The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Charles

      Lille. Frankreich? Charles erlaubte es sich, kurz den Blick von der Straße zu nehmen, um Ted überrascht anzusehen. Gut, ein Umzug stand nicht auf seiner To-Do Liste - er hing definitiv zu sehr an London, um je hier wegzuziehen - aber man konnte sich sowas ja auch wunderbar für Urlaube merken. Irgendwie war das immer schon der Vorteil an einem Beruf mit Menschen gewesen. Es gab ein paar, die scheinbar immer schlecht gelaunt waren und den Frust an dem nächstbesten ablassen mussten, aber dafür gab es auch deutlich mehr Menschen, die einem wirklich nützliche Tipps geben konnten.
      Die Sache mit dem Drucker ließ Charles erneut auflachen, auch, wenn es strenggenommen wahrscheinlich nicht zum Lachen war. Immerhin sollten die Auszubildenden irgendwann ihrer aller Sicherheit garantieren, nicht? Sich da dem Drucker zu stellen sollte das geringste Problem im Arbeitsalltag sein. Aber jeder hatte mal klein angefangen. Lottie hatte ihm letzte Woche noch Funktionen an seinem eigenen Praxistelefon erklärt, die er vorher noch nie bemerkt hatte. Und er war von ihnen allen wirklich mit Abstand am längsten hier.
      “Aber ist ein guter Selbsterhaltungstrieb nicht irgendwie wichtig, wenn man Held werden will?”, fragte Charles mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. “Am Ende ist mir jemand, der gerne noch eine Weile leben würde und deshalb vorsichtig ist lieber, als jemand, der sich unüberlegt in die Gefahr stürzt und sofort draufgeht. Letzterer kann danach immerhin nichts mehr reißen." Er zuckte kurz mit den Schultern. Es war wie mit der Medizin. Wenn man sich zu enthusiastisch auf etwas stürzte und dabei den Blick fürs große Ganze verlor, konnte nichts ordentliches herauskommen.
      "Ich stelle mir das mit den Täterprofilen und Hinweisen irgendwie schwerer vor, als das mit dem Hinterherlaufen, wenn ich ehrlich bin. Dabei muss man immerhin unfassbar konzentriert sein. Hinterherlaufen erfordert nur eine gute Kondition." Sah am Ende des Tages aber wahrscheinlich spektakulärer aus. Charles hatte sich nie wirklich mit Helden befasst. Er wusste, dass es sie gab und dass sie der Bevölkerung halfen, aber der Beruf hatte ihn nie interessiert. Generell war er eigentlich ganz froh, wenn er sich nicht mit Kriminalität auseinandersetzen musste.
      "Hast du noch viel Kontakt mit deinem Bruder?", schob er fragend hinterher. Irgendwie war es seltsam, wie leicht ihm die Unterhaltung fiel. Nicht, weil er sonst introvertiert wäre, oder so, sondern einfach wegen dem ganzen Kontext. Ted war immer noch sein Patient. Aber es lief überraschend ungezwungen.
    • Ted

      Ted lächelte. Wenn Charles das sagte ohne zu wissen, dass Ted dabei Richard Pierce oder Andrew Morgan im Kopf hatte, klang es einleuchtend, aber es war einfach nur witzig. Als hätten die beiden Helden, die mehr oder weniger um den ersten Platz der höchsten Anerkennungen unter jungen Helden gekämpft hatten, mehr Kraft als Hirn. Richard würde bei so einer Unterstellung bereits um sich schlagen.
      „Du hast recht, diese Leute bekommen die ganze Anerkennung, aber wer alles möglich macht, sind immer die, die im Hintergrund arbeiten“, grinste Ted. Oh, es fühlte sich gut an, so zu reden. Auch, wenn Richard nicht anwesend war um es zu hören. „Ich meine damit garnicht nur mich, sondern meine Kollegen in der Cyber Security, Spurenanalyse, und auch diejenigen, in denen Jobprofil es nicht steht, dass sie allen Kaffee machen müssen, und es trotzdem oft genug machen“
      Thomas würde immer Ted‘s Gedanken sein, egal wie unaufällig und still der Typ war. Er machte seinen Job deutlich besser als jeder andere im Dezernat, aber manche Leuten wurden halt ignoriert, nur weil sie hinter den Kulissen arbeiteten.
      Sie kame glücklicherweise schnell in der Nähe des Hyde Parks an und konnten aus dem Auto steigen, solange es noch hell und warm war. Ted trug eine dünne Jacke, die ihm ohne Sonnenschein wirklich zu kalt wäre. Charles und er machten sich zusammen auf in den Park. Zumindest ließ das Gespräch langsam vermuten, dass sie auf einer freundschaftlichen Ebene angekommen waren, was es deutlich weniger seltsam machte. Ted durfte einfach nicht über Charles Gründe nachdenken, mit ihm spazieren zu gehen.
      „Oh, ja“, antwortete er auf die Frage nach seinem Bruder. „Nicht sehr viel, weil er als Security und deshalb oft Nachts arbeitet. Unser Alltag ist ziemlich entgegengesetzt, wenn ich keine Überstunden machen muss. Aber wir sehen uns ab und zu“ Ted‘s älterer Bruder Michael war selbst in einer langjährigen Beziehung mit einer… einer Stripperin, was er bis heute vor ihren Eltern geheim hielt. Vermutlich auch nur, weil er sie mitten in ihrem Dienst kennengelernt hatte. Hah… Mittlerweile arbeitete sie als Rezeptionistin, schlief ebenfalls untertags und hatte mit Michael quasi ihren Seelenverwandten gefunden, so weit Ted das beurteilen konnte. Sein Bruder nahm das Leben deutlich weniger ernst, als Ted, und er lebte eher ohne große Pläne von Tag zu Tag. Glücklicherweise konnte man sich trotzdem auf ihn verlassen und Ted brauchte ihn dringend als Unterstützung, wenn es darum ging, sich um ihre Eltern zu kümmern. Nicht, dass sie sich nicht um sich selbst kümmern konnten, aber sie gingen kaum außer Haus und wenn man sie nicht ab und zu zu ihrem Glück zwang, würden sie einfach daheim verschrumpeln. Dabei waren sie für 80 und 82 recht fit und es gab keinen Grund dafür, dass sie sich zuhause einschlossen, abseits von der beginnenden Demenz seiner Mutter, und die würde so auch nicht besser werden. Naja. Sture alte Leute, eben. Ted verstand am allerwenigsten, dass sein Vater es als Ex-Universitätsprofessor nicht irgendwie besser wusste.
      „Hast du eine große Familie?“, fragte Ted. Er dachte, dass das ein Grund dafür sein könnte, dass Charles nicht heiraten und Kinder bekommen wollte, aber… Er war froh, dass er das nicht ausgesprochen hatte, bevor er sich erinnerte, dass Charles nichts von ‚Wollen‘ gesagt hatte. Er hatte nur gemeint, dass seine Eltern im Druck machten. Aber… wenn das etwas war, dass Charles wollte, dann könnte Ted sich nicht erklären, wieso er noch single war. Vielleicht arbeitete er zu viel.
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    • Charles

      Irgendwie war Charles seltsam erleichtert darüber zu hören, dass Ted innerfamiliären Rückhalt hatte und sich ab und an mit seinem Bruder traf. Wenigstens war er so nicht ganz alleine und hatte wahrscheinlich jemanden, bei dem er sich ausheulen konnte, wenn er nicht gerade in Charles' Sprechstunde saß. Er hatte keine Ahnung, was er gemacht hätte, wenn Ted ihm erklärt hätte, dass er nach der Scheidung und der Trennung von seiner Tochter komplett alleine war. Nicht, dass er viel hätte machen können, immerhin sollte er irgendwie noch ein bisschen Abstand wahren, aber...das war schwer, auch unabhängig von Ted. Zumindest war sich Charles einigermaßen sicher, dass er auch jeden anderen seiner Patienten in dieser Lage einfach mitgenommen hätte, um den Kopf frei zu bekommen.
      "Einigermaßen. Ich habe keine Geschwister, aber mein Dad ist einer von fünf, also habe ich ein ziemlich weitreichendes Netzwerk aus Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins. Ich denke, dass das meinen Dad so sehr geprägt hat, dass er nach mir keine Kinder mehr wollte", scherzte er, während er langsam den Weg einschlug, den er sonst auch nahm, wenn er nur eine kleine Runde drehen wollte. Seine 'Besser, als gar nichts' Runde. Nicht zu lang, nur etwas zu kurz. Perfekt, wenn man sich bewegen wollte, es in der Praxis aber wieder viel zu spät geworden war. Er versuchte die Runde normalerweise zu vermeiden.
      "Wir versuchen, einmal im Jahr irgendwie ein Familienfest hinzubekommen, aber ich glaube, wir waren noch nie richtig vollzählig. Normalerweise sehen wir uns eher, wenn man was von den anderen braucht. Eine Cousine von mir ist Klempnerin, ein Onkel verkauft Handyverträge. Sowas halt." Er zuckte kurz mit den Schultern und verkniff sich den Kommentar darüber, wie oft er schon Krankschreibungen ausgestellt hatte, die er nicht hätte ausstellen dürfen. Zwar bezweifelte Charles stark, dass sich Ted dafür interessieren würde, aber er wollte nichts riskieren.
      "Aber dafür hab ich ja die Praxis um mich herum. Wenn man sich tagtäglich sieht ist man eh irgendwann sowas wie eine sehr schräge Familie, bei der man nichts hinterfragen sollte. Kennst du ja bestimmt." Außer die Fluktuation in Dezernaten war außergewöhnlich hoch und Teds Kollegen wechselten ständig. Wenigstens hatte Charles selbst bisher immer absolutes Glück mit seinen Kollegen gehabt. Es war bisher noch niemand dabei gewesen, den er nicht gemocht hatte. Sicher, jeder hatte seine Eigenarten, aber das machte doch gerade den Reiz an einer Person aus, oder?
    • Ted

