The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Ezra

      "Solange Andrew dich noch über das Gemüse belehren kann, kann es gar nicht so schlimm sein, oder Max?" Ezra musste ein wenig lächeln, als er ein unsicheres "Hm" als Antwort erhielt. Max war wirklich auf dem besten Weg, genau so zu werden, wie Andrew. Ständig von mehr Sorgen geplagt, als ein Kind in seinem Alter haben dürfte. Seine größte Sorge sollte sein, was er morgen spielen wollte und nicht die Frage, ob seine Eltern noch nach Hause kamen.
      "Wir haben euch alle ganz doll lieb", fuhr er fort. "Passt auf einander auf, okay? Wir sind auch wirklich ganz schnell wieder zurück. Schlaft schön!" Ein kleiner Kinderchor an Antworten schlug Ezra zurück, bevor er mit einem kleinen Lachen das Gespräch auflegte. Es war wirklich gut, dass die Jungs in Therapie waren. Nach dem heutigen Tag war es irgendwie erleichternd zu wissen, dass sie die ganzen neuen und bestätigten alten Ängste nicht alleine aufarbeiten müssten. Ezra hatte keine Ahnung, wo er damit anfangen sollte und sowas ließ sich ja leider nicht wegkuscheln.
      "Ich geh kurz nach Cal sehen und bin dann auch sofort wieder da", erklärte er, während er vom Bett rutschte. Er würde nicht lange bei ihm bleiben, weil er Richard und ihn nicht in ihrer ganz eigenen Traumaaufarbeitung stören wollte, aber sich gar nicht blicken zu lassen kam ihm vollkommen falsch vor. Er musste zumindest kurz persönlich sicher gehen, dass sein Bruder noch lebte. Außerdem musste er ihm sowieso noch die Tasche vorbeibringen. Hoffentlich hatte John an die Antidepressiva gedacht.
      "Weißt du," setzte Ezra an, während er sich die Tasche über die Schulter schwang und sich wieder zurück zu Andrew drehte, "vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn wir uns auch einen Therapieplatz suchen würden. Ich meine, das war echt viel heute und...die letzten Monate und die Jahre davor und eigentlich schon immer." Er zuckte kurz mit den Schultern, während er den Blick auf Andrew gerichtet hielt. "Vielleicht wäre es ganz gut mit einem Außenstehenden darüber zu reden, der ein paar Tips hat, wie man das alles irgendwie gesund verarbeiten kann." Sein Kopf hatte zumindest immer noch nicht alles, was in den letzten Stunden passiert war, verarbeitet. Eigentlich wartete Ezra nur auf den ersten stillen Moment, in dem all der Horror auf einmal auf ihn einstürzen würde. Er hatte keine Ahnung, wie er selbst mit alledem umgehen sollte. Er hatte seinen Vater sterben sehen und fühlte sich lediglich befreit - das war psychologisch wahrscheinlich nicht vollkommen ideal.
    • Andrew

      Nachdem Ezra das Gespräch beendete, lehnte Andrew für einen Moment mit einem Seufzen den Kopf an ihn. Irgendwie… wog das Telefonat jetzt schwer auf seinen Schultern. Er hatte sich vorher Sorgen gemacht, und Max und Nikos Stimmen zu hören hätte ihn eigentlich etwas beruhigen müssen, ihn auf den Boden der Realität bringen sollen, dass alles in Ordnung war. Aber er war derjenige, der heute Nacht vermutlich nicht schlafen würde. Er war es zu gewohnt, die Kinder ständig bei sich zu haben. Elli während den Arbeitstagen immer ansehen zu können, mit allen dreien am Wochenende den Mittagsschlaf zu machen, Morgens alle zum Frühstücken zu bewegen und Abends allen gute Nacht zu sagen. Andrew hatte sie beinahe jede Sekunde um sich, und wenn nicht, wusste er, dass Ezra auf sie aufpasste. Und jetzt? Er hatte ein ungutes Gefühl dabei, sie nicht im Auge behalten zu können.
      Andrew erwiderte Ezras Blick schweigend, als dieser auf einmal eine Therapie vorschlug. Für sie. Für sie beide? Andrew zögerte, bevor er schließlich einfach antwortete: „Reden wir später darüber.“ Er konnte verstehen, wieso Ezra das ansprach. Nach Andrews Mental Breakdown vor ein paar Wochen hatte er bloß noch darauf gewartet, dass Ezra seine Sorge aussprach. Die Sorge, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Aber Andrew hatte sein Bestes gegeben, trotz des ganzes Chaos und Stresses zu funktionieren und dafür zu sorgen, dass ihr Alltag immer vollkommen problemlos ablief. Vielleicht war diese… Entführung zu einem gewissen Grad auch seine Schuld gewesen. Er hatte den Überblick verloren. Er hätte sich viel mehr im Klaren darüber sein müssen, dass seine Familie eine wandelnde Zielscheibe war. Aber er hatte nicht das Gefühl, das Therapie ihm da sonderlich helfen konnte. Therapie brachte Menschen doch eher bei… loszulassen, oder so etwas. Aber Andrew musste das komplette Gegenteil davon tun. Mehr arbeiten, sich der Gefahren besser bewusst sein und an seiner Familie festhalten, als würde ihr aller Leben davon abhängen, denn das tat es.
      Andrew wartete bis Ezra gegangen war, bevor er den Kopf zurück auf sein Kissen legte und die Augen schloss. Er atmete bewusst einmal tief durch. Manchmal fühlte er, wie sein Herz schneller zu schlagen begann, wenn er an all die Dinge dachte, die er tun musste. Das Problem hatte er nie gehabt, aber schließlich erforderten ihre Lebensumstände momentan auch einfach deutlich mehr Arbeit und konstante Aufmerksamkeit. Daran ließ sich nichts ändern. Solange es bedeutete, dass etwas wie heute nie wieder passierte, machte Andrew dieses Opfer allerdings gerne. Er konnte nicht zulassen… dass so etwas noch einmal passierte.

      Richard

      „Wieviel Nächte soll ich angeben?“, war das erste, das Richard sagte, als er mit seinem Formular zurück in Calebs Zimmer kam. Er hatte sich beruhigt. Solange er nicht mehr darüber nachdachte, was vorhin passiert war, war alles in Ordnung. Sie machten einfach weiter, wie immer. Alles war normal.
      „Ich fahre später kurz zurück zur Wohnung und hole… ein Ladekabel, was zum Umziehen… sowas. Soll ich auch irgendwas zu Essen mitbringen oder gibst du dir den Krankenhausfraß?“ Richard schob den Sessel etwas zur Seite, setzte sich und füllte auf seinem Schoß das Formular weiter aus.
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    • Caleb

      War es doch eine schlechte Idee gewesen, Richard zu sagen, wie viel er ihm bedeutete? Calebs Beschluss, das alles durch und durch positiv zu sehen bröckelte immer mehr, während er an die Wand gegenüber des Bettes starrte. Er hätte wirklich gerne irgendwas, womit er sich ablenken könnte, aber es gab gerade nichts außer ihm, die Wand und die Frage, ob er vielleicht doch endlich zu weit gegangen war. Richard hatte gesagt, dass er ihn auch liebte, war danach allerdings auch relativ schnell gegangen. Allerdings wusste Caleb auch nicht wirklich, was er erwartet hatte. Romantische Musik aus dem Nichts, während von irgendwoher Rosenblätter ins Zimmer wehten? Irgendeine große Geste? Er hatte selbst ja auch nichts getan. Eigentlich war es ja auch irgendwie typisch für-
      Wie viele Nächte? Caleb sah kurz kritisch von Richard zu dem Zettel in seinen Händen. Es war überraschend süß, dass er offenbar über Nacht bleiben wollte...und vollkommen unnötig. Als er über Richards Reaktion auf das 'Ich liebe dich' nachgedacht hatte, hatte er nicht sowas im Sinn gehabt. Zugegeben, es war vielleicht ganz nett, jemanden zum Reden zu haben, weil Caleb sonst wirklich absolut nichts zu tun hatte, aber nicht zu diesem Preis. Wenn ihm langweilig werden würde, könnte er immer noch seine Geschwister anrufen, oder so. Sein Handy musste sicher irgendwo hier liegen.
      "Keine", antwortete er also. "Das Essen ist traurig und die Betten sind furchtbar unbequem. Mir geht es gut, ich werde nicht spontan über Nacht versterben. Du solltest wirklich zuhause schlafen." Auch wenn die Geste wirklich süß war. Trotzdem hatte Caleb keine Lust, sich morgen Beschwerden über Rückenschmerzen anhören zu müssen, oder so. Sie hatten sicher noch genug Gelegenheit, um aneinander zu kleben, wenn sie wieder zurück in Calebs Wohnung waren, oder in Richards. Sie hatten...sie hatten wirklich alle Zeit der Welt. Caleb war es aufrichtig egal, was Niamh mit ihrem kleinen Familiengeschäft anfangen würde - er könnte gehen und machen, was er wollte. Der Gedanke, dauerhaft nach London zu ziehen, um zumindest in Richards Nähe zu sein war nicht mehr so abwegig, wie er ihm sonst immer vorgekommen war. Aber London mit ihren bequemen Betten war etwas vollkommen anderes, als das hier.
      "Aber du könntest mir morgen ein Buch mitbringen, oder so, wenn dir das nicht zu viel ausmacht", fuhr er fort. Wenigstens würde ihm das etwas zu tun geben. Sein Stapel mit ungelesenen Büchern war eh schon viel zu hoch. "Es ist eine liebe Geste, wirklich, aber es wäre unfassbar dämlich von dir, wenn du bleiben würdest."


