The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Caleb

      Was machte er hier überhaupt? Hatte er sich nicht schon viel zu oft selbst bewiesen, dass es überhaupt nichts brachte, wenn er versuchte, irgendwie mit schwierigen Situationen klarzukommen? Am Ende richtete er immer mehr Schaden an, als dass er irgendwie half und war dann vollkommen überfordert, so wie jetzt gerade. Caleb trank einen weiteren Schluck von Niamhs viel zu süßem Kaffee, während er verzweifelt versuchte, sich selbst irgendwie aus seinen negativen Gedanken zu reißen. Das alles war ein einziger, riesiger Fehler gewesen. Wie konnte er nur so unfassbar dumm sein? Die ganze Beziehung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Die Spannungen zwischen Richard, Ezra und Andrew waren immer schon zu gefährlich und Caleb selbst nie mehr als ein Trostpreis gewesen.
      Seine Gedanken wurden von Richard unterbrochen, der es offenbar darauf anlegte, ihm nochmal zu demonstrieren, wie dämlich er genau gewesen war. Wie hatte er je irgendwas an ihm finden können? Caleb warf ihm einen fassungslosen Blick zu.
      "Sicher. Oder du hättest zur Abwechslung einfach endlich über ihn hinweg kommen und deine Klappe halten können", fuhr er ihn an, während er vage mitbekam, dass sich die Tür zu dem Zimmer öffnete und eine Krankenschwester hinein kam. Niamh löste sich von seiner Seite, um sie abzufangen und ihr kurz die Situation zu erklären, aber das alles interessierte ihn nicht. "Andrew hatte nicht vollkommen Unrecht. Du bist ein Arschloch und ich weiß nicht, warum du so seltsam stolz darauf bist", fuhr er fort, während sich seine Finger in den fast leeren Kaffeebecher krallten. "Du hast definitiv mehr als nur eine blutige Nase verdient." Es war schräg daran zu denken, wie viel Halt Richard ihm bis eben noch gegeben hatte. Jetzt wollte Caleb einfach nur noch weg von hier. Trotzdem starrte er Richard entgegen, bis Niamh ihn am Arm zur Seite zog, um die Krankenschwester vorbei zu lassen.
    • Richard

      Richard seufzte. Er wusste nicht so richtig, was er darauf antworten sollte. Die Reaktion hatte er erwarten können. Caleb hatte ihn eben definitiv nur verteidigt, um sein eigenes Ego irgendwie vor Andrew zu wahren. Er bedankte sich leise bei der Krankenschwester, die ihm ein Coolpack reichte und wohl mit ihm zum nächsten HNO gehen wollte.
      Er blieb neben Caleb stehen, bevor er ihr folgte. Es war schon irgendwie erbärmlich, dass er das sagen musste, während er seineblutige Nase kühlte. „Du hast recht. Ich bin anscheinend nicht ganz darüber hinweg, irgendwie macht mich die Gesamtsituation noch immer irre“, sagte er. „Ich dachte, ich komme genug damit klar, damit ich dir den Tag irgendwie leichter machen kann, aber ich hätte es echt vorhersehen können. Gut, dass wir beide nicht viel zu verlieren hatten“ Er lächelte soweit er es konnte, ohne das ein stechender Schmerz in seine Nase schoss. „Ein passendes Ende“
      Damit folgte er der Krankenschwester nach draußen und über den Korridor. Er ignorierte das stechende Gefühl, das diesmal nicht aus seiner Nase kam. Aber er hatte von Anfang an gewusst, dass das mit Caleb nichts werden konnte. Sie waren beide viel zu kaputt, wenn sie sich ehrlich waren. Oder, Caleb war psychisch im Arsch und Richard musste das früher oder später mit seiner Art ja schlimmer machen.
      Ausnahmsweise… hatte er es wirklich nicht gewollt. Er lernte anscheinend nicht aus seinen Fehlern, oder so. Aber war es wirklich so dramatisch? Lange hatte diese Sache sowieso nicht halten können.
      Der HNO nahm ihn als Einschub ziemlich schnell dran, erklärte ihm, dass der Schlag bloß eine Schwellung und leichte Knorpelverschiebung verursacht hatte, was aber nichts war, das eine Behandlung brauchte, abgesehen von dem Kühlen. In spätestens einer Woche sollte seine Nase wieder ganz gerade aussehen, so schlimm sah es selbst jetzt nicht aus. Andrews Schlagkraft hatte wegen dem Stress heute wohl ziemlich nachgelassen. Trotz allem dachte Richard nur darüber nach, ob Caleb noch länger im Krankenhaus bleiben würde. Wenigstens hatte er sich wohl schon Andrews Hotelzimmer gesichert. Hoffentlich hörten die kreisenden Gedanken in den nächsten Minuten auf, der Schlag auf die Nase entschuldigte ihn nämlich nicht von seiner Arbeit hier.
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    • Caleb

      Ja, das war wahrscheinlich wirklich ein passendes Ende für sie. Wenigstens waren sie genau so beschissen und zerstritten auseinandergegangen, wie sie zusammengekommen waren. Weh tat es trotzdem und das ärgerte Caleb fast am meisten. Er biss sich auf die Unterlippe, um seine Tränen zurück zu halten, während er sich langsam auf einen der zwei Stühle in dem Zimmer sinken ließ. Vollkommen bizarr, dass er vor einer halben Stunde noch davon ausgegangen war, dass er sich heute Nacht irgendwie in Richards Bett quatschen könnte, um nicht alleine zu sein. Heute morgen war er noch positiv überrascht von ihm gewesen und jetzt?
      Er sah zu Ezra herüber, während seine Gedanken begannen, sich schon wieder im Kreis zu drehen. All die Aufregung und plötzlich schien sich niemand mehr dafür zu interessieren, dass er im Koma lag.
      "Hey." Niamh strich ihm kurz übers Haar, während sie sich ein wenig zu ihm hinab neigte. "Kein Plan, was genau da gerade passiert ist, aber du wirst es überleben, okay?" Sie lächelte ihm knapp entgegen und richtete sich wieder auf. "Ich besorge uns eine neue Runde Kaffee, ein paar Kopfschmerztabletten und dann schauen wir, was wir machen. Irgendwie müssen wir ja die Zeit rumbekommen, bis Dornröschen sich endlich ausgeschlafen hat, oder?"
      "Das kann dauern. Er liegt im Koma." Eben war das noch seine größte Sorge gewesen, jetzt fühlte es sich wie eine kleine Nebensächlichkeit an.
      "Es ist Ezra. Der liegt jedes mal im Koma, wenn er ins Bett geht. Aufwachen war doch noch nie sein Hobby", scherzte Niamh und drehte sich bereits zur Tür. "Vielleicht solltest du gleich auch einfach mal eine Runde an die frische Luft gehen", fügte sie hinzu, bevor sie die Tür hinter sich zuzog und Caleb mit den piepsenden Gerätschaften und seinen Gedanken alleine ließ. Wahrscheinlich sollte er tatsächlich aufstehen und gehen. Es gab nichts, was er hier ausrichten konnte und er war sich nicht sicher, ob er abwarten wollte, bis Andrew wieder auftauchte. Wahrscheinlich wäre es wirklich besser, ihm vorerst aus dem Weg zu gehen. Er konnte immer noch versuchen, die Situation irgendwie zu retten, wenn Andrew weniger schlagkräftig unterwegs war.
      Trotzdem blieb er sitzen, während sich die ersten Tränen ihren Weg über seine Wangen bahnten. Er fühlte sich schwer, zu schwer zum aufstehen. Und das alles nur wegen einer einzigen Fehlentscheidung.
    • Andrew

