Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

    • Firions weitere Ausführungen machten die Sache nicht besser. Die Angelegenheit war also schon entschieden und abgewickelt, auf Eigenhand, wie damals schon der Jäger Caphalor - und sie alle hatten ja gesehen, wozu das geführt hatte. War der König einem mittlerweile selbstzerstörerischen Wahn verfallen? Konnte er einfach nur nicht die Konsequenzen sehen? War er dumm? Zoras glaubte es nicht, er konnte zwar nicht den Finger darauf legen, aber Feris war nicht dumm. Er dachte vermutlich nicht weit, aber das war seine einzige Schwäche in der Sache.
      Als dann die Sprache darauf kam, dass Feris in gewissermaßen Kassandra für diesen Handel verkauft hatte, schob Zoras ruppig den Stuhl zurück und stand auf. Er überhörte sogar geflissentlich Kassandras Bezeichnung für den Jungen, für den er sie am liebsten zurechtgewiesen hätte. Stattdessen fing er an, hinter ihren Stühlen auf und ab zu tigern. Eigentlich war ihm das vor dem älteren Herzog, der kaum eine Miene bei der ganzen Sache verzog, recht unangenehm, aber seine Nerven waren zu angespannt, um sich jetzt noch mit Höflichkeiten aufhalten zu wollen.
      Er kämmte die Finger durch die Haare seines Barts.
      "Wieso Morpheus und nicht Herakles? Das ist die erste Frage, die sich mir stellt. Wenn Restaris bereit dazu ist einen Handel einzugehen, wieso schicken sie nicht gleich ihren besten und zielen auf ein schnelles Ergebnis ab? Herakles würde hier einmarschieren, über den Aufstand hinwegwälzen und zum Schluss Kassandra umbringen - oder mir ihr Amulett abnehmen, das macht für ihn keinen Unterschied. Wieso also nicht? Wieso wollen sie es nicht blutig?"
      Er starrte finster drein, während er sich die Situation vorzustellen versuchte. War Feris vielleicht wenigstens schlau genug um zu erkennen, dass es keine gute Idee war, eine Übermacht in das Land einzuladen, die man später nicht mehr von dort vertreiben könnte? Aber auch Morpheus könnte gegen ihn eingesetzt werden und ihn mit seiner psychologischen Kriegsführung bedrängen. Es war alles absolut unvorteilhaft und Feris hätte es in dem Augenblick erkennen müssen, in dem der Champion diese Landesgrenzen überschritten hatte.
      Apropos - Zoras blieb stehen. Er richtete den Blick wieder auf Firion, als erwarte er eine Antwort auf eine Frage, die er noch gar nicht gestellt hatte. Dann wanderte sein Blick weiter zu Kassandra.
      "Wann haben wir noch einmal den Putsch durchgeführt? Vor so ziemlich zwei Monaten, nicht wahr? Oder schon fast drei? Der Aufstand ist im Palast ausgebrochen, wir haben etwa zwei Wochen gebraucht, um überhaupt nachhause zu kommen. Zwei Wochen brauchen die meisten Herzöge, du", er sah zu Firion, "und Estja sogar drei. Bis zur Grenze sind es vom Palast aus etwa vier Wochen, wenn man sich beeilt. Vier Wochen für einen Weg. Wie zum Teufel ist Morpheus so schnell hergekommen, hat sich das mal jemand gefragt? Hat deine Tochter das, aus irgendeinem Grund, hinterfragt?"
      Er starrte Firion eindringlich an, dann fing er wieder an zu tigern. Das gefiel ihm alles nicht. Das war eine wichtige Frage, aber leider würde sie nichts an der Ausgangssituation ändern.
      "Wir müssen die Frage nochmal zurückstellen, aber sie gefällt mir trotzdem nicht. Mir gefällt nicht, wie schnell Restaris "zur Hilfe kommt". Wir haben noch nicht einmal mit den Kämpfen angefangen, wir sind alle noch in den Vorbereitungen und doch sind sie schon zur Stelle. Wir müssen etwas übersehen haben, Firion, aber das können wir jetzt nicht mehr ändern. Irgendwas in den letzten Monaten - oder vielleicht sogar Jahren, bei den Göttern! - haben wir übersehen. Wir müssen es noch herausfinden wenn wir nicht wollen, dass wir von einer Schlacht in die nächste rutschen."
      Er blieb wieder stehen. Die Gedanken rutschten jetzt einer nach dem anderen zum richtigen Platz und es gefiel ihm selbst nicht, welche Rückschlüsse er plötzlich ziehen konnte.
      "Vermutlich schicken sie deswegen nicht Herakles. Welche Vorbereitungen sie auch immer selbst getroffen haben, sie sind schon so weit fortgeschritten, dass sie keine Gewalt brauchen. Sie werden darauf vertrauen, dass sie mit geringstem Aufwand den größtmöglichen Schaden hier anrichten können. Vorausgesetzt sie wollen wirklich hier einmarschieren, aber mir würde kein Grund einfallen, weshalb sie es nicht wollten."
      Er verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Wenn wir eine Gefahr für Morpheus werden - eine ernstzunehmende Gefahr, durch Kassandra beispielsweise - könnten sie sich genötigt fühlen, doch zu offensiveren Mitteln zu greifen und die werden sie haben. Sie stehen schon mit einem Fuß hier drinnen, sehr richtig, mehr fehlt also nicht, um auch den anderen Fuß hereinzuholen. Wir müssen sie im Glauben lassen, dass es funktioniert. Wir müssen auch auf psychologische Kriegsführung zurückgreifen, auch wenn wir die schlechteren Karten dafür haben. Ich will nichts tun, solange wir uns nicht wieder der ersten Kriegsregel bemächtigt haben: Kenne deinen Feind."
      Sein Blick wanderte zu Kassandra.
      "Kennst d- Kennt Ihr Morpheus? Wisst Ihr, wie er... funktioniert?"
    • Firion ließ Zoras ein paar Schritte wandern bevor er seinen Standpunkt zu dieser Sache kundgab. "Warum setzt man nicht die beste und effizienteste Waffe in einem Krieg ein? Weil man davon ausgeht, dass man sie nicht braucht. Restaris glaubt nicht, seine Ziele verfehlen zu können. Wenn sie es darauf ansetzen, sich dieses Land anzueigenen, dann gehen sie davon aus, dass alles bereits in die Wege geleitet worden ist."
      Kassandra runzelte die Stirn. Diese Herangehensweise erschien durchaus logisch. Nur neigten Menschen gerne dazu sich zu überschätzen. Nur schien Restaris nicht das Land zu sein, das dieser Tendez ebenfalls nachkam. Sonst hätten sie ihren Status nicht erreicht, den sie bisher präsentierten, geschweige denn ihre Hände mit gleich mehreren Essenzen zu füllen. Das störte das empfindliche Gleichgewicht mehr als gedacht.
      Als Zoras unvermittelt stehen blieb sah Kassandra ihn fragend an. Scheinbar war ihm etwas aufgefallen als er seine Aufmerksamkeit auf Firion richtete, der gerade wieder nach seinem Becher griff. Dann erhellte Zoras endlich auch Kassandra, doch es war Firion, dem mit jedem Wort ein bitteres Grinsen aufstieg. Am Ende nickte er Zoras zu bevor er einen Schluck aus seinem Becher nahm. "Da haben wir das nächste Kernproblem. Natürlich hat Revelia nicht den Zeitfaktor hinterfragt. So schnell kam ihr der Einfall gar nicht. Vielleicht war sie auch beeindruckt von diesem Morpheus - wer weiß das schon. Aber mir das bereits gestern übel aufgestoßen. Die Zeitabfolge passt überhaupt nicht. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann wurde Restaris informiert noch bevor der Putsch stattgefunden hat. Mir ist nicht zu Ohren gekommen, dass Gerüchte die Ländergrenzen passiert haben. Wie vertrauenswürdig ist also Meriah wirklich? Entweder sie ist der Knackpunkt oder Feris hat hinter deinem Rücken bereits gehandelt."
      "Ich habe ihn nicht ein einziges Mal in meiner Anwesenheit erlebt, dass er auch nur ein Wort über Restaris verloren hat...", dachte Kassandra laut nach und sah auf ihren Teller hinab. Richtig. Es hatte keine Anzeichen bei ihr gegeben als sie noch in Feris' Nähe gewesen war.
      Firion lehnte sich in seinem Stuhl zurück und begann wieder, sein Knie zu massieren. Das war sein Anzeichen, wenn er über etwas unliebsames nachdachte. "Genau das ist der Punkt, den ich bei Feris nicht nachvollziehen kann. Er weiß um die Instabilität in seinem Königreich. Er weiß, wie wir versucht haben, den Schein im Umland zu wahren. Und doch holt er eine andere Nation in seine Reihen, die als potenzielle Gefahr einzustufen ist. Ich sehe es ähnlich, dass es für Restaris keinen Grund gibt, nicht in Theriss einzumarschieren. Es ist eher die Frage, warum sie es noch nicht getan haben. Scheinbar besitzen sie ja eine ausgebaute Informationskette. Du könntest natürlich deine Phönixin auf Morpheus ansetzen aber ich fürchte, das wäre nur eine Einladung für Restaris, tatsächlich Herakles einzusetzen. Als Selbstverteidigung sozusagen. Diese Option habe ich gestern Abend bereits aus unserem Repertoire gestrichen..."
      Zoras richtete das Wort an Kassandra, die für einen kleinen Moment stutzte. Er hielt wirklich noch an der Anrede fest? "Ich bin ihm noch nie begegnet aber man kennt seine Legenden in unseren Kreisen. Sofern diese stimmen kann er in einem bestimmten Umkreis, den ich nicht kenne, die Träume der Lebewesen manipulieren. Dabei spielt die Anzahl der Individuen keine Rolle, sein Einfluss wirkt auf mich genauso wie auf euch Menschen. Er kann Alpträume aufzwingen, einen dazu bringen, praktisch nicht mehr schlafen zu wollen aus Angst, eben jene Alpträume wieder zu erleben. Das wird der Weg sein wie man die feindlichen Streitkräfte schwächen will. Brecht den Geist und der Körper wird folgen." Dass sie bereits einmal durch ihn geträumt haben mochte, verriet sie vorerst niemanden.
      "Revelia schrieb, dass er wie ein gebrechlicher Mann erschien. Stimmt das?"
      Kassandra nickte. "Morpheus ist keine Kriegernatur. Er meidet den direkten Kontakt, da er meist den kürzeren ziehen würde. Sobald er in greifbarer Nähe von einem von uns ist, hat er verloren. Er weiß das und hält sich daher lieber im Hintergrund. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich aussuchen kann, wen er mit welchen Träumen heimsucht. Allerdings weiß ich, dass man innerhalb dieser Träume mit ihm kommunizieren kann. Wer träumt, kann praktisch an seine Tür anklopfen. Dann weiß er auch mit welchem Bewusstsein er es zu tun hat."
      Firion lehnte seinen Kopf an die Kopfstützte seines Stuhls. Er betrachtete Kassandra einen Augenblick lang, die scheinbar gerade in eigenen Gedanken versank, dann Zoras. "Das bedeutet also, er kann Tausende Menschen zeitgleich manipulieren. Das ist mehr als ungünstig. Das würde bedeuten, dass du deine Truppen nicht in der Nähe der Hauptstadt sammeln kannst. Irgendwann würdes du in Morpheus Reichweite stolpern und dann riskieren, dass deine Armee zu früh zermürbt wird. Entweder wir schalten ihn aus oder lenken ihn ab. Mir sind dabei nur die Hände gebunden. Ich kann allerdings versuchen herauszufinden, was uns die Zeit über alles entgangen ist." Ein Vorschlag, der nur vom Handwerksherzog hätte kommen können. Etwaige dünne Stellen müsste er entdecken können. Vielleicht fand er sogar in Grenznähe Restaris' heraus, woher das Informantenleck stammte oder was sich das Volk so erzählte.

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras schüttelte unzufrieden den Kopf. Vielleicht wäre es ihm lieber gewesen, wenn sie weiter im Dunkeln getappt hätten. So langsam zu begreifen, was auf sie zukam, war definitiv keine schöne Sache.
      "Ich denke nicht, dass Feris von selbst auf Restaris gekommen ist, das wäre viel zu weit hergeholt. Wieso gerade Restaris? Und überhaupt, es hätte niemals vonstatten gehen können, ohne dass ein Herzog davon erfahren hätte. Nein, ich denke eher, Restaris ist zu ihm gekommen, so wie Caphalor schon. Erinnert ihr euch daran, dass der Jäger aufgetaucht ist, nur einen Tag nachdem Kassandra an den Hof gekommen ist? Er hat irgendwie davon Wind bekommen und dem König seine Dienste angeboten. Der Junge musste nur Ja sagen, das war das Problem und das wird es auch hier sein: Er muss nur zustimmen, den Rest übernimmt Restaris. Das macht die Sache aber nicht einfacher."
      Außer, dass er ein bisschen Schuld von dem Jungen abwälzen konnte.
      "Letzten Endes können wir nur darüber spekulieren, was Restaris möchte oder wann es es möchte. Solange sie nicht Herakles herholen oder mit einer Armee aufmarschieren, können selbst sie nichts erobern und bis dahin haben wir noch Zeit. Bis dahin muss der Aufstand beendet sein."
      Bis dahin musste er sterben, schnell und effektiv. Dann mussten die Herzöge wieder zusammengeführt werden und gemeinsam würden sie sich Restaris stellen müssen.
      Kein unmögliches Vorhaben, aber die Erfolgschancen waren gering, geringer als noch vor einem Monat. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum den Unmut des Volkes auszumerzen, sondern das ganze Land vor einer offensichtlichen Katastrophe zu schützen. Das hatte Zoras nicht gewollt. So weit hatte er es nicht kommen lassen wollen.
      Er fing wieder an zu tigern. Die Nachricht, dass selbst Kassandra unter dessen Einfluss stehen würde, war umso schlechter. Konnte eine Phönixin unter Albträumen leiden? Zoras glaubte, dass er es nicht herausfinden wollte.
      Er gab ein abschätzendes Schnauben von sich.
      "Wenn man weiß, dass man träumt, kann man sicher versuchen mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber er ist der Gott der Träume, er wird einen wohl kaum in eine schlechte Theatervorstellung setzen, bei der man das herausfinden kann, oder?"
      Er sah zu Firion.
      "Wann passiert es mal, dass man sich bewusst ist, dass man träumt? Vielleicht ein Mal in drei Jahren, vielleicht auch mehr, wenn man es trainiert. Aber wir haben keine Zeit zu trainieren. Wir müssen jetzt verhindern, dass sein Einfluss die ganze Armee außer Kraft setzen wird."
      Er sah wieder zu Kassandra.
      "Ist das bei Phönixen anders, können sie sich gleich bewusst sein, dass sie träumen? Schließlich liegt das ja nicht in eurer Natur."
      Er rieb sich das Kinn.
      "Ihr müsst versuchen, mit ihm zu kommunizieren, über Eure Träume. Vielleicht klappt es, vielleicht klappt es nicht - ausprobieren müssen wir es. Ist er schon in der Nähe, hat er Euch schon beeinflusst?"
      An Firion gerichtet sprach er weiter.
      "Ich werde mir etwas einfallen lassen. Dafür muss ich aber erst herausfinden, wie er seine Macht einsetzt, wie er seine Träume aufzieht und wie er sie jemand anderem zeigen kann. Wird jeder den selben Traum träumen? Träumen alle etwas unterschiedliches? Wenn ja, kann er die unterschiedlichen Träume gleichzeitig beeinflussen? Ich muss es wissen. Kassandra, Ihr müsst es irgendwie herausfinden, wenn Ihr es schaffen könnt, mit ihm zu reden. Fühlt vorsichtig nach, wie er seine Kraft einsetzt. Das ist zwar dürftig, aber alles, was wir im Moment machen können. Und Firion", er kam zum Tisch bei seinem Stuhl und stützte sich darauf, "ich habe meine Meinung geändert: Schließ dich meinem Aufstand nicht an, zumindest nicht offiziell. Lass deine Tochter als Vertreterin im Palast sitzen, gib dem König, was auch immer er haben will - meinen Aufenthaltsort hast du ihm ja bereits mitgeteilt. Gib dich an seiner Seite aus, ich denke es wäre alles andere als schlecht, eine direkte Verbindung zum Palast zu besitzen. Wir können über Umwege miteinander kommunizieren, ich werde meine Boten in Position bringen. Ich werde dir sagen, wenn ich genaueres über Morpheus weiß und darüber, wie wir mit ihm zu verfahren haben."
    • "Wenn man weiß, dass man träumt...", wiederholte Firion derweilen und knetete unablässig sein Knie weiter. "Schwierig zu sagen. Die Wenigsten sind sich wirklich bewusst, dass sie träumen. Und ich denke ebenfalls, dass Morpheus Wege haben wird daüfr zu sorgen, dass man es nicht als Traum erkennt. Selbst wenn wir es als Traum erkennen haben wir keine Ahnung, wie wir mit ihm in Kontakt treten sollten. Da bleibt uns eigentlich..." Er sah zu Kassandra hinüber, deren Blick mehr als stoisch geworden war. "... nur eine einzige Lebensform übrig. Ihr könnt im Übrigen auch aufhören, euch so anzusprechen. Das einsam schwimmende Handtuch im Wasser war Hinweis genug."
      Wie erwartet blieb Kassandras Miene unbelastet. Auch dann änderte sie sich nicht als Zoras ihren Blick suchte und um Antworten bat. Es gefiel ihr selbstverständlich nicht es so weit auszubreiten. Allerdings war es das aktuell Sinnvollste. "Wir träumen nicht, richtig. Wenn wir es also tun werden wir automatisch stutzig. Vielleicht sind wir uns nicht sicher, wie sich Träume anfühlen aber ich denke, ich würde es als Sondergleichen erkennen. So etwas ähnliches ist mir ein einziges Mal widerfahren auf unserer Reise hierher. Ich dachte zu dem Zeitpunkt allerdings, es seien einfach Hirngespinste gewesen. So ergibt es natürlich einen gänzlich anderen Sinn", gab sie schlussendlich zu. Tatsächlich hatte Kassandra schon so einiges über Morpheus gehört. Wie genau er seine Manipulation erreichte war ihr schleierhaft. Allerdings wusste sie, dass Träume eine zerstörerische Wirkung besitzen konnten. Wenn sie sich daran erinnerte, wie sie das Hirngespinst beinahe mit der Realität verwechselt hatte und dadurch tagelang nicht geschlafen hatte, bekam dieser Gott plötzlich eine völlig andere Bedeutung von Macht zugesprochen.
      Firion schnaubte. Es sah so aus, als hatte er darauf gewartet, dass Zoras diese Option vorschlug und ein etwas sanfterer Ausdruck trat in seine Miene. "Ich hatte Sorge, du würdest auf diese Gelegenheit nicht eingehen", sagte und und grummelte, was seiner Version eines dumpfen Lachens entsprach. "Es ist immer schlauer, Informanten im Kreise des Gegners zu wissen. Ich weiß noch nicht, ob ich Revelia wieder zurückschicke oder jemand anderes an ihrer Stelle entsende. Du brauchst auch keine Boten unbedingt zu stellen. Meine Leute werden dich schon finden. Sprich einfach mit irgendwelchen Schmieden, denen du begegnest. In den meisten Fällen gehören sie eh zu meiner Zunft."
      "Das heißt, wir haben den Stand mit den Herzogtümern soweit geklärt, richtig? Ich würde vorschlagen, dass wir uns dann wieder auf die Rückreise begeben. Wir wissen nichts um Morpheus' Reichweite. Vielleicht kann er das gesamte Königreich abdecken und nicht selektieren. Wenn ja, dann wird er jeden als Ziel erfassen, der nicht zum König hält." Kassandra konnte nicht anders als direkt an Zoras' restliche Familie zu denken. Vielleicht zog Morpheus seinen Kreis auch einfach enger? Sobald der Vogel den Palast erreichte würde klar sein, dass sie hier waren und der Gott der Träume würde seinen Radius präzisieren können. Das widerum bedeutete, dass es nur eine Frage der Zeit war bis auch sie keine ruhigen Nächte mehr finden würden. "Ich werde mein Bestes tun, um mit ihm in Kontakt zu treten."

