The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Oliver

      "Nächstes mal sperre ich deine Mailadresse Freitags." Oliver seufzte. Wie konnte man nur freiwillig so viel arbeiten? Er selbst war ja schon froh, wenn er die regulären fünf Tage überlebte - freiwillig noch einen Tag anzuhängen kam ihm wie Folter vor. Obwohl er seinen Job eigentlich mochte. Er arbeitete gerne mit Alexis und seinen Kollegen zusammen und er mochte es, mit den Kindern zu reden und zu sehen, wie sie sich entwickelten. Einige kamen vollkommen verängstigt rein und konnten nach ein paar Monaten schon ihre eigenen Termine machen, ohne ständig zu ihren Eltern aufzusehen. Es war süß. Aber trotzdem zeitintensiv und anstrengend.
      "Ich bin eigentlich eher so der Indoor-Workout Typ, aber wahrscheinlich hast du recht, was die Zeit zu zweit angeht. Vielleicht bekomme ich ihn ja dazu überredet, spontan irgendwo hinzufahren." Auch, wenn ihn das irgendwie nicht mehr mit so viel Begeisterung erfüllte, wie er gedacht hätte. Oliver konzentrierte sich darauf, die Kaffeetassen und Gläser so anzuordnen, dass alles passte, bevor er die Spülmaschine startete und sich zu Alexis umdrehte. Irgendwie waren sie jetzt doch wieder am Ausgangspunkt. Wollte er nach dem ganzen Drama überhaupt noch mit Jordan wegfahren? Sie würden wahrscheinlich eh das ganze Wochenende damit verbringen, sich zu streiten. Wollte er Zeit mit jemandem verbringen, der so verbissen in seine eigenen Wahnvorstellungen war, dass er keine andere Meinung zuließ? Aber es war Jordan. Er liebte Jordan. Normalerweise. Jetzt gerade kam es ihm irgendwie angenehmer vor, mit Alexis mitzufahren, oder alleine zuhause zu sitzen.
      "Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Das kommt mir alles so sinnlos vor." Oliver stieß sich von der Spülmaschine ab, um sich auf einen der Stühle gegenüber von Alexis zu setzen, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, während er sich seiner Verzweiflung hingab. "Ich habe das Gefühl, dass-" Oliver stockte, als es leise an die geöffnete Tür klopfte und fühlte sich seltsam ertappt, als er Jordan im Türrahmen stehen sah. Er sah...fertig aus. Sein Ausdruck war eine reine Mischung aus Müdigkeit und Schmerz.
      "Ich hatte angerufen", erklärte Jordan zur Begrüßung. "Aber ich sehe, dass du beschäftigt warst."
      Oliver griff automatisch nach dem Handy in seiner Hosentasche nur um festzustellen, dass er es eben auf dem Schreibtisch liegengelassen hatte. "Das tut mir-"
      "Ist mir egal", schnitt Jordan ihm das Wort ab. Seine Stimme war seltsam ruhig. Offenbar war er in seiner Nachdenkphase auf das selbe Ergebnis gekommen, wie Oliver. "Ich wusste schon wie es enden würde, als du so lange zum Antworten gebraucht hast. Ich hoffe, dass ihr beide ein ähnlich schreckliches Ende haben werdet." Er zuckte kurz mit den Schultern.
      "Du bist unfair." Oliver seufzte, während er aufstand, um Jordan entgegen zu gehen. Sein...Freund machte keine Anstalten, ihm entgegen zu kommen, oder zu gehen. "Du bist so verbohrt in deine eigene Meinung, dass du gar keine anderen Möglichkeiten an dich ran lässt."
      "Bin ich das?" Jordan stieß ein humorloses Lachen aus. "Okay. Wenn du meinst. Ich denke, ich habe ziemlich klar gemacht, dass ich weiß, dass Alexis auf dich steht. Ist dir aufgefallen, dass er kein einziges mal widersprochen hat?" Jordans Blick wanderte von Oliver zu Alexis. "Du hast nicht viel zu verlieren. Entweder du sagst ihm, dass du nicht auf ihn stehst, lässt mich wie einen Psychopathen dastehen und kümmerst dich nach unserer Trennung um ihn in dem Wissen, dass du gelogen hast, oder du bist ehrlich, sparst dir das schlechte Gewissen und lässt mich wenigstens in dem Wissen gehen, dass ich nicht durchdrehe."
      "Jordan, das ist albern." Oliver streckte eine Hand nach ihm aus, um ihn mit sich aus der Küche zu ziehen und blinzelte kurz, als Jordan sie beiseite schob. "Alexis hat nichts damit zu tun. Lass uns ganz ruhig zuhause darüber reden."
      "Er hat alles damit zu tun." Jordans Stimme brach ein bisschen. "Und ich bin es so, so leid, dass du mir nicht glaubst."
      "Tu ich doch! Ich weiß es dieses mal nur besser!" Oliver presste die Lippen aufeinander, während er versuchte, seinerseits nicht laut zu werden. Das war alles einfach nur frustrierend.
      Jordan sah wieder an ihm vorbei zu Alexis. "Tut er das?"
    • Alexis

      Alexis lächelte knapp, als Oliver ihm zustimmte, und ließ seine Mundwinkel sofort wieder sinken als selbiger sich mit einem Seufzen verzweifelt auf den Stuhl sinken ließ. Okay… Alexis unterschätzte vielleicht noch, wie pessimistisch Oliver das Ganze mittlerweile sah. Er dachte wohl wirklich, dass Jordan Wahnvorstellungen hatte, was? Alexis fragte sich, ob er tatsächlich derart gefühlskalt auf andere Menschen wirkte, dass nicht einmal seine überwältigende Verliebtheit in den letzten drei Jahren ansatzweise offensichtlich gewesen ja. Für… Nun ja. Alle außer Jordan.
      Bevor er noch etwas gezwungen aufmunterndes sagen konnte, bekam er allerdings beinahe einen Herzinfarkt. Als Alexis den Kopf drehte und Jordan in der Tür stehen sah, dachte er kurz, zu halluzinieren. Aus irgendeinem Grund fühlte es sich seltsam surreal an ihn hier zu sehen. Als wäre plötzlich ein Phantom aufgetaucht. Alexis merkte, wie er unabsichtlich aufgehört hatte zu atmen. Als Jordan und Oliver allerdings zu streiten begannen, fiel es ihm auch nicht leichter, wieder Luft zu holen. Oh Gott. Oh, nein. Das war nicht gut. Das sollte nicht so passieren.
      Alexis spürte, wie seine Brust sich zuschnürte und ihm das Atmen noch mehr erschwerte. Sollte er etwas sagen? Sollte er Jordan recht geben? Er war sich nicht sicher, ob die Worte überhaupt seine Lippen verlassen würden, wenn er es wollte. Er hatte das Bedürfnis, nach draußen zu rennen und tief Luft zu holen.
      Nach Jordans Konfrontation tat er aber wie immer nur eines. Schweigen. Er war sprachlos. Konnte sein Gegenüber bloß von unten herauf anstarren und jeder Person im Raum, die eine Gehirnzelle besaß, eine wortlose Antwort auf die Frage geben. Nein, Oliver wusste es nicht besser. Ja, Alexis war vermutlich der Psychopath, für den Jordan ihn hielt. Aber er hatte nichts zu verlieren? Es war dämlich zu denken, dass er mehr verlieren könnte, als die beiden, deren Beziehung zerbrach, und er hatte nie die Intention, Oliver seine Gefühle zu gestehen, also was verlor er nun?
      Er hatte nie etwas erwartet. Er würde das alles noch immer gerne rückgängig machen. Aber nichts zu verlieren? Er war sich sicher, dass seine Welt auf dem Kopf stehen würde, wenn er Oliver nicht mehr sehen konnte. Er war immer gerne zur Arbeit gegangen, hatte sich mit den Kindern beschäftigt, seine Kollegen gut behandelt, Zeit mit seiner Familie verbracht, jeden Hund gestreichelt, den er beim Spazierengehen getroffen hatte. Aber seit er Oliver in seiner Praxis sitzen hatte war er das Zentrum seiner Welt geworden und alle Gedanken drehten sich darum, ihn still und unbemerkt dabei zu beobachten, wie er die Kinder von Haarfarben überzeugen wollte. Ihn einfach nur lachen zu sehen. Ihm irgendein dämliches Obst anzudrehen, damit Alexis zumindest einen kleinen Einfluss auf seine Gesundheit haben konnte. Er wollte immer nur, dass Oliver glücklich war, entspannt war, sich voller Energie seinem Hobby widmen konnte. Mehr wollte Alexis nicht. Nur, ihn dabei zu beobachten, wie er glücklich war. Ohne ihn war er sich nicht sicher, was sich wirklich noch im Leben lohnte. Ein furchtbarer Gedanke. Er war schrecklich naiv.
      „Ich…“ Das Wort kam deutlich rauer aus seinem Hals als erwartet. „… wollte wirklich nie zwischen euch geraten“ Er schluckte. Typisch. Alexis hatte wenig von sich selbst erwartet, aber eine kryptische Antwort war wieder sehr typisch für ihn. Natürlich wollte er Jordan genauso wenig verletzen wie Oliver. Er wollte ehrlich sein und den beiden eine Chance geben sich auszusprechen aber mit Jordans Blick auf ihn gerichtet hatte er das Gefühl, von innen heraus zu verbrennen. Wie sollte er einen klaren Gedanken fassen?
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    • Oliver

