in der Tat. Die heiße Stimmung von vorhin war verflogen, zurück blieben nur noch die Reste ihres gescheiterten Plans.
      Es hatte alles so gut funktioniert. So reibungslos. Und dann - und dann was? Was war schief gelaufen? Skye? Jericho? Santiago? Lewis? Was hätten sie anders machen müssen? Was hätte Lewis anders machen müssen?
      Santiago knurrte geradezu, dann stieg er mit einem Ruck aus. Lewis blieb erst sitzen, dann folgte er ihm langsamer. Sie waren noch mitten in der Stadt, was er von dem ganzen Lärm gut hören konnte, weshalb er sich die Augenbinde abnahm. Das Tageslicht stach ihm unangenehm in die Augen und die Kopfschmerzen verstärkten sich gleich wieder. Hoffentlich hatte er es nicht so sehr übertrieben, dass er davon eine scheiß Migräne bekam.
      Santiago rauchte ans Auto gelehnt. Ein paar Frauen tänzelten vorüber, ihre Hinterteile hervorgestreckt wie rollige Hühner, die sich vor einem besonders stattlichen Hahn aufplustern wollten. Der Mann reagierte aber nicht und Lewis hoffte, dass seine Augen rot waren, damit die Weiber schneller weiterziehen würden.
      "Lass uns von hier verschwinden."
      "Mh-hm."
      Ein paar Blicke auf die Straße konnte er sich dann doch nicht verkneifen, als sie auf Santiagos Motorrad wegrasten.

      Eigentlich hätte er Lewis irgendwo absetzen müssen, aber er fuhr durch, bis er in seine eigene Einfahrt einbog. Was soll's, scheiß drauf. Santiagos Bude war ja wohl mindestens so sicher wie der abgelegenste Ort der Welt.
      Wortlos folgte Lewis ihm hinein und rutschte auf einen der Küchenhocker. Santiago holte für sie zwei Flaschen Bier hervor und überraschte Lewis zum zweiten Mal an diesem Tag damit, dass er Gras aus seiner Schublade zauberte. Lewis hätte ihn küssen können.
      "Fuck, danke, man. Das brauche ich jetzt."
      Er griff beherzt hinein und bediente sich. Santiago hatte sogar eine kleine Waage mit dazu gepackt, ein ganzes kleines Care-Paket, nur für Lewis. Sein Herz ging bei dem Gedanken richtig auf.
      "Mach die Nachrichten an, ich will sehen."
      Er blieb an der Kücheninsel sitzen und drehte seinen Joint, während Santiago zu seiner Fernseh-Ecke ging und anschaltete. Mit einem Auge beobachtete Lewis die Nachrichten, bis er fertig gedreht hatte, dann kam er und setzte sich zu Santiago auf die Couch. Er zündete sich den Joint an und inhalierte gleich tief und lang, bevor er etwas entspannter wieder ausstieß. Das war gut, richtig gut. Genau das, was er jetzt gebraucht hatte.
      Im Fernsehen brachten sie noch irgendeine andere Sache, dann kam die Reportage über den aufgefundenen Museumstransporter. Natürlich war er mittlerweile längst gefunden geworden und ganz anscheinend war auch alles noch vorhanden, nur die Fahrer fehlten. In angespanntem Schweigen warteten sie ab, ob man im Fernsehen gleich ihre Namen nennen oder gar ihre Gesichter zeigen würde. Vielleicht hatte sie eine Kamera irgendwo gefilmt, hatten sie daran mal gedacht? Hoffentlich würde es nicht schlimmer werden, als es nicht eh schon war.
      Aber es wurden keine Namen genannt und nur an Augenzeugen appelliert, sich bei jeglichem Hinweis an die Polizei zu wenden. Man kündigte bereits an, zukünftige Transporte mit mehr Sicherheitspersonal auszustatten und die Systeme besser gegen Hack-Angriffe zu schützen.
      "Fuck."
      Das war's dann wohl mit einem Zweitversuch. Dabei konnten sie von Glück sagen, dass es nicht noch schlimmer gekommen war.
      Lewis ließ seine Bäume von den Nachrichten wieder aufbauen, ließ sich von den Informationen seiner Magie füttern, auch wenn er wusste, dass er langsam seine Grenze erreicht hatte. Die Kopfschmerzen lagen hinter seinen Augäpfeln und da waren sie am schlimmsten, wie kleine Dornen, die sich in seine Augen bohrten. Aber noch schlimmer wäre es, sich vorstellen zu müssen, dass ihnen hier irgendetwas entging, nur weil Lewis nicht auf seine Magie achtete.
      Also kiffte er einfach schneller, um dem irgendwie entgegen zu wirken.
      "Das war's dann wohl mit dem Museum, was? War sowieso eine Scheißidee. Hätt' mich nie auf das Risiko einlassen sollen."
    • Santiago ließ sich mit seinem Bier auf die Couch fallen und schaltete wie befohlen die Nachrichten ein. Natürlich kam ein Bericht über sie. Lückenhaft, da das ganze erst eine Stunde her war, aber trotzdem gab es einen Bericht. Die hatten sogar jemanden vor Ort. Im Hintergrund sah man den Transporter und eine Schar Polizisten, die sich um den Wagen scharten, wie Fliegen um einen Haufen Scheiße. Santiago konnte nur hoffen, dass Jericho deren Versprechen hielt und die Straßenkameras ausgeschaltet hatte. Augenzeugen wären wohl weniger das Problem. Dafür waren sie zu schnell unterwegs gewesen.
      Lewis ließ sich neben ihn sinken. Santiago nippte an seinem Bier, während die Nachrichten weiter und weiter plapperten. Das Bier war schneller leer als nötig. Er stellte die Flasche auf seinen Couchtisch und stand auf. Er ging rüber zu dem kleinen Home-Gym, dass er sich aufgebaut hatte. Es lag unter einer kleinen Zwischenebene, die wohl ursprünglich als Schlafzimmer gedacht gewesen war, aber Santiago hatte da oben sein kleines Homeoffice eingerichtet. Viel in Sachen Büro hatte er sowieso nicht, aber irgendwo musste er ja sein legales Leben parken. Da der Boden dieser Zwischenebene aber auf einem Gitter basierte, hatte es sich hervorragend angeboten, ein paar Boxsäcke daran aufzuhängen. Boxsäcke, die es jetzt mit Santiagos Wut zu tun bekamen.