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras wäre bei Firions Erwähnung beinahe zusammengezuckt, besann sich dann aber noch rechtzeitig und warf Kassandra verstohlene Blicke zu. Nun, soviel dazu, dass sie belauscht oder gar beobachtet worden wären. Sie waren einfach nur unvorsichtig gewesen, was er sich in diesem Augenblick auch nicht übel nehmen konnte. Er wandte sich wieder Firion zu.
      Sie waren sich einer Meinung, dass Kassandra versuchen sollte, einen Kontakt herzustellen. Sie waren sich auch einer Meinung, dass Firion ein doppeltes Spiel führen sollte, damit sie Informationen aus dem Palast bekämen. Es war zwar keine optimale Lösung, aber es war gut genug.
      "Dann werden wir uns zurückziehen. Ich gebe deinen Schmieden Bescheid, Firion. Nur denen, denen ich vertraue. Alles weitere werden wir zur richtigen Zeit erfahren."
      Er richtete sich auf, erinnerte sich, dass er gar nichts vom Frühstück angerührt hatte und nahm sich noch einen Apfel.
      "Vermutlich ist es besser, wenn wir keinen allzu großen Abschied voneinander nehmen. Veren hat mich bis zur Grenze überschatten lassen, vielleicht wäre es nicht verkehrt, wenn du dasselbe tust - aber das sei dir überlassen."
      Er sah zu dem Jungen hinüber und zwinkerte.
      "Mach's gut, Julis. Hör darauf, was dein Vater dir sagt, das ist ein kluger Mann."
      Dann zogen er und Kassandra sich zurück.

      Der Abschied fiel tatsächlich sehr knapp aus und mit ein wenig Proviant, damit es nicht zu auffällig werden würde, zogen sie von dannen. Die diensthabenden Soldaten mussten ihr Misstrauen nicht einmal spielen, sie sahen dem Trio finster hinterher, das auf der Straße abzog. Es war kurz vor Mittag, aber dennoch waren sie so ziemlich die einzigen auf dem Weg.
      Zoras beschäftigte sich in ihren wenigen Pausen und auch zu Pferd mit der Bewältigung dieses Problems. Er erzählte Kassandra genaueres über Restaris, welche Rolle sie in der Vergangenheit gespielt hatten, wie die Vertreter waren, denen er bisher begegnet war. Er erzählte auch, was man von Herakles bisher gehört hatte, auch wenn sie das vermutlich schon selbst wusste. Schließlich machte er sich Gedanken darüber, wie er nun mit einem anderen Champion auf der gegnerischen Seite zurecht kommen sollte.
      Die Träume fingen nur drei Tage später an, als sie noch immer durch Niligads Ländereien reisten. Sie waren intensiv, äußerst lebhaft und halfen nicht gerade dabei, mehr Schlaf zu finden.


      Morpheus

      Morpheus wanderte durch die Traumwelten, wie ein Kapitän auf seinem Boot über die See segelte. Es waren dutzende, hunderte, tausende auf einmal, die ihn umgaben wie die Luft, allesamt mit einer Schärfe, als wären es seine eigenen. Es wäre auch schlimm, wenn es nicht so wäre, er wäre doch nicht ihr Gott, wenn er sie nicht in jedes Detail beherrschen würde, in jede noch so kleinste Facette ihrer Darstellung, von den Stimmen ihrer Bewohner zu den Farben und Formen bis hin zur eigenen Gefühlswelt. Die Träume waren seine Welt, seine eigene, hier hatte niemand etwas zu suchen, kein Gott, kein Sterblicher, ja nicht einmal sein eigener Erschaffer. In den Träumen regierte Morpheus allein, sie waren sein Eigentum. Sie waren seine Diener und er kommandierte sie mit dem Schnippen seiner Finger.
      Der Übergang in die richtige Welt, in einen fleischlichen Körper, hatte auch einen Tribut von ihm gefordert, so wie er es von allen Champions gefordert hatte, die töricht genug gewesen waren, den Olymp auf die eine oder andere Weise zu verlassen. Aber sein Tribut war anders. Während sich andere an das Leben eines Sterblichen gewöhnen mussten oder vielleicht an ihren Kräften einsparen mussten, ob es nun aktive oder passive waren, waren die Grenzen seiner Wahrnehmung zusehends verwischt. Oben im Olymp, wo die Götter speisten und tranken und sich über die Peinlichkeiten ihrer Schützlinge austauschten, hatte es nur zwei Dinge gegeben: Träume und den Himmel. Morpheus hatte sich schlafen gelegt, war in seine Welt eingedrungen, hatte sie regiert, war dann wieder aufgewacht und hatte seine Existenz im Olymp verbracht, getrunken und gegessen und manchmal auch eine hübsche Göttin vernascht. Das war seine Aufgabe im Erhalt ihres Konstrukts gewesen, schlafen und dann nicht mehr schlafen, Träume lenken und manchmal auch kreieren. Er hatte seinen Teil erledigt. Zusammen mit Hypnos hatte er dafür gesorgt, dass die Menschlichen nachts in seiner Welt gefangen wurden.
      Dann war er auf die Erde gekommen, wurde seiner Essenz beraubt und plötzlich hatte es einen wesentlichen Teil seiner Existenz nicht mehr gegeben: Den Himmel. Zurückgeblieben waren nur noch die Träume und Morpheus war direkt unter ihnen. Er hatte sich körperlich in seine eigene Traumwelt verfrachtet.
      Es hatte lange gedauert, bis er endlich richtig - wirklich und wahrhaftig - begriffen hatte, was vor sich ging. Das war auch kein Wunder bei der schieren Komplexität, mit der er hier konfrontiert worden war: Die Traumwelt, in der er seine Existenz abfristete, existierte im Nichts - wie könnte sie auch irgendwo sein, sie entsprang seiner Urkraft. Er wandelte durch die Facetten ihrer einzelnen Träume und kontrollierte sie, so wie er niemals etwas anderes getan hatte. Die Träumenden, denen er die Details ihres Unterbewusstseins entzog, waren stets andere und bei manchen von ihnen war er seiner gewöhnlichen Kräfte bemächtigt, bei manchen nicht. Diese manchen anderen Träume, in denen er nichts ausrichten konnte, das waren die Träume seines Trägers, dessen war er sich sicher. Seines wirklichen Trägers, nicht der Person, die manchmal bei ihm war und mit seiner Essenz vor seiner Nase fuchtelte, das waren jeweils nur die unterbewussten Kopien seines Trägers. Nein, sein wirklicher Träger träumte und er bestimmte, wie viel Macht Morpheus ausüben konnte und wie viel nicht. In dem Traum mit dem Thronsaal beispielsweise, mit dem Kindskönig und den hohen Decken, mit den gerüsteten Menschen und den ungerüsteten, die über irgendetwas debattiert hatten - er hatte sich gar nicht die Mühe gemacht zuzuhören, Traumgespräche waren immer höchst komplex und hatten kein wirkliches Ziel - war einer dieser Träger-Träume gewesen. Er hatte sich ihm nicht entziehen können, er hatte nur abwarten können. Diese Träume mochte er nicht. Sein Träger schien darauf versessen zu sein, ihm die langweiligsten aller Träume zu präsentieren.
      Aber jetzt wandelte er wieder unter den anderen und diese waren alles andere als langweilig - hier konnte er seine Macht auch wieder ausüben. Hier hatte er ein Schlachtfeld vor sich, das mit dem Grau des Himmels vermischte und dessen Horizont man nicht erkennen konnte, das sich in alle Ewigkeit auszudehnen schien und den Träumenden - und damit auch Morpheus - in eine lähmende Angst versetzte. Hier hatte er eine Stadt, groß und alt und eindrucksvoll, mit Menschen auf den Straßen, die seinen Träumenden - und damit auch Morpheus - ehrfürchtig anstarrten und mit Geschenken nach ihm warfen. Hier hatte er einen Fluss, der mit ihm sprach und dessen Stimme den Träumenden - und damit auch Morpheus - in eine tiefe Traurigkeit versetzte. Hier hatte er eine schnelle Abfolge vieler Szenen hintereinander, die so schnell ineinander übergingen, dass kaum ein paar Worte gewechselt wurden, ehe schon der nächste Hintergrund auftauchte und der Träumende - und damit auch Morpheus - sich einer neuen Menschenfront gegenübersah. Das war sein Gebiet, hier herrschte Morpheus und niemand anderer, auch nicht sein Träger. Hier konnte er das tun, wozu er geschaffen worden war.

      Er hatte den Befehl seines Trägers über seinen Traum-Träger übertragen bekommen und den führte er aus, ohne darüber nachzudenken. Das war seine Aufgabe, Träume zu beeinflussen und damit den Trägertraum zu verändern, auch wenn er manchmal lieber in anderen Träumen gewesen wäre. Aber man konnte schließlich nicht alles haben.
      Er schwamm durch das Meer aus Träumen auf der Suche nach einer Phönixin und lachte sich dabei ins Fäustchen, weil er sich vorstellte, wie er einer Göttin einen Traum einspeisen würde und sie erschrecken würde. Wenn er eines Tages im Olymp wieder aufwachen würde, nahm er sich fest vor, würde er warten, bis die schöne Aphrodite zu Bett gegangen war und würde ihr dann einen Traum schicken, einen bei dem sie sich so sehr erschreckte, dass sie schreiend aufwachen würde. Das würde er tun und sich dabei neben ihr Bett setzen. Vorausgesetzt natürlich, dass Hypnos mitmachen und sie in den Schlaf versetzen würde.
      Aber erst kam eine Phönixin dran und obwohl er sich nicht unmittelbar an eine Phönixin im Olymp erinnern konnte, suchte er doch nach ihr, weil es der Wille des Trägertraums war. Er fand sie auch schnell, sie stach mit ihrem traumlosen Tiefschlaf aus der Menge geradezu heraus wie ein Berg aus der See hervorstach. Gefunden, kleiner Vogel. Er lachte, obwohl er natürlich nicht wirklich lachte, er schlief immerhin.
      Einem Gott einen Traum zu schicken, benötigte viel mehr Feingefühl als einem Menschen. Die Menschen hatten schon alle Grundlagen für einen Traum, alle Gefühle, Erinnerungen, Ängste und unterbewussten Vorstellungen, die sich Morpheus nur greifen und in die Szenerie seines Traumes einweben musste. Bei Göttern war das anders. Götter hatten keine Emotionen, sie hatten auch ein sehr begrenztes Unterbewusstsein und daher musste er hier auf Erinnerungen zurückgreifen und sie ein wenig anpassen, soweit verändern, damit es zu einem schönen, überzeugenden Traum werden würde, die neue Realität des Gottes für die nächsten paar Stunden. Es war nicht schwierig, eine solche Kulisse überhaupt zu basteln, aber es war durchaus schwierig, sie dem Gott als Traum zu präsentieren, ohne das er es mitbekam. Das war die Kunst dahinter, aber Morpheus war bereits Meister in ihr.
    • "Wir werden zusehen, dass ihr mit den nötigesten Ressourcen ausgestattet werdet. Was hier in diesem Saal besprochen worden ist dürfte keinen Weg nach draußen finden. Jedoch sind die Soldaten im Umfeld noch auf höchster Alarmbereitschaft. Das muss ich beibehalten und kann euch demnach nicht gebührend wieder zurück zur Grenze geleiten. Zu auffällig, aber wenn ich mir dein Gesicht so ansehe war das ohnehin dein Vorschlag."
      Firion prostete Zoras mit dem spannenden Wasserbecher zu. Er hatte nach der Schlacht aufgehört, Massen an Alkohol zu trinken mit der Ausrede, es täte seinem Bein nicht gut. Das sorgte dafür, dass der alte Herzog auch in den meisten Fällen noch einen scharfen Verstand besaß, wenn alle anderen Beteiligten bereits betrunken am Tisch lungerten. Ein Vorteil, den er allzu oft ausgenutzt hatte. Eigentlich wäre er der beste Kandidat für den Posten am Thron gedacht. Dass Zoras diese Möglichkeit nicht einmal bedachte, stieß dem Mann doch sauer auf. Das Volk wusste darum, dass der Haushalt Luor den Aufstand angezettelt hatte. Dass dieser Hausstand daran Schuld war, wenn Unruhen mit Restaris ausbrechen sollte. Das Gefüge, dass das Volk diesen Aufstand als Lossprechung betrachtete, war gefährlich schnell gekippt und dann hätten sie erneut ein erzürntes Volk unter einem König. Nein, es wäre klüger gewesen, einen anderen Herzog oder deren Verwandten als König einzusetzen. Dass Zoras nicht soweit geplant hatte war für Firion ein Indiz, dass der Mann noch gar nicht so weit geplant hatte. Dass es ihm womöglich gar nicht darum ging, wer wirklich den Thron bestieg. Nach Feris... nach Feris? Mit keiner Silbe hatte Zoras erwähnt, was mit dem Jungen geschehen sollte, würde der Aufstand gelingen. Ein weiteres Indiz, das einen dunklen Schatten in die leicht gräulichen Augen des Herzog Niligads trieb. Ein zweigleisiges Spiel ließ sich für beide Seiten spielen.