      Für eine Sekunde herrschte absolute Stille in dem kleinen Raum, dann stieß Jordan erneut ein kurzes, fassungsloses Lachen aus. “Ich weiß nicht, warum ich überhaupt irgendwelche Erwartungen hatte…” Er seufzte kurz, bevor er wieder zu Oliver sah. Für eine Sekunde wirkte es, als ob er etwas sagen wollte, dann schien er es sich doch anders zu überlegen, schüttelte schlicht mit dem Kopf und wandte sich zum Gehen.
      Oliver blieb wie versteinert stehen, vollkommen überfordert mit der Situation. Alexis hatte keine wirklich eindeutige Antwort gegeben. Oliver konnte fühlen, wie Angst und Panik sich in ihm breit machten, während er zum ersten Mal die Möglichkeit in Betracht zog, dass Jordan tatsächlich recht gehabt haben könnte. Aber das war albern. Alexis und er kannten sich einfach schon lange und waren gut befreundet. Hatte er die letzten Tage damit verbracht, seinem Freund Paranoia vorzuwerfen und dabei selbst nicht begriffen, was passierte? Nein. Jordans Wahnvorstellungen färbten einfach nur langsam auf ihn ab. Ganz sicher.
      “Joe, warte!” Oliver gab sich einen Ruck, als Jordans schmale Gestalt vollkommen aus seinem Sichtfeld verschwand. Die Beziehung konnte er wohl tatsächlich nicht mehr retten, aber das hier wäre ein furchtbares Ende. Er konnte das alles nicht einfach so stehen lassen.
      Jordan war schon an der Tür, als er ihn einholte. Er zog ihn kurzerhand mit sich nach draußen. Eine private Unterhaltung war so oder so unmöglich, aber Alexis musste ja nicht alles mitanhören. Es reichte, wenn Oliver sich die ganzen Vorwürfe anhören musste, auch wenn er nicht wusste, wie viel Jordan ihm noch an den Kopf werfen würde. Er sah nicht sonderlich kampflustig aus. Eher so, als ob er sich gerne vor das nächste Auto werfen würde.
      “Du gibst mir nicht mal die Chance, dass wir darüber reden.” Am liebsten hätte Oliver Jordans Hand gegriffen, oder so. Irgendwas, was ihm zeigen würde, dass er ihm nicht komplett egal war. Aber er hielt seine Hände bei sich.
      “Ich habe dir mehr als genug Chancen gegeben. Du hast dich jedes mal dazu entschieden so zu tun, als ob das Problem nicht existieren würde. Wie will man da ordentlich über etwas reden?”
      “Weil es kein richtiges Problem gab! Selbst wenn er auf mich stehen würde - Alexis hat mich nie angeflirtet. Hast du wirklich so wenig Vertrauen in mich?” Oliver hatte das Gefühl, vollkommen zu verzweifeln. Okay, die nicht-Antwort von Alexis hatte nicht viel geholfen, aber seine Logik war trotzdem nicht verkehrt, oder? Am Ende des Tages hatte er nie irgendwas mit Alexis gemacht, was über Freundschaft hinausging.
      “Du verstehst es nicht, oder?” Jordans Blick wurde…abfällig. So, als ob er sich plötzlich ein wenig davor ekeln würde, überhaupt noch mit Oliver zu reden. “Es ist mir egal, dass er auf dich steht. Er hätte dir meinetwegen jeden Tag einen Antrag machen können. Mein Problem ist, dass du mir nicht glaubst und mir lieber einredest, dass ich verrückt bin als auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, dass dein perfekter Kindheitsfreund tatsächlich nicht so unschuldige Gedanken hat, wie du denkst. Du bestätigst lieber seine Gefühle, als meine und-” Jordan stockte und atmete zitternd ein, bevor er erneut mit den Kopf schüttelte und seinen Autoschlüssel aus der Jackentasche zog. “Es hat so oder so keinen Sinn mehr. Ich nehme noch ein paar Sachen mit und fahre dann wieder zu meinen Eltern. Überleg dir bis dahin, ob du die Wohnung behalten willst, oder nicht, damit ich mich wenigstens problemlos an die Mietkündigung setzen kann.”
      “Es tut mir leid, dass es so endet.” Langsam hatte Oliver das Gefühl, dass er sich auch gerne vor das nächste Auto werfen wollte. Drei Jahre Beziehung und sie beendeten es im Streit mitten auf der Straße. Dabei hatte er eine Zeit lang wirklich gedacht, dass sie zusammen alt werden würden.
      “Mir auch.” Jordan sah ihn eine Sekunde lang einfach nur an, bevor er sich weg drehte und ging. Oliver sah ihm nach, bis er in der Seitenstraße verschwand, in der er offenbar geparkt hatte, bevor er sich selbst umdrehte und wieder zurück in die Klinik ging. Er wusste nicht, wie er sich fühlte. Leer, irgendwie. Ein kleiner, vollkommen irrationaler Teil in seinem Kopf wollte ihm immer noch vorspielen, dass er gleich nach Hause fahren und Jordan wie immer auf dem Sofa vorfinden würde, dass sie zusammen irgendeinen Film gucken und reden und lachen würden. Dass sie nicht gerade Schluss gemacht hatten.
      Er stoppte kurz an der Rezeption, um nach seinem Handy zu greifen. Jordan hatte tatsächlich zwei mal angerufen und eine kurze Nachricht geschickt. Er presste die Lippen aufeinander und atmete durch, bevor er nach seiner Jacke griff und zurück in die Küche ging.
      “Tut mir leid, dass du das miterleben musstest”, setzte er an, während er zu Alexis sah. “Ich, ähm…wir…wir sehen uns morgen.” Er musste hier raus, bevor er anfangen würde zu weinen.
    • Alexis

      Alexis fühlte sich furchtbar erstickt, als Oliver nach ein paar Minuten wieder vor ihm stand und ihn aus der Starre riss, in der die beiden ihn zurückgelassen hatten. Er wusste, dass die beiden ihre Beziehung selbst retten mussten und er es höchstens nur schlimmer machen könnte, wenn er sich einmischte, aber er wusste wirklich nicht, was er mit sich selbst anfangen sollte. Er musste sich gedanklich in die Realität zurückholen, dass sich an seinem eigenen Leben nichts ändern würde außer, dass er Oliver nie wieder sah und damit klarkommen musste, sich unglaublich schlecht zu fühlen. Das war… nicht extrem beruhigend aber als er Oliver sah, der wirkte, als wäre gerade seine Welt zerbrochen, fühlte er sich doch stabil genug, um endlich aufzustehen. Er war hier nicht das Opfer. Also musste er sich für einen Moment zusammenreißen.
      „O-Oliver“, fing Alexis etwas unsicher an in der Hoffnung sein Gegenüber noch eine Weile davon abzuhalten, wegzulaufen. Alexis war sich nicht sicher, ob das nun wirklich der optimale Moment war, aber er war selbst Schuld, dass er jeden akzeptablen Moment verpasst hatte und Klarheit in letzter Sekunde war besser als keine.
      „Es tut mir wirklich leid. Ich… hab es einfach… nicht über mich gebracht, etwas zu sagen, obwohl es notwendig gewesen wäre. Ich fühle mich schrecklich“ Er schluckte. „Ich wollte euch nicht auseinanderbringen“ Oh, nein. Jetzt keine Tränen vergießen.
      „Ich dachte nicht, dass Jordan sich daran festbeißen würde… Ich dachte, wenn ich einfach nichts sage, wird er… Das macht jetzt keinen Unterschied mehr. Ähm… Komm gut nachhause“ Alexis brachte es nicht zustande, Oliver noch einmal in die Augen zu sehen. „Mach dir keine Gedanken um die Rezeption, falls du lieber nicht mehr herkommen willst“
      Das war‘s, oder? Er hatte einigermaßen gesagt, was er sagen musste. Alles, was er sich selbst dazu noch dachte, spielte keine Rolle. Wenn Oliver die Wahrheit kannte, konnte er sich mit Jordan vielleicht wieder vertragen.
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    • Oliver

