The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Oliver

      Eine Stunde weniger alleine. Das war gut! Das war sehr gut! Das war wahrscheinlich eine katastrophale Art, um mit einer Trennung umzugehen, aber das war Oliver gerade wirklich egal. Er stieg in sein Auto, drehte das Radio hektisch leiser, bevor er Alexis tatsächlich das Trommelfell zerstören würde und tippte kurz auf sein Navi. Er wollte Alexis gerade nach seiner Adresse fragen, als selbiger ihm zuvor kam und seinerseits anfing zu reden.
      Oliver fror für eine Sekunde komplett ein, der Finger schwebte über dem Display, während er den Blick fest auf die Adresszeile gerichtet hielt, die auf eine Eingabe wartete.
      Oh. Damit endeten wohl seine Versuche, sich selbst einzureden, dass alles wieder so wie früher werden würde. Fuck, er führte sich gerade wie ein Arsch auf, oder? Alexis hatte ihm praktisch gesagt, dass er ihn liebte und statt ihm Abstand zu lassen, redete er auf ihn ein, bis er mehr Zeit mit ihm verbrachte, als er musste, auch wenn Oliver ihm nicht geben konnte, was er wollte. Außerdem musste er sich wohl wirklich bei Jordan entschuldigen, mhm? Olivers Magen zog sich bei dem Gedanken daran, dass sein ExFreund bisher wirklich mit allem Recht gehabt hatte, schmerzhaft zusammen. Das ganze Drama war wirklich nur entstanden, weil er ein furchtbarer Freund war. Oder? Ein Gespräch und ein bisschen Vertrauen hätte wahrscheinlich alles gelöst. Und jetzt machte er nahtlos damit weiter, ein beschissener Freund zu sein.
      “Ja, das… das habe ich verstanden”, antwortete er langsam, während er sich wieder gerade aufsetzte, dem Blick immer noch auf das Display gerichtet. “Ich weiß nur nicht- Du bist einer meiner besten Freunde, Alexis und die Trennung und…ich weiß nicht, was ich machen soll.” Er sah vorsichtig zu seinem Beifahrer rüber. Es würde nichts mehr so werden, wie früher, oder? Egal, in welcher Hinsicht, egal wie sehr Oliver sich auch an die Vorstellung einer heilen Welt klammerte.
      "Ich weiß nicht, was du von mir erwartest und ich kann dir wahrscheinlich nicht das geben, was du willst, aber ich will dich nicht als Freund verlieren." Nicht, wenn er Jordan schon verloren hatte. "Das tut mir wirklich so leid."
    • Alexis

      Oh. Also floh er zumindest nicht vollkommen vor der Realität. Alexis schluckte bei der Ablehnung, die schon viel früher hätte kommen sollen. Und auch, wenn er nie etwas erwartet hatte, traf es ihn wie ein Schlag in den Magen die Worte von Oliver zu hören. Er konnte ihm nicht geben, was er wollte… Das war Alexis Zeile.
      „Das… das ist okay“, antwortete er sanft und lächelte leicht. Er versuchte verzweifelt an Hundebabies zu denken, um den Schmerz abzuschalten, nur solange bis er zuhause war.
      „Ich hab garnichts erwartet“ Genau. Das war nur die Wahrheit. Alexis fragte sich zwar, weshalb es sich trotzdem plötzlich anfühlte, als ob irgendwelche Hoffnungen in ihm zerschmettert wurden, aber damit konnte er sich später noch beschäftigen.
      „Ich wollte nur sichergehen, dass du mich gehört und verstanden hast und… ähm… das war‘s eigentlich. Mach dir keine Gedanken. Wenn jemandem etwas leid tun sollte, bin ich das. Solange du… mich nicht doch anfängst zu hassen, kann alles so bleiben, wie es war“ Seine Mundwinkel zuckten noch einmal nach oben bevor er endgültig aufgab und den Blick wieder durch die Windschutzscheibe richtete. „Was ist… was ist das eigentlich für ein Song?“, fragte er, räusperte sich und lehnte sich vor, um etwas lauter zu drehen. War es sehr unverschämt, nicht auszusteigen? Alexis war sich nicht sicher. Irgendetwas in ihm schrie ihn an, zu fliehen, aber er wollte auch nicht von Oliver weg. Auch, wenn Oliver ihm gerade gesagt hatte, dass er seine Gefühle nicht erwidern konnte… Er klammerte sich an die Tatsache, dass er ihn eben als einen seiner besten Freunde beschrieben hatte. Und solange das so blieb, war doch alles in Ordnung, richtig? Richtig. Sie konnten genau so weitermachen, wie vorher.
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    • Oliver

      Oliver konnte nicht anders, als ein wenig mitleidig zu lächeln. Er könnte Alexis gar nicht hassen. Alexis war so eine zurückhaltende Person, dass es ihm schwerfiel zu glauben, dass ihn überhaupt irgendjemand hassen könnte. Außer Jordan, der verstanden hatte, dass Alexis in ihn verliebt war und Oliver nichts tat, um das irgendwie zu stoppen. Oh, die ganze Situation war zum kotzen.
      "Guns N' Roses. Einer der eher unbekannteren Songs von ihnen. Ich, ähm, ich brauche noch deine Adresse. Außer du willst Navi spielen." Irgendwie fiel es ihm schwer zu reden. Er hatte das Gefühl, dass überhaupt nichts mehr okay war. Aber...aber da würden sie wieder hinkommen, oder? Das hier war nur ein etwas unvorteilhafter Zwischenfall. Er würde Alexis jetzt nicht jeden Tag irgendwie das Herz brechen, nur weil er ihn anlächelte, oder? Er wollte ihn irgendwie ablenken, damit er wieder besser drauf wäre, aber das würde es wahrscheinlich nur schlimmer machen, oder? Alles noch schlimmer zu machen war wirklich das Letzte, was Oliver wollte. Obwohl er offenbar wirklich gut darin war, alles schlimmer zu machen.
      "Was hörst du normalerweise?", zwang er sich, das Gespräch irgendwie fortzusetzen. Sich jetzt anzuschweigen wäre deutlich schlimmer, als einfach weiter zu machen, wie vorher, oder? Wenn er schwieg, würde Oliver wieder anfangen, viel zu viel nachzudenken und jedes Gespräch, das er je mit Alexis gehabt hatte, durch seinen Kopf zu spulen um zu sehen, welche Hinweise er übersehen hatte. Ihm war nie bewusst gewesen, wie wenig Aufmerksamkeit er seinen Freunden offenbar schenkte und diese Erkenntnis war...grauenvoll.
      "Du wirkst wie jemand, der Klassik hört, oder so", scherzte er, auch wenn er nicht wirklich zu Scherzen aufgelegt war. Alexis hatte auf seinem Konzert ein kleines bisschen fehl am Platz gewirkt. Ob er nur gekommen war, weil er in Oliver verliebt war? Oder war das ganz normale Unterstützung zwischen Freunden? Florin hatte seine ursprünglichen Pläne ausfallen lassen, um zu seinem Konzert zu kommen und war schließlich auch nicht in ihn verliebt. Hoffentlich.
    • Alexis

      „Oh. Ich mache das“, sagte er schließlich und tippte seine Adresse selbst in Olivers Navi ein. Nachdem Oliver ihn auch nicht aus dem Auto warf, schienen sie offiziell für ein paar Minuten zusammen hier drin gefangen zu sein. Also war es wohl ganz gut, dass Oliver automatisch zurück zu seinen Fragen ging. Auf andere Gedanken zu kommen half ihnen hoffentlich beiden.
      „Sag mir, dass du mich langweilig findest, ohne mir zu sagen, dass du mich langweilig findest“, warf Alexis den Scherz etwas schwach zurück und merkte deutlich zu spät, dass das klang, als würde er auf dem Korb von eben herumreiten. Ugh. „Ähm. Ich schätze, ich höre am meisten Soft Rock… oder Folk Musik. Aber ich mochte deine Songs. Ihr hattet ziemlich viel Energie, das war irgendwie ansteckend“ Alexis sah auf die Straße, während er sprach. Irgendwie fühlte er sich gerade, als würde er durch einen Traum leben. Sein Leben wurde immer surrealer. Letzte Woche hatte er noch gedacht, er würde Oliver womöglich nie wieder sehen.
      „Aber nichts gegen Klassik. Ist ganz gut, um sich auf etwas konzentrieren zu können“, murmelte er.
      Sie führten das Gespräch eine Weile fort, unterhielten sich, ohne richtig auf einen Punkt zu kommen, wie man es unter Freunden wohl tat. Fragen, Antworten, Fragen, Antworten. Aber alles daran war ein ziemlich eindeutiges Ablenkungsmanöver um zu verdrängen, worüber sie eben noch gesprochen hatten. Irgendwann würde dieses Gefühl vermutlich vergehen und Alexis würde ihre nichtssagenden Unterhalten wieder als genau solche empfinden. In der Zwischenzeit musste er sich damit abfinden, dass immer etwas Unangenehmes zwischen ihnen schlummern würde. Solange, bis Oliver wieder eine Beziehung mit jemandem führte, bis er den Job wechselte, bis Alexis Gefühle schwanden und sie einander beweisen konnten, dass sie ganz normale Freunde waren.
      „Du kannst mich hier rauslassen“, sagte er, als sie sich dem weißen Wohnhaus in seiner ruhigen Allee näherten, das er jeden Morgen verließ. „Danke fürs Fahren. Vielleicht sollte ich mir auch wieder ein Auto zulegen… Normalerweise komme ich durchgefroren zuhause an“ Er schmunzelte und öffnete die Autotüre.
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    • Oliver