      Ezra

      "Bleibst du über Nacht?"
      "Natürlich." Ezra sah kurz etwas irritiert von Caleb, der eine 'siehst du, was ich meine' Geste in seine Richtung machte, zu Richard. Er hatte damit gerechnet, dass Caleb sich freuen würde, ihn zu sehen, oder schon wieder schlief, oder so. Er hatte nicht vorausgesehen, offenbar direkt in eine Diskussion gezogen zu werden, nachdem er geklopft und die Tür geöffnet hatte. Ehrlich gesagt hatte er auch wirklich genug eigene Probleme, als dass er sich in irgendwas reinziehen lassen würde. Er selbst hing immer noch an der Frage, ob eine Therapie sinnvoll wäre. Er wusste ja nicht mal auf wessen Seite er in dieser Diskussion sein wollte.
      "John -" Ezra sah kurz nachdenklich zu Richard. "Niamhs Mann. Hast du ihn schon getroffen? Vollkommen egal, eigentlich. John hat ein paar Klamotten vorbeigebracht. Ich hab nicht reingeschaut, also bin ich mir nicht sicher, ob er für euch beide oder nur für Cal gepackt hat." Er stellte die Tasche auf den leeren Tisch am Rand des Raumes, bevor er zu Caleb ans Bett ging und ihn kurz in die sanfteste Umarmung zog, die er ihm geben konnte. "Wie geht es dir?"
      "Psychisch oder physisch?" Caleb hob einen Arm, um Ezra kurz ein wenig ungelenk zurück zu umarmen, was weniger an seiner Schussverletzung und mehr an der plötzlichen Nähe lag.
      "Psychisch?", fragte Ezra unischer, während er sich wieder von ihm löste, um sich ans Bettende zu setzen. Caleb sah zumindest okay aus. Ein wenig blass und etwas ungestyled, aber wenigstens nicht ganz so ramponiert, wie Richard oder Andrew. Was nicht bedeutete, dass es ihm automatisch besser ging, als den beiden.
      "Es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass ich nicht komplett den Verstand verliere, schätze ich." Caleb zuckte kurz mit den Schultern.
      "Und physisch?", fragte Ezra weiter.
      "Wenn ich in irgendeinem furchtbaren Reha-Sport lande, bitte ich dich mich richtig zu erschießen."
      "Ah. Vollkommen unabhängig davon glaube ich, dass John deine Antidepressiva eingepackt hat. Nur so. Zur Info." Ezra zeigte kurz in die Richtung der Tasche. Wenigstens schien Caleb aktuell voll und ganz er selbst zu sein. Was gut war. Ezra hatte keine Ahnung gehabt, wie er auf den Tod ihres Vaters reagieren würde. Irgendwie hatte er mit mehr Tränen gerechnet, egal in welche Richtung. Vielleicht fühlte er sich gerade auch einfach nur leer. Ezra überlegte kurz, das Gefühl anzusprechen und verschob es dann doch auf später. Vielleicht brauchten sie auch beide einfach noch etwas, um alles verarbeiten zu können.
      "Danke." Caleb lächelte knapp. "Wie geht es dir? Und Andrew?"
      "Okay. Den Umständen entsprechend. Wir haben eben kurz mit den Kindern telefoniert, die das alles offenbar auch nicht so gut weggesteckt haben, also stürzen wir uns jetzt einfach direkt auf das nächste Familienproblem, schätze ich. Ich bin schlimmeres gewohnt und Andrew ist irgendwie sowieso wieder im Arbeitsmodus, schätze ich." Das war nicht ganz richtig, aber er hatte keine Ahnung, wie er Andrews Art sonst beschreiben sollte. Vielleicht würde eine Therapie wirklich helfen. Wahrscheinlich sollten sie das wirklich nicht aufschieben.
      "Wir wollen möglichst schnell nach London zurück", fuhr er fort, während er kurz zu Richard sah. "Kann sein, dass Andrew tatsächlich wegen Dublin nochmal auf dich zukommt. Nur, damit du dich mental schonmal darauf vorbereiten kannst."
    • Richard

      „Nicht dein Ernst“, antwortete Richard ungläubig auf Calebs Ablehnung, und verzog das Gesicht. Was, auf einmal wollte er ihn nicht hier haben? War Caleb nicht derjenige, der ihm vor fünfzehn Minuten die „Ich liebe dich“ Hiobsbotschaft aufgedrückt hatte? Der sich seit dem Beginn ihrer Beziehung ständig lautstark Sorgen machte, dass Richard nicht wirklich für ihn da war sondern nur eins von ihm wollte?
      Richard blickte nicht mehr durch. War ihnen das Geständnis vorhin beiden nur unabsichtlich rausgerutscht? Vielleicht bereute Caleb es jetzt doch. Allerdings nervte es Richard genauso, dass Ezra die Frage so selbstverständlich beantwortete. Aha. Das Kitsch-Pärchen konnte sich wie immer keine Sekunde voneinander trennen. Dabei hatte der Kerl mit der Schusswunde sicher mehr Pflegebedarf.
      „Wehe, du beschwerst dich später wieder. Man kann‘s dir absolut nicht recht machen“, murrte Richard genervt und zerknüllte das Formular. Okay, vielleicht war das etwas zu passiv aggressiv. Aber irgendetwas an dieser Situation nervte ihn ungemein. Er gab sein Bestes, Ezra und Calebs Gespräch zu ignorieren, während er die Tasche öffnete und sich durch den Inhalt grub, um nachzusehen, was er noch aus der Wohnung holen sollte. Das würde Caleb ihm wohl nicht verbieten, oder?
      Richard sah erst wieder auf, als Ezra ihn ansah. „Wusste ich schon. War vorhersehbar“, gab er trocken zurück. Natürlich würde Andrew sich wegen der Dublin Problematik kurz bei ihm erkundigen. Und anschließend würde er das Ganze ziemlich sicher auf Richard abwälzen, weil es wahrscheinlich keine Angelegenheit war, die die Aufmerksamkeit des oberstens Chefs erforderte. Vor einem Posten-Wechsel gab es immernoch langwierige Gespräche und möglicherweise Disziplinarverfahren, falls sich etwas Ungutes aufdeckte. Und selbst bei einer neuen Besetzung rückte vermutlich bloß der nächste nach. MLO hatte eine schräge Hierarchie, die sich kaum durchbrechen ließ. Alles kein Grund, Andrew zu sehr in das hier zu verwickeln. Es wäre besser, er widmete sich den Personal-Updates in ihrer eigenen Abteilung und kümmerte sich um die Russinnen. Aber davor würde er wohl einen Weg finden, um Ezra und seine aufgegabelten Kinder rund um die Uhr bei sich zu haben. Richard erkannte ihn kaum wieder. Sein Glück kotzte ihn an. Aber war es überhaupt wirklich noch Glück?
      „Hey. Du, mach keine Witze übers Erschießen“, kam Richard viel zu spät auf Calebs Kommentar zurück, den er mitgehört hatte. Er sah ihn ernst an, schwenkte seinen Blick dann zu Ezra weiter. „Und du, erklär Andrew, dass ich ihm den Kontakt schicke, mit dem ich mich bereits über die Problematik mit dem Chef der Dublin Abteilung unterhalten habe. Wenn er morgen fit ist, machen wir am besten zu dritt ein kurzes Meeting und er kann entscheiden, wie es weitergeht“ Richard hatte sich mittlerweile weitgehend damit abgefunden, dass Andrew nun sein Vorgesetzter war. Mit Bauchschmerzen. Aber doch.
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    • Ezra

      Die Aussicht darauf, dass Andrew morgen früh direkt wieder mit dem Arbeiten anfangen würde, bereitete Ezra mehr Bedenken, als er zugeben wollte. Ja, Andrew hatte verdammt viel Verantwortung durch seinen Posten und er war immer schon ein Workaholic gewesen, weshalb ihm das wahrscheinlich wenig ausmachen würde, aber er war auch gerade aus einer Geiselnahme entkommen und verletzt. Wahrscheinlich musste man ihn wirklich ins künstliche Koma versetzen, damit er mal einen Tag die Füße still hielt und sich einfach ausruhte. Trotzdem nickte Ezra schlicht, als Richard ihn anwies, seine Nachricht weiterzuleiten, als ob Ezra eine Brieftaube wäre.
      "Das freut ihn bestimmt", antwortete er trocken, aber ohne einen Hauch von Ironie. Wollte Richard nicht auch lieber bei Caleb bleiben, als sich morgen mit der Arbeit zu befassen, oder so? Gut, vielleicht war es auch sein Fehler gewesen. Er hätte ihm einfach sein Handy nicht mitbringen sollen. Obwohl Andrew wahrscheinlich selbst dann irgendwas gefunden hätte, was ihn beschäftigen würde.
      "Ich glaube, ich kündige meinen Job", mischte sich Caleb ein wenig abwesend in die Diskussion ein. Ezra war sich nicht ganz sicher, ob er sich darüber bewusst war, dass er das gerade laut ausgesprochen hatte - Caleb sah weder zu ihm, noch zu Richard, sondern an die Wand gegenüber von seinem Bett, die Augen leicht verengt, als ob er mitten in einem Sehtest wäre. "Ich mochte ihn eh nie und wer soll mich jetzt davon abhalten?", er stieß ein kleines Lachen aus, das irgendwo zwischen Humor und Panik lag, während seine Konzentration von der Wand zu Ezra wechselte. "Oder denkst du, dass Niamh dann sauer wäre?"
      "Äh...ich denke, dass Niamh gerade ganz andere Probleme hat, wenn ich ehrlich bin." Ezra streckte vorsichtig eine Hand nach Calebs Hand aus und drückte sie kurz. "Und du steckst wohl gerade in einer Midlife-Crisis, oder so, also geh ich jetzt wieder, okay? Hab dich lieb und so. Bis morgen." Da war ihm seine ganz eigene Diskussion mit Andrew wirklich deutlich lieber und dieses mal würde er ihn das Gespräch über eine Therapie nicht verschieben lassen.