      Wer hätte gedacht, dass es so eine wunderbare Ablenkung sein konnte, mehr über das Leben seines Hausarztes zu erfahren. Ted genoss die frische Luft und die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die er sonst kaum wahrnahm, und hatte plötzlich das Verlangen, heute Abend zu kochen. Sofern sein Kühlschrank etwas hergab.
      „Hm, einen Arzt in der Familie zu haben ist sicher auch nicht übel“, meinte Ted amüsiert. „Aber wahrscheinlich rufen dann alle dauernd mit seltsamen Fragen an“ Ted wusste jedenfalls, dass er selbst so ein Kandidat wäre. Man konnte ja nie wissen ob die Bauchschmerzen vielleicht doch ein Tumor waren.
      „Oh, ja. Es gibt immer wieder mal Versetzungen zwischen den Dezernaten aber grundsätzlich ist es wirklich wie eine schräge Familie“, stimmte Ted zu. Eine sehr schräge Familie. Und derzeit irgendwie trotzdem die engste, die er hatte. Gott, wie traurig. Und Charles teilte wohl ein ähnliches Schicksal. Nur hatte er vermutlich keinen Richard als Kollegen, was ihn dieses Spiel definitiv gewinnen ließ.
      „Du teilst die Praxis mit einem Dr. Milo Brooks, ja? Wie ist der so? Immerhin wird er vielleicht bald mein neuer Hausarzt, ich hab nämlich schon länger nicht mehr so viel Spaß beim Spazieren gehabt und muss dich vielleicht öfter in einen Engpass aus Mitleid treiben“, meinte Ted scherzhaft. Aber er meinte es doch ernster, als er sollte. Es war wirklich nett, jemand Neuen kennenzulernen und über banale Dinge zu quatschen, nach denen sonst keiner mehr fragte. Vielleicht hätte er auf May gleich hören sollen und den ganzen Dating-Quatsch einfach auf ein völlig normales Menschen-Kennenlernen umlegen sollen.
      „Na, zumindest auf die Hochzeit begleitest du mich ja, nicht? Dann weiß ich wenigstens schon, dass die Erfahrung weniger horrormäßig wird. Oh, und meine Tochter ist ziemlich witzig, die wird das Ganze, wenn sie nicht zu verstört ist, sicher auch auflockern“, lächelte Ted. Klarerweise würde er Charles nicht zwingen, diese Arzt-Patienten-Beziehung noch weiter auszureizen, aber Ted konnte sich vorstellen, dass, je seltsamer das Event wurde, desto weniger herzzerreißend würde es sein. Darum hätte Ted wirklich nichts dagegen, ihn als Begleitung dabei zu haben.
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    • Charles

      “Also wenn dieser Spaziergang so weit geht, dass du dir tatsächlich einen neuen Arzt suchen musst, kannst du mit Milo nichts verkehrt machen. Er ist…ein wenig pessimistisch und gerade familiär etwas ausgepowert, aber er hat das Herz am rechten Fleck und ist in ein paar Monaten wahrscheinlich sogar kompetenter, als ich es bin.” Charles musste selbst kurz lachen. Patiententechnisch standen sie sich für gewöhnlich nicht im Weg. Wenn einer von ihnen ausfiel, kümmerte sich der andere reibungslos um die Termine. Strenggenommen stand Milo noch unter seiner Aufsicht, aber wirkliche Nachfragen hatte er kaum noch.
      “Er ist allerdings weniger der Spaziergänger und mehr der Fußballspieler, falls das relevant ist.” Nicht, dass er Milo je spielen gesehen hätte. Gut, Milo würde wahrscheinlich auch nicht einfach einen Patienten mitnehmen. Vielleicht machte ihn das sogar irgendwie zum besseren Arzt. Ganz davon abgesehen, dass Charles Ted irgendwie auch vollkommen ohne Mitleid mitnehmen würde. Die Spaziergänge hatten etwas meditatives und das teilte er normalerweise gerne mit anderen Leuten. Auch wenn diese aktiv ihren Rachefeldzug dabei planten.
      “Bist du dir sicher, dass du das machen möchtest? Ohne Einladung? Ich kann verstehen, dass du wütend bist, aber ist das nicht etwas-” Charles vollführte eine kleine, unsichere Handbewegung, während er nach dem richtigen Wort suchte “-unüberlegt? Versteh mich nicht falsch, ich stehe zu meinem Wort - wenn du immer noch gehen möchtest, wenn wir wieder am Auto sind, komme ich mit, aber…” Er zuckte kurz mit den Schultern. Eigentlich konnte ihm das ja auch vollkommen egal sein. Im Zweifelsfall würde er entweder Zeuge werden, wie Ted rausgeschmissen werden würde, oder etwas gutes zu Essen bekommen. Außer ein bisschen Selbstwertgefühl hatte er nichts zu verlieren. Er konnte sich selbst nur nicht vorstellen, je auf jemanden so wütend zu sein, dass er seine Hochzeit crashen würde. Vielleicht stimmte er der ganzen Sache auch deshalb irgendwie zu, weil er Ted davor bewahren wollte, alles noch schlimmer zu machen. Auch wenn sie dafür so tun müssten, als ob sie zusammen wären.
      Gott, das hatte Charles bei der ganzen Sache irgendwie gar nicht so richtig verarbeitet. Ted wollte immerhin, dass seine Frau sich fragte, ob er auch eine Affäre gehabt hatte, nicht? Bedeutete, dass sie nicht einfach nur zusammenstehen und lachen konnten, oder? Auch, wenn er es irgendwie im Scherz gesagt hatte. Es gab schlimmeres, natürlich. Irgendwie hatte Charles trotzdem das Gefühl, dass er panischer sein sollte. Wahrscheinlich würde das in den nächsten Tagen folgen, mhm?
      “Du hängst wirklich an deiner Tochter”, wechselte er das Thema, bevor er sich tiefer in die Sache reinsteigern konnte. Vielleicht war es ganz gut, dass er noch nicht panisch war. Er könnte niemandem helfen, wenn er panisch wäre. “Wie ist sie so? Außer witzig, natürlich.”
    • Ted