      "Es-es ist nicht deine Schuld. Ich glaube du hättest so oder so nichst sagen können, was ihn irgendwie...berühigen könnte, oder so." Oliver biss sich auf die Unterlippe und versuchte das kleine 'obwohl' zu unterdrücken, das durch seinen Kopf geisterte. Obwohl du auch einfach sagen könntest, dass du mich nicht liebst. Es war kein schöner Gedanke. Jordan hätte auch das wieder so gedreht, dass Alexis lügen würde, egal, wie ehrlich er war. Falls er ehrlich war. Oliver wusste nicht mehr ganz, was stimmte und was nicht. Aber er wollte Alexis keinen Vorwurf machen. Es war eine furchtbare Situation gewesen und Jordan hatte ihn unter Druck gesetzt. Jordan, der ihm vorgeworfen hatte, dass er Alexis' Gefühle seinen vorgezogen hätte, was er gerade wohl tatsächlich tat, nicht? Aber Alexis hatte gerade nicht mit ihm Schluss gemacht. Alexis hatte gar nichts gemacht. Er war in das alles auch nur reingezogen worden.
      "Oh, nein, ich...alles gut. Ich bin morgen wieder da. Ich glaube ich will nicht- Ich- Komm du auch gut nach Hause." Oliver hatte das Gefühl, dass sein Kopf vollkommen leer war. Er konnte nicht zuhause bleiben. Er brauchte die Ablenkung. Er kannte das Chaos, das ihn immer an der Rezeption begrüßte, wenn er nach seinen Urlauben zurück kam. Er hatte sein eigenes, etwas chaotisches, System, durch das seine Kollegen einfach nicht durchblickten und das Nacharbeiten nach seiner Abwesenheit war der reine Horror und...wahrscheinlich sollte er darüber gerade gar nicht nachdenken. Er hatte größere Probleme, als seine Arbeit. Warum entschied sein Kopf sich gerade dafür, sich darauf zu fokussieren?
      Hatte er sich überhaupt in Bewegung gesetzt? Nein. Oliver stand immer noch im Türrahmen, versuchte die Situation zu verarbeiten und irgendwie nicht den Verstand zu verlieren. Er fühlte sich vollkommen verloren. Jordan war weg. Die letzte Woche war nicht schön gewesen, aber es fühlte sich trotzdem an, als ob er einen Teil von sich verloren hätte. Als ob jemand seinen Arm abgerissen hätte. Er fühlte sich nicht mehr ganz.
      "Sorry", setzte er an, auch, wenn er nicht ganz wusste, wofür er sich entschuldigte. Dafür, dass er noch hier stand, obwohl sie sich verabschiedet hatten? Irgendwie fühlte es sich einfach richtig an, sich zu entschuldigen. "Darf ich-" Er beendete die Frage nicht, sondern zog Alexis einfach in eine Umarmung, während er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Das alles war so albern. Es war ihm egal, ob Jordan recht hatte, oder nicht. Es war ihm egal, ob Alexis Nähe mochte, oder nicht. Es war ihm egal, wie egoistisch er gerade war. Er brauchte Nähe. Er brauchte jemanden, der gerade nicht wütend auf ihn war und der ihn nicht alleine hier stehen lassen würde.
    • Alexis

      Es war nicht seine Schuld… Alexis war sich nicht sicher wem von ihnen Oliver das gerade einreden wollte. Er war sich ebenfalls nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte, dass Oliver darauf bestand, zur Arbeit zu kommen. Er war nicht sauer… Aber er sah furchtbar aus und Alexis fühlte sich furchtbar und es wäre sicher nicht verkehrt, wenn Oliver sich etwas Zeit und Abstand nehmen würde. Wie sollte Alexis das deuten? Er wünschte sich gerade bloß dieses ganze Chaos schnell hinter sich zu bringen, sich mit dem Schmerz abzufinden und zu vergessen, dass das alles jemals passiert war. Er wollte nicht mehr hier stehen und mittendrin sein. Es war verwirrend und tat weh.
      Alexis sah noch einmal auf, als Oliver sich entschuldigte. Einfach, weil es so bizarr war. Wofür hatte er sich zu entschuldigen? Alexis begann beinahe zu schmunzeln. Aber bevor er etwas sagen konnte, vollendete Oliver seine nächste Frage nicht und zog Alexis ziemlich überraschend in eine Umarmung. Er reagierte erst überhaupt nicht. Es war zu schnell gegangen um sich noch zu wehren und jetzt wollte Alexis alles andere, als sich wehren. Beinahe aus Selbstschutz hielt er seine Arme lange nur hoch anstatt die Umarmung zu erwidern. Er hatte die Tränen in Olivers Augen gesehen. Das hier hatte nichts mit Alexis persönlich zu tun, er brauchte nur jemanden, der ihn festhielt. Aber Alexis war dafür die denkbar schlechteste Person. Er hielt sich lange zurück, so lange er konnte, bis er zaghaft doch seine Arme um Oliver legte. Sanft, und bemüht, nicht in die Berührung zu schmelzen.
      Alexis rührte sich eine ganze Weile nicht und strich Oliver schließlich ein wenig über den Rücken. Das hier war eindeutig nicht das Ergebnis gewesen, das er von ihrem Gespräch erwartet hatte. Er wusste nicht, was er tun oder sagen sollte.
      „… Geht es wieder?“, fragte er also letztlich leise, ein wenig in der Hoffnung, sich aus der Situation stehlen zu können bevor sein Gehirn sich erlaubte, Glückshormone zu produzieren und das schlechte Gewissen so schlimm wurde, dass er nie wieder unter Menschen gehen konnte.
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    • Oliver

      Alexis erwiderte die Umarmung nicht sofort, was ein bisschen unangenehm war. Oliver wusste nicht, was genau er sich von der plötzlichen Umarmung eigentlich erhofft hatte, aber er konnte auch nicht los lassen. Die Nähe half. Alexis' Wärme half. Die regelmäßige Bewegung seines Atmens half. Es half schon zu wissen, dass er gerade nicht ganz alleine auf der Welt war. Er wollte Alexis gerade loslassen, als dieser die Umarmung schlussendlich doch erwiderte, so leicht, dass Oliver es kaum spürte, aber auch das half immens.
      "Ja. Tut mir leid. Ich weiß, dass du es nicht so mit Nähe hast. Ist ein bisschen viel gerade." Oliver atmete nochmal tief ein, während er Alexis los ließ und einen Schritt zurück trat und sich die Tränen von den Wangen wischte. "Das- das alles ist unschön. Ähm, das...das wird schon wieder." Es würde eine ganze Zeit lang schlimmer werden, aber Oliver würde das überleben, nicht? Vielleicht...vielleicht würde Jordan sich doch auf magische Art und Weise zusammenreißen und... würde Oliver das wollen? Würde er Jordan zurückwollen nach all den Vorwürfen?
      "Wir sehen uns morgen", wiederholte er, die Stimme ein wenig unsicher, während er sich zu einem Lächeln zwang, das weitaus optimistischer aussah, als er sich fühlte. Er zog sich die Jacke über und fuhr sich nochmal durch die Haare. Er konnte unmöglich nach Hause fahren, solange Jordan noch seine Sachen zusammenpackte. Vielleicht würde er stattdessen in ein Café fahren und sich schonmal mit seiner zukünftigen Wohnsituation beschäftigen. Er konnte sich die Wohnung unmöglich alleine leisten. Das war...gut, irgendwie. Es gab ihm zumindest etwas, womit er sich ablenken konnte. Wohnungssuche. Er hatte nicht damit gerechnet, sich darüber nochmal den Kopf zerbrechen zu müssen.
      Dieses mal bewegte er sich tatsächlich. Oliver war in irgendeinen automatischen Modus gerutscht. Er warf einen letzten Blick auf die Rezeption, um sicher zu gehen, dass er nichts vergessen hatte, bevor er seinen Autoschlüssel zückte und zu seinem Auto ging. Er startete, fuhr los und realisierte erst, dass er doch seine Wohnung angesteuert hatte, als er den halben Weg schon hinter sich gebracht hatte. Er bog ab, hielt in einer der Seitenstraßen und schnappte sich sein Handy, um nachzuschauen, wo das nächste Café lag. Er hatte schon wieder Tränen in den Augen, als er es zurück in die kleine Ablage zwischen den Sitzen warf und wieder losfuhr. Was für eine furchtbare Woche.
    • Alexis

      „Ist schon okay“, murmelte Alexis. Völlig in dem Bewusstsein, dass sein Problem weniger mit der Nähe war also üblicherweise mit den Erwartungen anderer Menschen und in Olivers Fall… mit der Angst, sich zu sehr seinen Gefühlen hinzugeben. Irgendwann keinen Abstand mehr halten zu können und nicht loslassen zu wollen. Es brauchte alles in Alexis Macht stehende, um Oliver nicht zu widersprechen. Er konnte ihm das jetzt keinesfalls erklären. Das alles war ohnehin schon problematisch genug. Es war furchtbar, Oliver weinen zu sehen, und Alexis wollte ihm wirklich helfen, aber er sollte nicht derjenige sein, der ihn tröstete.
      „Bis morgen“, sagte er und blieb wie angewurzelt in der Küche stehen. Sobald er die Eingangstüre ins Schloss fallen hörte, ließ er mit einem tiefen Seufzen den Kopf fallen und saß eine Sekunde später wieder auf dem Stuhl. Das war alles so viel schlimmer verlaufen, als er sich ausgemalt hatte. Vermutlich wäre es sogar besser gewesen, wenn Oliver ihn verfluchen und nie wieder sehen würde. Dann konnten sie das alles in der Vergangenheit lassen, nicht? Auch, wenn Alexis sich seinen Alltag ohne Oliver garnicht vorstellen wollte.
      Er saß ein paar Sekunden in der Stille seiner Praxis bevor es nicht mehr aushielt und beinahe hinaus rannte. Der Weg nachhause war kalt, laut und perfekt ablenkend. Nur so lange, bis er sich wieder in der Stille seiner eigenen Wohnung wiederfand. Er hatte die Zeit genutzt, um Florin aus der Arbeit zu klingeln und ihn zu zwingen, Oliver ohne Kontext zu fragen, wie es ihm ging, um sicherzugehen, dass er jemanden hatte, mit dem er reden konnte. Und jetzt? Wie Alexis es sich bereits gedacht hatte, ging das Leben für ihn vollkommen normal weiter. Klar, er fühlte sich grauenvoll, aber er konnte sich nicht vorstellen, wie Oliver sich fühlen musste.
      Alexis ging recht automatisiert seinem Abendprogramm nach, wie jeden anderen Tag. Er wärmte sich etwas zu Essen auf, schaltete eine Serie ein, von der er nichts mitbekam, schleppte sich in die Dusche und schließlich ins Bett. Es war erstaunlich schwierig, einzuschlafen, obwohl er todmüde war. Als der nächste Tag endlich kam, wirkte nichts besser. Im Gegenteil. Oliver jetzt unter die Augen zu treten wirkte auf Alexis wie eine unmögliche Aufgabe.
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    • Oliver

