The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Ezra

      "Du weißt aber schon, dass du auf die ganzen Leitern musst, wenn ich nicht darf, oder?", neckte Ezra lächelnd, während er vor seinem inneren Auge schon mitten in der Renovierung steckte. Die Kinder würden sich ihre Zimmer natürlich selbst aussuchen dürfen, auch, wenn sie Max wahrscheinlich erst davon überzeugen mussten, dass nichts passieren würde, wenn sie alle in unterschiedlichen Zimmern schliefen. Dafür wäre Max mit seiner Kombi aus grün und Dinos wahrscheinlich am einfachsten zufrieden zu stellen. Niko stelle er sich etwas schwieriger und deutlich unvorhersehbarer vor. Wer wusste schon, was in dem kleinen Kinderkopf vor sich ging, aber er würde genau das bekommen, was er sich aussuchen würde. Wen kümmerte es schon, wenn alle vier Wände am Ende unterschiedliche Farben hatten? Elli war sowieso darauf angewiesen, dass sie etwas für sie aussuchten, aber Wände ließen sich ja wieder und wieder streichen. Vielleicht würden ihre Zimmertüren bunt werden. Irgendetwas fröhliches und freundliches. Er wollte Andrew schon fragen, welche Farbe ihre Schlafzimmertür haben sollte, als sein Freund ihn wieder wunderbar zurück auf den Boden der Tatsachen zog.
      "Stimmt. Ja. Soll ich kochen und du schaust dir schon mal deinen Vortrag an?" Sie waren beide immer noch keine Meisterköche, aber zumindest die Basics wurden langsam doch zur Routine. Was nett war, immerhin war das ganze Bestellen von Essen rückblickend betrachtet wirklich ungesund gewesen. "Du kannst die Liste gerne laut vorlesen und ich...vermenschliche sie etwas, oder so." Er liebte Andrew mehr, als jeden anderen Menschen auf diesem Planeten, aber selbst Ezra musste zugeben, dass 'schonend' nicht unbedingt ein Wort war, das zu Andrew passte. Er tippte Elli kurz auf den Bauch, was sie dazu brachte, sich kichernd gegen Andrew fallen zu lassen, bevor er aufstand und zum Kühlschrank ging um zu sehen, was sie überhaupt noch da hatten. Ihm wurde schmerzhaft bewusst, dass er eigentlich mit Einkaufen drangewesen war. Hoffentlich war er nicht eine der fragwürdigen Entscheidungen, die Andrew getroffen hatte.
      "Wir haben zumindest noch ein bisschen Gemüse übrig. Huhn? Reis?" Er sah kurz über seine Schulter zu Andrew zurück. Vielleicht hätte er seinen ganzen Ärger auf Caleb auch auf morgen schieben sollen. Dann wären sie jetzt zumindest deutlich konzentrierter auf Andrews Übernahme als Leitung.
    • Andrew

      Andrew lachte, weil er es irgendwie witzig fand, dass Ezra dachte, er hätte die Zeit gehabt sich einen Vortrag zu schreiben. Nein, er hatte nur eine Liste mit losen Ideen, die er meistens aufgeschrieben hatte, wenn ihn gerade wieder etwas an MLO geärgert hatte. „Ich kann dir gerne einfach der Reihe nach erzählen, was mich alles in den Wahnsinn getrieben hat und geändert werden muss, ja. Von einem Vortrag sind wir weit entfernt“, sagte er, nahm aber dennoch sein Handy in die Hand, um Ezra die Notizen vorzulesen. Er vertraute darauf, dass sein Freund für alles nettere Worte finden konnte, aber er wusste nicht, ob er sich morgen auch daran halten konnte. Improvisation war in letzter Zeit Andrews bester Freund.

      Sie waren recht schnell mit der Abendroutine durchgekommen, was gut war, weil Andrew während dem Essen schon kurz vorm Einnicken gewesen war und Niko ihn — vermutlich — ausgelacht hatte. So genau konnte Andrew das noch immer nicht sagen. Das Gute war, dass es noch garnicht wirklich spät war, als sie ins Bett fielen. Andrew hatte sich sein Satinhemd ein Stück aufgeknöpft bevor er mit einem Seufzen ins Bett rollte und sich zu Ezra herumdrehte. Wenigstens das blieb gleich, egal was passierte. Ezra war am Abend das letzte, das er sah.
      „Wie war dein Tag sonst so, abgesehen von der Hiobsbotschaft?“, murmelte Andrew und streckte einen Arm aus um kurz durch Ezras blonde Strähnen zu streichen. Für ihn war es noch immer keine Hiobsbotschaft, aber es war besser, wenn sie davon nicht nochmal anfingen. Er wollte noch kurz am irhemdetwas angenehmes denken, wenn es möglich war.
      „Wie kommt Max mit Liz klar? Wir sollten versuchen, ihn in die selbe Schule zu bekommen, wie sie, damit er jemanden kennt“, meinte er und schaffte es noch nicht einmal zwei Sekunden lang seine To-dos zu vergessen.
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    • Ezra

      Die Liste war tatsächlich relativ lang gewesen, aber machbar. Auf die meisten Punkte wäre Ezra selbst nie gekommen, aber Andrew hatte in der Hinsicht ja zum Glück relativ gutes Vorwissen. Im Grunde unterschied sich MLO gar nicht soo sehr von einem Dezernat, oder? Die Aufgaben unterschieden sich etwas und man konnte nicht so offen agieren, aber die Grundstrukturen waren gleich. Durchsetzt mit ein paar lockeren Formulierungen würde das schon werden. Selbst Elli gab ab und an ein paar brabbelnde Kommentare ab, während sie sich bemühte, möglichst ernst auszusehen, was Ezras Laune entschieden hob.

      Der restliche Abend verlief überraschend normal. Niko beschwerte sich darüber, ins Bett zu müssen nur um in dem Moment einzuschlafen, als sein Kopf das Kopfkissen berührte. Max griff auffällig unauffällig zur Taschenlampe, nachdem sie ihm gesagt hatten, dass er sein aktuelles Kinderbuch auch morgen weiterlesen könnte und jetzt ins Bett musste und Elli begann fröhlich eines ihrer Kuscheltiere durch ihr kleines Gitterbettchen zu werfen, als sie das Licht im Wohnzimmer ausschalteten. Ezra warf einen letzten prüfenden Blick zurück, bevor er die Tür hinter sich zuzog und sich ein Lachen verkneifen musste, als er das Klicken von Max' Taschenlampe hörte.
      Ezra hatte das Gefühl, viel zu wach zu sein, als er in sein eigenes Bett stieg. Sein Kopf verarbeitete immer noch den Tag, ging die selben Stellen immer wieder und wieder durch. Nicht nur den Streit, auch sein Gespräch mit Andrew danach. Sie hatten im Moment wirklich viel zu tun. Irgendwie liefen alle ihre Probleme zeitgleich und vollkommen durcheinander ab und Ezra wünschte sich nichts mehr, als mit den Fingern zu schnipsen und sofort alles besser machen zu können, aber das war leider vollkommen unmöglich.
      "Überraschend normal", beantwortete er die Frage, während er seinen Kopf leicht in die Richtung von Andrews Hand lehnte. Diese kurzen Momente vor den Schlaf und nach dem Aufwachen war alles, was sie im Moment wirklich für sich hatten. Ein weiteres Problem, das er nicht lösen konnte.
      "Ich glaube, Max freundet sich langsam mit Liz' unbändiger Energie an. Wahrscheinlich hilft es, dass er durch Niko eh schon desensibilisiert ist, was das angeht." Ezra lachte leise, während er seinerseits eine Hand ausstreckte, um über Andrews Wange zu streichen. Er hatte eben bemerkt, dass sein Freund schon fast im sitzen eingeschlafen wäre. Nachvollziehbar. Andrew stemmte so verdammt viel. Wenn Ezra könnte, würde er ihm am liebsten einfach alles abnehmen. Hatten sie sich doch zu vorschnell in das alles reingestürzt? Wenn Andrew schon anfing, von fragwürdigen Entscheidungen zu sprechen...
      "Bist du glücklich? Sei ehrlich." Die Frage hatte in Ezras Kopf irgendwie netter geklungen, aber das änderte nichts an der leichten Sorge, die über die letzten Stunden hinweg in ihm aufgestiegen war. Was, wenn das alles zu viel war?
    • Andrew