      Er setzte eine Hieb, tief, aus der Hüfte heraus. Der Boxsack schwang vor und zurück, Santiagos blanke Knöchel brannten angenehm. Er fing den Boxsack auf, hielt ihn fest. Ja, das brauchte er jetzt, beschloss er. Er trat einen halben Schritt zurück und legte los. Rechter Haken, linker Haken, rechts, links, rechts, rechts, links, rechter Schwinger. In seiner Wut über den verpatzten Job prügelte er den Boxsack zu Tode - und stellte sich dabei vor, dass es Apollo war, den er da zu Brei verarbeitete. Die Arroganz. Die Tatsache, dass er bis zum Schluss hatte wissen wollen, ob noch was zu retten war. Das war doch nicht normal!
      Santiago beendete seinen kleinen Wutausbruch mit einem ordentlichen Roundhouse Kick, der so stark war, dass er den Boxsack bis an das Gitter hoch schwingen ließ. Das Ding schwang hinter Santiago wild vor und zurück, während der nur schnaufte. Zwei seiner Knöchel waren sogar aufgeplatzt und bluteten leicht, so kräftig hatte er auf den Boxsack eingedroschen. Wovon auch immer er heute Nacht träumen würde, er würde es an Apollo weiterreichen.
      "Ich geh duschen," verkündete er und stapfte davon.


    • Santiago hielt es nicht gar so lange vor dem Fernseher. In einer ruppigen Bewegung stand er auf und ging irgendwo nach hinten. Lewis beachtete ihn nicht weiter, bis er einen dumpfen, starken Schlag hörte, da drehte er sich doch um. Der Mann hatte sich einen seiner Boxsäcke gegriffen und ließ nun seinen ganzen Frust an dem armen Leder aus. Und davon hatte er wohl viel; der erste Schlag war nur der Anfang gewesen, dem noch viel kräftigere Schläge folgten. Lewis konnte sehr genau beobachten, wie die Muskeln aus seinen Armen hervortraten, wie er in perfekter Form seine Schläge verteilte, wie der nächste Schlag noch stärker war als der vorherige. Der Boxsack schwang beträchtlich in seiner Verankerung, das hielt Santiago aber nicht weiter davon ab.
      Lewis entschied in diesem Augenblick, dass manche Dinge im Leben einfach Vorrang hatten über anderen. Man musste immer seine Prioritäten neu setzen und im Augenblick waren die Nachrichten in ihrer Priorität stark gesunken, während Santiago stark gestiegen war. Da richtete er sich auf der Couch seitlich aus, versuchte seine Bäume so schnell zu verdrängen, wie es ihm möglich war, und beobachtete den Mann bei seinem Training. Es war ein scharfer Anblick, eine so gute Aussicht auf das Muskelpaket zu bekommen. Er hätte nichts dagegen gehabt, in diesem Moment der Boxsack zu sein, gleichzeitig war er sich sicher, niemals Santiagos Zorn auf sich lenken zu wollen. Das würde wahrlich nicht gesund für ihn sein.
      Der Mann endete mit einem formvollendeten Roundhousekick und stapfte dann schnaubend davon. Seine Knöchel waren rot geschlagen und Lewis war sich ziemlich sicher, einen Hauch Blut zu entdecken. Aber er sagte nichts und folgte auch nicht; sie hatten alle ihre eigene Art, wie sie mit der Situation umgingen, und wenn es für Santiago war, seinen Boxsack zu verprügeln und dann eine eiskalte Dusche zu nehmen, dann sollte er das auch so tun. Lewis schaltete den Fernseher aus und kiffte dann in Ruhe zu Ende. Seine Kopfschmerzen waren noch da, aber sie würden besser werden.
      Nach einem Moment still dasitzen stand er auf, lauschte auf die Dusche und ging zu dem Boxsack. Lewis war nicht so der Typ für Körperliches - wenn es nicht unbedingt um Sex ging - und außerdem hatte er nie wirklich mehr gelernt, als sich so ordentlich zu prügeln, um selbst nicht völlig zu unterliegen. Das war es dann aber auch schon wieder. Er stellte sich auf, verpasste dem Sack einen halbherzigen Schlag und befand dann, dass er Boxen lieber richtigen Männern wie Santiago überließ. Wenn er irgendwo in Not geriet, würde er hoffentlich immer eine Knarre bei sich haben.
      Er kam zu ihm ins Bad, hatte aber nicht vor, sich seiner Dusche anzuschließen. Er spritzte sich nur kaltes Wasser ins Gesicht, was seinen Kopfschmerzen nicht gefiel.
      Soll ich nachhause gehen?
      Eigentlich hätten sie guten Zelebrierungs-Sex haben können, aber dafür hatten sie jetzt wahrlich keinen Grund mehr. Abgesehen davon war die Sache auch nichtmal abgeschlossen, weil nächste Woche noch ein Treffen anstehen würde.
      Wegen deinen Albträumen. Ich geh’ nachhause, wenn du dafür lieber allein sein willst.
    • Das kalte Wasser seiner Dusche war genau das, was Santiago brauchte, um endlich wieder runterzukommen. Die kleine Trainingssession vorher hatte auch geholfen. Er stemmte die Fäuste gegen die Fliesen, ließ den Kopf hängen und das Wasser seinen Rücken hinunterschießen, bis er wieder auf Betriebstemperatur heruntergekühlt war. Dann erst wusch er sich den Schweiß und den Stress von der Haut und aus den Haaren.
      "Soll ich nach Hause gehen?" hörte er Lewis über das Rauschen hinweg.
      Santi spülte seine Haare aus, dann trat er aus der Dusche.
      "Wegen deinen Albträumen. Ich geh nach Hause, wenn du dafür lieber allein sein willst."
      Scheiß drauf.
      Santi packte Lewis am Handgelenk und zog ihn gegen seine nackte, nasse Brust und vergrub sein Gesicht in den wilden Haaren des Streuners. Er roch so wie immer, aber der Dunst des gerade erst gerauchten Joints hing noch an ihm. Santi war das egal.
      Heute war sowieso schon alles schiefgegangen, warum sich also weiter an irgendwelche dämliche Regeln halten?
      "Bleib," murmelte er in Lewis' Mähne hinein. "Zum Abendessen zumindest. Ich weiß eh nicht wohin mit mir im Augenblick."