      Es war seltsam, wie normal das Leben weiterging auch wenn man einen persönlichen Tiefpunkt erreicht hatte. Oliver saß die komplette Woche über ganz normal an der Rezeption, machte Termine, nahm Terminabsagen entgegen, unterhielt sich mit Kindern und Eltern und hatte dabei das Gefühl, dass alle um ihn herum viel zu fröhlich waren. Es war natürlich ein extrem bescheuerter Gedanke, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass jede einzelne Person auf diesem Planeten wissen müsste, dass er gerade eine Trennung durchmachte und entsprechend Mitleid haben müsste. Als ob er der verdammte Mittelpunkt dieses Planeten wäre. Er musste fast selbst darüber lachen.
      Die Nachmittage waren anders. Florin hatte sich mit perfektem - und wahrscheinlich nicht ganz zufälligen - Timing bei ihm gemeldet, um in letzter Sekunde den Helden zu spielen und ihm einen vorübergehenden Platz in seiner Wohnung anzubieten. Oliver hatte Jordan die Wohnung überlassen, bis er etwas neues finden würde, auch wenn er nicht darum gebeten hatte und theoretisch weiter bei seinen Eltern wohnen könnte. Irgendwie hatte Oliver das Gefühl gehabt, ihm das schuldig zu sein. Außerdem tat es weh, alleine in der Wohnung zu sein, was bei Florin nicht viel besser war, weil er eh kaum da war, aber wenigstens...sah man ab und an Spuren, dass man nicht alleine war. Ein Teller in der Spüle, eine fehlende Jacke und so. Oliver hatte das lange Wochenende genutzt, um nach einer neuen Wohnung zu suchen, war aber nicht sonderlich erfolgreich gewesen.
      Alexis war... Oliver wusste nicht, was er aus der aktuellen Situation machen sollte. Alexis hatte sich merklich zurückgezogen, was weh tat, aber seltsam verständlich war. Er hätte wahrscheinlich auch Abstand gehalten, wenn er in so eine blöde Situation hineingezogen worden wäre. Oliver bemühte sich, möglichst normal zu ihm zu sein, aber ihre Konversationen blieben kurz. Es half nicht, dass er seit dem letzten Streit mit Jordan nicht mehr sicher war, ob er nicht doch recht gehabt hatte, was dazu führte, dass er jede kleine Interaktion mit Alexis überanalysierte, was furchtbar anstrengend war. Lächelte Alexis jedem zu, oder nur ihm? Lachte er über seine Witze, weil er sie aufrichtig witzig fand, oder weil er ihm gefallen wollte? Waren sie sich wirklich nur so nah, weil sie Kindheitsfreunde waren, oder weil Alexis doch auf ihn stand? Und was waren Olivers eigene Gefühle dabei? Warum...warum würde es ihn irgendwie nicht stören, wenn Alexis das alles nur tat, weil er auf ihn stand? Es war frustrierend. Es war noch schlimmer, dass er niemanden hatte, mit dem er darüber reden konnte. Alle seine Freunde waren auch irgendwie mit Jordan befreundet und damit nicht unparteiisch.
      Sameer hatte ihm den Tip gegeben, sich einfach etwas Zeit für sich selbst zu nehmen, als er sich ein wenig bei ihm ausgeheult hatte, aber das brachte ihm nicht viel. Wie sollte er Zeit für sich selbst nehmen, wenn er gerade mit Jordan die Kündigung ihrer Wohnung durchging und Alexis jeden Tag sah? Sameer war jedem weiteren Gespräch gekonnt aus dem Weg gegangen. Florin konnte er nicht fragen, weil Alexis sein Bruder war und das - auch ohne die Sache mit Jordan - einfach zu schräg wäre.
      Wenigstens ließ die Trauer ein wenig nach. Als Oliver sich am Dienstag nach dem langen Wochenende auf seinen Stuhl hinter die Rezeption setzte und den PC anschaltete, fühlte er sich tatsächlich okay. Nicht gut, aber auch nicht schlecht. Was passiert war, war passiert und er würde sich schrecklich fühlen, wenn er wieder zu sehr darüber nachdachte, aber im Moment ging es ihm okay.
      Er klickte sich gerade durch den Terminkalender für die Woche, als Alexis reinkam. Mittlerweile musste er sich nicht mal mehr dazu zwingen, zu lächeln. Es fühlte sich langsam wieder natürlicher an. "Guten Morgen! Wie war dein Wochenende? Du wolltest wandern gehen, richtig?" Dieses mal würde er auf ein Gespräch bestehen. Das war sein Ziel für diese Woche - verhindern, dass Alexis ihm weiter aus dem Weg ging.
    • Alexis

      Die Situation war bizarr aber aushaltbar. Alexis hatte keine Ahnung, was in Olivers Kopf mittlerweile vorging, ob er seine Beziehung mit Jordan zu reparieren versuchte… aber von Florin wusste er, dass Oliver wohl jetzt für eine Weile bei ihm wohnte. Was irgendwie nicht dafür sprach, dass die Beziehung noch zu retten war und Alexis Schuldgefühle durch die Decke schießen ließ. Er hatte sie tatsächlich auseinander gebracht. Und das nicht einmal ansatzweise absichtlich. Aber mit dem Wissen, dass er Gefühle für Oliver hatte… musste er auf alle Beteiligten wie ein manipulativer Arsch wirken. Weshalb es ihn umso mehr überraschte, dass Oliver ihm nicht aus dem Weg zu gehen schien. Sollte er Alexis nicht für all das die Schuld geben und ihn unausstehlich finden? Was stimmte mit Oliver nicht, dass er die Konversationen nicht auf das beruflich notwendige Minimum beschränkte, wie Alexis es an seiner Stelle tun würde? Warum lachte er ihm entgegen, fragte Alexis nach seinem Wochenende und gab ihm das Gefühl, als wäre alles völlig normal?
      Jedesmal wenn er die Praxis betrat und Oliver bereits vor ihm da war, fühlte er sich wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Alexis blieb intuitiv kurz stehen bevor er weiter zur Rezeption ging, mit einem kleinen Räuspern seine Tasche abstellte und seine Jacke auszog. „Ich war wandern, ja“, antwortete er. „Box Hill. Es war ganz nett“ Mehr wusste er dazu nicht zu sagen. Er hatte bis zur letzten Sekunde gezögert, diesen Kurzurlaub noch durchzuziehen, sich selbst dann eingeredet, dass die frische Luft und die Bewegung ihm gut tun würden und war schließlich dort gelandet. Dutzende Wanderwege, nur er, die Natur und sein Selbsthass. Wahrscheinlich wäre es gut gewesen, jemanden mitzunehmen, der ihn aus seinen Gedanken reißen konnte. Allerdings hatte er unglaublich viel Zeit zum reflektieren gehabt und sein ganzes Leben mal wieder ein wenig in Relation setzen können. Nichts war wirklich jemals so schlimm, wie es auf den ersten Blick wirkte. Ja. Davon war er auch immernoch überzeugt gewesen, als er im Zug nachhause gesessen hatte, aber kaum war er wieder in London, kam ihm das alles doch wieder ziemlich schlimm vor.
      „Und wie war dein Wochenende? Ist Florin ein angenehmer Mitbewohner?“, fragte er, bevor er sich erinnerte, dass Oliver nicht wusste, dass Alexis seine neue Wohnsituation kannte, und biss sich beinahe auf die Zunge. „Er hat mir davon erzählt. Ich hoffe, er geht dir nicht irgendwie auf die Nerven“ Alexis lächelte knapp.
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    • Oliver