      „Das ist gut“, schmunzelte Andrew. Er machte sich irgendwie Sorgen, dass Max keine Freunde finden würde, wenn er so wenig sprach und nur an seinen Geschwistern klebte. Andrew hatte als Kind die meisten Freunde auch nur gehabt, weil sie Nachbarskinder gehabt und seine Eltern nachgeholfen hatten, und er wollte Max zu nichts zwingen, aber er verstand langsam, warum seine eigenen Eltern so motiviert gewesen waren. Andrew wollte auch nicht, dass Max einsam war, oder niemanden hatte, wenn Niko und Elli ihre eigenen Freunde fanden.
      Er wollte gerade amüsiert anmerken, dass sie sich um Niko ja keine Sorgen machen mussten was das anging, als Ezra ihm mit einer einzigen Frage das Lächeln aus dem Gesicht wischte. Ob er glücklich war? Darüber hatte er ehrlich gesagt wenig nachgedacht, aber so aus dem Stegreif: Er hatte alles, was er wollte, und bald alles was er brauchte. Also, ja. Aber woher kam die Frage? Wirkte er unglücklich? Oder war das ein Wink mit dem Zaunpfahl.
      Andrews Müdigkeit verabschiedete sich augenblicklich, oder zumindest fühlte es sich so an. Er richtete sich ein wenig auf und starrte Ezra an. Er wollte Andrew nicht mitteilen, dass er unglücklich war, oder? Hatte er sich wirklich zu wenig um ihre Beziehung gekümmert? Oder war das mit den Kindern eine schlechte Idee gewesen? Aber vorhin hatte Ezra noch gemeint, dass es eine gute Entscheidung war. Also… was war es? Hatte er sich alles einfach anders vorgestellt?
      Andrew antwortete mit einer Gegenfrage. „Was ist los?“, fragte er und war so angespannt, dass er am liebsten aufstehen wollte. „Bist du nicht glücklich? Ist es der Job? Oder weil ich die ganze Zeit arbeite? Oder… Ich hab ja gesagt, dass ich furchtbar darin wäre, mich um Kinder zu kümmern, aber ich versuche wirklich, alles zu lernen, das man irgendwie wissen muss“ Okay, er musste sich doch aufsetzen. Andrew fuhr sich gestresst durch die Haare und ließ Ezra keine Chance, ihn zu unterbrechen.
      „Ich weiß, dass ich zu beschäftigt bin. Ich frag mich die ganze Zeit, ob es irgendeine effizientere Methode gibt, um alles zu regeln, weil andere Menschen es ja auch irgendwie schaffen, aber ich hab so viel zu tun, dass ich nicht mehr über Methoden nachdenken kann“ Er sah zurück zu Ezra. „Du willst die Kinder nicht zurückgeben, oder?“, fragte er etwas schockiert. „Ich glaube nichtmal, dass das geht. Und wenn es geht, ist es echt grausam. Ich könnte Harald immernoch bitten, jemand anderen zum Nachfolger zu machen, damit ich weniger arbeiten muss, und mich mehr kümmern kann. Außer ich bin das Problem. Wenn ich das Problem bin, musst du es mir echt ins Gesicht sagen, weil ich sonst nie draufkomme. Ich weiß, das ist scheiße, und ich wünschte ich könnte Gedankenlesen, aber…“ Er holte kurz Luft. Warum hatte er das Gefühl, als hätte sein Lungenvolumen sich geviertelt? Weniger Reden, mehr Atmen. Er drehte sich wieder nach vorn und starrte auf die Decke auf seinen Beinen. Weniger Reden, mehr Atmen.
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    • Ezra

      Vielleicht sollte er endlich anfangen erst zu denken und dann den Mund auf zu machen. Das war definitiv nicht seine Absicht gewesen. Eigentlich war das das genaue Gegenteil von dem, was er erreichen wollte. Er hatte Andrew Stress nehmen wollen, nicht zusätzlichen verursachen. Aber Andrew ließ sich in einem kleinen Monolog nicht stoppen, egal wie oft Ezra versuchte, ihn zu unterbrechen. Es war nie ein gutes Zeichen, wenn Andrew mehr redete, als er. Vor allem, wenn er so einen Blödsinn redete. Als ob Ezra auch nur ansatzweise unzufrieden mit seinem Leben sein könnte!
      “Andy”, setzte Ezra an, als Andrews kleiner Nervenzusammenbruch offenbar eine Pause einlegte. Er setzte sich ebenfalls auf, um seinem Freund beruhigend - hoffentlich beruhigend - über den Rücken zu streichen. “Ich bin glücklich. Mehr als glücklich. Ich liebe dich und die Kinder. Ihr seid meine Familie und ich würde keinen von euch je wieder hergeben. Aber ich habe das alles immer gewollt. Das hier war immer mein Traum. Mit…einem größeren Haus und vielleicht ohne den Streit mit Cal- ach, du weißt, wie ich das meine.” Er lächelte kurz, während er mit seinem Knie gegen Andrews stieß.
      “Ich mache mir ehrlich nur Sorgen um dich. Es ist so viel los und- Anfang des Jahres wusstest du ja nicht mal, ob du überhaupt Kinder willst. Aber du bist ein wundervoller Dad! Red dir nichts anderes ein! Überraschend sexy, wenn ich ehrlich bin, aber-” Struktur. Er brauchte dringend Struktur in seinen Gedanken.
      “Es ist im Moment nur so viel los”, wiederholte er, um sich selbst wieder zurück zum Wesentlichen zu bringen. “Das Haus, die Kinder, der Job - ich würde dir gerne so viel Arbeit abnehmen, aber ich weiß nicht, wie und ich hab Angst, dass es dir einfach irgendwann zu viel werden könnte. Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn mein perfektes Leben zu deinen Lasten gehen würde.” Er hörte auf, Andrew über den Rücken zu streichen und griff stattdessen nach seiner Hand. “Ich hab es furchtbar formuliert, aber eigentlich wollte ich nur einen…Zwischenbericht, oder so.” Andrew schien ja selbst zu bemerken, dass er sich langsam aber sicher überarbeitete. Nicht, dass sich Ezra grundlegend daran stören würde. Er hatte gewusst, dass Andrew ein Workaholic war, bevor sie zusammengekommen sind. Es machte ihm nichts aus, wenn Andrew später nach Hause kam, solange er ihm danach dabei zuhören konnte, wie er sich über die Abläufe und Strukturen bei MLO aufregte. Aber es würde ihnen beiden nichts bringen, wenn Andrew sich direkt in ein Burnout steuerte, oder am Ende sämtliche ‘fragwürdigen Entscheidungen’ bereute.
      “Also, von vorne: Wie geht es dir?”, fragte Ezra, während er seinen Kopf auf seine Knie legte und zu Andrew hoch sah.
    • Andrew

      „Oh“, machte er knapp und versuchte damit aus seiner Gedankenspirale herauszukommen. Die Gedanken waren nicht aus dem Nichts gekommen, er machte sich oft Sorgen, dass Ezra mit irgendetwas unglücklich war. Wahrscheinlich machte er sich deshalb so viel Stress. Er brauchte Ezra. Das war ihm in den letzten Monaten mehr als bewusst geworden, und auch wenn es irgendwie beängstigend war, konnte er dagegen nichts tun. Wenn Ezra unglücklich war, hatte Andrew automatisch in seiner einzigen, wirklich wichtigen Aufgabe versagt.
      Andrew lehnte sich etwa bei der Hälfte des Monologs an seinen Freund und merkte, wie sein Herzschlag sich etwas beruhigte. Es war seltsam, dass er offensichtlich so viel Zuspruch brauchte, was ihr gemeinsames Leben anging. Daran musste er dringend arbeiten.
      Er sah Ezra an, wie er von seinen Knien zu ihm hoch sah und wollte erst garnicht antworten, sondern ihn einfach küssen und sich mit ihm im Bett zusammenrollen. Aber er schuldete ihm wahrscheinlich den ‚Zwischenbericht‘. Und jetzt war dieser doch etwas anders, als vorhin.
      „Es ist viel“, gab Andrew zu. „Das Problem ist, dass ich das alles noch nie gemacht hab. Es ist viel Umstellung auf einmal“ Eigentlich war selbst seine Beziehung mit Ezra noch relativ frisch. Dann der neue Job, die Beförderung, die Kinder… Dass er plötzlich andauernd mit irgendwelchen Leuten zu tun, ob Ezras Familie, ihren Kollegen oder seiner eigenen Familie… Und die Haussuche war auch nicht ohne. Grundsätzlich hatte er mit viel Arbeit kein Problem, aber bisher hatte er immer genau gewusst, was er tun musste. Jetzt schwebte er irgendwie in der Luft. Ein seltsames Gefühl.
      „Aber ich bin nicht unglücklich. Absolut nicht. Ich fände es nur gut, wenn der Tag 80 Stunden hätte. Ich hab schon überlegt, ob es jemandem auffallen würde, wenn ich einen Stein klaue, der mich wach bleiben lässt. Schlaf nimmt wirklich viel Zeit weg“ Das war nichts Neues. Deshalb hatte er immer wieder Überstunden gemacht und seine Nächte im Dezernat verbracht. Er konnte das jetzt nur nicht tun, wegen der Kinder.
      Andrew stützte hinter Ezra einen Arm auf die Matratze und lehnte sich zu ihm herunter. Er küsste ihn.
      „Solange du glücklich bist, krieg ich das hin. Außerdem wird es nicht ewig so zugehen. Irgendwann hat sich sicher alles eingespielt“, murmelte er.
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    • Ezra