      Es waren drei Tage.
      Drei Tage, in denen Kassandra und Zoras ihre Rückreise in Ruhe antreten konnten. Drei Tage, in denen ihnen eine verhältnismäßig ruhige Nacht vergönnt war. Seitdem sie wussten, auf was sie sich einstellen mussten, hatten sie keinen Kopf mehr dafür, großartige Zärtlichkeiten als das übliche Kuscheln anzufangen. Stattdessen ließ sich die Phönixin während des Tages von dem Herzog genauer bezüglich der Lage Restaris aufklären, um zumindest ein Gefühl zu bekommen wie die Verhältnisse waren. Nachts wartete sie eigentlich nur darauf, dass es endlich los ging. In der dritten Nacht war es dann soweit.
      Kassandra wurde durch Zoras geweckt. Sie waren Arm in Arm eingeschlafen aber im Gegensatz zu ihm war ihr Traum entweder nicht zustande gekommen oder sie war zu früh geweckt worden. Der Mann an ihrer Seite gab Geräusche von sich, die sich nach gedämpften Worten anhörten, seine Miene war zerfurcht und er bewegte sich unentwegt. Alles was Kassandra in diesem Moment tat war sich aufrichten und sanft über seinen Arm zu streicheln. Abwarten bis er von selbst erwachte und ihr etwas berichten konnte. Als er es tat wirkte es wie ein ganz normaler Alptraum. Jener, an den man sich nicht mehr wirklich erinnern konnte sobald man aufwachte. So wussten sie auch nicht, ob es bereits Morpheus Einfluss gewesen war oder nicht.
      In der vierten Nacht traf es dann auch die Phönixin. Sie war sich sicher, eingeschlafen zu sein. Wieder an der Seite des Herzoges. Mitten in der Nacht schlug sie die Augen auf, sah rein gar nichts und hörte Zoras neben sich ruhig atmen. Sie war hellwach, runzelte die Stirn und richtete sich auf. Sie hatte ein ungutes Gefühl, warum ließ sich nicht klar beschreiben. Möglichst unbemerkt schälte sie sich aus der Decke und verließ das Zelt, um in die kalte Nacht hinaus zu treten. Es erwartete sie völlige Stille und Dunkelheit, selbst das kleine Feuer war bereits erloschen. Es dauerte einen Moment bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann entdeckte sie auch den Wagen, das Zelt des Kutschers und die Pferde. Sie schlich zur Feuerstelle, um sich hinzuhocken und mit ihren Fingern durch die Asche zu fahren. Asche, die so schwarz war wie Teile ihrer Seele. Was trieben die anderen Phönixe wohl? Wie viele Götter waren in den Himmel zurückgekehrt, wie viele wahrlich verschwunden? Waren neue entstanden? Was hatte Kassandra alles verpasst in der Zeit, die sie hier verschwendete? Wieso waren -
      Ein Röcheln. Ein gleißender Schmerz, der in ihrer Brust explodierte und sie augenblicklich aufspringen ließ. Sie fuhr herum, sah Bewegung am Zelt von Zoras und sah eine Gestalt flüchten. Ihr wurde sofort anders, Angst und Schmerz fluteten ihren Verstand. Ungelenk hastete sie zurück ins Zelt, riss die Plane zur Seite und mit einem Schnippen entbrannte eine Flamme unterhalb des Giebels. Alles in Kassandras Blickfeld war rot. Jenes dunkelrot, das der Farbe in ihren Augen nicht sehr unähnlich war. Jenes Rot, das zu oft an ihren Händen geklebt hatte. Jenes Rot, das sie etliche Male zu oft gesehen hatte. Kassandra stürzte an Zoras Seite, der röchelnd das Heft eines Dolches umfasst hatte, das aus seiner Brust ragte. Etliche Einstiche fanden sich auf seiner Brust, seinen Bauch, seinen Armen.
      "Nein, nein, nein, nein!", wiederholte sie einem Mantra gleich während sie ihre Hände auf zu wenige der Einstiche presste und das Blut warm zwischen ihren Fingern hervorquellen spürte. Der röchelnde Atem. Der Schmerz, den sie teilten. Die geweiteten Augen, die sich in Panik auf sie richteten und darum flehten, etwas zu tun. Und die langsam emporkriechende Kälte.
      Diese furchtbare, unaufhaltsame Kälte.
      Zoras' Lippen zuckten, bebten, als sie sich teilten und etwas sagen wollten. Seine Lider flatterten, Geräusche kamen über seine Lippen. Dann rutschten seine Hände von dem Heft ab und er verdrehte die Augen. Die Kälte umfing sie, die Angst betäubte sie. Der Schmerz....
      Kassandra schrie. Schweißgebadet schreckte sie an Zoras' Seite in seinem Zelt hoch und riss ihn zeitgleich aus seinem Traum. Ihre Hand zerknüllte den Stoff an ihrer Brust während sie gierig nach Luft keuchte. Sie hyperventilierte, starrte in das Nichts ehe sie sich eines Besseren besann. Sie schreckte herum, schlug Zoras ihre Hände beinahe auf die Brust und riss die Decke von ihnen. Ein Flämmchen ging über ihren Köpfen an, das ständig zwischen gleißend hell und dämmrig hin und her schwankte. Als Kassandra über Zoras' unbeschadeten Körper hinweg sah , um schließlich bei seinem Gesicht anzuhalten und auf seine wachen, wenn auch verwirrten Augen zu stoßen, viel alles von ihr ab. In ihren Augen spiegelte sich Panik und Angst wider - Emotionen, die er bei ihr bislang noch nicht gesehen hatte. Ihr ganzer Körper war erschüttert, ihre Hand zitterte unglaublich als sie sie an sein Gesicht legte als müsse sie sich davon überzeugen, dass er noch warm und lebendig war. Nichts von dem Schmerz war noch da, aber die Kälte lungerte noch in ihr. Weigerte sich, sie freizugeben und bescherte ihr eine Übelkeit sondergleichen. So schlimm sogar, dass sie plötzlich von ihm abließ und hektisch, beinahe kopflos, aus dem Zelt stürzte und es gerade noch aus dem Zelt schaffte, bevor sie sich von ihrer Abendmahlzeit trennte.
      Das war neu für Kassandra.
      Sie gewährte sich gerade einmal ein paar Sekunden. Ein paar Sekunden, in denen sie ihre Augen von Zoras nahm und sich von ihrer Übelkeit befreite. Hastig wischte sie sich den Mund ab und stolperte zurück ins Zelt, wo sich Zoras mittlerweile aufgesetzt hatte und einen Ausdruck zwischen Verwirrung und Sorge zeigte. Noch immer atmete sie schwer als sie vor ihm einfach auf die Knie sank und ihn anstarrte.
      Es geht ihm gut. Es ist nichts passiert. Es hat sich nicht wiederholt. Es war nicht real. Es war... ein Traum.
      "Wir sind in Morpheus' Einflussbereich", brachte sie kratzig hervor. Langsam beruhigte sich ihre Atmung, sie fand wieder richtige Worte obzwar ihre Kehle brannte, ausgelöst durch die Magensäure. Noch immer zeichnete die Panik ihre Spuren auf ihr Gesicht, doch ein neuer Ausdruck mischte sich darunter. "Jetzt bin ich gewarnt."

      Die nächste Nacht war dann die Nacht. Als sich Kassandra mit Zoras hinlegte war sie felsenfest davon überzeugt, Morpheus zu überführen. Wieder schickte er ihr einen schlechten Traum, dieses Mal jedoch nicht von Zoras. Dieses Mal ging es in die Vergangenheit und sie sah sich plötzlich zurückversetzt an den Tempel, den Shukran einst für sie errichtet hatte. Noch hatte sie nicht realisiert, dass es ein Traum war. Vielmehr dachte sie, sie wäre einfach in die Vergangenheit zurückgereist oder erinnerte sich einfach nur besonders lebhaft an damals. Bis zu dem Moment, wo Shukran auftauchte. Kassandra hatte vergessen, wie er ausgesehen hatte. Er besaß seine Stimme, die Art, wie sie sich an ihn erinnerte. Aber seine Gestalt wirkte anders, unbekannter, befremdlicher. Doch sie schob es auf die Tatsache, dass die Zeit zu viel verwischt hatte und vergaß zu hinterfragen, wo sie sich eigentlich befand.
      Bis zu dem Tag an dem Shukran ermordet wurde. Es war, als durchlebte sie den genauen Tag ein zweites Mal. Wie im Wahn betrat sie den Turm, um am Altar Shukran zu finden, dessen Kehle aufgeschlitzt worden war. Wie damals näherte sie sich ihm sachte, berührte seinen leblosen Körper und spürte die Tränen in sich aufsteigen. Sie nahm ihn vom Altar, bettete ihn auf dem Steinboden und setzte sich zu ihm, als es leise klirrte. Aus seiner geschlossenen Hand war etwas kleines gefallen und als sie genauer hinsah entdeckte sie ihr Amulett.
      Stumm starrte die Phönixin es an. Das war nicht richtig. Das Amulett war unlängst geraubt worden als sie ihn fand.
      Das hier ist nicht richtig.
      Achtlos ließ sie ihr Amulett fallen und kämpfte sich auf die Füße. Deswegen erschien ihre erste Liebe ihr so unbekannt. Sie konnte sie wirklich nicht mehr an ihn erinnern und man hatte etwas aus ihren Erinnerungen kreiert, das dem am nächsten kam. Das hier... war Fiktion. Mühsam beruhigte sie ihren Atem, wischte sich die Augen ab und holte tief Luft.
      "MORPHEUS!", schrie sie mit aller Macht und Zorn, der ihr zur Verfügung stand.

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Selbst in dem Gewirr aus Szenen, in der Sinnflut aus Eindrücken und Gefühlen, aus Erinnerungen, die sich über mehrere Ebenen verschachtelten, konnte Morpheus noch immer seinen Namen heraushören, klar und deutlich wie die Spitze eines Pfeils, die sich direkt in sein Gehirn rammte. Er grinste darüber. Wieso auch nicht? Niemand hatte ihm ausdrücklich verboten, selbst an seinen Träumen teilzunehmen.
      Es dauerte nur einen Moment, um sich in die besagte Szenerie zu versetzen, um sich in einem vom Träumer ungesehenen Winkel zu manifestieren und dann hervorzukommen. Für einen Augenblick hatte er die Angst, dass er den Traum verwechselt hätte und im Trägertraum gelandet war, in dem er auf nur eine einzige körperliche Form beschränkt war, aber als er an sich herab blickte, trug er die fremden Kluften einer Zivilisation, der er nie begegnet war. Das lange Gewand wirkte rituell und fiel bis zu seinen Knien hab, spiegelrein und vor Gold geradezu erstrahlend. Er trug auch einen anderen Körper, denn aus den Augenwinkeln sah er lange, gelockte Haare von seinem Kopf und auf seine Schulter fallen. Es funktionierte also alles wie es sollte. Er grinste noch immer.
      Sein Blick landete auf der Träumenden, die er auch in einer Masse aus Lebewesen hätte hervorstechen gesehen. Für ihn bildete sie das Zentrum seines Raums, alles was außerhalb ihrer Sinneseindrücke lag verschwamm zu einer breiigen Masse und würde ihr wohl nie in dieser Form zu Augen kommen. Aber Morpheus sah es. Morpheus konnte alles sehen.
      Die berüchtigte Phönixin war eine menschlich wirkende Frau mit langen, dunklen Haaren und einem Blick, der selbst in ihrem Traum-Selbst eine gefährliche Intensität hatte. Sie war nicht gerade groß und schien unauffällig, wenn man die natürliche Hochnäsigkeit außer Acht lassen wollte, die alle göttlichen Wesen in sich hatten. O ja, jeder hielt sich selbst für den größten, bis Morpheus auftauchte und ihm die dunkelsten Ecken seines Verstandes zeigte.
      Sein Grinsen wurde breiter, als er erkannte, dass sie seine hübsche Welt entlarvt hatte.
      "Ahh. Woran lag es? Das musst du mir schon erklären. Waren es die Wände? Der Boden? Der Himmel?"
      Er kam mit schlendernden Schritten auf sie zu, streckte die Hand dabei aus und strich über die Oberfläche seiner eigenen Kreation.
      "Demeter hat mal zu mir gesagt, dass das Grün der Wiese nicht gestimmt hätte, dadurch wäre sie darauf gekommen. Kannst du dir das vorstellen? Die Farbe des Grases. Hah!"
      Er lachte einmal laut auf, so bellend wie ein Hund. Dann kam er bei Kassandra und der Leiche auf dem Boden an und starrte auf sie hinab.
      "Ist das ein Mensch? Ich sehe das Problem, ich habe dich vermutlich in den falschen Traum geschickt. Das ist mir aber auch noch nicht passiert, das muss ich schon sagen..."


