The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Ezra

      “Dann gratuliere ich lieber nicht. Ich hoffe, dass du dich trotzdem geliebt fühlst und weißt, dass du absolut umwerfend aussiehst”, erklärte Ezra mit gesenkter Stimme, damit Nachbartische das Gespräch nicht mitbekamen. Das Pärchen links von ihnen war über ein Handy gebäugt, während die junge Frau rechts von ihnen aussah, als würde sie gleich mit einem Brötchen in der Hand einschlafen, aber man wusste ja nie, wer so lauschte und heute konnten sie sich keinen zusätzlichen Stress erlauben. Dafür gab sich Ezra Mühe, den Kommentar zu seinem Frühstück zu überhören. Er war sich absolut sicher, dass er nichts drin behalten würde, was er essen würde. Zum Glück hatte Andrew mit ihrer Mission bereits das nächste Thema gefunden. Zwar kein schöneres Thema, aber immerhin.
      “Ich weiß nicht, was du meinst. Ich habe den Eindruck, dass Nadia unsere humorvollen Unterhaltungen absolut wertschätzt. Sie wollte mich immerhin so dringend bei sich behalten, dass sie mich am Sessel festgetackert hat”, merkte er sarkastisch an, während er kurz die Hand hob, die Nadia ihm so großzügig durchstochen hatte. Es war absolut keine Frage, dass sie sich zuerst auf ihn stürzen würde. Was Fluch und Segen zugleich war. Einerseits war er froh, dass Andrew damit vorerst aus der Schusslinie war, andererseits hing er mittlerweile wirklich an dem Leben, das sie sich aufgebaut hatten. Trotzdem musste er auf Andrews abschließenden Rat hin etwas lächeln. “Keine Panik. Du weißt ja selbst, wie schwer man mich fangen kann. Wie oft hast du es in den letzten neun Jahren geschafft? Vier mal? Höchstens fünf? Wird schon schief gehen.” Er hob die Tasse erneut an und zwang den nächsten Schluck Kaffee herunter.

      Der restliche Morgen verging wie im Flug. Ezra bekam von der Fahrt kaum etwas mit Sie wurden von Mikhail, einem jungen Kollegen begrüßt, der ihnen nochmals erklärte, wie genau der Ablauf geplant war, fast Wort für Wort so, wie Andrew es eben noch am Frühstückstisch getan hatte, nur mit einem leichten russischen Akzent und weniger Nervosität, was Ezra überraschenderweise tatsächlich half, seine eigene Nervosität ein wenig runter zu schlucken. Sie selbst würden den Köder spielen, die anderen MLO Agenten, die in zivil in der Nähe waren, oder als Scharfschützen auf drei der umliegenden Dächer verteilt waren, würden eingreifen, sobald Nadia abgelenkt genug war. Auf dem Papier war es ein verdammt einfacher Plan.
      "Also", schloss Mikhail, während er ihnen beiden je einen dezenten in-ear Kopfhörer entgegen hielt, damit sie in Verbindung bleiben konnten, "Augen offen halten, nichts Dummes tun und keine Alleingänge." Er schenkte ihnen ein strahlendes Lächeln. "Wir sind geprobt in sowas. Das wird problemlos über die Bühne gehen." Er hielt ihnen kurz eine Hand zu einem High Five entgegen, was so absurd war, dass Ezra automatisch einschlug. Mikhail nickte ihnen nochmal zu, bevor er sich von ihnen wegdrehte und im Strom der anderen Touristen und Passanten verschwand.
      "Warum können wir nicht immer so optimistische Kollegen haben?", fragte Ezra, während er Mikhail hinterher sah, bis er ihn in der Menge verlohr. "Warum müssen wir uns mit Richard rumschlagen? Denkst du, wir könne die beiden austauschen?" Er hatte selbst keine Ahnung, wovon genau er redete. Er war zu nervös, um noch ordentlich zu denken. "Wir sollten ein Austauschprogramm vorschlagen, wenn wir wieder in London sind."
    • Andrew

      Er liebte Ezras Humor. Das tat er wirklich. Und es gefiel ihm auch, mit ihm in ernsten Lagen zu scherzten, um alles etwas aufzulockern. Aber heute bekam Andrew es einfach nicht zustande. Er hatte keine geistreichen Antworten auf Ezras Kommentare, dafür war er eindeutig zu sehr in Work-Mode. So sehr, wie noch nie. Er nahm das Ganze vielleicht sogar ernster, als er musste, aber er hatte das Gefühl, dass es neben Mikhail und Ezra doch eine Person geben musste, die sich wie ein Roboter verhielt, der keine Fehler machte. Das redete er sich jedenfalls ein: Er machte keine Fehler. Ezra war tatsächlich… seine einzige Schwachstelle, was gerade nicht optimal war. Vor allem wenn diese Schwachstelle so nervös aussah, dass Andrew langsam das Gefühl hatte, dem generellen Autofahrer-Prinzip folgen zu müssen, sich so vorsichtig zu verhalten, dass man noch die Fehler der anderen Leute im Straßenverkehr ausgleichen konnte. Er war jedenfalls mehr als wachsam.
      „Ich sage es nur ungern, aber ich hätte gerade lieber Richard als Mikhail hier“, sagte Andrew, während sie über den Platz vor der Kirche gingen, um den Eingang im Auge zu behalten. „Der könnte uns wahrscheinlich als einziger den Arsch retten“ Andrew hatte Richard noch nie sonderlich gemocht, aber er hatte auch nichts gegen ihn gehabt, bis vor kurzem. Mittlerweile würde er ihn gerne eigenhändig erwürgen, aber leider konnte man ihm nicht absprechen, dass er unglaublich fähig war. Sie hatten nicht ohne Grund immer um den ersten Platz gerungen. Oder, naja, Richard hatte gerungen. Andrew war eben in diesen kindischen Krieg hineingezogen worden.
      Andrew musste sich krampfhaft zurückhalten, nicht nach Ezras Hand zu greifen, weil auf diesem Platz so viele Menschen herumwuselten, dass er fürchtete, jemand würde seinen Freund einfach packen und leise verschwinden lassen. Er machte sich wirklich zu viele Sorgen, aber er hatte schon zig Gefahrensituationen durchgespielt und musste sich eingestehen, dass er in keiner einzigen eine hundertprozentige Gewinnrate hätte. Andrew konnte nichts tun, als seinen Blick auf den Kircheneingang gerichtet zu halten und darauf zu vertrauen, dass Ezra bei ihm war, wenn er sich nicht magisch dreißig weitere Augenpaare wachsen lassen konnte. Und… er war sich nicht sicher, ob der Stress der Lage die Zeit extra langsam verstreichen ließ, oder ob sie wirklich schon eine ganze Weile hier herumliefen. Andrew wechselte also die Richtung und blieb in der Nähe des Eingangs stehen.
      „Das dauert schon ziemlich lange, hm?“, versuchte er möglichst entspannt zu bemerken, wobei die Frage mehr an die restlichen Kollegen ging, als an Ezra. Andrew hörte gleich darauf eine Stimme in seinem Ohr, die sein Freund auch hören musste. „Wir warten noch fünf Minuten“
      Aha. Und dann? Andrew runzelte die Stirn und zog sein Handy aus der Tasche, checkte die Uhr und machte ein Foto von der Kirche, wie die restlichen Touristen. Fünf Minuten also. Und wenn Nadia nicht auftauchte? Andrew würde nie wieder ein Auge zubekommen. Sie wusste, dass Ezra und er hier waren. Wenn sie ihren Plan änderte, hatten sie allerdings keine Ahnung, wo Nadia war. Vielleicht dabei, ihren neuen Plan auszubauen, wie sie sie nachts abstechen konnte.
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    • Ezra

      Okay, wenn er sich vorher keine Sorgen gemacht hätte, dann spätestens jetzt. Richard statt Mikhail? Er würde lieber nochmal ein nettes Lächeln sehen und draufgehen, als gerettet zu werden und sich das den Rest seines Lebens anhören zu dürfen. Sicher, auf einer tiefen Ebene seines Selbst verstand er, warum Andrew sich für Richard entscheiden würde, auf einer noch viel tieferen Ebene hasste er ihn aber einfach zu sehr, um dieser Entscheidung irgendwas gutes abgewinnen zu können. Aber das war definitiv keine Diskussion die er führen würde, wenn sie auf Nadia trafen, also beschränkte er sich auf einen kritischen Blick in Andrews Richtung, bevor er ihm zur Kirche folgte.
      Ezra hatte Religion nie wirklich etwas abgewinnen können. Kirchen waren meistens schön anzusehen, aber irgendwie auch dunkel und erdrückend, was in der aktuellen Situation nicht sonderlich dabei half, sich zu entspannen und seinen Job zu machen. Ezra versuchte trotzdem, seinen Blick durch die Menge gleiten zu lassen und sich jede Ecke zu merken, hinter der Nadia sich verstecken könnte. Bisher hatten sich ihre Gegenspielerinnen leider nie sonderlich dumm angestellt. Irgendwie rechnete er schon fast damit, dass Nadia längst im Gebäude war und das ganze Ding einfach plötzlich hinter ihnen in die Luft gehen würde, aber es passierte nichts. Warten war das schlimmste, was Nadia ihnen antun konnte. Der Gedanke kam ihm immer wieder in den Kopf, während Andrew sich ebenfalls über die Dauer beschwerte und ihre Kollegen offenbar ebenfalls die Geduld verloren.
      Fünf Minuten hörten sich nicht nach viel an, zogen sich aber, wie Kaugummi. Ezra wollte gerade vorschlagen, dass sie vielleicht eine Runde um die Kirche drehen sollten, um zu schauen, ob Nadia einen etwas dezenteren Eingang gewählt hatte, als das Haupttor, als es in seinem Headset kurz knackte.
      "Ich habe gerade die Nachricht bekommen, dass in einem Waisenhaus in der Nähe ein Amoklauf gemeldet worden ist", meldete sich Mikhail. Das enthusiastische Lächeln war komplett aus seiner Stimme verschwunden. "Offensichtlich ist dort eine junge Frau auf das Pflegepersonal losgegangen. Ein Brand ist ebenfalls gemeldet worden. Wir gehen von einer Ablenkung aus."
      Ezra blinzelte kurz, während er versuchte, irgendwie zu verarbeiten, was er gerade gehört hatte. Es war furchtbar und es war verdammt unwahrscheinlich, dass das ein Zufall war, oder? "Und wenn es keine Ablenkung ist?", fragte er.
      "Die Polizei ist informiert", antwortete Mikhail knapp. "Bleibt auf euren Posten."
      Ezra wusste nicht ganz, ob ihr Kollege spezifisch Andrew und ihn damit meinte, oder ob es eine generelle Anweisung war. Eine weitere Stimme meldete sich, diesmal auf russisch, was Ezra nicht verstand. Er realisierte nur, dass gerade wohl eine hitzige Diskussion zwischen ihren Kollegen entbrannte, während er selbst immer noch in eine Art Schockstarre gefangen war. Er gab sich selbst einen Ruck und zog den Kopfhörer aus seinem Ohr. "Andrew, was ist der Plan? Was, wenn Nadia sich doch ein anderes Ziel gesucht hat? Das kann kein Zufall sein."
      Ein Waisenhaus attackieren. Das klang, wie etwas aus einem unglaublich schlechten, klischeebeladenen Buch. Etwas, was ein Bösewicht aus einer Satirezeitung machen würde und nichts, was wirklich passierte. Aber Nadia war definitiv psychopatisch genug dafür, oder nicht?
    • Andrew