      Box Hill. Oliver kannte den Berg vom Namen her, hatte sich allerdings nie genug fürs Wandern interessiert, um schon mal dort gewesen zu sein. Er tippte ihn nebenbei in seinen PC, während er Alexis weiter zuhörte. Wenigstens schien er - hoffentlich - ein nettes Wochenende gehabt zu haben. Nachdem Alexis ihm die letzte Woche ein wenig ausgewichen war, hatte er Angst gehabt, dass er sich privat zuhause verkriechen würde. Es erleichterte ihn, dass dies nicht der Fall zu sein schien.
      “Florin ist ein etwas gruseliger Mitbewohner. Wir arbeiten irgendwie aneinander vorbei also habe ich die meiste Zeit nur bemerkt, dass er da war, weil Sachen plötzlich woanders standen als da, wo ich sie hingelegt habe. Ich komme mir ein bisschen so vor wie bei diesen Urban Legends, bei denen dann jemand in meinen Wänden wohnt, oder in einem geheimen Zimmer auf dem Speicher, oder so”, erzählte er, während er nebenbei durch die Bilder von Alexis’ Wochenendziel scrollte. Es sah nett aus. Viel Natur, hübscher Ausblick. Vielleicht ein bisschen zu ruhig für Olivers Geschmack.
      “Also, nicht dass ich Florin kritisieren wollen würde”, schob er nach, als er etwas verspätet realisierte, dass er Alexis gerade praktisch erzählt hatte, dass Florin mittlerweile das Level eines Cryptids erreicht hatte. “Ich bin ihm wirklich dankbar, dass er mich überhaupt aushält und wir hatten wenigstens ein bisschen Zeit zum Quatschen am Wochenende. Ich bin nur ein bisschen froh, dass er nichts mit Dating am Hut hat. Also für die potentielle andere Person. Die Bilder von Box Hill sehen echt gut aus, warst du alleine unterwegs?” Oliver sah lächelnd zu Alexis hoch, so als ob er nicht gerade praktisch mitten im Satz das Thema gewechselt hätte. Es war ein Anfang zu wissen, dass Alexis sich offenbar nicht so schlecht gefühlt hat, um sein Wochenende umzuplanen. Jetzt musste er ihm nur irgendwie klarmachen, dass er ganz normal mit ihm reden konnte. Oder eben so normal, wie Alexis es vor der letzten Woche eben getan hatte. Wenn seine Trennung von Jordan ihn noch seine Freunde kosten würde, würde Oliver vollends durchdrehen.
    • Alexis

      Alexis lächelte bei der Beschreibung seines Bruders leicht. Das Phantom, das in den Wänden lebte. „Er beschwert sich, aber am Ende des Tages könnte er auch den Job wechseln, wenn es ihn wirklich so stören würde“, meinte Alexis amüsiert. Eigentlich war Florin nie wahnsinnig begeistert von irgendetwas gewesen, das über Freizeitaktivitäten hinausging. In den Job war er ganz zufällig hineingerutscht und scheinbar lag ihm das alles… die Übersicht behalten, viel Verantwortung tragen und den perfekten Umgang mit Gästen beherrschen. Nur das mit den Piercings und Tattoos stellte Alexis sich anstrengend vor, doch Florin schien kein Problem damit zu haben, jedes Wochenende zu einem anderen Menschen zu werden.
      „Wenigstens hast du dann wohl deine Ruhe“ Alexis war sich zwar nicht sicher, ob er Oliver als jemanden einschätzen würde, der nach so einem Ereignis Ruhe haben wollte, aber mehr viel ihm dazu nicht ein. Er hörte nur das kleine Stimmchen im Kopf, das ihm sagte, dass es seine Schuld war, dass Oliver keine eigene Wohnung mehr hatte.
      Auf Olivers Frage nickte er schließlich nur. Er hatte keine Freunde, mit denen er eng genug für einen Wandertrip war. Seine Mutter hatte — unter anderem — Rückenprobleme und Florin arbeitete. Außerdem war Alexis es gewohnt, Ausflüge alleine zu machen. Es hatte seine Vorteile. Dennoch fragte er sich, ob Oliver mit der Frage irgendeine Andeutung hatte machen wollen. Aber er wusste ja, dass Alexis single war. Also mit wem hätte er schon fahren sollen?
      Er versuchte, nicht zu geknickt zu sein, als er auf einmal realisierte, dass Oliver sich vermutlich wünschen würde, dass Alexis mit jemandem ausging — dann würden seine Gefühle nicht mehr zwischen ihnen stehen. Aber das waren alles nur Hypothesen und von denen stellte er in letzter Zeit viele auf.
      „Ich sollte mich in meine Notizen für den ersten Patienten einlesen“, sagte er schließlich, um dem Gespräch wie immer wieder zu entkommen, wenn ihn seine düstere Stimmung einholte. „Und… falls du etwas brauchst, egal was, frag nur. Es ist sicher stressig jetzt auch noch nach Wohnungen zu suchen“, schoss er obligatorisch hinterher, egal wie grauenvoll er sich dabei fühlte. Gab es überhaupt noch Möglichkeiten, um sein schlechtes Karma auszubessern? Vermutlich nur, wenn Alexis eigenhändig Jordan für Oliver zurückholte, den beiden lebenslange Paartherapiestunden bezahlte und das Land verließ.
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    • Oliver

      "Sicher. Danke." Lächelte er zu breit? Nicht breit genug? Wirkte es unnatürlich? Oliver wusste nicht, warum ihm das plötzlich so wichtig war. Wahrscheinlich würden Alexis und er sich einfach über die nächsten paar Wochen und Monate ganz natürlich wieder einpendeln, bis alles so war, wie vorher, aber irgendwie wollte Oliver einfach, dass sofort alles wieder beim Alten war. Vielleicht, weil er nicht wollte, dass sich sein komplettes Leben auf einen Schlag ändern würde und Alexis ihm sonst irgendwie immer Stabilität gegeben hatte. Ugh, eigentlich wollte er gar nicht so genau darüber nachdenken. Die psychologische Analyse überließ er lieber seinen Kollegen, die dafür schließlich ausgebildet waren.
      "Vielleicht komme ich ja beim nächsten mal mit", rief er Alexis hinterher, ohne wirklich darüber nachzudenken. Was irgendwie dumm war. Wandern war wirklich nicht sein Hobby. Es war zu ruhig. Man tat nicht viel mehr, als durch die Gegend zu laufen und zu merken, dass man peinlich wenig Ausdauer besaß. Aber es war offensichtlich eines von Alexis' Hobbys und damit wunderbar dazu geeignet, die Freundschaft zu retten. Obwohl er sicher auch andere, nettere Hobbys hatte, wie...wie...okay, Oliver hatte keine Ahnung, welche Hobbys Alexis sonst so hatte. Was ihm irgendwie komisch vorkam. Sie kannten sich schon so lange. Oliver erzählte jeden morgen immer einfach darauf los, was er am Vortag so gemacht hatte und zog sämtliche seiner Kollegen gerne und oft mit in seine Hobbys rein und andersherum...hatte er keinen Plan, was Alexis so tat, wenn er nicht in Sichtweite war. Vielleicht sollte er Florin abpassen und dezent danach fragen.
      Florins Hobbys kannte er wenigstens. Vorausgesetzt, sie hatten sich seit ihren Kindertagen nicht rasant geändert. Aber Florin war ihm gegenüber nicht anders drauf, als sonst. Im Gegenteil, obwohl sie sich die meiste Zeit verpassten, fühlte sich das alles irgendwie wie eine der seltenen Übernachtungspartys von früher an. Wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer in diesem absoluten Chaos. Oliver stieß ein kleines Seufzen aus, während er sich wieder seinem Computer zuwandte und zurück zum heutigen Terminkalender sah. Der erste Patient würde gleich eintrudeln. Vier Tage noch, dann war wieder Wochenende.
    • Alexis

      Alexis versuchte nicht mitten im Gehen einzufrieren, als Oliver plötzlich ankündigte ihn das nächste Mal zu einer Wanderung zu begleiten. Was… was war nur los mit ihm? Alexis konnte sich beim besten Willen nicht erklären wieso Oliver mehr mit ihm zu tun zu haben wollen schien, als vorher. War das ein Hilfeschrei? Vielleicht hatte ihn die Trennung von Jordan so mitgenommen, dass er sich jetzt an alles klammerte, das atmete. Alexis sollte Florin später mal darum bitten, wenn er zuhause war nochmal mit Oliver zu sprechen. Womöglich gab es noch mehr Warnsignale.