      Zoras wachte in dieser Nacht als erster auf. Es war gar nicht mehr daran zu denken, dass sie jetzt noch entspannte Nächte haben würden und das zeigte sich schon am zweiten Abend. Er hatte von seiner Mutter und von Feris geträumt und er war nicht stolz darauf, wie sehr sein Herz in seiner Brust raste und wie viel Schweiß ihm auf der Stirn stand. Aus dem Nebenzelt kamen die leisen, fernen Geräusche des wimmernden Kutschführers.
      Er wischte sich über die Stirn, schlug die Decke zurück und begriff dann erst das stetig zunehmende Herzpochen. Mit einem Schlag setzte er sich auf und drehte sich zu Kassandra um - aber zu seiner größten Erleichterung lag sie auf ihrer Schlafstätte, die Decke zur Hälfte unter ihren Körper gepresst. Sie rührte sich nicht und als er eine Hand vorsichtig auf ihren Arm legte, konnte er ihre Finger ganz leicht zucken spüren. Sie träumte, aber es schien nicht so schlimm zu sein wie noch am Vorabend.
      Er hatte sich anfangs innerlich geweigert schlafen zu gehen, bis er nicht wusste, dass die Phönixin nicht von einem erneuten Albtraum geplagt würde. Der Anblick ihres aufgelösten Gesichts letzte Nacht, der puren Furcht in ihren Augen, die ihm einen solchen Schrecken einjagten, dass er vollkommen willens gewesen wäre, was auch immer sie in eine solche Angst versetzte mit den bloßen Händen zu erdrosseln, hatte dafür gesorgt, dass er keine Ruhe mehr fand. Er hatte schon letzte Nacht kein Auge mehr zugetan, um die Phönixin in den Armen zu halten, während er ihr zu erklären versuchte, dass Träume äußerst intensiv, aber deswegen noch lange nicht real waren. Sie hatte ihm nicht gestanden, was genau sie gesehen hatte und er hatte sie auch nicht danach gedrängt, aber es hatte dennoch seine Spuren hinterlassen. Er hatte darauf gewartet, dass sie irgendwann wieder eingeschlafen war und selbst dann hatte er sie nicht mehr losgelassen, auch als seine Arme dabei eingeschlafen waren, auch wenn sein Rücken und sein Nacken fürchterlich geschmerzt hatten. Er hatte sie nicht mehr losgelassen und immer, wenn er die Augen geschlossen hatte, hatte er ihren aufgelösten Gesichtsausdruck gesehen, der den Tränen nahe zu sein schien. Es hatte ihm das Herz gebrochen. In Gedanken hatte der Morpheus verflucht und sich bereits überlegt, wie er den Champion eigenhändig mit dem Jenseits bekannt machen könnte.
      Jetzt war er auch noch immer höchst alarmiert, aber Kassandra zuckte nur ein bisschen; nichts wies darauf hin, dass sie einen ähnlich grässlichen Traum hatte wie noch am Vortag. Zoras war durch reine Erschöpfung eingeschlafen und auch jetzt nagte sie sehr rigoros an ihm, als er sich wieder an Kassandra schmiegte, die Decke um sie ein wenig richtete und schließlich den Arm um ihren Oberkörper schloss. Er lag noch lange Momente wach in dem Kampf gegen die Müdigkeit, den er nicht verlieren wollte, um weder Kassandra aus den Augen zu verlieren, noch mit weiteren lebhaften Träumen konfrontiert zu werden, bis er schließlich doch wieder einschlief.
    • Kassandra sah ihn nicht kommen. Sah nicht, wie er sich quasi aus dem Nichts materialisierte und die Worte an sie richtete, noch während sie auf den am Boden liegenden Shukran blickte. Was sollte sie tun, wenn Morpheu sie nicht hörte? Wie lange würde sie in diesem Wachzustand innerhalb eines Traumes gefangen sein? War es sogar möglich, dass er sie bewusst schlafend hielt? War das in dem Spektrum seiner Fähigkeiten?
      Ihr Gedankenkarussel wurde jäh unterbrochen, als sich eine Stimme löste, an die sich Kassandra mehr als gut erinnerte. Sie wirbelte auf dem Absatz herum und wäre beinahe bleich geworden, nur um danach rot anzulaufen. Ihr war klar, dass das breite Grinsen Morpheus geschuldet war, aber der Körper war jener von Ismakhil. Derjenige, der später ihr Amulett in Händen hielt und verantwortlich für Shukrans Tod war. Ihn hatte sie später eigenmächtig erwürgt und es zuckten bereits ihre Finger, als sich ihr Körper zuerst erinnerte.
      "Woran es lag?", wiederholte die Phönixin die Frage mit Eiseskälte in der Stimme. "Logikfehler. Wieso sollte mein Amulett bei einer Leiche liegen? Dann wäre meine Versklavung niemals geschehen. Ich hätte niemals so lange auf dem dreckigen Boden gefesselt zubringen müssen. Ich-" Sie biss sich auf die Zunge und würgte sich dadurch selbst ab.
      Es brachte nichts, sich darüber aufzuregen. Auch Morpheus war bei Weitem nicht so lange auf der Erde wie sie. Er konnte ihr in diesem Aspekt nicht das Wasser reichen. Er hatte keine Ahnung, wie es war als Mensch zu leben. Sich ihrer Wünsche und Begierden zu beugen ob man es wollte oder nicht. Also verharrte sie an Ort und Stelle, die damals reale Leiche des Liebhabers zu ihren Füßen, als Morpheus zu ihr herüber schlenderte. Das Grinsen würde sie ihm zur Not aus dem Gesicht prügeln, doch Vorsicht war geboten. Das hier war sein Spielraum und nicht ihrer.
      Allerdings ballte sie die Fäuste, eine allzu menschliche Geste, als er annahm, sie in einen falschen Traum verfrachtet zu haben. Allein die Art, wie abfällig er über die Kreatur am Boden sprach, selbst wenn sie nur ein Hirngespinst war. Damals war es furchtbar echt gewesen. Furchtbar warm das Blut an ihren Händen und kalt in ihrem Herzen.
      "Das da", zischte sie, unfähig den aufwallenden Zorn völlig zu kaschieren, "war ein Mensch und ich bin absolut richtig hier. Du hast mich in meine Erinnerung zurück verfrachtet. In eine Zeit, in der du nicht einmal einen Fuß auf dem Boden der Erde gesetzt hattest. Dass da war ein Lebewesen, vor dem du die Achtung völlig verloren hast. Aber ich vergaß, du bist ja nur für Träume zuständig. So etwas wichtiges wie das Leben oder der Tod ist dir ja völlig fremd."
      Es ging nicht anders. Sie konnte ihm nicht versönlich gegenübertreten. Nicht, wenn der Hohn aus seiner Stimme triefte und er sich dermaßen erhob. Er kannte nicht die Schattenseiten des Daseins nebst den Menschen. Man nutzt ihn und seine Fähigkeiten, aber irgendwie schien ihm das nicht wirklich aufzufallen. Sie vergaß sogar ihre Höflichkeit beziehungsweise dass ihr Stand eigentlich unter dem eines namenhaften Gottes sein sollte.
      "Wie bist du eigentlich auf die Erde gekommen? Was war der Grund, hm? Oder viel eher, was war dein Preis? Ich habe gehört, deine Hülle sei nichts weiter als ein gebrechliches Konstrukt. Ein Schatten deiner Selbst. Man musste sich rechtfertigen, warum du so erscheinst. So viel zum Thema Ehrfurcht und Bewunderung, denn nichts dergleichen wird dir zu Teil. Wer ist dein Träger, als dass man dich wie eine Puppe vorführen lässt? Kennt er auch keinen Respekt?"

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Morpheus sah mit ernsthaftem Interesse von der Traumleiche auf zu Kassandras Gesicht, die ihn unentwegt anstarrte. Oh sie war wütend, das konnte er erkennen, aber nicht an ihrer aufgeladenen Stimme sondern an dem feinen Riss, der sich in dem Raum bildete und der ihr vermutlich gar nicht auffiel, aber Morpheus ins Auge stach, als würde es ihn blenden. Dies war noch immer sein Raum, seine Kreation, sein Ursprung, aber die Gedanken dahinter lagen ausschließlich bei Kassandra. Sie hatte auch die Macht dazu, ihren Traum zu kontrollieren, auch wenn ihre Kräfte im Gegensatz zu Morpheus' geradezu lächerlich gering waren. Aber im Moment sorgte sie mit ihrer aufwallenden Stimmung dafür, dass das ganze Konstrukt nicht so schön erhalten blieb, wie Morpheus es sich eigentlich vorgestellt hätte.
      "Ein Logikfehler. Ja, richtig."
      Dann erhellte sich seine Miene schlagartig und er strahlte regelrecht, wenn auch nicht zwingend vor Freude.
      "Ach, die Essenz - du bist die Phönixin? Die man auf die Erde verbannt hat? Hah! Das ist ja zu erstaunlich! Das werde ich Hypnos erzählen, wenn ich aufwache, das ist zu gut!"
      Sein Lachen hallte regelrecht von den Wänden wieder. Dann richtete er einen Blick auf Kassandra, mit dem man ein sehr seltenes, sehr exotisches Tier musterte.
      "Das erklärt natürlich auch den Mensch. Wenn ich schon früher gewusst hätte, dass du die Kassandra bist, hätte ich mir etwas anderes ausgedacht - vielleicht die schwarzen Feuer von Mynos? Das hätte ich gerne gesehen, das wäre nicht schlecht gewesen. Aufregender als das hier."
      Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sah dann wieder auf die Leiche hinab, die er mit dem selben Interesse anschaute, das er für einen Tisch aufgebracht hätte. Kassandras Provokation hinterließ nicht mehr als sein sowieso angeheftetes Grinsen.
      "Ich bin durchaus mit den Walküren, mit Hades und mit Charon und ihren ganzen Anhängern vertraut, doch. Ich sehe ihr Werk jede Nacht, zu millionenfach. Wobei ich gestehen muss, dass Hades auch unheimlich langweilige Träume hat. Die Götter haben alle keinen Sinn für Kreativität; sterbliche Träume, das ist es, was richtig funktioniert. Sowas wirst du niemals erleben können, Phönixin, das ist einzigartig. Wahre Meisterwerke."
      Er grinste gedankenverloren in sich hinein, in der Vorstellung an einem zweifellos spannenderen Ort als in diesem Turm, in dem es nichts gab außer den schmuckvollen Altar und die hohen Wände. Dahinter war alles leer und Morpheus ödete es jetzt schon an.
      Dann hob er den Blick und begegnete Kassandras mit unverhohlener Verwirrung.
      "Wie ich auf die Erde gekommen bin? Gar nicht. Wieso sollte ich auf die Erde kommen, was suche ich da, wenn ich doch alles vom Olymp aus erreichen kann?"
      Er stieß einen langgezogenen Seufzer aus, dann umrundete er Kassandra und die Leiche und besah sich das Kunstwerk des Altars.
      "Wobei ich zugeben muss, dass mir das Träumen langsam fade wird. Mir - dem Schöpfer aller Träume! Aber die meisten sind so sterbenslangweilig, so öde, so fad, so schmucklos, so unkreativ, es ist immer dasselbe und dann dasselbe und dann dasselbe, als wäre alles verhext. Im einen Traum bin ich hier, in diesem langweiligen Turm mit einer Leiche, im nächsten bin ich irgendwo am Tee trinken, für Stunden! Und dann die Träume mit den Pferden, ich hasse es zu reiten. Wieso werde ich gezwungen, in meinen eigenen Träumen zu reiten und das für manchmal Tage, wenn nicht Wochen? Es ist furchtbar ätzend."
      Er rollte mit den Augen und drehte sich wieder Kassandra zu.
      "Ich wette es war Hypnos, der mich in irgendeinen Traum gelockt hat und mich jetzt nicht mehr aufwachen lassen will. Zum Teufel mit ihm! Wenn ich ihn in die Finger kriege, werde ich ihm den schlimmsten Albtraum kreieren, den der Göttervater selbst noch nie erlebt hat. Er wird sich wochenlang nicht mehr zu schlafen trauen, das sage ich dir! Dieser Hund."
      Er verschränkte die Arme vor der Brust und irgendwo in seinen Ärmeln klirrte unsichtbarer Schmuck. Das war schon ein gründlicher Traum, das musste er schon sagen.
      "Also, was willst du von mir? Möchtest du mich anbetteln, die Träume sein zu lassen? Versuch das mal, vielleicht gefällt's mir ja."
      Seine Augen blitzten auf, sein Grinsen war wieder da.
    • Die Phönixin.
      Seit wann besaß Kassandra einen Titel? Seit wann interessierte es namenhafte Götter, was mit kleinen Einheiten wie ihresgleichen geschah? Sie konnte doch nach all der Zeit unmöglich die Einzige sein, die wahrlich aus der Götterbene verstoßen worden war. Das durfte nicht sein. Allerdings stutzte sie einen Herzschlang lang. Er hatte noch Kontakt zu Hypnos? War auch Hypnos auf Erden angelangt?
      "Aufregender als das hier? Bestimmt. Schon verständlich, dass ein Standbild mit einer Leiche und einem schmucklosen geschlossenem Raum eher langweilig für dich erscheint", erwiderte Kassandra giftig und verschränkte die Arme.
      Standbild hatte sie gerade gesagt... Stimmt. Als sie damals Shukrans Leiche fand hatte es nur Minuten gedauert bis Ismakhil und seine Schläger aufgetaucht waren und triumphierend mit dem Amulett vor ihrem Gesicht gewedelt hatten. Nichts dergleichen war geschehen. Als war die Zeit wirklich angehalten. Warum?
      "Nur weil du die Arbeit anderer kennst bedeutet es noch lange nicht, dass du Achtung erfährst." Sie spuckte die Worte regelrecht vor seine Füße. Sekündlich gewann die Wut Oberhand. Sie hatte vergessen, wie eingebildet die meisten Götter waren. Wie eitel sie einst auch gewesen war. Das so deutlich vor Augen geführt zu bekommen widerte sie unglaublich an. "Ich kann zwar nicht träumen wie die Menschen, dafür habe ich mehr Ereignisse überlebt als alle zusammen. Ich will gar nicht erleben, was sie träumen. Das meiste Grauen ist mir bereits widerfahren."
      Er befand die Feuer als spannend. Er befand etwas als spannend, das so gewalttätig und grässlich war, als spannend. Der Tod tangierte ihn nicht. Das Leid, das mit ihm einherging, interessierte ihn nicht. Das war eine seltsame Gewichtung von Interesse, die Kassandra nicht greifen konnte. Es entzog sich einfach ihrem Verständnis. Noch perplexer wurde sie jedoch als Morpheus ihr mitteilte, dass er in seinen Augen den Olymp nicht verlassen hatte.
      Dieser Gott war desorientiert. Wie war das geschehen? Seine weiteren Berichte verstärkten den Eindruck. Das, was dieser Gott ihr gerade beschrieb klang verdächtig nach einfachen Tätigkeiten in der Wirklichkeit. Das ominöse Teetrinken, wenn sein Träger und er irgendwo auf Besuch waren. Stundenlange Verhandlungsgespräche. Die Reise, die auf den Rücken von Pferden ausgetragen wurde oder maximal Wagen, von denen er jedoch nicht sprach. Mit jeder Silbe dämmerte es Kassandra, dass dieser Gott wahrlich desorientiert war. Er hatte nicht verstanden, dass er auf der Erde angekommen war. Er konnte es nicht trennen. Wie nahm er dann die Zeit im Wachzustand wahr, wenn er über keinerlei Macht verfügte? Moment - er verfügte im Wachzustand über keinerlei Macht!
      "Also, was willst du von mir? Möchtest du mich anbetteln, die Träume sein zu lassen? Versuch das mal, vielleicht gefällt's mir ja."
      Etwas schnappte in Kassandra. Ihre Finger gruben sich in ihre Oberarme, einzig und allein in der Hoffnung nicht ausfällig zu werden. Ihr Zorn begann Wellen zu schlagen, der die Grundfeste des Traumkonstruktes erschütterte, ohne dass sie es wirklich merkte. Dieses Mal war sie keine abgeschwächte Version ihrer Selbst. Sie war so nah dran an ihrer wahren Macht wie es nur ging. Zwar hatte sie keinen Legendennamen, aber überirdisch war sie dennoch.
      "Seit wann begibt sich ein Phönix auf die Knie?", fragte sie schneidend, der Zorn färbte ihre Stimme scharf wie Glasscherben. Sie bewegte sich nicht, einzig und allein ihre Augen glühten auf und ihre Aura brachte die Umgebung zum Flirren. Damals hatte sie diese Macht nicht besessen, nicht nachdem ihr Amulett so schnell weitergereicht wurde. Es war wider dieses Konstruktes und ohne dass sie es wusste, brachte sie ihren eigenen Traum zum Einbrechen. Ihre Erinnerung konnte sich nicht der Vorstellung beugen, wie es gelaufen wäre, wenn sie ihre Macht besessen hätte. Also brach das Trugbild, wurde schwarz und riss Fragmente ihrer Umgebung mit sich. "Dich amüsiert also der menschliche Traum, ja? Menschliche Alpträume um genau zu sein? Ja, die Schwarzen Feuer mögen wohl genau das sein, das, was du als spannend bezeichnen würdest. Ich war der Teufel mit Flügeln für die Menschen bevor ich sie zu Asche verwandelt habe. Aber das ist nur ein kleiner Teil vor dem sich die Menschen fürchten."
      Kassandra wusste, dass Morpheus keine Bande auf Erden hatte. Er befand sich in seiner Wahrnehmung schließlich gar nicht hier. Er hegte keine Sympathie für Menschen oder weltliche Belange, er war von seiner Einstellung her immer noch vollends Gott. Das, was er interessant fand, waren die Emotionen der Menschen. Das, was Götter nicht fühlen würden. Fühlen durfte. Und genau das hatte Kassandra über Jahrhunderte immer wieder durchlebt.
      Die Phönixin ließ die Arme sinken und wandte sich Morpheus frontal zu. Die Erscheinung aus ihrer Erinnerung verblasste und Morpheus nahm eine Gestalt an, in der er sich selbst wahrnahm. Für Kassandra war er nebelig, diffus, schwer zu beschreiben. Aber sein Gesicht war eindeutig erkennbar. Ihre Miene war steif angesichts dessen, was sich in ihrem Kopf abspielte. Sie würde nicht betteln - sie würde ihn in seinem eigenen Spiel schlagen.
      Sie standen sich vielleicht drei Meter entfernt gegenüber, als die Schwärze sich auflöste. Sie wich einem hellem Ort, die Sonne brannte vom Himmel. Ein Stimmengewirr brach über sie herein und eine Menschenmenge begann sich um sie herum zu bilden. Morpheus und Kassandra standen auf einem hölzernen Podest, umringt von einer Schar schreiender Menschen. Man erkannte eine Stadt um sie herum, Gebäude aus Sandstein, während es unheimlich heiß und trocken war. Während Kassandra den Gott anstarrte und sich genau an jene Erinnerung von damals erinnerte, hielt sie ihn eiskalt fixiert und zwängte den Gott in eine Spiegelhaltung. Im nächsten AUgenblick ruckte Kassandras Körper, gezogen von schweren Ketten an ihren Handgelenken, nach unten auf die Knie. Morpheus ihr gegenüber tat es ihr gleich. Ein schwerer Stahlring lag um ihren dünnen Hals, der Gleiche erschien bei ihm. Sie trug nur lumpige Stofffetzen, ihre Haut war übersäht von Dreck und ihre Haare ein einziges Chaos. Ihre Arme waren zu den Seiten ausgestreckt wie in einer anbetenden Position unter den Augen einer Meute von Menschen, die alle unverständliche Worte schrien. Noch immer war Kassandras Blick starr auf den Gott gerichtet.
      "Weißt du eigentlich was es bedeutet, in den Reihen der Menschen zu wandeln? Was Schmerz und Angst wirklich bedeutet?"
      Zu ihrer Seite kam ein Mann das Podest empor. Er trug ein Stahleisen in seiner Hand, die Spitze glühte tausende Grad hell. Wie eine Schattengestalt begleitete ihn ein zweiter Mann mit demgleichen Stahl. Alles, was der Mann nun Kassandra antat, wurde Morpheus in gleichem Maße beschert. Der Blick der Phönixin hob sich, sah dem Mann stoisch ins Gesicht. Er trug eine Maske aus Stoff, sie sah lediglich seine Augen, die mit Schadenfreude erfüllt waren. Mit seinem Fuß schob er die Lumpen von ihrem Oberschenkel fort, nur um ihr süffisant langsam das brennende Eisen auf die Haut zu drücken.
      Wie damals schrie Kassandra. Schmerz war damals etwas, das ihr nicht bekannt war. Diese gleißende Empfindung vermochte es, den ganzen Verstand lahmzulegen, rationales Denken auszuschalten. Wenn es das war, was Morpheus spannend fand, dann sollte er das Gleiche spüren wie sie. Die Menge um sie herum johlte auf, begeistert von ihrem Schmerzensschrei. Dann, endlich, entfernte das Eisen, das Brandmal dieses Volkes für Sklaven, und zog eine dreckige Klinge hervor. Er wandte sich der Meute zu, brüllte ihnen etwas zu, heizte die Menschen nur noch weiter an. Die Blutlust war bis auf das Podest zu spüren, wie sich die Menschen daran ergötzten, einen Gott zu unterjochen. Frust, Wut und Verzweiflung kochten in Kassandra auf. Sie wehrte sich nicht gegen diese Emotionen, stritt sie nicht ab. Nein - sie betonte, untermalte sie noch. Bewusst erinnerte sie sich daran, zwängte jede einzelne Regung dem Gott der Träume auf. Die Demütigung, die ihr widerfahren war wenn sie doch wusste, dass sie alles hier mit einem Schnipp vernichten konnte.
      Mit verzerrtem Gesicht hob sie abermals ihren Blick als der Kerl sich mit dem Messer zu ihr beugte und ihr die Spitze an die Wange legte. "Bluten Götter genauso wie wir Menschen?"
      "Überzeug dich selbst, Mensch."
      Er grinste bestialisch als er ihr die Wange aufschlitzte und ihr Kinn grob zur Seite drehte, damit die Menge es sah. Das Publikum tobte als der Mann verkündete: "Götter bluten wie wir Menschen! Was blutet, kann auch sterben!"
      Das war der Moment in dem Kassandra realisierte, dass sie hier auf diesem Podest hingerichtet werden würde. Dass man es zelebrieren würde, wie sie starb, wie das Leben aus ihren Augen wich, dass es niemanden gab, der sie retten würde. Nichts in dieser Welt würde sie unter normalen Umständen aus dieser Lage retten.
      "Findest du das spannend, Morpheus?!", schrie Kassandra, als man die Klinge an ihre Kehle legte und sie die Augen zusammenkniff.
      Dann brach das Trugbild erneut in sich zusammen. Sie fielen, der Boden unter ihren Füßen war verschwunden. Wind, der gar nicht da sein sollte, rauschte um sie herum als sie mit halsbrecherischer Geschwindigkeit ins Nichts fielen.
      Dann kam der Boden.
      Sie schlugen nicht auf, der Einschlag blieb aus. Als Kassandra die Augen öffente, waren Holzbretter unter ihren Händen und Beinen. Sie war noch immer auf allen Vieren, aber ein warmer Wind und feuchte Luft umspielten sie. Urwaldgeräusche umfingen sie und als sie den Blick hob fand sie sich in den Regenwäldern wieder. Auf dem höchsten Konstrukt des Waldvolkes, das sie verehrt hatte. Mehrere Dutzend Meter über dem Boden auf einem der höchsten Bäume des Waldes. Von hier aus ging ihr Blick über endloses Grün, die Sonne stand hoch am Himmel und schien auf sie beide hinab.
      Kassandra schnaufte. Träume waren furchtbar, beschloss sie gedanklich und fragte sich, wann es je aufhörte. Ob es denn aufhörte. Wieviele Erinnerungen sie noch durchleben musste. Ihr gegenüber kam auch Morpheus wieder auf die Beine. "Ich will, dass du dich nicht in die Bemühungen Theriss' einmischst. Lass die Menschen in Ruhe, konzentrier dich meinetwegen auf mich. Aber lass dem Schicksal seinen Lauf sonst werde ich dich ausfindig machen und dafür Sorge tragen, dass deine nächste Erfahrung nicht in meinem Traum stattfindet", stieß sie hervor.