      Andrew war sich sicher, dass sein eigener Schock sich in Ezras Augen widerspiegelte. Welcher kranke Arsch lief in einem Waisenhaus Amok? Er hörte dem russischen Gestreite eine Weile zu, dachte aber an etwas völlig anderes. Es war eine grauenvolle Idee. Eine abartig verantwortungslose Idee. Aber sie konnten hier nicht herumstehen, warten und daran glauben, dass Nadia und Jelena extra eine Ablenkung geplant hatten, um sie hier wegzulocken. Und selbst wenn… wie könnten sie darauf nicht anspringen? Dort gab es etwas zu tun, hier nicht. Noch nicht, jedenfalls. Und Andrew bezweifelte, dass das Waisenhaus tatsächlich eine Ablenkung war. Menschen wie Nadia konnten von Kleinigkeiten gereizt und vom Weg abgebracht werden. Was auch immer ihr Plan gewesen war, Andrew bezweifelte, dass sie ihn für einen spontanen Wutausbruch nicht einfach aus dem Fenster werfen würde. Er nahm den Hörer aus seinem Ohr und steckte ihn in seine Jackentasche.
      "Wir sollten dort hin", sagte Andrew und konnte selbst kurz nicht glauben, dass diese Worte aus seinem Mund kamen. "Es ist definitiv Nadia. Kannst du dich erinnern, als Thomas mir erzählt hat, dass sie als Kind in verschiedenen Waisenhäusern aufgewachsen ist, wo sie misshandelt wurde und in die Kriminalität abgerutscht ist? Wahrscheinlich ist das eines der Waisenhäuser. Ich denke nicht, dass das eine Ablenkung ist. Sie ist ganz sicher einfach zu instabil gewesen, um daran vorbeizulaufen" Andrew war kein Psychologe, aber dass Nadia nicht nur gehässig war, sondern eindeutige Probleme hatte, könnte wohl jeder erraten.
      Es gab nur ein Problem. "Wenn wir jetzt gehen, sind wir vielleicht noch rechtzeitig da, um sie abzufangen. Aber wir haben dann kein Backup. Die sind alle zu beschäftigt damit, an ihrem Plan festzuhalten. Mikhail meinte, dass die Polizei hin fährt, aber wir wissen beide, dass man gegen Nadia ohne die richtige Ausrüstung nicht ankommt" Sollten sie wieder Helden spielen? Die letzten Male hatte das ja nicht so gut geklappt. Aber hier stehen und auf etwas warten, das sie sofort verhindern könnten, wenn sie Nadia gleich fassten, war einfach… es war nicht richtig.
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    • Ezra

      Wenn es nicht gerade darum gehen würde, sich einer psychopathischen Massenmörderin zu stellen, würde Ezra es wahrscheinlich absolut lieben, dass Andrew genau das aussprach, was er dachte. So fand er diesen süßen kleinen Fakt furchtbar und deprimierend. Es lag auf der Hand, was sie zu tun hatten. Sie konnten nicht hier stehen und Däumchen drehen, während Nadia Menschen verletzte oder tötete, egal, ob das Pflegepersonal, die Polizei, oder - und an diese Möglichkeit wollte er gar nicht denken - die Kinder.
      Er nickte kurz, bevor er ein klein wenig überfordert zu dem Kopfhörer in seiner Hand sah, ihn schließlich in seiner Hosentasche verschwinden ließ und stattdessen sein Handy zückte. Es würde wohl keinen Sinn machen, sich in das Streitgespräch einzumischen. Sie konnten ihnen immer noch Bescheid geben, wenn sie auf dem Weg waren und sich die Stimmung etwas beruhigt hatte. Mit ein bisschen Glück würden die anderen sie sogar unterstützen, statt einfach ins nächste Streitgespräch auszubrechen.
      Es brauchte nur eine kurze Googlesuche um herauszufinden, dass es nur ein einziges Kinderheim in der Nähe gab, was wenig überraschend war. Ezra brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, bevor er auf eine Querstraße rechts von ihnen deutete. “Da müssen wir rein, dann immer weiter geradeaus und schließlich links. Fünfzehn Minuten Fußweg, ich denke, wir schaffen es in der Hälfte der Zeit, wenn wir uns beeilen.” Was er auf jeden Fall vorhatte. Er war nicht sonderlich erpicht darauf, auf Nadia zu treffen, aber der Gedanke daran, die Menschen vor Ort hilflos warten zu lassen, war schlimmer und hey - falls es doch eine Ablenkung war, würden sie Nadia vielleicht sogar verpassen.

      Ezra konzentrierte sich kaum auf die Umgebung um sie herum, während sie die Straße entlang liefen. Seine Aufmerksamkeit war auf die Karte auf seinem Handy und den Autoverkehr beschränkt, wenn sie über eine rote Ampel liefen. Im Gegensatz zur Kathedrale war die Gegend hier überraschend leer. Ab und an kamen ihnen Leute entgegen, aber sie musste nicht anhalten, oder großartig ausweichen. Wenigstens wussten sie, dass sie in die richtige Richtung liefen, als der Geruch der Luft zunehmend rauchiger wurde. Schreie hallten durch die Straßen, ein paar panisch, ein paar überrascht.
      Das Waisenhaus hob sich kaum von den Häusern um es herum ab. Wenn Ezra es nicht besser gewusst hätte, hätte er es wahrscheinlich für ein vollkommen normales Wohnhaus gehalten. Der kleine Vorgarten war von einem bunt lackierten Zaun aus Eisen umschlossen, der einen fröhlichen Kontrast zu dem dunklen Stein des Gemäuers bildete. Vor dem Gebäude standen ein paar Passanten, die offenbar ähnlich mit der Situation überfordert waren, wie Ezra. Ein junger Mann kniete über einer ältere Frau, die panisch auf ihn einredete. Ihre Jacke war blutverschmiert und der Mann hatte beide Hände auf ihren Oberkörper gedrückt, wohl, um die Blutung zu stoppen. Hinter ihm stand ein weiter Mann, der panisch in ein Handy hinein sprach. Ezra konnte nur hoffen, dass er mit der Polizei oder Feuerwehr sprach und nicht einfach aus Sensationsgeilheit hier stand. Eine Gruppe Kinder, hoffentlich aus dem Heim, hatte sich an einer Seite gesammelt und wurden gerade von zwei Frauen und einem älteren Mann mit Hund in die nächste Straße, raus aus dem Gefahrenumkreis, geführt. Die meisten von ihnen weinten.
      Zwei weitere Passanten standen an dem Zaun und starrten fassungslos auf die Flammen, die aus dem obersten Stockwerk schlugen und die Luft mit schwarzem Rauch füllten. Die Tür zum Haus hing nur noch an einer Angel, aber Ezra konnte nicht abschätzen, ob das Nadias Werk gewesen war, oder das der Passanten, die helfen wollten. Er griff nach Andrews Hand, während er auf das Gebäude sah. Die verletzte Frau auf dem Boden deutete fanatisch auf das Haus, so, als wolle sie dem Mann, der sich um sie kümmerte, klarmachen, dass er reingehen sollte. Es war unmöglich, dass sie die einzige Pflegerin war, die den Anschlag überlebt hatte. Es mussten noch Personen im Haus sein.
      “Fünf Minuten”, sagte Ezra, während er Andrew durch den Vorgarten zur Tür zog. “Wir sehen uns drinnen fünf Minuten um, ob wir noch jemanden retten können, dann gehen wir wieder raus.” Das Feuer schien die unteren Stockwerke noch nicht ganz erreicht zu haben. Wenn es zu knapp wurde, hatten sie vielleicht sogar noch zehn Minuten, aber Ezra wollte nichts riskieren. “Bereit?”
    • Andrew

      Das Bild, das sich ihnen ergab, war grauenvoll. Es war chaotisch und Andrew wollte irgendwie als erstes den Passanten erklären, dass sie auf keinen Fall ins Haus rennen sollten, weil das so ungefähr das dämlichste war, das man in einem Brandfall tun konnte. Aber sie waren ja selbst gerade kurz davor, völlig ohne Schutz in ein qualmendes Haus zu laufen. Andrew seufzte frustriert, als er sah, dass weder Feuerwehr noch Rettung bereits am Ort waren. Die Polizei konnte ungefähr so viel ausrichten, wie Ezra und er.
      Andrew sah auf seine Hand, die Ezra gerade ergriffen hatte, dann wieder in seine Augen. Fünf Minuten in einem brennenden Haus waren nicht, wie der Tag heute verlaufen hatte sollen, und die Chancen, dass sie sich drinnen trennen mussten, waren sehr groß. Andrew nickte, deutlich unsicherer, als er es wollte, bevor er wieder das Haus ansah, Ezras Hand drückte und wieder losließ, um mit ihm hineinzugehen. Sie brauchten beide Arme, um sie so lange wie möglich vor Mund und Nase zu halten, um nicht allzu viel von dem Rauch einzuatmen.
      Die Flammen, die in den oberen Stockwerken durch die Fenster zu sehen gewesen waren, schienen sich tatsächlich noch nicht ins Erdgeschoss vorgearbeitet zu haben, aber es war nur eine Frage der Zeit. Je mehr Fenster von der Hitze zersprangen, desto mehr Sauerstoff bekam das Feuer, und sie hatten nicht mehr viel Zeit, bis alles hier ein Haufen Asche war. Andrew hörte sich selbst kaum bei den Schreien, die aus dem Haus kamen, und am Weg hinein wurden sie beinahe von einer Frau mit einem Kind am Arm umgerannt. Andrew wich ihr aus, dann folgte sein Blick dem Weg, aus dem sie gekommen war. Da war die Treppe in den ersten Stock. Er deutete Ezra, dass sie nach oben mussten. Im Erdgeschoss sollte niemand mehr sein, da der Weg nach draußen nicht versperrt war.
      Andrew lief die Treppe nach oben, wo es zunehmend heißer wurde. Im Gang sah er bereits die ersten Flammen. Es brachte nichts, sich mit Alltagskleidung und einer kugelsicheren Weste durch Feuer zu kämpfen, also lief er in die andere Richtung und riss alle Türen auf, um die Zimmer mit einem schnellen Blick zu durchsuchen. Sein Ziel war es eigentlich, Nadia zu finden. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie in einem der Räume noch Geiseln hielt, bevor sie sich selbst aus dem Staub machte. Er lief voraus in den zweiten Stock hinauf, der beinahe völlig von dem Feuer eingenommen worden war. Die verbrannten Türen und Wände, wo in Fetzen Bilder herunterhingen, waren ein Anblick wie aus einem Horrorfilm. Andrew bemerkte außerdem einen starken Hustenreiz. Und dann… sah er nicht, was er gesucht hatte, sondern eine ältere Frau vom Pflegepersonal mit zwei kleinen Kindern vor sich, die am Boden saßen, schrien und sich wohl nicht weiterbewegen wollten. Andrew lief zu den dreien herüber, ließ seinen Arm fallen und hob eines der Kinder auf die Beine. Die ältere Frau zog das andere hoch, das sich immer wieder stur zu Boden fallen ließ und irgendetwas auf russisch schrie. Andrew hatte keine Ahnung, wie er bei dem Lärm irgendetwas kommunizieren konnte, dass dieses Kind überhaupt verstand, also kniete er sich kurzerhand hin und nahm beide Kinder links und rechts in einer umständlichen Position unter die Arme und lief wieder in Richtung Treppe, wo sich das Feuer deutlich ausgebreitet hatte. Aber Brandwunden waren immernoch deutlich besser, als zu sterben. Er sah über die Schulter, die Frau folgte ihm, also lief er wieder an Ezra vorbei und aus dem Haus heraus, um die zwei Kinder abzusetzen und kurz frische Luft zu schnappen, was nur in einem gewaltigen Hustenanfall endete. Dann ging er wieder hinein. Alles über dem zweiten Stock war ohne Ausrüstung vollkommen unmöglich zu durchsuchen, und das Feuer breitete sich schnell nach unten aus. Warum musste er ausgerechnet heute einen Stein dabei haben, der Feuer legen und nicht löschen konnte?
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    • Ezra