      Andrew beschloss, dem Familientreffen und Richards Anblick eine Weile aus dem Weg zu gehen, und sich stattdessen seiner neuen Verantwortung zu widmen. Wie auf ein Zeichen hielt die Sozialarbeiterin ihm Zettel und Stift entgegen, als er in sein Zimmer kam. Die Kinder lagen zu zweit im Bett, das Baby in einem kleinen Gitterbett daneben. Das war ein deutlich friedvollerer Anblick, als was gerade noch nebenan passiert war. Andrew seufzte, setzte sich leise zu der Frau an den Tisch und fragte, was es mit den Papieren auf sich hatte.
      „Nur eine bürokratische Erleichterung. Sie können unterschreiben, einstweilen der Vormund der Kinder zu sein, wenn Sie sich das zutrauen. Es würde ihnen sicher besser tun, bis zur Abreise bei Ihnen zu bleiben, als in ein überfülltes Waisenhaus gesteckt zu werden, nur um dann gleich ins nächste zu kommen. Wegen dem Brand sind die umliegenden Waisenhäuser nicht in den besten Zuständen“, erklärte sie im Flüsterton.
      Andrew nickte langsam und sah die Blätter vor sich an, dann nahm er seinem Gegenüber beinahe automatisch den Stift ab. Er las die ersten paar Zeilen. Das war definitiv ein Vertrag, den MLO persönlich aufgesetzt hatte, denn Andrew konnte sich nicht vorstellen, dass es für Situationen wie diese Vorlagen gab. Und ob das gesetzlich in Ordnung war, war die nächste Frage. Aber dass MLO eine Ausnahme nach der anderen darstellte, war ihm mittlerweile bewusst.
      Er sollte also auch offiziell der Vormund von diesen drei fremden Waisenkindern werden? Selbst wenn es nur für ein paar Tage war… Die Verantwortung machte ihm irgendwie Angst. Er hatte nie länger als ein paar Stunden alleine mit einem Kind verbracht, schon garnicht mit einem Baby. Und sie waren zu dritt. Ezra wüsste sicher viel besser, was in der Situation zu tun war. Er wollte… wirklich dringend Ezras Meinung zu der Sache hören.
      Andrew fuhr sich überfordert mit der Hand über sein Gesicht. Eigentlich wusste er, was Ezras Meinung wäre. Er würde die Kinder nicht Nadia aussetzen wollen und sie zusätzlich in ein Waisenhaus stecken, das weit über seine Kapazitäten war.
      Er unterschrieb. Das ging viel zu schnell, dafür, dass er gerade eine viel zu große Aufgabe übernommen hatte. Hah. Der Ex-Held, dessen schwierigste Mission es war, auf ein paar Kinder aufzupassen. Er sollte sich wohl nicht so anstellen.
      „Sehr schön, dann lasse ich Sie mal alleine. Keine Sorge, die Ärzte stehen Ihnen noch zur Verfügung, wenn Sie Fragen haben, und hier ist meine Telefonnummer, sollte etwas sein. Man stellt Ihnen gerade noch eine Tasche mit ein in paar Dingen für die kleine Elena zusammen, machen Sie sich keinen Stress, was Besorgungen angeht. Das sollte für ein paar Tage schon ausreichen“
      Andrew nickte, dann stockte er, als er den Namen hörte. „Elena? Und wie heißen die zwei Jungen?“, fragte er endlich.
      Die Sozialarbeiterin lächelte amüsiert. „Maximilian heißt der ältere, er ist 6, der kleine heißt Nikolai, er ist 4 und Elena ist 8 Monate alt. Iwanow ist der Familienname. Sie sind vor ungefähr einem halben Jahr ins Waisenhaus gekommen, nachdem die alleinstehende Mutter bei der Geburt gestorben ist. Sie hatten sonst keine Familie, darum hängen sie unglaublich aneinander. Aber ich habe das Gefühl, dass Sie schon ihr Vertrauen gewonnen haben, Mr. Morgan“, erklärte sie sanft. Andrew fühlte sich für einen Moment etwas bekräftigt, aber dann stand sie auf und er realisierte, dass er gleich völlig alleine mit diesen Kindern war. Er sah auf die Visitenkarte, die ihm eben vor die Nase gelegt worden war. Okay. Nicht schlimm. Er konnte ja jederzeit anrufen.
      Andrew stand auf und verabschiedete sich von der Frau, dann fiel sein Blick auf die beiden Koffer in der Ecke. Niamh. Sie war wohl wirklich im Hotel eingebrochen… Dennoch war Andrew ziemlich dankbar, heute nicht mehr wegfahren zu müssen. Morgen würde er sich um ein Hotel kümmern, bis dahin würde er jede freie Sekunde bei Ezra verbringen. Und jetzt… würde er endlich duschen und sich umziehen.

      Das warme Wasser, das von oben auf ihn herabfiel, hatte etwas geborgenes an sich, das den ganzen Stress in Form von Tränen von Andrew abfallen ließ. Der Tag hatte ihn völlig zerstört. Von allem Dingen, die passiert waren, hätte eins alleine schon gereicht. Er weinte nicht oft, eigentlich… fast nie. Er war auch ganz zufrieden mit seinem Alltag gewesen, bevor alles ins Chaos gestürzt war. Seitdem hatte er seine Emotionen deutlich schlechter im Griff, er war gestresst, wütend, traumatisiert und viel zu besorgt. Heute war es eine Mischung aus allem. Er wollte nur noch ins Bett und seine Gedanken ausschalten.
      Als das Wasser nach zwei bis drei Durchgängen mit der Seife endlich klar den Abfluss hinab ronn, kam er aus der Dusche und dann in einem seiner seidenen Pyjamas zurück ins Zimmer. Er vermisste Ezras Stimme gerade noch mehr, als den ganzen Tag zuvor. Er hätte nie gedacht, dass es ihm mal einsam vorkommen würde, alleine ins Bett zu gehen.
      Irgendetwas… trieb ihn zu Ezras Koffer. Er hinterfragte es garnicht, kniete sich einfach davor und öffnete ihn. Eine Tasche mit Zahnbürste, Brillenetui und der Hautcreme, die Andrew ihm aufgedrängt hatte… Darunter ein Pullover, einige T-Shirts und Jeans und ein Buch, das vollkommen unnötig war. Andrew schmunzelte. Sicher wieder eine dieser schmutzigen Liebesgeschichten. Las er das etwa, wenn Andrew schlief?
      Er klappte die Kleidung zur Seite und begutachtete alles, was Ezra eingepackt hatte. Es war ein wenig… undurchdacht. Sie waren ja die letzten Tage auch nicht sonderlich klar im Kopf gewesen. Eine Sache wunderte ihn aber, was machte diese Plastiktasche ganz unten im Koffer? Hatte er eine Plane mitgenommen?
      Andrew zog die Packung vorsichtig aus dem Koffer heraus. Das Knistern des Plastiks kam ihm gerade besonders laut vor, in der nächtlichen Stille. Er ging damit zurück ins Badezimmer und schloss die Tür, bevor er das Klebeband vom Rand löste und in die Packung hineingriff, nur um etwas… Stoffenes herauszuziehen. Ein Rollkragenpullover? Sowas trug Ezra doch nicht, in der Farbe und dem Stoff, das passte deutlich besser in seine eigene Garderobe- Oh.
      Andrew legte die Verpackung zur Seite und hielt den Pullover hoch, der sich sogleich auffaltete und in einem auffallenden Rot gestickte Worte auf dem Etikett zum Vorschein brachte.
      Love you.
      Oh. Na toll, irgendwie hatte Andrew mit den Tränen für heute schon abgeschlossen gehabt.
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    • Steve

      "Ich denke es ist gut, dass wir noch nichts neues gehört haben. Es ist noch niemand gestorben und Nadia scheint von ihrem größeren Attentat vorerst abgesehen zu haben." Mikhail machte eine kurze Pause. Steve konnte durch sein Handy hindurch hören, wie sein russischer Kollege an seiner Zigarette zog. Er selbst hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, in den nächsten Supermarkt zu springen, um sich eine Flasche Gin, oder Wodka zu besorgen. Das einzige, was ihn davon abgehalten hatte war, dass er noch mit dem Motorrad nach Hause musste und Thomas nicht unbedingt im betrunkenen Zustand entgegenwanken wollte. "Es ist wirklich verdammt spät, Steve. Ich geh mich hinlegen und versuche morgen noch irgendwas über Nadia herauszufinden. Du solltest das selbe tun. Ich melde mich, falls ich ein Update zu Ezra und Andrew bekomme, okay? Bis morgen."
      "Sicher. Danke. Bis morgen dann Mik." Steve beendete den Telefonanruf und sackte mit einem kleinen Seufzen in sich zusammen. Seinen Laptop hatte er schon vor einer halben Stunde ausgeschaltet, als er versucht hatte sich selbst einzureden, dass Überstunden auch nichts mehr an der Situation verändern würden. Dann hatte er es trotzdem nicht geschafft, sich aufzuraffen und nach Hause zu fahren und hatte stattdessen Mikahils Nummer angerufen, um sich nach einem Update zu erkundigen. Wirklich weitergebracht hatte es ihn nicht, aber er hatte jetzt wenigstens ein etwas weniger schlechtes Gewissen, als er sich einen Ruck gab und tatsächlich endlich aufstand.
      Es kam nicht selten vor, dass er der letzte im Büro war. Außer ihm waren nie viele Leute hier und die meisten brachen spätestens gegen Mittag zu irgendeiner Mission auf. Er folgte seiner üblichen Routine, überall das Licht auszuschalten und zu prüfen, dass alle Fenster geschlossen waren, bevor er die schwere Eingangstür des Büros hinter sich zuzog und abschloss. Er war die komplette Zeit nicht ganz bei der Sache, aber er vertraute auf den Automatismus, halb sicher, dass er nichts vergessen hatte, als er sich auf sein Motorrad schwang.
      Er schaffte es sogar, halbwegs automatisch nach Hause zu fahren, mit nur einer einzigen kleinen Korrektur, als er an einer der vielen Kreuzungen in die Richtung der Wohnung seiner Eltern abbog, statt seiner eigenen. Er nutzte den nächsten Kreisverkehr um zu wenden und beschloss, sich auf das hier und jetzt zu konzentrieren. Er hatte immer noch keine Ahnung, wie genau er Thomas erklären sollte, dass er heute morgen so überstürzt verschwunden war. Wahrscheinlich sollte er sich einfach ein wirklich gutes Abendessen einfallen lassen und darauf hoffen, dass Thomas es nicht ansprach. Oder er würde endlich in den sauren Apfel beißen und ihm erklären, was er eigentlich den ganzen Tag über trieb.