      Ted schwieg kurz, als Charles seine Skepsis zu dem Vorhaben äußerte. Er hatte recht, es war ein wenig unüberlegt, hauptsächlich weil die Idee Ted noch sehr jung war. Er hatte ja heute erst so richtig darüber nachgedacht. Aber es war nicht so, als würde er etwas extrem verrücktes planen. Isla wollte schließlich, dass er kam, und er würde auch mit einer Begleitung nicht versuchen, sich in den Mittelpunkt zu drängen. Ein kleiner Schock war völlig ausreichend. Aber…
      „Ich kann versuchen, mit Grace zu reden, damit sie wenigstens weiß, dass ich komme. Nur ich. Isla hat mich schließlich darum gebeten, die Idee kommt nicht nur von mir. Und als… seelische Unterstützung oder sowas, ist sie wahrscheinlich auch damit einverstanden. Für mich ist das definitiv schlimmer, als für sie“, meinte Ted nachdenklich. Dann sah er Charles an. „Dann gibt es nur eine Überraschung, mein Plus One, und nur ein kurzer Schockmoment reicht mir ja“ Ted musste lachen. „Außerdem wird es sie kaum verletzen, wenn ich mit einem anderen Mann ankomme. Eine jüngere, hübsche Frau vielleicht… Das könnte sie in einen Wutanfall treiben, der komplett unberechtigt ist, weil sie ja irgendwie genau dasselbe gemacht hat. Aber wenn sie denkt, dass ich eine Affäre mit einem Mann hatte…“ Ted lachte erneut. Er lachte heute ziemlich viel. „Ihr Blick wäre mir echt alles wert“
      Er sah kein Problem damit, wenn Grace und ihre gesamte Familie ihn für schwul, und ihre Ehe für ein Skandal hielten. Das machte es ja gerade so witzig. Ted interessierte sich kein Stück dafür, was diese Leute über ihn dachten, denn Grace war diejenige, die man schief ansehen sollte. Mir der Aktion könnte er ihr sogar helfen, weil dann schließlich keiner mehr überrascht wäre, warum sie eine Scheidung wollte. Haha.
      „Eigentlich ist die Idee fast schon zu nett. Vielleicht sollte ich doch drüber nachdenken, noch die Hochzeitstorte zu zerstören“, scherzte Ted.
      Er lächelte als Charles nach Isla fragte. „Sie ist 16 und ein bisschen eigen, irgendwie in so einer… düsteren Emo-Phase gefangen. Aber wenn sie sich nicht mit grauenvoller Musik in ihrem Zimmer einschließt, ist sie der liebste, lustige Mensch, den ich kenne. Aber sie ist ziemlich sensibel und ich kann mir vorstellen, dass sie die Situation gerade nicht sehr gut auffasst. Sie hat bis gestern zwei Wochen lang meine Nachrichten und Anrufe ignoriert und ich kann es ihr nichtmal verübeln. Mein Leben ist alles andere als… vorbildlich, momentan. Und ich denke, sie verliert ein bisschen das Vertrauen… dass ich mich um sie kümmern kann, wenn ich mich um mich selbst kaum kümmern kann. Das Problem ist, dass Grace von uns beiden immer diejenige war, die etwas unberechenbar und nicht sehr einfühlsam war. Ich hab mich bemüht, Isla ein sicheres Gefühl zu geben, dass sie sich auf mich verlassen kann, aber jetzt bin ich ausgezogen, ein Wrack, und sie geht mir aus dem Weg“
      Das Lächeln war vollkommen aus Ted‘s Gesicht verschwunden. Das Thema machte ihn mehr fertig, als seine Scheidung. Er hatte das Gefühl, komplett als Vater zu versagen. Dass Isla ihn überhaupt gebeten hatte, zur Hochzeit zu kommen, bedeutete ihm schon unglaublich viel. Auch, wenn sie sich wahrscheinlich aus Verzweiflung an ihn wandte, aber wenigstens hatte sie das Gefühl, dass sie das konnte. Ted musste die Gelegenheit irgendwie nutzen und seine Dad-Rolle wieder einnehmen. Desalb musste er sie auch eindeutig vorwarnen, wenn er vorhatte, Charles mitzubringen… Ted wusste zwar, dass sie verrückte Ideen mochte, aber wie sie dazu stand, dass ihr Vater mit so etwas plötzlich im Mittelpunkt stand, wusste er nicht.
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    • Charles

      Charles stieß ein kleines Lachen aus und machte sich die mentale Notiz, Ted nicht zu nah an die Hochzeitstorte zu lassen. Sicher, er scherzte, aber hinter jedem Scherz steckte auch ein kleines bisschen Wahrheit, oder? Obwohl es genauso wahrscheinlich war, dass er sich bis zur Hochzeit etwas abreagiert hatte und das alles verwarf. Ja, je länger Charles darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher war es eigentlich. Ted würde sich bis zum Ende der Woche noch aufregen und dann kurz vor der Hochzeit feststellen, dass ihm das alles eigentlich vollkommen egal war. Dann würde er ihm Bescheid geben, dass er doch zuhause bleiben konnte und würde alleine gehen, um bei seiner Tochter zu sein. Gut, wirklich einschätzen konnte Charles ihn eigentlich nicht, aber das war der naheliegendste Verlauf der Dinge, oder nicht? Jetzt gerade brauchte er nur jemanden, der mit ihm alles doof fand.
      "Milos jüngerer Bruder ist auch letztens erst 16 geworden. Schwieriges Alter, hab ich mir sagen lassen." Obwohl das wahrscheinlich auch daran lag, dass Wyatt eben Milos Bruder war und sie damit einen vollkommen anderen Bezug zueinander hatten, als Eltern und Kinder. Charles war wirklich froh, nicht in dieser Situation zu stecken, auch, wenn er Milo mehrfach seine Hilfe angeboten hatte.
      "Vielleicht geht sie dir gar nicht aus dem Weg." Charles warf Ted einen kurzen Seitenblick zu, während er sich wahrscheinlich viel zu sehr aus dem Fenster lehnte. "Wenn sie sensibel ist, braucht sie vielleicht einfach etwas Zeit für sich, um das alles zu verarbeiten, bevor sie wieder auf dich zukommt. Im Zweifelsfall scheint sie sich ja immer noch an dich zu wenden. Das ist doch ein gutes Zeichen." Zumindest schien ihm das irgendwie logisch. Er selbst war ein vollkommen anderes Kind gewesen. Unkompliziert, weil er nie den Drang verspürt hatte, irgendwas anzustellen und ziemlich offen seinen Eltern gegenüber. Allerdings hatte Charles auch das Privileg gehabt, kaum Steine in den Weg gelegt zu bekommen. Seine Eltern hatten nie über eine Scheidung nachgedacht, sie hatten immer Geld gehabt und er hatte einen ziemlich stabilen Freundeskreis gehabt.
      "Wie kommt es, dass sie bei deiner ExFrau geblieben ist? Wenn ich fragen darf. Ich will dir nicht zu nahe treten", sprach Charles die Frage aus, die ihm eben schon auf der Zunge gebrannt hatte. Mittlerweile hatten sie den Parkeingang weit hinter sich gelassen. Es war relativ leer. Man war nie alleine, aber stand sich nicht gegenseitig im Weg, während jeder sein eigenes Ding machte - Jogger, Familien mit Kinderwagen, Leute auf dem Heimweg. Eigentlich war es wirklich nett im Park.
    • Ted

      „Schwierig… Also, zumindest hat man andere Probleme als bei einem Kleinkind. Ich weiß nicht, ob irgendeiner Alter einfach ist“, erwiderte Ted. „Aber ich hab wahrscheinlich Glück gehabt, dass sie wenigstens nie etwas anstellt“
      Isla war verhältnismäßig vernünftig was Dinge wie Schule, Freunde und Zukunftspläne anging, aber Ted würde sich weniger Sorgen machen, wenn sie mehr darüber reden würde. Sie schien alles immer schon entschieden zu haben, bevor ihre Eltern überhaupt wussten, dass es etwas zu entscheiden gab.
      Er seufzte, als Charles nach dem Grund fragte, wie sie in dieser Konstellation gelandet waren. Ted fuhr sich durch die Haare und überlegte, wie er das zusammenfassen sollte.
      „Also, eigentlich warten wir noch, dass die Scheidung durchgeht. Wir waren eine Weile getrennt im Haus, dann hat Grace mich gedrängt entweder selbst auszuziehen, oder sie würde ausziehen. Ich weiß nicht, warum ich so schnell nachgegeben habe. Ich hab auch auf den Scheidungspapieren mehr oder weniger alles unterschrieben, ohne großartig darüber nachzudenken, aber ich wusste ja auch nicht, dass Dave vielleicht auch davon profitiert, wenn ich Grace das Haus überlasse. Ich hab hauptsächlich an Isla gedacht, und daran, dass Grace deutlich besser verdient als ich, das meiste beim Hauskauf zugesteuert hat und naja… dass es auch für ein Kinder besser ist, bei dem Elternteil zu wohnen, dass mehr Geld hat, selbst wenn… Unterhalt ein Thema wäre. Außerdem war ich der Ansicht, dass ich Isla trotzdem ständig sehe. Das Sorgerecht ist zwar geteilt, aber ich kann mein Kind auch nicht zwingen, und ich will sie nichtmal überreden, mich zu sehen. Wenn ihr das alles momentan zu blöd ist und sie Zeit braucht, will ich… sie auch nicht stressen, aber…“ Ted hatte das Gefühl, dass ihm gleich die Stimme versagen würde. „Ich wünschte, es wäre anders. Ich hab auch keine Ahnung, was wir mit den Sparkonten anstellen, ich war zu überfordert mit der Situation um viel zu hinterfragen. Im Endeffekt hab ich gerade eine kleine Wohnung mit ein paar Möbeln aus dem Keller und ich war vorgestern erst… Besteck einkaufen“ Ted ließ den Kopf sinken, weil er spürte, wie seine Augen glasig wurden. Das konnte alles nicht wahr sein. „Ich frag mich ja auch, wie man so schnell eine Hochzeit auf die Beine stellt“, murmelte er leise. „Ich hab nichtmal eine Couch, die mir keine Nackenschmerzen macht, und meine Ex hat genug Zeit und Motivation um eine ganze Hochzeit zu planen. Damit muss sie schon vor Wochen angefangen haben. Vielleicht hat Dave ihr den Antrag ja gemacht, als wir noch zusammen waren“ Er schmunzelte schwach, weil das alles so bizarr war. Wahrscheinlich war es doch an der Zeit, sich um einen Anwalt zu kümmern, um zumindest die Finanziellen Dinge zu regeln. Er hatte nur… wirklich keine Energie für das alles.
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    • Charles

