Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Mit einem Lächeln hielt Santiago sein Smartphone hoch.
      "Ich lese viel," antwortete er kryptisch.
      Als sich Lewis dazu aufrappelte, sich anzuziehen, griff auch Santiago nach der Plastikverpackung mit seinem neuen, billigen T-Shirt. Er hatte sicherheitshalber eine Größe größer gekauft (er hatte sowas schon öfter getan und seine Lektion gelernt), trotzdem war das T-Shirt sehr knackig geschnitten. Noch eine größer hätte sicher nicht geschadet, aber mit der Jacke drüber würde es schon gehen.
      Er wollte gerade nach seiner Sonnenbrille greifen, da schnappte Lewis sie sich. Davon hätte er vielleicht auch eine besorgen sollen. Also würden so einige Leute einen bösen Blick abbekommen. Noch war seine Magie nicht wieder vollständig erwacht, es würde also trotzdem gehen.
      "Ich dachte, ich habe das mit dem Abendessen ausgeglichen," gab Santiago zurück, folgte Lewis aber ohne Protest.
      Er gab unten die Schlüssel ab und bezahlte für ihre eine Nacht.

      Lewis hatte beschlossen, dass sie laufen sollten. Also taten sie das auch. Die Morgenluft war kühl, doch das hielt New York nicht davon ab, New York zu sein. Die Stadt war perfekt für jemanden wie Santiago: egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, man konnte immer ein relativ gutes Leben leben. Es gab immer was zu tun.
      Irgendwann entschied Lewis, dass sie ihr Ziel erreicht hatten, und drückte die Tür zu einem Waffle House auf. Santiago schüttelte lächelnd den Kopf, folgte ihm aber weiter. Sollte irgendjemand auf die Idee kommen, mit einem Stuhl um sich werfen zu wollen, hätte Lewis wie ein bisschen Gewalt zum Bewundern. Und Santiago würde seine Magie zwei Tage hintereinander füttern. Er würde es niemals offen zugeben, aber es hatte eine Zeit in seinem Leben gegeben, in der er sich mit voller Absicht in Waffle Houses rumgedrückt hatte, nur um in eine Schlägerei verwickelt zu werden.
      Dieses Waffle House wirkte dagegen relativ entspannt. Ein paar Tische waren belegt, aber die Stimmung war ruhig. Das war wohl der relativ frühen Stunde geschuldet - und dem Starbucks nicht zu weit entfernt.
      Santi ließ sich an den Tisch sinken, den Lewis ausgewählt hatte. Er bestellte sich den größten Kaffee, den der Laden hatte und ein Chicken & Eggs Breakfast mit drei Eiern, Hashbrowns und extra Bacon. Er hatte Hunger. Der Kaffee kam nur wenige Minuten, nachdem sie bestellt hatten. Santi kippte nicht wenig Zucker hinein.
      "Machst du das häufiger? Mit dem nicht schlafen?"
      Santi ließ den Teelöffel träge durch den Kaffee gleiten, um den Zucker zu verrühren.
      "Regelmäßig, ja," antwortete er ehrlicherweise und nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee.
      Man sollte meinen, er sei ein Kaffeesnob, bei den Mengen, die er konsumierte, aber das war er nicht. Er interessierte sich eigentlich gar nicht besonders für das Gebräu. Wahrscheinlich würde er überhaupt keinen Kaffee trinken, wenn er nicht auf das Koffein angewiesen wäre. Für ihn zählte nur die Menge, nicht die Qualität. Solange ihm kein genervter, übermüdeter Student mitten in der Nacht reinspuckte.


    • "Regelmäßig", wiederholte Lewis skeptisch und wartete darauf, dass noch mehr dazu kommen würde, wie eine Offenbarung, dass dahinter irgendein höherer Sinn steckte. Aber Santiago gab sich nur damit zufrieden, seinen übersüßten Kaffee umzurühren und auf seine Bestellung zu warten. Da schüttelte Lewis nur den Kopf.
      "Du hast echt 'nen Knacks."
      Santiago gab dazu keinen Kommentar ab.
      Sein Frühstück bestand aus allem, was Lewis sich bei ihrem ersten Hookup schon gegönnt hätte, wo er allerdings auch nicht völlig verkatert war. Jetzt betrachtete er mit einem gewissen Ekel den gut gefüllten Teller, den Santiago da vor sich hingestellt bekam.
      "Lass es dir schmecken."
      Er meinte das irgendwie sarkastisch, aber Santiago nahm ihn beim Herzen. Er fing an, sich sein Frühstück einzuverleiben, und nachdem Lewis ihm zehn Minuten lang dabei zugesehen hatte und lustlos seinen Kaffee schlürfte, klaute er sich einen Bacon von Santiago und biss davon ab. Sein Magen beschwerte sich, aber es hielt sich in Grenzen. Nachdem er das herausgefunden hatte, bestellte er sich einen Frühstücksteller mit Waffeln, Eis und Ahornsirup. Das sollte wohl genug sein, um ihn erstmal über den Tag zu bringen.
      "Wir sollten das gestern öfter machen. Du kannst es echt knallen lassen."
      Er grinste ihn an.
      "Aber das nächste mal sollten wir nicht warten, bis das Gold uns in den Schoß fällt."
    • Santiago lächelte in seinen Kaffee hinein.
      "Glashaus und Steine, callejero. Glashaus und Steine," erwiderte er.
      Dann wurde auch schon sein Frühstück serviert. War es die gesündeste Entscheidung? Nein. Aber zwischen den Eiern und dem Bacon versteckten sich bestimmt ein paar Proteine. Das wichtigste war, dass er seinen Hunger bekämpfte und genug Energie aus seinem Essen ziehen konnte, um durch das bald einsetzende Tief zu kommen. Sobald er das hinter sich hatte, wäre er für den Rest des Tages wieder in Form. Santiago kannte dieses Spiel viel zu gut, um es nicht spielen zu können.
      Lewis bestellte sich schließlich ein paar Waffeln mit Eis. Da zu diesem Zeitpunkt Santis Kaffee schon lange leer war, bestellte er sich einen Eiskaffee als nächstes - süß und koffeinhaltig, die perfekte Mischung.
      "Ach, auf einmal kuschelst du also doch gern, hm?" gab Santi mit einem ähnlichen Grinsen zurück. "Ich dachte, du magst es nicht sanft und fürsorglich?"
      Er rührte in seinem Eiskaffee herum, ließ das Vanilleeis ein bisschen schmelzen, bevor er sich seinen Löffel griff und die Eiskugel auch von oben zunichte machte.
      "Nach den Shots gestern wird uns das Gold erstmal aus dem Schoß fallen," scherzte Santi. Dann fragte er: "Was genau meinst du damit? Party machen, kuscheln, einander ein Essen ausgeben? Du drückst dich immer so vage aus, das ist fast zum verrückt werden."
      Mit einem Lächeln lehnte er den Ellenbogen auf den Tisch und seinen Kopf in seine Hand. Er zwinkerte Lewis zu wie ein Cheerleader aus einer billigen Highschool Romanze - einfach nur, weil er es konnte und weil ihm danach war. Zucker und Übermüdung machten seltsame Dinge mit ihm; er hatte seine Balance für den Tag noch nicht ganz gefunden. Ein Teil von ihm wünschte sich eine Prügelei herbei, um sie zu finden, sich zu erkämpfen.


    • Lewis ließ die Augen rollen, wobei die Sonnenbrille sehr effektiv verhinderte, dass Santiago das auch sehen konnte. Also musste er noch einen draufsetzen.
      Ich meine nicht das Kuscheln, man. Außerdem mag ich's auch nicht sanft und fürsorglich, also halt bloß das Maul.
      Santiagos Grinsen ließ irgendwie darauf schließen, dass der Mann Lewis nicht ganz so ernst nahm, wie er vielleicht gern von ihm gehabt hätte. Lewis stierte also sehr direkt seine Waffeln an, um sich diesem Grinsen nicht stellen zu müssen.
      Ich meinte die Party. Das Essen dazu war der hammer. Das Kuscheln war… ganz okay. Eine solide 8 von 10 vielleicht. Es gibt schlimmeres, würde ich behaupten.
      Darauf zeigte er Santiago wieder sein Grinsen, das dem Augenzwinkern direkt folgte. Wenn er schon so schleimig flirten wollte, konnte er es gerne zurückhaben.

      Nach dem Frühstück trennten sich ihre Wege aus Ermangelung anderer Alternativen. Lewis wollte nachhause und sich etwas sauberes anziehen, Santiago wollte sich sicher irgendwo seinen zweiten Kaffee besorgen. Nein, mittlerweile sogar seinen dritten. Vermutlich würde der Mann gar nicht hören, würde man ihn darauf hinweisen, was für Risiken so viel Koffein mit sich brachten. Auf der anderen Seite sicher auch nicht mehr als zu koksen und ständig zu kiffen.
      Sie verabschiedeten sich und Lewis ging mit einem merkwürdig wohligen Gefühl im Bauch nachhause. Das war deshalb merkwürdig, weil er nichtmal einen Schwanz bekommen hatte und trotzdem so gut drauf war. Warum auch immer.

      Nach dieser Nacht rief er Santiago öfter an, alle paar Tage mal, er hatte einfach das Bedürfnis dazu. Meistens trafen sie sich zum Vögeln in einem Hotel, aber wenn Lewis gerade von Bryce kam, rief er Santiago auch einfach an, um mit ihm die Nacht zu verbringen. Der Mann schien wirklich nicht zu schlafen. Er sagte Lewis nicht wieso und der fragte auch nicht, er ließ sich aber in menschenleere Diner entführen und das Essen ausgeben. Jedes Mal trank Santiago Kaffee. Es musste ihm doch sicher bald aus dem Hals hängen.
      Die Anrufe wurden zu Textnachrichten und das bald auch tagsüber. Lewis funkte den Mann zwar nicht wegen jedem scheiß an, aber er mochte es, mit ihm zu schreiben. Santiago mochte wie ein Schlägertyp wirken, aber er war eigentlich ein ziemlicher ruhiger und witziger Typ. Lewis genoss seine Gesellschaft und seine Unterhaltung.