      Steve unterdrückte ein Gähnen, als er den Schlüssel in der Wohnungstür drehte und in den warmen Flur hinein trat. Er legte seinen Helm auf die kleine Kommode und warf seine Jacke über die unordentliche Garderobe, bevor er seine Schuhe von den Füßen kickte und weiter in die Wohnung hinein ging, um seinen Freund zu suchen. Nach dem ganzen Stress des Tages hatte er das Gefühl, jetzt einfach ins Bett fallen und schlafen zu können. Vielleicht würde das Abendessen doch ausfallen und er würde es morgen mit einem ausladenden Frühstück ausgleichen? Ugh, Freund des Jahres würde er wahrscheinlich nicht mehr werden.
    • Thomas

      Mit angezogenen Beinen und einem Kissen in den Armen, in das Thomas gedankenverloren seine Finger krallte, saß er auf dem Sofa und starrte Löcher in den Fernseher. Er hatte den ganzen Tag nichts von Andrew gehört. Das wäre nicht weiter besorgniserregend, wenn Thomas nicht genau wüsste, dass dessen Handy den Standort in Moskau anzeigte. Warum er das wusste? Thomas hatte aus Sicherheitsgründen schon seit einer halben Ewigkeit Zugriff auf Andrews GPS Standort, unter anderem, und natürlich mit Einverständnis. Heute Morgen hatte er Steve unwillkürlich zugehört, wie er mit dutzend Leuten telefoniert hatte, völlig gestresst, und auch wenn Thomas nicht ganz verstanden hatte, was los war, war doch der Name Caleb irgendwann gefallen. Seitdem grübelte Thomas. Hatte Caleb bei Steves Reisebüro einen Flug nach Moskau gebucht? In dem Moment hatte Thomas die Standorte seiner KollegInnen gecheckt. Und… jetzt konnte er sein Gedankenkarussell kaum mehr stoppen. Er war den ganzen Tag bereits ein nervliches Wrack und zuckte bei jeder Kleinigkeit zusammen, die ihn aus seinen Gedanken riss. So auch, als Steve von der Arbeit nachhause kam, ziemlich spät, was Thomas einiges an Nachdenkzeit gegeben hatte. Er hatte den Fernseher unabsichtlich so leise gestellt, dass er kaum hörte, was gesagt wurde, aber die Bilder starrte er trotzdem an, während sich in seinem Kopf ein ganz anderer Film abspielte.
      „Steve“, sagte er, als sein Freund ins Wohnzimmer kam. „Ich mache mir Sorgen um Andrew“ Es fiel ihm dank Leona etwas schwer, die Worte auszusprechen, aber er wusste auch, dass Steve nicht war wie sie.
      „Er ist in Russland. Das wusstest du, nicht? Wenn Caleb über dich einen Flug dort hin bucht, dann wohl, weil Ezra dort ist. Er hatte es anscheinend eilig, also… hab ich Andrew angerufen. Ezra auch. Keiner von beiden geht ans Handy“, erklärte er mit düsterer Miene. „Was hat Caleb dir gesagt?“, fragte er leise. Er wusste nicht ganz, wieso Steve ihn heute morgen nicht bereits eingeweiht hatte, wenn etwas passiert war… Aber Thomas erklärte es sich so, dass Steve ihm die schlechten Nachrichten ersparen wollte. „Ich arbeite zwar nicht mehr mit ihm, aber ich sehe Andrew trotzdem als meinen Freund, und Ezra irgendwie auch, also… wenn ihnen in Moskau irgendwas passiert ist… Ich weiß zwar nicht, was Caleb über die Sache weiß, aber irgendwas hat er doch zu dir gesagt oder? Als Grund, wieso er schnell dort hin fliegen muss?“
      Thomas wusste nicht, ob er Steve in die Sache einweihen sollte, die er vor einigen Monaten über eine Frau namens Nadia herausgefunden hatte, und wie Andrew und Ezra nur geradeso lebendig entkommen waren. Immerhin hatte Andrew ihm das als vertraulich beschrieben.
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    • Steve

      Ah. Scheiße.
      Steve wollte gerade ansetzen, um das Sofa herum zu gehen, um Thomas einen Kuss aufs Haar zu drücken und erstarrte, als sein Freund ohne jegliche Zurückhaltung genau das Thema ansprach, was er am liebsten bis ans Ende ihres Lebens vermieden hätte. Einen Moment lang blieb er einfach stehen, während ein absolut hilfreichen "Ähm" über seine Lippen rutschte. Das hier fühlte sich wie eine dieser Entscheidungen in einem Video spiel an, die sich darauf auswirkten, wie das Spiel endete, nur, dass er hier nicht speichern konnte, um sich für einen anderen Weg zu entscheiden, falls seine Antwort ihn direkt ins Bad End führen würde.
      "Ich wollte dich heute morgen nicht aufwecken", erklärte er, während er sich vorsichtig neben Thomas setzte, gerade so, als könnte sein Freund nach ihm schnappen, wenn er nicht aufpasste. Was sollte er ihm erzählen? Kopf und Herz schienen sich absolut nicht einig zu sein. Wenigstens war die Müdigkeit mit einem Schlag verschwunden.
      "Andrew geht es gut", erklärte er, was ein ziemlich guter Anfang war. Wenigstens wollte er Thomas ein wenig Stress nehmen, bevor er eventuell ihre komplette Beziehung zerstören würde. "Ezra...weniger, fürchte ich. Er hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus. Es ist nichts lebensbedrohliches, aber das war heute morgen noch nicht ganz klar." Er zog seine Beine im Schneidersitz zusammen, während er mit den Fingern über einen Fleck in der Sofapolsterung strich. Cola. Er hatte vor Jahren versehentlich ein Glas verschüttet und das war der einzige Spritzer gewesen, der sich nicht rauswaschen wollte. "Ich hab Caleb heute morgen angerufen, nachdem ein Kollege mich darüber informiert hatte. Ich-" Er stockte und sah unsicher zu Thomas hoch. "Ich- Ich fürchte, ich muss dir was gestehen. Es...es ist nichts schlimmes, denke ich, nur...lass mich ausreden, bevor du dir ein Urteil bildest. Bitte." Er gab Thomas einen Augenblick, bevor er sich räusperte und überlegte, wo genau er anfangen sollte. Wie erklärte man seinem Freund, dass man ihn belogen hatte, seit sie sich kannten? Aber es musste jetzt sein. Thomas jetzt nicht wie Wahrheit zu erzählen würde später alles nur noch schlimmer machen.
      "Ich arbeite nicht in einer Reisefirma. Hab ich nie. Es war ein Insider, der- ist auch vollkommen egal." Steve versuchte, keine Pausen zu machen. Er wollte das alles aus seinem Kopf heraus haben, bevor die ersten Bedenken einsetzen konnten. "Ich weiß, wie unfassbar albern das klingt, aber ich arbeite bei einer Geheimorganisation, die dafür da ist, die Menschheit vor den Steinen zu beschützen. Ich...ich kann dir ein paar der Dokumente zeigen, wenn du möchtest." Er nickte kurz zurück zum Flur, wo sein Laptop in seiner Tasche neben der Garderobe lag. "Ezra und Andrew haben letztes Jahr auch angefangen, dort zu arbeiten. Deshalb bin ich heute morgen angerufen worden. Ich hatte geholfen, den Einsatz in Moskau zu organisieren. Er ist nur nicht so glatt verlaufen, wie wir gehofft hatten, daher mein überstürzter Aufbruch und die Überstunden."
      Er gab Thomas einen weiteren Moment, das alles irgendwie zu verarbeiten. Steve hatte wirklich gehofft, sich klischeehaft leicht zu fühlen, sobald er die Wahrheit ausgesprochen hatte. Das las man doch dauernd in Büchern, oder? Es sollte sich befreiend anfühlen. Steve fühlte sich gerade so, als ob er kurz davor wäre, ohne Fallschirm aus einem Flugzeug zu springen.
      "Ich wollte es dir früher sagen, aber theoretisch ist es mir verboten, über die Organisation zu sprechen und irgendwie war es ja nie sonderlich relevant, als wir befreundet waren und als wir zusammen gekommen sind wusste ich nicht, wie ich es ansprechen sollte. Es tut mir wirklich leid." Sein Herz schlug vor Panik und Nervosität so laut, dass er sich sicher war, dass Thomas es hören musste. "Aber Andrew und Ezra geht es den Umständen entsprechend okay. Es wird alles gut", schloss er, als ob das noch irgendwas retten könnte, bevor er seine Lippen aufeinander presste und darauf wartete, dass Thomas irgendwie reagieren würde.
    • Thomas