      Der Tag verging ruhig. Nachdem Alexis die letzte Woche gemeinsam mit Oliver überlebt hatte, musste er sich eingestehen, dass er der letzte war, der ein Recht hatte, die Stimmung in der Praxis seltsam zu machen, also riss er sich zusammen. Er hielt Abstand, aber nur so viel, wie ihm seiner Meinung nach unauffällig und respektvoll vorkam. Hätte er die letzten Monate und Jahre nicht gedacht, dass seine Gefühle für seinen Freund unbemerkt bleiben würden, dann hätte er genauso viel Abstand gehalten, wie er es jetzt tag, wenn er ein schlechtes Gewissen hatte. Alles in allem hatte er das Gefühl, sich zumindest auch etwas Distanz genehmigen zu müssen, um endlich über seine Gefühle hinwegzukommen, aber er wollte für Oliver ein guter Kollege und Freund bleiben und die Lage für ihn nicht schlimmer machen. als sie war. Oder… bestenfalls mehr Kollege, als Freund. In jedem Fall schien Oliver völlig entgegengesetzte Pläne zu haben, falls er überhaupt einen Plan hatte.
      Alexis nahm gerade seinen letzten Patienten für den Tag an, als er bereits überlegte, wie er Olivers Fragen später beim Abschließen der Praxis aus dem Weg gehen konnte. Der Teenager, der hereinkam, lenkte ihn zum Glück wieder davon ab. Alexis lächelte ihm freundlich entgegen und bot ihm einen Platz an.
      "Emery… Ich bin Dr. Alexis Jones-Enescu. Du kannst mich gerne beim Vornamen nennen. Willst du mir erzählen, was dich hierher bringt?", fragte er und hielt sein Notizbuch wie in jeder ersten Sitzung offen aufgeschlagen auf seinem Schoß. Der Teenager ihm gegenüber sah etwas unbegeistert aus, aber der erste Schein konnte trügen.
      "Oh… Okay. Ähm, eigentlich bin ich wegen meiner Mom hier?" Er rutschte etwas auf dem Sofa zurecht und sah sich den Raum an, während er sprach, bevor seine Augen auf Alexis landeten.
      "Deine Mom wollte, dass du eine Therapie machst?", fragte Alexis.
      "Ähm, ja" Emery schwieg, aber Alexis stellte keine weitere Frage, um ihn mal eine Weile reden zu lassen. Manchmal musste man ja nur etwas Zeit geben. "Sie denkt, ich bin teilnahmslos, oder so. Ihre Worte. Und hänge zu viel zuhause herum. Was nicht wirklich stimmt… Aber ich glaube sie vergleicht mich ziemlich mit meinem… Adoptivbruder, der immer irgendwie unterwegs ist"
      "Du bist 18, richtig? Wenn du nicht zuhause bist, was machst du dann so?" Alexis lächelte.
      "Ich skate… Oder wir gehen ins Kino, oder… manchmal zu Konzerten"
      "Mit wir meinst du deine Freunde und dich?"
      "Ja, oder eben meinen… Bruder" Emery machte eine kurze Pause. "Ich hab das Gefühl, dass ich dazu sagen sollte, dass das eigentlich mein bester Freund ist, den meine Eltern adoptiert haben" Er blinzelte. "Seine Familie ist bei einem Feuer gestorben, also… Ja. Aber wir verstehen uns super, wir teilen uns auch ein Zimmer obwohl es nicht richtig notwendig wäre. Jedenfalls gehe ich mit ihm auch oft genug raus, aber meine Mom redet sich irgendwie ein, dass ich ein Problem habe"
      "Hm… Sie redet sich das ein? Denkt du, außer den Vergleichen zwischen deinem Adoptivbruder und dir gibt es noch irgendwelche Anlässe, die sie dazu hätte? Oder, lass mich die Frage anders stellen… Wie geht es dir damit? Eine Therapie ist nicht nur bei total schweren Depressionen oder Trauma-Erfahrungen sinnvoll. Denkst du, du hättest vielleicht auch etwas davon?" Alexis wartete kurz bevor er ein paar verschnörkelte Worte in sein Notizbuch kritzelte.
      "Vielleicht? Ich meine… ich verstehe es irgendwie, aber… Keine Ahnung. Mit 13 hat sie mich auch schon zu einer Therapie geschleppt und nach einem halben Jahr war's das wieder und ich hab das Gefühl, wir haben über komplett belangloses Zeug gesprochen und es war verschwendetes Geld. Sorry…" Emery sah nach seinem letzten Satz etwas schuldbewusst aus und Alexis schmunzelte.
      "Schon okay. Du hast also das Gefühl, es könnte sinnvoll sein aber beim letzten Mal hat es auch nichts gebracht, also wieso soll es jetzt etwas bringen. Richtig?" Emery zuckte mit den Schultern, also fügte Alexis hinzu: "Gab es damals einen anderen Grund für die Therapie?"
      "Ja, das war kurz nach dem Feuer. Mein- Er heißt übrigens Jude. Jude ist dann nach der Intensivstation auch irgendwann eine Weile in Therapie gegangen, aber nicht sehr lange. Aber ich hab das Gefühl, er hätte es deutlich dringender nötig gehabt, als ich"
      Alexis schwieg kurz. Irgendwie drang etwas zu ihm durch, das ihm nicht gefiel. "Wieso das?"
      "Weil er seine ganze Familie, seine Wohnung und eigentlich alles verloren hat und er hatte ewig lang Alpträume und sonst was. Ich hab mich dagegen einfach nur daran gewöhnen müssen, neben jemandem mit Alpträumen zu schlafen. Also, er hatte es einfach dringender nötig, aber trotzdem bin ich jetzt hier und nicht er", erzählte er recht neutral und zuckte wieder mit den Schultern.
      "Hm… Ich denke nicht, dass du dich nur daran gewöhnen musstest, oder? Wie hast du dich gefühlt, nachdem Jude das alles passiert ist?"
      Emery sah fast etwas überrascht über die Frage aus. "Ähm… Naja… Er hat mir halt leid getan. War ja richtig lange alleine auf der Intensivstation und so. Und ich hab mich schon gefragt, ob das nicht irgendwie seltsam wird, wenn er dann bei uns wohnt, aber es war echt nie seltsam. Er war vorher auch ständig bei uns. Das mit den Alpträumen war halt irgendwie stressig, aber da gewöhnt man sich auch dran"
      "Wie ist das so gewesen? Bist du wach davon wach geworden?"
      "Klar. Das meine ich ja. Ich hab keine Ahnung, wie lange es gedauert hat, bis ich mal wieder durchschlafen konnte aber meine Eltern wollten auch nicht, dass er im anderen Zimmer schläft, also… Keine Ahnung. Er kann ja nichts dafür, also bringt es auch nichts, sich darüber zu beschweren"
      Alexis legte den Kopf leicht schief. "Du kannst dich beschweren, wenn du willst", schlug er vor. "Aber nur, weil wir darauf schauen, wie das alles für dich war, heißt es ja nicht, dass seine Erfahrung nicht schlimm war, oder dass du dich über ihn beschwerst"
      "Okay… Ich hab aber echt nicht das Gefühl, dass ich das auf mich beziehen sollte", meinte Emery zögernd.
      "Es hat aber auch mit dir zu tun, also kannst du es ruhig kurz auf dich beziehen. Willst du mir erzählen, wie es war, wenn du in der Nacht deshalb ständig aufgewacht bist?"
      "Ähm… Naja. Ist halt bisschen wie in einem Horrorfilm, wenn man mitten in der Nacht aus dem Schlaf geschrien wird. Außerdem hat er ne Weile auch vor Schmerzen geschrien und nicht nur vor Angst, das war ein bisschen unheimlich. Meistens sind meine Eltern dann auch wach geworden und ich musste sowieso nichts machen. Und später, wenn er sich nur im Bett gewälzt hat oder so, hab ich ihn halt aufgeweckt. Aber das war wirklich alles halb so schlimm. Ist mir deutlich lieber als derjenige zu sein, der den Brand überlebt hat. Und er hat es ziemlich gut verarbeitet, hab ich das Gefühl? An seiner Stelle wäre ich jetzt echt nicht so optimistisch und sozial. Ich meine, seine ganze Familie ist tot und…" Der Dunkelhaarige sah kurz ein wenig verstört aus, bevor er wieder mit den Schultern zuckte.
      "Hattest du ab und zu Angst, dir könnte so etwas auch passieren?", fragte Alexis langsam.
      "Also, man denkt dann irgendwie schon drüber nach, was alles möglich ist. Ich halte mich jedenfalls von Kerzen fern" Er schmunzelte.
      Alexis nickte. "Mhm. Ich denke mir, für einen 13-Jährigen ist das schon ein ziemlicher Realitätscheck, auf den man verzichten kann. Hm… Und trotz allem ist Jude jetzt aktiv und geht viel aus, du aber weniger, und deine Mom macht sich deshalb Gedanken"
      "Sie sollte sich eher mal Gedanken machen, ob Jude bald von nem Auto überfahren wird. Der läuft echt total blind durch die Gegend"
      Alexis lachte leicht über diesen sarkastischen Kommentar. Wenigstens hatte der Junge Humor. "Also meinst du, um dich muss man sich keine Sorgen machen?", fragte er. "Bei dir läuft alles super und dir ging es nie besser? Wahrscheinlich ist es auch angenehm, mal wieder durchschlafen zu können, hm?"
      Emery stutzte bei diesen übertriebenen Worten. "Ich würde nicht sagen, dass es mir nie besser ging, aber ja. Schlafen ist super"
      "Wieso das? Was beschäftigt dich momentan denn so, obwohl du ruhig schlafen kannst?"
      Der Teenager zögerte ein paar Sekunden lang und meinte schließlich: "Ich weiß nicht. Vielleicht ist das auch gerade, warum sie sich Sorgen macht, oder so. Das… ähm… schlafen" Er schwieg kurz, sichtlich in der Hoffnung, dass Alexis ihm eine neue Frage stellte, aber er sah ihn nur aufmunternd an. "Ich hab schon ein paar Hobbys und Freunde und so. Ich bin nicht nur zuhause. Aber ich wünschte echt manchmal, ich könnte… öfter zuhause sein? Ich hab jedenfalls nicht so viel Motivation wie Jude, mich immer irgendwo herumzutreiben. Aber… ich weiß nicht. Ich hasse es einfach, jeden Tag in die Schule zu müssen und der Gedanke, dass es danach ja noch weitergeht… mit Arbeit und so etwas… darauf hab ich noch weniger Lust. Ich fände es echt super, wenn mich alle mal in Ruhe lassen würden und ich einfach zuhause bleiben und schlafen kann. Ich weiß wirklich nicht, wie irgendjemand… motiviert sein kann, jeden Tag aufzustehen und irgendetwas zu machen. Ich weiß nichtmal, was ich nach der Schule machen will, weil ich eigentlich garnichts machen will. Also denke ich einfach nicht darüber nach, aber meine Mom fragt mich gefühlt täglich ob ich mich schon für eine Uni oder eine Ausbildung entschieden hab. Dabei weiß Jude genauso wenig, was er machen will"
      "Hast du mal drüber nachgedacht, irgendetwas Neues auszuprobieren und nach Ausschluss-Prinzip zu gehen?", fragte Alexis und lächelte mitfühlend. Für ihn klang das weniger nach Verwirrung als nach Depressionen. Teenager waren manchmal sehr indirekt mit ihren Beschreibungen. Ich hab keine Lust, ich bin müde, ich will nichts machen, alle sollen mich in Ruhe lassen… Alexis hatte fast ein Fallbeispiel vor sich sitzen.
      "Hm. Ich hab eigentlich echt keine Lust. Und wie überhaupt? Ich kann jetzt nicht einfach Nebenjobs machen in meinem Abschlussjahr, oder?"
      "Du könntest dir Klubs ansehen oder mal mit den Erwachsenen um dich herum reden, was die so machen. Du kannst dir wahrscheinlich garnicht vorstellen, wieviele Möglichkeiten es gibt. Irgendetwas ist für jeden dabei" Er lächelte leicht. "Vielleicht kannst du auch mit Jude zusammen was ausprobieren? Zu zweit ist die Motivation manchmal größer"
      "Pfft. Keine Ahnung. Wir gehen nichtmal auf dieselbe Schule und er hat eher das Problem, das ihm zu viele Sachen liegen und er sich nicht entscheiden kann"
      "Aber das trifft sich ja perfekt. Hast du mal ein paar seiner Hobbys ausprobiert?" Emery verzog leicht das Gesicht, in einer Mischung aus Ekel und Skepsis. Alexis lachte. "Okay. Dazu kann dich ja keiner zwingen, aber vielleicht solltest du dir das mit dem Ausschluss-Prinzip merken. Und weißt du wirklich, ob es so furchtbar ist, wenn du es nie ausprobiert hast? Die Stunde ist fast vorbei, aber vielleicht kannst du mir nächstes Mal schon von einem neuen Hobby erzählen, hm?" Alexis lächelte und zückte seinen Kalender, um sich mit dem Jungen einen neuen Termin zu vereinbaren.
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    • Oliver