      Das klang doch schon besser. Nicht perfekt, aber wenigstens wussten sie jetzt, wo sie standen. Ezra lächelte in den Kuss hinein und zog Andrew direkt noch für einen zweiten Kuss an sich. Solange ihre Tage so endeten, konnte doch gar nicht so viel verkehrt laufen, oder? Und das meiste schien temporär zu sein. Andrew würde sich schon in seinen Job einarbeiten und sobald sie ein Haus gefunden hatten, in dem sie zumindest mehr Platz hatten, würde sich die Lage wahrscheinlich automatisch entspannen. Also würde Ezra sich jetzt einfach in die Haussuche reinhängen, selbst wenn er Andrew bewusstlos schlagen müsste, damit der sich endlich zurücklehnen würde. Nichts leichter, als das. Haha.
      “Wir fuchsen uns da schon irgendwie rein”, stimmte Ezra zu, zog Andrew mit sich zurück in eine liegende Position und kuschelte sich an ihn. Max und Niko hatten die Angewohnheit, sich zwischen sie zu drängen, also musste er jedes bisschen der Zeit nutzen, in der er Andrew für sich alleine hatte. Natürlich waren ihre Kinder auch wundervoll, aber Andrew konnten sie nicht ersetzen. Langsam vermisste er es ein wenig, nicht halb begraben unter ihm aufzuwachen.
      “Wir haben immerhin schon Schlimmeres überstanden. Konzentrier du dich auf den Job, den Rest bekomme ich schon irgendwie hin.” Wenigstens waren die Kinder und das Haus der angenehmere Teil ihres Stresses. Alles andere würde sich schon irgendwie finden. Vielleicht entwickelte Ezra sich ja noch zum leidenschaftlichen Handwerker, falls sie tatsächlich noch renovieren mussten. So schwer konnte es ja nicht sein, den…Boden auszutauschen, oder zu tapezieren, oder was auch immer anfiel. Heutzutage gab es ja für alles ein Online-Tutorial. Und wenn Andrew arbeitete, würde ihm auch nicht auffallen, wie oft Ezra mit dem Hammer danebenschlagen würde.
      “Und nimm dir bitte Zeit zum runterkommen. Wir müssen nicht alles von jetzt auf gleich regeln. Schlaf ist wichtig.” Fall Andrew wirklich mit einem Stein ankommen würde, der Schlaf ersetzen konnte, würde Ezra zumindest sein äußerstes tun, um ihm den Stein abzunehmen und irgendwo im Garten zu vergraben. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sowas keine Folgen haben würde.
      “Sag bitte einfach Bescheid, wenn es zu viel wird. Ich hab dich nicht neun Jahre lang angehimmelt um dich dann innerhalb eines halben Jahres auszubrennen.”
    • Andrew

      Andrew ließ sich fallen und schlang seine Arme um Ezra, dann atmete er tief ein. Und aus. Ezra hatte recht, sie hatten deutlich Schlimmeres hinter sich, und Andrew würde sich darauf verlassen müssen, dass Ezra nicht wieder in irgendeine lebensbedrohliche Situation kam, während Andrew nicht da war. Sie mussten sich die Arbeit irgendwie aufteilen. Auch wenn Andrew nur halb-freiwillig etwas davon abgab.
      "Ich brenne nicht so schnell aus", murmelte er und drückte Ezra einen Kuss auf den Kopf. "Ich will nur, dass alles so glatt läuft, wie möglich" Was sich als ziemlich schwierig herausstellte. Aber es war nichts jemals glatt gelaufen, wenn es mit Ezra zu tun hatte. Ihn zu kennen war von der ersten Sekunde an eine Challenge gewesen, und es war gut, dass Andrew die Challenge mochte. Wahrscheinlich war es immer vorhergesehen gewesen, dass es ab und zu etwas schwieriger wurde. Aber gerade jetzt war es nichts, dass sie nicht zumindest mit der Zeit überwinden würden. Vermutlich.
      "Ich liebe dich", flüsterte er nach einer Weile noch. "Wehe, dir passiert jemals wieder irgendetwas" Von allem war das immernoch Andrews größter Stressfaktor.

      Vielleicht hatte das viele Hoffen etwas gebracht, die Nacht war nämlich ausnahmsweise eine seltene erholsame gewesen. Andrew wachte erst von seinem Wecker auf, was bedeutete, dass Elli durchgeschlafen, und niemand einen Altraum gehabt hatte. Er war nicht verspannt, nicht müde, und kurzzeitig nicht gestresst, was sich wahrscheinlich gleich ändern würde. Er rollte sich von Ezra herunter und entwirrte ihre Beine, dann setzte er sich auf. So viel stand heute eigentlich garnicht an. Abgesehen von dem größten beruflichen Schritt den er in seinem Leben gemacht hatte. Aber sonst? Kein Einkaufen, keine Arzttermine, es war noch Essen von gestern da, ans Routine-Putzen hatte er sich mittlerweile gewöhnt, und die Kinder waren zumindest bis zum Abend bei Ada. Irgendwann sollten sie ihr vielleicht mal eine Flasche Wein schenken. Oder zehn.
      Andrew gähnte und strich Ezra noch etwas über den Rücken, bevor er aufstand, um seine Aufwachphasen einzuleiten. Andrew war es mittlerweile gewohnt, dass man Ezra nicht mit einem Mal aus dem Bett bekam. Es brauchte mehrere Anläufe, die immer intensiver wurden, um ihn aufzuwecken. Ezra hatte in letzter Zeit wegen der Verletzungen zwar selten aufstehen müssen, aber heute hatte er unbedingt mitkommen wollen, wofür Andrew ihm ehrlich gesagt auch sehr dankbar war.
      Trotzdem begann er seine eigene morgendliche Routine wie immer. Er weckte die Kinder auf, zumindest eins davon. Max war wie ausgeknockt. Wahrscheinlich hatte er wieder die halbe Nacht gelesen. Und danach machte er Frühstück und beobachtete parallel, wie Max Niko beim Zähneputzen und Anziehen half. Elli spielte in ihrem Hochsitz, Andrew trank seinen Kaffee, alle wurden mit Essen versorgt und schließlich im Wohnzimmer abgesetzt, damit er sich selbst fertig machen konnte. Mit Ausnahme von Elli – die setzte er zu Ezra ins Bett, damit sie ihm fröhlich ins Gesicht schlagen und ihn aufwecken konnte.
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    • Ezra

