The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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      Charles

      Lille. Frankreich? Charles erlaubte es sich, kurz den Blick von der Straße zu nehmen, um Ted überrascht anzusehen. Gut, ein Umzug stand nicht auf seiner To-Do Liste - er hing definitiv zu sehr an London, um je hier wegzuziehen - aber man konnte sich sowas ja auch wunderbar für Urlaube merken. Irgendwie war das immer schon der Vorteil an einem Beruf mit Menschen gewesen. Es gab ein paar, die scheinbar immer schlecht gelaunt waren und den Frust an dem nächstbesten ablassen mussten, aber dafür gab es auch deutlich mehr Menschen, die einem wirklich nützliche Tipps geben konnten.
      Die Sache mit dem Drucker ließ Charles erneut auflachen, auch, wenn es strenggenommen wahrscheinlich nicht zum Lachen war. Immerhin sollten die Auszubildenden irgendwann ihrer aller Sicherheit garantieren, nicht? Sich da dem Drucker zu stellen sollte das geringste Problem im Arbeitsalltag sein. Aber jeder hatte mal klein angefangen. Lottie hatte ihm letzte Woche noch Funktionen an seinem eigenen Praxistelefon erklärt, die er vorher noch nie bemerkt hatte. Und er war von ihnen allen wirklich mit Abstand am längsten hier.
      “Aber ist ein guter Selbsterhaltungstrieb nicht irgendwie wichtig, wenn man Held werden will?”, fragte Charles mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. “Am Ende ist mir jemand, der gerne noch eine Weile leben würde und deshalb vorsichtig ist lieber, als jemand, der sich unüberlegt in die Gefahr stürzt und sofort draufgeht. Letzterer kann danach immerhin nichts mehr reißen." Er zuckte kurz mit den Schultern. Es war wie mit der Medizin. Wenn man sich zu enthusiastisch auf etwas stürzte und dabei den Blick fürs große Ganze verlor, konnte nichts ordentliches herauskommen.
      "Ich stelle mir das mit den Täterprofilen und Hinweisen irgendwie schwerer vor, als das mit dem Hinterherlaufen, wenn ich ehrlich bin. Dabei muss man immerhin unfassbar konzentriert sein. Hinterherlaufen erfordert nur eine gute Kondition." Sah am Ende des Tages aber wahrscheinlich spektakulärer aus. Charles hatte sich nie wirklich mit Helden befasst. Er wusste, dass es sie gab und dass sie der Bevölkerung halfen, aber der Beruf hatte ihn nie interessiert. Generell war er eigentlich ganz froh, wenn er sich nicht mit Kriminalität auseinandersetzen musste.
      "Hast du noch viel Kontakt mit deinem Bruder?", schob er fragend hinterher. Irgendwie war es seltsam, wie leicht ihm die Unterhaltung fiel. Nicht, weil er sonst introvertiert wäre, oder so, sondern einfach wegen dem ganzen Kontext. Ted war immer noch sein Patient. Aber es lief überraschend ungezwungen.
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      Ted

      Ted lächelte. Wenn Charles das sagte ohne zu wissen, dass Ted dabei Richard Pierce oder Andrew Morgan im Kopf hatte, klang es einleuchtend, aber es war einfach nur witzig. Als hätten die beiden Helden, die mehr oder weniger um den ersten Platz der höchsten Anerkennungen unter jungen Helden gekämpft hatten, mehr Kraft als Hirn. Richard würde bei so einer Unterstellung bereits um sich schlagen.
      „Du hast recht, diese Leute bekommen die ganze Anerkennung, aber wer alles möglich macht, sind immer die, die im Hintergrund arbeiten“, grinste Ted. Oh, es fühlte sich gut an, so zu reden. Auch, wenn Richard nicht anwesend war um es zu hören. „Ich meine damit garnicht nur mich, sondern meine Kollegen in der Cyber Security, Spurenanalyse, und auch diejenigen, in denen Jobprofil es nicht steht, dass sie allen Kaffee machen müssen, und es trotzdem oft genug machen“
      Thomas würde immer Ted‘s Gedanken sein, egal wie unaufällig und still der Typ war. Er machte seinen Job deutlich besser als jeder andere im Dezernat, aber manche Leuten wurden halt ignoriert, nur weil sie hinter den Kulissen arbeiteten.