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der Riss verstärkte sich.
      Es war ein deutlicher Einschnitt in den Grundfesten des Raums, eine Stelle, in der die wesentliche Quelle der Szenerie fehlte: Das Unterbewusstsein des Träumers. Morpheus konnte sie nicht ausfüllen, nicht wenn die Szenerie nebenher noch bestehen blieb, wenn der Rest des Raumes noch von der Phönixin speiste. Er hätte eine neue Kulisse schaffen können, aber das war ungeschickt, wenn der Träumer dabei bei vollem Bewusstsein war. Was war er, ein Laie? Ganz sicher nicht.
      Aber der Riss wurde nicht weniger. Morpheus starrte ihn an, ein Punkt außerhalb Kassandras Blickfeld, der so tiefschwarz war wie das Antlitz des Todes. Er wurde größer. Morpheus wurde ein bisschen nervös.
      Sein Blick fiel wieder auf die Phönixin, bei der kaum noch etwas von ihrem vom Traum beeinflussten Trübsal übrig geblieben war. Sie plusterte sich geradezu auf, ein Feuervogel, der die Brust herausreckte und anfing seine Schwingen zu entfalten, um möglichst groß und möglichst furchteinflößend zu erscheinen. Wäre sie im Olymp gewesen - in seinem Teil des Olymps - hätte er sich womöglich tatsächlich ein wenig vor ihrer Macht gedrückt, vor der so offensichtlich starken Aura, die sie binnen Sekunden umgab. Vielleicht hätte er sich sogar für den Traum entschuldigt - vielleicht. Aber die Phönixin war nicht in seinem Olymp und außerdem war sie sogar noch auf einer ganz anderen Welt, auf der Erde, wo sie ihm keinerlei anhaben konnte. Er richtete sich auch ein wenig auf, reckte den Kopf empor. Das hier war seine Welt, sie konnte ihm nichts anhaben.
      "Vielleicht solltest du mir ein bisschen mehr Respekt zeigen, Vogel. Ich kann dir schließlich auch weitaus mehr zeigen als so einen langweiligen-"
      Seine Worte wurden abgeschnitten als ein Ruck durch den Raum ging, der Kassandra nicht auffiel, weil sie selbst davon betroffen war; der Morpheus aber erst recht auffiel, weil er das große Ganze sehen konnte. Unter dem Boden löste der Boden sich auf, die Wände hinter den Wänden fielen in sich zusammen. Die breiige Masse undeutlicher Schemen, die hinter den Begrenzungen des Raumes waberten, breitete sich aus und verformte sich - ohne sämtliches Zutun von Morpheus. Er starrte darauf mit einer Mischung aus Schrecken und Empörung, während sich die Veränderung ausbreitete und jetzt auch die sichtbaren Grenzen des Raumes erfasste. Die hohen Wände lösten sich auf. Der Boden veränderte seine Farbe. Der Altar verschwand und Morpheus, der sich dagegen gelehnt hatte, stolperte nach hinten, ehe er die Hand vor Augen hielt. Er war nicht mehr im Körper des Traums, er war in seiner eigenen Traumgestalt, mit der er durch die einzelnen Träume glitt. Das sollte eigentlich nicht möglich sein. Nichts davon sollte eigentlich möglich sein.
      Der Ort veränderte sich, so schnell, als ob es Morpheus' eigener Wille gewesen wäre. Er ließ sich in einer Mischung aus perverser Faszination und absoluter Empörung fangen, die ihn zum einen an Ort und Stelle hielt, damit er beobachten konnte, was vor sich ging, und ihn zum anderen wegzerren wollte, damit er dieser aufmüpfigen Phönixin zeigte, dass er ihren Traum wirklich zur Hölle werden lassen konnte. Schließlich siegte das Gleichgewicht dieser beiden Faktoren und er starrte nur, während sich die Szenerie um sie herum bildete.
      Sie waren an irgendeinem anderen Ort auf der Erde, umringt von lebendigen Sterblichen. Sie wurden von materiellen Dingen gefesselt und Morpheus richtete jetzt einen interessierten Blick auf die Phönixin. Das hier war schon eher nach seinem Geschmack. Er wurde zwar auch in die Knie gezwängt, die Ketten schnitten in nicht-existierendes Fleisch und schmerzten als Spiegeleindruck der Träumerin, aber das war es ja schließlich auch: Nur ein Traum. Er war noch immer Herr der Lage, er wollte nur sehen, was sonst noch passierte. Das war viel besser als eine reglose Leiche in einem Turm.
      Die Phönixin sprach zu ihm und für einen kurzen Moment verspürte er so etwas wie Respekt, wie ruhig die Göttin noch war. Das hier entsprang ihrem Unterbewusstsein und er war sich ziemlich sicher, dass eine Phönixin kaum so dreckige Gelüste hatte, um sich an so eine Szene mit Freuden zu erinnern. Trotzdem ließ sie sich von ihrer Umgebung nicht abschrecken. Morpheus neigte den Kopf und lauschte ihr interessiert.
      Ein Mensch kam und stellte sich neben ihr auf. Er schob die Leinen von ihrem Bein und Morpheus spürte dasselbe. Das brennende Eisen drückte sich langsam auf seine Haut und Phönixin sowie Traumgott schrien gleichermaßen auf.
      "Au! Verflucht, scher dich zum Teufel du widerwärtige Kreatur!"
      Er richtete den Blick auf den Mann neben sich und schnippte mit den Fingern. Der Mann löste sich in Nichts auf.
      ... Bevor er eine Sekunde später wieder auftauchte, als wäre nichts gewesen.
      Morpheus' Augen wurden groß.
      "Was...?"
      Der Schmerz, der mit dieser Handlung einherging, verblasste nicht. Er verstärkte sich nur noch und jetzt drückte Morpheus sich gegen die Ketten, um dem Phantomeindruck zu entgehen. Es war unangenehm. Es war richtig, richtig unangenehm.
      Die Emotionen der Träumerin überschwemmten ihn. Er konnte sie nicht abstellen, er war nicht mehr distanziert, er war kein Teil der Szenerie mehr sondern ein Teil der Träumenden. Panik überwältigte ihn. Der Schmerz war gewaltig, allesergreifend. Frust, Scham, Trauer zogen in ihm hoch. Die Ketten waren zu eng, sein Körper schmerzte. Er fühlte sich dreckig. Er fühlte sich menschlich.
      Ein neuer Schmerz entflammte auf seiner Wange und durch das Getöse der sterblichen Stimmen, konnte er die Stimme von Kassandra geradezu glasklar heraushören. Er richtete den Blick wieder auf sie. Alles, was er noch richtig denken konnte war, dass er hier raus wollte.
      Jetzt endlich, endlich überstieg sein Einfluss den der Träumenden und die Szenerie löste sich auf, bevor sie ins Nichts hineinfielen. Morpheus spürte seinen Körper aus dem Unterbewusstsein der Träumerin herausgeworfen zu werden und er ballte seine urgegebene Macht, damit er nicht in das Nichts des Traummeers hinausgeschleudert wurde. Ein neuer Traum bildete sich zu seinen Füßen, ein leeres Konstrukt, das augenblicklich von Kassandras Unterbewusstsein gefüttert wurde. Sie kamen hart darin auf, so hart, dass der Traumgott für einen Moment meinte, noch die Phantomschmerzen des vorherigen Traumes zu spüren. Er richtete sich auf, alarmiert, wild geworden. Eine grüne Wildnis umgab sie und von Sterblichen war keine Spur - eine nicht geringe Erleichterung.
      Die Phönixin war noch immer da. Binnen eines Herzschlags beschloss Morpheus, dass er sie bis aufs Knochenmark nicht ausstehen konnte.
      "Was fällt dir ein!", tobte er und stampfte mit einem Fuß auf, was die ganze Traumwelt zum erschüttern brachte. Die hohen Bäume wackelten und ächzten.
      "Wie kannst du es nur wagen du großmäuliger Vogel! Mich, Morpheus zu verletzen! Ich werde es dich noch bereuen lassen, meinen eigenen Traum zu beeinflussen! Meine Kreation! Hast du begriffen, wem du hier gegenüberstehst?! Ich werde dir die Nacht zur Hölle machen, wart's nur ab! Wenn wir uns wiedersehen wirst du gefälligst auf den Knien rutschen und um Vergebung betteln du dreckiges Stück! Du Kreatur der Unterwelt! Ich werde dafür sorge tragen, dass du keinen Fuß mehr auf den Olymp setzt!"
      Dann löste er sich auf und mit ihm zerbrachen sämtliche Traumeindrücke, verschwanden im Nichts und hinterließen keinerlei Sinneseindrücke mehr.