      Das Erdgeschoss brannte noch nicht, aber der Hitze im Inneren nach zu urteilen, würde es nicht mehr lange dauern, bis die Flammen sich auch hier ausbreiten würden. Ezra sah sich kurz um, bevor er schlicht die Tür aufriss, die ihm am nächsten war. Er sah aus dem Augenwinkel heraus, wie Andrew die Treppe hinaufging und zwang sich, ihn nicht zurückzuhalten. Andrew wusste, was er tat. Sie würden nur eine kleine Runde drehen und dann sofort wieder draußen sein.
      Er war in einer kleinen Küche gelandet. Töpfe standen auf dem Herd, ein Tisch war gedeckt, es sah wohnlich aus, wenn man den Umstand verdrängte, dass das Haus in Flammen stand und die Tatsache ignorierte, dass die Arbeitsplatte und Schränke blutverschmiert waren. Offensichtlich hatte Nadia sich an den Messern bedient, was ein absolut gruseliger Gedanke war. Noch gruseliger war das verzweifelte Klopfen, das von der anderen Tür in dem Raum kam. Der Türgriff fühlte sich widerlich warm unter Ezras Fingern an, als er danach griff und daran zog, nur um feststellen zu müssen, dass die Tür klemmte. “Hey!”, rief er mit einem kurzen Klopfen gegen das Holz in der Hoffnung, dass die Person am anderen Ende ihn hören und verstehen konnte. “Zusammen. Drei, Zwei, Eins.” Er stemmte sich mit einem Fuß gegen den Türrahmen und zog. Die Tür gab ein unschönes Knarzen von sich und bewegte sich ein kleines Stück, bevor sie aufsprang und Ezra von einem Mann umgerannt wurde. Beide rappelten sich umgehend wieder auf. Der Mann schrie irgendwas, was Ezra nicht verstand und hechtete an ihm vorbei auf den Ausgang zu. Ezra folgte dem Vorbild.
      Im Hausflur kam er wieder an Andrew vorbei, der einer Frau und zwei Kindern aus dem Haus hinaus half. Ezra atmete erleichtert aus und begann sofort zu husten. Der Rauch um ihn herum wurde immer dichter. Er nutzte den Stein an seinem Finger, um ihn mit einem kleinen Lufthauch zur Seite zu schieben, wohlwissend, dass dieser Trick nur so lange funktionieren würde, bis die Flammen sich zu ihm vorgearbeitet hatten. Was wahrscheinlich bedeutete, dass er Andrews Beispiel folgen und nach draußen gehen sollte.
      Tiefer im Haus ertönte ein lautes Knacken, das Ezra erschrocken zusammenzucken ließ. Okay. Absolut Zeit zu gehen. Er war schon drauf und dran, die Haustüre anzusteuern, als er zwischen dem Knacken einen Schrei hörte, der ihn zum Anhalten brachte. Er zögerte eine Sekunde. Der Schrei ertönte erneut. Fuck. Mit einem letzten Blick zum Ausgang steuerte Ezra die Richtung an, aus der der Schrei gekommen war, eilte durch einen Aufenthaltsraum in den nächsten Flur und zur nächsten Tür. Die Tür war diesmal nicht das Problem. Dafür stand der Raum, den er betrat, schon in Flammen.
      Ein Stück der Decke war offenbar heruntergekommen. In der gegenüberliegenden Ecke des kleinen, brennenden Haufens saßen zwei Kinder, die sich voller Panik gegen die Wand drückten. Nein, drei Kinder. Als Ezra näher an sie heran ging sah er, dass einer der beiden Jungs ein Baby im Arm hielt, das eine wilde Mischung aus Schreien und Husten ausstieß. Dem kleinen Gitterbettchen, das unter der heruntergestürzten Decke hervorlugte nach, war das wohl ihr Zimmer gewesen.
      “Alles wird gut”, fing er an, während er sich, die Flammen im Blick behaltend, vor die Jungs kniete. Zwar würden die beiden ihn nicht verstehen, aber vielleicht half einfach schon ein ruhiger Tonfall. “Wir müssen hier raus. Kommt mit.”
      “Er will sich nicht bewegen.” Das Englisch des größeren Jungen war dermaßen perfekt, dass Ezra kurz irritiert den Blick vom Feuer losriss, um ihn anzustarren. Ein paar panischer Kinderaugen starrte zurück. “Er hat Angst”, erklärte der Junge, während er selbst zitternd aufstand und das Baby an sich drückte. Ezra sah zu dem kleineren Jungen, der vollkommen versteinert war.
      “Das ist okay”, antwortete Ezra, während er die Arme nach dem kleinen Jungen ausstreckte und ihn sanft hoch hob. Über ihnen knackte es erneut. “Alles wird gut”, wiederholte Ezra, während er den älteren Jungen vor sich her zur Türe schob. Sie hatten den Aufenthaltsraum halb durchquert, als es erneut über ihnen knackte. Es folgte ein zweites Knacken, ein drittes, ein Knall. Das Haus schien aufzustöhnen, dann passierten mehrere Dinge zeitgleich.
      Ezra warf sich auf seine Knie und zog den Jungen und das Baby an sich, als die Decke über ihnen hinab sackte. Die Kinder schrien auf, während Ezra sich auf den Stein um seinen Hals konzentrierte und ein Schutzschild heraufbeschwor, nicht über sich selbst, wie Caleb es ihm einen ganzen Nachmittag eingebläut hatte, sondern über die Kinder. Er konnte spüren, wie der Stein um seinen Hals durch die missbräuchliche Nutzung ein wenig warm wurde, während sich eine leicht silbrige Haut über die Kinder bildete. Es war irgendwie bescheuert, aber das letzte, woran Ezra dachte, bevor die Decke über ihnen hinab stürzte war, wie absolut egal es gewesen war, ob er heute morgen gefrühstückt hatte, oder nicht.
    • Andrew