      Was er weniger genoss, war Bryce. Irgendwas schien ihn irgendwann bei dem Typen zu stören.
      Es fing ganz harmlos damit an, dass es ihn nervte, dass Bryce nach dem Sex immer aufstand, um seine scheiß Zigarette zu drehen. Das hätte Lewis eigentlich kaum interessieren brauchen, denn immerhin kiffte er selbst jedes mal hinterher, aber es wirkte immer so abrupt. Im einen Moment lag Bryces Aufmerksamkeit ganz auf Lewis, im nächsten ganz auf seinen Zigaretten. Es war nervig.
      Es ging dazu über, dass ihn andere Kleinigkeiten störten, die auch schon früher nicht gerade angenehm gewesen waren. Die Kondome auf dem Boden, die ungewaschenen Kleiderhaufen, die dröhnende Musik von unten, die vielen Junkies, die das Haus besetzten. Lewis war mehr und mehr davon abgelenkt, wenn er sich von Bryce nehmen ließ. Irgendwie war das ein Stimmungstöter.
      Und letzten Endes war es auch Bryce selbst. Seit Lewis mehr und mehr mit Santiago abhing, kam ihm Bryce ruppig vor und völlig ziellos. Während Santiago bei seinem Sex eine ganze Strategie verfolgte, ging es bei Bryce hauptsächlich um schnell und schmerzhaft. Bisher hatte das Lewis nicht gestört, er mochte schnell und schmerzhaft, aber seit es angefangen hatte zu stören, störte es ihn bald immer mehr. Und noch mehr. So sehr, dass er irgendwann nichtmal mehr einen hochbekam, wenn er bei ihm war.
      “Was ist los?”, gurrte Bryce in sein Ohr, während er seinen Schritt gepackt hielt. Er beugte sich von hinten über Lewis, aber der streckte sich heute nicht lang und ausgiebig, wie um seinen Körper zu präsentieren. Er blieb relativ unbewegt.
      “Willst du mir heute nichts von dir geben? Hmm?”
      Das war eine dumme Frage, nachdem er schon längst in Lewis drin steckte. Der ging aber nicht darauf ein.
      Ich glaub, ich bin nicht unbedingt in Stimmung.
      “Bist du dir da sicher?”
      Er drückte zu, was weh tat, sicher, aber heute war es nur das. Lewis fand daran keinen Gefallen.
      Au - pass auf, man.
      “Willst du’s härter? Ich kann's dir härter geben.”
      Er konnte es und das zeigte er auch gleich, indem er regelrecht in Lewis hinein stieß. Das hätte ihm an einem anderen Tag vielleicht gefallen, aber an diesem war er unentspannt genug, dass er einen scharfen Schmerz spürte, der ihm durch die Rückseite zuckte. Da war Schmerz, aber nicht das Vergnügen, das er sonst dabei hatte.
      Fuck, nein, mach langsamer, Idiot.
      Bryce machte langsamer, aber nicht weniger hart. Mit einem Stoß war er wieder drin, legte die Hand um Lewis’ Hals und zog ihn nach hinten, bis er halb auf seinem Schoß saß. Lewis mochte das eigentlich, aber heute ging einfach irgendwas mit ihm durch. Er mochte ganz und gar nicht, wie er ihn in dieser unbequemen Haltung hielt.
      Bryce stieß noch einige weitere Male in ihn rein, dann hatte Lewis genug davon und drückte gegen sein Handgelenk. Heute war er einfach nicht in der Stimmung.
      Nein, man, lass mich los, ich will nicht.
      “Was, du willst nicht?”
      Bryces Atem streifte seine Wange. Er roch nach Zigaretten, aber auf die widerliche Art.
      “Wieso nicht? Was ist los?”
      Er hörte aber nicht auf, sich in Lewis zu bewegen.
      Ich will einfach nicht. Lass mich los, keinen Bock mehr.
      “Aber wir haben doch gerade erst angefangen.”
      Mir egal, bin heute nicht gut drauf.
      “Nur ein bisschen noch.”
      Nein.”
      “Ich zeig dir, wie es wieder Spaß macht. Ich werd’s dir schon zeigen.”
      Bryce, ich hab einfach keinen -
      Seine Worte wurden abrupt abgeschnitten, als der Kerl ihn zurück nach vorne warf und gleich wieder auf ihm war. Bryce wog fast doppelt so viel wie Lewis, was es fast unmöglich machte, unter ihm hervorzukriechen, wenn er sich einmal auf einem festgesessen hatte. So wie er es jetzt tat.
      “Ich zeig’s dir schon.”
      Nein man, lass mich.
      Bryce riss an seinen Haaren seinen Kopf zurück - und stieß erst richtig rein. Er war tief, viel zu tief und der Schmerz, den das begleitete, hatte nichts mehr scharfes an sich. Es war nur noch unangenehm und Lewis keuchte gequält auf.
      Kettenreaktion.”
      Der Mann schien ihn nicht gehört zu haben. Er drang wieder in ihn ein, wieder und wieder und es war jedes Mal von einem Schmerz begleitet, der nur noch zunahm.
      Kettenreaktion, man!
      Bryce wurde langsamer, lehnte sich aber im gleichen Moment nach vorne, bis er Lewis mit seinem ganzen Körper niederdrückte. Sein Atem hauchte ihm ins Ohr.
      “Nur noch ein bisschen, komm schon Lewis.”
      Er bewegte sich immernoch.
      Nein! Lass mich gehen.
      “Nur noch ein bisschen. Du magst es doch so. Du magst es immer so.”
      Und er drückte seinen Kopf in die Laken.
      Die nächsten Minuten krochen endlos dahin, während Lewis versuchte, gleichermaßen unter dem Mann hervorzukriechen und ihn endlich aus seinem Hintern zu kriegen. Beides stellte sich als unmöglich heraus, weshalb er nur noch dazu überging, Bryce zu beleidigen und zu verfluchen, während er es hinzunehmen versuchte. Es dauerte eine schiere Ewigkeit. Der Schmerz wurde nicht weniger.
      Dann, endlich, machte der Kerl anstalten zu kommen und kaum erbebte er über Lewis in seinem Höhepunkt, ergriff er die Chance seiner kurzzeitigen Nachlässigkeit und schlüpfte unter ihm hervor. Er fiel zu Boden und kam gleich auf die Beine, um sich Oberteil und Hose gleichzeitig überzustreifen. Sein ganzes Hinterteil brannte und schmerzte.
      Fick dich man! Fick dich!
      Bryce rollte sich auf die Seite, um sein Kondom abzustreifen, aber da war Lewis bereits draußen. Er eilte die Treppen hinunter, vorbei an Gruppen von herum gammelnden Junkies und hinaus in die Nacht von New York. Sie schlug ihm kühl entgegen, aber das Brennen konnte sie nicht lindern. Lewis humpelte, als er von der Wohnung weg eilte.
      Fick dich! Hörst du?!
      Er drehte sich zum Fenster oben um, aus dem das düstere Licht der ganzen Wohnung drang. Die Musik dröhnte bis draußen auf die Straße.
      FICK DICH, SCHEISSKERL!
      Bryce tauchte nicht am Fenster auf, dafür drehten sich einige Bekiffte und Betrunkene zu Lewis um. Der humpelte schnell weiter, um aus ihren Blickfeldern zu gelangen.
      Mit fahrigen Bewegungen fischte er sein Handy hervor. Er wählte seinen Bruder an, bevor er darüber hätte nachdenken können. Er wollte jetzt nicht alleine sein, das war alles, was er wusste. Seine Hände zitterten und er hätte sich nichts schlimmeres vorstellen können, als in seine einsame Wohnung zurückzugehen.
      Komm schon… komm schon…
      Klingeln. Dann:
      Castro hier. Hinterlassen Sie eine Nachricht -
      Scheiße!”
      Er hätte das Handy weggeworfen, wenn er könnte. Ein paar der umstehenden Gestalten deuteten auf ihn und lachten.
      Er wollte nicht alleine sein. Seine Augen brannten, seine scheiß Bäume hatten ihn im Stich gelassen, sein Arsch stand in Flammen.
      Wieder wählte er einen Kontakt an und diesmal hob der andere nach dem zweiten Klingeln ab.
      Heeey, man! Äh…
      Er wusste gar nicht, was er sagen sollte. Er wusste nichtmal, worauf er hinauswollte.
      Er schniefte und fuhr sich durch die Haare.
      Ich hab - ich hab einen Rohrbruch Zuhause, richtig ekelhaft. Das kommt aus dem Klo und der Wanne und… so’n scheiß. Ich brauch eine Unterkunft für wenigstens eine Nacht und mein Bruder geht nicht ran, der ist sicher irgendwo unterwegs. Ich will auch nicht in ein scheiß Hotel gehen.
      Ihm war zum heulen zumute. Er schluckte und riss sich zusammen, um höchst normal zu klingen.
      Kann ich bei dir unterkommen? Nur für eine Nacht, bitte. Ich penn auch auf dem Boden. Ich brauch nur eine Dusche und, äh, vielleicht was zum wechseln. Bin hier ziemlich schnell raus, Rohrbruch und so. Bitte? Ich mach keinen Ärger, versprochen.
    • Santiago kehrte schon bald zu seiner üblichen Routine zurück. Er trieb zwischen Alpträumen anderer Menschen und seinen eigenen, paranoiden Wahnvorstellungen hin und her und ließ sich von seinem Lebenswandel mitreißen. Er kümmerte sich hauptsächlich darum, seinen neu erworbenen Reichtum zu handhaben. Er brauchte ein Endlager für die vielen Goldbarren, er brauchte eine Möglichkeit, problemlos darauf zuzugreifen, er brauchte eine Möglichkeit, sie unauffällig in tatsächliches Geld zu verwandeln. Also rief er notgedrungen Diego Garcia an. Beziehungsweise rief er jemanden an, der ihm sagen konnte, wo sich Diego gerade herumdrückte, da der Mann seine Meetings grundsätzlich immer persönlich abhielt. Es dauerte ein bisschen, Diego zu finden - das war ja auch Sinn der Sache.
      Schließlich schaffte er es aber, sich ein kleines bisschen der so begehrten Zeit des Mannes zu ergattern.

      Während er darauf wartete, seine Finanzen mit Diego Garcia besprechen zu können, beschäftigte sich Santiago, wie er es immer tat. Mit einem kleinen Unterschied. Etwas - oder besser jemand - neues war irgendwie in sein Leben gestolpert und weigerte sich nun, wieder zu verschwinden. Nicht, dass er etwas dagegen hatte.
      Lewis stellte sich als viel cleverer und tiefschichtiger heraus, als man auf den ersten und vielleicht sogar zweiten Blick vermuten mochte. Santi hatte ihm gesagt, dass er sich Tag und Nacht melden konnte - und Lewis nahm das ernst. Sie unterhielten sich mehr und mehr und über dies und jenes. Und ja, hin und wieder trafen sie sich auch, sei es nun für ein mittelprächtiges Essen irgendwo in einem 24h-Diner oder für ein bisschen Spaß in irgendeinem Hotel, das ihnen aus dem Stand einen Raum für eine einzelne Nacht vermieten wollte. Es war eine neue Erfahrung für Santi und er merkte jedes Mal, dass er es eigentlich ganz gut fand. So sehr sogar, dass er aus Versehen etwas gegenüber seiner Eltern fallen ließ.
      "¡Mi hijo! Du hast einen Freund?" fragte seine Mutter, ein breites Lächeln im Gesicht.
      Santi biss sich auf die Zunge und konzentrierte sich darauf, die Paella nicht anbrennen zu lassen.
      "Einen Freund, ja," gab er zurück, doch es gab kein Entkommen.
      Seine Mutter hatte sich nun in den Kopf gesetzt, dass dieser neue Mann im Leben ihres Sohnes schon bald ihr neuer Schwiegersohn sein würde. So lief das immer ab, wenn Santiago ihr davon erzählte, dass er jemanden kennengelernt hatte. Bei ihr kamen die Angst einer Mutter um das Liebesleben ihres Sohnes, der argentinische Drang eine große Familie haben zu wollen, und die Angst, dass ihr Sohn wegen seiner Magie für immer allein bleiben würde, in einem perfekten Super Gau zusammen.
      "¿Cómo se llama?~"
      Santi rollte mit den Augen.
      "Lewis," antwortete er aber trotzdem, einfach weil er nicht Nein zu seiner Mutter sagen konnte. "Er ist aber wirklich nur ein Freund. Wir haben uns bei der Arbeit kennengelernt. Er hat einen ähnlich schlechten Schlafrhythmus wie ich, also haben wir uns oft nach der Arbeit zusammen in ein Diner gesetzt."
      "Wie sieht er aus?"
      Santi gab genug von Lewis preis, um seine Mutter zu besänftigen, aber nicht genug, um Lewis auffindbar zu machen - nicht dass seine Mutter ihn hätte finden können. Sie war dankenderweise nie mit FaceBook warm geworden und bekam all ihre Nachrichten aus der örtlichen Zeitung und von Santiago, wenn es um etwas größeres, globaleres ging. In dieser Gegend wurde Mundpropaganda noch als aktive Medienstrategie genutzt.
      "Nur ein Freund?" fragte seine Mutter nach dem Essen, nachdem Santi ihr alles mögliche erzählt hatte.
      "Nur ein Freund," bestätigte Santi ihr.
      "Hm. Na gut. Aber versprich mir, dass du ihn nicht wegjagst, ja? Er bringt dich zum Lächeln. Es ist wichtig zu lächeln."
      "Sí mamá. Ich werd aufpassen."
      Sie tätschelte seine Wange, dann stand sie auf und küsste ihn auf die Stirn.
      Irgendwie schaffte es Santiago, seine Eltern davon abzuhalten, den Abwasch zu machen. Stattdessen saßen die beiden draußen im Garten über einem kleinen Drink, während Santiago die Küche aufräumte - allein mit seinen Gedanken über Lewis.