      Es ging bergauf. Zumindest manifestierte Oliver das. Er bildete sich ein, dass die Zeit ein wenig schneller rum ging und er bekam tatsächlich seine Aufgaben erledigt, ohne zwischendurch ins Nichts zu starren und über sein Leben nachzudenken. Also, er dachte immer noch die komplette Zeit über sein Leben nach, aber wenigstens hielt ihn die Verzweiflung in seinem Hinterkopf nicht mehr von der Arbeit ab. Es tat immer noch weh, Jordans Namen in seinem Display zu sehen. Er schrieb selten und wirklich nur, wenn es um irgendwas Logistisches ging - wer von ihnen was aus der Wohnung mitnehmen würde und so - aber jedes mal hatte Oliver kurz das Gefühl, dass alles wieder so war, wie früher und Jordan nur fragen würde, was er essen wollte, oder welchen Film sie heute Abend schauen sollten. Er war jedes mal sofort wieder enttäuscht wenn er sich daran erinnerte, dass Jordan ihm diese Fragen wohl nie wieder stellen würde.
      Oliver war dabei, schonmal die Akten für morgen zu sortieren, als ihr letzter Patient des Tages - ein Teenager, der heute zu, ersten mal hier war - aus Alexis' Zimmer kam. Er legte die Akten beiseite und begrüßte ihn mit dem typischen "Hi! Hat Alexis schon mit dir über die nächsten Termine geredet", bevor er sich um die Terminvergabe kümmerte, die ein wenig schneller ging, als gedacht. Offenbar hatte Alexis wieder ein wenig Vorarbeit geleistet. Vielleicht war er deshalb meistens auch derjenige, der am längsten hier war. Ihre Kollegin war zumindest schon auf dem Weg nach Hause.
      Er wartete, bis die Tür hinter Emery ins Schloss gefallen war bevor er die letzten Handgriffe hinter sich brachte und schließlich kurz an die angelehnte Tür zu Alexis' Zimmer klopfte.
      "Hey, kann ich dir noch irgendwie helfen? Du bist immer am längsten hier. Willst du keinen Feierabend machen?" Er lächelte leicht, während er zu Alexis sah. Irgendwie konnte er sich gar nicht vorstellen, wie der restliche Abend seines Freundes aussah. War das nicht irgendwie seltsam? Das konnte nicht richtig sein. "Was machst du heute Abend eigentlich noch so? Wandern ist ja jetzt kein Hobby, das man mal eben nach Feierabend macht, oder? Machst du...noch anderen Sport, oder malst du, oder so? Ich hab dich das irgendwie noch nie gefragt. Richtig komisch. Sorry."
    • Alexis

      Alexis war gerade dabei, an seinem Schreibtisch das Notizbuch wegzuräumen und einen letzten Blick über seinen Kalender zu werfen, als er dank des Klopfens an seiner Tür zusammenzuckte. Er drehte den Kopf und sah zu seiner Überraschung Oliver. Vielleicht brauchte er etwas.
      „Ich bin schon fertig“, antwortete Alexis und stand tatsächlich bereits auf und griff nach seiner Tasche. „Kann ich dir helfen?“, stellte er die Frage zurück. Er schlüpfte in die Ärmel seiner Jacke und hängte sich die Tasche über die Schulter. Was auch immer er erwartet hatte… vielleicht eine Frage zu den morgigen Terminen, eine Bitte, die Woche mal früher gehen zu können oder womöglich sogar etwas zu Florin oder Jordan… das war es nicht gewesen. Er konnte nicht vermeiden, skeptisch die Stirn zu runzeln und zeitgleich zu lächeln. Trotzdem wollte er die Frage ernst nehmen. Dass Oliver durchdrehte konnte er sich ja leise denken.
      „Malen? Das stand nicht auf meinem Plan, aber vielleicht versuche ich es mal?“ Früher hatte er gerne gemalt, auch wenn er nur so semi-begabt darin war. Zum Entspannen war es wahrscheinlich gut. Momentan suchte er sich alles mögliche um auf andere Gedanken zu kommen, also wieso nicht?
      „Ähm… ich hab am Wochenende Lasagne gemacht, die wärme ich mir auf und guck mir eine Serie an. Nichts besonderes also. Hat Florin irgendwelche seltsamen Hobbies entdeckt oder wie kommst du darauf…?“ Alexis ging endlich auf Oliver zu, um die Tür zu seinem Zimmer hinter sich zu schließen. Es wäre besser, wenn Oliver seinem neuen Mitbewohner diese Fragen stellte und nicht dem Typen, der auf ihn stand und seine Beziehung zerstört hatte. Das war ihm hoffentlich klar, oder? Alexis rief sich nochmal in Erinnerung, Florin auf dieses Gespräch mit Oliver anzusetzen.
      „Oh, ich hab ein Puzzle zuhause, das meine Großmutter mir irgendwann mal geschenkt hat. Wenn ich so drüber nachdenke, sollte ich das wohl machen“, murmelte er, weil ihm das tatsächlich aus dem Nichts einfiel. Heute drehte sich das Thema schließlich schon eine Weile um Hobbies. Und egal wie sehr er eine lange Konversation um Olivers Willen vermeiden konnte, es war zu natürlich, mit ihm zu reden. Das war es immerschon gewesen. Daher kamen die ganzen Probleme immerhin.
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    • Oliver