      Gut, der Umstand, dass Grace wohl soviel besser mit der Scheidung zurecht kam, als Ted, lag wahrscheinlich daran, dass sie schon viel früher mit alledem abgeschlossen hatte. Wenn sie jetzt schon wieder heiratete, wahrscheinlich ihre Affäre, schien sie am Ende ja wirklich nicht mehr an Ted gehangen zu haben. Was wirklich traurig war, weshalb Charles das alles nicht laut aussprach. Vielleicht...vielleicht sollte er doch ab und an mal weggucken, wenn Ted in der Nähe der Hochzeitstorte war. Verstehen konnte er es zumindest. Außerdem hatte er gerade das Gefühl, dass er selbst wohl nie heiraten würde. Natürlich, es konnte so wunderbar laufen, wie bei seinen Eltern, aber er könnte auch so enden, wie Ted - unterwegs mit einer halbfremden Person, der man all seine Sorgen erzählte. War es das wert?
      Wenigstens war eine Sache absolut klar: Ted war ein wirklich wundervoller Vater. Der Kontext war traurig, aber die Art, wie er über Isla sprach, brachte Charles ein wenig zum lächeln. Es war schön zu hören, dass sie ihm so am Herzen lag. Das war in der aktuellen Situation wohl das wichtigste, nicht? Wenn Ted schon so fertig war, wollte Charles eigentlich gar nicht wissen, wie schlecht es seiner Tochter ging. Obwohl er das offenbar live miterleben würde. Dafür sollte er sich die Sache mit der Couch und den Nackenschmerzen wahrscheinlich merken.
      "Nachvollziehbar. Das war immerhin ein Schock für dich. Ich glaube, ich wäre auch ziemlich überfordert, wenn mir sowas passieren würde. Die meisten Menschen wären das", merkte er mitfühlend an. Bei Milo war es nicht ganz anders gewesen. Er war morgens reingekommen, hatte Charles mit einer erschreckenden Nüchternheit erklärt, dass seine Eltern Opfer eines Anschlags geworden sind und sich danach mit Tränen in den Augen dagegen gewehrt, nach Hause zu gehen. Schockstarre ließ einen seltsame Dinge tun.
      "Aber am Ende hast du das beste für deine Tochter im Sinn und ich denke, dass sie das verstehen wird. Wenn nicht jetzt, dann in Zukunft. Wie gesagt, gib ihr etwas Zeit. Das wird schon wieder. Wenn wir das nächste mal diese Runde gehen, erzählst du mir bestimmt schon ganz begeistert von deinem neuen Hausarzt und deinem letzten Ausflug mit deiner Tochter." Er warf Ted ein kleines Grinsen zu. Dieser kleine Hoffnungsschimmer war wichtig. Das war es, was ihn selbst immer über Wasser hielt, wenn er gerade keinen guten Tag hatte. Irgendwann konnte man über alles lachen. Alles würde schon irgendwie gut werden.
    • Ted

      Ted wischte sie über die Wangen und schniefte etwas bevor er den Kopf wieder hob. Langsam war er vor jeder einzelnen, noch so fremden Person in seinem Leben in Tränen ausgebrochen. Vielleicht würde es ja helfen, wiedermal durchzuschlafen. Allerdings war Ted immer etwas näher am Wasser gebaut gewesen, er hatte nur normalerweise die Kontrolle, nicht vor willkürlichen Leuten in der Öffentlichkeit zu heulen.
      Er musste in einem blitzschnellen Umschwung jedoch fast lachen, als Charles einen neuen Spaziergang und einen neuen Hausarzt ansprach. Ted blinzelte ihn an. „Dir muss echt langweilig sein. Hast du keine Freunde in deinem Alter, die nicht gerade eine Scheidung durchmachen und bei jeder Gelegenheit einen Nervenzusammenbruch haben?“, fragte er belustigt. Aber… Oh Gott, hoffentlich hatte er nicht recht. Ted‘s Lächeln löste sich auf. „F-falls nicht, tut es mir leid“, murmelte er. „Ich würde mich über mehr Spaziergänge freuen. Nicht so sehr über einen neuen Hausarzt, wer weiß schon, ob der eine ähnlich stählerne Geduld hat“ Charles war Ted zumindest schon deutlich lieber als sein alter Hausarzt und wenn er die Gelegenheit hatte, würde er Isla dazu bringen, auch zu wechseln. Lieber eine kurze Bus- oder Autofahrt, als einen alten Knacker, der nur wusste, wie man Überweisungen schrieb.
      „Jedenfalls… ich hab das Gefühl, dass mir eine laaange Nacht tiefer Schlaf am allermeisten helfen wird, und wenn die Augenringe weg sind überrede ich Isla vielleicht doch mal zu einem Mittagessen, damit ich wenigstens einschätzen kann, wie es ihr geht. Dann kann ich sie auch gleich fragen, was sie davon halten würde, wenn ihre Mom und ihre Großeltern denken, dass ich einen Freund habe. Hah. Wahrscheinlich fände sie das unter anderen Umständen sogar irgendwie witzig“ Ted sah Charles erneut an. Es machte das Ganze wirklich noch deutlich spannender, dass Charles viel jünger und verdammt gutaussehend war. Man könnte glatt eine Seifenoper darüber reden. „Du musst dich dann eben damit abfinden, dass du das Gesicht der ganzen Operation bist“, schmunzelte Ted. Er hätte genauso gut Richard fragen könnte, immerhin war es sogar zur Hälfte seine Idee gewesen, aber dann würde die Hochzeit wahrscheinlich zu einem blutigen Massaker werden. Nicht, um Ted‘s Willen, sondern weil Richard in letzter Zeit enorme Stimmungsschwankungen hatte und man lieber nicht in seiner Nähe sein wollte, wenn man einen schlechten Moment erwischte. May auf der anderen Seite war einfach eine furchtbare Lügnerin, der würde man am Gesicht ablesen können, dass sie mit der Sache nichts zu tun hatte. Aber Hauptsache die beiden pflanzten Ideen in Ted‘s Kopf…
      Sie waren fast wieder beim Auto angelangt und Ted fühlte sich deutlich ausgeglichener als gestern.
      „Es ist sehr angenehm, mit dir zu reden“, meinte er plötzlich zu Charles. Solche Dinge sollte man Leuten sagen, damit sie es wussten. „Ich freue mich aufs nächste Mal“, sagte er und lächelte den Arzt an.
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    • Charles

