The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Niamh

      Bildete sie es sich ein, oder klang er schon ein bisschen ruhiger? Die Taktik schien zumindest etwas aufzugehen.
      “Karma”, antwortete Niamh flach, während sie Pullover einpackte. “Wenn er mit jedem seiner dämlichen Stunts durchkommen würde, ohne sich zu verletzen, wäre er unerträglich.” Ezra kam sowieso schon mit weitaus mehr davon, als er sollte. Er hatte es geschafft, die komplette Familie hinter sich zu lassen, ohne jegliche Konsequenzen, was Niamh nach wie vor nicht gefiel. Wenn Caleb nicht auf sie eingeredet hätte, hätte sie ihren Eltern direkt erzählt, dass Ezra sich in den letzten Jahren ein Leben in London aufgebaut hatte.
      Alles an dem, was Andrew ihr erzählte, klang wie aus einer Soap Opera gezogen. Als er die Kinder erwähnt hatte, hatte sie kurz überlegt zu fragen, ob er high war. Sie hatte es nur gelassen, weil sie es ihm nicht zutraute, Drogen zu nehmen. Stattdessen stand sie auf und warf ein Würfelspiel in die Tasche. Wer auch immer auf die absolut bescheuerte Idee gekommen war, den größten Chaoten der Welt direkt drei Kinder anzudrehen, sollte wirklich seinen Job verlieren. Aber da konnten die Kinder ja nichts für.
      “Es gibt nichts, was du tun kannst”, erklärte sie schließlich, “Atme durch, hol dir einen Kaffee, oder was zu essen und warte einfach ab, was passiert.” Als nächstes landeten Socken in der Tasche. Sie packte unkonzentriert, aber es würde schon irgendwie hinhauen. Zu Not müsste sie einfach in Moskau shoppen gehen. Es gab Schlimmeres. “Sind die Kinder wenigstens niedlich? Sean hat sich gerade meine Lieblingsbürste so in die Haare geschoben, dass wir sie nicht mehr raus bekommen. Vielleicht können wir tauschen”, scherzte sie. Zumindest war sie sich halb sicher, dass sie scherzte. Sie hing wirklich sehr an ihrer Bürste. Die sie offenbar nicht mit nach Russland nehmen konnte. Mist.
      “Und kann ich dir noch irgendwas mitbringen?”, schob sie hinterher, während sie ihre Winterleggings raussuchte. Sie war nicht verrückt genug, den ganzen Flug über Jeans zu tragen. Generell hasste sie das steife Gefühl einer Jeans.
    • Andrew

      Niamhs Aussagen waren auf der einen Seite erfrischend unbesorgt, auf der anderen ziemlich irritierend. Andrew verspürte eine breite Palette an Emotionen. Ihm wäre es deutlich lieber, wenn Ezra sich nie wieder verletzen würde, denn das war das einzige Probleme, das er mit ihm hatte. Die ständige Panik, dass er sich irgendetwas antat. Man musste sich ständig Sorgen machen, vor allem weil er eben leider (?) keine Kakerlake war. Er konnte auch nur so viel überleben, wie jeder andere Mensch, und irgendwann musste er sein Glück vermutlich aufbrauchen. Der Gedanke, dass Ezra, zu irgendeinem Zeitpunkt, früher sterben könnte, als Andrew, war unerträglich. Weshalb ihm sofort wieder stumm die Tränen übers Gesicht flossen, als er darüber nachdachte. Er musste aufhören, Ezras Tod zu manifestieren, wenn er so vor ihm lag. Besonders so lange er nicht wusste, ob er die Narkose ausschlief oder im Koma lag. Diese Ärzte konnten einen wirklich verrückt wütend machen.
      Als Niamh es erwähnte, fiel Andrew ein, dass er seit Stunden nichts gegessen hatte. Hunger hatte er allerdings auch keinen. Wenn sie es nicht gesagt hätte, dann hätte er sich bestimmt erst wieder daran erinnert, wenn Ezra wach war und Andrew ihn ermutigen wollte, etwas zu essen. Auch Kaffee klang gerade zum ersten Mal in seinem Leben wie etwas, das ihn endgültig in den Kreislaufkollaps senden würde. Also war er froh, dass Niamh das Thema auf die Kinder lenkte. Oder, naja, um ein Prozent weniger belastet vielleicht.
      „Oh…“, sagte er. „Ich denke schon. Ich weiß aber nichtmal, wie sie heißen. Sie sprechen nur russisch. Beziehungsweise sind alle drei ziemlich jung, die kleinste kann nicht älter als ein paar Monate sein“, fuhr er fort. Er wischte sich wieder die Tränen aus dem Gesicht, was langsam zur Routine wurde. Etwas Wasser sollte er trinken, weil seine Stimme sich mittlerweile furchtbar heiser anfühlte. Dafür war vermutlich zum größten Teil der Rauch verantwortlich.
      „Aber… dafür dass sie bei einem verheulten Fremden und einem Kerl im Koma unterkommen müssen, dealen sie mit der Situation glaube ich ganz gut“, scherzte er leise. Viel eher waren die Kinder einfach zu traumatisiert und verängstigt, um Probleme zu machen, wenn er raten müsste.
      „Uhm… wenn du ankommst, könntest du aus dem Hotel Ezras und meinen Koffer holen, wenn es dir nichts ausmacht“, bat er dann. „Alles ist eingepackt, nur eine kleine Tasche liegt noch im Badezimmer. Ich kann dort anrufen und fragen, ob sie ausnahmsweise die Türe aufschließen“ Eigentlich war er absolut in der Lage, das selbst zu erledigen, aber nach den letzten vier Stunden wollte er Ezra keine Sekunde mehr von der Seite weichen. Er hatte ein kleines schlechtes Gewissen, das Ezras Schwester zuzumuten, aber ob sie dann zwanzig Minuten länger brauchte, war nach so einem Flug vermutlich auch egal. Im besten Fall war Ezra dann wieder wach und auf den Beinen und sie konnten alle zusammen den Rückflug planen.
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    • Niamh

      Die armen Kinder. Hoffentlich waren die Ärzte und Assistenten wenigstens nett genug, um sich um sie zu kümmern, wenn Andrew und Ezra dazu offenbar nicht in der Lage waren. Die gedrückte Stimmung würde ihnen auf jeden Fall nicht helfen zu verarbeiten, was auch immer genau am Morgen passiert war. Ganz schlau wurde Niamh aus der ganzen Geschichte immer noch nicht, aber manchmal war es besser, erst zu handeln und dann Fragen zu stellen. Vor allem, wenn es um ihre Geschwister ging.
      "Schreib mir gleich einfach die Adresse und die Zimmernummer auf. Ich komm schon irgendwie rein", merkte sie an, während sie ins Bad ging, um die letzten Sachen zusammen zu packen. Im vorbeigehen griff sie noch nach einem Dietrich, falls sie tatsächlich in das Hotelzimmer einsteigen musste. Sie konnte natürlich auch erst zu Andrew fahren, sich den Schlüssel abholen und zurück gehen, aber...warum aufwändig, wenn es auch so viel einfacher ging?
      Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Tasche, bevor sie sich wieder wieder an Andrew wandte. "Okay Andrew, ich muss auflegen, zuende packen und John irgendwie beibringen, dass er mich zum Flughafen bringen darf. Mach dich selbst nicht verrückt. Es wird schon alles gut werden. Ruf...ruf doch noch irgendjemanden an, damit du nicht alleine bist. Einen Freund, oder so. Ich komme so schnell, wie ich kann, okay? Bis gleich."
      Sie nahm sich einen Moment, um nochmal durch ihr Gepäck zu sortieren, um sicher zu gehen, dass sie in der Eile nichts vergessen hatte, bevor sie zurück ins Wohnzimmer ging, wo John ihr mit einem fragenden Blick ihre Bürste entgegen hielt. Sie stieß ein kleines, begeistertes "Oh!" aus, bevor sie sich nach vorne lehnte und ihm einen Kuss auf die Lippen drückte. "Du bist fantastisch! Will ich wissen, wie Sean aussieht?"
      "Nope. Zum Glück haben wir zwei Kinder", antwortete John mit einem lächeln, während die Bürste in ihre Tasche wanderte. "Aber du siehst eh so aus, als ob du auf dem Sprung wärst?"
      Niamh seufzte, während sie ihre Gedanken sortierte. Das würde ein langer Tag werden.
    • Andrew

      Klar, was auch sonst. Andrew beschwerte sich nicht, als Niamh klar andeutete, dass sie auch weniger legale Optionen in Angriff nehmen würde, um in das Hotelzimmer zu kommen. Sie tat ihm einen Gefallen, und wie sie das machte, ging ihn nichts an. Er würde einfach so tun, als wüsste er davon nichts. Er hatte sowieso selbst bei schlimmeren Dingen geholfen.
      Andrew zögerte, dann sagte er: „Okay, guten Flug. Danke nochmal“ Er legte auf. Einen Freund anrufen? Was hatte diese Familie nur mit Freundschaften?
      Andrew sah zurück zu Ezra und nach einem kurzen Moment, in dem die Stille fast unerträglich wurde, legte er seine Arme auf das Bett und seinen Kopf darauf. Er betrachtete Ezra aus seiner Position eine Weile länger, jetzt sah er zumindest deutlich, wie seine Brust sich hob und senkte. Er lebte. Jetzt musste er nur noch aufwachen. Andrew schloss die Augen.
      Wenn er irgendetwas eintauschen könnte, um Ezra jetzt sofort aufwachen zu lassen, würde er es tun. Egal was.