      "Oh, kein Problem." Oliver lächelte Alexis leicht entgegen, während er am Rand der Straße anhielt. Die Häuser in der Gegend sahen nett aus. Irgendwie konnte er sich wirklich gut vorstellen, wie Alexis gleich in ein modern eingerichtetes Wohnzimmer ging, klassische Musik auflegte und dabei puzzlete. Vielleicht eher mit einem Glas Rotwein, als mit einer Lasagne. Der Gedanke war trotz der Situation irgendwie ein wenig erheiternd.
      "Ich kann dich-" Oliver stockte als er realisierte, dass er gerade dabei war, Alexis anzubieten, ihn einfach jeden Tag nach Hause zu fahren. Es wäre kein allzu großer Umweg und sie könnten noch ein wenig Zeit zusammen verbringen, was wirklich cool wäre - wenn er Alexis damit nicht noch länger unter die Nase reiben würde, dass er seine Gefühle nicht erwiderte. Vielleicht hätte Alexis das Thema nicht nochmal ansprechen sollen. Dann hätte Oliver sich weiter vormachen können, dass das alles ein großes Missverständnis war.
      "Ich kann dich ja vielleicht ab und an mal nachhause bringen, wenn es regnet und so", bot er stattdessen an, was etwas weniger gefährlich klang. Er schaffte es sogar reflexartig zu unterdrücken sich darüber zu beschweren, dass Alexis nicht schon früher etwas gesagt hatte. Er hätte ihm die durchgefrorenen Arbeitswege auch so gerne erspart, aber wahrscheinlich hatte er das wegen der ganzen Gefühlsthematik nicht gemacht. Jetzt hatte er irgendwie ein schlechtes Gewissen, auch wenn er nicht wusste, wofür.
      "Schönen Abend noch und viel Spaß mit dem Puzzle." Oliver lehnte sich ein wenig zur Seite, um Alexis noch nachsehen zu können, bis er sicher im Haus war, bevor er sich auf den Rückweg machte. Es musste irgendeinen Weg geben, ihn ein bisschen aufzuheitern, ohne, dass es irgendwie weh tat. Vielleicht konnte er irgendwas für ihn tun, was zufällig wirkte, oder...oder er ließ Florin irgendwas für ihn tun. Das war gar kein schlechter Ansatz, oder?
      Oliver ließ sich die Idee noch eine ganze Weile durch den Kopf gehen. Genug Zeit hatte er ja, Florin arbeitete abartig spät, was wirklich ungünstig war, weil Olivers hart antrainierter Schlafrhythmus ihn meistens relativ früh müde werden ließ. Er versuchte, die letzte Stunde damit zu überbrücken, irgendwas zu machen. Aufräumen, schonmal den Schlafanzug anziehen, zocken. Er war kurz davor, sich einen Kaffee aufzusetzen, als die Haustüre klickte.
      "Florin!", rief Oliver begeistert - und vielleicht ein bisschen übermüdet - durch die Wohnung, bevor er vom Sofa aufsprang und seinem Freund entgegen in den Flur lief. "Ich brauche deine Hilfe. Hat dein Bruder irgendwelche normalen Hobbys?"
    • Florin

      „Holy shit“ Florin machte reflexartig einen Schritt zurück, als er die Wohnung aufsperrte und statt der erwarteten Stille plötzlich seinen Namen zugeschrien bekam. Er atmete tief aus und hörte sein Herz noch klopfen, als er sich die Schuhe auszog. Die letzte Woche hatte er sich ziemlich bemüht, still und heimlich nachhause zu kommen und Oliver nicht aufzuwecken, wenn er noch etwas zu Essen aufwärmte und fernsah. Zwar hatte Florin ihn im Gästezimmer untergebracht, aber die Wände waren dünn. Scheinbar trugen sie auch seinen Namen durch die Wohnung, als hätte Oliver ihn ihm direkt ins Ohr geschrien.
      „Wieso bist du noch-“ Florin konnte seinen Satz nicht zuende sprechen. Olivers Frage irritierte ihn zu sehr. „Hä? Wie kommst du darauf?“ Hatten sie über irgendetwas bei der Arbeit gesprochen? Florin war sich noch immer nicht ganz sicher, ob Oliver mittlerweile wusste, dass Jordan mit seinen Sorgen recht gelegen hatte. Er hatte auch noch keine Zeit gehabt, um Alexis zu fragen. Aber die beiden schienen noch miteinander zu reden, also… Aber selbst das sagte bei Oliver nicht viel aus, wenn Florin so darüber nachdachte.
      „Wenn du so fragst, klingt es, als hätte er unnormale Hobbies“ Er zog seinen Mantel aus und hing ihn auf, dann schob er sich an Oliver vorbei um sich in der Küche etwas zu Essen aufzuwärmen. „Keine Ahnung, wieso dich das jetzt interessiert, aber ich weiß, dass er öfters Mal wandern geht und sich vor einer Weile elends teure Wanderschuhe gekauft hat. Und äh… ich glaube, er kocht gerne. Vielleicht? Vielleicht macht er es auch einfach nur um nicht zu verhungern“ Florin zuckte mit den Schultern. Eigentlich interessierte es ihn auch nicht sonderlich, weil er Alexis zum Geburtstag meistens irgendwelche dämlichen Sachen schenkte, die er nicht haben wollte. Wie Liebesromane. Oder Band-Shirts. Oder Pflanzen, um die er sich kümmern musste. Es war ein Running Gag.
      Florin warf die Kühlschranktüre zu nachdem er ein Tupperware mit Zoodles herausgenommen hatte in füllte sie in eine Schüssel um. „Wieso?“ Er war skeptisch. Unter anderem weil er vorhin eine Nachricht von Alexis gelesen hatte, in der er ihn völlig ohne Hintergrundinformationen darum bat, Oliver nochmal zu fragen, wie es ihm momentan ging. „Ist alles okay?“, fragte er deshalb erstmal.
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    • Oliver

      "Er wandert und puzzlet. Ich habe kurz gedacht, ich würde mich mit meinem Opa unterhalten", beschwerte Oliver sich dramatisch, während er Florin hinterher durch die Wohnung in die Küche folgte. Irgendwie konnte er mit beiden Hobbys nicht sonderlich viel anfangen - Alexis einfach ein Puzzle zu schenken kam ihm einfallslos vor und es war nicht so, als ob er ihm irgendwelche Wanderausrüstung holen könnte. Er könnte ihm höchstens irgendeinen Wanderweg empfehlen, aber dafür kannte er sich definitiv nicht genug aus.
      "Oh", setzte Oliver an, als Florin ihn nach dem Grund für seine Nachfrage fragte. Vielleicht hätte er mit der Erklärung starten sollen. Irgendwie machte das Sinn. Er war einfach ein bisschen zu müde, um noch normal zu denken. "Ähm." Blöd war nur, dass er keine Ahnung hatte, wie viel Florin wusste. Er hatte ihm im Grunde nur erzählt, dass Jordan und er sich zerstritten und die Beziehung beendet hatten, mehr nicht. Alexis' Gefühle waren seine Sache.
      "Alexis war die letzte Woche so deprimiert, also noch deprimierter, als sowieso und ich hatte irgendwie gedacht, dass ich ihm vielleicht eine kleine Freude machen könnte, oder so. Irgendwas, was ihn aufheitert, damit er nicht mehr so aussieht, wie ein getretener Hundewelpe." Irgendwas, was klar machen würde, dass ihre Freundschaft vollkommen normal weitergehen konnte, auch wenn sie sich wohl beide bei jeder Interaktion schlecht fühlen würden. Daran gewöhnte man sich bestimmt. Irgendwie. Hoffentlich. Vielleicht würde es auch einfach von selbst weggehen.
      "Ich hatte ihn schon selbst auf seine Hobbys angesprochen, aber irgendwie hilft mir das nicht, also hatte ich gehofft, dass du deinen Bruder vielleicht etwas besser kennen könntest." Redete er zu viel? Eigentlich wollte er wirklich gerne ins Bett, aber das hier war wichtiger! Wie konnte Florin noch so wach aussehen? Sie waren gleich alt, also konnte es daran nicht liegen.
      "Ich brauche auch nichts extrem großes. Einfach so eine kleine Aufmerksamkeit, oder so." Oliver ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen, während er Florin dabei zusah, wie er sein Essen aufwärmte. Konnte er mit Alexis' Koch-Hobby was anfangen? Er konnte ihm schlecht Zutaten kaufen, oder so. Vielleicht ein Kochbuch? Aber das wäre auch albern, oder? Ugh, ihm war noch nie so schwergefallen, ein Geschenk zu besorgen.
    • Florin