      Caleb

      "Sieht so aus, als ob du zwangsweise noch etwas in Dublin bleiben würdest", merkte Caleb an, nachdem Ezra gegangen war. "Ich nehme an, dass du danach auch möglichst schnell nach London zurück willst?" Irgendwie kam ihm das Thema ein wenig schwieriger vor, als sonst. Wenn das kleine 'Ich liebe dich' nicht gewesen wäre, wäre es wahrscheinlich eine vollkommen normale Abstimmung gewesen, aber jetzt kam ihm das alles irgendwie wichtiger vor, als es wahrscheinlich war. Nur, weil er Richard vor dem furchtbaren Krankenhausbett bewahren wollte hieß das ja nicht, dass er generell Abstand wollte. Sein Blick fiel kurz wieder auf das zusammengeknüllte Formular. Es war für ihn vollkommen offensichtlich, dass er da hin gehen würde, wo Richard hingehen würde, aber an ihrer Beziehung war bisher irgendwie nie was einfach gewesen, also wollte er nicht davon ausgehen, dass das für sie beide selbstverständlich wäre.
      "Ich würde Niamh gerne noch ein wenig unterstützen, aber danach bin ich offenbar frei zu tun, was ich will, schätze ich. Ist in der Tasche eine Jogginghose drin, oder so?" Caleb wusste nicht ganz, wo der letzte Satz hergekommen war. Das OP-Hemd war nicht unbedingt gemütlich, aber eigentlich vollkommen zweitrangig. Irgendwie hatte er einfach das Thema, das er selbst angeschnitten hatte, wechseln wollen.
    • Richard

      Richard warf Caleb einen irritierten Blick zu, bevor er sich knapp mit erhobener Hand von Ezra verabschiedete. Er wollte seinen Job kündigen? War das nicht… sowieso schon völlig offensichtlich gewesen? Wieso sah er so aus, als hätte er denn Entschluss jetzt erst gefasst und nicht vor etwa zehn Stunden, als es angemessen war? Richard missfiel die Erinnerung daran manchmal, dass Caleb einen freien Willen hatte. Also, schön für ihn, aber manche Leute sollten weniger davon haben. Wahrscheinlich sollte Richard einfach zufrieden sein, dass sie am Ende des Tages doch manchmal zu den selben Schlüssen kamen.
      „Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Richard auf die Frage, ob er schnell zurück nach London wollte. Wenn er die Wahl zwischen Dublin hatte, wo er ursprünglich Urlaub machen wollte und schließlich seinem Freund beim verbluten zugesehen hatte, und London, von wo er eben erst geflohen war, um sich mit dem Absturz seiner Karriere nicht befassen zu müssen… nichts von beidem. „Ich denke, ich buche mir ein All Inclusive Hotel irgendwo in Europa und schrotte mein Handy?“ Das war wohl die einzige Option, die nicht früher oder später in Gewalttaten enden würde.
      „Falls du mitkommen willst, warte ich wohl mit dir, bis deine Schwester weiß, ob sie im Knast landen oder mit MLO zusammenarbeiten will. Ich nehme an, du hast dich gerade entschieden, was das betrifft“ Trotzdem waren sie wohl wieder so weit, diese Fragen in den Raum zu werfen, wenn Richard nicht einmal hier übernachten durfte. Wie zur Hölle hatten sie drei Schritte zurück gemacht?
      „Wozu brauchst du eine Jogginghose? Du darfst nichtmal alleine aufs Klo“, warf Richard trocken hinterher. „Kümmer dich darum morgen. Aber ja, in der Tasche ist eine. Viele Klamotten für dich und selbstverständlicherweise keine für mich, also steckt der Mann deiner Schwester wohl mit dir unter eine Decke was die Übernachtung angeht. Sag Bescheid, wenn du mich endlich loswerden willst, dann breche ich sofort auf“ Manchmal kam er in einen Redeschwall der signifikant dramatischer endete als geplant. Er wusste doch selbst nicht mehr, was er wollte. Caleb machte ihn fertig.
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    • Caleb

      Das war mehr Drama, als Caleb einkalkuliert hatte, vor allem nach dem kleinen Schub an Ekstase, den er gefühlt hatte, nachdem er realisiert hatte, wie weitreichend seine neugewonnene Freiheit war. Er sah Richard kurz ein wenig sprachlos entgegen, unsicher, wie er reagieren sollte. War Richard ernsthaft beleidigt, weil er ihm das Krankenhaus ersparen wollte? Er war doch sonst nie der Typ für Aufopferung gewesen und jetzt war definitiv ein ganz schlechter Zeitpunkt, um damit anzufangen.
      “Du verstehst aber schon, dass ich das für dich mache, oder?”, fragte er, vielleicht ein bisschen anklagender, als er vorgehabt hatte. “Krankenhäuser sind furchtbar. Man schläft kaum, weil alles irgendwie unbequem ist und dann wird man morgens mit dem deprimierendsten Frühstück der Welt belohnt. Ich will nicht hier sein und ich würde es dir nie zumuten, das alles mit mir durchmachen zu müssen.” Wenn er könnte, würde er sich sofort selbst entlassen und mit Richard nach Hause gehen. Er wollte nichts mehr, als sich an ihn zu kuscheln und zu schlafen, bis die letzten Stunden endlich Sinn ergaben, aber alleine zu sein war nicht so schlimm wie zu wissen, dass Richard wegen ihm eine furchtbare Nacht hatte, wenn er eigentlich genau so viel Erholung brauchte, wie Caleb.
      “Ich will dich nicht loswerden. Ich will mir morgen nur keine Beschwerden über Müdigkeit und Rückenschmerzen anhören.” Dafür liebte er ihn zu sehr. Ezra und Andrew mochten ohne einander nicht funktionieren, aber Caleb sah keinen Grund darin, Richard mit sich runterzuziehen. Es reichte, wenn er selbst genervt vor sich hin vegetierte - wenn Richard dem Schicksal entkommen konnte, sollte er das auch tun. Natürlich wollte er ihn in seiner Nähe haben, aber dafür hatte er ja jetzt den Rest seines Lebens Zeit, nicht?
      “Also nutz die Zeit, um runterzukommen und dir ein Hotel auszusuchen. Mir egal, wo und wann, ich komme so oder so mit. Schick mir einfach die Rechnung. Oder nimm meine Karte.” Wenigstens war Caleb sich sicher, dass Richard keine weiteren Spezifikationen benötigte. Sein Standard war wahrscheinlich eh höher, als Calebs eigener und Richard tendierte zum Glück eher zum Luxusurlaub, als zur Wandertour, also musste er sich wohl keine Sorgen machen. Falls sie überhaupt so schnell das Land verlassen durften. Caleb hatte keine Ahnung, wie es weitergehen würde, aber wahrscheinlich gab es noch genug Leute, die Fragen an sie hatten, egal aus welcher Richtung - MLO, das Dezernat, die Presse. Was an sich eigentlich schon Grund genug war, um allen aus dem Weg zu gehen.
    • Richard

      Richard konnte ein Augenrollen nicht mehr vermeiden. "Ich weiß, dass Krankenhäuser nicht dazu da sind, um zu relaxen, sondern um gesund zu werden. Ich hab meine eigenen Erfahrungen damit, danke. Aber wieso denkst du, du tust mir damit einen Gefallen, mich nachhause zu schicken? Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen. Dachte ich jedenfalls" Er verschränkte die Arme und sah Caleb weiterhin etwas beleidigt an. Dummerweise konnte er nicht so wirklich wütend werden, wenn Caleb in diesem lächerlichen Hemd im Bett lag und sich kaum bewegen konnte. Aber war es echt zu viel verlangt, dass er Richard darum bat bei ihm zu bleiben? Danach könnte er selbst immernoch entscheiden, was er tun würde, aber er wollte von Caleb hören, dass er auf keinen Fall wollte, dass Richard nachhause fuhr, Punkt.
      "Oh, und wie ich dir die Rechnung schicken werde. Wir sollten das Geld nutzen, bevor deine Karten wegen illegalen Geschäften eingefroren werden. Falls jemand fragt habe ich das nie gesagt" Okay, es war ein wenig befriedend, dass Caleb es wenigstens als selbstverständlich sah, ihm zu folgen. Und es ging schließlich nicht darum, dass sie unbedingt jede freie Sekunde miteinander verbringen mussten, wenn es nach Richard ging… Er wollte bloß, dass Caleb das wollte. Dann konnte Richard ihn ein wenig verarschen oder Mitleid mit ihm haben und bei ihm bleiben. Das war die Dynamik ihrer Beziehung, nicht? Caleb sollte das Gleichgewicht nicht ins Schwanken bringen.
      "Und warum denkst du eigentlich von mir, dass ich Rückenschmerzen von einem Krankenhausbett bekomme? Ich bin nicht Achtzig oder die Prinzessin auf der Erbse. Kümmer dich mal um dich selbst. Ich warte eigentlich nurnoch darauf, dass du in der psychiatrischen Abteilung hier landest. Du warst die letzte Stunde etwas zu entspannt" Wenn einer von ihnen empfindlich war, dann nicht Richard. Aber wenn Caleb kein Problem damit hatte, nur von Krankenhauspersonal umgeben zu sein, wenn er den nächsten Nervenzusammenbruch hatte… Bitte. Dann gingen sie eben getrennte Wege und verbrachten die Nacht alleine nachdem Caleb beinahe ins Gras gebissen hatte.
      … Konnte Caleb sich nicht einmal denken, dass Richard womöglich sichergehen wollte, dass er die Nacht überhaupt überlebte?
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    • Caleb