      Andrew ging es gut… Trotz der beruhigenden Nachricht runzelte Thomas die Stirn, denn es fühlte sich sehr seltsam an, dass Steve diese Information hatte und er selbst nicht. Wie hatte er die beiden denn erreicht? Und wäre da die erste Reaktion nicht eigentlich, Thomas Bescheid zu geben? Er hatte lieber schlechte Nachrichten als überhaupt keine Informationen.
      Was Steve dann sagte, verwirrte ihn noch mehr. Was meinte er damit, dass er mit einem Kollegen über die beiden gesprochen hatte? Woher hätte der denn gewusst, was passiert ist? Irgendwie bekam Thomas es ein wenig mit der Angst zu tun, als Steve so mysteriös und zaghaft ansetzte, ihm etwas zu erklären, das er scheinbar nicht wusste. Er schwieg trotzdem und hörte zu, so geduldig es eben ging. Bei den nächsten Worten zog er jedoch in sekundenschnelle eine verstörte Grimasse. Was zum Teufel redete er da? Geheimorganisation?
      „Wenn du mich verarschen willst, ist das gerade echt ein ungünstiger Moment-“, meinte er in dem höflichsten Ton, den er drauf hatte, aber die Ungläubigkeit schwang durchaus in seiner Stimme mit. Er konnte nicht wütend auf Steve sein, aber er war nicht glücklich über diesen Witz.
      Der sich… nicht als Witz herausstellte, wenn Steve ihm tatsächlich Dokumente vorlegen wollte. Also, irgendwie machte es für Thomas schon Sinn, dass es jemanden geben musste, der sich mit Steinen von der Größe befasste, wie er vor einiger Zeit im Archiv entdeckt hatte. Nur klang das Wort Geheimorganisation wie aus einem Anime und Steve schien ihm auch nicht der Typ für sowas zu sein. Abgesehen von seiner Abschlussarbeit über Steine natürlich… Aber es war doch irgendwie schwer zu glauben. Wie kam man denn überhaupt zu so einem Beruf? Und was machte er dort? Dass er das keinem erzählen konnte verstand Thomas, egal wie… schockierend das gerade war. Er kämpfte mit seinem Vertrauen in Steves Worte, weil er es einfach nicht glauben konnte. Aber… wo er Andrew und Ezra erwähnte… die beiden konnte er sich da schon ganz gut vorstellen. Die Geschichte ergab irgendwie Sinn. Thomas Gesichtsausdruck sagte allerdings noch nicht aus, dass er irgendetwas davon glaubte. Eher sah er Steve an, als würde er an seinem klaren Verstand zweifeln.
      „Okay“, murmelte er nach ein paar Sekunden, als Steve seine Erklärung abgeschlossen hatte. Thomas hatte ihn für die letzten paar Worte nicht angesehen, sondern nachdenklich auf seine eigenen Händen gestarrt, weshalb er den panischen Ausdruck in Steves Gesicht nicht mitbekam. Andrew und Ezra ging es den Umständen entsprechend gut, das war… doch etwas. Es war nur nicht beruhigend, dass sie wohl beide bei einer Geheimorganisation arbeiteten, die solche gefährlichen Missionen gab. Hoffentlich hatten sie gute Kollegen, die sie unterstützten, aber… schiefgehen konnte wohl trotzdem einiges.
      Thomas sah endlich auf und wusste erst garnicht, wie er auf Steves Blick reagieren sollte. Er griff als erste Reaktion nach seiner Hand. „Ich nehm dir das nicht übel“, sagte er schnell. Dass er Informationen über eine Geheimorganisation nicht an Außenstehende ausplaudern konnte, war ja wohl klar. Thomas konnte auch nicht über jede Einzelheit in seinem Job reden. Es gab immer Dinge, die intern bleiben mussten. Nur… ein wenig enttäuschend war es schok, das konnte er nicht verstecken.
      „Ich finde es echt… seltsam, dass du nicht in einem Reisebüro arbeitest“, sprach er seine Gedanken aus. „Ich meine, seit ich dich kenne… Und ich dachte immer, ich könnte mal über dich was billiger buchen. Nicht, dass ich es mir generell wirklich leisten kann, aber die Möglichkeit ist jetzt irgendwie weg. Oder war… wohl nie da, nehm ich an“ Er war noch ein wenig verwirrt von den Umständen. „Äh… ist es dann… okay, dass du mir davon überhaupt erzählt hast? Ich meine, ich werde es schon nicht weitersagen, aber trotzdem“, fragte er skeptisch. Gut, er hatte ja unbedingt wissen wollen, was los war, aber Steve hätte sicher irgendeine Ausrede erfinden können, wieso er etwas wusste. Nicht, dass Thomas nicht skeptisch gewesen wäre, aber er hatte sicher irgendeine Geheimhaltungsklausel in seinem Arbeitsvertrag gehabt.
      „Eigentlich ist es ja ganz cool… Klingt nach Geheimagent… FBI und so…“, versuchte Thomas es sich schön zu reden. „Aber ist das nicht irgendwie gefährlich? Du bist trotzdem nur im Büro oder? Bitte sag, du sitzt nur in irgendeinem Büro“ Auf einmal wurde Thomas etwas nervös. Er hatte nicht damit gerechnet, seinen Freund vielleicht mal durch irgendeine tödliche Mission zu verlieren. Die Angst hatte er bei Andrew schon irgendwie gehabt, aber er wusste ja, dass er ziemlich kompetent war und alles irgendwie hinbekam, und außerdem hatte er ihn nur freundschaftlich bewundert, aber Steve… wollte er definitiv nicht so früh sterben sehen. Er wollte nicht an seiner Kompetenz zweifeln, aber… Steve? Sie lachten regelmäßig darüber, irgendwann nicht mehr von der Couch hochzukommen und sein Steve sollte bei einer Geheimorganisation arbeiten?
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    • Steve

      Für einen schrecklichen Moment war Steve sich sicher, gerade alles verloren zu haben. Thomas sah absolut nicht so aus, als ob er ihm auch nur ein einziges Wort glauben würde, was...fair war. Immerhin musste er vollkommen irre klingen. Er hatte noch nie jemandem erzählt, dass er bei MLO arbeitete. Er hatte keine Ahnung, wie man es am besten erklären sollte. Im Moment hatte er das vollkommen irrationale Gefühl, dass er besser bei seinen Eltern angefangen hätte, um abschätzen zu können, wie Thomas reagieren würde.
      Aber Thomas schien die Information schlussendlich doch einigermaßen gut aufzunehmen, was Steve erleichtert seufzen ließ. Wahrscheinlich würde er ihm früher oder später trotzdem irgendeine Art von Beweis liefern müssen, aber bis dahin war das hier ein guter erster Schritt oder? Offensichtlich dachte Thomas nicht daran, ihre Beziehung zu beenden und er saß noch immer neben ihn und machte sich sofort Sorgen. Steve konnte nicht anders, als zu lächeln und seine Hand zu drücken. Vielleicht setzte jetzt doch dieses befreiende Gefühl ein, von dem man sonst immer in Büchern las.
      "Es ist nur ein Bürojob", versicherte er, bevor er sich nach vorne lehnte, um Thomas den Kuss aufs Haar zu drücken, den er ihm eben schon geben wollte. Die Tatsache, dass er sich immer schon nach einer Stelle mit etwas mehr zu tun gesehnt hatte, ließ er vorerst doch lieber unter den Tisch fallen. "Ich habe damals im Studium als Aushilfe angefangen und tatsächlich größtenteils nur Flüge und Hotels gebucht, daher die Ausrede mit dem Reisebüro. Ich denke, ich könnte und tatsächlich ein paar gute Angebote raushandeln, wenn wir je verreisen wollen", scherzte er, auch wenn der Humor in seiner nachklingenden Nervosität etwas unterging.
      "Es ist...eigentlich überhaupt nicht okay, dass ich dir davon erzähle, aber ich wollte dich nicht länger anlügen. Vor allem nicht, wenn es um Andrew und Ezra geht. Sie sind unsere Freunde und ich will nicht, dass ich irgendetwas neues über sie höre, ohne es dir direkt sagen zu können. Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich dir das alles erzählen sollte, ohne mich dabei irgendwie zu verzetteln. Außerdem hat es sich irgendwie furchtbar falsch angefühlt, dir das alles zu verschweigen. Ich will niemanden anlügen müssen, den ich liebe." Er lächelte sanft, während er seine freie Hand hob, um Thomas über die Wage zu streichen.
      "Und jetzt ist es sowieso zu spät. Jetzt musst du für immer bei mir bleiben, damit ich sicher gehen kann, dass du es niemandem weiter erzählst." Er zuckte kurz mit den Schultern, bereits deutlich besser gelaunt, als vor ein paar Minuten noch. "Falls ich Andrew morgen irgendwie erreichen sollte sag ich ihm, dass er sich mal bei dir melden soll. Ich schätze, er ist momentan einfach zu beschäftigt mit Ezra und sich selbst, um sich um sein Handy zu kümmern." Steve selbst hatte ziemlich schnell aufgegeben zu versuchen, ihn zu erreichen. Mikhail war sein einziger Ansprechpartner gewesen, was ihm irgendwie leit getan hatte, weil sein Kollege auch ohne ihn schon alle Hände voll zu tun gehabt hatte. Aber das Leben seiner Freunde war ihm einfach wichtiger, als eine Mission zuende zu bringen, die sowieso zum scheitern verurteilt war.
      "Oh, nebenbei - macht es dir was aus, wenn wir das Abendessen überspringen und ich dafür morgen das Frühstück vorbereite? Ich bin wirklich verdammt müde."
    • Thomas

      „Das… ist dann ja eh fast das selbe, ich fühle mich nichtmal belogen“, scherzte Thomas. Es war natürlich eine Information, auf die er sich jetzt irgendwie einstellen musste. Er hatte das Gefühl, in irgendeine Clique aufgenommen worden zu sein und spürte schon ein wenig den Stress, das Geheimnis um jeden Preis bewahren zu müssen, aber wenigstens teilte er es mit Steve. Es war auch irgendwie schön zu wissen, dass er ihm genug vertraute. Eine weitere Versicherung, dass er ihn wirklich liebte und nicht morgen verlassen wollte. Thomas arbeitete an seinen Verlustängsten.
      Auf einmal fiel ihm etwas ein. „Moment, hast du ‚letztes Jahr‘ gesagt? Also… vor Silvester? Dann kanntest du Andrew und Ezra vor der Party schon? Das erklärt mir jetzt… die komischen Reaktionen. Ich hatte echt Angst, dass Andrew heimlich ein Rassismusproblem hat, Mann. Da hättest du mich aufklären sollen. Ich hatte echt kurz Zweifel daran, ob ich mit ihm befreundet sein sollte“ Thomas runzelte die Stirn. Zumindest war Andrew anscheinend einfach nur überrascht und überfordert gewesen.
      „Und du musst ihm das nicht sagen, er hat sicher grade größere Sorgen, als mich am laufenden zu halten. Hat er ja vorher auch nie gemacht, wenn es nicht relevant für meine Arbeit war“ Er lächelte leicht. Diesmal durfte er sich wirklich nicht gekränkt fühlen. Dass Ezra einen Unfall gehabt hatte, war wohl die beste Ausrede, um nichts ans Telefon zu gehen. „Ich schreib ihm eine Nachricht, dass ich Ezra gute Besserung wünsche“, meinte er dann mit einem dezenten Schulterzucken. Irgendwie war es seltsam, dass Steve sie auch als seine Freunde bezeichnete. Also… es war natürlich besser, als Leonas unbegründeter Hass, aber Thomas bekam es nicht ganz in den Kopf. Steve hatte wohl seine eigenen Erfahrung mit Andrew als Kollegen, genau wie mit Ezra, den er wohl besser kannte, als Thomas es tat. Das… löste ein komisches Gefühl in ihm aus. Vielleicht etwas wie eine kindische Eifersucht. Sie war aber nicht stark genug, um ihn wirklich zu beeinflussen, also schob er das Gefühl beiseite und antwortete auf Steves Frage: „Kein Problem, ich hab ne ganze Tüte Chips gegessen“ Er hob neben sich kurz eine leere Chipspackung hoch. Er lachte, dann fragte er: „Aber ich kann dir noch eine richtig tolles belegtes Brot zaubern, wenn du willst. Oder ein bisschen… Dosenfutter? Die Wahl steht dir frei“ Sein Kochtalent hatte er noch immer nicht entdeckt.
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    • Steve