      Sie kame glücklicherweise schnell in der Nähe des Hyde Parks an und konnten aus dem Auto steigen, solange es noch hell und warm war. Ted trug eine dünne Jacke, die ihm ohne Sonnenschein wirklich zu kalt wäre. Charles und er machten sich zusammen auf in den Park. Zumindest ließ das Gespräch langsam vermuten, dass sie auf einer freundschaftlichen Ebene angekommen waren, was es deutlich weniger seltsam machte. Ted durfte einfach nicht über Charles Gründe nachdenken, mit ihm spazieren zu gehen.
      „Oh, ja“, antwortete er auf die Frage nach seinem Bruder. „Nicht sehr viel, weil er als Security und deshalb oft Nachts arbeitet. Unser Alltag ist ziemlich entgegengesetzt, wenn ich keine Überstunden machen muss. Aber wir sehen uns ab und zu“ Ted‘s älterer Bruder Michael war selbst in einer langjährigen Beziehung mit einer… einer Stripperin, was er bis heute vor ihren Eltern geheim hielt. Vermutlich auch nur, weil er sie mitten in ihrem Dienst kennengelernt hatte. Hah… Mittlerweile arbeitete sie als Rezeptionistin, schlief ebenfalls untertags und hatte mit Michael quasi ihren Seelenverwandten gefunden, so weit Ted das beurteilen konnte. Sein Bruder nahm das Leben deutlich weniger ernst, als Ted, und er lebte eher ohne große Pläne von Tag zu Tag. Glücklicherweise konnte man sich trotzdem auf ihn verlassen und Ted brauchte ihn dringend als Unterstützung, wenn es darum ging, sich um ihre Eltern zu kümmern. Nicht, dass sie sich nicht um sich selbst kümmern konnten, aber sie gingen kaum außer Haus und wenn man sie nicht ab und zu zu ihrem Glück zwang, würden sie einfach daheim verschrumpeln. Dabei waren sie für 80 und 82 recht fit und es gab keinen Grund dafür, dass sie sich zuhause einschlossen, abseits von der beginnenden Demenz seiner Mutter, und die würde so auch nicht besser werden. Naja. Sture alte Leute, eben. Ted verstand am allerwenigsten, dass sein Vater es als Ex-Universitätsprofessor nicht irgendwie besser wusste.
      „Hast du eine große Familie?“, fragte Ted. Er dachte, dass das ein Grund dafür sein könnte, dass Charles nicht heiraten und Kinder bekommen wollte, aber… Er war froh, dass er das nicht ausgesprochen hatte, bevor er sich erinnerte, dass Charles nichts von ‚Wollen‘ gesagt hatte. Er hatte nur gemeint, dass seine Eltern im Druck machten. Aber… wenn das etwas war, dass Charles wollte, dann könnte Ted sich nicht erklären, wieso er noch single war. Vielleicht arbeitete er zu viel.
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      Charles

      Irgendwie war Charles seltsam erleichtert darüber zu hören, dass Ted innerfamiliären Rückhalt hatte und sich ab und an mit seinem Bruder traf. Wenigstens war er so nicht ganz alleine und hatte wahrscheinlich jemanden, bei dem er sich ausheulen konnte, wenn er nicht gerade in Charles' Sprechstunde saß. Er hatte keine Ahnung, was er gemacht hätte, wenn Ted ihm erklärt hätte, dass er nach der Scheidung und der Trennung von seiner Tochter komplett alleine war. Nicht, dass er viel hätte machen können, immerhin sollte er irgendwie noch ein bisschen Abstand wahren, aber...das war schwer, auch unabhängig von Ted. Zumindest war sich Charles einigermaßen sicher, dass er auch jeden anderen seiner Patienten in dieser Lage einfach mitgenommen hätte, um den Kopf frei zu bekommen.