      “Ich bin absolut nicht entspannt.” Obwohl es irgendwie seltsam beruhigend war, dass er offenbar so wirkte, als ob er es wäre. Das war Caleb deutlich lieber, als wieder in Tränen auszubrechen, was gerade irgendwie die einzige Alternative war. Sein ganzer Kopf war ein einziges Chaos und vielleicht…vielleicht wäre es wirklich gut, wenn Richard gehen würde, damit er das alles irgendwie sortieren konnte.
      “Ich versuche einfach nur, die letzten paar Stunden zu verdrängen, weil mein Vater gestorben ist und ich mich einfach nur so erleichtert fühle, was so unfassbar fucked up ist. Am Ende hatte er Recht! Ich bin eine unfassbare Enttäuschung! Ich kann nicht mal richtig um ihn trauern.” Caleb fuhr sich mit seinen Fingern durch die Haare, während all die Gedanken, die er in den letzten Minuten unterdrückt hatten, nach oben sprudelten. Er hatte es seinen Eltern nie recht machen können, aber bisher hatte er sich eingeredet, dass ihm das irgendwie egal war. Was offensichtlich nicht stimmte. Offenbar hatte er noch ein kleines bisschen Hoffnung gehabt, irgendwann doch etwas zu tun, was ihm zumindest ein kleines bisschen Anerkennung verschaffen würde und jetzt war es dafür zu spät.
      "Und ich weiß, dass er es irgendwie- dass er psychopatisch war, aber er war immer noch mein Dad. Es ist nicht so, als ob ich nur schlechte Erinnerungen an ihn hätte. Ich habe keine Ahnung, was ich denken oder fühlen soll." Jetzt merkte er doch, wie sich langsam Tränen in seinen Augenwinkeln bildeten, während sein Körper langsam in den Panikmodus schlitterte. Alles an dieser Situation war grausam und er konnte sich einfach nicht dazu bringen so zu reagieren, wie er wahrscheinlich reagieren sollte. Er brauchte eine Zigarette und eine Flasche Wein, aber würde beides wohl vorerst nicht in die Finger bekommen. Caleb atmete tief durch, was sofort einen stechenden Schmerz durch seinen Körper schickte. Irgendwie half das fast.
      "Bleib, wenn du willst. Aber wehe, ich höre auch nur eine Beschwerde."
    • Richard

      Point proven. Richard saß ruhig in seinem Sessel während er Caleb dabei zusah, wie er sich selbst in einen Nervenzusammenbruch redete. Manchmal war es unpraktisch, immer recht zu haben.
      "Habe ich mich einmal beschwert, seit ich hier bin?", fragte er am Ende des Redeschwalls. Okay, er hatte gesagt, dass sein Arsch vom Sitzen schmerzte, aber vielleicht erinnerte sich Caleb daran nicht mehr. "Ich beschwere mich nur darüber, dass du mich loswerden willst, was genau genommen das Gegenteil von einer Beschwerde ist und die korrekte Reaktion deinerseits wäre, mir dankend vor die Füße zu fallen. Aber nachdem du nicht aufstehen kannst, verzeihe ich dir das mal" Während dem Sprechen war Richard bereits aufgestanden, hatte die zwei Schritte Distanz zwischen ihnen wieder geschlossen und setzte sich aufs Bett. Er zuckte mit den Schultern. "Ist doch bequem. Sie haben sicher mindestens 30 Pfund für die Matratze ausgegeben" Richard strich etwas über das Laken und tat so, als würde er die Matratze inspizieren. Ihm war selbst sehr bewusst, dass er nicht sonderlich einfühlsam war, und er konnte sich nicht wirklich vorstellen, was Caleb durch den Kopf ging. Es war einfacher, ihn abzulenken. Oder…
      "Niemand verübelt es dir übrigens, dass du erleichtert bist. Mein Vater hat mich als Kind mit seinem Sportwagen über Parkplätze fahren lassen, als ich nichtmal richtig über das Lenkrad sehen konnte. Außerdem hat er mich ständig mit zu seinem Football Trainings genommen, und mit mir auf dem Feld gespielt, wenn es vorbei war. Ich würde ihm trotzdem nicht in die Arme fallen, wenn ich ihn treffe. Es ist seltsam, wie sehr man jemanden hassen kann, wenn man sich jahrelang einreden wollte, dass die Person nur dein Bestes will. Mein Vater ist zwar nicht tot, aber ich würde auch nicht um ihn trauern, das weiß ich. Also sei einfach erleichtert. Es gibt niemanden mehr, der dir dafür ein schlechtes Gewissen machen könnte" Irgendwie empfand Richard den ganzen Tag schon exponentiell wachsenden second-hand-Hass auf Calebs Vater. Noch ein bisschen mehr und er würde die Leichenhalle, in der sie ihn aufbewahrten, persönlich aufsuchen müssen, um ihm eine Einäscherung aufzuzwingen.
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    • Caleb

      Caleb war sich ziemlich sicher, dass es genug Personen gab, die ihm ein schlechtes Gewissen machen konnten, allen voran seine Mom, was zwar voraussetzen würde, dass er sie im Gefängnis besuchen musste, aber das musste er als Sohn wahrscheinlich sowieso, oder? Das würde definitiv die nächste mentale Hürde sein. Er war sich absolut sicher, dass seine Mutter nichts anderes tun würde, als ihm ein schlechtes Gewissen einzureden und ihn anzuschreien, aber einfach den Kontakt komplett abzubrechen kam ihm falsch vor.
      "Dad hat es geliebt zu backen", erklärte er also stattdessen, während er sich aufsetzte und schlicht gegen Richard fallen ließ. Die Schusswunde zog, aber er ignorierte das Gefühl. "Ich weiß, vollkommen seltsames Hobby für jemanden wie ihn", fuhr er fort, den Kopf gegen Richards Arm gelehnt. "Manchmal ist er mit irgendeinem Teig in mein Zimmer gekommen und nicht gegangen, bevor ich ihm nicht ein umfassendes Feedback zum Geschmack gegeben habe. Ich glaube, wir haben nur Geburtstagskuchen bekommen, weil er sich damit verwirklichen konnte." Er stieß ein kleines, tränenersticktes Lachen aus. Das war es gewesen, was er am meisten vermisst hatte, nachdem er ausgezogen war. Wenn sein Dad ihn gefragt hatte, ob der Teig zu schokoladig schmeckte, hatten sie immer kurz wie eine vollkommen normale Familie gewirkt.
      "Ich vermisse ihn. Aber nicht ihn ihn, mehr das, was er hätte sein können." Auch wenn er genau wusste, wie unrealistisch diese Vorstellung war. Sein Vater hätte sich nie geändert. Caleb hätte nie auch nur einen Hauch von Anerkennung von ihm bekommen. Er hätte es sich trotzdem alles anders gewünscht.
      "Meine Depressionen haben angefangen, als Molly, meine jüngste Schwester, verstorben ist. Ich habe mir immer vorgeworfen, dass es meine Schuld war." Wenn die Depressionen besonders schwer wurden, tat er das immer noch, auch, wenn er mittlerweile gelernt hatte, wie er damit umgehen musste. Es war ein Prozess. "Ich vermisse sie immer noch und irgendwie bin ich davon ausgegangen, dass es sich genau so anfühlen würde, wenn ein anderes Familienmitglied sterben würde, aber das tut es nicht. Ich habe immer gedacht, dass es mich umbringen würde, noch jemanden zu verlieren, aber..." Er zuckte mit den Schultern, als er daran scheiterte in Worte zu fassen, was er fühlte.
      "Ich bin froh, dich zu haben", schob er leise hinterher, bevor er einen Moment schwieg, um seinen eigenen Gedanken hinterher zu hängen. "Hast du je Football gespielt, oder blieb es beim Training?"
    • Richard