      Andrew lief zurück in den ersten Stock, wo er Ezra vorhin zurückgelassen hatte, da kam ihm von oben ein so gequältes Kreischen entgegen, dass er einen Zahn zulegte. Es war eine Frauenstimme, die leiser wurde, je schneller Andrew lief, bis er die Quelle des Lärms gefunden hatte. Er lief durch eines der Zimmer hindurch, dahinter war eine Türe, die ins Badezimmer führte und ihm eine unheimliche Szene zeigte. Andrew blieb im Türrahmen wie versteinert stehen. Vor ihm kniete Nadia über einer Frau, deren Brust durchlöchert und Gesicht beinahe unkenntlich war, von den zahlreichen Messerstichen, die in ihr hinterlassen worden waren. Nadia drehte ihren Kopf über die Schulter, in ihrem Gesicht klebte verschmiertes Blut, das sicher nicht von ihr stammte und von ihren Tränen langsam weggewaschen wurde.
      "Was zur… Hölle…", brachte Andrew heraus, und legte seine Hand an eine Waffe, die unter seinem Mantel an seinem Rücken versteckt war, während er sich auf den Stein konzentrierte, der ihn größtenteils vor Verletzungen schützen konnte. Die Frau am Boden war regungslos und die Blutlache hatte sich bis unter Andrews Schuhe ausgebreitet. Sie war tot. Nadia stand wackelig auf und starrte ihn eine Weile an, während Andrew versuchte, nicht zu atmen, weil das Feuer sich immer mehr in ihre Richtung ausbreitete.
      "Was, stehst du jetzt nur blöd rum?", kam es in rauer Stimme von seinem Gegenüber. Sie wirkte irgendwie erschöpft. Vermutlich war sie schon deutlich zu lange im Haus und hatte eine Rauchgasvergiftung, aber Andrew ging nicht davon aus, dass sie das stoppen würde, auch auf ihn einzustechen.
      Andrew zog seine Waffe und hielt sie auf Nadia gerichtet, die sofort erstickt zu lachen begann. "Und jetzt? Schieß doch, probier es aus" Sie ging mit einem Blitzen in den Augen einige Schritte auf ihn zu, bis sie mit der Brust an seine Waffe stieß. "Willst du raten, wo der Stein ist, der die Kugel an mir abprallen lässt und direkt auf dich zurück pfeffern wird?", fragte sie grinsend. Okay, das war definitiv kein Witz.
      "Bist du mittlerweile auch feuerresistent?", fragte Andrew, der hinter sich Lärm im Haus wahrnehmen konnte, als würde die Struktur langsam schwach werden. "Du wirst in fünfzehn Minuten umkippen, wenn du nicht aus dem Rauch rauskommst", sagte er angespannt. "Ich kann hier noch deutlich länger stehenbleiben und Zeit schinden. Also komm… ganz ruhig mit mir nach draußen"
      Nadia legte den Kopf schief. "Wo ist dein gesprächiger Freund? Hat der auch länger als fünfzehn Minuten?", fragte sie mit einem gar sanften Lächeln. Andrew hatte Ezra keine Sekunde lang aus seinen Gedanken verbannt. Er wusste auch, dass er ohne Verstärkung absolut keine Chance hatte, Nadia auszuschalten, wenn es nicht wirklich der Rauch tat. Aber er konnte Zeit schinden und beten, dass Ezra vor dem Haus auf ihn wartete.
      Zumindest war das sein Plan gewesen, bis er ein Geräusch hörte, das vom Flur gegenüber kommen musste und sich nach einem einbrechenden Fußboden anhörte, wenn man es irgendwie zuordnen musste. Andrew konnte den Blick nicht von Nadia weichen lassen, aber sein Herz begann zu rasen.
      Die Dunkelhaarige sah an seiner Schulter vorbei. "Okay, lass mich vorbei, ich will nicht durch die Decke stürzen, ja?", sagte sie, bevor sie versuchte, sich an Andrew vorbei aus dem Badezimmer zu drängen. Er ließ es geschehen. Die Hand mit der Waffe sank wieder neben seinen Körper und er drehte sich um, um Nadia hinterher zu sehen und, an ihr vorbei, ein Loch im Fußboden zu entdecken. Andrew erstarrte kurz, bevor er nach Nadia aus dem Zimmer herauslief. Sie machte sich daran, auf der Rückseite des Hauses durch ein Fenster zu fliehen, während Andrew die vordere Seite durch die Flammen garnicht mehr sehen konnte.
      "Ezra?", rief er und hielt sich anschließend wieder den Arm übers Gesicht. Er überlegte. Er bekam keine Antwort, aber Ezra würde nicht unnötig lange im ersten Stock bleiben, der langsam völlig von Flammen verschlungen wurde und einstürzte. Andrew bekam es langsam etwas mit der Panik zu tun, lief aber zuerst nach unten und warf von der Treppe aus einen Blick zur offenen Eingangstür, hinaus in den schmalen Streifen des Gartens, den er sehen konnte, wo er seinen Freund allerdings nicht sah. Okay, war er noch im Erdgeschoss? Andrew sah in jedes Zimmer hinein, bevor er draußen ankam und den Blick über die Leute schweifen ließ. Kein Ezra. Andrew stöhnte frustriert auf, in seinem Kopf wiederholte sich nur ständig das Wort 'Fuck' und er fragte sich, warum er seinen Freund auch nur eine Sekunde lang alleine gelassen hatte. Er lief zurück ins Haus und versuchte seine rasenden Gedanken unter Kontrolle zu bringen, während er überlegte, wo der Blonde sein konnte, wenn er ganz bestimmt gehört hatte, dass das Haus am Einstürzen war.
      Andrews Herz blieb beinahe stehen, als ihm ein Gedanke kam. Er lief quer durch das Erdgeschoss, genau dorthin, wo er eben einen Stock drüber gestanden und das Loch im Fußboden gesehen hatte, und- Dann war es plötzlich furchtbar still in seinem Kopf. Er sah Ezra, er hatte ihn gefunden, aber in einem Zustand, der ihn die Luft anhalten ließ. Er schoss schneller durch den Raum, als er denken konnte, und begann, große Trümmer von Ezra herunter zu heben. Mit jedem Stück Holz und Ziegel zitterten seine Hände mehr. Die Kinder, die zu dritt daneben saßen, hatte er erst garnicht bemerkt, bis das Weinen deutlich lauter würde. Andrews Kopf schoss herum. Er konnte nicht klar denken. Er hatte nur zwei Arme, so viel war ihm bewusst, und er sprach kein Russisch. Andrew konzentrierte sich auf das dringendste Problem und grub Ezra unter dem Schutt aus, dann zog er ihn an den Armen hervor, drehte ihn auf den Rücken und stellte seine Knie auf, bevor er ihn an den Armen hochzog und über seine Schulter warf. Nächstes Problem.
      Er drehte sich zu den Kindern herum, die völlig verstaubt und zerkratzt aussahen. Vermutlich waren sie auch von dem Schutt getroffen worden, Andrew fragte sich nur, was Ezra getan hatte, dass er völlig begraben worden war und die Kinder ganz okay aussahen. Der größere Junge hielt ein Baby fest, der Kleinere saß verheult daneben. Also griff Andrew mit dem freien Arm nach der Hand des kleineren und sagte: "Kommt mit, wir müssen schnell raus" Er wusste, dass sie sicher kein Wort verstanden, aber seine Gestik war wahrscheinlich eindeutig genug. Der ältere Junge folgte ihm, den jüngeren zog er mehr oder weniger nur mit sich hinaus, was mit Ezra über der Schulter kein leichtes Spiel war, vor allem wenn er im Rücken die Hitze des Feuers spürte. Das Krachen im Haus nahm immer weiter zu, während sie nach draußen liefen, doch vor dem Haus entdeckte Andrew endlich die Feuerwehr und Rettungskräfte, auf die sie gewartet hatten. Die Passanten hatte man mittlerweile evakuiert und sobald er aus der Tür kam, zog ihm einer der Rettungskräfte Ezra von den Schultern. Andrew hielt noch immer das Kind an der Hand und sah einen Moment lang bloß schockiert dabei zu, wie Ezra auf eine Liege und in einen Rettungswagen geschoben wurde.
      "H-hey, HEY!", schrie Andrew ihnen nach, hob kurzerhand das Kind hoch, nahm dem anderen das Baby ab und verließ sich darauf, dass der Junge ihm hinterher lief. "Das ist mein Partner, nehmen Sie mich mit", sagte er etwas verzweifelt zum Sanitäter, der daraufhin einen Blick auf die Kinder warf. "Steigen Sie mit den Kindern in den nächsten Wagen", wies der Mann ihn an und Andrew wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte, aber er wurde mehr oder weniger bereits in den nächsten Rettungswagen geschoben.
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    • Steve


      Steve hatte furchtbar schlecht geschlafen. Teils, weil er immer schlecht schlief, wenn er Kollegen, die er mochte, im Ausland betreuen musste, teils, weil ihm immer noch diese absolut verfluchte Frage nach seinem Dirtytalk mit Thomas durch den Kopf geisterte, für die er Ezra am liebsten direkt in Russland lassen würde. Steve war nie verklemmt gewesen und ihm war bewusst, dass es sich hierbei um einen Scherz gehandelt hatte...halb bewusst, dass...er hoffte, dass es als Scherz gemeint gewesen war, aber auch er hatte Grenzen. Er hatte keine Ahnung, wie Andrew es mit Ezra aushielt. Und das mit Abstand schlimmst an der Sache war, dass er tatsächlich angefangen hatte, darüber nachzudenken, ob er Thomas fragen sollte, ob sie ein paar der Räume renovieren sollten, damit Thomas mehr das Gefühl hatte, dass es ihre gemeinsame Wohnung war, statt Steves, in die er halt eingezogen war. Wie konnte eine so abgrundtief dämliche Frage ihn so lange beschäftigen? Er brauchte dringend bessere Freunde und weniger Kontakt zu seinen Kollegen.
      Der einzige Vorteil seines fehlenden Schlafes war, dass er bereits wach war, als sein Handy zu klingeln begann. Er löste sich unwillig von Thomas, an den er sich bis jetzt gekuschelt hatte und sah auf sein Handy. Es war kurz vor Sechs, also würde sein Wecker gleich sowieso losgehen, aber er schaltete trotzdem den Ton aus, stand auf und ging ins Wohnzimmer, um Thomas nicht aufzuwecken. Er hätte wahrscheinlich einfach direkt aufgelegt, wenn die Nummer auf dem Display nicht aus Russland gekommen wäre und er sofort ein schlechtes Gefühl gehabt hätte. Wahrscheinlich war es nur die Info, dass die Mission geglückt war und die Bitte, die beiden nie wieder zu schicken, weil jetzt alle darüber nachdachten, ihre Häuser zu renovieren, nicht mehr.
      Er tippte auf den kleinen grünen Hörer und hob das Handy an sein Ohr. "St-"
      "Steve? Mikhail hier", schoss sein russischer Kollege los, ohne eine Sekunde zu verschwenden. Sie hatten vorher erst ein einziges mal zusammen gearbeitet und bisher war er ihm immer relativ entspannt vorgekommen, weshalb die fast atemlose Begrüßung sofort Alarmglocken in seinem Kopf ertönen ließ. "Wir haben ein Problem." Wundervoll. "Der Plan ist nicht aufgegangen. Nadia hat sich kurzfristig ein anderes Ziel ausgesucht. Wir-" Mikhail stockte, während er wohl überlegte, was er sagen sollte. "Wir wissen noch nicht genau, was passiert ist. Andrew und Ezra haben wohl versucht, sie abzufangen und sind verletzt worden, als ein brennendes Haus in sich zusammengefallen ist. Ezra ist wohl bewusstlos im Krankenhaus. Andrew ist bei ihm?" Er klang selbst nicht ganz sicher, was Steve nicht gerade beruhigte. Das klang alles andere, als gut. Er konnte spüren, wie Panik in ihm aufstieg.
      "Wie schlimm ist es?", fragte er, während er im Kopf seine nächsten Schritte durchging. Er würde noch jemanden nach Russland schicken müssen.
      "Wir wissen es nicht", gab Mikhail zu. "Momentan ist alles noch durcheinander. Einer meiner Leute ist kurz vor alle dem vor Ort angekommen und hat Nadia eine Weile verfolgt. Ich versuche seit zwanzig Minuten erfolglos, wieder Kontakt zu ihm herzustellen. Ich- Es sieht nicht gut aus."
      Oh Gott, er müsste Ezras Bruder Bescheid geben, oder? Das wäre das einzig Faire, was er tun konnte. "Okay, danke für die Info. Ich...ich werde sehen, was ich von hier aus tun kann. Bye." Steve beendete das Gespräch mit zitternden Fingern. Einen Moment blieb er einfach auf dem Sofa sitzen, dann rappelte er sich auf und ging zurück ins Schlafzimmer. Er drückte Thomas einen kleinen Kuss auf die Wange und flüsterte ein leises "Ich muss was früher los. Notfall in der Firma", bevor er sich im Eiltempo anzog. Er würde ins Büro fahren, alles irgendwie sortieren und dann wohl ein paar Anrufe tätigen müssen. Der Tag konnte kaum noch schlimmer werden.
    • Richard

      Vom Arbeits-Klingelton wachzuwerden, war nie ein gutes Zeichen. Richard runzelte die Stirn und rieb sich über die Augen, bevor er seinen Arm unter Caleb hervorzog und sich aufsetzte. Oh Mann, hatten sie gekuschelt? Wie war das denn passiert? Richard nahm sein Handy von seinem Nachttisch und nahm den Anruf an, während sein Blick noch eine Weile an Caleb festhing. Wenn er schlief, sah er ausnahmsweise mal richtig friedlich aus. Richard musste seine Gedanken aktiv stoppen, bevor sie sich in überfordernde Gefühle verwandelten.
      "Ich hoffe, es ist wichtig", grummelte er leise in sein Handy und schob die Beine aus dem Bett, um zumindest ins Wohnzimmer zu gehen und Caleb weiterschlafen zu lassen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Steve mit… grauenvollen Nachrichten, die garnicht so überraschend kamen. Natürlich hatten diese Idioten Nadia laufen lassen, was auch sonst? Sie hätten Richard gleich mitgehen lassen sollen. Stattdessen durfte er jetzt aktiv einen Wutanfall zurückhalten, als Steve ihm erklärte, dass er einer der Auserwählten war, die einen stundenlangen Flug vor sich hatten, nur um anschließend bei der Schadensbegrenzung in Moskau auszuhelfen. Bis er dort war, konnte Nadia schon über alle Berge sein, also hieß es wohl, Verantwortung für seine beiden ausgeschalteten Kollegen zu übernehmen. Urgh. Wer lief denn ohne Schutzkleidung in ein brennendes Haus.
      "Alles klar, dann seh ich zu, dass ich in einer Stunde am Flughafen bin", meinte Richard wenig begeistert und legte auf. Er kam zurück ins Schlafzimmer, stand im Türrahmen und sah Caleb einen Moment lang an, bevor er seufzte. Verdammt. Jetzt war es wohl sein Job, die Neuigkeiten zu überbringen.
      Richard setzte sich an Calebs Seite auf dem Bett und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Hey", sagte er. "Mach dir jetzt keine zu großen Sorgen, aber-" Und in dem Moment klingelte schon das zweite Handy im Raum. Richard sah den Bildschirm im Augenwinkel aufleuchten und erkannte Steves Nummer sofort. Er seufzte erneut. "Geh ran", sagte er. Es machte ja doch keinen Unterschied, wer es ihm sagte.
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    • Caleb