      “Ich kann dich beruhigen. Ich habe relativ viele Freunde in verschiedenen Altersgruppen. Nichts übertrifft das Trauma-Bonding während eines Medizinstudiums.” Obwohl auch das Charles nicht vor dem typischen ‘neben der Arbeit ist kaum noch Zeit’ Problem rettete. Sicher, für seine engsten Freunde hatte er immer irgendwo noch etwas Zeit über, aber ein paar der eher lockeren Beziehungen hatte er schon ewig nicht mehr gesehen. Treffen mit mehr als zwei Leuten zeitgleich waren so gut wie unmöglich.
      “Die meisten sind nur nicht sonderlich naturbegeistert”, schob er hinterher. Früher oder später hatte jeder schon mal mit ihm eine Runde gehen müssen, aber die meisten waren nicht sonderlich begeistert gewesen. Sich in der freien Natur zu bewegen war offenbar nicht so schön, wie Kaffee zu trinken, oder zu zocken. Milo war ab und an mitgekommen, aber der musste sich jetzt um seinen Bruder kümmern. Was Charles nicht störte. Alleine lief es sich genau so gut, wie in Begleitung und er musste sich mit niemandem abstimmen, wenn er Routen einschlug, die aussahen, als ob man für immer verloren gehen würde.
      “Und ich denke, du musst dir keinen neuen Arzt suchen. Es sind nur Spaziergänge. Ich glaube kaum, dass das meine Professionalität beeinflusst. Meine Geduld bleibt dir also noch was erhalten. Sofern du das willst.” Auch, wenn Charles das Gefühl hatte, dass das hier irgendwie ihnen beiden gut tat. Zumindest würde es ihn überraschen, wenn Ted ihm plötzlich sagen würde, dass das alles zu weit ging und er sich unwohl fühlte. Im Gegenteil, er schien ja immer noch an seiner Rache festklammern und Charles schien nun fester Bestandteil ebenjener geworden zu sein. Konnte ja nur schiefgehen.
      “Vielleicht hilft das hier ja schon, dass du heute Nacht etwas besser schläfst. Sonst hast du ja noch die Tabletten. Bringt ja nichts, wenn du mit einem Freund aufkreuzt und dann aussiehst, als ob du seit Tagen kein Auge mehr zugemacht hast.” Obwohl…das vielleicht doch irgendwie effektiv sein könnte, je nachdem, wie man den Umstand interpretierte, aber so weit wollte Charles nicht denken. Hauptsache, Ted ging es erst mal besser.
      Mittlerweile waren sie schon wieder auf dem Rückweg, schon viel zu nah an seinem Auto, wenn es nach Charles ginge. Irgendwie hatte er das Bedürfnis, noch weiter zu laufen, aber das vorzuschlagen würde wirklich zu weit gehen. Es gab ja noch genug andere Sachen, die er machen konnte (oder musste), um sich auszupowern. Ted mehr Zeit als nötig zu stehlen wäre sinnlos. Auch, wenn er ihn direkt mit dem nächsten Kommentar überraschte.
      “Oh. Danke”, antwortete Charles mit einer Mischung aus Überraschung und Belustigung. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass ihm je irgendjemand gesagt hätte, dass man sich angenehm mit ihm unterhalten konnte. Sein Optimismus bekam ab und an einen Kommentar ab, aber das… Irgendwie ließ ihn das ja fast schon rot werden. “Ich fand die Runde auch wirklich angenehm. Ich lerne meine Patienten normalerweise eher selten persönlich kennen.” Was immer ein wenig seltsam war, je länger man darüber nachdachte. Er wusste, was im Magen einer Person vor sich ging, hatte aber keine Ahnung was ihre Lieblingsfarbe war. Intimität auf einem ganz verschobenen Level.
      “Ich laufe regelmäßig. Normalerweise nur etwas größere Runden. Du kannst dich gerne jederzeit anschließen, wenn du willst. Ist vielleicht ein netter Ausgleich dazu, Azubis den Drucker zu erklären.” Er grinste breit, während er bereits seine Autoschlüssel zückte. “Bist du mit dem Auto zur Praxis gekommen? Sonst würde ich dich direkt bei dir zuhause absetzen.”
    • Ted

      „Sehr gut, hatte ich nämlich auch nicht vor“, lachte Ted, als Charles meinte er müsse sich vielleicht für eine Weile noch keinen neuen Hausarzt suchen. So wirklich ernst war das ja alles auch nicht. Mit einem Hausarzt hatte man vermutlich weniger Probleme, wenn man eine persönliche Bindung aufbaute, als mit einem Chirurgen. Schlimmstenfalls fühlte Charles sich geneigt, Ted mehr Schlaftabletten zu verschreiben, wenn er nett fragte, und damit konnte Ted sehr gut leben.
      „Dann solltest du vielleicht öfter deine Patienten persönlich kennenlernen. Das macht dein Leben auf lange Sicht sicher nochmal spannender, wenn auch nur die Hälfte der Leute so viel Glück im Leben haben wie ich. Vielleicht wirst du als nächstes engagiert, um jemanden bei einer Beerdigung eifersüchtig zu machen“, kommentierte Ted und überlegte, ob das hieß, dass er sich öfter mit seinen Ärzten unterhalten sollte.
      … Nein, das hieß es definitiv nicht. Vielleicht wäre es sinnvoller, mal ein neues Hobby anzufangen. Da lernte man ja auch Leute kennen. Oder- oder er schloss sich Charles Spaziergängen an, wenn er es schon anbot.
      „Klar, die Nummer deiner Assistentin hab ich ja… übers Internet. Oder ich komme in drei Tagen wieder weil die Tabletten nicht wirken“, scherzte Ted. Handynummern auszutauschen war vielleicht doch ein Schritt zu weit, oder?
      Ted nickte. „Das wäre nett, ich bin zufuß gegangen. Ich wohne nur eine Straße weiter, also…“ Er lächelte. Yay, was für ein Service! Nachhause gefahren wurde er auch noch. Er würde Charles das Angebot definitiv nicht ausschlagen, für war hatte Ted nämlich genug gelaufen. Es war nichtmal sonderlich weit gewesen, aber er hatte schließlich auch nur noch ein Sechzehntel seiner normalen Energie übrig. Die Tabletten mussten entweder helfen oder er brach ein von sich aus demnächst mal zusammen und lag dann eine Weile im Koma.
      Ted stieg wieder in Charles Auto und sie fuhren die selbe Strecke wieder zurück, mit einer winzigen Änderung.
      „Ich lasse dich wissen, falls die Tabletten nicht wirken. Klarerweise“, schmunzelte Ted zum Abschied. „Hoffentlich nicht bis zu bald“, sagte er und stieg aus dem Auto. Und jetzt… ging es zurück in seine kleine, dunkle Wohnung. Nur machte es ihm heute ein kleines bisschen weniger aus.
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    • Charles

      "Ich hoffe, dass die Tabletten dir helfen. Nur- die machen wirklich schnell abhängig. Pass bitte ein bisschen auf, okay?" Charles lächelte Ted kurz zu, bevor er ihm knapp hinterher winkte. Gewohnheitsmäßig wartete er, bis Ted im Hausflur verschwand, bevor er wieder einen Gang einlegte und losfuhr. Okay. Das war wirklich passiert, hm? Er hatte einen Patienten auf einen Spaziergang eingeladen und war jetzt als Rache-Aktion auf die Hochzeit seiner ExFrau eingeladen. Als Date. Fake-Date, aber irgendwie gab es da keinen großartigen Unterschied, oder? Die Interaktionen waren die selben, auch wenn die Gefühle nicht echt waren.
      Milo hatte ihm geraten, einfach abzusagen, aber Charles wollte Ted wirklich nicht hängenlassen. Außerdem hatte Milo eine Affäre mit Graces neuem Mann vorgeschlagen und das disqualifizierte seine Meinung zu dem Thema sowieso direkt. Ted war okay. Es würde schon alles gut werden. Irgendwie bekamen sie das schon hin. Irgendwie kam ihm das alles gar nicht so schlimm vor, wie es wahrscheinlich sein sollte.



      Wyatt

      Dating war nichts für ihn.
      Wyatt wischte mit seinen verschwitzten Händen über seine Jeans, während er inständig darauf hoffte, dass man ihm seine Nervosität nicht ansehen konnte. Das alles war definitiv nicht so toll und entspannt, wie alle immer behauptet hatten! Er wusste schon, warum er so gerne mit Emma und Lucas unterwegs war. Keiner von beiden sprach je von Dating oder Beziehungen, während selbiges das Top Thema in seiner Klasse zu sein schien. Alle waren so begeistert dabei darüber zu reden, wer mit wem ausging, oder ausgehen würde und er saß im Bus und schwitzte bereits vor Nervosität, ohne Kaia überhaupt schon gesehen zu haben. Das würde definitiv das erste und letzte Date werden, das er je haben würde. Hoffentlich lohnte es sich.
      Man konnte nicht behaupten, dass er sich keine Mühe geben würde. Wyatt hatte es vermieden, diese Woche mit Aaron oder Jia zu reden, damit Kaia ihm keine Vorhaltungen machen konnte. Er hatte sich mühe gegeben, einen ordentlichen Pullover rauszusuchen (Milo hatte bei seiner ersten Wahl ein Veto eingelegt und Wy hatte sich nicht getraut, zu widersprechen) und er war extra etwas früher losgefahren, damit er auf jeden Fall pünktlich war. Nachdem sie ihr Date eine Woche nach hinten schieben mussten, weil, naja, das Leben irgendwie dazwischengekommen war - Arbeiten, Termine, Familie - hatten sie sich darauf geeinigt, irgendwie alles zu machen. Sie würden jetzt Pizza essen gehen, danach in einen Escape Room und dann zum Abschluss in eine Eisdiele. Vorausgesetzt, sie würden sich nach dem Escape Room noch leiden können. Wy war begrenzt von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugt. Ja, er dachte sich gerne in alles ein, was kompliziert war, aber er würde zeitgleich ja irgendwie noch einen guten Eindruck auf Kaia machen müssen und nicht wie ein absoluter Nerd wirken wollen und ugh, das war irgendwie alles zu viel.
      Als Wy zwei Stationen später ausstieg und einen kurzen Blick auf sein Handy warf, um Zeit und Route zu checken, war er sich sicher, dass die Pizzeria die falsche Wahl gewesen war. Er hatte keine Ahnung, wie er aktuell noch was essen sollte. Er machte sich viel zu viele Gedanken, um einfach entspannt zu essen. Dabei war es nur Kaia! Er hatte schon Zeit mit ihr verbracht! Gut, nicht alleine, aber trotzdem! Das änderte nicht viel, oder? Er wünschte sich nur, dass ihm das alles ein bisschen weniger wichtig wäre.
    • Kaia

