Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Teals Anblick zog Zoras nur noch weiter hinab, als dass es ihn aufmunterte. Der Junge stand schief, machte sich keine Mühe um einen festen Stand und sah Zoras mit einem Blick entgegen, mit dem er vielleicht seinen Henker gemustert hätte. Zoras versuchte die Emotionen zu ignorieren, die sich bei seinem Anblick aufstauten und nach Freiraum suchten. Irgendjemand würde dafür büßen, das beschloss er in der kurzen Zeit, als er den Trainingsplatz betrat. Irgendjemand würde noch dafür bezahlen, den Jungen so zugerichtet zu haben.
      "Na, Kumpel?" Er bemühte sich um eine dennoch fröhliche Stimmung. "Wie läuft es mit deinem Rückhandschlag?"
      Selbst dessen Worte kamen eher gezogen hervor und Zoras überlegte ernsthaft, was die langsamste Art war, einen Gott umzubringen. Gift? Aber selbst das ging ihm noch zu schnell, wenn er Teal so ansah.
      "Ultroff wird auch ein alter Mann, es ist kein Wunder, dass er irgendwann Rückenleiden bekommt. Er hat schließlich schon deinen Vater und mich damals unterrichtet und davor ist er mit deinem Großvater ausgezogen."
      Er lächelte aufrichtig, was ihm sogar recht gut gelang. Wenigstens hatten sich alle schon Ausreden einfallen lassen, auch wenn er von Ryoran bereits erfahren hatte, dass sie schon wussten, dass etwas nicht ganz richtig war. Jetzt hatten sie nur einen Namen dafür, den Zoras verfluchen konnte.
      Er lächelte ein Stück breiter, nur damit der Junge sich keine Sorgen machen musste.
      "Nichts hätte passieren können, ich war in Begleitung des mächtigsten Wesens in Theriss. Du musst dir keine Sorgen um mich machen, Teal - kümmere dich lieber darum, dass Ultroff nicht böse auf dich wird, dann wird er nämlich ganz ungemütlich."
      Als der Junge dann mit einer Frage fortfuhr, wie Zoras schlief, war es diesmal an dem Herzog, sein Schwert zu senken und dann auf ihn zuzukommen. Das war eine schwierige Frage und Teal sollte noch nicht so weit sein, sich mit seinem zukünftigen Amt zu beschäftigen. Er sollte kämpfen und reiten und seine Freiheit genießen, bis er eines Tages alt genug war selbst Truppführer zu werden und dann sollte er sich mit dem beschäftigen, was hinter solchen Fragen lag. Aber dieser Tag war noch weit entfernt.
      "Ich schlafe mal besser und mal schlechter, das ist nichts besonderes. Ich bin fit genug einen Aufstand zu führen, das ist alles, was zählt."
      Er hatte vermutlich sogar besser geschlafen als der ganze Herzogssitz zusammengenommen, was seine Laune nicht unbedingt besserte.
      Er klopfte Teal auf die Schulter und beugte sich zu ihm hinab, als würde er ihn in ein Geheimnis einweihen.
      "Aber weißt du, was mir immer hilft, um besser zu schlafen? Ich suche mir die hübscheste, netteste, heißeste Frau, die es auf der Welt nur geben kann und lade sie dazu ein, das Bett mit mir zu teilen. Und wenn ich dann in der Nacht aufwachen sollte, habe ich gleich eine attraktive, bezaubernde Frau bei mir, mit der ich kuscheln kann."
      Er zwinkerte ihm zu.
      "Wäre das nicht auch was für dich, Teal? Ich bin mir sicher, es gibt da draußen ganz viele hübsche, süße Mädchen, die nur zu gern mit einem starken, jungen Mann wie dir ein bisschen Zeit verbringen würden. Du kannst ihnen ja mal deinen Hengst zeigen, hm?"
      Teals Blick driftete von ihm ab und da wandte auch Zoras sich um, als der Junge winkte. Die hübscheste, netteste, heißeste Frau, die es auf der Welt nur geben kann, kam anmarschiert und für einen Moment verspürte er sowas wie Erleichterung, nicht wieder ein Katze-Maus-Spiel mit ihr anzufangen. Sie war wohl einfach nur irgendwo anders gewesen.
      Er richtete sich auf und tätschelte Teals Kopf, bevor er zu seiner ursprünglichen Position und damit in Kassandras Nähe zurückkehrte.
      "Mein Bruder hält drastische Maßnahmen für notwendig und ich werde nicht monatelange Planung draufgehen lassen, um einen temporären Erfolg zu erzielen."
      Er richtete einen Blick auf Kassandra und ohne, dass dafür Worte notwendig gewesen wären, übermittelte er ihr, dass er eigentlich genau das tun wollte: Drastische Maßnahmen ergreifen, einen temporären Erfolg erzielen und seine Familie - und damit besonders Teal - vor dem Einfluss des Traumgottes retten. Aber er konnte es nicht. Bisher gab es keine Möglichkeit, Morpheus auszuschalten, ohne dabei nicht einen größeren Krieg zu riskieren. Sie mussten sich an den Plan halten und Zoras wusste jetzt schon, dass er das niemals aushalten würde.
      Er wandte sich von Kassandra ab und Teal zu.
      "Zeig mir ein paar Aufwärtshiebe, okay? Und danach bin ich mir sicher, hat die Küche noch ein bisschen Schokolade im Vorratsraum versteckt."
      Er lächelte und zerbrach dabei, dass sein Lächeln nicht erwidert wurde. Dann stellte er sich dem Jungen in einem halbherzigen Übungskampf, der kaum einen Fortschritt beibrachte und nur dafür sorgte, dass Teal frustriert und erschöpft wurde. Schließlich beendete er den Kampf daher in einem gutgemeinten Nicken und lächelte Teal noch immer zu, wenngleich sein eigenes Lächeln schon an Überzeugungskraft nachgelassen hatte.
      "Geh und hol dir die Schokolade. Wenn du willst, können wir später noch ausreiten, sofern du deinem Vater nichts davon erzählst."
      Sein Neffe zog mit hängenden Schultern und schleifendem Schwert ab und Zoras fühlte sich für einen Moment so machtlos, dass es ihn schmerzte. Er drehte sich zu Kassandra um, die glücklicherweise noch nicht gegangen war.
      "Bitte sag mir, dass du deine Aura über das gesamte Anwesen spannen kannst, nur für eine Nacht, der Junge muss mal wieder richtig schlafen. Hast du gesehen, wie schepp er sein Schwert hält? So schlecht ist er gar nicht, nichtmal an seinen schlechtesten Tagen."
      Er fuhr sich grob durch den Bart.
      "Wo warst du überhaupt? Ich dachte, du würdest mitkommen zu Ryoran."
    • Natürlich hatte Kassandra nicht jedes Wort aufschnappen können, das Zoras Teal ins Ohr geflüstert hatte. Allerdings schien es nicht Besonderes gewesen zu sein wenn man den unveränderten Ausdruck im Gesicht des Jungen bemerkte. Stattdessen sah sie Erleichterung in dem Blick ihres Trägers aufblitzen, kaum legte sich seine Aufmerksamkeit auf die Phönixin.
      "Drastische Maßnahmen? Ich dachte, du wärst der impulsive von euch beiden und nicht er. Er sollte doch wissen, dass der Grad zwischen Restaris' Einschreitung mehr als nur hauchdünn ist", merkte sie an und lachte sich gedanklich in Fäustchen. Nicht, dass sie unbedingt Ryorans Ansicht teilte, dass es unbedingt drastische Maßnahmen sein mussten. Aber stupides Abwarten war auch für sie undenkbar. Etwas musste unternommen werden, spätestens wenn man den armen Jungen ansah, der nun auch noch zu seinem Übel mit Zoras die Klingen kreuzen sollte.
      Alles an dieser 'Übung' war einfach nur erbärmlich. Der arme Junge bekam das Schwert nicht einmal ordentlich hoch und seine Paraden waren gar nicht als solche zu erkennen. Kassandra hatte sich an den Rand des Feldes begeben, um den beiden Männern nicht dazwischen zu funken, doch mehr als Mitleid konnte sie keinem von Beiden erbringen. Nicht einmal eine Regung ließ sich im Gesicht von Zoras' Neffen entdecken, die nicht aus Müdigkeit herrührte. Es dauerte nicht einmal fünf Minuten bis Onkel den Neffen erlöste.
      "Ich... kann ja schauen", murmelte Teal auf den Kommentar hin. Seine Schultern hingen bereits und er sah müde aus. Verdammt müde. "Bitte verzeih aber mir ist nicht wirklich nach reiten zumute. Vielleicht morgen." Dann wandte sich der Junge ab und zog von Dannen. Dabei musste er Kassandra passieren, die zwar mit vor der Brust verschränkten Armen da stand und etwas stoisch wirkte, jedoch ihr Gesicht unverblümtes Erstaunen zur Schau stellte. In dem kurzen Augenblick, in dem der Junge an ihr vorbei ging, erhielt sie einen deutlichen Ausblick auf sein Gesicht. Und darin spiegelte sich blanker Terror wider. Es war schon später und mit jeder verstrichenen Stunde näherte sich die Zeit des Schlafes, und diese löste bei dem armen Kind pure Pein aus. Kassandra konnte nicht anders als sich ihm sogar kurz nachzudrehen um ihm hinterherzusehen.
      "Bitte sag mir, dass du deine Aura über das gesamte Anwesen spannen kannst, nur für eine Nacht, der Junge muss mal wieder richtig schlafen. Hast du gesehen, wie schepp er sein Schwert hält? So schlecht ist er gar nicht, nichtmal an seinen schlechtesten Tagen. Wo warst du überhaupt?"
      "Du könntest ihn auch einfach bei mir nächtigen lassen, dafür muss ich nicht das ganze Anwesen beeinflussen." Sie warf Zoras einen Seitenblick zu, wie er sich durch seinen Bart kämmte. Er dachte nacht, wie er die Situation schnellsmöglichst für alle Beteiligten verbessern konnte. Allerdings war es nicht die Art, wie er beispielsweise sich Gedanken machte um das Volk dieses Landes. Oder irgendwelchen Abläufen, finanzielle Angelegenheiten. Neben ihr stand ein Mann, der seine Achillesferse angegriffen sah und sich den Kopf darüber zerbrach, wie er sie schützen konnte. Dies nahm die Phönixin nun zum ersten Mal wirklich so wahr und ein langer Atemzug löste sich aus ihrer Brust. "Wo ich war... Hm... drücken wir es mal so aus, dass ich für mich einmal überprüft habe, wie viel Macht mir aktuell wirklich zur Verfügung steht."
      Noch immer stand sie einer Staute gleich auf dem Platz neben Zoras. Ihre Arme waren noch immer vor ihrer Brust verschränkt aber sie hatte ihren Kopf in den Nacken gelegt und sah auf zu dem so unendlich blau scheinenden Himmel. Dem sie seit Ewigkeiten wieder so nah gewesen war wie schon lange nicht mehr. Bei diesem Gedanken tauchte ein unendlich befreites Lächeln auf ihren Lippen auf. Wie der Wind unter ihren magischen Flügeln strich, wie die Erde unter ihr dahin flog, wie die Vögel sich um ihre Herrschaft beschwerten...
      "Ich war da oben, Zoras. Seit zu vielen hundert Jahren konnte ich endlich wieder meine Füße von der Erde lösen und die Welt überblicken. Alles hinter mir zurücklassen während ich immer höher stieg und die Bäume und Häuser immer kleiner wurden. Wie kann man etwas vergessen, das schlicht zu seiner eigenen Natur gehört, frage ich mich. Ich war ein bisschen... meine geheuchelte Freiheit genießen."
      Das Lächeln ebbte nicht ab. Ihre Worte waren nicht anklagend formuliert und doch benannte sie eine Tatsache, die unumstößlich im Raume stand. Sie war erst dann wieder frei, wenn sie den Vogel, der sie eigentlich war, wieder sein konnte und hoch in die Luft in ihrer echten Gestalt fliegen durfte. Ihre volle Größe entfalten dürfte und ihr Abbild nicht mehr schlecht als recht mit Magie nachempfinden musste. Doch das ging nur, wenn sie ihr Herz zurück bekäme. Und egal wie sehr Zoras in sie vernarrt sein mochte; Er würde es ihr nicht freiwillig geben. Er würde das Misstrauen in ihre Natur nicht einfach ignorieren können und blind seinem Gefühl folgen. Das tat er nie.
      Schlussendlich richtete Kassandra ihre Augen zurück auf Zoras, der sie offensichtlich musterte. In ihren Augen glimmte etwas, das vorher kaum so sichtbar gewesen war. Das überschwengliche Wissen um die eigene Macht, eine ganze neue Form der Erhabenheit. Ihr Blick glitt von seinen Augen abwärts über seine Lippen, seinen Hals und Brust bevor sie die Arme senkte und die Schultern etwas rollte.
      "Ich habe so ein Gefühl, dass diese Nacht womöglich etwas entspannter ablaufen könnte als die letzten. Lass es das Gespür einer Phönixin sein..."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras blinzelte Kassandra an, als sie ihm vorschlug, Teal bei sich übernachten zu lassen. Er wusste nicht, was er empfinden sollte - würden sie also wieder in getrennten Gemächern schlafen, sollte das darauf zurückführen? Würde Kassandra dann wieder den Tag über verschwinden und er würde sie zum Abendessen wiedertreffen? Aber abgesehen davon war es keine schlechte Idee, sogar eine ganz gute, wenn Teal sich darauf einlassen würde. Er war gewillt, ihn zu fragen, aber vorher musste er sichergehen, dass sich durch ihre Rückkehr nichts an seiner Beziehung mit Kassandra geändert hatte.
      Auf seine Frage hin, wo sie gewesen war, berichtete sie ihm schließlich von ihrer Prüfung ihrer Macht. Das Lächeln, das dabei ihr Gesicht verzauberte und ihre Augen zum Strahlen brachte, sodass es wirkte, als könnte sie die Sonne selbst am finstersten Tag scheinen lassen, war dabei schon Antwort genug. Nicht zum ersten Mal, und vermutlich auch nicht zum letzten Mal, musste Zoras sich dabei vor Augen führen, dass sie trotz allem in sklavenähnlichen Verhältnissen auf der Erde gehalten wurde. Das, was sie als Freiheit verstand, würde man nicht mit aller Macht der Erde durchsetzen können, nur mit ihrer Essenz selbst, die sie zurück erhielte. Und wie unwichtig könnte dabei der Aufstand eines einzelnen Landes sein? Für Zoras war es wichtig und weil sie sein Champion war, wurde sie in gewissermaßen mitgezogen, aber ein Gefängnis war es allemal - und der Schlüssel steckte in seiner Brusttasche. Er musste ihr die Essenz zurückgeben, das war ihm bewusst; er hätte sie auch eigentlich schon zurückgeben müssen, als er sie damals erworben hatte. Wenn sie ihm etwas bedeutete, musste er es tun.
      Er streckte die Hände nach ihren Unterarmen aus und ergriff sie, als sie sich von ihrer Brust lösten, um sie an ihn heran zu führen. Dort legte er die Arme locker um ihre Hüfte. Die wenigen Wachmänner, die hier patrouillierten oder Wache standen, hatten allesamt auf einmal das unglaublich drängende Bedürfnis, den Himmel, den Boden oder die fernen Koppeln anzustarren, als wären das die interessantesten Orte der Welt.
      "Zwei Jahre nur noch, dann wirst du wieder dort oben sein. Ich verspreche es."
      Er dachte an Kerellin, an die Herzöge und ganz besonders an Morpheus, wobei ein Schatten über sein Gesicht huschte, den er mit einem Lächeln kaschierte.
      "Vielleicht nicht mal mehr zwei Jahre. Vielleicht nur noch ein Jahr."
      Vielleicht nichtmal mehr ein ganzes, wenn Restaris auf die Idee kam, die psychologische Kriegsführung zu beenden und in die Offensive zu gehen. Vielleicht sogar nur noch ein dreivierteltes.
      Er beugte sich zu ihr hinab und übertönte die Gedanken mit einem einfühlsamen Kuss, bei dem Kassandras herzliche Laune in sein Gehirn zu strahlen schien. Sie fühlte sich besser an, wenn sie glücklich war, das erkannte er leicht. Wärmer und einladender und herzlicher, als wären ihre Berührungen kleine Geschenke, die sie an ihn überreichte. In der Hinsicht konnte er wohl gierig werden, noch mehr Geschenke öffnen zu wollen.
      Er löste ihrer beider Lippen und richtete sich wieder ein Stück auf, um sie besser ansehen zu können. Sie wirkte wirklich befreiter an diesem Tag.
      "Zwischen uns ist doch alles in Ordnung, oder? Wenn ich ehrlich bin, dachte ich nämlich, dass du bei mir einziehen würdest. Das Bett ist schließlich groß genug für mich und eine so hinreißende Phönixin."
      Er strich ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr und grinste sich die Zuneigung aus der Seele, während er sie betrachtete. Dann sah er aber schnell ein, dass durchaus alles in Ordnung war und dass es durchaus eine gute Idee war, Teal für eine Nacht bei ihr zu lassen.
      "Ich werde den Jungen fragen, ob er heute Nacht bei dir übernachten möchte. Das ist wichtiger, als dass du dich von mir verführen lässt. Außer natürlich dein tolles Gespür erweist sich als richtig und uns allen [b]ist mal eine Nacht Pause vergönnt. Götter haben doch schließlich auch Limits, oder etwa nicht? Ich werde mich morgen mit Ryoran darüber beraten, was wir konkret dagegen tun können, irgendetwas wird uns sicherlich noch einfallen. Aber bis dahin[/b]", er küsste ihre Schläfe, dann ließ er sie frei, "muss ich einen Aufstand führen. Ich muss mir die Sache mit Kerellin nochmal genauer ansehen und die Armeeaufstellung planen, jetzt, wo Veren raus und Niligad vielleicht, vielleicht aber auch nicht drin ist. Außerdem muss ich wohl anfangen, Kontakt mit dem Schmied meines Vertrauens herzustellen, wenn ich mit dem Herzog kommunizieren möchte. Es wäre mir aber natürlich eine außerordentliche Freude, wenn Ihr, o allerwerteste Göttin, mich in dieser Misere begleitet."
      Er erfasste ihre Hand und küsste ihren Rücken in gewohnter Manier, alles unterstrichen von dem Lächeln, das nicht mehr aus seinem Gesicht gewichen war, seit Kassandras strahlende Stimmung bei ihm Einzug gefunden hatte. Er könnte es natürlich auf die Verbindung schieben, die sie beide durch ihre Essenz hatten, aber er war sich ganz sicher, dass ihr strahlendes Lächeln ihn auch dann aufgeheitert hätte, wenn sie eine Fremde für ihn gewesen wäre. Wenn Kassandra lächelte, war es schließlich so, als würde die Sonne aufgehen.
    • DIe Vorstellungskraft eines Menschen war eindimensional. Das wusste Kassandra, denn ein Einblick auf das wahre Ausmaß ihrer Kraft gipfelte in der Regel in Unverständnis und Erstaunen der Menschen. Was für ein Gesicht würde Zoras wohl machen, wenn er sie in ihrer tierähnlichen Gestalt sah? Wäre es eine Art Erkenntnis für ihn, so als würde man ihm den Nebel vor den Augen lichten oder würde er sich gänzlich zurückziehen und verstehen, dass sie nicht dafür gemacht waren auf einer Ebene zu wandeln?
      Gedanken dieser Art strömten in ihren Verstand während Zoras sie an sich zog und sich das erste Mal auf seinem Land wahrlich keine Gedanken darum machte, wer sie beide so sehen mochte. Aus dem Augenwinkel stellte Kassandra auch fest, dass die Patroullie sorgsam darauf achtete, nicht in ihre Richtung zu sehen. Ein sehr seltsames Verhalten, wie sie befand.
      "Könntest du nicht die ohnehin kurze Zeit nicht noch weiter verkürzen?", wies sie ihn an bevor sie ihre Hände auf seine Schulterblätter legte und sich ihm für den Kuss entgegenstreckte. Es hatte durchaus etwas reizvolles zu wissen, dass sie ihn im Dunkeln über ihr aktuelles Potenzial ließ. Schließlich konnte er unmöglich das Vibrieren, das Summen in ihren Zellen spüren, die bis zum Anschlag mit Magie gefüllt waren. Magie, die gegen diese weltlichen Einschränkungen rebellierte und irgendwann hervorbrechen würde. Das wusste die Phönixin nur allzu gut. Wenn das geschah, dann musste möglichst viel Distanz zwischen ihr und allem liegen, was sie eigentlich unversehrt lassen wollte.
      Nach ihrem Kuss bedachte sie den Herzog mit einem schelmischen Ausdruck in den Augen. "Bist du der Meinung, ich habe meine Sachen eigenmächtig in ein anderes Zimmer getragen? Dann würde ich einmal bei deinen Bediensteten nachfragen, denn die waren zuständig für unsere Truhen. Außerdem war ich nicht eine Sekunde lang im Haus seit unserer Ankunft.... Nur damit du auf dem aktuellen Stand bist."
      Das Funkeln in ihren Augen bedeutete, dass die Frage nach getrennten Zimmern in ihrer Auffassung hinfällig gewesen war. Sie hatten nicht eine Nacht während ihrer Reise seit Niligad getrennt verbracht. Folglich würde sie diesen Umstand nicht wieder brechen wollen, erst Recht in Anbetracht der ungewissen Zeiten, die vor ihnen lagen. Also lauschte sie seinen Plänen, ließ sich Schläfe und Handrücken küssen ehe ein anderer, neuer Ausdruck auf ihrem Gesicht erschien. Sie lachte ein einziges Mal kurz und leise auf, dann neigte sie den Kopf leicht seitlich und musterte Zoras.
      "Ich lasse mich von dir verführen? Ich befürchte, du hast deine Rolle vertauscht, Mensch", kokettierte die Phönixin und da erkannte man, was der Ausdruck in ihren Augen wirklich hieß. Er war voller Herausforderung, Hunger und schlussendlich Verheißung. Ein weiteres Mal ließ sie diesen Blick über seinen Körper wandern bevor sie eine Hand in seinen Nacken legte und ihn zu sich hinab zog. Ihre Lippen streiften seine Ohrmuschel als sie ihm leise ins Ohr flüsterte: "Ich fürchte, du hast gar keine Ahnung davon. Ich brauche nur fünf Minuten und ein jeder deiner Widerstände wird von mir gebrochen, ob du es möchtest oder nicht."
      Damit entließ sie den Mann aus ihren Fängen, ein sittlicherer Ausdruck war in ihrem Gesicht eingekehrt als sie sich beschwingt abwandte und einfach zum Hauptgebäude zurückspazierte. Ihr Gesicht strahlte regelrecht während sie darauf wartete, dass Zoras zu ihr aufschloss und ihr vielleicht diesen pikierten Ausdruck präsentierte, den sie so gerne bei ihm herauskitzelte.