      "Einigermaßen. Ich habe keine Geschwister, aber mein Dad ist einer von fünf, also habe ich ein ziemlich weitreichendes Netzwerk aus Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins. Ich denke, dass das meinen Dad so sehr geprägt hat, dass er nach mir keine Kinder mehr wollte", scherzte er, während er langsam den Weg einschlug, den er sonst auch nahm, wenn er nur eine kleine Runde drehen wollte. Seine 'Besser, als gar nichts' Runde. Nicht zu lang, nur etwas zu kurz. Perfekt, wenn man sich bewegen wollte, es in der Praxis aber wieder viel zu spät geworden war. Er versuchte die Runde normalerweise zu vermeiden.
      "Wir versuchen, einmal im Jahr irgendwie ein Familienfest hinzubekommen, aber ich glaube, wir waren noch nie richtig vollzählig. Normalerweise sehen wir uns eher, wenn man was von den anderen braucht. Eine Cousine von mir ist Klempnerin, ein Onkel verkauft Handyverträge. Sowas halt." Er zuckte kurz mit den Schultern und verkniff sich den Kommentar darüber, wie oft er schon Krankschreibungen ausgestellt hatte, die er nicht hätte ausstellen dürfen. Zwar bezweifelte Charles stark, dass sich Ted dafür interessieren würde, aber er wollte nichts riskieren.
      "Aber dafür hab ich ja die Praxis um mich herum. Wenn man sich tagtäglich sieht ist man eh irgendwann sowas wie eine sehr schräge Familie, bei der man nichts hinterfragen sollte. Kennst du ja bestimmt." Außer die Fluktuation in Dezernaten war außergewöhnlich hoch und Teds Kollegen wechselten ständig. Wenigstens hatte Charles selbst bisher immer absolutes Glück mit seinen Kollegen gehabt. Es war bisher noch niemand dabei gewesen, den er nicht gemocht hatte. Sicher, jeder hatte seine Eigenarten, aber das machte doch gerade den Reiz an einer Person aus, oder?
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      Ted

      Wer hätte gedacht, dass es so eine wunderbare Ablenkung sein konnte, mehr über das Leben seines Hausarztes zu erfahren. Ted genoss die frische Luft und die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die er sonst kaum wahrnahm, und hatte plötzlich das Verlangen, heute Abend zu kochen. Sofern sein Kühlschrank etwas hergab.
      „Hm, einen Arzt in der Familie zu haben ist sicher auch nicht übel“, meinte Ted amüsiert. „Aber wahrscheinlich rufen dann alle dauernd mit seltsamen Fragen an“ Ted wusste jedenfalls, dass er selbst so ein Kandidat wäre. Man konnte ja nie wissen ob die Bauchschmerzen vielleicht doch ein Tumor waren.
      „Oh, ja. Es gibt immer wieder mal Versetzungen zwischen den Dezernaten aber grundsätzlich ist es wirklich wie eine schräge Familie“, stimmte Ted zu. Eine sehr schräge Familie. Und derzeit irgendwie trotzdem die engste, die er hatte. Gott, wie traurig. Und Charles teilte wohl ein ähnliches Schicksal. Nur hatte er vermutlich keinen Richard als Kollegen, was ihn dieses Spiel definitiv gewinnen ließ.
      „Du teilst die Praxis mit einem Dr. Milo Brooks, ja? Wie ist der so? Immerhin wird er vielleicht bald mein neuer Hausarzt, ich hab nämlich schon länger nicht mehr so viel Spaß beim Spazieren gehabt und muss dich vielleicht öfter in einen Engpass aus Mitleid treiben“, meinte Ted scherzhaft. Aber er meinte es doch ernster, als er sollte. Es war wirklich nett, jemand Neuen kennenzulernen und über banale Dinge zu quatschen, nach denen sonst keiner mehr fragte. Vielleicht hätte er auf May gleich hören sollen und den ganzen Dating-Quatsch einfach auf ein völlig normales Menschen-Kennenlernen umlegen sollen.
      „Na, zumindest auf die Hochzeit begleitest du mich ja, nicht? Dann weiß ich wenigstens schon, dass die Erfahrung weniger horrormäßig wird. Oh, und meine Tochter ist ziemlich witzig, die wird das Ganze, wenn sie nicht zu verstört ist, sicher auch auflockern“, lächelte Ted. Klarerweise würde er Charles nicht zwingen, diese Arzt-Patienten-Beziehung noch weiter auszureizen, aber Ted konnte sich vorstellen, dass, je seltsamer das Event wurde, desto weniger herzzerreißend würde es sein. Darum hätte Ted wirklich nichts dagegen, ihn als Begleitung dabei zu haben.