      Er löst sich von Lewis und zuckte mit den Schultern.
      "Es sei denn, du hast was zu erledigen. Oder willst nicht bleiben. Ich fahr dich."
      Santi schnappte sich ein Handtuch von der Wandhalterung und trocknete seine Haare, dann den Rest von sich ab. Er verschwendete keine Zeit damit, es sich um die Hüften zu wickeln, sondern hängte es gleich wieder zurück, bevor er zu seinem Kleiderschrank schlenderte und sich ein paar Hosen raussuchte. Er versuchte, einen ganz bestimmten Gedanken zu verdrängen: dass Lewis nicht bei ihm sein wollte wegen seiner Albträume. Dass er wie alle anderen in seinem Leben auch nicht damit umgehen konnte - oder wollte. So lief es doch immer ab. Santi sollte doch eigentlich daran gewöhnt sein. Was hatte ihn dazu bewegt, etwas anderes anzunehmen?


    • Unwillkürlich zog Santiago Lewis an sich, bis er sich gegen die nackte, nasse Brust gedrückt wiederfand. Ihn überraschte die ungewohnte, fast zärtliche Geste, aber wer war er schon, sich darüber zu beschweren? Lewis Shirt konnte ruhig nass werden; er schmiegte sich ganz natürlich an den kalten Körper, der sich ihm so anbot. Leise schnurrte er: “Hey, sexy” und schlang die Arme um den kräftigen Nacken. Santiago schien das Gesicht in seinen Haaren zu vergraben, was irgendwie niedlich war. Dieser große, furchteinflößende Mann, der jetzt Lewis so in seine Arme schloss.
      “Bleib. Zum Abendessen zumindest. Ich weiß eh nicht wohin mit mir im Augenblick.”
      Wenn er ehrlich war, erleichterte ihn die Antwort ein bisschen. Was hätte er auch Zuhause groß tun sollen? Und wollte er wirklich darauf verzichten, wieder neben Santiago einzuschlafen, was ihm jedes Mal fast genauso gut gefiel wie der Sex?
      "Es sei denn, du hast was zu erledigen. Oder willst nicht bleiben. Ich fahr dich.”
      Ob er nicht bleiben wollte? Im jetzigen Stadion ihrer Bekanntschaft - eigentlich schon ihrer Freundschaft - könnten ihn vermutlich nur zwei Dinge davon abhalten, nicht bleiben zu wollen: Ein Jay-Notfall und acht Schlösser, die ihn höchst effektiv aussperrten. Gegen Albträume hatte er rein gar nichts einzuwenden.
      Ne, da lass ich mich lieber verwöhnen. Aber helfen werde ich nicht beim Kochen, sonst platzt mir der Schädel.
      Er betrachtete ausgiebig Santiagos nackten Hintern, den er ihm so großzügig präsentierte, dann ging er selbst nach draußen.
      Kann ich mich bedienen?
      Er deutete auf den Kleidungsschrank und erhielt Erlaubnis. Da tauschte er seine passende Kleidung in zu große Kleidung, die ihm am Körper schlackerte. Er mochte das; Santiagos Kleidung ließ ihn gleich wohlfühlen. Er verband damit Wärme und eine Art von Zuneigung, für die er noch keinen Namen hatte.
      Während Santiago kochte, fläzte Lewis sich auf die Couch, damit er nichtmal auch nur ausversehen auf den köchelnden Topf sehen konnte. Zum Essen kam er dann in die Küche und ließ sich eine selbstgekochte Mahlzeit schmecken. Anfangs war er gegenüber Santiagos gesundem, leichten Zeug überaus skeptisch gewesen, aber er entwickelte wohl sowas wie einen Gaumen dafür. Es schmeckte ihm, ehrlich und aufrichtig.
      Der Rest des Abends war für Lewis so ziemlich gelaufen. Er konnte keine Filme ansehen, weil das für sein Hirn zu viel an Bäumen für einen Tag wäre. Er war auch kein Typ fürs Lesen, weil er einfach nichts davon hatte, ein beschriebenes Blatt anzustarren. Und eine Stereoanlage hatte Santiago auch nicht, das einzige, was Lewis an einem solchen Tag geblieben wäre. Wenn er schon nichts ansehen konnte, konnte er zumindest noch Musik hören. Aber bei Santiago musste er sich aufs reine Faulenzen und Kiffen beschränken.
    • "Dann hilfst du eben nicht," gab Santiago schlicht zurück.
      Innerlich grinste er allerdings. Lewis wollte doch bleiben. Das machte ihn glücklicher, als er erwartet hatte. Dieser Streuner hatte es doch tatsächlich geschafft, sich irgendwie in sein Leben zu wieseln.
      Santi winke ihn durch, als Lewis fragte, ob er sich ein paar seiner Klamotten ausleihen könne. Das war noch sowas... Lewis hatte überhaupt nicht die Statur für seine Klamotten, nicht einmal die Trainingsklamotten, die ihm beinahe zu klein waren. Sie hingen mehr an Lewis, als dass der Streuner sie wirklich trug. Und doch gefiel Santiago dieser Anblick. Er wusste nicht, was es war, aber er mochte es, wenn Lewis seine Klamotten trug.
      Da Lewis sich dazu entschlossen hatte, zu bleiben, musste sich Santi nichts ordentliches anziehen. Er verzichtete also getrost auf seine Unterwäsche und schlüpfte auch in ein paar Jogginghosen und ein einfaches T-Shirt. Heute war schon alles schiefgegangen, da konnte er sich auch ein bisschen gehen lassen. Er hatte definitiv genug Stress gehabt und er würde auch noch einiges an Stress bewältigen müssen. Da konnte sich ja wohl niemand beschweren, wenn er im Privaten ein bisschen entspannte.
      Zum Abendessen gab es nichts zu besonderes. Santiago warf einfach ein paar Reste zusammen. Da er aber nicht "einfach" kochten konnte, wurde es am Ende doch eine ordentliche Portion Paella mit Huhn. Die Reste davon würde er einfach in den Kühlschrank packen und sich morgen drüber freuen, wenn er vollkommen übermüdet war und kaum bis wenig Lust zum Kochen hatte. War das ein Abendessen? Nein, nicht wirklich. Aber wen interessierte das?