      Damit Zoras nicht auf falsche Ideen kam hatte Kassandra eigenmächtig Teal gefragt, ob sie ihm bei seinen Schlafproblemen helfen sollte. Der Junge war mehr als überrumpelt angesichts des Gedanken, eine ganze Nacht mit einer Göttin zu verbringen. Sie musste nicht viel tun um ihn zu überzeugen, dass ein Versuch es sicherlich wert war. Außerdem wollte sie an ihm überprüfen, ob Morpheus tatsächlich die Pfoten von ihren Träumen gelassen hatte.
      Bis sich Kassandra mit Teal in ein Zimmer zurückzog hatte sie bewusst weitere Anspielungen beim Herzog unterlassen. Vielleicht nicht ganz - Blicke waren schließlich gestattet. Sie triezte ihn möglicherweise mehr als gut war aber es war schließlich er gewesen, der behauptet hatte, einen Aufstand führen zu müssen. Da durfte er sich dann gerne eine Nacht allein mit seinem Kopfkino beschäftigen während die Phönixin über seinen Neffen wachte.
      Kassandra hatte sich auf einem Sessel am Fenster niedergelassen, Teal war derweil schon ins Bett gekrochen. Er kam eine geraume Zeit nicht darum herum, sie wie ein Weltwunder anzustarren. Irgendwann wurde ihr klar, dass er so keinen Schlaf finden könnte. Wenn er sich von ihr abwandte, würde ihn seine Angst beschäftigen. Mied er die Angst, siegte die Faszination über den Champion im Raum. Ergo beschloss Kassandra, dem Jungen etwas zu erzählen. Von den Schlachten, denen sie beigewohnt hatte. Von den Kulturen, bei denen sie zu 'Gast' war. All das, was der Junge sonst nur aus Büchern aufgesaugt hatte und bei ihr ein Augenzeugenbericht war. Sie konnte nicht leugnen, dass ihr der Sohn der Walküre gefiel. Er war aufgeweckter als am Tage, scheinbar hatte sie bereits einen guten Einfluss auf ihn obwohl sie bewusst keine Magie einsetzte. Völlig unangekündigt fiel Teal plötzlich in den Schlaf - die Erschöpfung hatte schlussendlich gesiegt. Damit begann die Zeit der Wache für Kassandra. Über die dunklen Stunden hinweg beobachtete sie den Jungen ohne nennenswerte Zufälle. Als die Sonne über die ersten Hügel blitzte erwachte auch Teal wie mit einer perfekt gestellten inneren Uhr. Er blinzelte müde Kassandra an, dann erschien Erstaunen in seinem Gesicht.
      "Keine Alpträume gehabt, richtig?", fragte Kassandra nach und lächelte den Jungen an.
      "...Nichts.... Einfach... Gar nichts..."
      Ein zufriedenes Seufzen entkam Kassandra. Dann hatte ihre Aktion mit Morpheus hoffentlich doch Früchte getragen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandras Stimme nahm einen geradezu frechen Ausdruck an, der Zoras' Stimmung auf eine neue Ebene hinauftrug. Er hatte sie bisher nur äußerst selten in so einer flirtenden Stimmung erlebt und konnte nicht bestreiten, dass es sein Innerstes erhitzte.
      "Mhh. Soll das heißen, ich hab mir noch nicht genug Mühe gegeben? Das lässt sich ändern."
      Er grinste noch viel breiter, die neigte Kassandra sich ihm entgegen, was für den ersten Moment wie der nächste Kuss wirkte. Er zog sie eng an sich, fuhr mit der Hand über ihren Unterrücken entlang, völlig in den Bann gezogen von dem Blick, den sie über seinen Körper wandern ließ. So unrecht hatte sie eigentlich gar nicht, wenn er es sich genau überlegte: Ein Blick von ihr, ein Grinsen, ein Funkeln in ihren Augen und er wäre bereit dazu, sie hochzuheben und zur nächsten weichen Unterlage zu tragen. Natürlich nur, solange sie dieses Grinsen beibehielt - oder wenigstens ihr Gesicht in anderen genüsslichen Empfindungen verzog.
      Der erwartete Kuss blieb aus, stattdessen lehnte sie sich weiter vor und zeigte ihm, dass es einen Schalter in seinem Gehirn gab, den man mit Worten umlegen und damit vollständig ausschalten konnte. Und Kassandra legte den Schalter nicht nur um, sie hebelte ihn aus und warf ihn außer Sichtweite. Zoras spürte die Hitze in seinem Magen zu einem Feuer entfachen und dann war er wirklich dazu geneigt, sich Kassandra über die Schulter zu werfen und sie beide im nächstbesten Raum einzusperren. Stattdessen löste sie sich von ihm und hinterließ eine Kälte, die ihn geradezu frösteln ließ, während sie mit federndem Gang das Haupthaus ansteuerte. Bildete er sich das nur ein, oder hatte sie einen absichtlichen Schwung in ihre Hüften gelegt? Er starrte sie an, dann ließ er sein Übungsschwert liegen und kam sich höchst dümmlich vor, wie er eilig hinter ihr nachlief, wie ein überaus loyaler und überaus beschränkter Hund.
      Als er sie eingeholt hatte, legte er ihr beim Gehen einen Arm um die Schulter, zog sie an sich und brummte:
      "Freche Phönixin. Ich habe dich schon noch verführt, bevor du meine Widerstände gebrochen hast, das kann ich dir versichern."
      Der restliche Tag war damit für seine Gedanken gelaufen.

      Die Nacht alleine zu verbringen hatte - ganz besonders nach der Unterhaltung am Mittag - einen geradezu quälenden Geschmack, der auf Zoras' Zunge haftete und sich nicht entfernen ließ. Er wälzte sich herum und überlegte, ob er sich vielleicht in Kassandras Gemach hineinschleichen und sie nur für einen kurzen Moment entführen konnte, während Teal sicherlich schlief. Irgendwann musste er aber einsehen, dass er doch wohl nicht einmal für eine Phönixin so seinen Verstand verlieren würde und fiel schließlich in einen oberflächlichen Schlaf, in dem er sich mehrmals dabei ertappte, beim Aufwachen nach Kassandra zu suchen. Seine Hand schob sich allerdings nur durch kaltes Deckengewühl und er musste jedes mal mit Enttäuschung erkennen, dass sie nicht hier war.
      Zumindest hatte sich ihr Gespür als richtig erwiesen und die Träume blieben aus.

      Am nächsten Tag hatte Ryoran sich wieder beruhigt und war nun eher darauf aus, eine Lösung zu finden, die sowohl das Morpheus-Problem abdeckte, als auch den Aufstand als ganzes. Er und Zoras zogen sich in sein Gemach zurück, wo sie die Lage besprachen.
      Wie konnte man einer Gottheit ausweichen, deren Einflussbereich beinahe ein ganzes Herzogtum abdeckte und die außerdem noch tausende Menschen auf einmal manipulieren konnte? Wie konnte man eben jener Gottheit entgehen, ohne sie direkt anzugreifen und damit einen richtigen Krieg zu provozieren? Wie konnte man zum Schluss noch immer auf das Schlachtfeld ziehen, ohne dass die Soldaten bereits beim Marsch einschliefen?
      Es dauerte den ganzen Tag und führte zu Ergebnissen, die keinem von ihnen wirklich zusagte. Zoras musste gestehen, dass Feris, so dumm seine Strategie auch gewesen war, damit Erfolg erzielen würde. Es gab schlichtweg keine Möglichkeit, sich Morpheus zu entziehen.
      "Ach, der Juwelier war übrigens hier, er hat es in der Schatzkammer abgelegt. Bitte sag mir nicht, dass das für eine gewisse Phönixin angekommen ist."
      "Okay."
      "... Was?"
      "Ich soll es nicht sagen, dann sag ich es auch nicht."
      Ryoran starrte ihn für einen Moment an, während Zoras seine Karten studierte, und stieß dann ein geradezu gequältes Stöhnen aus.
      "Sie ist eine Phö -"
      "Phönixin, ja, ich weiß. Das haben wir schon vor ein paar Wochen herausgefunden."
      "Wieso suchst du dir nicht eine normale Frau, Zoras? Eine mit weniger... Überirdischem."
      "Was, kann ich ihr etwa kein Geschenk machen, weil sie eine Phönixin ist?"
      "Seit wann machst du Frauen denn Geschenke, ohne ihnen den Hof zu machen?"
      "Zurück zur Sache Ryoran, das führt sonst zu nichts. Wir sollten..."
      Er starrte auf die Karten, dann hob er den Blick, um seinen Bruder zu betrachten. Ryoran stand beim Fenster und sah finster drein, weil er gedanklich sicher gerade dabei war, dieses Verhältnis zwischen der Phönixin und Zoras zu visualisieren.
      "... Was ist, wenn er uns nicht finden kann? Ich meine, wie könnten wir es schaffen, dass er nicht weiß, dass wir überhaupt in seinem Umfeld sind?"
      "Das wird aber nicht verhindern, dass wir in seinem Einflussgebiet sind."
      "Auch wieder wahr. ... Und wenn wir ihn weglocken?"
      "Einen Gott weglocken? Einen Gott der Träume? Stelle ich mir schwierig vor."
      "Er muss doch wissen, wo wir sind, sonst wäre er uns nicht gefolgt. Woher weiß er es denn? Und könnte man ihm irgendwie vorgaukeln, dass wir ganz woanders sind?"
      Ryoran rieb sich den Bart und sah dann aus dem Fenster hinaus in den Hof unter ihm. Es dauerte einen Moment, in dem die Brüder über Zoras' Frage nachdachten, dann wandten sich beide einander zu, als hätten sie soeben den gleichen Gedanken übermittelt bekommen.
      "Kassandra."
      "Kassandra."