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      Charles

      “Also wenn dieser Spaziergang so weit geht, dass du dir tatsächlich einen neuen Arzt suchen musst, kannst du mit Milo nichts verkehrt machen. Er ist…ein wenig pessimistisch und gerade familiär etwas ausgepowert, aber er hat das Herz am rechten Fleck und ist in ein paar Monaten wahrscheinlich sogar kompetenter, als ich es bin.” Charles musste selbst kurz lachen. Patiententechnisch standen sie sich für gewöhnlich nicht im Weg. Wenn einer von ihnen ausfiel, kümmerte sich der andere reibungslos um die Termine. Strenggenommen stand Milo noch unter seiner Aufsicht, aber wirkliche Nachfragen hatte er kaum noch.
      “Er ist allerdings weniger der Spaziergänger und mehr der Fußballspieler, falls das relevant ist.” Nicht, dass er Milo je spielen gesehen hätte. Gut, Milo würde wahrscheinlich auch nicht einfach einen Patienten mitnehmen. Vielleicht machte ihn das sogar irgendwie zum besseren Arzt. Ganz davon abgesehen, dass Charles Ted irgendwie auch vollkommen ohne Mitleid mitnehmen würde. Die Spaziergänge hatten etwas meditatives und das teilte er normalerweise gerne mit anderen Leuten. Auch wenn diese aktiv ihren Rachefeldzug dabei planten.
      “Bist du dir sicher, dass du das machen möchtest? Ohne Einladung? Ich kann verstehen, dass du wütend bist, aber ist das nicht etwas-” Charles vollführte eine kleine, unsichere Handbewegung, während er nach dem richtigen Wort suchte “-unüberlegt? Versteh mich nicht falsch, ich stehe zu meinem Wort - wenn du immer noch gehen möchtest, wenn wir wieder am Auto sind, komme ich mit, aber…” Er zuckte kurz mit den Schultern. Eigentlich konnte ihm das ja auch vollkommen egal sein. Im Zweifelsfall würde er entweder Zeuge werden, wie Ted rausgeschmissen werden würde, oder etwas gutes zu Essen bekommen. Außer ein bisschen Selbstwertgefühl hatte er nichts zu verlieren. Er konnte sich selbst nur nicht vorstellen, je auf jemanden so wütend zu sein, dass er seine Hochzeit crashen würde. Vielleicht stimmte er der ganzen Sache auch deshalb irgendwie zu, weil er Ted davor bewahren wollte, alles noch schlimmer zu machen. Auch wenn sie dafür so tun müssten, als ob sie zusammen wären.
      Gott, das hatte Charles bei der ganzen Sache irgendwie gar nicht so richtig verarbeitet. Ted wollte immerhin, dass seine Frau sich fragte, ob er auch eine Affäre gehabt hatte, nicht? Bedeutete, dass sie nicht einfach nur zusammenstehen und lachen konnten, oder? Auch, wenn er es irgendwie im Scherz gesagt hatte. Es gab schlimmeres, natürlich. Irgendwie hatte Charles trotzdem das Gefühl, dass er panischer sein sollte. Wahrscheinlich würde das in den nächsten Tagen folgen, mhm?
      “Du hängst wirklich an deiner Tochter”, wechselte er das Thema, bevor er sich tiefer in die Sache reinsteigern konnte. Vielleicht war es ganz gut, dass er noch nicht panisch war. Er könnte niemandem helfen, wenn er panisch wäre. “Wie ist sie so? Außer witzig, natürlich.”