      Garcia war zu jeder Tages- und Nachtzeit so vorsichtig wie Santiago, wenn er auf der Höhe seiner Paranoia war. Allerdings bezahlte er Leute dafür, ihm den Rücken freizuhalten. Als Santiago also aus dem Aufzug stieg und von einem Wachmann in einem schwarzen Anzug und Pistole im Hüftholster zum Pool des Hotels geführt würde, sah er sich gleich fünf weiteren solcher Wachmänner gegenüber; zwei auf jeder Seite des Pools, einer vorne bei Garcia und der Horde an hübschen Frauen, die sich alle in einen sehr kleinen Jaccuzzi zu quetschen versuchten. Alle Wachmänner hatten den gesunden Instinkt, eine Hand an die Waffe zu legen, als Santiago entspannt durch den Raum lief. Das lag nicht einmal an seiner Ausstrahlung, sondern viel mehr an dem Ruf, den Santiago in ihren Kreisen hatte. Sie wussten, wie gefährlich er war, selbst nachdem sie ihn nach Waffen durchsucht und keine gefunden hatten.
      Garcia trat aus der Sauna heraus und ließ sich an einen kleinen Tisch fallen. Auf halbem Wege erblickte er Santiago und begann zu grinsen. Der Mann hatte schon immer eine Vorliebe für Santiago gehabt.
      "Santi!" grüßte er und bedeutete ihm, sich hinzusetzen.
      "Diego."
      Santiago setzte sich, verneinte aber den Drink, der ihm danach angeboten wurde.
      "Du bist also hier, um dich mit mir über das Geschäft zu unterhalten. Hast du dich endlich dazu entschieden, wieder für mich zu arbeiten?"
      "Nein. Dieses Mal bin ich derjenige, der deine Dienste in Anspruch nehmen will."
      Diegos dunkle Augenbrauen schossen in die Höhe, das omnipräsente Lächeln in seinem Gesicht wurde noch breiter.
      "Dann herzlich willkommen in meinem Büro. Wie kann ich dir helfen?"
      Santiago gab keinerlei Informationen über den Job preis oder wie viel Kapital er am Ende tatsächlich hätte. Er gab Diego nur so viel, wie der Mann wissen musste - und Diego fragte nicht weiter nach. Der Mann war lange genug in diesem Business unterwegs, um zu wissen, wie man so etwas handhabte. Diego wollte gr nicht mehr wissen, als er wirklich wissen musste, um sich um die Finanzen seiner Kunden zu kümmern. Sollte irgendetwas schieflaufen, konnte er sich auf diese Weise einfach von seinen Klienten losschneiden, wie ein Gekko seinen Schwanz abwarf, um nicht gefressen zu werden.
      Am Ende ihres kleinen Treffens wusste Diego Garcia also nur, dass sein alter Freund Santiago nicht ganz legal errungene Goldbarren gelagert haben wollte, und dass dieser Job ein langfristiger werden würde.
      "Nicht die Zusammenarbeit, die ich mir erhofft hatte," meinte Diego, als er Santiago zum Ausgang des Poolbereiches begleitete. "Aber in deinem Fall nehme ich alles, was ich kriegen kann."
      Eine kleine Berührung am Ellenbogen, ein langer Blick. Santiago wusste genau, was Diego von ihm wollte, wie er diese neue Businessbeziehung feiern wollte. Er rührte sich nicht.
      "Wir werden uns wohl wieder öfter sehen," raunte Diego.
      "Werden wir wohl," gab Santi schlicht zurück. "Wir seh'n uns."
      Damit drehte er sich auf den Hacken um und verschwand. Er wusste, dass Diego sich in genau diesem Augenblick auf die Unterlippe biss und auf seinen Hintern starrte - das tat er immer. Diego war einer der wenigen Menschen, die von Santis Ausstrahlung beinahe kalt gelassen wurden. Diego hatte jeden Tag mit so vielen gefährlichen Leuten zu tun, er konnte sich Angst nicht leisten. Wobei Santiago schon vor langer Zeit gelernt hatte, dass Angst beinahe sowas wie eine Droge für Diego war. Der Mann suchte sie geradezu. Ob das schon als Adrenalinsport zählte?

      Ein paar Nächte später kämpfte Santiago einmal mehr mit seinen falschen Gedanken. Er fuhr ziellos durch die Stadt, um sich abzulenken. Es half nur mäßig. Er würde schon bald wieder einen Alptraum stehlen müssen, um nicht völlig den Verstand zu verlieren.
      Er kam gerade aus einem Kiosk und sah sich um - Straße rauf, Straße runter, die umliegenden Fenster, die Straßenecke - als sein Handy klingelte. Sein Blick huschte schnell zu seinem Motorrad, darauf wartend, dass es in die Luft flog. Nichts passierte. Also fischte er sein Smartphone aus seiner Hosentasche und nahm den Anruf von Lewis entgegen.
      "Was gibt's?" fragte er entspannter, als er sich fühlte.
      Er schob sich eine frisch gekaufte Kippe (er hatte zwei offene Päckchen zu Hause, aber sein Hirn hatte ihm gesagt, jemand habe die Zigaretten darin manipuliert, um ihn zu töten) in den Mund und zündete sie an. Dann untersuchte er sein Motorrad nach irgendwelchen Bomben oder Trackern, obwohl er es nicht lange genug aus den Augen gelassen hatte, um jemandem die Möglichkeit für sowas zu geben.
      "Rohrbruch? Ekelhaft," kommentierte er schlicht, doch dann übernahm eine andere Form von Sorge seinen Verstand.
      Über das Telefon war es schwerer, sowas zu erkennen, aber seine Magie schlug doch endlich an. Lewis war verängstigt. Sehr sogar.
      "Kann ich bei dir unterkommen? Nur für eine Nacht, bitte. Ich penn auch auf dem Boden. Ich brauch nur eine Dusche und, äh, vielleicht was zum wechseln. Bin hier ziemlich schnell raus, Rohrbruch und so. Bitte? Ich mach keinen Ärger, versprochen."
      Selbst ohne seine magischen Instinkte hätte Santi spätestens jetzt begriffen, dass es sich hier nicht um einen Rohrbruch handelte. Lewis brauchte Hilfe, warum auch immer. Seine Magie wetzte ihre Krallen in seinem Hinterkopf, hungrig für diese Angst. Santi würde sie nicht damit füttern.
      "Klar. Schreib mir, wo du bist, ich komm vorbei. Bin eh gerade unterwegs."

      Santiago musste nur einen kleinen Umweg machen, um Lewis abholen zu können. Seine Magie wollte sich in der Angst des Streuners verlieren, daher ließ sie ihn mehr oder weniger in Ruhe mit irgendwelchen Ablenkungen.
      Er hielt am Straßenrand und setzte den Helm ab, zog aber gleich die Sonnenbrille auf, noch bevor er von seinem Bike stieg.
      "Hey," grüßte er Lewis.
      Der Streuner sah furchtbar aus. Furchtbarer als sonst, wenn er sich zudröhnte. Ein weiterer Stich der Sorge traf Santiago. Er schob seine Magie beiseite. Er war nicht daran interessiert, sich an der Angst des Streuners satt zu fressen. Er wollte ihn beruhigen, ihm helfen.
      Also machte er die zwei Schritte auf Lewis zu und nahm ihn einfach in den Arm, drückte ihn gegen seine Brust, und hielt ihn fest. Er stellte keine Fragen, er machte keine Feststellungen, er sagte absolut gar nicht. Er hielt Lewis einfach nur fest, weil sich das im Augenblick richtig anfühlte.
      Einen langen Moment standen sie einfach nur so da, bevor sich Santi von dem Streuner löste und ihm seinen Helm in die Hände drückte.
      "Na komm," forderte er Lewis auf und stieg wieder auf sein Motorrad.