      Unter...über...zwischen...mit Andrew aufzuwachen war eine wirklich nette Abwechslung, auch, wenn Ezra die Nacht definitiv nicht lang genug gewesen war. Wenn Andrew nicht den mit Abstand penetrantesten Wecker der Welt hätte, hätte Ezra wahrscheinlich einfach durch den Signalton hindurchgeschlafen. So blieb ihm nichts anderes über, als einen kleinen Ton der Beschwerde von sich zu geben und danach sein Bestes zu geben, um wenigstens noch ein paar Minuten die Augen geschlossen zu halten. Nur, bis Andrew aus dem Bad raus war. Nur bis- Gott, er konnte schon hören, wie Andrew sich um die Kinder kümmerte. Hatte er nicht gestern noch versprochen, dass er ihn mehr entlasten würde? Fing ja wirklich gut an.
      Er hatte sich wirklich fast dazu bewegen können, aufzustehen, als Andrew ihm Elli ins Bett setzte. Nach seinem Wecker die zweitbeste Methode um jeden wach zu bekommen. Elli stieß ein begeistertes Kreischen aus und patschte ihm mit einer Hand auf die Wange. Warum waren Babys eigentlich so seltsam stark und gewaltbereit?
      "Hey!", beschwerte Ezra sich lächelnd, während er ihr kleines Händchen festhielt. "Was haben wir über das Schlagen gesagt?" Elli kicherte und schlug mit der anderen Hand zu.
      "Das grenzt ja an häusliche Gewalt!" Ezra stieß ein tiefes Seufzen aus, bevor er sich Elli schnappte und sie mit ausgestreckten Armen über sich hielt, was ihr das nächste Lachen entlockte, während sie weiterhin versuchte, ihn mit ihren kurzen Ärmchen zu erreichen.
      "Ich stehe ja schon auf." Ezra lachte ein wenig, während er sich aufsetzte, Elli für eine Umarmung an sich zog und sie anschließend schlicht mit ins Bad nahm, wo sie ihm freudestrahlend alles anreichte, auf das er deutete. Oder es zumindest versuchte. Irgendwie. Nach einer Zahnbürste zu greifen schien deutlich unterhaltsamer zu sein, als besagte Zahnbürste wieder los zu lassen. Nur zum duschen - diesmal etwas kürzer und mit weniger Existenskrise, als sonst - setzte er sie wieder zurück ins Schlafzimmer, wo er sie anschließend wieder auf den Arm nahm, um zusammen mit ihr die Morgenroutine fortzusetzen.
      "Okay, was soll ich anziehen, Elli?", fragte er, während er selbst ein wenig überfordert in seinen Schrank sah. Elli gab ihm ihren besten 'Was fragst du mich das?' Blick und streckte ihr Händchen wieder nach seinem Gesicht aus. Offenbar arbeitete er ihr nicht schnell genug. Vielleicht färbte Andrew langsam auf sie ab.
      Zum Glück brauchte Ezra nicht sehr viel länger, um ein passendes Outfit zu finden. Es kam ihm wie ein Wimpernschlag vor, dass er Andrew einen Kuss auf die Lippen drückte, sie die Kinder an Ada überreichten, die ihnen noch viel Erfolg wünschte und schließlich im Auto saßen. Es war unmöglich, dass das alles zeitgleich so schnell und so langsam passiert war. Die Uhr zeigte zumindest eine deutlich spätere Zeit an, als Ezra gedacht hätte.
      "Hast du noch alles im Kopf?", fragte er Andrew, nachdem er kurz durchgeatmet hatte, um den kleinen Moment der Stille auszukosten. "Sollen wir irgendwas nochmal durchgehen? Soll ich fahren und du ließt deine Liste nochmal durch?"
    • Andrew

      "Nein", antwortete Andrew auf Ezras Frage, ob er sich an seinen Vortrag erinnerte, der noch immer bloß eine Liste mit ein paar Notizen war. Vielleicht hätte er die Zeit gestern Abend, die er für einen Nervenzusammenbruch verschwendet hatte, doch lieber mit Arbeiten verbringen sollen. Er fuhr dennoch los, relativ entspannt, mit Ausnahme de Tatsache, dass er sich irgendwie daran gewöhnt hatte, Elli mit zur Arbeit zu nehmen, und jetzt ständig das Gefühl hatte, etwas vergessen zu haben.
      Andrew ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Nicht von so etwas. Er war schon immer etwas schlechter im Planen gewesen, als im Tun, und im Endeffekt zählte nur, was er wirklich tat, um die Firma am Leben zu halten. Es musste allen Mitarbeitern klar sein, dass das nicht mehr lange der Fall gewesen wäre, je länger Harald diesen Job hatte. Das einzige Problem, dem er sich gestellt sah, war der Fakt, dass gerade ein paar Monate bei MLO war, nur semi-gut wusste, wie dort alles ablief, und es bestimmt einige Leute gab, die sich selbst als bessere Kandidaten für seine Position sahen. Was vermutlich auch stimmte. Aber Andrew klammerte sich an dem Gedanken fest, dass er das Geld brauchte, um sich um seine aus dem Nichts gekommene Familie zu kümmern und seine Beziehung mit einem größeren Haus zu retten. Natürlich hatte er immer eines Tages das Dezernat leiten wollen, in die Fußstapfen seines Vaters treten wollen, der selbst Captain war. Aber vermutlich, wenn er leben würde, und wenn Andrew ihm davon erzählen hätte dürfen, wäre er nicht weniger stolz darüber gewesen, dass Andrew eine internationale Geheimorganisation leitete, nicht? Auch, wenn er die Position eher zufällig durch einen dementen alten Mann bekommen hatte. Den Teil der Geschichte würde er zumindest nicht erzählen.

      Vor dem Aussteigen klappte Andrew den Spiegel im Auto herunter, fuhr sich durch die gestylten Haare und richtete sein Hemd. Es war ein bisschen traurig, dass MLO keine Arbeitskleidung hatte, wie das Dezernat, auch wenn es bei Undercover-Arbeit irgendwie Sinn machte. Trotzdem würde das auf die Liste kommen. Er wollte im Büro nie wieder jemanden im Pullover sehen. Mit Ausnahme von Ezra.
      Sie stiegen auf dem Parkplatz aus und gingen in das relativ unscheinbare Bürogebäude, das als Deckung fungierte. Offiziell arbeiteten sie in irgendeiner Versicherungsfirma. Man bemerkte den unnötigen Verschleiß an Geld, wenn man in den zu großen Glasaufzug stieg und die Büros betrachtete, die mehr aus Fenstern bestanden, als aus Wand.
      Andrew grüßte ein paar Kollegen zurück, die er kaum kannte, die ihm aber irgendwie immer an den Fersen hingen, und schloss sich mit Ezra in den Meeting Raum, in dem Harald an dem langen Tisch saß.
      "Oh, Andrew" Bildete er es sich ein, oder klang Harald noch zehn Mal älter, als das letzte Mal, dass sie sich gesehen hatten?
      "Hallo", erwiderte er und legte seine Tasche auf den Tisch. Er richtete seinen Hemdkragen. "Alles Gute zum Geburtstag", fügte er mit einem Lächeln hinzu.
      "Der Beste, den ich seit Jahren hatte. Ich gehe nämlich in einer Stunde aus dieser Tür raus und komme nie zurück", lachte er.
      Andrew schluckte. Das klang für ihn nach einer Drohung, auch wenn Harald kaum eine große Hilfe war. Und andererseits klang es als würde er bald sterben. Andrew fing sich. "Ich hab nicht wirklich viel geplant. Das wird keine Stunde dauern. Für mich ist es ein guter Tag, wenn mich niemand mit Tomaten bewirft", meinte er.
      "Oh!", machte Harald plötzlich und sah Andrew garnicht mehr an. "Mr. Fitzsimmons, wie geht es mit den Verletzungen voran? Ich hab gehört, Sie haben sich mit Andrew gemeinsam um die russischen Kinder gekümmert? Sehr verantwortungsbewusst. Manchmal passieren auf Missionen unvorhersehbare Dinge" Er nickte langsam. Außerdem sprach er sehr, sehr langsam. Andrew fürchtete schon, dass Harald während des Meetings einschlafen würde.
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    • Ezra

      Ezra benötigte eine gute Portion an Selbstbeherrschung um nicht anzumerken, dass rot Andrew ausgezeichnet stand und er sich daher gar keine Gedanken um die Tomaten machen musste. Harald mochte nur noch für wenige Stunden ihr Chef sein, aber vor ihm mit Andrew zu flirten würde wahrscheinlich trotzdem nicht sonderlich gut ankommen. Ganz davon abgesehen, dass Ezra sich immer noch nicht sicher war, ob Harald realisierte, dass sie zusammen waren. Nicht, dass er ihm das verübeln könnte. Sie kannten sich immerhin nicht sonderlich gut und durch die Verletzungen war Ezra zu lange ausgeschaltet gewesen, um durchgehend an Andrew zu kleben. Vielleicht war es auch irgendwie besser so.
      “Es sind nur noch ein paar Kratzer übrig und die fühle ich schon gar nicht mehr. Danke der Nachfrage”, beantwortete er die Frage nach seinen Verletzungen lächelnd. Seit dem waren sowieso genug Schnitte, Kratzer und blaue Flecken im normalen Alltag hinzugekommen, dass er die Spuren der Mission schon gar nicht mehr wahrnahm. Der gebrochene Arm war das größte Hindernis gewesen und das hatte sich ja zum Glück schnell erledigt.
      “Oh, ich würde nicht sagen, dass wir uns wirklich gemeinsam gekümmert haben - mit dem gebrochenen Arm war ich eher Kind Nummer vier, als eine tatsächliche Hilfe. Andrew hat wirklich viel alleine händeln müssen, aber ich tue, was ich kann”, scherzte er schließlich. Obwohl man es wohl nicht wirklich 'scherzen' nennen konnte, immerhin war er in den ersten paar Wochen wirklich mehr als nutzlos gewesen. Aber das würde er jetzt ausgleichen. Hauptsache, sie würden von weiteren 'unvorhersehbaren Dingen' verschont bleiben. Gut, bisher war irgendwie alles immer positiv für sie ausgegangen, aber Ezra hatte durchaus den Trend bemerkt, dass er dem Tod mal zu mal näher kam und das wollte er Andrew wirklich nicht antun.
      Nach und nach füllte sich der Raum um sie herum. Ezra konnte noch nicht alle seine Kollegen fehlerfrei zusortieren, aber zumindest kamen ihm ein paar Gesichter bekannt vor. Steve kam irgendwann zusammen mit einer anderen Kollegin in den Raum und warf ihnen ein kleines Lächeln zu, bevor er sich wieder auf seine Unterhaltung konzentrierte. Der Laptop unter seinem Arm ließ Ezra vermuten, dass er wohl zum Mitschreiben verdonnert worden war, was schade für ihn war - aber wenigstens ein nettes Gespräch zum Frustablassen im Anschluss versprach. Ob er Steve so weit bekommen würde, mit ihm über seine Familie zu lästern?
      Ezra schob den Gedanken für später zurück, während er sich wieder voll und ganz auf Andrew und Harald konzentrierte. Wenn sie so nebeneinander standen, konnte man auch ohne jegliches Wissen über MLO sehen, dass es gut war, dass der ältere Herr seinen Posten abgab. Er war Ezra durchaus sympathisch, aber eben eher auf die 'sitzt in einem Sessel und erzählt von früher' Art, als als Leitung einer durchaus wichtigen und mächtigen Organisation. Bei Andrew war der Titel definitiv besser aufgehoben.
    • Andrew