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      Ted

      Ted schwieg kurz, als Charles seine Skepsis zu dem Vorhaben äußerte. Er hatte recht, es war ein wenig unüberlegt, hauptsächlich weil die Idee Ted noch sehr jung war. Er hatte ja heute erst so richtig darüber nachgedacht. Aber es war nicht so, als würde er etwas extrem verrücktes planen. Isla wollte schließlich, dass er kam, und er würde auch mit einer Begleitung nicht versuchen, sich in den Mittelpunkt zu drängen. Ein kleiner Schock war völlig ausreichend. Aber…
      „Ich kann versuchen, mit Grace zu reden, damit sie wenigstens weiß, dass ich komme. Nur ich. Isla hat mich schließlich darum gebeten, die Idee kommt nicht nur von mir. Und als… seelische Unterstützung oder sowas, ist sie wahrscheinlich auch damit einverstanden. Für mich ist das definitiv schlimmer, als für sie“, meinte Ted nachdenklich. Dann sah er Charles an. „Dann gibt es nur eine Überraschung, mein Plus One, und nur ein kurzer Schockmoment reicht mir ja“ Ted musste lachen. „Außerdem wird es sie kaum verletzen, wenn ich mit einem anderen Mann ankomme. Eine jüngere, hübsche Frau vielleicht… Das könnte sie in einen Wutanfall treiben, der komplett unberechtigt ist, weil sie ja irgendwie genau dasselbe gemacht hat. Aber wenn sie denkt, dass ich eine Affäre mit einem Mann hatte…“ Ted lachte erneut. Er lachte heute ziemlich viel. „Ihr Blick wäre mir echt alles wert“
      Er sah kein Problem damit, wenn Grace und ihre gesamte Familie ihn für schwul, und ihre Ehe für ein Skandal hielten. Das machte es ja gerade so witzig. Ted interessierte sich kein Stück dafür, was diese Leute über ihn dachten, denn Grace war diejenige, die man schief ansehen sollte. Mir der Aktion könnte er ihr sogar helfen, weil dann schließlich keiner mehr überrascht wäre, warum sie eine Scheidung wollte. Haha.
      „Eigentlich ist die Idee fast schon zu nett. Vielleicht sollte ich doch drüber nachdenken, noch die Hochzeitstorte zu zerstören“, scherzte Ted.
      Er lächelte als Charles nach Isla fragte. „Sie ist 16 und ein bisschen eigen, irgendwie in so einer… düsteren Emo-Phase gefangen. Aber wenn sie sich nicht mit grauenvoller Musik in ihrem Zimmer einschließt, ist sie der liebste, lustige Mensch, den ich kenne. Aber sie ist ziemlich sensibel und ich kann mir vorstellen, dass sie die Situation gerade nicht sehr gut auffasst. Sie hat bis gestern zwei Wochen lang meine Nachrichten und Anrufe ignoriert und ich kann es ihr nichtmal verübeln. Mein Leben ist alles andere als… vorbildlich, momentan. Und ich denke, sie verliert ein bisschen das Vertrauen… dass ich mich um sie kümmern kann, wenn ich mich um mich selbst kaum kümmern kann. Das Problem ist, dass Grace von uns beiden immer diejenige war, die etwas unberechenbar und nicht sehr einfühlsam war. Ich hab mich bemüht, Isla ein sicheres Gefühl zu geben, dass sie sich auf mich verlassen kann, aber jetzt bin ich ausgezogen, ein Wrack, und sie geht mir aus dem Weg“
      Das Lächeln war vollkommen aus Ted‘s Gesicht verschwunden. Das Thema machte ihn mehr fertig, als seine Scheidung. Er hatte das Gefühl, komplett als Vater zu versagen. Dass Isla ihn überhaupt gebeten hatte, zur Hochzeit zu kommen, bedeutete ihm schon unglaublich viel. Auch, wenn sie sich wahrscheinlich aus Verzweiflung an ihn wandte, aber wenigstens hatte sie das Gefühl, dass sie das konnte. Ted musste die Gelegenheit irgendwie nutzen und seine Dad-Rolle wieder einnehmen. Desalb musste er sie auch eindeutig vorwarnen, wenn er vorhatte, Charles mitzubringen… Ted wusste zwar, dass sie verrückte Ideen mochte, aber wie sie dazu stand, dass ihr Vater mit so etwas plötzlich im Mittelpunkt stand, wusste er nicht.