      Richard

      Richard konnte nicht einschätzen, wie nah Caleb an einem Nervenzusammenbruch stand, aber das konnte er nie. Der Flug kam ihm ewig vor, war er genau genommen auch, und er hoffte bloß, dass Cal in seinem Kopf nicht die Worst Case Szenarios durchspielte. Auch, wenn es Richard eigentlich kaum was anging, sie waren nicht in einer Beziehung, nur in einer… undefinierbaren Kennenlernphase, die hauptsächlich aus Sex bestand. Dass er sich Gedanken machte, wie Caleb sich gerade fühlte, sah Richard irgendwie als Warnsignal. Er würde lieber aus dem Flugzeug springen, als sich von jemandem abhängig zu machen, der dermaßen instabil war. Abgesehen davon, dass es Ezra bestimmt gut ging. Überlebte der Typ nicht irgendwie… alles? Er war Minuten nach dem Unfall in einem Krankenhaus angekommen und sofort behandelt worden, realistisch betrachtet wurde also alles getan, was getan werden konnte. Wenn er das nicht überlebte, hatte er einfach riesen Pech. Wie oft war man schon in einer Situation, in der man so schnell Hilfe bekam?
      Als sie ankamen und den Flughafen endlich mit ihren Koffern hinter sich lassen konnten, war es bereits wieder dunkel draußen. Es war sieben Uhr Abends und sie hatten den ganzen verdammten Tag in einem Flugzeug verbracht. Urgh, Moskau war ein grauenvolles Reiseziel.
      „Willst du zuerst in Hotel oder gleich ins Krankenhaus?“, fragte Richard, während er ein Taxi heranwinkte und ein Gähnen unterdrückte. Zumindest mussten sie sich hier um einen Jetlag keine Gedanken machen, aber erschöpfend war diese ganze Geschichte trotzdem. Richard war bereit, sofort zwei Tage durchzuschlafen. Nur, dass er unabhängig von dem Krankenhausbesuch sowieso keinen Schlaf bekommen würde, weil er sich direkt an die Arbeit machen konnte. Eigentlich war es also völlig egal, ob sie ins Hotel fuhren. Richard wollte nur schnellstmöglich eine Tasse Kaffee und irgendeinen Snack.
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    • Caleb

      Der Flug war furchtbar. Auf rationaler Ebene wusste Caleb, dass er aktuell nichts tun konnte. Er war auf dem Weg, er hatte keine Kontakte in Russland, die irgendwas ausrichten konnten, er hätte wahrscheinlich Niamh anrufen sollen, aber dafür war es jetzt eh zu spät. Er tat momentan alles, was er tun konnte. Und trotzdem wollte eine irrationale Stimme in seinem Kopf nicht aufhören ihm zu sagen, dass er irgendwas tun musste, um das Flugzeug schneller zu bewegen. Der Fakt, dass er sich darüber im Klaren war, dass das vollkommen unmöglich war, änderte nichts an dem Stress, den er spürte.
      Irgendwie war er seltsam froh darüber, Richard neben sich zu haben. Er war nicht unbedingt der einfühlsamste Mensch auf diesem Planeten und Cal gab sich alle Mühe, irgendwie das Thema 'Ezra' zu vermeiden, aber vielleicht war es gerade diese leicht genervte Art, die dafür sorgte, dass Caleb sich gerade nicht in seine Panik reinsteigerte. Als sie endlich landeten, war seine größte Sorge, dass sich Ezras Zustand verschlechterte, bevor er das Krankenhaus erreichen würde. Nicht, dass er irgendwas ändern könnte, aber er wollte einfach da sein.
      Das Warten auf den Koffer fühlte sich fast so lang an, wie der Flug selbst. Als sie endlich vor dem Flughafen nach einem Taxi suchten, hatte er das Gefühl, seit mindestens drei Tagen unterwegs gewesen zu sein. Faszinierend, wie sehr einen 'sitzen und nichts tun' fertig machen konnte, wenn man es mit ein wenig Panik mixte.
      "Ich wollte zuerst zum Krankenhaus", erklärte er. Der Gedanke daran, jetzt noch woanders hin zu fahren, wenn er so nah am Ziel war, fühlte sich falsch an. Was, wenn Ezra genau in dieser Zeit versterben würde? Nicht, dass es Richard interessieren würde, natürlich. Er war wahrscheinlich einfach nur müde und froh, ihn möglichst bald los zu werden. "Könntest du meinen Koffer mitnehmen, wenn du zum Hotel fährst? Ich würde ihn mir dann später abholen." Wenn überhaupt. Vielleicht würde er auch einfach darauf hoffen, dass Richard ein wenig Mitleid mit ihm hatte und direkt bei ihm schlafen, um die Nacht nicht alleine sein zu müssen. Vorausgesetzt, dass Richard die Nacht nicht durcharbeiten musste. Aber das war definitiv ein Problem für später.
    • Richard

      „Willst du den Koffer nicht dabei haben, wenn du dich im Krankenhaus einquartierst?“, fragte Richard, als er dem Taxifahrer half, ihre beiden kleinen Koffer in seinem Kofferraum zu verstauen. „Ich kann vielleicht keine Gedanken lesen, aber erzähl mir nicht, dass du nicht vorhattest, auf irgendeinem Sessel im Krankenhaus zu schlafen“
      Er stieg mit Caleb auf die Rückbank und gab dem Taxifahrer in leicht gebrochenem Russisch die Anweisung zum Central Hospital zu fahren. Dann lehnte er sich zurück und sah Caleb wieder an. „Das Hotel ist zwar gebucht, aber ich hab schon irgendwie bezweifelt, dass wir es heute noch brauchen werden“, meinte er. „Ich werde mich später mit einem Kollegen treffen müssen und kann vermutlich sowieso nicht die ganze Zeit im Krankenhaus bleiben, aber es macht für mich wirklich keinen Unterschied, an welchem Ort ich mich darüber aufrege, nicht schlafen zu können“ Er ging außerdem auch davon aus, dass Caleb seine Gesellschaft nicht unbedingt brauchen würde. Es würde bloß höchst unangenehm sein, mit Andrew und Ezra in einem Raum zu sein, für sie beide. Nur, dass Caleb eine Ablenkung hatte. Richard dagegen überlegte die ganze Zeit, wie er erklären sollte, dass Caleb und er zusammen hier waren. Alleine deshalb sollte er ihn überhaupt nicht ins Krankenhaus begleiten, aber bei seinem Zustand zweifelte Richard schon daran, dass er überhaupt das richtige Zimmer finden würde.
      „Es sei denn, du willst mich nicht dabei haben. Es ist sowieso irgendwie eine eigenartige… Situation für mich“, murmelte er. „Aber, wie gesagt, es macht nicht wirklich einen Unterschied“ Andrew würde hoffentlich auch abgelenkt genug sein, um nicht zu bemerken, wie seltsam die Konstellation war.
      „Vielleicht warte ich auch einfach in der Cafeteria, ich hab sowieso Hunger“, sagte er und sah aus dem Fenster. Was erwartete er gerade eigentlich? Dass Cal ihn anbettelte, ihn zu begleiten? Er fühlte sich definitiv zu verantwortlich für ihn. Alleine deshalb sollte er Cal nur absetzen und sich auf den Weg ins Hotel machen.
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    • Caleb

      “Ich hatte die Hoffnung, dass ich bemitleidenswert genug aussehen würde, um bei dir unter zu kommen”, kommentierte Caleb flach. So viel zu seinem Plan. Er würde so lange es ging im Krankenhaus bleiben, aber ihm war klar, dass er irgendwann irgendwo schlafen müsste. Auch, wenn er das in den nächsten Stunden nicht vorhatte. Er würde eh nicht in den Schlaf kommen.
      “Ich bin nicht davon ausgegangen, dass du mit ins Krankenhaus kommen würdest”, fuhr er überrascht fort. Richard hatte immerhin mehrfach betont, wie wenig er von Ezra hielt und er sagte ja selbst schon, dass das eine merkwürdige Situation für ihn war. Aber irgendwie war er froh drum, sich nicht alleine damit auseinandersetzen zu müssen, auch wenn er sich langsam selbst ziemlich erbärmlich vorkam. Wie ein Kleinkind, das jemanden brauchte, der seine Hand hielt. Sein Selbstwertgefühl befand sich mal wieder in einer nicht enden wollenden Abwärtsspirale, bei der ein deprimierender Gedanke den nächsten jagte. Am Ende half alles nichts.
      “Aber ich glaube, es wäre mir lieber, wenn du mitkommst?” Er hatte es weitaus selbstverständlicher sagen wollen, als es am Ende rausbekommen war. Jetzt klang er eher so, als wäre er sich selbst nicht ganz sicher. Wenigstens nicht mehr panisch, aber das rettete ihn wahrscheinlich auch nicht mehr. Vielleicht hätte er doch Niamh Bescheid geben sollen, bevor sie losgefahren waren. Seine Schwester war nicht unbedingt mitfühlend, aber wenigstens pragmatisch genug, um ihn einfach mitzuziehen, wenn er wieder in seinem eigenen Kopf gefangen war, bis das rationale Denken wieder einsetzte.
      "Ich wusste nicht, dass du russisch sprichst", schob er hinterher, als ob der Themenwechsel seine vorangegangene Aussagen-Frage irgendwie ungeschehen machen würde. "Ist das die einzige Fremdsprache, die du sprichst?", fragte er, während er seine Finger unter seine Oberschenkel schob, um sich selbst davon abzuhalten, nach seinem Handy zu greifen um zu sehen, ob es irgendwelche Neuigkeiten gab. Wahrscheinlich wäre es besser, einfach alles zu ignorieren, bis er selbst vor Ort war.
    • Richard