      Er servierte Lewis einen ordentlichen Teller - der Junge brauchte was auf den Rippen würde seine Mutter sage - und noch ein Bier. Dem Streuner schien es zu schmecken, was den Argentinier in Santi doch irgendwie stolz machte. Wenn er seiner mamá davon erzählte, würde die komplett ausflippen. Wahrscheinlich würde sie ihn dann mit dem Kochlöffel hauen und darauf hinweisen, dass sie ihm schon unzählige Male gesagt hatte, dass er ein guter Koch war.
      Während Santi den Abwasch erledigte, warf sich Lewis wieder auf sein Sofa - bewaffnet mit einem neuen Joint. Er ließ es sich zwar nicht anmerken, aber Lewis musste völlig ausgelaugt sein.
      Santi trocknete sich die Hände ab, hängte das Handtuch weg und ließ sich neben Lewis auf das Sofa sinken. Er griff sich Lewis am Fußgelenk und zog ihn zu sich. Er grinste ob des Schocks auf dem Gesicht des Streuners.
      "Komm her," meinte er und klopfte auf den Sitzplatz zwischen seinen Beinen.
      Sobald sich Lewis vor ihn gesetzt hatte, legte er ihm die Hände auf die Schultern. Er befühlte die Muskelstränge in Lewis' Nacken kurz, dann übte er ein bisschen Druck aus. Lewis hatte mal erwähnt, dass er heftige Kopfschmerzen bekam, wenn er seine Magie überstrapazierte. Also wollte Santi etwas dagegen unternehmen.
      Er arbeitete sich mit den Daumen über Lewis' Nacken nach oben, dann hinter seinen Ohren zu seinem Kiefer und zurück. Dann arbeitete er sich mit den Fingern über Lewis' Schläfen langsam nach oben. Schließlich gab es eine ordentliche Kopfmassage, bevor er wieder runter zu Lewis' Schultern ging.
      "Das wird sich jetzt seltsam anfühlen, aber vertrau mir einfach mal kurz," meinte er, bevor er seinen Arm um Lewis legte und dann gegen seinen Kopf drückte, um die frisch massierten Nackenmuskeln sanft zu dehnen.
      Er hielt das für dreißig Sekunden, dann wechselte er die Seiten und wiederholte es für weitere dreißig Sekunden. Als er fertig war, schlang er die Arme um Lewis' Oberkörper und parkte sein Kinn auf der Schulter des Streuners.
      "Besser?" fragte er.


    • Santiago kam hinterher auch auf die Couch, ließ sich auf seinen designierten Platz fallen - und zog Lewis an seinem Fuß ein Stück näher. Der wurde so davon überrascht, dass er fast seinen Joint verlor.
      "Was ist denn mit dir, Goliath?"
      "Komm her."
      Santiago öffnete die Beine und klopfte auf den Platz dazwischen, genauso, wie man wohl eine Katze anlocken würde. Lewis war zwar keine Katze, aber er fühlte sich doch auf dieselbe Art davon angelockt, als hätte der Mann mit dieser einfachen Geste irgendwas in ihm aktiviert. Da kam er doch angekrochen und ließ sich skeptisch zwischen den muskulösen Oberschenkeln nieder.
      Wortlos legte Santiago die Hände auf seine Schultern und befühlte seinen Nacken etwas, dann drückte er etwas zu und -
      "Ohhhh."
      Lewis konnte es sich einfach nicht verkneifen bei der Präzision, mit der Santiago auf seinen gehärteten Muskel drückte. Es fühlte sich ganz himmlisch an, besser als alle Joints der Welt zusammen oder sich das Gesicht mit kaltem Wasser abzuspritzen. Der Mann hatte erstaunlich kraftvolle Finger und schien genauso zu wissen, wie fest er zudrücken musste. Er arbeitete sich über Lewis' Nacken hinweg und der schmolz in der Massage, die ihm all die verkrampften Muskeln lockerte. Er hatte noch nicht einmal gewusst, dass er so angespannt gewesen war, aber Santiago bewirkte wahre Wunder an ihm. Seine Finger arbeiteten sich über seinen Nacken hoch in sein Haar, massierten ihm den Kopf und entlockten ihm weitere unbewusste Töne, bevor sie wieder herab wanderten und an seinen Schultern weitermachten. Es war eine wahre Linderung für seine Kopfschmerzen, die bis dahin zwar in den Hintergrund gerückt, aber immernoch existent gewesen waren. Jetzt sank der ganze Druck unter der Oberfläche aber ab und Lewis wurde nach und nach weich unter Santiagos Händen.
      "Das wird sich jetzt seltsam anfühlen, aber vertrau mir einfach mal kurz."
      "Mhhhh."
      Leider war er nicht geistesgegenwärtig genug, um ihm zu sagen, dass er ihm immer vertraute. Was für eine dumme Aussage. Dann schlang Santiago die Arme auf eine merkwürdige Art um ihn und Lewis begriff ein wenig, was er meinte, wobei es sich immernoch gut anfühlte. Er schloss die Augen, während er Santiago an sich arbeiten ließ. Das war auf eine Art erlösend, wie er sie noch nie erlebt hatte. Normalerweise kiffte er sich die Kopfschmerzen weg oder schlief einfach lange genug, bis sie von selbst weg gingen. Aber das hier war auf eine ganz andere Weise befreiend.
      Santiago ließ ihn los, aber nicht ganz. Lewis war irgendwie froh darum.
      "Besser?"
      "Oh ja. Das war gut, so gut."
      Er konnte Santiago neben seinem Gesicht fast grinsen hören. Sein Joint - er hatte dabei ganz seinen Joint vergessen. Jetzt griff er ihn sich wieder, schälte sich aus Santiagos halber Umarmung heraus, drehte sich um und kletterte auf seinen Schoß. Dort ließ er sich nieder, den Blick unverwandt auf Santiago gerichtet, nahm einen langsamen, genießenden Zug von seinem Joint, drehte den Kopf und blies den Rauch von Santiago weg. Er fühlte sich jetzt gänzlich locker, sein Körper so leicht und unbeschwert, als könne er gleich davonfliegen.
      "Warum bist du so nett zu mir?"
      Er hob einen Finger.