      Steve blinzelte irritiert, bevor er ein kleines Lachen nicht unterdrücken konnte. Er konnte sich zugegebenermaßen nicht im Detail an die Silvesternacht erinnern, aber Andrew war wohl wirklich nicht sonderlich gut darin gewesen, das alles zu überspielen. Er hatte es damals wohl einfach auf seine Art geschoben. Andrew schien sozial generell nicht ganz so offen eingestellt zu sein, wie Ezra. Eigentlich war Steve das fast lieber.
      "Nein, ich denke nicht, dass er ein Rassismus-Problem hat", bestätigte er, immer noch gegen ein Lachen ankämpfend. "Ich glaube, wir waren einfach alle ein bisschen überfordert und er wusste nicht ganz, wie er sich verhalten sollte. Wahrscheinlich wird er ähnlich irritiert sein, wenn du ihm irgendwann erklärst, dass du weißt, wo er arbeitet." Irgendwie war die Vorstellung fast ein bisschen witzig. Steve konnte nur hoffen, dass Andrew genug sympathie für Thomas und ihn übrig hatte, dass er die Info nicht direkt weitergeben und Steve in die Joblosigkeit verbannen würde.
      "Brot klingt super. Ich kann mir auch selbst eines machen", fuhr er schließlich fort, während er aufstand und Thomas direkt mit sich auf die Beine zog. "Magst du mir währenddessen erzählen, wie dein Tag so war? Ich stand den ganzen Tag unter Strom und würde wirklich gerne mal irgendwas anderes, als schlechte Nachrichten hören."


      Ezra - 9 Jahre zuvor

      Es war unverhältnismäßig warm für Oktober. Ezra bereute seit zwei Kreuzungen, eine Jacke angezogen zu haben. Am liebsten hätte er sie ausgezogen und umgebunden, oder über den Arm geworfen, wie die wenigen Leute, die außer ihm in diesen frühen Abendstunden unterwegs waren, es taten, aber die letzten Monate hatten ihn gelehrt, dass sein verbissener, attraktiver Held die Begabung hatte, immer dann aufzutauchen, wenn er es am wenigsten gebrauchen konnte und er wollte die Jacke nicht bei einer spontanen Flucht verlieren. Generell hatte er in den letzten Wochen und Monaten so einiges über Andrew erfahren. Seinen Namen hatte er vor ein paar Wochen zufällig aufgeschnappt, was seine Tagträume deutlich einfacher und realistischer gemacht hatte, und offensichtlich hatte er Mittwochs Dienst, weshalb dies Ezras neuster Lieblingswochentag geworden war, um irgendwo einzubrechen. Andrew war außerdem verdammt schwer loszuwerden und überraschend resistent, wenn es um Flirts ging, was tragisch war, weil Ezra definitiv nicht mehr bestreiten konnte, dass er absolut verschossen in ihn war.
      Ezra ging ein ganzes Stück, bevor er vor einer der großen alten Stadtvillen stehen blieb, die die Straße säumten. Das Haus war in einem freundlichen orange gestrichen und menschenleer. Der Putz bröckelte bereits ein wenig und der Vorgarten sah ungepflegt aus. Es würde wahrscheinlich nichts mehr von Wert zu holen sein, aber das brauchte der Dieb auch gar nicht. Er hatte heute Vormittag bereits zwei Geldbörsen geklaut und würde problemlos über die nächsten Wochen kommen, ohne sich Gedanken um seine selbstauferlegte Miete bei Henry machen zu müssen. Nein, das Haus war ihn nur aufgefallen, weil er es irgendwie hübsch fand und furchtbar neugierig war, wie es im inneren aussehen würde. Ob die letzten Besitzer ihre Möbel zurück gelassen hatten?
      Er warf einen kurzen Blick nach links und rechts, bevor er an dem kleinen Gartentor zog, das den Weg in den Vorgarten versperrte. Es öffnete sich nicht, weshalb er schlicht über den Zaun kletterte. Er legte keinen sonderlich großen Wert darauf, nicht gesehen zu werden. Eigentlich wollte er ja, dass Andrew für ein paar Minuten voller Flirts und dummer Sprüche vorbeischauen würde. Er hatte sich den ganzen Tag schon darauf gefreut, wieder seine Stimme hören zu können. Seine Hand wanderte auf dem Weg zur Haustüre beinahe selbstständig zu seiner Hosentasche um zu prüfen, ob er Andrews Uhr auch tatsächlich eingesteckt hatte. Bisher hatte der Held es noch nicht geschafft, ihn zu fangen, also trug er die Uhr weiterhin - in etwas Luftpolsterfolie verpackt - jeden Mittwoch bei sich. Er hatte keine Ahnung, ob die Uhr wirklich der Grund war, warum Andrew so versessen darauf war, ihn zu fangen, oder ob er wirklich einfach für seinen Job lebte, aber so oder so würde die Übergabe der Uhr wahrscheinlich das Ende ihres kleinen Rituals bedeuten. Er schob sie etwas tiefer in die Tasche, bevor er sich daran machte, die Haustüre auf zu stemmen. Wenn es nach ihm ging, würde er die Uhr noch ein paar weitere Monate behalten.
    • Andrew

      Mittwoch. Jede Woche bahnte der Tag sich in rasender Geschwindigkeit an und ließ Andrew morgens mit einem ekelhaften Gefühl des Grauens zurück. Er musste sich fragen, ob das Universum sich gegen ihn gewandt hatte, weil er, wie jede Woche, nicht von dem klingelnden Telefon an seinem Schreibtisch enttäuscht wurde, das ihn mit einem Notruf grüßte, gerade wenn seine Nachtschicht startete. Andrew hatte gerade seine Jacke aufgehängt und nach seiner Tasse gegriffen, um in die Küche zu gehen, als seine Miene in sich zusammenfiel und er mit knirschenden Zähnen zu seinem Tisch stampfte.
      „Notruf, 28. Dezernat, was ist Ihr Anliegen?“, hob Andrew den Hörer ab. Den Anruf hatten seine Kollegen ihm großzügigerweise schon automatisch überlassen. Er hatte vor wenigen Monaten erst den Job hier bekommen und war seit seinem ersten Außeneinsatz ständig zur Nachtschicht eingeteilt worden. Es schien sich… herumgesprochen zu haben, dass ein gewisser Dieb mit seinen Einbrüchen scheinbar darauf wartete, bis Andrew verfügbar war, nur um ihn wieder und wieder zu demütigen.
      Andrew lehnte sich vor und stützte sich frustriert an seinem Tisch ab, während eine ältere Dame ihm erklärte, dass sie über den Zaun im Nachbarshaus einen Mann hatte einsteigen sehen — gleichzeitig versuchte Andrew den amüsierten Blicken seines Kollegen auszuweichen, der zu versuchen schien, das Gespräch mitanzuhören. Andrew drehte sich seufzend weg.
      „Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Harris, ein Fahrzeug ist unterwegs. Ja- ja, ich bin… auf dem Weg. Meine Schicht hat gerade- Ich unterbreche Sie kurz, Mrs. Harris. Wollen Sie, dass ich losfahre, oder nicht?“ Andrews Ton hatte gegen Ende vermutlich etwas an Professionalität verloren. Allerdings hatte er langsam das Gefühl, die Frau steckte mit diesem Dieb unter einer Decke und wollte, dass er schnellstens gefeuert wurde. Wenn er Ezra Fitzsimmons erneut entkommen ließ… Ach, eigentlich war es kaum mehr eine Frage von ‚wenn‘. Die Frage war, ob er mit oder ohne gestohlenem Gut entkommen würde und wieviele blaue Flecken sie im Zuge des Abends beide davontragen würden.
      „Vielleicht sollten Sie bei der Frau einfach einziehen, Morgan. Nur zur Sicherheit“, grinste sein Kollege ihn an, während Andrew wieder nach seiner Jacke griff und schließlich stumm und mit bitterer Miene aus dem Dezernat verschwand.