      „Ein Hundewelpe?“ Florin drehte den Kopf zu Oliver herum und sah ihn äußerst skeptisch an bevor er die Zoodles in die Mikrowelle schob. Alexis sah nicht alt aus, aber auf die Idee ihn mit einem Hundebaby zu vergleichen wäre Florin trotzdem nicht gekommen. Aber es war gut zu wissen, dass er anscheinend deprimiert genug war, dass es Oliver schon auffiel. Vielleicht sollte Florin eher seinen Bruder fragen, ob alles in Ordnung war. Es war merkwürdig, dass ihn das so mitnahm. Er hatte sonst nie große Probleme dabei gehabt, über Beziehungen hinwegzukommen. Und das… war nichts weiter als ein Korb gewesen, wenn überhaupt. Das war es doch, oder? Wobei Florin seinem Bruder auch zutrauen würde, so schnell aufzugeben, dass er nicht einmal einen Korb brauchte, um deprimiert zu sein. Er redete sich schon selbst genug ein, dass es niemanden für ihn gab.
      Florin verschränkte die Arme und lehnte sich an die Küchenzeile. Er musterte Oliver. Er war also wach geblieben um mit deutlich zu großem Enthusiasmus danach zu fragen, welche Hobbies Alexis hatte und was er ihm schenken könnte. Irgendetwas machte hier keinen Sinn. Wusste er nun von Alexis Gefühlen oder nicht?
      “Ich kenne ihn nicht besser, als er sich selbst kennt, denke ich, also hast du wohl einfach Pech gehabt“, sagte er. „Außerdem… wieso fühlst du dich dafür verantwortlich, ihn aufzumuntern?“ Vielleicht musste er sich an das Thema langsam herantasten. Solange Oliver ihn mit Fragen bombardierte war es jedenfalls schwer, sich rauszuhalten. Und irgendwie hatte Florin in seinem Umfeld nur Menschen die ohne einen guten Rat nicht überleben konnten. Weil sie dämlich waren. Allesamt.
      „Er kriegt sich schon wieder ein. Er war doch am Wochenende wandern, so schlimm kann es also nicht sein. Ich hab sein komisches Facebook Selfie mit den Baby-Enten gesehen, und er hat sich noch nicht von einer Brücke geworfen. Aber falls du ihn aufmuntern willst, solltest du selbst auf eine Idee kommen. Ich schenke ihm sowieso immer nur Blödsinn, weil ich schlecht darin bin, Geschenke zu machen. Also frag mich lieber nicht“ Er zuckte mit den Schultern. „Weißt du überhaupt, wieso er so drauf ist?“, fragte er.
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    • Oliver

      "Aber du redest mehr", ward Oliver ein, als Florin bestritt, seinen Bruder besser zu kennen, als Alexis selbst. Auch wenn er nicht wusste, ob das hilfreich war. Nicht, dass Florin am Ende auch noch enttäuscht von ihm wäre, oder so. Wenn Oliver jetzt nach und nach alle wichtigen Personen in seinem Leben verlieren würde, würde er einfach in den nächsten See laufen. Oliver griff nach einem Kugelschreiber, der vergessen auf dem Tisch lag und begann, damit zu spielen.
      "Wir sind immer noch befreundet. Ich würde das selbe für dich tun, wenn du so aussehen würdest, als ob du schon seit Wochen nicht mehr gelächelt hättest." Obwohl das nicht ganz das gleiche war, oder? Sicher, er würde auch versuchen, Florin aufzuheitern, dafür waren Freunde immerhin da, aber bei Florin wäre er wenigstens hoffentlich nicht Schuld an der schlechten Laune. Außerdem sah er Alexis die ganze Zeit und konnte ihm schlecht Abstand geben, oder so, also musste eine Alternative her. Ein Aufmunterungsversuch. Ganz einfach. Zumindest theoretisch.
      Er hörte auf, mit dem Kugelschreiber zu spielen, als Florin ihn fragte, ob er wusste, wieso Alexis so drauf war. Wusste Florin es, oder war das eine Frage ins Blaue? Irgendwie wurde Oliver gerade nochmal viel bewusster, dass die beiden Brüder waren und das nicht nur bedeutete, dass Florin Alexis' Hobbys kannte, sondern dass sie wahrscheinlich auch miteinander über alles andere redeten, was sie bewegte. Hatte Alexis mit Florin über seine Gefühle gesprochen? Hätte Florin Oliver unter diesen Umständen einziehen lassen, wenn auch nur temporär? Oliver wusste nicht, wie er selbst in so einem Moment reagieren würde, wenn er selbst Geschwister hätte. Wenn er Florin wäre, wäre er wahrscheinlich echt sauer auf den Typen, wegen dem es seinem Bruder schlecht ging, selbst wenn sie Freunde waren.
      "Ja", antwortete er langsam, während er den Stift hinlegte. "Weißt du es?", fragte er unsicher nach. Falls nicht, musste er sich irgendwas dummes, neutrales ausdenken. Es war wirklich nicht sein Platz, Florin von den Gefühlen seines Bruders zu erzählen. Alexis würde ihn wahrscheinlich noch mehr hassen, wenn er das tat. Wahrscheinlich war es schon dämlich gewesen, Florin nach Alexis' Hobbys zu fragen. "Kannst du mir einen Gefallen tun und die Konversation für dich behalten? Ich will nicht, dass er denkt, dass ich mir...zu viele Sorgen mache, oder so."
    • Florin

      Aha. Das hieß also, Alexis hatte sich endlich überwunden, Oliver hatte ihm einen Korb gegeben und weile sie beide liebenswerter waren als es ihnen gut tat, war keiner von beiden sauer auf den anderen. Sie machten sich bloß beide Sorgen. Wie ironisch.
      „Ich weiß es“, bestätigte Florin. „Aber auch erst seit deinem Konzert letztes Wochenende. Und nicht gerade freiwillig. Also keine Sorge, ich hab echt nicht vor mich einzumischen und irgendwem irgendwas zu erzählen. Ihr seid erwachsen also könnt ihr das alleine klären. Aber…“ Er zögerte. Gerade hatte er noch gesagt, er wollte sich nicht einmischen. Irgendwo ging es ja aber doch um seinen Bruder. Das war also leichter gesagt als getan. „Bist du dir sicher, dass es eine gute Idee ist, ihm ausgerechnet jetzt irgendetwas zu schenken? Es ist wahrscheinlich schlimm genug, dass ihr euch unmöglich aus dem Weg gehen könnt. Selbst wenn du eure Freundschaft nicht aufgeben willst oder so, wäre es doch besser, auf Abstand zu gehen, oder? Und hast du schonmal über einen Job Wechsel nachgedacht? Wenn du Jordan alles erklärst, sieht er das vielleicht noch als nette Geste und gibt dir noch eine Chance. Falls… du das überhaupt willst. Aber selbst wenn nicht, wenn er gerade erst abgewiesen wurde kannst du ihm sowieso nicht helfen und schon garnicht mit einem Geschenk“ Florin versuchte aufmunternd zu lächeln, aber er wollte sich ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie das für Oliver war. Er schien wohl einfach Panik zu kriegen, noch jemanden zu verlieren. Florin hatte die beiden zwar nicht als so gute Freunde eingeschätzt, aber Oliver war wahrscheinlich von der Trennung etwas verzweifelt oder so. Es wäre nur für Alexis und ihn besser, wenn er sich jemand anderen aussuchte, an den er sich klammern konnte, oder? Das hier wirkte von Außen eher wie Folter. Alexis schien schließlich auch nicht richtig auf Abstand gehen zu wollen. Dieser Idiot.
      „Naja, ähm… Sag mal, musst du morgen nicht arbeiten?“, fragte Florin und holte sein Abendessen aus der Mikrowelle.
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    • Oliver