      "Komm jetzt nicht mit deinem Moralapostel oder mit Respekt oder allem. Du bist ständig nett zu mir, du holst mich mitten in der Nacht vom Club ab, du lässt mich hier pennen, sogar ohne Sex zu haben, du kochst für mich und das regelmäßig; du hast dir einen ganzen Batzen Gras besorgt und das nur für mich, ich weiß, dass du nicht kiffst und es niemals tun wirst. Du hast mich zum scheiß Arzt gebracht, als ich, äh, zu harten Sex gehabt hab. Du hast Bryce für mich verprügelt. Und jetzt massierst du mich - warum? Warum bist du ständig so nett? Gibt es da irgendwas, was du noch von mir haben willst? Hast du irgendwelche abgefuckten Kinks, über die wir noch nicht geredet haben; Verstümmelung oder sowas? Da kannst du auch gleich fragen, du musst mir nicht erst Honig ums Maul schmieren. Und erst recht nicht so viel, ich werde ja noch fett davon."
    • Santiago schlang die Arme gleich wieder um Lewis' Torso, kaum hate der es sich auf seinem Schoß bequem gemacht. Er lehnte sich zurück und sah zu dem Streuner auf.
      "Warum ich so nett zu dir bin?" wiederholte er die Frage.
      Es war eine gute Frage. Warum war er so nett zu Lewis? Warum ließ er den Streuner so sehr an sich ran - und das auch noch so schnell? Normalerweise hielt er Leute auf Armeslänge von sich fern. Zu viel Ballast auf seiner Seite, den er nicht erklären wollte - den auch niemand verstehen wollte. Zu groß das Risiko, dass er und seine Arbeit aufflogen. Sein Lebensstil passte einfach nicht mit dem Konzept von Vertrauen zusammen. Also warum war es mit Lewis anders?
      "Weil du's verstehst," antwortete Santi schließlich ehrlich.
      Und es war die Wahrheit. Lewis verstand den Job. Er verstand die Magie. Er verstand es einfach.
      "Ich kann an einer Hand abzählen, wie vielen Menschen ich wirklich vertraue. Wie viele Menschen... ich an mich ran lasse. Meine Eltern verstehen Magie nur soweit, dass sie wissen, dass sie ihrem Goldjungen Probleme bereitet. Den Job kennen sie gar nicht. Die paar Freunde, die ich in meinem Leben gemacht habe, verstehen den Job, aber nicht die Magie."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Du verstehst beides. Ich bin nett zu dir, weil du verstehst, wie es ist. Da fällt es mir leicht, für dich zu kochen - wir wissen beide, dass du es gebrauchen kannst. Da fällt es mir leicht, eine kleine Kakerlake unter meinem Stiefel zu zerquetschen, wenn sie dir wehtut."
      Er seufzte und schüttelte lächelnd den Kopf.
      "Ich weiß es auch nicht, ehrlich. Ist das erste Mal, dass ich wirklich nett zu jemandem bin. Einen Verstümmelungskink hab ich übrigens nicht, darum musst du dich nicht sorgen. Danach aufzuräumen ist viel zu nervig, um Spaß zu machen."
      Wenn Santiago ehrlich war - noch ehrlicher, als er gerade sowie so schon war - dann wollte er Lewis für sich behalten. Lewis war der erste und einzige Mensch, der sich nicht vor ihm fürchtete. Nicht vor ihm, nicht vor seiner Magie, nicht vor seiner Paranoia oder seinen Träumen. Ganz im Gegenteil. Er hatte das alles gesehen und war geblieben. Freiwillig geblieben.
      "Es ist weniger, dass ich was von dir will, was du mir noch nicht gegeben hast," meinte er leise. "Es ist mehr, dass ich das von dir will, was du mir schon gibst."


    • “Weil du’s verstehst”, kam die Antwort und Lewis legte den Kopf schief.
      Mit einer derart einfachen Begründung hatte er nicht gerechnet, auch nicht mit allem, was danach folgte. Es war schon deutlich für ihn geworden, dass Santiago nicht viele Menschen in seinem Leben haben konnte - viele Dinge sprachen dagegen. Anfangs hatte er sich noch ausgemalt, wie der Mann mit seiner Freundesgruppe aus anderen Kraftsportlern draußen auf der Dachterrasse saß und es sich gut gehen ließ, heute hatte er schon längst verstanden, dass nicht einmal der Postbote hereinkam. Und da gleich ein ganzer Freundeskreis? Nie im Leben. Aber weitergedacht hatte er niemals, nur jetzt, als Santiago es ihm offenbarte. Wen hatte Santiago schon in seinem Leben, dem er alles anvertrauen konnte, seinen Job und seine Magie eingeschlossen? Kaum einen. Lewis musste sowas wie ein Glücksgriff für ihn sein - gerade Lewis, dessen Leben aus Nachrichten, Gras und Club-Hopping bestand. Wie absolut absurd das war.
      Und doch meinte Santiago es vollkommen ernst. Er lächelte dabei zwar, ein durchaus hübsches Lächeln, aber er meinte es sehr ernst.
      In diesem Moment sah Lewis ihn wohl zum ersten Mal mit anderen Augen. Zum ersten Mal sah er wirklich unter die Fassade des Mannes, der einen gestandenen Dealer zum Heulen brachte und seine Knöchel an einem Boxsack blutig schlug. Der auf der anderen Seite stöhnend von Albträumen erwachte und acht Schlösser an seinen Türen hatte. Und was er da sah… nun, irgendwie kam ihm der Mann dadurch nur vertrauter vor. Wie ein wahrer Freund, den man nicht mehr los sein wollte. Wie sein eigener Glücksgriff.
      Lewis nahm wieder einen Zug, bog sich nach hinten und drückte den verbliebenen Stummel in den Aschenbecher. Dann richtete er sich wieder auf.
      Ich verstehe nicht… alles. Ich werde nie verstehen können, wie sich deine Magie anfühlt, und ich weiß auch gar nicht, wie dein Job üblicherweise aussieht. Heute hab ich erst gelernt, dass du darin wohl häufiger andere Autos klaust. Aber sonst?
      Er zuckte mit den Schultern.
      Aber ich weiß, dass ich dir vertrauen kann und das ist richtig komisch. Du könntest mich zerquetschen wie eine Fliege, aber irgendwie machst du’s einfach nicht. Du weißt, wie meine Magie funktioniert, du könntest genau planen, wie du mich umlegen willst und ich könnt’s nicht vorhersehen. Aber stattdessen machst du mir Eier zum Frühstück und fragst, ob's mir gut geht. Das ist abgefuckt, wirklich.