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      Charles

      Charles stieß ein kleines Lachen aus und machte sich die mentale Notiz, Ted nicht zu nah an die Hochzeitstorte zu lassen. Sicher, er scherzte, aber hinter jedem Scherz steckte auch ein kleines bisschen Wahrheit, oder? Obwohl es genauso wahrscheinlich war, dass er sich bis zur Hochzeit etwas abreagiert hatte und das alles verwarf. Ja, je länger Charles darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher war es eigentlich. Ted würde sich bis zum Ende der Woche noch aufregen und dann kurz vor der Hochzeit feststellen, dass ihm das alles eigentlich vollkommen egal war. Dann würde er ihm Bescheid geben, dass er doch zuhause bleiben konnte und würde alleine gehen, um bei seiner Tochter zu sein. Gut, wirklich einschätzen konnte Charles ihn eigentlich nicht, aber das war der naheliegendste Verlauf der Dinge, oder nicht? Jetzt gerade brauchte er nur jemanden, der mit ihm alles doof fand.
      "Milos jüngerer Bruder ist auch letztens erst 16 geworden. Schwieriges Alter, hab ich mir sagen lassen." Obwohl das wahrscheinlich auch daran lag, dass Wyatt eben Milos Bruder war und sie damit einen vollkommen anderen Bezug zueinander hatten, als Eltern und Kinder. Charles war wirklich froh, nicht in dieser Situation zu stecken, auch, wenn er Milo mehrfach seine Hilfe angeboten hatte.
      "Vielleicht geht sie dir gar nicht aus dem Weg." Charles warf Ted einen kurzen Seitenblick zu, während er sich wahrscheinlich viel zu sehr aus dem Fenster lehnte. "Wenn sie sensibel ist, braucht sie vielleicht einfach etwas Zeit für sich, um das alles zu verarbeiten, bevor sie wieder auf dich zukommt. Im Zweifelsfall scheint sie sich ja immer noch an dich zu wenden. Das ist doch ein gutes Zeichen." Zumindest schien ihm das irgendwie logisch. Er selbst war ein vollkommen anderes Kind gewesen. Unkompliziert, weil er nie den Drang verspürt hatte, irgendwas anzustellen und ziemlich offen seinen Eltern gegenüber. Allerdings hatte Charles auch das Privileg gehabt, kaum Steine in den Weg gelegt zu bekommen. Seine Eltern hatten nie über eine Scheidung nachgedacht, sie hatten immer Geld gehabt und er hatte einen ziemlich stabilen Freundeskreis gehabt.
      "Wie kommt es, dass sie bei deiner ExFrau geblieben ist? Wenn ich fragen darf. Ich will dir nicht zu nahe treten", sprach Charles die Frage aus, die ihm eben schon auf der Zunge gebrannt hatte. Mittlerweile hatten sie den Parkeingang weit hinter sich gelassen. Es war relativ leer. Man war nie alleine, aber stand sich nicht gegenseitig im Weg, während jeder sein eigenes Ding machte - Jogger, Familien mit Kinderwagen, Leute auf dem Heimweg. Eigentlich war es wirklich nett im Park.
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      Ted

      „Schwierig… Also, zumindest hat man andere Probleme als bei einem Kleinkind. Ich weiß nicht, ob irgendeiner Alter einfach ist“, erwiderte Ted. „Aber ich hab wahrscheinlich Glück gehabt, dass sie wenigstens nie etwas anstellt“
      Isla war verhältnismäßig vernünftig was Dinge wie Schule, Freunde und Zukunftspläne anging, aber Ted würde sich weniger Sorgen machen, wenn sie mehr darüber reden würde. Sie schien alles immer schon entschieden zu haben, bevor ihre Eltern überhaupt wussten, dass es etwas zu entscheiden gab.
      Er seufzte, als Charles nach dem Grund fragte, wie sie in dieser Konstellation gelandet waren. Ted fuhr sich durch die Haare und überlegte, wie er das zusammenfassen sollte.