      "Ich kann den Job nicht wechseln, außer du hast vor, mich noch ein halbes Jahr in deinem Gästezimmer auszuhalten. Aber ich hätte ein super schlechtes Gewissen, wenn du dich wegen mir nicht mehr frei in deiner Wohnung bewegen könntest." Natürlich hatte Oliver darüber nachgedacht, aber er war relativ schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass das unmöglich war. Er mochte seinen Job, hatte keine Ahnung, ob er so schnell einen neuen finden würde und fand es irgendwie zu gefährlich zu kündigen, während er nach einer Wohnung suchte. Außerdem könnte Alexis das falsch verstehen. Es würde wirken, als ob er wegen ihm wechseln würde, was...was auch irgendwie der Fall war, aber wie sollte er ihm klarmachen, dass er nicht wechselte, weil er von ihm weg wollte, sondern weil er ihm einfach etwas Raum lassen wollte?
      Dass er Jordan irgendwie zurückbekommen würde, hatte er eh schon aufgegeben. Er ignorierte jede einzelne Nachricht von ihm, die nichts mit der Wohnung zu tun hatte. Natürlich würde er ihm noch schreiben müssen, dass er recht gehabt hatte, mit einer riesengroßen Entschuldigung, aber das würde wahrscheinlich auch nicht mehr viel retten. Irgendwie störte es Oliver auch nicht mehr so sehr, wie es ihn vielleicht stören sollte. Am Ende war er irgendwie ein wenig erleichtert, dass wenigstens die Anschuldigungen vorbei waren. Jetzt musste er nur noch retten, was zu retten war.
      "Ich hab irgendwie einfach das Gefühl, dass ich ihn irgendwie aufheitern muss, aber nicht kann und das ist ziemlich frustrierend." Oliver seufzte und ließ seinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Warum musste das alles so kompliziert sein? Er wollte zurück zu seinem Leben, in dem er sich nur darum kümmern musste, Auftritte und den Job zu koordinieren. Das war deutlich einfacher gewesen. Sein Kopf schnellte wieder nach oben, als Florin ihn praktisch ins Bett schickte. Nicht ganz unbegründet, wahrscheinlich. Hoffentlich ging er ihm nicht auch schon auf die Nerven.
      "Okay, Mom. Ich bin ja schon weg." Er verdrehte kurz gespielt die Augen, bevor er den Stuhl zurück schob und aufstand. Er musste wirklich ins Bett. Er war zu müde, um richtig zu denken. "Gute Nacht." Er lächelte Florin noch kurz entgegen, bevor er sein Schlafzimmer ansteuerte. Das war alles höchstgradig unbefriedigend. Oliver hatte immer noch keine Ahnung, was er machen sollte. Irgendeine Lösung musste es doch geben.
    • Florin

      „Du kannst bleiben, solange du willst. Und solange du meinen Bruder nicht in den Wahnsinn treibst, eben. Dann könnte das irgendwie doch eine seltsame Situation werden“ Er schmunzelte. „Gute Nacht“
      Es war nicht so, dass Florin wollte, dass Alexis noch mehr litt. Aber er musste doch irgendwie selbst wissen, dass die Nähe zu Oliver ihm nicht gut tat, und Oliver musste es auch wissen. Wenn sie nicht vorhatten, zu einem Paar zu werden, dann sollten sie einander verdammt nochmal in Ruhe lassen, bevor sie beide wahnsinnig wurden. Florin verstand einfach nicht, wieso verliebte Menschen immer so unlogisch waren. Oliver musste über Jordan hinwegkommen, Alexis musste über Oliver hinwegkommen. Und das am besten weit entfernt voneinander. Es wirkte schließlich nicht so, als würde Oliver ihm plötzlich eine Chance geben wollen.
      Florin seufzte und holte seine Zoodles aus der Mikrowelle. Was konnte er schon tun? Oliver und Alexis waren beide verdammt gut darin zu ignorieren, was Außenstehende ihnen sagten. Sie würden schon selbst drauf kommen. Florin schnappte sich eine Gabel und machte sich auf den Weg zum Sofa, um seinen verspäteten Abend endlich zu genießen.

      Emery

      Es war nicht so übel, wie er gedacht hatte. Mit den Erinnerungen an seinen letzten Therapeutin vor 5 Jahren war er nicht unbedingt optimistisch in diesen Termin gegangen, aber er hatte eben auch nichts zu verlieren gehabt und so sehr er auch genervt von seiner Mutter sein wollte, verstand er die Sorge wohl irgendwie, und… eigentlich fühlte es sich auch nicht so schlecht an, wenn sie ihn mal zur Seite zog und nicht ständig Jude. Was furchtbar war. Jude hatte die zusätzliche Aufmerksamkeit nicht nur verdient, er hatte sie nötig. Emery würde ihm nie etwas schlechtes wünschen. Gleichzeitig war er fast überrascht, als seine Mutter plötzlich so ernst mit ihm gesprochen hatte, als… als würde sie sich doch noch Sorgen um ihn machen, halt. Meistens kam es Emery nicht so vor.
      Er kam an dem Abend zu dem Geruch von selbstgemachter Pizza nachhause. Als er ins Wohnzimmer kam sah er seine Mom und Jude in der anschließenden Wohnküche dabei, wie sie darüber diskutierten, wieviel Mais auf die Pizza musste. Jude argumentierte mal wieder für die gesamte Dose.
      Emery schmunzelte und setzte sich an einen Barhocker, um den beiden zuzusehen.
      „Oh, Em! Wie war dein Termin?“, fragte seine Mutter sofort, als sie sich herumdrehte und merkte, dass ihr Sohn sich angeschlichen hatte.
      Emery zuckte mit den Schultern. „War okay. Hab für nächste Woche Dienstag wieder ’nen Termin“, berichtete er vage. Jude sah kurz über die Schulter, als er das sagte, reagierte darauf aber nicht. Sie hatten letzte Woche schon kurz darüber geredet. Nachdem Jude gemeint hatte, dass er eine Therapie für eine gute Idee hielt, war Emery ein wenig pissig geworden und hatte irgendetwas in Richtung ‚Was soll das denn heißen‘ ausgespuckt und dann hatten sie das Thema schneller beendet als es begonnen hatte. Im Nachhinein hatte Emery keine Ahnung, warum er so reagiert hatte. Also war‘s wohl besser, dass kein Streit daraus geworden war.
      „Oh, gut. Sag das Dad beim Essen später auch noch, Schatz. Hilfst du uns mit der Pizza?“ Seine Mom strich sich mit dem Ellenbogen Haare aus dem Gesicht. In den Händen hielt sie die Maisdose zur Verteidigung, und eine geschlossene Packung Salami.
      „Ich will mich da ehrlich gesagt nicht einmischen“, sagte Emery.
      „Ich kämpfe für dich gegen die Champignons“, meinte Jude und Emery warf ihm ein kurzes „Thanks“ zu bevor er wieder aufstand und ins Badezimmer ging um dem Andrang nach dem Abendessen zuvorzukommen. Als er fertig geduscht hatte, kam die Pizza schon wieder aus dem Ofen. Sein Dad kam wie so oft aus dem Arbeitszimmer gekrochen, Emery wiederholte am Tisch, was er zu seiner Mutter gesagt hatte, und dann redeten sie kurz über die Schule, bevor Jude das Gespräch mit einer Erzählung über eine alte Frau dominierte, die ihm im Bus eine Verschwörungstheorie über die Strahlen in Handys aufgezwungen hatte. Wenigstens wurde es mit ihm am Tisch nie langweilig.
      Als er für den späteren Abend in seinem Zimmer verschwand, hatte Emery einen Entschluss gefasst, den er sich selbst garnicht richtig erklären konnte. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er diesem Therapeuten heute Dinge über Jude erzählt hatte, die so geklungen hatten, als würde er sich beschweren. Dabei gab es viel positives daran, dass sie zusammen wohnten, und Emery hatte irgendwie das Gefühl, dass sie nie so gute Freunde geblieben wären, wenn es nicht so gekommen wäre. Jude war eben… Jude. Er hatte haufenweise Freunde und ein anderes Tempo als Emery. Nur, weil sie als Kinder Freund gewesen waren, garantierte das nicht, dass es so blieb. Aber… jetzt war es so. Emery verließ sich mittlerweile vielleicht ein wenig zu sehr drauf, dass Jude immer bei ihm sein würde, aber er wollte sich sich keine Alternative dazu vorstellen. Also… er hatte diesen Gedanken gehabt, aus dem Nichts, dass er für Jude vermutlich etwas dankbarer sein sollte anstatt sich zu beschweren. Er konnte mit ihm über alles reden. Auch über Dinge, über die er sonst nicht wirklich reden würde.
      „Ich mache am Samstag mit Charlie Kuchen. Frag nicht. Willst du mitkommen? Wir gehen zusammen einkaufen und machen den bei ihr“
      Emery setzte sich auf und sah von seinem Bett herunter, als Jude mit Handtuch um die Schultern zurück ins Zimmer kam und sich ein löchriges Shirt überzog, dass am Boden gelegen hatte. Urgh.
      „Äh… Nein, danke. Aber bring mir ein Stück mit, okay?“ Vielleicht sollte er Mom darauf ansetzen, Jude ein paar neue Shirts aufzuzwingen. Das war einfach nur noch lächerlich. Er hing zu sehr an alten Fetzen.
      „Okay“ Jude zuckte mit den Schultern und verschwand aus Emerys Sichtfeld, weil er sich auf das untere Bett fallen ließ. Emery überlegte kurz, ob er runterkommen sollte, und beschloss dann, dass es so vermutlich besser war. Irgendwie einfacher vielleicht.
      „Hey, Jude“
      „Mhm“
      Emery schluckte. Gut, okay, vielleicht hatte er seine eigenen Hemmungen unterschätzt. Warum wollte er darüber nochmal reden? War es echt- Nein. Es war überhaupt nichts dabei. Das war nichtmal eine große Sache. Als würde das jemanden wie Jude überhaupt interessieren. Er war vielleicht ein wenig eigen aber er hatte noch nie ein schlechtes Wort über belanglosen Kram bei anderen Leuten verloren. Er war ziemlich nachsichtig. Und sie verbrachten jeden verdammten Tag miteinander, also war er sich hierbei hundertprozentig sicher. Dummerweise ging es ihm trotzdem schwer über die Lippen. Bescheuert. Einfach bescheuert. Wofür stellte er sich so an? Dann hätte er auch einfach die Klappe halten können.
      Emery sah kurz zur Seite, um zu sehen ob Jude die Tür hinter sich auch wirklich geschlossen hatte. Dann sagte er: „Ich sage dir das nur, weil es langsam nervig wird, dass du es nicht weißt und dann unnötiges Zeug redest“ Uneindeutiger ging es kaum, aber er hatte wirklich nicht vor, sich noch ein einziges Mal etwas über irgendjemandes heiße Schwester anzuhören.
      „Das könnte jetzt vieles sein“, murmelte Jude, offensichtlich vertieft in sein Handy, oder so. Er hatte diesen spezifischen Ton in der Stimme.
      „Ich stehe auf Männer“ Woah. Er spürte seltsamerweise sein Herz gegen seine Rippen hämmern. Bekam er jetzt gleichzeitig zu seinem Coming Out noch einen Herzinfarkt? Super Timing. Er legte sich etwas irritiert die Hand auf die Brust.
      „Hm?“
      „Nicht dein Ernst. Leg dein scheiß Handy weg. Hast du schon wieder vergessen, was die Lady dir über die Strahlen gesagt hat?“, schoss Emery heraus. Er konnte nicht fassen, dass er das allen Ernstes jetzt zweimal sagen musste, so wie alles andere auch.
      „Sorry. Was hast du gesagt? Ich hab dich falsch verstanden. Du stehst auf irgendwen?“ Emery hörte etwas auf Holz klacken, also hatte Jude sein Handy wohl auf den Nachttisch gelegt.
      „Männer. Ich sagte Männer“, widerholte Emery. Jetzt klopfte sein Herz bloß noch weil er genervt war. Das konnte er jedenfalls identifizieren.
      „Was ist mit Männern?“
      „Ich. stehe. auf. sie“, antwortete er, langsam etwas wütend.
      „… Ich komme irgendwie noch immer nicht hinterher. Ist das aus einem Film? Welche Männer?“
      Emery verzog irritiert das Gesicht. Was redete dieser Idiot da? „Ich bin schwul, okay? Soll ich es dir buchstabieren? Mann, dir muss man echt alles dreimal sagen und doppelt erklären“ Emery hörte das Rascheln einer Decke und sah kurz darauf Judes rote Haare vor sich auftauchen. Er stellte sich vor das Stockbett und legte die Hände auf den hölzernen Rahmen.
      „Jetzt hab ich dich verstanden“, murmelte er. „Aber, echt jetzt? Du verarscht mich nicht?“
      „Warum sollte ich dich damit verarschen? Ich würde mich eher selbst damit verarschen. Macht doch überhaupt keinen Sinn“, erwiderte Emery.
      Jude zuckte mit den Schultern. „Okay“ Er schwieg kurz. „Gab‘s noch irgendetwas? Stehst du auf jemand spezifischen oder wolltest du einfach nur, dass ich nicht mehr versuche, dich zu verkuppeln?“
      „Definitiv letzteres“
      „Klar, okay. Aber ich kann dich auch mit Männern verkuppeln. Ist das besser? Ich kenne nur niemanden, der schwul ist, aber vielleicht kannst du die ja… auf deine Seite ziehen oder so“
      „Bin ich Darth Vader?“, fragte Emery unbeeindruckt. „Nein, danke. Und erzähl es auch nicht einfach rum, oder so, okay? Ich meine, es wäre nicht so schlimm, aber mach‘s einfach nicht. Meine Eltern wissen auch nichts“
      „Oh, okay. Warte… Weiß es dein Therapeut?“
      „Ich hab ihn heute zum ersten Mal getroffen, wieso würde ich… Nein, und es tut nicht wirklich was zur Sache, oder?“
      „Achja? Sicher?“ Jude zog eine Augenbraue hoch.
      Emery seufzte. „Ja. Ich hab keine Komplexe, oder so. Sowas muss einfach nicht unbedingt jeder wissen, finde ich“
      „Hm… Wenn du meinst… Aber ich würde dich total supporten, wenn du zur Pride Parade gehen willst und so. Auch in Netz T-Shirts und Regenbogenflaggen. Ich gehe all out, wenn du mich fragst“ Jude ließ sich nach hinten fallen und vom Bettrahmen weghängen.
      Emery schmunzelte leicht. „Muss nicht sein“
      „Aber wenn ich jemanden kennenlerne, der schwul und heiß ist, vermittle ich dich“ Er ließ sich nicht kleinkriegen.
      „Wie ein Tier aus dem Tierheim? Okay. Schön. Mach das, wenn du dich dann besser fühlst“ Emery lachte. Ungefähr so hatte er sich das Gespräch schon vorgestellt.
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    • Lucas