      Die Ankunft mit dem Blaulicht war genau, was Andrew selbst vermeiden würde, wenn er die Autorität hätte, seinem Einsatzpartner irgendetwas vorzuschreiben. Die hatte er leider nicht, ebenso wenig wie das Glück, Ezra jemals zu fangen, wenn dieser alte Sack auf dem Fahrersitz ihn Woche für Woche zurück hielt.
      „Sie gehen mir langsam ordentlich auf die Nerven, Morgan“, grummelte sein Partner Patrick Sully aufs Stichwort.
      Andrew wandte ihm irritiert den Blick zu. Was hatte er jetzt wieder falsch gemacht? Schweigen schien auch nicht die richtige Taktik zu sein.
      „Wenn es nach mir ginge, hätte ich Sie längst wegen Zusammenarbeit mit einem Dieb verhaftet“
      Andrew wusste nicht ganz, was er antworten sollte. Das Gespräch hatten Sie nicht zum ersten Mal. Der Unterschied war, dass seine Geduld nachließ. „Ich bin mir sicher, Ihnen ist schon einmal ein Verbrecher entkommen“, deklarierte er und sah wieder aus dem Fenster.
      „Hah!“ Sully lachte. „Nicht zehn Mal hintereinander!“
      „Neun“, murmelte Andrew.
      Sein Partner machte keine Anstalt, zum Straßenrand zuzufahren, sondern blieb mitten auf der Straße stehen und brauchte anschließend eine halbe Ewigkeit, um aus dem Auto zu steigen. Andrew konnte nicht anders, als nervös mit dem Fuß auf den Asphalt zu tippen. Als wäre das Blaulicht nicht genug gewesen, schienen sie sich heute extra viel Zeit zu lassen, um Fitzsimmons entkommen zu lassen.
      „Ich würde gerne… vorgehen, Detective“, bat Andrew. „In den Garten. Die meisten Häuser in der Straße haben Hintertüren“
      „Machen Sie, was Sie wollen. Ich gehe erst ins Haus, wo sich Einbrecher meistens aufhalten, aber wenn Sie wieder keinerlei Beitrag leisten wollen, tun Sie sich keinen Zwang an“, brummte Sully und stampfte an Andrew vorbei, welcher am liebsten umdrehen und nachhause fahren wollte. Wie unausstehlich konnte ein Mensch eigentlich sein?
      Nichtsdetrotrotz schlich er sich als erstes um das Haus herum, nachdem sie die Zauntüre geknackt hatten, welche sich kaum als Sicherheitsvorrichtung tarnen konnte. Eigentlich hatte er innerlich bereits aufgegeben. Wenn dieser Kerl ihm jedes Mal durch bloße Geschwindigkeit und lächerliche, hinterrückse aber sehr effektive Tricks entkommen konnte, dann war er heute bestimmt lange über alle Berge. Nicht, dass es den Papierkram erleichtern würde.
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    • Ezra


      Es war auf den ersten Blick klar, dass in dem Haus nichts mehr zu holen war. Es waren kaum noch Möbel übrig und die, die noch in den leeren, heruntergekommenen Zimmern standen, sahen aus, als ob sie jeden Moment in sich zusammenbrechen würden. Ezra war fast so, als wäre er versehentlich über das Set eines Horrorfilms gestolpert, während er sich dazu hinreißen ließ, mit seinem Finger seinen Namen in den Staub auf einer Kommode zu schreiben. Nicht sonderlich klug, aber wenigstens weitaus dezenter, als die Graffitis an den Wänden, von denen sich die Tapeten lösten. Wahrscheinlich wäre das Haus ganz nett, wenn man es renovieren würde. Die Zimmer waren relativ groß und Ezra versuchte sich vorzustellen, wie die Vorbesitzer es eingerichtet hatten. War das Zimmer mit Blick zur Straße ein Büro, oder ein Schlafzimmer gewesen? Vielleicht ein Kinderzimmer?
      Das nächste Zimmer mit dem großen Kamin war definitiv ein Wohnzimmer gewesen. Der Kamin hatte schon deutlich bessere Tage gesehen und der zurückgelassene Teppich war so verstaubt, dass man seine ursprüngliche Farbe nur noch erahnen konnte, aber man konnte noch die Abdrücke der Couch sehen, die auf ihm gestanden hatte. Ezra wusste nicht, warum ihn das irgendwie zum Lächeln brachte. Vielleicht, weil das Leben in diesem Haus in seinem Kopf viel zu perfekt ablief. Er stellte sich eine liebevolle Familie vor, zwei Kinder, ein Hund, die hier in perfekter Harmonie gewohnt haben müssen, bis die Kinder alt genug waren, um auszuziehen und die Eltern sich…irgendwo im Warmen zur Ruhe gesetzt hatten, oder so.
      Er war fast ein bisschen enttäuscht, als das Licht des Polizeiautos den Hausflur in gemütlichem Takt blau aufleuchten ließ. Er hatte es nicht mal die Treppe hoch geschafft, obwohl die sowieso so aussah, als ob sie unter einem wegbrechen würde. Stattdessen flüchtete er nach weiter hinten ins Haus, in eine alte Küche. Er wartete einen Moment, um kurz zu sehen, wer durch die Tür kam und zog leise die Küchentür zu, als es sich lediglich um Andrews - deutlich weniger attraktiven - Partner handelte. Ezra wollte sich schon wegdrehen, als ihm auffiel, dass immer noch ein alter, leicht verrosteter Schlüssel im Schloss steckte. Mit einem kleinen Grinsen auf den Lippen konzentrierte er sich auf den Stein um seinen Hals und schloss lautlos die Küchentür ab. Zwar würde das einen Helden nicht lange stoppen, aber irgendwie gefiel ihm der Gedanke, wie Andrews Partner vollkommen überrascht an der abgeschlossenen Türe zog, sollte er sie je überprüfen.
      Ezra schob sich den Küchentürschlüssel in die Hosentasche und sah sich in er alten Küche um. Die Küchenzeile stand noch, aber von einem Kühlschrank zeugte nur noch ein blasser Abdruck an der Tapete. Es gab nur noch eine andere Tür, aus Holz, mit einem kleinen Fenster, durch das man einen Garten erahnen konnte, also war sein Fluchtweg ziemlich eindeutig. Ezra griff im Vorbeigehen noch nach einer alten Tonschüssel, die verloren auf der Küchenzeile stand, mehr, um irgendwas zum werfen in der Hand zu haben, als tatsächlich aus kleptomanischen Gründen, und stemmte sich gegen die Tür, die nach draußen führte und…sehr viel leichter nachgab, als Ezra gedacht hätte. Er stieß einen kleinen, überraschten Laut aus, als die Tür anstandslos nachgab und stolperte mit deutlich zu viel Schwung nach draußen, direkt in Andrew hinein, der offenbar langsam aber sicher verstand, wie Ezras Flucht nochmalerweise ablief, dabei allerdings nicht das Chaos eingerechnet hatte, das der Blonde mit sich brachte.
      “Oh, hey!”, grüßte er fröhlich, während er die Schüssel überrascht fallen ließ. Sie landete mit einem dumpfen Ton auf den überwachsenen Fliesen neben ihnen. “Danke fürs Auffangen. Ich bin gerade auf dem Sprung, also…” Er warf Andrew ein freundliches Lächeln zu, bevor er ihn von sich stieß, erfolgreich über die Schüssel stolperte, die er selbst fallen gelassen hatte, und so mit leichter Verzögerung auf die Hecke zurannte, die den Garten von nächsten trennte. Ihr kleines Spiel musste immerhin weitergehen.
    • Andrew

      Über alle Berge war wohl doch etwas zu pessimistisch gedacht gewesen. Dass der Dieb ihm wortwörtlich in die Arme fallen würde, hatte er nicht erwartet. Andrew war so erschrocken, dass das Zerbrechen der Schüssel auf dem Boden ihn nicht einmal zusammenzucken ließ, weil er bereits in höchster Alarmbereitschaft war. Er hatte nichts zurückzufeuern, als Ezras Stimme erneut die Stille durchbrach, und noch weniger wusste er wie er auf dessen Stolpern reagieren sollte. Er hatte ihn eben unbeabsichtigt aufgefangen, was seinen Körper beinahe unauthorisiert dazu animierte, Ezra irgendwie festzuhalten, was sie aber wohl nur beide zum Fallen gebracht hätte. Zumindest hätte Andrew ihn so aber aufgehalten, stattdessen befand er sich in einer Schockstarre. Wäre das jemand anderer gewesen, vielleicht jemand weitaus gefährlicherer, dann wäre er jetzt mit Sicherheit tot. Und irgendwie wollte er innerlich seinem unfähigen Partner die Schuld geben statt seiner eigenen Unerfahrenheit.
      Andrew riss sich kurzerhand am Riemen und eilte Ezra durch die dichte Hecke hinterher, nur dass Andrew durch solche Manöver dank seiner Steine deutlich weniger Kratzer davontrug. Die Überraschung hatte ihn so lange zögern lassen, dass Ezra seine verlorene Zeit wieder aufgeholt hatte, aber… scheinbar hatte Andrew heute Glück. Glück, nichts weiter, denn keiner von ihnen hatte vorhersehen können, dass drei Gärten kein Zaun stand, der sich so leicht überwinden ließ wie eine Hecke oder ein halbhoher, halbherziger Drahtzaun. Gegen zwei Meter hohe Aluminiumstangen kam Ezra vermutlich nur an, wenn er plötzlich fliegen lernte oder überraschenderweise an glatten Oberflächen emporklettern… oder sehr hoch springen konnte. Andrew nutzte seine Chance und den kurzen Moment des Suchens nach einem Ausweg, indem er seinen neuen Stein einsetzte. Mit Präzision schoss quer durch den Garten ein Reihe roter Strahlen, die verdächtig nach den Lasern danach aussah, als wolle Andrew hier ein paar Fliesen auslegen. Nur, dass Ezra schnell von dem Strahl durchsägt werden würde, wenn er durch lief.
      Andrew kam auf den Dieb zu und grenzte ihn ein wie einem Käfig. Die Strahlen ließen sich beidseitig zu seinen Handflächen zurückverfolgen, was es sehr einfach machen würde, sich doch noch für eine gewalttätige Festnahme zu entscheiden. Er konnte sich ein kleines, überhebliches Lächeln nicht verkneifen.
      "Tja, ein guter Zaun hat noch keinem geschadet", meinte er. "Außer den Leuten, die es verdienen. Ich nehme an, du kommst heute freiwillig mit aufs Revier? Außer du hast vor, dich von den Strahlen zerstückeln zu lassen, aber ein paar Jahre Gefängnis werden schon nicht so dramatisch sein" Okay, das wars mit der Rede. Auch wenn er gerne… noch seine Uhr ansprechen würde, aber er hatte ja genug Gelegenheit nach dieser zu suchen, wenn Ezra weggesperrt war. Zurück zur Arbeit.
      “Also… von vorne. Du hast das Recht, zu schweigen. Alles, was du sagst, kann und wird vor Gericht gegen dich verwendet werden. Du hast das Recht, zu jeder Vernehmung einen Verteidiger hinzuzuziehen. Wenn du dir keinen Verteidiger leisten kannst, wird dir einer gestellt. Noch Fragen?" Er ratterte die Rechte herunter, nur um sie mit einem Grinsen zu unterstreichen und sich gedanklich bereits darauf einzustellen, einen neuen, hoffentlich besseren Partner zugeteilt zu bekommen, der ihn nicht ständig verarschte oder für einen Verbrecher hielt. Er konnte es kaum erwarten.
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    • Ezra