      Als er aufwachte, schnappte er nach Luft und setzte sich ruckartig auf. Für einen kurzen Augenblick dachte er, er wäre zurück im Olymp und hätte es endlich geschafft, wahrhaftig aufzuwachen, aber da stieß er mit dem Kopf gegen einen Körper und realisierte erst, dass einige Gestalten um ihn herum standen. Jemand sagte seinen Namen, sehr laut und deutlich und da begriff er, dass es doch wieder nur ein anderer Traum war. Er stöhnte gestreckt und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
      "Morpheus!"
      "Ja doch! Wer? Wo ist er?"
      Er machte mit der Hand eine Wischbewegung, um alle Statisten bis auf den Träumer zu entfernen, der ihn ja so offensichtlich zu ihm gerufen hatte. Aber sie ließen sich nicht entfernen. Für einen Moment dachte er voller Panik, dass er hier nun auch die Kontrolle verloren hätte, aber dann fiel ihm auf, dass es nur der Trägertraum war. Ein bekanntes Gesicht schob sich in sein Blickfeld, das Gesicht der Figur, die schon in dem Traum mit dem Kindskönig bei ihm war.
      "Was war? Was ist passiert?"
      Morpheus stöhnte erneut. Er hatte keine Lust auf unschlüssige Traumgespräche.
      "Morpheus!"
      "Sei still, verflucht!"
      Ein Gefühl legte sich auf ihn, wie eine Klammer um seinen Geist, die daran wie an Fäden zog. Er klappte den Mund zu. Er hob den Blick. Kerzenschein erhellte den geräumigen Raum, der wie ein Zelt aussah und im Licht konnte er bekannte Gesichter sehen - nicht die vom Olymp, aber die von anderen Träumen. Das direkt vor ihm war die Inkarnation seines Trägers, das begriff er jetzt endlich, während die Klammer um seinen Geist weiter an ihm zog. Ein Trägertraum halt. Ein furchtbarer, ätzender, nicht enden wollender Trägertraum.
      "Was ist passiert?"
      Der Traummensch betonte jetzt jede einzelne Silbe. Sie schlugen in Morpheus Gehirn ein und entlockten ihm Antworten, die er gar nicht bewusst gewillt war zu geben.
      "Sie hat meinen Traum verändert. Sie hat die Kontrolle übernommen. Sie ist stark genug, um den Traum zu beherrschen."
      Einige der Anwesenden wandten sich einander zu, flüsterten. Einige gingen nach draußen, verließen die Szenerie. Der Träger nickte.
      "Sie hat den Traum beherrscht?"
      "Sie hat mich festgehalten."
      "Sie ist stark genug, sowas zu tun?"
      "Sie ist eine Phönixin."
      Der Mensch nickte, als würde das alle Fragen beantworten.
      "Das reicht für heute. Schlaf weiter, Morpheus."
      Sein Körper legte sich wieder hin. Seine Augen schlossen sich. Er wollte sich beschweren, dass er keine Lust mehr auf Träume hatte, dass er aufwachen wollte, dass er zurück im Olymp sein und Aphrodite vergöttern wollte, aber das war der Trägertraum und der Trägertraum übte seine Kontrolle über ihn aus. Er versank zurück in seinem Traummeer, aber dieses Mal hielt er sich weit entfernt von dem Unterbewusstsein des Phönixes.
    • Als Kassandra schlussendlich die Augen aufschlug stahlen sich die ersten Sonnenstrahlen gerade über die Lande und tauchten das Zeltinnere in dämmriges Licht. An ihrer Seite lag noch immer Zoras, der nur so leicht schlief, dass er bei ihrem Aufsetzen ebenfalls erwachte. Die Phönixin atemte einmal tief durch, ihr kompletter Körper war klamm vom Nachtschweiß. Sie hatte sich erfolgreich mit Morpheus angelegt und ihn in seinem eigenen Spiel ein Stück weit geschlagen. Also fielen Götter ebenso wie mythische Kreaturen.
      Sie drehte sich zu Zoras, der sie träge anblinzelte. Mit sanften Fingern strich sie über seine Stirn, glitt in seine Haare und ergötzte sich einfach nur an diesem einfachen Anblick. Dass er noch da war. Dass er noch lebte. Dass Träumereien keine Wirklichkeit waren. "Morpheus hat es erneut versucht - und ist gescheitert."
      Eine Hand stützte sie neben seinem Kopf ab als sie sich zu ihm beugte, um ihm einen sanften Kuss zu geben. Einfach nur um das Gefühl von Wärme, von Leben zu bekommen. Träume waren grausam, dessen war sie sich nun bewusst. Machte es sie ein Stück weit menschlicher, nun, da sie wusste was Träume waren?
      "Ich konnte seinen Einfluss über meine Traumwelten brechen. Er ist definitiv nicht allmächtig, wenn ich dazu in der Lage bin. Ich würde sogar vermuten, dass ich ihn zeitweise festsetzen könnte. Allerdings meidet er nun meine Träume, wie es scheint. Eine wütende Phönixin scheint doch einen gewissen Eindruck zu hinterlassen." Sie schmunzelte, aber ihre Stimme klang müde, langsam und träge. Ewig würde sie diese Nächte nicht aushalten können. Ewig würden Zoras' Streitkräfte es nicht aushalten können. Also mussten sie Morpheus schnell genug Einhalt gebieten, nur die Herangehensweise war dabei fraglich.
      "Er realisiert nicht, dass er auf Erden wandelt", teilte sie ihre Erkenntnis ihrem Träger mit. "Er denkt, er sei noch immer im Olymp und wird von Hypnos manipuliert. Ich schätze, er sieht all das, was in der Realität geschieht, als einen weiteren Traum an, den er nicht wirklich beeinflussen kann. Wobei er da eigentlich stutzig werden müsste. Er ist schließlich der Gott der Träume, da sollte niemand in der Lage sein sich gegen seinen Willen zu stellen." Sie zuckte mit den Schultern.
      Morpheus hatte betroffen reagiert. Was als belanglose und vielleicht sogar interessierte Unterhaltung begonnen hatte, hatte sich binnen Sekunden in einen Alptraum für ihn gewandelt. Sie hatte recht in der Annahme, dass er sich mit menschlichen Gefühlen und Gedanken nicht beschäftigt hatte. Dass niemand so nah an die Menschlichkeit selbst heranreichte wie Kassandra. Das war ein Vorteil, den sie ausnutzen würde. Wenn diese Erinnerung schon ausgereicht hatte, um ihn zeitweise zu unterwerfen, dann würde sie auf ihr volles Repertoire zurückgreifen. Jahrtausende an Schinderei lagen zusammengeführt in ihrem Geist und warteten nur darauf, eingesetzt zu werden. Vielleicht, ganz vielleicht, war es möglich, den Verstand eines Gottes zu brechen. Eine Option, die sie bisher nicht erwägt hatte.
      "Ich denke immer noch, dass ich nicht an seine physische Gestalt kommen kann ohne direkte Antwort von Restaris zu provozieren. Ich muss ihn also entweder überzeugen sein Handeln einzustellen, was angesichts meines Traumes wohl nicht mehr funktionieren wird. Oder versuchen ihn zu unterjochen, ihn in seiner eigenen Welt zu brechen."

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras war sofort hellwach, als Kassandra sich neben ihm rührte. Er schlug die Augen auf und drehte sich auf den Rücken, bereit dazu die Phönixin zu beruhigen, nach was auch immer sie geträumt haben mochte.
      Aber sie blieb ruhig, als sie sich aufsetzte. Die Strapazen der Nacht waren ihr deutlich anzusehen und Zoras ließ sich von Mitleid überschwemmen. Sie hatte nicht verdient, dass sie jetzt auch noch in ihrem Schlaf heimgesucht wurde, es reichte doch eigentlich schon aus, dass er sie in die ganze Sache überhaupt reingezogen hatte. Er ließ sich die Stirn von ihr streicheln, streckte den Arm nach ihr aus. Mittlerweile verstand sie die Geste schon instinktiv und neigte sich für einen Kuss zu ihm hinab. Ihre Lippen waren voller Sanftmut und Zärtlichkeit, ein Pflaster für seine Seele. Er schlang den Arm um ihren Körper und zog sie auf sich, empfing die Wärme, die sie wie sonst schon ausstrahlte.
      "Hast du ihn konfrontiert?"
      Sie beantwortete ihm die Frage, während er sie beobachtete. Sie hatte einen gewissen Einfluss auf Morpheus gehabt, einen erfolgreichen noch dazu. Ob das etwas an ihrer Lage ändern würde? Er bezweifelte es zusehends - nicht, nachdem erst zwei Nächte vergangen waren, nachdem sie beide schon kaum Schlaf gefunden hatten. Dabei waren sie noch nicht einmal Zuhause, dabei waren sie noch nicht einmal auf dem Weg zur Schlacht, dabei steckten sie noch in den Vorbereitungen selbst und doch hatte Morpheus schon erreicht, was er erreichen wollte. Zoras war erschöpft und müde, Kassandra wirkte träge. Wie lange würden sie das durchhalten können? Konnte man sich an so wenig Schlaf gewöhnen? Konnte man sich daran gewöhnen, jede Nacht mit Herzrasen aufzuwachen, wenn der Körper die Stunden eigentlich nutzen sollte um sich auszuruhen?
      Zoras nickte langsam, während er sein Gehirn anstrengte. Womöglich lag es am noch frühen Morgen, dass es ihm so schwer fiel, viel wahrscheinlicher war es allerdings, dass der wenige Schlaf schon seinen Tribut forderte.
      "Wir können nicht an seinen Körper kommen, ohne eine Katastrophe zu provozieren. Vielleicht können wir ihn dazu bringen, seine Träume abzuändern? Wenn er nicht weiß, dass er hier ist; wenn er denkt, dass alles ein Traum ist, dann werden wir ihn doch irgendwie manipulieren können. Ihm einreden, seine Träume umzulenken? Sie anders aufzubauen? Wie tut er das, was ihm aufgetragen wird, wenn er denkt, dass alles nur ein Traum ist? Müsste er da nicht seinen freien Willen verfolgen?"
      Er kam auf keine Antwort, egal wie sehr er sich dazu anstrengte. Seine Glieder waren schwer, aber wenn er wieder einschlief, würde er mit dem nächsten Traum konfrontiert werden. Er wollte keine Träume mehr sehen, die wenigen aus dieser und letzter Nacht waren ihm schon genug.
      Sein Blick landete wieder forschend auf Kassandra.
      "... Was hast du letzte Nacht geträumt, Kassandra? Was hat er dir gezeigt?"
    • "Es gibt im Endeffekt zwei Optionen, die ich versuchen kann. Erstens, ich versuche ihn dahingehend zu manipulieren, dass er einen Einfluss nicht mehr auf die Menschen in Theriss auswirkt. Das wäre schlauer als wenn wir davon ausgehen, dass er gezielt eine Menschengruppe auswählen kann. Gerade als gebannter Gott verfügt er nicht über seine vollkommene Macht. Zweitens gäbe es die Möglichkeit, ihm begreiflich zu machen, dass er sich wirklich auf Erden befindet. Ihm klar zu machen, dass er seiner Fähigkeiten beraubt worden ist und dass sein einstiger Traum nun die Realität ist. Beide Varianten sind schwierig zu erreichen aber nicht unmöglich."
      Kassandra lag inzwischen zur Gänze auf Zoras und unter seiner Decke. Er hatte die Beine geöffnet, sodass sie dazwischen Platz finden konnte und mit ihrem Oberkörper auf seinem lag. Während sie sprach hatte sie den das Gesicht in an seiner Halsbeuge vergraben und die Augen geschlossen. Es bestand natürlich auch noch die Möglichkeit, dass Morpheus sie von nun an verschonte. Oder sie doch weiter träumen ließ und einfach nicht auf ihre Rufe reagierte. Was widerum neue Wege für Kassandra eröffnete. Es gab Methoden, wie sie längere Zeit ihrem Körper untersagen konnte, zu schlafen. Lösung des Problems war es jedoch nicht.
      Unter ihr verlor Zoras' Körper spürbar an Spannung. Wenn er es zuließ würde er wieder in einen Dämmerzustand abdriften, selbst mit der Phönixin auf seiner Brust. Jedoch ging Bewegung durch seine Schulter als er den Kopf bewegte, vermutlich um sie anzusehen. Kassandra rutschte ein wenig zurück, verschränkte die Arme auf seiner Brust und legte ihr Kinn auf ihren Unterarmen ab. So konnte sie ihn vollkommen im Blick halten wohingegen er nur spärliche Eindrücke von ihr bekam, wollte er seinen Nacken nicht verrenken.
      "Ist es nicht irrelevant, was er mir gezeigt hat? Zugegeben, ich war überrascht wie real sich Träume anfühlen." Sie dachte an die vergangene Nacht zurück und wollte eigentlich kein weiteres Wort darüber verlieren. Es war nicht echt gewesen. Nur die Angst dahinter war es. "Er kann mir nur abgewandelte Szenarien aus meiner Vergangenheit zeigen. Ich fürchte, unser Bewusstsein ist nicht so... kreativ wie das eines Menschen." Weit entfernt hallten Morpheus' Worte nach wie er nur die Träume der Menschen spannend fand. Wie beide Träume lediglich etwas gezeigt hatten, das ihr in abgewandelter Form bereits widerfahren war. Sollte sie dem Herzog berichten was es war, würde es kein schlechtes Licht auf sie werfen. Doch ständig ihm vorzuhalten, wie viele schreckliche Erfahrungen sie bereits gemacht hatte, war nicht das was sie gewollt hatte.
      "Es war ein Szenario gewesen wie es sich hier hätte zutragen können. Ich bin hier im Zelt aufgewacht und kurz nach draußen gegangen. Frag mich nicht, wieso. Dann habe ich ein Geräusch gehört, eine Silhouette aus dem Zelt fliehen sehen. Ich bin zurückgestürzt und fand dich mit einem Dolch in der Brust und zahlreichen Stichwunden am Boden vor. Du bist in meinen Armen gestorben, diese.... Kälte", sie betonte das Wort wie etwas Verhasstes und Verbanntes, "wirkte so echt. Ich fühlte deinen Schmerz, deine Angst und wie deine Gliedmaßen immer schwerer wurden. Wie dein warmes Blut durch meine Finger quoll als ich versuchte, die Blutungen zu stoppen. Das war keine Wahnvorstellung, was hätte passieren können. So etwas Vergleichbares ist mir bereits einmal widerfahren. Morpheus hat lediglich dich in das Gleichnis eingewoben. Trotzdem... war es nicht schön."
      Ihre Stimme war gefasst und ruhig. Wenn man jedoch genau darauf lauschte, wie sie ihren Tonfall wählte, hörte man kleine Schwingungen in ihnen hervor. Typisch für jemanden, der über etwas sprach, das ihm schwer fiel. Sie hatte sich damit arrangiert, Tode wie den eigenen zu erfahren. Zahllose gar. Das bedeutete noch lange nicht, dass sie es einfach und schnell verarbeiten konnte.
      "Was war es bei dir? Was hat er dir die letzten Nächte gezeigt?"

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Nicht unmöglich, nein", bestätigte Zoras und griff sich mit einer Hand in den Bart. "Aber in der Zeit? Wir müssten es irgendwie planen. Wenn sie zu früh dem ganzen auf die Schliche kommen, dass er nicht mehr das tut, was sie von ihm wollen, könnten sie ihre Strategie ändern. Wenn er sich zu spät anpasst, ist es eben zu spät. Am besten... am besten wäre es vermutlich, er hört damit auf, sobald die Schlacht ansteht. Wir müssen mehr Informationen über ihn sammeln und uns etwas überlegen, damit wir ihn kurz davor umstimmen können. Meinst du, das könntest du schaffen?"
      Er schob die Hand unter ihr Hemd und streichelte über ihren unteren Rücken. Dabei versuchte er seine Gedanken weiterzuspinnen, aber an diesem Tag fühlte er sich zu schwer für sowas. Es war eine Sache wenig zu schlafen, es war eine andere, wenn man im Schlaf keinerlei Ruhe bekam. Eigentlich fühlte er sich, als habe er überhaupt nicht geschlafen.
      Kassandra richtete sich ein wenig auf, wobei er ihr einen Seitenblick zuwarf. Sie war selbst so müde; brauchten Champions Schlaf? Vermutlich in gewisser Weise.
      "Es ist irrelevant. Aber es interessiert mich trotzdem, du hast so..." Würde sie es begrüßen, wenn er sie darauf hinwies, was für eine Angst sie gezeigt hatte? Vermutlich nicht. "... verändert gewirkt. Aufgewühlt. Ich dachte nur, dass es ein sehr intensiver Traum gewesen sein muss."
      Er lauschte ihrer Erzählung aufmerksam, die ihm völlig unerwartet kam. Er hätte gedacht, dass sie etwas aus ihrer Vergangenheit geträumt hätte bei dem blanken Entsetzen, das in ihren Augen gefunkelt hatte, aber stattdessen war er selbst der Ursprung gewesen, wenn auch nur als Verkörperung einer anderen Erinnerung. Sollte das ein gutes Zeichen sein, dass sie sich um ihn sorgte? Oder ein schlechtes, dass er die Macht dazu hatte, den Geist der Phönixin so vollkommen aus der Ruhe zu bringen? Was, wenn er wirklich vor seinem Todestag starb? Er wollte sich nicht vorstellen, was das aus ihr machen würde.
      Er verstärkte den Griff um ihren Körper, schlang beide Arme um sie und drückte sie an sich. Er wollte sich ihre Wärme einprägen. Konnte ein Körper sich an Temperatur erinnern?
      "Das tut mir leid. Ich werde versuchen, mich nicht erstechen zu lassen. Vielleicht lieber erwürgen, hm?"
      Der Witz, der zur Aufmunterung gedacht war, ging vollkommen ins Leere, nachdem keiner von ihnen auch nur ansatzweise lächelte. Zoras schob es auf seine Müdigkeit. Er hob eine Hand zu Kassandras Haar und streichelte darüber.
      "Ich habe von meiner Mutter geträumt. Sie wurde im Obergeschoss umgebracht und ich war im Erdgeschoss und habe die Treppe nicht gefunden. Oder, nein, ich habe sie gefunden, aber es war die falsche Treppe. Ich bin ständig irgendwo anders herausgekommen, während sie oben geschrien hat."
      Er lächelte müde.
      "Das sind Menschenträume. Ich glaube, ich hätte lieber Erinnerungen als das hier. ... Ich habe auch von Feris geträumt - und von dir. Ich habe von der großen Schlacht von Thurin geträumt, davon, dass ich gekämpft habe und dass ich mittendrin dein Amulett verloren habe. Ich habe mir die ganze Zeit gedacht, was ich wichtiges vergessen haben könnte, dass doch alles nach Plan lief, und dann ist es mir aufgefallen. Ich habe mich umgedreht und dann hatte es Feris in der Hand. Er war wie... ich weiß nicht, eine Statue vielleicht. Die Schlacht hat um uns getobt, aber ihn hat sie nicht erfasst, kein bisschen. Das hört sich jetzt so harmlos an, aber es war so unwirklich, es hat mir Angst gemacht. Er stand nur da, ich habe ihm zugerufen und dann hat er deine Essenz kaputt gemacht. Einfach mit der Hand zerdrückt. Ich wollte zu ihm und ich konnte nicht, es war als wolltest du gegen den Strom schwimmen. Ich habe dich hinter ihm stehen gesehen und du warst genauso starr wie er. Du hast nur zugesehen, zugesehen wie du stirbst, schätze ich mal."
      Er pausierte für einen Moment.
      "... Kann man die Essenz eines Gottes zerstören, Kassandra? Was passiert, wenn man es könnte?"
    • Einfach zu erreichen, dass ein Gott seinen Einfluss einstellt, war in den meisten Hinsichten die beste Wahl. Sie wollten sowieso nicht auf Erden sein und überhaupt irgendeinen Einfluss auswirken können. Es brachte die Balance der Welt, das Schicksal wenn man es so nennen mochte, durcheinander. Menschen waren seit je her darauf aus, sich gegenseitig zu bekriegen, diese Rasse verstand den wahren Frieden oder die Koexistenz nicht. Wenn man ihnen Waffen in die Hand gab, die ihre eigene Macht überstieg, bewirkte es wohl über übel etwas.
      So wie sich Kassandra in der anstehenden Schlacht nicht einmischen sollte, sollte sich auch Morpheus dessen entziehen. Vermutlich war es dann das Beste, wenn man ihm verdeutlichte, dass er auf der Erde war. Wenn er realisierte, dass man ihn als Spielball nutzte würde er sich nicht für die Menschen in Theriss querstellen, sondern nur für sich. Er lebte nach seinem Egoismus, das hatte er mehr als nur deutlich gemacht. Er würde höchstwahrscheinlich nicht für Sterbliche eine Ausnahme machen oder sich gar für sie einsetzen. Nicht so, wie die Phönixin es würde.
      Kassandra summte leise als Zoras seine Hand unter ihr Hemd schob. Die Berührung war sanft, nicht so träge und zermürbt, wie sich seine Stimme anhörte. Das Bisschen reichte als Balsam auf, um ihren unsteten Geist wieder etwas zu besänftigen. Nach ihrer Erzählung jedoch ließ er es bleiben, zog die Hand zurück und ersetzte sie durch seine Arme. Fest schloss er sie ein, drückte sie an seine Brust sodass kein Blatt mehr zwischen ihnen gepasst hätte. Und Kassandra erging es ähnlich. Sie prägte sich an, wie sein Herz spürbar unter ihrer Brust schlug. Wie er sich anfühlte, wie er roch, wie er klang... Als würde schon ein paar Stunden später nichts mehr davon übrig sein.
      "Ihr träumt also abstrakt...", stellte sie leise fest und schob die eigenen Hände etwas ungelenk unter sein Stoffhemd, damit ihre Finger seine Flanken aufwärts wandern konnten. "Wenn man so abstrakt träumt sollte man doch eigentlich schneller bemerken, dass es ein Traum ist oder nicht? Wenn du hingegen Erinnerungen durchlebst, so wie ich, dann verfängst du dich sehr schnell darin. Weil es etwas war, das du körperlich nachempfinden kannst. Spürt ihr in euren Träumen auch Schmerzen?" Sie dachte daran zurück, wie sie Morpheus in eine Foltererinnerung gezwungen hatte. Der Schmerz war definitiv derselbe gewesen wie damals. Jede einzelne Emotion war die Gleiche gewesen. Sponn sich das menschliche Hirn solche Gefühle auch noch zusammen? "Klingt sehr zermürbend.... Die Schreie zu hören, eigentlich zu wissen wo man hin muss und trotzdem nie dort ankommen. Die Hilflosigkeit ertragen... Ich wage zu behaupten, dass ich zu den wenigen Champions gehöre, die dieses Gefühl nachvollziehen können. Und das, was du mit Feris beschreibst - das gibt es tatsächlich. Bei uns jedenfalls. Wir Champions werden häufig in Schlachten gegenübergestellt. Zumeist ist unsere Wahrnehmung schärfer als eure. In manchen Augenblicken wirkte es dann auch so, als bewegt sich alles um uns herum in Zeitlupe während wir uns taxieren. Als würde man uns gar nicht beachten... Wirklich seltsame Momente."
      Als Zoras auf das Thema der Zerstörung zu sprechen kam, hatten Kassandras Finger seine Rippenbögen ausfindig gemacht. Mit höchstem Fingerspitzengefühl fuhr sie jede einzelne Rippe nach, jede Vertiefung, in der sich das Rippenfell spannte. Sie musste weniger Druck als üblich auswirken, da sein Torso im Liegen nicht unter Anspannung war und die Muskeln entspannt waren. "Ja, man kann die Essenzen zerstören. Entweder, man zerstört nur das Objekt oder die Essenz als solches. Zerbricht man beispielsweise mein Amulett, wird die Ewige Flamme freigesetzt und sie kehrt zu mir zurück. Dann wäre ich frei. Setzt man allerdings ein gewisses Maß an Energie ein - beispielsweise durch einen Champion, durch eine Naturgewalt oder mit schweren Waffen - dann zerstört man die Essenz als solches und sie löst sich auf. Wenn das passiert verschwindet der dazugehörige Gott einfach. Deswegen werden wir mit einer eigenen Form der Sterblichkeit konfrontiert. Irgendwie müsst ihr uns ja beherrschen können wenn der Zwang nicht reicht. Allerding wird einfach Zerdrücken mit der Hand nicht möglich sein... Es ist immer noch Metall."
      Die letzten Worte formulierte sie ein wenig amüsierter als sie sich vorstellte, wie der schwächliche Junge versuchte, den Anhänger mit bloßen Händen zu zerquetschten. Er würde sich vermutlich eher bei dem Versuch schneiden als alles andere.