      Santiago biss sich seine Zunge beinahe blutig, um sich davon abzuhalten, sinnlos durch die Stadt zu fahren. Ganz verhindern konnte er es aber nicht. Sein Verstand sagte ihm, dass das hier ein Trick war. Dass Lewis bloß wissen wollte, wo er wohnte, damit er die Polizei hinschicken konnte. Also drehte er zwei extra Runden, um diese Gedanken zu besänftigen.
      Schließlich kamen sie bei seinem Apartment an. Oder besser dem Lagerhaus, in dem sich sein Apartment befand. Irgendjemand hatte vor ein paar wenigen Jahren beschlossen, das Gebiet zu kaufen und die Lagerhäuser in Studio-Apartments umzuwandeln.
      Santiago hielt vor einem schweren Metalltor und stieg ab. Er schloss das Tor auf und offenbarte eine Art Hof - ein Ungetüm als Beton und Asphalt, das dazu gedacht war, als Parkplatz für zwei Autos zu dienen. Da Santi kein Auto hatte, hatte er den Platz mit ein paar Hochbeten ausgestattet, um das ganze ein bisschen grüner zu gestalten. Er zog sich tatsächlich Gurken, Tomaten, Paprikas, Chilis und ein paar Kräuter heran.
      Er schob sein Bike in die Einfahrt und nahm Lewis den Helm ab. Als er das Tor wieder abschloss, ging er dreimal sicher, dass alle drei Schlösser auch wirklich zu waren. Dann erst erklomm er die sehr laute Metalltreppe zu seiner Haustür. Das Apartment im Erdgeschoss gehörte ihm auch, aber das benutzte er tatsächlich eher als Lagerraum. Er hatte es nur gekauft, weil er keine neugierigen Nachbarn haben wollte.
      Santiago öffnete die drei Schlösser außen an seiner Tür und schob sie auf. Dahinter lag ein großer, offener Raum, der nur mittels gezielter Inneneinrichtung in en Wohnzimmer, eine Küche, ein Schlafzimmer und ein Home Gym unterteilt worden war.
      "Komm rein," meinte er zu Lewis.
      Sobald der Streuner drin war, schob Santiago die große Schiebetür wieder zu und schloss alle fünf Schlösser auf der Innenseite. Auch die kontrollierte er dreimal. Er zog seine Jacke aus, hängte sie an den mittleren Haken. Er schlüpfte aus seinen Schuhen - erst links, dann rechts - und stellte sie unter seine Jacke ins Schuhregal - erst rechts, dann links. Er durchsuchte die Taschen seiner Jacke, fand nichts außer seinem neuen Zigaretten, seinen Schlüsseln und seinem Feuerzeug. Die landeten alle auf der Kücheninsel links neben der Tür, zusammen mit dem Helm.
      Normalerweise war sein Apartment ziemlich offen. Nicht nur wegen dem Fehlen der meisten Wände. Die hintere Wand war eine Fensterfront, die sich bis zur Decke hinaufzog. Dieses Apartment war beinahe sowas wie ein Gewächshaus, so viele Fenster waren verarbeitet worden. Aber aufgrund seiner aktuellen Paranoia hatte Santiago die extra installierten Läden geschlossen, was das offene Gewächshaus in einen dunklen Bunker verwandelte. Dass er eine große Dachterrasse hatte konnte man nur daran erkennen, dass er eine weitere, gläserne Schiebetür in der Fensterfront hatte.
      "Das Bad ist da drüben," meinte er und nahm Lewis mit zu seinem Schlafzimmer, das sich dadurch auszeichnete, dass ein großes, perfekt gemachtes Bett an einer Wand stand.
      Es wurde durch offene Regale vom Rest des Apartments abgetrennt. In den Regalen standen Bücher, Pflanzen, ein paar kleinere Skulpturen - und ein Goldbarren. Er hatte sich einen seiner hart verdienten Barren aushändigen lassen und ihn einfach in sein Regal gestellt.
      Er führte Lewis durch sein Schlaf"zimmer" zu einer der wenigen Türen in seinem Apartment. Dahinter lag ein großes, gut ausgestattetes Badezimmer. Er fischte ein paar Handtücher aus einem Regal und parkte sie auf den Hängern neben der Dusche.
      "Ich geh dir was zum Anziehen raussuchen und leg's dir auf's Bett. Willst du was essen?"


    • "Klar. Schreib mir, wo du bist, ich komm vorbei. Bin eh gerade unterwegs."
      Danke, man. Du hast was gut bei mir, echt.
      Lewis legte auf und dann stellte er sich der plötzlich unmöglichen Aufgabe, eine Textnachricht zu verfassen, denn sein Blick war mit einem Mal ganz verschwommen und er konnte kaum die Buchstaben erkennen. Was war nur los mit ihm? Santiago ließ ihn doch bei sich pennen, er kam ihn ja sogar noch abholen, Lewis musste nicht zu sich nachhause gehen. Wieso saß ihm dann so ein dicker Kloß im Hals?
      Er schickte ihm eine Adresse eine Straße weiter, denn direkt vor Bryce wollte er sich nicht von ihm abholen lassen, nicht heute. Dann ging er zu Fuß hinüber und verbrachte eine geraume Weile damit, seine zitternden Hände auszuschütteln, damit sie sich endlich beruhigen würden, und ruhelos mit dem Bein zu wippen. Er beruhigte sich nicht, nichtmal dann, als er das mittlerweile vertraute Dröhnen von Santiagos heran brausendem Motorrad hörte. Trotzdem setzte er ein Grinsen auf und kam gleich auf ihn zu, als er bei ihm zum Halten kam.
      “Hey.”
      Hey.
      Der Mann setzte sich gleich die Sonnenbrille auf, aber Lewis bemerkte nichts von seiner komischen Ausstrahlung, weil er vom Motorrad stieg, den letzten Schritt auf Lewis zukam und dann die kräftigen Arme um ihn schlang. Sie hatten sich bisher noch nie umarmt, warum sollten sie auch. Aber in diesem Moment, als er den Arm um ihn legte und ihn an seine Brust drückte, glaubte Lewis, dass sich noch nichts auf der Welt besser angefühlt hatte. Ihm hätten fast die Beine nachgegeben, so erleichtert war er jetzt darum, dass Santiago ihn festhielt, dass er die Arme fest um seinen Nacken schlang. Er zitterte, dabei war es doch auch eine relativ kühle Nacht. Sein scheiß Hintern brannte noch immer.
      Als sie sich wieder lösten, war Lewis der festen Überzeugung, dass Santiago etwas gemerkt haben musste, aber der Mann sagte nichts, sondern hielt ihm nur den Helm entgegen. Den nahm Lewis auch gleich an, denn mit dem Helm konnte er vielleicht seine schwimmenden Augen in den Griff kriegen. Er lächelte, aber es war ein bisschen wackelig.
      “Na komm.”
      Sie saßen auf und brausten in die Innenstadt davon. Lewis starrte zwanghaft auf die Straße unter sich und hielt sich mit eisernem Griff an Santiago fest. In der Zeit, die sie zur Wohnung benötigten, schaffte er es endlich, sich soweit zusammenzureißen, um nicht wieder gleich auszuflippen. Wo war denn schließlich auch das Problem, es war doch gar nichts passiert. Bryce war ein Arschloch, aber das sollte ja wohl nichts neues sein. Das war jedenfalls erst recht nichts, worüber man die Nerven verlieren musste.

      Santiagos Wohnung war ganz anders, als Lewis sie sich vorgestellt hatte, und das hatte er mittlerweile schon ein paar mal getan. Vor der Haustür standen Hochbeten, wo ein anderer vermutlich seine Autos abgestellt hätte, und innen drin war der Lagerhaus-Look wirklich beibehalten worden, indem keine richtigen Räume eingebaut worden waren. Es war ausladend mit viel Platz, aber auf eine individuelle Weise heimisch eingerichtet worden. Vor kurzem schien es geputzt worden zu sein und die meisten Fenster waren schon verdunkelt.
      Beim Tor hatte Lewis bereits drei Schlösser bemerkt und an der Haustür gab es sogar schon fünf davon. Wie beim Tor schon, ging Santiago ganze drei Mal darüber, bevor er sich von ihnen abwandte.
      Lewis fand das definitiv komisch. Entweder, der Kerl hatte irgendeinen Knacks, oder er hatte etwas so wertvolles in seiner Bude versteckt, dass er sich um Einbrecher fürchtete. Oder um Leute, die ihm diese wertvolle Sache übel nehmen konnten.
      Allerdings war Lewis nur durch Santiagos Gunst hier gelandet und die wollte er sich nicht gleich schon wieder verderben, weshalb er es unkommentiert ließ. Fast schon zeremoniell zog der andere Mann seine Schuhe aus, Lewis schlüpfte nur aus seinen und richtete sie dann ein bisschen ordentlicher her, weil der andere es auch so tat. Dann ließ er sich durch die Wohnung führen, die quasi nur ein einziger Raum war, aber durch die Regale und Abtrennungen trotzdem wie drei verschiedene wirkte.
      Schicke Bude. Oh -”
      Er deutete auf den Goldbarren im Regal und grinste. Schon verständlich, dass man bei sowas ein paar mal mehr abschließen wollte.
      Hübsche Deko. Ist der echt?
      Mit der Fahrt hatte er den Aufenthalt bei Bryce erfolgreich in den Hintergrund gedrängt, weshalb es ihm wieder leichter fiel, seine dummen Witze zu reißen. Santiago hatte auch kein Problem damit, ihm gleich den Weg zum Bad zu zeigen. Zum Glück.
      Ich könnte schon was futtern. Wir könnten bestellen? Such du aus, ich muss mich erst abduschen. War ein langer Tag.
      Er lächelte entschuldigend und Santiago ging darauf auch gleich wieder. Er schloss die Tür hinter sich, Lewis machte sich aber keine Mühe, auch noch abzusperren.
      Er stieg aus seinen Klamotten und ließ sie auf dem Boden liegen. Seine Unterwäsche hatte er bei seinem übereilten Aufbruch bei Bryce vergessen, aber das war ihm egal. Nicht egal war ihm dafür der winzige, kleine Blutfleck, den er auf der Innenseite seiner Hose erspähte. Da kehrte das mulmige Gefühl mit all seiner Macht zurück und Lewis wandte sich schnell der Dusche zu, bevor es noch Überhand gewinnen würde.
      Er stieg hinein. Er schloss die Tür. Er drehte das Wasser auf und weil er das Gefühl hatte, dass es ihn nicht wirklich abwusch, drehte er die Temperatur auf, bis es ihn fast verbrannte.
      Das erste Wasser, das von ihm floss, hatte eine leichte, rötliche Färbung. Es war nicht viel, es war definitiv nicht besorgniserregend. Es war aber genug, dass es Lewis’ Aufmerksamkeit erhaschte.
      Er starrte das Wasser an. Er sah zu, wie es im Abfluss verschwand. Er beobachtete es eine ganze Zeit lang und stellte sicher, dass es nicht nochmal rot wurde. Als er sich halbwegs sicher war, nahm er einen tiefen Atemzug, griff nach Santiagos Duschgel und kippte sich etwas in die Hand. Alles cool, nicht wahr? Alles cool. Nichts war passiert, zumindest nichts schlimmes. Er wusste, wo er sich wirklich waschen musste, aber er schrubbte erst den Rest seines Körpers. Alles cool, nichts passiert. Dann versuchte er sich an der letzten Stelle.
      Es tat weh und mit dem ersten Schmerz, der ihn durchzuckte, schien seine ganzen bis dahin so sorgsam aufgebauten Mauern in sich zusammen zu fallen. Er schniefte einmal auf und dann flossen plötzlich die Tränen über seine Wangen, wollten gar nicht mehr aufhören, waren heiß in dem bereits viel zu heißen Wasser. Dabei versuchte er es, er versuchte wirklich sich zusammenzureißen, denn er wusste nicht, ob man ihn hören konnte und er wollte nicht, dass Santiago hereinkam. Er sollte ihn nicht so sehen. Alles war doch gut, nicht wahr? Alles war doch gut, warum heulte er dann wie ein Baby? Er versuchte sich wirklich zusammenzureißen, das machte aber alles nur noch schlimmer. Er drehte das Wasser wieder wärmer, bis es wieder heiß genug war.
      Eine ganze halbe Stunde verbrachte er damit, sich zu zwingen, sich nicht so anzustellen, bis er sich endlich leergeweint genug fühlte, um wieder herauszukommen. Er trocknete sich ab - zumindest den Großteil von sich - und schlüpfte dann aus der Tür zum Bett. Santiago hatte ihm eins von seinen eigenen Shirts gegeben, das zu groß für ihn war, aber damit genau richtig bequem war. Er hatte ihm auch eine Jogginghose mit der gleichen Eigenschaft gegeben.
      Seine eigenen Klamotten legte er neben dem Bett auf den Boden, wobei er sein Handy vibrieren spürte. Als er aber Bryce auf dem Display sah, klickte er ihn weg und stand auf. Er kam in den Küchenbereich der Wohnung, wo er sich auf einen Barhocker gleiten lassen wollte, was aber weh tat. Was wirklich wehtat. Er zuckte zusammen und musste sich nach vorne lehnen, damit das meiste Gewicht auf seinen Beinen lag, nicht auf seinem Hintern. So hing er halb auf dem Tresen und starrte ihn mit einem abwesenden Gesichtsausdruck an. Nach der furchtbaren Dusche fühlte er sich jetzt nur noch leer.
      Ich glaub, ich hab doch keinen Hunger. Hast du ein Bier da… oder sowas?
    • Klamotten für Lewis zu finden, stellte sich als schwerer als erwartet raus. An dem Streuner war einfach nicht genug dran, als dass er Santis Klamotten ausfüllen könnte. Also fischte er nach ein paar Minuten des Kopfzerbrechens einfach ein T-Shirt und ein paar Jogginghosen aus seinem offenen Schrank und legte sie zusammen auf das Bett. Mit einem Gummizug konnte man hoffentlich nichts falsch machen.
      Er tigerte eine Weile ziellos durch seine Wohnung. Er fühlte sich beobachtet. Er fühlte sich sonst nie in seinem Apartment beobachtet. Er hatte es extra so eingerichtet, dass es keine toten Winkel gab, dass man alles gut einsehen konnte und es keine Möglichkeit gab, sich zu verstecken. Normalerweise brachte er ja aber auch niemanden hier her...
      Santiago musste sich zusammenreißen. Er hatte einen Freund zu sich eingeladen, das war alles. Lewis war ein Freund, der bei ihm unterkam, weil er Gesellschaft brauchte. Er arbeitete nicht mit den Cops zusammen, um ihn verhaften zu lassen. Er arbeitete nicht mit der Mafia zusammen, um ihn ausfindig zu machen und für einen Mord zu markieren. Und er arbeitete ganz sicher nicht mit einer der kleinen, Guerilla-Regierungen zusammen, die ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hatten.
      "Komm runter, ¡idiota!" schalte er sich selbst.
      Um sich abzulenken, durchsuchte er seinen Kühlschrank nach den Resten der Carbonada, die er sich selbst gestern gemacht hatte. Da er nicht viel von Mikrowellen hielt, kippte er die Reste in einen Topf und packte den auf den Tisch. In seinem mentalen Zustand war an Lieferessen nicht zu denken, erst recht nicht zu ihm nach Hause. Santiago bestellte sich nie irgendwas nach Hause - keine Post, kein Essen, nicht einmal einen Handwerker, wenn er nicht unbedingt musste. Dankenderweise war sein Vater ziemlich erfahren im Umgang mit einem Werkzeugkasten. Alles, was Santi nicht selbst machen konnte, konnte sein Vater meistens regeln.
      Lewis verbrachte einige Zeit im Badezimmer. Genug um eine neue Form von Angst in ihm auszulösen. Angst um Lewis. Aber er riss sich zusammen, der Streuner würde schon klar kommen. Dankenderweise kam Lewis tatsächlich kurz darauf aus dem Badezimmer und gesellte sich dann zu ihm in die Küche.
      "Zu spät," meinte Santiago und deutete auf den Eintopf, der auf seiner Herdplatte langsam warm wurde und die Wohnung mit dem wundervollen Duft von frischem Obst und Gemüse füllte.
      Er wandte sich seinem Kühlschrank zu und holte zwei Flaschen eines argentinischen Bieres heraus. Er poppte sie beide mit der Kante seiner Kücheninsel auf und reichte eines an Lewis weiter. Er nahm einen Schluck, dann starrte er sein Bier einen Augenblick an. Da waren keine Gedanken an jemanden, der sein Bier hätte vergiften können. Da waren andere Gedanken.
      "Ich werd nicht fragen, was passiert ist. Aber wir beide wissen, dass es kein Rohrbruch war. Wenn du reden willst, ich hör zu. Wenn nicht, dann essen wir und können uns einen Film oder sowas reinziehen. Deine Entscheidung."
      Er nahm noch einen Schluck, dann wandte er sich von Lewis ab, um in seiner Carbonada herumzurühren. Der Eintopf begann langsam, zu blubbern, weswegen er zwei Schüsseln aus einem der Hängeschränke fischte. Er füllte beide Schüsseln nicht zu knapp.
      "Ich habe leider keine gegrillten Kürbisse da, um es dir so zu servieren, wie man das traditionellerweise macht, aber ich kann dir versichern, dass es trotzdem schmeckt."
      Santi stellte eine der Schüsseln vor Lewis ab und reichte ihm einen Löffel.