      „Also, eigentlich warten wir noch, dass die Scheidung durchgeht. Wir waren eine Weile getrennt im Haus, dann hat Grace mich gedrängt entweder selbst auszuziehen, oder sie würde ausziehen. Ich weiß nicht, warum ich so schnell nachgegeben habe. Ich hab auch auf den Scheidungspapieren mehr oder weniger alles unterschrieben, ohne großartig darüber nachzudenken, aber ich wusste ja auch nicht, dass Dave vielleicht auch davon profitiert, wenn ich Grace das Haus überlasse. Ich hab hauptsächlich an Isla gedacht, und daran, dass Grace deutlich besser verdient als ich, das meiste beim Hauskauf zugesteuert hat und naja… dass es auch für ein Kinder besser ist, bei dem Elternteil zu wohnen, dass mehr Geld hat, selbst wenn… Unterhalt ein Thema wäre. Außerdem war ich der Ansicht, dass ich Isla trotzdem ständig sehe. Das Sorgerecht ist zwar geteilt, aber ich kann mein Kind auch nicht zwingen, und ich will sie nichtmal überreden, mich zu sehen. Wenn ihr das alles momentan zu blöd ist und sie Zeit braucht, will ich… sie auch nicht stressen, aber…“ Ted hatte das Gefühl, dass ihm gleich die Stimme versagen würde. „Ich wünschte, es wäre anders. Ich hab auch keine Ahnung, was wir mit den Sparkonten anstellen, ich war zu überfordert mit der Situation um viel zu hinterfragen. Im Endeffekt hab ich gerade eine kleine Wohnung mit ein paar Möbeln aus dem Keller und ich war vorgestern erst… Besteck einkaufen“ Ted ließ den Kopf sinken, weil er spürte, wie seine Augen glasig wurden. Das konnte alles nicht wahr sein. „Ich frag mich ja auch, wie man so schnell eine Hochzeit auf die Beine stellt“, murmelte er leise. „Ich hab nichtmal eine Couch, die mir keine Nackenschmerzen macht, und meine Ex hat genug Zeit und Motivation um eine ganze Hochzeit zu planen. Damit muss sie schon vor Wochen angefangen haben. Vielleicht hat Dave ihr den Antrag ja gemacht, als wir noch zusammen waren“ Er schmunzelte schwach, weil das alles so bizarr war. Wahrscheinlich war es doch an der Zeit, sich um einen Anwalt zu kümmern, um zumindest die Finanziellen Dinge zu regeln. Er hatte nur… wirklich keine Energie für das alles.
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      Charles

      Gut, der Umstand, dass Grace wohl soviel besser mit der Scheidung zurecht kam, als Ted, lag wahrscheinlich daran, dass sie schon viel früher mit alledem abgeschlossen hatte. Wenn sie jetzt schon wieder heiratete, wahrscheinlich ihre Affäre, schien sie am Ende ja wirklich nicht mehr an Ted gehangen zu haben. Was wirklich traurig war, weshalb Charles das alles nicht laut aussprach. Vielleicht...vielleicht sollte er doch ab und an mal weggucken, wenn Ted in der Nähe der Hochzeitstorte war. Verstehen konnte er es zumindest. Außerdem hatte er gerade das Gefühl, dass er selbst wohl nie heiraten würde. Natürlich, es konnte so wunderbar laufen, wie bei seinen Eltern, aber er könnte auch so enden, wie Ted - unterwegs mit einer halbfremden Person, der man all seine Sorgen erzählte. War es das wert?
      Wenigstens war eine Sache absolut klar: Ted war ein wirklich wundervoller Vater. Der Kontext war traurig, aber die Art, wie er über Isla sprach, brachte Charles ein wenig zum lächeln. Es war schön zu hören, dass sie ihm so am Herzen lag. Das war in der aktuellen Situation wohl das wichtigste, nicht? Wenn Ted schon so fertig war, wollte Charles eigentlich gar nicht wissen, wie schlecht es seiner Tochter ging. Obwohl er das offenbar live miterleben würde. Dafür sollte er sich die Sache mit der Couch und den Nackenschmerzen wahrscheinlich merken.
      "Nachvollziehbar. Das war immerhin ein Schock für dich. Ich glaube, ich wäre auch ziemlich überfordert, wenn mir sowas passieren würde. Die meisten Menschen wären das", merkte er mitfühlend an. Bei Milo war es nicht ganz anders gewesen. Er war morgens reingekommen, hatte Charles mit einer erschreckenden Nüchternheit erklärt, dass seine Eltern Opfer eines Anschlags geworden sind und sich danach mit Tränen in den Augen dagegen gewehrt, nach Hause zu gehen. Schockstarre ließ einen seltsame Dinge tun.