      Es dauerte noch eine weitere Stunde der Planung, die noch viel unbefriedigender war als die vorherigen, bis die beiden Männer sich für den Tag trennten und Zoras seine Begleitung suchen ging. Sie hatten noch keine wirkliche Vorstellung davon, wie Kassandra Morpheus weglocken könnte, aber er wollte zuerst ihre Meinung dazu hören, bevor er über irgendetwas weiter nachdachte. Er fand sie auf dem Anwesen.
      "Kassandra, komm mit mir."
      Er hielt ihr die Hand hin, dann führte er sie zurück in sein Gemach, wo er seinen ursprünglichen Platz an seinem Schreibtisch wieder einnahm und mit seiner Erklärung begann.
      "Ryoran und ich haben darüber nachgedacht, wie wir Morpheus vertreiben können. Ich denke, dass er durch dich weiß, wo sein Ziel zu finden ist - schließlich muss er uns dafür nicht beobachten und außerdem wird er, ein Ausländer und Gott, wohl kaum wissen, nach was er ständig Ausschau halten muss. Wir denken daher, dass du ihm den Weg leitest."
      Er verschränkte die Hände ineinander.
      "Könntest du ihn von unserem Herzogtum weglocken? Ihn auf eine falsche Fährte führen? Ist das möglich?"
    • Schnell fanden Kassandra und Teal heraus, dass die beiden Männer in ihrem Leben sich mehr mit einander als ihnen am heutigen Tage beschäftigen würden. Erstaunlicherweise hatte diese eine Nacht gereicht, um den Jungen fast wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen - die roten Striemen waren gewichen, die endlosen Ringe unter seinen Augen waren abgeschwollen. Auch Elive, die kurz nach ihrem Sohn in Kassandras Obhut sah, wirkte optisch etwas besser.
      Also beschloss die Phönixin, ihren Tag in Einsamkeit unter der Sonne und der Verfügung ihrer Fähigkeiten zu verbringen. Allerdings hatte sie, kaum war sie aus dem Anwesen getreten, das Gefühl, verfolgt zu werden. Nach der nächsten Wendung um einen Stall ließ sie dieser Eindruck noch immer nicht los und als sie einen Blick über die Schulter warf entdeckte sie Teal, der sich hinter ein paar Heuballen zu verstecken suchte. Seit wann stellte er ihr so sonderbar nach?
      "Du kannst mich auch ruhig offen ansprechen", gab die Phönixin deutlich hörbar von sich und sah den Jungen wegzucken.
      Peinlich berührt tauchte der Jüngste der Luors hinter dem Ballen auf, druckste herum und schloss schließlich zu Kassandra auf. Er warf ihr nur vereinzelt Blicke zu, so als schäme er sich für irgendetwas. Sie beschloss, nicht weiter darauf einzugehen und setzte ihren Weg zu den Wiesen fort.
      ".... Hab ich was komisches im Schlaf gesagt?"
      Kassandra blieb nicht stehen, blickte den Jungen an ihrer Seite jedoch fragend an. "Nein. Wieso auch?" Schließlich hatte Morpheus die Finger von ihnen allen gelassen. Vielleicht... weil Kassandra nicht mehr geschlafen hatte seit einer gefühlten Ewigkeit und er ihre Position verloren hatte?
      "Weil Mutter meint, ich hätte ständig irgendetwas gesagt. Oder gemurmelt. Oder so...."
      "Man muss nicht immer etwas während des Schlafes sagen. Manchmal verzieht ihr Menschen euer Gesicht während der Träume oder bewegt euch in bestimmten Mustern. An vieles davon erinnert ihr euch häufig nicht mehr."
      "Mein Onkel sagte, er schliefe mal besser mal schlechter. Aber ich weiß, dass er eigentlich nie wirklich gut schläft. Er träumt auch öfter schlecht, oder? Habt Ihr ihn während eurer Reise auch so geschützt wie mich?"
      Kassandra wusste nicht, wohin diese Fragen führen sollten. "Ich war an seiner Seite, ja. Habe mein mir Möglichstes getan, um dafür zu sorgen, dass er genug Ruhe fand."
      "Er sagte, mit einer schönen Frau an seiner Seite wäre das gar kein Problem." Seine Worte klangen unbeschwert.
      Sie runzelte lediglich die Stirn. "Ich fürchte, er versucht dir ein falsches Weltbild anzuerziehen. Man braucht nicht zwangsläufig eine schöne Frau in seinem Bett, um ruhig zu nächtigen. Das funktioniert grandios auch ohne-"
      "Er hat heißeste gesagt", unterbrach Teal die Phönixin und sorgte dafür, dass sie stoppte und den Jungen mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. "Er benutzt dieses Wort nie für die Frauen, die seine Kammer geteilt haben. Oder die er besucht hatte."
      Verdammt war der Junge aufmerksam. Wie konnte er selbst in seinem desaströsen Zustand solch Kleinigkeiten bemerken und vor allem behalten? Noch viel wichtiger: Woher wusste ein Vierzehnjähriger Bescheid über die Affären seines Onkels und wie er sie nannte? Als Hausierer mit diesem Wissen hatte sie Zoras eigentlich nicht eingeschätzt.
      "Weißt du was? Ich glaube, man sollte dir so ein paar Belange erklären, die selbst dein Onkel nicht haben und verstehen kann", entschied Kassandra und setzte ihren Weg fort. Wer wusste schon, wann sie das nächste Mal eine ruhige Minute hatten?

      Teal und Kassandra waren recht weit von der Siedlung weggewandert bis sie an einen Hügel mit ein paar Bäumen angelangt waren. Dort hatte sich die Phönixin an einen Baumstamm gesetzt und neben sich geklopft, um den Jungen zu sich zu holen. Noch immer hegte er gewisse Scheu in ihrer Nähe und erst recht, als sie mit der geöffneten Hand um die seine bat.
      "Lass das nicht deinen Onkel wissen. Er wird eifersüchtig", teilte sie ihm mit während sie ihre Handflächen geöffnet nach oben von sich streckte.
      Auf ihrer, oder besser gesagt auf Teals Händfläche, erschien eine kleine, hellrote Flamme. Ähnlich wie jene, die sie damals Zoras auf die Handfläche gesetzt hatte. Sie hatte damit gerechnet, dass der Junge seine Hand wegziehen würde, doch er starrte die Flamme in seiner Hand nur gebannt an. Ein gutes Zeichen.
      "Alles, was Überirdisch wirkt wie diese Flamme in deiner Hand wird mit Magie gesteuert. Magie reagiert empfindlich auf andere Magie, wird dadurch beeinflusst oder verändert. Es reichen schon Präsenzen aus, um Kleinigkeiten zu bewirken. So verfügen wir beispielsweise über Flammen, die Lügen erkennen können. Aber das wollte ich dir gar nicht zeigen." Sie richtete ihren Blick aus dem Augenwinkel auf den Jungen. "Was wäre, wenn du gar kein normaler Junge wärst?"
      "Ich bin zukünftiger Herzog. Das würde ich schon mal als nicht normal bezeichnen", erwiderte er scharfsinnig und Kassandra kicherte leise.
      "Na gut. Anders herum. Was, wenn deine Mutter keine einfache Frau ist?" Kassandra wusste, wie sich Elive und Ryoran kennengelernt haben. Dass sie praktisch von klein auf zusammen gewesen waren und man hatte dem Jungen bestimmt erzählt, wie sie sich gefunden hatten.
      Teal zog die Stirn in Falten. "Ist sie doch adelig oder so? Aus einem ehrwürdigen Haus? Oh, oder sogar von einer abtrünnigen Adelsfamilie aus dem Ausland?!"
      "Sei still und konzentrier dich auf das Feuer und erinnere dich an meine Worte."
      Einen Moment lang schwieg Teal, dann starrte er wieder intensiv das Feuer an. Kassandra spürte, dass er dem Ganzen keinen Sinn nachsagen konnte und auch nicht wirklich verstand, woher das alles plötzlich kam. Zweifel war etwas, das man nicht einfach so ausreden konnte. Man brauchte Beweise.
      Und dieser Beweis war eine ehemals hellrote Flamme, die plötzlich ins fahlblaue umschlug. Teal schnappte beinahe entsetzt nach Luft während Kassandra ein wissendes und siegreiches Lächeln zur Schau trug. Also hatte Elive dem Jungen doch noch mehr geschenkt als nur sein Leben.