      Es wurde Zeit, dass er endlich den Führerschein machte. Lucas hatte sich das eigentlich vorgenommen sofort anzufangen, sobald er 17 war, aber das war jetzt ein gutes Jahr her und er saß immer noch mit den Einkäufen in der U-Bahn. Er hatte durch seinen Aushilfsjob als Kassierer das Geld für den Führerschein sogar schon zusammengespart, aber irgendwie fehlte ihm der letzte Kick. Außerdem war er sich ziemlich sicher, dass er keinen Tag Ruhe mehr haben würde, sobald er fahren durfte. Entweder müsste er seine jüngeren Geschwister durch die Gegend kutschieren, oder Emma. Letztere hatte sogar schon angekündigt, was sie alles zusammen machen würden, sobald er ein Auto hätte und fahren durfte. Trotzdem schob Lucas den Führerschein vor sich her, als ob es sein absolutes Hobby wäre, Einkäufe in eine U-Bahn zu schleppen.
      Wenigstens war es nicht mehr kalt. Es ging langsam merklich auf den Sommer zu und es war noch hell, als er nach Hause kam und die Tüten neben dem Kühlschrank abstellte. Das Einsortieren war eine Aufgabe für sich. Sie waren zwar "nur" noch sechs Personen im Haus, allerdings kamen Phil und Anna, seine beiden älteren Geschwister, gerne spontan vorbei, weshalb seine Mutter gerne auf Vorrat kaufte. Der Kühlschrank platzte regelmäßig aus allen Nähten.
      "Luce! Ich habe dich gar nicht reinkommen hören! Danke fürs Einkaufen."
      "Kein Ding." Lucas sah kurz zur Seite zu seiner Mom, die bereits in voller Sportmontur im Türrahmen stand. "Viel Spaß beim Sport."
      "Danke. Dir fällt nicht zufälligerweise irgendein Notfall ein, warum ichs doch ausfallen lassen muss? Nein?" Seine Mutter sah ihm kurz hoffnungsvoll entgegen, bevor sie enttäuscht seufzte und wieder zum Kühlschrank nickte. "Wir haben noch Nudeln übrig und ein bisschen Reis. Teilt euch das irgendwie auf und lasst deinem Dad war übrig. Der müsste auch jeden Moment reingeschneit kommen."
      "Wir werden schon nicht verhungern", versprach Lucas, während er die Nudeln aus dem Kühlschrank zog, um den Platz stattdessen mit Eiern und Pudding zu belegen. Er konnte den Blick seiner Mutter immer noch im Nacken spüren, ignorierte ihn aber. Er hatte keine Lust darauf, wieder hören zu müssen, dass er ihr Sorgen machte, weil er immer so in sich gekehrt war. Die Diskussion hatte noch nie zu was geführt und am Ende hatte er immer das Gefühl, irgendwas falsch gemacht zu haben.
      "Bis gleich", verabschiedete sie sich schließlich und ließ Lucas wieder alleine in der Küche zurück. Auch wenn man in diesem Haus irgendwie nie richtig alleine war. Er konnte Mila und Ben, seine jüngeren Geschwister, in ihrem Zimmer spielen hören und Dominic musste auch irgendwo sein, wenn Lucas sich richtig an seinen Semesterplan erinnerte. Es war immer eng und laut. Kein Wunder, dass Lucas lieber unterwegs war, als hier zu sein. Er machte sich eine Portion Nudeln warm und ging auf sein Zimmer, was die nächstbeste Alternative war.
      Seine Abendroutine war immer die selbe. Computer anschmeißen und beten, dass Wy und Emma Zeit und Lust zum zocken hätten. Lucas stellte seinen Teller neben die Tastatur auf den Schreibtisch und griff nach seinem Handy um die Zeit zu überbrücken, die sein leicht eingestaubter Computer zum Hochfahren brauchte. Er öffnete Instagram fast automatisch. Das war neu in seiner Routine. Lucas hatte sich nie wirklich für Social Media interessiert. Ja, er schickte sich mit Wy und Emma Memes hin und her, aber er interessierte sich nicht für irgendwelche Influencer, oder das Leben von Bekannten. Mit einer einzigen kleinen Ausnahme. Er wusste nicht, was es war, das ihn so faszinierte, aber er klickte fast automatisch auf Judes Account um zu sehen, ob er irgendwas Neues gepostet hatte, was leider nicht der Fall war. Enttäuschend, aber damit konnte er leben. Er scrollte durch die anderen Bilder, die er mittlerweile fast auswendig kannte. Er hatte Lieblingsbilder. Lucas war vollkommen bewusst, dass irgendwas mit ihm nicht stimmte. Er hatte Jude nur einmal getroffen. Er sollte sich wahrscheinlich absolut nicht für seine Instagram-Bilder interessieren. Und doch konnte er nicht anders, als sie immer wieder und wieder durchzugehen.
      Judes Lächeln war ansteckend, selbst auf Bildern. Er sah immer begeistert aus und hatte dieses Strahlen an sich, das Lucas fast neidisch werden ließ. Vielleicht war es das auch, was ihn immer wieder zu den Bildern zurückbrachte - Nein. Das wäre eine schöne, logische, einfache Erklärung, nicht? Er stoppte bei einem seiner Lieblingsbilder und zoomte mit zwei Fingern in Judes Gesicht. Er war hypnotisierend, das Lächeln, die Haare, die sorgenfreie Ausstrahlung. Er könnte-
      Lucas zuckte zusammen und schmiss sein Handy praktisch mit dem Display nach unten auf seinen Schreibtisch, als seine Tür aufgerissen wurde. Dominic warf ihm einen amüsiert-kritischen Blick zu, bevor er kurz auf das Handy deutete und dann "Porno?" fragte, ein Grinsen auf seinen Lippen das andeutete, dass er es nicht ernst meinte. Lucas' nächstältester Bruder war taub und hatte nie gelernt zu reden, was es manchmal ein kleines bisschen schwer machte, den Tonfall seiner Gesten zu deuten. Nicht, dass das hier ansatzweise relevant wäre.
      "Fick dich", pfefferte Lucas zurück, wobei er die beiden Wörter einzeln mit Nachdruck buchstabierte. Theoretisch konnte Dominic Lippen lesen, praktisch war es für ihn einfacher, wenn sein Gegenüber trotzdem British Sign Language nutzte. Lucas machte das eh automatisch, wenn sie miteinander redeten.
      "Mila und Ben wollen Mario Party starten, bist du dabei?", fragte Dominic, der nicht so aussah, als ob er selbst sonderlich viel Lust hatte.
      Lucas schüttelte kurz mit dem Kopf, bevor er auf seinen Computer deutete. Sein Herz schlug viel zu schnell. Warum hatte er sich so ertappt gefühlt? "Freunde."
      "Verräter", antwortete Dominic, der sich schon zum Gehen wandte und sich dann doch kurz zurückdrehte. "Sag ihnen Hi von mir. Und pass mit Viren auf." Er deutete kurz auf das Handy und zog vielsagend die Augenbrauen hoch.
      "Geh einfach." Lucas spürte, wie er langsam rot wurde. Er konnte Dominic noch lachen hören, als die Tür geschlossen war und er vorsichtig wieder nach seinem Handy griff. Gott, er musste wirklich hier raus.