      Das war irgendwie unbefriedigend. Oliver hatte mit mehr Hobbys gerechnet und irgendwie etwas mehr…Action. Er selbst brauchte das immer zum Ausgleich zur Praxis. Die meisten Kinder waren super, ein Großteil der Erwachsenen war umgänglich, aber insgesamt war meistens alles schrecklich ruhig. Außerdem saß er stundenlang auf seinem Stuhl hinter dem Computer fest. Oliver brauchte Sport zum Ausgleich, oder eben seine Musik, oder einen Abend mit Freunden, irgendwas lautes mit Bewegung. Jordan war meistens- Nein. Er konnte nicht ständig an ihn denken. Die Beziehung war vorbei. Jordan würde nicht mehr Abends mit dem Laptop auf dem Sofa sitzen und ihm von seiner neusten Recherche erzählen, während Oliver irgendwas zockte und Rückfragen stellte.
      “Ich weiß ja, dass du ein bisschen älter bist, als ich, aber das sind Hobbys, die ich eher bei einem Rentner sehen würde”, neckte Oliver amüsiert, während er sich kurz in dem kleinen Vorraum umsah um sicherzugehen, dass er nichts vergessen hatte. Das Licht war aus, die Türen waren zu, der Computer war ausgeschaltet. Alles perfekt.
      “Außer die Lasagne. Da würde ich auch mitmachen.” Er grinste leicht. Wenn er lange genug so tat, als ob er vollkommen glücklich und zufrieden wäre, würde er sich vielleicht irgendwann selbst glauben. Obwohl es wirklich langsam besser wurde. Oder das Gaslighting funktionierte einfach schon. Er könnte Alexis um eine fachgerechte Meinung beten, aber den Gedanken schob er zur Seite, sobald er gekommen war.
      “Hat deine Großmutter dir das Puzzle geschenkt, weil du gerne puzzlest, oder machst du das Puzzle nur, weil es gerade da ist?”, fragte er weiter, während er Alexis die Tür aufhielt. Wahrscheinlich sollte er die Antwort darauf nach all den Jahren schon wissen, aber irgendwie hatte Alexis erstaunlich selten über sich selbst geredet. Oder Oliver hatte einfach zu selten gefragt. Puzzlen passte irgendwie zu ihm. Oliver konnte sich bildlich vorstellen, wie Alexis an seinem Tisch saß und konzentriert auf ein Puzzle starrte. Ein nettes Bild, irgendwie. Okay. Themenwechsel.
      “Soll ich dich noch nach Hause bringen?” Oliver hob kurz seinen Autoschlüssel in die Luft, während er zu Alexis sah. Alles war voll und ganz in bester Ordnung. Er wollte nur wieder ganz normal mit ihm reden und vielleicht nicht länger alleine sein, als unbedingt nötig. Alleine zu sein war irgendwie nicht gut. Vielleicht würden sie ja…ein Hobby finden, das sie zusammen machen könnten, oder so.
    • Alexis

      Alexis zog die Augenbraue hoch, als Oliver ihn als Rentner betitelte. Und dann meinte er auf die nächste Frage seines Kollegen: „Ich hab das Gefühl, dass du mich für beide möglichen Antworten verarschen würdest“ Alexis wusste ja, dass Oliver grundsätzlich ziemlich sozial und energiegeladen war und seine Freizeit eher mit Freunden oder seiner Band verbrachte. Deshalb wusste er auch, dass Oliver sich für Alexis Hobbies nicht interessieren würde, also woher kam dieses Gesprächsthema?
      „Beides“, antwortete er dennoch nach einer kurzen Pause. Er drückte einen Lichtschalter nach dem anderen. „Ich hab als Kind gepuzzled, weil meine Oma immer irgendwelche herumliegen hatte, und jetzt schenkt sie mir ab und zu noch eins. Typisch Oma eben. Florin kriegt regelmäßig diese… Hefte für Kinder, wo Infos über Tiere drin stehen und Worträtsel und so etwas. Er ist über 30 aber die Sammlung wächst noch“ Alexis zuckte mit den Schultern und lächelte. Obwohl Oliver letzteres vielleicht sowieso wusste. Er konnte ja mal einen Blick in die Sammlung werfen, wenn ihm langweilig wurde. Irritierenderweise schien Oliver aber eher Spaß daran zu finden, Alexis mit seinen ‚Da würde ich mitmachen‘ Aussagen zu schockieren. Er war ein bisschen eine Wild Card. Alexis rechnete jede Sekunde damit, dass er sich gleich selbst zum Abendessen einlud. Stattdessen ließ er die Schlüssel vor seiner Nase klinkern.
      „Oh“, machte er. Oliver war einsam, oder? Eindeutig einsam. Vielleicht hatte heute niemand Zeit und er versuchte, so wenig alleine zu sein, wie möglich. Was Sinn machte, wenn er den Trennungsschmerz irgendwie übertönen wollte. Aber er musste aufhören, sich an Alexis zu hängen, sonst schufen sie hier bloß ein weiteres Problem.
      Aber da war noch etwas, das ihn irritierte. „Du weißt doch garnicht, wo ich wohne“ Was, wenn er eine ewig lange Anreise hätte? Das war zwar nicht der Fall, aber…
      Alexis seufzte. „Sicher, dass du nicht lieber nachhause willst und… Songs schreiben, oder was auch immer du dann machst? Ich fahre jeden Tag mit der U-Bahn, du musst mich also wirklich nicht nachhause bringen“ Er sollte einfach ganz klar ablehnen. Ein simples Nein. Warum brachte er das nie über die Lippen, wenn er Oliver gegenüber stand? Naja… Irgendwie war er für Olivers Einsamkeit ja auch ziemlich verantwortlich. Er konnte ihn nicht einfach kaltherzig sich selbst überlassen, wenn er von sich aus auf Alexis zukam, oder?
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    • Oliver

      “Sowas würde ich nie tun”, wehrte Oliver sich vollkommen scheinheilig, während er beide Hände in die Luft hob. Natürlich würde er Alexis so oder so ein wenig für das Puzzlen necken. Liebevoll, wie man das unter Freunden so tat. Marcelina sammelte Plüschtiere und bereute auch inständig, das Sameer und ihm erzählt zu haben, auch, wenn sie ihr zum Ausgleich oft genug irgendein Stofftier aus dem Urlaub mitbrachten. Trotzdem stieß Oliver lediglich ein kleines, amüsiertes “Mhm” aus, als Alexis erzählte, dass seine Oma offenbar ein wenig in ihrer Kindheit gefangen war. Das kannte er von seinen eigenen Großeltern auch zu gut. Er bekam immer noch Karten mit Disney-Motiven zum Geburtstag und Weihnachten.
      “Naja, weit weg kannst du nicht wohnen. Ich gehe irgendwie nicht davon aus, dass du jeden morgen zwei Stunden Straßenbahn fährst und mit dem Auto ist man schneller. Außerdem habe ich eh nichts vor und…” Er zuckte kurz mit den Schultern. bevor er versehentlich noch ausplaudern würde, dass er eigentlich nur nicht alleine sein wollte. Selbst wenn Alexis eine Stunde entfernt wohnen würde, war das wenigstens eine Stunde weniger, die Oliver mit Nachdenken verbringen konnte.
      “Ich verspreche auch, dass du die Musik aussuchen darfst und ich nicht mitsingen werde. Denk drüber nach. Ich hab’s angenehm warm und du musst dir keinen Kopf über Verspätungen oder spontane Ausfälle machen, oder so.” Zumindest hatte Alexis in der Bar noch erzählt, dass ihm immer ein bisschen kalt war, oder? Obwohl der Abend im Moment wirklich angenehm war.
      “Und du wärst schneller bei deinem Puzzle mit dem ich dich garantiert nicht verarschen werde.” Er warf Alexis einen kleinen, unschuldigen Blick zu. Irgendwie kam ihm das ganze Drama gerade noch lächerlicher vor. Ja, Alexis hatte keine klare Aussage gemacht und war an sich vielleicht etwas seltsam, aber wenn er wirklich auf Oliver stehen würde, müsste er sich wahrscheinlich nicht mal halb soviel Mühe machen, ihn davon zu überzeugen, mit ihm mit zu fahren, oder? Wenn Alexis so verschossen in ihn wäre, wie Jordan behauptet hatte, hätte er doch sicher direkt zugestimmt, nicht?
    • Alexis

      „Klar“, meinte Alexis amüsiert. Gott, das ging in eine ganz falsche Richtung. Alexis hätte wirklich kein Problem damit, wenn Oliver ihn aufziehen würde. Womit auch immer. Hauptsache… er wurde noch etwas überzeugender damit, dass zwischen ihnen alles in Ordnung war. Vielleicht konnte es wirklich so werden wie früher…
      „Du kannst die Musik selbst aussuchen, solange mein Trommelfell nicht platzt“, sagte Alexis und stimmte damit… wohl irgendwie zu, unnötigerweise von Oliver nachhause gefahren zu werden. Er hatte seine Beziehung mit Jordan endgültig aufgegeben, was? „Na schön, gehen wir“ Er deutete Oliver, aus der Tür zu gehen, damit sie abschließen konnten. Alexis traute sich nicht einmal, ihn sanft vor sich her zu schieben. Der physische Abstand war mittlerweile so normal geworden, dass Alexis sich jeder Berührung zwischen ihnen viel zu bewusst war.
      Er folgte Oliver in sein Auto, in dem er nun innerhalb von zwei Wochen zum zweiten Mal saß. Vermutlich war das alles bloß seine Einbildung, weil er auf alles zu stark achtete, aber ihre Beziehung schien sich mehr oder weniger entgegengesetzt zu Oliver und Jordans Beziehung zu entwickeln. Dabei gab er sich wirklich alle Mühe, das zu vermeiden. Aber… Alexis konnte sich kaum auf diese Entwicklung verlassen. Oliver könnte jederzeit morgens aufwachen und realisieren, dass Alexis wirklich der Auslöser von all seinem Unglück war.
      Alexis konnte einfach nicht anders, als es anzusprechen, sobald leise die Musik im Hintergrund der Autofahrt lief. Die Unsicherheit trieb ihn noch gemeinsam mit Oliver in den Wahnsinn. „Hey. Ich bin mir nicht ganz sicher, also korrigiere mich gerne, aber kann es sein, dass du mich letzte Woche falsch verstanden hast?“, fragte er. Ugh, er musste es einmal in seinem Leben schaffen, konkreter zu sein. „Als ich… meinte…“ Komm schon. „Dass Jordan recht hatte“ Besser wurde es wohl nicht. Alexis drehte langsam den Kopf zu Oliver rüber.
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