      Das Handy hatte ihn aufgeweckt, aber was ihn richtig wach gemacht hatte war der Fakt, dass Richard näher an ihm gelegt hatte, als Caleb gedacht hatte. Seit wann kuschelten sie? Und warum fühlte es sich so verdammt unfair an, als Richard aufstand und die ganze Wärme, die sich zwischen ihnen gebildet hatte, mit nahm? Caleb seufzte leise, während er die Decke etwas enger um sich zog und versuchte, wenigstens noch ein paar Minuten zu schlafen. Was sowieso nicht passieren würde. Er war immer schon furchtbar darin gewesen, zu schlafen. Er dachte sich zu gerne wach. So wie jetzt. Er war fast froh, als Richard zurück ins Schlafzimmer kam, nur, um ihn mit der ominösesten Nachricht überhaupt zu begrüßen und ihn anschließend an sein eigenes Handy zu verweisen, das auf seinem Nachttisch lag.
      Caleb blinzelte kurz irritiert, während er den Anruf mit einem mulmigen Gefühl annahm. Wenn ihn jemand so früh morgens anrief, dann meistens, weil irgendwas passiert war. "Morgen."
      "Morgen! Hey! Steve hier. Du...du erinnerst dich?"
      "Jepp."
      "Gut. Ich...ähm...hat- hat Ezra dir von Russland erzählt?"
      Oh, das Gespräch war jetzt schon furchtbar. Caleb setzte sich auf und zog die Beine an, während er mit einem vorsichtigen "Ja" antwortete.
      "Oh. Also. Ähm. Es ist alles in Ordnung", fuhr Steve stotternd fort. Caleb konnte seine Nervosität durch das Telefon spüren, was seinen eigenen Nerven nicht gerade half.
      "Okay?" Das klang nicht gut.
      "Es ist wohl nicht ganz so rund gelaufen. Es ist alles in Ordnung, wie gesagt, es ist nur so, dass Ezra wohl einen Unfall hatte und bewusstlos im Krankenhaus liegt. Ich dachte, du solltest es wissen, als sein Bruder und so. Ich weiß nicht, wie kritisch es ist. Ich versuche momentan, an Infos zu kommen, aber es...ich kann Andrew nicht erreichen, also gestaltet sich das alles etwas schwierig."
      Caleb öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ohne etwas gesagt zu haben. Er hatte das Gefühl, dass sein Kopf sich automatisch ausgeschaltet hatte, während ihm zeitgleich heiß und kalt wurde. Ezra im Krankenhaus. Kritisch. Caleb fühlte sich, als wäre er plötzlich wieder siebzehn und stand an Mollys Grab. Achtzehn und panisch auf der Suche nach Ezra, der einfach verschwunden war.
      "Caleb?"
      "Ich bin noch dran." Sein Herz schlug viel zu schnell, während er immer noch versuchte diese Information zu verarbeiten. In seinem Kopf jagte ein Worst-Case-Szenario das nächste. Sein Bruder lag im Krankenhaus am anderen Ende der Welt und er saß hier und konnte nichts tun.
      "Wir schicken Richard als Verstärkung hin. Soll ich dir auch ein Ticket buchen? Ich- Ich finde das irgendwie-"
      "Ja", schnitt Caleb ihm das Wort ab.
      "Okay. Ähm, pack einfach ein paar Klamotten ein. Ich rufe ihn nochmal an, um alles zu koordinieren. Ich wollte erst wissen, ob du-"
      "Brauchst du nicht. Ich mach das schon." Calebs Blick klebte an der Bettdecke vor ihm. Wenn Steve nicht seinen Namen erwähnt hätte, hätte er wahrscheinlich vollkommen verdrängt, dass Richard immer noch neben ihm saß.
      "Oh. Okay? Er...ist nicht sonderlich gut gelaunt, fürchte ich. Nimm es nicht persönlich." Steve machte eine kurze Pause, bevor er ein leises "Tut mir leid, dass ich nicht mehr machen kann", hinzufügte.
      "Muss es nicht. Danke. Bye." Caleb ließ das Handy auf die Matratze fallen und stützte seinen Kopf auf seine Hände. Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, während sich seine Augen mit Tränen füllten. Fuck. Er versuchte, die Panik irgendwie zu unterdrücken und scheiterte auf voller Linie. Er sollte aufstehen, packen, sich auf den Flug vorbereiten, aber er fühlte sich wie eingefroren, vollkommen bewegungsunfähig, während er einfach nur versuchte, irgendwie Luft zu bekommen.
    • Richard

      Caleb war erschreckend blass. Blasser, als er es gewesen war, als Richard ihn bei seinem kleinen versuchten Diebstahl erwischt hatte. Richard scannte den Raum noch nach seinem T-Shirt ab, als Caleb auch schon auflegte und er seine Chance verpasst hatte. Er hatte ungefähr gehört, was Steve gesagt hatte, da es in seinem Schlafzimmer todstill gewesen war.
      "Wir sollten ein paar Sachen einpacken, nicht viel. Wir können so gut wie alles einfach in Moskau kaufen, und wir haben sowieso nicht viel Zeit", fing er leise zu erklären an, sah aber, das Caleb mit sich rang. Es sah aus, als würde er krampfhaft versuchen, alles zu unterdrücken, was in ihm aufkam, nur um darin völlig zu versagen. Richard biss kurz die Zähne zusammen, dann überwand er sich und zog Caleb an sich. Fünf Minuten hatten sie ja wohl. Er wusste nur auch nicht, was er sagen sollte. Gab es in dieser Situation überhaupt irgendetwas sinnvolles zu sagen? Er wusste selbst nicht, wie es bei Ezra aussah, und dass er im Krankenhaus versorgt wurde, wusste Caleb bereits. Ihm zu sagen, dass alles gut werden würde, war ein waghalsiges Versprechen, das niemand halten könnte. Eigentlich konnte er nur eines tun.
      "Schon okay. Du siehst aus, als würdest du gleich explodieren, also lass es einfach raus", sagte er und strich Caleb über den Arm. Sie fuhren nicht lange zum Flughafen, auch wenn die Straßen um die Uhrzeit etwas befahrener sein würden. Richard hob sein Handy wieder hoch und wählte Andrews Nummer aus. Er bezweifelte zwar, dass er ausgerechnet Richards Anruf annehmen würde, aber vielleicht wurde er so wenigstens auf Steves verpasste Anrufe aufmerksam.

      Andrew

      Zu Beginn war er noch schrecklich aufgekratzt. Andrews Hände zitterten und er bekam seinen Atem kaum unter Kontrolle. Seine Lungen fühlten sich wie zugeschnürt an, was vermutlich an den Massen an Rauch lag, die er eingeatmet hatte. Die zwei jüngeren Kinder wurden im Rettungswagen sofort von den Sanitätern mit den verfügbaren Sauerstoffmasken ausgestattet. Andrew lehnte sich zurück und sah dabei zu, wie die drei untersucht wurden, oder eher sah er durch sie hindurch. Er wurde immer abwesender. Jedes Mal, wenn die Straße uneben wurde und das Auto ihn durchschüttelte und sein Kopf an der Wand des Autos anstieß, hatte er das Gefühl, wieder aufgeweckt zu werden. Dann schossen seine Gedanken zu Ezra in dem Wagen vor ihnen. Er hatte keine Ahnung, wie es ihm ging. Er hatte nicht einmal seine Atmung kontrolliert, ihn nur schnell aus dem Haus bringen wollen. Vielleicht hätte er das tun sollen. Die Fahrt fühlte sich an, als würde sie Stunden dauern.
      Als sie im Krankenhaus ankamen, wurde Andrew mit den Kindern gemeinsam in der Notaufnahme untergebracht. Der kleinere Junge, den er seit gerade mal einer halben Stunde kannte und seitdem nur weinen gehört hatte, saß auf seinem Schoß und der Ältere ließ das Baby nicht mehr los, während sie auf den Kinderarzt warteten, dann wurde Andrew kurzzeitig abgelöst und selbst untersucht. Man hörte seine Lunge ab, er bekam ein paar Pflaster aufgeklebt und musste sicher zehn Mal erklären, dass das Blut auf seinen Armen und in seinem Gesicht nicht von ihm stammte. Als ihm dann eine Sauerstoffmaske aufgedrängt wurde, weigerte er sich vehement. „Moment. Ich kann nicht hier bleiben“, erklärte er aufgebracht. „Mein… Arbeitskollege ist hierher gebracht worden und ich will erst wissen, was mit ihm passiert und wo er ist. Wenn er hier in der Notaufnahme ist, können Sie mich ja einfach zu ihm bringen und dort an den Sauerstoff anhängen, oder nicht?“ Andrew stand auf.
      Die Ärztin ihm gegenüber sah ihn etwas besorgt an, dann wich ihr Blick kurz zu den Kindern. „Sind das Ihre?“, fragte sie.
      Andrew wurde langsam ein wenig wütend. „Nein. Ich hab sie aus dem Waisenhaus geholt, zusammen mit meinem Kollegen. Und zu dem will ich jetzt“
      „Okay, wenn Sie mir den Namen sagen, sehe ich nach, wo er gerade ist, ja? Bitte bleiben Sie in der Zwischenzeit sitzen und nehmen die Maske. Für die Kinder muss ich einen Sozialarbeiter besorgen. Bleiben Sie doch zusammen. Im Moment können Sie nichts tun, und wenn Sie später wegen der Vergiftung umkippen, können sie noch weitaus weniger ausrichten“
      Andrew schwieg. Dann setzte er sich wieder auf das Bett. Er stieß erschöpft Luft aus und stützte das Gesicht in seine Hände. „Ezra Fitzsimmons. Er muss kurz vor mir angekommen sein. Circa 1,80, blond und ohnmächtig“, erklärte er, als er den Kopf wieder hob. „Er hatte aber einen Ausweis dabei“ Mindestens seinen Führerschein jedenfalls.
      „Ich sehe mal, was ich tun kann, aber nähere Informationen bekommen nur Familienmitglieder“, antwortete die Ärztin. In ihrem Ton schwang etwas Mitleid mit, das Andrew kaum tröstete. Sie verschwand hinter dem Vorhang und Andrew war schon wieder alleine mit den Kindern. Alle drei waren an Sauerstoffflaschen angehängt und er setzte sich seine eigene Maske ebenfalls endlich auf. Scheinbar ging es den Kindern gut genug, um nicht in eine Sauerstoffkabine zu müssen. Sie waren alle ziemlich brav, sogar als ihnen Blut abgenommen worden war.
      „Keiner von euch kann Englisch, hm?“, meinte Andrew schon mehr zu sich selbst. Er kannte nicht einmal die Namen der Kinder, vielleicht hätte er die Ärztin vorhin mal bitten sollen, zu übersetzen. Auch wenn er sie wohl in allerhöchstens einer Stunde zum letzten Mal gesehen haben würde. Nur hatte Ezra sein Leben dann für namenlose Kinder riskiert. Fuck, das war… absolut typisch und gleichzeitig entgegen jeglicher Erwartungen, die Andrew gehabt hatte, als er sich mit einem Dieb angefreundet hatte.
      Er seufzte und stützte seinen Kopf wieder in seine Hände, das Gesicht vergraben. Die Sauerstoffmaske rutschte ihm ein Stück in die Augen und machte alles noch unangenehmer, als es ohnehin schon war. So hatte das nicht laufen sollen. Sie sollten nicht hier sein, weder in einem Krankenhaus, noch in Moskau.
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    • Caleb