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    • Emery

      Nach der eher unernsten Konversation hatten Jude und Emery so weitergemacht, wie immer. Jude schickte ihm sporadisch Screenshots und Tiktok Videos von irgendwelchen männlichen Celebrities und Emery war sich nicht ganz sicher, was er sich davon jetzt erwartete, aber sonst kippten sie in ihre Routine. Was auch bedeutete… dass nichts besser war, als vorher. Er hatte zwar etwas ausgesprochen, das ihn eine Weile beschäftigt hatte, aber es gab weitaus mehr als das und er war sich dessen sehr bewusst, dass er noch das einfachste Thema für ein Gespräch ausgewählt hatte. Es gab Dinge, die er Jude nicht zumuten konnte. Also ging es eben exakt so weiter wie vorher. Emery kämpfte sich am nächsten Morgen in Schneckentempo aus dem Bett und wollte direkt wieder umdrehen, als er sich selbst im Spiegel über dem Waschbecken im Badezimmer sah. Er war nicht bereit für diesen Tag. Aber das war er nie.
      Er wusch sich lieblos das Gesicht, putzte sich die Zähne, zog seinen Lieblingshoodie an und schaufelte ein paar Cornflakes in seinen Mund, bevor er grimmig mit seinem Schulrucksack aus der Wohnung stapfte. Jude war bereits weg, weil sein Schulweg länger war. Irgendwie war in der Mittelschule alles einfacher gewesen. Sobald Emery einen Fuß vor die Tür setzte fiel ihm auch bereits das Grauen des Tages auf: Es war langsam zu warm für Pullover. Morgens noch erträglich, Abends notwendig, aber untertags eher für individuelle Sauna-Funktion im Klassenzimmer. Das bedeutete, sein einziger Lichtblick — die Kapuze aufzuziehen und die Welt um ihn herum auszublenden — war bald wieder Vergangenheit. Für ein paar furchtbare Monate jedenfalls, in denen er sich dreimal so oft anhören durfte, wieso er eigentlich nie nach draußen ging. Klasse.
      Die schlechte Stimmung wurde, wie immer, ein wenig milder, je weiter der Tag voranschritt. Als er Mittags dann im Schulhof mit einem Freund essen wollte und sie eine absolut brutale Prügelei mitansehen mussten, wurde er zumindest endgültig aus seiner Starre gerissen. Teilweise, weil sich niemand dafür zu interessieren schien, dem Jungen irgendwie zu helfen, der am Ende von drei anderen überwältigt worden war. Wessen Schuld der Streit war, wusste Emery nicht, aber der Junge schien öfter einzustecken. Er hatte ein verbundenes Auge und einige Pflaster an den Armen, die Emery erst sah, als er einen der Angreifer von ihm wegdrückte um den Jungen am Arm wegzuziehen.
      „Hey, ist alles okay?“, fragte er etwas atemlos. Er konnte nicht fassen, dass jetzt erst ein Lehrer auftauchte. Der schwarzhaarige Junge ihm gegenüber schien das aber garnicht mehr so richtig mitzukriegen.
      „Lass mich los!“ Emery lies sofort den Arm des Jungen los, als er angeschrien wurde.
      „Okay, okay… Hey, ich denke du solltest zum-“ Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden, weil der Junge nach einem schnellen Blick zum Lehrer einen Zahn zulegte und quer über den Schulhof stürmte. Okay?
      „Schularzt gehen“, beendete Emery seinen Satz leise und ging schließlich völlig irritiert zurück zu seinem Tisch. Interessante Mittagspause. Aber das schien in letzter Zeit öfter zu passieren. Nur hatte Emery bisher nicht die Panik gehabt, dass jemand draufgehen würde, wenn keiner etwas tat. Das Gute war, dass die Jungs alle eher mickrig gewesen waren. Wahrscheinlich um die 15 oder so. Was hatten die für Probleme, dass sie einander totschlagen wollten? Konnten die keine normalen Hobbies haben? Hobbies…
      Als der Nachmittagsunterricht sich dem Ende zuneigte, dachte Emery immer häufiger darüber nach, was sein neuer Therapeut zu ihm gesagt hatte. Hobbies, was? Als würde das echt irgendetwas lösen. Obwohl… Vielleicht würde es helfen, wenigstens zu wissen, dass es etwas gab, das er nicht völlig hasste. Irgendetwas, das er nach dem Abschluss machen konnte, und so. Es gab nicht unbedingt viel, das ihn interessierte, das man in einem Klub machen konnte oder irgendwie Job-relevant wäre. Außer er würde professionell Joints rollen. Hah. Trotzdem ließ Emery sich dazu herab, einen spontanen Abstecher im Sekretariat zu machen, um sich die Liste mit den Klubs zu holen. Er wusste noch nicht einmal, ob man mitten im Schuljahr einsteigen konnte. Er hatte sich noch nie für Schulklubs interessiert… Irgendwie hatte das einen extremen Nerd-Vibe.
      Außerdem stellte er ziemlich schnell fest, dass so gut wie alles auf der Liste scheiße klang. Biologie? Wer setzte sich freiwillig in extra Bio-Stunden? Alles, das mit Sport zu tun hatte, fiel automatisch weg. Hauptsächlich weil Emery kein Interesse daran hatte, mit den Leuten zu reden. Also, was blieb da noch übrig? Unsoziale Menschen gründeten meistens keine Klubs. Außer vielleicht der hobbylose Typ, der den Computer Science Klub gegründet hatte. Was lernte man da? Instagramprofile hacken? Emery konnte sich wenig darunter vorstellen, aber falls es doch um Grundlagen des Programmierens gehen sollte… Dann hatte er wenigstens ein grundlegendes Interesse. Technik war etwas, mit dem er sich leicht anfreunden konnte. Klang außerdem irgendwie cool. Vermutlich cooler als es tatsächlich war.
      Er blieb am späten Nachmittag trotzdem beim Computer-Raum stehen. Da war er nur im ersten Schuljahr ein paar Mal gewesen, als man ihnen beigebracht hatte, wie man eine Tastatur benutzte. Total unnötig. Er klopfte leicht an die Tür und steckte schließlich den Kopf rein.
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    • Lucas