      Richard verzog etwas das Gesicht, als Caleb plötzlich von den merkwürdigen Hobbys seines Vaters erzählte. Okay, die Situation war allgemein merkwürdig, weil Richard nicht wusste, wie er ihm helfen sollte. Schweigen und Caleb ausheulen lassen war irgendwie immer die bessere Alternative, aber jetzt hatte er kaum eine andere Wahl, als dieses Gespräch zu entertainen. Dafür kamen allerlei neue Informationen an Richard.
      "Hey, Malen ist meiner Meinung nach auch ein ziemlich harmloses Hobby, aber jetzt sieh dir an, wo Hitler damit gelandet ist", antwortete er schließlich. "Vielleicht hat er auch nur gebacken um irgendwann überraschend jemanden vergiften zu können, der mit einer normalen Verkostung gerechnet hat. Vielleicht war er nicht von Grund auf böse, aber die Waagschale hat schon ziemlich in eine Richtung gezeigt, Caleb. Wer schießt auf seine eigene Familie?" Richard würde seinem Freund wirklich zu gerne jegliche Sympathie nehmen, die er noch für seinen Vater empfand. Schließlich war das der einzige Grund, wieso er jetzt ein schlechtes Gewissen hatte. Aber es wäre deutlich schlimmer, wenn er wirklich trauern würde.
      Er wusste nicht, wie er auf den Rest reagieren sollte. Caleb war offensichtlich sehr gut darin, sich selbst für Dinge die Schuld zu geben und sich für den Rest seines Lebens schlecht zu fühlen. "Basketball", murmelte er knapp. "Wieso sollte es deine Schuld sein, dass deine Schwester gestorben ist? Ich wette, das ist genauso wenig deine Schuld wie alles, das heute passiert ist" Da würde er sogar sein Leben darauf verwetten. Caleb war vielleicht etwas düster, aber nicht auf die Art, andere Menschen umzubringen oder irgendwie dazu beizutragen. Außer vielleicht er trieb jemanden in den Selbstmord, weil man sich von der allgemeinen Stimmung runterziehen ließ. Richard hatte wohl das Glück, dass er selbst pessimistisch genug war um immun zu sein.
      "Das mit dem Crashkurs, wie du mehr wie ich sein kannst, wird immer weniger zum Scherz. Du musst aufhören, über dich selbst zu denken, als wärst du immer das Problem und der Schuldige. Dein Vater hat dich völlig gebrainwashed. Meine Eltern waren auch Profis darin, mir einzureden, dass ich eine absolute Enttäuschung bin, aber weißt du was? Für manche Menschen will man eine Enttäuschung sein. Du würdest auch nicht wollen, dass Ted Bundy stolz auf dich ist"
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    • Caleb

      "Ziemlich klischeehaft", murmelte Caleb trocken, als Richard anmerkte, dass er Basketball gespielt hatte. Das ganze Gespräch war ein wenig bizarr. Richard schaffte es, ihm mit seinen vollkommen übertriebenen Vergleichen tatsächlich ein kleines Lachen zu entlocken, während Calebs Psyche langsam Stück für Stück abrutschte. Er hatte eigentlich gehofft, sich da alleine durchzuarbeiten.
      "Ich habe meine komplette Jugend damit verbracht, Ezra und Molly zu babysitten. Sie waren eine furchtbare Kombination, weil sie immer genau wussten, was sie tun und sagen mussten, damit der jeweils andere an die Decke geht und sobald man eingreifen wollte, haben sie sich zusammen gegen einen gestellt. Wenn du Ezra jetzt schon nicht leiden kannst, hättest du ihn als Kind wahrscheinlich erwürgt." Caleb musste bei dem Gedanken an ihre Kindheit trotzdem ein bisschen lächeln. Seine Eltern hatten extrem zu dem Konkurrenzdenken zwischen ihm und seinen Geschwistern beigetragen, aber es war wie mit seinem Vater - es hatte auch schöne Momente gegeben.
      "Meine Eltern sind vor ein paar Jahren mit einem ziemlich großen Stein nach Hause gekommen, der einen durch Objekte gehen lässt. Möbel, Wände...ziemlich nützlich für uns, also. Sie hatten ihn in einer Vitrine ausgestellt, damit jeder, der ins Arbeitszimmer kam, ihn direkt sehen konnte. Ich hab durchgehend das Gefühl gehabt, gleich durch den Boden zu stürzen, so als ob ich auf einer Falltür stehen würde, die jeden Moment wegklappt." Caleb setzte sich ein wenig aufrechter hin und versuchte den damit verbundenen Schmerz weiterhin zu ignorieren. Wenigstens war es aushaltbar, wenn er sich nicht bewegte.
      "Molly war die Jüngste, also hatte sie immer das Bedürfnis, möglichst schnell zu uns aufzuholen. Irgendwann hat sie sich mit Ezra über einen Einbruch gestritten, den sie geplant hatte und unbedingt durchziehen wollte. Sie ist zu mir gekommen, um sich über Ezra zu beschweren und um Hilfe zu bitten, aber ich war so genervt, dass ich sie irgendwann angeschrien habe, dass sie diesen blöden Einbruch alleine machen soll. Ich weiß nicht mal, warum ich ihr das gesagt habe. Sie hat nie irgendwas alleine gemacht, aber sie war wohl so eingeschnappt, dass sie es tatsächlich versuchen wollte. Also hat sie sich den Stein genommen. Sie war 12 und der Stein hat sofort ihren Körper überlastet, als sie ihn ausprobieren wollte." Ihr Tod war später offiziell als Herzinfarkt klassifiziert worden. Ihre Eltern hatten ihr immer ein schwaches Herz angedichtet, wenn jemand gefragt hatte. Sie waren nicht wirklich traurig gewesen, mehr enttäuscht auf Molly und ihn.
      "Ich weiß, dass es nicht wirklich meine Schuld war, aber ich habe mir immer vorgeworfen, dass ich mehr auf sie hätte aufpassen müssen. Dann ist Ezra ein paar Monate später mit dem Stein abgehauen und ich hatte das Gefühl, bei ihm genau so versagt zu haben." Caleb zuckte schwach mit den Schultern. Niamh hatte ihn irgendwann zum Psychologen gezerrt. Natürlich hatte Caleb ihm nie die volle Geschichte erzählt, aber es hatte trotzdem tatsächlich ein kleines bisschen geholfen. Zumindest wusste er nicht wo er jetzt sein würde, wenn sie es einfach ignoriert hätte. Niamh war in der Hinsicht immer besser gewesen, als er. Rabiat, aber wenigstens tat sie, was getan werden musste und schob es nicht vor sich her, so wie Caleb es immer tat.
      "Das ist natürlich nicht die offizielle Version", merkte er an, während er sich über die Augen wischte. "Ich denke nicht, dass dich je jemand darauf ansprechen wird, aber falls doch...behaupte einfach, dass ich nie drüber gesprochen habe, oder so."
    • Richard

      „Das bezweifle ich nicht. Ich muss mich jetzt auch konstant zurückhalten, ihn zu erwürgen“, erwiderte Richard. Wenn er ihn nicht erwürgt hätte, hätte er ihn damals zumindest grün und blau geschlagen. Vergleichsweise hatte Richard mittlerweile sogar ein ziemlich ruhiges Gemüt und viel Impulskontrolle. Darum spielte er auch lieber mit den Gefühlen von Leuten wie Ezra, anstatt ihnen etwas schlimmeres anzutun. Das war ähnlich befriedigend.
      Er hörte Calebs Geschichte zu und seufzte schließlich genervt, als er realisierte, dass er wie immer recht gehabt hatte. „Dir ist aber klar, dass die Verantwortung bei deinen Eltern gelegen hat und nicht bei dir, ja? Ist ja nett, dass du dich gekümmert hast — an deiner Stelle wäre ich wohl einfach abgehauen. Aber selbst wenn du das gemacht hättest, wäre nichts von dem Folgenden deine Schuld gewesen. Und die Story braucht keine offizielle Version mehr. Was soll passieren, wenn es jemand herausfindet? Nichts daran kann auf dich zurückfallen. An deiner Stelle würde ich bei MLO völlig ins Reine gehen und die Opfer-Karte ausspielen“ Es war irgendwie nervig, Calebs Selbstbewusstsein aufbauen zu müssen während Richard ganz genau wusste, wer in erster Linie dafür verantwortlich war, es geschrottet zu haben. Vor allem, wenn er ihn über Einbrüche von Kindern reden hörte, als wäre es völlig normal.
      „Und… nur, weil ich darüber sonst Schlaf verliere. Wo ist der Stein jetzt? Ezra hat ihn besser verloren, Andrew übergeben oder zu MLO gebracht, sonst könnte das mit dem Erwürgen nochmal relevanter werden“ Für einen Stein dieser Art würden sich die meisten Leute die Arme ausreißen. Richard schielte zu Caleb runter, der immernoch an ihm lehnte, sich übers Gesicht wischte und ziemlich stumm und heimlich heulte. Richard sah nur seinen Haaransatz, aber er hörte seine verweinte Stimme. Ein gigantischer Unterschied zu der lautstarken Heulattacke nach Ezras Unfall in Moskau. „Ich sag‘s nur ungern, aber wenn du willst, dass ich hier bleibe, muss ich ein neues Formular holen. Und tu nicht so, als wär‘s dir egal. Du klammerst“, murmelte er.
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    • Caleb