      Irgendwie wünschte sich Caleb, Richard hätte weiter vom Packen geredet. Vielleicht hätte ihn das irgendwie abgelenkt, bis er diese kleine Panikattacke komplett unterdrückt hätte. Die plötzliche Nähe zwischen ihnen machte das vollkommen unmöglich. Als Richard Caleb näher zog fühlte es sich an, als würde irgendwas in ihm zerbrechen. Er stieß ein Schluchzen aus, klammerte sich an Richard und ließ seinen Tränen freien Lauf. Er wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis er sich wieder gefangen hatte. Wahrscheinlich weniger, als es sich angefühlt hatte. Er nuschelte ein kleines "Tut mir leid", als er sich endlich wieder im Griff hatte und sich über die Augen wischte. So war der Abend definitiv nicht geplant gewesen. Eigentlich hatte er sich nur bei Richard einquartiert, um eben genau den Umstand zu vergessen, dass Ezra nochmal nach Russland fuhr. Jetzt gerade wünschte er sich, er wäre einfach zuhause geblieben. Seine Panikattacke wäre die selbe gewesen, aber wenigstens hätte er keine Zeugen gehabt.
      "Du hast Recht. Wir sollten packen." Er atmete zitternd durch, bevor er ein kleines Stück von Richard wegrutschte, aufstand und anfing, seine Klamotten vom Vortag aufzusammeln. Er hatte gestern Abend in einem seltenen Anflug von überzogenem Selbstbewusstsein ein paar Sachen zusammengepackt, als er zu Richard gefahren war, in der vollen Absicht, einfach bei ihm zu bleiben, egal, ob er wollte, oder nicht. Wenigstens würde er so wohl zwei Tage überleben, bevor die aufgetragenen Klamotten grenzwertig wurden. Wahrscheinlich würde das außer ihm sowieso niemanden interessieren.
      Er ging beinahe mechanisch vor, während er versuchte, jeden Gedanken an Ezra im Krankenhaus zu verdrängen, bevor er erneut anfangen würde, zu weinen. Einmal war definitiv schon mehr als genug. Er drehte zum dritten mal seinen Pullover von rechts auf links und wieder zurück, bevor ihm auffiel, was er tat und er den Pulli einfach über seinen Kopf zog. Nicht ans Krankenhaus denken. Aufs hier und jetzt konzentrieren.
      "Du solltest netter zu Steve sein", kommentierte er abwesend, um die Stille zwischen ihnen irgendwie zu unterbrechen. Stille war das Gegenteil von dem, was er wollte. "Denkst du, er warnt andere immer vor dir und deinen Launen?" Er bemühte sich um ein Lächeln, schaffte es allerdings nicht ganz, während er mit zitternden Händen durch seine Haare fuhr. Er musste nur die nächsten Stunden irgendwie überstehen.
    • Richard

      Natürlich hob der Arsch nicht ab. Wusste er nicht, dass er genau genommen noch im Dienst war? Andrew hatte schon immer einfach nur das getan, worauf er gerade am meisten Lust hatte. So dämlich konnte auch kein anderer sein, in ein brennendes Haus zu laufen. Richard seufzte, legte sein Handy weg und konzentrierte sich wieder auf Calebs Schluchzen, was irgendwie auch nicht besser war. Dieser Morgen war der reinste Horror. Er war auch deutlich zu müde, um sich um all das zu kümmern und gleich in einem Flugzeug zu sitzen. Wahrscheinlich musste er Caleb währenddessen noch abhalten, sich umzubringen, so fertig wie er gerade aussah. So sehr konnte man also an Ezra hängen, ja?
      "Schon okay", sagte er und sah Cal dabei zu, wie er aufstand und seine Kleidung vom Boden zusammensuchte. "Du musst nicht viel mitnehmen, wir werden sicher nicht lange bleiben. Höchstens zwei Tage. Ezra werden sie, sobald er stabil ist, auch sicher in ein Krankenhaus hier verlegen", meinte er und erhob sich ebenfalls. Er hob von seinem Kleiderschrank einen Koffer herunter, den er deutlich zu oft benutzte, dann zog er sich direkt das erste an, was ihm im Schrank ins Auge fiel. Er zog sich noch einen Pullover über den Kopf, blieb bei Caleb im Vorbeigehen stehen und sah ihn nochmal an. "Wahrscheinlich. Aber mittlerweile können die damit rechnen, wenn sie mich unbedingt wachklingeln müssen. Ich muss nur nach Moskau, weil der ganze Plan schief gelaufen ist und sie Leute brauchen, die für Ezra und Andrew einspringen", erklärte er. "Auch, wenn nicht mehr viel zu machen sein wird"
      Er konnte Caleb mal wieder keine Details zur Mission geben, aber nachdem Ezra sowieso einiges erwähnt zu haben schien, musste er auch nicht auf geheimnistuerisch machen.
      Richard schwieg einen Moment, dann sagte er doch, was ihm durch den Kopf ging. "Weißt du, du hast mir bei unserem ersten Treffen schon so viel über deine Psyche erzählt, dass ich dein Psychiater sein könnte, und trotzdem kannst du es gleichzeitig nicht zeigen. Ich weiß schon, dass das hier wenig damit zu tun hat, und mehr mit Ezra, aber du musst dich nicht entschuldigen. Wenn es mich stören würde, hätte ich schonmal nichts mit dir angefangen. Es ändert nichts, klar?" Ohne auf eine Antwort zu warten, zog er Cal mit einem Arm an der Taille zu sich, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und verschwand aus dem Raum.
      Als er anschließend alleine im Badezimmer stand und sich im Spiegel sah, fragte er sich, ob eine Schraube bei ihm locker war.
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    • Caleb

      Caleb blieb verblüfft zurück, zu überrascht von Richards Ansage, um sich zu bewegen, während seine Wangen langsam wieder einen leichten Rotton annahmen. Er hatte bisher immer nur ein ‘reiß dich zusammen’ zu hören bekommen, wenn er es nicht geschafft hatte, einen mentalen Tiefpunkt irgendwie zu unterdrücken. Niemand hatte ihm bisher je gesagt, dass es okay war. Richard hatte so viele nervige, schlechte Angewohnheiten und das war der Punkt, an dem er brillierte? Absurd. Caleb entwischte ein kleines Auflachen. Wie verzweifelt musste man sein, wenn Richard einem auf einmal sympathisch vorkam? Wahrscheinlich verlor er gerade einfach vollkommen den Verstand.

      Die Fahrt zum Flughafen war weitestgehend ereignislos. Caleb war froh, dass er nicht selbst hinter dem Steuer saß und so einfach gedankenverloren aus dem Fenster schauen konnte, immer noch darum bemüht, nicht zu viel über Ezra nachzudenken. Es würde schon alles gut werden. Je öfter er sich das selbst einredete, desto sicherer war er sich. Er hatte trotzdem ein Gefühl, als ob sein Kopf in Watte gepackt wäre, während sich jeder Gedanke zog, wie Kaugummi.
      Er war froh darüber, Richard dabei zu haben. Wenigstens war er eine wundervolle Ablenkung und Caleb musste nicht großartig nachdenken. Sobald sie am Flughafen angekommen waren, hakte er sich bei Richard unter und ließ sich einfach von ihm ziehen, während er selbst zum gefühlt fünfhundertsten Mal auf die Karten sah, die Steve ihnen geschickt hatte, damit sie auch bloß nicht das falsche Gate erwischten.
      “Ich liebe Flughäfen”, merkte er an, während sie sich in den Wartebereich vor ihrem Gate setzten. Es war nicht sonderlich viel los, die meisten anderen Anwesenden schienen auf Geschäftsreisen zu sein und waren mit ihren Laptops und Handys beschäftigt. “Steinfreie Zone”, fügte er erklärend hinzu, damit Richard ihn nicht für verrückter hielt, als er eh schon tat. Gut, wer freute sich schon, in einem Flughafen abhängen zu dürfen? Aber durch das Verbot, Steine im Handgepäck in ein Flugzeug mitzunehmen, gehörten sie zu den wenigen Orten mit vielen Menschen, an denen Caleb keine absolute Reizüberflutung hatte. Nicht, dass ihn das gerade irgendwie retten würde. Ihnen stand trotzdem ein viel zu langer Flug bevor. Caleb war sich sicher, dass sie noch nie so viel Zeit komplett angezogen miteinander verbracht hatten. Vielleicht hätten sie ihr erstes Date vorziehen sollen.
    • Andrew