    • Santiago holte ihnen beiden eine Flasche argentinischen Biers hervor, das Lewis noch nie zuvor getrunken hatte. Es war aber durchaus nicht schlecht. Er nahm einen Schluck und dann gleich noch einen weiteren.
      "Ich werd nicht fragen, was passiert ist. Aber wir beide wissen, dass es kein Rohrbruch war. Wenn du reden willst, ich hör zu. Wenn nicht, dann essen wir und können uns einen Film oder sowas reinziehen. Deine Entscheidung."
      Lewis starrte ganz vehement die Platte der Kücheninsel vor ihm an und friemelte an dem Papier der Bierflasche herum. Er hatte sich schon gedacht, dass Santiago zu aufmerksam war, um diese kleinen Nuancen zu übersehen, die Lewis zu vertuschen versucht hatte. Man war wohl kaum in dessen Beruf tätig, ohne eine gewisse Menschenkenntnis an den Tag zu legen. Trotzdem hatte er irgendwie gehofft, der Mann würde es nicht ansprechen.
      "Film klingt gut", murmelte er daher. Santiago akzeptierte seine Entscheidung, ohne sie weiter zu hinterfragen, und setzte ihm ein paar Minuten später einen Eintopf vor die Nase, der wirklich herrlich duftete. Da schwamm ein Haufen Gemüse drin, schaffte es aber trotzdem irgendwie, noch appetitlich auszusetzen. Lewis nahm den Löffel entgegen und probierte einmal davon, hauptsächlich aus Neugier. Es war wirklich gut. Danach aß er noch ein paar Happen, auch wenn er das gar nicht geplant hatte.
      Sie aßen schweigend in der Küche und verzogen sich dann ins Wohnzimmer hinüber, das mit einer geräumigen Couch und einem ordentlichen Fernseher ausgestattet war. Santiago hatte wohl einen Platz, auf den er sich immer setzte und den er auch jetzt nutzte, während Lewis sich erst ein Stück entfernt niederließ und dann doch näher rückte. Es kam ihm zwar komisch vor, mit dem Mann kuscheln zu wollen, nachdem sie nicht einmal zusammen waren, aber für Santiago galt das ganz offensichtlich nicht. Er öffnete einen Arm und Lewis nahm die Einladung an, ohne weiter darüber nachzudenken. Er rutschte heran und lehnte sich dann an Santiagos Seite.
      Santiago wählte einen Film auf Netflix, wobei Lewis nicht richtig aufpasste. Er musste es auch gar nicht; der Streifen lief an und nach etwa zehn Minuten hatte sich der Baum vor seinem inneren Auge so weit ausgebreitet, um den ganzen Film abzuhandeln. Lewis könnte sich dazu entscheiden, den Film normal anzusehen und den Baum zu ignorieren, oder ihn im Schnelldurchlauf durchzusehen. Wovon er sich nie abhalten konnte, war bis zum Ende zu springen, was er auch jetzt tat. Zumindest konnte er nicht beurteilen, ob es gut oder schlecht war, weil er die Charaktere noch nicht wirklich kannte.
      Danach tröpfelte der Film so dahin. Santiago fing mit seinen Streicheleinheiten an, die er immer tat, wenn sie beieinander lagen und irgendwann wechselten sie die Position in etwas gemütlicheres, wobei Lewis auf seiner Brust liegen durfte. Das war immer äußerst bequem und wäre auch jetzt genug gewesen, um ihn einzuschläfern.
      Aber er starrte nur das bewegende Bild im Fernseher an, ohne es richtig zu sehen, und versuchte die streichelnde Hand auf seinem Rücken zu genießen. Sie vermittelte ihm ein Gefühl von Sicherheit, das nur Santiago auf diese Weise verströmte. Das war es letzten Endes vermutlich auch, weshalb er doch noch den Mund öffnete.
      "Er hat nicht aufgehört."
      Er nuschelte mehr in Santiagos Shirt hinein, anstatt wirklich laut zu reden, aber es schien laut genug gewesen zu sein. Für ihn war es zumindest mehr als laut.
      "Ich hab gesafeworded, er hat nicht aufgehört."
    • Santiago lächelte in sich hinein, als er sah, wie seine Kochkünste ein weiteres Opfer forderten. Der Tag, an dem er jemanden fand, den er nicht bekochen konnte, sollte erst noch kommen. Nicht, dass er oft für andere Leute kochte. Meistens half er seiner Mutter mit dem Essen für seine Eltern und sich selbst und das war's dann. Hin und wieder hatte er die Gelegenheit gehabt, eines der peinlichen Frühstücke in der Küche seiner Partner selbst zu machen, aber das war sehr selten vorgekommen.
      Er räumte das Geschirr in die Spüle und folgte Lewis dann ins Wohnzimmer, wo er sich auf seinen Eckplatz sinken ließ und die langen Beine hochlegte. Der Fernseher war noch nicht ganz an, da streckte er die Hand schon nach Lewis aus, um ihn an sich zu ziehen. Es war ihm ein innerer Drang, den Streuner nah bei sich zu wissen. Die Art wie er rumdruckste, gefiel ihm nicht, nicht so weit weg von ihm.
      Lewis kam seiner stummen Aufforderung nach und kuschelte sich an seine Seite. Das war eines der Dinge, die sie beide in den letzten Wochen gelernt hatten: sie passten überraschend gut zusammen. Die Art wie Lewis an seinen Körper schmolz, egal wie sie es sich nun bequem machten, war etwas, was Santi mit noch niemandem erlebt hatte. Glücklicherweise schien Lewis einen Hang zum Kuscheln zu entwickeln, wann immer er mit Santi rumhing, sodass Santiago dieses Phänomen auch weiterhin genießen konnte.
      Lewis trug nicht viel zur Filmwahl bei, also suchte sich Santi einfach einen dämlichen Actionfilm raus, den er schon hundertmal gesehen hatte. Es ging hierbei ja auch gar nicht um den Film. Das Netflix-Logo erschallte und wie aufs Stichwort begann Santi, Lewis über den Rücken zu streicheln.
      Irgendwann rutschte Santi ein bisschen weiter nach unten, in eine liegende Position und Lewis nutzte die Gelegenheit, um sich auf ihn zu legen - eine seiner Lieblingspositionen, wie es schien. Santi beschwerte sich nicht, er mochte es auch, wenn sie so kuschelten. Seine Händen strichen weiter über Lewis Rücken, träge Bewegungen ohne viel Druck dahinter, einfache, sich wiederholende Muster.
      Und dann erzählte ihm Lewis, was passiert war.
      Santiago biss die Zähne zusammen. Ohne Vorwarnung überkam ihn der Drang, jemandem die Fresse zu polieren. Es gab nicht viel, was ihn dazu bringen könnte, sein Versprechen zu brechen, nie wieder aktiv ein Leben zu nehmen. Jemandem wehzutun, der ihm am Herzen lag, stand allerdings auf dieser Liste. Jemand, der ihm am Herzen lag...
      "Hat er dir wehgetan?" fragte er durch zusammengebissene Zähne.
      Irgendwie schaffte er es, die Wut, die in ihm brannte, nicht in seine Worte zu legen. Er schluckte die Wut herunter und konzentrierte sich auf Lewis. Er war jetzt wichtiger als irgendein Rachegedanke. Er wusste ja nicht einmal genau, wem er das Genick brechen musste.