      "Ich meinte mehr die Presse. Ezras Verschwinden hat damals einen kleinen Aufschrei nach sich gezogen und ich weiß nicht, ob sie das wieder ausgraben, jetzt wo wir den nächsten Skandal provoziert haben." Sie standen normalerweise nicht im Licht der Öffentlichkeit. Sie waren nie aufregend genug gewesen, um es über ein paar Wirtschaftsmagazine hinaus zu schaffen, selbst wenn sie regelmäßig verklagt worden waren. Aber ein Mord war wahrscheinlich spannend genug für ein paar Journalisten, nicht?
      "Auf rein logischer Ebene weiß ich, dass mich keine Schuld trifft. Das hindert mich nur irgendwie nie dran mir doch vorzustellen was passiert wäre, wenn ich anders gehandelt hätte." Caleb seufzte, während er auf die Bettdecke starrte, vollkommen in seinen eigenen Gedanken verloren. Das war das nächste Problem in seinem Kopf. Er mochte sein Leben auf eine seltsame Art und Weise. Wenn Molly nicht den Stein genutzt hätte, wäre Ezra geblieben und hätte wahrscheinlich nie Andrew kennen gelernt. Caleb hätte wahrscheinlich ein deutlich schlechteres Verhältnis zu Niamh. Außerdem hätte er Richard nicht getroffen. Alles Gedanken, die so klangen, als ob er irgendwie froh wäre, dass Molly gestorben war, was ebenfalls nicht stimmte, aber irgendwie schwer zu verarbeiten war.
      "Ezra meint, dass er den Stein verkauft hat. Ich bin der Sache aber nicht weiter nachgegangen. Keine Ahnung, ob es überhaupt stimmt", beantwortete er Richards Frage, während er mit dem Finger unsichtbare Muster auf die Bettdecke zeichnete. "Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, Ezras Spuren zu verwischen. Ich wollte ihn zuerst irgendwie zurückholen, aber er sah ohne uns irgendwie glücklicher aus, also hab ich's gelassen. Ich hab aufgehört, als wir uns letzte Woche zerstritten haben. Strenggenommen ist das heute auch meine Schuld gewesen." Wenn das so weiter ging, brauchte er wahrscheinlich ein komplettes Team an Psychologen. Vielleicht hätte er sich das 'Ich liebe dich' von Richard schriftlich geben lassen sollen, hören würde er es wahrscheinlich wirklich nie wieder, wenn er nicht endlich aufhörte zu heulen.
      "Oh. Tut mir leid." Caleb setzte sich ein bisschen zu ruckartig wieder auf, als Richard anmerkte, dass er klammerte. Er hatte nicht ganz unrecht, Caleb hatte das abartige Verlangen, auf seinen Schoß zu klettern und ihn nicht mehr los zu lassen, bis er mit ihm nachhause gehen konnte. Was wohl die vollkommen falsche Herangehensweise an ihre Beziehung war. "Du musst nicht- Es- Du kannst bleiben, wenn du willst. Aber nur, wenn es dir nichts ausmacht. Ich- Bitte bleib?" Klang er zu hoffnungsvoll? Oder zu mitleiderregend? Caleb wusste es selbst nicht mehr, während er Richard ansah, plötzlich irgendwie seltsam nervös. Er liebte ihn. Er liebte ihre Beziehung. Aber manchmal war es irgendwie verdammt verwirrend zu entscheiden, wie er sich zu verhalten hatte.
    • Richard

      Da war es ja. Mehr hatte er garnicht hören wollen. Richard beschloss in einer Kurzschlussreaktion erstmal damit zu antworten, Calebs Kinn sanft zu greifen und ihn etwas weniger sanft zu küssen. Dann sagte er: „Hab ich mich beschwert?“ Und schließlich stand er auf. „Ich frage Ezra morgen nach dem Stein“, meinte er und hob sein Handy von dem Sessel, um es einzustecken. Er würde sich wahrscheinlich auch gleich ein Taxi nehmen, um zur Wohnung zu fahren, seine Sachen zu holen, und mit einer Tasche wieder zurückzukommen. Es war noch nicht allzu spät, vielleicht würde er besser auch schnell duschen.
      Richard drehte sich noch einmal zu Caleb herum. „Du warst nie verpflichtet, Ezra zu decken, also ist auch das nicht deine Schuld. Es ist einfach nur Andrew passiert, statt Ezra, weil es sich zeitlich verzögert hat. Aber ganz ehrlich? Das war vielleicht nicht so übel, um seinem Ego einen Dämpfer zu verpassen. Mit seinem dämlichen ‚Oh, ich bin innerhalb von zwei Wochen zum Chef einer internationalen Spezialeinheit auserkoren worden‘. Urgh. Anstrengender Kerl. Wenn du wüsstest, wie nervtötend er in der Academy war mit seinen perfekten Noten und dieser überheblich Distanz. Du hast schon irgendwie das Richtige getan“ Richard lächelte leicht, um durchblicken zu lassen, dass er das alles nur halb ernst meinte. Aber er war tatsächlich der Meinung, dass der einzige Fehler seines Freunds war, nicht genau wie Ezra schon viel früher seiner Familie den Rücken gekehrt zu haben.
      „Und jetzt fang schonmal an mir eine Liste mit Büchern zu tippen, ich werde mich nämlich an keinen einzigen Namen erinnern. Ich schätze, ich bin in einer Stunde wieder hier. Schaffst du es, in der Zeit in den Fernseher zu starren und deinen Nervenzusammenbruch nach hinten zu verschieben?“, meinte er. Vielleicht dauerte es auch länger als eine Stunde, wenn Richard erst zu Calebs Auto mit dem Taxi fuhr und dann den Rest der Strecke selbst zurücklegte. Aber er wollte den Wagen eigentlich gerne hier parken, damit er etwas mehr Bewegungsfreiheit hatte, wenn er bei Caleb blieb. Vielleicht waren es 1,5 Stunden, aber Caleb würde sich in der Zeit schon irgendwie ablenken können, oder? Hauptsache er machte kein Drama, wenn niemand hier war, um ihm die Flausen aus dem Kopf zu reden.
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    • Caleb

      Den Kuss hatte er eindeutig gebraucht und das Ausheulen...vielleicht auch. Zumindest fühlte Caleb sich irgendwie ein bisschen ruhiger. Nicht ganz so ruhig, wie er sich nach einem ordentlichen Heulkrampf normalerweise fühlte, aber nah dran und das müsste für den Moment reichen. Er konnte sogar wieder ein wenig Lächeln, als Richard sich über Andrew aufregte, gerade so, als ob er nicht gerade maßgeblich an dessen Rettung beteiligt gewesen wäre.
      "Vielleicht sollten wir beim nächsten mal über deine Probleme reden", merkte er ein wenig amüsiert an, auch wenn das alles wenig daran änderte, dass er sich selbst die Schuld gab. Ezra hatte ihm vorgeworfen, ein furchtbare Person zu sein und er hatte nichts besseres zu tun gehabt, um ihm das sofort zu bestätigen. Gott, vielleicht war es wirklich ganz gut, dass Richard über Nacht blieb. Wenigstens konnte er sich so ein wenig ablenken.
      "Du brauchst keine Liste. Ich sammel meine ungelesenen Bücher im Wohnzimmerregal. Ganz links, das Fach auf Augenhöhe. Meine Augenhöhe, nicht deine. Nimm einfach zwei davon, oder so." Er hatte keine Ahnung, wie lange er hier sein musste und wie viel Zeit er zum Lesen finden würde, aber er war lieber etwas zu gut vorbereitet, als zu schlecht. "Und du kannst das Tablet mitbringen, wenn du schon mal nach Hotels suchen willst." Mehr brauchte er vorerst nicht, wenn Richard eh über Nacht bleiben wollte.
      "Oh und Richard?", hielt er ihn zurück, als selbiger gerade gehen wollte, "Danke fürs Zuhören. Es tut mit leid, dass im Moment alles so anstrengend ist. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde."


      Oliver

      Der kleine Pub, in dem sie heute auftreten würden, war überraschen gemütlich. Oliver war vorher noch nie hier gewesen. Sameer hatte den Gig organisiert und Oliver hatte keine Zeit gehabt, vorher vorbeizukommen, um sich alles anzusehen. Der Pub bestand aus einem großen Raum, einer großen, rustikalen Bar an der linken Seite und ein paar verteilten Sitzplätzen. Vor Kopf stand eine kleine "Bühne", ein Podest, das gerade groß genug für eine Band war und vielleicht gerade mal einen halben Meter hoch. Oliver war sich nicht sicher, wie die Aufteilung sonst war, aber der Bereich vor der Bühne war leer, damit man tanzen konnte. Es herrschte eine wirklich angenehme Wohnzimmeratmosphäre.
      Das Publikum war bisher ziemlich durchmischt. Ein paar Leute sahen gespannt beim Soundcheck zu, während andere vollkommen in ihre Gespräche vertieft waren. Man konnte witzigerweise irgendwie erkennen, wer wegen der Livemusik hier war und wer nur zufällig vorbeigeschaut hatte. Sie hatten keinen eigenen Raum irgendwo hinter den Kulissen. Ihr Equipment hatten sie in einem kleinen Lagerraum abgestellt und alles andere passierte direkt auf der Bühne. Oliver liebte alles daran.
      Marcelina war gerade mit dem Soundcheck für ihr Schlagzeug beschäftigt. Jeder Ton wurde von einem begeisterten "Woohoo!" aus dem Publikum begleitet, was ihn vermuten ließ, dass doch ein paar ihrer Freunde den Weg in den Pub gefunden hatten. Sameer hing an der Bar. Jordan saß am Rand der kleinen Bühne und war in sein Handy vertieft. Eigentlich war er zum Filmen, Fotos machen und zur generellen Unterstützung mitgekommen, aber offenbar war gestern irgendwas bei irgendeinem reichen Typen in Irland abgegangen, was eventuell einen Artikel wert war. In der Hinsicht war Jordan ein kleiner Workaholic. Was Oliver umso glücklicher machte, dass er trotzdem hier war.
      "Und? Gibt es irgendwas Neues? Ist er wiederauferstanden, oder so?" Oliver spielte mit dem Mikro in seinen Händen, während er sich neben Jordan setzte und einen Blick auf sein Display warf. Eigentlich wartete er nur auf seinen eigenen Soundcheck, bevor sie endlich anfangen würden.
      "Nope. Das wäre verdammt gruselig. Aber ein ziemlich guter Artikel. Ich glaube, dafür würde ich dann doch das Konzert sausen lassen." Jordan grinste ihm kurz entgegen, bevor er wieder auf sein Handy sah. "Es ist ein seltsamer Fall, aber irgendwie reizt es mich nicht, was drüber zu schreiben. Wir sind eh zu weit weg für eine Vor-Ort-Recherche und alle anderen Infos kann man auch in jeder beliebigen Zeitschrift finden." Er zuckte kurz mit den Schultern, bevor er das Handy vorerst wieder wegsteckte. "Läuft alles?"
      "Jepp. Uns fehlt noch der Soundcheck vom Mikro und dann können wir anfangen." Oliver lächelte, bevor er kurz ein wenig nervös wurde. "Hey, falls Alexis vorbeikommen sollte-"
      "Ich werd keine Szene machen." Jordan verdrehte die Augen. Die letzten Tage waren furchtbar seltsam gewesen. Oliver hatte sich nochmal übermäßig bei Alexis entschuldigt und Jordan versichert, dass sie nur Freunde waren. Jordan schien nicht sonderlich überzeugt zu sein, aber am Ende hatte er zumindest ein kleines bisschen nachgegeben und eingesehen, dass Oliver keine Intention hatte, ihm fremdzugehen. Außerdem hatte Oliver ihn diesmal ordnungsgemäß vorgewarnt, dass er Alexis eingeladen hatte. Jordan war alles andere, als begeistert gewesen, aber am Ende hatten sie sich einfach darauf geeinigt, dass sie beide ein wenig Abstand von ihm halten würden. Würde schon alles irgendwie gut werden, nicht?
    • Richard