      Ah, klasse, Caleb hatte gedacht, dass Richard ihn einfach im Krankenhaus aussetzen und sich selbst überlassen würde. Das sollte ihn nicht weiter treffen, weil er selbst gerne hätte, dass ihm das alles egal genug war, um sowas zu tun. Leider war Caleb bemitleidenswert, und zwar so sehr, dass Richard nicht nur verständlicherweise Platz in seinem Hotelzimmer für ihn gemacht hätte, sondern sich sogar als emotionale Stütze mit ihm im Krankenhaus herumgequält hätte. Auch wenn er bezweifelte, in so etwas besonders gut zu sein.
      Das seltsame Auflammen von dem kleinen bisschen Freude über Calebs Aussage, dass er ihn wohl brauchte, machte das alles nicht besser. Er wollte sich am liebsten sofort einen Kübel Wasser über den Kopf leeren. „Mh, okay“, murmelte er. „Gib mir dann nicht die Schuld, wenn Andrew der nächste ist, der in einem Krankenbett landet“ Freuen würde der sich jedenfalls vermutlich nicht, wenn er erfuhr, dass zwischen Cal und Richard etwas undefinierbares lief. Nicht, nachdem Richard ihn sich erfolgreich zu seinem größten Feind gemacht hatte. Calebs Themenwechsel kam ihm sehr gelegen, denn darüber wollte er sich erst weiter Gedanken machen, wenn es so weit war.
      „Nein“, antwortete Richard. „Aber die Sprachen, die ich spreche, sind alles andere als flüssig. Ich kann gerade so viel, dass ich überleben würde, was das Mindeste bei dem Job ist, wenn man ständig um die halbe Welt geschickt wird“ Notwendig war das erst wirklich, seit er bei MLO angestellt war, aber er war auch nur einer der wenigen, der sich diese Mühe überhaupt machten. Vermutlich, weil er mit einem Haufen fauler Vollidioten zusammen arbeitete. „Du hast mit mir wahrscheinlich zufällig den besten Reisebegleiter erwischt, weil ich erschreckend oft in Moskau war“, murmelte er.

      Andrew

      Sieben Stunden später schlief Ezra noch immer. Andrew war nebenbei im Sitzen auf seinem Sessel eingenickt, wachte aber über den Blonden, als könnte noch immer jederzeit etwas Furchtbares passieren. Andrew war bisher noch nie operiert worden, er war sein ganzes Leben lang erschreckend gesund gewesen und hatte keine schweren Unfällen gehabt. Das war ein Wunder, wenn er so an seine älteren Fälle zurückdachte, aber jetzt wünschte er sich irgendwie, die Erfahrung mal gemacht zu haben. Er wusste nicht, für wie lange Zeit es normal war, nach einer Operation zu schlafen. Irgendwann hatte er gegoogelt, woran man Koma-Patienten erkannte, aber selbst das war nicht wirklich aufschlussreich. Seine einzige Hoffnung war, dass Ezra von selbst atmete, also… konnte es bestimmt nicht so schlimm sein. Jedenfalls begann er sich das nach einer Weile aktiv einzureden, um nicht wahnsinnig zu werden, und offensichtlich hatte es ihn tatsächlich ein wenig entspannt, da ihm gegen Abend ständig die Augen zufielen. Dabei war er noch garnicht so lange hier, es kam ihm bloß schon so vor, als wären es Tage.
      Es riss Andrew dermaßen aus dem Halbschlaf, als die Türe geöffnet wurde und ein Pfleger hereinkam, dass er sich kurz neu orientieren musste. Die Kinder waren weg, die Sozialarbeiterin auch. Stimmt, sie waren wahrscheinlich längst im Zimmer nebenan. Andrew checkte die Uhrzeit auf seinem Handy, es war kurz nach Acht.
      Er setzte sich auf und beobachtete den Krankenpfleger, wie er Ezras Zustand kontrollierte, bevor er zu ihm sagte: „Ein Familienmitglied ist angekommen und wird gleich mit dem Arzt den Zustand besprechen. Wenn er einwilligt, können Sie währenddessen auch anwesend sein“
      Andrew stockte. Er? Aber er erwartete Niamh. Hatte sie Caleb erreicht und sich doch dazu entschieden, ihn einzuweihen? Und dann war er so schnell hier? Eigentlich war es völlig egal. Solange irgendjemandem endlich erklärt wurde, was los war, konnte Andrew sich mit allem abfinden.
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    • Caleb

      Richards Sprachkenntnisse hätte er lieber bei irgendeinem netten Ausflug entdeckt, wenn er den Kopf frei dafür gehabt hätte, es irgendwie attraktiv zu finden, ohne dabei die Panik über Ezra ignorieren zu müssen, die sich immer noch alle paar Sekunden lauthals bemerkbar machte. Selbst die Vorstellung davon, Richard mal irgendwo als Reiseführer zu erleben, konnte ihn nicht ablenken.
      Die Fahrt zum Krankenhaus schien sich ewig zu ziehen, während die kleine 'Du bist zu dramatisch' und 'Es geht hier nicht um dich' Spirale sich stetig und ziemlich effektiv in Calebs Kopf eindrehte. Als sie endlich ausstiegen und die Koffer wieder an sich nahmen, war er hin und hergerissen, ob er tatsächlich reingehen, oder direkt zurück zum Flughafen fahren und so tun sollte, als ob er von alledem nichts mitbekommen hatte, bis sich irgendjemand mit dem Problem beschäftigte, der mental stabiler war, als er selbst. Es war erschreckend, wie oft das funktionierte. Vielleicht sollte er wirklich einfach-
      Caleb zuckte kurz zusammen, als das Taxi neben ihnen den Motor wieder startete. Er hatte nicht mal wirklich mitbekommen, dass der Taxifahrer überhaupt wieder eingestiegen war, von der Bezahlung vollkommen abgesehen. Er hasste es, es zugeben zu müssen, aber Richard bei sich zu haben war gerade wohl wirklich das Beste, was ihm passieren konnte. Sollten diese seltsame Beziehung zwischen ihnen diesen Tag überleben, war er ihn definitiv etwas schuldig.

      Bisher hatte Caleb immer versucht, Krankenhäuser zu vermeiden. Er selbst war bisher nur zwei mal in einem gewesen, einmal für seine Brust-OP und einmal, als jemand unglücklicherweise ein Messer in sein Schlüsselbein gerammt hatte. Er hatte sich beide Male selbst frühzeitig entlassen. Zuhause war es irritierenderweise einfacher gewesen, seine Familie zu ignorieren.
      Trotzdem schien in Krankenhäusern die Zeit immer still zu stehen. Das Gebäude sah zeitgleich modern und absolut überholt aus. Hohe Wände mit verblichener Farbe standen im Kontrast zu dem schmalen Computer, an dem die Empfagsdame geschäftigt tippte, als Caleb ihr die Situation erklärte. Sie antwortete in einem klaren Schulenglisch, mit einer Ruhe, die nicht auf Caleb überschwappte. Sie konnten ihre Koffer erstmal in einem kleinen Zimmer abstellen, bevor sie Ezras Zimmernummer bekamen, mit dem Hinweis, dass der Arzt in Kürze dazu kommen würde, um ihm den aktuellen Zustand seines Bruders zu erklären. Caleb nickte das meiste einfach ab. Irgendetwas in ihm wollte immer noch zurück in das Taxi, zum Flughafen und wieder nach Hause.
      Das Gefühl folgte ihm bis hin zu Ezras Zimmertüre. Wahrscheinlich wäre er einfach davor stehen geblieben, wenn der leitende Arzt nicht schon auf sie zugekommen wäre. Er hielt eine kleine Plastiktasche in einer Hand und ein Klemmbrett in der anderen.
      "Guten Abend. Ich bin Dr. Steponov. Sie sind der Bruder von Mr. Fitzsimmons nehme ich an?"
      "Ist das so offensichtlich?" Caleb rang sich zu einem schwachen Lächeln durch, während er den überraschend laschen Händedruck des Arztes erwiderte. "Caleb Bailey", stellte er sich schließlich vor, bevor er kurz zur Tür deutete. "Sollen wir...?"
      "Natürlich." Der Arzt öffnete die Tür und ließ sie eintreten, bevor er folgte.