      Fuck. Er war sich so verdammt sicher gewesen, dass der Weg durch die Hecken sein Ausweg wäre, dass er fast gegen die Wand gelaufen wäre, die sich hinter der dritten verborgen hatte. Ein wenig panischer, als Ezra zugeben wollte, sah er an der Wand entlang, in der Hoffnung, irgendwo eine Schwachstelle zu finden, als ein roter Laserstrahl der Hecke neben ihm einen netten kleinen Kurzhaarschnitt verpasste. Kurzblattschnitt? Stutzte. Man stutzte Hecken, oder? Vollkommen egal. Das war gerade absolut unwichtig, solange er nicht wusste, wie er in einem Stück hier raus kommen sollte. Vorzugsweise, ohne dabei einen Finger zu verlieren.
      “Zwei Fragen, um genau zu sein”, kündigte er an, während er sich gegen die Wand drückte, als würde er versuchen, mit bloßer Willenskraft durch sie hindurch zu gehen. Bei seinem Talent würde er in einen der beiden Laserstrahlen reinstolpern, sobald er sich bewegte. Nachdenken, Ezra. Irgendwie musste er einen Ausweg finden.
      “Erstens: Klingt es immer so sexy, wenn du andere über ihre Rechte aufklärst, oder liegt das an mir?” Andrew konnte nicht ernsthaft beabsichtigen, ihn festzunehmen, oder? Zumindest nicht so. In seinen Tagträumen war dieser Moment immer deutlich romantischer (und etwas weniger jugendfrei) gewesen. Jetzt konnte er wohl nicht darauf hoffen, dass Andrew plötzlich aus dem Nichts heraus realisierte, dass er eigentlich unsterblich in ihn verliebt war. Wenigstens sah er glücklich aus, wenn auch aus den falschen Gründen.
      “Zweitens: Wie viel ist dir die Uhr wert?” Er zog die in Luftpolsterfolie gepackte Uhr aus der Hosentasche und streifte dabei den Schlüssel, den er eben noch eingesteckt hatte. Langsam setzte sich eine absolute Schnapsidee in seinem Kopf zusammen. Aber es war nicht so, als ob er sonderlich viele Optionen hatte, also warum nicht einfach irgendwas ausprobieren? Warum musste dieser nervige, attraktive Held auch sowas wie eine Lernkurve besitzen?
      “Ich hab das Ding jetzt schon so lange mit mir rumgetragen, dass es echt schade wäre, wenn ich sie opfern müsste”, fuhr er fort, während er sie leicht hin und her schlenkerte, um Andrew davon abzulenken, dass er mit seiner freien Hand erneut in seine Tasche griff, um den Schlüssel heraus zu ziehen. Taschendiebstahl war immer ein wenig, wie eine Zaubershow. Reden, ablenken und auf die Überraschung warten. Ezra verließ sich gerade viel zu sehr auf sein Können, darauf, dass das Timing stimmen würde und es gerade dunkel genug war, um Andrew ein wenig an der Nase herumzuführen.
      “Aber naja. Ist ja nicht meine Uhr.” Er bewegte die Hand mit der Uhr ruckartig nach rechts, während er mit der anderen Hand den Schlüssel in die selbe Richtung warf. Die Uhr hielt er so fest, wie er konnte, während er darauf hoffte, dass Andrew den kleinen Schlüssel mit der Uhr verwechseln und den Laser ausschalten würde. Wahrscheinlich hätte er die Uhr auch einfach direkt werfen können, aber alles in ihm sträubte sich gegen den Gedanken, das kleine Ding irgendwie zu beschädigen. Also blieb ihm für eine furchtbar lange Millisekunde nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sein Plan aufging, während er sich dem Schlüssel hinterher nach rechts stürzte.
    • Andrew

      Andrew stutzte, wie quasi immer, wenn Ezra seinen Mund öffnete, weil er sich ganz einfach nicht an die Flirts gewöhnen konnte, die ihm so leicht von der Zunge gingen, selbst – oder gerade – in Situationen wie dieser. Wenn es ein Ablenkungsmanöver war, musste er sich bald etwas neues einfallen lassen. Andrew würde sich nicht länger davon irritieren lassen.
      Was ihn jedoch irritierte, und sofort innehalten ließ, war seine Uhr, die eigepackt zwischen Ezras Fingern baumelte. Andrew sah die Uhr an und wurde unaufmerksam. Warum trug der Dieb sie mit sich herum? Andrew war sich schon halb sicher gewesen, dass er sie verkauft hätte, immerhin war sie viel wert. Wollte er ihn damit einfach nur verarschen? Hatte er sie genau für so einen Moment aufgehoben, um sich freizukaufen? So dumm war Andrew nicht, er würde bei jeglichen Deals mit Verbrechern seinen Job sofort verlieren.
      Trotzdem… das klang eher danach, als würde er sie… werfen…
      In der Sekunde, in der Andrew etwas zur Seite fliegen sah, schoss er beinahe panisch auf die Uhr zu und das Licht der Strahlen verschwand. Es war stockdunkel, aber Andrew erkannte recht schnell, auch in seinem unerwarteten Schock, dass es sich definitiv nicht um seine Uhr handelte. Sein Kopf schoss hoch, der Schreck stand ihm immernoch ins Gesicht geschrieben. Wenn Ezra jetzt weglief, war es ganz einfach seine Schuld. Keine Ausreden. Er vernachlässigte seinen Job wegen der dämlichen Uhr, die er… jetzt nicht einmal zurück hatte.
      Er stand auf und steckte den Schlüssel ein, nicht sicher ob er wütend sein sollte, und auf wen.
      "Du bist ein unglaubliches Arschloch", sagte er auf einmal neutral. "Was, läufst du jetzt weg und hältst mir die Uhr das nächste mal wieder vor die Nase?"
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    • Ezra

      Das hatte weitaus besser funktioniert, als Ezra gedacht hatte. Zum Glück, sonst hätte er morgen beim nächstbesten tatsächlichen Zauberer als Zersäge-Act anfangen können. Aber so blieb sein Torso einen weiteren Tag mit seinen Beinen verbunden, was ein sehr niedriges Tagesziel war, aber ihn gerade wirklich froh machte. Sterben würde er erst, wenn er sicher sein konnte, dass Andrew an seinem Grab weinen würde, statt sich dafür einen Goldstern im Dienstplan einzutragen. Jetzt müsste er es nur zur nächsten zaunlosen Ecke schaffen und der Abend wäre komplett gerettet.
      “Eigentlich bin ich der Mann deiner Träume. Du willst das nur irgendwie nicht einsehen und langsam wird das wirklich frus-” Ezra erstarrte, als er sich umdrehte und den Schock auf Andrews Gesicht sah. Das war neu und…irgendwie ziemlich unerfreulich. Er war mehr an Frustration, Ärger und vielleicht ein wenig Hass gewohnt, aber Andrew machte nicht mal Anstalten, ihm irgendwie nachzusetzen. Stattdessen stand er dort und machte Ezra ein unfassbar schlechtes Gewissen. Ärger stand ihm deutlich besser, als Schock.
      “Ich hätte die Uhr nie geworfen. Du weißt das, richtig? Es ist mir irgendwie wichtig zu wissen, dass du das weißt”, begann er, während er die Uhr nervös zwischen seinen Fingern drehte. Gut, er war ein Dieb und hatte Andrew wahrscheinlich mehr Kopfschmerzen bereitet, als er verdiente, aber er hatte ihm immerhin versprochen, ihm die Uhr wieder zu geben und leere Versprechen waren noch nie sein Ding gewesen. Wie sollte denn seine fiktive Beziehung mit Andrew ablaufen, wenn sie schon mit einem gebrochenen Versprechen begann?
      “Hier.” Ezra hielt Andrew die Uhr kurzentschlossen entgegen. “Ich brauche die Uhr nicht, um dich auszutricksen.” Er zuckte mit den Schultern. Strenggenommen hätte Andrew ihn ohne die Uhr ja auch wirklich gehabt, oder? Dann wäre es nur fair, sie ihm jetzt zurückzugeben, auch wenn das wahrscheinlich jegliche Motivation für die nächsten Mittwoche killen würde. Was sowieso irrelevant wäre, wenn er gleich auf dem Rücksitz eines Polizeiautos landen würde, aber momentan würde er irgendwie alles tun, um einfach dafür zu sorgen, dass Andrew wieder etwas Farbe ins Gesicht bekam.
      “Ich hoffe, sie hat die letzten Verfolgungsjagden überstanden. Ich hab mich nicht mehr getraut, nachzusehen, nachdem ich sie in Folie eingewickelt habe.”
    • Andrew