      Er grinste selbst.
      Aber mir gefällt's. Das ist mal eine Abwechslung von… allem. Ich hab also keine Ahnung, was du genau von mir bekommst, aber das kannst du auch weiter haben, sicher. Wenn ich dafür meine Eier bekomm, wieso nicht.
      Er stutzte.
      Heißt das, wir daten? Ist es das, was wir hier die ganze Zeit schon machen?
    • Santiago stutzte ein wenig, als Lewis ihm eröffnete, dass er nicht der einzige war, für den das alles - was auch immer es war - neu war. Für den es sich aber gut anfühlte, auch wenn keiner von ihnen beiden dieses Was wirklich benennen konnte. Und da war es wieder, dieses seltsame Gefühl der Vertrautheit zwischen ihnen.
      "Heißt das, wir daten? Ist es das, was wir hier die ganze Zeit schon machen?"
      Das war ja mal eine Feststellung. Aber war sie falsch?
      "Ich würde nicht sagen, dass wir das die ganze Zeit schon gemacht haben," überlegte Santi laut. "Das war mehr Bekanntschaft mit Vorzügen? Stressabbau? Keine Ahnung. Aber..."
      Santi grinste und zuckte mit den Schultern.
      "Warum nicht? Ich mein... wir kennen die größten Schwächen des jeweils anderen, also sollten wie entweder daten oder Erzfeinde werden. Wie in einem Comic oder sowas. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Schnurrbart steht mir nicht. Auch wenn ich diese ganze geheime Basis Sache schon ziemlich gut geregelt habe."
      Er machte eine kleine Geste, mit der er sein Apartment meinte. Dieser Ort musste so ziemlich alle Bauvorschriften für Superbösewichte erfüllen: versteckt, kugelsicher, unauffällig.
      "Ich hätte zumindest nichts dagegen, wenn wir das machen. Daten, meine ich," fuhr Santi fort.
      Dann, ohne Vorwarnung, warf er Lewis auf das Sofa und legte sich mit seinem halben Gewicht über ihn. Er grinste verschlagen.
      "Aber ich muss dich vorwarnen: ich bin ein bisschen eingerostet. Mein letztes Date war auf dem College. Und sie war eine langweilig normale Literaturstudentin. Ehrgeizig, hat in ihrer Freizeit Leichtathletik gemacht. Aber sie war super normal."
      Der Gedanke daran, sich wieder auf eine Beziehung einzulassen war, gelinde gesagt, Angst einflößend. Was durchaus etwas heißen wollte für jemanden wie Santiago, der dauernd irgendwelche waghalsigen Dinge tat und mit der Angst von Leuten herumspielte, bevor er sie selbst erlebte. Auf der anderen Seite war es aber schon irgendwo aufregend. Santiago hatte wirklich seit einer Ewigkeit keine Beziehung mehr gehabt. Und selbst damals auf dem College war er nie wirklich völlig offen gewesen. Er hatte immer einen Teil seiner selbst zurückhalten müssen. Und irgendetwas sagte ihm, dass er das mit Lewis nicht tun musste.
      "Also?" fragte er. "Daten wir?"


    • Lewis lachte knapp. Santiago mit Schnurrbart war eine zu lustige Vorstellung. Ein knallroter noch dazu.
      Ein Ziegenbart könnte dir dafür stehen. An den Rändern noch hoch gekringelt.
      Er wurde mit einem weiteren Schrei von Santiagos Schoß geworfen, der ihn aber nicht auf den Boden fallen ließ. Mit seinem eigenen Gewicht zwängte er ihn unter sich ein und Lewis verschränkte grinsend die Arme hinter dem Kopf.
      Eigentlich müssen wir auch nichts anders machen als bisher. Ich glaub, wir sind beide nicht die Typen für fancy Abendessen. Außerdem bist du auch weiterhin dafür zuständig, uns irgendwohin zu bringen, ich kann ja nämlich nicht fahren. Auch wenn ich zu gerne mal bei deinen Eltern vorgefahren und dich abgeholt hätte. Müsste ich dann deinem Dad versprechen, dich auch ja pünktlich um 10 wieder heim zu bringen?
      Er grinste noch viel breiter. Der Gedanke, dass der breite Santiago sich vor seinem papito rechtfertigen müsste, war allzu komisch. Noch viel lustiger, weil es gerade Lewis wäre, der es hervorgerufen hätte.
      “Also? Daten wir?”
      Klar. Lass uns daten, Santi-Baby.
      In einer überschwänglichen Geste schlang er die Arme um Santiagos Nacken und zog ihn zu sich herab. Eigentlich war es alles nur eine dumme Witzelei gewesen, aber jetzt spürte er doch ein gewisses Kribbeln im Bauch, als hätte es irgendetwas geändert, dass sie nun anfingen zu daten. Lewis setzte sowieso nicht so viel Hoffnung hinein; seine längste Beziehung hatte ein Jahr gehalten, wobei sie sich dabei ein halbes Jahr nicht gesehen hatten. Theoretisch war Bryce seine längste Beziehung, allerdings waren sie nie eine Beziehung eingegangen und Lewis schüttelte sich auch bei dem Gedanken. Es war wohl Zeit, diese ganzen halben Erfahrungen gegen eine ganze zu ersetzen.
      Aber wusste er überhaupt, wie man richtig datete? Wie das wirklich funktionierte, wenn man nicht unbedingt ständig durch die Clubs zog? Es musste es bald lernen, denn irgendwie gefiel ihm der Gedanke nicht, dass es gerade mit Santiago nicht klappen könnte. Als würde er jetzt schon mehr verlieren, wenn sie das beenden würden.
    • "Oh, mein papito ist harmlos. Vor meiner mamá solltest du dich in Acht nehmen. Wenn sie dir mit der chancleta hinterher rennt, dann kann selbst ich dich nicht mehr retten."
      Warum spielte er überhaupt mit dem Gedanken, Lewis seinen Eltern vorzustellen? Er stelle nie jemanden seinen Eltern vor. Lewis war Arbeit, seine Eltern waren privat. Aber wenn sie jetzt wirklich diese ganze Date-Geschichte angingen... dann war Lewis doch auch privat, oder? Und warum war der Gedanke, Lewis tatsächlich einfach einmal mitzunehmen, auf einmal so verlockend? Das hatte nicht nur damit zu tun, dass er seine Mutter glücklich sehen wollte. Das ging tiefer.