      Andrew sah ungefähr so fertig aus, wie Caleb sich fühlte. Er saß neben dem Bett und sah den Umständen entsprechend überrascht aus. Cal realisierte jetzt erst, dass er wahrscheinlich irgendwie Glück im Unglück hatte - durch Dr. Steponov war Andrew hoffentlich zu beschäftigt, um zu hinterfragen, warum Richard hier war. Caleb vermied es, Ezra im Bett neben ihm anzusehen. Ein kurzer Blick genügte, um zu erkennen, dass es nicht gut aussah und irgendwie war das nichts, was Caleb sehen wollte.
      "Hey", grüßte Caleb knapp. "Steve hatte mir Bescheid gegeben" fügte er hinzu, als ob das gerade die wichtigste Frage wäre, in der Hoffnung, dass Andrew einfach genau so alles abnicken würde, wie er es die letzten paar Minuten getan hatte.
      Der Arzt grüßte ihn mit einem kurzen Kopfnicken, bevor er sich erneut zu Caleb drehte und ihm die kleine Plastiktasche in die Hand drückte. "Die Sachen, die Ihr Bruder bei sich hatte", erklärte er. "Ich nehme an, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich die Diagnose teile?"
      Caleb sah kurz auf die Tüte in seinen Händen, bevor er sie wortlos an Andrew weiterreichte und mit dem Kopf schüttelte. "Nein. Es wäre mir sowieso lieb, wenn sie Andrew auf dem Laufenden halten würden."
      Der Arzt nickte kurz und notierte sich etwas auf seinem Klemmbrett, bevor er wieder zu ihnen auf sah. Caleb unterdrückte den vollkommen irrsinnigen Drang, nach Richards Hand zu greifen und verschränkte stattdessen die Arme vor seiner Brust.
      "Mr. Fitzsimmons hatte Glück im Unglück", begann er mit einem Lächeln, das wahrscheinlich aufbauend wirken sollte. Caleb konzentrierte sich darauf, während er es weiterhin vermied, Ezra anzusehen, als ob es das weniger real machen würde.
      "Er hat-" Dr. Seponov zögerte kurz, während er offenbar nach der richtigen Übersetzung suchte. "Er hat mehrere Frakturen, Platzwunden und Quetschungen davongetragen, aber sein Kopf und seine Wirbelsäule sind weitestgehend verschont geblieben. Er befindet sich zurzeit im Koma, wir gehen aber davon aus, dass er recht schnell aufwachen und vollkommen genesen wird. Es braucht nur Zeit." Er sah kurz in die Runde. "Haben Sie irgendwelche Fragen?"
      Caleb hatte irgendwie zeitgleich tausende und keine einzige. Das war eine sehr kurze Diagnose gewesen und sie hatte irgendwie positiv geendet. Das war alles, was aktuell wichtig war, nicht?
    • Andrew

      Es gab vermutlich nicht vieles, was Andrew gerade von der grauenvollen Allgemeinsituation ablenken könnte, aber Richard hier zu sehen, was eines dieser Dinge. Andrews vor Müdigkeit verzogenes Gesicht wandelte sich in etwas undefinierbares um, das gut seine Irritation widerspiegelte. Und das nicht, weil ein anderer Angestellter von MLO in Moskau war, weil er mit Sicherheit an dem Fall arbeitete. Andrew verstand schlichtweg nicht, warum er mit Caleb hier war, hier. In Ezras Krankenzimmer. Es war nicht zu übersehen, dass die beiden sich kannten. Andrew wusste, dass Cal wohl bei einer Mission eingesprungen war - hatte er da als Kollegen genau Richard erwischt? Erklärte das, wieso sie zusammen hier standen?
      Andrew akzeptierte die Konstellation bestmöglich, stand auf und nickte Caleb erst begrüßend zu, bevor er ebenfalls dem Arzt die Hand gab und gleich darauf unheimlich erleichtert war, dass wenigstens eine Person heute irgendwie anerkannte, dass er ein Recht darauf hatte, zu wissen, was mit Ezra los war. Er nahm die Tasche an, die Ezras Kleidung und hoffentlich seine Brieftasche beinhaltete, und legte sie hinter sich auf dem Sessel ab.
      'Glück im Unglück' bedeutete für Andrew, dass sein Freund zumindest nicht an der Schwelle zum Tod stand, was sich definitiv auf seiner Liste an Ängsten wiedergefunden hatte, und alleine das trieb ihm vor Erleichterung fast Tränen in die Augen. Frakturen, Quetschungen,... das waren Worte, von denen ihm fast übel wurde, nachdem er die letzten Stunden Zeit gehabt hatte, sich die Umrisse jeder einzelnen Wunde so genau einzuprägen, dass er sie nie vergessen würde. Und dann... Koma. Er lag also doch im Koma?
      Andrew warf einen Blick über die Schulter zu Ezra. Er hatte es sich denken können, nachdem er immernoch nicht wach war. Trotzdem machte es ihn ein wenig fertig.
      "Ich hab Fragen", sagte Andrew schnell. Caleb sah maßlos überfordert aus und die kontrollierenden Blicke, die Richard diesem von der Seite ständig zuwarf, waren für Andrew höchst irritierend, aber er hatte nun stundenlang Zeit gehabt, um sich selbst alle möglichen Fragen zu stellen, nachdem er das alles irgendwie akzeptiert hatte, und er brauchte bessere Antworten.
      "Was heißt 'recht schnell'? Dass er in ein paar Stunden oder Tagen aufwacht? Und wann können Sie ihn in ein Londoner Krankenhaus verlegen? Alleine aus Sicherheitsgründen sollte das sehr bald passieren. Oh, und, wie sieht es mit dem Rauch aus? Sind seine Lungen okay?"
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    • Caleb

      Zum Glück war Andrew ein wenig organisierter in seinen Fragen, als Caleb. In seinem Kopf schien sich alles irgendwie zu überschlagen, während er versuchte abzuschätzen, welche Fragen die richtigen und welche vollkommen belanglos waren. Vielleicht hätte er vorher bei dem Krankenhaus anrufen und irgendwie versuchen sollen es hinzubekommen, dass der Arzt früher mit Andrew redete. Dann hätte er wenigstens vor vollendeten Tatsachen gestanden.
      Dr. Seponov ließ den kleinen Schwall an Fragen mit einem kleinen Lächeln über sich ergehen, das wahrscheinlich beruhigend wirken sollte, Caleb allerdings nur daran erinnerte, dass das alles für den Arzt vollkommen normaler Alltag war. Wie viele schlechte Nachrichten hatte er in seiner Karriere wohl schon überbringen müssen? Obwohl es wahrscheinlich schlimmere Schicksale gab, als ihres. Das musste Caleb sich nur noch erfolgreich einreden.
      "Die meisten Komapatienten wachen nach zwei bis vier Wochen auf. Ich denke aber nicht, dass es so lange dauern wird. Zum Glück ist das Koma nur die Folge eines stumpfen Traumas und er ist noch relativ jung, also dürfte einer schneller Erholung nichts im Wege stehen." Dr. Seponov deutete nebenbei kurz zu Ezra, als hätten sie vergessen, über wen sie redeten. "Seine Lungen sehen gut aus, was meinen Informationen zufolge Ihnen zu verdanken ist, Mr. Morgan. Wenn Sie ihn nicht aus dem Haus gezogen hätten, hätte der mangelnde Sauerstoff sehr wahrscheinlich für eine deutlich schlechtere Diagnose gesorgt." Er nickte Andrew kurz anerkennend zu, während man dem Arzt ansehen konnte, dass er gedanklich abging, ob er damit alle Fragen beantwortet hatte.
      "Wie sieht es mit einer Verlegung nach London aus?", half Caleb auf die Sprünge, während er sich die mentale Notiz machte, deutlich netter zu Andrew zu werden. Sein Schwager in Spe wirkte zwar nach wie vor recht langweilig, allerdings auch ziemlich kompetent. Und es war offensichtlich, dass er sich aufrichtig um Ezra sorgte.
      Der Arzt stieß ein kleines, nachdenkliches "Oh" aus, während er in Ezras Richtung sah. "Ich würde eine Woche abwarten, bevor ich eine Verlegung in ein anderes Krankenhaus empfehlen würde. Sie wäre natürlich früher möglich, aber Sie müssen sich bewusst sein, dass ein Flug für Patienten nie ganz ungefährlich ist. Es wäre wirklich besser, wenn er dafür bei Bewusstsein wäre. Außerdem ist eine Verlegung nach London mit ziemlich hohen Kosten und großem rechtlichen Aufwand verbunden. Das soll Sie nicht von einer Verlegung abhalten, aber ich weise meine Patienten trotzdem immer darauf hin."
      Kosten dürften bei der ganzen Angelegenheit wirklich ihre geringste Sorge sein. Die Vorstellung, dass Ezra während einem stundenlangem Flug irgendwas passieren würde, war deutlich abschreckender. Calebs Blick wanderte zu Andrew, der immer mehr so aussah, als würde er dringend Schlaf benötigen. "Ich würde die Woche abwarten, aber ich möchte dich entscheiden lassen", merkte er an, während er seine Arme vor seiner Brust verschränkte. Ezra würde wahrscheinlich auch lieber auf Andrews Meinung hören, als Calebs, so deprimierend dieser Gedanke auch war.
      "Nehmen Sie sich Zeit, darüber nachzudenken", schob sich Dr. Seponov dazwischen, während er einen dezenten Blick auf seine Uhr warf. "Ich fürchte, ich muss mich um den nächsten Patienten kümmern. Wenn Sie noch etwas benötigen, können Sie sich gerne im Schwesternzimmer melden. Sonst komme ich später nochmal vorbei um zu sehen, ob noch alles im grünen Bereich ist." Er lächelte knapp, bevor seine Mine etwas ernster wurde. "Ich denke wirklich, dass Mr. Fitzsimmons das ganze den Umständen entsprechend gut überstehen wird. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen." Er nickte ihnen ein letztes mal zu, bevor er das Zimmer durch die steril weiße Tür verließ. Für eine Sekunde drang das geschäftige Treiben aus dem Gang zu ihnen hinein, dann fiel die Tür ins Schloss und ließ sie mit dem kleinen, rhythmischen Piepsen zurück, das Ezras Herzschlag maß.
    • Andrew