      „Mal sehen, ob ich das hinkriege. Keine Beschwerden, wenn es dann das falsche ist“, kommentierte Richard noch und wandte sich zum Gehen. Er hatte kein zu gutes Gewissen dabei, Caleb allein zu lassen, aber das musste jetzt nunmal sein. Er stockte nur, als sein Freund nochmal seinen Namen sagte. Und wie er stockte. Er fror kurz sein.
      „Musst du nicht wissen. Ich bin gleich wieder da“, sagte er schließlich, was sich natürlicher anfühlte, als gedacht. Nein, er hatte nicht vor, zusätzlich zu Calebs Stress beizutragen. Richard spürte zwar eine seltsame Art… Panik, oder so etwas, in seiner Brust aufsteigen, wenn er darüber nachdachte, seine Worte womöglich nicht ganz ernst meinen zu können und Caleb letztlich zu enttäuschen. Aber er konnte mit diesem Gefühl nicht viel anfangen. Er musste es zwangsläufig ignorieren.
      „Wir sehen uns später“

      Alexis

      Vor ein paar Stunden erst hatte Alexis sich von Oliver in seiner Praxis verabschiedet und nun würden sie sich gleich wieder sehen, zum ersten Mal bei einem seiner Konzerte, von denen Alexis gesprochen hatte, als wäre es sein einziges Ziel im Leben, sich eines davon mal anzusehen. Und jetzt? Er war sich nicht sicher, ob er es über sich bringen würde, zu gehen. Er stand fix und fertig vor seinem Spiegel, als es an der Tür klopfte, und er endgültig kaum eine Wahl mehr hatte. Als er öffnete, stand Florin ihm in seiner üblichen Aufmache gegenüber. Piercings wohin das Auge reichte, die Tattoos auf den Armen mit einem Netz-Shirt freigelegt und die Haare seitlich geflochten und in einen hohen Zopf gebunden. Der heutige Abend war ganz nach seinem Geschmack.
      „Ist dir so warm?“, fragte Alexis skeptisch und zögerte auf einmal mit der dünnen Lederjacke in seiner Hand.
      „Wir haben Mai. Du wirst nicht erfrieren. Du trägst einen Pullover“
      Guter Punkt. Alexis hängte seine Jacke zurück und musste sich eingestehen, dass er nervös und völlig durch den Wind war.
      „Hey, kommst du? Ich hätte dich angerufen, aber aus irgendeinem Grund hatte ich schon halb damit gerechnet, dich persönlich zum Auto zerren zu müssen“, meinte Florin und klang deutlich entspannter als seine Wortwahl es suggerierte. Er zückte sein Handy. Dann hielt er es Alexis vor die Nase. „Schau. Sie bauen schon auf“, sagte er. Tatsächlich. Alexis sah sich ein Foto in der Instagram Story der Band an.
      „Okay. Okay. Nein- warte“ Alexis stockte in jeder Bewegung, weil sein Gehirn seltsamerweise dagegen ankämpfte, seine Wohnung zu verlassen. Er drehte sich herum, lief ins Badezimmer, sprühte sich mit einem Petrichor-artigen Parfum ein und kam schließlich schnell zurück. Er zog die Wohnungstür so schnell hinter ihnen zu, dass er seinen Bruder beinahe umrannte, aber er musste sich beeilen, damit er es sich nicht anders überlegte.
      „Weißt du… Keine Ahnung, ob es daran liegt, dass ihr zusammen arbeitet, aber du verhältst dich wirklich absolut eigenartig und ich will eigentlich garnicht wissen, wieso, aber… Halte die… allgemeine Peinlichkeit heute Abend vielleicht auf einem Minimum?“, brachte Florin endlich hervor, was ihm vermutlich schon länger durch den Kopf gegeistert war. Vermutlich war diese Direktheit aber genau, was Alexis gerade brauchte, um sich in den Griff zu bekommen und vor Jordan normal zu verhalten. Diese Situation von vorgestern bereitete ihm noch immer Magenschmerzen.
      „Ich versuch‘s“, antwortete Alexis einfach knapp. Es hatte keinen Sinn, seinem Bruder die ganze Geschichte zu erzählen, wenn er selbst mit Oliver befreundet war. Jede mögliche Schwachstelle, die Oliver herausfinden lassen könnte, dass Alexis wirklich Gefühle für ihn hatte, musste vermieden werden. Und Florin hatte für Liebestratsch ohnehin nie viel übrig gehabt. Sein Ratschlag wäre wohl, es einfach ‚zu lassen‘.

      Als sie im Pub ankamen, fing Olivers Band der Stimmung nach wohl gleich an zu spielen. Was wunderbar war, weil das bedeutete, dass sie sich höchstens am Ende des Auftritts kurz sprechen würden und Jordan bestimmt auch zu beschäftigt damit war, Fotos zu machen, oder so. Hauptsache niemand bekam möglichst lange mit, dass Alexis da war. Nur Florin schien aufzufallen, dass Alexis versuchte, sich Mauerblümchenmäßig in eine Ecke zu verkriechen. Er folgte ihm irritiert.
      „Hey. Du willst nicht, dass er dich sieht? Aber du meintest, Oliver hat dich eingeladen. Ein bisschen Support wäre da schon angemessen“, konfrontierte er ihn sofort, als Alexis endlich eine passende Ecke gefunden hatte.
      „Oh… Ich sage später Hallo. Mir ist nicht so danach, in der Menge unterzugehen“
      Florin drehte stirnrunzelnd einmal den Kopf und sah zurück zu Alexis. „Du tust so, als wären wir in einer Konzerthalle. Hier wird kein Moshpit ausbrechen. Ernsthaft, verhalte dich normal. Ich weiß schon, Psychologen habe alle einen Knacks und so, aber du machst mir Sorgen. Ihr habt euch nicht gestritten, oder? Ich verzeih‘ dir das absolut nicht, wenn du mich da reinziehst obwohl ich entspannt zu meinem anderen Konzert hätte gehen können.“
      Alexis seufzte angestrengt. „Nein, kein Streit, aber zugegeben ist die Stimmung ein bisschen seltsam. Egal. Mach dir keine Gedanken, es wird alles okay sein. Mir ist nur wirklich nicht danach, in der Masse zu stehen“, versuchte er zu erklären.
      „Schön. Ich hol mir was zu trinken und kämpfe mich nach vorne zu Jordan durch, um ihn zu begrüßen. Bin bald wieder da“ Florin warf ihm noch einen letzten skeptischen Blick zu, bevor er ging. Ziemlich genau in der selben Sekunde zuckte Alexis etwas zusammen, weil das Klacken der Drum Sticks erklang und einen Ton später die Musik laut startete. Erst jetzt wagte Alexis einen ordentlichen Blick auf die Bühne und… es war sofort unmöglich, ihn wieder abzuwenden. Oliver ging in diesem Bild richtig auf. Er strahlte förmlich. Das hätte Alexis beinahe verpasst.
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    • Oliver