      Lewis zog ihn zu sich runter und Santi nutzte die Gelegenheit, den Streuner zu küssen. Er war jetzt wohl ein vergebener Mann. Vorerst.

      Normalerweise wehrte er sich an Abenden wie diesen gegen seine eigene Müdigkeit. Er hatte letzte Nacht geschlafen, bevor er sich dann die Alpträume geklaut hatte, also könnte er ruhig noch ein paar Stunden wachbleiben. Aber Lewis wollte ihn nicht lassen. Der Streuner bestand darauf, dass er ein Nickerchen machte. Und wenn Santi ehrlich war, dann wollte er es auch hinter sich bringen.
      Also folgte er dem Streuner lange nach Sonnenuntergang ins Bett. Er machte es sich bequem, zog Lewis an sich und kraulte ihm durch die Haare, bis der eingeschlafen war. Dann blieb er zwar noch ein bisschen wach, aber er wehrte sich nicht, als seine Lieder schwerer wurden. Er schob Lewis bloß ein bisschen von sich weg, in der dummen Annahme, dass er ihn dann später nicht weckte, wenn er träumte. Santi streckte sich kurz, dann rollte er sich auf den Bauch und vergrub das Gesicht in seinem Kopfkissen. Er ließ zu, dass ihn seine Müdigkeit überrollte.

      Santiago stand im dunklen Wohnzimmer eines - seines - Hauses. Die Nacht war still, doch eine beklemmende Unruhe lag in der Luft. Ein leises Kratzen an der Hintertür ließ sein Herz schneller schlagen. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn, und er wagte kaum zu atmen. Vorsichtig ging er zur Tür und blickte durch den Spion. Nichts. Aber das Kratzen hörte nicht auf. Es wurde lauter, eindringlicher.
      Plötzlich zersprang das Glas der Tür mit einem lauten Knall, und Splitter flogen durch die Luft. Eine dunkle Gestalt drang ins Haus ein, ihre Bewegungen waren geschmeidig und unheilvoll. Panik erfasste Santiago. Er wollte schreien, doch kein Laut kam über seine Lippen. Sein Mund war trocken vor Angst, und seine Beine fühlten sich wie Blei an. Er drehte sich um und rannte, so schnell er konnte, die Treppe hinauf ins Schlafzimmer seiner Kinder, die er eigentlich gar nicht hatte.
      Die Tür flog auf, und er stürzte hinein. Seine Kinder schliefen friedlich in ihren Betten.
      "Wach auf!", flüsterte er hektisch, aber sie reagierten nicht.
      Er rüttelte sie verzweifelt, aber sie blieben reglos, wie in einem tiefen, unnatürlichen Schlaf gefangen. Das Kratzen an der Tür hatte sich in schwere Schritte verwandelt, die nun die Treppe hinauf hallten. Santiago hörte das Knarren der Stufen und das leise Atmen der Gestalt.
      Er suchte fieberhaft nach einem Versteck, doch alles schien nutzlos. Die Schritte kamen näher, jedes Knarren der Dielen fühlte sich an wie ein Hammerschlag auf seine Seele. Plötzlich stand die Gestalt in der Tür des Schlafzimmers. Ein bösartiges Grinsen breitete sich auf dem schattigen Gesicht aus, Augen funkelten unnatürlich vor dunkler Freude. Langsam hob die Gestalt eine Waffe, und Santiago spürte eine lähmende Angst in sich aufsteigen.
      Er stellte sich schützend vor seine Kinder, doch die Gestalt kam unaufhaltsam näher. Ein Schuss fiel, und alles wurde schwarz. Santiago erwachte schweißgebadet in seinem Bett. Es war nur ein Traum, sagte er sich. Aber das Gefühl der Ohnmacht und Angst blieb in seinem Inneren haften. Er legte sich zurück und hörte den Wind draußen heulen. Dann hallte in lauter Knall durch den Raum, als jemand die Vordertür mit einem Triff aufbrach.
      Er warf die Bettdecke beiseite und rannte zur Schlafzimmertür. Als er sie aufriss, änderte sich die Szene: Er war im Wohnzimmer gefesselt, während seine Familie im Obergeschoss eingeschlossen war. Die dunklen Gestalten schlichen durch das Haus, ihre Schritte hallten bedrohlich wider. Santiago kämpfte gegen seine Fesseln, aber sie waren zu fest und schnitten ihm nur tief in die Hand und Fußgelenke. Er hörte das ängstliche Schreien seiner Kinder und das verzweifelte Weinen seiner Frau.
      Die Gestalten kamen näher, ihre Gesichter verbargen sich in tiefen Schatten. Eine Gestalt hob einen schweren Hammer und schritt auf ihn zu. Santiago schloss die Augen, bereit, den Schmerz zu ertragen.

      Santiago schlug die Augen auf, ein stummer Schrei auf seinen Lippen. Nach Luft schnappend setzte er sich auf und befühlte seine Knie. Sie waren noch intakt. Sie waren nicht von einem Hammer zertrümmert worden.
      "Ich bin okay..." murmelte er.
      Aber war er das? Er ließ den Blick durch den Raum gleiten. Im sanften Licht des Mondes und der New Yorker Skyline konnte er sein Apartment erkennen. Sein Apartment, nicht sein Haus. Ein Blick neben sich offenbarte ihm auch, dass er nicht länger verheiratet war, sondern dass er eine ungewöhnliche Beziehung mit Lewis hatte.
      "Ich bin okay," wiederholte er und atmete tief durch.
      Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, dann über's Gesicht. Er stand auf, wobei er seinen Knien einen langen Moment nicht vertraute, dann schlurfte er ins Badezimmer, um sich kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Sobald er wieder sicher in der Realität angekommen war, ließ er sich zurück ins Bett fallen und starrte seine Decke an. Hätte er mehr Hirnzellen gehabt, hätte er es vielleicht als interessant betrachtet, dass von den drei Alpträumen, die er sich geklaut hatte, mindestens zwei auf der gleichen Angst beruhten. Aber dafür war er zu diesem Zeitpunkt zu fertig mit den Nerven.