      Vier Wochen… So lange hatte Andrew bisher noch nie darauf verzichten müssen, Ezras Stimme zu hören, seit er ihn kannte. Er vertraute darauf, dass der Arzt mit seiner Einschätzung recht haben würde. Andrew wollte das alles zwar schnellstmöglich hinter sich bringen – ihm fehlte jetzt schon jegliche Lebensenergie – aber es sah wohl so aus, als würde es noch eine Weile dauern, bis wieder Normalität einkehrte. Zumindest eine Woche… bis sie zurück nachhause fliegen konnten. Aber natürlich würde Andrew kein Risiko eingehen, dass Ezra am Flug irgendetwas passierte.
      "Okay", antwortete er etwas erstickt und plante gedanklich bereits die kommende Woche voraus. Er hatte auch ständig die drei Kinder im Hinterkopf, die man ihm aufgedrängt hatte. Bisher waren sie sowieso unter ärztlicher Aufsicht, und die Sozialarbeiterin kümmerte sich, aber im Endeffekt war er dafür verantwortlich, dass sie am Leben blieben und nicht gekidnappt wurden oder so etwas (zumindest sobald sie zurück in London waren und seine Kollegen nicht mehr dabei waren). Als hätte er gerade nicht genug Probleme. Andrew fuhr sich durch die Haare, warf einen Blick auf Ezra und seufzte.
      "Dann warten wir besser eine Woche" Es gab nur ein Problem. Derzeit war er hier, weil er selbst noch unter ärztlicher Kontrolle stand, genau wie die Kinder. Spätestens morgen mussten sie hier bestimmt raus und Platz für andere Patienten machen, dann konnte Andrew nur noch in den Besuchszeiten zu Ezra. Der Gedanke ließ seine Brust zusammenziehen. Kurz schoss ihm die Frage in den Kopf, was er wohl anstellen könnte, um länger eingewiesen zu bleiben, aber das völlig verrückt und unverantwortlich. Sein Blick glitt zu Caleb. Und wenn er für das Bett bezahlte? Ging das, wenn man nicht verwandt oder verheiratet war? Vor allem mit den Kindern… Nein, das wirkte irgendwie unrealistisch.
      "In welchem Hotel bleibst du?", fragte er Caleb, dann sah er Richard an, der immernoch verstörend nah an dem Blonden stand und aussah, als würde er sich vorbereiten, ihn aufzufangen wenn er einen Schwächeanfall bekam. "Und du? MLO hat deine Unterkunft gebucht, nehm ich an, also sind wir wahrscheinlich im selben Hotel. Ich frage mich nur, ob es etwas gibt, dass näher am Krankenhaus ist" Vielleicht konnte er sich ja bei Caleb einquartieren, wenn er eine bessere Unterkunft hatte. Was Andrew irgendwie vermutete, denn an Geld mangelte es ihm ja nicht.
      Richard öffnete den Mund, schloss ihn wieder, dann sagte er endlich: "Mein Hotel wurde von MLO gebucht, ja" Gut, das nutzte Andrew nichts.
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    • Caleb

      Er war wirklich verdammt froh darüber, dass Richard überraschend still war. Caleb war sich immer noch nicht ganz sicher, ob es richtig gewesen war, ihn darum zu bitten, mit zu kommen. Es half irgendwie, auf schräge Art und Weise. Jetzt durfte nur kein Streit ausbrechen.
      “Ich kann nach einem Hotel in der Nähe schauen und wir tauschen dann einfach”, schlug Caleb nach kurzem Zögern vor. Es war klar, dass Andrew irgendwie in der Nähe bleiben wollte, so vollkommen aufgelöst, wie er aussah. Caleb selbst hatte immer noch das dringende Bedürfnis, sich einfach umzudrehen und wieder nach Hause zu fliegen, wo er vollkommen in Ruhe einen Nervenzusammenbruch darüber haben konnte, was gerade passiert war und sich danach gleich in die nächste Runde Selbsthass werfen würde, bevor er wieder so tun könnte, als ob nichts passiert wäre. Bisher hatte das immer vollkommen wunderbar funktioniert. Er musste nur mit den enttäuschten Blicken seines Psychiaters klarkommen, aber an die hatte er sich mittlerweile sowieso gewöhnt.
      Trotzdem zwang er sich dazu, diesen Impuls zu ignorieren. Ezra würde das alles überleben und er selbst musste nicht viel mehr tun, als ab und an vorbei zu schauen, um sicher zu gehen, dass es dabei blieb. Das war nur eine einzige Sache. Das würde er hinbekommen. Er müsste es nur irgendwie schaffen, sich selbst zu beruhigen, bevor Richard und Andrew ihn für vollkommen manisch hielten. Sie hätten recht mit der Vermutung. Aber wenigstens war er irgendwie self-aware, dass er gerade ziemlich nah an einer Panikattacke stand und das war ein Anfang, oder? Jetzt musste er nur aus der Abwärtsspirale raus kommen, aber das hatte er bisher noch nie so richtig hinbekommen.
      "Was ist überhaupt passiert?", fragte er schließlich, unsicher, ob er es überhaupt wissen wollte. "Steve war ziemlich kurz angebunden, als er angerufen hatte." Er sah zu Ezra herüber, während die kurze Diagnoseliste wieder durch seinen Hinterkopf ratterte. Wenigstens atmete er selbstständig und die Werte auf den Bildschirmen um ihn herum sahen okay aus? Caleb kannte sich definitiv zu wenig aus, um irgendwie beurteilen zu können, ob der Arzt sie nur beruhigen wollte, oder ob es Ezra wirklich überraschend gut ging. Aktuell sah er einfach nur so aus, als ob er schlafen würde und sich jeden Moment aufsetzen könnte, um sich darüber zu beschweren, dass sie viel zu laut waren. Er war ein wenig blasser, als sonst und - offensichtlich - größtenteils in Bandagen gewickelt, aber sonst...wirkte er wirklich so, als ob man ihn einfach nur an der Schulter durchschütteln müsste, um ein Kissen ins Gesicht geschlagen zu bekommen.
    • Andrew