      Vielleicht war es etwas kindisch gewesen, sich zwei Wochen lang absichtlich vom Jugendzentrum fernzuhalten, nur damit Kaia es vermeiden konnte, Wyatt ungeplant zu treffen. Sie hatte Jia absichtlich zu sich nachhause eingeladen, und ihr letztlich nicht von dem Date mit Wyatt erzählt, und sie hatte das Thema glücklicherweise auch von sich auch nicht angeschnitten. Alles in allem hatte Kaia es geschafft, Wyatt — und jedem Gespräch über Wyatt — vollständig aus dem Weg zu gehen, mit Ausnahme von ihrer knappen gemeinsamen Date-Planung. Damit war ihre Mission erfolgreich gewesen, denn sie war sich sicher, dass ihre Nerven es vor lauter Gedankenspiralen es sonst nicht zugelassen hätten, noch zu ihrem Date zu gehen.
      Kaia hätte sich zu gerne mit Jia darüber ausgetauscht, was sie anziehen sollte — schließlich war sie noch nie auf einem Date gewesen — aber sie musste letztlich auf ihren Bruder zurückgreifen. Nein, nicht Jonah, der sie wahrscheinlich an den Heizkörper gefesselt hätte, wenn er rechtzeitig von dem Date erfahren hätte. Aber Amari war nicht unbedingt eine riesen Hilfe.
      „Du bist dir sicher, dass die Jacke und die Tasche derselbe Rot-Ton sind?“, murmelte Kaia skeptisch ihrem Spiegel entgegen während sie kleine goldene Ringe in ihre Ohrlöcher klippte.
      „Kaia, die Tasche sieht gut aus, die Jacke sieht gut aus, dein Makeup— du trägst Makeup, oder? Jedenfalls wird der Typ niemals darauf achten, welche Rot-Töne in deiner Kleidung sind“, antwortete Amari, der sich gelangweilt in Kaias Schreibtischstuhl herumdrehte und sporadisch versuchte, einen Bleistift auf seiner Oberlippe zu balancieren.
      Kaia zupfte an ihrem langen, hohen Zopf aus Faux Locs, die sie letztes Wochenende erst eingeflochten bekommen hatte, und betrachtete sich noch eine Weile mit Halbdrehungen im Spiegel, bevor sie sich für einen Lipgloss entschied und dann doch bereit war, zu gehen.
      „Okay. Drück mir die Daumen“, sagte sie bestimmt zu Amari.
      Ihr Bruder warf ihr einen vollkommen verständnislosen Blick zu. „Wofür? Willst du ihn heiraten? Oder soll ich dir die Daumen drücken, dass niemand herausfindet, dass du ein Date hast?“
      Kaia überlegte. „Letzteres“, sagte sie schließlich und ließ Amari alleine in ihrem Zimmer zurück. Außerdem wollte sie noch einen Kuss, aber das musste sie ihrem Bruder nicht erzählen, sonst riskierte sie wirklich noch, dass er sie verpetzte. Ihre Eltern würden ihr bestimmt nicht verbieten, auszugehen, aber sie waren dezent… überfürsorglich und Kaia wollte nicht riskieren, dass sie einen Sturm aus Fragen beantworten und schlimmstenfalls noch ein Telefonat mit Milo arrangieren musste. Ugh.
      Wenigstens fühlte sie sich gut, sobald sie das Haus verließ. Sie trug ihr liebstes Kirsch-Parfum und musste nur hoffen, dass Wyatt nicht überempfindlich war oder so, und passend eine rote Lederjacke und eine rote Tasche, die eben noch mit Amari zur Diskussion gestanden hatten. Aber warum fragte sie einen Kerl? Sie hätte sich wirklich deutlich lieber mit Jia ausgetauscht, die hätte an der Sache wenigstens auch Spaß gehabt. Solange das Date nicht Wyatt wäre. Und ihren anderen Freundinnen wollte Kaia tatsächlich noch nichts erzählen, bevor das erste Date überhaupt über die Bühne war.
      Sie hörte den ganzen Weg über Musik, die ein wenig ihre Nerven auflockerte und die Freude wieder Überhand gewinnen ließ. Wozu machte sie sich Sorgen? Wenn es schlecht lief, würde sie sich vielleicht eine Weile zuhause einschließen, weil sie wirklich, wirklich gehofft hatte, dass sie auch mal eine Beziehung erlebte, aber sterben würde sie dann auch nicht. So gut kannte sie Wyatt nicht. Würde schon schief gehen.
      Bei der Pizzaria angekommen, konnte sie Wyatt tatsächlich schon ein Stück weiter vor dem Eingang stehen sehen und auf einmal war sie doch nicht mehr locker, wie die gesamte Fahrt hier her. Okay. Oh Gott. Was, wenn Wyatt dachte, dass sie sich zu viel Mühe gegeben hatte und alles zu ernst nahm und total abgeturnt davon war? Oder was, wenn ihre Mascara ihr später unter den Augen klebte und sie mit den Zombies im Escape Room zu verwechseln war?
      Sie zwang sich ein todesnervöses Grinsen ins Gesicht und wischte sich unauffällig die Hände an ihrer Jeans ab, bevor sie bei Wyatt ankam.
      „Hi“, sagte sie und versuchte weder zu enthusiastisch, noch zu gelangweilt cool zu klingen, und räusperte sich anschließend sofort weil sie gleich merkte, dass sie das nicht den ganzen Nachmittag aufrecht erhalten konnte. „Wie geht‘s? Waren deine… Prüfungen okay?“, fragte sie. Wie begann man sonst ein Gespräch auf einem Date?? Vielleicht hätte sie sich als Referenzmaterial spontan doch noch ein paar Romanzen reinziehen sollen.
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    • Wyatt

      "Hey!" Kaia stand vor ihm und Wyatt vergaß, wie man einen Körper steuerte. Gott, sie war so hübsch. Wie begrüßte man sich auf dem ersten Date? Gab man sich die Hand? Einen Kuss auf die Wange? Eine Umarmung? Warum hatte er nicht vorher darüber nachgedacht? Er hatte so viel über Dates gelesen, so viele Do's und Don'ts, Fettnäpfchen, die man vermeiden musste und so weiter und den Punkt hatte er vergessen? Zum Glück schien Kaia das nicht übermäßig zu stören. Zumindest redete sie einfach weiter, während sie sich schlicht gegenüber standen, was wahrscheinlich vollkommen normal war und nichts heißen musste, oder bedeutete, dass er schon bei dem ersten Schritt ihres Dates vollkommen versagt hatte.
      "Ja. Ich denke, die Prüfungen sind ziemlich gut gelaufen." Was vor Allem daran gelegen hatte, dass Milo laut darüber nachgedacht hatte, wie viele Wochenenden Wy wohl mit Lernen verbringen musste, wenn es schlecht lief und wie schade es wäre, wenn er darüber ein Date verpassen würde. Nicht, dass Wy das kampflos akzeptiert hätte, aber er hatte wirklich nichts riskieren wollen. Außerdem war Lernen ihm irgendwie immer leicht gefallen, warum also unnötig das eigene Leben schwerer machen? Er konnte die nächsten Prüfungen einfach wieder ein wenig kreativer beantworten, damit er nicht wie ein Streber dastand und alles wäre gut.
      "Wie ist es bei dir gelaufen?", frage er zurück, bevor er realisierte, dass das irgendwie ziemlich unkrativ war. Außerdem würden Kaias Prüfungen wahrscheinlich auch nicht weiter schwer für sie gewesen sein. Sie war schlau und cool und hübsch und- "Ich, ähm, hab was für dich." Wy gab sich einen Ruck und zog ein kleines Geschenk aus seiner Jackentasche, kaum Handflächengroß, vorsichtig in Geschenkpapier mit buntem Konfettimuster eingewickelt. "Ich weiß, dass man normalerweise Blumen mitbringt, aber die welken irgendwann und wir hätten sie mit in den Escape Room nehmen müssen, wo sie wahrscheinlich nicht unbeschadet rausgekommen wären, also..." Er ließ den Satz offen und zuckte stattdessen nur unbeholfen mit den Schultern. Das Geschenk war nichts großes, nur ein kleiner Blumen-Pin. Es hatte ihn trotzdem eine halbe Ewigkeit gekostet, auf die Idee zu kommen. Am Ende hatte ein kleines Brainstorming mit Milo geholfen, aber das würde er nie zugeben. Richtige Blumen waren ihm einfach furchtbar steif vorgekommen. Den Pin konnte sie wenigstens...enttäuscht gegen die nächste Wand schleudern, falls das Date richtig schlecht laufen sollte. Oder an einen Rucksack pinnen und immer mal wieder an ihn denken. Es war ziemlich offensichtlich, welche Alternative ihm lieber wäre.
      "Warst du beim Frisör? Das sieht gut aus. Also, steht dir", schob Wy hinterher, um die kurze Stille zwischen ihnen zu überbrücken, bevor er etwas unsicher auf die Pizzeria neben ihnen deutete. "Sollen wir...?" Irgendwie lief das alles nicht ganz so glatt, wie er geplant hatte. Was wahrscheinlich daran lag, dass er während der Planung davon ausgegangen war, dass er deutlich weniger nervös sein würde. Irgendwie hatte er sich das alles vorgestellt, wie in einem Film, oder so, in dem die beiden Protagonisten immer einfach lachten und sich in die Augen starrten, oder so. Vielleicht sollte er einfach so tun, als ob das hier kein Date, sondern einfach ein Treffen zwischen Freunden war. Wenn er seinen Kopf davon überzeugen könnte, würde die Nervosität bestimmt abnehmen. Das war nur irgendwie verdammt schwer, wenn Kaias Lächeln ihn so leicht ablenkte.
    • Kaia