      Nach dieser Erkenntnis hatte die Phönixin dem Jungen erzählt, dass seine Mutter eine Walküre sei. Was ihn im Endeffekt zu einem Halbwesen machte, dessen Fähigkeiten nicht absehbar waren. Zumal er keine Frau sondern ein Mann war. Und dass Ryoran vermutlich nicht wusste, dass sie nicht rein menschlicher Natur war und Teal deswegen darauf achten sollte, wem er mit diesem Wissen begegnete. Es half ihm allerdings sofort ein anderes Bewusstsein für sich selbst zu entwickeln und der schlacksige Gang wurde augenmerklich gerichteter. So als wüsste er jetzt, wo er hin wollte.
      Sie hatte ihm ein wenig davon gezeigt, zu was sie nun fähig war. Hatte ihm das Verhältnis von Göttern zu mythischen Wesen erklärt und warum sie eigentlich nicht auf die Erde hinabsteigen sollten. Warum sie am Ende so töricht gewesen war und dass es auch unter ihresgleichen Sonderlinge wie sie einer war gab. Wissbegierig hatte Teal jedes Wort der Phönixin aufgesaugt und war erst nach Stunden mit ihr zurück zum Anwesen gegangen. Dort trennte er sich von ihr; Er sagte, er brauchte etwas Zeit um all die Informationen zu verarbeiten. Kassandra ließ ihn ziehen und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer, wo auch er die vergangene Nacht geschlafen hatte. Irgendjemand hatte bereits das Bett wieder hergerichtet und das allgemeine Chaos im Zimmer aufgelöst. So konnte sie in Ruhe ihre Kiste auspacken und die Kleider mit den türkisen Einschlägen ausbreiten bis es an der Tür klopfte und Zoras erschien.
      "Kassandra, komm mit mir."
      Das klang sehr endgültig. So endgültig, dass sie es nicht hinterfragte sondern ihm wortlos die Hand reichte und sich von ihm führen ließ. Er brachte sie ohne Umwege direkt gegenüber in sein Zimmer und für einen Moment lang nahm sie an, dass er das Zimmer nun abschließen und sie für den Rest des späten Tages nicht mehr entlassen würde. War er doch eifersüchtig gewesen, dass sein Neffe ungeteilte Zeit mit ihr während der Nacht gehabt hatte? Oder hielt er es nicht länger aus? Oder war sein Bruder ihm wieder auf den nerv gegangen....
      "Ryoran und ich haben darüber nachgedacht, wie wir Morpheus vertreiben können. Ich denke, dass er durch dich weiß, wo sein Ziel zu finden ist - schließlich muss er uns dafür nicht beobachten und außerdem wird er, ein Ausländer und Gott, wohl kaum wissen, nach was er ständig Ausschau halten muss. Wir denken daher, dass du ihm den Weg leitest."
      Er verschränkte die Hände ineinander.
      "Könntest du ihn von unserem Herzogtum weglocken? Ihn auf eine falsche Fährte führen? Ist das möglich?
      Kassandras Blick entgleiste als ihr binnen Sekunden ein Licht aufging, worauf er hinauswollte. "Nein. Das würde bedeuten, dass du mich auf längere Zeit wegschicken müsstest. Ich wäre Wochen, wenn nicht sogar Monate von dir getrennt. Da kann alles Mögliche in der Welt passieren und ich wäre nicht zur Stelle. Das geht nicht."
      In ihren Zügen erschien ein bitterer Ernst, unter den sich eine Priese Furcht mischte. Es wäre das Szenario, was ihr am unliebsten wäre. Getrennt von ihrem Träger zu sein und wenn sie wiederkam fand sie ihn im schlimmsten Falle tot und verwesend in einer Ecke liegen. Eine Vorstellung, die sie nie wieder auch nur eine Sekunde in ihrem Verstand willkommen heißen wollte.
      Mit wehenden Haaren kam sie an seinen Tisch getreten und schlug die flachen Hände hörbar auf der Tischplatte auf während sie sich etwas vorlehnte, um dem Herzog ins Gesicht zu sehen. "Es stimmt - er hat dich durch mich lokalisiert. Ich brenne in seiner Wahrnehmung vermutlich wie ein Leuchtfeuer und dadurch wusste er, dass du unmittelbar in meiner Nähe sein musstest. Die Lösung war einfach, Zoras. Ich habe einfach nicht mehr geschlafen. Schon mal überlegt, dass er vielleicht deswegen vergangene Nacht keinen Enfluss mehr auf euch alle hier hatte? Vielleicht hat er meine Spur verloren?!"
      Sie wusste, dass diese Argumentation ein Loch hatte. Es gab keine logische Erklärung, warum die Träume stoppten seitdem sie im direkten Umfeld war nach der Logik, die Zoras ihr gerade geschildert hatte. Wenn er wusste, dass sie Morpheus aufgesucht hatte, dann wäre sein Fokus schlagartig woanders. Also musste sie es ihm verschweigen.
      "Nach dieser Logik verfolgt er mich und nicht dich, ja. Er wird mir vermutlich folgen, wenn ich reise weil sie bisher nur wissen, dass wir gemeinsam reisen. Dann darf aber niemand erfahren, dass du hier geblieben bist. Wie willst du diese Information unter Verschluss halten? Sobald Restaris weiß, dass wir getrennte Wegen gehen und sei es nur ein Ablenkungsmanöver, dann richten sie alle Mächte wieder hierher und dann bin ich vielleicht nicht rechtzeitig hier, falls etwas passieren sollte."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandra antwortete schnell und sie antwortete endgültig. In ihren Zügen spiegelte sich für eine Sekunde eine Reihe aus Emotionen ab, die allesamt dafür sprachen, dass die Phönixin genau begriffen hatte, worum es gehen sollte. Dass sie dabei trotzdem verweigerte, aus dem schlichten Grund nicht dasein zu können, war dabei nicht hilfreich.
      Zoras zog die Stirn in Falten.
      "Aber du könntest, oder? Ganz unabhängig davon, ob du möchtest oder nicht, du könntest?"
      Sie umging die Frage - oder vielleicht war es auch genau diese Aussage, die sie dazu veranlasste, mit einer gewissen Intensität an den Tisch heranzutreten und Zoras zu taxieren. Er fühlte sich unter dem Blick unwohl; noch viel unwohler war ihm allerdings, dass er in der Sache wohl nicht auf ihre Kooperation hoffen durfte.
      Was sie ihm dann aber so scheinbar nebensächlich offenbarte, kam so überraschend, dass er für einen Augenblick vergaß, sich zu überlegen, wie er sie umstimmen konnte. Stattdessen glotzte er nur, bis ihm langsam ein Licht aufging, bis er langsam begriff, dass es niemals nur ihre Aura gewesen war, dass er deshalb Kassandra in den letzten Tagen nicht mehr schlafend vorgefunden hatte. Sie hatte einfach nicht geschlafen und erstaunlicherweise sah man es ihr in keinster Weise an.
      Jetzt war es an ihm, dass die Frust langsam Überhand gewann. Er war nicht wütend, aber er war irritiert und letzten Endes war er wohl auch gereizt, von Stunden der vorangegangenen Besprechungen und Tagen der Paranoia, die womöglich ein leichtes Ende finden konnten, wenn Kassandra sich nur fügte. Aber das wollte sie nicht - wieso? Weil sie wegen ihm auf Schlaf verzichtete und weil sie ihn nicht alleine lassen wollte.
      "Du hast auf Schlaf verzichtet? Das ist doch keine Endlösung, Kassandra! Wie lange schon, etwa die ganze Zeit? Und wie lange möchtest du das noch durchziehen, bis der Aufstand beendet ist? Das sind noch Monate! Willst du mir etwa erzählen, dass du für Monate nicht schlafen willst?"
      Er betrachtete sie kritisch, während er sich ein Stück zurücklehnte. Schlimm genug, dass er sich mit dem Gedanken auseinandersetzen musste, die Phönixin wegzuschicken, jetzt musste er sie auch noch davon überzeugen, damit sie keine anderen Dummheiten begann.
      "Nur mal angenommen, er hat unsere Spur tatsächlich verloren: Es wird nicht lange dauern, bis er auf die Idee kommt, in meinem Zuhause nachzusehen - zumal wir unmissverständlich auf dem Weg dorthin waren. Und nur mal angenommen du schläfst weiterhin nicht - was ich übrigens in keinster Weise unterstütze! - wird er irgendwann auf die Idee kommen, mich mit anderen Mitteln zu finden. Morpheus ist nicht aus der Welt und er wird es auch nicht sein, wenn wir darauf hoffen, dass er uns verliert."
      Er griff sich in den Bart.
      "Ich kann auch nicht hier bleiben, das ist mir selbst klar, das erkenne ich auch so. Er will mich und nicht dich, aber du weist ihm den Weg. Es ist die beste Möglichkeit."
      Er schob ihr eine der Karten zu und sprach schnell weiter:
      "Lass mich erst ausreden, bevor du etwas sagst. Wir werden beide das Anwesen verlassen und an dieser Stelle", er deutete darauf, "uns trennen. Du reitest, so schnell du kannst, in den Norden und ich weiter in den Osten. Du wirst schlafen, du wirst Morpheus mit dir locken und sobald er begriffen hat, dass ich nicht bei dir bin, werde ich schon an der Grenze sein, wo Kerellin einfällt. Ich werde meine Armee anführen, Kerellin im Zaum halten und sobald er wieder da ist, wird er nicht nur Aufständische treffen, sondern auch Verbündete. Entweder er muss seinen Einfluss einstellen, oder er riskiert, die eigenen Truppen zu manipulieren. Egal wofür er sich entscheidet, es wird dem König nicht gefallen, aber es wird keinen Krieg heraufbeschwören. Wir können unsere Vorbereitungen weiter treffen und wenn wir schnell genug voranschreiten, werden wir die Möglichkeit unterbinden, dass sie sich etwas neues ausdenken. Oder gar Verstärkung anfordern."
      Er sah auf, wollte nicht das Mienenspiel verpassen, das Kassandras Gedanken spiegelte. Ja, die Idee gefiel ihm selbst nicht. Ja, er wäre mit sämtlichen wirkungsvollen Alternativen einverstanden. Nein, er hatte anfangs nicht damit gerechnet, eines Tages mit einem Traumgott konfrontiert zu werden. Aber die Dinge waren, wie sie nunmal waren und egal, wie rum er es drehte, Kassandra war immer der Knackpunkt und das gefiel ihm nicht. Er musste selbst Kontrolle über die Situation zurückerlangen und wenn ihm das gelang, indem er sich unter seine Feinde mischte, war das zumindest ein solider Anfang.
    • Kassandras Lippen formten sich zu einem schmalen Strich. "Sicher könnte ich das tun. Ich kann viele Dinge tun, die den Verlauf dieses Aufstandes maßgeblich verändern können aber das willst du nicht."
      Während sie so vor ihm stand, die Ungehaltenheit eindeutig auf ihrem Gesicht ablesbar, sah sie in Zoras' Blick nur eine Form der Ernüchterung. Er hatte darauf gesetzt, dass sie seinen Vorschlag blind unterschreiben würde. Immerhin hatte sie ihm ihre Unterstützung bei seinem Vorhaben zugesichert. Das bedeutete nur noch lange nicht, dass sie ihn genauso blind ins Messer laufen lassen würde. Dann änderte sich etwas in seinen Augen, eine neue Emotion gewann langsam die Überhand. Insgeheim hatte sie nicht damit gerechnet, dass er sich so darüber erpichen würde, dass sie den Schlaf gemieden hatte. Ihm war es augenscheinlich nicht einmal aufgefallen, wieso beschwerte er sich dann darüber?
      "Woran lag es wohl sonst, dass dich nicht die heftigsten Alpträume deines Lebens geplagt haben, hm?" Ihr Tonfall wurde schneidend scharf. "Nachdem ich festgestellt habe, dass es etwas bringt wenn ich den Schlaf meide, ist es doch nur nachvollziehbar, dass ich diesen Weg wähle. Vielleicht sollte ich dir das noch einmal vorhalten: Ich bin kein Mensch, Zoras. Je näher ich dem komme, was ich bin, desto stärker hebe ich mich davon ab, was euch ausmacht. Euer Körper braucht Schlaf und Essen. Ich kann es Monate herauszögern wenn ich will!"
      Eine unausgesprochene Bestätigung, seit wann sie wirklich nicht mehr in seiner Anwesenheit geschlafen hatte. Sie musste es nicht mit Worten ausdrücken, dieser Mann war schlau genug um selbst den Rückschluss zu ziehen. Beide Parteien starrten sich eingehend an, dann lehnte sich Zoras zurück und schlug einen versöhnlicheren Tonfall an. Seine Argumentation besaß leider Hand und Fuß, was Kassandra zähneknirschend akzeptieren musste. Sollte Morpheus von ihrem Besuch tatsächlich nicht den Willen entwickeln, sich gegen seinen Träger zu stellen, hätte dieses Drama kein Ende gefunden sondern nur eine temporäre Pause. Und dann stünden sie wieder dort, wo sie angefangen hatten. Ihre Brust plusterte sich gerade wieder auf als er ihr eine Karte vor die Nase schob und schnell weitersprach, um sie gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen. Doch mit jedem Wort, das sich aus seinem Mund löste, wurde ihre Miene härter. Bis er schließlich endete, sie eingehend musterte und feststellen durfte, wie sie das erste Mal in seiner Anwesenheit einen verbissenen Ausdruck zur Schau trug. Sie antwortete nicht umgehend, erwiderte seinen Blick einen Augenblick lang. Nach einer gefühlten Ewigkeit reagierte sie auf seine Worte, ihre Stimme erstaunlich ruhig und gefasst.
      "Du willst dich freiwillig gegen Kerellin ins Kriegsgeschehen stürzen während ihr alle Gefahr lauft, am Ende eurer Leistungsbereitschaft zu stehen? Vielleicht hattest du bisher in deinen Schlachten einfach nur Glück und das verlässt dich dann. Meriah hat dich einmal bereits hinters Licht geführt, wer sagt, dass das nicht noch einmal passieren kann? Meinst du, sie fällt an deiner Grenze ein ohne Siegeschancen oder einen Plan? Eine Geheimwaffe? Sie ist die Einzige, die Feris ihre Treue ohne Umschweife geschworen hat. Stell dir mal vor, er hat ihr auch einen Champion zur Hinterhand zugeteilt in seinem unermesslichen intellektuellen Reichtum."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras' Ausführungen stießen auf genauso viel Widerstand, wie er befürchtet, aber wogegen er gehofft hatte. Er konnte es förmlich an Kassandras Gesicht ablesen, was sie von seinem Plan hielt, bevor sie überhaupt die Worte dazu aussprach, aber sie trafen ihn trotzdem gänzlich unvorbereitet.
      Seine eigene Miene verzog sich in dem Schwall aus entblößtem Ärger, der von Kassandras Worten angefacht wurde. Mehr und mehr kam es ihm wie eine Rechtfertigung vor und nicht wie eine Besprechung über einen Lösungsweg. Besonders reizte ihn aber eine einzelne Aussage, die ihn aufspringen ließ.
      "Ich habe kein "Glück", Kassandra! Denkst du etwa, ich beschreite meine Schlachten basierend auf Glück? Ich bin ausgebildeter Heerführer, ich befehlige meine Armeen und verlasse mich nicht auf Glück."
      Er verschränkte aufgebracht die Arme vor der Brust.
      "Was soll deine Abneigung gegenüber diesem Plan, etwa, dass ich nicht alleine auf mich oder meine Männer aufpassen kann? Du musst nichts weiter tun, als ein paar Wochen durch das Land zu reiten, höchstens ein oder zwei Monate und dann kommst du zurück an die Grenze, ist das etwa so abwegig, wenn es dafür sorgt, dass Morpheus nicht mehr gefahrlos seinen Einfluss ausüben kann? Natürlich weiß ich, dass Kerellin nicht einfach so meine Grenze angreift, sie hat schließlich auch keine paar Truppen dafür abgesetzt, sondern eine ganze verdammte Armee, natürlich steckt da etwas dahinter! Aber was soll ich tun, hierbleiben und darauf hoffen, dass meine Offiziere die Sache regeln werden? Oder vielleicht mich zu Eiklar zurückziehen und darauf hoffen, dass Ryoran schon weiß, was zu tun ist, wenn Kerellin hier wirklich einfällt? Ich bin Herzog und nicht mein Bruder, ich habe den Aufstand begonnen und führe ihn an, ich werde nicht den Schwanz einziehen und dabei zusehen, wie Kerellin meine Grenze mit Füßen tritt! Ich habe selbst keine Lust in den Krieg zu ziehen, bevor die eigentliche Schlacht beginnt, aber Morpheus sitzt uns im Nacken und das Königshaus wird nur seinen Druck aufbauen, wenn wir nicht früh genug dagegen ziehen! Also bitte, Kassandra: Nenn mir einen vernünftigen Grund, weshalb wir es nicht genau so machen, der nicht beinhaltet, dass ich als irgendein Schwächling dargestellt werde, der seine Schlachten durch Glück oder eine Phönixin an der Seite gewinnt!"
    • Kassandras Wille war zu stark, als dass sie auch nur einen Zentimeter von ihrer angestammten Position abwich. Selbst als Zoras aufsprang, nicht mal eine Armlänge von ihr getrennt, und seinem eigenen Zorn Luft machte, tat sie nicht einen Schritt rückwärts. Schlimmer noch, sie ließ ihn wüten bis sein Wortschwall geendet hatte und er den Spieß mit Leichtigkeit umgedreht hatte. Während vor Sekunden noch Verbissenheit in ihrem Gesicht lag, wurde dieser Ausdruck plötzlich untergraben. Binnen Bruchteilen von Sekunden lief eine ganze Bandbreite von Emotionen durch die Verbissenheit hindurch, grub sich unaufhaltsam durch die Schichten ihrer Verbissenheit. Zuerst zeigte sich Wut darüber, wie er sich erdreistete so mit ihr zu sprechen. Wut darüber, dass er nicht verstand. Was er ihr damit antat, wenn er sie fortschickte und sei es noch so kurz. Dann kam Erstaunen darüber, dass er die Lage so einordnete. Erschütterung und Unglaube, wie sehr er an dem Konzept von Ehre und Ansehen festhielt. Ganz zum Schluss erschien eine Erkenntnis, es waren seine letzten Worte, die diese Reaktion in ihrem Gesicht auslöste. Die letzten Worte, die einem Rammbock glichen und die Verbissenheit in Stücke zerschlug. Darunter freigelegt wurde Verbitterung und eine grenzenlose Enttäuschung, von der nicht ersichtlich war, wem oder was sie galt.
      Kassandras aufgeplusterte Brust sackte merklich in sich zusammen, ihre Hände rutschten von der Tischplatte und hingen lieblos an ihrem Körper hinab. Sie tat einen möglichst ruhigen Atemzug, der dafür sorgte, dass in ihr Gesicht eine ausdruckslose Maske erschien.
      "Gut, ich gehe. Gib Bescheid, wenn du ausziehen willst."
      Damit machte sie kehrt und wartete keine Reaktion ab. Mit langen Schritten ging sie zur Tür zurück, trat hinaus und zog die Tür hinter sich wieder zu. Sie hatte keine Augen auf den Flur, den sie einfach nur verlassen wollte, um raus aus diesen Mauern zu kommen. Raus aus dem Gebäude, kein Dach mehr über dem Kopf haben, keine Menschen mit ihren weltlichen Belangen um sich wissen. Dabei prallte sie gegen Elive, die so plötzlich vor der Phönixin aufgetaucht war, dass sie sie gar nicht gesehen hatte.
      "Entschuldige", sagte sie nur kurz angebunden und würdigte die Walküre keines Blickes während sie den Flur zwar nicht stürmte, aber doch fluchtartig verließ. Hinter ihr rief Elive ihr etwas zu, doch Kassandra reagierte nicht darauf.
      Zoras hatte einen Nerv getroffen. Es waren ihre Worte gewesen, dass Götter nichts auf Erden zu suchen hatten. Sich nicht in den Lauf einmischen sollten, den die Menschen bestritten. Und nun erdreistete sie sich es ihm übel zu nehmen, sie aus dieser Angelegenheit raushalten zu wollen. Nein, schlimmer noch. Er tat es nicht weil er sie schützen wollte. Er tat es weil er sich nicht die Blöße geben wollte. In seinen Augen war ihre Hilfe ein Zeichen der Schwäche, eine Untergrabung seiner Würde, seines Stolzes. Und sie musste anerkennen, dass sein Plan für menschliche Mittel fehlerfrei war. Er musste so durchgeführt werden und das hatte sie binnen Momenten realisiert.
      Hinter ihr folgte immer noch Elive, scheinbar hatte sie etwas wichtiges, doch Kassandra ignorierte sie geflissentlich. Etwas gröber als geplant stieß sie die Eingangstür des Gebäudes auf und trat auf den Hof vor dem Gebäude. Augenblicklich wurde sie etwas langsamer, kaum strich der Wind über ihren Körper und Sonennstrahlen kitzelten ihr Gesicht. Doch dann legte sich schraubstockartig eine Hand um ihren Arm und riss sie unverhältnismäßig grob zurück. Kassandra wirbelte regelrecht herum und starrte in eine mehr als ungehaltene Elive.
      "Was?", zischte Kassandra und entriss ihr ungehalten ihren eigenen Arm.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras rechnete fest damit, dass Kassandra seine Frage beantworten würde, dass sie ihm halbwegs sinnvoll eröffnen würde, weshalb sie so gegen den Plan stand. Er konnte es sich noch nicht einmal erklären, weshalb sie sich so dagegen sträubte, nachdem er sie als rational denkend einstufte, aber zu seiner Überraschung gab sie ihm in gewisser Weise das, was er haben wollte. Nur, dass ihr Gesichtsausdruck dabei etwas gänzlich gegensätziges ausdrückte.
      Bevor er aber etwas sagen konnte, wandte sie sich schon ab.
      "Kassandra, bleib doch hier und erkläre mir wenigstens -"
      Sie achtete nicht auf ihn, als sie mit langen Sätzen zur Tür marschierte, sie aufriss und auf den Gang hinaustrat. Da verstummte er selbst und schließlich wurde er mit seinen eigenen Plänen zurückgelassen.
      Er überlegte lange, ob er ihr nachgehen sollte. Dieses Verhalten war so atypisch für die Phönixin, so von Emotionen geprägt, dass er sich ganz sicher war, dass etwas anderes dahinter stecken musste, es aber einfach nicht benennen konnte. Sicher, es war auch ihm alles andere als recht, die sowieso schon wenige Zeit mit der Phönixin noch mehr abzukürzen. Aber was konnte er schon anderes tun, etwa die Phönixin auf den Traumgott hetzen?
      Er setzte sich wieder, raufte sich den Bart und hatte keine Lust mehr, sich mit seinen waghalsigen Aufstandsplänen zu beschäftigen.