      Andrew überlegte. "Wenn du noch nichts gebucht hast, sehe ich einfach selbst nach, was in der Nähe ist, und du kannst in der Zwischenzeit in Ezras oder meinem Zimmer bleiben. Soweit ich weiß, ist Niamh auch bald hier, die will vielleicht das andere Zimmer haben…", meinte er. Irgendwie fühlte es sich wie ein Wunder an, dass sein Gehirn gerade funktionierte und er tatsächlich wieder in seinen üblichen Planungsmodus hineinglitt. Aber eine Sache hatte er wohl vergessen, worauf er natürlich direkt hingewiesen wurde.
      "Du musst bei MLO Bescheid geben, dass sie Agenten vor dem neuen Hotel positionieren. Ich nehme an, du nimmst die Kinder mit und lässt sie nicht auf der Straße sitzen", warf Richard sofort ein, in einem empathielosen Ton wie eh und je.
      Andrew knirschte ein wenig mit den Zähnen. "Danke für den Hinweis", sagte er trocken. Natürlich würde er diese Kinder nicht alleine lassen, wenn es sein Job war, kurzzeitig auf sie aufzupassen, aber konnte man ihm wirklich verübeln, dass er sich nach kaum einem Tag noch nicht daran gewöhnt hatte, dass das jetzt seine Aufgabe war? Er hatte alles verdrängt, was nicht direkt mit Ezra zu tun hatte. Andrew verstand noch immer nicht, was Richard hier zu suchen hatte. Der Anblick alleine machte ihn wütend. Musste er wirklich am Krankenbett seines Freunds herumstehen, dem er vor kurzem noch eine Gehirnwäsche verpassen wollte, um ihn loszuwerden?
      Andrews Ärger verblasste nur ein wenig, als Caleb mit ihm sprach. Der hatte ja zumindest ein Recht darauf zu wissen, was passiert war. Ganz im Gegenteil zu Richard. Es nervte Andrew schon, dass er alles mit anhörte, als würde es ihn irgendetwas angehen. Jeder andere MLO-Kollege stand schließlich auch nicht hier.
      "Es gab einen Brand in einem Waisenhaus", erklärte Andrew und umging präzise das Nadia-Detail. "Es war weder Polizei noch Feuerwehr da, als wir vorbeigekommen sind, also haben wir geholfen, die Angestellten und Kinder herauszuholen, aber dann ist die… die Decke eingebrochen. Also, für mich war es der Fußboden, aber Ezra war einen Stock weiter unten und… war direkt darunter. Ich musste ihn erstmal suchen, also… hat es ein bisschen gedauert. Aber seine Lungen sind ja anscheinend in Ordnung, zum Glück", erklärte er. Das so sachlich wiederzugeben erforderte viel Energie. Er war sich jetzt schon sicher, dass er Ezra nie wieder alleine lassen würde, noch nichtmal um aufs Klo zu gehen. Wer wusste schon, ob es wirklich einen Brand brauchte, um Decken zum einstürzen zu bringen.
      "Auf die Idee, in ein brennendes Haus zu rennen, kommt auch nur ihr", murmelte Richard plötzlich.
      Andrews Blick wurde eisig, als er zu dem Helden wanderte. "Dass du sogar deine eigene Familie sterben lassen würdest, ist mir klar", sagte er.
      Richard schmunzelte. "Du glaubst, du bist so viel emphatischer als ich? Du hast einfach einen Heldenkomplex, das ist alles. Außer natürlich es geht um den Dieb, von dem du zehn Jahre lang abgehängt wurdest-"
      "Was machst du eigentlich hier?", unterbrach Andrew ihn lauter. "Ist dir langweilig? Läufst du gern herum und beleidigst Leute, die dir nichts getan haben?"
      Es war offensichtlich, dass Richard kurz vor dem Kochen stand. Fühlte er sich schon angegriffen, wenn Andrew sich Sorgen um Ezra machte? Es war nicht schwer, diesen Typen wütend zu machen. Aber es schien so, als hätte sich etwas angestaut. Seine nächsten Worte musste Andrew einige Sekunden lang sickern lassen, bevor er sie richtig verstand.
      "Ich bin nicht wegen dir hier oder wegen Ezra, sondern wegen Cal. MLO hat mich nach Moskau geschickt, nicht in dieses Krankenhaus. Aber ähnlich wie dir gehen mir Menschen am Arsch vorbei, wenn ich ihnen nicht nahe stehe. Tu nicht so, als würdest du dich um irgendjemanden aus einem anderen Grund kümmern, als weil es dein Job ist. Ich bin der letzte, der dich deshalb verurteilt, wenigstens arbeitest du effektiv, wenn es nicht gerade um Ezra geht. Deinen Heiligenschein kannst du wem anderen vorgaukeln", antwortete Richard bissig.
      Andrews Blick hing eine Weile an dem Größeren, bevor er zu Caleb wanderte. Was sollte das heißen, er war wegen Caleb hier…? Er war doch nicht…
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    • Caleb

      Oh. Andrew hatte offenbar Niamh schon informiert und Caleb damit zumindest eine unliebsame Aufgabe erspart. Jetzt müsste er ihm nur noch schonend beibringen, dass er weder erwarten könnte, dass Niamh mit irgendeiner Art von Feingefühl aufschlagen würde, noch, dass sie sich mit seinem Hotel zufrieden gab. Sie war immer schon ziemlich penibel gewesen, was ihre Unterkunft anging. Gerade bei dem Thema Sauberkeit waren Ezra und sie sich unglaublich ähnlich, was irgendwie seltsam war. Wie konnten sie sich in gewissen Punkten so gleichen und dann trotzdem so unterschiedlich sein? Niamh wäre nie auf die Idee gekommen, in ein brennendes Gebäude zu rennen, egal, wer drin stand - abgesehen vielleicht von ihren eigenen Kindern. Ezra...offensichtlich schon.
      Irgendwie wollte diese Info nicht ganz in Calebs Kopf hinein passen. Sicher, Ezra hatte sich über die letzten Jahre hinweg in eine vollkommen andere Richtung entwickelt, als er erwartet hatte, aber etwas derart selbstloses hätte er seinem Bruder irgendwie trotzdem nicht zugetraut. Jedes mal, wenn er ihn sah, hatte er immer noch den vorlauten 15-Jährigen vor Augen, der keine Sekunde gezögert hatte, sämtliche seiner Missgeschicke auf seine Geschwister zu schieben, wenn ihre Eltern laut wurden. Caleb hatte zu oft Hausarrest für Dinge bekommen, die Ezra angezettelt hatte, um sich auch nur irgendwie vorstellen zu können, wie selbiger das Leben anderer über sein eigenes stellte. Er hasste diese Momente, in denen ihm klar wurde, wie sehr Ezra sich verändert hatte und wie viel Entwicklung Caleb verpasst hatte. Es war irritierend, wie vertraut und zeitgleich fremd Ezra war. Er hätte ihn nie gehen lassen sollen. Er hätte ihn zurückholen sollen, als ihm klar geworden war, wo Ezra sich herumtrieb. Er hatte genug Chancen gehabt. Er hätte-
      Caleb blinzelte sich aus seiner Starre heraus, als die Stimmen um ihn herum langsam lauter wurden, als die Stimmen in seinem Kopf. Er hatte vielleicht die ersten zwei-drei Sätze nicht mitbekommen, aber es war ziemlich eindeutig, worüber Andrew und Richard sich stritten. Caleb hatte irgendwie schon damit gerechnet, dass es nicht sonderlich freundschaftlich zwischen ihnen ablaufen würde. Bis gerade war er noch froh darüber gewesen, dass Richard hier war, jetzt kam ihm die Idee von Sekunde zu Sekunde schlechter vor. Sie konnten keinen Streit gebrauchen. Er konnte keine Erinnerung daran brauchen, dass Richard immer noch nicht damit klar kam, dass sein Schwarm mit jemand anderem zusammen war. Er konnte die kleine aufflammende Eifersucht nicht brauchen, die am Krankenbett seines Bruders so unfassbar unangebracht war. Das alles war ein Desaster. Er hätte wirklich einfach zuhause bleiben sollen, bis Niamh alles geregelt hatte. Warum hatte er sich überhaupt eingebildet, dass er hier irgendwas tun konnte? Er war im Moment einfach vollkommen nutzlos.
      Er war drauf und dran, sich in den Streit einzumischen, um die beiden irgendwie daran zu erinnern, dass sie immer noch in einem Krankenhaus standen und er nur ungerne rausgeworfen werden würde, als Richards letzte Aussage ihn erneut erstarren ließ. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Richard so offen zugeben würde, dass sie sich offenbar nahe standen. Standen sie sich überhaupt nahe? Bisher hatte Caleb sich immer selbst eingeredet, dass sie halt auf seltsame Art und Weise zusammen klickten, aber außer Sex nicht viel zwischen ihnen lief. Konnte man das als 'sich nahe stehen' interpretieren? Er wollte es auf jeden Fall so interpretieren. Wenn er Richards Worte überhaupt richtig deutete, aber Andrews Blick nach zu urteilen waren sie beiden zur selben Interpretation gelangt. Caleb öffnete kurz den Mund, um irgendwas zu sagen, was die Situation halbwegs entschärfen könnte, fand aber keine passende Ausrede, weshalb er den Mund wieder schloss und schlicht Andrews Blick auswich. Er hatte die Kontrolle über die Situation längst verloren.
      "Ich denke, dass sich keiner von uns dreien wirklich mit Empathie brüsten kann", erklärte er, während er all seine verwirrenden Emotionen eine nach der anderen in eine metaphorische Kiste schob und sich langsam seine gut trainierte Gleichgültigkeit zurück erarbeitete. "Können wir uns jetzt wieder auf das Wesentliche konzentrieren, oder wollt ihr noch weitere Gemeinsamkeiten finden? Ich glaube, das habe ich seit dem Kindergarten nicht mehr gemacht." Er verschränkte seine Arme vor seiner Brust, als er die metaphorische Kiste abschloss und den Schlüssel in den Untiefen seiner Psyche vergrub. "Ich persönlich wüsste lieber gerne, was die nächsten Schritte sind, aber hey, tobt euch aus."
    • Andrew