      Lucas' Verhältnis zur Schule war immer schon ein wenig schwierig gewesen. Einerseits kam er zuhause raus, andererseits saß er mit 29 anderen Teenagern in einem Klassenzimmer und musste Gespräche ertragen die ihn daran zweifeln ließen, dass sie alle den selben Bildungsstand hatten. Er war selbst kein Überflieger, aber wenigstens drehte er dabei nicht so ab, wie ein paar der anderen Jungs, die sich heute dazu entschieden hatten, einfach so zu tun, als ob sich ihre Lehrerin einen von ihnen einbilden würde. Lucas hatte sie Zeit, die mit den darauf folgenden Diskussionen verschwendet wurde, dazu genutzt, mit Emma und Wy zu schreiben. Sie sollten wirklich irgendwann nochmal einen Termin finden, um zusammen zu schwänzen. Aber nicht heute. Heute hatte er wieder Computer Science Klub.
      Es war albern und vielleicht ein kleines bisschen peinlich - er hatte sich zumindest noch nicht getraut, Emma und Wy von dem Klub zu erzählen - aber irgendwie war er positiv überrascht gewesen, als er zum ersten mal in dem kleinen Computerraum gelandet war. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, in einem Klub zu landen. Länger in der Schule zu bleiben war vollkommen bescheuert und er hatte auch wunderbar zuhause mit Tutorials gelernt, wie man codierte, aber als er letztes Jahr an einem Problem im Code verzweifelt war, hatte der Klub ihm wirklich gut geholfen. Seit dem war er ein festes Mitglied geworden. Es war nett, meistens. Sie wechselten sich dabei ab, ihre momentanen Projekte vorzustellen, Kniffe zu erklären, oder Probleme zu lösen. Ab und an kamen sie vollkommen vom Thema ab und redeten einfach die komplette Stunde über irgendwas anderes. Hin und wieder einigten sie sich auch von vornherein schon darauf, unproduktiv zu sein und zockten stattdessen irgendwas zusammen. Meistens arbeitete jeder für sich. Wer reden wollte, redete, wer nicht, nicht. Lucas gehörte meistens zu denen, die lieber zuhörten.
      Heute waren sie lediglich zu viert. Viel größer war die Teilnehmeranzahl eh nie. Monique, die mittlerweile den Klub leitete, baute gerade alles auf, um den Stand von ihrem Projekt vorzustellen, während Daniel und Finn über irgendeinen Film diskutierten, den sie wohl gesehen hatten. Lucas ließ sich auf seinen Stammplatz etwas weiter hinten fallen und öffnete die Files zu seinem eigenen kleinen Projekt, ein Spiel ohne Ziel, Sinn oder Story. Ein metaphorischer Sandkasten, in dem er einfach austesten wollte, was er überhaupt alles machen konnte, bevor er sich an irgendwas größeres setzen würde.
      Monique hatte sich gerade geräuspert, um anzufangen, als es an die Tür klopfte und jemand Neues den Kopf ins Zimmer steckte. Lucas war sich nicht ganz sicher, ob er ihn schonmal gesehen hatte. Die Schule war groß und die dunkle Kleidung des Neuen war wenig auffällig.
      "Hey!", grüßte Monique mit einem Lächeln, bevor sie ein sehr routiniertes "Falls du den Chor suchst, der ist den Gang runter rechts" hinterherschob. 90% der Leute, die bei ihnen klopften, hatten sich nur verlaufen. Es war ein Running Gag geworden, sehr zum Missfallen des Mädchens.
    • Emery

      Der Raum war weitgehend leer. Zum Glück. Emery zog die Tür ein Stück weiter auf, als das Mädchen an einem der Tische ihn ansprach. „Oh, ich suche definitiv nicht den Chor“, klärte er relativ leise auf. Obwohl das vielleicht etwas zu gemein gegenüber dem Chor klang, und er wollte nicht sofort einen schlechten Eindruck oder so machen, also sollte er den Sarkasmus vielleicht runterschrauben. Er räusperte sich.
      „Computer Science, oder?“, fragte er etwas lauter. Dämliche Frage. „Ich war noch nie hier. Ich wollte nur mal zuhören“ Er kannte sich ja nichtmal gut genug aus, um genau zu wissen, was die Leute hier so machten. Aber es war Emery sympathisch, dass es relativ leise war und nicht so stickig wie in Räumen, in denen 30 Schüler saßen. Hier ließ es sich zumindest irgendwie aushalten. Er machte einen Schritt in den Raum und zog schließlich hinter sich die Türe wieder zu. Dann suchte er sich einen Platz, enorm darauf bedacht, dass er mit seiner Baggy Jeans oder den Schlaufen seines Rucksacks nicht irgendwo hängen blieb, einen Sessel mit sich zerrte, den nächsten Tisch mit PC umwarf und einen Sachschaden verursachte. Ja, er war sich jeder seiner Bewegungen ziemlich bewusst. Hauptsache er schoss sich nicht innerhalb der ersten sechzig Sekunden selbst ins Aus.
      Emery ließ sich in der Nähe von einem Kerl nieder, der aussah, als wäre er aus nichts als Armen und Beinen gemacht. Er nickte ihm kurz zu und sank in den Stuhl, ohne irgendeinen Plan zu haben, was als nächstes passierte. Sollte er seinen Computer einschalten? Nein, er wusste nicht einmal, worum es ging. Er hörte nur im Hintergrund einen Dialog über irgendeinen Science Fiction Film und war sich dann hundertprozentig sicher, dass er bei den Nerds gelandet war.
      „Seid ihr immer zu viert?“, fragte er mal so in den Raum hinein. Nicht, dass es etwas änderte. Emery kannte niemanden hier drin und selbst wenn noch andere im Klub waren, bezweifelte er, dass darunter bekannte Gesichter waren. Außerhalb der paar Leute in seiner eigenen Klasse, mit denen er befreundet war, hatte er kaum Kontakt zu Schülern. Aber er war ja nicht hier, um zu sozialisieren, sondern um nach Ausschlussprinzip bei einem Hobby zu landen… Zumindest, wenn er Alexis ernst nehmen wollte.
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    • Lucas

      Es war wirklich unterhaltsam zu sehen, wie sich Moniques Gesicht aufhellte, als der Neuankömmling verkündete, dass er tatsächlich ihren kleinen Klub gesucht hatte. “Oh! Setz dich!” Sie fuchtelte begeistert in die generelle Richtung der gefühlt tausend leeren Plätze. “Ich fange auch gleich direkt an, wenn…” Sie beendete den Satz nicht, zu verloren in den Kabeln, die ihr Projekt auf das Whiteboard am Kopf des Raumes werfen sollte. “Wir sind eigentlich ein paar mehr, aber es kommt nicht immer jeder”, fuhr sie fort, bevor sie wieder nach ihrer Maus griff und ein paar Klicks machte.
      Lucas warf dem Neuen einen kurzen Blick zu und erwiderte das grüßende Nicken, als er sich nach einem etwas übervorsichtigen Gang neben ihn setzte. Nein, der kannte ihn definitiv nicht. Sein Style schien in die Emo-Richtung zu gehen und er war sich ziemlich sicher, dass er sich an ihn erinnern würde, wenn er ihn vorher schon mal gesehen hätte. Er war gerade auffällig genug gekleidet, dass Lucas’ Eltern ihn wahrscheinlich fragen würden, ob er wirklich so rausgehen wollte, wenn er sowas tragen würde. Obwohl seine Eltern wahrscheinlich kein Maßstab waren. Sie waren furchtbar spießig.
      “Okay”, fing Monique wieder an, während sie in die kleine Runde strahlte. Das Whiteboard zeigte mittlerweile die App, an der sie im Moment arbeitete. Eine kleine Lernhilfe für Vokabeln, nichts extrem Großes, aber offenbar etwas, was sie selbst dringend brauchte. “Ich denke, wir fangen dann heute mit einer kleinen Vorstellungsrunde an, oder? Will jeder kurz ein-zwei Worte über sich selbst- okay, vergesst es, ich übernehme das.” Sie verdrehte kurz die Augen, als der Vorschlag zu einer dieser furchtbaren Vorstellrunden direkt mit kritischen Blicken belohnt wurde. “Ich bin Monique. Ich leite den Klub im Moment. Wir stellen normalerweise immer unsere Projekte vor und arbeiten dann eine Weile lang jeder für sich. Wenn man Fragen hat, kann man links und rechts fragen, wir sind alle super nett und beißen nicht. Wir gehen aber auch oft genug durch die Basics, also keine Angst, falls du keine Vorkenntnisse hast.” Monique schenkte dem Neuen ein kleines Lächeln. Tatsächlich waren die Stunden, in denen sie durch die Basics gingen, oft die Produktivsten. Die meisten Fehler in ihren Codierungen lagen daran, dass sie irgendeinen vollkommenen Anfängerfehler gemacht und ein Zeichen vergessen hatten.
      “Daniel ist relativ regelmäßig hier”, fuhr Monique fort, während sie auf ihren Mitschüler deutete. “Und Finn kommt immer vorbei, wenn er wieder irgendeinen Film gesehen hat, über den sonst niemand mit ihm reden will.” Sie ignorierte das kleine ‘Hey”, das Finn pikiert ausstieß. Sie hatte nicht ganz Unrecht. Finn arbeitete relativ…sporadisch an seinen Projekten und verbrachte die meiste Zeit damit, mit anderen zu reden. Was vollkommen okay war. Wenigstens vereinsamten sie so alle nicht.
      “Das ist Lucas.” Lucas hob kurz nochmal grüßend die Hand, als Monique auf ihn deutete. “Er ist eigentlich immer hier. Ich glaube, er stirbt, wenn er sich nicht mindestens einmal die Woche an den PC setzen kann.”
      “Das stimmt gar nicht”, wehrte Lucas sich halbherzig. “Außerdem bist du genau so oft da, wie ich.”
      “Ja, aber ich würde tatsächlich draufgehen, wenn ich eine Woche Pause machen müsste.” Monique seufzte theatralisch, bevor sie sich wieder dem Whiteboard zuwandte. “Also, ich wollte-”
      “Wie ist dein Name?”, schnitt Lucas ihr das Wort ab, während er zu dem Neuen sah.
      “Oh shit! Stimmt! Sorry! Wie ist dein Name?”, fragte Monique, während sie sich schuldbewusst wieder zurück drehte und Finn ein kleines Lachen ausstieß. Wenigstens wurde es hier nie wirklich langweilig.
    • Emery