      Elive kam hinter Kassandra zu einem ruppigen Halt und starrte mit unverhohlenem Zorn zu ihr auf. Dass die Phönixin kräftemäßig der Walküre weitaus überlegen war, schien ihr nicht in den Sinn zu kommen, als sie sich zu ihr reckte, als wolle sie sie höchstpersönlich mit ihren Fäusten traktieren.
      "Wer hat dir erlaubt, es ihm zu erzählen?!", zischte sie, die Augen zornig zusammengekniffen. "Wer bist du, dass du es auch nur wagen könntest! Woher dachtest du, es wäre eine gute Idee, einen vierzehnjährigen Jungen über seine Herkunft aufzuklären?! Er ist vierzehn! Ich wollte es ihm nicht sagen, bis er alt genug ist und jetzt hast du dich dazu entschlossen, mir diese Entscheidung abzunehmen!"
      Sie piekste mit dem Zeigefinger in Kassandras Brustbein.
      "Das hier ist nicht deine Familie, das ist nicht dein Land! Es ist mir ganz egal, was du mit Zoras laufen haben könntest, aber du wirst dich hier nicht einmischen! Wegen dir steht sowieso schon ganz Theriss auf dem Kopf, du wirst nicht auch noch den Luor-Haushalt beeinflussen, hast du mich verstanden?! Ist das klar?!"
    • Per se war Kassandra nicht unbedingt die impulsivste Person. Sicherlich besaß sie ein aufbrausendes Temperament, doch sie vergaß selten welche Tragweiten ihre Aktionen haben würden. Schwieriger wurde es jedoch, wenn Emotionen sich in ihr Temperament mischten und es zu gänzlich neuen Höhen aufflammen ließen.
      Sie hatte im Vorfeld gewusst, dass sie eine doch recht angefixte Elive gegenüber stehen haben würde sobald ihr Sohn ihr gewisse Fragen stellen würde. Nur dass Teal das so schnell getan hatte war angesichts des Timings einfach nur unglücklich. Dabei war es nicht unbedingt der Tonfall, der sie wirklich reizte. Es war auch nicht die viel zu geringe Distanz zwischen den beiden Frauen, sondern schlichtweg der dürre Finger, den die Walküre in Kassandras Brust bohrte. Das reine Luftholen seitens der Phönixin drängte Elives Finger auf Abstand, Kassandra hatte sogar die Güte und ließ die Walküre noch ausreden.
      Dann wurde deutlich, dass eine Walküre nicht viel gegen höherwertige Einheiten ausrichten konnten. Kassandra glich einer Statue, deren Augen plötzlich inbrünstig aufflammten. Es gab einen Lichtblitz, gefolgt von einem Knall, der Elive nach hinten schleuderte und die Hauswand die einzige Bremse war, die den Flug der Walküre stoppte. Ihr Aufprall erschütterte die Mauern, Putz und Steine bröckelten von der Fassade. In Enterfnung wieherten Pferde panisch, Bedienstete rannten aus den Gebäuden oder vom Hof bei dem unangekündigten Lärm. Kassandra stand im Zentrum von geisterhaften Flammenzungen, die ungeduldig hin und wieder über ihre Gestalt leckten während sie die andere Frau nur niederstarrte. Diese hatte den Aufprall erstaunlich gut überstanden - ein Hinweis darauf, dass auch sie nicht menschlich war - und hatte sich bereits wieder aufgestellt.
      "Wer hat gesagt, dass du mich einfach anfassen darfst?" Ihre Stimme war eisig kalt, ein harter Kontrast zu der Wärme, die sich um sie herum ausbreitete. Das Glühen kehrte um ihren Körper zurück, der Druck der Atmosphäre wurde spürbar erhöht. "Dir sollte bewusst sein, dass der Junge ein Recht auf seine Herkunft hat. Der Feind kann hier jederzeit einfallen und du willst ihn unwissend sterben lassen, ja? Er fühlte sich unstet weil er nicht wusste, wer er ist. Bei den sieben Siegeln, dein eigener Mensch weiß nicht einmal, mit was er sich eingelassen hat!"
      Ihre letzten Worte wurden hörbar lauter, teils dem Umstand geschuldet, dass es ein wenig in ihre eigene Riege schlug. Sie wusste, wie falsch es sich anhörte, Ryoran einfach als Eigentum zu bezeichnen. Aber es war ihr in diesem Augenblick egal. Sie gehörte hier nicht, das hatten ihr nun mehrere Fronten vor Augen geführt. Und Elive hatte Recht: Ihre Anwesenheit war mitunter Auslöser für das Chaos in diesem Land.
      "Vollkommen richtig erkannt. Dies ist nicht mein Land und auch nicht meine verdammte erschlichene Familie!",fauchte die Phönixin und verlor langsam aber sicher ihren Geduldsfaden. Das Summen in ihren Fingern war einfach zu verlockend. Das Wissen, dass sie hier einfach alles in Schutt und Asche legen konnte, viel zu süß. Es war nicht die Anerkennung, die in ihr ein wohliges Gefühl auslöste - es war die Angst in den Augen der Menschen.
      Durch diesen Satz brachte sie das Fass bei der ohnehin schon gereizten Elive zum Überlaufen. Im Angesicht einer wütenden Phönixin und dem Angriff der eigenen Überzeugung und Ehre sah die Walküre keinen anderen Weg als sich zu bewaffnen. Es waren Gardisten herangeeilt bei dem Lärm und einem von ihnen entriss Elive unwirsch das Schwert. Keiner der Gardisten wagte sich noch näher an die Frauen heran.
      Kassandra lachte. "Ich vergaß, wie hoch Ehre in euren Breitengraden gewichtet wird. Wie passend für diesen Haushalt."
      Da ging Elive in die Konfrontation über. Ein vielleicht verweifelter Versuch, seine Meinung zu vertreten. Kassandra hatte vergessen, dass Walküren den Tod nicht fürchteten und selbst ihnen überlegene Gegner angriffen. Das wurde ihr nun zum Verhängnis. Die Ärmel der Robe von Kassandra gingen in hellen Flammen auf, die den Stoff bis zu den Ellbogen auffraßen und darunter glühende Insignien zeigten, die sich in Kassandras Haut gebrannt hatten. Sie beschwor ihren Speer - den echten Speer - der die gleichen Insignien wie an ihren Armen trug. Damit blockierte sie Elives Vorstoß und schickte sie wieder zurück gegen die Hauswand bevor sie ausholte und den Speer ihr nachwarf. Mit einem schmatzenden Geräusch versank der Speer in Elives Schulter und blieb im Stein der Wand stecken. Um die Eintrittsstelle zuckten vereinzelt winzige kleine schwarze Flämmchen, fast unsichtbar, während Kassandra noch immer am gleich Fleck stand, jedoch den Frust in ihrem Gesicht nicht mehr verheimlichen konnte.
      "Mutter!"
      Kassandras Blick schoss zur Seite zum Eingang des Haupthauses. Wie vom Donner gerührt stand dort Teal im Türrahmen und starrte erst seine Mutter, dann angsterfüllt Kassandra und anschließend wieder seine Mutter an. Offensichtlich wusste er selbst nicht, ob er näher kommen sollte oder nicht. Aber jeder sah, dass er sich die Schuld dafür gab, was gerade vor seinen Augen passiert war.
      Der Frust im Gesicht der Phönixin bröckelte leicht. Doch die Wut, die Enttäuschung und alles andere hatte sich zu tief in ihren Kern gefressen. "Dann sag doch Zoras, dass er aufhören soll, mir nachzustellen. Er hat meine Nähe gesucht! Er hat eigenmächtig entschieden, mir den Hof machen zu wollen! Also hast du kein Recht mir vorzuwerfen, diese Ansammlung an Menschen durcheinander zu werfen!"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der Aufprall der Walküre an der Hauswand hallte über den Platz hinweg und brachte die Wand zum Erschüttern. Die diensthabenden Soldaten waren alle sofort alarmiert genug, um den Platz räumen zu wollen - abgesehen davon, dass sie erstarrten, als sie die flammende Phönixin erkannten. Ab da schien das Vorhaben wohl hinfällig und wurde dazu übergeleitet, die Insassen des Hauses in eben jenem zu behalten und die Phönixin außerhalb zu halten.
      Elive rappelte sich inmitten von herabrieselndem Putz und Steinchen wieder auf, die Haare von dem Flug zerzaust, das Gesicht trotz des Kräftebeweises mehr als verzogen. Sie taxierte Kassandra mit ihrem Blick und nicht einmal die Götter konnten ahnen, was der Walküre dabei durch den Kopf gehen mochte.
      "Das ist nicht deine Angelegenheit! Was interessiert es dich, was ich meinem Jungen sage oder nicht?!", blaffte sie, auch wenn sie sich für einen Moment nicht vom Fleck rührte, nun doch zu der Überzeugung gelangt, dass es nicht richtig wäre, der Phönixin in diesem Zustand zu nahe zu kommen.
      Kassandra bestätigte ihr das und jetzt war es um die noch so dünn geschnittene Selbstbeherrschung geschehen. Elive schoss nach vorne, bediente sich einer der Waffen der umstehenden Soldaten und riss sie hervor, überzeugter als jedes andere Lebewesen in Theriss, sie auch gegen die Phönixin zu benutzen.
      Ihre Konkurrentin lachte. In Elives Gesicht konnte man sehen, dass ihr die Kontrolle riss.
      "Ich beschütze was mein ist! Und du wirst dorthin zurückkehren, wohin man dich verbannt hat!"
      Sie hob die Waffe wie eine Verlängerung ihres Armes an. Angesichts einer zürnenden Walküre, hätte kein irdisches Lebewesen etwas ausrichten können. Sie war die Verkörperung des Kampfes, sie war dafür geschaffen worden und sie hatte noch nie einen verloren.
      Aber Kassandra war nicht irdisch und sie war zudem auch noch im Besitz von Kräften, die Elives Wissen der Phönixin überstiegen. Ihr Angriff wurde pariert und da wiederholte sich das Spiel von vorhin, abgesehen davon, dass Kassandra sie noch mit einem Speer an die Wand nagelte. Ein Grunzen kam von der so zierlichen Frau und sie packte ohne Umschweife den Stiel des Speers, um ihn sich auf die eine oder andere Weise herauszureißen, als die Stimme ihres Jungen sie augenblicklich herumfahren ließ. Es benötigte lediglich die Anwesenheit von Teal, da änderte sich etwas in der Miene von Elive und auch wenn die gleiche Mordlust noch immer vorhanden war, war sie nun einem anderen Zweck gewidmet. Nicht für alle Gründe der Welt würde sie ihren Jungen in Gefahr bringen, egal, wem sie dabei gegenüberstand.
      Kassandras Ruf war laut genug, um über den kleinen Vorplatz zu hallen und Zoras' eigene Ohren zu erreichen, der - dem Krawall folgend - aus dem Eingang gestürmt kam und sich durch eine Horde von Gardisten zwängen musste, die ihn alle nicht weitergehen lassen wollten. Als er endlich hindurchgekommen war, bot sich ihm ein geradezu surreales Bild an, von dem er glaubte, dass es ihn in seine Albträume verfolgen könnte.
      "Kassandra!"
      Hinter ihm war Ryoran nicht weit entfernt, der ein Geräusch von sich gab, als er Elive an der Hauswand hängen sah. Er kam herangeeilt, schnappte sich dann aber nur Teal und hielt sich zurück, während Zoras auf den freien Platz herauskam und sich zwischen die beiden Frauen aufstellte. Seine Garde umringte ihn sofort, aber den Männern war die pure Panik anzusehen, als sie ihre Waffen gegen Kassandra erhoben.
      "Was ist hier los?!"
      Er sprach laut genug für alle, aber sein stechender Blick galt hauptsächlich Kassandra. Hinter ihm riss Elive den Speer mit einem weiteren Grunzen heraus und stellte sich dann auf, bevor sie nach ihrem Schwert griff. Ein paar der Soldaten, die überlegt hatten, sie in Sicherheit zu bringen, wichen nun auch vor ihr zurück, nachdem sie merkten, dass etwas nicht zu stimmen schien.
      Zoras fixierte Kassandra mit seinem Blick, bevor er das erste und einzige Mal bewusst auf sein Amulett zurückgriff. Er musste es nicht berühren, er wusste aber, was sein Befehl für eine Macht über die Phönixin hatte - egal, wie stark sie war.
      "Mach das Feuer aus und steck deine Waffen weg. Jetzt sofort."
      Er wollte gar keine Widerworte hören, er wollte gar nichts hören. Eigentlich wollte er auch nicht hören, wie in Gottes Namen Kassandra nur darauf kam, Elive angreifen zu wollen, aber er fürchtete, dass er sich genau das anhören musste, wenn er dieses was-auch-immer-hier-vorging schlichten wollte.
      Kassandra gehorchte und hinter Zoras verzog Elive das Gesicht.
      "Sie hat sich eingemischt, es wäre nicht ihr recht gewesen, nichts davon! Sie mischt sich in Sachen ein, die für eine Phönixin vollkommen unangebracht sind! Dazu auch noch für eine verbannte!"
      "Elive!"
      Jetzt wusste er überhaupt nicht, was er denken sollte. Er drehte sich zu seiner Schwägerin um, die die Arme verschränkt hielt, als wäre das schiere Loch in ihrer Schulter nichts weiter als eine kosmetische Abwandlung. Jetzt starrte auch Zoras ziemlich verblüfft, bevor sein Gesicht von seinen verbliebenen Nerven gefressen wurde.
      "Eine von euch wird mir jetzt auf der Stelle sagen, was los ist!"

      Es geschah nicht auf der Stelle, sondern im mittleren Salon, wo sich die Familie versammelte, als Elive mit knirschenden Zähnen herausrückte, wer sie wirklich war. Was sie wirklich war. Je mehr sie allerdings davon erzählte, desto unsicherer wurde sie in ihrem Zorn und betrachtete schließlich nur noch Ryoran, der mit verschränkten Armen neben dem Tisch stand und so aussah, als wäre er einem Geist begegnet. Zoras konnte es selbst kaum fassen, nur Teal hatte wohl - das hatten sie jetzt erfahren - von Kassandra bereits erklärt bekommen, was seine Mutter war. Das hielt seine Sorge dennoch nicht ab.
      Zoras' Geduld war am Ende für diesen heutigen Tag. Sie war schon bei seinem Gespräch mit Kassandra erschöpft gewesen, und jetzt war es schlichtweg damit vorbei.
      "Gibt es hier noch irgendein überirdisches Wesen in diesem Haus, von dem wir wissen sollten? Hm? Bevor wir noch eine Überraschung erleben dürfen?!"
      Er sah zwischen beiden Frauen hin und her, die Stirn in Falten gezogen, der Zorn in seinem Blick geschrieben. Er hatte genug davon.
      "Ja? Nein? Letzte Chance, denn wenn ich eines Tages herausfinde, dass hier noch viel mehr -"
      Er stoppte, als sein Bruder sich unvermittelt umdrehte und aus der Tür rausmarschierte. Elive wurde bleich im Gesicht, dann sprang sie auf.
      "Rori!"
      Er kam nicht wieder.
      Man musste der Frau - Walküre, wie sich Zoras korrigieren musste, bei den Göttern - wohl zugute schreiben, dass sie dem Herzog dennoch einen unsicheren Blick zuwarf, als ob sie darauf wartete, entlassen zu werden. Erst dann wandte sie sich Teal zu, strich über seine Haare, ergriff seine Hand und murmelte etwas, was Zoras nicht hören konnte. Er gab ein lautes Schnauben von sich, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.
      "Raus mit euch, alle beide. Ich werde mich nicht in eure Familienangelegenheit einmischen."
      Er wollte auch gar nicht in der Haut seines Bruders stecken, der nicht nur mit einem überirdischen Wesen, sondern auch noch seinem einzigen Sohn als Halb-Walkür - gab es sowas überhaupt? Zoras hatte keine Ahnung - konfrontiert wurde. Das war mit Sicherheit noch viel schlechter zu verkraften als das, was Kassandra getan hatte.
      Er wandte sich ihr ruppig zu, als die beiden anderen Luors gegangen war. Er war immer noch wütend, wütend auf Kassandra, auf Morpheus, auf den Plan, auf das ganze Chaos, das sich hier entfaltete. Erst war es das gewesen, jetzt war es auch noch eine Walküre in seinem Haus, die er nicht entdeckt hatte. Konnte diese Tage denn nichts richtig funktionieren?
      "Was sollte das?! Was hast du dir nur dabei gedacht?! Wolltest du sie etwa umbringen?! Walküre hin oder her, sie ist immer noch in gewissermaßen Teil dieser Familie, sie hat einen Sohn! Was ist nur in dich gefahren?!"
    • Aus dem Augenwinkel bemerkte Kassandra lediglich, wie sich jemand durch den Pulk an Soldaten am Eingang des Hauses quetschen wollte. Sie selbst hatte den Blick noch immer auf Elive gerichtet, die bereits den Speer in ihrer Schulter am Heft gepackt hatte und ihn sich rausziehen wollte. Darauf vorbereitet verpasste die Phönixin den Moment, in dem Zoras durch die Gardisten brach und den Namen seines Champions brüllte. Kassandras glühende Augen zuckten bei ihrem Namen zu ihrem Träger hinüber, Wut kochte unverhohlen wieder in den Rubinen ihrer Augen hoch. Doch noch immer verweilte sie an Ort und Stelle während der Herzog sich zwischen den beiden Frauen postierte, sich jedoch seinem Champion zuwandte. Um ihn herum versammelten sich Gardisten. Kassandra schnaubte nur abfällig.
      "Was ist hier los?!"
      Die Phönixin ignorierte ihn und sah an seiner Gestalt vorbei zu Elive, die sich den Speer herausriss und sich auf die Beine kämpfte. Bevor sie auf die Idee kommen konnte, den Speer selbst zu verwenden, ließ die Phönixin ihn sich in Luft auflösen. Die Kleidung um das Loch in ihrer Schulter schwelte noch immer während sie sich kampfbereit aufstellte und dieses Mal auch Kassandra in einen Ausfallschritt verfiel.
      "Mach das Feuer aus und steck deine Waffen weg. Jetzt sofort."
      Für einen lächerlichen Zeitraum lang hatte Kassandra vergessen, dass er noch immer ihr Herz an seiner Brust trug. Die Wirkung, die sein Befehl auf sie hatte, kam deshalb umso härter. Sie schnitt eine Grimasse, die verdächtig nach Qual aussah, als sie sich dem Befehl widersetzte und nun ihren Träger böse anfunkelte. Doch sein Entschluss stand fest, war unumstößlich, sodass auf ihrer Stirn Schweißperlen erschienen als sich ihr Widerstand als zwecklos erwies. Sie tskte als sie dem Zwang nachgab und die Runen auf ihren Armen mitsamt all dem Feuer um sie herum verschwanden. Hinter Zoras meldete sich Elive noch immer wutentbrannt zu Wort.
      "Elive!" "Schweig still!"
      Doch keine der beiden Kontrahentinnen schien auch nur ein Wort zur Aufklärung beitragen zu wollen.