      „Gut“, nickte Kaia auf die Frage ab. „Aber ich könnte jetzt trotzdem ne Weile auf weitere Prüfungen verzichten“, meinte sie. Sie erwähnte klarerweise nicht, dass sie deutlich unkonzentrierter beim Lernen war, als sonst. Wenigstens würden mittelmäßige Noten bei ihrem allgemeinen Schnitt kaum auffallen. Sie tat sich beim lernen nicht schwer, beim konzentriert stillen Arbeiten allerdings schon.
      Kaia wollte gerade vorschlagen, dass sie reingehen und sich hinsetzen sollten — vor allem, weil sie was zu trinken und etwas in den Händen halten wollte, gegen die Nervosität — aber da zückte Wyatt plötzlich ein kleines Geschenk. Um ehrlich zu sein hatte Kaia noch nichtmal daran gedacht, dass Wyatt ihr Blumen hätte mitbringen können. Sie war so durch den Wind, dass sie allgemein alles vergessen hatte, was man auf Dates so machte. Das kleine Geschenk ließ sie also mit offenem Mund starrend zurück. Sie sah Wyatt wieder an.
      „Oh“, machte sie, irgendwie entzückt, irgendwie immernoch sprachlos. Jetzt, wo sie so darüber nachdachte, hätte sie von Wyatt definitiv nichts derartiges erwartet. Sie liebte es jetzt schon. Ohne zu wissen, was in dem kleinen Päckchen versteckt war. Sie sah wieder runter auf ihre Hände, bevor sie Wyatt letztlich mit einer Hand auf seiner Schulter davon abhielt, ins Restaurant zu gehen. Sie legte die Arme kurz um ihn, viel zu nervös, um eine richtige Umarmung wie das letzte Mal daraus zu machen.
      „Danke“, sagte sie, und mehr fiel ihr nicht ein. Sie fühlte nur, wie das Lächeln sich zurück in ihr Gesicht stahl, breiter wurde, und nichtmal verschwand, als sie längst an ihrem Tisch saßen.
      Kaia fummelte an dem Geschenkpapier, als sie drin waren, und sah endlich, was Wyatt ihr mitgebracht hatte. Es war ein kleiner Emaille Pin in Form einer Blume. Sie biss sich ein wenig auf die Unterlippe, als sie den Pin näher an ihr Gesicht hielt und drehte.
      „So süß“, murmelte sie, weniger zu Wyatt als zu sich selbst. Sie bemühte sich sofort, den Pin an ihre Tasche zu klemmen. Und dann merkte sie auch schon, wie ihre gewohnte, unüberlegte Art wieder die Macht über ihren Körper ergriff.
      „Du siehst übrigens auch gut aus“, sagte sie als sie sich an das Kompliment zu ihren Haaren erinnerte, das sie mehr oder weniger abgeschnitten hatte. „Dein Pullover sieht… schick aus“ Und Wyatt sah süß aus, egal was er trug, weil er Kaia einen Blumenpin geschenkt hatte. Außerdem kam ihr kurzerhand der Gedanke, dass sie sich irgendwann stereotyp einen Pullover von Wyatt leihen musste. Aber… dafür… mussten sie einander wahrscheinlich noch deutlich näher kommen. Kaia war zwar schon bei Wyatt zuhause gewesen, hatte sogar bei ihm übernachtet, aber es wäre definitiv etwas anderes, wenn sie alleine waren.
      Sie versuchte, bei dem Gedanken nicht rot zu werden und war einfach nur froh, dass sie nichts seltsames vor sich hin redete.
      „Was hast du die letzten Tage so gemacht? Außer lernen. Ich meine, ich persönlich lerne nur so 20% der Zeit vor Prüfungen, was vielleicht nicht ideal ist, aber…“ Sie stoppte sich. „Jedenfalls, ich war gestern im Kino“
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    • Wyatt

      Offensichtlich war der Pin eine wirklich gute Idee gewesen, was Wyatt tatsächlich ein kleines bisschen Entspannung verschaffte. Nicht genug, um sich zurück zu lehnen und das restliche Date einfach auf sich zukommen zu lassen, aber immerhin hatte er die erste Hürde meisterlich überwunden. Das war etwas. Das war kein 'Das Date war furchtbar' mehr, sondern zumindest ein 'Das Date war furchtbar, aber wenigstens hat er mir was mitgebracht', was ein Level besser war, oder? Vielleicht versuchte er auch nur, sich das irgendwie selbst einzureden.
      Hoffentlich suchte Kaia sich wenigstens irgendeine Freundin zum lästern aus, die er nicht kannte und nicht direkt Jia. Er selbst hatte sich nicht getraut, irgendjemanden von dem Date zu erzählen, mit Milo als Ausnahme, aber der zählte nicht, weil er zur Familie gehörte und es früher oder später sowieso rausbekommen hätte. Obwohl Milo offenbar die denkbar schlechteste Person gewesen war, der er von dem Date hatte erzählen können. Alleine bei dem Gedanken an dieses grausame Aufklärungsgespräch, das Milo mit ihm versucht hatte, fühlte Wy wieder Scham in sich aufsteigen. Als ob er ein Kleinkind wäre, das noch nie von Sex gehört hätte. So weit hatte er das alles hier sowieso noch nicht durchdacht, er wollte erstmal einfach nur das erste Date überleben. Ärzte in der Familie zu haben war der pure Horror.
      "Danke", antwortete er mit einem kleinen Lächeln, als Kaia ihm ein Kompliment zu seinem Pullover machte. Davon würde er Milo garantiert nichts erzählen. Er öffnete schon automatisch den Mund, um ihr ein Kompliment zu der Jacke zu machen, oder zum Parfum, oder dem Make Up, bis er realisierte, dass sie das wahrscheinlich nur in einen nicht endenden Kreislauf voller Komplimente stürzen würde. Er würde immer irgendwas an Kaia finden, was er mochte. Zum Glück hatte sie schon ein neues Thema parat.
      "Oh, nicht viel", antwortete er. Was im Grunde stimmte. Er hatte gelernt, sich Sorgen um ihr Date gemacht, wegen dem Date recherchiert und versucht, sich selbst irgendwie mental auf alles vorzubereiten. "Ich zocke regelmäßig mit Lucas und Emma und beim letzten mal sind wir irgendwie in so ein Conspiracy Theroy Rabbit Hole gefallen, also...das. Jede Menge YouTube Videos. Ich lerne generell relativ wenig, irgendwie kann ich mir das meiste einfach so ganz gut merken." Er zuckte kurz mit den Schultern und versuchte, weniger zu lächeln. Er musste mit dem Dauergrinsen langsam leicht dämlich wirken.
      "Welchen Film hast du geschaut?", schob er fragend hinterher. Er hatte keine Ahnung, was momentan überhaupt lief. Das Kino gehörte nicht unbedingt zu seinen normalen Treffpunkten mit seinen Freunden. Irgendwie tippte er auf eine Romanze, oder einen Action-Film.
    • Kaia