      Es verging sicher eine Stunde, bis die Ärztin von vorhin mit einer Sozialarbeiterin zurückkam und den Vorhang zur Seite zog. Andrew saß auf einem Stuhl neben dem Bett und hatte sich vor etwa einer halben Stunde das Baby von dem älteren Jungen gestohlen. Einerseits, weil er deutlich größer war und - Andrew ging davon aus dass sie ein Mädchen war - die Kleine vielleicht eine Runde schlafen konnte, wenn der Junge sie nicht so krampfhaft festhielt. Andererseits wollte er einfach irgendetwas halten, weil die Welt sich gerade seltsam surreal anfühlte. Es hatte einiges an Überzeugung gekostet, die kleinen Finger des Jungen überhaupt mal zu lockern, aber sobald Andrew sich zurückgelehnt hatte, kam der kleinere von den Jungen ebenfalls zu ihm und saß nun auf seinem anderen Bein, das ihm langsam aber sicher einschlief. Andrew erwischte sich erst bei seinem Selbstgespräch, das er schon eine Weile führte, als die Ärztin den Vorhang aufzog.
      „Ah, da ist sie. Vielleicht können wir jetzt zu Ezra“, sagte er laut, auch wenn ihn vermutlich niemand verstand.
      Die Ärztin lächelte. „Sie können die Kinder an meine Kollegin übergeben, die sich jetzt erstmal um sie kümmern wird“
      Andrew stockte. „Aber sie bleiben im Krankenhaus, oder? Was, wenn sich die Atmung bei einem verschlechtert?“, fragte er verwirrt.
      „Oh, natürlich. Die drei kommen in ein Zimmer auf der Kinderstation“
      Andrew nickte langsam, dann öffnete die Sozialarbeiterin die Arme und Andrew hob ihr das Baby entgegen, da begann der kleinere Junge, der sich an ihn geklammert hatte, zu jammern, was sich schnell in lautstarkes Weinen verwandelte, als Andrew aufstehen wollte. Er lehnte sich daraufhin wieder zurück. Okay, er verstand den Kleinen irgendwie. Er hatte gerade auch keine Lust, alleine zu sein. Die Kinder hatten ihn wenigsten ein bisschen abgelenkt. Seltsamerweise hatte er sich emotional sehr gut unter Kontrolle. Abgesehen von der enormen Leere, die sich in ihm ausgebreitet hatte. Er sah zur Ärztin auf. „Wissen Sie schon etwas über meinen Kollegen? Kann ich zu ihm?“, fragte er.
      Die Ärztin zögerte einen Moment. “Ich kann Ihnen nicht viel sagen. Er wird gerade in einem Operationssaal behandelt“, erklärte sie und Andrews Herz machte einen nervösen Sprung.
      „Im OP? Was fehlt ihm? Hat er sich etwas gebrochen?“, fragte er gestresst.
      Die Frau schien wieder nicht zu wissen, was sie sagen soll. „Wenn er im Aufwachraum ist, können Sie zu ihm. Das kann noch dauern. Ich würde Sie bis dahin auch auf ein Zimmer bringen, weil Sie sowieso weiter hierbleiben müssen, falls sich Ihr Zustand verschlechtert. Genau wie bei den Kindern“
      Andrew spürte, wie er am liebsten einen Schrei loslassen würde, und schluckte. Er nickte. „Okay. Dann kann ich mir ein Zimmer mit den Kindern teilen, oder nicht?“
      Nun übernahm die Sozialarbeiterin in deutlich weniger akzentfreiem Englisch das Wort. „Ich sollte Ihnen vielleicht noch sagen, dass die Kinder zwar einstweilen in meiner Obhut wären, aber sie später nicht in Russland bleiben können. Ihre Vorgesetzten haben sich mit mir in Verbindung gesetzt. Es wurde der Wunsch geäußert, dass Sie sich nach dem Krankenhausaufenthalt darum kümmern, die Kinder mit nach London zu nehmen, und dort einem Waisenhaus zu übergeben, sobald es sicher ist. Ich begleite Sie, aber Sie müssen im Endeffekt… weiter bei den Kindern bleiben, sobald sie aus dem Krankenhaus kommen. Hier drin sind Kollegen von Ihnen vor Ort, die Sie ablösen können. Sind Sie sicher, dass Sie das nicht wollen? Sonst-" Sie sah kurz zu der Ärztin. „Ist es sicher möglich, ein gemeinsames Zimmer zu finden. Ihre Kollegen werden auch immer in der Nähe bleiben, zur Sicherheit“
      Andrew hörte stumm zu, sein Blick immer irritierter. Was zur Hölle redete sie da? MLO hatte eine Sozialarbeiterin geschickt, die mit dem Fall vertraut war? Die Kontakte waren verrückt. Im Endeffekt waren die Kinder also gefährdet, weil Nadia auf freiem Fuß war, aber… Sie waren doch nicht die einzigen Überlebenden. Warum also? Weil Ezra und er sie gerettet hatten und jetzt bei ihnen waren? War das das Problem? Andrew schüttelte verwirrt den Kopf. „Nein, Moment. Wenn ich sie jetzt gehen lasse, sind sie doch nicht in Gefahr. Warum sollte ich ausgerechnet für sowas zuständig sein, wenn ich gleichzeitig das Problem bin, das die Kinder gefährdet?“, fragte er verwirrt.
      „Es geht nicht nur um diese Kinder, Mr. Morgan. Alle Überlebenden, Kinder und Personal, sind in Gefahr. Ihre Kollegen sind damit beschäftigt, jedem einzelnen eine sichere Unterkunft zu suchen, bis die Gefahr… eliminiert wurde. Das hier ist nur eine logistisch sinnvolle Lösung. Sie sind hier und die Kinder sind hier. Das ist alles“ Sie lächelte und Andrews Blick versteinerte sich. Was gab es da zu Lächeln? Nicht nur war jeder, der in dem Waisenhaus gelebt und gearbeitet hatte, ein potentielles Ziel, sondern Andrew sollte als MLO-Mitarbeiter auch noch den Schutzengel von drei Kindern spielen, wenn er sich gerade selbst kaum schützen konnte. Wenn seine Kollegen in der Nähe blieben, um sie Notfalls zu beschützen, konnten sie sich nicht gleich alleine um die Kinder kümmern? Nur, weil Andrew früher oder später sowieso zurück nach London musste, sollte er jetzt die Verantwortung übernehmen?
      Ihm wurde auf einmal schwindelig und er musste die Augen schließen, was es bloß schlimmer machte. Er konnte das alles nicht. Wieso gab man ihm so eine Aufgabe? Er wollte doch nur zu Ezra und schnellstmöglich wieder nachhause und das alles vergessen.
      „Mr. Morgan, ich begleite Sie zu ihrem Zimmer, okay? Ich spreche mit den Ärzten und erkläre, dass es notwendig ist, Mr. Fitzsimmons in einem Zimmer nebenan unterzubringen, um einen guten Überblick zu haben. Dann erfahren Sie auch sofort, wenn er aus dem OP zurück ist“
      Andrew öffnete die Augen. Er hatte das Gefühl, dass seine Beine ihm nicht erlauben würden, aufzustehen. „Geben Sie mir bitte eine Minute“, fragte er erdrückt. Ihm schien erneut die Luft auszugehen, obwohl er reinen Sauerstoff einatmete. Andrew legte den Kopf in den Nacken, um seinen Oberkörper etwas zu öffnen und konzentrierte sich auf seine Atmung. Im Hintergrund hörte er noch immer das Jammern von dem Jungen auf seinem Schoß. Letztendlich war das wohl das einzige, das ihn bei Bewusstsein hielt. Sobald er sich etwas eingekriegt hatte, stand er mit dem Kind auf dem Arm auf. „Okay, machen wir das so“, stimmte er endlich zu und nahm seine Sauerstoffmaske und die des Jungen ab, um zusammen in das Zimmer zu gehen.

      Ab da ging es deutlich bergab. Andrew wurde zwar den kleinen Jungen auf seinem Schoß nicht mehr los und die Sozialarbeiterin blieb bei ihm, um sich um die anderen beiden ein wenig zu kümmern - sie spielten irgendwann ein Kartenspiel, das Andrew nicht erkannte - aber er hatte zunehmend das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Seine Gedanken kreisten und er spürte seine Hände nicht. Zwischendurch fragte er sich, ob er tatsächlich eine Rauchgasvergiftung hatte, aber der Sauerstoff sollte mittlerweile fast alles verdrängt haben, das nicht in seine Lungen gehörte. Trotzdem fiel ihm das Atmen schwer. Die meiste Zeit saß er still da und hielt die Augen geschlossen, aber er konnte nicht verdrängen, wo er war. Irgendwann wurde es zu schlimm und er setzte den Jungen auf einem der Betten ab, dann setzte er sich wieder auf seinen Stuhl und klemmte den Kopf zwischen seine Knie. Nach einer Weile fielen ihm Tränen aus den Augen, ohne dass er es so richtig mitbekam. Alles, woran er denken konnte, war… Was war mit Ezra passiert? Was operierten sie an ihm? Hatte er sich ein Bein gebrochen, einen Arm? Was, wenn ihn einer der Trümmer im Genick erwischt hatte? Was, wenn sie ihm irgendein Körperteil amputieren mussten, was, wenn er gelähmt war? Was, wenn ihn etwas am Kopf getroffen hatte? Wenn irgendetwas an seinem Gehirn war? Wenn er nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, sich nicht mehr bewegen, sich an nichts erinnern konnte? Wenn er Gehirntot war? Wenn er nie wieder aufwachen würde?
      Es trieb Andrew in den Wahnsinn, nichts zu wissen. Alle diese Optionen waren realistisch. Alles davon konnte passieren. Und dann?

      Etwa drei Stunden später fühlte er sich so betäubt, dass er sich nicht sicher war, wie er überhaupt noch atmete. Er spürte seinen Körper nicht, hörte nur die leisen Gespräche auf Russisch dumpf im Hintergrund. Es war völlig sinnlos, dass die Kinder bei Andrew waren. Er könnte in einem Notfall nichts ausrichten. Ihm ging durch den Kopf, wie unglaublich nutzlos er den ganzen Tag gewesen war. Er hatte Ezra alleine in dem Haus gelassen und ihn seit Stunden nicht gesehen. Er bekam keine Informationen und konnte nur hier sitzen und darauf warten, dass man ihm sagte, ob er überhaupt noch lebte. Und wieso? Nur weil sie diesen verdammten Job wegen ihm annehmen hatten müssen. Es war doch perfekt gewesen, wie es war. Sie hätten einfach… bei der Büroarbeit bleiben sollen. Sekretäre werden, wie Steve. Andrew bemerkte langsam, was es war, das ihn so taub fühlen ließ. Er konnte mit den Schuldgefühlen nicht umgehen. Ezra waren so viele grauenvolle Dinge passiert, seit sie zusammen arbeiteten. Damit hätten sie nie anfangen sollen.
      Als die Tür zu seinem Zimmer aufging, bekam Andrew beinahe einen Herzstillstand. Er riss den Kopf hoch, seine geweiteten Augen suchten nach irgendeiner Antwort im Gesicht des Chirurgen, der im Türrahmen stand, und er sprang von seinem Stuhl auf. Bitte, bitte, bitte. Er konnte ihm alles sagen, nur nicht, dass Ezra tot war. Alles, nur das nicht.
      „Mr. Fitzsimmons ist jetzt im Aufwachraum nebenan“ Das war alles, das der Arzt ihm mitteilte, und doch flossen die Tränen auf einmal stromartig über Andrews Gesicht. Er riss sich die Maske vom Kopf und drängte sich an dem Arzt vorbei. Als er durch die Tür nebenan ging, konnte er sich nicht mehr zurückhalten und ging schluchzend auf das Bett zu. Er beugte sich über Ezra und strich ihm über das Gesicht.
      „Oh Gott“, entwich es ihm leise zwischen zittrigen Atemzügen, als seine Augen fast panisch nach allen Verletzungen suchten, die er davongetragen hatte. Ezra hatte einige Kratzer im Gesicht und einen Verband am Kopf, der wohl eine Wunde an der Seite abdeckte. Sein Arm war gegipst, der andere mit etlichen kleinen Verbänden übersäht, und der Rest war unter einer Bettdecke verborgen. Andrew war froh darüber, denn mehr verkraftete er gerade nicht. Er legte seine zittrigen Hände an Ezras Gesicht und gab ihm einen Kuss auf den Kopf, dann zog er einen Stuhl ans Bett heran und setzte sich hin.
      Er wusste, dass es nichts bringen würde, und trotzdem fragte er: „Was ist mit der Verletzung an seinem Kopf?“ Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sah zu dem Arzt auf, der Ezra behandelt hatte.
      „Sie sollten ein Familienmitglied anrufen“, sagte er. „Eltern vielleicht, oder Geschwister“
      Andrew bemühte sich, nicht wieder in Tränen auszubrechen, nickte langsam und zog sein Handy zum zweiten Mal an diesem Tag aus seiner Hosentasche. Er hatte dutzende verpasste Anrufe von Steve, einige von Richard, einige von anderen Kollegen aus London. Kein Wunder. Sie brauchten wohl Informationen, was nun aus der Mission geworden war. Andrew räusperte sich, bevor er Calebs Nummer wählte, nur um sofort zur Mailbox weitergeleitet zu werden. Er versuchte es noch zwei Mal, dann gab er auf und rief Niamh an.
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    • Niamh