      DIe gesamte Herzogsfamilie plus Kassandra zog sich in den mittleren Saal zurück. Ryoran hatte Teal an seine Seite geholt und saß an der Tafel. Dem Mann war schlecht anzusehen, was in seinem Kopf vorsich ging, doch Teal war einfach nur tief getroffen durch seine Vorwürfe und dem Anblick, dem seine Mutter seinem Vater zuwarf. Er hatte noch nie gesehen, wie sich eine Distanz zwischen seinen Eltern entwickelte und dieser Anblick war grausam für den Jungen.
      Kassandra hatte sich nicht an den Tisch gesetzt. Sie stand abseits als reines Zeichen, dass sie gar nicht zu dieser Familie gehörte. Was vermutlich auch in Elives Absicht war. Ihr Blick war abgewandt und richtete sich auf das Fenster nach draußen, wo sie Bedienstete mit Füllmittel laufen sah, die das Loch in der Wand verputzten. Sie mied den Blick ihres Trägers, mochte er noch so zorneserfüllt seine Fragen stellen. Immerhin war sie nicht diejenige, die Jahre lang eine Lüge vorgelebt und sich hier eingeschlichen hatte.
      Seine Tirade wurde jäh unterbrochen als Ryoran einfach den Raum verließ. Das erregte nun doch Kassandras Aufmerksamkeit, die dem Bruder des Herzoges nachsah wie er das Drama scheinbar nicht mehr ertragen konnte. Ohne einen nennenswerten Ausdruck beobachtete sie, wie Elive ihrem Mann folgen wollte und sogar noch so viel Schmalz hatte, die Erlaubnis Zoras' abzuwarten. Kassandra rollte mit den Augen als Zoras Teal und Elive aus dem Raum schickte und sich beide wohl sofort auf die Suche nach Mann und Vater machten. Das musste das reinste Horrorkabinett für Ryoran sein. Für diesen armen Mann empfand Kassandra tatsächlich Mitleid. Aufrichtiges Mitleid dafür, dass seine ganze Familie wie unter einem Tarnmantel bei ihm gelebt hatte.
      Schlussendlich wandte sich Zoras ruppig an Kassandra. Sie hatte inzwischen die Arme vor der Brust verschränkt, ihm allerdings noch immer nur ihr Profil zugekehrt. "Unterstellst du mir ernsthaft, dass ich einfach so ein Mitglied deines Haushaltes töte? Dass ich einfach so töte, ja? Ich wusste ganz genau, was Elive ist und was sie aushält. So ein einfacher Speerwurf bringt sie bei Weitem nicht um wie du gesehen hast. Aber sie musste in ihre Schranken gewiesen werden. Scheinbar hat sie vergessen wie man mit einer höherrangigen Einheit umgeht." Höherrangige Einheit... Welch ein gestelztes Wort sie dafür benutzte. "Im Endeffekt war es Notwehr. Sie ist mit einer Waffe auf mich losgegangen und nicht ich. Ich hab lediglich dafür gesorgt, dass sie nicht auf weitere dumme Ideen kommt."
      Denn wenn Elive es ein weiteres Mal versucht hätte, hätte Kassandra für nichts mehr garantieren können. Sie hatte bereits die schwarzen Flämmchen am Loch sehen können. Fühlte, wie sich diese Form der Magie wie schwarzer Teer durch ihre Adern gezwängt hatte. Ein Kontrollverlust wäre das Letzte gewesen, das die Phönixin hier provozieren wollte, doch Elive war erstaunlich nah dran gewesen.
      Ihre Augen wanderten langsam zu Zoras, dem der Zorn noch immer deutlich anzusehen war. Ihre Worte hatten scheinbar nicht den gewünschten Effekt erzielt, scheinbar wartete er noch auf die Erklärung, warum. Ihre Finger gruben sich tiefer in ihre entblößten Unterarme als sie schlussendlich doch den Blick vollends auf den Herzog richtete.
      "Was in mich gefahren ist? Ich habe mich doch deinem Plan gefügt, reicht das nicht? Was kann ich dafür, wenn diese vermaledeite Walküre mir hinterher rennt während ich versuche, einfach nur meine Ruhe zu suchen? Sei froh, dass sie nur ein Loch in der Schulter hat und dein verdammtes Anwesen noch steht!", fauchte sie ihn an und wie zur Untermalung glimmten kurz die Insignien auf ihren Armen sichtbar auf, nur um dann wieder wie durch Magie zu verschwinden.
      "Sie hat mir vorgeworfen Schuld an dem Chaos in Theriss zu sein, und sie hat teilweise recht damit! Das wäre alles wahrscheinlich gar nicht soweit gekommen, wenn es keine Götter auf Erden gäbe! Und du", sie spuckte ihm das Wort regelrecht vor die Füße, "willst mich weit weg wissen weil meine Kraft für dich ein Eingeständnis deiner Schwäche ist. Ich lasse dich schwach erscheinen und kratze an deiner Würde als was-auch-immer. Das war genau das, was ich dir ständig vorgebetet habe und jetzt schaffst du mich aus dem Wege und...."
      Kassandra biss sich auf die Unterlippe und sah weg. Früher hätte sich sich darüber gefreut. Wäre auch etliche hunderttausende Kilometer weggreist, um nichts mit diesem lächerlichen Spiel unter Menschen zu tun zu haben. Aber jetzt stand ein Mann vor ihr, der mehr als nur ihre Essenz von ihr gestohlen hatte. Kassandra wollte es leugnen, wollte ignorieren, dass sie doch Gefühle für ihn entwickelt haben könnte. Es machte sie beide angreifbar und kurzsichtig, wie man gerade eindrucksvoll vorgeführt bekam. Gefühle änderten viel zu viel...