      Die vier schienen sich ziemlich gut zu kennen. Emery hatte ein bisschen das Gefühl, in eine geschlossene Freundesgruppe gestolpert zu sein. Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, mitten im Schuljahr einen Klub zu finden… und dann noch einen, der sicher weniger Neulinge hatte, als etwa Volleyball oder der Fotografie-Klub. Alles hatte wohl seine Vor- und Nachteile. Naja, er musste nur die nächsten zwei Stunden überleben, konnte sich danach höflich verabschieden und immernoch überlegen, ob er jemals wieder herkommen wollte. Je nachdem, wie unangenehm es sein würde, der random Außenseiter ohne großartige Computerkenntnisse zu sein.
      "Emery", antwortete er auf die Frage von dem Jungen, der sich als Lucas herausgestellt hatte. Seltsam, hießen in letzter Zeit alle so? Emery konnte sich genau erinnern, dass Jude letztens erst wen mit dem Namen kennengelernt hatte.
      "Ich kenne mich nicht wirklich aus, aber ich… finde Mathe ganz cool und mich interessiert so die Hardware von… Geräten. Hab noch nie etwas mit Programmieren zu tun gehabt, aber vielleicht probiere ich das mal", erklärte er kurz, nachdem Monique ja doch zu jedem noch ein, zwei Sätze gesagt hatte. Vorstellungsrunden waren furchtbar, aber in kleinen Gruppen fühlte es sich noch erstaunlich natürlich an.
      "Einen Computer zu bauen stelle ich mir auch ganz interessant vor. Zumindest hab ich ein paar Videos darüber gesehen…" Okay, das reichte. "Sorry, ähm, fang ruhig an", sagte er schließlich und hob kurz seine Hand in Moniques Richtung, damit sie mit dem fortfuhr, was auch immer sie da machte. Eine Präsentation über eine App, wie es aussah. Irgendwie hatte Emery nicht erwartet, dass jemand freiwillig Präsentationen in die Klub-Aktivitäten einbauen würde. Er hatte mit deutlich weniger Engagement gerechnet.
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    • Lucas

      “Dann bist du hier bestens aufgehoben.” Monique hatte ihr Strahlen zurück. “Ich stelle kurz meine App vor, weil ich hoffe dass mir jemand mit dem Fehler helfen kann, dass sie generell alles französische mit ‘Frühstück’ übersetzt und danach sehen wir weiter.” Sie ging ein wenig tiefer mit ihrer Vorstellung, als sonst, weil sie Emery noch kurz zusammenfasste, worum es in ihrer App überhaupt ging. Eigentlich war es keine schlechte Grundidee. Man hatte verschiedene Quests, die man mit seinen Einheiten beschreiten musste und konnte nur weitermachen, wenn man eine gewisse Anzahl an Vokabeln richtig übersetzte, was - mit Ausnahme von Französisch - wirklich gut funktionierte. Sie öffnete anschließend den Code und verzweifelte sichtlich, als Daniel ihr verkündete, dass sie wahrscheinlich Zeile für Zeile durchgehen mussten. Finns extrem hilfreiches “Vielleicht ist das gar kein Fehler und Franzosen frühstücken einfach gerne” ignorierten sie, während Daniel aufstand, um zusammen mit ihr zu schauen. Was wahrscheinlich dauern könnte.
      “Interessierst du dich mehr fürs Codieren, oder für das Computer-Zusammenbauen?”, fragte Lucas Emery, mehr aus Mitleid als aus tatsächlichem Interesse. Den Fehler zu finden würde definitiv dauern und er wollte ihn davor bewahren, die nächste Stunde einfach nur rumzusitzen und Löcher in die Luft zu starren. Vielleicht konnte er ihm ja einfach schon mal ein paar Tipps geben. Monique beschwerte sich laufend darüber, dass sie viel zu wenige Mitglieder hatten und niemand es für nötig hielt, wirklich regelmäßig zu kommen. Vielleicht konnte er wenigstens Emery ein wenig überzeugen, öfter vorbei zu schauen. Vor allem, wenn er mit seinen Wünschen offenbar ziemlich gut hier reinpasste.
      Lucas hatte eigentlich auch seinen eigenen Computer bauen wollen, aber das war wirklich teuer und sein alter funktionierte noch, wenn auch nur schleppend. Außerdem fehlte ihm meistens die Ruhe dazu. Er konnte keinen Computer zusammenschrauben, wenn seine jüngeren Geschwister mit ihm spielen wollten, Dominic sich über sein Studium beschwerte, Anna ihn über sein Leben updatete, oder seine Eltern Hilfe im Haushalt brauchten. Seine Familie war super und er war sich sicher, dass sie ihm alle helfen würden, wenn sie etwas von Technik verstehen würden, aber sie war halt auch laut. Deshalb war er so gerne hier.
    • Emery

      Das war also eher so eine… 'jeder macht sein Ding und hilft ab und zu den anderen' Angelegenheit. Wenn Emery irgendwelche Grundkenntnisse hätte, würde das nach einem netten Konzept klingen. So hörte er bloß zu und saß schließlich hilflos herum, als die anderen über etwas zu diskutieren begannen, bei dem er absolut nicht helfen konnte. Er musste sich zuhause mal ein paar YouTube Videos ansehen, wenn er seine Zeit hier nicht vergeuden wollte, wie es aussah. Er war irgendwie fast dankbar, als Lucas sich zu ihm drehte und ein Gespräch mit ihm startete, anstatt auch in die Diskussion dort hinten einzusteigen.
      "Oh. Wahrscheinlich eher das Bauen. Ich hab nichts gegen Programmieren und Softwareentwicklung und so, aber ich glaube ich hab mich einfach immer mehr für die Bestandteile interessiert. Ich schraube auch gerne an Sachen herum, also… Ein eigenes Projekt zu haben wäre mal was. Aber ich hab mich noch nicht so richtig mit Computern beschäftigt. War eher eine spontane Idee, hier vorbei zu schauen" Extrem spontan. Er hatte garnicht so richtig darüber nachgedacht, aber er wollte seinem Therapeuten eine Chance geben und es war nicht so, als wäre er nicht verzweifelt genug, um alles zu versuchen, um sich irgendwie besser zu fühlen. Egal wie wenig Hoffnung er hatte.
      "Ich hab mit meinem Dad mal ein Fahrrad restauriert, was… absolut garnichts mit Computern zu tun hat, schätze ich. Aber ich dachte, dass das vielleicht doch zumindest 'ne Ähnlichkeit mit dem Auseinandernehmen und Zusammenbauen hat?" Mehr Anhaltspunkte hatte Emery nicht wirklich. Und selbst das mit dem Fahrrad war ein paar Jahre her. Klar, es hatte ihm damals echt Spaß gemacht und sein Dad wollte nach Judes Unfall einfach etwas mit ihm machen, das ihn auf andere Gedanken brachte. Das hatte gut funktioniert. Abseits davon spielte Emery auch einfach gerne Spiele, hatte einen PC zuhause, den er sich mit Jude teilte – was in Ordnung war, weil Jude kaum etwas damit anfangen konnte – und hatte sich immer wieder Mal in Möglichkeiten eingelesen, einzelne Teile zu tauschen und zu upgraden, auch wenn er dem letztendlich nie nachgegangen war. Also wieso nicht? Wenn er so darüber nachdachte, hatte der CompSci Klub ihn nicht völlig grundlos am meisten angesprochen.
      "Und du? Arbeitest du an irgendetwas?", fragte Emery zurück, um Lucas in dem Gespräch zu halten, während zwei Tische weiter die Diskussion angeheizter wurde.
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