    • Lewis spürte recht deutlich, wie sich Santiago unter ihm versteifte. Der Mann versuchte es zwar wohl zu vertuschen, aber seine kräftigen Muskeln verrieten ihn. Die weiche Brust wurde mit einem Mal hart und auch sein Arm verhärtete sich.
      Das stellte irgendwas mit Lewis an, was er nicht ganz benennen konnte. Es war fast wie in der Dusche, im einen Moment hatte er noch alles unter Kontrolle und im nächsten spürte er, wie ihm der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Nur war er jetzt nicht alleine, er lag in Santiagos Armen und der hörte auch nicht auf, ihn zu streicheln. Das war viel schlimmer. Mit einem Schlag war der dicke Kloß in seinem Hals wieder da und seine Sicht auf den Fernseher war ganz verzerrt.
      "Hat er dir wehgetan?"
      Auch das hörte sich steif an. War der Mann etwa mitgenommen davon - wegen Lewis? So eine unwichtige Sache hätte ihn eigentlich gar nicht interessieren brauchen, aber in diesem Moment kam es nur zu den vielen Dingen hinzu, die ihm seine Kontrolle entrissen. Er erzitterte und versuchte sich tiefer in Santiagos Arme zu drücken, dorthin, wo immer alles sicher und gemütlich für ihn gewesen war.
      "'S hat scheiße wehgetan."
      Er blinzelte und verlor dabei eine Träne, die er aufzuhalten versucht hatte. Das war doch schwachsinnig! Was war nur los mit ihm?
      "Ich war nicht so wirklich in der S-Stimmung. Aber wir hatten schon angefangen."
    • Bevor er sich davon abhalten konnte, knurrte Santiago. Er knurrte und seine Magie begehrte auf. Doch jetzt wollte sie nichts mehr von Lewis' Angst wissen. Sie wollte ihre Fänge in den Kerl schlagen, der ihm wehgetan hatte und ihn leiden lassen. Oh, die Alpträume, die er diesem Kerl schenken würde...
      Er unterbrach seine Streicheleinheit und schlang seine Arme fest um Lewis. Er drückte seine Nase in Lewis Haare, küsste seinen Scheitel. Die Ehrlichkeit, die Verletzlichkeit... das Vertrauen, das Lewis ihm schenkte, brach ihm fast das Herz. Santiago wurde klar, dass er diesen Streuner wirklich ins Herz geschlossen hatte. Viel mehr, als er angenommen hatte.
      "Es ist vollkommen egal, ob ihr irgendwas gemacht habt. Nein heißt Nein, egal, wann es ausgesprochen wird. Er hatte kein Recht dazu, dir das anzutun."
      Mit Lewis in seinen Armen setzte er sich auf, dann löste er sich so weit von dem Streuner, dass er ihn ansehen konnte. Er legte ihm eine Hand an die Wange und strich ihm mit dem Daumen eine Träne vom Gesicht, dicht unter dem Auge. Santi nahm seine verdammte Sonnenbrille ab, damit er dem Mann auch wirklich in die Augen sehen konnte. Seine Magie war so wütend auf jemand anderen, dass seine ganze Aura verflogen war. Er würde Lewis nicht noch mehr Angst einjagen, als dieser schon empfinden musste.
      "Du kannst so lange hier bleiben, wie du willst, hörst du? Wenn du irgendwas brauchst, dann besorg ich es dir. Wenn du irgendwo hinwillst, dann fahr ich dich. Wenn du allein sein willst, dann lass ich dich in Ruhe. Ich werde deine Worte achten, solange du hier bist."
      Noch eine Träne, wieder wischte er sie weg. Der Drang, Knochen zu brechen, wurde stärker. Lewis hatte ihm keinen Namen genannt, aber Santiago wusste, wer ihm das angetan hatte: Bryce. Er wusste es einfach. Der kleine Dealer würde bezahlen. Santiago würde sein Leben vernichten, bevor er ihn Einzelteile zerbrach.
      "Ich muss das fragen: hat er dich verletzt? Körperlich, meine ich?"


    • Santiago knurrte. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Lewis sich vielleicht noch darüber lustig machen können, aber im Moment war es ganz und gar nicht lustig. Es beruhigte ihn auch keineswegs, dass der Mann selbst so mitgenommen war, denn das konnte nur einen Rückschluss geben und für den war Lewis ganz und gar nicht bereit. Viel lieber hätte er diesen dummen Film weitergesehen.
      Aber Santiago schlang die Arme nur noch fester um Lewis und drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel, der unschuldiger nicht hätte sein können und doch alle Dämme zu brechen schien. Lewis zog die Nase hoch und kämpfte zumindest dagegen an, sich großartig etwas anmerken zu lassen, während ihm die Tränen runterfielen. Er konnte einfach nicht anders; mit einem Schlag holte alles zu ihm ein und er fühlte sich nur noch schlimmer dadurch, dass er jetzt bei Santiago war und dass er bei ihm sicher war, dass er in seinen Armen gehalten wurde und von fünf scheiß Schlössern beschützt war.
      Santiago hätte sowas niemals getan. Der Mann hatte seit ihrem ersten privaten Treffen klargestellt, dass er Lewis mit Respekt behandeln würde und das tat er auch ausnahmslos. Es waren die anderen, die das nicht taten, und das musste ihm erst jetzt klar werden, wenn es schon längst zu spät war.
      Sie setzten sich ein Stück auf. Lewis bemühte sich schnell, seine Tränen wegzuwischen, was ihm nicht schnell genug gelang. Außerdem kamen überhaupt ständig welche nach, sodass es sowieso nichts nützte. Stattdessen hob er den Blick ein Stück an, um in Santiagos ernste, aber glühende Bernsteinaugen zu blicken. Ein anderer Gedanke beschlich ihn und das war die Tatsache, dass er nicht am anderen Ende dieses Feuers stehen wollte, das sich gerade in Santiagos Augen anbahnte. Er hatte hübsche Augen, aber sie konnten auch gefährlich sein.
      Für Lewis war sein Blick aber weich und er schniefte noch ein paar Mal, bevor er ihm eine Antwort heraus würgen konnte.
      "Es hat ein bisschen geb... geblutet in der Dusche, aber ich weiß nicht, wie schlimm es ist. Ich will's auch gar nicht wissen. Es tut weh."
      Er strich Santiagos Hand beiseite, um sich mit dem eigenen Shirt über das Gesicht zu wischen, was nur ganz kurze Linderung brachte, bis ihm einfiel, dass es ja auch Santiagos Shirt war. Santiago, der ihn abgeholt hatte, der ihn in seine gut behütete Wohnung gelassen hatte, der ihm seine Kleider gegeben hatte und jetzt mit ihm auf dem Sofa saß, während Lewis darum kämpfte, nicht wieder loszuheulen. Santiago, der ihn respektierte. Santiago, der uneingeschränkt für ihn da war.
      Aber es brachte nichts. Es war nicht nichts passiert. Die Erkenntnis traf ihn wie einen Stein.
      "Fuck - ich - es - kannst du -"
      Schließlich schlang er die Arme wieder fest um den Mann und weinte diesmal wirklich. Es war ein furchtbares Gefühl. Es war schlimm, die Verzweiflung, die ihn jetzt gepackt hielt und völlig in den Abgrund zerrte. Er zitterte am ganzen Körper, während er unfreiwillig darüber nachdachte, wie Bryce ihn in die Laken gedrückt hatte, wie er selbst ernsthaft versucht hatte, sich hervorzuziehen - nichtmal nur zum Spiel. Die Erkenntnis, dass der Mann wesentlich stärker als er gewesen war. Dass er ihn mit seiner Wucht bestimmt aufriss. Dass Lewis nicht wusste, wie lange das noch weitergehen würde. Die ganze Nacht? Bryce konnte ausdauernd sein, wenn er das wollte.
      "Ich hab's nicht gesehen. Hätt ich's gesehen, dann... aber ich ha-hab noch nie zu ihm Nein gesagt. Er hat mich nicht ernst genommen."
    • Er würde Bryce in Fetzen reißen. Ihm die Haut in Streifen abziehen. Ihm jeden der 206 Knochen in seinem traurigen Körper brechen. Er würde ihn wochenlang mit Alpträumen bombardieren, ihm keine einzige Minute Frieden gönnen. Er würde ihm die Eier abschneiden und sie ihm in den Rachen stopfen.
      Aber all das konnte warten. All das stand unter einem anderen Punkt auf seiner To-Do-Liste.
      Santi schlang seine Arme erneut um Lewis, als dieser nun endgültig die Fassung verlor. Er hielt ihn fest, er rieb ihm sanft über den Rücken, er war für ihn da.
      "Nichts davon war dein Fehler," wiederholte er regelmäßig. "Nichts davon war deine Schuld."
      Er hielt Lewis fest, bis der keine Tränen mehr hatte. Und dann hielt er ihn noch ein bisschen länger fest. Schließlich hob er Lewis hoch und ging mit ihm rüber zu seinem Bett, wo er den Streuner vorsichtig absetzte. Er schob ihn unter die Bettdecke, baute ihm ein kleines Nest aus Kissen. Doch er legte sich nicht zu ihm. Stattdessen kniete er sich vor das Bett und hielt Lewis' Hand. Mit der anderen strich er dem Streuner ein paar Haare aus dem Gesicht.
      "Heute Nacht schläfst du. Du ruhst dich aus. Und morgen triffst du ein paar Entscheidungen. Harte Entscheidungen, aber du musst nicht allein sein, wenn du sie triffst. Ich bin hier und ich bleibe auch hier, wenn du das willst. Ich geh jetzt duschen. Du bist hier sicher. Da sind fünf Schlösser an der Tür und nochmal drei am Tor draußen. Es ist praktisch unmöglich, die Treppe dazwischen nach oben zu schleichen. Die Fenster sind kugelsicher; die Läden können sogar Explosionen aushalten. Die Wände sind massiv. Hier kommt man mit einem Panzer nicht rein."
      Er drückte Lewis' Hand ein bisschen.
      "Hier kann sich niemand an dich ranschleichen. Guck."
      Er deutete auf den Rest seines Apartments, den man vom Kopfende des Bettes vollständig einsehen konnte. Selbst hinter dem Fernseher im Wohnzimmer und dem Boxsack im Gym konnte man sich aus diesem Winkel nicht verstecken - man würde immer einen Teil des Körper sehen.
      "Und ich bin gleich neben an. Ich lass die Tür auf, ja?"
      Santi lehnte sich vor und küsste Lewis sanft auf die Stirn. Er musste einfach. Er musste dem Streuner - seinem Streuner - klarmachen, dass er nichts zu befürchten hatte. Zum ersten Mal in Santiagos Leben dankte er seinen eigenen paranoiden Wahnvorstellungen - sie hatten sein Haus sicher für Lewis gemacht.
      "Ich bin gleich wieder da."
      Er drückte Lewis' Hand noch einmal, dann stand er auf und verschwand im Badezimmer. Er riss sich die Klamotten praktisch vom Leib, sprang unter die Dusche und drehte das Wasser kalt auf, um seine Wut abzukühlen. Er hätte in seinem Beruf niemals so lange überlebt, hätte er sich leicht von seiner Wut übermannen lassen. Nein, Bryce war ein Problem, das er logisch und mit Methode angehen musste. Und würde.
      Er duschte schnell und wickelte sich danach in ein Handtuch ein. Er ging rüber zu seinem offenen Kleiderschrank und schlüpfte in ein paar Jogginghosen und ein T-Shirt - bei ihm saßen sie um Welten besser als bei Lewis - und kehrte dann zur Bettseite von Lewis zurück.
      "Möchtest du allein schlafen, mich im Bett haben, oder kuscheln?" fragte er.
      Er würde den Teufel tun und selbst entscheiden, wenn Lewis gerade genau diese Freiheit genommen worden war.