    • Lewis ging mit einem guten Gefühl im Bauch ins Bett. Er hatte jetzt wieder einen festen Freund; das war so eine kindische Sache, aber trotzdem freute er sich wie dumm darüber. Er konnte sich gerade noch davon abhalten, seinen Bruder anzutexten und ihm die Neuigkeiten mitzuteilen - als ob er das nicht schon ein Dutzend Mal getan hätte, nur um sich einen Monat später schon nicht mehr an den Namen erinnern zu können, wenn ihn Jay danach fragte. Aber das hier war anders - Santiago war anders. Und Lewis erkannte, dass es ihn so sehr erfreute, weil es mal nicht um seine Magie ging und wie nützlich er damit sein konnte. Der Mann hatte irgendwas von ihm und obwohl er das noch nicht wirklich begriffen hatte, konnte es kaum seine Magie sein. Er hatte etwas von Lewis ganz persönlich und deshalb freute ihn das auch so sehr. Er schlief ein, glücklich und zufrieden.
      Wie schon in der Nacht einige Wochen zuvor, weckte ihn nichts bestimmtes auf. Irgendwann war er einfach wach, aber diesmal wusste er, was vor sich ging, denn Santiago schlief bereits. Lewis versuchte erst gar nicht wieder einzuschlafen, sondern setzte sich auf und wartete.
      Zuerst kamen die Geräusche, ganz fein und anfangs noch leicht zu überhören: Ein zu scharfes Einatmen, ein winziges Stöhnen, ein genuscheltes Wort. Santiago rührte sich noch nicht, aber das kam einige Minuten später: Das Zucken, das Arbeiten seiner Muskeln, die Anspannung, die sich in seinen Körper legte. Beides steigerte sich in seiner Intensität, bis Lewis sich wieder Sorgen um ihn machte. Ob er ihn wirklich nicht aufwecken konnte? Aber sie hatten schon darüber gesprochen und er versuchte, sich auch daran zu halten.
      Beim letzten Mal war er auch besorgt gewesen, ja, aber da waren sie auch noch nicht zusammen gewesen, egal wie frisch das jetzt auch sein mochte. Jetzt verspürte Lewis neben seiner Sorge auch einen unmittelbaren Drang, Santiago irgendwie zu helfen, wie auch immer das möglich sein sollte. Er wollte ihn nicht leiden sehen und dieses Gefühl war wesentlich intensiver als beim letzten Mal. Nur musste er wieder abwarten, bis Santiago schließlich am ganzen Körper erstarrte und mit einem Ruck die Augen aufriss, als müsse er sich körperlich von seinem Traum befreien. Er füllte seine Lunge mit Luft und stieß sie genauso hektisch auch wieder aus.
      “Ich bin okay…”
      Das schien irgendwie sein Mantra zu sein. Lewis unterbrach es nicht, bis er sich einigermaßen sicher sein konnte, dass der Mann zurück in die Realität gekehrt war.
      “Ich bin okay.”
      Und wie auch beim letzten Mal stand er auf, verschwand im Bad und wusch sich viele Sekunden lang den Schweiß vom Gesicht. Dann kam er wieder und wie schon beim letzten Mal bestand Lewis darauf, dass er sich an ihn schmiegte. Wie schon beim letzten Mal kraulte er ihm die Haare und versuchte, ihn irgendwie abzulenken. Das schien schon einmal funktioniert zu haben.
      Ich habe nachgedacht und ich finde, wir sollten so wie in der Highschool daten. Du hast nämlich zuletzt erst im College gedatet, wo ich aber nie war, und ich verstehe unter daten, dass wir ein paar Lines ziehen und uns dann in ein Hotel verkrümeln. Aber auf der Highschool, da ist man sowas noch kreativer angegangen. Da hat man sich Mühe gemacht, weißt du? Mit einem richtigen Zeitplan und… Aktivitäten und… all so einem scheiß halt. Das sollten wir probieren. Bist du schonmal Achterbahn gefahren?
      Hauptsächlich laberte er nur, aber Santiago ließ es geschehen. Santiago ließ sich streicheln und verhätscheln, bis er sein typisches “wir müssen nicht beide die Nacht durchmachen” brachte und die Rollen vertauschte. Lewis küsste ihn knapp, dann schmiegte er sich an ihn.
      Ich bin da, wenn du wieder einschläfst.
      Santiago schlief nicht wieder ein. Er blieb wach und machte am Morgen harte Eier, die Lewis so mochte.

      Sie trafen sich in der Woche noch zweimal und Jay erfuhr, dass Lewis einen neuen Freund hatte, der Santiago hieß und Motorrad fuhr. Er stellte zwar noch mehr Fragen - wie hatten sie sich kennengelernt, hatte das eine Zukunft, Lewis hatte ihn hoffentlich nicht hinter einem Club aufgegriffen - aber mehr Informationen bekam er nicht. Lewis hatte nämlich keine Ahnung, wie Santiago dazu stehen mochte, dass einfach über ihn erzählt wurde und machte sich bereits Sorgen, dass es schon zu viel sein könnte, den Namen ausgeplaudert zu haben. Er würde ihn und Jay einfach irgendwann mal zusammenbringen und dann sollten sie sich eben gegenseitig kennenlernen, wenn sie da Lust drauf hatten.
      Den gescheiterten Überfall empfand Jay als gar nicht so schlimm, weil sie nochmal äußerst glimpflich davongekommen waren. Aber er hatte Sorge, was das nächste Treffen betraf; schließlich wussten sie nicht, wie die anderen auf eine solche Niederlage reagieren würden. Es konnte durchaus sein, dass sie es sich etwas zu sehr zu Herzen nahmen.
      Er befahl Lewis daher mit dem Gespür eines Geschäftsmannes, dass er eine Knarre zum Selbstschutz mitnehmen sollte und ihn unbedingt anrufen sollte, wenn irgendwas schief ging. Jay würde zwar nicht soweit gehen, ihm einen Geleitschutz zu verpassen, aber er würde immerhin erreichbar bleiben. Und wenn irgendetwas war, dann war wohl Jay der Mann dafür, das Problem zu regeln.
      Lewis gehorchte und nahm etwas mit. Außerdem ging er sowieso nicht alleine und pünktlich vor dem Treffen tauchte Santiago bei ihm auf, um ihn abzuholen.
      Die anderen mussten sich ähnlich angespannt fühlen, denn zum ersten Mal tauchte niemand zu spät auf. Sie alle waren zu früh gekommen.