      Gerade, als der Raum sich mit Menschen füllte, die zum Teil bereits an der Wand standen, anstatt zu sitzen, realisierte Andrew, dass ihm noch nie so viele Menschen auf einmal zugehört hatten. Er hatte sich wohl bisher nie wirklich in den Mittelpunkt gedrängt. Jedenfalls nicht absichtlich. Und bisher war ihm auch ziemlich egal gewesen, was andere von ihm dachte. Zum Teil.
      Er schluckte und war kurz dankbar dafür, dass er nicht das gesamte Personal hier haben musste, und genug Leute gerade international Dienst hatten. Naja, später würde noch ein Mail rausgehen, um alle Übrigen zu überraschen. Andrew schwenkte den Blick noch kurz durch den Raum, bevor Harald anfing zu sprechen, und sah auf einmal Richard. Die Wurzel allen Übels, was Ezras schlechte Laune anging und… auf einmal fragte Andrew sich, wie er es wohl aufnehmen würde, demnächst unter ihm zu arbeiten. In einer Organisation, in der Richard schon deutlich länger arbeitete als er. Richard, der Typ, der sich mit ihm wegen einem Mathetest und einem verpassten Punkt geprügelt hatte.
      Harald räusperte sich neben ihm und Andrews Blick huschte kurz etwas besorgt zurück zu dem alten Mann. "Meine lieben Freunde. Nach langen 48 Jahren, in denen ich mich um das Werk meines Lebens kümmern durfte, mein Ziel verfolgen durfte, die Welt zu einem sichereren Ort zu machen… Nach all diesen wundervollen Jahren darf ich Magia Lapides endlich an einen Nachfolger überreichen, von dem ich überzeugt bin, dass er euch alle in eine erfolgreiche, sichere Zukunft führt. Mein 73. Geburtstag ist gleichzeitig mein letzter Tag in dieser Firma"
      Harald hatte noch nicht einmal Andrews Namen ausgesprochen und er konnte zwischen dem restlichen Getuschel im Raum Richards Augen bereits vor Hass glühen sehen. Gut, nachdem sich wochenlang Dinge herumgesprochen hatten und ausgerechnet Andrew nun neben Harald stand, dauerte es wahrscheinlich keinem lang, bis die Puzzleteile zusammengefügt waren. Andrew drehte hinter seinem Rücken seine Uhr und warf einen Blick auf Ezra vor ihm, der seine Nerven sofort runterkühlte. Andrew wusste so gut wie jeder andere hier, dass es völlig verrückt war, dass er MLO übernahm, aber er wusste auch, dass er es konnte, und wofür er es tat. Alles andere war egal.
      "- und der Start in meine überfällige Pension. Deshalb übergebe ich das Wort an Andrew Morgan"
      Und damit setzte Harald sich hin. Andrew musste sich etwas übertrieben räuspern um das ausartende Geflüster im Rahmen zu halten. "Danke", sagte er kurz zu Harald, bevor er einen klassischen Notizblock vor sich aufschlug und einen Blick auf die Liste warf, die sofort wieder den Ehrgeiz in ihm weckte. Bei jedem gelesenen Wort stellten sich seine Haare ein wenig mehr auf.
      "Ich halte es kurz, weil die Neuigkeit, dass jemand Haralds Position übernimmt, kaum jemandem neu sein dürfte", fing er schnurstracks an. Am besten sie kamen gleich zum Punkt. Wenn man etwas hier nicht tun sollte, dann war es weitere Arbeitszeit verschwenden. "Ich verstehe alle Zweifel an der Entscheidung, mich dafür auszuwählen" Andrew sah absichtlich direkt an Harald vorbei. "Aber mein Ziel war es immer, mein eigenes Dezernat zu leiten, und ich kann garantieren, dass ich Magia Lapides nicht nur gewissenhaft weiterführen werde, sondern es zu meinem Ziel mache, die Organisation zu optimieren. Wir werden für alle internationalen Standorte als Beispiel vorangehen und MLO auf ein neues Niveau heben, die Arbeitsatmosphäre verbessern und Mr. Godwin's Ziel im Blick halten, die Welt zu einem sicheren Ort zu machen, an dem Magie vernünftig reguliert ist"
      Andrew warf einen erneuten Blick auf seine Liste und konnte sich nicht verkneifen, kurz die Lippen aneinander zu pressen. Er musste sich an Ezras Floskeln erinnern… Andrew zwang ein kleines Lächeln auf seine Lippen und sah seine Mitarbeiter wieder an.
      "Und deshalb beginnen wir mit einem zentralen Punkt für Sicherheit: Cyber Security. Das Budget wird umkalkuliert, damit dieser Bereich von Grund auf erneuert und ausgebaut werden kann" Was vermutlich ein paar Kündigungen bedeutete, immerhin brauchten sie neue, effektivere Angestellte. Aber die Anmerkung hatte Andrew auf seiner Liste durchgestrichen.
      "Außerdem werden Auslandseinsätze künftig mit der jeweiligen Landespolizei und den Helden vor Ort besser abgesprochen und koordiniert. Es sind deutlich zu viele Unfälle passiert, weil diese Kooperation vernachlässigt wurde"
      Andrew führte seine Liste eine Weile fort, ignorierte die teils einschlafenden Gesichter und kam schließlich zu seinem letzten Punkt, den er im Auto hinzugefügt hatte. "Wir werden Arbeitskleidung einführen. Klarerweise nicht für die Missionen, auch wenn die Ausrüstung einmal vollständig auf bessere Modelle ausgewechselt wird, sondern fürs Büro. Die Basis für eine gute Zusammenarbeit sind… banale Dinge, wie ein ordentliches, respektvolles Auftreten. Informationen dazu kommen noch per E-Mail" Andrew würde ein ordentliches Auftreten nie banal nennen, aber er hatte gelernt, dass er sich ab und zu auf das Level anderer Leute begeben musste, um sie für sich zu gewinnen. Oh, und da war noch was- Er erinnerte sich, nochmal sanft zu lächeln. "Ich will euch nicht länger aufhalten, immerhin ist viel zu tun", sagte er. Sehr viel. "Für Fragen und Anmerkungen bin ich den ganzen Tag im Büro"
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    • Ezra