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es dauerte lange, bis Kassandra sich Zoras endlich mal zuwandte und er wusste nicht, was ihm davon mehr zusetzte: Dass sie die ganze Zeit schon so abseits stand, auch wenn sie sehr wohl ebenfalls Mittelpunkt dieser Runde war, oder dass sie ihm eine Kälte entgegenbrachte, die ihn so stark an ihre Anfangszeit erinnerte, dass es schmerzte. Waren sie etwa so weit miteinander gekommen, nur um zum Schluss doch auf ihre Champion- und Trägerverbindung zurückgreifen zu müssen? Zoras wollte es nicht, aber genauso wenig konnte er sich in diesem Moment abreagieren.
      "Wenn du sie nicht töten wolltest, dann wolltest du ihr nur ein bisschen Schmerzen zufügen, ist es das? Nein halt, es ist ja in die Schranken weisen! Nenn' mich altmodisch, aber ich glaube daran, Probleme manchmal auch ohne Waffen lösen zu können!"
      Er raufte sich den Bart, frustriert über diese plötzliche Eskalation der Lage und darüber, dass er sie nicht einmal richtig einschätzen konnte. Er hatte gedacht, dass er Elive sein ganzes Leben lang schon kannte, aber sie war eine Walküre, die eines Tages das Herzogtum entdeckt hatte und eine Familie gegründet hatte. Sie war keine Adelige, sie war keine entfernte Verwandte des Fürsten und ganz besonders war sie eigentlich kein Mensch, weshalb Zoras sich schon ernsthaft fragen müsste, was an Kassandras Geschichte wirklich der Wahrheit entsprach. Wenn Elive tatsächlich zuerst angegriffen hatte, dann war Kassandras Schlag auch Notwehr, wenn auch etwas überzogen. Die beiden Frauen schienen sich schon vorher nicht gut verstanden zu haben und jetzt wurde ihm auch einigermaßen klar, weshalb, auch wenn er nicht wusste, was Phönixe gegen Walküren und andersrum haben könnten.
      Dann, endlich, wandte sie sich ihm zu, aber der Blick, den sie auf ihn richtete, war alles andere als erfreulich. Zoras sah darin ein Feuer brennen und es war keins, dem er zu nahe kommen wollte.
      Er hatte Kassandra noch nie ernsthaft wütend erlebt und selbst jetzt, als sie fluchte und ihn mit diesem Blick taxierte, mit dem sie ihn in Flammen gesteckt hätte, glaubte er immer noch nicht, dass sie schon alles aus ihren Emotionen herausgeholt hatte. Und er glaubte ebenfalls nicht, dass er das Problem gänzlich erfasst hatte.
      "Es geht dir um den Plan? Deswegen gehst du nach draußen und vergreifst dich an einer Walküre?!"
      Er starrte Kassandra fassungslos an, während sein Gehirn versuchte zu verstehen. Es dauerte einen Moment, bis der Groschen endlich gefallen war.
      Sie glaubte, dass er sie als Hindernis sah, wenn sie weiter bei ihr blieb. Dass sie kein Mittel zum Zweck mehr für ihn darstellte und er sie deshalb nicht mehr auf seiner Seite haben wollte. Hatte sie den Plan als zu persönlich betrachtet? Hätte sie lieber bevorzugt, auf ihren Schlaf zu verzichten, wenn er sie dadurch nicht wegschicken würde?
      Zoras wusste nicht, wie er das klarstellen sollte. Und gerade als er genau darüber nachdachte, brach sie in ihrem Satz ab und wandte das Gesicht ab. Jetzt wünschte er sich doch fast, wenigstens das Feuer in ihrem Blick sehen zu können, denn so ganz ohne war es fast noch viel schlimmer.
      Er starrte sie noch einen Moment an, während seine Gedanken wirbelten.
      "Das habe ich nicht gemeint. Ich habe nie gesagt..."
      Aber wie hatte er es gesagt? Vermutlich falsch genug, dass sie jetzt genau hier gelandet waren.
      Er streckte die Hand nach ihr aus, hielt sich dann aber doch davon ab, sie zu berühren.
      "Kassandra, sieh mich an. Bitte."
      Er achtete darauf, nicht die Macht des Amuletts in diese Aufforderung zu stecken, sie aber dennoch stark genug zu machen, dass Kassandra sich auch so fügen würde. Er wollte nicht mehr ihre Seite ansprechen.
      "Ich meinte nicht, dass du ein Eingeständnis von Schwäche bist - darum geht es dir? Ich wollte nicht... so meinte ich das nicht."
      Zugegeben, in seinem Kopf hörte es sich auch nicht viel besser an.
      "Du musst mich nicht permanent beschützen, das wollte ich damit sagen. Ich kann auch meine Kriege ohne dich führen und ich kann sie auch gewinnen, wenn nicht unbedingt ein anderer Champion daran teilnimmt. Du sollst nicht das Gefühl haben, dass ich gleich sterbe, sobald du mal nicht aufpasst. Kassandra."
      Jetzt ergriff er doch ihren Arm, aber nur sacht.
      "Ich hasse den Plan, weißt du das? Es ist der einzige vernünftige, auf den wir gekommen sind und es war noch nicht einmal meine Idee, Ryoran ist darauf gekommen, dass du Morpheus weglocken könntest, wenn er weiß, wo du bist - aber ich hasse ihn. Ich möchte dich nicht einen Tag lang nicht an meiner Seite haben, besonders da uns sowieso nicht viel Zeit bleibt, aber wir haben auf die Schnelle keine Alternativen. Du musst wissen, dass ich deshalb nicht glücklich bin, dich auch nur über die Grenzen meines Herzogtums zu schicken, aber es geht nicht anders. Und fang jetzt bloß nicht mit deinem Schlafentzug an, das kommt gar nicht in Frage! Ist es das, worum es dir geht? Dass ich dich fortschicke, damit du mir nicht meinen Ruhm raubst - oder was auch immer? Sprich mit mir und verprügel keine unsch... Walküren."
    • "Es geht dir um den Plan? Deswegen gehst du nach draußen und vergreifst dich an einer Walküre?!"
      Sollte Kassandras Mimik nicht bereits völlig festgefahren gewesen sein, so war sie es in genau diesem Moment. Reiner Unglaube manifestierte sich in ihrem Inneren, angesichts der Tatsache, wie falsch Zoras die ganze Situation wahrnahm. Er sah sie in der Schuld für diesen Disput, als wäre sie einfach auf die nächstbeste Gestalt losgegangen, um sich abzureagieren. Wirkte sie wirklich so auf den Mann? War das das Bild, dass er insgeheim von ihr hatte?
      "Kassandra, sieh mich an. Bitte."
      Die Phönixin weigerte sich. Sie spürte keinen Zug durch ihre Essenz in seinem Nachdruck und doch hörte sie mehr als deutlich heraus wie dringend er es meinte. Aber es war ein empfindlich einschneidender Moment auf dem Vorhof gewesen, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. In der sonstigen Stille des Raumes konnte sie seine Worte nicht überhören, nicht ignorieren und nicht ungeschehen machen. Dafür konnte sie stur zur Seite blicken, zumindest bis er nach ihrem Arm griff und sie sich genötigt fühlte, ihn doch wieder anzusehen. Der Plan, den er ausgearbeitet hatte, war gut, daran gab es keinen Zweifel. Er brachte zwei gewaltige Faktoren außer Spielbereich und schaffte Zoras ein Feld, auf dem er besser agieren konnte. Kassandra wusste außerdem, dass er diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen hatte. Dass er wirklich nicht noch mehr ihrer Zeit opfern wollte, es angesicht der Umstände allerdings nicht anders machbar war. Von glücklich sein zu sprechen stand außer Frage. Das fühlte sie.
      Sie nahm einen tiefen, sehr kontrollierten Atemzug. Ihre harte Mimik entspannte sich marginal, die Wut war aus ihren Augen gewichen. Stattdessen lag nun etwas Neues in ihren Seelenfenster. So, als wäre sie tief getroffen. "Du hast auf dem Vorplatz ohne zu Zögern Gebrauch von dem Zwang gemacht. Du hast bewusst mich befehligt wie eine Einheit, die du anders nicht zu kontrollieren weißt. Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit, von mir aus zu agieren. Und dann sagst du mir jetzt, ich soll mit dir reden?" Ihre Stimme war leise, ein harter Kontrast zu dem Aufruhr, den sie bis vor wenigen Sekunden noch veranstaltet hatte. "Du hast gesagt, du nutzt diese Bindung nicht auf diese Weise. Du hast mir Freiheit zugesichert. Du hast es zwar nie gesagt, aber ich dachte, du vertraust mir. Was hat dich dazu genötigt, mir den Befehl zu erteilen? Dachtest du etwa, ich hätte den Verstand verloren und wäre zu einer emotional gesteuerten Kreatur geworden?"
      Schmerz kristallierte sich aus den Worten heraus. Enttäuschung über das, was auf dem Platz geschehen war. Langsam gab sie ihre eigenen Arme frei und ließ sie Arme sinken, wodurch sich Zoras' Griff an ihr verlor. Sie hatte nicht mehr die widersprenstige Haltung wie zuvor als sie erneut einen Blick aus dem Fenster warf.
      "Der Plan ist gut. Ich hätte ihn genauso vorgeschlagen. Du schaffst dir damit ein freies Feld. Ich hatte nur gedacht, dass ich dir irgendwie helfen kann." Und die ohnehin schon kurze Zeit zur Gänze auskosten kann. "Ich sehe ja ein, dass dein Verlass auf mich in den Augen der anderen Parteien das Bild untergraben würde, welches du dir aufzubauen suchst. Ich verstehe das alles. Deswegen habe ich ja auch eingewilligt. Aber ich muss wissen, dass du mir vertraust. Mir glaubst, wenn ich dir sage, dass ich meinen Frust an niemanden auf diesem Land hatte auslassen wollen. Dass ich deswegen eigentlich flüchten wollte und Elive mich genötigt hatte. Mich als Erste angegriffen hatte - frag deinen Wachmann." Ich bin eine Zeitbombe, das weiß ich besser als jeder andere. "Ich weiß, dass deine Kriegsgeschehen nicht ausschließlich durch Glück gewonnen wurden. Ich war ja auch diejenige, die gesagt hat, wir Götter gehören nicht hierher und sollten uns nicht in die Angelegenheiten der Menschen einmischen." Warum kann diese selbstherrliche Walküre alles haben, was sie will und ich nicht? "Und jetzt tust du genau das und es trifft mich einfach. Du hast zu mir gesagt, dass ich einmal vergessen soll was ich bin. Aber sag mir: Hättest du einen Grund gehabt, einer normalen Frau durch einen Zwang einen Befehl aufzutragen?...."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Als Kassandra wieder sprach, war ihre Stimme leiser geworden und in gewisser Weise war das noch gefährlicher als ihr vorheriger Wutausbruch, den Zoras ja sogar in gewisser Weise verstanden hatte. Jetzt ging die Wunde tiefer und Zoras ärgerte sich nun hauptsächlich über sich selbst.
      Besonders, weil Kassandra recht hatte.
      "Ich weiß, das war eine dumme Sache, das hätte ich nicht tun dürfen. Aber du musst meine Sicht verstehen: Ich habe gerade eben erst erfahren, dass Elive eine Walküre ist. Vorhin habe ich nur Lärm gehört und als ich rauskam, war sie an der Wand aufgespießt. Ich dachte wirklich, du wolltest sie umbringen! Wenn ich gewusst hätte, was sie ist, hätte ich auch sie zurückgehalten, aber in dem Moment habe ich dich als die größere..."
      Ah, das war das Problem - und Zoras hatte es so unelegant wie nur möglich getroffen, als hätte ihn jegliches Feingefühl verlassen. Aber der Tag war lang und seine Nerven kurz, er hatte im Affekt gehandelt, genauso wie Kassandra es vermutlich getan hatte. Aber im Gegensatz zu Kassandra bekam er die Lage nicht unter Kontrolle.
      Er senkte den Blick, um ihre Hände zu ergreifen und den letzten Teil des Satzes einzugestehen:
      "... Gefahr gesehen."
      Als er ihrem Blick wieder begegnete, konnte er dort den Schmerz erkennen, den er tatsächlich damit angerichtet hatte. Für ihn war es nur ein Moment gewesen, ein Mittel zum Zweck, um die Situation aufzulösen, aber für Kassandra war es weitaus mehr als das und er konnte nicht einmal beginnen sich vorzustellen, was er tatsächlich damit angerichtet haben mochte.
      "Ich möchte keinen Krieg auf meinem Gelände haben, nicht außerhalb der Trainingsplätze und ganz besonders nichts blutiges. Ganz besonders nicht innerhalb der Familie. Das verstehst du doch, oder?"
      Er bemühte sich jetzt selbst um einen besänftigenden Tonfall, auch wenn er das Gefühl hatte, sich reichlich ungeschickt dabei anzustellen. Wie tröstete man auch schließlich eine Phönixin?
      Er drückte ihre Hände leicht, während sie weitersprach. Mit jedem weiteren Wort begriff er mehr, wie tief die Verbindung zwischen ihnen bestanden hatte, die jetzt durch diese einfache Sache gerissen war. Kassandra war schon immer eine stolze Phönixin gewesen, aber sie hatte genauso viel Wert auf Zoras' Wort gelegt, dass er ihr Amulett nie einsetzen würde und jetzt hatte er es gebrochen. Er hatte viel mehr zerstört, als ihm bewusst gewesen war.
      "Ich vertraue dir Kassandra, wirklich - und ich glaube dir, dass du sie nicht ohne weiteres angegriffen hast. Ich habe nur..."
      Er starrte in die Enttäuschung in Kassandras Augen, wobei er sich zumindest ihre Wut zurückgewünscht hätte.
      "Nein, ich will es gar nicht rechtfertigen. Ich hätte es nicht tun dürfen und ich habe dein Vertrauen missbraucht. Ich hätte dir vertrauen müssen. Bitte verzeih mir, Kassandra."
      Er küsste ihre Hand, aber dieses Mal war es alles andere als gewohnt und mehr eine Bitte, als irgendetwas anderes.
      "Ich vertraue dir mein Leben und meine bescheidene Zukunft an, es gibt nichts, was ich dir nicht anvertraut hätte. Ich werde mit Elive reden und du kannst mir glauben, dass sie keine Nachsicht erhalten wird. Was ich dir gesagt habe, gilt für sie genauso und es ist mir egal, ob sie meine Schwägerin oder sogar Hera persönlich wäre. Niemand verletzt hier irgendjemanden."
      Er legte vorsichtig eine Hand an Kassandras Wange, um ihr den nötigen Freiraum zu geben, wenn sie doch Abstand zu ihm suchte. Es tat ihm noch immer so unendlich weh, sie in dieser Weise zu sehen.
      "Was kann ich tun, damit du mir verzeihst?"
    • Ganz vage begann Kassandra zu nicken, die Muskeln ihres Kiefers traten leicht hervor. Ohne darauf zu achten hatte Zoras genau einen der springenden Punkte für sich herauskristallisiert. Auf dem Platz war sie eine übermächtige Einheit gewesen, etwas, das sich nicht einfach bewältigen ließ. Eine Urgewalt - eine Gefahr für Leib und Seele. Es war offenkundig, dass eine einfache Frau diese Art der Gefahr für den Herzog niemals hätte ausstrahlen können. Der beste Beweis war Elive gewesen, die in seinen Augen nur eine einfache Frau gewesen war und eindeutig von der Phönixin attackiert worden war. Er hatte sie sofort in Schutz genommen als einfache Frau, als Teil seiner Familie, während Kassandra als Unbeteiligte außen vor stand. Sie hatte nicht den Platz inne, den sich Elive über Jahrzehnte aufgebaut hatte. Egal, ob Zoras etwas für sie übrig hatte oder nicht.
      Sie ließ ihn Worte finden, die versuchten, ihn rechtzufertigen. Nein, nicht unbedingt rechtfertigen. Vielmehr war es eine Erklärung für sein Handeln. Problematisch dahinter war lediglich der Fakt, dass Kassandra diese Punkte unmlängst begriffen hatte, es dennoch nichts daran ändern würde, was getan worden war. Sie hatte das angegriffen, was für ihn den höchsten Stellenwert in seinem Leben einnahm und das war nun einmal nicht die Phönixin selbst. Diesen Platz würde sie bei ihm nicht mehr einnehmen können und dieses Wissen schmerzte fast noch mehr als alles andere.
      Er küsste ihr in bekannter Manier die Hand, doch die Bedeutung dahinter war eine andere. Kassandras Augen folgten seine Handlung noch immer schweigsam. Barsch wurde sie daran erinnert, dass Versprechen auch nur lose Worte waren. Worte, die man spielend einfach brechen konnte und in dem die Menschen meisterlich waren. Als ihre Augen seine suchten, war es unumstößlich, dass es Zoras wirklich leid tat. Sie sah eindeutig, dass sein Zorn verpufft war und einer Bestürzung gewichen war, die sie bisher noch nicht bei ihm hatte entdecken können. Die Wahrheit hinter seinen Worten war so greifbar, dass ihre Hände kurz zuckten, als wollten sie danach greifen. So gewährte sie ihm auch, seine Hand an ihre Wange zu legen. Er nahm sie nicht in den Arm, vermutlich aus Angst, dass sie ihn zurückweisen würde. Wollte ihr nicht noch mehr ihrer Freiheit nehmen, als er es ohnehin schon getan hatte.
      "Du musst bei Elive kein Wort mehr darüber verlieren. Sie kann mich nicht verletzen, selbst wenn sie es gewollt hat. Alles, was sie getan hat, war das zu schützen was ihr wichtig war. Das ein großer Punkt in der Ehrhaftigkeit der Walküren und darf nichts sein, weshalb sie Rüge erfahren darf. Sie würde es sowieso nicht akzeptieren. Außerdem hat sie Recht: Ich richte hier mehr Chaos an als alles andere. Ich weiß, dass dein Bruder es nicht für gut hält, dass du dich auf mich einlässt. Ich weiß, dass Elive die Gefahr sieht. Ich weiß, dass deine Bediensteten ihre ganz eigenen Geschichten erzählen und man vermutlich hinter deinem Rücken munkelt, wie du eine Liebschaft mit einem göttlichen Wesen eingehst. Es verletzten sich ständig viel zu viele Personen gegenseitig, nur eben mit Worten", sagte sie schließlich. "Du hast dich für deine Worte entschuldigt, ich entschuldige mich für meine Taten. Ich hätte deinem Neffen nicht eröffnen dürfen, welches Blut in seinen Adern fließt. Ich habe deiner Schwägerin ihr Recht abgenommen weil ich dachte, unstete Zeiten stünden bevor."
      Ihre Hand hob sich und legte sich auf Zoras', die noch immer an ihrer Wange verweilte. Es war ein kurzer Disput gewesen, in dem niemand zu Schaden gekommen war. Eine kleine Auseinandersetzung, nichts weiter. Das musste sich die Phönixin abermals vor Augen führen um nicht zu vergessen, dass noch nichts auf dem Spiel gestanden hatte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein bisschen erleichterte Zoras, dass auch Kassandra sich nicht weiter in die Sache hinein steigerte, auch wenn ihr anzusehen war, dass es damit noch lange nicht vorüber war. Worte richteten Schaden an und Zoras und Elive hatten im Zusammenspiel womöglich eine größere Wunde geschaffen, als das Loch in Elives Schulter darstellen konnte.
      Zoras legte seine gesamte Ernsthaftigkeit in seine Augen, als er Kassandra damit betrachtete, die Hand noch immer an ihrer Wange. Ihr eigener Blick war etwas aufgeweicht, aber noch lange nicht zur Normalität zurückgekehrt.
      Du bist nicht verantwortlich für das Chaos, das hier ausgebrochen ist. Der Soldat tötet und nicht das Schwert, auch wenn es eine hübsche Phönixin ist. Und mein Bruder hatte auch an der Königin etwas auszusetzen - eigentlich hatte er an jeder Frau etwas auszusetzen, die nicht mit einem meiner Fürsten verwandt war. Ich könnte es ihm mit niemandem recht machen und das möchte ich auch gar nicht. Ich möchte bei dir sein, weil du eine vollkommen hinreißende Frau bist, nicht um es ihm recht zu machen."
      Er streichelte ihr über die Wange und brachte ein aufrichtiges Lächeln zustande.
      "Abgesehen davon möchtest du gar nicht wissen, was auch sonst über mich gemunkelt wird - ganz unabhängig von dir. Im Norden sagt man, dass mir auf der Innenseite meiner Schenkel Leder durch die Haut wächst, weil ich so lange im Sattel sitze, und das ist nur ein Gerücht von vielen, von dem ich überhaupt weiß; die ganzen anderen, die man mir verheimlicht, möchte ich mir gar nicht vorstellen. So ist das nunmal bei uns Menschen, das ist ganz unabhängig von deinem Einfluss und das wird auch unabhängig bleiben, daran wirst du nichts ändern können."
      Er ergriff wieder ihre Hand und küsste sie dieses Mal um einiges liebevoller als noch davor, jetzt sicherer darum, dass er Kassandra zumindest etwas - wenn nicht vollständig - beruhigt hatte.
      "Mach dir keinen Kopf darüber. Ich bin dir vermutlich sogar dankbar, dass wir es durch dich herausgefunden haben, denn ich weiß nicht, wie lange Elive das noch verheimlicht hätte. Das nächste Mal solltest du mich vielleicht warnen, bevor du ein überirdisches Wesen angreifst."
      Noch immer lächelnd beugte er sich zu ihr hinab und küsste sie sehnsüchtig, wenn auch kurz. Kassandra wirkte noch immer verspannt, aber für den Moment musste das genügen.
      "Jetzt muss ich aber erstmal nach meinem Bruder sehen, denn im Gegensatz zu mir durfte er sich nicht entscheiden, ob er sich auf eine höhere Macht einlässt. Und ich glaube, eine Scheidung würde Teal nicht gut tun."
      Er küsste erneut ihren Handrücken, bevor er hinzusetzte:
      "Darf ich dich nachher in mein Gemach einladen? Es wäre mir eine außerordentliche Freude, mein Bett heute Nacht mit dir teilen zu dürfen."

      Die Sache mit Ryoran ging tatsächlich tiefer, als er es sich vorgestellt hatte und entgegen seiner Erwartung, konnte Zoras nicht dabei helfen, die Sache zu bereinigen. Die beiden Eheleute stritten sich nicht und das war wohl das schlimme daran; Ryoran starrte Elive an, als wäre sie ein fremdes Tier in seinem Zuhause und Elive war völlig aufgebracht, was einer Walküre - so wie Zoras fand - überhaupt nicht ähnlich sah. Sie weinte und beteuerte, dass sie niemanden hatte reinlegen wollen, dass sie sich ernsthaft in den Herzogssohn verliebt und die Gelegenheit wahrgenommen hätte, sich ein eigenes Leben zu bauen, Abstand zu nehmen von dem Chaos, das sich in ihrer Welt entwickelt hatte und das sie so sehr verwirrt hatte, dass sie viele Jahre lang auf den Kampf verzichtet hatte. Aber Ryoran starrte die meiste Zeit nur und Zoras kam sich vor wie ein ungeladener Gast, weshalb er bald den Rückzug antrat und stattdessen versuchte, den Jungen aufzumuntern. Überraschenderweise war Teal viel weniger davon entsetzt, dass seine Mutter eine Walküre war, und viel mehr davon, dass ein Keil zwischen seine Eltern geraten war. Zoras beteuerte ihm, dass Ryoran kein Mann war, der sonderlich aus dem Affekt heraus handelte und dass momentan nur alle Nerven sehr angespannt waren. Er fragte ihn noch einmal, ob sie am Tag zusammen ausreiten wollten und schließlich versprach er ihm, dass diese Nacht genauso entspannt werden würde wie die letzte, auch wenn er nicht wusste, ob er dieses Versprechen einhalten konnte. Schließlich ließ er ihn alleine und ging nach unten.