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Hmm."
      Kassandras eigene Hände ahmten Zoras' Bewegung nach und schoben sich unter sein Hemd. Er schloss die Augen. Ihre Finger waren warm und für einen klitzekleinen Augenblick konnte er sich einreden, dass sie noch bei Firion waren und noch gar nichts von Morpheus mitbekommen hatten. Die Zeit bei dem Herzog schien mit den länger gewordenen Nächten soweit zurückzuliegen, dass er gar nichts mehr von der entspannten Nacht mehr in sich spürte.
      "Über sowas denkt man im Moment nicht nach. Du würdest doch auch nicht hinterfragen, ob jeder Moment die Realität ist, wenn es sich nicht anders anfühlt, oder? Das ist wirklich schwierig zu erklären, wenn man es nicht selbst erlebt. Und Schmerzen können wir keine spüren, keine richtigen. Alles andere können wir aber spüren, was damit einhergeht: Die Angst oder die Schwäche oder sowas. Ist das bei dir etwa anders?"
      Er öffnete wieder die Augen und versuchte zu Kassandra hinab zu blicken. Bisher konnte er nicht wirklich herauslesen, wie sie dazu stand einem anderen Gott in einer Schlacht gegenüber zu treten und was sie jetzt davon erwähnte, hörte sich auch nicht viel besser an. Er fürchtete, dass er nicht ansatzweise begreifen konnte, welche Erfahrungen Kassandra schon in ihrem langen Leben gemacht hatte.
      Ihre Finger erreichten seine Brust und er gab den einen Arm von ihr frei, um ihr Spielraum zu geben. Während sie tastete, strich er wieder über ihren Rücken.
      Er dachte einen Moment über ihre Worte nach.
      "Wie viele Götter sind schon gestorben, was meinst du? Und was meinst du, was geschieht, wenn ein Gott stirbt; verschwindet dann auch, wofür er steht? Wird es keinen Donner mehr geben, wenn Zeus verschwindet? Oder keine Träume, wenn Morpheus weg ist? Wann würde uns sowas auffallen?"
      Wobei ihm der Gedanke, dass irgendwo da draußen ein einfacher Sterblicher es geschafft hätte, den Göttervater höchstpersönlich unter seine Fittiche zu bekommen, höchst merkwürdig war. Von allen Göttern im Olymp könnte man wohl wahrlich behaupten, dass Zeus nicht versklavt würde. Das erschien einfach zu absurd.
      Er schmunzelte ein bisschen, dann schlang er wieder die Arme um Kassandra und wälzte sie beide herum, bis sie unter ihm lag. Er stützte sich auf die Ellbogen neben ihm Kopf und strich ihr ein paar wild gewordene Haarsträhnen aus dem Gesicht.
      "Habe ich eigentlich mal erwähnt, dass Zeus mein Namensvetter ist? In der Herkunft der Riktor ist der Name Zoras sowas wie der Allvater, wie der Vater von alles - über Götter, über Kinder, über Nationen."
      Er betrachtete ihr hübsches Gesicht, fixierte sich darauf, um die letzten Überbleibsel ihrer unglücklichen Unterhaltung mitsamt der Nacht abzuwerfen. Mit viel Fantasie könnte er sich die Andeutung eines Lächelns auf ihrem Gesicht einbilden. Er versuchte den Eindruck zu verstärken.
      "Du kannst dich also rühmen, mit dem Allvater im Bett zu liegen. Wie fühlt man sich so, bei einer solchen Berühmtheit zu sein, hm?"
      Er schmunzelte sie offen an, dann neigte er sich zu ihr hinab, küsste ihr Lippen, dann ihr Kinn und schließlich ihre Wange. Als er wieder aufschaute, blickte sie mit einer gewissen Sanftmut zu ihm auf.
      "Vielleicht möchtest du die Allmutter sein? Wie wäre es mit... Haria? Obwohl Kassandra eigentlich schon hübsch genug für so ein bezauberndes Gesicht wie deines ist."
      Er angelte sich ihre Hand, küsste sie, lächelte. Nur noch ein wenig länger und er könnte die Strapazen der Nacht tatsächlich weitestgehends vergessen - zumindest so lange, bis sie sich am Abend wieder schlafen legen müssten. Aber so weit wollte er gar nicht denken. Er beugte sich wieder zu Kassandra hinab, kostete ihre Lippen und versuchte für den restlichen Teil ihrer verbleibenden Zeit an nichts anderes zu denken.

      Die ansteigende Fröhlichkeit des Morgens wurde spätestens dann wieder zunichte gemacht, als sie das Lager abbauten und den Kutschführer zu Gesicht bekamen. Er sah noch schlimmer aus als sie beide. Zoras' Augenringe hatten sich schon beinahe in sein Gesicht eingebrannt, Kassandras bildeten sich erst, aber die Augen des Mannes waren rötlich verfärbt und regelrecht dunkel. Wenn er blinzelte, blinzelte er lange, als wäre es ein Kampf, die Lider wieder aufzuschlagen. Er konnte nicht fünf Sekunden stehen, ohne dabei zu gähnen. Ein Eimer Wasser über den Kopf würde sicherlich helfen, aber Zoras fürchtete, dass die nächsten Tage nur noch schlimmer werden würden.
      Er schickte ihn auf die Ladefläche der Kutsche um sich hinzulegen und bot Kassandra an, die Kutsche zu fahren, wenn ihr der Pferderücken zu unangenehm würde. Ansonsten übernahm er es selbst. Es dauerte nicht lange, da hörten sie von der Wagenfläche leises Ächzen und unterdrücktes Schluchzen. Zoras starrte stur geradeaus, während er Morpheus in Gedanken in die Hölle verfrachtete.

      Bei ihrer zweiten Pause, die sie an diesem Tag hinlegten - und das auch nur, damit die Pferde sich erholen konnten - packte er eine seiner Karte aus und breitete sie auf dem Wagenboden aus. Es ärgerte ihn, dass er nicht früher daran gedacht hatte, dass er so lange gebraucht hatte, um auf so eine wichtige Sache zu kommen.
      "Es hat drei Tage gebraucht, bis Morpheus uns wohl gefunden hat. Gestern waren wir ungefähr... hier. Oder?"
      Er sah flüchtig zu Kassandra.
      "Firion hat den Vogel am Morgen vor vier Tagen verschickt, bis zum Palast wird er... einen Tag gebraucht haben. Vielleicht mehr? Wäre das realistisch?"
      Wieder ein Blick zu Kassandra.
      "Wenn Morpheus gleich losgezogen ist, wenn er Firions Sitz angepeilt hat und wenn er zwei Tage durchgeritten ist, bis er uns entdeckt hat, dann hat sein Einfluss eine Distanz von..."
      Er kniff die Augen zusammen. Er konnte die Linie vor seinem inneren Auge sehen, er konnte auch die Entfernungen sehen, er konnte diese simple, einfache Rechnung vor sich sehen und trotzdem entglitten die Zahlen seinem Verstand immer dann, wenn er sich knapp davor fühlte, sie zu ergreifen. Er rieb sich die Augenlider. Schließlich gab er ein ärgerliches Schnauben von sich, schnappte sich einen Stift und zog die betreffende Linie auf der Karte.
      "So viel. So eine Distanz."
      Er warf den Stift weg und verschränkte die Arme, während er darauf starrte. Das war keine unmögliche Sache, zwar keine geringe Entfernung, aber sie war irgendwie machbar.
      "Du musst herausfinden, wie er seine Macht einsetzt. Zumindest für deinen Traum wird er ja wohl irgendwie... wirken müssen, oder? Bei menschlichen Träumen reicht es vielleicht, wenn er einfach nur in der Nähe ist. Wenn wir das wissen, könnten wir zumindest in Erwägung ziehen, tagsüber zu schlafen und nachts zu reisen. Wenn ich richtig gerechnet habe, wird er in zwei Tagen anfangen müssen uns zu folgen, weil wir seinen Bereich verlassen. Ab dann wird er auch reisen müssen, das könnten wir als Vorteil nutzen. Nicht ewig, aber zumindest bis wir Zuhause sind. Und dann können wir uns etwas neues einfallen lassen."
      Er warf einen verstohlenen Blick zum Kutschführer, der die Pferde versorgte. Er sah noch schlimmer aus als schon am Morgen. Als nächstes würden sie herausfinden müssen, wer genau in Morpheus' Einfluss stand und wie man das vielleicht verhindern könnte.
    • "Ich habe in meinen Träumen alles gespürt. Alles gesehen, alles wahrgenommen, was damals war. Ich habe Morpheus' Einfluss gebrochen indem ich ihm meine Erinnerungen aufgezwängt hatte. Es musste also etwas Mächtiges, etwas Einschneidendes sein. Er kennt keinen Schmerz, keine Verlustängste, keine Demütigung. Folglich hatte ich ihm eine Erinnerung an eine öffentliche Folter und Hinrichtung gezeigt."
      Was genau es bedeutete wollte Kassandra Zoras nicht bis ind Detail erklären. Selbst als die Pause entstand, eine unausgesprochene Nachfrage in der Luft hing, reagierte sie nicht darauf. Wenn sie etwas nicht ausstehen konnte, dann Mitleid für ihre Person. Niemand sollte für eine schöne, edle Phönixin Mitleid empfinden. Nur Zoras würde es zweifelslos tun wenn er es erfuhr. Es war besser für sein Seelenheil, wenn er es nicht wusste. Keine Vergleiche ziehen oder erahnen konnte, was sie alles durchleben musste.
      "Ich denke nicht, dass sonderlich viele Götter gestorben sind. Nur wenige sind töricht genug gewesen, um überhaupt einen Handel mit dem Menschen abzuschließen. Die Meisten waren schlichtweg zu geistig umnachtet oder kurzsichtig." Oder verklärt und verbannt. "Soweit ich weiß werden wir nicht von einer einzigen Einheit erschaffen. Götter beginnen zu existieren weil Menschen ihnen einen Namen, eine Aufgabe und eine Existenz zuschreiben. Ist der Bedarf und Glaube groß genug, wird ein neuer Gott geboren. Sollte es also dazu kommen, dass es Zeus nicht mehr gibt, dann wird ein anderer den Platz des Donners einnehmen."
      Das waren Thematiken, die den Verstand von Menschen bei Weitem übertrafen. Wie genau die Götter zu ihrer Existenz fanden erklärte sie ihm nicht. Wie auch? Die Menschen konnten auch nicht bestimmen, wer sie erstmalig in die Welt gesetzt hatte. Irgendwoher mussten sie kommen, nur hatten die Meisten aufgehört ihren Ursprung zu hinterfragen.
      Viel weiter konnte Kassandra sowieso nicht ausführen, da schlang Zoras seine Arme um sie und rollte sie von sich. Sie fand sich unter ihm wieder, sah zu ihm auf und konnte die leichte Amüsanz nicht leugnen. Sie neigte den Kopf ein wenig, betrachtete ihn schief wie er zuerst noch ihre Augen ansah, dann jedoch zu ihren Lippen abdriftete.
      "Ganz schön großspurig sich ausgerechnet an dem Allvater zu orientieren. Wobei Odin vermutlich gerne ein Wort mitreden würde", schmunzelte sie ebenfalls. Bei seiner weiteren Ausführung rollte sie sogar theatralisch mit den Augen. "Ich soll mich geehrt fühlen das Bett mit dem menschlichen Vertreter zu teilen? So so..." Sie reckte sich ihm entgegen als er ihre Lippen suchte. Ihre Hände griffen automatisch nach seinen Unterarmen, um die Haut mit ihren Fingern sanft zu liebkosen. Ihr Blick war sanft geworden als er sich etwas aufrichtete, um sie wieder besser ansehen zu können.
      "Haria? Ich behalte mir vor, den Titel in etwaiger Zukunft vielleicht für mich zu beanspruchen", hauchte Kassandra Zoras an die Lippen bevor er sie für einen weiteren Kuss suchte.
      Dass er damit einen empfindlichen Nerv getroffen hatte, konnte der gute Mann schließlich nicht wissen. Er konnte nicht wissen, dass es einen Stich in ihrer Brust auslöste. Sie war nicht die Mutter der Götter, der Nationen oder gar... Kinder. Im Gegensatz zu den namenhaften Göttern gab es bei Phönixen Familien, sogar Nachwuchs. Kinder, Zöglinge, die unter der Aufsicht der Eltern aufwuchsen und lernten, auf das zu hören was ihr Kern ihnen riet. Doch hier auf Erden war es anders. Hier war es ihr nicht vergönnt, jemals einen Gedanken an dieses Bild zu verlieren.