      „Meine Brüder wollten sich diesen neuen Zombie-Film ansehen, und weil wir heute in einen Escaperoom mit Zombies gehen, hab ich mich angehängt“, lächelte sie. Sie wippte mit den Füßen am Boden herum, weil sie zu viel Energie im Körper hatte. Alleine deshalb freute sie sich auf den Escaperoom bereits. „War gut. Denkst du, wir kommen zu zweit aus dem Escaperoom aber überhaupt wieder raus? Ich glaube, die Spanne ging von einer Gruppe von zwei bis sechs Leuten. Ich hab das Gefühl, wir könnte da ewig feststecken“, schmunzelte sie. Was okay wäre. Solange es zwischen ihnen gut lief. Auf der anderen Seite hatte Kaia mit Puzzlen nie Probleme gehabt, sie musste sich auch ständig Krimis und Quizshows mit ihrer Tante ansehen, aber Wyatt konnte sie nicht einschätzen. War er… schlau? Bei ihrem ersten Treffen war er verdammt dumm rüber gekommen, aber mittlerweile war sie sich nicht mehr sicher. Ihr gefiel aber beides. Sie mochte Wyatt hauptsächlich, weil er etwas seltsam war, und cool wirken wollte, aber offensichtlich nerdig war, und das machte ihn süß. Wenn sie so darüber nachdachte, war ihr Deal damals, bei dem Kaia so tun sollte als würde sie auf Wyatt stehen, nie so weit her geholt gewesen. Sie hätte sich zumindest nichts ausdenken müssen.
      „Hey, hat Emma irgendwas über Jude gesagt?“, fiel es Kaia plötzlich ein. „Dir ist aufgefallen, wie er sie angeflirtet hat, oder?“ Sie grinste belustigt. Gut, dabei zuzusehen war schon etwas schmerzhaft gewesen aber im Nachhinein fand sie es unheimlich witzig und sie musste einfach wissen, ob da irgendwas passieren würde. Vor allem nachdem Wyatt so überzeugt davon gewesen war, dass seine Freunde und er absolut niemals jemals über Beziehungen nachdachten. Achja…
      „Wie stehst du eigentlich jetzt zu der Aussage, dass du nichts von Mädchen und Dates hältst?“, fragte sie und versteckte sich ein wenig hinter der Speisekarte, ohne Wyatt aus den Augen zu lassen. Sie durfte ihn schon noch ärgern, auch wenn sie ausgingen, oder?
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    • Wyatt

      Das...zählte irgendwie zu Action, oder? Waren Zombies eher Horror? Also, klar, Zombies waren Horrorgestalten, logisch, aber die wenigsten Zombiefilme waren wirkliche Horrorfilme, oder? Die meisten waren eher Slasher. Also Action. Warum dachte er darüber überhaupt so intensiv nach? Irgendwie war es fast niedlich, dass Kaia so ihre ganz eigene Vorbereitung durchgezogen hatte.
      "Ich denke nicht, dass wir in dem Escape Room wirklich Schwierigkeiten haben werden. Sechs Leute sind chaotischer. Wenn wir uns zu zweit auf ein Puzzle konzentrieren sind wir viel effektiver. Und falls die Zombies schneller sind, als wir, opferst du mich halt." Er zuckte erneut kurz mit den Schultern. Im Vergleich zu dem gesamten Date kam ihm ein Tod durch Zombies - wenn auch nur gespielt - deutlich weniger schlimm vor. Okay, vielleicht war sein Stresspegel gerade unfassbar weit oben, weil er nicht wollte, dass er sich in den Puzzlen verstrickte und einen schlechten Eindruck auf Kaia machte, aber vielleicht...könnte er selbst das irgendwie überspielen, nicht? Vielleicht war er auch einfach zu cool, um sich in die Puzzle hinein zu denken, oder so. Auch wenn er jetzt schon wusste, dass er das nicht könnte. Wenn er ein Rätsel sah, wollte er es lösen.
      Zum Glück gab Kaia ihm mit Emma und Jude direkt das nächste Rätsel. Hatte Jude geflirtet? Er war auf seinem Geburtstag etwas seltsam drauf gewesen und Emma war cool, also wäre das irgendwie logisch, aber Emma war halt auch irgendwie Emma. Wy konnte sich nicht vorstellen, dass sie überhaupt irgendjemanden daten würde. Generell kam ihm das irgendwie immer abwegiger vor, je länger er darüber nachdachte, dass einer seiner Freunde irgendwann mal in einer Beziehung landen könnte. Irgendwie waren sie in seinem Kopf einfach ständig single und als Freunde zusammen. Mit Ausnahme von Kaia und ihm, hoffentlich. Aber das war irgendwie was anderes, auch, wenn er nicht erklären konnte, wieso.
      "Äh", antwortete er eloquent, bevor er kurz blinzelte. "Sie hat zumindest nichts mehr erwähnt. Sie hatte nur gesagt, dass sie euch insgesamt ganz cool fand und ich Jia und dich öfter einladen soll, weil ihr Freundeskreis zu Testosteron-lastig ist. Kein Plan, warum sie sich nicht einfach selbst Freundinnen suchen kann. Vielleicht hat Jude ja trotzdem Glück." Auch, wenn er es ihm seltsamerweise nicht gönnte. Er hatte sich ja selbst erst mit Jude angefreundet. Ihn direkt an eine Beziehung zu verlieren war...ein extrem scheinheiliger Gedanke. Er machte gerade immerhin genau das selbe. Warum mussten diese Selbsterkenntnisse immer im schlechtesten Augenblick kommen?
      Kaias nächste Frage war sogar noch schlimmer. Wyatt sah von der Speisekarte zu ihr hoch und bemühte sich darum, sich nichts von der leichten Panik anmerken zu lassen, die in ihm hochstieg. Er schaffte es nicht wirklich. "Das ist was anderes", antwortete er viel zu schnell und ohne, dass er wirklich erklären könnte, warum das hier etwas anderes sein sollte, als ein Date mit einem Mädchen. Aber es war was anderes. Es war ein Date mit Kaia. Er kannte Kaia. Er mochte Kaia. Kaia war nicht irgendein Mädchen, das er hübsch fand und auf gut Glück um ein Date gebeten hatte. Für ihn machte das vollkommen Sinn, aber er hatte keine Ahnung, wie er ihr das erklären sollte, ohne, dass es vollkommen irre klingen würde.
      "Sticheleien helfen nicht dabei, meine Meinung zu ändern." Punkt. Mehr musste er zu dem Thema nicht sagen, oder? Auch, wenn es ein bisschen zu eingeschnappt klang.
    • Kaia

      Sich zwischendurch eine Cola und Salamipizza bestellend, hörte Kaia, immernoch viel zu breit lächelnd, Wyatt dabei zu, wie er immer süßer wurde. Er würde sich opfern, hm? In letzter Zeit hatte Kaia das Gefühl, dass manchmal jeder zusammenhängende Gedanke in ihrem Kopf hinter einer rosa Nebelwand verschwand. Aber Wyatt würde sich für sie den Zombies opfern, also war alles egal. Das war das Boyfriend Material von dem alle redeten und sie war auf dem besten Weg es zu ihrem ganz eigenen Boyfriend Material zu machen.
      Dachte sie. Bis Wyatt ihr Treffen als irgendetwas ‚anderes‘ beschrieb. Etwas anderes? Sie sah von der Speisekarte hoch, die ein paar super Kuchensorten auflistete.
      „Wie, anders?“, fragte Kaia, offensichtlich nicht begeistert von der Antwort. Wie auch? Was sollte das heißen? Sie hatte darauf eine süße, nervöse Antwort erwartet, wie auf alles andere auch. Etwas wie ‚Naja… vielleicht hat sich meine Meinung ein bisschen geändert‘. Oder sogar ein spontaner peinlich berührter Themenwechsel, egal was! Alles wäre besser als ein ‚Das ist was anderes‘. Und der Ton… den konnte Wyatt sich schenken.
      Sie hatten noch nichtmal ihre Pizza und Kaias pinke Nebelwolke hatte sich schon spontan in Luft ausgelöst. Hatten sie eine andere Vorstellung von diesem Treffen, oder was? Was sollte hieran anders sein als an einem normalen Date? Mal abgesehen davon, dass Wyatt sie nicht vor ihrer Haustüre in einem schicken Auto abholen und sie in ein Sternerestaurant ausführen konnte, oder was auch immer diese Hollwood Filme einem einreden wollten. Sie hatte auf das alles eh keine Lust (zumindest nicht heute), aber das hieß nicht, dass ihr Date kein Date war, vor allem wenn sie es ganz klar als solches benannt hatten!
      Kaia legte die Karte ab und runzelte die Stirn während sie Wyatt einen Moment lang intensiv anstarrte.
      „Was verstehst du denn unter einem Date?“, fragte sie harsch. „Du hast es doch selbst so genannt, oder hab ich Halluzinationen?“ Wenn Wyatt sich doch als als ein riesen Feigling wie alle anderen Jungs herausstellte, würde Kaia Dates für immer abschwören. Sie war sich viel zu sicher gewesen, dass Wyatt diese Fassade nur aufsetzte um irgendwem zu beweisen, dass er total cool und abgeklärt war, was in ihren Augen kein Stück funktionierte und auch nur ganz alleine deshalb so charmant war.
      „Erklär mir mal, was hieran so anders ist, damit ich Bescheid weiß“, meinte sie und lehnte sich zurück ohne Wyatt aus den Augen zu lassen.
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