      Als er später in sein Gemach zurückkam, war Kassandra schon dort. Sie stand am Fenster, nahe des unberührten Bettes, das nicht so wirkte, als hätte sie sich überhaupt hingesetzt. Als Zoras hereinkam, wandte sie sich ihm nicht zu sondern sah weiter nach draußen, weshalb er sich wunderte, ob sie noch immer von dem Vorfall litt.
      "Hey."
      Er kam zu ihr herüber, schlang die Arme unter ihren hindurch um ihren Bauch und zog sie ein Stück an sich, bevor er sich hinabbeugte und die Stelle unter ihrem Ohr küsste. Dann ließ er wieder ein wenig locker, damit sie sich zu ihm umdrehen könnte, wenn sie denn wollte.
      "Alles in Ordnung?"
      Er betrachtete ihre im Licht des Zimmers golden scheinende Haut, die Wellen ihrer Haare, die sich in scheinbar endlosen Längen ihren Körper herabschlängelnden und die dunklen, nachdenklichen Augen, die zu jeder Zeit eine Weite zu betrachten schienen, die Zoras unerreichbar war. Ihre Züge waren entspannt, wenn auch nicht weich und er befürchtete für viele Momente, dass sie ihre Maske wieder aufgesetzt haben könnte.
      "Komm her, setz dich aufs Bett. Ich möchte dir etwas geben."
      Er ließ sie frei und folgte ihr zum Bett, wo sie sich gemeinsam setzten, bevor er eine kleine, dunkle Schatulle hervorholte und ihr schon fast zeremoniös überreichte. Auf der Oberseite war das luorsche Wappen eingraviert, was für sie natürlich kaum einen Unterschied machen dürfte.
      "Hör mir aber erst zu, bevor du es aufmachst, ich muss erst etwas dazu sagen. Eigentlich wollte ich es dir später geben, wenn ich mir sicher bin, dass es dir gefallen könnte, aber ich denke, heute ist ein guter Zeitpunkt dafür.
      Als ich dich damals auf dem Markt gesehen habe, in der Hauptstadt, habe ich dich - berechtigterweise - lange für eine Tänzerin gehalten. Erst, als mir dein Händler diesen unverschämten Preis angeboten hat - unverschämt deswegen, weil kein Preis dieser Welt einen Gegenwert zu dir bieten würde und ganz bestimmt nicht 2.000 lächerliche Goldstücke, was fällt ihm eigentlich ein? Als er ihn mir jedenfalls gesagt hat, bin ich erst darauf gekommen, was du eigentlich bist, wie du dich erinnern kannst, und habe dich dann als Champion gesehen, oder eher als Mittel zum Zweck. Das will ich auch gar nicht abstreiten, ich habe in dir eine Lösung für unsere Probleme gesehen und das weltliche Wohl deinem eigenen übergestellt. Ich glaube aber heute genauso wenig, dass du Mittel zum Zweck bist, wie ich glaube, dass du lediglich eine Tänzerin bist.
      Ich habe erst richtig angefangen, einen Teil von dir zu begreifen, als wir uns damals auf den Weg in mein Herzogtum gemacht haben und ich den Tag an deiner Seite verbringen durfte. Du hast so oft in den Himmel gesehen, du warst während unserer Ritte so entspannt, wie du es kaum jemals im Palast gewesen warst. Und dann warst du", er lächelte bei dem Gedanken, "vor ein paar Wochen, vor unserer Abreise, einmal bei den Koppeln. Du hast die Morgensonne genossen und ich dachte, als ich dich gesehen habe, dass du ein wahrhaftiger Engel wärst. Vielleicht sogar noch besser als das. Du weißt ja gar nicht, wie hübsch du ausgesehen hast - es war etwas an dir, das dich zum Leuchten gebracht hat, als hättest du einen kleinen Edelstein in deiner Brust, der das Licht um ein tausendfaches wiedergespiegelt hätte. Dabei war es nicht nur die Sonne, es war deine ganze Ausstrahlung, die so geleuchtet hat. Du warst so entspannt, so frei von allem, ich glaube ich war glücklich genug, einen Teil von dir zu sehen, den du unter deiner sonstigen Maske trägst, wenn ich mir den Ausdruck erlauben kann. Ich möchte zwar nicht so weit gehen zu behaupten, dass ich dein Wesen schon begriffen hätte - ich glaube nämlich, du bist so viel komplexer, als ich es mir als einfacher Mensch vorstellen könnte - aber ich möchte dir das vermitteln, was ich damals gesehen habe. Unabhängig deiner sonstigen Taten, unabhängig von dem, was heute Abend geschehen ist. Du bist wundervoll, Kassandra, und ich hoffe, mit diesem Geschenk kann ich dir zeigen, wie sehr du es in meinen Augen bist. Zumindest so gut, wie ich es mit weltlichen Dingen darstellen kann."
      Er nickte bestätigend auf die kleine Schatulle und Kassandra begann, den Inhalt auszupacken.

      Zum Vorschein kam eine Halskette mit einem kleinen Kolibri an ihrem Ende, einem handgefertigten Goldguss, ausgefüllt mit kleinen Rubinen, in dessen Mitte ein Diamant saß, gut umschlossen von den rosenroten Steinen und dennoch gut erkennbar. Zoras wartete ein wenig ab, während Kassandra das Schmuckstück betrachtete, bevor er sanft weitersprach:
      "Halt ihn gegen ein Licht, gegen eine deiner Flammen. Im Sonnenlicht würde man es wohl besser sehen."
      Sie ließ eine ihrer Flammen vor ihnen auftauchen und Zoras führte ihre Hand, bis der Vogel plötzlich den richtigen Winkel erwischt hatte und der Diamant in seinem Inneren das Licht aufnahm und in strahlendem, regenbogen-farbigem Licht reflektierte. Das ganze Schmuckstück schien aufzuleuchten, verstärkt durch die kristallreinen Rubine, die dem Vogel einen fast durchscheinenden Effekt gaben. Zoras war zufrieden mit der Handwerkskunst. Er beobachtete Kassandra dabei, wie sie den Vogel betrachtete und setzte, noch immer lächelnd, noch immer sanft, hinzu:
      "Du strahlst für mich wie die Sonne, wenn du es nur willst. Ich hoffe, du wirst das nie vergessen, auch wenn wir getrennt sein werden."
    • Möglicherweise erkannte Zoras auch einfach nicht, dass Ryoran durchaus zufrieden zu stellen war. Nur beinhaltete dies keine Frau von abstrus hohem Stande oder gar gar nicht von dieser Erde zu stammen. Ganz nebenbei hatte Zoras einen Umstand erwähnt, der zum Stillschweigen seines Bruder geführt hätte. Doch die streichelnde Hand an ihrer Wange bedeutete Kassandra, dass er nichts mehr auf Erden gegen das Privileg eintauschen würde, sie zu berühren. Fast hätte er sie sogar mit seiner Story gehabt, dass ihm angeblich Leder zwischen den Beinen wachsen würde. Doch die vergangenen Minuten saßen noch viel zu fest und so zeigte sich maximal ein wenig weniger Spannung in ihren Zügen. Ganz leise seufzte sie als der Herzog erneut ihre Hand küsste.
      "Vermutlich hätte es noch Jahre angedauert. Wenn Teal kein Talent oder Neigung zeigt, dann möglicherweise auch auf ewig. Sie hätte niemals riskiert das aufzugeben, was sie sich hier aufgebaut hat. Sie liebt Ryoran und Teal bis auf den Boden ihres Herzens", stellte Kassandra fest und egal wie sich die Lage mit Elive vorhin hochgespitzt hatte - Mitleid empfand sie dennoch für die Walküre, die wahrscheinlich gerade die Liebe ihres Lebens in Gefahr sah.
      Viel weiter konnte sie sich jedoch nicht dem Mitleid hingeben. Zoras verhinderte es effektiv indem er sie einfach eigenmächtig küsste. Trotzdem fielen ihr die Lider kurzweilig zu, ihre Lippen wurden weich und seine Berührung schwebte immer noch zwischen ihnen, da war er schon längst wieder auf Abstand gegangen.
      "Ja, ich würde auch an deiner Stelle nach dem Rest deiner Familie sehen. Ich fürchte, da brennen sonst Wälle, die besser stehen gelassen werden", stimmte sie ihm zu. "Meinetwegen komme ich später zu dir. Damit du nicht einsam und frierend dein Dasein fristen musst."

      Kassandra hatte sich nachdenklich wieder auf das Dach des Gebäudes zurückgezogen. Dort badete sie regelrecht in den Strahlen der Sonne unter dem blauen Himmel, der nur von einigen seichten Wölkchen getrübt wurde. Unter ihr lokalisierte sie sämtliche Angehörige des Luorhaushaltes und deren aktuelle Stimmung. Auch ohne Wort erahnte Kassandra die angespannte Lage, insbesondere wenn man das überaus ausdruckslose Licht Ryorans gegen das wilde Pulsieren hielt, das Elive war. Irgendwo dazwischen war klein und unauffällig Teal, daneben ein sehr konstant leuchtendes Licht, das sie unter Milliarden wohl erkannt hätte. Eine Weile lang verfolgte sie das Drama beiläufig während ihr Blick sich über die Ländereien erstreckte. Über ihr zogen wieder Vögel ihre Kreise, wieder war da dieser eine große Vogel unter mehreren kleinen und es war ihr, als riefe er hin und wieder nach ihr. Manchmal wünschte sich Kassandra, kein so ausgeprägtes Bewusstsein zu besitzen. Kein Gott zu sein, ja, einfach nur ein niederes Tier sein, das sich nur um sein Überleben scheren musste.

      Schließlich hatte sie genug von dem Drama ein paar Etagen unter sich und kehrte wieder in das Gebäude ein. Noch immer konnte sie Zoras bei Teal lokalisieren weshalb sie sich einfach schon auf den Weg in sein Gemach machte und dort hinter sich leise die Türe schloss. Sie blieb mit dem Rücken an ihr stehen, führte die Hände hinter ihrem Rücken zusammen und lehnte sich gegen das Holz. Er war nur eine Nacht hier gewesen und schon hatte das gesamte Zimmer seinen Geruch angenommen. Oder vielleicht gar nicht erst verloren. Eine einzige Nacht der Trennung hatte ausgereicht, dass sie sich bewusst wurde, wie sehr sie sich an Zoras' Nähe gewöhnt hatte. Ihr Blick wanderte zu dem Bett hinüber, das ordentlich gemacht durch die Bediensteten auf seinen Einsatz wartete. Nichts war zu sehen, ob er sich in der Nacht viel herumgewälzt haben mochte. Nach ihr gesucht hatte und doch nicht zu ihr herüber gekommen war, um sie zu sich zu holen. Ein so großes Bett wirkte auf sie so schrecklich einsam für eine einzige Person. Natürlich fragte er sie, ob sie ihm Gesellschaft leisten würde.
      MIt einem leichten Stoß verließ Kassandra die Tür und schlenderte zu den Fenstern, deren Vorhänge nicht zugezogen waren. Ihr Blick verlor sich nahezu in der Ferne und so nahm sie nur unterschwellig wahr wie die Tür geöffnet wurde und Zoras eintrat. Sie zuckte jedoch kurz zusammen als er zu ihr kam, um ihr seine Arme um den Bauch zu legen und sie an sich zu ziehen. Ihr Kopf drehte sich nur ein winziges bisschen, da spürte sie seinen kratzigen Bart und weiche Lippen unterhalb ihres Ohres. Sie erschauderte kurz, dann nutzte sie den gewonnenen Spielraum und wandte sich dem Herzog voll zu. "Sicher ist alles in Ordnung. Ich muss meine Existenz auch nicht hinterfragen."
      Sie zuckte leicht mit den Schultern als sie auf Ryoran und Elive anspielte. Sicherlich hatte sie nicht die allerbeste Stimmung aber ein ruhigeres Level war vielleicht auch nicht unbedingt verkehrt. Vielleicht hatte sie heute auch einfach keine wirkliche Energie mehr dafür, sich weiter aufzuregen. Er hatte ihr versprochen, dass er seine Taten bereute. Und auch wenn sie sich immer wieder vor Augen führte, dass Worte leicht zu brechen waren, wünschte sie sich daran glauben zu können. Folglich ging sie auch ohne zu zögern mit ihm zu dem Bett, um sich nahe der Kante darauf zu setzen und Zoras zu mustern.
      Er plante etwas. Das war eindeutig gewesen seit dem Moment, wo er seine Arme um ihren Bauch geschlungen hatte. Er hatte dieses Funkeln in seinen Augen, freudig wie ein Kind, dem Geschenke versprochen worden waren. Seine ganze Haltung wirkte weder gestresst noch sonderlich erschlagen, eher... gespannt. Ihre Augen folgten der Bewegung seiner Hand als Zoras ein kleines Kästchen zum Vorschein brachte und es ihr reichte. Sie zog die Augenbrauen ein wenig kraus als sie die Kanten befühlte und das luorsche Wappen auf dem Deckel erkannte.
      Und dann lauschte Kassandra Zoras' Worten.
      Es war das erste Mal, dass sie diese Gedanken von ihm hörte. Wie er sie wirklich wahrgenommen hatte, wie sich seine Auffassung über die Zeit mit ihr gewandelt hatte. Erstaunen mischte sich langsam aber stetig in ihren Ausdruck. Insbesondere die Szene an der Koppel, die er ihr beschrieb, war ihr gar nicht mehr wirklich geläufig. Er musste sie in einem doch sehr intimen Moment erwischt haben, wenn es sich dermaßen bei ihm eingebrannt hatte. Dann bekam sie endlich die Erlaubnis, die Schatel zu öffnen und tat es mit spitzen Fingern.
      Die Kette, die Kassandra ans Licht beförderte, war atemberaubend. Selbst in ihrem Verständnis war dieses kleine weltliche Ding überaus kostbar gearbeitet. Mit einem Mal bekamen die Worte, die Zoras gerade noch an sie gerichtet hatte, einen viel tieferen Sinn. Das war der Grund, warum er ihr so tiefgründig seine Wahrnehmung erläutert hatte. Denn nur so verstand die Phöniin wirklich die Geschichte hinter diesem Schmuckstück. Nun erschien doch ein Lächeln in den Ecken ihrer Mundwinkel als sie die Kette etwas hochielt und eine Flamme erscheinen ließ, die den erhofften Effekt der Kette auslöste. Sie hatte ihr Ebenbild in den Händen, zumindest so, wie Zoras sie beschreiben würde. Das Licht wurde durch den Diamanten in der Mitte gestreut und brach sich in den Rubinen rund herum, sodass der kleine Kolibri eine leuchtende Einheit bildete. Etliche Sekunden lang betrachtete sie den Vogel eingehend bis das Flämmchen plötzlich ausging und Kassandra den Anhänger in ihrer Faust verschwinden ließ. Sie legte sie auf ihrem Schoß ab, sah Zoras an und war sich nicht wirklich sicher, was sie sagen sollte. Weltlinge Dinge hatten für sie keinen Belang. Aber das in ihrer Faust war eine Geschichte, die sich wie Namen in ihr Gedächtnis brennen würde. Ihre Augen flammten ein einziges Mal kurz auf, dann öffnete sie ihre Faust, suchte den Verschluss und legte sich die Kette um.
      "Jetzt tragen wir Beide etwas vom Anderen an unserer Brust", sagte sie schließlich und ließ die Hände sinken.
      Im Zentrum des Diamanten glimmte eine winzig kleine, hellgelbe Flamme. Sie flackerte lebendig im Stein, war der Lichtquell und sorgte dafür, dass die Rubine konstant strahlten als würden sie von der Sonne beschienen werden. Eine Symbiose von ihnen beiden.
      "Danke. Es ist wirklich schön. Es erzählt eine Geschichte, die ich nicht vergessen werde, nein. Ich wusste nicht, dass du mich so gesehen hast. So... detailverliebt. Lange Zeit dachte ich einfach nur, du wärst wie die meisten Anderen einfach nur meiner Optik verfallen, aber das hier...", sie deutete auf ihren Anhänger," ... zeugt von viel mehr."
      Dann lehnte sie sich zu Zoras hinüber, legte ihm die Arme um den Nacken und zog ihn zu einem Kuss zu sich. Sie hatte lang genug auf seine Nähe verzichtet, wollte die faden Erinnerungen und Gefühle des Tages mit seiner Wärme und Zuneigung hinfort spülen. Ihre Zeit war jetzt sogar noch kürzer als zuvor und sie würde jede einzelne Sekunde eben jener Zeit nutzen. Das schwor sie bei dem leisen Klimpern der Kette an ihrem Hals.

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