      "Aber am Ende hast du das beste für deine Tochter im Sinn und ich denke, dass sie das verstehen wird. Wenn nicht jetzt, dann in Zukunft. Wie gesagt, gib ihr etwas Zeit. Das wird schon wieder. Wenn wir das nächste mal diese Runde gehen, erzählst du mir bestimmt schon ganz begeistert von deinem neuen Hausarzt und deinem letzten Ausflug mit deiner Tochter." Er warf Ted ein kleines Grinsen zu. Dieser kleine Hoffnungsschimmer war wichtig. Das war es, was ihn selbst immer über Wasser hielt, wenn er gerade keinen guten Tag hatte. Irgendwann konnte man über alles lachen. Alles würde schon irgendwie gut werden.
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      Ted

      Ted wischte sie über die Wangen und schniefte etwas bevor er den Kopf wieder hob. Langsam war er vor jeder einzelnen, noch so fremden Person in seinem Leben in Tränen ausgebrochen. Vielleicht würde es ja helfen, wiedermal durchzuschlafen. Allerdings war Ted immer etwas näher am Wasser gebaut gewesen, er hatte nur normalerweise die Kontrolle, nicht vor willkürlichen Leuten in der Öffentlichkeit zu heulen.
      Er musste in einem blitzschnellen Umschwung jedoch fast lachen, als Charles einen neuen Spaziergang und einen neuen Hausarzt ansprach. Ted blinzelte ihn an. „Dir muss echt langweilig sein. Hast du keine Freunde in deinem Alter, die nicht gerade eine Scheidung durchmachen und bei jeder Gelegenheit einen Nervenzusammenbruch haben?“, fragte er belustigt. Aber… Oh Gott, hoffentlich hatte er nicht recht. Ted‘s Lächeln löste sich auf. „F-falls nicht, tut es mir leid“, murmelte er. „Ich würde mich über mehr Spaziergänge freuen. Nicht so sehr über einen neuen Hausarzt, wer weiß schon, ob der eine ähnlich stählerne Geduld hat“ Charles war Ted zumindest schon deutlich lieber als sein alter Hausarzt und wenn er die Gelegenheit hatte, würde er Isla dazu bringen, auch zu wechseln. Lieber eine kurze Bus- oder Autofahrt, als einen alten Knacker, der nur wusste, wie man Überweisungen schrieb.
      „Jedenfalls… ich hab das Gefühl, dass mir eine laaange Nacht tiefer Schlaf am allermeisten helfen wird, und wenn die Augenringe weg sind überrede ich Isla vielleicht doch mal zu einem Mittagessen, damit ich wenigstens einschätzen kann, wie es ihr geht. Dann kann ich sie auch gleich fragen, was sie davon halten würde, wenn ihre Mom und ihre Großeltern denken, dass ich einen Freund habe. Hah. Wahrscheinlich fände sie das unter anderen Umständen sogar irgendwie witzig“ Ted sah Charles erneut an. Es machte das Ganze wirklich noch deutlich spannender, dass Charles viel jünger und verdammt gutaussehend war. Man könnte glatt eine Seifenoper darüber reden. „Du musst dich dann eben damit abfinden, dass du das Gesicht der ganzen Operation bist“, schmunzelte Ted. Er hätte genauso gut Richard fragen könnte, immerhin war es sogar zur Hälfte seine Idee gewesen, aber dann würde die Hochzeit wahrscheinlich zu einem blutigen Massaker werden. Nicht, um Ted‘s Willen, sondern weil Richard in letzter Zeit enorme Stimmungsschwankungen hatte und man lieber nicht in seiner Nähe sein wollte, wenn man einen schlechten Moment erwischte. May auf der anderen Seite war einfach eine furchtbare Lügnerin, der würde man am Gesicht ablesen können, dass sie mit der Sache nichts zu tun hatte. Aber Hauptsache die beiden pflanzten Ideen in Ted‘s Kopf…
      Sie waren fast wieder beim Auto angelangt und Ted fühlte sich deutlich ausgeglichener als gestern.
      „Es ist sehr angenehm, mit dir zu reden“, meinte er plötzlich zu Charles. Solche Dinge sollte man Leuten sagen, damit sie es wussten. „Ich freue mich aufs nächste Mal“, sagte er und lächelte den Arzt an.
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