      Wie befürchtet traf es den Kutscher mit deutlicher Härte stärker als Zoras und Kassandra. Er war ein bemitleidenswertes Bild und die Phönixin bekräftigte augenblicklich Zoras' Vorschlag, er solle sich doch auf der Ladefläche ausruhen. Wenn dieser Mann auf dieser Entfernung bereits so betroffen war, wie sollte es dann mit all den anderen aussehen? Wie sehr beeinflusste Morpheus bereits andere Menschengruppen? Je weiter sie wieder zurück nach Luor kamen umso größer wurde auch die Gefahr für Zoras' Hausstand. War ihm das so überhaupt schon bewusst? Das war nur eine der Fragen mit denen sich Kassandra beschäftigte während sie unbeirrt ihren Pfad fortsetzten.

      In der zweiten Rast des Tages erkannte Zoras, dass es sinnvoll war eine Karte einzusetzen. Kassandra hatte sich ihm gegenüber gesetzt und sah ihm dabei zu, wie er scheinbar etwas markieren wollte. Als er sie fragte, wo sie gestern ungefähr gewesen waren und er mit dem Finger einen Ort antippte, korrigierte sie seine Fingerkuppe auf den tatsächlichen Standort.
      "Ich denke, zwei Tage im Maximalfall für eine Taube. Je nachdem was für einen Vogel sie erwischt haben. Allerdings gehe ich ebenfalls davon aus, dass sich Morpheus direkt in Bewegung gesetzt hat nach der Versammlung im Palast. Allerdings soll er ja einen eher gebrechlich wirkenden Körper haben. Wie gut er damit reisen kann, wäre fraglich. Aber, ja, dann würde ich ihn vermutlich auch in etwa in diesem Radius von der Hauptstadt vermuten."
      Sie deutete auf einen Bereich um die Hauptstadt und damit tatsächlich gar nicht unweit ihrer eigenen Position. Eine Entfernung, die sie in ihrem aktuellen Zustand binnen eines Tages spielend leicht überbrücken konnte. Es wäre sogar noch einfacher, den Konvoi, mit dem Morpheus vermutlich reiste, einfach niederzubrennen sobald sie ihn entdeckte. Es gab nur mehrere Faktoren, die dagegen sprachen.
      "Ich weiß nicht, ob er Menschen gezielt orten kann. Allerdings wird er mich orten können. Es ist also logisch, wenn er sich auf die angrenzenden Bewusstseine um meines konzentriert, wenn er für Alpträume sorgt. Es könnte sogar sein, dass er euch nicht ausfindig machen kann, wenn ich beispielsweise nicht schlafe. Das ist aber nur eine Theorie. Ich weiß nicht genau, wie er seine Magie wirkt, dafür hatte ich noch zu wenig Kontakt mit ihm."
      Sie sah zu Zoras hinüber, der sich die Lider rieb. Man sah ihm an, wie es ihn schlauchte aber er war bei Weitem nicht so schlecht dran wie der Kutscher. Der arme Mann wirkte eher nahe einer Traumatisierung als alles andere. Gedankenverloren rieb sich Kassandra mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken.
      "Ist dir nicht aufgefallen, dass du weniger mitgenommen erscheinst als der Kutscher? ich denke, das liegt an meinem Einfluss. Wenn ich meine Aura um dich spanne könnte das ausreichen um Morpheus von dir abzuschirmen. Das könnten wir probieren. Außerdem weiß ich, dass er nur in seinen Träumen in Aktion tritt. Ergo wird sein Körper dann ebenfalls schlafen. Tut er es nicht, ist er also wach, geht er dennoch davon aus, dass er sich in einem Traum befindet und wird apathisch. Ich schätze, er folgt einem vergleichbaren Schlafrhythmus wie dem unseren. Kannst du damit etwas anfangen?"

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras ließ sich Kassandras Worte gründlich durch den Kopf gehen. Es klang alles sinnig, was sie sagte, und besonders klang es danach, dass es mehr Schwachstellen bei Morpheus geben könnte, als ihnen von vornherein bewusst gewesen war. Wie auch Kassandra war er auf die Kräfte beschränkt, die er durch das Band mit seinem Träger erhielt und nach seiner Desorientierung zu schließen, war dieses Band äußerst dürftig - ergo die geringe Reichweite. Das änderte zwar nichts an der Intensität der Träume, aber es setzte der ganzen Sache gewisse Grenzen auf. Sie mussten es nur schaffen, dass sich diese Grenzen verengten.
      "Wir müssen sämtliche Theorien einmal testen. Vielleicht kann er uns wirklich nicht erreichen, wenn du nicht schläfst; vielleicht kann er uns auch nicht durch deinen Schild erreichen. Vielleicht können wir irgendwann vorhersehen, wann er schlafen wird. Das sind mir zwar alles zu vage Angaben, aber das ist alles, was wir im Moment erreichen können. Wenn gar nichts funktioniert... naja, irgendeine Erkenntnis werden wir wohl daraus schließen können."
      Er sah wieder zu dem Kutscher, der herzhaft gähnte. Ja, Zoras war selbst noch einigermaßen fit, aber er hatte schon seit zehn Jahren nicht mehr wirklich gut geschlafen, sein Körper musste sich an wenig Schlaf gewöhnt haben. Dennoch hatten sie noch fast einen ganzen Monat der Reise vor sich und dann würden sie eine Weile lang stationär sein. Es war erst die zweite Nacht und der dritte Tag dieser Verfolgung und Zoras war sich schon absolut sicher, dass er das kein halbes Jahr aushalten würde, wenig Schlaf hin oder her. Die Träume waren das schlimme.
      "Versuchen wir es diese Nacht mit deiner Aura. Kannst du sie weit genug für das ganze Lager spannen?"
      Er kniff die Augen zusammen.
      "... Können Pferde eigentlich träumen?"

      Das Zubettgehen bekam einen merkwürdigen Charakter. Sie errichteten ihre Schlafstätten. Sie legten sich hin. Sie kuschelten. Dann lagen sie still und als Kassandra ihre Aura aufgespannt hatte, war ihnen beiden klar, dass sie nur auf die ersten Geräusche des Kutschers aus dem Nachbarzelt warteten. Als für eine Weile lang nichts kam, erlaubte Zoras sich ein hoffnungsvolles Seufzen.
      "Vielleicht funktioniert es ja."
      Er küsste sie, dann blieb er bei Kassandra liegen, den Arm locker um ihre Hüfte gelegt. Sie hatten bis jetzt schon kaum abseits voneinander geschlafen, aber jetzt war regelrecht nicht mehr daran zu denken.
      Während er einschlief, konzentrierte er sich auf ihren gleichmäßigen Atem.


      Morpheus

      Die Phönixin brannte wie ein Lauffeuer.
      Ihr Unterbewusstsein strahlte so hell, dass Morpheus die Augen hätte zusammenkneifen müssen, wenn er richtige Augen gehabt hätte und nicht durch sein Traummeer geschwommen wär. Es stach so sehr hervor wie ein brennender Berg aus dem Meer, der sich bis zur Sonne hinauf erstreckte. Egal, in welche Richtung Morpheus sich wandte, er konnte die Präsenz immer auf dem selben Fleck spüren, als ob sie alles um sich herum in den Schatten legen würde.
      Er hasste sie. Er hasste alles von ihr. Seit sie ihn gezwungen - gezwungen! - hatte an ihrem Traum teilzunehmen, ohne dass er sich wehren könnte, wollte er sie brennen sehen. Er wollte sie vernichten, zerstückeln, noch einmal verbannen, wo auch sonst noch Platz wäre. Er wollte sie auseinander reißen. Er wollte, dass sie sich selbst auseinander riss.
      Also bündelte er seine gesamte Aufmerksamkeit auf ihr. Er holte aus ihrem Unterbewusstsein hervor, welche Details auch immer dort drin steckten und verwebte sie zu einer Kette aus Träumen, die Hades selbst nicht als Foltermethoden eingefallen wären. Er holte alles heraus, die ganze Kunst seines Wesens, sämtliche Emotionen, die er damit erzeugen konnte. Er webte sogar die feinsten Risse in den Wänden, verwendete kostbare Zeit und Energie darauf, alles aus seinen Träumen zu holen. Die Urgestalten von Albträumen, das schlimmste, das er je einem Lebewesen präsentiert hatte. Das schlimmste, das er aus ihrem Unterbewusstsein hervorholen konnte.
      Er wollte sie brechen, das war es. Er wollte ihr dämliches Feuer ausblasen und sie zu seinen Füßen sehen, wie sie schrie und weinte und bettelte und flehte und ihm die Füße küsste. Er wollte, dass sie bereute, jemals in die Existenz geholt worden zu sein.
    • Es waren viele Faktoren, deren sich Kassandra ungewiss war. Wie genau war Morpheus auf die Erde gekommen? Wie exakt wirkten seine Fähigkeiten, waren sie wirklich nur im Traum aktiv? Inwiefern würde sie sich gegen ihn wehren können? Der genaue Wirkungskreis war auch noch eine offene Frage. Zu viele Fragen, um genau zu sein. Allerdings gab es da ja noch ein wenig Strecke zu bewältigen und demnach genug Versuche, diverse Anhaltspunkte auszuprobieren. Ob sie ihre Aura um das Lager spannen konnte? Gar kein Problem, sie würde sie sogar noch weiter ausdehnen können. Auf die Frage hin, ob Pferde auch träumten, zuckte sie nur mit den Schultern und warf ein, warum sie denn sonst während des Schlafes zucken sollten.
      Ihre abendliche Vorbereitung wandelte sich allmählich zu einem Ritual. Während sich Kassandra und Zoras wieder aneinander kuschelten, musste der arme Kutscher sich allein seinen Träumen stellen. Es missfiel ihr, dass Morpheus einen dermaßen schlechten Einfluss ausübte und somit sponn Kassandra ein feines Netz über sie alle, das den Einfluss des Traumgottes blocken sollte. Wenn ihre Theorie stimmte und er ein schlechtes Band mit seinem Träger teilte, dürfte er nicht durch ihre Aura dringen. Die Frage war nur, ob das auch noch galt, wenn sie selbst schlief.
      Als sie nichts von dem Kutscher hörten war sich die Phönixin sicher, dass es ausreichte, um zumindest einen gewissen Kreis schützen zu können. Sie gewährte sich, etwas Entspannung angesichts dieser Erkenntnis zu finden und sackte schließlich selbst unter der Wärme von Zoras' Körper in den Schlaf.
      Was sich als kolossalen Fehler entpuppte.
      Es dauerte eine ganze Weile ehe Kassandra realisierte, dass es ein Traum war, in dem sie sich befand. Es wirkte alles zu echt, viel zu genau und offensichtliche Fehler wie in ihrem zweiten Traum waren nicht zu finden. Sie wurde mit Erinnerungen konfrontiert, so alt und tief vergraben in ihrem Unterbewusstsein, dass sie erst während des Wiedererlebens realisierte, dass sie den Ausgang bereits kannte. Kaum dachte sie, sie hätte ein Szenario erfolgreich durchstanden brach direkt das nächste los und warf sie in die nächste Höllenschleife. Ab dem Zeitpunkt, wo sie wusste, dass es ein Traum war, schrie sie pausenlos nach Morpheus. Versuchte die alten Emotionen zu ignorieren, während sie sich die Seele aus dem Leib schrie und irgendwann den Faden völlig verlor. Vielleicht sollte es Zufall sein - sie wusste es nicht - aber es war genau in jener Erinnerung, in der sie das erste Mal ihre andere Seite unbehelligt hatte regieren lassen. Und so war es nicht das helle, gleißende Feuer, mit dem sie üblicherweise kämpfte, das den ganzen Traum in Chaos stürzte. Sondern schwarze Flammen, die jegliches Licht zu verschlucken vermochten. Die sich unkontrolliert ausbreiteten und schließlich alles in ein gähnendes Nichts verwandelten.
      Kassandras Lider flogen auf. Ihr stand wieder der Schweiß auf der Stirn als ihre Augen im dunklen Zelt umher huschten und nichts bedenkliches finden konnten. Zoras lag nicht mehr an ihr; er hatte sich weg gerollt und grummelte leise. Von draußen hörte sie den Kutscher schwer stöhnen und die Erkenntnis traf sie, dass sie ihren Schutz während der Nacht scheinbar aufgab. Erst eine weitere Sekunde später roch sie etwas Verbranntes.
      Hastig setzte sich Kassandra auf und strampelte die Decke von sich. Über ihren Körper züngelten vereinzelt schwarze Flammenzungen, ließen ihren Körper unversehrt, doch hatten die Decke bereits leicht verbrannt. Ohne nachzudenken klopfte sie ihren Körper ab, erstickte damit die Flämmchen und starrte auf die schwarzen Stellen an der Decke. Sie hatte unterbewusst ihre Fähigkeiten im Schlaf eingesetzt. Wenn sie sich nicht befreit hätte, wenn sie nicht realisiert hätte, dass es ein Traum war, hätte sie im schlimmsten Fall das ganze Lager und noch mehr abbrennen können. Was die Phönixin allerdings am meisten beunruhigte war die Tatsache, dass es die schwarzen Flammen gewesen waren und nicht das eigentliche Phönixfeuer.
      Kassandras Atem ging stoßartig als sie ihre Beine an den Körper zog und ihre Arme um sie schloss. Ihr Blick ging zu Zoras, der scheinbar noch immer schlief und Alpträume litt. Entschlossen setzte Kassandra mehr von ihrer Macht ein. Seitdem sie das Niligadanwesen verlassen hatten, nutzte sie kaum mehr ihres Potenzials. Zoras wusste gar nicht, wie viel ihr nun wirklich zur Verfügung stand. Als ihre Augen glühten mit einer bisher nicht gesehenen Intensität und sich ein Schimmer um ihren Körper legte, fühlte Kassandra die Macht, die ihr abhanden gekommen war. Sie erstreckte ihre Aura über das Lager und spürte, wie sie den Einfluss eines anderen Gottes von ihrer Domäne wegschob. Das reicht nicht, dachte sie und konzentrierte sich stärker, ließ ihre Aura sich ausdehnen bis sie gänzlich Kilometer an Land vereinnahmte. Jedes Lebewesen machte sich bemerkbar, egal ob es schlief oder wach war. Ob es gerade geboren wurde, weiterlebte oder gerade starb. Aber nichts von alledem war göttlichen Ursprunges: Morpheus war also noch nicht nah genug dran. Aber das war in Ordnung. Seufzend zog sie sich wieder zurück und beobachtete Zoras, der augenblicklich ruhiger geworden war. Auch die Geräusche des Kutschers waren verstummt. Es waren noch Stunden bis zum Sonnenaufgang.

      Zoras erwachte, als die Sonne bereits seit gut dreißig Minuten das Land erhellte. Kassandra hatte ihre Haltung nicht aufgeben, war nicht einmal weggerückt und beobachtete ihren Träger, wie er sich auf den Rücken drehte und sich mit der Hand durch das Gesicht fuhr. Ab diesem Zeitpunkt schloss Kassandra ihre Aura wieder weg, ließ sie schrumpfen bis auch das Leuchten um ihren Körper wieder verschwand. Doch ihr ganzer Körper blieb erhitzt, so als hätte sie Fieber.
      "Wie geht es dir?", fragte sie ihn leise und lächelte ihn sanft an als sich seine Augen öffneten und er sie ansah. "Eine bessere Nacht gehabt als zuvor?" Sie gab endlich ihre Haltung auf, streckte die Beine von sich und rollte sich auf die Seite. Ihre Hand legte sich auf seine Brust, fühlte den Puls und den gleichmäßigen Atem.
      "Wenn ich schlafe, verliert sich mein Einfluss. Das wäre die Erkenntnis von heute..."

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"