      Das war neu. Ezra war in seinem Leben noch nie in einem Meeting wie diesem gewesen. Oder überhaupt einem Meeting. Henry hatte ihn mal mit zu einer Vorlesung genommen, was immer noch zu den Top 5 langweiligsten Momenten seines Lebens zählte und seine Eltern hatten hin und wieder zu Verhandlungen eingeladen, aber von denen hatte er nie viel mitbekommen. Das war immer schon eher Niamh und Calebs Ding gewesen. Ezra und Molly hatten am Ende nur gesagt bekommen, was sie zu tun und lassen hatten und das hatte ihnen gereicht. Vielleicht sollte er gerade nicht an seine Familie denken. Er hatte Richard eben schon aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen und sich dafür entschieden, ihn einfach zu ignorieren, auch wenn seine Gedanken immer wieder auf die Frage zurück kamen, ob Richard sich jetzt für etwas besseres hielt, nur, weil Caleb sich für ihn entschieden hatte. Würdigte er das überhaupt, oder ging er selbstverständlich davon aus, dass sich Cal gar nicht anders hätte entscheiden können?
      Konzentration! Er versuchte wirklich, Andrew dabei zuzuhören, wie er durch die Liste ging, aber es war schwer. Der Raum war alles andere, als leise. Die Luft war erfüllt von dem Tippen auf Tastaturen, Stiften, die über Papier kratzten und tuschelnden Leuten. Es wurde durchgehend getuschelt. Nicht immer von den selben Leuten, aber jeder neue Punkt führte dazu, dass sich ihre Kollegen zueinander hin neigten und kommentierten - teils positiv, teils kritisch. Ezra war sich ziemlich sicher, dass das Gespräch drei Stühle weiter sich zeitweise ums Mittagessen gedreht hatte.
      Er selbst hielt seinen Blick stur auf Andrew gerichtet, so, als könnte er ihm durch pure Willenskraft irgendwie helfen. Die Führung zu übernehmen stand ihm. Gut, vielleicht war Ezras Meinung etwas vorbelastet, aber Andrew machte wirklich eine gute Figur. Er stand gerade, er verhaspelte sich nicht, jeder Punkt auf seiner Liste war präzise, auch, wenn er eventuell die eine oder andere etwas nettere Formulierung vergessen hatte. Eigentlich war es gerade wirklich witzig, dass Andrew sich darüber Sorgen gemacht hatte, die Stelle zu übernehmen. Er schien wie geboren dafür zu sein.

      Okay. Vielleicht war die Rede ein bisschen zu lang. Die Gespräche um sie herum ebbten irgendwann ab, während die Notizen auf den Blöcken von tatsächlichen Mitschriften zu Tic-Tac-Toe Runden mit den Sitznachbarn wurden. Daran ließ sich arbeiten. Es war Andrews erster Tag und nicht alles musste perfekt sein, oder? Außerdem konnte es nicht mehr lange dauern, bis Andrew durch war. Ezra konnte sich noch ziemlich gut an die einzelnen Punkte erinnern. Sie waren beim Vorletzten. Letzten. Andrew sprach weiter und erwähnte plötzlich Arbeitskleidung. Das war neu. Und ein wenig irritierend. Ezra warf Steve einen kurzen verwirren Blick zu und erhielt einen ähnlich verwirrten Blick zurück, während ihre Mitarbeiter um sie herum dezent ihre eigene Kleidung musterten. Sie waren wirklich nicht gerade uniform unterwegs, aber der wilde Mix aus Anzügen, Jeans und T-Shirts hatte auch irgendwie seinen Charme gehabt.
      Das Ende von Andrews Ansprache wurde von einer kurzen Stille und dann dem typischen höflichen Klatschen abgerundet. Die ersten Stühle wurden quietschend zurückgeschoben, während sich bereits kleine Grüppchen bildeten, um über das gerade gehörte - oder eben das Mittagessen - zu reden.
      "Das hast du wirklich gut gemacht", merkte Ezra leise an. "Wenn wir jetzt noch an deiner Form eines entspannten Lächelns üben, wird alles gut."
    • Andrew

      Andrew klappte seinen Block zu und lehnte sich an den Tisch, als Ezra sich flüsternd zu ihm beugte. Er schenkte ihm ein kleine Lächeln als Antwort. Andrew war es auch gut vorgekommen, weil es keine Tomaten oder Zwischenschreie gegeben hatte. Mit der niedrigen Aufmerksamkeitsspanne hatte er bereits gerechnet.
      „Andrew, das war wirklich inspirierend und an manchen Stellen etwas beunruhigend, aber ich kann ja jetzt nachhause gehen“, kam es seitlich von Harald, der sich von seinem Stuhl hoch kämpfte und lachte. „Ich mache nur Spaß. Größtenteils. Aber ich bin froh, dass du mit Herzblut bei der Sache bist und dir so viel vornimmst. MLO ist sicherlich in guten Händen“ Harald klopfte Andrew leicht auf die Schulter bevor er sich verabschiedete und sich mit der Menge aus dem Staub machte. Seltsam, das hatte sich irgendwie gut angefühlt. Dabei interessierte Haralds Meinung ihn kaum.
      Andrew wartete ab, bis sich auch Steve noch zurückzog, nachdem Andrew ihn etwas schroff hinaus winkte, und blieb kurz mit Ezra zurück.
      „Willst du… mein neues Büro sehen?“, fragte er ein wenig hinterhältig und schmunzelte. Jetzt war kurz Zeit, um sich über die positiven Aspekte zu freuen, und einer davon war ein eigenes, großes Büro. Das hatte er noch nie gehabt. Im Kopf hatte er die letzten Wochen schon überlegt, wie er umdekorieren könnte. Außerdem waren Ezra und er gerade alleine, ohne die Kinder, was eine absolute Seltenheit geworden war, und Andrew wollte Ezra so lange bei sich haben, wie es irgendwie möglich war, ohne dass es negativ auffiel. Er musste ja auch aussehen, als würde er arbeiten… Am ersten Tag als Chef. Aber er hatte halt wichtiges zu besprechen. Mit seinem Freund, in seinem Büro. Vorhangfarben zum Beispiel. Außerdem wollte er Ezra davon abhalten, wieder an Caleb zu denken, jetzt wo Richard vor ihren Augen fast zu Feuer geworden war.
      „Ich könnte eine Couch ins Büro stellen, ein paar Pflanzen… Alles nur für den Schein natürlich, ich muss ja arbeiten“ Er grinste leicht und strich über Ezras Hand. „Also?“
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    • Ezra

      "Ich das ein Flirt?", fragte Ezra mit einer Mischung aus Bewunderung und Humor. "Flirtest du mit mir? Du bist gerade im Amt und das ist das erste, was du tust?" Er versuchte, ein wenig strenger auszusehen, schaffte es aber nicht, das Grinsen aus seinem Gesicht zu bekommen. Jetzt, wo wenigstens die Neuigkeit, dass Andrew MLO übernehmen würde, raus war, fühlte er sich seltsam erleichtert. Der richtige Stress würde natürlich jetzt erst anfangen, aber wenigstens war der erste Schritt getan. Vielleicht würde das wenigstens mental ein wenig helfen.
      "Ich würde liebend gerne dein Büro sehen", antwortet Ezra immer noch grinsend, bevor er sich leicht nach vorne lehnte, um Andrew einen kleinen Kuss auf die Lippen zu drücken. Immerhin waren sie jetzt alleine, da konnte er die Gelegenheit nutzen, oder? "Ich muss nur leider ein Veto bei der Couch einlegen. Da ist mir die Gefahr zu groß, dass du im Büro übernachtest und nicht nach Hause kommst." Dass Andrew ein Workaholic war war schön und gut, aber Ezra sah es nicht ein, deswegen einen kompletten Tag und eine Nacht auf ihn verzichten zu müssen. Da würde die Couch wohl eher dran glauben müssen. Sollte er mal Besuch im Büro haben, konnte der sich auch wunderbar auf ganz normale Stühle setzen.
      "Was denkst du macht Harald mit seiner Rente?", fragte er, damit sie wenigstens ein normales, neutrales Gespräch hatten, bis sie im Büro waren. "Ich finde, er ist irgendwie so ein Reise-Typ. Ich kann ihn mir richtig gut vorstellen, wie er mit ein paar Kindern zusammensitzt und ihnen von seiner letzten Expedition nach... Australien oder so erzählt. Oder er steigert sich jetzt richtig ins Gärtnern ein, oder so." Die Stimmung auf dem Flur war spürbar anders, als sonst. Es wurde mehr geredet. Wahrscheinlich musste Andrew gar keine Mail mehr rumschicken - die Neuigkeit, dass er die neue Leitung war, würde sich so oder so rasend schnell verbreiten.
    • Andrew