      Auftritte wie diese waren jedes mal ein kleines Abenteuer, weil jede Bar immer ein wenig anders drauf war, als die anderen. Bei ihrem letzten Auftritt hatten sie eine Art 'Moderator' an die Seite gestellt bekommen, der sie an- und abmoderiert hatte. Hier hatten sie nicht mehr als ein "Ihr packt das schon" bekommen und waren vollkommen auf sich allein gestellt. Nichts, was sie nicht hinbekamen, natürlich. Mittlerweile hatten sie eine ganze handvoll Routinen, die sich wunderbar an jede Kleinigkeit anpassen konnten. Das einzige, was Oliver störte, als sämtliche Checks abgeschlossen waren und sie das Okay für den Start bekamen, war, dass er Alexis nirgends sehen konnte.
      Okay, bei der kleinen Traube an Menschen, die sich mittlerweile vor der Bühne versammelt hatte, war es sowieso ein wenig schwer, einzelne Personen wahrzunehmen, aber irgendwie bereitete ihm das Bauchschmerzen. Er hatte wirklich gehofft, dass seine Entschuldigung ausgereicht hatte und zwischen ihnen alles wieder gut genug war, als dass Alexis ohne Bedenken zum Konzert kommen könnte. Dieser blöde Zwischenfall war zu dämlich gewesen, um darüber eine gute Freundschaft zu ruinieren, oder? Oliver wusste immer noch nicht, was Jordan geritten hatte, um so blöde Anschuldigungen in den Raum zu stellen. Alexis und er kannten sich seit Jahren, wenn auch sie als Kinder zugegebenermaßen nicht so viel miteinander zu tun gehabt hatten, und sie arbeiteten zusammen. Natürlich wirkten sie sich da vielleicht einfach etwas näher. Jordan musste einfach einen schlechten Tag gehabt haben. Eifersucht war sonst eigentlich überhaupt nicht sein Ding. Was auch besser so war, weil sie den Auftritt nach einem kleinen Nicken und leisem Anzählen mit einem Liebeslied an Sameers Freundin begannen.
      Sameer war von Anfang an ein brillanter Texter, aber miserabler Sänger gewesen. Sie hatten zusammen darüber gelacht, als er Oliver letztes Jahr das Lied vor die Nase gelegt und gefragt hatte, ob er es singen könnte. Jordan hatte mit ihnen Witze darüber gemacht und sich nie irgendwie beschwert, oder auf nur einen Hauch von Eifersucht angedeutet. Der Song wurde seitdem immer mal wieder auf ihren Shows gespielt, wenn Hannah, Sameers Freundin, im Publikum war, so wie heute. Er war der perfekte Opener - laut, rockig und schon nach dem ersten Hören des Refrains leicht mitzusingen.
      Der erste Song des Abends war immer Olivers Favorit. Mit ihm stand und fiel immer alles - schaffte man es, das Publikum mitzureißen, oder war es so desinteressiert, dass es ging? Wurde mitgesungen? Änderte sich die Stimmung schlagartig, oder musste man den Zuhörern erst noch etwas Zeit geben, um sich auf die Musik einzustimmen? Heute Abend lief alles absolut perfekt. Die ersten Töne erklangen und das Publikum jubelte. Oliver kam aus dem Grinsen nicht mehr raus, bevor er sich darauf konzentrierte, seinen Einsatz nicht zu verpassen.
      Die Stimmung war gut, als das erste Lied endete. Oliver überspielte die kleine Pause zur Feinjustierung von Marcelinas Schlagzeug, indem er die Band vorstellte und sich bei dem Pub für die Möglichkeit bedankte, auftreten zu dürfen, bevor er in das nächste Lied überleitete. Er nahm die Menge an Menschen vor sich kaum wahr. Er sah Jordan nur, weil er immer an dem selben Platz links von der Bühne stand, um Videos und Fotos zu machen. Florin war bei ihm, was wahrscheinlich bedeuten musste, dass Alexis auch da war, oder? Florin war definitiv nicht alleine hier, wenn er eigentlich andere Pläne gehabt hatte. Oliver zwang sich, diese Überlegung vorerst zu ignorieren, während er diesmal tatsächlich seinen Einsatz verpasste und mit einem kleinen Lachen eine Zeile später einstieg. Gitarre zu spielen war mittlerweile reine Mucsle-Memory, aber die Einsätze für den Gesang würden ihm irgendwann das Genick brechen.
      Zum Glück war das sein einziger kleiner Fehler an dem Abend. Dafür konnte er hören, dass Marcelina zwischendurch einen Drumstick wechseln musste, weil ihrer offenbar gebrochen war. Wäre auch untypisch, wenn ihr Auftritt vollkommen reibungslos abgelaufen wäre. Ihr Set war nur eine Stunde lang, weil nach ihnen, nach einer kleinen Pause, wohl noch eine zweite Band auftrat, aber sie nutzten die Zeit so gut, wie es ging. Sie schafften fast eine Punktlandung. Als sie von der Bühne gingen, hatten sie lediglich fünf Minuten überzogen, waren ein wenig verschwitzt und Oliver fast ein bisschen heiser. Vielleicht sollte er wirklich mehr Lieder an Marcelina abgeben, die direkt neben der Treppe zur Bühne stehen blieb um sicherzugehen, dass ihr Schlagzeug richtig abgebaut wurde. Sameer und Oliver stellten Gitarre und Keyboard schlicht in den kleinen Abstellraum, bevor Sameer sich verabschiedete und die Bar ansteuerte, um seine Freundin zu suchen und Oliver die Augen nach Jordan offen hielt. Und Alexis und Florin. Wenigstens einen der dreien würde er ja wohl in dem kleinen Raum ausfindig machen können, nicht?
    • Alexis

      Es war brutal. Oliver dabei zuzuhören, wie er über die Augen irgendeines hübschen Mädchens sang, war die Folter des Jahrtausends. Er strahlte, er klang hervorragend und der Text war wunderschön. Und Alexis entdeckte über die Menge hinweg seinen Bruder, der noch bei Jordan stand, welcher eine Kamera in den Händen hielt und seinem perfekten Freund eine perfekte Unterstützung war. Alexis hatte sich in seinem Leben selten so lächerlich und so unglaublich Fehl am Platz gefühlt. Jedes einzelne Gefühl, das im Laufe dieses Songs in ihm hoch kam, sorgte für pure Scham. Er hatte hier wirklich absolut nichts verloren, er kannte Oliver noch nicht einmal genug dafür, um so an seinen Lippen zu hängen und doch wollte er auf keinen Fall gehen. Er zögerte seinen unpassenden Aufenthalt hier genauso heraus wie seinen unerwünschten Aufenthalt in Olivers Leben. Wenn Florin ihm damals einfach die offene Stelle in der Praxis nicht empfohlen hätte… Aber zum Glück hatte er es getan. Und verdammt, Alexis konnte sich zeitgleich nichts schlimmeres vorstellen.
      Als Florin in der Pause zum zweiten Song zurückkam und Alexis aus seiner Trance riss, indem er ihm ein kaltes Bier in die Hand drückte, fühlte er sich bereits so schlecht, dass er seinem Bruder kaum in die Augen sehen konnte. Die beiden waren tatsächlich Kindheitsfreunde, Florin hatte einen berechtigten Platz in Olivers Leben und Alexis war das seltsame Anhängsel, das es endlich auf die Reihe bekommen musste, auf Distanz zu bleiben und andere ihr Leben in Frieden leben zu lassen.
      „Du siehst übel aus“, kommentierte Florin und nippte an seinem Mate.
      Alexis hatte darauf keine Worte. Er war wie eingefroren, während er im Hintergrund das Lachen auf Olivers Lippen in seinen Worten hören konnte, als er die Bandmitglieder vorstellte.
      „Jordan war seltsam überrascht, mich zu sehen“, sprach Florin weiter. Irgendwie, als würde er etwas aus Alexis herauskitzeln, ohne es richtig wissen zu wollen.
      „Ach…ja? Ich hab nicht Bescheid gesagt, dass du mitkommst. Hast du Oliver nicht geschrieben?“, fragte Alexis zurück.
      „Ich hab tausende ungelesene Nachrichten und hatte heute keine Zeit, die Frage nach dem Bungeejumping oder Höhlentauchen zu beantworten, wollte sie aber auch nicht übergehen, also hab ich nichts geschrieben. Vielleicht hätte ich anrufen sollen, aber ich dachte, nachdem ihr euch jeden Wochentag seht, kommt das Thema vielleicht eh auf. Also, dass ich mitkomme. Auch, wenn das wahrscheinlich trotzdem nicht die Überraschung wert ist. Ist nicht das erste Mal, dass ich bei einem von Olivers Konzerten auftauche“, meinte Florin. Okay, das klang ziemlich nach ihm. Alexis wusste nicht, warum er erwartet hatte, dass er sein Handy benutzte, wenn er es meistens systematisch vermied.
      „Ja…“, sagte Alexis etwas abwesend während er endlich darüber nachdachte, wie seltsam es wäre, Jordan zu begrüßen, nachdem Florin eben alleine vor ihm aufgetaucht war. Als würde er sich vor ihm verstecken. Was er irgendwie… nein, nicht irgendwie. Was er absolut tat. Alexis seufzte. „Schön. Jordan und ich haben ein kleines Problem miteinander. Frag nicht, worum es geht. Ich regle das bald“, sagte er endlich.
      Florin sah skeptisch aus. „Ein Problem? Ich kenne keine zwei Menschen, die Konflikten besser aus dem Weg gehen. Wie soll das bitte passiert sein?“
      „Stell keine Fragen, auf die du keine Antwort haben willst“ Alexis war erschöpft. Er hätte weder seinen Bruder einladen noch selbst herkommen sollen. Seine… Lösung für das Problem mit Jordan war immerhin eine, die dazu führen würde, dass er Oliver definitiv nie wieder sah, und im schlimmsten Fall machte er es auch noch für Florin unangenehm, weiterhin mit ihm befreundet zu sein, falls Jordans Hass auf die gesamte Blutlinie ausarten sollte. Die einzige richtige Entscheidung war eigentlich, sofort das Land zu verlassen. Aber er hatte es ja nicht einmal geschafft, Oliver bei der Arbeit etwas aus dem Weg zu gehen oder, Gott bewahre, nicht mit ihm Essen zu gehen. Alexis brauchte dringend einen eigenen Psychologen.
      „Ich halte mich raus, wenn dein Gesicht wieder Farbe kriegt, aber sonst bin ich auf deiner Seite. Vermutlich. Okay, nimm mich nicht beim Wort. Oh- der nächste Song fängt an“ Florin reihte sich etwas drängend neben Alexis ein und beide ihrer Blicke fielen erneut auf die Bühne. Klasse. Diese Schuldgefühle würden nie ein Ende finden.
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