      Calebs schockiert leerem Blick nach zu urteilen, hatte Andrew Richard nicht missverstanden, aber sie hatten mit dieser Offenbarung wohl beide nicht gerechnet. Okay, irgendwie musste Andrew es Cal zugute halten, dass er es vermutlich verschwiegen hätte, weil es ihm peinlich war, mit Richard… auszugehen? Mit ihm zu schlafen? Wenn sie beste Freunde wären, hätte er kaum diesen Blick drauf. So oder so war es richtig. Er sollte sich ruhig schämen. Hatte er irgendeine Ahnung, mit wem er sich da abgab? Und was zur Hölle war eigentlich Richards Problem?
      Andrews Kopf drohte zu platzen. Die Worte überschlugen sich in seinen Gedanken und er bekam sie beinahe nicht heraus. „Du… Nein, ich will nichtmal wissen, wie das passiert ist, aber weißt du, was für ein absolutes Arschloch er ist?“, fragte Andrew Cal völlig ungläubig. War er blind? Taub? Dämlich? Alles zugleich? „Du bist sogar im Auto gesessen, als Ezra seinen Nervenzusammenbruch hatte, wegen IHM“ Andrew zeigte voller Entrüstung auf Richard, wie ein Kind, das vergessen hatte, was ihm beigebracht worden war. „Er hat- Er hat-“
      „Jetzt entspann dich mal“, unterbrach Richard ihn. „Du führst dich auf wie ein Kleinkind. Glaubst du, du hast das Recht, irgendetwas zu meinen Beziehungen zu sagen? Kümmer dich mal lieber um deine eigene. Wie‘s aussieht, will Ezra sich so schnell wie möglich selbst umbringen“
      In Andrew klickte irgendetwas. Ein Schalter legte sich um, von dem er nicht einmal gewusst hatte. Andrew war noch nie ein sonderlich gewalttätiger Mensch gewesen, wenn er es nicht sein musste. Dafür war er üblicherweise vor allem zu ruhig. So gestresst wie in den letzten Monaten war er in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen, aber darauf sollte er vielleicht nicht die Faust schieben, die sich gerade in gefährlicher Geschwindigkeit auf Richards Nase zubewegte. Schneller als er blinzeln konnte hörte er ein kleines Knacken, dann einen Aufschrei. Richard stand nach vorne gebeugt vor ihm und griff an seine Nase, richtete sich auf und betrachtete die Bluttropfen auf seiner Handflache. Seine Augen tränten, aber sein Blick war klar hasserfüllt, als er wieder auf Andrew traf.
      „Bist du völlig irre?“, fragte er ihn mit einem Grinsen im Gesicht, das ihn aussehen ließ, als hätte er den Verstand verloren.
      Andrew auf der anderen Seite war ein wenig schockiert von sich selbst. Er hatte sich als Jugendlicher höchstens mal mit Richard geprügelt, weil er sich wehren musste. Er hatte ihn nie ernsthaft verletzt. Hatte er ihm gerade die Nase gebrochen? Und in vollkommener Absicht. Er trat einen Schritt zurück und schüttelte seine Hand aus. Trotzdem…
      „Das… hätte ich längst tun sollen“, sagte er. „Der Schlag in den Magen hat ja nicht gereicht. Du bist so versessen, dass du erst versucht, Ezra zu manipulieren und dann… verarscht du mich dafür, mit einem Dieb auszugehen, der übrigens keiner mehr ist, und währenddessen hast du was mit seinem kriminellen Bruder am Laufen. Nur, damit du immernoch eifersüchtig wirst? Du bist echt nicht zu retten“ Andrew redete vermutlich mit sich selbst. Ezra lag im Koma, Richard war ziemlich fixiert auf seine schiefe Nase und Caleb wirkte heute enorm neben der Spur. Andrew verlor wohl… so langsam wirklich den Verstand. Er hatte sich vorhin deutlich zu früh darüber gefreut, noch in der Lage zu sein, klar zu denken. Er war absolut hinüber.
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    • Caleb

      Die kleine metaphorische Kiste - Caleb stellte sie sich meist in einem dunklen grün vor, was beunruhigend war, also weniger die Farbe und mehr die Tatsache, dass er sich die Kiste überhaupt so genau vorstellte - war nicht mehr so stabil, wie sie sonst immer gewesen war. Für gewöhnlich war es ihm deutlich einfacher gefallen, einfach die Gefühle auszuschalten und nur noch zu handeln, ohne zu denken. Er hatte jahrelang nichts anderes gemacht. Ohne diese Taktik hätte er sich schon längst die Kugel gegeben, bevor er auch nur eine einzige der hier anwesenden Personen je getroffen hätte. Aber heute war es einfach zu viel.
      Scham war das erste, was zurück kam, begleitet von dem Gefühl, dass er es hätte besser wissen müssen. Es half absolut nicht, dass Andrew mit jedem seiner Worte absolut recht hatte und Richard nicht gerade sonderlich hilfreich dabei war, sein schlechtes Gewissen irgendwie zu vertreiben. Hatte ihre "Beziehung" nicht irgendwie damit angefangen, dass sie beide realisiert hatten, dass sie eine ganz schlechte Idee war? Es war einfach immer viel zu leicht gewesen, das alles zu vergessen, wenn er mit Richard zusammen war. "Ich weiß", setzte er an. "Können wir-" Er seufzte frustriert, als seine Stimme im Streit vollkommen unterging. Und dann flogen die Fäuste.
      Caleb hatte nicht damit gerechnet, dass Andrew zuschlagen würde. Er war zu überrascht, um irgendwie zu reagieren und begriff die Situation erst, als Richard sich vornüber lehnte und Blut floss. Er hatte es absolut verdient. Trotzdem stieß Caleb ein kleines "Fuck" aus, während er ein paar Taschentücher aus einer kleinen Box an Ezras Nachttisch zog und sie Richard entgegen hielt. Irgendwie war es fast ein Wunder, dass sie Ezra noch nicht aus seinem Koma gerissen hatten, aber die Gerätschaften piepsten weiterhin rhythmisch vor sich hin.
      "Denkst du wirklich, dass Ezras Entscheidung, nichts kriminelles mehr zu veranstalten ihn von alle dem erlöst, was er vorher gemacht hat?", fragte er an Andrew gewandt. "Du bist nicht besser, als er", fuhr er mit einem Kopfnicken in Richards Richtung fort, "egal, wie sehr du es dir auch einredest." Nach alledem, was Ezra getan hatte, würde er seinen eigenen Lebensstil garantiert nicht von Andrew hinterfragen lassen.
      "Euch ist schon noch bewusst, dass das hier ein Krankenhaus ist und man euch über den halben Flur hören kann, richtig?"
      Caleb zuckte zusammen, bevor er sich zu Niamh drehte, die mit absoluter Seelenruhe im Türrahmen des kleinen Zimmers lehnte. Hinter ihr meinte Cal noch ein paar weitere Personen erkennen zu können. Mit ihrer Jogginghose und dem Coffee to Go Becher in der Hand sah sie ein wenig so aus, als ob sie hier wäre, um einen von ihnen zu einer kleinen Runde Joggen und Lästern abzuholen. Sie warf ihm ein kleines Lächeln zu, das viel zu freundlich war, um tatsächlich echt zu sein, bevor sie zu Richard sah. "Du solltest dir einen Arzt suchen, bevor Andrew realisiert, dass der zweite Schlag mehr Schmerzen verursacht, als der erste." Ihr Blick wanderte weiter zu Andrew. "Nicht, dass ich mich hier in irgendetwas einmischen wollen würde. Ich bin nur verdammt lange geflogen und habe wirklich keine Lust auf Drama."
    • Andrew