      „Ich will dir nur mein Büro zeigen, aber gegen deine eigenen Interpretationen kann ich nichts tun“, erwiderte er unschuldig und legte eine Hand an Ezras Wange, als dieser ihn küsste. Wahrscheinlich sollten sie ihre Beziehung trotzdem nicht öffentlich machen. Sonst kämen ihre Mitarbeiter noch auf die Idee, dass es in Ordnung war einander zu daten, und dann würden sie noch weniger arbeiten als ohnehin schon.
      „Oder du siehst es so, dass du auf meiner Couch schlafen kannst, während ich die Nacht durcharbeite. Damit ich einen netten Ausblick hab?“, meinte er lächelnd. Wie unrealistisch das war, wollte er gerade garnicht überdenken. Die Vorstellung war schön. Aber vermutlich auch nur für ihn.
      Er nahm Ezra mit in sein Büro, das ein wenig abgeschottet von dem Rest lag. Dass sie ständig überall zusammen hin gingen, war langsam sowieso schon etwas auffällig, oder? Naja, so wichtig war das Geheimhalten dann auch wieder nicht.
      „Ich hab keine Ahnung. Er meinte tatsächlich was von seinem Garten“, schlug Andrew unkreativ vor. Ehrlich gesagt interessierte Harald ihn jetzt kein Stück mehr. Immerhin konnte er Andrew jetzt eh nicht mehr helfen, und würde es vermutlich auch nicht wollen, so wie er von seinem Leben nach MLO geschwärmt hatte. Irgendwie seltsam wenn man bedachte dass er den Großteil seines Lebens nichts anderes getan hatte und MLO als sein Lebenswerk bezeichnet hatte.
      Andrew zog die Tür hinter ihnen erneut zu. Der Ausblick durch die großen Fenster war ins Grüne hinaus. Hinter dem Gebäude lag ein unbebautes Grundstück, auf dem ein halber Wald stand. Vom Büro aus sah man ein wenig über die Baumkronen hinweg auf Teile der Stadt, es war irgendwie beruhigend, und unterschied sich deutlich von dem dunklen Mitarbeiterraum im 28. Dezernat. Die Einrichtung war aber genauso unkreativ. Andrew würde ein paar Fotos aufhängen, die er in den letzten Monaten gemacht hatte, vielleicht einige seiner Pflanzen auslagern, die er aus seiner alten Wohnung mitgeschleppt hatte. Und der Schreibtisch musste weg, und ein deutlich größerer her.
      „Ich glaube wir müssen uns irgendeinen Grund einfallen lassen, wieso du deine Tage meistens in meinem Büro verbringst. Vielleicht mache ich dich zum Co-Chef. Oder zum Assistenten? Oder du kündigst und hängst einfach als mein Freund immer hier rum“ Er lächelte und legte den Arm um Ezras Taille. „Dann wirst du dir das mit der Couch zweimal überlegen“
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    • Ezra

      “Oder wir sagen einfach direkt, dass wir zusammen sind und sparen uns die Ausreden.” Was wahrscheinlich am vernünftigsten war. Ezra konnte beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum Andrew so versessen darauf war, ihre Beziehung geheim zu halten. Gerüchte würde es so oder so geben und eine ordentliche Beziehung wirkte eindeutig besser, als eine Affäre, oder was auch immer man ihnen andichten würde. Früher oder später würde eh auffallen, dass sie zusammen wohnen. Außerdem war er sich nicht ganz sicher, wie lange er das mit der Professionalität am Arbeitsplatz durchziehen konnte, obwohl es Andrew da offenbar ähnlich ging, so sehr, wie er heute in Flirtlaune war. Aber das war ein Streitthema, dass sie sich besser für später aufheben sollten, nicht? Also schnell weiter im Text.
      “Mhm, ich weiß nicht”, antwortete Ezra mit gespielter Nachdenklichkeit, während er seine Finger Andrews Arm hochwandern ließ. “Das Risiko, dass du einfach über Nacht hierbleiben willst, ist mir immer noch etwas zu hoch. Ich brauche keine Couch. Mir reicht auch ein Stuhl. Oder eine Tischplatte. Zum sitzen, natürlich.” Er bemühte sich, möglichst unschuldig auszusehen, bevor er sich auf die Zehenspitzen stellte, um Andrew einen Kuss auf die Wange zu geben.
      Es war seltsam zu fühlen, wie die Anspannung nach und nach von ihm abfiel - Andrew hatte die Ansprache gehalten, Andrew hatte den neuen Job, Ezra selbst hatte eigentlich überhaupt nichts mit dem ganzen zu tun gehabt, die letzte Stunde aber trotzdem so angespannt auf seinem Stuhl gesessen, als ob Andrew ihm gleich Quizzfragen zu seiner Rede stellen würde. Er wollte so sehr, dass Andrew brillierte. Er war sich sicher, dass er MLO positiv beeinflussen würde. Er wünschte sich nur, dass jeder andere ihrer Kollegen das sofort auch so sehen würde. Ohne Probleme. Ganz entspannt.
      “Der Punkt mit der Dienstkleidung war neu”, merkte er an, während er sich ein wenig an Andrew lehnte. “Wenn du mich in nem Anzug sehen willst, musst du mir das nur sagen.” Er grinste leicht, während er seine Hände unter Andrews Jacke schob. “Oder hast du irgendwas sexy-mäßiges im Kopf? Wird demnächst oben-ohne gearbeitet?”
    • Andrew

      "Hm… dann wird das aber nichts mit meiner 'kein Firmen-internes Dating' Regel", murmelte Andrew fast etwas enttäuscht. Aber… "Auf der anderen Seite muss ich mir dann weniger Sorgen machen, dass dich jemand anflirtet"
      Andrew würde am besten zusätzlich ein Poster drucken lassen, auf dem sie beide mit den Kindern zu sehen waren. Und dann würde er die Planung des Antrags nochmal extra beschleunigen. Er würde zwar riskieren, sich noch unbeliebter zu machen, aber niemand würde sich dann mehr trauen, etwas dazu zu sagen, wenn er Ezra anders behandelte, oder?
      "Klar. Zum Sitzen", schmunzelte Andrew. "Langsam bezweifle ich, dass ich viel arbeiten werde, wenn du immer in meinem Büro bist" Seltsamerweise hatte er wenig dagegen. In den letzten Jahren war er jeder Nachfrage seiner Ex-Beziehungen, ob er eigentlich mal wieder Zeit hatte, wie im Spießrutenlauf ausgewichen, weil er sich nicht ablenken lassen wollte. Jetzt fand er es sogar irgendwie reizvoll. Solange er keine Deadlines verpasste, zumindest.
      Andrews Zweifel bestätigten sich, als Ezra näher an ihn rückte und ihn auf die Wange küsste. Provokativ. Er unterdrückte ein Grinsen und küsste ihn zurück, zog Ezra noch etwas näher, und merkte, dass er erstaunlich gut gelaunt war, was womöglich damit zusammen hing, dass er heute einen Meilenstein erreicht hatte. Er lachte leicht, als Ezra die Kleidung erwähnte.
      "Du kannst anziehen, was du willst, ich bin deine Pullover und T-Shirts gewöhnt", sagte er amüsiert. "Die Idee ist mir im Auto gekommen. Ich finde, dass die Leute sich hier zu sehr gehen lassen. Aber du kannst dich gerne noch etwas mehr gehen lassen… oben-ohne klingt nicht so schlecht, für den Anfang" Er küsste Ezra mit einem breiten Lächeln auf den Lippen, das sich immer wieder hervor stahl, und ließ die Hände über seinen Rücken gleiten. Andrews Arbeitsmoral hatte heute, an seinem ersten Tag als Chef, wahrscheinlich einen Tiefpunkt erreicht, aber es konnte ihm kaum egaler sein. Er lenkte Ezra rückwärts zu seinem Schreibtisch – immerhin hatte er eben noch gemeint, dass Tischplatten für ihn vollkommen ausreichend waren – und ließ seine Küsse von Ezras Lippen, über seine Wange, bis zu seinem Hals wandern.
      "Vielleicht bin ich heute doch nicht den ganzen Tag im Büro", murmelte Andrew zwischen den Küssen. "Vielleicht nutzen wir die Zeit, in der Ada die Kinder hat, mal produktiv und-"
      Andrew stoppte mitten im Satz und hob den Kopf, als plötzlich seine Tür aufging. Musste man für erwachsene Menschen wirklich ein 'Bitte Klopfen'-Schild aufhängen?! Er ließ von Ezra ab, und sein kleiner Anflug von Ärger wurde zu einem größeren Anflug von Wut, als er sich Richard gegenüber sah.
      "Oh, Boss, störe ich? Ich wusste nicht, dass dein neuer Job darin besteht, mit deinen Angestellten rumzumachen", raunte Richard, ganz offensichtlich nicht in der Laune, ein normales Gespräch zu führen. Andrew war sich relativ sicher, dass er nur seine Wut rauslassen wollte. Also trat er einen Schritt von Ezra weg.
      "Du störst nicht. Was gibt es?", fragte er ernst.
      "Ahh… Ich weiß nicht… Lass mich nachdenken…" Richard klang für Andrews Geschmack ein wenig zu aggressiv. Er biss die Zähne zusammen, um ihn nicht auf der Stelle zu feuern, jetzt, wo er es konnte. Ihm schossen all die Probleme in den Kopf, die Richard in letzter Zeit verursacht hatte, und er klammerte sich an seine nüchterne Entscheidung, dass er nicht einen der wenigen kompetenten Agenten feuern konnte.
      "Achja. Das war ja witzig, vorhin. Als du neben Godwin gestanden bist? Und er dich plötzlich zum Nachfolger erklärt hat?" Richard lachte. "Ein echt guter Scherz, den Mann zum Boss zu machen, der seit zwei Wochen dabei ist und bei seiner ersten richtigen Mission so versagt hat, dass dutzende Leute verletzt wurden"
      Andrew versuchte nicht die Geduld zu verlieren. "Wenn es nichts Wichtiges gibt, solltest du dir den Tag vielleicht frei nehmen und ein bisschen meditieren", sagte er. Es war unmöglich, zivil mit diesem Kerl umzugehen.
      Richards Gesicht fror ein. Er starrte Andrew kurz an, schwenkte den Blick durch den Raum und schien nun doch auf den Punkt zu kommen. "Das hätte mein Büro sein sollen. Ich arbeite hier seit sieben Jahren. Weißt du wieso? Weil ich, im Gegensatz zu dir, in meiner gesamten Heldenlaufbahn nicht auf einen uninteressanten Fall fokussiert war, sondern tatsächlich etwas erreicht habe. Ich hab mir hier den Arsch aufgerissen und Harald jeden verdammten Wunsch erfüllt, um in dieser Position zu sein, die mir eigentlich die Nachfolge garantiert hat. Und dann… HAH" Richard beendete seinen Satz nicht, sondern verschränkte ungeduldig die Arme. "Ich nehme mir den Tag frei. Vielleicht die Woche. Wenn du den Laden untergehen lässt, und das wirst du, dann wirst du mich anbetteln, dass ich dich ersetze. Auf den Tag warte ich"
      Andrew wusste nicht, was er darauf antworten sollte, und schwieg nur, während Richard sich wieder dem Gehen zuwandte.
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    • Ezra