    • Lewis weinte so lange, bis nichts mehr nachkam, und selbst dann vergrub er sich noch zitternd an Santiagos Brust. Dessen Mantra, das er ständig wiederholte, versuchte er sich einzuprägen, aber das machte es nur schlimmer, weil es die ganze Sache real werden ließ. Wäre es nicht so weit gekommen, dass sie hier saßen, hätten sie sich stattdessen einfach einen Film angesehen und wären dann schlafen gegangen, hätte Lewis sich vielleicht am morgigen Tag einreden können, dass er einfach nur zu high gewesen war, um irgendwas zu checken. Er hätte sich einreden können, dass alles ganz normal gewesen war und er vielleicht nur ein bisschen empfindlich gehandelt hatte.
      Aber so war es etwas anderes und davor fürchtete er sich. Er fürchtete sich davor, was die Nacht mit ihm angestellt haben würde.
      Santiago streichelte ihn die ganze Zeit über, dann stand er auf und trug Lewis zum Bett hinüber. Das Weinen hatte ihn ausgelaugt - eigentlich hatten das viele Dinge in dieser Nacht - und er war mehr als froh darum, dass der Mann auch jetzt mit seiner Fürsorge mehr als übertrieb, denn jetzt hatte Lewis das auch bitter nötig. Wäre Santiago nicht gewesen, wäre er an dem Geschehen vermutlich eingegangen.
      Er richtete ihm das Bett mit fürsorglicher Hingabe her, dann deckte er Lewis zu, wie er es immer tat, und ging neben dem Bett in die Hocke. Lewis hörte zu, als der andere ihm genauestens erklärte, wie sicher seine Wohnung war; und das war sie wirklich. Es war an alles gedacht worden, von der Einfahrt über die Tür zu den Fenstern, überall gab es irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Lewis das bestimmt irritiert, aber in diesem Moment empfand er das als äußerst erleichternd. Es war nicht vorzustellen, was er im Gegensatz hierzu in seiner Wohnung getan hätte.
      Santiago erhob sich wieder und Lewis nickte nur, als er zum Bad ging und tatsächlich die Tür offen ließ, während er duschen ging. Für einen ganz kurzen Moment hatte Lewis das als unnötig empfunden, aber jetzt, wo er ihn tatsächlich alleine gelassen hatte, stellte sich schnell ein tiefes Gefühl der Nervosität ein, das sich irgendwo in seinem Magen absetzte. Es half, dass er sich auf die Seite rollen konnte und den schemenhaften Umriss von Santiago beobachten konnte. Es half auch, dass er dabei das Geräusch von der Dusche laut und deutlich hören konnte, ein geradezu menschliches Geräusch. Lewis war nicht alleine, das half am allermeisten.
      Ein paar Sekunden sah er ihm zu, dann rollte er sich doch wieder herum, streckte sich aus dem Bett heraus und bekam seinen eigenen Kleiderhaufen geangelt. Dort fischte er sein Handy hervor, aber nur um zu sehen, dass Jay kein einziges Mal angerufen hatte, während Bryce es noch drei weitere Male probiert hatte. Er hatte auch Nachrichten geschickt, aber Lewis konnte nur die jüngste davon auf dem Bildschirm lesen:
      - Du kriegst auch einen bj?
      Da warf er sein Handy doch wieder auf den Haufen und kroch zurück unter die Decke. Er wünschte sich eher, er hätte es aus dem Fenster geworfen, damit es Santiagos sichere Wohnung nicht mit seiner Anwesenheit beschmutzte. Aber er wollte nicht seinen Bruder verpassen, wenn der irgendwann mal zurückrufen würde.
      Santiago kam kurz darauf auch schon wieder nach draußen und blieb neben dem Bett stehen. Er rührte sich gar nicht, auch dann nicht, als Lewis ein paar Sekunden brauchte, um zu antworten. Er wartete einfach nur ab, was Lewis sagen würde, und der hatte keine Zweifel daran, dass er sich auch genau an seine Worte halten würde.
      Aber Lewis wollte nicht alleine sein. Ganz bestimmt nicht in dieser Nacht.
      "Kuscheln."
      Santiago gehorchte ihm aufs Wort. In seinen Klamotten kam er unter die Bettdecke geschlüpft, überließ es aber Lewis, sich an ihn zu schmiegen und ihre Position zu wählen. Es war eine hilfreiche Geste, die Lewis mehr als zu schätzen wusste. Er hatte damit auch kein Problem, sich genauso fest wie schon vorhin wieder an ihn zu drücken.
      "Danke."
      Er wusste nichtmal genau wofür - für alles. Dafür, dass Santiago jetzt bei ihm lag, dafür, dass er sich besser um ihn kümmerte, als Lewis es selbst gekonnt hätte. Er schmiegte sich an ihn und hätte gedacht, dass er in dieser Nacht gar keinen Schlaf mehr finden würde, aber mit Santiagos Streicheleinheiten, seiner Wärme und dem beruhigenden Gefühl seiner Arme um ihn, war er sogar recht bald eingeschlafen.
    • "Okay."
      Santiago ging um das Bett herum und rutsche auf der freien Seite unter die Decke. Er machte es sich einigermaßen bequem, dann bot er Lewis an sich an ihn zu kuscheln - was der Streuner auch prompt machte. Er wartete, bis Lewis eine Position gefunden hatte, die er mochte, dann legte er ihm einen Arm um die Schultern. Mit der einen Hand strich er ihm sanft über den Rücken, mit der anderen über den Unterarm, den der Streuner über seinen Bauch gelegt hatte. Santiago achtete darauf, dass keine seiner Gesten auch nur ansatzweise so aussah oder sich so anfühlte, als hielte er Lewis fest. Wann immer der Streuner sich von ihm entfernen wollte, konnte er das auch tun.
      "Danke," murmelte Lewis.
      "Gern geschehen," gab Santi zurück.
      Ansonsten schwieg Santi dieses Mal. All seine Aufmerksamkeit lag auf Lewis und wie er sich verhielt. Glücklicherweise gab es keine weiteren Tränen und Panikattacken konnte er auch keine riechen. Das war gut.
      Irgendwann, es dauerte nicht lange, da beruhigte sich Lewis Atmung weiter und weiter, bevor er schließlich einschlief. Santiago blieb liegen. Irgendwann griff er sich das Buch, das auf seinem Nachttisch lag, und begann zu lesen, um sich von seinen Gedanken abzulenken. Anders als sonst waren diese Gedanken nicht paranoider Natur. Er vermutete keinen Killer hinter jeder Ecke, er vermutete keine Polizisten, die nur auf ihn warteten. Seine Gedanken drehten sich einzig und allein darum, wie er Bryce am effektivsten wehtun konnte. Von eben diesen Gedanken musste er sich ablenken, damit er nicht einfach aufsprang und all diese hübschen Ideen in die Tat umsetzte, bevor die Sonne aufging.
      Normalerweise würde er jetzt auch schlafen. Er hatte seit Tagen keinen Alptraum mehr gestohlen, was hieß, dass er wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekommen könnte. Aber er blieb wach. Er wollte für Lewis da sein, sollte der mitten in der Nacht aufwachen. Er wollte nicht der Grund dafür sein, dass er aufwachte.

      Gegen acht stand Santi vorsichtig auf. Wie so oft ersetzte er sich selbst mit einem Kissen, damit Lewis sein Fehlen nicht sofort bemerkte. Sein Weg führte ihn zuerst ins Badezimmer, und als er dort fertig war, ging er in die Küche, um ein Frühstück für sie beide zu machen. Nichts besonderes, nur ein paar Eier, Bacon und Toast. Und Kaffee. Immer Kaffee.
      Während er am Herd stand, fiel ihm auf, dass er das erste Mal Frühstück für jemand anderem in seinem Apartment machte. Seit er hier eingezogen war, hatte er noch nie jemanden hier herein gelassen. Niemanden außer seinen Eltern. Er wusste genau warum, aber die Tatsache, dass er Lewis einfach so reingelassen hatte... er hatte beim Aufschließen nicht einmal gezögert, bei keinem der acht Schlösser. Und auch jetzt, als er zu Lewis rüber sah, wie er da in seinem Bett unter einer weichen Decke und umringt von einem Haufen Kissen lag, waren da kaum die üblichen, paranoiden Gedanken. Nicht mehr als sonst jedenfalls. Ein Grund mehr, diesen Streuner zu beschützen.

      Lewis rührte sich schließlich. Santiago eilte sofort zu ihm und kniete wieder auf seiner Bettseite auf dem Boden.
      "Hey," grüßte er leise.
      Er wartete, bis Lewis aufgewacht war. Während er wartete, streichelte er ihm sanft durch die Haare. Wie immer überraschte es Santi, wie weich diese Mähne eigentlich war.
      "Ich hab Frühstück gemacht. Willst du hier im Bett essen? Ich kann dir ansonsten das Sofa oder die Kücheninsel anbieten. Oder... die äh... die Dachterrasse."
      Er wollte die Dachterrasse nicht aufmachen. Er hatte zwar sichergestellt, dass es keinen Winkel für Sniper gab, als er dieses Apartment gekauft hatte, aber nichts konnte ihn gegen Helikopter schützen. Jetzt gerade ließ ihn seine Paranoia zwar mehr in Ruhe, als sie es normalerweise tat, aber sie war nicht weg. Santiago wusste nicht, ob er einen Trip auf seine Terrasse aushalten könnte. Aber Lewis sollte alle Optionen haben und sich frei entscheiden können. Sollte er die Terrasse wählen, dann war das eben so und Santiago würde es genauso durchstehen, wie er alles andere auch aushielt.