      Als hätte man ihm jegliche Sicherungen herausgerissen, begann Andrew zu lachen, als Caleb Richards Seite ergriff. Na wunderbar. Vielleicht hatten die beiden sich ja einfach gefunden. Er bekam sich erst halbwegs ein, als Niamh gerade rechtzeitig für die Show im Türrahmen auftauchte. Andrew wischte sich eine Träne aus dem Auge, bevor er deutlich zu nahe auf Caleb zutrat und auf ihn herabsah. „Ich bewege mich vielleicht in einer moralischen Grauzone, aber Richard ist lange drüber. Dass du ihn verteidigst, nachdem er dir gerade bewiesen hat, wie egal du ihm bist, spricht nicht für dein Selbstwertgefühl, Caleb“, fuhr er ihn an. „Und so tief sinken, dass ich jemanden ungefragt anfasse, kann ich nicht. Ich hab genug Respekt vor mir selbst und anderen, um gewisse Grenzen einzuhalten. ER nicht“ Andrew warf Richard einen scharfen Blick zu, bevor er sich umdrehte und nach seinem Handy griff, dann zwang er sich an Niamh vorbei aus der Tür.
      Er hatte nicht erwartet, heute eine derartige Ablenkung vom Horror des Tages zu bekommen, aber dankbar war er nicht. Gut, viel Respekt hatte er mit dem Schlag ins Gesicht gerade nicht bewiesen, aber so hatte er ein wenig Dampf ablassen können. Was… sicherlich keine Taktik war, die er sich für die Zukunft merken würde. Dennoch tat es irgendwie erschreckend gut, Richard bluten zu sehen. Vor allem, wenn das Blut aus seiner ach so perfekten Nase ronn, die jetzt eine Operation vor sich hatte. Caleb konnte dann ja gerne neben seinem Bett sitzen und sich am Ende des Tages, wenn er müde und fertig war, ein paar Beleidigungen von Andrew anhören. Nachdem er Richard verteidigte, was Andrew wohl erwarten hätte können, wenn sie etwas am laufen hatten, war er bei Andrew ebenso unten durch. Ezras Familie hin oder her- Mehr als zivilen Umgang konnte er von Andrew nicht erwarten, nach allem, das passiert war.
      Seltsamerweise… blieb mit dem Vergehen der Wut nur ein deprimierter Nachgeschmack. Andrew sah sich im Spiegel der Herrentoilette an, dann spritzte er sich Wasser ins Gesicht, leicht angeekelt von seinem eigenen Anblick. Der ganze Ruß auf seiner Haut und seiner Kleidung war ihm bis eben nicht einmal aufgefallen. Ezra sah im Vergleich zu ihm ziemlich sauber aus, was wohl den Pflegern zu verdanken war. Wenn er aufwachte und Andrew so aussah, bekam er vermutlich als nächstes einen Herzinfarkt, weil er ihn nicht erkannte. Hm. Wenn er aufwachte. Ob Andrew noch zur Beerdigung eingeladen werden würde, nachdem er Caleb eben angegangen war?
      So sollte er definitiv nicht denken. Gerade war ihm nur… zum ersten Mal wohl bewusst, dass er nicht viele Menschen in seinem Leben hatte. Viel Wert auf Freundschaften hatte er ja nicht gelegt. Es gab ein paar Kollegen… und Amy natürlich… und ihre Kinder. Aber wenn Ezra ihn verließ, würde er immer die Kleinigkeiten vermissen, die ihn vorher nie aufgefallen wären. Mit jemandem über die banalen Dinge zu sprechen. Sich über Menschen beschweren, zusammen zu essen, nicht alleine am Tisch zu sitzen und morgens nicht alleine aufzuwachen. Er hatte nie so richtig nachempfinden können, wieso jeder so fanatisch nach einer Beziehung zu suchen schien, aber dann hatte er die richtige, die einzige Person gefunden, mit der das alles Sinn machte. Und genau mit ihm stellte es sich als furchtbar schwierig heraus, allem standzuhalten, das die Welt ihnen an Schlechtem zu bieten hatte.
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    • Niamh

      Der Tag war wirklich deutlich chaotischer, als Niamh lieb war. In der naiven Annahme, vielleicht genug Zeit zu sparen, um morgen früh wieder zurück nach Dublin fliegen zu können, war sie auf ein kleines Privatflugzeug umgestiegen, nur, um sämtlichen Zeitvorteil in Andrews Hotel wieder zu verlieren. Der junge Mann hinter dem Empfang war von Niamhs Erklärung, warum sie in Andrews Zimmer musste, nicht sonderlich begeistert, was bedeutete, dass sie warten musste, bis er abgelenkt war und sie sich an ihm vorbeistehlen konnte, um die Zimmer schlicht mit einer alten Karte zu knacken, die sie im Portemonnaie hatte. Wenigstens konnte man sich bei Ezra drauf verlassen, dass alles ordentlich sortiert war, weshalb Niamh nur ein paar Handgriffe benötigte, um alles zusammen zu räumen. Keine zehn Minuten später lagen sein und Andrews Koffer neben Niamhs Tasche im Kofferraum des Sportwagens, den sie sich gemietet hatte. Was bedeutete, dass jetzt nichts mehr schief laufen konnte, richtig?

      Manchmal stellte Niamh sich vor, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie sich nicht um ihre Geschwister kümmern müsste. Sie wäre ein verdammt gutes Einzelkind gewesen. Deutlich weniger gestresst, deutlich mehr Zeit für ihre eigene Familie. Dann würde sie jetzt garantiert nicht irgendwo in Russland in einem Krankenhaus stehen und zwei Koffer vor sich her schieben. Wenigstens wurde ihr dieses mal direkt erklärt, wo Andrews Zimmer war und weitere Wegbeschreibungen wurden in dem Moment überflüssig, als sie die Koffer abstellte und zurück auf den steril weißen Flur trat. Sie musste nur den Stimmen folgen, die sich lauthals stritten.
      Für einen kurzen Moment hatte sie die Horrorvision, dass Andrew sich mit Ezra stritt, der mittlerweile wieder wach war, was ihren kompletten Weg hierher vollkommen überflüssig machen würde. Zum Glück war dies nicht der Fall. Dafür war es umso überraschender, Caleb in einen Streit verwickelt zu sehen. Ganz zu schweigen davon, dass sie generell nicht damit gerechnet hatte, ihn hier zu treffen. Für gewöhnlich ging er Konflikten lieber aus dem Weg, was sie sich mehr als einmal zunutze gemacht hatte - zwei laute Worte und er war so genervt, dass er nachgab. Was auch immer hier in der Luft lag schien…kompliziert zu sein. Niamh entschied, dass es sie nicht weiter interessierte, als sie zur Seite trat, um Andrew raus zu lassen. Manchmal war es ein Segen, unwissend zu sein.
      Sie seufzte leise, während sie weiter in den Raum hinein ging und nebenbei auf den kleinen Notknopf drückte, der eine der Krankenschwestern herbeirufen würde, womit ihr Pflichtgefühl dem Fremden - Richard, wenn sie Andrew eben richtig verstanden hatte - gegenüber auch schon endete. Der Name kam ihr einigermaßen bekannt vor, aber sie hatte keine Ahnung, wo sie ihn zuordnen sollte. Die Tatsache, dass er irgendwie mit Caleb zusammenhing half überhaupt nicht - ihr Bruder hatte in den letzten Jahren nie Freunde oder Beziehungen erwähnt. Ein weiteres Mysterium, auf das sie eigentlich gerne verzichten würde.
      “Cal.” Sie stieß ihrem Bruder kurz gegen den Arm, um ihn aus der Schockstarre zu ziehen, in der er sich offensichtlich befand. Er sah furchtbar verloren aus. “Reiß dich zusammen.” Sie drückte ihm ihren Kaffeebecher in die Hand und sah zu, wie sich die Rädchen in Calebs Kopf langsam wieder zu drehen begannen. Er setzte den Becher fast automatisch an, trank einen Schluck und verzog kaum merklich das Gesicht.
      “Der ist abartig süß”, informierte er sie flach.
      “Davor hat er nach Pappe geschmeckt”, antwortete sie, bevor sie auf Ezra deutete, der als einziger den Vorteil gehabt hatte, durch den ganzen Lärm hindurch zu schlafen. “Ich nehme an, er wird es überleben?” Caleb nickte zustimmend, während er sich an den Becher klammerte, als wolle er ihn erwürgen.
      “Wundervoll”, kommentierte Niamh trocken. Ein Problem weniger. Blieb nur noch ein Streit und eine gebrochene Nase. Vorerst zumindest. Sie war sich sicher, dass sich bis morgen früh noch einige weitere Baustellen finden ließen. Sie brauchte dringend neuen Kaffee.
    • Richard

      Mit einer blutenden Nase den Kopf hängen zu lassen, gleich hier an Ezras Bett stehend, hatte etwas erleuchtendes an sich. Vielleicht hatte Richard es verdient. Das konnte er vermutlich nur denken, weil sich seine Nase nicht gebrochen anfühlte, aber so wirklich verübelte er Andrew den Schlag gerade nicht. Er war unnatürlich eifersüchtig gewesen, gemischt mit der allgemeinen Abneigung gegen Ezra. Weniger hätte es ihn überrascht, wenn Cal direkt nochmal hinterher geschlagen hätte. Richard nahm die Taschentücher entgegen und drückte damit seine Nase zusammen, bis irgendjemand vom Pflegepersonal ihm etwas zum Kühlen bringen konnte.
      Er sah die Frau im Türrahmen nicht so richtig, bekam aber deutlich mit, wie sie zu Caleb herantrat und ihn anstieß. Dass der gerade in einer grottigen Verfassung war, wunderte Richard nicht. Das war vorher schon deutlich gewesen. Aber jetzt hatte er es nicht einmal hinbekommen, ihn irgendwie seelisch zu unterstützen, sondern hatte die Lage verschlimmert, wie er von vornherein von sich erwartet hatte. Er war eben nicht super verlässlich was solche Dinge anging und Andrews ganzer Anblick… wie er sich fertig machte, wegen so einem nutzlosen Typen, das hatte ihn über die Kante getrieben.
      "Sorry, ich hätte ihn vielleicht außerhalb des Krankenhauses angehen sollen", entschuldigte er sich halbherzig bei Caleb. Er hatte keine Verantwortung ihm gegenüber und er war sich auch nicht sicher, wieso er sich eingebildet hatte, ihn begleiten zu müssen. Und ihr seltsames Arrangement dann als Beziehung zu betiteln, um Andrew wütend zu machen, hatte vielleicht auch nicht geholfen. Er konnte Caleb jetzt nicht einmal ins Hotel begleiten, bevor sich ein Arzt um seine Nase gekümmert hatte, und dass der Blonde ihm dabei Gesellschaft leistete… Naja. Nachdem er ihn eben verteidigt hatte, war das vielleicht nichtmal so unrealistisch, wie er dachte. Aber gerade hatte Richard eher das Gefühl, dass heute der letzte Tag war, den sie freiwillig miteinander verbracht hatten.
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