      Wer auch immer ihr von den ‘Freuden des Mutterseins’ erzählt hatte, war ein verdammter Lügner. Niamh stieß ein frustriertes Seufzen aus, während sie versuchte, die Rundbürste aus Seans dunklen Haaren zu lösen. Wie auch immer der Junge es überhaupt geschafft hatte, sie in die Finger zu bekommen. Sie hatte ihre Wohnung schon weitestgehend kindersicher gestaltet, aber ihr Ältester schien immer wieder neue Wege zu finden, um trotzdem absolutes Chaos anzurichten.
      “Bist du sicher, dass ihm keine Glatze stehen würde”, fragte John zum dritten mal über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg, die er nur noch in der Hand hielt, um sein amüsiertes Lächeln zu verdecken. Niamh schätzte, dass sie seit guten fünf Minuten leer war.
      “Absolut”, antwortete sie, während sie, während Sean auf ihrem Schoß kurz aufschrie, als sie vielleicht etwas zu sehr an seinen dunklen Locken zog. Niamh ließ sie wieder sinken und drückte ihr Kind kurz an sich. “Wie hast du das hinbekommen, Maus? Deine Haare sind verknoteter, als ein Strickpullover.”
      “Hab’s im Fernsehen gesehen”, antwortete Sean mit einem kleinen, miserablen Schniefen, während er selbst wieder nach der Bürste griff. Niamh schob seine Hand zur Seite, bevor er das ganze Debakel noch schlimmer machen konnte. Männer in ihrer Familie schienen einfach für Chaos geboren worden zu sein.
      “Wir könnten auch einfach die Borsten mit einer Zange rausziehen”, schlug John vor und erntete einen entsetzen Blick seiner Frau.
      “Das ist meine Lieblingsbürste!”, erklärte Niamh entrüstet.
      “Bürste oder Kind. Ich fürchte, du musst dich entscheiden, Liebling.”
      “Ich weiß gar nicht, wie du in so einer Situation lachen kannst!” Niamh warf ihrem Mann einen bösen Blick hinterher, während John aufstand und Emmett, der fröhlich auf dem Wohnzimmerteppich mit Bauklötzchen spielte, einen Kuss auf den Kopf drückte. “Bring Conditioner mit, wenn du zurück kommst”, bat sie, während sie sich daran machte, die nächste Haarsträhne aus den Fängen der Rundbürste zu befreien und kurz innehielt, als ihr Handy begann zu klingeln. Sie war drauf und dran, den Anruf einfach wegzudrücken, als sie realisierte, wer sie anrief und sie stattdessen abhob.
      “Andrew?”, fragte sie, während sie ihr Handy zwischen Ohr und Schulter klemmte, um parallel weiter an Seans Haaren arbeiten zu können. Das war ungewöhnlich. “Hey. Alles okay? Du- warte eine Sekunde.” Sie nahm das Handy wieder von ihrem Ohr weg und sah John, der soeben mit einer Zange zurück ins Wohnzimmer gekommen war, direkt in die Augen. “Wenn du mit dieser Zange auch nur in die Nähe meiner Bürste kommst, reiche ich die Scheidung ein.”
      John hob geschlagen beide Hände in die Luft, verdrehte die Augen und legte die Zange beiseite, um ihr Sean vom Schoß zu nehmen. Niamh behielt sie im Blick, bis er sich auf den Sessel ihr gegenüber setzte und begann, die Haare zu entwirren, dann hob sie das Handy wieder ans Ohr. “Sorry. Was ist diesmal schief gelaufen?”
    • Andrew

      Der Arzt verließ das Zimmer und ließ Andrew alleine bei Ezra, während es bei Niamh noch klingelte. Er betete, dass sie abheben würde, damit irgendjemand so schnell wie möglich hierher kommen und ihm sagen konnte, was los war. Und außerdem… sollte sie vielleicht wissen, was mit ihrem Bruder passiert war, egal wieviel Kontakt sie in den letzten zehn Jahren gehabt hatten.
      Seine Gebete wurden erhört. Als er Niamhs Stimme durch sein Handy hörte, war er kurz seltsam erleichtert und musste tief durchatmen, bevor er sprach, um seine Stimme nicht allzu besorgniserregend klingen zu lassen. Das bekam er nur mäßig gut hin.
      "Hi", sagte er und versuchte irgendwie, nicht zu verheult zu klingen. "Es… ähm…", fing er an. "Ezra ist im Krankenhaus und ich sitze gerade neben ihm, aber kein Arzt will mir irgendetwas sagen", brachte er schnell heraus, bevor sein Gesicht sich verzog und er den Blick von Ezra kurz abwenden musste, bevor er noch in sein Handy schluchzte. "Ich brauche irgendein Familienmitglied hier, aber ich bin in… in Moskau im Central Hospital" Er riss sich gewaltig zusammen. Es war unmöglich, dass Niamh innerhalb der nächsten zehn Stunden hier war, also musste er Ruhe bewahren.
      "Ich denke, es- es geht ihm gut", fügte er hinzu und sah wieder zu Ezra. "Er… ich meine, er schläft, glaube ich. Er wurde gerade operiert. Er hat einen gebrochenen Arm und ein paar andere Verletzungen, aber ich weiß nicht mehr, als ich selbst sehe" Er schwieg einen Moment. "Ich kann Caleb nicht erreichen. Ist es irgendwie möglich, dass du ins nächste Flugzeug steigst? Ich weiß, du hast die Kinder, also… Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll" Seine Stimme zitterte leicht. "Aber ich brauche irgendjemand hier, mit dem die Ärzte reden"
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    • Niamh

      Die Anspannung in Andrews Stimme war spürbar. Niamh merkte, wie sie sich automatisch etwas gerader hinsetzen, bevor der Grund des Anrufes ihr ein unfreiwilliges Lachen entlockte. “Andrew, reiß dich zusammen. Ich habe ihn mehr als einmal von einem Dach fallen sehen, Knochenbrüche inklusive. Der kommt wieder auf die Beine”, begann sie, während sie aufstand, um zu ihrem Laptop rüber zu gehen. “Ich meine es ernst. Den Atomkrieg überleben nur Kakerlaken und Ezra. Er ist ein Chaot, aber ein absoluter Überlebenskünstler.” Was nicht bedeutete, dass sie der Anruf vollkommen kalt ließ. Es war nur… seltsam. Sie war so lange davon ausgegangen, dass Ezra schon längst tot war, dass sie der Umstand, dass er offenbar schwer verletzt im Krankenhaus lag, gar nicht so schlimm vorkam.
      Sie klemmte sich das Handy wieder zwischen Ohr und Schulter, während sie nach Flügen googelte. Das schien jetzt ihr Leben zu sein. Von einer Krise in die nächste und sie war offenbar die einzige, die einen klaren Verstand besaß. “Tu mir nur den Gefallen und sag Cal nichts, falls er zurückrufen sollte.” Wahrscheinlich würden die beiden sich nur gegenseitig in eine Panikattacke reinquatschen und darauf konnte sie verzichten. Es reichte ihr, wenn sie sich um einen Bruder kümmern musste.
      “Ich kann einen Flug in zwei Stunden nehmen”, fuhr sie fort. Sie würde dann irgendwann mitten in der Nacht ankommen, aber das war besser, als gar nichts. John würde sich um die Jungs kümmern und sie müsste einen Friseurtermin absagen, aber es gab schlimmeres im Leben. Sie klappte den Laptop zu und stand auf. “Also, was ist passiert und wie geht es dir?”, fragte sie, während sie ins Schlafzimmer ging, um ihre Tasche zu packen. Hoffentlich würde sich Andrew etwas abreagieren, wenn er einfach weiter redete. Sie hatte eigentlich keine großartige Lust, sich um den psychischen Zustand des Freundes ihres Bruders zu kümmern. Sie waren definitiv alle alt genug, um selbst damit fertig zu werden.
    • Andrew

      Dass Niamh absolut nicht besorgt klang, schockierte Andrew zwar ein wenig aber es war auch irgendwie beruhigend. Vielleicht hatte es ihm gefehlt, dass ihn jemand daran erinnerte, wie robust Ezra war. Auch wenn er gerade alles andere als robust aussah und jedesmal, wenn Andrew die blauen Flecken in seinem Gesicht sah, wollte er sofort schreien.
      "Oh, gut", sagte er erleichtert, als Niamh ihren Flug erwähnte. Er sackte etwas in sich zusammen und lehnte sich in den Stuhl. Er fragte sich, warum er Caleb nichts sagen sollte, weil er irgendwie davon ausging, das er nur noch weniger Reaktion zeigen könnte, als Niamh. Die Frage, was passiert war, überforderte ihn aber ein wenig. Ja, was zur Hölle war eigentlich passiert? Schon wieder war alles so unfassbar schief gelaufen, dass es sich wie ein Fiebertraum anfühlte.
      "Ein Waisenhaus hat gebrannt", sagte er kurzerhand. "Und die Decke ist über Ezra zusammengebrochen und... außerdem bin ich jetzt für drei kleine, russische Kinder verantwortlich, die ich mit nach London nehmen muss" Alleine diese Dinge auszusprechen trieb ihn beinahe in den nächsten Panikschub. Er hatte keine Ahnung, wie er irgendetwas bewerkstelligen sollte. Sein Kopf war völlig leer.
      "Ich weiß nicht, was ich machen soll", murmelte er leise. Am liebsten würde er sich einfach neben Ezra legen und verschlafen, bis sich alles von selbst geregelt hatte und es ihnen beiden gut ging. Alles, was er an Kraft besessen hatte, war vor ein paar Stunden verflogen. Spätestens, seit die Sozialarbeiterin ihm ein bisschen etwas von der Last abgenommen hatte, fühlte er sich, wie ein Haufen Elend, der jederzeit in einem Schwächeanfall zu Staub zerfallen könnte. Was... nicht gut war. Er musste das letzte bisschen Selbstkontrolle zusammenkratzen und gedanklich bei Ezra bleiben und... ob er wollte oder nicht, bei den Kinder, die bestimmt absolut keinen Plan hatten, was passierte. Sie waren heute Morgen aufgewacht und hatten mit einem normalen Tag gerechnet und plötzlich wurden Menschen vor ihren Augen abgestochen, ihr Zuhause verbrannt und irgendein Fremder schleppte sie mit sich ins Krankenhaus.
      Andrew seufzte. Er war frustriert, von sich selbst mehr als sonst irgendetwas. "Mir geht es... mal wieder deutlich besser als Ezra. Ich hab keine Ahnung, warum diese Dinge immer ihm passieren müssen"
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