      Es war seltsam. Andrew hatte gerade kein Verlangen mehr danach, Ezra einzusperren, als dieser mit schuldbewusster Miene zu ihm zurück kam und ihm die Uhr auf einmal ohne Zögern überreichte. Er streckte seine Hand aus und nahm sie stumm entgegen. Seltsam. Andrew öffnete die mit Klebeband befestigte Luftpolsterfolie und atmete ein wenig auf, als seine Uhr noch ganz zu sein schien. Wie unglaublich seltsam.
      "Danke…", brachte er, noch leicht skeptisch, heraus. Er war sich weder sicher, wieso er die Uhr gerade wieder in seinen Händen hielt, obwohl er Ezra entkommen hätte lassen, noch wieso der Dieb nicht endlich abhaute. Stattdessen standen sie einander gegenüber wie zwei Menschen die völlig vergessen hatten, warum sie hier waren, und irgendwie hatte Andrew das für einen Moment auch.
      "Warte, du hattest sie jedesmal dabei?", fragte er auf einmal irritiert, als er Ezras letzten Satz endlich verarbeitet hatte. Die Uhr war also ständig in seiner Reichweite gewesen, ja? Verdammt.
      Andrew seufzte und machte einen Schritt rückwärts. "Okay, wenn du außer dem Schlüssel nichts geklaut hast, dann… geh schon", murmelte er und bekam gleichzeitig Herzrasen, weil er kein Fan von dem Risiko war, gehört oder gesehen zu werden und seinen gerade begonnenen Job zu verlieren, wenn man ihm endlich etwas Verantwortung zutraute. Dass er Ezra entkommen ließ, war jedoch nichts neues, also würde es kaum etwas ändern. Solange er nichts gestohlen hatte… Auch wenn es Andrew völlig sinnlos erschien, dass er überhaupt in das Haus eingebrochen war, wenn es leer stand. Es sah wirklich danach aus, als wollte er Andrew nur nerven. Aber… wenigstens hatte er die Uhr nicht verkauft oder kaputt gemacht… Und auch wenn Andrew sie ohne Ezra in erster Linie garnicht verloren hätte, hatte er das Gefühl, dass er ihm jetzt etwas schuldete.
      "Oder du… kannst dich auch immernoch stellen und ich setze mich dafür vor Gericht für dich ein", fügte er nach einigem Zögern hinzu und trat verlegen auf dem feuchten Rasen herum. Sein Vater wäre gerade wohl nicht unbedingt stolz auf ihn.
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    • Ezra

      Okay, das war weitaus unangenehmer, als er es sich vorgestellt hatte. Irgendwie hatte Ezra damit gerechnet, die Uhr sofort gegen Handschellen einzutauschen, aber es passierte nichts. Sie standen einfach nur da, wie bestellt und nicht abgeholt, während eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf ihm sagte, dass er eigentlich laufen sollte, solange er die Chance dazu hatte. Aber er blieb stehen, bis Andrews Überraschung ihn unfreiwillig zum Schmunzeln brachte.
      “Natürlich hab ich sie immer dabei gehabt. Ich konnte ja nicht wissen, wann du mich fängst und du hättest mich sicher nicht erst zuhause abgesetzt, um die Uhr zu holen, bevor du mich zum Dezernat bringst”, erklärte er amüsiert. Er hatte nie bezweifelt, dass Andrew ihn irgendwann mal einholen würde. Der junge Held war nicht dumm. Gerade das machte ihn ja leider so attraktiv. Das und der Fakt, dass er offenbar ein Herz besaß.
      Ezra blinzelte ihm kurz unsicher entgegen, als Andrew ihn gehen ließ. Einfach so. Irgendwie löste das den Drang in ihm aus, ihn zu umarmen, aber er hielt sich zurück, bevor der Held es sich doch noch anders überlegen würde. Es reichte, wenn er ihm alle paar Wochen ungewollt in die Arme stolperte. Außerdem reichte dieses kleine bisschen Nettigkeit schon vollkommen aus, um sein Herz ein kleines bisschen schneller schlagen zu lassen und seine Gedanken in eine vollkommen andere Richtung zu lenken - da wollte er es wirklich nicht übertreiben. Zum Glück holte ihn der Nachsatz ein wenig von seiner rosaroten Wolke runter. Ezra konnte nicht anders, als erneut zu lachen, während er abwehrend die Hände hob.
      “Nein danke. Das ist lieb, aber das wäre ein absolut furchtbares erstes Date. Ich habe immer noch Hoffnung auf irgendwas romantischeres, als einen Gerichtssaal.” Er grinste immer noch amüsiert und wollte sich gerade zum Gehen wenden, als er erneut innehielt. “Oh, nächste Woche wird es ein wenig später. Es soll einen Sternschnuppenschauer geben und irgendwie stelle ich mir das ganz nett im Hintergrund vor. Ich hoffe, du stehst auf Überstunden.” Diesmal schenkte er Andrew ein kleines Zwinkern, bevor er sich umdrehte und zur nächsten Hecke schlenderte. Wenn Andrew schon nicht von selbst einsehen wollte, dass sie definitiv für einander bestimmt waren, musste er ihn eben ein bisschen zu seinem Glück zwingen. Wenn er es nur strategisch genug anstellte, würde das bestimmt funktionieren. Er brauchte nur ein wenig Durchhaltevermögen und einen Ordner, um seine Ideen zu sortieren.
    • Andrew

      So viel hatte er ja erwarten können. Ein Flirt und die absolut dämliche Entscheidung, Andrews Angebot nicht anzunehmen. Mal ehrlich, wie alt war der Typ? Wollte er echt sein Leben mit Einbrüchen verschwenden, bis es irgendwann zu spät war, um noch auf eine kleine Strafe zu bestehen? Anscheinend.
      "Ah… super…", murmelte Andrew skeptisch, als Ezra ihn auf seine Pläne für nächste Woche hinwies. Sollte er sich nun darüber freuen, dass er schon seinen nächsten Einbruch plante und Andrew wie immer mitreinziehen wollte? "Dann… bis nächste Woche, nehme ich an"
      Er blieb stehen und sah dem Dieb so lange hinterher, bis er verschwunden war. Komischerweise fühlte es sich garnicht so falsch an, ihn einmal freiwillig entkommen zu lassen. Irgendwie hatte Andrew es sich wohl insgeheim sowieso schon zum Ziel gemacht, Hauptsache das gestohlene Gut zurückzuholen. Dass Ezra ihm entkam wurde wohl langsam zur Gewohnheit. Und so war es ein sehr familiäres Gefühl, seinen Rücken zugedreht zu bekommen und ihm zuzusehen, wie er sich weiter entfernte.
      Andrew schaffte es noch eine Weile nicht, sich zu bewegen. Stattdessen begutachtete er seine Uhr eine Weile, wozu er extra seinen Stein nutzte, der seine Augen an die Dunkelheit gewöhnte. Sie war völlig intakt. Vielleicht war die Zeit ein wenig verstellt, das würde er zuhause kontrollieren. Er legte sich die Uhr ans linke Handgelenk und ließ seinen Arm fallen, gerade als sich die Lichter im Haus einschalteten und Detective Sully ihm seitlich am Haus vorbei entgegenkam. Besser spät, als nie, was?
      Andrew ging auf ihn zu.
      "Was für eine Überraschung, Sie haben ihn wieder entwischen lassen", sagte der Detective griesgrämig.
      Andrew stellte sich dumm. "Oh, sehen Sie den Aluminiumzaun? Er ist einfach drüber gesprungen. Irgendein Stein, rate ich mal… Aber ich hab noch nicht fliegen gelernt. Sie vielleicht?" Er lächelte während er schwören konnte, dass aus den Ohren seines Gegenübers Qualm austrat.

      Zurück im Dezernat hingen Andrews Gedanken lange bei dem Dieb fest. Er verstand die Entscheidung nicht, ein kriminelles Leben zu führen. Wenn er dringend Geld brauchte… Gab es sicher Hilfsangebote, die auf ihn zutrafen, oder nicht? Hatte er kein schlechtes Gewissen, ständig diese alten Leute zu beklauen? Gut, den reichen von ihnen fiel es wahrscheinlich kaum auf, aber… Es war einfach falsch.
      Andrew drehte die Uhr an seinem Handgelenk herum. Zumindest… schien er ein Mensch zu sein, der sein Wort hielt. Andrew konnte ihm ziemlich sicher sogar die Ankündigung mit den Sternschnuppen glauben, so lächerlich es auch war. Ja, absolut lächerlich… Warum sollte er sich nach einem Dieb richten und extra auf seine Einbrüche warten? Jemand anderer könnte den Fall übernehmen… Vielleicht wurde er ja krank, auch wenn er nie krank wurde, aber woher sollte Ezra das schon wissen? Und dann?
      Andrew biss sich auf die Zunge um sich ein Lächeln gewaltvoll zu verkneifen und wandte sich sofort der Computerarbeit zu, um etwas zu tun zu haben.
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