      Andrew und er hatten offenbar sehr unterschiedliche Definitionen von 'sich gehen lassen'. Ezra hatte noch keinen Kollegen gesehen, der in Jogginghose oder im Schlafanzug aufgekreuzt ist und damit war seiner Meinung nach alles in bester Ordnung. Obwohl es wahrscheinlich doch irgendwie offensichtlich war, dass Andrews Ansprüche deutlich höher waren, als seine eigenen. Wenn Andrew ihn gerade nicht so wunderbar ablenken würde, hätte Ezra sich vielleicht sogar getraut zu fragen, ob der Dresscode auch Kleidung ausschließen würde, die im letzten Jahrhundert hergestellt worden war - obwohl Andrews Anzüge seinen Charme ausmachten.
      Ezra ließ sich mit einem kleinen Lachen auf den Lippen zum Schreibtisch schieben, setzte sich tatsächlich auf die Tischplatte und ließ seine Hände über Andrews Schultern bis hoch zu seinen Haaren wandern, während er seinen Kopf zur Seite neigte, um Andrew mehr Spielraum zu geben. Damit hatte er heute morgen aufrichtig nicht gerechnet. Natürlich war ihm klar gewesen, dass ein eigenes Büro mit gewissen Vorzügen verbunden war, aber heute war er davon ausgegangen, dass sie ihre Schlafzimmertür abschließen mussten, um Andrews Beförderung feiern zu können. Was offenbar ein ganz wundervolles Stichwort war.
      Ezra zuckte zusammen, als sich plötzlich die Tür öffnete und zog seine Finger aus Andrews Haaren, was die Situation wahrscheinlich kaum retten würde. So viel zu der Sache mit der Beziehung, die nicht auffallen sollte, hm? Gott, die Sache mit der abgeschlossenen Türe hätten sie doch mittlerweile wirklich verinnerlichen- Oh. Ezras Stimmung wechselte schlagartig von überrascht zu genervt, als er sah, wer soeben reingeplatzt war. Typisch. Richard hatte irgendwie einen hervorragenden Sinn dafür, immer den besten Moment zu finden, um zu stören.
      Es war wirklich erstaunlich, wie ruhig Andrew bleiben konnte. Ezras Finger umklammerten den Rand der Tischplatte so fest, dass Andrew wahrscheinlich kleine Kerben fühlen konnte, wenn er demnächst an dem Tisch arbeiten würde. Am liebsten wäre er aufgestanden, hätte Richard einmal durchgeschüttelt und ihm dann einen netten alternativen Ausgang direkt durch das Fenster gezeigt. Aber Andrews Ruhe schien überzuspringen. Also saß er weiter auf dem Tisch und versuchte, bei Richards kleinem Selbstmitleid-Solo nicht die Augen zu verdrehen. So unsympathisch, wie Richard war, hätte er es wahrscheinlich geschafft, MLO innerhalt einer Woche in einen drei-Mann-Betrieb zu verwandeln - und diese drei Leute wären ausschließlich damit beschäftigt gewesen, die Kündigungen ihrer Kollegen zu bearbeiten.
      "Seltsam", merkte Ezra an, als die Tür hinter Richard zufiel. "Ich bin irgendwie davon ausgegangen, dass er längst wusste, dass du übernimmst." Er hielt seinen Blick noch etwas auf die Tür gerichtet, so als fürchte er, dass Richard gleich für eine kleine Zugabe wiederkommen würde, bevor er wieder zu Andrew sah. "Auf jeden Fall wird er wirklich verdammt lange warten müssen. Vielleicht tut er uns ja den Gefallen und kündigt, oder so." Wenn das mit dem spontanen Auflösen schon nicht ging, wäre das zumindest eine nette Alternative.
    • Andrew

      Andrew atmete tief aus, als die Tür wieder zufiel. Das war eben deutlich zu viel Anspannung gewesen. Für seinen eigenen Seelenfrieden musste er tatsächlich nochmal überdenken, ob er Richard hier arbeiten lassen konnte. Die Tatsache, dass Andrew jetzt sein Boss war, hatte ihn erstmal kein Stück respektvoller werden lassen und es wäre schön, wenn er Andrew nicht noch einmal so weit provozierte, dass er ihn schlug. Auch wenn das eine Ausnahmesituation gewesen war und Andrew völlig neben sich gestanden hatte… Gerade fragte er sich, ob dieser Schlag eine Art Barriere bei ihm durchbrochen hatte und er zukünftig deutlich weniger Hemmungen hätte, es nochmal zu tun.
      Andrew zuckte leicht mit den Schultern, als Ezra weitersprach. „Meinst du, weil Caleb es weiß? Wahrscheinlich wollte er nicht der Überbringer dieser Nachricht sein“, murmelte er. Das konnte er verstehen. Richard schien für seine Wut keinen Filter zu haben und würde wohl auch beim Boten so ausrasten.
      „Ich weiß nicht, ob wir uns leisten können, dass er kündigt, Ezra“, meinte Andrew und runzelte die Stirn. „Richard schließt Missionen hier von allen mit Abstand am schnellsten und erfolgreichsten ab. Der Abstand zum… nächstbesten Kollegen ist beunruhigend groß und ich muss zwar neue Leute einstellen, aber weil ich schlecht ein öffentliches Bewerbungsausschreiben machen kann, wird das eine Weile dauern…“ Und zurück war er, mitten in der Arbeit. Die paar netten Minuten mit Ezra hatten ihm wenigstens Energie geschenkt. Er seufzte. Eigentlich konnte er sich damit heute sowieso noch nicht beschäftigen. Er musste abwarten, ob die Leistungen sich verbesserten, wenn grundlegende Strukturen bei MLO geändert wurden. Das wäre die einfachste Lösung.
      Andrew ging wieder einen Schritt zu Ezra und strich ihm kurz durch die Haare, und ließ seine Hand einen Moment an seiner Wange verweilen bevor er sie fallen ließ. „Er kriegt sich hoffentlich ein. Es war irgendwie klar, dass er erstmal ausflippt. Richard darf man nicht wie einen Erwachsenen behandeln. Eher wie ein aggressives Kleinkind“ Andrew schmunzelte, obwohl es schmerzhaft war, seit wievielen Jahren er diesen Trottel kannte.
      „Ich hab viel zu tun“, fing er schließlich an. „Aber… ich würde heute echt gerne früher gehen. Vielleicht gegen Drei? Wir holen uns was zu Essen für den Abend, damit wir nichts mehr machen müssen, und verheimlichen Ada, dass wir zuhause sind? Ich kann das Auto um die Ecke parken“ Er lächelte. „Bis dahin schaue ich mal, ob ich MLO aus dem Loch rausbekomme, in dem es momentan sitzt“
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