    • Lewis schlief tief und fest. Er träumte nicht, auch wenn er erwartet hatte, dass er in seinen Träumen in einem fleckigen Laken liegen und sich das Gesicht hinein drücken lassen würde. Aber ihm wurde die Erinnerung erspart und als er doch einmal in der Nacht aufwachte, verwirrt über das fremde Bett und besorgt wegen fremden Gerüchen, schob sich gleich eine große Hand in seine Haare und kraulte ihm den Kopf. Da seufzte Lewis zufrieden und war doch gleich wieder eingeschlafen.
      Als er am Morgen aufwachte, war er gänzlich ausgeschlafen. Die Sorgen von letzter Nacht waren wie weggespült und sein Hintern erinnerte ihn im Moment auch nicht daran. Er fühlte sich gut.
      Dann war Santiago an seiner Seite und er fühlte sich sogar besser mit der Hand, die ihm durch die Haare strich.
      “Hey.”
      Mhh. Hey.
      Er streckte sich, lang und ausgiebig. Das war ein schönes Gefühl, es hatte einen Beigeschmack von Freiheit an sich.
      "Ich hab Frühstück gemacht. Willst du hier im Bett essen? Ich kann dir ansonsten das Sofa oder die Kücheninsel anbieten. Oder... die äh... die Dachterrasse."
      Wirklich? Du verwöhnst mich.
      Er lächelte und das aufrichtig. Was gäbe es noch besseres als mit demselben Mann, der ihn die ganze Nacht über auf seiner Brust geschlafen lassen hatte, auch noch zu frühstücken? Gar nichts. Das war wie ein Traum und noch dazu ein schöner.
      Hmm… Dachterasse hört sich gut an.
      Ein Ausdruck flackerte kurzzeitig über Santiagos Gesicht, der irgendwie nicht recht zur Situation passte, dann war er auch wieder weg. Der Mann richtete sich auf und Lewis dachte, sich das nur eingebildet zu haben.
      Während der andere alles fertig machte um es nach draußen zu bringen, warf Lewis wieder einen Blick auf sein Handy. Jay hatte zurückgerufen, aber nur ein mal, und dann eine Nachricht geschrieben.
      - Bryce hat angerufen. Ruf mich zurück.
      Lewis würde einen Teufel tun, jedenfalls jetzt. Er warf das Handy zurück und schloss sich Santiago an.
    • Die Dachterrasse. Santiago schluckte. Dann stand er auf und machte sich ohne Worte daran, alles für das Frühstück auf ein Tablett zu stellen, um nicht hundertmal rein und wieder raus rennen zu müssen - das Risiko es irgendwann nicht mehr über die Türschwelle zu schaffen, war zu groß. Sich einmal dazu zu überreden war schon anstrengend.
      Was wenn Lewis mit voller Absicht die Terrasse gewählt hatte? Was wenn er doch mit den Cops zusammenarbeitete und Santiago nach draußen bringen musste, damit sie ihn mit dem Helikopter ausfindig machen konnten? Oder ganz anders: was wenn Lewis eine Gelegenheit brauchte, seinen Tod wie einen Unfall aussehen zu lassen? Ihn vom Dach zu stoßen wäre eine leichte Methode, dieses Ziel zu erreichen. Es würde aussehen wie ein Unfall oder sogar ein selbstgewähltes Ende. Lewis würde ihn töten, wenn er nicht-
      Lewis gesellte sich zu ihm und Santiago lächelte schräg. Er drückte Lewis eine kleine Fernbedienung in die Hand und deutete auf einen der Knöpfe. Der Streuner drückte ihn und mit einem Surren setzten sich die gepanzerten Fensterläden in Bewegung. Insgesamt hatte er fünf davon, die sich alle in der Dach-Hälfte des Daches verstecken konnten. Er konnte sie in Segmenten absenken, sodass er zu jeder Zeit bestimmen konnte, wie viel seiner Fenster auch tatsächlich freilagen. Der Knopf, den er Lewis gezeigt hatte, kontrollierte den mittleren Fensterladen, der unter anderem die Schiebetür zur Dachterrasse blockierte. Als der sich langsam hob, flutete er das Apartment mit sanftem Licht.
      Santi drückte noch einmal auf den Knopf, als der Laden die Tür und ein weiteres Segment darüber freigegeben hatte. Der Himmel war wolkenlos und er konnte keine Helikopter sehen. Also ging er zu der Tür und schob sie auf, warf einen Blick rechts und links davon nach draußen, nur um auf Nummer sicher zu gehen, dass sich dort keine Attentäter oder Einsatzkommandos versteckt hielten, die die Seite des Gebäudes hinaufgeklettert waren.
      Er kehrte zur Küche zurück und drückte Lewis zwei Kaffeetassen in die Hand, beide selbst getöpfert von einer seiner nicht blutsverwandten tìas. Er selbst schnappte sich das Tablett mit dem Rest ihres Frühstücks.
      Die Dachterrasse war genauso gezielt eingerichtet wir der Rest von Santiagos Apartment. Es gab eine gemütliche, wetterfeste Sitzecke mit einem Tisch, der zeitgleich als Feuerstelle dienen konnte, noch mehr Pflanzen und Beete, und ein paar abgedeckte Sportgeräte. Der Boxsack hatte schon bessere Tage gesehen, so oft, wie Santi ihn mit Ducttape wieder geflickt hatte. Die Aussicht von hier oben war überraschend gut. Da die umliegenden Gebäude auch allesamt Lagerhäuser waren, konnte man ziemlich viel einsehen und hatte auch einen guten Blick auf die bekannte New Yorker Skyline. Wenn man am Rand stand konnte man sogar den Fluss sehen.
      Santiago stellte das Tablett auf dem Tisch ab und ließ sich in einen der beiden Sessel-Stühle sinken. Sie waren im Set mit den beiden Sofas gekommen, was den Anschein erweckte, dass Santi regelmäßig Gäste einlud - eine völlig falsche Annahme.
      "Wie hast du geschlafen?" fragte Santi, als alles soweit vorbereitet war.
      Er lehnte sich mit seinem Kaffee zurück, nachdem er sich eben schon einen Streifen Bacon in den Mund geschoben hatte. Hinter seiner Sonnenbrille versteckt, schielte er immer mal wieder nach oben in den Himmel, als könnten seine Augen den imaginären Helikopter vor seinen Ohren finden.


    • Gemeinsam brachten sie das Frühstück mit nach draußen auf eine mindestens genauso stilvoll eingerichtete Dachterasse. Man hatte einen ordentlichen Blick auf die Skyline und außerdem hatte Santiago es vorhersehend eingerichtet, um dort auch nach nassem Wetter noch zu sitzen. Lewis fragte unmittelbar, ob Santiagos Freunde, die er hierher einlud, genauso Kolosse waren wie er und ob sie sich über die ganzen Sportgeräte unterhielten, die hier überall herum standen. Sicherlich waren es keine Junkies, mit denen Lewis sich so abgab, und erst recht nicht die Art davon, die Bryce wie einen Bienenschwarm umgaben.
      An den Mann wollte er aber im Moment erst recht nicht denken, deswegen sah er sich lieber die Skyline an.
      Verdammt nettes Plätzchen hast du hier. Ich bin echt neidisch, ich hab noch nichtmal einen Balkon Zuhause. Dafür wohn ich aber auch nicht so weit außerhalb.
      Sehr weit außerhalb konnte man das hier auch nicht nennen, aber es war an Lewis’ Wohnung gemessen wesentlich weiter weg.
      Es war wirklich schön. Entspannend. Lewis fläzte sich auf eins der Sofas, weil er sich dort ungestört ausstrecken konnte - und nicht direkt auf seinem Hintern sitzen musste - und angelte sich eine Tasse Kaffee herbei. Die Tasse war ganz eindeutig von Hand gemacht und Lewis schmunzelte dabei, wie er sich vorstellte, dass Santiagos sich mit all seiner Glanz und Glorie über eine Töpferscheibe beugte, um in mühseliger Kleinstarbeit seine großen Finger um eine Tasse zu stülpen. Es war ihm ganz eindeutig irgendwie gelungen, lustig war das Bild trotzdem.
      “Wie hast du geschlafen?”
      Richtig gut. Ich hatte ja auch gute Gesellschaft.
      Er lächelte, was eigentlich auf seine typisch anzügliche Weise geschehen sollte, aber weicher rüberkam als geplant. Da lehnte er sich nach vorne und nahm sich einen Teller mit auf seinen Schoß.
      "Hast du denn geschlafen?"
      Das hatte Santiago natürlich nicht und handelte sich dafür einen missbilligenden Blick ein.
      "Das wird dich noch umbringen, weißt du das? Der wenige Schlaf, der viele Kaffee." Er nickte zu seiner jetzigen Tasse. "Irgendwann verreckst du an einem Herzinfarkt."
    • Santiago schüttelte lachend den Kopf.
      "Bei meinem Lebenswandel kann ich von Glück reden, wenn mich der Herzinfarkt vor allen anderen erwischt," gab er zurück. "Das Risiko von einem übereifrigen und zu wenig ausgebildeten Wachmann aus Versehen erschossen zu werden ist sehr viel höher. Außerdem schlafe ich sehr wohl. Du hast es nur noch nie gesehen."
      Er zuckte mit den Schultern und nippte betont an seinem Kaffee. Dass Lewis sich mit seinen Drogen auch ein frühes Grab schaufelte, erwähnte er jetzt mal nicht.
      Dass Lewis gut geschlafen hatte, beruhigte ihn. Oder zumindest den Teil von ihm, der klar denken konnte und nicht daran interessiert war, ob ihn gleich ein Sondereinsatzkommando auf den Boden warf, oder einen bestimmten Dealer in seine Einzelteile zu zerlegen.
      "Die Ruhe hier hilft," meinte er dann. "Selbst wenn jemand eine Party schmeißt, geht der Lärm hier draußen schnell unter wegen den breiten Straßen und den niedrigen Gebäuden. Die meisten, die hier wohnen, sind sowieso irgendwelche Snobs, die unter Party Rumstehen mit einem Schampus-Glas in der Hand verstehen. Nicht viel los hier draußen."
      Santi zwang sich dazu, seine Nackenmuskeln ein wenig zu entspannen. Er rutschte ein bisschen tiefer auf seinem Stuhl und streckte die Beine aus. Der kalte harte Beton des Daches an seinen nackten Füßen half dabei, ihn in der Gegenwart zu verankern. Trotzdem fischte er seine Zigaretten aus der Hosentasche seiner Jogginghosen. Er warf die Packung auf den Tisch neben seinen Teller, nachdem er sich eine herausgeholt hatte. Kaffee und Zigarette, das Frühstück wahrer Champions. Aber ihm wollte der verdammte Helikopter einfach nicht aus dem Kopf gehen!
      "Ich hoffe, die Eier sind okay," meinte er mit einem schelmischen Grinsen. "Du isst sonst immer Waffeln zum Frühstück, da wusste ich nicht, wie du sie magst."


    • "Solange ich es nicht selbst gesehen habe, glaube ich es auch nicht. Dass du schläfst ist ein Mythos."
      Lewis ließ es sich gefallen, dass sie so entspannt auf der Terasse herum gammelten. Das war mal etwas anderes, nicht die Hektik und der Lärm von der Innenstadt. Kein Gehupe von der Straße, keine irren Obdachlosen, die ihre Weisheiten herausbrüllten, keine Pärchen, die sich auf offener Straße die Haare auszureißen versuchten. Es war alles ruhig.
      Santiago zündete sich eine Zigarette an und Lewis biss von seinem Toast ab. Er konnte zwar nicht hinter die Sonnenbrille des Mannes blicken, aber irgendwie schien er ihm abgelenkt. Lewis konnte auch nicht benennen wieso.
      "Ich nehm meine Eier gerne so, wie sie eben rauskommen", gab er grinsend zurück. "Aber am liebsten mag ich sie hart."
      Er sah dabei zu, wie Santiago ein paar Züge nahm und sich derweil noch ein paar Mal in seinem Sessel ausrichtete. Man hätte fast meinen können er sei derjenige mit dem wunden Arsch, während Lewis eigentlich ganz ruhig dalag. Der Kerl hatte in jedem Fall nicht dieselbe Losgelöstheit wie nachts.
      "Sag mal, ist alles cool? Du wirkst so, als würdest du gleich einen wichtigen Termin verpassen oder sowas."